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        <title>Statische oder dynamische Zinstheorie?</title>
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            <forname>Gerhard</forname>
            <surname>Heinze</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>1780205023</idno>
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        Statische
oder dynamische
Zinstheorie?

Versuch einer kritischen Beleuchtung der Cassel’schen
und Schumpeter’schen Zinstheorie

von

Dr. rer. pol. Gerhard Heinze

Leipzig 1928 ,
A. Deichertsche Verlagsbuchhdlg. Dr. Werner Scholl
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        Statische
oder
dynamische Zinstheorie?

Versuch einer kritischen Beleuchtung der Cassel’schen
und Schumpeter’schen Zinstheorie

Von

Dr. rer. pol. Gerhard | Heinze

AR
lo)

Leipzig 1928
A. Deichertsche Verlagsbuchhandlung Dr. Werner Scholl
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        Alle Rechte vorbehalten.

Printed in Germany.

QGM
üb.
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        Vorwort.

Die vorliegende Untersuchung will der großen Zahl der
bisher vorgetragenen Zinstheorien keine neue hinzufügen.
Vielmehr möchte sie nur dazu beitragen, in den Streit der
Meinungen etwas Ordnung zu bringen, indem sie zwei viel
besprochene neuere Zinstheorien analysiert und dadurch den
Weg aufzuzeichnen sucht, der — sei es infolge beiden Systemen,
denen sie entstammen, immanenter Differenzen, sei es auf
Grund irgendwelcher Denkfehler — zu den abweichenden Re-
sultaten führt.

Die Arbeit ist Anfang Juli 1927 abgeschlossen worden.
Leider kann sie aber erst jetzt zur Veröffentlichung kommen.
In der Zwischenzeit sind verschiedene Abhandlungen erschienen
— Aufsätze von O. Conrad, Diehl, Egner, Engländer,
Halm, v. Hayek, Honegger, Schams, Vogel und Wicksell
sind hier besonders zu nennen — die mehr oder weniger die in der
Untersuchung behandelten Probleme berühren. Ich habe darauf
verzichtet, diese neuere Literatur noch nachträglich in meine
Arbeit aufzunehmen. Einmal will ich dadurch vermeiden, die
Einheitlichkeit der Gedankenführung zu gefährden, Dann aber
auch deshalb, weil viele Dinge bereits in der älteren Literatur
enthalten und daher schon mit verarbeitet worden sind, und
weil auf neue Gesichtspunkte — soweit sie überhaupt in
den Rahmen der Untersuchung passen und in dieser nicht
etwa schon behandelt worden sind — die Arbeit selbst die
Antwort gibt.

Meinen verehrten Lehrern, Herrn Geh. Reg.-Rat Prof.
Dr. Pohle und Herrn Prof. Dr. Moll, sowie Herrn Privat-
dozent Dr. Streller schulde ich für die wohlwollende För-
derung meiner Arbeit aufrichtigen Dank.
Leipzig, im Juli 1928.
Gerhard Heinze.
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        Inhaltsverzeichnis.

Vorwort. ..
Verzeichnis der zitierten Schriften . .

in
7/1
Einleitung: Einige vergleichende Bemerkungen über die Lösungs-
versuche des Preisbildungs- und Verteilungsproblems bei Cassel
und Schumpeter und die Problemstellung ........
Erster Teil: Darstellung der Casselschen und Schumpeterschen
Zinstheorie ... ....02 0 «04 8
|. Die Zinstheorie Cassels . ... 8
2. Die Zinstheorie Schumpeters .,....... {4
Zweiter Teil: ‚Statische‘ oder „dynamische“ Zinstheorie? ... 37
L, Statik und Dynamik bei Cassel und Schumpeter .. . 37
2, Cassels und Schumpeters Ansichten über die drei Zins-
gründe Eugen v. Böhm-Bawerks. .......... 63
a) Cassels und Schumpeters Stellung zum dritten Grunde 63
b) Cassels und Schumpeters Stellung zu Böhm-Bawerks
erstem und zweitem Grunde .........0.. 103
Einige Bemerkungen zum Casselschen und Schumpeter-
schen Kapital- und Kreditbegriff ......0.0.0.0. 117
Kritisches zur Abstinenztheorie und zum Synchroni-
sierungsgedanken . ..., .,. ‚= m «m 131
a 160

Öritter Teil: Zusammenfassende Schlußbemerkung.
        <pb n="11" />
        Verzeichnis der zitierten Schriften.

Amonn, Alfred, Objekt und Grundbegriffe der theoretischen National-
ökonomie. 2. Aufl. Leipzig und Wien 1927.

Derselbe, Grundzüge der Volkswohlstandslehre. Erster Teil. Der Prozeß
der Wohlstandsbildung. Jena 1926. Zitiert als: Amonn, Grundzüge.

Derselbe, Cassels System der theoretischen Nationalökonomie. Archiv
für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. 51. Bd. Tübingen 1924,
Zitiert als: Amonn, Cassels System.

Derselbe, Die Probleme der wirtschaftlichen Dynamik, Archiv für Sozial-
wissenschaft und Sozialpolitik. 38. Bd. Tübingen 1914.

v. Böhm-Bawerk, Eugen, Kapital und Kapitalzins. 1. Abteilung. Ge-
schichte und Kritik der Zinstheorien. 4. Aufl. Jena 1921. Zitiert
als: Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik.

Derselbe, Kapital und Kapitalzins. 2, Abteilung: Positive Theorie des
Kapitals. 1. Bd. 4. Aufl. Jena 1921. Zitiert als: Böhm-Bawerk,
Positive Theorie. Desgl. 2. Aufl. Innsbruck 1902. Zitiert als: Böhm-
Bawerk, Positive Theorie. 2, Aufl.

Derselbe, Kapital und Kapitalzins. 2. Abteilung: Positive Theorie des
Kapitals. 2. Bd. (Exkurse). 4. Aufl. Jena 1921. Zitiert als: Böhm-
Bawerk, Exkurse.

Derselbe, Eine „dynamische‘“ Theorie des Kapitalzinses. Zeitschrift für
Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung. 22. Bd. Wien und
Leipzig 1913. Zitiert als: Böhm-Bawerk, Eine „dynamische“ Theorie
des Kapitalzinses.

Derselbe, Zur neuesten Literatur über Kapital und Kapitalzins. Zeit-
schrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung. 15. Bd.
Wien und Leipzig 1906. Desgl. 16. Bd. Wien und Leipzig 1907.

Bortkiewicz, L., Der Kardinalfehler der Böhm-Bawerkschen Zins-
theorie. Schmollers Jahrbuch. 30. Jahrg. 3. Heft. Leipzig 1906.

Cassel, Gustav, Theoretische Sozialökonomie, 4. Aufl. Leipzig 1927.
Zitiert als: Cassel, Theorie. Desgl. 3. Aufl. Erlangen und Leipzig
1923. Zitiert als: Cassel, Theorie, 3. Aufl.

Derselbe, Grundgedanken der theoretischen Ökonomie. Leipzig und
Erlangen 1926. Zitiert als: Cassel, Grundgedanken.

Derselbe, The Nature and Necessity of Interest. London 1903. Zitiert als:
Cassel, Nature.

Derselbe, Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag. Göttingen 1900.
Zitiert als: Cassel, Arbeitsertrag.,

u.
        <pb n="12" />
        VIL —

Cassel, Gustav, Grundriß einer elementaren Preislehre. Zeitschrift für
die gesamte Staatswissenschaft. 55. Jahrg. Tübingen 1899.
Clark, John Bates, The Distribution of Wealth. A Theory of Wages,
Interest and Profit. 2. Aufl. New York 1924. Zitiert als: Clark

Distribution.

Derselbe, Über das Wesen des Kapitals. Zeitschrift für Volkswirtschaft,
Sozialpolitik und Verwaltung. 16. Bd. Wien und Leipzig 1907,

Fisher, Irving, The Rate of Interest. New York 1907,

Hahn, Albert, Volkswirtschaftliche Theorie des Bankkredits. 2. Aufl.
Tübingen 1924,

Halm, Georg, Das Zinsproblem am Geld- und Kapitalmarkt. Jahrbücher
für Nationalökonomie und Statistik, 3. Folge. 70. Bd. 1. und 2. Heft.
Jena 1926.

Kromphardt, Wilhelm, Die Systemidee im Aufbau der Casselschen Theorie,
Leipzig 1927. Zitiert als: Kromphardt, Systemidee,

Lampe, Adolf, Zur Theorie des Sparprozesses und der Kreditschöpfung.
Jena 1926.

Derselbe, Schumpeters System und die Ausgestaltung der Verteilungs-
ljehre. Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik. 3. Folge.
66. Bd. 8. Heft. Jena 1923.

Lederer, Emil, Konjunktur und Krisen. In: Grundriß der Sozialökonomik,
4. Abt. 1. Teil. Tübingen 1925.

Derselbe, Grundzüge der ökonomischen Theorie. Eine Einführung. Tü-
bingen 1922,

Löwe, Adolf, Der gegenwärtige Stand der Konjunkturforschung in Deutsch-
land. In: Festgabe für Luio Brentano. 2. Bd. München und Leipzig
1925.

Derselbe, Zur ökonomischen Theorie des Imperialismus. In: Wirtschaft
und Gesellschaft. Festschrift für Franz Oppenheimer. Frankfurt a.M.
1924.

Lukas, Eduard, Erwägungen über die Bestimmungsgründe und die innere
Verbundenheit des Angebotes und der Nachfrage, die den Kapital-
zins begründen. Eheberg-Festgabe. Leipzig und Erlangen 1925.

Macvane, S. M., Analysis of cost of production. The Quarterly Journal
of Economics. Vol. I. Boston 1887.

Mannstaedt, Heinrich, Ein kritischer Beitrag zur Theorie des Bank-
kredites. Jena 1927.

Marshall, Alfred, Handbuch der Volkswirtschaftslehre. 1. Bd., nach
der 4. Aufl. übersetzt von Hugo Ephraim und Arthur Salz. Stutt-
gart und Berlin 1905.

Moeller, Hero, Die sozialökonomische Kategorie des Wertes. Zeitschrift
für Volkswirtschaft und Sozialpolitik. Neue Folge. 1. Bd. Wien
und Leipzig 1921.

Oppenheimer, Franz, System der Soziologie. 3. Bd.: Theorie der reinen
und politischen Ökonomie. 2. Halbbd.: Die Gesellschaftswirtschaft.
5. Aufl. Jena 1924,

Derselbe, Wert und Kapitalprofit. Neubegründung der objektiven Wert-
Jehre. Jena 1916.

Pierstorff. Julius, Die Lehre vom Unternehmergewinn. Berlin 1875.
        <pb n="13" />
        — VI —

Pohle, Ludwig, Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen National-
ökonomie. Zeitschrift für Sozialwissenschaft. 12. Jahrg. Leipzig
1909.

Salin, Edgar, Die deutsche volkswirtschaftliche Theorie im XX. Jahr-
hundert. Zeitschrift für schweizerische Statistik und Volkswirt-
schaft. 57. Jahrg. 1921.

Sax, Emil, Der Kapitalzins. Kritische Studien. Berlin 1916,

Schade, Emil, Böhm-Bawerks Zinstheorie und seine Stellung zur Pro-
duktivitätstheorie. Annalen des Deutschen Reiches für Gesetz-
gebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. 39. Jahrg. München
1906.

Schumpeter, Joseph, Gustav Cassels theoretische Sozialökonomie. Schmol-
lers Jahrbuch. 51. Jahrg. 2. Heft. München und Leipzig 1927.

Derselbe, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. 2. Aufl. München
u. Leipzig 1926. Zitiert als: Schumpeter, Entwicklung.

Desgl. 1. Aufl. München u. Leipzig 1912. Zitiert als: Schum-
peter, Entwicklung. 1. Aufl.

Derselbe, Die Wellenbewegung des Wirtschaftslebens, Archiv für Sozial-
wissenschaft und Sozialpolitik. 39. Bd. Tübingen 1914/15,
Derselbe, Eine „dynamische‘‘ Theorie des Kapitalzinses. Eine Ent-
gegnung. Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung.
22. Bd. Wien 1913. Zitiert als: Schumpeter, Entgegnung.
Derselbe, Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen National-

ökonomie. München u. Leipzig 1908. Zitiert als: Schumpeter, Wesen.

Stolzmann, Rudolf, Die soziale Kategorie in der Volkswirtschaftslehre.
Berlin 1896.

Derselbe, Das Reinökonomische im System der Volkswirtschaft, Jahr-
bücher für Nationalökonomie und Statistik. 3. Folge. 57. Bd.
5. und 6. Heft. Jena 1919,

Streller, Rudolf, Statik und Dynamik in der theoretischen National-
ökonomie. Leipzig 1926. Zitiert als: Streller, Statik und Dynamik.

Streller, Zur Lehre vom Unternehmergewinn. Schmollers Jahrbuch.
50. Jahrg. 2. Heft. München und Leipzig 1926,

Suränyi-Unger, Theo, Die Entwicklung der theoretischen Volkswirtschafts-
lehre im ersten Viertel des XX, Jahrhunderts, Jena 1927.

Vogel, Emanuel Hugo, Die Theorie des volkswirtschaftlichen Entwick-
lungsprozesses und das Krisenproblem. Wien und Leipzig 1917.

Weiß, Franz X., Produktionsumwege und Kapitalzins. Zeitschrift für
Volkswirtschaft und Sozialpolitik. Neue Folge. 1. Bd. Wien und
Leipzig 1921.

Wicksell, Knut, Vorlesungen über Nationalökonomie auf der Grundlage
des Marginalprinzipes. Theoretischer Teil. 1. Bd. Jena 1913.
        <pb n="14" />
        Einleitung.

Einige vergleichende Bemerkungen über die Lösungsversuche des
Preisbildungs- und Verteilungsproblems bei Cassel und Schum-
peter und die Problemstellung,
Eugen v. Böhm-Bawerks kritische, wie auch positive
Leistung hat es nicht vermocht, der Kontroverse über das Ka-
pital- und Zinsphänomen ein Ende ztt setzen. Die Fehde ist
weniger zerfahren, als sie es ein Menschenalter lang gewesen
ist, so bemerkt Böhm-Bawerk in den einleitenden Worten
anläßlich der Kritik der nach dem Erscheinen seines Werkes
in der Zeit von 1884 bis 1914 vorgetragenen Zinstheorien.
„Zwar sind noch neue Meinungen auf den Plan getreten; dafür
sind jedoch manche der älteren Meinungen‘ ganz oder fast außer
Kurs gesetzt, und es konzentriert sich heute der Kampf um
noch einige wenige ernsthaft verteidigte Positionen, zwischen
denen die Entscheidung schwebt‘). So ist es auch heute noch,
fügen wir hinzu. Die Entscheidung ist noch nicht gefallen,
was wohl nicht mehr als selbstverständlich ist, denn soweit es
sich nicht um irgendwelche Denkfehler handelt, wird sich über
die Annahmen, die man den Lösungsversuchen dieses für die
Auffassung unserer heutigen Wirtschaftsordnung so wichtigen
Problems zugrunde legt, vielleicht eine starke Annäherung, wie
sie vielfach bereits vorliegt, niemals aber eine vollkommene
Einigung erzielen lassen.

Unter den von Böhm-Bawerk kritisierten Meinungen
befinden sich auch die Zinstheorie des schwedischen National-

ı) Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik, S. 451.
Heinze, Statische oder dynamische Zinstheorie?
        <pb n="15" />
        2

Ökonomen Prof. Gustav Cassel und die Zinstheorie Prof.
Joseph Schumpeters. Die kritischen Einwände, die Böhm-
Bawerk gegen die erste eingehende Formulierung der Cassel-
schen und Schumpeterschen Zinstheorie gerichtet hat, haben
nicht vermocht, die beiden Autoren umzustimmen. Cassel
und Schumpeter haben neuerdings ohne wesentliche Ände-
rungen ihre Zinstheorie wiederum vorgetragen — Ausführungen,
die wir den folgenden Untersuchungen hauptsächlich zugrunde
legen wollen*). Was uns vor allem an diesen beiden Lösungs-
versuchen interessiert, ist die „dynamische‘“ Zinstheorie Schum-
peters, der die bewußt „statische‘‘ Theorie Cassels entgegen-
steht, weiterhin aber auch die nach Böhm-Bawerks Ansicht
bei Cassel vorliegende Kombination von Nutzungs- und Ab-
stinenztheorie*) — Theorien, denen Böhm-Bawerks Kritik,
der sich auch Schumpeter zum großen Teil, ganz abgesehen
von sonstigen Gegenargumenten,. anschließt, entgegensteht.
Jede Zinstheorie ist nur der Teil eines Ganzen, nur ein
Baustein in dem Gedankengebäude einer Theorie der wirtschaft-
lichen Erscheinungen und daher nur verständlich, wenn man
den Weg kennt, den der betreffende Autor bei Behandlung des
Wert- und Zurechnungsproblems bzw. Preis- und Verteilungs-
problems .beschreitet. Wir sind hier in einer günstigen Lage.
Wenn auch zwischen den Theorien Cassels und Schumpeters;
besonders in. erkenntnistheoretischer und methodologischer
Hinsicht — Cassel will die Werttheorie als untauglich, aber
auch. als überhaupt unnötig ausschalten®, Schumpeter da-

1) Cassel, Theorie. Schumpeter, Entwicklung.

?*) Böhm-Bawerk, Exkurse, S. 323ff. .

3) Cassel, Theorie, S. 41/42, S. 69ff, Über Cassels Versuch, „Wert-
freie‘‘ Nationalökonomie zu treiben, sich näher auszulassen, ist hier kein
Raum. Wir verweisen auf die ablehnenden Bemerkungen folgender Autoren:
Hero Moeller, Die sozial-ökonomische Kategorie des Wertes, Ztschr.
f. Volkw. u. Sozialpol., N. F., 1. Bd., Wien und Leipzig 1921, S, 256/262,
Edgar Salin, Die deutsche volkswirtschaftliche Theorie im XX. Jahr-
hundert, Ztschr. f. schweiz, Statistik u. Volksw., 57. Jahrg, 1921, S. 113,
Alfred Amonn, Cassels System, S. 42/48, S. 358/61, Joseph Schum-
peter, Gustav Cassels theoretische Sozialökonomie, Schmoll. Jahrb.,
51. Jg., 2. H., München u. Leipzig 1927, S. 74/85, Theo Suränyi-Unger,
Die Entwicklung der theoretischen Volkswirtschaftslehre im 1. Viertel
des XX. Jahrhunderts, Jena 1927, S. 69.

ed ee Se —
        <pb n="16" />
        gegen ist Anhänger, wenn auch in erkenntnistheoretisch ge-
läuterter Form, der Grenznutzentheoriel), außerdem enthält
Cassels Preistheorie normative und teleologische Elemente?) —
Differenzen bestehen, so sind diese Unterschiede, abgesehen von
den hier in Frage stehenden Problemen, doch nicht so groß, als
daß man erst einen Wall von Vorfragen überwinden müßte,
um zu unserem eigentlichen Problemkreis vordringen zu können,

Vor allem ist wichtig, beide Autoren scheiden ausdrücklich
zwischen Statik und Dynamik, so daß, wenn auch die Trennungs-
linie bei beiden verschieden liegt, Mißverständnisse viel leichter
vermeidbar sind, als z. B. gegenüber Böhm-Bawerk, der eine
Solche Scheidung, wenigstens ausdrücklich, nicht vornimmt,
wodurch, wie wir später sehen werden, Differenzen, die hier
in Frage stehen, vielleicht verursacht worden sind.

Cassel und Schumpeter ‚gehen ‚vorerst von der Be-
trachtung einer im stabilen Gleichgewicht befindlichen Wirt-
schaft, von der Statik — wie die der Mechanik in schlechter
Analogie entnommene Bezeichnung lautet — aus. Sie nehmen
gewisse Größen als unanalysierbar, als Daten an — Cassel
die Elastizität der Nachfrage, die Menge der angebotenen
elementaren Produktionsfaktoren und die technischen Koeffi-
zienten®), Schumpeter Güterquäntitäten und Wertfunk-
tionen‘) — und untersuchen dann, wie sämtliche Tauschrela-
tionen, sämtliche Preise, die alle voneinander abhängig sind
und daher nur funktionell erklärt werden können®), eingespielt
sein müssen, damit dem System keine Veränderungstendenz
immanent ist®), d. h. damit das statische Gleichgewicht erreicht
*) Schumpeter, Wesen, S. 63ff.

*) Amonn, Cassels System, S. 13/35. Wilhelm Kromphardt
(Systemidee) sieht hierin eine ganz neue Systemidee. Die Casselsche
Theorie ist danach nicht eine brüchige Variante der Grenznutzentheorie,
Sondern eine Theorie des Ökonomisch-Richtigen, des Normalen, eine
Theorie, die jenseits von Monopol und freier Konkurrenz steht (Kromphardt,
Systemidee, S, 1), Wir werden später auf diese Auslegung der Casselschen
Theorie bei der Diskussion des Synchronisierungsgedankens etwas näher
eingehen.

*) Cassel, Grundgedanken, S. 54.

*) Schumpeter, Wesen, S. 99, 125ff.

5) Cassel, Theorie, S, 78, 83/4, 123/24. Cassel, Grundgedanken, S, 54.
Schumpeter, Wesen, S. 47, 58, 137/38,

5) Schumpeter, Wesen, S. 28. Cassel. Theorie. S. 79.
        <pb n="17" />
        ist, ein Zustand, der dadurch charakterisiert wird, daß sämtliche
Wirtschaftssubjekte die unter den gegebenen Verhältnissen
größtmögliche Bedürfnisbefriedigung realisieren (Schumpeter)*),
oder, mit anderen Worten, der sich dadurch auszeichnet, daß
jedes fertige Gut einen Preis bekommt, der seinen Produktions-
kosten entspricht, d. h. das Kostenprinzip verwirklicht. ist
(Cassel)?).

Weiterhin zeigen Cassels und. Schumpeters Systeme
in einem anderen wichtigen Punkte ebenfalls Übereinstimmung.
Die Kosten, d. h. die Werte bzw. Preise der Produktivmittel
sind eine Werterscheinung, sie sind aus dem Wertprinzip heraus
zu erklären, oder, wie sich Cassel entsprechend seiner Ab-
jehnung einer bewußten Werttheorie ausdrückt, sie entstehen
überhaupt nur dadurch, „daß Nachfrage infolge der Knappheit
der Mittel der Bedürfnisbefriedigung durch Preise beschränkt
werden muß‘“®%). Für Schumpeter ist die Angebotskurve
nur eine umgekehrte Wertkurve®). Nach Cassel ist für den
Kostenbegriff nur die Knappheit der betreffenden Produktions-
mittel wesentliche Voraussetzung. „Der Preis braucht nur
auf dieser Knappheit zu beruhen, ist keineswegs notwendig als
eine Bedingung des Angebotes des betreffenden Produktions-
mittels aufzufassen‘‘®)., Arbeits- und Bodenleistungen werden
deshalb bezahlt, weil man sie braucht®). Der Arbeitslohn muß
als der Ausdruck für die Schätzung der betreffenden Arbeit
seitens der Konsumenten aufgefaßt werden’). Das Arbeitsleid
und die Reproduktionskosten der Arbeit werden als weniger
„zweckmäßige‘“ Erklärungsprinzipien verworfen. Eine bestimmte
Qualität Boden ist nicht deshalb Träger eines dauernden Rein-

1) Schumpeter, Wesen, S. 128/33, 198ff. 2) Cassel, Theorie, S, 78,
') Cassel, Theorie, S. 125, vgl. auch Kromphardt, Systemidee, S. 87.
ga humpeter, Wesen, S, 235; vgl. auch Schumpeter, Entwicklung,
5. 34/36.
5) Cassel, Theorie, S, 77, 150—152. Cassel, Grundgedanken, S. 64/65,
Bei Cassel und Schumpeter liegt deshalb auch eine rein kausale Er-
klärung des Preisbildungsprozesses, eben die Ableitung einer wirtschaft-
lichen Erscheinung aus einem einheitlichen Erklärungsprinzip vor, was
Schumpeter auch ausdrücklich zugibt. (Schumpeter, Joseph, Gustav
Cassels theoret. Sozialökonomie, Schmoll. Jahrb., 51, Jahrg., 2. H., München
u, Leipzig 1927, S. 79/80; vgl. auch Böhm-Bawerk, Exkurse, S. 183/84.)
s) Schumpeter, Wesen, 5.328. 7) Cassel, Theorie, S. 302.
        <pb n="18" />
        einkommens, weil ‚es daneben noch schlechtere Böden gibt,
vielmehr erzielen die produktiven Leistungen desselben —
Schumpeter faßt zu diesem Zwecke den Boden als ein Bündel
originärer Produktivleistungen auf!) — ‚einen Preis, weil sie im
Verhältnis zur Nachfrage knapp sind. Die Bodenrente ist also
eine absolute, eine Knappheits- und keine Differentialrente?).
Schumpeter geht konsequent noch einen Schritt weiter. Für
ihn gibt es in der Wirtschaft überhaupt keine Differentialrenten,
Alle als Überschüsse auf Grund differentieller Kosten auf-
gefaßten Einnahmen sind für ihn Preise für irgendwelche besseren
Arbeits- und Bodenleistungen, also ebenfalls Kosten). Cassel
macht diesen Schritt nicht mit, obgleich er nach unserer Ansicht
denknotwendig aus Cassels Auffassung über den Preisbildungs-
prozeß folgt. Vielmehr erkennt er sonst Differentialrenten aus-
drücklich an?) und bezeichnet die dadurch über die Kosten
erzielten Überschüsse neben Gewinnen aus Konjunkturen und
Monopolstellungen als reinen Unternehmergewinn, als Unter-
nehmergewinn im engeren Sinne. Bei weiterer Fassung rechnet
er diesem Begriffe noch den Unternehmerlohn, d. i. der Preis für
die infolge der geforderten hohen Qualifikationen sehr knappe
sigentliche Unternehmertätigkeit — die für Cassel in der Auf-
gabe besteht, die Produktion in Übereinstimmung mit den An-
sprüchen der Konsumenten zu leiten und die als besonderer
Produktionsfaktor aufgefaßt werden kann — und die Risiko-
prämie, die man ebenfalls als Preis für einen besonderen Produk-
tionsfaktor ansehen kann, bei®). Für Schumpeter gibt es in
der Statik überhaupt nichts, was man als Unternehmergewinn
bezeichnen könnte. Unternehmerlohn, Risikoprämie, Differential-
renten, Monopolgewinne, Quasirenten und Friktionsgewinne
haben mit der eigentlichen Unternehmertätigkeit nichts zu tun,
8 handelt sich hier um Kosten für irgendwelche Produktiv-
a
Schumpeter, Entwicklung, S. 21.
Cassel, Theorie, S. 250, 261/65. Schumpeter, Wesen, S. 372ff,
Schumpeter, Wesen, S. 432/33. *) Cassel, Theorie, S. 158/59,
) Cassel, Theorie, S. 153/59. Cassel faßt also hier unter dem Be-
griffe des Unternehmergewinns mehrere ganz verschieden zu erklärende
Elemente zusammen, und Amonn hat daher recht, wenn er hier einen
schwachen Punkt in der Casselschen Theorie sieht (Amonn, Cassels
System, S. 56/58). Vgl. auch Amonn, Grundzüge, S. 288.

1)
        <pb n="19" />
        leistungen oder. um anderweitig zu erklärende Erscheinungen?),
Der eigentliche Unternehmergewinn zeigt sich nur in der
Dynamik, d. h. in einer Wirtschaft mit essentiell gestörtem
Gleichgewicht, wie .wir uns hier vorerst etwas oberflächlich und
farblos ausdrücken wollen.

Der auffallendste Unterschied zeigt sich jedoch bei der Be-
handlung des Zinsproblems. Für Cassel gibt es in der Statik
neben Arbeit und Boden einen dritten elementaren Produktions-
faktor, für den, da er relativ knapp ist, in der Tauschwirtschaft
ein Preis, der Zins, gezahlt werden muß. Der Zins ist also hier
Bedingung des statischen Gleichgewichts. Nach Schumpeters
Ansicht versagen dagegen alle Hilfsmittel, mit denen man den
Zins in der Statik erklären will, da sie entweder nicht statisch
sind, oder die Zinserscheinung nicht erklären können?). Nur
Besitzer von Arbeits- und Bodenleistungen erzielen hier ein Rein-
einkommen, die Besitzer von produzierten Produktionsmitteln
müssen dagegen ihre Einnahmen, soweit sie nicht Arbeitslohn
und Grundrente ‚darstellen, zwecks Kapitalersatz an Arbeiter
und Grundherren weitergeben.

1) Schumpeter, Wesen, S. 430/40. ?) ebda., S. 391ff. Als besonderen
Grund, weshalb das Zinsproblem in der Statik nicht behandelt werden kann,
nennt Schum peter die Unmöglichkeit, den Kapitalersatz mit statischen
Mitteln zu erklären. Der Vorgang des Kapitalersatzes sei mit dem der Neu-
bildung wesensgleich. Dieser aber sei kein statischer Prozeß (Schumpeter,
Wesen, S. 394/95). Wir meinen, hier liegt ein Widerspruch vor. Weiter vorn
hat Schumpeter nämlich ausgeführt, daß in der Statik auch ein gewisser
Sparfonds und dazugehörige Wertfunktionen gegeben sind, und man infolge-
dessen auch eine eindeutige Bestimmtheit desselben ableiten könne. Das
Zustandekommen desselben könne deshalb nicht im Rahnem der Statik
erklärt werden, da in diesem Falle Änderungen der Wertfunktionen statt-
finden (Schumpeter, Wesen, S. 300/07). Schumpeter behauptet aber
jetzt, daß seine statische Wirtschaft keine stationäre Wirtschaft sei, da
hier kein Ersatz des Werkzeugvorrates vorgenommen wird (Wesen, S, 397).
Das heißt aber doch nichts anderes, als daß sich jetzt die Wertfunktionen
ändern, was seiner früheren Definition der Statik widerspricht. Außerdem
liegt aber noch ein zweiter Widerspruch vor, indem er behauptet — offenbar
sieht er hierin einen zweiten Grund für die Unmöglichkeit der Erklärung
des Kapitalersatzes in der Statik — daß die Statik nur für einen Augen-
blick gilt (Wesen, 5. 397). Denn wenn sie nur für den Augenblick gilt,
so ist auch keine Abnutzung des Werkzeugvorrates möglich, was er doch
vorher angenommen hat. Wir gehen auf diese Argumente Schumpeters
deshalb nur kurz ein, weil er sie später in seiner eingehenden Darstellung
nicht wiederholt.
        <pb n="20" />
        Die vorstehenden einleitenden Bemerkungen liefern uns
nunmehr folgende endgültige Problemstellung. Was uns inter-
assiert, ist erstens der Gegensatz „statische‘“ oder „dynamische“
Zinstheorie, zweitens Cassels Kombination von Nutzungs-
ind Abstinenztheorie, der Böhm-Bawerks und Schumpeters
Einwände entgegenstehen. Es wird daher unsere erste Aufgabe
sein, die Auffassung Cassels und Schumpeters über den
prinzipiellen materiellen Begriffsinhalt von Statik und Dynamik
herauszuschälen, etwaige Differenzen zu notieren, um schließ-
lich unsere Ansicht über diese Dinge zu formulieren. Dann heißt
es, an das eigentliche Zinsproblem heranzutreten und zu unter-
suchen, wieweit die anscheinend hier vorliegenden Gegensätze
auf etwaige Meinungsunterschiede über‘ den Begriffsinhalt von
Statik und Dynamik zurückzuführen sind, oder ob auch ander-
weitige Gründe hierbei eine Rolle ’spielen. Nach einigen ver-
gleichenden Bemerkungen über den Kapitalbegriff werden wir
schließlich zur Diskussion der Abstinenztheorie, insbesondere
der Böhm-Bawerkschen Einwände und des seitens Schum-
peters von Clark übernommenen Synchronisierungsgedankens
gelangen.

Zuvor wartet unserer aber noch eine andere Aufgabe. Eine
Darstellung der beiden Zinstheorien soll uns die Grundlage für
alles Weitere verschaffen. Wir beginnen mit Cassels Zins-
theorie, legen dann die Gründe dar, die Schumpeter zur Ver-
bannung des Zinses aus der Statik veranlassen, um schließlich
dem Leser Schumpeters dynamische Zinstheorie vorzuführen,
        <pb n="21" />
        Erster Teil.

Darstellung der Casselschen und der
Schumpeterschen Zinstheorie.
1. Die Zinstheorie Cassels.

Da die Mittel der Bedürfnisbefriedigung in der Regel in
begrenzter Menge zur Verfügung stehen, andererseits die Be-
dürfnisse der Menschheit unersättlich sind, so wird die Wirt-
schaft unter der Bedingung der Knappheit geführt, „sie wird
in diesem Sinne vom „Prinzip der Knappheit‘ beherrscht‘).
Bedingung des gesuchten Gleichgewichts ist es daher, daß bei
der sich aus der relativen Knappheit der elementaren Produk-
tionsfaktoren ergebenden relativen Knappheit der fertigen
Güter in Übereinstimmung mit dem ökonomischen Prinzip auf
letztere und damit auch auf die elementaren Produktivleistungen
entsprechende Preise gesetzt werden?).

Die Theorie der Preisbildung der elementaren Produktions-
faktoren ist also nur eine spezielle Preistheorie. Die Aufgabe
einer Zinstheorie ist es daher, zu untersuchen, ob es tatsächlich
den elementaren Produktionsfaktor Kapital gibt®, und ob
dieser relativ knapp ist, d. h. es müssen die Bedingungen der
Nachfrage und des Angebotes dieses Produktionsfaktors studiert
werden‘).

Wenn wir durch eine statische Wirtschaft, die sich Cassel
als eine stationäre Wirtschaft vorstellt und für ihn „eine erste
Abstraktion, deren Studium eine wichtige Bedeutung hat für

1) Cassel, Theorie, S. 3. Alle Unterstreichungen in diesem und im
folgenden Abschnitt stammen von Cassel bzw. von Schumpeter.

2) Cassel, Theorie, $ 12, S. 150. *) ebda., S, 152/53, 178ff

4) ebda., S. 142/43, 150/51, 188ff,
        <pb n="22" />
        die Klarlegung einiger für jede Wirtschaft fundamentaler Vor-
gänge‘), bildet, zu verschiedenen Zeitpunkten einen Quer-
schnitt ziehen, So finden wir ständig im wirtschaftlichen Kreis-
lauf die gleiche Gesamtmasse materieller Güter, die sich noch
im Produktionsprozeß befinden?), der nach Cassels Ansicht in
dem Augenblick, wo die Produkte an die Konsumwirtschaften
übergehen, abschließt?), vor. Diese noch im Produktionsprozeß
befindlichen Güter stellen das Casselsche Realkapital dar und
sind für einen gegebenen Augenblick einem elementaren Pro-
duktionsfaktor gleichzusetzen, da sie in einem gegebenen Moment
weder in andere Produktivleistungen auflösbar, noch für die
Aufrechterhaltung der stationären Wirtschaft entbehrlich sind*).
Beobachten wir aber eine stationäre Wirtschaft während einer
gewissen Zeitspanne, so bemerken wir, daß die im Produktions-
prozeß befindlichen dauerhaften Güter, das sog. feste Real-
kapital, sich mit der Zeit abnutzen, und die im Produktions-
prozeß befindlichen Verbrauchsgüter, die Cassel als bewegliches
Realkapital bezeichnet, allmählich in festes Realkapital oder
in den Konsum übergehen*®). Scheinbar sind es also die elemen-
taren Produktionsfaktoren Arbeit und Boden, die den Produk-
tionsprozeß auf unveränderter Höhe halten. Die soeben ange-
stellte Betrachtung zeigt aber auch, daß die Produktion im engeren
technischen Sinne, d. i. die Herstellung von Verbrauchsgütern
oder dauerhaften Gütern zu produktiven oder konsumtiven
Zwecken — die Ausnutzung dauerhafter Güter rechnet also
auf keinen Fall unter Produktion im engeren technischen Sinn®)
— Zeit erfordert, die Ausnutzung dauerhafter Güter aber noch
viel mehr Zeit in Anspruch nimmt”). Die Aufrechterhaltung
der stationären Wirtschaft ist daher das Ergebnis einer be-
stimmten Willensrichtung der wirtschaftenden Menschen®). Sie
Müssen ständig in gleichem Umfange auf eine an sich mögliche
Bedürfnisbefriedigung verzichten, „Dies ist offenbar eine per-
sönliche Leistung ganz besonderer Art, die nicht wieder in andere
aufgelöst werden kann, sondern wahrlich als „elementar‘“ be-

‘) Cassel, Theorie, S. 27, 23. Cassel, Grundgedanken, S. 11/13,

') Cassel, Theorie, $ 5, 2) ebda., S. 38. *)’ebda., S. 180, 187/88.
) ebda., S. 24/26. °) ebda.. S. 210. 7”) ebda., S. 182/83,
 ebda., S. 27. 184.
        <pb n="23" />
        10

zeichnet werden muß‘“*) und deshalb den anderen Produktions-
faktoren Arbeit und Boden an die Seite zu stellen ist. Die per-
sönliche Leistung, um die es sich hier handelt, ist die,,abstinence*“
Seniors — ein Ausdruck, den Cassel im Anschluß an die eng-
lisch-amerikanische Literatur durch die ethisch farblose Be-
zeichnung „Warten“ ersetzen will, um dadurch die einheitliche
und wesentliche Bedeutung einer derartigen Tätigkeit, die unter
recht verschiedenen Bedingungen —. von Schichten, für die
sie wirklich ein Opfer bedeutet, wie auch von Großkapitalisten,
die auch beim Zinse Null ihre Rücklagen machen würden —
ausgeübt wird, hervorzuheben?). „Das „Warten“ besteht darin,
daß man sich selbst die Verfügung über eine gewisse Wertsumme
während einer bestimmten Zeit entzieht. Durch dieses Ver-
halten wird eben eine Kapitaldisposition ermöglicht. . Das
„Warten“ ist also, arithmetisch betrachtet, dieselbe Größe
wie die Kapitaldisposition, wird wie.diese durch das Produkt
des Kapitals und der Zeit gemessen. Es ist deshalb für die
Theorie im allgemeinen nicht nötig, beide Ausdrücke zu be-
nutzen‘‘®). ‚Warten‘ und „Kapitaldisposition‘“ sind also zur
Bezeichnung desselben Produktionsfaktors synonyme Begriffe.
„Das „Warten“ hebt die negative Seite hervor, bedeutet einen
Verzicht für eine gewisse Zeit auf die Konsumtion eines vor-
handenen Kapitals. Die Kapitaldisposition ist die dadurch
ermöglichte positive Verfügung über das Kapital für dieselbe
Zeit“ 4).

Daß wir es hier mit einem besonderen elementaren Pro-
duktionsfaktor zu tun haben, erkennen wir noch deutlicher,
wenn wir in unserer Untersuchung vom Abstrakten zum Kon-
kreten fortschreiten, indem wir solche dynamische Verhält-
nisse einbeziehen, die wir in einer statischen Form behandeln
können, d. h. wenn wir zur Betrachtung der gleichmäßig
fortschreitenden Wirtschaft, die Cassel als quasi-statische Stufe
bezeichnet, übergehen®), Cassels gleichmäßig fortschreitende
Wirtschaft ist durch ein gleichmäßiges Wachstum der Be-
völkerung bei unveränderten Produktionsmethoden und gleich-
ı) Cassel, Theorie, S. 184; vgl. auch Cassel, Grundgedanken, S. 40.
?) Cassel, Theorie, S. 171. 2) ebda., S. 171. 1) ebda., S. 181.
;) Cassel, Grundgedanken, S. 11.
        <pb n="24" />
        bleibender Arbeitsleistung der einzelnen Wirtschaftssubjekte,
damit also durch ein ständig herrschendes Gleichgewicht charak-
terisiert!). Das Realkapital wächst hier in jeder Periode um
ainen gleichbleibenden Prozentsatz. Damit das Gleichgewicht
gewahrt bleibt, muß daher in jeder Periode ein entsprechender
Teil des Einkommens zur Übernahme dieses Realkapitalzu-
wachses verwendet werden. Man muß also in jeder Periode
auf die zum Warten auf die Dienste der dauerhaften Produkte
und auf die Beendigung der ebenfalls Zeit erfordernden Pro-
duktion im engeren technischen Sinn nötige Kapitaldisposition
in derselben Weise wie auf jede andere für die Produktion
nötige Leistung rechnen können, sonst wird man die geplante
Produktion nicht durchführen. „Eben deshalb ist die Kapital
disposition ein notwendiger Produktionsfaktor‘“?). Man erkennt
hier zugleich das Wesen des Sparens. Es werden keine Genuß-
zütervorräte aufgestapelt, vielmehr liegt in einer Wirtschaft,
in der gespart wird, eine Disposition der Arbeits- und Boden-
leistungen in der Richtung einer gesteigerten Produktion von
Realkapital vor. Die Genußgüter, auf deren Konsum verzichtet
wird, werden überhaupt nicht produziert?).

Nunmehr ist zu beweisen, daß dieser dritte elementare
Produktionsfaktor, „Warten“ oder „Kapitaldisposition‘“ be-
nannt, auch unter das Prinzip der Knappheit fällt. Zu diesem
Zwecke ist neben den außerökonomischen Faktoren, die auf
die Nachfrage nach und das Angebot an Kapitaldisposition
Einfluß haben, der Grad der Abhängigkeit der Nachfrage und
des Angebots vom Preise der Kapitaldisposition zu untersuchen.
Als außerökonomische Faktoren nennt Cassel den Bevölkerungs-
zuwachs und das Streben nach verbesserter Bedürfnisbe-
friedigung, was eine stets wachsende Nachfrage nach den
Nutzungen dauerhafter Güter zur Folge hat. „Wie wird nun
die so charakterisierte Nachfrage innerhalb der nötigen Grenzen
beschränkt? Dies geschieht dadurch, daß für die Kapital-
disposition ein Preis bezahlt werden muß, nämlich der Zins,
Durch die Notwendigkeit, Zins nach einem bestimmten Zins-
fuß zu bezahlen, wird immer eine Menge von Möglichkeiten,

') Cassel, Theorie, S. 28/29. *) ebda., S. 181.

») ebda., S. 31/33, 50/51. Cassel, Grundgedanken, S. 14.
        <pb n="25" />
        12

menschliche Bedürfnisse durch Verwendung dauerhafter Güter
zu befriedigen, abgeschnitten. Die betreffende Nachfrage
nach. Kapitaldisposition ist also stark zusammengepreßt, be-
sitzt eine bedeutende Elastizität. Es ist immer sozusagen ein
Fonds von latenten Möglichkeiten nützlicher Verwendungen
von Kapitaldisposition zwecks Ausnutzung dauerhafter Güter
vorhanden“!). Wenn man außerdem noch bedenkt, daß jede
Senkung des Zinsfußes die Substitution von Kapitaldisposition
gegenüber den beiden anderen elementaren Produktionsfaktoren
Arbeit und Boden, die vor allem in der Anwendung von festem
Realkapital zwecks Ausnutzung der Fortschritte der Technik
beruht, fördert?), daneben auch noch die allerdings wesentlich
geringere Nachfrage nach Kapitaldisposition, die von der Pro-
duktion im engeren technischen Sinne, vom beweglichen Real-
kapital ausgeht, berücksichtigt®), so sieht man ein, daß eine
starke Senkung oder sogar ein Verschwinden des Zinses gänzlich
unmöglich ist. Die Wirtschaft würde dadurch in ganz falsche
Bahnen geleitet werden, die Gesellschaft würde sich, wie sich
Cassel drastisch ausdrückt, „in einen Zustand zurückversetzt
finden, wo die Menschen unter größten Anstrengungen und
gleichzeitig größter Not ägyptische Pyramiden zur Erbauung
kommender Jahrhunderte ausführten‘%.

Das Angebot an Kapitaldisposition ist andererseits aus
psychisch-physischen Gründen beschränkt®). Die einzelnen
Gründe, die hier Cassel anführt, aufzuzählen, würde zu weit
führen. Wir werden hierüber später im kritischen Teil, ebenso
wie über die Behandlung des Konjunkturproblems und Cassels
Anschauungen über das Verhältnis von Geld und Kapital —
um die nötigen Wiederholungen möglichst zu beschränken —
einige Bemerkungen einflechten. Nur soviel sei erwähnt, daß
der Spargrad der Gesellschaft für Cassel mehr durch außer-
ökonomische Momente, also weniger durch die Veränderungen
des Zinsfußes beeinflußt wird, infolgedessen die Schwankungen

1) Cassel, Theorie, S. 202/03. . *) ebda., S. 206/10.

’) ebda., S. 210/11. *) ebda., S. 205.

*) Die Überkonsumtion, also eigentlich auch ein Zweig der Nach-
frage nach Kapitaldisposition, wird von Cassel als ein negatives Angebot
aufgefaßt (Cassel, Theorie, S. 200, 212).
        <pb n="26" />
        13

des Zinsfußes während kurzer Perioden mehr auf der Nach-
frageseite ihren Grund haben, während für längere Perioden die
Angebotsseite einen stärkeren Einfluß auf die Zinshöhe ausübt).
Nur dann wird nach Cassels Ansicht die Abhängigkeit des An-
gebots an Kapitaldisposition vom Zinsfuß, die natürlich besteht,
stärker hervortreten, wenn der Zinsfuß unter einen bestimmten
Punkt sinkt oder sogar ganz verschwindet, so daß es dem in
seiner Lebensdauer beschränkten Wirtschaftssubjekte vorteil-
hafter erscheinen muß, sein Vermögen in einer zeitlich begrenzten
anstatt in einer ewigen Rente anzulegen?).

Wir fassen zusammen: für Cassel besteht als dritter elemen-
tarer Produktionsfaktor neben Arbeit und Boden das „Warten“
oder die „Kapitaldisposition‘. Das Angebot dieses Produktions-
faktors ist im Verhältnis zur Nachfrage knapp, und es muß daher,
um die effektive Nachfrage mit dem effektiven Angebot in
Übereinstimmung zu bringen, auf das Warten bzw. die Kapital-
disposition ein Preis gesetzt werden, der die Nachfrage nach
fertigen Gütern, die zu ihrer Herstellung die Mitwirkung dieses
Produktionsfaktors benötigen, insbesondere also nach den
Nutzungen dauerhafter Güter, ferner aber auch die Tendenz,
die anderen Produktionsfaktoren durch Kapitaldisposition
zu ersetzen, entsprechend dem Angebot begrenzt. Auch in einer
stationären Wirtschaft muß Zins bezahlt werden, da hier die
stets gleichbleibende Nachfrage einem ständig gleichbleibenden
Angebot an Warten gegenübersteht, also immer gleich stark
zusammengepreßt werden muß. „Bei den tatsächlich vor-
handenen Möglichkeiten zu lohnender Verwendung von Kapital-
disposition für eine bessere Bedürfnisbefriedigung ist eine
stationäre Wirtschaft sicher nur bei einem Zinsfuß möglich,
den die heutige Menschheit als außerordentlich hoch betrachten
würde‘‘3), Auch in einer sozialistischen Wirtschaft ist ein wirt-
schaftlicher Stillstand nur bei einem bestimmten Zinsfuße
denkbar*). „Unter keiner denkbaren Sparsamkeit ist es aber
der Sozialistischen Gesellschaft möglich, der Notwendigkeit des
Zinses auszuweichen. Die beim Zinstuße Null hervortretenden

ı) Cassel, Theorie, S. 218, 228/29. *) ebda., S. 219/22, 231/32.
3) ebda., S. 227/28. 1) ebda., 3. Aufl... S. 236.
        <pb n="27" />
        13

Ansprüche auf Kapitaldisposition sind einfach absolut uner-
sättlich‘‘?). Also auch wenn nicht gespart wird, in der stationären
sozialistischen Wirtschaft, muß für Cassel ein bestimmter Zins-
fuß existieren.

2. Die Zinstheorie Schumpeters,

Schumpeter beginnt mit der Schilderung des Kreislaufes
der Wirtschaft in seiner Bedingtheit durch gegebene Verhält-
nisse®), er untersucht zunächst die statische Wirtschaft, die
hier, wie wir unseren späteren Ausführungen vorausgreifend
bemerken wollen, etwas anders charakterisiert wird, als wie im
„Wesen“, wo sie bekanntlich durch das Gegebensein von Wert-
funktionen und Güterquantitäten gekennzeichnet ist. In
Schumpeters statischer Wirtschaft handeln die Wirtschafts-
‚subjekte auf Grund langjähriger, zum Teil ererbter Erfahrung®),
„nach erfahrungsgemäß gegebenen Daten und in einer ebenso
erfahrungsgemäß gegebenen Art .und Weise‘“*). Die Daten
können sich wohl ändern, „aber dann wird jedermann nicht
etwa schlechthin Neues tun, sondern möglichst viel von seiner
gewohnten Wirtschaftsweise festhalten und dem Drucke der
Verhältnisse nur soweit nachgeben, als es nötig ist‘®). Wenn die
Wirtschaft sich wirklich nicht „von selbst‘“ verändert, so können
wir daher, ohne wesentliches zu übersehen, von einer Wirt-
schaft mit konstanten Daten ausgehen‘). Da man erfahrungs-
gemäß, gleichsam automatisch, in dieser statischen Wirtschaft
produziert und konsumiert, anbietet und nachfragt, so wartet
auf jedes Angebot in der Wirtschaft irgendwo eine Nachfrage”).
Daraus folgt, daß alle Güter ihren Absatz finden, daß der Kreis-
lauf geschlossen ist, oder, wie man es auch anders darstellen
kann, alle „Einwürfe‘ in das und alle „Anteile“ am Sozial-
produkt sich heben®). In diesem Zustand realisiert jedes Wirt-
schaftssubjekt mit seinem Güterbesitz die unter den gegebenen
Verhältnissen größte Wertsumme. Alle Gewinne sind hier ge-
macht. Die letzte Teilmenge jedes Produktes wird ohne Nutz-

?) Cassel, Theorie, S. 235, 2) Schumpeter, Entwicklung, S. 1.
°) ebda., S. 4. *) ebda,, S. 7. %) ebda., S. 7, 50/51.
*) ebda., S. 8. 7”) ebda., S. 6/7. ss) ebda., S. 8/9.
        <pb n="28" />
        15 —

gewinn über die Kosten erzeugt, woraus weiterhin folgt, „daß
bei der Produktion überhaupt kein Wertüberschuß über die
Kostengüter erzielt werden kann‘“!1). Da aber die Produktiv-
mittel sämtlich auf irgendwelche Arbeits- und Bodenleistungen
zurückzuführen sind, das gesamte Produkt also letzthin von
diesen abhängt, so ist diesen der gesamte Produktwert, in den
sie sich entsprechend ihrem Grenznutzen, entsprechend ihrem
„produktiven Beitrag‘, wie sich v. Wieser ausdrückt, teilen,
zuzurechnen?). Anscheinend ist daher für die Zinserscheinung
kein Raum im statischen System. Das Monopolverhältnis,
das man als Quasiproduktionsfaktor auffassen kann, liefert
auch in der Statik ein Reineinkommen sui generis. „Allein
solche Monopolverhältnisse bestehen nicht regelmäßig und
zahlreich genug und vor allem gibt es auch Zins ohne sie“),
Böhm-Bawerk nennt zwei Umstände, die bewirken sollen,
daß die Gleichheit der Produkt- und Produktionsmittelwerte
immer wieder gestört werde. Einmal sind es die sog. Reibungs-
widerstände, die eine stete Quelle von Gewinnen und Verlusten
bilden 9).
Der zweite Umstand, den Böhm-Bawerk anführt, ist
der Ablauf der Zeit, den jede Produktion: mit Ausnahme der
Augenblicksproduktion der primitiven. Nahrungssuche mit
sich bringt. Da man gegenwärtige Güter höher schätzt als
künftige, so sind Arbeits- und Bodenleistungen nicht nur
potentielle Genußgüter, sondern auch Zukunftsgüter, deren
Wert den Produktwert nicht erschöpft®).

Schumpeter wertet jedoch Böhm-Bawerks drei Gründe,
die die Wertüberlegenheit gegenwärtiger Güter gegenüber
künftigen plausibel machen sollen, als auch das Moment der
Abstinenz oder des Wartens negativ, wenigstens für die Statik,
zum großen Teil aber auch für die Dynamik,

Böhm-Bawerks ‚erster Grund — die Verschiedenheit
des Verhältnisses von Bedarf und Deckung in den verschiedenen
Zeiträumen — existiert für Schumpeter in der Statik nicht.
Wenigstens kann man hier nicht mit seiner Hilfe das große

1) Schumpeter, Entwicklung, S. 36. . ?) ebda.,.S. 33, 38/41.
s) ebda., S. 253. 1) ebda., S. 41. %) ebda., S. 43/44.
        <pb n="29" />
        16 —-

soziale Phänomen, das der Erklärung bedarf, die Erscheinung
des Produktivzinses plausibel machen, Er erklärt uns nur die
in der entwicklungslosen Wirtschaft hier und dort vorkommen-
den Fälle von Konsumtivkredit, die auf irgendwelche besondere
Umstände zurückzuführen sind!), „Zinszahlen würde als
Anomalie empfunden werden. .. Ein wesentliches Ele-
ment des Wirtschaftsprozesses‘ wäre es da ‘sicher
nicht“?). Für die Dynamik dagegen glaubt Schumpeter, Böhm-
Bawerks ersten Grund als Formel für seine Theorie ansprechen,
zu können. Seine Theorie bedeute eine Entwicklung des erster
Gründes3).
Eine systematische Unterschätzung zukünftiger Bedürf-
nisse — Böhm-Bawerks zweiter Grund — kann es in einer
jahraus jahrein denselben Weg zurücklegenden Wirtschaft —
abgesehen von sachlichem und persönlichem Risiko*) — eben-
falls nicht geben. ‚In steter Rotation wechseln sich da die
Wirtschaftsperioden mit stets sich im Prinzipe gleichbleibenden
Erträgen ab. Ein psychisches Geringersehen künftiger Be-
dürfnisse müßte sich für jedes Wirtschaftssubjekt rächen. Es
kommt aber noch hinzu, daß normalerweise zu einem Vergleiche
gegenwärtiger und künftiger Werte kein Anlaß vorhanden ist.
Denn die Wirtschaft geht ihren bestimmten Weg. Sie ist auf
gewisse Produktionen einmal eingerichtet. Der laufende Pro-
duktionsprozeß muß jedenfalls zu Ende geführt werden. Da
hilft kein Überschätzen gegenwärtiger Bedürfnisse. Und wenn
das geschehen ist, dann sind die künftigen Bedürfnisse zu
gegenwärtigen geworden. Eine Wahl zwischen Gegenwart und
Zukunft haben die Wirtschaftssubjekte gar nicht‘“®).

Auch Böhm-Bawerks dritter Grund — die These von
der technischen Mehrergiebigkeit zeitraubender Produktions-
umwege — kann nach Schumpeters Ansicht in der statischen
Wirtschaft eine Wertüberlegenheit gegenwärtiger Güter nicht
hervorrufen. „Da kommt immer nur die ergiebigere Produktions-

‘) Schumpeter, Entwicklung, S, 240/41. Schumpeter, Wesen, 5. 411.
!) Schumpeter, Entwicklung, S. 286. °) ebda., S. 242. Schum-
peter, Entgegnung, S. 606/07. *) Schumpeter, Entwicklung, S. 44/45, 255,
.°) ebda,, S. 46; vgl. auch S. 242, 254/55. Schumpeter, Entgegnung,

S, 607, 639. Schumpeter, Wesen, S. 405/06, 411.
        <pb n="30" />
        17

methode, die einmal eingeführt ist, in Frage, denn sie liefert
auch für die Gegenwart mehr Produkte als die
weniger ergiebige ..'. Wenn die nötigen Mengen an
Produktionsmitteln einmal vorhanden sind, wird Ohne jedes
Wählen diese Methode immer wieder durchgeführt werden. ...
Ich mag wohl gegenwärtige Güter höher schätzen, wenn mir ihr
Besitz mehr Güter als bisher für die Zukunft sichert. Ich werde
das aber nicht mehr tun und meine Wertungen für Gegenwart
und Zukunft müssen sich ausgleichen, wenn ich des ergiebigeren
Güterstroms gewiß bin und meine Wirtschaft sich auf ihn ein-
gerichtet hat. Vom Besitze von Gegenwartsgütern sind dann
eben nicht „mehr‘“ Güter in der Zukunft abhängig‘. .

„Zum Teil ist Analoges über das Moment der Abstinenz,
des Wartenmüssens, zu sagen... Auf die regelmäßigen
Erträge,‚muß man einfach nicht „warten‘“, da man sie genäu
dann erhalten kann, wenn man sie überhaupt braucht. Man
hat im normalen Kreislaufe der Wirtschaft nicht periodisch
einer Versuchung zur Augenblicksproduktion zu widerstehen,
denn man würde mit dieser ganz unmittelbar schlechter fahren.
Von Abstinenz im Sinne von Nichtkorisumtion der Ertrags-
quellen kann deshalb nicht die Rede sein, weil es unter unseren
Voraussetzungen andere Ertragsquellen als Arbeit und Boden
nicht gibt. Könnte aber endlich das Moment der Abstinenz
nicht etwa dadurch in den normalen Kreislauf der Wirtschaft
hineinspielen, daß es, zur einmaligen Beschaffung der Voraus-
setzungen desselben erforderlich, eben dann aus’ dem regel-
mäßigen Produktionsertrage bezahlt werden muß? Erstens
wird sich im Laufe unserer Untersuchung zeigen, daß es auch
bei Beschaffung der Voraussetzungen eine nur ganz sekundäre
Rolle spielt, konkret gesprochen, die Einführung neuer Pro-
duktionsmethoden überhaupt keine vorhergehende Güter-
aufhäufung erfordert. Und zweitens läge in der selbständigen
Veranschlagung eines Abstinenzelementes, wie v. Böhm-Bawerk
gezeigt hat, in diesem Falle eind Doppelrechnung eines und des-
selben Postens‘“2),

„Seinem Wesen nach bringt es der sich gleichbleibende
ı) Schumpeter, Entwicklung, S. 46/47. *) ebda,, S. 47/8.
°

Heinze, Statische oder dynamische Zinstheorie?
        <pb n="31" />
        8

Kreislauf der Wirtschaft mit sich, daß keine Lücke zwischen
Aufwendung und Bedürfnisbefriedigung klafft. Die beiden
werden, nach Professor Clarks zutreffendem Ausdrucke, von
selbst „synchronisiert“ “1),

. Die vorstehenden Ausführungen bezüglich der Bedeutung
des Zeitmomentes in der statischen Wirtschaft werden noch
klarer, wenn wir den uns so vorgestellten Kreislauf schemati-
sieren.
In der statischen Wirtschaft geschieht in jeder Periode
dasselbe. ‚Immer werden Genußgüter und- Produktivgüter
erzeugt und in der Tauschwirtschaft auch umgesetzt und immer
werden. Genußgüter konsumiert und Produktivgüter ver-
braucht ... Es kommt vielmehr noch die Tatsache hinzu,
daß jede Wirtschaftsperiode auch mit Gütern arbeitet, die eine
frühere für sie vorbereitet hat, und daß in jeder Wirtschafts-
periode Güter in gleicher Weise für die nächste produziert
werden, daß also der Wirtschaftsprozeß der nächsten vorbe-
reitet wird, Diese Tatsache wollen wir nun zur Vereinfachung
der Darstellung in die Annahme fassen, daß in jeder Wirtschafts-
periode nur Produkte — konsumtiv oder produktiv — ver-
braucht werden, die in der vorhergehenden Wirtschaftsperiode
erzeugt wurden, und nur Produkte erzeugt werden, die in der
folgenden — konsumtiv oder produktiv — verbraucht werden...
Jedes Genußgut bedarf zu seiner Fertigstellung danach zweier
Wirtschaftsperioden, nicht mehr und nicht weniger‘“?2),

Am Anfang einer jeden Wirtschaftsperiode befinden sich
in diesem so „ineinandergeschachtelten‘‘ Produktionsprozeß
die vorhandenen‘ Genußgüter offenbar in den Händen der-
jenigen Wirtschaftssubjekte, die in der vorhergehenden Periode
Produktivmittel in Genußgüter. haben umwandeln lassen. In
der gegenwärtigen Periode werden diese Mittel teils direkt an
die Besitzer von Arbeits- und Bodenleistungen, die man zur Um-
wandlung der aus der vorhergehenden Periode übernommenen
Produktivmittel in Genußgüter benötigt, weitergegeben. Teil-
weise gehen sie aber erst durch die Hände derjenigen Wirtschafts-
subjekte, denen diese Produktivmittel abgekauft werden und

1) Schumpeter, Entwicklung, S, 49. *) ebda., S. 54/55, vgl. auch
S. 76/77.
        <pb n="32" />
        19

die in der gegenwärtigen Periode Genußgüter bedürfen, um
zwecks Reproduktion der betreffenden Produktionsmittel, die
in der gegenwärtigen Periode in Genußgüter übergehen, ebenfalls
Arbeits- und Bodenleistungen einzutauschen‘). nn .

Der wirtschaftliche Kreislauf stellt daher letzten Endes
eine Tauschbewegung zwischen Arbeit. und Boden einerseits
und Genußgütern andererseits dar?). „Arbeiter und Grundherren
tauschen also ihre produktiven Leistungen stets. nur gegen
gegehwärtige Genußgüter aus, mögen die ersten nun unmittel-
bar oder erst mittelbar zur Genußgüterproduktion verwendet
werden. Wir bedürfen auf diese Weise der Annahme nicht, daß
sie ihre Arbeits- und Bodenleistungen gegen zukünftige Güter
vertauschen oder. gegen Versprechungen oder gegen Vorschüsse
auf das künftige Genußgut. Es handelt sich einfach um einen
Tausch, nicht um ein Kreditgeschäft. Das Moment der Zeit
spielt dabei keine Rolle‘“3),

Genußgüter bilden daher „in niemandes Hand einen Fonds
zur Erhaltung von Arbeitern usw., sie dienen weder direkt noch
indirekt weiteren produktiven Zwecken. Daher entfällt jede
Frage nach der Ansammlung von solchen Vorräten‘“*), Den
produzierten Produktionsmitteln kommt keine andere Rolle zu,
als die von Zwischengliedern, von durchlaufenden Posten.
„Nirgends finden wir einen Vorrat von ihnen, der besondere
Funktionen hätte‘), Nirgends gibt es daher eine Klasse, deren
Charakteristikon darin bestünde, daß sie produzierte Pro-
duktionsmittel oder Genußgüter besitzt®). Es gibt also in
unserer statischen Wirtschaft keine Kapitalisten”).

Wir vermissen aber auch in der statischen Wirtschaft
einen den Leitern der Betriebe zufallenden Gewinn, den man als!
Unternehmergewinn bezeichnen könnte. Da es.hier nur Lohn
und Rente gibt, so ist der statische Betriebsleiter als solcher
ein entrepreneur faisant ni benefice ni perte®), wie sich Schum-
peter im Anschluß an Walras ausdrückt. Wir vermissen nach
Schumpeters Ansicht überdies überhaupt einen eigentlichen
Leiter der Produktion, den Unternehmer. Der statische Be-
A
') Schumpeter, Entwicklung, S. 55/56. *) ebda., S. 57. °) ebda., S. 56.
*) ebda., S. 57. °)ebda., 5.57, °%) ebda., S. 58. ”)ebda., S. 59, 78.
3) ebda., S. 59, 77/78, 113.
        <pb n="33" />
        20

triebsleiter hat das „Was‘“ und das „Wie“ genau So gelehrt
bekommen, als wie ein Schusterlehrling, und die Entschlüsse,
die er über das „Was“ und das „Wie“ zu treffen hat, sind nur
graduell von denen des Schusterlehrlings verschieden. . „Er
kennt zunächst das „Wie‘: Sowohl die technische Produktion
wie alle in Betracht kommenden wirtschaftlichen Daten hat
er gelernt... Und das „Was“ schreibt ihm Bedürfnis oder
Nachfrage vor‘“2%). „Gewiß können die ihm gegebenen Daten
sich ändern, und dann wird es von seiner Geschicklichkeit ab-
hängen, wie schnell und wie glücklich er darauf reagiert‘‘2), Der
eigentliche Leiter der Produktion ist daher der Konsument,
„das allein aktive Element ist das Bestreben nach Bedürfnis-
befriedigung‘“%). Der statische Betriebsleiter ändert sozusagen
nichts selbsttätig, er handelt unter dem Drucke sachlicher Not-
wendigkeit.
„Handelt das Wirtschaftssubjekt anders, so kommt es
zu wesentlich anderen Erscheinungen. Aber es handelt sich
hier nur um die Darlegung der den wirtschaftlichen Dingen
innewohnenden Logik. Es handelt sich um die Darlegung des
Ablaufes der Wirtschaft, wenn man aus den Sachnotwendigkeiten
schlechtweg die Konsequenzen zieht‘“*). Hierin liegt das Wesen
der Statik, die, wenn sie auch nur ein Schema, nur eine Ab-
straktion ist, doch von realen Tatsachen ausgeht und für deren
Ausgangspunkte und Resultate jeder Blick in die Wirklichkeit
tausendfältige Verifikation bietet®),

Die Statik sagt weder über Kapital und Zins, noch über
Unternehmerfunktion und Unternehmergewinn etwas Positives
aus. Es besteht eine Kluft zwischen Theorie und Wirklichkeit.
Schumpeter lenkt seine Schritte daher in die Dynamik.

Es gilt also jetzt, den prinzipiellen- materiellen Inhalt der
Begriffe Statik und Dynamik gegenüberzustellen und dabei die
Gründe, die Schumpeter zu dieser Scheidung geführt haben,
darzulegen.
Die Statik ‘schildert nach Schumpeter den Kreislauf der
Wirtschaft und seine, kontinuierlichen Veränderungen®), oder,
etwas anders ausgedrückt, die Statik beschreibt die einzelnen

*) Schumpeter, Entwicklung, S. 25. *) ebda., S. 25/26. *) ebda., S. 27.

‘)ebda., S. 27. °) ebda., S. 77. *%) ebda., S. 93.
        <pb n="34" />
        2

Vorgänge‘ in der Volkswirtschaft als Teilerscheinungen der
Tendenz nach einem Gleichgewichtszustande, nicht aber nach
immer demselben: „Die Lage des ideellen, nie erreichten, stets
„angestrebten“ (nicht bewußt natürlich) volkswirtschaftlichen
Gleichgewichtszustandes ändert sich ja, weil sich die Daten
ändern. Und die Theorie ist diesen Datenänderungen gegenüber
nicht waffenlos ,.. Allein diese Mittel versagen ...., wo
das wirtschaftliche Leben selbst seine eigenen
Daten ruckweise ändert‘). „Da kann sie nicht nur die
Folgen mit ihren auf die Infinitesimalmethode eingestellten
Mitteln nicht präzis voraussagen, sondern sie kann weder das
Zustandekommen solcher produktiver Revolutionen erklären
noch die Erscheinungen, die dabei auftreten — sondern nur,
wenn sie vorgefallen sind, den neuen Gleichgewichtszustand
untersuchen“ ?),

Die Problemstellung der Theorie der Dynamik, der Schum-
peterschen Entwicklungstheorie lautet daher: Wie vollziehen
sich solche spontane, der Wirtschaft entspringende und dis-
kontinuierliche Veränderungen, und welche wirtschaftlichen
Erscheinungen lösen sie aus®)? Sie ist „eine Theorie des Über-
ganges der Volkswirtschaft von dem jeweils gegebenen Gravi-
tationszentrum zu einem anderen („Dynamik“) im Gegensatz
zur Theorie des Kreislaufes selbst, zur Theorie der steten An-
passung der Wirtschaft an wechselnde Gleichgewichtszentren
und ipso facto auch der Wirkungen dieses Wechsels („„Statik“‘)““*).

„Diese spontanen und diskontinuierlichen Veränderungen
der Bahnen des Kreislaufes und Verschiebungen des Gleich-
gewichtszentrums treten in der Sphäre des industriellen und
kommerziellen Lebens auf. Nicht in der Sphäre des Bedarfs-
lebens der Kpnsumenten der Endprodukte‘“®). Treten bei.den
Konsumenten spontan neue Bedürfnisse auf, so orientiert man
den Produktionsapparat unter ihrem Druck einfach. um. „Für
Schumpeter bietet dieser Nexus, dessen. Vorhandensein er nicht.
jeugnet, kein Problem. Ander$ aber. dann, ‘wenn. defi „Kon-
sumenten von der Produktionsseite her neue; Bedürfnisse aner-
zogen werden. „Im ersteren Fall&amp;’ist es zulässig, und im zweiten

1) Schumpeter, Entwicklung, S. 94. %) ebda., S. 95. .) ebda,, S. 94,

ıy ebda., S. 99. °%) ebda., S. 99.
        <pb n="35" />
        ”

Fall ist es das nicht, Angebot und Nachfrage einander als
prinzipiell unabhängige Faktoren gegenüberzustellen. Woraus
folgt, das es eine Gleichgewichtslage im Sinne des ersten
Falles im zweiten nicht geben kann‘), ;

„Form und Inhalt der Entwicklung in’ unserem Sinn ist
dann gegeben durch die Definition: Durchsetzung neuer Kom-
binationen‘“?), wozu Schumpeter neben‘ mehreren Unterfällen
auch das Einschlagen mehrergiebiger, aber zeitraubender Pro-
duktionsumwege rechnet?). Und zwar sind unter neuen Kom-
binationen hier nur solche Fälle zu verstehen, wo die Neuerungen
diskontinuierlich, im großen, uno. actu auftreten und nicht
etwa durch kleine Schritte, kontinuierlich anpassend erreicht
werden.
_ Die statische Wirtschaft ist demnach entwicklungslos, denn
in ihr gibt es keine neuen Kombinationen. Änderungen in den
außersozialen und außerwirtschaftlichen sozialen Daten, Ände-
Füngen in den Geschmacksrichtungen der Konsumenten, schließ-
lich auch Bevölkerungs- und. Reichtumszunahme rufen in-der
statischen Wirtschaft-nur-Anpassungsvorgänge .hervor%). Die
großen Veränderungen der Wirtschaft haben daher ihre Ursache
nicht in Änderungen der Umwelt, vielmehr gibt es für: Schum-
peter eine rein wirtschaftliche Entwicklung. Die genannten
Datenänderungen sind nur fördernde Bedingungen®). Außerdem
sind Reichtumszunahme und Bevölkerungswachstum, wenn
sie in großem Umfange auftreten, ebenso die meisten Änderungen
in der Geschmacksrichtung der Konsumenten erst die Folge
bereits stattgefundener Entwicklung®. Die Ursache, das. Er-
klärungsprinzip für die großen Veränderungen in der Wirt-
schaft liegt anderswo. Die „sich selbst überlassene‘, nicht von
äußerem Anstoß getriebene Wirtschaft zeugt die Entwicklung aus
sich selbst heraus, die Entwicklung ist innersystematisch, rein
wirtschaftlich’). Wir können daher, ohne Wesentliches zu über-
sehen, von einer Wirtschaft mit konstanten Daten ausgehen®).

1) Schumpeter, Entwicklung, S. 100. *) ebda., S. 100.

3) ebda., S. 242; Schumpeter, Entgegnung, S. 611.

') Schumpeter, Entwicklung, S. 94,96, °)ebda., S. 96 Anm. 5, S. 99, 102,
*) ebda,, S. 96, Anm. 5, S. 99/100, 102ff, ”) ebda., S. 93, 95/98.
3) ebda., S. 96.
        <pb n="36" />
        #

Nunmehr kommen wir zum eigentlichen Grundphänomen
der wirtschaftlichen Entwicklung, „zum Wesen der Unter-
nehmerfunktion und des Verhaltens der Wirtschaftssubjekte,
die ihre Träger sind‘“1), Unternehmer sind „Wirtschaftssubjekte,
deren Funktion die Durchsetzung neuer Kombinationen ist
und die dabei das aktive Element sind‘?) — eine Funktion;
die früher mit der des politischen Machthabers zusammenfiel,
jetzt noch oft mit der des Kapitalisten, der allein der Risiko-
träger ist, des technischen und kommerziellen Leiters vermischt
‚ vorkommt, die sich andererseits aber mit zunehmender Ent-
wicklung auch in ausreichender Reinheit bei den sog. „Gründern“
mit Einschränkungen, besonders aber bei dem modernen Typus
des Industriekapitäns zeigt®.,

Warum handelt es sich hier um eine besondere. Funktion
und daher um einen besonderen, durch diese gekennzeichneten
Typus von Individuen? „Während in gewohnten Bahnen
dem normalen Wirtschaftssubjekte sein eigenes Licht und seine
Erfahrung genügt, so bedarf es Neuem gegenüber einer Führung;
Während es mit dem Strome schwimmt im allseits wohlbe-
kannten Kreislauf, schwimmt es gegen: den Strom, wenn es
dessen Bahnen verändern will. Was dort Stütze war, wird hier
Hindernis. Was vertrautes Datum war, zu einer Unbekannten.
Wo die Grenze der Routine aufhört, können deshalb viele Leute
nicht weiter und der Rest kann es nur in sehr verschiedenem
Maße‘*%). Die ungeheure Kraftersparnis, die darin liegt, daß
im Kreislauf jeder Akt gleichsam automatisch vor sich geht
und nicht jedes Mal durch bewußte, planvolle Tat neu erschaffen
werden muß, genügt nicht, um dem Durchschnittsieben einen
Kraftüberschuß über die Bürde des Alltags des Wirtschafts-
lebens zu ermöglichen®) — einen Kraftüberschuß, der ihm ver-
hilft, auch auf ungenauen und unbekannten Daten, auf Daten,
die €8S nur erraten kann, für die es einen „Blick“ haben muß,
seinen Plan aufzubauen, weiterhin ihm ermöglicht, die inner-
psychischen Hemmungen, die beim Abweichen von der ge-
wohnten Bahn auftreten, zu überwinden, und der ihm schließ-
lich den Mut verschafft, dem Gegendruck, mit dem die soziale

1) Schumpeter, Entwicklung, S. 110/111. ?) ebda., S. 111,

2») ebda., S. 112/16. *) ebda.. S. 117/18. *%) ebda., S. 122/24.
        <pb n="37" />
        Umwelt jedem begegnet, der überhaupt oder speziell wirtschaft-
lich etwas Neues tun will, entgegenzutreten!). Diese Kraft,
dort zu gehen, wo noch niemand gegangen ist, psychische und
soziale Bindungen zwecks Durchführung neuer Kombinationen
zu durchbrechen, diese Führereigenschaft ist nur einem kleinen
Kreis intelligenter, energisch veranlagter Subjekte eigen, inner-
halb dessen der Intensitätsgrad der Initiative zwar kontinuier-
lich abnimmt?), der sich aber insgesamt gegenüber den statischen
Subjekten durch sein Verhalten —, durch das Tun von etwas
anderem und durch ein anderes Tun®) — auszeichnet, Führer-
schaft ist daher eine besondere Funktion, die einen besonderen
Typus, den Unternehmertypus kennzeichnet“).

Diese Führer der Wirtschaft zeichnen sich aber nicht nur
durch ein besonderes Verhalten aus, sondern sie sind gegenüber
den statischen, hedonischen Wirtschaftssubjekten auch durch
andere Motive, die zu ihrem Verhalten führen, charakterisiert.
Im statischen Kreislauf ist der Inhalt des wirtschaftlichen
Motives Gütererwerb zur Bedarfsdeckung. Die Ratio alles
Wirtschaftens ist hier die Bedürfnisbefriedigung, die Befriedigung
eigener Bedürfnisse und die derjenigen, für die man sorgt. Die
Vorgänge des Gleichgewichtsstrebens finden ihr Maß und Gesetz
in der Welt der von Konsumakten zu erwartenden Bedürfnis-
befriedigung®). Für die privaten kapitalistischen Unternehmer
sind dagegen die Motive, die ihrem Verhalten zugrunde liegen,
die Freude an sozialer Machtstellung, der Siegerwille und die
Freude am Gestalten‘) — Motive, die offenbar mit der oben be-
schriebenen Ratio nichts zu tun haben, die sich nicht in jene
zwei Komponenten — Befriedigung und Arbeitsleid — zerlegen
lassen”). „Der typische Unternehmer frägt sich nicht, ob jede
Anstrengung, der er sich uriterzieht, auch einen ausreichenden
„Genußüberschuß‘“ verspricht. Wenig kümmert er sich um die
hedonischen Früchte seiner Taten. Er schafft rastlos, weil er
nicht anders kann, er lebt nicht dazu, um sich des Erworbenen
genießend zu erfreuen. Tritt dieser Wunsch auf, so ist das Er-
1) Schumpeter, Entwicklung, 5. 124/27. 2%)ebda., S. 119 Anm. 20.
a) ebda., S. 119 Anm. 20. °) ebda., S. 119/20, 127/31.

s) ebda,, S. 133/34, vgl. auch S. 1. °) ebda,, S. 138/39.

7?) ebda., S. 135.
        <pb n="38" />
        25

lahmen und nicht eine Station auf bisheriger Linie, Vorbote
des physischen Todes und nicht Erfüllung. Und auch aus diesem
Grund — der andere ist der schon erwähnte, daß, von der Ent-
wicklung in unserem Sinne gesprochen, die „Nachfrage“ kein
vom „Angebot‘“ unabhängiger Faktor ist — kann das Verhalten
unseres Typus nicht im gleichen Sinn wie das Verhalten des
„Wirtes schlechtweg‘“ in das Schema eines „Gleichgewichts-
zustandes‘“ bzw. einer Tendenz nach einem solchen gebracht,
aus diesem Grunde ferner nicht angenommen werden, daß es —
was in einem anderen Sinn natürlich gleichwohl behauptet
werden kann — in ähnlicher Weise bloß Konsequenzen zieht
aus vorhandenen Daten wie dieses‘“?).

Zusammenfassend sei Schumpeters Auffassung über die
Scheidung von Statik und Dynamik mit seinen eigenen Worten
gekennzeichnet: „Deshalb ist die wissenschaftliche Sachlage
durch drei einander entsprechende Gegensatzpaare charakteri-
siert: Erstens durch den Gegensatz zweier realer Vorgänge:
Ablauf oder Gleichgewichtstendenz einerseits — Veränderung
der Bahn des Ablaufes oder spontane Änderung der Daten des
Wirtschaftens durch die Wirtschaft selbst andererseits. Zweitens
durch den Gegensatz zweier theoretischer Apparate: Statik
und Dynamik. Drittens durch den Gegensatz zweier Typen
von Verhalten, die wir uns der Wirklichkeit folgend .als zwei
Typen von Wirtschaftssubjekten vorstellen können: Wirte
schlechtweg und Unternehmer“?).

Um die geplanten neuen Kombinationen durchsetzen zu
können, bedarf der Unternehmer offenbar Produktionsmittel,
also Arbeitsleistungen, Roh- und Hilfsstoffe, Werkzeuge usw.*).
Da aber im statischen Kreislauf alles in festen Bahnen gebunden
ist, also nirgends müßige Vorräte vorhanden sind, so bedeutet
Durchsetzung neuer Kombinationen „Andersverwendung des
Produktionsmittelvorrates der Yolkswirtschaft‘“4). Der Leitung
der geschlossenen Wirtschaft und der Planwirtschaft steht zu
diesem Zwecke die Befehlsgewalt zur Verfügung. Es kann
auch vorkommen, daß in der Verkehrswirtschaft mit herrschen-
dem Privateigentum der Unternehmer bereits über die nötigen

1) Schumpeter, Entwicklung, S. 137. ?) ebda., S. 121/22,

1) ebda., S. 106, *) ebda.. S. 102/03.
        <pb n="39" />
        wm
ZU

Produktionsmittel verfügt bzw. verfügbare Vermögensstücke
besitzt, mit deren Hilfe er diese erwerben kann. Aber das ist
eine Ausnahme. . Während in der statischen Wirtschaft, wie wir
am Beispiel von‘ den zwei „ineinandergeschachtelten‘“ Produk-
tionsperioden zeigten, der statische Wwrt die nötigen Mittel
am Beginn jeder Periode bereits hat, ist der Unternehmer, auch
wenn Besitzer von Vermögen, und sei es der größte Konzern, in
der Regel in der.Lage des Mittellosen!). Infolgedessen treten die
neuen Unternehmungen grundsätzlich neben und nicht an die
Stelle der alten Betriebe — ein Umstand, der für die Erklärung
der Erscheinungen der periodischen Depressionsperioden von
großer Bedeutung ist?). Der Unternehmer ist also als solcher
besitzlos. Er muß daher Kredit aufnehmen, in Geld oder Geld-
ersatzmitteln, um damit die nötigen Produktionsmittel kaufen
zu können. Er bedarf der Kaufkraft, d. h. abstrakter Macht
über. Güter im allgemeinen®).

Woher leiht aber der Unternehmer die benötigte Kaufkraft
aus? Im statischen Kreislauf gibt es keine so reichlichen Quellen,
aus denen gespart werden könnte, und andererseits auch weniger
Anlaß dazu%. Die großen Kaufkraftreservoirs, die uns die
Wirklichkeit zeigt, sind.erst..die Folge bereits im Gange be-
Hndlicher Entwicklung, und. wir müssen daher von ihnen im
Dienste gedanklicher Klarheit absehen®). ;

Der Retter in der Not.ist_der Bankier, der hier zum _Pro-
duzenten von..Kredit. wird®) und den erst die bereits im Gange
befindliche Entwicklung zum Zwischenhändler von Kaufkraft,
von Anweisungen auf bereits vorhandene Güter macht”). Der
Bankier stellt also dem Unternehmer nicht bereits vorhandene
Kaufkraft, statische Kaufkraft, d. i. Metallgeld, wie hier Schum:-
peter” willkürlich festsetzt®), zur Verfügung, sondern es Handelt
sich hier um. die. Schaffung. von. neuer Kaufkraft ats Nichts?)
Der Bankier ‚kreiert Kreditzahlungsmittel, kurz gesagt,” zu-
sätzliche Kaufkraft, er gibt Anteilscheine aus, die wohl durch
konkrete Güter gedeckt sein können?*) und die genau wie Geld,
1) Schumpeter, Entwicklung, S. 103/04, 146. :*) ebda., S. 1017/02,
3) ebda., S. 72. *) ebda., S. 107/08. °) ebda., S. 107/09, 294/95,
3) ebda., S. 110. 7) ebda., S. 110, 303/04, *) ebda., S. 70.

” ebda., S. 109. 1%) ebda., S. 109. 146/47, 152.
        <pb n="40" />
        7

dessen Rolle sich in der Aufgabe, als Zirkulationsmittel zu
4ienen, erschöpft), im Verkehr als Zahlungsmittel fungieren,
denen aber im Gegensatz zu ersteren vorerst kein Einwurf in
das Sozialprodukt entspricht).

Wenn wir hierin das Wesen des Kredites sehen, so ist es
klar, daß im Kreislauf der Betriebskredit — hier im Unterschied
zum Gründungskredit, nicht Anlagekredit gemeint — eine in
unserem Sinne unwesentliche Rolle spielt. Es handelt sich hier-
hei nur um ein technisches Hilfsmittel der Zirkulation, das die
Güterwelt nicht beeinflußt. Liefen hier Zahlungsmittel um,
die sich als Forderung bezeichneten, so würden sie ebenfalls
nur Bescheinigungen für vorhandene Güter und vergangene
Leistungen, genau wie Metallgeld, sein, und wir übersehen daher
nichts Wesentliches in unserem Sinn, wenn wir annehmen, daß
sämtliche Umsätze mit Metallgeld bewerkstelligt werden, daß
der statische Unternehmer die nötigen Mittel zur Fortführung
seines Betriebes immer Schon hat?). | Schumpeter definiert den
Kredit demgemäß in folgender Weise: „Kredit ist wesentlich
Kaufkraftschaffung zum Zwecke ihrer Überlassung an den
Unternehmer, nicht aher einfach. Überlassung von vorhandener
Kaufkraft — von Bescheinigungen über vorhandene Produkte —
an ihn. Die Kaufkraftschaffung charakterisiert prinzipiell die
Methode, nach der sich die wirtschaftliche Entwicklung in der
nicht geschlossenen Volkswirtschaft durchsetzt““*).

Hiermit sind wir zugleich in das Wesen des Kapital-
phänomens eingedrungen, das Schumpeter, ausgehend von
der Funktion desselben, wie folgt kennzeichnet: „Das Kapital
ist nichts anderes als der Hebel, der den Unter-
nehmer in den Stand setzen soll, die konkreten
Güter, die er braucht, seiner Herrschaft zu unter-
werfen, nichts anderes als ein Mittel, über Güter
zu neuen Zwecken zu verfügen oder als ein Mittel,
der Produktion ihre neue Richtung zu diktieren“?).

Kapitalistische Wirtschaft liegt also dort vor, Wo der Unter-
nehmer zur Durchführung seiner Pläne der Intervention der
ı)y Schumpeter, Entwicklung, S. 65/66. *) ebda., S. 147, 152/53.
;) ebda., S. 149/52. *) ebda,, S. 153. *) ebda., S. 165.
        <pb n="41" />
        Zi

Kaufkraft bedarf, wo diese die Brücke zwischen ihm und der
Güterwelt bildet!). Kapital ist also ein Fonds von Kaufkraft”),
„jene Summe von Geld und anderen Zahlungsmitteln,
welche zur Überlassung an Unternehmer in jedem
Zeitpunkte verfügbar ist‘“®) — wobei zu bemerken ist,
jaß der Anteil des Geldes, d. h. des Metallgeldes gemäß der
Schumpeterschen Festsetzung, in dem Augenblick, wo die Ent-
wicklung anfängt, sehr klein ist“). ;

In der Statik, wo es keine Unternehmer gibt, gibt es also
auch kein Kapital®). Das Kapital ‚hat, wie wir erkennen,
mit konkreten Gütern nichts zu tun. Der Unternehmer, der
die geliehene Kaufkraft bereits in Produktivmitteln angelegt
hat, besitzt kein Kapital mehr. Wenn er dennoch von „seinem“
Kapital spricht, so denkt er elliptisch®), er denkt daran, daß er
sich mit Hilfe der in seiner Gewalt befindlichen konkreten Güter
Kaufkraft verschaffen und diese aufs neue als Herrschaftsmittel
über Güter verwenden kann. Der Geldmarkt ist daher der
Kapitalmarkt’). In einer entwicklungslosen Wirtschaft würde
dieser fehlen. Wohl kann auch hier der Verkehr mit Kredit-
zahlungsmitteln erledigt werden. Dann würde es zwar eine Art
Clearinghaus geben, aber es würde sich eben nur um Abrech-
nungsvorgänge, um keinen eigentlichen Markt handeln®).

Es ist jetzt zu beweisen, daß dieses so definierte Kapital
ein dauerndes Reineinkommen abwirft. Es ist also die Frage
des „Woher“ und „Warum“‘, die Frage nach der Quelle, woraus
der Güterstrom fließt, und die Frage nach der Ursache, warum
die Besitzer von Kaufkraftsummen dauernd ein Reineinkommen
beziehen, zu beantworten. |

Die Quelle, aus der der Zins fließt, ist für Schumpeter der
Unternehmergewinn®) — eine Erscheinung, mit der wir uns
noch nachher näher beschäftigen werden — den der Unter-
nehmer bei der Durchsetzung neuer Kombinationen erzielt.
Dieser Unternehmergewinn ist ein reiner. Mehrwert, ein Wert-
agio, d. h. ein Überschuß des Produktwertes über den Wert der
1) Schumpeter, Entwicklung, S. 165, 167. *) ebda., S. 170.
s) ebda., S. 173. *) ebda., S. 173. °) ebda., S. 172.

s) ebda., S. 169, 172. ”) ebda., S. 201/06. %) ebda., S. 202.
») ebda., S. 261.
        <pb n="42" />
        2C

in ihm steckenden Mengen von Kostengütern?). Dieser Mehr-
wert ist aber in der privatkapitalistischen Verkehrswirtschaft,
wo der Unternehmer sich die Güter, die er zur Durchsetzung
der geplanten neuen Kombinationen braucht, erst von anderen
Wirtschaftssubjekten beschaffen muß, von der Verfügung über
eine entsprechende Kaufkraftsumme abhängig. „Hier ist also
der Besitz einer Geldsumme das Mittel, sich eine größere Geld-
summe zu verschaffen. Deshalb und insofern wird man im
Geschäftsleben eine gegenwärtige Summe regelmäßig und syste$
matisch höher schätzen als eine künftige. Deshalb werden
daher gegenwärtige Geldsummen — gleichsam als potentielle
größere Geldsummen — ein Wertagio und damit ein Preisagio
haben. Und darin liegt die Erklärung des Zinses.,
In der Entwicklung wird Kreditgeben und Kreditnehmen zu
einem wesentlichen Teile des Wirtschaftsprozesses. Da treten
dann die Erscheinungen auf, die man mit den Ausdrücken
„relativer Kapitalmangel““ und „Zurückbleiben..des -Angebots
an Kapital hinter der Nachfrage“ usw. bezeichnet hat‘?).
Man wird vielleicht fragen, wie kann hier relativer Kapital-
mangel herrschen, wo doch der Bankier Kaufkraft aus Nichts
schafft. Darauf ist zu erwidern, daß der Bankier durch die
Einlösungspflicht der von ihm ausgegebenen Zahlungsmittel
gezwungen ist, vom Unternehmer mindestens soviel zurück-
zuverlangen, als er hingegeben hat, denn anderenfalls würde,
er einen Verlust erleiden®). Er kann das auch, da er das Angebof
an Kreditzahlungsmitteln entsprechend regulieren kann*).
Andererseits ist aber die Nachfrage nach Kaufkraft seitens!
der Unternehmer ungeheuer groß. Die Zahl der möglichen
Neuerungen ist in jedem wie immer gearteten Zustande der
Volkswirtschaft praktisch unbegrenzt. Ohne den Unternehmer
sind allerdings diese Gewinnmöglichkeiten kraft- und wesenlbs:
Haben aber erst einmal die ersten Pioniere die a
die sich bei Neuerungen im Wirtschaftsleben zeigen, überwunden,
hat sich erst einmal der Entwicklungsprozeß eingelebt, so wirä
es immer leichter, neue Wege zu betreten, und immer weniger
gehört dazu, Unternehmer zu werden, je öfter er sich wiederholt,
1) Schumpeter, Entwicklung, S. 256/59. ?) ebda., S. 287/88.
1) ebda., S. 296. *) ebda., S. 298.
        <pb n="43" />
        30 —

Da. die Wirtschaftssubjekte mit geringeren Unternehmereigen-
schaften. dichter gesät sind, als die Koryphäen?), so wächst die
Nachfrage immer mehr an, während das Angebot beschränkt
ist, So. daß der Zins immer über Null stehen muß und viele
Unternehmer von ihren Plänen absehen müssen.?)

Würde die Entwicklung mit statischer Kaufkraft finanziert
werden — was nach Schumpeters Ansicht prinzipiell nicht vor-
kommt — so wäre es erst recht klar, daß gegenwärtige Kaufkraft
ein Agio tragen müßte, da hier die statischen Wirtschafts-
subjekte durch Entzug von Kaufkraft ihre Produktions- oder
Konsumtionsausgaben einschränken müßten, was für diese eine
Wohlfahrtseinbuße, die eine Kompensation erheischt, bedeuten
würde®). Die Preisbildung der Kaufkraft würde dann ent-
sprechend dem Gesetz der Grenzpaare vor sich gehen, die Wert-
schätzung des letzten Kapitalisten und des letzten Unternehmers
würde für die Höhe des Zinses maßgebend sein*).

Die Quelle, aus der für Schumpeter der Zins fließt, ist der
Unternehmergewinn. . Hat der Unternehmer eine neue Kom-
dination erfolgreich durchgesetzt, so erzielt er einen Reingewinn,
einen Überschuß über die Kosten, denn einerseits sind die Preise
auf dem Markte noch nicht so gefallen, daß mit der größeren
Produktmenge pro. Arbeiter kein Mehrerlös zu erzielen ist, und
andererseits sind noch die alten Preise bzw. Werte der Arbeits-
und Bodenleistungen, die höchstens infolge gesteigerter Nach-
frage bzw. teilweisen Entzuges aus den früheren Verwendungen
etwas gestiegen sind, einzusetzen®). Letzteres deshalb, weil die
neuen Werte durch einen Ruck von den alten getrennt sind und
man die Produktionsmittel noch mit ihren Ersatzwerten, mit den
Werten in den anderen Verwendungen, aus denen sie im Falle des
Verlüstes der in den neuen Kombinationen verwendeten Pro-
duktivmittel erneut herausgezogen werden müssen, anschlägt®).
Noch klarer wird das, wenn man die Führerfunktion für den
Augenblick als dritten ursprünglichen Produktionsfaktor kon-
stituiert, dem man den Wert der neuen Produkte minus dem
Werte, den man ohne sie realisieren könnte, zurechnen muß.
-) Schumpeter, Entwicklung, S. 120 Anm, 20, S, 298,. 340.
') ebda., S. 297/99. °) ebda., S. 283/84, 291, 293/94. ;
‘) ebda., S. 288/94. ©) ebda., S. 208/10. °) ebda., S. 222/23.
        <pb n="44" />
        Kein ‚sonstiger Zurechnungsanspruch steht diesem. Mehrwert
in der geschlossenen Wirtschaft gegenüber!). Der Unternehmer-
gewinn ist hier eine homogene Masse. Er müßte es auch in der
privatkapitalistischen Wirtschaft sein, wenn der Unternehmer
hier nicht als Ersatz für die Befehlsgewalt des Kredites bedürfte?).
Denn es gibt für Schumpeter auch in der Dynamik keine be-
sonderen Faktoren, wie Vorräte mit besonderen Funktionen,
perspektivische Unterschätzung zukünftiger Genüsse als selb-
ständiges Phänomen, Abstinenz oder Wartenmüssen, die dem
Zeitablauf einen Einfluß auf den Zurechnungsprozeß verschaffen
könnten.

Das Problem, das die überkommene Theorie in dem Vor«
handensein von Produktionsmitteln sieht, existiert hier nicht,
ebensowenig wie im Kreislauf, weil die Unternehmer. die Pro-
duktionsmittel, die sie brauchen, dem Kreislauf entnehmen,
wobei es völlig einerlei ist, ob sie diese Mittel im Kreislauf schon
so vorfinden, wie sie sie brauchen?®). Es werden „nicht irgend-
welche Güter aufgehäuft, auch keine ursprünglichen Produktions-
mittel geschäffen, sondern vorhandene Produktionsmittel anders,
zweckmäßiger, vorteilhafter verwendet‘“%). „Endlich kann der
Unternehmer Arbeitern und Grundherren auch nicht. Genuß-
güter „vorschießen“‘, weil er sie ja nicht hat. . Kaufte er sie, so
bedürfte er eben dazu der Kaufkraft. Über diesen Punkt kommen
wir nicht hinweg, da es sich stets um Güterentzug aus dem
Kreislauf handelt“®), „Dann brauchen die Lieferanten von
Produktionsmitteln nicht zu „warten“ und trotzdem braucht
der Unternehmer ihnen weder Güter noch vorhandenes ‚,Geld“‘““
vorzuschießen‘‘%). „Nirgends gibt es in diesem Nexus Kredit-
geben in dem Sinn, daß irgendwer auf den Gegenwert seiner
Leistung in Gütern warten und sich mit einer Forderung be-
gnügen müßte, noch auch in dem Sinn, daß irgendwer Unter-
haltsmittel für Arbeiter oder Grundeigentümer oder produ-
zierte Produktionsmittel, die alle erst aus dem definitiven Pro-
duktionsresultat bezahlt würden, bereitzustellen und damit
eine besondere Funktion zu erfüllen hätte‘). Man könnte
ı) Schumpeter, Entwicklung, S. 224/28. 2) ebda., S. 262/65,
s) ebda., S. 106. *) ebda., S. 212, :%) ebda., S. 141/42.
s) ebda., S. 154. 7”) ebda., S. 109.
        <pb n="45" />
        39

glauben, daß in einer geschlossenen Wirtschaft „die Aufhäufung
von Gütervorräten hier notwendig sei und eine besondere Funk-
tion begründe. Ersteres ist z. T. richtig: Zwar nicht immer, aber
oft wird für die Durchführung einer neuen Kombination die
Ansammlung von Vorräten einen Schritt zum Ziele ausmachen;
Aber eine besondere Funktion, an die sich besondere Wert-
erscheinungen ansetzen könnten, liegt darin nicht. Stets wird
von dem Leiter oder der Leitung der Wirtschaft einfach eine
andere Verwendung von Gütern verfügt. Ob das direkt zu den
gewünschten Resultaten führt oder nur indirekt durch ein vor-
bereitendes Stadium von Vorratssammlung, ist völlig gleich-
gültig. Ob. alle Mitwirkenden auch individuell die neuen Ziele
billigen und die eventuelle Vorratssammlung vorzunehmen bereit
sind, ist ebenfalls gleichgültig‘1). An derselben Stelle schreibt
Schumpeter aber auch: „Namentlich ist eine Konsumein-
schränkung und Vorratssammlung nicht ihre freiwillige Lei-
stung‘“?). Es herrscht hier also.ebenfalls „erzwungenes Sparen“‘®),
genau wie in der privatkapitalistischen Wirtschaft, wo durch die
Ausgabe zusätzlicher Kaufkraft, für die noch kein entsprechendes
Güterkomplement vorhanden ist, die Kaufkraft derjenigen Wirt-
schaftssubjekte, deren Einkommen nicht eine entsprechende
nominelle Erhöhung erfahren, zusammengepreßt, real ver-
kleinert wird. Die Zeit spielt nur deshalb eine Rolle, weil man
mit denselben Mitteln in kürzerer Zeit vielleicht bessere Resul-
tate erzielen kann%). „Daß das Wartenmüssen oder das Ge-
ringersehen künftiger Genüsse zu besonderen Faktoren würden,
gibt es auch hier nicht“). Der Zeitablauf als solcher hat eben
keine selbständige primäre Wirkung. Sein sicherlich bestehender
Einfluß beruht erst auf der anderweitig zu erklärenden Tat-
sache des Zinses. Auch können sachliches und persönliches —
namentlich Erlebens-Risiko — und Veränderung der Verhält-
nisse dieses Geringersehen veranlassen, aber als besonderes
psychisches Phänomen existiert es nicht‘).

Der Unternehmergewinn ist nur eine temporäre Erschei-

3) Schumpeter, Entwicklung, S. 219. 2°) ebda., S. 220.

a) ebda., S. 156 Anm 14. *) ebda., S. 220/21. *) ebda., S. 221, 294.;
ebda., 1. Aufl., S. 316/18. *°) Schumpeter, Entwicklung, 5. 254/55; ebda.,.
1. Aufl., S. 317/18; Schumpeter, Entgegnung, S. 607.
        <pb n="46" />
        33

nung. Schon deshalb kann die dauernde Erscheinung des Zinses
nicht an konkreten Gütern haften!). Ist einmal der neue Weg
gebahnt, so werden unter dem Stimulus des Gewinnes immer
mehr Unternehmer die neue Bahn betreten, und es wird ein
Konkurrenzkampf entstehen?), der die Preise der neuen Pro-
dukte herabdrückt — ein Vorgang, der in der geschlossenen
Wirtschaft fehlt — und die Werte bzw. Preise jener in den neuen
Kombinationen verwendeten Arbeits- und Bodenleistungen
sich erst expandieren und dann über alle anderen hin diffun-
dieren läßt®), und zwar bis zur vollen Höhe des Produktwertes,
da zur bloßen Wiederholung der nunmehr eingelebten neuen
Kombinationen keine Unternehmertätigkeit, keine Führung
mehr nötig ist‘), der vorher von dieser ausgehende Zurechnungs-
anspruch also verschwunden ist.

Es findet ein Reorganisationsprozeß sämtlicher Werte und
Preise statt, ein Prozeß der Einpassung des Neuen und der An-
passung der Wirtschaft an das Neue®). Es setzt ein Suchen,
eine Tendenz nach einem neuen Gleichgewichtszustand ein,
die auch zu einer weitgehenden Annäherung an einen solchen
führt, da die Unternehmer infolge des fehlenden Stimulus des
Gewinnes, aber auch infolge der durch Veränderung der Daten
geschaffenen unübersichtlichen Lage, die erst dann verschwindet,
wenn man wieder zu ungefähr kostendeckenden Preisen produ-
zieren kann, vorher nicht an die Durchsetzung neuer Kombina-
tionen gehen, sondern vielmehr selbst sich dem Suchen nach
dem neuen Gleichgewichtszustande anschließen werden®). Dieser
Prozeß der „Statisierung‘“ macht das Wesen der periodischen
Depression aus, die daher, der Schumpeterschen Theorie zu-
folge, notwendig auf einen Aufschwung folgen muß, der seiner-
seits wieder durch das Auftreten der Unternehmer verursacht
wird. Damit ist der Konjunkturzyklus für Schumpeter erklärt,
der Kreis des Gedankenganges ist geschlossen’). Es wird uns
hier zugleich das Wesen der periodischen Wirtschaftskrisen
verständlich, das in einem abnormalen Verlauf des Liauidations-

*) Schumpeter, Entwicklung, S. 260/61. *) ebda., S. 211, 213,
3) ebda., S. 230/31. *) ebda., S. 229/30. *) ebda., S. 342,
s) ebda., S. 347/48, 354/58. 7) S. 357/58.
Heinze. Statische oder dynamische Zinsthenrie?
        <pb n="47" />
        34

prozesses, in überstürzten und verfehlten Anpassungversuchen
mancher Einzelwirtschaften zu suchen ist!). .

Die Depressionsperiode bedeutet also eine weitgehende
Annäherung an den statischen Gleichgewichtszustand. Es
besteht daher hier die Tendenz, den Zins zu eliminieren. „Nie-
mals wird natürlich ein Zustand erreicht, der dem theoretischen
Bild der Entwicklungslosigkeit völlig entspricht und in dem
es etwa kein Zinseinkommen mehr gäbe. Das hindert schon die
relativ kurze Dauer der Depressionsperioden‘“?), Der Zins
würde aber auf Null herabgedrückt werden, wenn die Depressions-
periode lange genug dauerte, wenn die Entwicklung nicht immer
wieder neue Verwendungsmöglichkeiten für das Kaufkraft-
angebot schaffen würde®).
Der Mehrertrag, aus dem der Zins fließt, verschwindet aber
auch bei den Einzelwirtschaften innerhalb einer Volkswirtschaft
mit kapitalistischer Entwicklung. „Der Ertrag jedes Betriebes
schwindet nach einiger Zeit hin, ein jeder Betrieb sinkt, wenn er
unverändert bleibt, sehr bald zur Bedeutungslosigkeit herab“*).
„Der einzelne industrielle Betrieb ist eben keine dauernde Quelle
anderer Einkommen als Lohn und Rente‘). Diese Tatsache
wird nur dadurch verschleiert, daß, sobald Zins gezahlt wird,
jede Kaufkrafteinheit dem Geldmarkte zuströmt, insbesondere
auch diejenigen Wirtschaftssubjekte, die Gewinne aus den Rück-
wirkungen der Entwicklung ziehen, diese jetzt, angelockt durch
den Zins, nach dem Geldmarkte leiten, anstatt sie aufzuhorten
dder Güter dafür zu kaufen, vor allem aber auch das „eigent-
liche‘ Sparen, d. h. die Enthaltung von gewohnter Bedürfnis-
befriedigung®) einsetzt, da jetzt die Möglichkeit besteht, sich
auf diese Weise einen dauernden Reinertrag zu verschaffen”).
„So verbreitet sich die Zinserscheinung nach und nach über
die ganze Volkswirtschaft hin, und deshalb bietet sie dem Be-
obachter eine viel breitere Front als man nach ihrem innersten
Wesen vermuten sollte. So wird denn, wie schon wiederholt

1) Schumpeter, Entwicklung, S. 348, 365ff, ?) ebda., S. 357.

%) ebda., S. 302; Schumpeter, Entgegnung, S. 615/16. *) Schum-
peter, Entwicklung, S. 312. ) ebda,, S, 312if. %) ebda., S. 107;
Schumpeter, Wesen, S. 309/10. 7) Schumpeter, Entwicklung, S. 300/02,
        <pb n="48" />
        35

angedeutet, der Zeitablauf selbst in einem gewissen Sinn zu
einem Kostenelement“?).

Der Zins wird aber auch in voller Entwicklung schließ-
lich zu einer Rechenform geradezu aller Erträge mit Ausnahme
des Lohnes?), da man die Erträge der Güter mit dem Zins-
einkommen derjenigen Kaufkraftsummen, die.man zum Kauf
dieser Güter aufwenden muß, vergleicht?). Damit ist zugleich
das Problem der Preisbildung des Bodens gelöst, der in der
statischen Wirtschaft, von besonderen Umständen, wie Ver-
schwendung, Unglücksfällen usw. abgesehen, da hier der Zeitablauf
auf die Wertschätzung keinen Einfluß hat, andererseits sich der
Boden aus unendlich vielen Leistungen zusammensetzt, den
Wert unendlich hat) — ein Resultat, das der Böhm-Bawerk-
schen Auffassung senkrecht entgegensteht, wonach der Boden-
wert eine primäre Erscheinung des Wertungsprozesses ist®).

Wir fassen nunmehr zusammen: Zins und Kapital, d, h.
zusätzliche Kaufkraft als Herrschaftsmittel über Produktions-
mittel in der Hand des Unternehmers zwecks Durchsetzung
neuer Kombinationen, sind Erscheinungen der für Schumpeter
existierenden rein wirtschaftlichen Entwicklung. Der Zins
fließt aus dem Unternehmergewinn und wird als Entgelt für die
vom Bankier aus Nichts geschaffene zusätzliche Kaufkraft
gezahlt. Er haftet also nicht an konkreten Gütern, wie die
überkommene Theorie meint, auch schon deshalb nicht, weil
der Zins eine dauernde Erscheinung ist, die Wertagien an kon-
kreten Gütern aber nur temporärer Natur sind. „In einem
kommunistisch organisierten oder überhaupt ver+
kehrslosen Gemeinwesen gäbe es keinen Zins als
Selbständige Werterscheinung‘“®,. Auch in einer Ver-
Kehrswirtschaft, wo der Unternehmer die nötigen Mittel schon
hätte, würde sich kein Zins zeigen”). „Nur dort geschieht
das, WO die für die Durchführung der Pläne des
Unternehmers nötigen Produktionsmittel sich im
Eigentume anderer Wirtschaftssubjekte befinden,

*) Schumpeter, Entwicklung, S. 304. ?) ebda., S. 305.

*) ebda., S. 306/10. 4) ebda., S. 249/51. °) Böhm-Bawerk, Positive
Theorie, S, 419/26, °) Schumpeter, Entwicklung, S. 262. )ebda, 5.263/64.
        <pb n="49" />
        36

die keinen Teil an seinen Plänen haben‘). Hier wird
das Privateigentum an den Produktionsmitteln für den Unter-
nehmer, nicht für den statischen Wirt, der die nötigen Mittel
bereits hat, zum Hindernisse. „Zu seiner Überwindung hilft ihm
offenbar der Kapitalist. Und so können wir denn sagen, daß der
Zins an einem Agens haftet, dessen Funktion die Beseitigung
der der Entwicklung aus der Institution des Privateigentums
erwachsenden Hindernisse ist, daß er in letzter Linie eine Kon-
sequenz einer im Wesen der privatwirtschaftlichen Organisation
liegenden Eigentümlichkeit ist, gleichsam bei der Reibung der
Pläne des Unternehmers an der rauhen Fläche der bestehenden
Eigentumsverhältnisse, über die sie hinweg müssen, abgescheuert
wird‘“?), Der Zins ist daher die Konsequenz einer besonderen
Methode, die viel leichter geändert werden kann, als andere
fundamentale Einrichtungen der Konkurrenzwirtschaft?). :
1) Schumpeter, Entwicklung, S. 264. *) ebda,, S. 265.
3) ebda., S. 317.
        <pb n="50" />
        Zweiter Teil.
„Statische“ oder „dynamische“ Zinstheorie?

1. Statik und Dynamik bei Cassel und Schumpeter.,
Nunmehr heißt es, Cassels und Schumpeters Auffassung
über den prinzipiellen materiellen Inhalt der beiden Begriffe
Statik und Dynamik, über das, was sie für ihr Wesen halten —
also noch nicht über die speziellen Probleme, die sie diesen Be-
griffen unterordnen — gegenüberzustellen und etwaige Ab-
weichungen herauszuschälen. Dabei werden wir nicht darauf
verzichten können, über die logisch-formale Struktur der Be-
griffe Statik und Dynamik einige Bemerkungen einzuflechten.
Später wird uns dieser Umweg eine recht vorteilhafte Aussicht
auf die hier vorliegenden speziellen Probleme eröffnen.

Wir können uns an dieser Stelle, wo ein bestimmtes materi-
elles Problem der theoretischen Nationalökonomie im Vorder-
grund steht, auf eine eingehende Betrachtung der logisch-
formalen Seite der Begriffe Statik und Dynamik nicht ein-
lassen. Wir brauchen das auch nicht, da wir uns auf eine bereits
vorhandene Untersuchung dieses Stoffes stützen können.
Rudolf Streller!) kommt, aufbauend auf der Rickert-
Windelbandschen Lehre über die Einteilung der Begriffe,
zu dem Ergebnisse, daß, wenn man die Unterscheidung Statik
und Dynamik machen will und beide Begriffe, wie die meisten
Autoren implicite oder explicite fordern, sich ergänzen, d. h. ein
Begriffspaar bilden sollen, es sich erstens um generelle Begriffe,
EL
1) Streller, Statik und Dynamik.
        <pb n="51" />
        FU

also durch generalisierende, auf das Allgemeine gehende Ab-
straktion aus der Erfahrung gewonnene Begriffe handeln muß,
da für die Idealtypen stationäre und fortschreitende Wirtschaft
sine neue Namengebung unzweckmäßig seil), und daß zweitens
antweder zwei Abstraktionsgrade aus demselben Erkenntnis-
bjekt vorliegen müssen, oder der eine Begriff dem Erkenntnis-
öbjekt selbst entspricht, der andere aber eine aus methodischen
Gründen vorgenommene Abstraktion ist. Sonst können sich
beide Begriffe nicht ergänzen; es würde sich um zwei Wissen-
schaften handeln, von denen ‘jede ihre besonderen Probleme
und besondere Methode hat, so daß es ausgeschlossen sein würde,
eine Beziehung zwischen diesen Problemen herzustellen?) Wie
recht Streller mit seinen Ausführungen hat, wird sich im
Laufe unserer Untersuchungen über den prinzipiellen materiellen
Begriffsinhalt von Statik und Dynamik bei Cassel und Schum-
peter, zu denen wir jetzt übergehen, deutlich zeigen. .

Statik und Dynamik sind für Schumpeter zwei gegen-
sätzliche theoretische Apparate, zu deren Anwendung er durch
das gegensätzliche Verhalten zweier Wirtschaftstypen, Wirt
schlechtweg und Unternehmer, wovon letzterer infolge der
Motive, die zu seinem Verhalten führen, nicht in das Schema
einer Gleichgewichtstendenz gepreßt werden kann, veranlaßt
wird. Diesen beiden Typen der Wirklichkeit entsprechen zwei
reale Vorgänge, „Ablauf oder Gleichgewichtstendenz einerseits
— Veränderung der Bahn des Ablaufes oder spontane Änderung
der Daten des Wirtschaftens durch die Wirtschaft selbst anderer-
zeits‘“3).
Man erkennt, bei Schumpeter liegen zwei Erkenntnis-
objekte vor, die aus zwei gegensätzlichen Tatsachengruppen,
aus zwei verschiedenen Zuständen des Erfahrungsobjektes, ver-
ursacht durch zwei verschiedene Gruppen von Wirtschafts-
subjekten, durch Abstraktion gewonnen sind!), Ob es sich
um generelle oder individuelle Erkenntnisobjekte handelt,
darüber werden wir uns später äußern.

‘) Streller, Statik und Dynamik, S. 26/30. ?) ebda., S. 30/31.
’) Schumpeter, Entwicklung, S, 120/22,
‘) Vgl. Streller, Statik und Dynamik, S. 8, 83/89.
        <pb n="52" />
        39

Cassel kennzeichnet die Scheidung in Statik und Dynamik
ungefähr folgendermaßen: Die Untersuchung hat vom Ab-
strakten zum Konkreten zu gehen. Sie beginnt mit der rein
statischen Stufe, wo von jeder Veränderlichkeit abgesehen wird
— Cassel spricht daher auch meist von der stationären Wirt-
schaft — auf der zweiten Stufe werden dann solche Verhältnisse
einbezogen, die sich in statischer Form behandeln lassen — die
gleichmäßig fortschreitende Wirtschaft ist hiermit gemeint —
und auf der dritten Stufe haben wir die eigentliche wirtschaft-
liche Dynamik, die Abweichungen des wirklichen Lebens von
der gleichförmigen Entwicklung zu studieren. Die Dynamik
kann man nur mit Hilfe der induktiven Methode untersuchen,
in den beiden ersten Stufen muß dagegen eine rein deduktive
Arbeitsmethode zur Anwendung kommen‘).

Für Cassel ist also das Begriffsmerkmal der Statik Un-
veränderlichkeit der systembestimmenden Daten.‘ Ob man die
gleichmäßig fortschreitende Wirtschaft der Statik oder Dynamik
unterordnen soll, darüber kann man verschiedener Ansicht
sein. Was soll es denn heißen, wenn Cassel schreibt, daß hier.
solche dynamischen Verhältnisse einbezogen werden, die sich
in statischer Form behandeln lassen? Entweder befinden wir
uns dann bereits in der Dynamik und fördern hier mit Hilfe
der in dem höheren Abstraktionsgrade der Statik gewonnenen
Methode weitere Resultate zutage, oder aber, es handelt sich
hier um Probleme, die noch in der Statik lösbar sind, um
Erscheinungen, die noch geklärt werden müssen, bevor wir zur
Untersuchung der Dynamik übergehen. Uns scheint, Cassel
hat diesen letzteren Fall im Auge, worauf auch seine Bezeichnung
der gleichmäßig fortschreitenden Wirtschaft als „quasi-statische
Stufe‘?) hinweist. Cassels statische Wirtschaft ist also jetzt
als eine Wirtschaft mit ständig herrschendem Gleichgewicht bei
konstanten systembestimmenden Daten bzw. bei konstanten
Zuwachsprozenten bestimmter Daten zu definieren. Cassels
Statik ist demnach ein ziemlich hoher Abstraktionsgrad, ein
generelles Erkenntnisobjekt®). Fraglich ist nunmehr, ob man
1) Cassel, Grundgedanken, S. 11/13. Cassel, Theorie, S. 23, 27/28,
136/37, 473. 2) Cassel, Grundgedanken, 5. 11.
3) Vgl. Streller, Statik und Dynamik, S. 51/53.
        <pb n="53" />
        47)

auf dem Wege der Determination zur Casselschen Dynamik
gelangt, oder ob hier ein individuelles bzw. ein von der Statik
zu scheidendes generelles Erkenntnisobjekt vorliegt.. Streller
vertritt die Ansicht, Cassels Dynamik sei ein individuelles
Erkenntnisobjekt und entspräche dem, was wir praktische
Volkswirtschaftslehre nennen?). Sicherlich liegen genug Gründe
zu .diesem Schlusse vor. Cassel nennt einen bestimmten Zeit-
raum?), außerdem betont er, daß er vom Abstrakten zum Kon-
kreten vorgehen will und in seiner Dynamik nur die induktive
Methode zur Anwendung kommt. Andererseits kommt es doch
aber nicht darauf.an, welche Ansicht der Autor über sein eigenes
Tun hat, sondern was er wirklich tut. Cassel.liefert bekannt-
lich zwei Konjunkturthearien®). Einmal sieht er die Möglichkeit
der Hausse in der Reservearmee, die die landwirtschaftliche
Bevölkerung darstellt, gegeben und bezeichnet deshalb das
Auftreten der scharf ausgeprägten Konjunkturbewegungen seit
den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts als das Übergangs-
stadium von der alten selbstversorgenden Landwirtschaft zur
modernen arbeitsteiligen Tauschwirtschaft!). Ohne Zweifel
liegt hier historisches Interesse vor. Die zweite Theorie, die
er vertritt, ist eine Disproportionalitätstheorie. _Periodisch
wird hier infolge der Wechselwirkung zwischen Unternehmer-
tätigkeit und Zinsfuß ein. Mikverhältnis durch eine zu starke
Ausdehnung der Produktion von Zwischenprodukten in der
Wirtschaft hervorgerufen®). Es handelt sich hier um eine Deduk-
tion, und man kann daher die Meinung vertreten, daß hier ein
generelles Erkenntnisobjekt, wenn auch mit recht geringem
Umfang und großem Inhalt vorliegt. Sicherlich kann man auch
hierüber streiten. Wir wollen es aber nicht tun, da das Resultat,
wie es auch immer ausfällt, für unsere weiteren Untersuchungen
öhne Bedeutung ist. Was wesentlich ist, das liegt in der Er-

1) Streller, Statik und Dynamik, S. 52.

?) Cassel, Theorie, S. 475/76.

») Oppenheimer, Franz, System der Soziologie, 3. Bd.: Theorie d.
reinen u. polit. Ökonomie, 2. Halbbd.: Die Gesellschaftswirtschaft, 5. Aufl.,
Jena 1924, S. 997. Löwe, Adolf, Der gegenwärtige Stand der Konijunktur-
forschung in Deutschland, in: Festgabe f. Lujo Brentano, 2. Bd., München
u, Leipzig 1925, S. 355.

4) Cassel, Theorie, S. 475/76. *) ebda,, S. 565/77.

EEE
        <pb n="54" />
        4%

kenntnis, daß die Statik für Cassel nicht durch das Fehlen
eines besonderen Wirtschaftstypus charkterisiert ist, vielmehr
der Unternehmer, wie er auch immer definiert werden mag, in
die Statik mit eingeschlossen ist, was schon daraus hervorgeht,
daß die Konjunkturbewegung für Cassel in einer Wechsel-
wirkung zwischen Unternehmertätigkeit einerseits und dem
Zinsfuße andererseits besteht. Der Unternehmer ist also immer
vorhanden, und sein Auftreten wird nur durch eine besondere
Marktlage hervorgerufen.

Wir stimmen in diesem Punkte der Casselschen Auf-
Fassung zu. Für uns unterscheidet sich Statik. und Dynamik
ebenfalls nicht durch das Fehlen bzw. Vorhandensein gewisser
Wirtschaftssubjekte. Die Dynamik ist für uns das Erkenntnis-
objekt der theoretischen Nationalökonomie. In der dynamischen
Wirtschaft zeigt sich bald mehr, bald weniger die Tendenz zu
einem stabilen Gleichgewichtszustand der gesamten Wirtschaft,
der aber infolge der ständig auftretenden Störungsursachen;,
organischer oder anorganischer Natur, nie erreicht wird, Wir
abstrahieren daher von der Veränderung der system-
bestimmenden. Daten, nehmen also Konstanz der-
selben an und gelangen somit denknotwendig zu
einem exakten Gleichgewichtszustand, zur statischen
Wirtschaft, wo ständig Übereinstimmung zwischen
effektiverNachfrage undeffektivem Angebotherrscht,
denn wenn diese nicht vorhanden wäre, würde auch
eine Konstanz der systembestimmenden Daten,
z. B.. der Gütermengen und Wertfunktionen Schumpeters,
nicht denkbar seinl).

1!) Wir sind also hier anderer Meinung als Streller, nach dessen
Ansicht die Konstanz der Daten für das statische Gleichgewicht nicht
immer relevant ist, da manche Änderungen der Daten auf Angebot und
Nachfrage überhaupt keinen Einfluß ausüben oder es auch vorkommen
kann, daß irgendwelche Änderungen durch Veränderungen auf der Gegen-
seite kompensiert werden. (Streller, Statik und Dynamik, S. 96/100, 101,
114). Streller definiert daher die Statik als eine Wirtschaft, bei der sich
zwischen Angebot und Nachfrage keine Zeitintervalle schieben (Streller,
Statik und Dynamik, S. 114). Wir bemerken: Wenn wir von Konstanz
der systembestimmenden Daten sprechen, so meinen wir die Größen, die
wir für den Ablauf jeder Wirtschaft als relevant halten und mit deren Hilfe
wir ein System der wirtschaftlichen Erscheinungen aufzubauen suchen,
        <pb n="55" />
        42

Da’ein stabiles Gleichgewicht auch denkbar ist, wenn man
einen konstanten Zuwachsprozentsatz der Bevölkerung bei
einer ständig entsprechenden Steigerung der Produktion unter
Beibehaltung der gleichen Produktionsmethode annimmt, so
Der Hauptgrund, weshalb wir die Statik anders als Streller definieren,
liegt aber in der Absicht, das Hereinziehen des Zeitmomentes in die Unter-
scheidung Statik und Dynamik zu vermeiden, denn wir müssen offen
bekennen, daß wir in dieser Beziehung recht skeptisch sind, da u. E. die
Zeit, die doch eine so allgemeine Erscheinung ist, zum Unterscheidungs-
merkmal gestempelt, leicht zu Mißverständnissen führen kann. Wenn
Streller die Statik als „eine Wirtschaft; die ohne Zeitintervalle
abläuft‘ (Streiler, Statik und Dynamik, S. 120, von Streller unterstrichen)
definiert, und er damit ausdrücken will, daß jeder Nachfrage in der stati-
schen Wirtschaft stets ein entsprechendes Angebot gegenübersteht, wie
das Schumpeter für seine statische Wirtschaft schildert (Schumpeter,
Entwicklung, S. 6/9), so meint. Streller mit Statik dasselbe wie wir.
Wenn er aber weiter ausführt, daß statische Begriffe den Bestandteil „Zeit“
nicht enthalten, daß die Statik durch das Merkmal der Zeitlosigkeit ge-
kennzeichnet ist, nur lineare Größen daher in die Statik gehören (Streller,
Statik und Dynamik, S. 120/22), so wird ein Abstraktionsgrad erreicht,
der u. E. nicht zulässig ist, da „„Wirtschaft‘‘ imnter ein Vorgang, ein Prozeß
und somit diesem Begriff das Zeitmoment immanent ist. Man kann wohl
bei einer ersten Untersuchung des Preisbildungsproblems die zeitlichen
Intervalle zwischen Beginn und Ende der Produktion sehr kurz annehmen.
So geht z.B. auch Cassel vor, indem er bei Aufstellung seines Gleichungs-
systems das Zeitmoment unberücksichtigt läßt und das damit begründet,
daß es ihm für zweckmäßig erscheint, „sich einen allgemeinen Überblick
über den wirtschaftlichen Kausalzusammenhang innerhalb der Produktion
zu verschaffen, ehe man das schwierige Zinsproblem angreift“ (Cassel,
Gustav, Grundriß einer elementaren Preislehre, Zeitschr. f. d. ges. Staatsw.,
55. Jahrg., Tübingen 1899, S, 443, vgl. auch Cassel, Theorie, S. 79). Damit
ist aber nicht etwa von der Zeit überhaupt abstrahiert, es gibt hier immer
noch Boden- und Arbeitsleistungen, also quadratische Größen, Natür-
lich steht es frei, diesem Abstraktionsgrad den Namen Statik zu geben,
Wir halten es aber nicht für zweckmäßig, denn das Problem, um das es
sich hier vor allem dreht, ist, ob sich der Zins neben Lohn und Rente in
einer im Gleichgewicht befindlichen Wirtschaft zeigt, nicht aber, ob der
Zins in einer Wirtschaft mit ganz kurzen Produktionsperioden, in der Wirt-
schaft mit Augenblicksproduktion existiert. Wir halten es daher nicht
für angeoracht, von vornherein durch die immer willkürliche Namengebung
den Zins als etwas Besonderes hinzustellen, ihn aus der Statik auszuschalten,
denn daß es in einer Wirtschaft, in der Augenblicksproduktion herrscht,
keinen Zins gibt, ist wohl nicht bestritten — ganz abgesehen davon, daß
jetzt die Frage entsteht, welchen Namen man dann der nicht im Gleichge-
wicht befindlichen Wirtschaft geben soll (weitere Ausführungen zu diesem
Punkte s. u. S. 157, Anm. 2). — Vgl. auch Amonn, Grundzüge, S. 275ff,,
wo er die Unterscheidung Statik — Dynamik ganz ähnlich wie wir kenn-
zeichnet.
        <pb n="56" />
        43

verstehen wir unter Konstanz der systembestimmenden Daten
auch Konstanz gewisser Zuwachsprozente derselben und können
uns daher unter einer statischen Wirtschaft sowohl eine statio-
näre, als auch eine gleichmäßig fortschreitende Wirtschaft im
Casselschen Sinne vorstellen. Beide Konstruktionen sollen
uns verhelfen, gewisse fundamentale Erscheinungen der Wirt-
schaft und die Gesetze, von denen sie beherrscht werden, zu
erklären.

Wir wollen aber noch mehr wissen, sehen daher von
der Konstanz der systembestimmenden Daten ab
und gelangen somit durch Determination zu unserem
eigentlichen Erkenntnisobjekt, der Dynamik. Unsere
Wirtschaft wird dadurch denknotwendig dynamisch, denn durch
die Veränderungen gewisser Daten werden Erscheinungen her-
vorgerufen, die eben als Begriffsbestandteil das Moment der
Veränderung gewisser Größen in sich schließen, wie z, B. die
Quasirente, der Unternehmergewinn, der Konjunkturzyklus.
Diese Erscheinungen gilt es jetzt mit Hilfe der im höheren
Abstraktionsgrade der Statik gewonnenen Resultate zu erklären,
d. h. ihre Ursachen aufzusuchen und damit über gewisse Wert-
erscheinungen und Preisbewegungen allgemeine Aussagen zu
machen, so daß man schließlich zu dem Marshallschen Problem
der Preisbildung während kurzer und während langer Perioden‘),
oder, wie man es auch anders ausdrücken kann, zu Aussagen
über unmittelbare und mittelbare Wirkungen gewisser Daten-
änderungen gelangt — eine Problemstellung, die auf das Endziel
der theoretischen Nationalökonomie, wie wir sie hier betreiben,
losgeht, nämlich theoretische Werkzeuge zu schaffen, die uns
verhelfen sollen, bei gegebenen Daten den neuen Gleichgewichts-
zustand aus dem alten abzuleiten?).

Für Cassel wie auch für uns ist demnach für die Scheidung
in Statik und Dynamik die Existenz des Unternehmertypus
unwesentlich. Die Dynamik beginnt dort, wo die Daten sich
zu ändern anfangen. Daher fällt auch für uns das Problem der
a ei

1) Marshall, Alfred, Handbuch der Volkswirtschaftslehre, 1. Bd.,
nach d. 4. Aufl. übersetzt v. Hugo Ephraim u. Arthur Salz, Stuttgart u.
Berlin 1905, S. 366ff., S, 432ff.

2) Vgl. Schumpeter, Wesen, S. 447.

On m,
        <pb n="57" />
        Preisbildung während kurzer Perioden mit unter die Dynamik.
Der Unternehmer, diese Quelle schöpferischer Kraft — wir
möchten hier gleich bemerken, daß wir Schumpeters Auf-
fassung über Funktion und Wesen des Unternehmers akzeptieren
— ist eben für Cassel wie für uns in den statischen Gleich-
gewichtszustand mit eingeschlossen und schafft nur deshalb
nichts Neues, weil es die ihn umgebenden, von ihm selbst mit
beeinflußten Daten nicht zulassen.

Schumpeter ist hier anderer Meinung. Wir müssen daher
seine Einwände diskutieren. Wir knüpfen zu diesem Zwecke
an den oben abgebrochenen Gedankengang an, der uns zu dem
Ergebnisse führte, daß Schumpeter mit zwei Erkenntnis-
objekten, Wirtschaft ohne und Wirtschaft mit Unternehmer,
arbeitet, Wir fügen jetzt noch hinzu, daß es sich scheinbar in
beiden Fällen um verschiedene generelle Erkenntnisobjekte
handelt, so daß sich Schumpeters Statik und Dynamik nicht
ergänzen, niemals ein Gesamtbild des wirtschaftlichen Ge-
schehens liefern können, Es liegen hier — nach Schumpeters
Ansicht — ganz verschiedene Probleme vor — hier Betrachtung
des Kreislaufes, dort Untersuchung des Überganges von einem
Kreislauf zum anderen — die mit verschiedenen Methoden be-
handelt werden müssen, da die Werkzeuge der Statik versagen,
wenn es sich um Erfassung der großen Veränderungen in der
Wirtschaft handelt!). Schumpeter spricht selbst von theore-
tischen Apparaten, die nur ihrer Fruchtbarkeit wegen ge-
schaffen sind?). Ganz deutlich kommt aber Schumpeters
Ansicht in folgendem Satz zum Ausdruck: „Statik und Dynamik
sind völlig verschiedene Gebiete, haben es nicht nur mit ver-
schiedenen Problemen zu: tun, sondern auch mit verschiedenen
Methoden und mit verschiedenem Material. Sie sind nicht etwa
zwei Kapitel ein- und desselben theoretischen Gebäudes, sondern
zwei völlig selbständige Bauwerke“%. Schumpeters Statik
und Dynamik sind also, wenigstens nach Schumpeters An-
sicht, generelle Erkenntnisobjekte. Die folgenden Unter-
suchungen werden jedoch zeigen, daß Schumpeter nicht kon-
sequent an dieser Einteilung festhält und auch nicht festhalten

1) Schumpeter, Entwicklung, S. 94/95. ?) ebda., S, 95.

3) Schumpeter, Wesen, S. 182/83.
        <pb n="58" />
        kann, sondern vielmehr bei der Behandlung der speziellen
Probleme eine Begriffsverschiebung vornimmt.
Der Grund, weshalb der Unternehmer, genauer das Ver-
halten des Unternehmers, für Schumpeter nicht in das Schema
eines Gleichgewichtszustandes gebracht werden kann, sind
dessen Motive, die sich_von..denen-der. statischen. Wirtschafts:
&lt;ubjekte wesentlich unterscheiden. Für den Unternehmer gilt
nicht die Gleichung Nutzen gleich Arbeitsleid, Er schafft rast-
Jos, strebt” micht” nach einent Sich-zur-Ruhe-setzen bei be-
stimmter Einkommensgröße. Tritt dieser Wunsch auf, so ist das
Vorbote des physischen Todes und nicht Erfüllung?!). Franz
Oppenheimer?) glaubt gegen die Schumpetersche Argu-
mentation folgenden Einwand erheben zu können: der logische
Grund für Schumpeters Auffassung der Statik liegt in einer
falschen Definition des wirtschaftlichen Handelns. Schumpeter
definiert wirtschaftliches Handeln als. jenes_Handeln, dessen
Zweck Gütererwerb ist®). Daraus schließt Oppenheimer, daß
für Schumpeter nur dann wirtschaftliches Handeln vorliegt,
wenn das Wirtschaftssubjekt unter Beachtung des ökonomischen
Prinzips sich Mittel zwecks Befriedigung „rein wirtschaftlicher“‘
Bedürfnisse verschafft, und er deshalb den Unternehmer, der
für ihn keine..rein--wirtschaftlichen. Bedürfnisse_hat, aus der
Statik konsequent verbanne. Nach Oppenheimer gibt es
aber keine rein wirtschaftlichen Bedürfnisse sui generis, sondern
physiologische, karitative, soziale, religiöse, wissenschaftliche
und ästhetische Bedürfnisse — alles echte Bedürfnisse, die einen
Sättigungszustand erstreben, „Wo immer ein kostendes Mittel
nach dem Prinzip des kleinsten Mittels beschafft oder ver-
waltet wird; fällt das in das Gebiet der Ökonomik. Das Motiv
und die Zweckverwendung fallen immer heraus‘“*). Deshalb
sieht Oppenheimer auch keinen Grund für den Ausschluß
des Unternehmers aus der Statik.

Wir bemerken: Schumpeter behauptet gar nicht, daß

1) Schumpeter, Entwicklung, S. 133/37.

») Oppenheimer, Franz, Wert und Kapitalprofit, Neubegründung der
objektiven Wertlehre, Jena 1916, S. 216/22.

2») Schumpeter, Entwicklung, S. 1.

s) Oppenheimer, Franz, Wert und Kapitalprofit, Jena 1916, S. 220.
        <pb n="59" />
        16 —

es nur „rein wirtschaftliche“ Bedürfnisse gibt und daß er nur
diese innerhalb der Statik zum Gegenstand seiner Betrachtung
macht. Für Schumpeter sind die Bedürfnisse des Unter-
nehmers wohl auch Bedürfnisse, aber er glaubt guten Grund zu
haben, sie von den Bedürfnissen der statischen Wirtschafts-
subjekte unterscheiden zu müssen,.da für. sie, andere Gesetze
gelten, äls für jene!). In diesem Punkte geben wir Schumpeter
recht. Man muß hier Unterschiede machen, wenn man sich
nicht in Tautologien verfangen will. Im Endergebnis, nämlich
daß Wirtschaftssubjekte mit Unternehmermotiven auch in
einer im Gleichgewicht befindlichen Wirtschaft denkbar sind,
stimmen wir jedoch Oppenheimer zu. Folgender Gedanken.
gang soll uns das plausibel machen.

Stellen wir uns zwei Wirtschaftssubjekte vor, die beide
den nötigen Kraftüberschuß besitzen, um neue Kombinationen
durchsetzen zu können, von denen das eine aber die Motive
seines Handelns in der Konsumtionssphäre hat, also nach einer
Vergrößerung seines Einkommens strebt, während das andere
durch die Freude am Schaffen, durch das Streben nach sozialer
Machtstellung usw. zur Unternehmertat angereizt wird. Einer-
seits rechnen beide offenbar. mit Tauschwerten. Der erste
Unternehmer ist aber zugleich hedonisch eingestellt. Er wird
infolgedessen entsprechend seiner Wertskala und seiner Arbeits-
leidkurve bei einer bestimmten Größe seiner Einnahmen, auch
wenn die Möglichkeit besteht, diese durch Erzielung weiterer
Unternehmergewinne noch zu vergrößern, sich zur Ruhe
setzen. Hat er dagegen sein Ziel noch nicht erreicht, ver-
schwindet aber infolge der nachrückenden Konkurrenz jede
Gewinnmöglichkeit, so wird er sich entsprechend einzurichten
suchen, einen Zustand anstreben, bei dem er unter den ge-
gebenen Verhältnissen ein Maximum an Bedürfnisbefriedigung
realisieren kann. Für unser zweites Wirtschaftssubjekt, das
durch ahedonische Motive zur Unternehmertat angetrieben wird,
besteht ein derartiger Zusammenhang zwischen Konsumtions-
sphäre und Unternehmergewinn nicht. Für seinen Betrieb hat
es sicherlich auch eine besondere Wertschätzung, Voraussicht-

) Schumpeter, Entwicklung, 1. Aufl., S. 148/51.
        <pb n="60" />
        471

lich wird es doch aber immer weiter vorwärtsstreben, denn die
beiden Komponenten Nutzen und Arbeitsleid existieren für es
nicht. Wird es also niemals Halt machen? Doch, so meinen
wir, wenn €s keine Gewinne mehr zu machen gibt, wenn sich
nirgends die Möglichkeit zeigt, etwas in der Wirtschaft mit
Erfolg zu ändern. Unter diesen Umständen können wir die
Ratio seines Handelns verstehen. Es mißt seiner sozialen Macht-
stellung einen gewissen Wert bei, den es durch die Erhaltung
seines Betriebes immer wieder zu realisieren bestrebt ist. Damit
ist aber nicht gesagt, daß das Streben nach der Vergrößerung
seiner sozialen Machtstellung, sein Schaffensdrang erlahmt ist.
Nur durch eine ganz bestimmte Konstellation der Daten wird
seine schöpferische Kraft in Schranken gehalten. Kurzum, es
ist ein Datum genau wie die Wertfunktionen der statischen Wirt-
schaftssubjekte, mit dem man rechnen muß, wenn es nicht
zu einer Störung des Gleichgewichtszustandes kommen soll.

Anders liegt jedoch der Fall, wenn sich die Daten ändern.
Welche Wege der Unternehmer dann gehen wird, darüber
können wir nichts Genaues aussagen, hier können wir nicht
wägen und messen, der Unternehmer ist in dieser Hinsicht für
uns ein wenig bekanntes Datum. Hier hat Schumpeter aller-
dings recht!), und wenn man bedenkt, daß Schumpeter mit
Hilfe des statischen Systems über die Wirkungen irgendwelcher
Datenänderungen möglichst exakte Aussagen machen will,
was sich deutlich bei der Besprechung der Variationsmethode
zeigt?), so ist verständlich, weshalb er einen solchen „Vorrat
an Kraft zu schöpferischem Gestalten‘ nicht unter die Daten
des statischen Systems rechnen kann, eben weil das Verhalten
des Unternehmers nicht so determiniert erscheint wie das der
statischen Subjekte.
Jetzt erkennen wir aber auch, daß der Begriff des statischen
Wirtschaftssubjektes viel enger ist, als es auf den ersten Blick
scheint. Zum Merkmal.des statischen Wirtschaftssub jektes
gehört nicht.nur, daß es seine Motive der Konsumtionssphäre
entnimmt, sondern es muß sich auch zur Ruhe gesetzt haben.

EEE
ı) Schumpeter, Entwicklung, 1. Aufl., S. 151/53.
2) Schumpeter, Wesen, S, 451ff,
        <pb n="61" />
        4U

Denn falls es sich um Leute handelt, die einerseits energisch
veranlagt sind, andererseits eine Vergrößerung ihres Einkommens
aus hedonischen Motiven heraus anstreben, so kann man deren
Verhalten bei Datenänderungen, die Gewinnchancen eröffnen,
offenbar ebenfalls nicht exakt kennzeichnen!). Nur dort ist
das annähernd möglich, wo die Wirtschaftssubjekte sich ängst-
lich an die Umwelt anpassend immer ein- und denselben Wirt-
schaftsplan zu realisieren versuchen ?).

Verständlich — wenigstens auf den ersten Blick — ist es
also von Schumpeters Standpunkt aus, wenn er in seiner
„Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung‘“ die Unterscheidung
von Statik und Dynamik auf zwei Typen von Wirtschaftssub-
jekten zurückführt, was ihn zu dem weiteren Schluß bringt,
daß. von der Statik aus gesehen, die großen Veränderungen im

') Vgl. auch Schumpeter, Entwicklung, 1. Aufl., S. 154/56, wo er
ebenfalls implicite diese Feststellung macht, indem er ausführt, daß Weite-
rungen des wirtschaftlichen Gesichtskreises und die Regung stärkerer Be-
dürfnisse bei Männern der Tat ebenfalls zur Entwicklungsursache werden
können, ein Fall, den er allerdings quantitativ möglichst einschränken
will. Für unser Resultat ist eine solche Einschränkung aber ohne Bedeutung.
Wir haben diesen Fall ja nur erörtert, um Schumpeters Begriff des stati-
schen Wirtschaftssubjektes schärfer zu umreißen.

2) Adolf Lampe (Schumpeters System und die Ausgestaltung d.
Verteilungslehre, Jahrbücher f. Nationalök. u. Stat., 3. Folge, 66, Bd.
H. 8, Jena 1923, S. 422/27) kennzeichnet daher, wenn auch etwas über-
treibend, den Kern der Schumpeterschen Statik richtig, wenn er meint,
daß Schumpeter das ewige Gleichgewichtsstreben der statischen Subjekte
als das Wesen der Statik auffasse und dabei das ökonomische Prinzip ganz
vernachlässige. Nach dem ökonomischen Prinzip handeln Schumpeters
statische Subjekte auch, so möchten wir entgegenhalten. Aber, und diesen
Punkt hat wohl auch Lampe im Auge, sie zeigen kein auffälliges Gewinn-
streben, wenn das Gleichgewicht irgendwie durch eine Datenänderung
gestört wird, sondern suchen den alten Gleichgewichtszustand möglichst
wieder zu erreichen. Für uns, und so scheint uns, auch für Lampe, ist
es. dagegen gleichgültig, ob, falls Datenänderungen erfolgen, der Gleich-
gewichtszustand, den jetzt jede Einzelwirtschaft anstrebt, mehr oder weniger
von dem alten verschieden ist. Aus dem Gewinnstreben der Einzelwirt-
schaften unter gegebenen Verhältnissen gemäß dem ökonomischen Prinzip,
wobei man natürlich die verschiedensten Nuancierungen desselben an-
nehmen kann, ergibt sich schließlich infolge fördernder Gewinne und Ver-
luste eine Gleichgewichtstendenz der gesamten Wirtschaft. Diese An-
sicht scheint uns auch Emanuel Hugo Vogel (Die Theorie des volks-
wirtschaftlichen Entwicklungsprozesses und das Krisenproblem, Wien
u. Leipzig 1917, S. 196, 202ff.) zu vertreten,
        <pb n="62" />
        4.

Wirtschaftsleben überhaupt unerklärlich sind, man sie sich
überhaupt nicht vorstellen kann, da die hier den Wirtschafts-
ablauf bestimmenden Wirtschaftssubjekte für derartige Dinge
nicht zu haben sind. Deutlich zeigt sich hier, daß wir es mit
zwei Erkenntnisobjekten — Wirtschaft ohne und Wirtschaft
mit Unternehmer — zu tun haben, denn wenn ich auch von der
Konstanz der Daten absehe, so gelange ich immer noch nicht
zur Dynamik, da die statischen Wirtschaftssubjekte sich Daten-
änderungen einfach passiv anpassen. Man erkennt aber auch,
daß gegenüber der ‚Definition der Statik in Schumpeters
„Wesen“ eine Begriffsverschiebung stattgefunden hat*). Dort
wird die Statik durch das Gegebensein von Güterquantitäten
und Wertfunktionen gekennzeichnet, und die Dynamik beginnt
dort, wo die Infinitesimalmethode versagt”), grob ausgedrückt
also dann, wenn sich die Daten ändern. Jetzt aber beginnt die
Dynamik nicht schon dann, wenn sich die Daten ändern, wenn
man mit Hilfe der Infinitesimalmethode nichts mehr Präzises
aussagen kann, sondern erst dann, wenn man sich den Daten-
änderungen nicht mehr passiv anpaßt®). Uns scheint recht
fraglich, ob es hier nicht nur unmöglich wird, stets exakte Aus-
sagen zu machen, sondern ob hier, in dieser weiteren Zone der
Statik, nicht auch Erscheinungen auftreten können, die sich
in der reinsten Statik nicht zeigen, und es daher gefährlich
ist, die Aussagen für. letztere auch ohne weiteres auf die
erstere auszudehnen — ein Einwand, den wir im Anschluß an
Böhm-Bawerk wiederholen‘) und an den wir uns bei Diskus-
sion des Zinsproblems erinnern wollen.

Welchen prinzipiellen: materiellen Inhalt man Statik und
Dynamik gibt, ist der Willkür des einzelnen Autors überlassen.
Wir können deshalb auch nicht sagen, daß Schumpeters
Einteilung absolut richtig oder falsch sei. Es kommt hier nur
auf ein „zweckmäßig“ oder „unzweckmäßig‘“ an. Es ist zu
entscheiden, ob diese oder jene Einteilung uns bei dem Versuche,
etwas Ordnung in die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen des
ı) Vgl. hierzu Streiler, Statik und Dynamik, S. 86/7.

?) Schumpeter, Wesen, S. 456ff.

ı) Schumpeter, Entwicklung, S. 94, 96, 99, 119 Anm, 19.

ı) Böhm-Bawerk, Eine „dynamische‘‘ Theorie des Kapitalzinses, S, 14.
Jeinze, Statische oder dynamische Zinstheorie?
        <pb n="63" />
        50 —

Wirtschaftslebens zu bringen, weiterführt. Nun halten wir die
von uns gegebene Einteilung für „zweckmäßiger“. Sie liefert
für kurze Perioden, für die Schumpeters Statik ja nur gilt,
d. h. für die allein sie exakte Aussagen machen Soll, ebenso
exakte Aussagen wie jene, da während kurzer Perioden das etwaige
Auftreten des Unternehmers während dieser Zeit keine bedeu-
tenden Umwälzungen in der Wirtschaft hervorzurufen vermag.
Zweitens erscheint uns aber deshalb als notwendig, Wirtschafts-
subjekte mit Unternehmerqualitäten und Unternehmermotiven
in die Statik mit einzuschließen, da, das Erfahrungsobjekt der-
artige Wirtschaftssubjekte stets aufzuweisen hat), andererseits
äber auch periodisch sich. Gleichgewichtstendenzen zeigen,
die nach Schumpeters eigenen Äußerungen dem statischen
Gleichgewicht ziemlich nahe kommen, und man daher diese
Gleichgewichtstendenz doch nur dann erklären kann, wenn
man annimmt, daß auch der Unternehmer, genauer dessen Ver-
halten, wenigstens zeitweilig in das Schema einer Tendenz nach
einem Gleichgewichtszustande gebracht werden kann. Tut
man dies nicht, so muß man beweisen, weshalb die Wirtschafts-
subjekte mit Unternehmermotiven am Ende des Aufschwunges
plötzlich verschwinden, andererseits muß man begründen können,
warum am Ende der Depressionsperiode derartige Wirtschafts-
subjekte plötzlich wieder vorhanden sind, um den Aufschwung,
dessen alleinige Ursache diese Individuen nach Schumpeters
Ansicht doch sind — was schon daraus hervorgeht, daß es für
Schumpeter eine rein wirtschaftliche Entwicklung gibt,
der periodische Gleichgewichtszustand immer wieder aufs neue
von innen her zerbrochen wird — erklären zu können. Führt
man diese Beweise nicht, hält aber an der Ansicht fest, daß
Unternehmer und Gleichgewichtstendenz unvereinbar sind, so
kann man die Erklärung der Periodizität der Wechsellagen, d. h,
die Erklärung, weshalb sich Depression und Aufschwung ständig,
nicht nur einmal, abwechseln, nur auf Kosten einer logischen
Inkonseauenz erkaufen.
Hiermit sind wir an dem Punkte angelangt, auf den wir
seit langem hinsteuern und der von nun an die ganze weitere
ıy Schumpeter, Entwicklung, S. 119 Anm. 20.
        <pb n="64" />
        51

Diskussion gleichsam überschatten wird. Es ist der Punkt,
gegen den die meisten Kritiker ihre Angriffe gerichtet haben,
die in dem Einwande gipfeln, daß Schumpeter die Periodizität
der Wechsellagen nicht erklären könne, da er das periodische
Auftreten des Unternehmers nicht erkläre!). Die Argumente,
daß für Schumpeter der Unternehmer, das Individuum
logische Priorität vor der Gesellschaft besäße?), daß für Schum-
peter der Anstoß zur Entwicklung vom Individuum und nicht
von der Masse ausgehe?®), und daß Schumpeters System kein
befriedigendes Gesamtbild der Unternehmerfunktion biete*),
bewegen sich alle in derselben Richtung.

Wie steht es nun mit allen diesen Einwänden, sind sie be-
rechtigt oder nicht, erklärt Schumpeter oder macht er wenig-
stens den Versuch, das periodische Auftreten und Verschwinden
von Unternehmerpersönlichkeiten zu erklären? Ein Versuch
liegt allerdings vor, jedoch ist dieser, wie wir gleich sehen werden,
unzureichend. Wir erfahren von Schumpeter, daß der Unter-
nehmer immer vorhanden ist®) und daß Datenänderungen für
sein Auftreten fördernde Bedingungen, wohl sogar Anlaß sein
können®). Ferner daß, wenn die neuen Kombinationen einmal
durchgesetzt sind, keine Unternehmertätigkeit mehr nötig ist”)
und sich daher ein neuer‘ Gleichgewichtszustand herausbildet,
in dem die Betriebe kreislaufmäßig durchgeführt werden und
in dem es nur Lohn und Rente gibt. In dem Kapitel über den

1) Lederer, Emil, Grundriß der Sozialökonomik, 4. Abt., I. Teil,
Tübingen 1925, S. 367/68. Löwe, Adolf, Zur ökonomischen Theorie des
Imperialismus, in: Wirtschaft und Gesellschaft, Festschrift f. Franz Oppen-
heimer, Frankfurt 1924, S. 214/15. Derselbe, Der gegenwärtige Stand
der Konjunkturforschung in Deutschland, Festgabe für Lujo Brentano,
2. Bd., München u. Leipzig 1925, S. 350/51, vgl. auch S. 358 Anm. 2,
S. 362. Vogel, Emanuel Hugo, Die Theorie des volksw. Entwicklungs-
PFrOZESSES 4, das Krisenproblem. Wien und Leipzig 1917, S. 226/28.

?) Stolzmann, Rudolf, Das Reinökonomische im System der Volks-
wirtschaft, Jahrbücher f. Nationalök. u. Stat., 3. Folge, 57. Bd., H. 5 u. 6,
Jena 1919, S. 4017/06.

*) Streller, Statik und Dynamik, S. 89.

‘) Lampe, Adolf, Schumperters System und die Ausgestaltung d. Ver-
teilungslehre, Jahrbücher f, Nationalök. u. Stat., 3. Folge, 66. Bd., 8, H.,
Jena 1923, S. 435/40.

3) Schumpeter, Entwicklung, S. 119 Anm. 20. °) ebda., S. 96
Anm. 5, S. 99. 102. ”) ebda., S. 2929.
        <pb n="65" />
        v——

52

Zyklus der Konjunktur wird die Sache dann ganz klar. Einerseits
wird durch die Preissenkung, die das immer wachsende Angebot
der neuen Produkte hervorruft, und durch die Steigerung der
Kosten der Unternehmergewinn eliminiert, sodaß ein Anreiz
zu neuen Taten bei dem Unternehmer nicht mehr besteht.
Andererseits ist aber auch durch das Tun der Unternehmerschar
in die Daten ziemliche Unordnung, große Unsicherheit hinein-
getragen worden, sodaß auch die Leiter‘ der neuen Betriebe
veranlaßt werden, an denselben herumzukorrigieren, dieselben
einzuordnen, also die allgemeine Anpassungstendenz mitzu-
machen!). In der neuen, zweiten Auflage seiner „Theorie der
wirtschaftlichen Entwicklung“ bekennt. sich Schumpeter,
gerade im Hinblick auf den ihm gemachten Vorwurf, daß er über-
haupt nicht versucht habe, die Periodizität der Wechsellagen
zu erklären, ausdrücklich zu dieser Auffassung: „Die Be-
dingungen, unter denen Unternehmer auftreten können — ab-
gesehen von den allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Be-
dingungen der Konkurrenzwirtschaft — ergeben sich aus dem
zweiten Kapitel und lassen sich kurz und unvollkommen formu-
lieren als: Vorhandensein privatwirtschaftlich vorteilhafter
„neuer Möglichkeiten‘“ — eine Bedingung, die immer erfüllt
sein muß — beschränkte Zugänglichkeit derselben infolge der
dazu nötigen Eignungen — hier könnte man ruhig hinzufügen:
und äußere Umstände — und eine Lage der Volkswirtschaft,
die halbwegs verläßliche Kalkulation gestattet. Warum die
Unternehmer unter diesen Bedingungen auftreten, ist, wenn
man die in unserem Begriff des Unternehmers liegenden Vor-
aussetzungen festhält, nicht problematischer als daß der „Wirt
schlechtweg‘ nach einem Gewinn greift, wenn dieser ihm un-
mittelbar vor Augen steht‘?).

Wir würden diese Begründung des „Scharenweisen‘“ Auf-
tretens neuer Unternehmungen in der Aufschwungsperiode
nicht schlankweg ablehnen, wenn unsere Voraussetzung, näm-
lich daß die Unternehmer ein wenn auch sehr wenig bekanntes
Datum des statischen Systems darstellen, akzeptiert würde.
So sagen aber doch Schumpeters Ausführungen nichts darüber
1) Schumpeter, Entwicklung, S. 347, 355ff. %) ebda., S. 320 (die
Unterstreichung stammt von Schumpeter).
        <pb n="66" />
        53

aus, wie es kommt, daß. der Unternehmer periodisch von außen
— denn in die statische Wirtschaft kann er doch nach Schum-
peters Aussagen nicht als ein Datum aufgenommen werden —:
an die statische Wirtschaft herantritt, um an ihr zu ändern. Es
ist deshalb verständlich, wenn Schumpeters Kritiker vom
Fehlen eines Erklärungsversuches sprechen.

Besonders verständlich auch deshalb, weil sich neben den
allgemeinen Äußerungen, die sich auf die Unvereinbarkeit von
Unternehmertypus und Statik beziehen, noch Bemerkungen
finden, die irgend einen anderen Erklärungsversuch für das
periodische Auftreten und Verschwinden des Unternehmers er-
warten lassen. .Schumpeter führt einmal aus, daß, wenn alle
Wirtschaftssubjekte Unternehmereigenschaften in gleichem Maße
besitzen würden, dann die neuen Unternehmungen kontinuier-
lich in der Zeit auftreten müßten?!). Von unserer Auffassung
der Dinge aus gesehen, kommen wir dagegen, genau wie Voge1°),
für diesen Fall zu dem Schluß, daß, sobald eine übersichtliche
Lage der Volkswirtschaft und genügend Möglichkeiten zu
Änderungen gegeben sind, gleich am Anfang die große Masse
auftreten muß, sodaß die Aufschwungsperioden heftiger und
kürzer würden. Man erkennt hier auch, daß es gar nicht nötig
ist, um das „scharenweise‘“ Auftreten neuer Unternehmungen
plausibel zu machen, eine verschiedene Veranlagung der Wirt-
schaftssubjekte anzunehmen. Nur für die Heftigkeit und die
Länge und für die von Schumpeter besonders betonte Tatsache
des Auftretens der neuen Betriebe neben den alten kann das
bei sonst gleichen Verhältnissen von Bedeutung sein. Wenn
Schumpeter schreibt, daß, wenn man nicht vorhergehende
Stockung und durch sie geschaffene günstige Situationen
supponiert, a priori das Auftreten der neuen Unternehmungen
als gleichmäßig in der Zeit verteilt angenommen werden muß
und nur sein Erklärungsgrund hier Abhilfe schaffen kann®,
so weist das eben auf eine ganz andere Erklärung des Auftretens

1) Schumpeter, Joseph, Die Wellenbewegung des Wirtschaftslebens,
Arch. f. Sozialwiss, u, Sozialpol., 39. Bd., Tübingen 1915, S. 29.

2) Vogel, Die Theorie d. volkswirtsch. Entwicklungsprozesses u. d,
Krisenproblem, Wien u. Leipzig 1917, S. 228/30.

3) Schumpeter, Entwicklung, S. 3217/22.
        <pb n="67" />
        54

und des Verschwindens der Unternehmer hin. Denn wenn keine
günstige Situation vorliegt und es infolgedessen nach Schum-
peters Aussagen. bei gleicher Begabung aller Wirtschafts-
subjekte zu einem „scharenweisen‘“ Auftreten der neuen Unter-
nehmungen nicht kommen kann, wie soll es erst die beschränkte
Zahl der vorhandenen begabten Individuen dazu bringen? Man
kann eben dann nur annehmen, daß doch eine günstige Situation
für die Unternehmerschar deshalb besteht, weil sie in der Statik
fehlen und deshalb die Daten dort nicht mit beeinflussen. Daraus
folgt aber, daß Schumpeter seine Behauptung, daß sich der
Aufschwung jedesmal wieder aus einem annähernden Gleich-
gewichtszustand erhebt und der Unternehmer das primäre Agens
der Entwicklung darstellt?), nur dann aufrecht erhalten kann,
wenn er die Unternehmer aus der Statik ausschließt. Denn würde
der Unternehmer ein Datum des statischen Systems sein,
so müßte, wenn auch nur annähernd ein Gleichgewicht herrschen
sollte, diese Größe entsprechend berücksichtigt werden, und für
die Unternehmer bestünde infolgedessen am Ende der De-
pression überhaupt keine Möglichkeit, etwas mit Erfolg zu
ändern. Man kommt also dann zu dem Schluß, daß die von
Schumpeter gegebene Erklärung für das Auftreten der Unter-
nehmer nicht ausreicht, sondern noch eine andere Erklärung
im Hintergrunde stehen muß, die uns Schumpeter jedoch
verschweigt.

Schumpeters Ausführungen, daß das Wirtschaftssubjekt
mit Unternehmermotiven nicht in das Schema eines Gleich-
gewichtszustandes gepreßt werden könne, daß der Konjunktur-
zyklus kein Perpetuum mobile sei?), sondern sich jedesmal,
durch die primäre Ursache des Unternehmers hervorgerufen,
aus der Depression aufs neue erhebt, und schließlich, was ja schon
daraus folgt, daß wirtschaftliche oder außerwirtschaftliche
Datenänderungen nur fördernde Bedingungen, nicht Ursache
des Auftretens der Unternehmer sind und man daher von einer
Wirtschaft mit konstanten Daten ausgehen kann, führen also

1) Vgl. z. B. Schumpeter, Entwicklung, S, 97, 334ff., 357. Schum-
peter, Joseph, Die Wellenbewegung des Wirtschaftslebens, Arch. f,
Sozialwiss. u. Sozialpol., 39. Bd., Tübingen 1915, S. 5/6, 25.

2) ebda., S. 6.
        <pb n="68" />
        55

konsequent zu dem Schluß, daß für Schumpeter in der Statik
die Existenz von Unternehmerpersönlichkeiten ausgeschlossen
st und ihr Auftreten infolgedessen anderweitig, jedenfalls nicht
mit der Annahme einer günstigen Konstellation der Daten der
Wirtschaft am Ende der Depressionsperiode erklärt werden kann.
Man müßte plausibel machen, daß am Ende jeder Depressions-
periode energische Subjekte, die während der ganzen Zeit der
Depression nicht existiert haben, plötzlich vorhanden sind und
durch die jeweiligen Daten in der Ausführung ihrer Pläne mehr
oder weniger gefördert werden. Es ist dann auch klar, daß diese
Erklärung nicht auf rein wirtschaftliche Faktoren zurückgehen
kann, da der Unternehmer einerseits in der statischen Wirtschaft
undenkbar ist, und andererseits die dynamische Wirtschaft,
die er erst verursachen soll, noch gar nicht vorliegt. Man kann
daher hier nicht von einer rein wirtschaftlichen Entwicklung
sprechen, wie Schumpeter das tut. Das Auftreten des Unter-
nehmers ist eine anorganische Erscheinung*), ein Vorgang, der
durch andere als ökonomische Momente ausgelöst wird.

Für Cassel liegen die Dinge anders. Seine Konjunktur-
theorie — wir denken hier an die von ihm vorgetragene Dis-
proportionalitätstheorie, neben der, wie wir oben erwähnten,
noch eine andere einhergeht?) — erklärt die Periodizität der
Wechsellagen befriedigender, eben weil Cassel den Unternehmer
aus der Statik nicht ausschließt. Für Cassel müssen die wech-
selnden Konjunkturen „als ein Ergebnis des Wechselspieles
der Unternehmertätigkeit und der großen, in der wirtschaft-
lichen Knappheit wurzelnden Regulatoren der Volkswirtschaft,
der Materialpreise, des Arbeitslohnes und des Zinsfußes be-
trachtet werden‘“3).

Wie aus Cassels sonstigen Ausführungen hervorgeht,
schiebt er aber vor allen Dingen den Zinsfuß in den Vorder-
grund“). Einen Gleichgewichtszustand, der von den Unter-

x

1 L. d .
ührung, MO TE Grundzüge der ökonomischen Theorie. Eine Ein-
aehmergewinn, Schna S. 167. Streller, Rudolf, Zur Lehre vom Unter-
1026, S. 8/9. . Jahrb., 50. Jahrg., 2. H,, München u. Leipzig

?) Siehe oben S. 40;

1) Cassel, Theorie, S. 568. *) ebda., S. 550ff., 565{f.
        <pb n="69" />
        56

nehmern äm Ende der Depression zerbrochen wird, gibt es hier
nicht. Vielmehr wird angenommen, daß am Ende der Depression
der Zins einen Stand erreicht hat, der die Möglichkeit zu er-
folgreichen Neuerungen gibt, und infolgedessen die Unternehmer
jetzt mit der Durchführung neuer Kombinationen beginnen und
darin solange fortfahren, bis sie die Kapitalknappheit der Hoch-
konjunktur zwingt, Halt zu machen, sich anzupassen, wodurch
schließlich wieder eine für ihr Auftreten günstige Situation
geschaffen wird. Ob Cassel mit der Betonung der Verschiebung
der Produktion zugunsten von festem Realkapital in der Auf-
schwungsperiode oder Schumpeter mit der Hervorhebung des
massenweisen Auftretens von neuen Unternehmungen, die den
alten, eingelebten Betrieben gegenüberstehen, Ursache und
Wesen der ‚Depression. besser zu: erfassen vermag, darüber
wollen wir hier nicht streiten. Auf jeden Fall erklärt Cassel die
Periodizität der Wechsellagen besser als Schumpeter, bei dem
überhaupt keine bzw. logisch nicht haltbare Erklärung vorliegt.
Cassels Theorie weist allerdings insofern einen Mangel auf,
indem sie nicht erklärt, wie denn nun dieses Perpetuum mobile
eigentlich zustande kommt, welche einmalige Ursache eine
derartige Konstellation der Daten, die zu einem ständigen Auf
und Ab des Wirtschaftslebens, ohne daß irgendwelche Einflüsse
von außen hinzutreten, führt, hervorruft?).

Man sieht aber auch, wenn man von unserer Auffassung
der Statik ausgeht, kommt man nicht etwa zum Resultate, daß
die Wirtschaft gleichsam. von der Umwelt mitgezogen wird,
Auch wir können den Unternehmer als ein besonderes Agens
auffassen, dessen Funktion in der Durchsetzung neuer Kom-
binationen besteht und der auch von sich aus die Daten ändert,
indem er sich einer Datenänderung, z. B. dem gefallenen Zins-
fuß durch Entfaltung einer entsprechend gesteigerten Nachfrage
nach Kapital, nicht nur anpaßt, sondern an die Durchsetzung
neuer Kombinationen geht, damit die Daten von sich aus ändert
und dadurch die Wirtschaft einem neuen Gleichgewichtszustande,
den sie ohne ihn nicht erreicht hätte, zuführt. Wir akzeptieren

1) Vgl. Löwe, Adolf, Der gegenwärtige Stand der Konjunktur-
forschung in Deutschland. In: Festgabe f. Lujo Brentano, 2. Bd., München
u. Leipzig 1925, S. 362/63.
        <pb n="70" />
        BT

PA

daher auch die Schumpetersche Auffassung des Unternehmer-
gewinnes!). Nur dort, wo neue Unternehmungen geschaffen,
neue Kombinationen durchgesetzt werden, wird für uns Unter-
nehmergewinn erzielt; dort dagegen, wo: man Sich einer ge-
steigerten Nachfrage anpaßt, nicht über das durch sie gesetzte
Ziel hinausgeht, handelt es sich für uns um andere Gewinne,
wohl meistens um Quasirenten. Beide Fälle rechnen jedoch
für uns, im Unterschiede zu Schumpeter, unter die Dynamik.

Unsere Auffassung der Statik erweist sich also durchaus
als zweckmäßig. Wir können aber noch einen weiteren Grund
zu ihren Gunsten anführen, ein Argument, das es uns noch ver-
ständlicher macht, weshalb Schumpeter für einen Teil seiner
Untersuchungen auch bei Existenz von Unternehmerpersönlich-
keiten einen Gleichgewichtszustand für möglich hält, während
er für andere wichtige Aussagen — wir denken hier besonders
an Schumpeters Zinstheorie — den Unternehmer aus der
Statik verbannt. Wenn Schumpeter diese Begriffsver-
schiebung nicht vornehmen würde, wenn er den Unternehmer
nicht zusammen mit den hedonisch disponierten Subjekten
das allgemeine Gleichgewichtsstreben, das uns die Depressions-
periode zeigt, mitmachen ließe, so könnte er nicht nur nicht die
Periodizität der Wechsellagen erklären, sondern es würde recht
zweifelhaft sein, ob er über die Vorgänge der Dynamik überhaupt
etwas aussagen könnte. Wenn Statik und‘ Dynamik zwei
gänzlich voneinander verschiedene generelle Erkenntnisobjekte
sind, so muß man zu dem Schluß kommen, daß die Resultate,
die uns die Untersuchung der Statik liefert, nicht so ohne
weiteres auch für die Dynamik gelten. Man würde also mit der
statischen Zurechnungstheorie in der Dynamik nicht operieren
können. Die Vorgänge der Dynamik sind aber u. E. nur mit den
in dem höheren Abstraktionsgrade der Statik erlangten Resul-
taten zugänglich, sie sind nur mit statischen Raisonnements

1} Wir möchten aber trotzdem nicht von einer rein wirtschaftlichen
Entwicklung sprechen, denn obgleich in der Casselschen Theorie ein
organisches Wachstum der Wirtschaft angenommen wird, so ist doch
immer noch die Frage offen, welche primäre Ursache diese dauernde
Wechselwirkung eingeleitet hat — eine Frage, die für die Casselsche
Theorie wohl kaum eindeutig zu beantworten sein wird.
        <pb n="71" />
        58

erfaßbar. Der isolierte Wirt vergleicht einfach den alten mit dem
neuen Gleichgewichtszustand, zu dem er allenfalls übergehen
will. Erscheint ihm dann der. Übergang vorteilhaft, so wird er
einfach vollzogen, ohne daß die Erscheinungen des Überganges
durch eine ganz andersartige Methode erfaßt werden. Die
statische Zurechnungstheorie kann in der Dynamik höchstens
argänzt, nicht aber von Grund auf abgeändert werden. Schum-
peter stimmt implicite dieser Ansicht. selbst zu, indem es für
ihn in der Dynamik einen dritten Produktionsfaktor‘ die Unter-
nehmerleistung gibt, der er, auf den Regeln der Statik auf-
bauend, also auf Resultaten, die aus der Betrachtung einer
ständig nach einem gewissen Gleichgewichtszentrum tendieren-
den Wirtschaft gewonnen sind, eine Ertragsquote zurechnet!),
was doch sonderbar erscheinen muß, wenn man früher gelesen
hat, daß Statik und Dynamik zwei ganz verschiedene Bauwerke
sind, die es mit verschiedenen Problemen. und Methoden zu
tun haben.

Schumpeter schreibt an einer Stelle, daß die „Männer
der Tat‘ ebenfalls nach dem Prinzipe der Wirtschaftlichkeit
verfahren und sich im Tauschverkehr dieselben Grundsätze,
die auch die statischen Wirtschaftssubjekte leiten, zu eigen
machen?). Ein anderes Mal führt er wörtlich aus: „Die statische
Theorie steht von der Gesamtheit der wirtschaftlichen Tatsachen
nicht an allen Stellen gleichweit ab. Sie paßt an manchen
Punkten prinzipiell genau, d. h. sie gibt uns da den Schlüssel
des Verständnisses, an anderen nicht. Sie hat so gleichsam
einen Doppelcharakter, in einer Fassung ist sie eine allgemeine
Katallaktik, in einer anderen Fassung eine weitergehende Be-
schreibung einer besonderen Type von wirtschaftlichen Vor-
gängen‘“3). „Man könnte kurz sagen: Soweit die Statik nichts
ist als eine Logik des Wirtschaftens, gilt sie allgemein. Soweit
sie eine Psychologie des Wirtschaftens gibt, versagt sie in einem
sehr wesentlichen Fall. Da gilt sie nicht allgemein“ %).

Hier kommt es also deutlich zum Ausdruck, daß die Statik

1) Schumpeter, Entwicklung, S. 222ff. ?) ebda., 1. Aufl., S. 138,

2) ebda., 1. Aufl., S. 512. *) ebda., 1. Aufl., S. 512 Anm. 1, Vgl. auch
Löwe, Adolf, Zur ökonomischen Theorie des Imperialismus, in: Wirtschaft
u. Gesellschaft, Festschrift £. Franz Oppenheimer, Frankfurt 1924, S. 214/15.
        <pb n="72" />
        3G

allgemein, also auch für.die Schumpetersche Dynamik „gilt“,
sodaß es verständlich ist, wenn sich für Schumpeter in der
Depressionsperiode die Unternehmer im Verein mit den hedoni-
schen Subjekten der neu geschaffenen Lage anpassen, was eben
unter den in der Depressionsperiode herrschenden Umständen
die Logik des Wirtschaftens erfordert. Hieraus folgt aber,
daß die Depressionsperiode nicht die Tatsachengruppe darstellt,
nicht diese besondere Psychologie des Wirtschaftens darbietet,
auf die die Statik genau paßt. Kurzum, Schumpeters Statik
ist daher mit der Depressionsperiode nicht identisch. Die Gleich-
gewichtstendenzen, die sich in den periodischen Depressionen
der Wirtschaft zeigen, sind keine statischen Strömungen im
Sinne Schumpeters. Die Aussagen, die für Schumpeters
Statik gewonnen werden, gelten hier nicht ‚ohne weiteres.
Schumpeters Statik, in der ein gewisser Typus von Wirt-
schaftssubjekten, der in der Wirklichkeit immer vorhanden
ist, fehlt, entpuppt sich jetzt als ein individuelles Erkenntnis-
objekt. Andererseits nähert sich Schumpeter mit der Be-
merkung, daß die Statik, soweit sie nichts ist als eine Logik des
Wirtschaftens, allgemein gilt, unserer Auffassung. Die Statik
„gilt“ jetzt auch für die Dynamik. Die Statik ist also nur ein
höherer Abstraktionsgrad, der aus dem Erkenntnisobjekt
Dynamik gewonnen ist.

Schumpeter_ übersieht anscheinend, daß seine Statik
individueller_Natur. ist... Denn er bezeichnet die Depressiöns-
periode als Statisierungsperiode und spricht von einer Weit-
gehenden Annäherung an einen entwicklungslosen Zustand,
also an die statische Wirtschaft!). Früher ging er sogar weiter
und sprach schlechthin von einem statischen Zustand der
ganzen Volkswirtschaft, der zwischen je zwei Teilentwicklungen
liegt?). Jetzt hat er seine Ausführungen bezüglich dieses Punktes;
wohl auf die von Böhm-Bawerk gemachten Einwände hin®),
3twas Vorsichtiger formuliert‘). Die Folgen, die sich daraus

1) Schumpeter, Entwicklung, S. 342, 355/58, *) ebda., 1. Aufl., S. 447.

») Böhm-Bawerk, Eine „dynamische‘“ Theorie des Kapitalzinses,
5, 40/43, 49, 650/51.

*) Schumpeter, Entwicklung, S. 121 Anm. 21. Schumpeter, Ent-
gegnung, S. 613/16.
        <pb n="73" />
        50 —

ergeben, daß er Aussagen, die für ein rein individuelles Er-
kenntnisobjekt gewonnen sind, zu generellen erhebt, indem sie
wenigstens annähernd auch für die Depressionsperiode zu-
treffen sollen, werden wir später bei der Diskussion des Zins-
problems studieren. Jedenfalls aber können wir jetzt schon
soviel feststellen, daß diese neuerdings gemachten Einschrän-
kungen diese Folgen nicht vollständig ausmerzen können,
da bezüglich der Depressionsperiode für Schumpeter eben
immer noch eine weitgehende Annäherung an einen entwick-
lungslosen Zustand vorliegt, die Aussagen Schumpeters für
seine Statik im großen und ganzen also auch hierfür übernommen
werden müssen, was deutlich genug aus Schumpeters Fest-
stellung hervorgeht, daß der Zins in der Depressionsperiode
eliminiert werden müßte, wenn sie nur lange genug dauern
würdel). Es ist auch ganz erklärlich, daß Schumpeter sich
bemühen muß, die Geltung seiner für die Statik gewonnenen
Resultate auch für die Depressionsperiode plausibel zu machen,
denn sonst würde er selbst seine Statik von vornherein als indivi-
duelles Erkenntnisobjekt diskreditieren.

Ehe wir zu einem neuen Thema übergehen, müssen wir
noch Schumpeters zweites Argument, das er zur Begründung
der Unterscheidung von Statik und Dynamik, wie er sie vor-
nimmt, anführt, diskutieren: Die Neuerungen in der Wirtschaft
vollziehen sich in der Regel nicht so, „daß erst neue Bedürfnisse
spontan bei den Konsumenten auftreten und durch ihren Druck
der Produktionsapparat umorientiert wird ..., sondern So,
daß neue Bedürfnisse den Konsumenten von der Produktions-
seite her anerzogen werden, sodaß die Initiative bei der letzteren
liegt — einer der vielen Unterschiede zwischen dem Absolvieren
des Kreislaufes in gewohnten Bahnen und dem Entstehen neuer
Dinge: Im ersteren Falle ist es zulässig und im zweiten ist es das
nicht, Angebot und Nachfrage einander als prinzipiell unab-
hängige Faktoren gegenüberzustellen. Woraus folgt, daß es
eine Gleichgewichtslage im Sinne des ersteren Falles im zweiten
nicht geben kann‘2).

1) Schumpeter, Entgegnung, $S. 614/16; Schumpeter, Entwicklung,
5. 302. 2%) ebda., S. 100, vgl. auch S. 137,
        <pb n="74" />
        61

Wir stimmen zu, im zweiten Falle ist eine Gleichgewichts-
tendenz der gesamten Wirtschaft nicht denkbar, im ersten Falle
liegt die „Störungsursache‘“, die Änderung in der Geschmacks-
richtung der Konsumenten, bereits vor. Indem man sich bemüht,
den Produktionsapparat entsprechend umzuorientieren, wird
eine allgemeine Gleichgewichtstendenz ausgelöst. Wir befinden
uns hier eben noch in der Statik, die Datenänderung liegt be-
reits vor. Nicht so im zweiten Falle. .Die Datenänderung ist
hier noch nicht vollendet. Vielmehr wird sie erst vorgenommen,
indem man an die Durchsetzung neuer Kombinationen geht.
Von einem Anpassungsprozeß kann noch nicht die Rede sein,
da die „Störungsursache‘‘ noch..nicht. vorliegt. Damit ist aber
doch bloß gesagt, daß wir uns jetzt.in der Dynamik befinden,
daß die Daten sich ändern. Es ist vorerst. damit keine Be-
gründung gegeben, weshalb Statik und.Dynamik zwei scharf zu
scheidende generelle‘ Erkenntnisobjekte sein sollen. Das würde
nur dann der Fall sein, wenn man zur Erfassung des Übergangs-
stadiums von einem Wirtschaftsniveau zum andereti eine ganz
andere Methode hätte und brauchte, mit der man diesen Vorgang
als Gesamtbewegung nach einem bestimmten Punkte erfassen
könnte. Wie wir wissen, liefert Schumpeter ein derartiges
theoretisches Rüstzeug nicht, sordern arbeitet genau So wie
Cassel mit statischen Raisonnements. Wir erwähnten schon
oben?), daß das isolierte Wirtschaftssubjekt oder auch die Einzel-
wirtschaft in der Verkehrswirtschaft in seiner bzw. ihrer Kalkula-
tion das Übergangsstadium nicht durch eine besondere Methode
erfaßt, sondern von bestimmten „Momentphotographien‘“ aus-
geht. In der Tauschwirtschaft ist das ähnlich, auch hier kommen
wir mit der statischen Methode aus. Wir betrachten die einzelnen
Märkte und untersuchen, welche Änderungen infolge Auftretens
des Unternehmers hier die stets herrschende Gleichgewichts-
tendenz hervorruft — bringen also das in der Statik gewonnene
„Gesetz der Grenzpaare‘““ zur Anwendung — überlegen dann,
was das für die übrigen Märkte für Folgen hat, und kommen auf
diese Weise zu einem Punkte, wo wir erkennen, daß die Dis-
krepanzen zwischen den einzelnen Märkten ein weiteres Auf-

MM

Siehe oben S. 57/58.
        <pb n="75" />
        62

treten neuer Unternehmungen verhindern, was schließlich zu
einer allgemeinen Gleichgewichtstendenz führt.
Wir gelangen damit wieder zu unserem früheren Resultat.
Wir können das in der Statik gewonnene Rüstzeug bei der Durch-
forschung der Dynamik nicht entbehren. Es erscheint daher
zweckmäßig, die Statik nicht als ein von der Dynamik zu unter-
scheidendes generelles ' Erkenntnisobjekt, sondern als einen
durch Abstraktion aus der Dynamik gewonnenen Begriff hin-
zustellen.

Wir sind am Schluß dieses Abschnittes, der für die folgenden
Untersuchungen die Grundlage bilden soll, angelangt und heben
die Resultate kurz hervor: In Übereinstimmung mit Streiler
ist für uns Statik und Dynamik ein Begriffspaar, Die Dynamik
ist als Erkenntnisobjekt der theoretischen Nationalökonomie
ein genereller Begriff, aus dem durch Abstraktion von den Ver-
änderungen der ‚systembestimmenden Daten die Statik ge-
wonnen wird. Cassels Begriff der Statik stimmt mit dem
unsrigen überein. Ob aber Statik und Dynamik bei ihm ein
Begriffspaar bilden, ist fraglich, da man darüber streiten kann,
ob Cassels Dynamik genereller Natur ist. Bei Schumpeter
handelt es sich zunächst um zwei toto coelo verschiedene Dinge,
um zwei generelle Erkenntnisobjekte — Wirtschaft ohne und
Wirtschaft mit Unternehmer — um zwei Wissenschaften, die
es mit verschiedenen Problemen und Methoden zu tun haben.
Dann’ findet aber eine Begriffsverschiebung statt, die an sich
verständlich ist, da, wenn man mit zwei generellen Erkenntnis-
objekten arbeitet, man eine besondere Erklärung für den Über-
gang von einer Wirtschaft zur anderen, die Schumpeter
nicht bringt und die auch wohl schwer zu liefern ist, geben muß,
außerdem dann die statische. Zurechnungstheorie, die man zur
Erfassung der Vorgänge in der Dynamik braucht, nicht. ohne
weiteres auf diese anwendbar ist. Diese Begriffsverschiebung
zeigte uns deutlich den historischen Einschlag der Schumpeter-
schen Statik. Sie fällt nicht mit den Depressionsperioden, in
denen für Schumpeter auch „Männer der Tat‘ existieren,
zusammen, da diese für Schumpeter aus der Statik ex defini-
tione ausgeschlossen Sind. Während für Cassel und für uns
        <pb n="76" />
        63 —

die Aussagen, die wir für die Statik machen, ohne weiteres auch
Geltung für die Dynamik haben und hier höchstens ergänzt,
nicht aber umgestoßen werden, können Schumpeters Resultate,
die er aus der Betrachtung seiner individuell gefärbten Statik
erlangt, weder für seine Dynamik noch für die Depressions-
perioden ohne weiteres Geltung beanspruchen. Schumpeter
übersieht das; Wir werden daher bei der Behandlung der Pro-
bleme der Kapitalstheorie, zu der wir jetzt übergehen, diesen
Punkt im Auge behalten, da vielleicht hier eine Ursache für die
verschiedene Lösung des Zinsproblems seitens Cassels und
Schumpeters zu suchen ist.

2, Cassels und Schumpeters Ansichten über die drei Zinsgründe
Eugen v. Böhm-Bawerks.
a)Casselsund Schumpeters Stellungzum drittenGrund.
„Gegenwärtige Güter sind in aller Regel mehr
wert als künftige Güter gleicher Art und Zahl‘).
Dieser Satz, der den Kern- und Mittelpunkt derBöhm-Bawerk-
schen Zinstheorie bildet, wird aus dem Zusammenwirken dreier
Gründe abgeleitet:
1. aus der Verschiedenheit des Verhältnisses von Bedarf
und Deckung in den verschiedenen Zeiträumen?);

2. aus der systematischen Unterschätzung zukünftiger
Bedürfnisse und der Mittel, die zu ihrer Befriedigung dienen?®);

3. aus der technischen Überlegenheit gegenwärtiger Güter,
weil diese das Einschlagen zeitraubender, in aller Regel aber
technisch mehrergiebiger Produktionsumwege gestatten und
infolgedessen einen höheren Grenznutzen verbürgen, als künf-
tige?)

Diese drei Zinsgründe Böhm-Bawerks werden von den
meisten Zinstheoretikern mehr oder weniger, implicite oder
explicite, mit dieser oder jener Zwischenerklärung in ihren
Zinstheorien verwendet, So liegen die Dinge auch bei Schu m-

1) Böhm-Bawerk, Positive Theorie, S. 318 (von Böhm-Bawerk unter-
strichen). 2) ebda., S. 328. 2) ebda, S. 332. % ebda., S. 339.
        <pb n="77" />
        64

peter und Cassel, so daß wir, indem wir die Stellung jedes
dieser beiden Autoren zu. den einzelnen Gründen untersuchen,
für unseren Gedankengang eine gute Disposition erhalten.

Böhm-Bawerks dritter Grund — die These von der
Mehrergiebigkeit der kapitalistischen Produktionsumwege —
der weiter nichts als eine nähere Umschreibung der bei den
meisten Zinserklärungen herangezogenen Tatsache der Produk-
tivität des Kapitals darstellt!), ist nach Böhm-Bawerks
eigenen Äußerungen der Grundpfeiler seiner Zinstheorie?), Wir
beginnen deshalb hier. mit unserem Vergleich.

Über Cassels Stellung zu der These von der technischen
Mehrergiebigkeit zeitraubender Produktionsumwege und die
Bedeutung, die er dieser Tatsache bei seiner Zinserklärung bei-
mißt, ist nicht allzuviel zu sagen, da er hier denselben Stand-
punkt wie Böhm-Bawerk einnimmt, was auf den ersten Blick
nur infolge der Ausschaltung einer bewußten Wertlehre und
infolge der anderen Zwischenerklärung, die Cassel liefert —
nach Böhm-Bawerks Ansicht eine Kombination der von
ihm abgelehnten Nutzungs- und Abstinenztheorie — nicht
klar hervortritt.

Für Cassel besteht ebenfalls ein unerschöpflicher Fonds
latenter Möglichkeiten nützlicher Verwendungen von Kapital-
disposition zwecks Ausnutzung dauerhafter Güter®), so daß der
Zins, auch bei jedem denkbaren Angebot, niemals auf Null
sinken kann, was erstens heißt, daß Cassel die Tatsache des
dritten. Grundes als solche anerkennt, ihr zweitens aber auch
in quantitativer Hinsicht dieselbe Bedeutung wie Böhm-
Bawerk beilegt, was übrigens letzterer auch selbst feststellt‘).

Nun finden sich aber auch bei Cassel Äußerungen, die
den Anschein erwecken, als ob er die Tatsache des dritten
Grundes zu leugnen geneigt ist. Wie man leicht einsehen wird,
handelt es sich hier nur um Mißverständnisse seitens Cassels,
die hauptsächlich auf eine Besonderheit der Casselschen
Terminologie zurückzuführen sind. Wenn Böhm-Bawerk

1) Vgl. Böhm-Bawerk, Positive Theorie, S, 338, *) ebda., S. 342.
Böhm-Bawerk, Exkurse, S, 248,

3) Cassel, Theorie, S. 202ff., 235. Cassel, Nature, S. 108/10, 121/23,

4) Böhm-Bawerk, Exkurse, S. 25. Anm. 2.
        <pb n="78" />
        — 65

vom Produktionsprozeß spricht, so meint er den Prozeß als
Ganzes und nicht irgendeinen Teil desselben!). Wenn Böhm-
Bawerk in seiner Kapitalstheorie von einer Verlängerung der
Produktionsperiode, was für ihn Produzieren mit mehr Kapital
pro Kopf der Bevölkerung bedeutet, spricht, so meint er nicht
eine Verlängerung der absoluten Produktionsperiode, sondern
will damit sagen, daß in diesem Falle originäre Produktiv-
leistungen aus einem der Werkvollendung näheren Stadium
in einem weiter zurückliegenden investiert werden, so daß die
durchschnittliche Wartezeit, d. i. die durchschnittliche Wege-
dauer, die zwischen dem sukzessiven Aufwand an Arbeit und
Boden und Erlangung des Genußnutzens liegt, länger wird.
Nur bei solchen Produktionsmethoden, bei denen sich Aufwand
an Arbeit und Boden über die ganze Periode gleichmäßig ver-
teilt, gibt die absolute Länge der Produktionsperiode einen an-
gemessenen Maßstab für den Grad des Kapitalismus. Böhm-
Bawerk bezeichnet eine solche gleichmäßig ausgefüllte Periode
als „durchschnittliche‘‘ Produktionsperiode?).

Cassel faßt den Begriff der Produktion einerseits weiter
als Böhm -Bawerk®). Solange getauscht wird, liegt für Cassel
noch Produktion im wirtschaftlichen Sinne vor; z. B. befinden
sich Mietshäuser, bei denen der Hauswirt immer noch irgend-
welche Leistungen aufwenden muß, um das Produkt, die
Wohnungsnutzung liefern zu können, noch im Produktions-
prozeß*). Andererseits stellt er auch noch einen anderen, engeren
Begriff der Produktion auf. Er unterscheidet in seiner Kapitals-
theorie waiting for consumption oder das Warten, das zwecks
Ausnutzung dauerhafter Güter benötigt wird, von dem waiting
for production, d. h. Warten, das nötig ist, weil die Produktion
im engeren technischen Sinn Zeit erfordert®), Der Produktions-
prozeß wird also hier arbeitsteilig betrachtet, und unter Pro-
duktion wird jetzt nur die Herstellung eines Gutes, nicht aber,
falls es sich um ein dauerhaftes Gut handelt, die Ausnutzung
desselben, auch wenn es als Zwischenprodukt dient, verstanden.

1) Böhm-Bawerk, Positive Theorie, S. 116/17. ?)ebda., S. 118/20.

») ebda., S. 96ff., 124 Anm. 1, 127 Anm. 1.

1) Cassel, Theorie, S, 16/17, 24, 38,

;) Cassel, Nature, S. 96, 123. Cassel, Theorie, S. 182/83, 210.
YNeinze. Statische oder dynamische Zinsthenrie?
        <pb n="79" />
        66 —

Für Böhm-Bawerk rechnet dagegen die Ausnutzung dauer-
hafter Güter, soweit ihre Nutzleistungen Zwischenprodukte
darstellen, mit zum Produktionsprozeß. Die Ausnutzung dauer-
hafter Genußgüter ist dagegen für ihn eine wichtige Parallel-
erscheinung der kapitalistischen Produktionsumwege*).

An sich handelt es sich, wie Franz X, Weiß bemerkt,
nur um einen Unterschied in der Anordnung der Darstellung?).
Dieser hat aber, wie Böhm-Bawerk selbst feststellt®), zu
einer unnötigen Polemik geführt. Cassel hebt gegenüber
Böhm-Bawerk hervor, daß man in‘ der modernen kapitalisti-
schen Wirtschaft auf die Verkürzung der Produktionsperioden
dränge*) und das Fallen des Zinses nur in Ausnahmefällen eine
Verlängerung des Produktionsprozesses zur Folge haben würde.

Cassel macht hier infolge seiner andersartigen Termino-
logie einen Einwand, der Böhm-Bawerk gar nicht trifft.
Letzterer gibt selbst zu, daß es in manchen Stadien des arbeits-
teiligen Prozesses Zeitgewinne gibt, z. B. daß man mit der
Eisenbahn schneller transportiert als per Achse®), infolgedessen
also hier das Produkt schneller geliefert wird, als wenn man
einen kürzeren Umweg eingeschlagen hätte. Damit ist aber
über die Länge des gesamten Umweges gar nichts gesagt, sondern
nur festgestellt, daß in einem bestimmten arbeitsteiligen Stadium
der Produktion die Wartezeit verkürzt wird, indem das einzelne
Produkt schneller fertig wird, als bei der Anwendung einer
kürzeren durchschnittlichen Produktionsperiode, Daß Cassel
die Tatsache der technischen Mehrergiebigkeit zeitraubender
Produktionsumwege zugibt, geht indirekt aus den Äußerungen
hervor, daB der Tendenz zur Verkürzung des Produktions-
prozesses im engeren technischen Sinn bald eine Grenze gesetzt
ist, andererseits man aber immer mehr dauerhafte Güter braucht,

1) Böhm-Bawerk, Positive Theorie, S. 121ff.

2) Weiß, Franz X., Produktionsumwege und Kapitalzins, Ztschr. f.
Volksw. u. Sozialpol., Neue Folge, 1. Bd., Wien u. Leipzig 1921, S. 501 Anm.1.

s) Böhm-Bawerk, Positive Theorie, S. 127 Anm. 1. Böhm-Bawerk,
Exkurse, S. 42 Anm. 2,
; 4) Cassel, Arbeitsertrag, S, 104/05. Cassel, Nature, S. 125/27. Cassel,
Theorie, S. 210/11.

5) Böhm-Bawerk, Exkurse, S. 44/45. Böhm-Bawerk, Positive
Theorie, S. 113.
        <pb n="80" />
        567

so daß man mit einer fortwährenden Steigerung der Nachfrage
nach Kapitaldisposition, nach Warten rechnen muß!), was,
wenn man Konstanz der Bevölkerung annimmt, doch bedeutet,
daß ein Mehr an Kapital auf den Kopf der Bevölkerung einem
Mehr an Warten, also einer Verlängerung der durchschnitt-
lichen Produktionsperiode der Volkswirtschaft entspricht. Das
führt uns zugleich zu Cassels zweitem Einwand.

Nach Casse] wird der Dienst des Wartens bzw. die Kapital-
disposition durch das Produkt einer Wertsumme und einer
Zeit gemessen. Es ist dasselbe, ob ich eine Summe von 1000 M.
auf einen Monat oder 500 M. auf zwei Monate ausleihe?). „Wenn
die sozialistische Gesellschaft eine Kapitalvermeh-
rung oder eine „Verlängerung der Produktionszeit“
oder beides auf einmal unternimmt, so stellt sich
infolge der Tatsache, daß die Produktion Zeit er-
fordert, mit Notwendigkeit ein Defizit ein, das darin
besteht, daß die Gesellschaft Arbeiter beschäftigt,
die sie nicht imstande ist, mit verfügbaren Nützlich-
keiten zu entlohnen. Hier können wir beobachten, wie
Kapitalvermehrung und Verlängerung der Produktionszeit für
das Entstehen des Defizits eine symmetrische Bedeutung haben
und nebeneinander zu stellen sind. Böhm-Bawerk hat diese
natürliche Symmetrie gestört, indem er das Zeitmoment mit
dem Begriff „Produktionsperiode‘“ zum alleinigen Grund seiner
Untersuchungen macht‘“?).

Cassel trifft mit diesen Ausführungen, was dieser ebenfalls
Selbst festgestellt hat‘), Böhm-Bawerk nicht. Cassel denkt
hier an eine absolute Kapitalvermehrung, während Böhm-
Bawerk immer die Vermehrung des Kapitals pro Kopf der
Bevölkerung im Auge hat, wenn er behauptet, daß das Produ-
zieren auf längeren Produktionsumwegen mit dem Produzieren
mit mehr Kapital! pro Kopf der Bevölkerung identisch sei.
Cassel formuliert diese Erkenntnis selbst, wenn er_schreibt,
daß sich ein Zuschuß von Kapitaldisposition nicht in das
1) Cassel, Nature, S, 128. Cassel, Theorie, S. 211. *) ebda., S. 186/87,

3) Cassel, Arbeitsertrag, S. 103/04 (die Unterstreichungen stammen
von Cassel).

‘) Böhm-Bawerk, Exkurse, S. 120 Anm. 1.
        <pb n="81" />
        68
Schema einer „Verlängerung der Produktionsperiode‘“ ein-
zwängen läßt, „ohne daß man einer solchen Verlängerung eine
andere Bedeutung gibt als die einer Veränderung der tech-
nischen Produktionsmethode‘‘?),

Cassels Einwände gegen Böhm-Bawerks dritten Grund
beruhen demnach auf Mißverständnissen seitens des ersteren.
Cassel verwendet die Tatsache der Mehrergiebigkeit zeit-
raubender Produktionsumwege ebenfalls als eine Hauptstütze
seiner Zinstheorie, und kommt, was uns hier besonders inter-
essiert, dabei zu dem Schlusse, daß der Zins eine statische Er-
scheinung ist, daß infolge der unerschöpflichen Möglichkeiten,
technisch mehrergiebige, aber zeitraubende Produktionsumwege
einzuschlagen, immer ein Preis für den Dienst des. Wartens
gezahlt werden muß, insbesondere der Zins heutzutage in einer
stationären Wirtschaft, wo infolge des stets gleichbleibenden
Angebotes an Kapitaldisposition die Nachfrage besonders stark
zusammengepreßt werden muß, sehr hoch stehen müßte?),
Cassel stimmt damit Böhm-Bawerk zu, der ausdrücklich
anläßlich der Kritik der Schumpeterschen Zinstheorie den
Zins als eine statische Erscheinung, die besonders durch das
Wirken des dritten Grundes hervorgerufen wird, hinstellt?),

Wie verhält sich nun Schumpeter gegenüber Böhm-
Bawerks drittem Grund? Als Tatsache leugnet Schumpeter
den dritten Grund nicht. Jedoch verwertet er ihn nicht bei
seiner Zinserklärung*). In der Statik leistet diese Tatsache für
ihn nicht das, was sie soll, und in der Dynamik glaubt Schum-
peter, mehr auf das Neue, auf die Durchsetzung neuer Kom-
binationen Gewicht legen zu müssen®).

Unser nächster Schritt wäre wohl, Schumpeters Argu-
mente, die ihn veranlassen, die These von der Mehrergiebigkeit
zeitraubender Produktionsumwege als genügende Erklärungs-
basis für den Zins in der Statik abzulehnen, zu besprechen.
Wir wollen diesen Schritt jedoch noch etwas hinausschieben,

) Cassel, Theorie, S. 175. 2%) ebenda, S, 227/28. Vgl. auch
Cassel, Theorie, 3. Aufl., 5, 236/37.

*) Böhm-Bawerk, Eine „dynamische“ Theorie d. Kapitalzinses, S. 29,

*) Schumpeter, Entwicklung, 1. Aufl., S. 20.

5) Schumpeter, Entgegnung, S. 610/11, Schumpeter, Entwicklung,

949

SS
        <pb n="82" />
        69

um zuvor ein Hindernis aus dem Wege zıu räumen, das später
die Diskussion recht komplizieren könnte. -

Ist die Erklärung des Zinsphänomens, die Böhm-Bawerk
mit Hilfe seines dritten Grundes liefert, wirklich eine statische
— statisch ist hier in unserem Sinn gemeint — d. h. folgt aus
dem Satz von der technischen Mehrergiebigkeit der kapitalisti-
schen Produktionsumwege denknotwendig die Existenz _des
Zinses in einer statischen „Wirtschaft, also in einer Wirtschaft,
in der immer die gleiche Methode durchgeführt wird, oder
müssen mehrere Methoden mit verschiedenen physischen Mehr-
erträgen nebeneinanderstehen, um einen reinen Mehrwert ab-
leiten zu können? Das ist die Frage, die es vorerst zu beant-
worten heißt. Ist sie gelöst, so wird es nicht schwer fallen, auf
Schumpeters Argumente einzugehen.

Fassen wir also jetzt Böhm-Bawerks dritten Grund und
die darauf aufgebauten Schlüsse etwas näher ins Auge. Da
zeitraubende Produktionsumwege technisch mehrergiebiger sind,
so liefert jedes ältere Produktivmittel, jeder ältere Arbeits-
monat gegenüber jedem jüngeren für jeden denkbaren Bedürf«
niskreis mehr Befriedigungsmittel. Und die größere Gütermenge
hat für ein- und dieselbe Person und in ein- und demselben Zeit-
punkte auch. immer den größeren Wert!) — ein Schluß, den
Böhm-Bawerk an Hand der nachstehenden Tabelle anschau-
licher zu machen sucht:
„Ein Arbeitsmonat aus dem Jahre

ergibt für

die Wirt-
Schafts-
periode

iR88
889
890
891
892
893
1894
1895

{888

1889

100 -
200 100
280 200
350 280
400 350
440 400
470 440
500 a0 |

|

1890

90
200
280
350
400
440

18091

100
200
280
| 350
400

Produkt-
ein-
heiten“?)

1) Böhm-Bawerk, Positive Theorie, S. 339/49. *) ebda., 2. Aufl.,
S. 276. Wir zitieren hier aus der 2, Aufl. d. Pos. Theorie, weil Bortkiewicz
bei seiner Kritik, auf die wir näher eingehen müssen, von der dort an-
geführten Tabelle, in der gegenüber den späteren Auflagen die Jahres-
zahlen andere sind, ausgeht (vgl, Böhm-Bawerk, Posit. Theorie, S. 340).
        <pb n="83" />
        70

Gegen den Schluß, den Böhm-Bawerk aus dieser Tabelle
zieht, nämlich daß, ganz abgesehen vom ersten und zweiten
Grund, der dritte Grund eine Wertüberlegenheit des älteren
Arbeitsmonates über den jüngeren Arbeitsmonat hervorruft,
hat man Einwände gemacht, die in der Ansicht gipfeln, daß
die vorstehende Tabelle nicht richtig aufgestellt und deshalb
Böhm-Bawerks Aussage über die Wirksamkeit des dritten
Grundes nicht zutreffend sei. Vor allem sind hier L. v. Bort-
kiewicz!) und Irving Fisher?) zu,nennen, dann aber auch
Emil Sax®, Emil Schade*), Rudolf Stolzmann®) und
Knut Wicksell®), bei denen sich Bemerkungen finden, die
ebenfalls mehr oder weniger in diese Richtung weisen. Die
Antikritik, die Böhm-Bawerk an den bezüglich dieses Punktes
gemachten Einwänden seiner Kritiker — es handelt sich hier
um die Ausführungen Bortkiewicz’s und Fishers — geübt
hat”), ist ziemlich weit ausgesponnen, was, um gleich unsere
Ansicht vorweg zu nehmen, seinen Grund darin hat, daß Böhm-
Bawerks Kritiker die Tragweite ihres Einwandes nicht klar
erkannt haben, besonders aber, daß Böhm-Bawerk hier ver-
sucht hat, eine Sache zu verteidigen, die nicht zu verteidigen
ist und die er auch nicht zu verteidigen braucht, da einerseits
Böhm-Bawerks Kritiker mit ihrem Einwande im Recht sind,
andererseits Böhm-Bawerk selbst seine Zinstheorie gar nicht
auf diesem Schluß aus der These der Mehrergiebigkeit zeit-
raubender Produktionsumwege aufbaut.

Der in Frage stehende Einwand lautet in Bortkiewicz’s
Formulierung: „Vor allem erheischt seine Tabelle, welche als

1) v. Bortkiewicz, L., Der Kardinalfehler d. Böhm-Bawerkschen
Zinstheorie, Schmoll. Jahrb., 30. Jahrg., 3. Heft, Leipzig 1906, S. 951{ff,

?) Fisher, Irving, The Rate of Interest. New York 1907. Ch. IV.
88 4—7.

%) Sax, Emil, Der Kapitalzins, Krit. Studien, Berlin 1916, S. 56/57.

*) Schade, Emil, Böhm-Bawerks Zinstheorie u, seine Stellung z.
Produktivitätstheorie, Annalen des Deutschen Reiches f. Gesetzgebung,
Verwaltg. u. Volksw., 39. Jahrg., München 1906, S. 275ff,

5) Stolzmann, Rudolf, Die soziale Kategorie d. Wertes i. d. Volks-
wirtschaftslehre, Berlin 1896, S. 321/23.

°) Wicksell, Knut, Vorlesungen über Nationalökonomie auf Grund-
lage d. Marginalprinzipes, Theoret. Teil, 1. Bd., Jena 1913, S. 236/37.

7) Böhm-Bawerk, Exkurse, Nr. XIL
        <pb n="84" />
        71

Grundlage für die obigen Ausführungen dient, eine Korrektur,
die auf den ersten Blick unwichtig erscheinen mag, aber sich
dann als sehr wesentlich erweist. v. Böhm-Bawerk sagt nicht,
ob man sich die Zahlenreihen in jeder Spalte der Tabelle als
unbestimmt fortgesetzt zu denken habe, oder ob diese Zahlen-
reihen abbrechen. Man muß natürlich letzteres annehmen,
da die Verlängerung der Produktionsperiode schon aus physi-
kalischen Gründen eine Grenze haben muß. Da es dabei für die
hier zur Diskussion stehende prinzipielle Frage selbstverständ-
lich nichts ausmacht, ob man mit dem 7., 8. oder 20. Jahre die
Reihen abschließt, so soll angenommen werden, daß die Produk-
tion höchstens diejenige Zahl von Jahren in Anspruch nehmen
kann, bis zu welcher die Böhm-Bawerksche Tabelle herab-
geht. Das sind sieben Jahre“.
„Nun darf man aber nicht annehmen, daß die Zukunfts-
pläne der verschiedenen Produzenten nicht über 7 Jahre, von
der Gegenwart (1888) ab gerechnet, hinausreichen. Derjenige
z. B., dem erst im Jahre 1889 ein Arbeitsmonat zur Verfügung
steht, wird gegenwärtig, d, h. im Jahre 1888, auch damit rechnen,
daß er im Jahre 1896 500 Produkteinheiten erzielen kann; der-
jenige, dem erst im Jahre 1890 ein Arbeitsmonat zufällt, wird
ins Auge fassen, daß er im Jahre 1896 470 und im Jahre 1897
500 Produkteinheiten herstellen kann, usw. Mit der Ergänzung,
die durch obige Erwägungen geboten erscheint, wird die Tabelle
folgende modifizierte Gestalt annehmen‘“‘:
„Ein Arbeitsmonat aus dem Jahre

ergibt für

die Wirt-
schafts-
periode

1888
889
890
391
292
893
894

‚895

896
897
2108

RQRQQ

L00
200
280
350
zw
+J
m

1
18rRO

100
200
280
350
“90

49
“70
290

F1RON

100
200
280
250
100
440
470
500

[801

100
200
280
350
400
440
470
30

Produkt-
ainheiten‘‘
        <pb n="85" />
        72

„Vergleicht man jetzt miteinander die Produktionserträge,
die aus einem Arbeitsmonat aus dem Jahre 1888, einem solchen
aus dem Jahre 1889 usw. hervorgehen,:so wird sich nicht mehr
sagen lassen, daß die ältere Produktivmittelmenge für jeden
denkbaren Bedürfniskreis, zu dessen Gunsten sie verwendet
werden kann, mehr Befriedigungsmittel zur Verfügung stellt
als die jüngere, woraus sich dann ein Plus an Wert ergeben
müsse. Denn 100 ist zwar größer als 0, 200 größer als 100 usw.,
bis 500 größer als 470. Aber handelt es sich z. B. um einen
Vergleich zwischen dem 1888er und dem 1889er Arbeitsmonat,
so kommen noch (für 1896) hinzu auf der einen Seite 0, auf
der anderen Seite 500. Das Resultat, zu dem man auf diese
Weise gelangt, wäre also, sofern man über die Wertbeziehungen
zwischen den zeitlich auseinanderliegenden Genußgütern nichts
weiß, ein non liquet“.

„Es steht aber frei, die Vergleiche anders, nämlich diagonal-
weise absteigend auszuführen. Dann kommt man immer auf
gleich große Produktmengen, die aber in verschiedene Zeiten
Fallen. Es fragt sich, ob diese zeitlichen Unterschiede für die
Wertbemessung etwas ausmachen, und es ist klar, daß die Ant-
wort auf die so gestellte Frage davon abhängt, ob man die
Gründe, welche nach v, Böhm-Bawerk eine Wertdifferenz
zwischen gegenwärtigen und künftigen Genußgütern bedingen,
anerkennt öder nicht. Man sieht sich m. a. W. veranlaßt,
auf die beiden ersten Gründe des Kapitalzinses zurück-
zugreifen“.
„Daß dem so ist, darf nicht wundernehmen. Empfangen
doch die Produktivmittel, der Grenznutzentheorie gemäß, ihren
Wert von dem Wert der Genußgüter, zu deren Herstellung
sie dienen; sind also zeitlich auseinanderliegende Produktiv-
mittel gegeben, so liegt es nahe, anzunehmen, daß Wertdiffe-
renzen zwischen ihnen sich nur insofern herausstellen können,
als die Genußgüter, die aus ihnen hervorgehen, in verschiedenen
Zeiten zur Herstellung gelangen. Setzt man aber for the sake
of argument die Zeit als Wertfaktor für die Genußgüter außer
Kraft, so verliert dieses Moment auch für die Produktivgüter
seine Bedeutung als Wertfaktor. Das sieht man sofort ein,
wenn man den Vergleich zwischen den betreffenden Produkt-
        <pb n="86" />
        73

mengen wie oben angegeben, d. h. in absteigender Richtung
nach Diagonalen vorgehend, anstellt‘‘.
„Ein Leichtes ist es aber auch, sich von demselben zu über-
zeugen, wenn man einander Zahlen gegenüberstellt, die jeweils
in der gleichen Horizontale liegen. Hierbei würden sich nämlich
die Abweichungen in plus und die Abweichungen in minus
die Wage halten. Gerade nach diesem Prinzip führt v. Böhm-
Bawerk seine Vergleiche aus, und er kommt zu einem anderen
Ergebnis nur aus dem Grunde, weil er in ganz willkürlicher und
dem Problem nicht angemessener Weise die miteinander zu
vergleichenden Zahlenreihen abbricht. Er läßt den Endpunkt
der längsten von den in Betracht kommenden Produktions-
perioden mit dem Endpunkt des Zeitraumes, auf den hinaus
sich der Wirtschaftsplan des Produzenten erstreckt, ohne Angabe
der Gründe, zusammenfallen‘‘!).

Böhm-Bawerks Haupteinwand gegen Bortkiewicz‘s
Kritik hat folgenden Inhalt: „Bortkiewicz will das 7. Jahr,
mit dem ich meine tabellarische Vergleichung schließe, zugleich
die äußerste Grenze bezeichnen lassen, bis zu welcher eine Ver-
längerung der Produktionsumwege überhaupt fort-
gesetzt werden kann, und er besteht darauf, daß die tabellarische
Vergleichung noch über diese äußerste Grenze hinaus fortgesetzt
werden müsse. Mit anderen Worten: er will, daß in die tabella-
rische Vergleichung Bewertungsziffern einbezogen werden,
welche von produktiven Verwendungen abgeleitet werden,
bei denen die Mehrergiebigkeit längerer Produktionsprozesse
sich ‘nicht mehr geltend machen kann‘“?). Das heißt aber,
Bortkiewicz’s Ausführungen würden „vollkommen zutreffen
für die INustrierung eines Zustandes, in welchem eine Volks-
wirtschaft mit Gegenwartsgütern so gesättigt ist, daß keine
Verlängerung der Produktionsumwege, die noch zu einer Ver-
größerung des Produktes führen kann, durch das Unzureichen
des Besitzstandes an Gegenwartsgütern gehindert wird‘). „Was

') v. Bortkiewicz, Der Kardinalfehl ö
. er d. Böhm-Bawerkschen Zins-
theorie, Schmoll. Jahrb. 1906, S. 953/55 (di i
EEE WI, , /55 (die Unterstreichungen stammen
2) Böhm-Bawerk, Exkurse, S. 255/56 (die U i
, ‚5. terst
von Böhm-Bawerk). °) ebda., S. aD Clie Knterstreichungemstanımen
        <pb n="87" />
        1

bedeutet aber bei dieser Sachlage die von Bortkiewicz ge-
stellte Zumutung, die Wertvergleichung auf Basis der Annahme
durchzuführen, daß die produktiven Widmungen, von denen
noch maßgebende Wertschätzungen unserer Produktivmittel
abgeleitet werden, über die Zone der Mehrergiebigkeit längerer
Produktionsumwege hinausreichen? — Sie bedeutet nichts
anderes als die Zumutung, daß ich meine These verifizieren
solle unter Voraussetzungen, für die ich sie nicht aufgestellt
habe‘‘2),

Um klar zu zeigen, wo bei dieser Kontroverse der Fehler
liegt, wollen wir unsere kritischen Äußerungen mit folgender
Feststellung einleiten: Für Böhm-Bawerk trägt die Tatsache
der Mehrergiebigkeit zeitraubender Produktionsumwege noch
infolge einer anderen kasuistischen Verknüpfung zur Hervor-
rufung der Zinserscheinung bei. Man schätzt nicht nur gegen-
wärtige Produktivmittel gegenüber künftigen aus tech-
nischen Gründen nach Böhm-Bawerks Ansicht höher, sondern
die Tatsache der Mehrergiebigkeit zeitraubender Produktions-
umwege verhilft auch gegenwärtigen Genußgütern zu einem
Wertvorzug vor künftigen Genußmitteln?). Bin ich für die
gegenwärtige Periode mit Subsistenzmitteln versorgt, so kann
ich die für diese Periode verfügbaren Produktivmittel in einem
Produktionsprozeß investieren, der erst in der nächsten Periode
genußreife Produkte, und zwar mehr genußreife Produkte
liefert, als wenn ich infolge Fehlens eines Subsistenzmittelfonds
die betreffenden Produktivmittel in den Dienst der Gegenwart
stellen und damit eine kürzere, technisch minderergiebige Me-
thode anwenden müßte. Die Differenz beider Produkte ist
der Vorteil, der sich an den Besitz von Gegenwartsgütern an-
knüpft?) — eine Erkenntnis, die bei Böhm-Bawerk schließ-
lich zu dem Ergebnis führt, daß die Zinshöhe bestimmt wird
„durch das Mehrerträgnis derletzten noch gestatteten
Produktionsverlängerung‘“?).

Vergleicht man diese Darlegungen mit Böhm-Bawerks
Tabelle und seinen antikritischen Bemerkungen gegenüber
1) Böhm-Bawerk, Exkurse, S. 258, vgl. auch S. 290/91; ;

2) Böhm-Bawerk, Positive Theorie, S. 349/52. %) ebda., S. 350, 439ff.

ıy ebda., S. 457 (von Böhm-Bawerk unterstrichen).
        <pb n="88" />
        75

Bortkiewicz, so fällt sofort ins Auge, daß die verschiedene
Bewertung, die die verschiedenaltrigen Arbeitsmonate infolge
des Wirkens des dritten Grundes erfahren sollen, von zwei
Seiten her abgeleitet wird. Einmal werden sie einfach als
Produktivgüter, die unmittelbar zur Herstellung einer be-
stimmten Genußgütermenge dienen sollen, betrachtet, das
andere Mal erscheinen sie als potentielle Genußgüter, die das
Einschlagen eines Produktionsumweges von bestimmter Länge
ermöglichen, indem sie, zu bestimmter Zeit genußreif, Arbeitern
und Grundherren vorgeschossen werden können. Es findet
demnach eine doppelte Bestimmung des Grades der Unter-
schätzung zukünftiger Güter statt, die doch offenbar nur dann
haltbar ist, wenn man in beiden Fällen zum gleichen Resultate,
zur gleichen Zinsrate gelangt. Das ist aber, wie man leicht
sehen wird, nicht der Fall. Wenn mir mein Subsistenzmittel-
fonds erlaubt, statt eines sechsjährigen Produktionsumweges
einen siebenjährigen einzuschlagen, so ergibt sich der Grad
der Unterschätzung zukünftiger Güter — wenn ich die Produk-
tivgüter als potentielle Genußgüter betrachte — aus der Differenz
des Produktwertes beider Methoden. Der Böhm-Bawerkschen
Tabelle zufolge wird dagegen der älteste Arbeitsmonat mit dem
Werte des Produktes einer siebenjährigen, der nächst älteste
mit dem Werte des Produktes einer sechsjährigen Produktions-
periode usw. angeschlagen. Im ersten Falle ergibt sich also
eine einheitliche Rate der Unterschätzung, während im zweiten
Falle verschiedene Raten der Unterschätzung vorliegen, ent-
sprechend der Skala der Mehrerträgnisse der verschieden langen
Produktionsumwege, die doch nie so gleichmäßig ausfällt oder
auszufallen braucht, daß die Produktdifferenz zwischen der
sechs- und siebenjährigen Methode, die in unserem Falle. das
„letzte“ Mehrerträgnis ausmacht, genau so groß ist, wie der
Produktunterschied zwischen der fünf- und sechsjährigen, vier-
und fünfjährigen usw. Produktionsmethode. Es kann also nur
eine der beiden Folgerungen, die Böhm-Bawerk auf der Tat-
sache der technischen Mehrergiebigkeit zeitraubender Produk-
tionsumwege aufbaut, richtig sein, und wir glauben, es wird
niemand Bedenken hegen, wenn wir behaupten, daß nur der
zuerst erwähnte Kausalnexus, der das Problem der einheitlichen
        <pb n="89" />
        76

Zinsrate löst, in Frage kommt. Böhm-Bawerks Tabelle
steht also nicht nur. im Widerspruch zu einem großen Teile
seiner sonstigen Ausführungen, sondern sie führt auch zu einem
unmöglichen Resultate,

Folgende Überlegungen sollen das noch deutlicher machen.
Wenn ein Wirtschaftssubjekt einen Subsistenzmittelfonds be-
sitzt, der ihm erlaubt, einen siebenjährigen Produktionsumweg
sinzuschlagen, so ist unter statischen Verhältnissen — und
Böhm-Bawerk nimmt solche an, was, ganz abgesehen von
seinen sonstigen Ausführungen, aus der Bemerkung gegenüber
Bortkiewicz hervorgeht, daß die Durchführung verschieden
langer und ergiebiger Methoden nebeneinander nicht notwendige
Voraussetzung seiner Schlußfolgerungen seil) — doch nichts
anderes möglich, als daß unser Wirtschaftssubjekt, wenn es die
verschiedenaltrigen Arbeitsmonate als Produktivgüter be-
trachtet, den heutigen Arbeitsmonat, der ihm in sieben Jahren
ein bestimmtes Produkt liefert, nicht höher schätzt als den
nächstjährigen Arbeitsmonat, der ihm dasselbe Produkt nur
ein Jahr später bringt — allerdings unter der Voraussetzung,
daß die beiden ersten Gründe nicht wirken?). Wären die beiden
ersten Gründe nicht ausgeschaltet, so würde allerdings eine
Wertüberlegenheit des älteren über den jüngeren Arbeitsmonat
vorliegen, woran jedoch der dritte Grund keinen Anteil haben
würde. Es ist uns nicht erklärlich, welche Gedankengänge
Böhm-Bawerk zu der Behauptung geführt haben, man würde
eine gleiche Bewertung vom diesjährigen und nächstjährigen
Arbeitsmonat nur dann vornehmen, wenn kein Kapitalmangel
mehr bestünde, wenn unausgenützte mehrergiebige Produktions-
umwege nicht mehr vorhanden wären. Mögen auch noch so
viele mehrergiebige Umwege, die noch infolge Mangels an ge-
nügend Subsistenzmitteln auf ihre Ausnützung harren, bekannt
ı) Böhm-Bawerk, Exkurse, S. 267.

?) Wenn wir genau sein wollten, dürften wir allerdings von Böhm-
Bawerks erstem Grunde nicht abstrahieren, da der dritte Grund das
verschiedene Verhältnis von Bedarf und Deckung in Gegenwart und Zu-
kunft, wenn es einmal verschwinden Sollte, sofort wieder hervorrufen
müßte (Böhm-Bawerk, Pos, Theorie, S. 348/49, Exkurse, S. 260). Wir
glauben, es bedarf wohl keiner besonderen Beweisführung, daß durch
diese Ungenauigkeit unserem Argument kein Abbruch getan wird,
        <pb n="90" />
        77

sein, so kann das Wirtschaftssubjekt, wenn es sich entsprechend
seinem Subsistenzmittelvorrat für eine bestimmte Methode
entschieden hat, doch nicht eine ganze. Reihe von Produktions-
methoden, zu deren Durchführung der Subsistenzmittelfonds
nicht auslangt, zur Bewertung seiner Produktionsmittel mit
heranziehen, genau so, wie es unmöglich ist, zur Bewertung
irgendeines Vorrates noch die Intensität anderer, vom Vorrat
nicht mehr bedeckter Bedürfnisse in Rücksicht zu ziehen —
ein Punkt, bezüglich dessen Böhm-Bawerk entgegen seinen
sonstigen Ausführungen an einer Stelle ganz analog wie im
vorliegenden Falle anderer Meinung ist und den wir später
diskutieren werden!). Es ist daher auch ganz verständlich,
wenn Bortkiewicz auf den Gedanken kommt, daß nach
Böhm-Bawerks Ansicht mehrere Methoden als nebenein-
ander durchgeführt angenommen werden müssen, um die Zins-
erscheinung mit Hilfe des dritten Grundes ableiten zu können,
damit aber eine Erklärung des Zinses in der stationären Wirt-
schaft, die eine Zinstheorie doch auch liefern müsse, unmöglich
sei”), was also heißen würde, daß Böhm-Bawerk eine dyna-
mische Zinstheorie aufstellt.

Ein zweiter Einwand, den Böhm-Bawerk bei der Be-
sprechung der Fisherschen Kritik anbringt, muß auch zu
dieser Vermutung führen. Fisher argumentiert analog Bort-
kiewicz’s und unseren Ausführungen gegenüber Böhm-
Bawerks Tabelle wie folgt: „Tatsächlich liegt der einzige
Grund dafür, daß Jemand das Produkt eines heute investierten
Arbeitsmonates dem Produkt eines im nächsten Jahre investierten
Arbeitsmonates vorziehen kann, darin, daß die heutige Investition
früher zur Reife gelangt, als die nächstjährige Investition...
Es ändert nichts an dieser wesentlichen Tatsache, wenn man von
der Möglichkeit einer Anzahl verschiedener Investitionsweisen
spricht. Es ist wahr, ein gegenwärtiger Arbeitsmonat kann zur
Pflanzung langsam wachsender oder schnell wachsender Bäume
verwendet werden; aber dasselbe gilt für einen nächstjährigen
Arbeitsmonat. Es ist der Vorzug des früheren über den späteren
ı) Vgl. unten S, 139/141,
*) Bortkiewicz, Der Kardinalfehler der Böhm-Bawerkschen Zins-
theorie, Schmoll. Jahrb. 1906, S. 9607/62.
        <pb n="91" />
        78

Genuß aus jedem Produktionsprozesse, von dem die sog. „tech-
nische Überlegenheit der gegenwärtigen über künftige Güter“
alle ihre Kraft ableitet. Der angebliche „dritte Grund‘ der
Überlegenheit der gegenwärtigen Güter ist nichts anderes als
die beiden ersten Gründe in Verkleidung“),
“3 6öhm-Bawerk wendet dagegen ein: ‚„Ist es wahr oder
ist es nicht wahr, daß wir überhaupt und auch in Fishers
Beispiel stets die Doppelwahl haben, mit dem älteren Arbeits-
monat entweder gleich viel Früchte für einen früheren Zeit-
punkt, oder aber auch mehr Früchte für denselben Zeitpunkt
zu erlangen, wie mit einem nächstjährigen Arbeitsmonat? Und
wenn wir diese Doppelwahl haben, im Namen welches Gesetzes
der Logik sollen wir dann wie gebannt immer nur auf die erste
Alternative blicken und gegen die zweite unsere Augen herme-
tisch verschließen müssen, als ob sie gar nicht existieren würde ?
Fisher hätte recht, wenn es ein Gesetz gäbe, das uns nötigen
würde, von unserem Wahlrecht zwischen den verschiedenen
Verwendungsmöglichkeiten, welche unsere Produktivmittel
überhaupt zulassen, gegenüber Produktivkräften aus ver-
schiedenen Zeitschichten stets einen genau parallelen Ge-
brauch zu machen; wenn wir nach Mephistos Motto „Das erste
steht uns frei, beim zweiten sind wir Knechte‘“, zwar frei wählen
könnten, ob wir einen Arbeitsmonat überhaupt in Augenblicks-,
oder in einjähriger, oder in zweijähriger, dreijähriger usw.
Produktion verwenden wollen, dann aber, wenn wir uns gegen-
über einem gegenwärtigen Arbeitsmonat. für eine bestimmte,
z. B. dreijährige Produktion entschieden hätten, auch gegenüber
einem nächstjährigen Arbeitsmonat für dieselbe dreijährige
Verwendungsweise uns entscheiden müßten: dann würde wirk-
lich, wenn der gegenwärtige Arbeitsmonat eine Wertüberlegen-
heit über den nächstjährigen bekundet, er sie „aus dem einzigen
Grunde“ besitzen, daß wir den früheren Genuß (einer gleich
großen Produktmenge) dem späteren Genuß vorziehen“.
„Aber unsere Wahlfreiheit geht weiter; wir brauchen nicht
parallel zu wählen, wir können auch divergierend oder konver-
1) Fisher, Irving, The Rate of Interest, New York 1907, S. 70/71,
hier zit. nach d. Böhm-Bawerkschen Übersetzung, Exkurse, S. 292. Vgl.
auch Sax. Emil, Der Kapitalzins, Krit. Studien, Berlin 1916, S. 56/57.
        <pb n="92" />
        79

gierend wählen. Wir können ungleichzeitige Produktivkräfte
auch als Mittel für denselben Zweck, für die Befriedigung
der Bedürfnisse einer und derselben Zeitschicht ins Auge fassen,
denen sie natürlich nur bei ungleicher Verwendungsmethode
zu dienen imstande sind; für den Bedürfniskreis des Jahres
1892 kann der Arbeitsmonat ex 1888 natürlich nur in. vier-
jähriger, der Arbeitsmonat ex 1889 in dreijähriger Produktion
dienen. Und bei einer solchen konvergierenden Wahl zugunsten
eines und desselben Zweckes, die wir im Leben unzählige Male
treffen oder doch bei unseren Werturteilen als die beste offen-
stehende Wahl ins Auge fassen, kommt eine durch keinerlei
Dialektik hinwegzuleugnende „technische Überlegenheit‘ der
älteren über die jüngeren Produktivkräfte zutage, die einen
wiederum keineswegs bloß dialektischen, sondern höchst reellen
Einfluß auf die Wertschätzung der „älteren‘‘ Produktivmittel
ausübt: wenn ein Holzhändler gleichzeitig einen hundertjährigen
und einen achtzigjährigen Wald abstockt, so wird er den hundert-
jährigen Wald höher schätzen, einfach weil er tatsächlich mehr
Holz enthält; und wenn wir einen Teil unseres Weines als
„alten“, einen anderen als jungen Wein austrinken, so werden
wir den alten Wein höher schätzen, einfach weil er der bessere,
weil er dem jüngeren an Güte überlegen ist. Ist das oder ist
das nicht eine reelle technische Überlegenheit ?‘“1)

Wir sind mit Böhm-Bawerk darüber einig — und wir
glauben, auch Fisher hat das mit seinen Ausführungen nicht
leugnen wollen — daß man Böhm-Bawerks Tabelle unter
dem von ihm hier in Vordergrund gerückten Gesichtspunkt,
nämlich die ungleichzeitigen Produktivkräfte als Mittel für den-
selben Zweck, für denselben Bedürfniskreis gesehen, betrachten
kann. Während wir oben implicite annahmen, daß die ungleich-
zeitigen Arbeitsmonate immer ein Jahr später genußreif werden,
also die Annahme machten, daß es sich um Arbeitsmonate
handelt, die in dem gleichen Produktionsstadium Verwendung
finden, die zur Werkfortsetzung nötigen Arbeitsmonate daher
nicht berücksichtigten, so kann man sich natürlich auch vor-
stellen, daß die verschiedenaltrigen Arbeitsmonate in einem und
ı) Böhm-Bawerk, Exkurse, S, 292/93 (die Unterstreichungen stammen
van Böhm-Bawerk).
        <pb n="93" />
        s0

demselben Jahre genußreif werden, also sie in einem Produk-
tionsprozeß von bestimmter Länge, der in einem bestimmten
Jahre aus gewissen Gründen — Böhm-Bawerks erster und
zweiter Grund kommen hier in Frage, oder auch der Wegfall
von gerade mit den Ergebnissen dieses Produktionsprozesses
zu befriedigenden Bedürfnissen im nächsten Jahre — vollendet
sein muß, investiert werden. Die jüngeren Arbeitsmonate werden
hier also gegenüber dem ältesten zur Werkfortsetzung verwendet.
Böhm-Bawerks Ausführungen lassen nun aber nicht schließen,
daß er an einen solchen Fall denkt. Er spricht davon, daß für
den Bedürfniskreis des Jahres 1892 der Arbeitsmonat ex 1888
nur in vierjähriger und der Arbeitsmonat ex 1889 nur in. drei-
jähriger Produktion dienen kann. Böhm-Bawerk spricht
dochalso hier von zwei ganz verschiedenen Produktionsmethoden,
und es taucht hier wieder die Vermutung auf, daß er mit Hilfe
seines dritten. Grundes.: nur dann eine Erklärung des Zins-
phänomens für möglich hält, wenn verschieden lange und er-
giebige Produktionsmethoden nebeneinander stehen — ein
Eindruck, den. das angeführte Beispiel vom hundertjährigen
und achtzigjährigen Wald noch verstärken muß. Andererseits
wissen wir aber auch, daß Böhm-Bawerk selbst .an anderer
Stelle, was er ausdrücklich noch gegenüber Bortkiewicz her-
vorhebt, seine Zinstheorie gerade darauf aufbaut, daß wohl
verschiedene Methoden zur Wahl stehen, aber nur eine einzige
durchgeführt wird. Dann ist.es aber eben unmöglich, für den
vorliegenden Fall eine Wertverschiedenheit der ungleichzeitigen
Arbeitsmonate herauszukonstruieren. Wenn ich eine bestimmte
Anzahl Arbeitsmonate und einen bestimmten Subsistenzmittel-
fonds zur Verfügung habe und andererseits für einen bestimmten
Bedürfniskreis bestimmte Genußgüter liefern soll, so wende ich
die unter den gegebenen Verhältnissen bestmögliche Methode
an, und sämtliche Arbeitsmonate, die in dieser verwendet
werden, abgesehen von sonstigen Unterschieden, tragen in
gleicher Weise zum Resultate bei und sind daher alle gleich zu
bewerten.

Wir kommen damit zu dem Schluß, daß Bortkiewicz’s
und Fishers Argumente, sowie alle übrigen Autoren, die Ein-
wände in dieser Richtung machen, einen schwachen Punkt der
        <pb n="94" />
        81

Böhm-Bawerkschen Theorie treffen!). Die Tabelle, wie sie
Böhm-Bawerk-aufmacht; ist” tatsächlich irreführend. Es
müssen, wenn man zum. richtigen Resultate gelangen will, für
alle ‚Arbeitsmonate,..ob..älter. oder. jünger, die Mehrerträgnisse
für die gleiche Anzahl von Jahren, also immer für Sieben Jahre
eingesetzt werden. Und das Resultat, zu dem man dann kömmit,
ist, daß die Produktivgüter als solche infolge Wirkens des
dritten Grundes keine, verschiedene.Bewertung erfahren.

Es bleibt also jetzt nur noch der andere oben erwähnte Kau-
salnexus, den Böhm-Bawerk anführt, um die Höherwertigkeit
gegenwärtiger Güter gegenüber zukünftigen mit Hilfe des dritten
Grundes plausibel zu machen, übrig. Wie wir gleich sehen werden,
genügt dieser auch vollkommen zum Aufbau der Böhm-Ba-
werkschen Zinstheorie und wird auch von Böhm-Bawerk
allein dazu benutzt. In Böhm-Bawerks „Positiver Theorie‘
ist der soeben als unzutreffend kritisierte Gedankengang in
dem die vorher erlangten Teilresultate zu einem Ganzen zu-
sammenfassenden Kapital über „Die Höhe des Kapitalzinses“?)
nicht mehr zu finden. Kurz zusammengefaßt wird darin die
Zinserscheinung auf Basis des dritten Grundes wie folgt abge-
leitet:
Wenn man von der Nachfrage nach Konsumtivkredit, von
der Nachfrage der Kapitalbesitzer nach Subsistenzmitteln,
die ja erst eine Folge des zu erklärenden Zinses ist®), und von
der Nachfrage der Grundrentenbezieher nach Subsistenzmitteln,
für die der Fall genau so wie für die Arbeiter liegt*), absieht, so
kann man zwei Märkte, zwei Zweige derselben Nachfrage, der
Nachfrage nach Gegenwartsgütern unterscheiden‘): einmal die
Nachfrage der Arbeiter, die nur wenig oder gar keine Sub-

*) Nur sind sie sich über die Tragweite nicht klar, wenn sie deshalb
den dritten Grund als völlig irrelevant für die Erklärung des Kapitalzinses
bezeichnen (Bortkiewicz a. a. O., S. 951, Fisher, a. a. O., S. 62). Allein
Knut Wicksell hat die Bedeutung dieses Fehlers für die Böhm-Bawerk-
sche Zinstheorie richtig erkannt, indem er ausführt, daß Böhm-Bawerk
selbst dem in Frage stehenden Mangel in der Fortsetzung seines Werkes auf
eine in jeder Hinsicht zufriedenstellende Weise abgeholfen habe (Wicksell,
a. a. O., S. 237).

*) Böhm-Bawerk, Posit, Theorie, S. 438ff. *) ebda., S. 392 Anm. 1.

') ebda., S. 392 Anm. 1. *) ebda., S. 390/91.

Heinze, Statische oder dynamische Zinstheorie?
        <pb n="95" />
        32

sistenzmittel besitzen und die sich deshalb gern an den Unter-
nehmer verdingen, der ihnen, da er sie infolge der Verfügung
über mehr Subsistenzmittel in einem längeren und mehr-
ergiebigen Umweg beschäftigen kann, als wenn sie selbständig
produzieren würden, mehr, wenn vielleicht auch nur wenig
mehr an Lohn auszahlt, als sie sich bei selbständiger Produktion
auf kürzerem Umweg beschaffen könnten, Von Ausbeutung
und von Zwang kann deshalb hier nicht die Rede sein!). Der
zweite Zweig der Nachfrage nach Gegenwartsgütern ist der der
Unternehmer, die damit einen Gewinn erzielen wallen?). Dieser
Nachfrage gegenüber steht das Angebot an Subsistenzmitteln,
d. i. der gesamte Vermögensstamm der Volkswirtschaft außer
Grund und Boden?®), und die ihn besitzen, das sind die Kapita-
listen, die größtenteils bereits bei einem ganz geringen Agio
lieber in einen Tausch gegen zukünftige Güter einwilligen;
anstatt ihre Sübsistenzmittel tot liegen zu lassen, da bei ihnen
der erste und zweite Grund keine entscheidende Rolle spielt?).
Gleichgewicht wird auf dem Markte offenbar nur dann herrschen,
wenn einerseits alle Arbeiter beschäftigt sind, andererseits
sämtliche Kapitalisten ihr Angebot an Subsistenzmitteln unter-
gebracht haben. Es kommt aber noch eine weitere wichtige
Bedingung dazu. Der Unternehmer, der sich gegenwärtige
Güter ausleiht, will damit einen Gewinn erzielen. Zu diesem
Zwecke steht ihm” &amp;in schier unerschöpflicher Fonds von Mög-
lichkeiten, zeitraubende, aber technisch. mehrergiebige Pro-
duktionsumwege einzuschlagen, zur Verfügung. Er wird es des-
halb nie soweit kommen lassen, daß der. Lohn bis zur vollen
Produkthöhe. anschwillt. Vielmehr wird er im gegebenen Moment
zu einer längeren durchschnittlichen Produktionsmethode, die
aber ein größeres technisches Produkt als die alte liefert, über-
gehen, was bei gleichbleibendem Lohne eine Freisetzung von
Arbeitern zur Folge hat, Solf Gleichgewicht in der Wirtschaft
herrschen, so müß demnach ständig ein Kapitalgewinn erzielt
werden, und zwar wird dessen. Höhe durch das Mehrerträgnis
der unter den gegebenen Verhältnissen noch gestatteten letzten.
Produktionsverlängerung bestimmt?).

-‘  1).Böhm-Bawerk, Posit. Theorie, S. 375/76, 386/90, 408/09. 2) ebda,,
5.391. *) ebda., S. 391/92. ‘Jebda,, S. 387/89, 401, 448/49. *)ebda., S.443ff,
        <pb n="96" />
        33

Wir erkennen, Böhm-Bawerks Zinstheorie, die dieser
auf der These von der Mehrergiebigkeit der zeitraubenden Pro-
duktionsumwege aufbaut, trägt statischen Charakter, und zwar
ist statisch hier in unserem Sinne gemeint. Der Unternehmer
wird aus der im Gleichgewicht befindlichen Wirtschaft. nicht
verbannt. Bei gegebenen Daten — Zahl der Arbeiter, Größe
des nationalen Subsistenzmittelfonds und die Gestalt der Skala
der Produktivität bei zunehmend längerer Produktionsperiode?)
— muß, wenn Gleichgewicht herrschen soll, eine bestimmte
Methode bei eindeutig bestimmtem Agio durchgeführt werden.
Unsere Ansicht wird noch dadurch bestärkt, daß man nach
Böhm-Bawerk immer mit der Kapitalinvestition die Isohypse
der Mehrerträgnisse verfolgt, d. h. daß die Tendenz besteht,
in allen Branchen, wenn auch mit durchschnittlich verschieden
langen Produktionsperioden, den gleichen Kapitalgewinn zu
erzielen”), Böhm-Bawerk hat daher recht, wenn er anläßlich
der Kritik, der Schumpeterschen Zinstheorie — was er in
seiner „Positiven Theorie“, wo eine ausdrückliche Scheidung
in Statik und Dynamik fehlt, nicht tut — seine Zinserklärung
als statisch hinstellt?).

Nunmehr sind wir in der Lage, zu Schumpeters Ein-
wänden gegen eine statische Erklärung der Zinserscheinung
mit Hilfe des dritten Grundes Stellung zu nehmen. Schum-
peter argumentiert: Im .Kreislaufe einer Volkswirtschaft, die
mit gegebenen, im Gange befindlichen Prozessen arbeitet, „da
kommt immer nur die_ergiebigere Produktionsmethode, die
einmal eingeführt ist, in Frage, denn sie liefert auch für
die Gegenwart mehr.Produ kte_als die weniger er-
giebigere, wie man gleich sehen wird... Wenn die
nötigen Mengen an Produktionsmitteln einmal vorhanden sind,
wird Ohne jedes Wählen diese Methode immer wieder durch-
geführt werden ,,. Ich mag wohl gegenwärtige Güter
höher schätzen, wenn mir ihr Besitz mehr Güter als bisher für
die Zukunft sichert, Ich werde das aber nicht mehr tun und
meine Wertungen für Gegenwart und Zukunft müssen sich aus-
gleichen, wenn ich des ergiebigeren Güterstroms gewiß bin und

') Böhm-Bawerk, Posit. Theorie, S. 463. *) ebda., S. 466.

:) Böhm-Bawerk, Eine „dynamische“ Theorie d. Kapitalzinses, S. 29.
Aa
        <pb n="97" />
        14

meine Wirtschaft sich auf ihn eingerichtet hat. Vom Besitze
von Gegenwartsgütern sind dann eben nicht „mehr“ Güter in
der Zukunft abhängig‘“1),

Man sieht jetzt, wie nötig eswar, daß wir zuerst die Zwischen-
erklärung, die Böhm-Bawerk liefert, um aus der These von der
Mehrergiebigkeit zeitraubender Produktionsumwege die Höher-
wertigkeit gegenwärtiger Güter abzuleiten, etwas untersuchten.
Wenn SchumpetersArgumentation anscheinend auch mehr aus
dem Synchronisierungsgedanken herausfließt, er also gar nicht
gegen die oben kristisierten Ausführungen Böhm-Bawerks
polemisieren will, so treffen sie auch diese, und mancher, der
gerade diese Ausführungen Böhm-Bawerks im Auge hat,
wird vielleicht. Schumpeters Äußerungen, auch wenn et dem
Synchronisierungsgedanken nicht zustimmt, im Endergebnis
doch recht geben. „Vom Besitze von Gegenwartsgütern sind
dann eben nicht „mehr‘ Güter in der Zukunft abhängig‘, so
schreibt bekanntlich Schumpeter. Auf Böhm-Bawerks
Tabelle angewendet, heißt das, der gegenwärtige Arbeitsmonat
ist nicht wertvoller als. der zukünftige, denn in der Schum-
peterschen Statik wird die-unter.den gegebenen Verhältnissen
ergiebigste Methode ständig durchgeführt, ein mehrergiebiger
und längerer Umweg kommt, auch wenn er existiert, für die
Kalkulation def statisch-disponierten Wirtschaftssubjekte nicht
in Frage. Es liegt demnach hier der Fall vor, für den Böhm-
Bawerk ausdrücklich, als seinen Voraussetzungen nicht ent-
sprechend, seine Behauptung von der zinserzeugenden Kraft
des dritten Grundes ausschließt, da hier bereits alle möglichen
Verlängerungen durchgeführt sind, Kapitalmangel also nicht
mehr herrscht. Eine Wahlmöglichkeit würde "unter diesen
Gesichtspunkte tatsächlich nicht gegeben sein, da eben un-
ausgenutzte mehrergiebige Methoden, die noch zur Wahl stehen,
nicht mehr existieren. Schumpeter würde daher von dem
Vorwurf der dialektischen petitio principii, den ihm Böhm-
Bawerk macht, indem er annimmt, daß Schumpeter zuerst

1) Schumpeter, Entwicklung, S. 46/47 (die Unterstreichungen
stammen von Schumpeter). Da

2) Böhm-Bawerk, Eine „„‚dynamische‘“ Theorie des Kapitalzinses,
S. 28 Anm. 22.
        <pb n="98" />
        85

als statische Subjekte alle diejenigen bezeichnet, die bei der-
selben Methode bleiben,. und es auf Grund dieser Definition
für ausgemacht hält, daß sie bei der einmal eingeführten Pro-
duktionsmethode bleiben müssen, freizusprechen sein, da es in
einer statischen Wirtschaft.im.Schumpeterschen Sinne eine
bessere Methode gar nicht gibt. _

" Nün hegen die Dinge aber nicht so. Wie wir wissen, bauf-
Böhm-Bawerk seine Zinstheorie mit Hilfe einer anderen
Schlußfolgerung auf, und wir müssen daher untersuchen, ob
auch diese für Schumpeters Statik zum Schumpeterschen
Resultate, zur Verbannung der Zinserscheinung aus der Statik
führt. Von einer ausführlichen Diskussion des Sychronisierungs-
gedankens wollen wir. vorläufig noch Abstand nehmen, da wir
ihn am Schluß dieser Arbeit bei der Betrachtung der Abstinenz-
theorie näher besprechen müssen und Wiederholungen ver-
meiden wollen. Nur soviel sei bemerkt: Wenn der Synchroni-
sierungsgedanke nur darauf beruht, daß in der Statik immer ein
und dieselbe Methode durchgeführt wird und infolgedessen eine
gleichgroße Gütermenge kontinuierlich oder in gleichen Zwischen-
räumen dem Produktionsprozeß entströmt — die oben zitierten
Ausführungen Schumpeters lassen doch auf einen derartigen
Gedankengang schließen — so können wir jetzt schon sagen,
daß damit die Ableitung des Zinses aus der These der Mehr-
ergiebigkeit zeitraubender Produktionsumwege als statische
Erscheinung — statisch hier in unserem Sinne gemeint — nicht
erschüttert wird. Denn die Darlegung der Böhm-Bawerkschen
Zinstheorie zeigte eben, daß, wenn Gleichgewicht in der Wirt-
Schaft herrschen, wenn nur eine Methode ständig durchgeführt
werden und man nicht zu einer anderen übergehen soll, der
Unternehmer einen. Kapitalgewinn erzielen muß.

Wie allerdings der Fall für die Schumpetersche Statik
liegt, das ist eine andere Frage. Der statische Betriebsleiter,
dem es nicht frei steht, beliebig zwischen Altem und Neuem zu
wählen, kann nicht, wenn das Steigen der Löhne den Kapital-
gewinn zu.ahsorbieren droht, einfach einen längeren Produktions-
umweg einschlagen und damit. durch Freisetzung. von Arbeitern
die Löhne drücken. Also scheint Schumpeters Aussage, daß
seine Statik zinslos sei, doch zuzutreffen.
        <pb n="99" />
        86 --

Wir möchten zunächst eines bemerken: Auch in Schum-
peters Statik wird immer eine Wahl zwischen verschiedenen
Methoden getroffen. Es wird immer die beste Methode unter
den gegebenen Umständen, wozu hier auch die besondere Ver-
anlagung der statischen Subjekte zählt, gewählt, und es scheiden
schließlich alle minderergiebigen, die vorerst doch auch zur
Alternative stehen, ständig aus. Auch das ist u. E. eine Wahl.
Wir stimmen deshalb Böhm-Bawerk zu, wenn er gegenüber
Schumpeters Entgegnung auf seinen oben erwähnten Vorwurf
der petitio principii hervorhebt, daß eine Wahl auch dann eine
solche bleibt, auch wenn sie leicht ünd sicher zu treffen sei, was
Schumpeter anscheinend leugnen wolle?). ;

Kann nun diese Wahlmöglichkeit zu einem allgemeinen
Agio auf Gegenwartsgüter in Schumpeters statischer Wirt-
schaft führen? Das ist die Frage, die wir jetzt beantworten
müssen. Wir wissen, auf den ersten Blick scheint es so, als ob
man sie schlankweg verneinen müßte. So einfach liegen jedoch
die Dinge nicht, wie wir jetzt zeigen wollen.

Wir knüpfen zu diesem Zwecke an Schumpeters Aus-
sage an, daß in der Depressionsperiode der Zins eliminiert
werden müßte, wenn sie nur lange genug dauerte?). Wir stellten
oben fest, daß die Depressionsperiode mit der Schumpeter-
schen Statik nicht identisch ist, da für Schumpeter in der
ersteren auch Personen mit Unternehmereigenschaften existieren.
Von dieser Differenz wollen wir vorerst einmal absehen, also
annehmen, daß wir in der Depressionsperiode nur statisch dis-
ponierte Subjekte vorfinden. Damit ist das Agens der Ent-
wicklung ausgeschaltet, die Depressionsperiode ist jetzt von
langer Dauer. Nach Schumpeters Aussage müßte jetzt der
Zins auf jeden Fall eliminiert werden. Ist num eine solche
generelle Aussage möglich? Es müßte sich doch zwingend-be-
weisen lassen, daß das mit Hilfe der Ausgabe. zusätzlicher
Kaufkraft..hervorgerufene „erzwungene Sparen‘ — vom frei-
willigen Sparen sehen wir hier vorläufig ab, ohne uns dadurch

1) Böhm-Bawerk, Eine „dynamische“ Theorie des Kapitalzinses,
5; 648/49. Vgl. Schumpeter, Entgegnung, S. 629,
2) ebda., S. 614/16. Schumpeter, Entwicklung, S. 302. ;
        <pb n="100" />
        87

etwa, was sich später zeigen wird, in eine unzulässige Position
gegenüber Schumpeter zu setzen — stets soweit getrieben
werden kann und wird, daß in der Depressionsperiode denk-
notwendig das Angebot an Subsistenzmitteln so groß.ist,.daß
das Agio an konkreten Gütern, das der Aufschwung hervor-
gebracht hat, verschwinden muß.

' Wir meinen, hierüber eine generelle Aussage zu machen,
ist nicht möglich. Erstens kommt es auf die Größe des Umweges
an, ob viel oder wenig Subsistenzmittel. erforderlich sind, um
den Zins zu eliminieren, vor allem aber spielt hier das Verhalten
des Bankiers eine ganz besondere Rolle, der es als „Produzent
von Kredit“ in der Hand hat, ob er den Zins zum Verschwinden
bringen will oder nicht. Wie sich der Bankier verhalten wird,
ob er sich selbst das Wasser abgräbt, indem er schließlich
Kaufkraft zum Paripreise ausgibt, ‚oder ob er an einem be-
stimmten Punkte Halt macht, um sich ein dauerndes Zinsein-
kommen zu sichern, darüber ist eine allgemeine Aussage nicht
möglich 2).

ı) Streiler (Zur Lehre vom Unternehmergewinn, Schmoll. Jahrb.,
50. Jahrg., Heft 2, München u. Leipzig 1925, S. 10/11) trifft denselben
Punkt, wenn er einwirft, daß es gar nicht gesagt ist, ob der Unternehmer
überhaupt einen Gewinn erzielen kann, da der Bankier, der ihn ja völlig in
der Hand hat, ihm denselben abnehmen kann, und daß es weiter fraglich ist,
ob überhaupt Zins entsteht, da der Bankier das Angebot an Kaufkraft
beliebig ausdehnen kann. Gegen die letzte Behauptung ist allerdings ein
Einwand zu machen: Wenn der Bankier auf einmal zuviel Kaufkraft aus-
gibt, so läuft er in die Gefahr, daß manche Unternehmungen, die er finan-
ziert hat, zusammenbrechen und er seiner Einlösungspflicht daher nicht
nachkommen kann (Schumpeter, Entwicklung, S. 295/96). Man muß an-
nehmen, daß die Ausgabe der zusätzlichen Kaufkraft immer entsprechend
den Einlösungsaussichten vor sich geht und so ganz allmählich der Zins
eliminiert wird. Gerade hier zeigt sich aber auch, daß der Bankier nicht
allmächtig ist, Es kommt mit auf die Größe des Umweges an, wie lange
es dauert, bis der Zins aus der Wirtschaft verschwunden ist (vgl. hierzu
Lampe, Adolf: Zur Theorie des Sparprozesses und der Kreditschöpfung,
Jena 1926, S. 124/26, 130, und Mannstaedt, Heinrich: Ein kritischer Bei-
trag zur Theorie des Bankkredites, Jena 1927, besonders S. 30/31). Es
ist daher gar nicht gesagt, daß, wenn sich in der Wirtschaft keine Ent-
wicklungserscheinungen mehr zeigen, worauf Schumpeters Nachsatz
„wenn sie nur lange genug dauern würde‘ doch offenbar abzielt, der Zins
bereits eliminiert ist. Vor allem aber ist der Bankier auch deshalb nicht
allmächtig, weil das freiwillige Sparen, von dem wir bis jetzt abgesehen
haben, eine, wenn heutzutage auch nicht allzu große Rolle spielt. Wenn
        <pb n="101" />
        AR

Alfred Amonn scheint anzunehmen, daß der Bankier
auf sein Zinseinkommen nicht verzichten will, und kommt damit
zu dem Schluß, daß, wenn Sich der Zifs erst einmal vom Unter-”
nehmergewinn abgespalten hat, er auch in der Statik als ständiger
Kostenbestandteil bestehen muß, da sonst die Unternehmer
Verluste erleiden. würden, Andererseits: kann er aber nach
Amonns Ansicht für den einzelnen Fall eliminiert werden,
indem die entliehene Kaufkraft dem Bankier aus einem die
Zinsen übersteigenden Überschuß des Unternehmergewinns
zurückgezahlt wird!). Dieser Schluß ist allerdings recht sonder-
bar, so meinen wir. Wenn einige Unternehmungen dauernd
ein Agio erzielen können, um damit die Zinsverpflichtungen
gegenüber dem Bankier zu bestreiten, so müssen auch. diejenigen
Betriebe, die.mit.eigenem Kapital arbeiten, ein entsprechendes
Agio erzielen, da sonst sofort eine Bewegung einsetzen würde;
um. die--Gewinne” der” erstgenannten- Betriebe, zu beseitigen.
Damit ist aber eine statische Erklärung des Zinses gegeben?).

der Bankier einen bestimmten Zinsfuß erreichen will, so können ihn ge-
gebenenfalls die gerade durch diesen Zinsfuß hervorgelockten Sparsummen
daran hindern, Oder aber, wenn er den Zins eliminieren will, so verschwindet
das Angebot der Sparsummen, die nur des Zinses wegen dargeboten werden,
so daß eine Verknappung des Subsistenzmittelangebotes eintritt und die
Zinselimination, wenigsten vorläufig, in Frage gestellt ist. Das wird bei
der Diskussion des ersten und zweiten Grundes noch in einem klareren
Lichte erscheinen.

1) Amonn, Alfred: Die Probleme der wirtschaftlichen Dynamik,
Arch. f. Sozialwiss. u. Sozialpol., 38. Bd., Tübingen 1914, S. 109/10, be-
sonders S. 110, Anm, 17,

2) Vgl. Vogel, Die- Theorie des volkswirtschaftl. Entwicklungs-
prozesses u, d. Krisenproblem, S. 199 Anm. 31. Anscheinend will Amonn
mit der eben kritisierten Bemerkung eine letzte Konzession an Schum-
peter machen, indem „Zins“ für ihn nur das für die vom Bankier ent-
jiehene Kaufkraft bezahlte Aufgeld ist, während ein „ursprünglicher‘‘
Zins für ihn nicht existiert. Auf diese Weise entsteht aber folgendes
Dilemma: In der Statik erzielen gewisse Betriebe Überschüsse über die
Kosten, was in der Statik nicht möglich ist. In späteren Ausführungen
zieht Amonn dann auch gegenüber Schumpeter einen deutlichen
Trennungsstrich: „Der empirische Umfang des Zinsphänomens 1äßt
sich erst von Seite der Dynamik her erkennen, aber das Wesen des
Zinses findet sich auch in der Statik‘‘ (Amonn, Grundzüge, S. 281, vgl.
auch S. 284, 287). Und wie aus seinen sonstigen Ausführungen hervorgeht,
ist der Zins für ihn ein Agio an konkreten Gütern, und es gibt für ihn auch
„ursprünglichen‘‘ Kapitalzins (vgl. Amonn, Grundzüge; S. 254/62, 274).
        <pb n="102" />
        89

Wenn Gleichgewicht herrschen soll, muß ein bestimmtes Agio
an Konkreten Gütern bestehen, und Amonn hat daher Recht,
wenn er dem Zins nur genetisch dynamischen Charakter zu-
schreibt). Damit ist aber der Schumpeterschen Auffassung
ein schwerer Schlag versetzt. Denn Schumpeter will doch
den Zins nicht nur genetisch als dynamische Erscheinung hin-
stellen, vielmehr ist der Zins für ihn prinzipiell ein aus der
Dynamik heraus zu erklärendes Phänomen?). Die Frage des
„Woher“ ünd „Warum“ des dauernden Reineinkommens einer
gewissen Kategorie von Wirtschaftssubjekten wird mit dyna-
mischen Erscheinungen erklärt. Die Statik ist prinzipiell zins-
los, in ihr gibt es nur Lohn und Rente. B

Wir sind hier durchaus Ameonns Ansicht. Unsere bis-
herigen Erörterungen haben gezeigt, daß es nicht nur darauf
ankommt, ob immer ein und dieselbe Methode durchgeführt
wird, sondern. das Angebot an.Subsistenzmitteln muß auch eine
ganz bestimmte...Größe, erreichen. .— was nicht etwa aus der
ersten Voraussetzung eo ipso folgt — wenn der Zins ver-
schwinden soll. Das ist auch Amonns Ansicht, wie män aus
den obigen Ausführungen leicht folgern kann. Für Schum-
peter dagegen genügt bereits das Vorhandensein der ersten
Voraussetzung, was zur Folge hat, daß seine Statik eine noch viel
stärkere historische Färbung erhält, als wir bei unseren Aus-
führungen im Kapitel über Statik und Dynamik annahmen,
denn jetzt zeigt sich, daß der Ausschluß von Unternehmer-
persönlichkeiten aus der Statik noch.nicht. einmal notwendig
zu deren Zinslosigkeit führt. Daraus muß man aber die Schluß-
folgerung ziehen, daß Schumpeters Zinstheorie nur einen
genetischen Erklärungsversuch des Zinsphänomens. liefert, daß
sie klar machen will, durch welche Ereignisse der Zins, wenn er
einmal zufällig verschwunden ist, wieder ins Leben gerufen Wird.
Ob dieser Versüch geglückt ist oder nicht, ob eine genetische
Zinserklärung überhaupt möglich ist oder nicht, darüber wollen
wir keine langen Untersuchungen anstellen. Wir leugnen
jedenfalls die Möglichkeit, mit Hilfe gewisser Annahmen auf
ı) Amonn, Die Probleme der wirtschaftl. Dynamik. Arch, f. Sozial-
wiss, u. Sozialpol., Bd. 38, Tübingen 1914, S. 110.
2) Schumpeter, Entwicklung, S. 299.

WE
        <pb n="103" />
        90

rein logischem Wege zu erkennen, wie sich in der Wirklichkeit
das Zinseinkommen als. besondere Einkommenskategorie ab-
gespalten hat.

Wir wollen jetzt noch einen Punkt besprechen, der unsere
eben gemachten Aussagen bezüglich der Frage der Zinslosigkeit
der Schumpeterschen Statik noch bekräftigen und der uns
zugleich Gelegenheit bieten soll, einige kritische Bemerkungen
über Schumpeters positive Theorie, über die „dynamische“
Zinstheorie anzuknüpfen.

Da Schumpeter die Statik durch das Verhalten gewisser
Wirtschaftssubjekte, durch deren ständiges Streben nach ein
und demselben Gleichgewicht charakterisiert, so muß er not-
wendig auch die Möglichkeit einer Bevölkerungsvermehrung
im Rahmen der Statik zugeben.‘ Das tut er denn auch, wenn-
gleich er sie als sehr gering bezeichnet!). Jedenfalls ist in
Schumpeters statischer Wirtschaft ein Bevölkerungswachstum
möglich, und indem man sich nur anpaßt, also nichts qualitativ
Neues schafft, sondern nur den Produktionsprozeß entsprechend
ausweitet, so benötigt man doch ein erhöhtes Angebot an Sub-
sistenzmitteln. Wenn man nun weiterhin annimmt, daß eine
solche Vermehrung dauernd erfolgt, und außerdem noch be-
denkt, daß in der Statik nach Schumpeters Aussagen tech-
nische Verbesserungen, und zwar nicht nur unendlich kleine,
sondern auch solche, die keine Entwicklungserscheinungen im
Schumpeterschen Sinne hervorrufen, möglich sind?), so
muß man zu dem Schluß kommen, daß es noch mehr Zeit in
Anspruch nehmen wird, um den Zins zu eliminieren. Und wenn
man schließlich auch noch dem freiwilligen Sparen, also nichts
anderem, als Böhm-Bawerks erstem und zweitem Grunde
einige Bedeutung beilegt, so erscheint es uns fraglich, ob der
Zins überhaupt jemals verschwinden wird. Daß Zinszahlen in
der Schumpeterschen Statik eine Anomalie ist, steht demnach
nicht so fest, wie Schumpeter es hinstellt?),

Wenn wir aber jetzt noch von der oben gemachten Annahme,
daß in der Depressionsperiode Individuen mit Unternehmer-

1) Schumpeter, Entwicklung, S. 96, vgl. auch Schumpeter, Ent-
gegnung, S. 621. *) Schumpeter, Entwicklung, S. 119 Anm. 19.
3) ebda., S. 286.
        <pb n="104" />
        91 —

eigenschaften fehlen, absehen, so zeigt sich jetzt ganz deutlich
eine der Folgen, die wir oben, als wir die Differenz zwischen
Schumpeters Statik und der Depressionsperiode aufzeichneten,
vorausahnten. Wenn Schumpeter behauptet, der Zins müsse
in der Depressionsperiode eliminiert werden, wenn sie nur lange
genug dauern würde, so ist diese Aussage unseren bisherigen
Betrachtungen zufolge nicht haltbar, da ein dauerndes Gleich-
gewicht beim Vorhandensein von Unternehmerpersönlichkeiten,
von Individuen, die zwischen Altem und Neuem frei wählen
können, nur dann möglich ist, wenn ein bestimmter Zinsfuß
herrscht, der die Unternehmer vom Handeln abhält.. Das be-
weist uns klar ein Blick in die Wirklichkeit. Eben weil der Zins
am Ende der Depressionsperiode einen ziemlich tiefen Stand
erreicht, einen solchen Stand, der den Unternehmern ermöglicht,
neue Kombinationen erfolgreich durchzuführen, deshalb dauert
sie nicht länger.

Unsere bisherigen Schlüsse haben auf den Synchroni-
sierungsgedanken, genauer auf einen bestimmten Sinn, den man
diesem außer dem oben kritisierten noch beilegen kann, keine
Rücksicht genommen. Es kann sich also später noch heraus-
stellen, daß wir mit unseren Ausführungen gegenüber Schum-
peter im Unrecht sind. Wir können jedoch schon jetzt, ohne
daß wir den Synchronisierungsgedanken in der eben erwähnten,
aber noch nicht näher umschriebenen Bedeutung diskutieren,
feststellen, daß, was er auch immer bedeuten mag, er einen Teil
unserer Ausführungen bestimmt nicht treffen wird, da die Vor-
aussetzungen, auf die er in beiden Fällen aufbaut, für unsere
Ausführungen nur teilweise zutreffen. Der Synchronisierungs-
gedanke geht von der Voraussetzung aus, daß in jeder Periode
das volle Produkt zur Verfügung steht, ein Fall, der.nur-für
eine völlig stationäre Wirtschaft zutrifft. Wenn aber Schum-
beter in seiner Statik Bevölkerungsvermehrung.. und..schritt-
weise Einführung neuer, Kombinationen zuläßt, so muß das zu
einem absoluten Defizit, wie sich Cassel hier ausdrückt, führen.
Infolge der Ausweitung des mit zeitraubenden Produktions-
methoden arbeitenden Produktionsprozesses als Anpassungs-
erscheinung an eine Bevölkerungsvermehrung und infolge der
allmählichen Einführung mehrergiebiger, aber auch zeitrauben-
        <pb n="105" />
        92

der Methoden müssen Arbeits- und Bodenleistungen, die bisher
in Produktionsstadien, die der Genußreife näher liegen, Ver-
wendung fanden, in von der endlichen Genußreife weiter ab-
stehenden Produktionsstadien investiert werden. Die Folge
ist, daß der Güterstrom eine Zeitlang schwächer als bisher fließt.
Was man unter dem Synchronisierungsgedanken verstehen mag,
ob das tatsächliche Zusammenfallen von Aufwendung und Erfolg
oder nur die Tatsache, daß es in einer stationären Wirtschaft
kein absolutes Defizit gibt, für Schumpeters Statik trifft
er jedenfalls nur teilweise‘ zu, und unseren Erörterungen, die
an die Fälle des Nichtzutreffens anknüpfen, dürfte demnach
keine Widerlegung seitens des Synchronisierungsgedankens
drohen.
Daß der Synchronisierungsgedanke in der Schumpeter-
schen Dynamik gegenüber Böhm-Bawerks drittem Grunde
nichts zu leisten vermag, ist dann ohne weiteres klar. Schum-
peter beschränkt auch selbst dessen Geltung auf die Statik?).
Wenn also Schumpeter mit Hilfe des Synchronisierungs-
gedankens den Beweis erbracht hätte,. daß in der Statik die
Zinserscheinung nicht erklärbar ist, so wäre noch lange nicht
gesagt, ob sich nicht in der Dynamik an Hand von Böhm-
Bawerks drittem Grunde ein Agio an konkreten Gütern, das
man als Zins bezeichnen könnte, plausibel machen ließe. Muß,
so fragen wir, der Unternehmer, der zwischen alten und neuen
Methoden frei wählen kann, durch die Überlegung, daß ein
bestimmter Genußgütervorrat, den er zum Unterhalt der
Arbeiter und Grundherrn benötigt, ihm erst das Einschlagen
eines längeren, dafür aber mehrergiebigeren Umweges ermöglicht,
nicht auf den Gedanken gebracht werden, daß er diesem Vorrat
vom Gewinn etwas zurechnen muß?

Böhm-Bawerk bejaht diese Frage. Schumpeter begeht
nach seiner Ansicht einen Zurechnungsfehler, wenn er für den
Fall, daß der Unternehmer die nötigen Mittel zur Durchführung
der neuen Kombination bereits schon hat, den Unternehmer-
gewinn als eine homogene Masse bezeichnet. Schumpeter,
der ausdrücklich in Böhm-Bawerks Kontroverse mit

') Schumpeter, Entwicklung, S, 48/49.
        <pb n="106" />
        05

v. Wieser den „Verlustgedanken“‘ billige, müsse wissen, so
meint Böhm-Bawerk, daß es für die einem Faktor zuzu-
rechnende Nutzenquote gleichgültig sei, ob man ihn von Haus
aus schon hat oder sich ihn erst beschaffen muß*). „Wenn
außer der schöpferischen Tätigkeit des Unternehmers auch die
Verfügung über das nötige Kapital eine Bedingung war, ohne
die der „Gewinn‘‘ des Unternehmers nicht hätte erzielt werden
können — und wäre sie keine solche Bedingung, so könnte sie
es ja auch im entgegengesetzten Fall ihres anfänglichen Fehlens
nicht sein und müßte auch in diesem Falle ohne Einbuße am
Erfolg entbehrt werden können, womit Schumpeters eigene
Erklärung des Kapitalzinses in der Luft hinge — dann ist die
erzielte Gesamtmasse des ‚„Gewinnes‘‘ nach den Zurechnungs-
regeln nicht als ausschließliche Frucht der schöpferischen Unter-
nehmertätigkeit allein anzusehen, sondern als gemeinsamer
Erfolg von Unternehmertätigkeit und Kapital, welcher noch
konkurrierenden bzw. kollidierenden Zurechnungsansprüchen
dieser beiden Faktoren unterworfen ist; er ist dann keine „homo-
gene Größe‘‘, sondern ein Gemenge von Unternehmergewinn
und Kapitalzins, gerade so, wie wenn der Unternehmer das ihm
unentbehrliche Kapital nicht „von sich selbst‘, sondern von
einem fremden Kapitalisten geborgt hätte“‘“?2).

Schumpeter bittet in seiner Entgegnung auf diesen Vor-
wurf Böhm-Bawerk, von dessen drittem Grund absehen zu
dürfen, und führt dann folgendes Beispiel an: In einem Lande
mit warmem Klima wird das Fleisch in der Sonne geröstet,
in einem Lande mit kälterem Klima benötigt man zu diesem
Zwecke noch ein Feuer, also Arbeits- und Bodenleistungen.
Dem Lande mit dem wärmeren Klima entspricht die sozialistische
Wirtschaft, wo man die nötigen Mittel zur Durchsetzung der
neuen Kombinationen bereits schon hat. Ein besonderer Pro-
duktionsfaktor ist hier nicht nötig. Anders in dem Lande mit
dem kälteren Klima. Hier sind noch besondere Arbeits- und
Bodenleistungen nötig, um das Fleisch rösten zu können, ebenso
wie in der privatkapitalistischen Gesellschaft zur Durchsetzung

ı) Böhm-Bawerk, Eine „dynamische‘““ Theorie d. Kapitalzinses,
3. 15/20. ?) ebda., S. 19.
        <pb n="107" />
        neuer Kombinationen noch ein besonderes Mittel, nämlich die
Kaufkraft, die das Privateigentum überwinden hilft, erforderlich
ist. Hier ist also noch ein besonderer Faktor nötig, dem etwas
vom Ertrage zugerechnet werden muß, und deshalb ist hier
der Unternehmergewinn keine homogene Masse?).

Diese Ausführungen Schumpeters haben Böhm-Ba-
werks Ansicht nicht zu ändern vermocht, denn dieser hält
in seinen „Schlußbemerkungen‘‘ seinen früher erhobenen Vor-
wurf ausdrücklich aufrecht?),

Böhm-Bawerk sucht also Schümpeters „dynamische“
Zinstheorie durch den Einwand zu widerlegen, daß sie auf einem
elementaren Zurechnungsfehler beruhe.

Wir sind hier anderer Meinung als Böhm-Bawerk, Ein
so elementarer Zurechnungsfehler, wie ihn Böhm-Bawerk
annimmt, liegt nicht vor. Der falsche Weg, der zu Schum-
peters „dynamischer“ Zinstheorie führt und den auch” wir
für änfechtbar halten, nimmt an einer anderen Stelle seinen
Anfang.

Wenn Böhm-Bawerk meint, daß in der Schumpeter-
schen Dynamik genau so zugerechnet werden muß, wie in der
Statik — denn darauf baut er doch seinen Einwand implicite
auf — so ist das von seinem Standpunkt aus verständlich,
denn für Böhm-Bawerk ist die Statik nur ein höherer Ab-
straktionsgrad des Erkenntnisobjektes Dynamik, oder wie es
Böhm-Bawerk anläßlich der Kritik des Clarkschen Syn-
chronisierungsgedankens einmal ausdrückt, für ihn ist, was für
die Statik wahr ist, auch für die Dynamik wahr®).

So liegen nun die Dinge bei Schumpeter nicht. Erstens
kommt Schumpeter für die Statik zu einem dem Böhm-
Bawerkschen entgegengesetzten Resultate. Zweitens aber
wäre, wenn Schumpeter auch für die Statik zum gleichen
Ergebnis gelangte, es für diesen noch gar nicht gesagt, ob das

1 Schumpeter, Entgegnung, S. 618/19, 621ff,

?) Böhm-Bawerk, Eine „dynamische‘‘ Theorie des Kapitalzinses,
5. 6477/48.

3) v. Böhm-Bawerk, Eugen, Zur neuesten Literatur über Kapital
und Kapitalzins, Zeitschr. f, Volkw., Sozialpol. u. Verwitg., 16. Bd., Wien
u, Leipzig 1907, S. 24/26,
        <pb n="108" />
        95

auch für die Dynamik gilt, da, wie wir oben auseinanderzusetzen
versuchten, Schumpeter nach seiner Meinung mit zwei
generellen Erkenntnisobjekten arbeitet, so daß das, was für
die Statik zutrifft, nicht ohne weiteres auf die Dynamik an-
wendbar ist, sondern sich hier ein neuer Beweis nötig macht.
Einen solchen Beweis sucht nun Schumpeter — wir nehmen
das wenigstens an, denn ganz klar liegen hier, wie sich bald
zeigen wird, die Dinge nicht — zu führen, d. h. er sucht zu be-
weisen, daß auch für seine Dynamik, genau wie für die Statik,
sich der Zins mit Hilfe des dritten Grundes nicht als ein Agio
an konkreten Gütern erklären läßt. Diese Ausführungen
Schumpeters wollen wir jetzt etwas näher betrachten. Wir
möchten jedoch zuvor bemerken, daß die Haltbarkeit der
Schumpeterschen „dynamischen‘“ Zinstheorie nicht von
diesem Punkte allein abhängt, da sie bereits durch die anderen
kritischen Einwände gegenüber der Schumpeterschen Auf-
fassung über die Trennung von Statik und Dynamik und
gegenüber dem Synchronisierungsgedanken getroffen wird,
Erstens ist es unserer Ansicht nach gar nicht möglich, wenn
Schumpeter konsequent mit zwei generellen Erkenntnis-
objekten arbeiten würde, dynamische Erscheinungen zu erfassen,
da er hierzu der statischen Methode bedarf, Zweitens aber zeigt
sich, daß für Schumpeter infolge der sich notwendig machen-
den Begriffsverschiebung der Zins in der Depressionsperiode
existieren muß, da der Synchronisierungsgedanke, wenigstens
in der Auslegung wie wir ihn oben kritisierten, nichts zu leisten
vermag. Da aber jetzt Schumpeter auch’ in der Dynamik
mit der statischen Methode arbeitet, demnach jetzt für ihn die
Statik nur ein aus der Dynamik durch Abstraktion gewonnener
Begriff ist, also für die Dynamik demnach bereits das Zins-
phänomen erklärt ist, so erscheint es uns anfechtbar, wenn er
jetzt noch eine ganz andere, widersprechende Zinstheorie auf-
stellt.
Also, wenn wir es auch gar nicht nötig haben, den oben
erwähnten Gedankengang Schumpeters zu widerlegen, so
wollen wir ihn doch kritisieren, da die Resultate, zu denen
wir hierbei kommen, uns erstens später bei der Besprechung
des Kreditphänomens gute Dienste leisten und uns zweitens
        <pb n="109" />
        D6

ein neues Beispiel für die Begriffsverschiebung, die Schum-
peter bei der Behandlung der speziellen Probleme bezüglich
der Begriffe Statik und Dynamik vornimmt, liefern werden,
wenngleich, was wir nicht unausgesprochen lassen wollen,
bezüglich dieses letzten Punktes die Dinge nicht völlig klar
liegen.
Die Äußerungen Schumpeters, in denen wir den frag-
lichen Beweis erblicken, sind folgende: Das Problem, das die
überkommene Theorie in dem Vorhandensein von Produktions-
mitteln sieht, existiert auch nicht für die Durchsetzung neuer
Kombinationen, ‚weil diese die Produktionsmittel, die sie
brauchen, dem Kreislauf entnehmen‘!), Im Laufe unserer
Untersuchung wird sich zeigen, „daß, konkret gesprochen, die
Einführung neuer Produktionsmethoden überhaupt keine vor-
hergehende Güteraufhäufung erfordert‘“?). Nicht irgendwelche
Güter werden aufgehäuft, auch keine ursprünglichen Produk-
tionsmittel geschaffen, sondern vorhandene Produktionsmittel
änders, Zweckmäßiger, vorteilhafter verwendet?).

Auf den ersten Blick scheint es, als ob Schumpeter
Genußgütervorräten nur dann eine besondere Funktion ein-
räumen will, wenn sich zwecks Durchführung neuer Methoden
eine vorhergehende Aufhäufung als notwendig erweist. Wir
glauben, hier ist kein langer Beweis nötig, um das zu widerlegen.
Ob die Genußgüter erst in genügender Menge aufgestapelt
werden und erst dann mit der Durchsetzung der geplanten
neuen Kombinationen begonnen wird, oder ob man sofort damit
beginnt, Arbeits- und Bodenleistungen in längeren Umwegen zu
investieren, während die nötigen Unterhaltsmittel aus einer
nebenhergehenden Spartätigkeit sukzessive zufließen, ist für
den Punkt, der hier in Frage steht — nämlich ob deshalb, weil
die Genußgütervorräte zeitraubende Produktionsumwege er-
möglichen, indem sie für Arbeiter und Grundherren als Vor-
schüsse dienen, diesen vom Erfolg etwas zugerechnet werden
muß — völlig irrelevant. Das gibt Schumpeter selbst zu,
wenn er in seinem Beispiel vom isolierten Herrenhof schreibt:
„Zwar nicht immer, aber oft wird für die Durchführung einer
) Schumpeter, Entwicklung, S. 106. *) ebda., S. 48. %) ebda., S. 212,
        <pb n="110" />
        “37

neuen Kombination die Ansammlung von Vorräten einen Schritt
zum Ziele ausmachen. Aber eine besondere Funktion, an die sich
besondere Werterscheinungen ansetzen ‚könnten, liegt darin
nicht; Stets wird von dem Leiter oder der Leitung der Wirt-
schaft einfach eine andere Verwendung von Gütern verfügt.
Ob das direkt zu den gewünschten Resultaten führt oder nur
indirekt durch ein vorbereitendes Stadium von Vorratssamm-
lung, ist völlig gleichgültig“).

Was sollen dann aber diese Äußerungen bedeuten? Sollen
sie etwa eine Umschreibung, der für die Schumpetersche
Entwicklung so wichtigen Erscheinung des Entzuges .der be-
nötigten Mittel aus dem Kreislaufe mit Hilfe zusätzlicher Kauf-
kraft bzw. Befehlsgewalt darstellen? . Man muß jetzt, nach
unseren wenigen kritischen Bemerkungen, an Hand der oben
zitierten Stellen zu diesem Schluß kommen. Schumpeter.
will also Genußgütervorräten nur dann eine besondere Funktion
zugestehen, wenn sie aus freiwilligem Sparen stammen. Ganz
deutlich zeigt das folgendeÄußerung Schumpeters: „Nirgends
zibt es in diesem Nexus Kreditgeben in dem Sinn . ...., daß
irgendwer Unterhaltsmittel für Arbeiter oder Grundeigentümer
oder produzierte Produktionsmittel, die alle erst aus. dem
definitiven Produktionsresultat bezahlt würden, bereitzustellen
und damit eine besondere Funktion zu erfüllen hätte‘).

Wir meinen, auch diese Ansicht ist nicht haltbar. Es liegt
doch immer dieselbe Erscheinung vor.‘ Es werden Arbeits:
und Bodenleistungen in längeren Produktionsumwegen investiert,
und die Unternehmer benötigen zu diesem Zwecke Genußgüter-
vorräte, um Arbeitern und Grundherren während dieser Um-
wege Unterhalt gewähren zu können. Die Unternehmer müssen
daher, da sie in dieser Eigenschaft besitzlos sind — wenn sie
nicht zugleich Kapitalisten sind — sich diese Genußgütermengen
auf irgendeine Weise beschaffen. Es ist nun, was das Wesen
der Sache anbetrifft, doch gleichgültig, ob ich mir irgendwo
statische Kaufkraftsummen ausleihen kann, hinter denen irgend-
wo in der Volkswirtschaft ein entsprechendes Güterkomplement

1) Schumpeter, Entwicklung, S. 219. Schumpeter, Entwicklung,
|. Aufl., S. 315. ?®) Schumpeter, Entwicklung, S. 109.
Heinze, Statische oder dynamische Zinstheorie?
        <pb n="111" />
        98

steht, öder aber, ob der Unternehmer sich zusätzliche Kaufkraft
borgt und damit die nötigen Subsistenzmittel herbeischafft,
Immer sind es Subsistenzmittel, die der Unternehmer braucht,
um die geplanten neuen Kombinationen durchführen zu könrien,
und denen er deshalb in beiden Fällen etwas vom Ertrage zu-
rechnen muß. Daß hier kein Unterschied vorliegt, gibt Schum-
peter selbst zu, wenn er bei Besprechung des bekannten
Roscherschen Beispiels vom isolierten Fischer den Genuß-
gütervorräten keine besondere Funktion zuerkennt, obgleich
hier freiwillig gespart wird!). Also auch hier ist nicht bewiesen,
weshalb der Schumpetersche Unternehmer den Subsistenz-
mitteln, die er auf jeden Fall zur Durchführung der neuen Kom-
binationen benötigt, von seinem Gewinne nichts zurechnen wird,

Oder leistet diese Aufgabe etwa eine andere Serie von Aus-
sprüchen? „Endlich kann der Unternehmer Arbeitern und
Grundherren auch nicht Genußgüter „vorschießen‘‘, weil er
sie ja nicht hat. Kaufte er sie, so bedürfte er eben dazu der
Kaufkraft, Über diesen Punkt kommen wir nicht hinweg, da
es sich stets um Güterentzug aus dem Kreislauf handelt‘“*).
Während es in der Statik im Prinzip nur Bargeschäfte gibt,
„jeder, der Käufer wird, zum gleichen Betrage in Geld vorher
Verkäufer war, so gibt es bei Durchsetzung neuer Kombinationen
sicherlich eine solche Kluft zu überbrücken, Sie zu überbrücken
ist die Funktion des Kreditgebers, und er erfüllt sie, indem er
dem Unternehmer ad hoc geschaffene Kaufkraft zur Verfügung
stellt. Dann brauchen die Lieferanten von Produktionsmitteln
nicht zu. „warten“, und trotzdem braucht der Unternehmer
ihnen weder Güter noch vorhandenes „Geld“ vorzuschießen“‘?).
„Nirgends gibt es in diesem Nexus Kreditgeben in dem Sinn,
daß irgendwer auf den Gegenwert seiner Leistung in Gütern
warten und sich mit einer Forderung begnügen müßte‘‘*).

Wir stimmen mit Schumpeter vollständig darin überein,
1) Schumpeter, Entwicklung, 1. Aufl., S. 315/16. Vgl. auch Schum-
peter, Entwicklung, S. 219, wo er bei der Diskussion des Beispiels vom
isolierten Herrenhof betont, daß es völlig gleichgültig sei, ob alle - Mit-
wirkenden auch individuell die neuen Ziele billigen und die evtl. Vorrats-
sammlung vorzunehmen bereit sind.

2) Schumpeter, Entwicklung, S. 141/42. % ebda., S. 154.

“ ebda., S. 109.
        <pb n="112" />
        29

daß auch in der Dynamik die Lieferanten von Produktions-
mitteln, letzten Endes also Arbeiter und Grundherren nicht zu
„warten: brauchen. - Gerade auf dieser. Feststellung baut ja
Böhm-Bawerk seine Zinstheorie auf. Auf den ersten Blick kann
es aber dann als ein Widerspruch erscheinen, wenn Schum-
peter behauptet, der Unternehmer könne keine Genußgüter vor«
schießen,-Weil_er. sie. ja nicht habe. Dann müßten doch eben”
Arbeiter und_Grundherren „warten“, Nun, das meint Schum-
peter nicht. Diese Äußerungen sind vielmehr eine Fortsetzung
des oben kritisierten Gedankens, daß, wenn die Mittel für die
neuen Zwecke dem Kreislaufe mit Hilfe zusätzlicher Kaufkraft
entzogen werden, den Subsistenzmitteln dann keine besondere
Funktion. zukommt.

"Wir bestreiten gar nicht, daß es sich hier um kein eigent-
liches Vorschießen, um kein eigentliches Kreditgeschäft handelt;
da hier Wirtschaftssubjekte nicht Genußgüter für eine bestimmte
Zeit ohne entsprechende Gegenleistung zur Verfügung stellen,
sondern vielmehr die benötigten Genußgüter mit Hilfe der zu-
sätzlichen Kaufkraft von den damit bezahlten Arbeitern und
Grundherren gekauft und sie damit bestimmten Wirtschafts-
subjekten infolge Komprimierung ihrer Einkommen für immer
entzogen werden, Es fehlt also die eine Seite, die beim Kredit-
geschäft eine Rolle spielt, nämlich der freiwillige Verzicht auf eine
an sich mögliche.Bedürfnisbefriedigung. Es fehlt der Akt des
Sparens. Man kann nicht etwa vom Sparen des Unternehmers
sprechen, denn dieser vermehrt ja nicht das Angebot an Sub-
sisterizmitteln, indem er die vom Bankier erlangte Kaufkraft
für produktive Zwecke ausgibt?). Aber die andere Seite des
Kreditgeschäftes, der Unterhalt von Arbeitern und Grundherren
während einer gewissen Zeit, ohne daß diese sofort ein ent-
sprechendes Äquivalent liefern, fehlt nicht. Und das ist im
vorliegenden "Falle-doch die Hauptsache. Ich kann mir nicht
vorstellen, weshalb der ZurechnungsprozeB anders verlaufen
soll, als wenn der Unternehmer. statische. Kaufkraft vorge-
schossen bekommt. Für die Abstinenztheorie liegt hier aller-

A

1) Vgl. Lampe, Adolf, Zur Theorie d. Sparprozesses u. d. Kredit-
Schöpfung, Jena 1926, S, 118/19. Mannstaedt, Heinrich, Ein kritischer
Beitrag zur Theorie des Bankkredites, Jena 1927. bes. S. 30/31.
        <pb n="113" />
        100

dings der Fall anders, da von einer persönlichen Leistung hier
nicht die Rede sein kann. Sonst ist es doch aber, vom Stand-
punkt des Unternehmers aus gesehen, gleichgültig, ob er die
Genußgüter, die er auf jeden Fall zur Durchsetzung der ge-
planten neuen Kombination braucht, jemand abkauft oder von
jemand geborgt bekommt. In beiden Fällen hängt das Gelingen
des neuen Planes von dem Vorhandensein des nötigen Sub-
sistenzmittelfonds ab, und es muß ihm deshalb vom Ertrage
etwas zugerechnet werden.

Kann man nun allenfalls diesenÄußerungen noch eine andere
Auslegung geben? Diese Möglichkeit besteht. Man kann an-
nehmen, daß noch irgendein.anderer Beweis besteht, der plau-
sibel macht, daß auch in der Dynamik mit Hilfe der These von
der technischen Mehrergiebigkeit zeitraubender Produktions-
umwege nirgends ein Agio an konkreten Gütern, das man als
Zins bezeichnen könnte, zu finden ist und Schumpeter deshalb
die Tatsache, die bei der Zinserklärung mit Hilfe des dritten
Grundes eine Rolle spielt, dadurch in den Hintergrund stellen
will, indem er hier überhaupt nicht von „Vorschießen‘“ spricht
— genau; so, wie. er es, was wir später sehen werden?), bei
der Behandlung desselben Problems in der Statik macht.

Welches wäre aber dann der fragliche Beweis? Es sind
doch nur die Ausführungen gegen die Erklärung des Zinses mit
Hilfe des dritten Grundes als statisches Phänomen übrig. Tat-
sächlich wird nun an manchen. Stellen der Eindruck erweckt,
als ob Schumpeter die Resultate der Statik einfach auf die
Dynamik anwendet. Deutlich zeigt sich das anläßlich seiner
Entgegnung gegenüber Böhm-Bawerks Vorwurf, wonach
er einen elementaren Zurechnungsfehler begehen soll, indem er
vom dritten Grund von vornherein abstrahiert?), Das oben
erwähnte Beispiel vom isolierten Fischer läßt ebenfalls eine
derartige Auslegung zu. Denn hier wird freiwillig gespart, so daß
Schumpeters Einwand, der sich auf das „erzwungene Sparen“

1) S. unten S. 153/154, *) Schumpeter, Entgegnung, S. 618/19.
Um Unklarheiten zu vermeiden, sei noch folgendes bemerkt: Bei der
zuerst diskutierten Auslegung wird angenommen, daß Schumpeter die
Resultate der Statik ebenfalls in der Dynamik anwendet, aber eben nur
für den in seiner Dynamik prinzipiell nicht vorliegenden Fall, daß der
Unternehmer die nötigen Mittel „schon hat“,
        <pb n="114" />
        101

stützt, überhaupt nicht in Frage kommt. Ein weiterer Beweis,
weshalb das isolierte Wirtschaftssubjekt bei der Durchsetzung
einer neuen Kombination bezüglich des Genußgütervorrates
genau so zurechnet, wie in der Statik, wird nicht erbracht.
Und doch wäre ein solcher nötig, da es sich nach Schumpeters
Ansicht bei den Begriffen Statik und Dynamik um zwei generelle
Erkenntnisobjekte handelt. Man sieht, es findet hier wieder
die oben gerügte Begriffsverschiebung statt. Die Statik wird
jetzt so behandelt, als ob sie ein höherer Abstraktionsgrad
der Dynamik sei. Diese Begriffsverschiebung rächt sich hier
nun allerdings schwer. Wenn auch für die Statik der Beweis
der Zinslosigkeit erbracht wäre, so wäre das für Schumpeter
immer mit Hilfe des Synchronisierungsgedankens geschehen.
In der Dynamik findet aber, was auch aus Schumpeters
eigenen Aussagen folgt, eine Synchronisierung von Aufwendung
und Erfolg nicht statt. Ein interessantes Schlaglicht fällt
hier auf den Synchronisierungsgedanken, denn man erkennt,
daß, sobald man Statik und Dynamik als ein Begriffspaar auf-
faßt, man unmöglich mit dem Synchronisierungsmoment arbeiten
kann?) — ein Schluß, den wir uns für später merken wollen.

Noch ein Argument findet sich bei Schumpeter, das
man vielleicht als stichhaltig ansehen könnte: Der Unter-
nehmergewinn ist nur eine temporäre Erscheinung, wie alle
Wertagien an konkreten Gütern für Schumpeter nur tempo-
rärer Natur sind. Der Zins ist dagegen ein dauernd fließendes
Reineinkommen und kann schon deshalb nicht als ein Wertagid
an konkreten Gütern verstanden werden. „Er fließt aus einer
bestimmten Klasse von Wertagien, aber kein Wertagio ist
einfach und ohne weiteres „Zins“ “2).

Auch hier ist ein Einwand möglich. Der Zins kann ruhig
ein temporäres Wertagio an konkreten Gütern sein. Der Ein-
druck, däaß”er dauernd ist, wird eben dadurch erweckt, daß der
Bankier den Unternehmern immer solche Güter, an denen solche

3 Vgl. Böhm-Bawerk, Zur neuesten Literatur über Kapital u.
Kapitalzins, Ztschr. f. Volksw., Sozialpol. u. Verwitg., 16. Bd., Wien u.
Leipzig 1907, S. 23ff,

*) Schumpeter, Entwicklung, S. 261 (die Unterstreichungen stammen
von Schummpeter).
        <pb n="115" />
        102

temporären Wertagien,. Zins. genannt, erscheinen, mit Hilfe
statischer oder zusätzlicher Kaufkraft verschafft. |

Wie die Dinge also immer liegen mögen, wir kommen zu
dem Schluß, daß Schumpeter den Beweis, weshalb auch in
der Dynamik der Zins mit Hilfe des dritten Grundes als ein
Agio an konkreten Gütern nicht erklärt werden kann, nicht er-
bracht hat. Böhm-Bawerk ist daher im Recht, wenn er be-
hauptet, daß der Unternehmergewinn, auch wenn man die
nötigen Mittel zur Durchführung der geplanten neuen Kom-
binationen von Haus aus schon hat, keine homogene Masse
ist. Er ist dagegen im Unrecht, wenn er aus diesem Grunde
Schumpeter einen elementaren Zurechnungsfehler vorwirft,
da das abweichende Resultat auf anderen, allerdings ebenfalls
anfechtbaren Voraussetzungen, als der Böhm-Bawerksche
Schluß, begründet ist.

Ehe wir weitergehen, um Cassels und Schumpeters
Stellung zu Böhm-Bawerks erstem und zweitem Grunde zu
diskutieren, fassen wir die Resultate dieses Abschnittes kurz
zusammen:

Cassel verwendet ebenso wie Böhm-Bawerk die Tat-
sache der technischen Mehrergiebigkeit zeitraubender Pro-
duktionsumwege als Hauptstütze seiner Zinstheorie, in der
er den Zins als ein „statisches‘“ Phänomen erklärt, wobei aller-
dings die Statik einen anderen Inhalt als bei Schumpeter
hat. Anders bei Schumpeter. Obgleich dieser die Tatsache
des dritten Grundes nicht leugnet, so.hält er ihn für die Zins-
erklärung in der Statik nicht für tauglich — ein Schluß, zu dem
ihn anscheinend der von Clark übernommene Synchroni-
sierungsgedanke führt, der aber, wie wir feststellten, in der
Fassung, wie er an der betreffenden Stelle gebracht wird, gegen
Böhm-Bawerks statische Zinserklärung auf Basis des dritten
Grundes nichts auszurichten vermag. Im Laufe der Unter-
suchungen zeigte sich dann deutlich der individuelle Charakter
der Schumpeterschen Statik. Wir erkannten, daß infolge”
der besonderen Fassung der Statik durch Schumpeter der
sonst unerschöpfliche Fonds der zur Wahl stehenden ütlaus-
gehützten mehrergiebigen Produktionsumwege fast vollständig
beseitigt wird und man daher nicht generell “aussagen “kann;
        <pb n="116" />
        ; 103 —

daß der Zins in der Schumpeterschen Statik dauernd existieren
wird. Andererseits aber kamen wir zu dem Schluß, daß man
die Nichtexistenz des Zinses, insbesondere das Verschwinden
des Zinses in der Depressionsperiode, auch wenn. diese lange
genug dauern würde, ebenfalls nicht generell behaupten kann,
wie Schumpeter das tut, da hier das Verhalten des Bankiers,
dann die im Rahmen der Statik von Schumpeter zugegebenen
Bevölkerungsvermehrungen und schrittweisen Änderungen in
den Produktionsmethoden, gegebenenfalls auch Böhm-Ba-
werks erster und zweiter Grund, auch ein Anderes bewirken
können. Da aber Schumpeter die Existenz von Unternehmer-
persönlichkeiten in der. Depressionsperiode zugibt, also jetzt
der unerschöpfliche Fonds unausgenützter. mehrergiebiger Pro-
duktionsumwege wieder ins Leben gerufen wird, so wurde klar,
daß. von einer Zinselimination-in-der Depressionsperiode über-
haupt nicht die Rede sein kann, und es zeigte sich deutlich, daß
Schumpeters Statik mit der Depressionsperiode, auch wenn
sie Jange genug dauerte, nicht. identisch ist... Wir gelangten
daher zu der Erkenntnis — zu der auch Amonn kommt — daß
hier ein genetischer Erklärungsversuch der Zinserscheinung
vorliegt und Schumpeters Theorie eben nicht das leistet, was
sie nach Schumpeters Ansicht leisten soll.

Schließlich versuchten wir noch, die Unhaltbarkeit Schum-
peters „dynamischer‘‘ Zinstheorie nachzuweisen, indem wir
uns erstens auf die soeben vorgetragenen Resultate, die die
positive Theorie Schumpeters indirekt treffen, beriefen,
weiterhin aber auch -— ganz abgesehen von diesen Ergebnissen —
keinen Grund finden konnten, weshalb der Schumpetersche
Unternehmer den Subsistenzmitteln, die ihm erst das Ein-
schlagen eines gewinnbringenden Produktionsumweges. mit
ermöglichen, vom Gewinne nicht eine Quote zurechnen soll.
b) Cassels und Schumpeters Stellung zu Böhm-
Bawerks erstem und zweitem Grunde.

Es kann 80 scheinen, als ob Cassel die beiden ersten Zins-
gründe Böhm-Bawerks — die Unterschätzung zukünftiger
Güter infolge des verschiedenen Verhältnisses von Bedarf und
Deckung in Gegenwart und Zukunft und aus psychologischen
        <pb n="117" />
        104

Gründen — in seiner Zinstheorie nicht verwendet, wenn er
schreibt: „Die Idee einer Unterschätzung der Zukunftsgüter
ist nichts Neues und genügt jedenfalls nicht als Grundlage
für eine wirkliche Zinstheorie. Eine solche muß wissen, in
welchem Umfang und von welcher Stärke die Unterschätzung
im wirklichen Leben vorkommt, in welchem Umfange also ein
Zins als Entgelt für das „Warten“ gezahlt werden muß‘“1), Wie
man aber zugleich aus diesen Äußerungen erkennt, argumentiert
hier Cassel weder gegen die Tatsachen, auf die der erste und
zweite Grund aufbauen, noch gegen ihre Verwendung bei der
Zinserklärung, sondern nur gegen die Art und Weise, wie sie
seitens Böhm-Bawerks zur Ableitung der Zinserscheinung
benutzt werden. Seine Einwände sind gegen die Agiotheorie
gerichtet, da er glaubt, durch Ausschaltung einer bewußten
Werttheorie und mit Hilfe der Abstinenztheorie, indem er das
Angebot an Kapitaldisposition als eine Funktion des Preises
des Wartens studiert, weiterzukommen. Cassel befindet sich
hier im Unrecht. ‚Wie wir später sehen werden, ist die Abstinenz-
theorie eine durch eine weitere Annahme — nämlich durch die
Annahme, daß infolge der Unterschätzung zukünftiger Güter
der Verzicht auf gegenwärtige Güter für den Kapitalisten
ein Opfer involviert — umgemodelte Agiotheorie. Ob diese
Annahme allerdings mit der Agiotheorie in Einklang zu bringen
ist, das ist eine andere Frage, die uns weiter hinten beschäftigen
wird. Wenn Cassel daher die Abhängigkeit des Kapitalangebots
vom Zins untersucht, so heißt es weiter nichts, als daß er die
verschiedenen. Grade der Unterschätzung zukünftiger Güter
auf ihre Ursachen hin studiert. Das tut er denn auch, nur daß
er dabei auf die werttheoretische Einkleidung seiner Gedanken-
gänge verzichtet: „Das Verhältnis zwischen Bedarf und
Deckungsmitteln stellt sich eben für den einzelnen sehr ver-
schieden in verschiedenen Perioden seines Lebens. Diese Un-
gleichmäßigkeit der Versorgung läßt sich aber durch eine ge-
ejgenete Zusammenstellung von Sparen und Überkonsumtion
überwinden. Welche von diesen Tätigkeiten zeitlich vorauSs-
gehen soll, muß von den Umständen bestimmt werden‘‘?),

1) Cassel, Theorie, S. 172, vgl. auch S. 176 und Cassel, Grundgedanken,
5, 42. 2) Cassel, Theorie, S. 213.
        <pb n="118" />
        - 105

Also deutlich Böhm-Bawerks erster Grund. ‚Diese Lust
zum Sparen, um für die Zukunft zu sorgen, ist aber notwendig
begrenzt. Eine durch verstärkte Fürsorge für die Zukunft er-
höhte Sparsamkeit der modernen Gesellschaft ist wesentlich
nur insofern zu erwarten, als die Spargewohnheiten der oberen
Klassen auch in den unteren Verbreitung finden. Dies ist aber
sicher ein sehr langsamer Prozeß‘). „Denn erstens ist die-
jenige Zukunft, für welche man vernünftigerweise sorgen kann,
durch die Lebensdauer des Sparenden selbst und durch die
Länge der Zeit, während welcher er für Kinder und andere
Angehörige sorgen muß, begrenzt. Zweitens liegt in der Regel
keine Veranlassung vor, für die Zukunft besser als für die
Gegenwart zu sorgen. Die meisten Wirtschaften begnügen sich
in der Regel mit einer dürftigeren Versorgung der Zukunft‘“?).
Hier trägt also Cassel Böhm-Bawerks zweiten Grund vor,
nur daß er, wie wir bei der Darstellung der Casselschen Zins-
theorie hervorhoben, dem Einfluß der Lebensdauer auf die Spar-
tätigkeit, wenigstens bei einem gewissen Zinsfuß, quantitativ
sehr große Bedeutung beimißt, während Böhm-Bawerk den-
selben ausdrücklich einschränkt®).

Cassel verwendet also auch Böhm-Bawerks ersten und
zweiten Grund in seiner Zinserklärung. Er stimmt auch darin
mit Böhm-Bawerk überein, daß er sie zusammen mit dem
dritten Grunde zur Erklärung des Zinses heranzieht und sie
nicht etwa zu einer gesonderten Ableitung des Konsumtiv-
zinses benutzt. Das geht daraus hervor, daß er die Überkon-
sumtion einfach als ein negatives Angebot an Kapitaldisposition
auffaßt*), womit gesagt ist, daß es sich beim Produktivkredit
nur um einen zweiten Zweig derselben Nachfrage handelt und
beide gemeinsam zur Hervorbringung des Zinses beitragen.
Daraus folgt aber zugleich, daß mit Hilfe der beiden ersten
Gründe ebenfalls eine statische Zinserklärung geliefert wird,
da sie die Wirkung des dritten Grundes, der schon ohne ihre
Unterstützung den Zins in der Statik hervorzurufen vermag ®),
1) Cassel, Theorie, S, 214. ?) ebda., 3 i
stammt von Cassel), ) 5, Bft SR sehn
’) Böhm-Bawerk, Posit. Theorie, S. 335/36, 477.
‘) Passel,. Theorie, S. 200. 212. 5 ehda,. S. 204/05, 235,

A
        <pb n="119" />
        106

noch verstärken?) und nirgends gesagt ist, daß das etwa in der
Statik nicht der Fall wäre. Daß die beiden ersten Gründe bei
Cassel aus der Statik nicht ausgeschlossen sind, geht ganz
deutlich aus folgender Äußerung hervor: „Wäre die Sparsamkeit
so unbedeutend, daß die Bevölkerung auch bei einem hohen
Zinsfuß im ganzen keine neue Kapitaldisposition zur Ver-
fügung stellte, so würde die Gesellschaft in einer stationären
Wirtschaft stehen bleiben‘), ;

Das heißt doch nichts anderes, als daß in einer solchen
stationären Wirtschaft die beiden ersten Gründe besonders
stark wirken.

Cassel liefert demnach auf Basis der Böhm-Bawerkschen
drei Gründe eine vollkommen statische Zinserklärung. Dem
steht die Ansicht Kromphardts gegenüber. „Es läßt sich
ainfach nicht verkennen, daß Cassel in allen dem Zinsphänomen
gewidmeten Paragraphen nur selten das Zinsreineinkommen
vom Rohzinseinkommen trennt, daß bezeichnenderweise in
diesen Abschnitten fast nirgends die statische Wirtschaft von
der fortschreitenden getrennt wird, vielmehr je nach Wahl
von beiden Annahmen aus argumentiert wird‘“®), Wir glauben,
Kromphardts Einwand entgegnen zu können. Wenn Cassel
von dem unerschöpflichen Fonds latenter Möglichkeiten der
Ausnutzung technischer Verbesserungen spricht und im An-
schluß daran feststellt, daß die Nachfrage nach Kapitaldis-
position infolgedessen immer durch einen entsprechenden Preis
zusammengepreßt werden muß, so. ist das nicht vom Fortschritt
her argumentiert, sondern heißt vielmehr, daß, wenn kein
Fortschritt, keine Einführung neuer Methoden, keine Störung
des Gleichgewichtes eintreten soll, Zins bezahlt werden muß.
Und wenn er die Bevölkerungsvermehrung als eine quantitativ
stark ins Gewicht fallende Ursache der Nachfragesteigerung
nach Kapitaldisposition anführt, so ist das immer noch keine
Ableitung des Zinses aus der fortschreitenden Wirtschaft. Das
würde nur dann der Fall sein, wenn er allein aus dem Auftreten
der Bevölkerungsvermehrung die Zinserscheinung plausibel
machte, also eine als stationär vorgestellte statische Wirtschaft
1) Cassel, Theorie, S. 228/30. *) ebda,, S. 227/28.
7) Kromphardt, Systemidee, S. 38.
        <pb n="120" />
        107

für Cassel zinslos wäre. Kromphardt scheint anzunehmen,
daß dieser Sachverhalt auf Cassels Zinstheorie zutrifft, Nun
hat Cassel allerdings früher einmal die Existenz des Zinses für
die stationäre sozialistische Wirtschaft geleugnet und behauptet,
daß sich der Zins nur in einer im Fortschritt befindlichen sozia-
listischen Wirtschaft zeigen würde?), was. Ludwig. Pohle
bei der Kritik der Schumpeterschen Theorie zu der Fest-
stellung veranlaßte, daß Cassel eine „dynamische‘“ Zinstheorie
liefere®). Hier lag tatsächlich ein Widerspruch zu Cassels
sonstigen Ausführungen vor, da, wie aus der Behandlung des
Zinsproblems für die privatkapitalistische Wirtschaft deutlich
hervorgeht, er hier die Existenz des Zinses auch für eine
stationäre Wirtschaft annimmt®).

Heute besteht dieser Widerspruch nicht mehr. Die Stelle,
auf der gerade Kromphardt seinen Einwand aufbaut, lautet
wörtlich: „Die zinslose Tauschwirtschaft würde also endlich
in der absolut stillstehenden sozialistischen Gesellschaft ver-
wirklicht sein. Gegen diesen Schluß erhebt sich aber die Ein-
wendung, daß die Voraussetzung selbst unmöglich ist. Ein
wirtschaftlicher Stillstand ist in einer Tauschwirtschaft über-
haupt nur bei einem bestimmten Zinsfuß denkbar. Sobald der
Zinsfuß bis Null fiele, müßten sich nach dem früher Gesagten
in jeder Tauschwirtschaft sowohl die Nachfrage nach den
Diensten dauerhafter Güter wie auch die Möglichkeiten zu
lohnender Verwendung von Kapitaldisposition in der Pro-
duktion in das Unermeßliche vermehren und folglich das Gleich-
gewicht zerstört sein. Ein Zinsfuß ist, wie schon festgestellt,
in der sozialistischen Tauschwirtschaft wie in jeder anderen
absolut notwendig. Eine sozialistische Gesellschaft, die nach
dem hier angegebenen Prinzip ihr gesamtes Zinseinkommen zur
Kapitaldeckung verwendete, könnte deshalb niemals zu einem
Stillstand kommen, sondern müßte sich immer in einer gewissen
wirtschaftlichen Fortbewegung befinden“4).

Man erkennt hieraus, daß Cassel zunächst erklärt, weshalb

1) Cassel, Arbeitsertrag, 88 31 u. 44. Cassel, Nature, S. 175/76,

?) Pohle, Ludwig, Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen
Nationalökonomie, Ztschr, f, Sozjalwiss., 12. Jahrg., Leipzig 1909, S, 350/51,

%) Vgl. z. B. Cassel, Nature, S. 152/57.

4) Cassel, Theorie, 3. Aufl., S. 236/37.
        <pb n="121" />
        — 108 --

auch in der stationären sozialistischen Wirtschaft immer Zins
gezahlt werden: muß, und dann zu dem Schluß kommt, daß,
wenn man das Zinseinkommen, das die stationäre Wirtschaft
ständig darbietet, zur Kapitalbildung verwenden würde, die
stationäre sozialistische Wirtschaft in eine fortschreitende
Wirtschaft übergehen müßte. Kromphardt liest aber aus
dieser Stelle gerade den umgekehrten Sachverhalt heraus,
indem er ausführt, daß Cassel das in früheren Abhandlungen
gemachte Zugeständnis der Zinslosigkeit der stationären sozia-
listischen Wirtschaft mit der Begründung widerrufe, „eine
sozialistische Wirtschaft, die nach dem hier angegebenen Prinzip
ihr gesamtes Zinseinkommen zur Kapitalbildung verwendete,
könnte deshalb niemals zu einem. Stillstand kommen,
sondern müßte sich immer in einer gewissen wirtschaftlichen
Fortbewegung befinden‘“1). Wir meinen, zu einem derartigen
Schluß gibt gerade diese Stelle der Casselschen Ausführungen
keinen Anlaß.

In der neuesten Auflage seiner „Theoretischen Sozial-
ökonomie‘‘ hat es Cassel zwar unterlassen, ausdrücklich fest-
zustellen, daß für ihn auch in einer stationären sozialistischen
Wirtschaft das Fehlen des Zinses undenkbar ist. Uns scheint,
das ist nur deshalb geschehen, weil Cassel jetzt eine derartige
Feststellung, die seinerzeit gegenüber seinen früheren abweichen-
den Äußerungen über diesen Punkt erfolgte®), nicht mehr für
nötig hält. Denn aus den jetzigen Ausführungen geht ebenfalls
klar hervor, daß Cassel, wenn er den Zins mit der fortschreiten-
den sozialistischen Wirtschaft in Verbindung bringt, nur die
Frage der Zinshöhe und ihre Beeinflussung durch die Leitung der
sozialistischen Gesellschaft im Auge hat. Daß für ihn auch jetzt
noch in der stationären sozialistischen Wirtschaft der Zins
existieren muß, kann man leicht aus der Äußerung folgern:
„Unter keiner denkbaren Sparsamkeit ist es aber der sozialisti-
schen Gesellschaft möglich, der Notwendigkeit eines Zinses aus-
zuweichen. Die beim Zinsfuß Null hervortretenden Ansprüche
auf Kapitaldisposition sind einfach absolut unersättlich‘“®).
2) Kromphardt, Systemidee, S. 38 (Unterstreichung stammt von
Kromphardt).
2) Cassel, Theorie, 3. Aufl., S, 236 Anm. 1. 2) Cassel. Theorie, S. 235.
        <pb n="122" />
        Ganz anders liegen die Dinge für Schumpeter..- Betrachten
wir zunächst Schumpeters. Stellung zu Böhm-Bawerks
erstem Grunde, der Unterschätzung zukünftiger Güter infolge
des verschiedenen Verhältnisses von Bedarf und Deckung in
Gegenwart und Zukunft, „Es ist selbstverständlich, daß jemand,
der eine Erbschaft zu erwarten hat oder der sonst auf eine Ver-
änderung seiner Lage hoffen kann, vernünftigerweise gegen-
wärtiges Geld höher schätzt als künftiges. Und es ist ebenso
selbstverständlich, daß jemand, der z. B. an die Verringerung
seines Arbeitseinkommens in höherem Alter denkt, das Um-
gekehrte tut .... Sicher ist nur, daß der Zins eine höchst
geringe Bedeutung haben würde. Nur ein paar Wucherer
könnten von ihm leben. Zinszahlen würde. als Anomalie
empfunden werden. Und deshalb können wir uns sagen, daß wir
den Zins mit Recht aus dem Kreislauf ausgeschlossen haben.
Ein wesentliches Element des Wirtschaftsprozesses
wäre er da sicher nicht‘). An anderer Stelle, anläßlich
der Kritik Böhm-Bawerks?), kennzeichnet er die Stellung
des ersten Grundes in seiner Theorie folgendermaßen: „Den
ersten — Ungleichheit der wirtschaftlichen Lage in Gegenwart
und Zukunft — akzeptiert sie ohne weiteres. Nichts liegt mir
ferner, als ihn zu „bagatellisieren‘“ — so fern liegt mir das, daß
man, wenn man wollte, meine ganze Zinstheorie als eine Ent-
wicklung dieses Grundes bezeichnen könnte‘‘3).
Wir stellen zunächst fest: In der Schumpeterschen Statik
kann nur Konsumtivzins existieren, und dann auch nur als
Anömalie, infolge irgendwelcher besonderer Umstände, die
eine Verschiedenheit im Verhältnisse von Bedarf und Deckung
in Gegenwart und Zukunft hervorrufen, Eine allgemeine Er-
scheinung ist hier Böhm-Bawerks erster Grund also nicht.
Unter Schumpeters Voraussetzungen stimmen wir diesem
Resultate zu. Wir sehen eine gewissermaßen ewig stationäre

1) Schumpeter, Entwicklung, S. 286 (Unterstreichung stammt von
Schumpeter). |
N sen Böhm-Bawerk, Eine „dynamische“ Theorie d. Kapitalzinses,
. sy Schumpeter, Entgegnung, S. 606/07. Vgl. auch Schumpet
Entwicklung, S. 242. E g peter,
        <pb n="123" />
        110

Wirtschaft vor uns, ünd Änderungen in dem Verhältnisse von
Bedarf und Deckung sind daher hier nur Zufälle. Es ist deshalb
auch verständlich, wenn Schumpeter hier nur immer von
Konsumtivzins spricht. Der Vorwurf, den ihm Böhm-Bawerk
macht, daß er verschiedene, durch besondere Theorien zu er«
klärende Arten des Kapitalzinses unterscheide?), trifft nicht zu.
Da in der Schümpeterschen Statik selten Anlaß vorliegt,
Komsumtivkredit aufzunehmen, so ist es nicht möglich, daß
durch diese Nachfrage ein allgemeines Agio und damit auch der
Produktivzins ins Leben gerufen wird?).

Gehen wir einen Schritt weiter, Die zweite der oben
zitierten Äußerungen Schumpeters zeigt uns, daß dieser die
Tatsache des.ersten. Grundes nur für die Statik, nicht aber auch
für die Dynamik leugnet. Er bezeichnet seine Theorie selbst
als eine Entwicklung des ersten Grundes, was offenbar doch
nur bedeuten kann, daß sie, indem sie uns erst die großen Ver-
änderungen des Wirtschaftslebens erklärt, uns auch erst die
Verschiedenheit des Verhältnisses von Bedarf und Deckung in
Gegenwart und Zukunft plausibel macht. Die Einführung neuer
technischer Methoden führt an sich schon zu einer Steigerung
des Sozialproduktes und damit zur Erhöhung gewisser Ein-
kommen, dann werden aber auch durch das Einschlagen längerer
Produktionsumwege Produktivkräfte dem Dienste der Gegen-
wart entzogen, wodurch der Unterschied in den Versorgungs-
zuständen von heute und morgen noch vergrößert wird. Es
taucht doch aber jetzt folgende Frage auf. Die in der Auf-
schwungsperiode durchgesetzten neuen Kombinationen werden
doch auch in der Depressionsperiode immer wieder durchgeführt,
so daß auch hier ständig Produktivkräfte dem Dienste der
Gegenwart entzogen werden, infolgedessen also die Gegenwart
schlechter als die Zukunft versorgt ist. Damit wäre doch aber
die Existenz des ersten Grundes für die Depressionsperiode,
die nach Schumpeters Aussage seiner statischen Wirtschaft
ziemlich nahe kommen soll, bewiesen.

Dieser Widerspruch, der sich hier vor uns auftut, existiert
—_ _ 1) Böhm-Bawerk, Eine ‚dynamische‘ Theorie d. Kapitalzinses,
5. 56ff,
2) Schumpeter, Entgegnung, S. 638/39.
        <pb n="124" />
        111

tatsächlich, und er wird, was die folgenden Ausführungen zeigen
sollen, dadurch hervorgerufen, daß Schumpeter die bereits
oft gerügte Begriffsverschiebung bezüglich der Begriffe Statik
und Dynamik hier wiederum vornimmt,

Unseres Erachtens kann Schumpeter, wenn er konsequent
mit den zwei, nach seiner Meinung generellen Erkenntnis-
objekten Statik und Dynamik arbeiten würde, Böhm-Bawerks
ersten Grund überhaupt nicht erfassen. Machen wir uns das
an einem Beispiel klar, das uns Schumpeters Abhandlung
selbst bietet. Ein statischer Wirt will einem Unternehmer
statische Kaufkraft vorschießen. Unser Wirtschaftssubjekt
wird sich dabei überlegen, daß es, wenn es so verfährt, seinen
gegenwärtigen Konsum entsprechend einschränken muß,
während es in einer späteren Periode einen Einkommenszuwachs
erhält. Es wird dann erkennen, daß, wenn es in der Zukunft
nur die gleiche Summe zurückerhält, dieser Zuwachs an Wohl-
fahrt die in der Gegenwart durch die Hingabe der gleichen
Summe hervorgerufene Störung in seiner Wirtschaft nicht
kompensiert. „Nach dem Gesetze des abnehmenden Grenz-
nutzens müßte vielmehr der Zuwachs in der Zukunft von ge-
ringerem Werte sein, als die Hingabe in der Gegenwart, weil
das Weggeben wichtige Bedürfnisse ungedeckt läßt, das Hinzu-
kommen nur weniger wichtige befriedigt. Nicht nur deshalb
also muß der Darlehnsnehmer sich zur Rückstellung von mehr
Geldeinheiten verstehen, um den Darlehnsgeber zu einem
Darlehnsgeschäft zu veranlassen, sondern auch deshalb, weil
das Geschäft unter unsern Voraussetzungen dem letzteren
einen Nachteil zufügt‘“?).

Man wird wohl kaum bestreiten, daß hier mit statischen
Raisonnements gearbeitet wird. Man macht gewissermaßen
von der Wirtschaft in den einzelnen Perioden — vor dem Sparen,
während der Sparperiode und nach Rückzahlung der Spar-
summe — Momentphotographien, erfaßt die Lage mit Hilfe
des Gesetzes vom Grenznutzenniveau und untersucht dann
was an den einzelnen Bildern noch geändert werden muß, damit
man sich unter den gegebenen Verhältnissen am vorteilhaftesten.
\ Schumpeter, Entwicklung, .S. 284, vgl. auch S. 293/94.
        <pb n="125" />
        12

steht, einen Maximumzustand erreicht, so daß dem Wirtschafts-
plan keine Tendenz zur Änderung immanent ist. Wir befinden
uns zwar nicht mehr in der Statik, denn es vollziehen sich Ver-
änderungen in der Wirtschaft. Das Gleichgewicht jeder Wirt-
schaftsperiode ist nur labil, aber wir erfassen diese Veränderungen
eben mit Hilfe der statischen Methode,

Man sieht sofort, daß Schumpeter mit seinen zwei gene-
rellen Erkenntnisobjekten hier nicht vorwärts kommen kann. In
seiner Statik, wo man mit der statischen Methode arbeiten kann,
vollziehen sich keine Änderungen, und in der Dynamik, wo die
großen Veränderungen vor sich gehen, kann er die statische
Methode nicht anwenden. Wenn Schumpeter daher die
Existenz des ersten Grundes für die Dynamik zugibt, so begeht
er wiederum die bekannte Inkonsequenz, deren Folgen wir be-
reits angedeutet hatten und die wir jetzt weiter aufzeichnen
wollen.
Schumpeter gibt also außer für seine Statik die Existenz
des ersten Grundes zu, und es läßt sich daher kein Grund finden,
weshalb dieser erste Grund in der Depressionsperiode nicht
wirken soll. . Die Wirtschaftssubjekte nehmen wahr, daß
sich ihre Einkommen verändern und daß ihnen, soweit sie
Sparsummen zur Verfügung gestellt haben, später einmal eine
bessere Versorgung als in der Gegenwart winkt. Schumpeter
gibt selbst zu, daß mit der Entstehung des Zinses auch das
„eigentliche“ Sparen, die Enthaltung von gewohnter Bedürfnis-
befriedigung einsetzt, also gerade der Fall eintritt, den wir im
obigen Beispiel vorführten. Schumpeter sucht zwar dieses
Angebot im Verhältnis zum Gesamtangebot an Subsistenz-
mitteln stark herabzudrücken!). Auch wir sind der Meinung,
daß diese Summen, die durch den Zins hervorgelockt werden,
in der modernen Wirtschaft nicht allzugroß sind. Aber wenn
wir bedenken, daß die bessere Versorgung in einer zukünftigen
Periode jetzt eine mehr allgemeine Erscheinung als in der
Schumpeterschen Statik ist, demnach auch die Nachfrage,
die von der Überkonsumtion ausgeht, anwächst, und die, je
mehr der Zins fällt, um so stärker anziehen muß, so scheint es
ıy Schumpeter, Entwicklung, S. 301.
        <pb n="126" />
        113 -

doch fraglich, ob in der Depressionsperiode eine Elimination
des Zinses, wie Schumpeter behauptet, generell möglich ist —
ganz abgesehen von dem Einfluß, den die Existenz von Unter-
nehmerpersönlichkeiten in der Depressionsperiode in dieser
Hinsicht ausübt. Der hier vorliegende Widerspruch katın auch
nicht einfach dadurch aus der Welt geschafft werden, indem
man annimmt, daß die Lücke, die in das Subsistenzmittelangebot
beim Verschwinden des Zinses infolge der Auswirkungen des
ersten Grundes gerissen wird, durch „erzwungenes Sparen“
wieder ausgefüllt wird. Denn es kommt doch darauf an, in
welche Hände die Gewinne, die auf diese Weise erzielt werden,
gelangen, ob die betreffenden Wirtschaftssubjekte bereit sind,
diese zinslos zur Verfügung zu stellen. Nach der Beschreibung,
die Schumpeter vom statischen‘ Wirtschaftssubjekt gibt,
muß man doch annehmen, daß es solche Individuen in seiner
statischen Wirtschaft überhaupt nicht gibt, sondern hier der
erste Grund eine ganz allgemeine Erscheinung ist, denn es
handelt sich doch hier um Wirtschaftssubjekte, für die der
Zweck alles Wirtschaftens Gütererwerb zur Bedarfsdeckung
ist, für die also das Gossensche Gesetz gilt. Hiermit. sind. wir.
an dem springenden Punkt angelangt... Wenn der erste Grund
in der..Statik-keine-Rolle-spielen..soll_— wir fügen das jetzt als
Ergänzung zu unserer oben gemachten zustimmenden Bemer-
kung über das Verhältnis von Schumpeters Statik zu Böhm-
Bawerks erstem Grunde hinzu — so müssen dort die Wirt-
schaftssubjekte niemals bedenken, daß sie durch Konsumtion
der bisher dargebotenen Sparsummen ihre Versorgung in einer
künftigen Periode verbessern können, noch muß für sie die Aus-
sicht bestehen, durch Veränderung der Produktionsmethoden
später einmal ein größeres Einkommen zu beziehen. Für Schum-
peters Statik trifft das in der Tat zu. Sie ist gleichsam eine
ewig stationäre Wirtschaft, hervorgerufen durch das Verhalten
der statischen Subjekte. Gilt das denn aber auch für die De-
pressionsperiode? Schumpeters Aussage, daß in der De-
pressionsperiode der Zins verschwinden müßte, wenn sie nur
Jange genug dauerte, kann man jetzt eine ganz andere Aus-
legung geben. Während wir früher annahmen, daß Schum-
peter meint, der Zins würde erst dantı verschwinden, wenn ein
Heinze. Statische oder dynamische Zinstheorie?
        <pb n="127" />
        — 114 —

Gleichgewichtszustand annähernd erreicht ist, wenn sämtliche
Reibungswiderstände, was bekanntlich Zeit in Anspruch nimmt,
überwunden sind, so kann man jetzt Schumpeters Äußerung
auch so auffassen, als ob durch die lange Dauer, und zwar
eine sehr lange Dauer der Depressionsperiode, wodurch schließ-
lich die Wirtschaftssubjekte veranlaßt werden, an irgendwelche
Änderungen ihrer wirtschaftlichen Lage in der Zukunft nicht
mehr zu denken, die Voraussetzungen der Schumpeterschen
Statik erst geschaffen werden. Der: individuelle Charakter
derselben und der Widerspruch, der dadurch entsteht, daß
Schumpeter die hierfür gemachten Aussagen generell ver-
wenden will, zeigt sich hier wieder in aller Klarheit.
Nunmehr müssen wir uns noch mit Schumpeters Stellung
zu Böhm-Bawerks zweitem Grunde — der Unterschätzung
zukünftiger Genüsse und damit auch der Mittel, die zu ihrer
Befriedigung dienen, infolge lückenhafter Vorstellung, Willens-
schwäche und Rücksicht auf die Kürze des menschlichen
Lebens!) — beschäftigen.
£_Schumpeter leugnet zunächst diese Tatsache für die
Statik. Er argumentiert: „In steter Rotation wechseln sich da
die Wirtschaftsperioden mit stets sich im Prinzipe gleichbleiben-
den Erträgen ab. Ein psychisches Geringersehen künftiger
Bedürfnisse müßte sich für jedes Wirtschaftssubjekt rächen“?).
„Wer den doppelten Rhythmus von Bedürfnissen und Be-
friedigungsmitteln begreift, der kann die Konsequenz daraus,
daß eine einseitige Verschiebung beider nur schadet, vielleicht
im konkreten Falle verachten, aber nicht prinzipiell ablehnen“3)
immer abgesehen vom persönlichen Risiko des‘ Erlebens%).
Wir meinen, hierüber läßt sich bereits streiten. Ob die
Leute den doppelten Rhythmus von Bedürfnissen und Befrie-
digungsmitteln begreifen, das ist eine Frage, die sich auf rein
logischem Wege nicht lösen läßt. Sicherlich, es leuchtet ein,
daß das Wirtschaftssubjekt, wenn die Wirtschaft dauernd ohne
Änderung abläuft, schließlich eingehämmert bekommt, daß
auch in der Zukunft alles so wie heute sein wird und es sich des-

ı) Böhm-Bawerk, Posit. Theorie, S. 332/37.
1) Schumpeter, Entwicklung, S. 46. *) ebda., S. 45/46. *) ebda., S. 45;
        <pb n="128" />
        &gt; 115 —

halb nur schädigt, wenn es dieser Erkenntnis zuwiderhandelt,
indem es die gegenwärtigen Genüsse überschätzt. Man kann
daher annehmen, daß vielleicht hier die perspektivische Unter-
schätzung zukünftiger Bedürfnisse eine geringere Rolle spielt,
als in einer Wirtschaft, wo sich ständig alles im Flusse befindet?).

Daraus folgt aber zugleich, daß, wenn auch Schumpeter
die Nichtexistenz des zweiten Grundes für seine Statik nachge-
wiesen hätte, für die Dynamik, wo sich alles immer mehr oder
weniger ändert, noch gar nichts gesagt ist. Damit läuft doch
Schumpeter wieder Gefahr, daß der zweite Grund in. der
Depressionsperiode sich auswirkt und der Zins hier nicht ohne
weiteres eliminiert werden kann, Man muß dann eben wieder
annehmen, daß die Depressionsperiode sehr lange dauert, so
lange, bis die Wirtschaftssubjekte eingesehen haben, daß die
Unterschätzung zukünftiger Bedürfnisse ihnen nur schadet,
Damit würde aber aufs neue der individuelle Charakter der
Schumpeterschen Statik demonstriert sein.

Es ist deshalb auch verständlich, wenn Schumpeter die
Tatsache der perspektivischen Unterschätzung zukünftiger
Genüsse ganz allgemein, also auch für die Dynamik als primäre,
nicht erst durch den anderweitig zu erklärenden Zins hervor-
gerufene Erscheinung und abgesehen von Risiken und anderen

1) Schumpeters zweites Argument gegen Böhm-Bawerks zweiten
Grund in seiner Bedeutung für die Statik lautet: „Es kommt aber noch
hinzu, daß normalerweise zu einem Vergleiche gegenwärtiger und zu-
künftiger Werte kein Anlaß vorhanden ist. Denn die Wirtschaft geht
Ihren bestimmten Weg. Sie ist auf gewisse Produktionen einmal ein-
Zerichtet. Der laufende Produktionsprozeß muß jedenfalls zu Ende ge-
führt werden. Da hilft kein Überschätzen gegenwärtiger Bedürfnisse.
Und wenn das geschehen ist, dann sind die künftigen Bedürfnisse zu gegen-
wärtigen geworden. Eine Wahl zwischen Gegenwart und Zukunft haben
die Wirtschaftssubjekte gar nicht‘ (Schumpeter, Entwicklung, S. 46).
Wir lehnen diesen Einwand im Anschluß an Böhm-Bawerk ab, der
wörtlich ausführt: „Und wenn schließlich Schumpeter als Argument
gegen die Wahlfreiheit anführt, daß „der laufende Produktionsprozeß
jedenfalls zu Ende geführt werden müsse“, so würde dieses Argument —
soweit es überhaupt tatsächlich zutrifft — doch höchstens beweisen können,
daß die einmal getroffene Wahl des Produktionsprozesses nicht mitten
in der Durchführung nachträglich rückgängig gemacht werden kann, nicht
aber, daß auch vor Beginn des Prozesses eine Wahl nicht stattgefunden
haben könne‘ (Böhm-Bawerk, Eine „dynamische Theorie“ d. Kapitalzinses,
5. 28 Anm. 22).
        <pb n="129" />
        116 —

akzessorischen Momenten, die eine solche Unterschätzung
im Einzelfall hervorrufen können, zu leugnen sucht‘*).

Ein Beweis für und gegen diese Ansicht ist wohl schwer zu
führen. Indirekte Belege lassen sich für beide Ansichten an-
führen, wie Schumpeter?) bemerkt; letzten Endes handelt
es sich aber doch, so meinen wir, wie wir uns etwas vulgär aus-
drücken wollen, um eine Ansichtssache, ob man annimmt,
daß die Wirtschaftssubjekte allgemein geneigt sind, die Zukunft
zu unterschätzen oder nicht. Wir stellen uns jedenfalls auf die
Seite Böhm-Bawerks, sind also der Ansicht, daß die per-
spektivische Unterschätzung zukünftiger Genüsse eine all-
gemein menschliche Erscheinung ist, die allerdings nach Ort
und Zeit stark differiert. Wir halten es daher auch für eine
Übertreibung seitens Cassels, wenn dieser der menschlichen
Lebensdauer einen großen Einfluß auf das Angebot an Kapital-
disposition einräumt, indem er meint, daß bei dem Sinken
des Zinsfußes unter eine gewisse Höhe ein sehr starker Schwund
an Subsistenzmitteln aus diesem Grunde einsetzen wird. Das
mag wohl für eine Wirtschaft, wo das Rentnertum stark ver-
treten ist, also etwa für Frankreich zutreffen, für die moderne,
aufwärtsstrebende Wirtschaft kann man es aber nicht behaupten,
so führt Eduard Lukas?) aus, und wir stimmen hier zu.

Wie dem auch immer sei, ob der zweite Grund stark oder
schwach wirkt, wir sind jedenfalls der Ansicht, daß eine Zins-
theorie so angelegt sein muß, daß sie in ihren Erklärungsgang
die Tatsache der Unterschätzung zukünftiger Genüsse zwanglos
aufnehmen kann. Bei Cassel und Böhm-Bawerk ist das der
Fall. Einerseits ist der zweite Grund in den statischen Er-
klärungsgang eingefügt, andererseits ist aber die Hauptstütze
der dritte Grund. Der zweite Grund ist zur Erklärung der Zins-
erscheinung nicht unbedingt nötig, er nimmt eine unterge-
ordnete Stellung ein und spielt nicht die Hauptrolle, wie Schum-
1) Schumpeter, Entgegnung, S. 607, 639, Schumpeter, Entwicklung,
1. Aufl., S. 317/18. Schumpeter, Entwicklung, S. 221.

*) Schumpeter, Entgegnung, S. 607.

3) Lukas, Eduard, Erwägungen über die Bestimmungsgründe u. d.
innere Verbundenheit d. Angebots u. d, Nachfrage, die den Kapitalzins
begründen. Eheberg-Festgabe, Leipzig u. Erlangen 1925, S. 65ff.
        <pb n="130" />
        117

peter — was man aus seinen antikritischen Bemerkungen
gegenüber der Böhm-Bawerkschen Kritik seiner Zinstheorie
folgern muß?!) — annimmt, Schumpeters Zinstheorie und der
zweite Grund sind dagegen unvereinbar, da, wenn man dessen
Existenz auch nur außerhalb seiner Statik annimmt, die Eli-
mination des Zinses in der Depressionsperiode sehr in Frage
gestellt ist, wodurch von vornherein Schumpeters „dyna-
mischer“ Zinstheorie das Wasser abgegraben wäre — ein Grund,
der uns, die wir die Tatsache der systematischen Unterschätzung
zukünftiger Genüsse anerkennen, zur Ablehnung der Schum-
peterschen Theorie veranlaßt.
Was jetzt noch zu tun übrig bleibt, ist erstens die Er-
klärung der Zinserscheinung, die Cassel auf Böhm-Bawerks
drei Gründen aufbaut, etwas näher zu untersuchen — denn bis
jetzt wissen wir nur, daß sie statisch ist — und zweitens den
Synchronisierungsgedanken etwas genauer unter die Lupe zu
nehmen. Wir werden dabei folgenden Weg einschlagen: Zu-
nächst werden wir uns etwas mit dem Casselschen Kapital-
begriff beschäftigen, wobei wir die Gelegenheit benutzen werden,
einige vergleichende Bemerkungen über die Auffassung des
Kreditphänomens bei Schumpeter und Cassel einzuflechten.
Dann werden wir zur Besprechung der Abstinenztheorie über-
gehen und uns hier insbesondere mit den Einwänden Böhm-
Bawerks auseinandersetzen, um schließlich mit der Diskussion
des Synchronisierungsgedankens, den Schumpeter im Anschluß
an Clark gegen die Agio- und Abstinenztheorie ins Feld führt,
die Untersuchung abzuschließen.

3. Einige Bemerkungen zum Casselschen und Schumpeterschen
Kapital- und Kreditbegriff.
Cassels Äußerungen über den Kapitalbegriff sind nicht
so klar, als daß man ohne weiteres aussagen könnte, was für
ein Objekt er mit seiner „Kapitaldisposition‘“ eigentlich be-
zeichnen will. Auf den ersten Blick scheint es, als ob sie zu den
1) Schumpeter, Entgegnung, S. 639, vgl. auch Böhm-Bawerk, Eine
dynamische‘ Theorie d. Kapitalzinses, S. 655/57.
        <pb n="131" />
        — 118 —

sog. „abstrakten‘‘ Kapitalbegriffen gehört, die bekanntlich
in der amerikanischen Literatur, besonders im Anschluß an
Clarks „true capital‘, große Verbreitung gefunden haben und
die Böhm-Bawerk mit dem Argumente ablehnt, daß neben
den Kapitalgütern nicht noch ein reelles Etwas besteht und
man zu dieser Annahme nur „durch eine täuschende Dialektik,
durch eine Art rhetorischer Inkarnation bloßer Denkformen‘‘
gekommen seil). Wir stimmen in diesem Punkte Böhm-
Bawerk zu. Es wird schwer halten, neben den reellen Gütern
in der Welt der Wirklichkeit noch die Existenz einer Wert-
summe als ein reelles Etwas zu erweisen. Insofern verurteilen
wir die abstrakten Kapitalbegriffe aber nicht ganz so rigoros
wie Böhm-Bawerk und schließen uns der Ansicht Schum-
peters?) an, indem wir meinen, daß. man mit dieser Art der
Kapitalbegriffe gar nicht so sehr ein Ding, als vielmehr einen
Vorgang erfassen will. Wenn man vom Kapital spricht, so
denkt man z. B. an die Macht über gewisse Güter, die man damit
ausüben kann, an die abstrakte individuelle Verfügungsmacht
im sozialen Verkehr, wie Amonn®) hier definiert. Kapital ist
eben nicht Substrat, sondern Funktion. Es liegt nicht schon
in der Existenz eines reellen Etwas begründet, sondern vielmehr
in den Vorgängen, die mit Hilfe irgendwelcher Dinge ausgelöst
werden. Und welchen Aspekt, welche Funktion man mit
„Kapital‘“ bezeichnet, das liegt nicht von vornherein in den
Vorgängen begründet, sondern ist der Ausfluß einer bestimmten
Theorie, eines bestimmten Lösungsversuches des Kapital-
problems. Für Schumpeter ist das Kapital, was konsequent
aus seiner Theorie folgt, Herrschaftsmittel über Produktions-
mittel zwecks Durchsetzung neuer Kombinationen“), und der
Träger dieser Funktion ist „jene Summe von Geld und
anderen Zahlungsmitteln, welche zur Überlassung an
Unternehmer in jedem Zeitpunkte verfügbar ist‘),
wobei das ‚Geld‘ eine ganz untergeordnete Rolle spielt.
Böhm-Bawerk, Posit. Theorie, S. 76/77,

?) Schumpeter, Entwicklung, S. 173, 190ff,

3) Amonn, Alfred, Objekt und Grundbegriffe der theoretischen
Nationalökonomie, 2. Aufl., Leipzig u. Wien 1927, S. 3677/68.

*%) Schumpeter, Entwicklung, S. 165.

5) ebda.. S. 173 (von Schumpeter unterstrichen).
        <pb n="132" />
        119

Bei Cassel liegen die Dinge, wie wir oben bereits andeuteten,
nicht ganz klar?). An einer Stelle definiert Cassel das Kapital
als „eine abstrakte, in Geld ausgedrückte Wertsumme, einerlei
durch welche Gegenstände zufällig vertreten‘). An einer
anderen Stelle schreibt er: „Für einen Geschäftsmann, der
unter solchen Verhältnissen sein Kapital immer wieder in
Geldform disponieren und dazwischen demselben jede be-
liebige Form geben kann, ist die Auffassung natürlich, nach
welcher die in Geld ausgedrückte Wertsumme das Bleibende,
das Wesentliche im Kapitalbegriffe ist, die wechselnden kon-
kreten Erscheinungsformen des Kapitals dagegen als etwas
Zufälliges, Nebensächliches erscheinen‘“?%). Es ist daher ver-
ständlich, wenn Böhm-Bawerk schreibt, daß sich auch bei
Cassel Anklänge an den Clarkschen Kapitalbegriff finden‘).
Und es ist weiterhin einleuchtend, wenn Amonn den Cassel-
schen Kapitalbegriff mit dem seinigen „abstrakte Verfügungs-
macht über Güter im sozialen Verkehr‘ identisch setzt®).

Dieser Kapitalbegriff ist aber, wie wir gleich zeigen werden,
für die Casselsche Theorie viel zu weit. Die konkreten Er-
scheinungsformen dieser abstrakten Verfügungsmacht können
nach Cassels eigenen Äußerungen neben Realkapital auch in
Firmen- und Patentrechten und in Grund und Boden bestehen®).
In Cassels späteren Ausführungen über die Nachfrage nach
und das Angebot an Kapitaldisposition ist aber von Firmen-
und Patentrechten nicht mehr die Rede. Und bezüglich des
Grund und Bodens kommt es zu folgenden widerspruchsvollen
Ausführungen: „Das Abwarten der Nutzungen des dauerhaften
Gutes erfordert freilich eine gewisse Kapitaldisposition. Wir
haben es aber hier nicht mit einer selbständigen Quelle der
Nachfrage nach Kapitaldisposition zu tun. Denn die erforder-

!) Vgl. auch Oppenheimer, Franz, System d. Soziologie, 3. Bd.,
Theorie d. reinen u, polit. Ökonomie, 2. Halbbd.: Die Gesellschaftswirtsch.,
5, Aufl., Jena 1924, S, 697/98.

?) Cassel, Theorie, S. 45. *) ebda,, S, 46,

%‘) Böhm-Bawerk, Zur neuesten Literatur über Kapital u. Kapitalzins,
Ztschr. f. Volksw., Sozialpol. u. Verwitg. 15. Bd., Wien u. Leipzig 1906,
Ss. 445.

5) Amonn, Cassels System S. 65,

3} Cassel, Theorie. S. 447/45.
        <pb n="133" />
        — 120
liche Menge von Kapitaldisposition wird durch den Kapital-
wert und dieser wieder eben durch den Zinsfuß bestimmt. Wer
das Gut einmal besitzt, der besitzt eo ipso auch das Kapital,
welches zur Abwartung der Dienste des Gutes nötig ist. Wenn
ein anderer das Gut kauft, könnte es scheinen, als ob er dem
Markte Kapitaldisposition entzöge, indem er ein bestimmtes
Kapital im Kauf des Gutes hindet . .., Dies ist natürlich
unrichtig. Denn dem Verkäufer wird eben dieselbe Kapital-
summe freigestellt, die der Käufer bindet. Die Kapitaldisposi-
tion, die durch das Gut gebunden ist, ist also immer im jeweiligen
Kapitalwert des Gutes gegeben. Der Besitz des Gutes stellt
also keine besonderen Ansprüche. auf den Markt für Kapitale
disposition und kann folglich auch keinen Einfluß auf den Zins-
fuß ausüben“ 1).

Auf der einen Seite erfordert das Abwarten der Nutzungen
des Grund und Bodens also eine Kapitaldisposition, das andere
Mal stellt jedoch derselbe Vorgang keinen Anspruch an den
Markt für Kapitaldisposition. Man sieht leicht, wie der Wider-
spruch entsteht. Im ersten Falle kommt die oben angeführte
weitere Fassung des Kapitalbegriffes zur Anwendung, wonach
der Grund und Boden, der einen bestimmten Wert hat und des-
halb beim Kauf die Festlegung einer abstrakten Wertsumme
erfordert, Kapitaldisposition in Anspruch nimmt. Im zweiten
Falle ist dagegen der Kapitalbegriff enger gefaßt. Unter Kapital-
disposition ist hier die Verfügung über Genußgüter zu verstehen;
mit deren Hilfe man die Verfügung über Realkapital erlangt.
Es ist dann klar, daß Naturboden, der nicht produziert wird,
an den Markt für Kapitaldisposition keine Ansprüche stellt,

Diese letztere Definition des Kapitals wird also auf keinen
Fall von Böhm-Bawerks Einwänden gegen die abstrakten
Kapitalbegriffe getroffen. Die Träger der Kapitalfunktion
sind für Cassel nicht irgendwelche abstrakte Wertsummen,
sondern Genußgüter.

Daß diese Auslegung, die wir der Casselschen Kapital-
disposition geben, nicht aus der Luft gegriffen ist, geht schon
aus der Stellung Cassels zu Böhm-Bawerks drei Gründen
1) Cassel. Theorie, S. 194.
        <pb n="134" />
        121

hervor. Cassel baut auf ihnen eine statische Zinstheorie auf,
und da das Geld in der Statik nur technisches Hilfsmittel ist,
das einfach als unwesentlich fortgedacht werden kann, so
bleiben als Träger der Kapitalfunktion, da die Zwischenprodukte
bereits unter der Bezeichnung Realkapital zusammengefaßt
sind, nur die Genußgüter übrig. Aber auch die meisten Defini-
tionen Cassels sprechen für diese Auffassung: „Von der Seite
des Angebots ist sie (Kapitaldisposition), wie wir gesehen haben,
ein Warten, also ein vorläufiger Verzicht auf eine Bedürfnis-
befriedigung, für welche Mittel vorhanden sind‘“2). „Das
„Warten“ hebt die negative Seite hervor, bedeutet einen Ver-
zicht für eine gewisse Zeit auf die Konsumtion eines vorhandenen
Kapitals‘ 2).

Hieraus muß man folgern, daß von Genußgütern die Rede
ist, denn die Kansumtion einer abstrakten Wertsumme oder von
Zwischenprodukten ist wohl nicht gut denkbar. Die Kapital-
disposition ist also jetzt als die durch den Verzicht auf eine an
sich mögliche Bedürfnisbefriedigung während einer gewissen Zeit
für dieselbe Zeit erlangte Verfügung über eine entsprechende Ge-
nußgütermenge zwecks Erwerbs von Realkapital zu definieren.

Hier taucht, wie vielleicht schon aufgefallen sein wird, eine
neue Unklarheit auf. Indem die Genußgüter Arbeitern und
Grundherren, allenfalls auch Kapitalisten®) vorgeschossen
werden, was zum Erwerbe eines Realkapitals von entsprechen-
dem Werte führt, werden sie aus der Hand gegeben, eine Ver-
fügungsgewalt über sie besteht dann nicht mehr. Ich verfüge
nur solange über die fraglichen Genußgüter, als ich sie noch nicht
zum Erwerbe eines bestimmten Realkapitals ausgegeben habe,
Die obige Definition beruht demnach auf einer Fiktion, die wohl
auf die Tatsache zurückgeht, daß mit der Zeit die erworbenen
Zwischenprodukte in Genußgüter übergehen und ich diese
Genußgüter ceteris paribus wieder als Vorschüsse zwecks Er-
werbs eines Realkapitals von gleichem Werte verwenden kann,
Die Funktion der Kapitaldisposition, die nach Cassel in der
Ermöglichung des Wartens bestehen sell), d. h. die die Mög-
LA
ı) Cassel, Theorie, S. 184. *%) ebda., S. 181.
ı) Vgl. Böhm-Bawerk, Positive Theorie, S. 392 Anm. 1, 473.
ıy Cassel, Theorie, S. 180/81.
        <pb n="135" />
        22

lichkeit geben soll, zeitraubende Produktionsumwege . einzu-
schlagen — der Ausdruck „Warten“ bezeichnet hier also eine
rein technische Tatsache im Gegensatz zur subjektiven Er-
scheinung der Abstinenz, die von Cassel auch mit „Warten‘“‘
bezeichnet wird — ist erfüllt, sobald die Genußgüter an Arbeiter,
Grundherren und allenfalls auch Kapitalisten übergegangen
sind. Die Kapitaldisposition existiert nicht mehr, genau wie
für Schumpeter der Unternehmer kein Kapital mehr besitzt,
wenn er mit der vom Bankier erhaltenen zusätzlichen Kaufkraft
Produktivmittel erworben hat. Wenn der Unternehmer trotz-
dem noch von „seinem Kapital‘ spricht, so denkt er elliptisch*).
Das gilt auch für unseren Fall. Cassels Kapitaldisposition, in
der obigen Auslegung, steht also mit den Tatsachen im Wider-
spruch und führt daher auch zu einer Zinstheorie, die mit den
Tatsachen unvereinbar ist, nämlich zur Nutzungstheorie in
der Mengerschen Fassung?). Gegen die Nutzungstheorie
Cassels — der Zins ist der Preis für die Kapitaldisposition,
für die Verfügung über eine gewisse Genußgütermenge während
einer gewissen Zeit zwecks Erwerbs von Realkapital — ist
daher neben dem gegen Menger gerichteten Argumente Böhm-
Bawerks, daß es hier fraglich erscheint, ob das Verhältnis
zu einem Gute ein besonderes Objekt, ein besonderes Gut ist®),
noch einzuwenden, daß die Verfügung über die fragliche Genuß-
gütermenge nur kurze Zeit besteht, jedenfalls nicht während
der ganzen Zeit, für die Zins gezahlt wird und daher die ‚Ver-
fügung‘“ gar nicht als Objekt der Zinszahlung in Frage kommen
kann — ein Einwand, der letzten Endes die Übernahme des von
Böhm-Bawerk gegen die Say-Hermannsche Auffassung
der Nutzung als einen besonderen „Gebrauch“, der dauernd
neben den im Darlehen übertragenen verbrauchlichen Gütern
bestehen soll, gerichteten Argumentes, daß die zurückgegebenen
Güter andere als die hingegebenen sind, die hingegebenen Güter
also nicht genutzt, sondern verbraucht werden‘), auf die
Nutzungstheorie in der Mengerschen, genauer in der Cassel-
schen Fassung: bedeutet.

a 1) Schumpeter, Entwicklung, S. 169, 172,

') Cassel, Nature, S. 48.
) Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik, S.232ff. *)ebda., S. 196/232,

Böhm-Bawerk, Posit. Theorie, S. 364/372.
        <pb n="136" />
        123

Wir gelangen auf diesem Wege aber noch zu einem weiteren
Resultate. „Warten“ und ‚‚Kapitaldisposition‘, oder, wie
Cassel früher sagte, „waiting‘ und „use of capital‘‘ können
offenbar nicht synonyme Begriffe zur Bezeichnung ein und des-
selben Produktionsfaktors sein, wie von Cassel wiederholt be-
hauptet wird!). Denn die Abstinenz dauert ununterbrochen
fort, bis die Reproduktion des Realkapitals nicht wiederholt
wird und das betreffende Wirtschaftssubjekt jetzt die aufge-
schobene Bedürfnisbefriedigung nachholen kann, während die
Verfügung über die betreffende Genußgütermenge zeitlich viel
kürzer ist. Daraus folgt klar, daß es sich um zwei Ver-
schiedene Objekte handeln muß, was schon daraus hervorgeht,
daß das „Warten“ die ‚„Kapitaldisposition‘“ erst ermöglicht.
Wir kommen damit zum Resultate Böhm-Bawerks?) und
Amonns®), die beide die von Cassel behauptete Identität von
Abstinenzopfer und Kapitalnutzung als unzutreffend zurück-
weisen.
Was vorläufig als Objekt der Zinszahlung übrig bleibt,
wenn man Cassels Kapitaldisposition der Wirklichkeit gegen-
überstellt, ist der Dienst des Wartens. Ob hier eine Abstinenz-

1) Cassel, Theorie, S. 171, 181. Cassel, Nature, S. 37, 48, 63, 67.

?} Böhm-Bawerk, Exkurse, S., 322/31.

’) Amonn, Cassels System S. 65/67. Amonn geht allerdings gerade
den entgegengesetzten Weg, indem er nicht den Dienst des Wartens, sondern
die positive Verwendung des Kapitals im Produktionsprozeß als Objekt
der Zinszahlung ansieht (Amonn, Cassels System, S. 70). Wir machen
diesen Schritt nicht mit, da wir die Nutzungstheorie, die auch hier vor-
liegt, ablehnen, außerdem auch nicht einsehen, weshalb man den Dienst
des Wartens nicht als Objekt der Zinszahlung ansehen kann, denn er ist
es doch — jetzt ganz abgesehen davon, ob es sich wirklich hier um ein
Opfer handelt, wie die Abstinenztheoretiker behaupten — der alles weitere
erst ermöglicht, während umgekehrt der Kausalnexus nicht denkbar
ist. Daß der Begriff des Wartens durch Cassel zu weit gefaßt ist, geben
wir zu. Wenn Amonn einwendet, daß derjenige, der Kapitaldisposition
nachfragt, um sie produktiv zu verwenden, auch warten muß, so trifft
er, wie unsere späteren Ausführungen zeigen werden, tatsächlich Cassels
Aussagen über das Moment des Wartens (Amonn, Cassels System, S. 69/70).
Cassel gebraucht auch die Bezeichnung „Warten“ etwas zu unvorsichtig,
was leicht zu Mißverständnissen führen kann, indem er damit, wie wir
bereits erwähnten, zweierlei bezeichnet, einmal das Abstinenzopfer und
das andere Mal den produktiven Umweg, der durch das erstere ermöglicht
wird (vgl. Amonn, Cassels System, S. 67).
        <pb n="137" />
        124

theorie, auf die Böhm-Bawerks und Schumpeters Ein-
wände zutreffen, vorliegt, werden wir jetzt noch nicht unter-
suchen. Vielmehr wollen wir unsere Untersuchung erst noch
in einer anderen Richtung fördern, nämlich hinsichtlich der
Auffassung Schumpeters und Cassels über das Wesen des
Kredits.

Cassels Kapitaldisposition wird durch eine Genußgüter-
menge repräsentiert, auf deren Konsum für eine gewisse Zeit
zwecks Erwerbs eines Realkapitals von entsprechendem Werte
verzichtet wird. In der modernen Tauschwirtschaft wird die
Kapitaldisposition indessen in der Form des Geldes angeboten
und nachgefragt, „der unmittelbare Gegenstand des Kapital-
marktes ist also die Gelddisposition‘“1). Für Cassel ist demnach
das Geld die zufällige Schale, für Schumpeter ist es dagegen
der Kern des Kapitalphänomens. Für Schumpeter sind
prinzipiell nur Summen zusätzlicher Kaufkraft, die der Unter-
nehmer zwecks Durchsetzung neuer Kombinationen vom Bankier
geliehen bekommt, Kapital. In der Statik gibt es daher für
Schumpeter keinen Kapitalmarkt. Es gibt daher in der
statischen Wirtschaft für Schumpeter auch keinen Kredit,
denn unter Kredit versteht man doch weiter nichts, als den Akt
der Übertragung von Kapital. Man übersieht daher nach
Schumpeter auch nichts Wesentliches, wenn man annimmt,
daß der statische Betriebsleiter die nötigen Mittel zur Fort-
setzung der Produktion immer schon hat, wenn man vom Be-
triebskredit, d. h. von den Summen statischer Kaufkraft, die
zur kreislaufmäßigen Durchführung der Betriebe vom Bankier
immer wieder zur Verfügung gestellt werden, abstrahiert, da
es sich hier vom Schumpeterschen Standpunkt aus nur um
ein technisches Hilfsmittel der Zirkulation handelt®).

Für Cassel besteht dagegen auch in der Statik der Kapital-
markt, wo mit Hilfe des allgemeinen Tauschmittels die zur
Reproduktion des Realkapitals und gegebenenfalls zur Über-
nahme des Realkapitalzuwachses in der gleichmäßig fort-
schreitenden Wirtschaft, die wir ja auch mit in die Statik ein-
beziehen, erforderliche Kapitaldisposition gehandelt wird. Das

1) Cassel, Theorie, S, 394, .

1) Schumpeter, Entwicklung, $. 202. &gt;) ebda., S. 149/52.
        <pb n="138" />
        125

Kreditphänomen. ist daher eine statische Erscheinung und be-
steht im Vorschießen von Genußgütern, wobei Geld im weitesten
Sinne als technisches Hilfsmittel fungiert. Da für uns und auch
für Cassel — der teilweise individuelle Charakter der Cassel-
schen Dynamik ist in diesem Falle ohne Bedeutung — die
Statik nur ein höherer Abstraktionsgrad der Dynamik ist, für
letztere also eo ipso das „gilt‘, was für die Statik „wahr“ ist,
so muß auch in der Dynamik das Wesen des Kreditphänomens
das gleiche sein. Daß Cassel dieser Ansicht ist, geht deutlich
aus seinen Ausführungen über das Verhältnis von Bankzins
und Realzins hervor, die folgenden Inhalt haben: Der wahre
Kapitalzins ist derjenige Zinsfuß, bei dem der Geldwert unver-
ändert bleibt. „Wird dieser Satz erreicht, dann wird der Geld-
geber eine reine Kapitaldisposition verkaufen und den Preis
dafür im Marktzins bekommen .... Bei diesem Zinsfuß
werden genau so viele neue Bankzahlungsmittel in Umlauf ge-
setzt, wie der wachsende Verkehr bei unverändertem Preis-
niveau braucht‘“1). Dann werden die Bankzahlungsmittel nur
entsprechend den zur Verfügung gestellten Ersparnissen ver-
mehrt2).
Daraus muß man schließen, daß zusätzliche Kaufkraft
keine wirkliche Kapitaldisposition ist, was doch soviel heißt,
daß sie überhaupt keine Kapitaldisposition ist und daher
Cassel das Wesen des Kredites nicht in der Geldschöpfung
der Banken, wie Schumpeter®), sieht. Nur Vorschüsse, die
auf Ersparnissen beruhen, sind Kapitaldisposition. Zusätzliche
Kaufkraft kann man aber nicht sparen, auf ihren Konsum kann
man nicht verzichten, sondern nur auf den von Genußgütern.
Das Geld ist daher nur technisches Hilfsmittel, und die Kapital-
funktion liegt bei den Genußgütern,
Nun schreibt allerdings auch Cassel der zusätzlichen Kauf-
kraft einen Einfluß auf die Güterwelt zu. Liegt darin etwa ein
Widerspruch zu seinen sonstigen Ausführungen? Cassel
argumentiert: „Wenn die Banken den Zinsfuß für ihre Vorschüsse
zu niedrig halten, und wenn dadurch das Gleichgewicht des

ıy Cassel, Theorie, S. 450. *) ebda., S. 397.
3 Schumpeter, Entwicklung, S. 153.
        <pb n="139" />
        126

Kapitalmarktes gestört wird, kann dieses Gleichgewicht einfach
dadurch wieder hergestellt werden, daß mehr Bankzahlungs-
mittel ausgegeben werden .... Ein solches Verhalten der
Bank muß, wenn es fortgesetzt wird, seine Wirkung auf den
ganzen Kapitalmarkt erstrecken. Zwar beschränkt sich das
unmittelbare Eingreifen der Banken auf den Markt für kurze
Darlehen. Die reichliche Versorgung des Bedarfes an kurz-
fristigen Vorschüssen bewirkt aber, daß das Kapitalangebot
des Publikums sich in größerem Umfange dem Markte für lang-
fristige oder beständige Kapitaldispositionen zuwendet, was
sich in einem lebhaften Interesse für Emissionen von Pfand-
briefen und Aktien äußern wird. Ein solches Angebot muß aber
auch den Zinsfuß für die betreffende Kapitaldisposition drücken.
Der niedrige Zinsfuß der Banken wird in dieser Weise den ganzen
Kapitalmarkt beeinflussen und zwar dieselbe Wirkung ausüben,
als ob eine wirkliche Vermehrung des Kapitalangebotes einge-
treten wäre .... Eine Fälschung des Kapitalmarktes durch
einen zu niedrigen Zinsfuß wird aber nicht ganz ohne Gegen-
wirkung bleiben. Das Hervortreten entgegenwirkender Kräfte
ist ja überhaupt die Bedingung jeder Stabilität des wirtschaft-
lichen Lebens, Die Gegenwirkung liegt in diesem Falle wesent-
lich auf dem Gebiete des Produktionsprozesses . ... Wird
der Zinsfuß auf dem Markt zu niedrig gehalten, so muß dieser
Fehler in einer solchen Richtung der Produktion, die mehr festes
Kapital in Anspruch nimmt, also in einer relativ gesteigerten
Kapitalproduktion zutage treten. Eine solche außerordentlich
gesteigerte Kapitalproduktion muß aber allmählich die Möglich-
keit zu lohnender Kapitalverwendung beschränken, also neue
Kapitalinvestierungen weniger lohnend machen. Dies würde
unter normalen Verhältnissen ein Sinken des Zinsfußes herbei-
führen. Jetzt aber, wo der Zinsfuß schon zu niedrig steht, ist
die Wirkung der gesteigerten Kapitalproduktion die, daß die
Verhältnisse des Kapitalmarktes allmählich in Übereinstimmung
mit dem geltenden niedrigen Zinsfuß gebracht werden. Damit
ist aber der Kapitalmarkt wieder ins Gleichgewicht gekommen.
Die störende Wirkung des Bankzinsfußes hört auf, nachdem
dieser Zinsfuß wieder der normale geworden ist. Damit hört
aber auch die besondere Konkurrenzfähigkeit auf dem Kapital-
        <pb n="140" />
        627

markte, die sich die Banken durch ihren niedrigen Zinsfuß er-
worben hatten, auf, und die Ursache der außerordentlichen
Vermehrung der Bankzahlungsmittel ist aufgehoben .... Die
künstliche Herabsetzung des Zinsfußes hat zu einer künstlich ver-
stärkten Kapitalproduktion geführt, was mit einer erzwungenen
Erhöhung der volkswirtschaftlichen Sparsamkeit gleichbe-
deutend ist‘1). In seiner Theorie der Konjunkturbewegungen
führt Cassel aus, daß in der Periode des beginnenden Auf-
schwunges die Banken den Zinsfuß nicht so schnell herauf-
setzen, als es der wachsenden Knappheit an Kapitaldisposition
entsprechen würde, was die soeben beschriebenen Vorgänge
auslöst?), woraus man schließen muß — was Cassel an dieser
Stelle nicht ausdrücklich ausführt — daß in der Depressions-
periode der Zins einen tieferen Stand erreicht, als wenn die
Banken den Zinsfuß rechtzeitig erhöht hätten.

Man sieht, hier berühren sich Cassels und Schumpeters
Ansichten. Für beide werden mit Hilfe ad hoc kreierter Kauf-
kraft mehrergiebige Produktionsumwege eingeschlagen, er-
zwungenes Sparen findet statt, und der Zinsfuß wird auf diese
Weise gedrückt, für Schumpeter allerdings sogar eliminiert.

Wenn Amonn hier einwendet, daß durch eine derartige
Zinspolitik der Banken das Preissystem nur so verändert wird,
daß die realen Kapitalnutzungskosten und deshalb der „‚normale‘*
Zinsfuß davon gar nicht berührt werden®), so hat er nur teil-
weise recht.
Wir wollen zuerst einen Punkt hervorheben, der zwar keinen
Gegenbeweis bildet, der aber die Amonnsche Behauptung
doch etwas zweifelhaft erscheinen läßt. Wäre es unmöglich,
durch die Ausgabe zusätzlicher Kaufkraft einen aktiven Einfluß
auf die Güterwelt auszuüben, so wäre Schumpeters Theorie
von vornherein widerlegt, da für ihn die Entwicklung prinzipiell
mit zusätzlicher Kaufkraft finanziert wird. Amonn schränkt
die oben zitierte Aussage im gleichen Aufsatze auch etwas ein,
indem er bemerkt, daß unter Umständen durch eine Herab-
setzung des Zinsfußes seitens der Banken derartige Vorgänge,
1) Cassel, Theorie, S. 394/96, ?) ebda., S. 553/54, 568.
3) Amonn, Cassels System, S. 340.
        <pb n="141" />
        128

wie sie Cassel beschreibt, ausgelöst werden könnten. Aber
sie sind nach Amonn keine notwendige Folge‘).

Amonn ist insofern mit seinen Ausführungen gegenüber
Cassel im Recht, als Cassel gerade von einem Punkt ausgeht,
der es weniger wahrscheinlich macht, daß die Senkung des
Zinsfußes seitens der Banken zu einer gesteigerten Realkapital-
produktion führt. Aus Cassels Äußerungen muß man schließen,
daß für ihn die gesteigerte Produktion von festem Realkapital
erst dann einsetzt, wenn der Zinsfuß auf dem Markte für lang-
fristige Darlehen, also auf dem Kapitalmarkte im Unterschiede
zum Geldmarkte, gefallen ist. Cassel macht also die Annahme,
daß, wenn das künstlich vermehrte Angebot an Kapitaldis-
position auf dem Markte für langfristige Anlagen erscheint,
die Erträge des Realkapitals sich nominell noch nicht geändert
haben und infolgedessen, um das gesteigerte Angebot an Kapital-
disposition unterbringen zu können, ein entsprechendes Fallen
des Zinses auf dem Kapitalmarkte stattfinden muß, was neue
Methoden rentabel macht.

Die Voraussetzung, von der Cassel hier ausgeht, wird aber
in den meisten Fällen nicht zutreffen. Vielmehr ist anzunehmen
— aus Gründen, die ebenfalls mit der Herabsetzung des Bank-
zinses zusammenhängen und die wir jetzt gleich besprechen
werden — daß, ehe das vermehrte Angebot an Kapitaldisposition
auf dem Markte für langfristige Anlagen erscheint, die Erträge
des festen Realkapitals nominell, teilweise vielleicht auch schon
real gestiegen sind. Cassels Ausführungen werden demnach
vom Amonnschen Einwand getroffen.

1) Amonn, Cassels, System, S. 340. Auch bei Besprechung der
Schumpeterschen Theorie, der Amonn bekanntlich in weitem Maße
zustimmt, erkennt er an, daß die Ausgabe zusätzlicher Kaufkraft für die
dynamische Entwicklung sehr wichtig ist, bemerkt aber auch, daß die
Finanzierung mit Kreditgeld keine wesentliche Tatsache der dynamischen
Entwicklung sei (Amonn, Die Probleme der wirtsch. Dynamik, Archiv
f. Sozialwiss. u. Sozialpol., Bd. 38, Tübingen 1914, S, 105 Anm. 12). Diese
Aussage ist sehr interessant. Denn man muß doch dann zum Schluß
kommen, daß Amonn gar nicht die großen, modernen Aufschwungs-
bewegungen, bei denen die Ausgabe zusätzlicher Kaufkraft eine Rolle
spielt, im Auge hat, vielmehr der Zins für ihn dort entstanden ist, wo die
Einführung einer neuen Methode die Aufnahme eines entsprechenden
Kredites seitens des Unternehmers erforderte, Es handelt sich hier also
deutlich um eine genetische Zinserklärung,
        <pb n="142" />
        129

Amonns Einwand ist aber nicht stichhaltig, wenn er die
Einwirkung der Ausgabe zusätzlicher Kaufkraft auf die Güter-
welt als einen Fall bezeichnet, der nur unter besonderen Um-
ständen eintreten wird. Der Geldzins ist heutzutage, darin
stimmen wir Schumpeter vollkommen zu, für den Unter-
nehmer maßgebend, der Geldmarkt ist das Barometer der Wirt-
schaft!). Eine Herabsetzung des Bankzinses muß deshalb un-
mittelbar zur Durchsetzung jetzt rentabel gewordener neuer
Kombinationen. anreizen. Cassel erfaßt daher in seiner Kon-
junkturtheorie die Situation ganz richtig, wenn er dort fest-
stellt, daß durch das Niedrighalten des Bankzinses bei an-
steigendem Realzins in der Aufschwungsperiode der Anreiz
zur Ausdehnung der Realkapitalproduktion noch verstärkt wird.

Wir sind demnach mit Schumpeter und Cassel darüber
einig, daß die Herabsetzung des Bankzinses eine zinsdrückende
Wirkung, wenn auch nicht gleich, wie Cassel annimmt, so aber
doch nach einer gewissen Zeit ausübt, indem erst eine Auf-
schwungsperiode mit steigendem Realzins einsetzt, die, sobald
die Diskrepanz zwischen Bankzins und Realzins durch Herauf-
setzung des ersteren seitens der Bankleitung beseitigt ist, in
eine Depressionsperiode übergeht, und hier eine stärkere Senkung
des Zinsfußes eintritt, als sie sonst, ohne die Ausgabe zusätz-
licher Kaufkraft, eingetreten wäre. Wie weit diese Zinsdrückung
mit Hilfe der Geldschöpfung getrieben werden kann, ist aller-
dings eine andere Frage. Wir stimmen hier Adolf Lampe*)
und Heinrich Mannstaedt®) zu, wenn sie diesen Einfluß
der Kreditschöpfung auf den Zinsfuß einschränken wollen,
indem sie gegenüber Albert Hahn, der bekanntlich genau
wie Schumpeter in der Geldschöpfung das Wesen des modernen
Kreditgeschäftes sieht‘) und ebenfalls eine Eliminierung des

1) Schumpeter, Entwicklung, S. 204/05, Vgl. auch Halm, Georg,
Das Zinsproblem am Geld- und Kapitalmarkt, Jahrbücher f. National-
ökonomie und Statistik, 3. Folge, 70. Bd., 1. u. 2. H., Jena 1926, bes.
Ss. 98/99.

?) Lampe, Zur Theorie d. Sparprozesses u, d. Kreditschöpfung, Jena
1926, S. 124/26, 130.

3) Mannstaedt, Ein kritischer Beitrag z. Theorie d. Bankkredites,
Jena 1927, bes. S, 30/31, 35/36.

*) Hahn, Albert, Volkswirtschaftliche Theorie d. Bankkredits, 2, Aufl.,
Tübingen 1924, bes. S. 29, 120ff.

Heinze, Statische oder dynamische Zinsthecrie?
        <pb n="143" />
        130

Zinses auf diese Weise für möglich hält?!), ausführen, daß letzten
Endes eben doch die Spartätigkeit für die Zinshöhe entscheidend
ist und diese zwar durch die Ausgabe zusätzlicher Kaufkraft
angereizt wird, indem die Unternehmer infolge des erzwungenen
Sparens Gewinne erzielen, nicht aber in ihrem Ausmaße bestimmt
werden kann. Der Spartätigkeit ist auch hier eine Grenze ge-
setzt, da die fortgesetzte Ausgabe zusätzlicher Kaufkraft infolge
dauernder Niedrighaltung des Bankzinses schließlich zu einer
Auszehrung des Subsistenzmittelmarktes führt, Infolgedessen
können begonnene längere Produktionsumwege nicht mehr be-
andet werden, was eine gewisse Verkleinerung des Subsistenz-
mittelfonds der Volkswirtschaft und damit ein Steigen des
Zinsfußes hervorruft. Wir stimmen daher auch Amonn zu, wenn
er Cassel vorhält, daß er den Einfluß der Herabsetzung des
Bankzinses überschätze und sich damit selbst zu seinen son-
stigen Ausführungen, wonach bei einem Sinken des Zinsfußes
unter einen gewissen Punkt ein starker Kapitalverbrauch ein-
setzen muß, in Widerspruch setze*®)..

Wir kommen also zu folgendem Resultat. Cassel räumt
ebenfalls der zusätzlichen Kaufkraft einen aktiven Einfluß
auf die Güterwelt ein. Nirgends ist aber ein Anhaltspunkt
zu finden, daß er an dieser Stelle etwa seine Auffassung über
das Wesen des Kredites, die wir oben herauszuschälen versuchten,
geändert hat. Kreditgeben bedeutet also für Casse1 Vorschießen
von Genußgütern an den Unternehmer — vom Konsumtiv-
kredit hier abgesehen. Die Zurverfügungstellung zusätzlicher
Kaufkraft ist daher kein eigentliches Kreditgeschäft, da hinter
dieser keine Genußgüter stehen, die von irgendwelcher Seite für
gewisse Zeit, ohne sofortige Gegenleistung dafür zu fordern,
zur Verfügung gestellt werden?). Die Geldschöpfung ermöglicht
nur deshalb die erfolgreiche Durchsetzung neuer Kombinationen,
weil sie oft imstande ist, den formalen Kredit, indem sie den
Anreiz zu einer erhöhten Sparsamkeit gibt, in effektiven Kredit
umzuwandeln. Beim Betriebskredit, d. h. beim Vorschießen
von Genußgütern zwecks Aufrechterhaltung bereits bestehender
‘) Hahn, a. a. O., S. 150/51.
;) Amonn, Cassels System, S. 340/41. s) Vgl. oben S. 99/100.
        <pb n="144" />
        131

Betriebe, als auch beim Gründungskredit, der zur Errichtung
neuer Unternehmungen, zur Durchsetzung neuer Kombinationen
die nötigen Mittel in die Hände der geeigneten Wirtschafts-
subjekte spielen soll, immer handelt es sich letzten Endes darum,
das Einschlagen eines stets gleich langen bzw. eines längeren
Produktionsumweges durch das Vorschießen von Genußgütern,
d. h. durch die Zurverfügungstellung von Genußgütern für eine
gewisse Zeit, ohne sofort eine ‚entsprechende Gegenleistung
dafür zu erhalten, zu ermöglichen. Wir halten es daher für
unangebracht, wenn man in der Geldschöpfung, die heutzutage
beim Gründungskredit sicherlich eine ziemliche Rolle spielt,
das Wesen des Kredites sieht — eine Auffassung, die auch
Lampe?) und Mannstaedt?) in ihrer Polemik gegen Hahn
durchblicken lassen.

4. Kritisches zur Abstinenztheorie und zum Synchronisierungs-
gedanken.
Der Exkurs über die Auffassung des Kapital- und Kredit-
phänomens bei Cassel und Schumpeter hat uns zu dem
Resultate geführt, daß für Cassel Genußgüter Träger der
Kapitalfunktion sind, weiterhin, daß die Kapitaldisposition,
die das Objekt der Zinszahlung nach Cassel bilden soll, mit dem
„Warten“ nicht identisch ist. Ein derartiges Objekt, eine
dauernde Verfügung über eine gewisse Genußgütermenge
während einer bestimmten Zeit zwecks Erwerbs von Realkapital
existiert in der Wirklichkeit überhaupt nicht, und es ist deshalb
besser, daß, wenn sich ein anderer Weg finden 1äßt, man auf eine
derartige Fiktion verzichtet. Vielleicht bringt uns hier der
von Cassel fälschlicherweise mit der Kapitaldisposition iden-
tifizierte „Dienst des Wartens‘‘, der nach seiner Ansicht einen
dritten elementaren Produktionsfaktor neben Arbeit und Boden
abgeben soll®), etwas weiter.

Ist Cassels „Dienst des Wartens‘“ mit dem von den Ab-
stinenztheoretikern behaupteten Opfer, das dem Wirtschafts-
1) Vgl. Lampe, Zur Theorie d. Sparprozesses u. d. Kreditschöpfung,
jena 1926, S. 118/19, 136/37, 140/48, 150/52.
2) Vgl. Mannstaedt, a. a. 0., S. 15/17. 3) Cassel. Theorie. S. 184.
        <pb n="145" />
        subjekt durch den Verzicht auf eine an sich mögliche Bedürfnis-
vefriedigung ‚entstehen soil, identisch? Das ist jetzt die erste
Frage. Wenn Cassel schreibt, „für eine Tätigkeit, die unter
so verschiedenen Bedingungen ausgeübt wird, mußte eine
sthisch vollständig farblose Bezeichnung gefunden werden, die
nur die. wesentliche und einheitliche Bedeutung derselben für
die Tauschwirtschaft hervorhob. .... Das letzte Wort, also
deutsch ‚Warten‘, scheint dem Zweck am besten zu ent-
sprechen“*), so kann man immer noch annehmen, daß es sich
nur um eine Änderung in terminologischer Hinsicht handelt,
das Objekt jedoch dasselbe geblieben ist. Folgende polemischen
Bemerkungen gegenüber Marshall zeigen aber deutlich, worauf
Cassel eigentlich. hinaus will: ‚Diese Ergebnisse unserer
Untersuchung über die Bestimmungsgründe des Zinses zeigen,
wie wenig die gewöhnliche Auffassung des Zinses als „Kosten“
im Sinne Marshalls, also als ein Preis, der bezahlt werden
muß, um die Sparer für das Opfer des „Wartens‘ zu ent-
schädigen, den Kern der Sache trifft. Marshall muß, um seine
Auffassung des. Begriffes der Kosten aufrecht zu erhalten, ein
gewisses Gewicht auf die Annahme legen, daß eine Steigerung
des Zinsfußes eine Tendenz zur Vermehrung des Umfanges des
Sparens hat. Es ist möglich, vielleicht auch wahrscheinlich,
daß eine solche Tendenz sich in Wirklichkeit geltend macht.
Aber es ist keineswegs notwendig, daß es sich so verhält‘“?).

Wir meinen, wenn Marshall zwischen Veränderung des
Zinsfußes und Umfang des Sparens eine gewisse Abhängkeit
festzustellen wünscht®), so ist das, vom Standpunkt seiner
Theorie aus gesehen, logisch konsequent, was Cassel wohl
auch erkennt, daraus aber für seine Auffassung des „Dienstes
des Wartens‘“ nicht den nötigen Schluß zieht, Im Anschluß
an S. M. Macvane*) besteht für Marshall das Opfer des
Kapitalisten nicht in dem definitiven Verzicht auf eine an sich
‘) Cassel, Theorie, S, 171 (die Unterstreichung stammt von Cassel).

?) ebda., S. 226.

*) Marshall, Alfred, Handbuch d. Volkswirtschaftslehre, 1. Bd., über.
setzt n. d. 4. Aufl. v. Hugo Ephraim u. Arthur Salz, Stuttgart u. Berlin
1905, S. 263, 517/18.

*) Macvane, S, M., Analysis of cost of production. The Quarterly
Journal of Economics, Vol. I, Boston 1887. S. 481/87.
        <pb n="146" />
        133

mögliche Bedürfnisbefriedigung, sondern nur im Aufschub eines
Genusses, im „Warten“, wobei es sich auch für Marshall,
genau wie für Senior, um ein echtes Opfer handelt, das ent-
sprechend entschädigt werden muß, wenn es dargeboten werden
soll?!). Wenn nun ein Wirtschaftssubjekt auch beim Zinse Null
spart, das Warten für dieses also offenbar kein Opfer involviert,
so liegt doch der Gedanke nahe, daß in diesem Falle überhaupt
keine besondere persönliche Leistung vorliegt, sondern man hier
mit einer Fiktion arbeitet, wenn man von einem besonderen
Produktionsfaktor spricht.

Das scheint Cassel zu übersehen. Cassel, der — wenn man
seine Preis- und Verteilungstheorie unter der Lupe der Wert-
theorie betrachtet — allein das Wertprinzip als Erklärungsprinzip
verwendet?), stellt, wie man aus den Bemerkungen gegen-
über Marshall folgern muß, Arbeitsleistung und Dienst des
Wartens insofern auf eine Stufe, als letzterer für ihn auch dann
vorliegt, wenn er für den Kapitalisten kein echtes Opfer in-
volviert, genau wie die Arbeitsleistung, die, auch wenn sie für
das Wirtschaftssubjekt nicht als Opfer erscheint, immer als
Leistung betrachtet und ihr demgemäß vom Produktwert
etwas zugerechnet wird. Diese Auffassung der Dinge halten
wir für recht bedenklich. Während bei der Arbeitsleistung
immer ein aktives Tun vorliegt, so handelt es sich bei dem so
behaupteten Dienste des Wartens doch nur um eine Unter-
lassung, und zwar um ein Unterlassen, das nicht etwa durch
irgendeine Entschädigung erzwungen werden muß, sondern
das für das betreffende Wirtschaftssubjekt unter den gegebenen
Verhältnissen bestmöglichste Wirtschaftsführung bedeutet —
unter der Voraussetzung, daß für unser Wirtschaftssubjekt
Böhm-Bawerks erster und zweiter Grund nicht in Frage
kommen. . Wie die Dinge liegen, wenn die beiden ersten Gründe
in Wirksamkeit sind, werden wir nachher erörtern. Wenn also
Ferdinand Lassalle die Abstinenztheorie dadurch lächerlich
zu machen sucht, indem er die großen Millionäre Europas als

ı) Marshall, a. a. O., S. 263, 576. Vgl. auch Böhm-Bawerk, Geschichte
ınd Kritik, S. 483/84,
2) Cassel, Theorie, S. 77, 150/52. Cassel. Grundgedanken, S. 64/65.
        <pb n="147" />
        134

Asketen für das Wohl der Gesellschaft hinstellt!), so hat seine
Kritik einen sehr berechtigten Kern. Man kann vielleicht mit der
Gedankenführung der Abstinenztheorie plausibel machen, daß
überhaupt Zins gezahlt wird, indem für den Grenzkapitalisten
das „Warten“ ein Opfer involviert, für das er entschädigt
werden muß, wenn sein Angebot nicht verschwinden soll. Sonst
steht sie doch aber auf einer recht unsicheren Basis, da das
Objekt der Zinszahlung, der Dienst des Wartens, teilweise
überhaupt nicht existiert. Böhm-Bawerk hat diesen Punkt
nicht klar erkannt, wenn er in dem Mangel einer durchgreifenden
Harmonie zwischen der Größe des behaupteten Opfers und des
dafür erlangten Lohnes nicht die entscheidende Schwäche der
Abstinenztheorie sieht. „Denn wo überhaupt Kosten oder Opfer
den Preis von Gütern bestimmen, pflegen ja bekanntlich, falls
verschiedene Teile des Angebotes zu ungleichen Kosten auf den
Markt gebracht werden, jeweils die höchsten zur Versorgung
des Marktes noch notwendigen Kosten über die Höhe des ganzen,
einheitlichen Marktpreises zu entscheiden. Wo immer aber
ungleiche Kosten durch einen einheitlichen Preis vergütet
werden, ist es grundsätzlich gar nicht möglich, daß die Vergütung
in jedem einzelnen Falle harmonische Fühlung mit der Größe des
gebrachten Opfers halten könnte, sondern offenbar werden
jene Produzenten, welche mit geringeren als den höchsten maß-
gebenden Opfern ihr Angebot auf den Markt bringen, immer
für ihre Opfer verhältnismäßig reicher belohnt werden als
ihre minder günstig situierten Konkurrenten“?).

Böhm-Bawerk übersieht hier, daß in diesen anderen
Fällen, bei Arbeits- und Bodenleistungen, stets eine Leistung
vorliegt, während eine solche von seiten des Kapitalisten teil-
weise, Vielleicht sogar ganz allgemein nicht existiert?),

Wir legen gerade deshalb auf diesen Punkt so viel Gewicht,
weil u. E. hier die Entscheidung liegt, ob man die Abstinenz-

1) Lassalle, Ferdinand, Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch, der
Skonomische Julian, oder: Kapital und Arbeit, Berlin 1864, S. 110.

?) Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik, S. 248.

3 In seinem ersten Haupteinwand gegen die Abstinenztheorie bringt
Böhm-Bawerk auch unser Argument: Das Moment des Einflusses des
Zenußaufschubes sei „weder so einfach, noch so unmittelbar, noch so aus-
        <pb n="148" />
        135

theorie als genügenden Erklärungsversuch des Zinsphänomens
ansieht oder eine andere Theorie an ihre Stelle zu setzen wünscht.

Gehen wir einen Schritt weiter und untersuchen, ob die
Abstinenztheorie für die Fälle, wo der erste und zweite Grund
Böhm-Bawerks beim Sparer eine Rolle spielen, wo sie also
auf den ersten Blick gut auf die Erscheinungen der Wirklichkeit
zu passen scheint, eine logisch einwandfreie und den Tatsachen
entsprechende Erklärung des Zinses zu liefern vermag. Wäre
das der Fall, so könnte man noch von einer gewissen Berech-
tigung der Abstinenztheorie sprechen. Aber gerade gegen diesen
eigentlichen Kernpunkt der Abstinenztheorie hat Böhm-
Bawerk zwei Einwände erhoben.

Der erste Einwand, der auch von Schumpeter ausdrück-
lich übernommen wird!), geht dahin, daß bei der Abstinenz-
theorie eine unzulässige Doppelrechnung vorliege. ‚Ich halte
es nämlich für einen logischen Fehler, den Genußverzicht, den
Genußaufschub oder die Enthaltung als ein zweites selbständiges
Opfer neben der in der Produktion aufgeopferten Arbeit hin-
zustellen‘“?), so wendet Böhm-Bawerk ein.
schließlich, als daß man schlechthin den Kapitalzins als „Lohn der Ent-
haltung‘ erklären könnte‘ (Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik, S. 248).
Demnach liegt doch eben die Schwäche der Abstinenztheorie darin, daß
der Kapitalzins nicht immer ein Lohn der Enthaltung ist, daß hier ein
gleicher Preis für höchst ungleiche Leistungen bezahlt wird. Das ist aber
unmöglich. Gleiche Leistungen müssen immer gleich bezahlt werden. Das
von Böhm-Bawerk angeführte Beispiel von den Grundstücken verschie-
dener Qualität, wonach für die Produkte der fruchtbareren Grundstücke
derselbe hohe Preissatz bezahlt wird, wie ihn die Produktionskosten der
unfruchtbarsten in Kultur genommenen Grundstücke erfordern (Böhm-
Bawerk, Geschichte und Kritik, S. 248), paßt nicht auf unseren Fall. In
Böhm-Bawerks Beispiel werden ungleiche Leistungen mit ungleichen
Preisen bezahlt, in unserem Falle werden dagegen ungleiche Leistungen
zum gleichen Satze entlohnt. Wenn eine gewisse Gruppe von Wirtschafts-
subjekten dieselbe. Qualität Arbeit liefert, jedoch für den einzelnen
Arbeiter das Arbeitsopfer ein verschieden großes ist, so liegt doch immer
dieselbe Arbeitsleistung vor, die immer mit dem gleichen Preise bezahlt
wird. Nicht so in unserem Falle. Involviert der Genußaufschub über-
haupt kein Opfer bzw. ein kleineres als das die Zinshöhe bestimmende
Opfer des Grenzkapitalisten, so liegt teilweise überhaupt keine Leistung,
teilweise eine geringere Leistung als die des Grenzkapitalisten vor.

;) Schumpeter, Entwicklung, S. 48.

?) Böhm-Bawerk, Geschichte u. Kritik, S. 249 (Unterstreichung
stammt von Böhm-Bawerk).
        <pb n="149" />
        136

Sein Beweisgang ist folgender: „Stellen wir uns einen
Landbewohner vor, der überlegt, auf welche Weise er den
heutigen Arbeitstag verwenden soll. Es stehen ihm hierzu
vielleicht hundert verschiedene Möglichkeiten offen. Um nur
einige der einfachsten zu nennen, könnte er fischen, oder jagen,
oder Früchte einsammeln. Alle drei Beschäftigungsarten
kommen darin überein, daß sie ihren Erfolg momentan, noch
am Abend desselben Arbeitstages einbringen. Gesetzt, unser
Landbewohner entscheidet sich für das Fischen und bringt am
Abend drei Fische heim. Welches Opfer hat ihm ihre Erlangung
gekostet‘ ?
„Wenn wir von der minimalen Abnutzung des Fischzeuges
absehen, offenbar einen Arbeitstag, und sonst nichts. —
Es ist indes möglich, daß unser Landbewohner dieses Opfer
auch unter einem anderen Gesichtspunkte ansieht. Es ist
möglich, daß er es an dem Genusse bemißt, den er sich bei einer
anderen Verwendung des Arbeitstages hätte verschaffen können,
und den er jetzt entbehren muß. Er kann folgendermaßen
kalkulieren: Hätte ich heute gejagt statt zu fischen, so hätte
ich höchstwahrscheinlich drei Hasen erlegt. Was mich meine
Fische in Wahrheit kosten, sind die drei Hasen, auf deren Genuß
ich jetzt verzichten muß“

„Ich glaube, daß diese Art der Berechnung des Opfers
gleichfalls nicht unrichtig ist. Man sieht hier einfach die Arbeit
als ein bloßes Mittel zum Zweck an und setzt, über das Mittel,
das man zunächst opfert, hinweggehend, sofort den Zweck ein,
den man durch das Mittel aufopfert. Dieselbe Kalkulations-
methode gebrauchen wir oftmals im Wirtschaftsleben, Wenn
ich eine Geldsumme von 300 fl. definitiv zur Ausgabe bestimmt
habe, aber zwischen zwei Verwendungen schwanke, und mich
endlich für die eine entscheide, z. B. für eine Vergnügungsreise
statt für den Ankauf eines persischen Teppichs, so wird sich
mir wahrscheinlich das endgültige Opfer, das mich die Ver-
znügungsreise gekostet hat, unter dem Bilde des jetzt entbehrten
persischen Teppichs darstellen‘.
„Jedenfalls ist es aber einleuchtend, daß man bei der Be-
rechnung des Opfers, das man für einen wirtschaftlichen Zweck
        <pb n="150" />
        137

gebracht hat, das direkte Opfer an Mitteln, die man zunächst
aufopfert, und das indirekte Opfer an anderweitigen Vorteilen,
die man vermöge des aufgeopferten Mittels sonst hätte er-
langen können, immer nur alternativ, nie kumulativ in Rechnung
oringen darf, Als Opfer meiner Vergnügungsreise mag ich
entweder die 300 fl., die sie direkt gekostet hat, oder den
persischen Teppich, den sie indirekt geleistet hat, nie aber die
300 fl. und den Teppich ansehen. Ganz ebenso wird unser
Landbewohner als das Opfer, das ihn die Erlangung der drei
Fische gekostet hat, entweder den direkt aufgewendeten Arbeits-
tag, Oder die indirekt aufgeopferten drei Hasen, bezw. deren
Genuß, nie aber Arbeitstag und Hasengenuß betrachten dürfen.
Ich glaube, das ist klar‘‘.

„Unserem Landbewohner standen aber neben jenen Be-
schäftigungen, die ihm den aufgewendeten Arbeitstag noch am
selben Tage vergelten, auch solche offen, die ihr Genußresultat
erst später bringen. Er konnte z. B. auch Weizen säen, wovon
er die Frucht erst in einem Jahre, oder Obstbäume pflanzen,
wovon er die Frucht erst in zehn Jahren gewinnen kann. Gesetzt,
er wählt das letztere: was hat er — wenn wir von Grund und
Boden und der minimalen Werkzeugbenutzung wieder absehen

für die Erlangung der Obstbäume aufgeopfert‘“?

„Mir kommt die Antwort nicht zweifelhaft vor. Wiederum
einen Arbeitstag, und nichts weiter. Oder, wenn man die
indirekte Komputationsmethode vorzieht, mag man statt des
Arbeitstages den sonstigen Genuß aufrechnen, den er bei ander-
weitiger Verwendung desselben sich hätte verschaffen können:
also den sofortigen Genuß von drei Fischen, oder von drei Hasen,
oder eines Korbes von Früchten. „Jedenfalls scheint mir aber
wieder einleuchtend, daß, wenn man den Genuß als Opfer auf-
rechnet, den man sich durch die Arbeit hätte verschaffen können,
man kein Atom der Arbeit daneben aufrechnen darf; und daß,
wenn man die Arbeit als Opfer aufrechnet, man daneben kein
Atom des versäumten anderweitigen Genusses aufrechnen darf,
Täte man dies dennoch, so beginge man eine Doppelrechnung,
die gerade So falsch ist, als wenn man in unserem früheren
Beispiele die Kosten der Vergnügungsreise mit den 300 fl., die
sie wirklich gekostet hat, und dazu noch mit dem persischen
        <pb n="151" />
        ar

Teppich in Anschlag brächte, den man sonst um die 300 fl.
hätte anschaffen können‘“‘.

„Bine solche unzulässige Doppelrechnung hat nun Senior
begangen. Freilich nicht so grob, daß er den ganzen ander-
weitigen Genuß von der Arbeit neben der Arbeit aufgerechnet
hätte; aber schon indem er den Genußaufschub; die Genuß-
anthaltung, neben der Arbeit selbständig rechnete, hat er die
zulässige Grenze überschritten. Denn es ist klar, daß im Opfer
der Arbeit bereits das Opfer des ganzen Vorteiles, den man
sich durch anderweitige Verwendung der Arbeit hätte verschaffen
können, eingeschlossen liegt; des ganzen Vorteiles, mit Inbegriff
aller am Hauptvorteil etwa noch hängenden partiellen oder
sekundären Vorteilsnuancen. Wer 300 fl. für eine Vergnügungs-
reise opfert, opfert nicht neben, sondern in den 300 fl. sowohl
den persischen Teppich, den er sonst darum hätte kaufen können,
als das Vergnügen, das er an dessen Besitz gefunden hätte, als
unter anderem auch den besonderen Vorteil, der in der langen
Zeitdauer dieses Besitzes und Genusses gelegen wäre. Und ganz
ebenso opfert der Landbewohner, der einen Arbeitstag des Jahres
1914 zur Baumpflanzung opfert, die im Jahre 1924 ihre Früchte
bringen wird, in und nicht neben diesem Arbeitstage sowohl
die drei Fische, die er sich mittelst desselben hätte verschaffen
können, als auch das besondere Vergnügen, das er etwa am
Fischgeschmacke empfindet, als auch den Vorteil, der
daraus entspringt, daß er den Fischgenuß bereits
im Jahre 1914 hätte erlangen können. Die besondere
Aufrechnung des Genußaufschubes enthält daher eine Doppel-
rechnung“).

Wir möchten gleich bemerken, daß wir in diesem Punkte
anderer Meinung als Böhm-Bawerk und Schumpeter sind.
Wenn auch die weiteren Ausführungen Böhm-Bawerks,
die sich damit beschäftigen, klar zu machen, weshalb ein Ab-
stinenzopfer überhaupt nicht vorliegen kann, unsere Zustimmung
finden, so halten wir es doch für notwendig, uns auch mit Böhm-
Bawerks erstem Einwande auseinanderzusetzen, um :festzu-
stellen, wo sich denn eigentlich bei der Abstinenztheorie, die
1) Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik, S. 249/51 (die Unter-
streichungen stammen von Böhm-Bawerk).
        <pb n="152" />
        139

sich als ziemlich lebensfähig erwiesen hat, die logische Unhaltbar-
keit zeigt und wo sie mit den Tatsachen in Widerspruch gerät.

Wir sind also der Meinung, daß bei der Abstinenztheorie —
ganz abgesehen von der Frage, ob das behauptete Opfer ein
solches darstellt oder nicht — von einer unzulässigen Doppel-
rechnung nicht die Rede sein kann und Böhm-Bawerks und
Schumpeters schiefe Auffassung auf eine falsche Anwendung
des Substitutionsgedankens zurückzuführen. ist.

Der Substitutionsgedanke beruht darauf, , daß man bei
gegebenem Vorrate und gegebenen Bedürfnissen für diejenigen
Güter, die in einer Bedürfnisgattung mit höherem unmittel-
baren Grenznutzen Verwendung finden, im Falle ihres Ver-
lustes dadurch Ersatz schaffen kann, daß man Güter aus ihrer
bisherigen Verwendung in einer anderen Bedürfnisgattung mit
geringerem unmittelbaren Grenznutzen abzieht und auf dem
Wege des Austausches die benötigten Ersatzexemplare herbei-
schafft. Man veranschlagt daher die Güter mit höherem un-
mittelbaren Grenznutzen nie nach dem direkten, sondern fast
immer nach dem ‚„Substitutionsgrenznutzen‘“ anderer Güter-
gattungen, nach der Einbuße an Wohlfahrt, die im Falle ihres
Verlustes eintritt!). Hieraus geht deutlich hervor, daß die Ver-
anschlagung nach einem bestimmten Substitutionsgrenznutzen
nur solange stattfindet, als die Substitution sich noch nicht als
notwendig erwiesen hat. Sobald der Verlust eintritt, wird eine
Lücke in die Befriedigungsmittel gerissen, die letzten noch
bedeckten Bedürfnisse sind jetzt andere, und die im Falle des
wiederholten Verlustes der Güter mit höherem unmittelbaren
Grenznutzen eintretende Einbuße an Wohlfahrt ist daher auch
eine größere,

Betrachten wir nunmehr Böhm-Bawerks Beispiele, mit
deren Hilfe er den nach seiner Ansicht bei der Abstinenztheorie
vorliegenden Fehler der Doppelrechnung deutlich zu machen
versucht. Das Wirtschaftssubjekt fängt hier Fische, anstatt
auf die Hasenjagd zu gehen, oder es entscheidet sich dafür,
300 fl. für eine Vergnügungsreise auszugeben, anstatt mit diesen
Mitteln einen persischen Teppich anzuschaffen. In beiden Fällen
ıy) Böhm-Bawerk, Posit. Theorie, S. 195/200,
        <pb n="153" />
        140

liegt also eine Verringerung der Mittel, die zur Deckung der
Bedürfnisse vorhanden sind, nicht vor. Ob ich Fische fange
oder auf die Hasenjagd gehe, ob ich eine Vergnügungsreise
unternehme, anstatt mir einen Perserteppich zu kaufen, immer
steht mir ein Arbeitstag bzw. eine Geldsumme von 300 fl. zur
Verfügung, Daß unser Wirtschaftssubjekt das‘ Bedürfnis nach
Hasengenuß bzw. nach einem Perserteppich nicht befriedigt,
liegt also nicht daran, daß ein Verlust an Befriedigungsmitteln
erfolgt, sondern hat seinen Grund an dem Auftreten von Be-
dürfnissen mit höherem Grenznutzen. Eine Wohlfahrtseinbuße
findet demnach gar nicht statt. Das führt zu der Erkenntnis,
daß der Substitutionsgedanke hier gar nicht in Anwendung
kommen kann, da ein Verzicht auf anderweitige Genüsse im
Falle des Verlustes der Fische bzw. der Vergnügungsreise zu
Ersatzzwecken gar nicht möglich ist. Böhm-Bawerk wendet
ihn aber doch an, indem er meint, daß man die Fische bzw.
die Vergnügungsreise entweder direkt nach dem Arbeitstag
bzw. nach den 300 fl., oder aber nach dem aufgegebenen Hasen-
genuß bzw. dem aufgegebenen, irgendwie gearteten Genuß, den
der Perserteppich verschafft, anschlagen könne, niemals aber
beide Größen kumulativ in Rechnung stellen dürfe. Böhm-
Bawerk gerät also hier in Widerspruch mit seinen an anderer
Stelle über den Substitutionsgedanken gemachten Ausführungen,
denn jetzt hält er es für möglich, daß man Güter mit höherem
unmittelbaren Grenznutzen mit dem Werte von Gütern ver-
anschlagt, die überhaupt nicht vorhanden sind, die niemals zu
Ersatzzwecken herangezogen werden können. Daß der Fehler
nicht dort, sondern bei der anläßlich der Kritik der Abstinenz-
theorie gegebenen Formulierung zu suchen ist, dürfte wohl klar
sein. Deutlich tritt das hervor, wenn man folgende Erwägung
anstellt. Es ist gar nicht einzusehen, weshalb ich für die Be-
wertung des tatsächlich erlangten Genusses nur die Bedürfnis-
gattung mit dem nächst niederen Grenznutzen, nicht aber auch
alle meine sonstigen unbedeckten Bedürfnisse in die Betrachtung
einbeziehen soll, so daß ich letzten Endes zum Werte Null ge-
langen muß. Wir sehen wenigstens keine Schranke, die uns
veranlassen könnte, vorher Halt zu machen. Die Schranke, die
bei dem richtig entwickelten Substitutionsgedanken darin
        <pb n="154" />
        141

gegeben ist, daß die Güter, die für die Bewertung in Frage
kommen, auch tatsächlich vorhanden sind, besteht hier nicht.

Für den Vorwurf der unzulässigen Doppelrechnung, den
Böhm-Bawerk gegenüber der Abstinenztheorie erhebt, ergibt
sich daraus als Schlußfolgerung: Nach Ansicht der Abstinenz-
theoretiker beruht das Abstinenzopfer auf einem tatsächlichen
Verzicht, und zwar auf dem Verzicht einer an sich möglichen
Befriedigung gegenwärtiger Bedürfnisse. Dieser Verzicht kann
nur insofern Bedeutung für die Größe des Arbeitsopfers haben,
als jetzt gegebenenfalls der Wert des mit dem Vorrat an Arbeit
letzten bedeckten Bedürfnisses, auf dessen Befriedigung man
im Falle des Verlustes von Gütern mit höherem unmittelbaren
Grenznutzen verzichten muß; ein anderer ist. Das Arbeits-
opfer wird aber nicht etwa teilweise oder ganz mit. dem Opfer,
das in dem Verzicht auf die Befriedigung gewisser gegenwärtiger
Bedürfnisse zugunsten zukünftiger Bedürfnisse nach Ansicht
der Abstinenztheoretiker liegen soll — und was bis jetzt noch
nicht widerlegt ist — angeschlagen. Daß es sich hier um zwei
ganz verschiedene Größen handelt, geht daraus hervor, daß
as sich bei der Veranschlagung des Arbeitsopfers nach dem ander-
weitigen Genuß nur um eine evtl, Wohlfahrtseinbuße handelt,
ein Verzicht also gar nicht vorliegt, während der Genußaufschub
der Abstinenztheoretiker einen tatsächlichen Verzicht darstellt.

Ob dieser Verzicht nun tatsächlich auch ein Opfer invol-
viert, das ist eine andere Frage. Im zweiten Teile seiner Kritik
gegenüber Senior sucht Böhm-Bawerk nachzuweisen, daß
das behauptete Abstinenzopfer überhaupt nicht existiert*).
Besonders klar illustriert er aber den von den Abstinenztheore-
tikern gemachten Fehler bei der Kritik der Marshallschen
Zinstheorie: „Von keiner Seite bezweifelte Erfahrung ist es,
daß jene psychologische Tatsache, um deren richtige Deutung
es sich handelt, sich unter anderem darin wirksam zeigt, daß
wir für sonst gleichstehende, aber verschieden entfernte Genuß-
ziele ungleich große Arbeits- oder Geldopfer zu bringen geneigt
sind .... Diese Tatsache, über deren Tatsächlichkeit, wie
gesagt, zwischen Marshall und mir keinerlei Meinungsver-
DE a
ı) Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik, S. 251/55.
        <pb n="155" />
        142

schiedenheit besteht, könnte an sich zwei Auslegungen zulassen,
Eine mögliche Auslegung würde dahin gehen, daß der zeitliche
Abstand die Größe des Genußzieles in unseren Augen
verkleinert: wir schlagen einen künftigen Nutzen, weil er
künftig ist, niedriger an, als wenn er gegenwärtig wäre, Dies
ist diejenige Auslegung, welche in den oben erwähnten psycho-
{ogischen Bemerkungen Marshalls über die Schätzung künftiger
Freuden zum Ausdruck kommt. Der gegenwärtige Wert der
künftigen Freude ist kleiner als 10, er ist bei einem zeitlichen
Abstand von einem Jahre nur ungefähr 9, bei einem Abstand
von fünf Jahren nur ungefähr 6; und weil uns das nicht mehr
wert ist als 9, bzw. 6, nehmen wir eben auch für seine Erlangung
kein größeres Opfer auf uns, als durch die Ziffern 9 und 6 ange-
zeigt wird“.

„Es liegt nun klar auf der Hand, daß bei dieser Auffassung
die Ziffern 9 und 6 nicht bloß die Größe eines aus Arbeit oder
Geld bestehenden Opferteiles, sondern daß sie die Größe des
Gesamtopfers bezeichnen und begrenzen müssen, das wir
überhaupt für die Erlangung des künftigen Genusses auf uns
zu nehmen geneigt sind; mit anderen Worten, daß bei dieser
Auslegung für ein additionelles Opfer an „waiting“, welches
neben dem Arbeits- oder Geldopfer gebracht würde, kein Raum
ist: denn es liegt nicht minder auf der Hand, daß es allen Grund-
sätzen des ökonomischen Handelns widersprechen würde, daß
wir für eine Freude, die wir nur auf 9 oder 6 schätzen, eine Summe
von Opfern auf uns nehmen sollten, die aus Arbeit und waiting
der Geld und waiting sich zusammensetzend, einen den Wert
des Zieles selbst übersteigenden Belauf, z. B. den Belauf von
10 erreichen würde“,

„Umgekehrt leitet die zweite an sich denkbare Auslegung
gerade auf die Annahme eines Opfers von Solchem größeren
Belaufe hin. Es ist diejenige Auslegung, Welche in den Äuße-
rungen Marshalls über die Existenz eines neben der Arbeit
separat darzubringenden Opfers an „Waiting“ zum Ausdruck
kommt. Sie legt sich den kritischen Tatbestand folgendermaßen
zurecht: Die Aussicht auf ein künftiges Genußziel, welches nach
einem oder fünf Jahren einen Wert von 10 haben wird, bestimmt
uns, eine Summe von Opfern auf uns zu nehmen, die sich aus
        <pb n="156" />
        145

Arbeit und Warten zusammensetzt, und die von uns, und zwar
unter Berücksichtigung "des Grades der Lästigkeit, die uns das
Warten bereitet, und der mutmaßlichen Dauer dieses Wartens,
zusammengenommen auf 10 veranschlagt wird‘.

„Ich glaube, es liegt wiederum auf der Hand, daß diese
Auslegung des Sachverhalts voraussetzt, daß die Aussicht auf
den zu erlangenden künftigen Genuß auf unsere gegenwärtige
Entschließung mit der vollen, unverminderten Größe jenes
Genusses einwirkt: nur wenn wir das künftige Genußziel mit
seiner unverminderten Größe von 10 anschlagen, können wir
uns vernünftiger- und wirtschaftlicherweise dazu entschließen,
für seine Erlangung ein Gesamtopfer in der Größe von 10 auf
ıns zu nehmen. Die Abstinenztheorie pointiert diesen Gedanken
sogar besonders nachdrücklich aus. Sie lehrt ja, daß der Wert
der künftigen Produktions- und Genußziele eben deshalb nicht
unter die (beispielsmäßig angenommene Ziffer) von 10 herunter-
nivelliert werden könne, weil das Hinzutreten des Warteopfers
den Belauf der Gesamtkosten auf jene Summe erhöht und der
Produzent bei einem geringeren Werte des Zieles sich für diese
Opfergröße nicht ausreichend entschädigt fühlen würde — ein
Gedankengang, der auf das ausdrücklichste voraussetzt, daß
der Wert des künftigen Zieles im Kalkül des Produzenten mit
der unverminderten Größe von 10 figuriert‘“.

„Es liegt daher, mit anderen Worten, auf der Hand, daß
wir uns der zweiten Auslegung nur dann zuwenden können,
wenn wir der ersten den Rücken kehren. Wir mögen entweder
annehmen, daß der zeitliche Abstand den Nutzen eines er-
warteten künftigen Zieles in unserer Schätzung verkleinert,
oder, daß derselbe die in unserer Schätzung zu berücksichtigen-
den Opfer um das ‚„Warteopfer‘“ vergrößert; aber. soviel ist
gewiß, daß wir unmöglich beides zugleich annehmen können.
Es wäre ein wirtschaftliches und mathematisches Nonsens,
daß im Kalkül des Produzenten der künftige Nutzen von 10
auf 6 verkleinert, das Opfer aber gleichzeitig vermöge der Zu-
rechnung des Warteopfers von 6 auf 10 vergrößert angenommen
und die Produktion dennoch lohnend befunden werden sollte“ 1

„Um jeder möglichen Abirrung auf ein falsches Geleise
von vornherein den Weg zu verlegen, will ich sofort einem
        <pb n="157" />
        144

gewissen denkbaren Gegeneinwand entgegentreten. Bei ober-
Mächlicher Beobachtung könnte man nämlich vielleicht noch
versucht sein, die Sache sich folgendermaßen zurechtzulegen,
Der künftige, erst nach 5 Jahren zu erlangende Nutzen von
10 werde in der gegenwärtigen Schätzung in der Tat nur per-
spektivisch verkleinert, also nur mit 6,21 angeschlagen. Aber
diesem gegenwärtigen Werte des Zieles stehe eben auch nur ein
gegenwärtiges (Arbeits- oder Geld-) Opfer von 6,21 gegenüber;
das Warteopfer liege dagegen erst in der Zukunft und werde in
dieser seine Kompensation durch den einstigen vollen Zukunfts-
wert des Zieles — im Betrage von ‘10 — finden. Es stehe daher
sinerseits gegenwärtiger Wert und gegenwärtiges Opfer, anderer-
seits künftiger Wert mit der auch die. künftigen Opfer um.
schließenden gesamten Opfergröße im erforderlichen Einklang.
— Bei diesem Gedankengang würde man aber übersehen, daß
jeder rationelle wirtschaftliche Kalkül die nicht fälligen Opfer
oder Opferraten ebensowohl und zwar sofort in die Rechnung
stellen muß, wie die fälligen. Wenn ich kalkuliere, ob ich ein
mir gegen Zahlung von 20 Jahresraten ä 1000 fl. angebotenes
Wohnhaus kaufen soll oder nicht, so darf ich nicht den gegen-
wärtigen Wert des Hauses mit dem Werte der gegenwärtig
fälligen Rate der Opfer, das ist mit der ersten sofort zu erlegenden
Kaufschillingsrate von 1000 fl. allein in Vergleich bringen,
sondern ich muß .selbstverständlich dem Werte des Hauses
sofort den Wert aller gegenwärtig und künftig fälligen 20 Kauf-
schillingsraten zusammengenommen gegenüberstellen, wobei

nur die noch nicht fälligen Raten mit einem gewissen, sie auf
ihren gegenwärtigen Wert reduzierenden Abzuge in Anschlag

kommen werden. Analog setzt sich im Sinne der Abstinenz-

theorie das gesamte für ein entferntes Genußziel auszulegende

Opfer aus einer sofort fälligen, aus Arbeit oder Geld bestehenden

ersten Opferrate und aus einer Reihe weiterer, über den ganzen
zwischenliegenden Zeitraum sich echellonnierenden Raten von

‚Warteopfern‘“ zusammen. Letztere mögen nun in den gegen-

wärtigen Kalkül ebenfalls — sowie die später fälligen Kauf-

schillingsraten des Hauses — nur mit einem gewissen, dem Grade
ihrer zeitlichen Entlegenheit entsprechenden Abzuge eingestellt

werden, aber sie müssen jedenfalls überhaupt eingestellt werden,
        <pb n="158" />
        145

zumal ja, wie wir wissen, im Sinne der Abstinenztheorie gerade
der Bedacht auf sie die Produzenten abhalten soll, die Produktion
auf minderwertige künftige Ziele zu richten. In unserem Bei-
spiele würde diese Auffassung sich in folgender Ziffergruppierung
ausprägen: das sofort zu leistende Arbeits- (oder Geld-) Opfer
beträgt 6,21. Die Summe der fünfjährigen Warteopfer, durch
welche das Gesamtopfer sukzessive bis auf 10 aufgefüllt wird,
beträgt demnach 3,79. Da aber diese Warteopfer noch in der
Zukunft liegen und zwar im Durchschnitt erst nach 21 Jahren
zu „erdulden‘“ sind, ist ihr Gegenwartswert entsprechend ge-
ringer anzuschlagen und zwar würde er sich unter Annahme des
Reduktionsmaßstabes von 10°/, ungefähr auf 2,96 stellen. Hier-
nach wäre der Gegenwartswert aller zu berücksichtigenden Opfer
6,21 + 2,96 = 9,17, der Gegenwartswert des anzustrebenden
Zieles aber nur 6,21 — ein Größenverhältnis, das einer vernünf-
tigen Handlungsweise offenbar nicht zugrunde liegen kann“).
Wir haben diesen Ausführungen nur wenig hinzuzufügen.
Deutlich zeigt sich hier, daß irgendwo ein logischer Fehler be-
gangen werden muß, denn die Abstinenztheorie gerät zu der
Tatsache der Unterschätzung zukünftiger Genüsse, von der sie
ausgeht, in Widerspruch. Der Fehler liegt in der Annahme, daß
der Verzicht auf einen gegenwärtigen Genuß infolge der Unter-
schätzung zukünftiger Genüsse ein Opfer involviere. Weshalb
2s sich hier um kein Opfer handelt, ist leicht nachzuweisen. In-
dem ich meine Mittel auf die einzelnen Bedürfnisse entsprechend
ihrer Intensität verteile, erreiche ich unter den gegebenen Ver-
hältnissen ein Maximum an Bedürfnisbefriedigung, ich bringe
also kein Opfer. Da infolge der Unterschätzung zukünftiger
Genüsse diese einen geringeren Grenznutzen als gegenwärtige
Genüsse gleicher Art haben, so kommen sie einfach mit der
Befriedigung später an die Reihe, sie werden erst dann befriedigt,
wenn die Deckung der gegenwärtigen Bedürfnisse bis zu dem
Intensitätsgrade fortgeschritten ist, der auch bei den zukünftigen
Bedürfnissen vorliegt. Auch dann handelt es sich um kein
Opfer, wenn ich mehr Mittel von der Gegenwart abziehe, als der
Unterschätzung zukünftiger Bedürfnisse angemessen erscheint,
ıy Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik, S. 486/89 (die Unter-
streichungen stammen von Böhm-Bawerk).
Heinze, Statische oder dynamische Zinstheorie?

.r
        <pb n="159" />
        [45

nämlich unter der Voraussetzung, daß eine entsprechende Kom-
pensation durch ein Mehr an Gütern in der Zukunft erfolgt.
Wenn also das Wirtschaftssubjekt einen seiner Unterschätzung
zukünftiger Genüsse entsprechenden Zins erhält, so kann von
einer Wohlfahrtseinbuße, von einem Opfer keine Rede sein. Nur
dann liegt ein Opfer vor, wenn der Zins dem Grade der Unter-
schätzung nicht entspricht — ein Fall, der vom Standpunkte der
wirtschaftlichen Logik aus gesehen, die wir hier untersuchen, irre-
levant ist. Böhm-Bawerk argumentiert daher ganz in unserem
Sinne, wenn er bezüglich des Einflusses des zeitlichen Momentes
schreibt: „Statt nämlich das Material zu einem Zweiten selbstän-
digen Opfer zu bieten, fällt es vielmehr bei der Bestimmung der
Größe des einen wirklich gebrachten Opfers ins Gewicht‘),

Man könnte nun allenfalls die Abstinenztheorie noch da-
durch zu retten. versuchen, indem man einfach von einer
Leistung spricht, die analog der Arbeitsleistung nach dem Werte
ihres Produktes veranschlagt wird. Der Widerspruch, der sich
bei der Annahme eines echten Opfers gegenüber der Agiotheorie
ergibt, wäre damit beseitigt. Dieser Leistung, diesem Dienste
äes Wartens würde dann einfach der mit der Zeit erfolgende
Wertzuwachs zugerechnet. Es müßte dann nicht etwa neben
dem Arbeitsopfer heute schon der diskontierte Wert der zu-
künftigen Opfer, dem bekanntlich kein entsprechendes Nutzen-
äquivalent gegenübersteht, eingesetzt werden.

Wir lehnen es jedoch ab, einen derartigen Versuch, der
u. E. bei Cassel vorliegt, zu machen, da, wie aus unseren
früheren Ausführungen folgt, die Annahme einer solchen dritten
elementaren Leistung neben Arbeit und Boden sich mit den
Tatsachen kaum in Einklang bringen lassen wird. Aber auch
vom heuristischen Gesichtspunkte aus gesehen sind wir gegen
die Konstituierung eines solchen dritten Produktionsfaktors.
Der Dienst des Wartens bei Cassel ist ein viel zu weit gefaßter
Begriff. Das hat Amonn ganz richtig erkannt, wenn er fest-
stellt, daß auch der Nachfragende, der das Kapital produktiv
verwendet, anstatt es zu verzehren, „Warten“ muß?). Man muß
1) Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik, S. 252 (die Unterstreichung
stammt von Böhm-Bawerk).
?) Amonn, Cassels System, S. 70.
        <pb n="160" />
        147

dann zu dem Schluß kommen, daß, wenn der Dienst des Wartens
ainfach in der Unterlassung einer an sich möglichen Konsumtion
besteht — und eine andere Auslegung wird sich nach unseren
obigen Erörterungen wohl kaum finden lassen — auch der
Kreditnehmer, falls er das aufgenommene Darlehen produktiv
verwendet, ein Zinseinkommen beziehen muß, d. h. der ur-
sprüngliche Kapitalzins würde in diesem Falle höher als der
Darlehenszins sein, was. offenbar unmöglich ist.

Mit der Abstinenztheorie ist es also nichts. Die statische
Betrachtungsweise lehrt uns, daß für das Wirtschaftssubjekt
bei. der Bereitstellung von, Mitteln für zukünftige Bedürfnisse
trotz der Existenz von Böhm-Bawerks erstem und zweitem
Grunde kein Opfer entsteht. In der,Statik und damit auch in der
Dynamik gibt es also für uns kein „Warten‘‘ als subjektives
Phänomen, als ein Opfer, das die Wirtschaftssubjekte nur gegen
ein gewisses Entgelt darbringen. Die Tatsache, daß zwischen
der Aufwendung von originären Produktivleistungen und ihrer
Genußreife in Statik und Dynamik eine Lücke besteht, daß
also „Warten“ als objektive Erscheinung immer vorliegt, wird
von unseren Ausführungen nicht getroffen.

Betrachten wir nunmehr Schumpeters Einwände gegen-
über der Abstinenztheorie, und untersuchen wir, ob sie — abge-
sehen von dem Vorwurf der Doppelrechnung — mit den Argu-
menten Böhm-Bawerks, die wir akzeptieren, übereinstimmen.
Schumpeter äußert sich gegenüber dem Moment der Ab-
stinenz, gegenüber dem Moment des Wartenmüssens in seiner
Bedeutung für die Statik folgendermaßen: „Auch hier muß man
die einmalige Beschaffung der Voraussetzungen einer Produktion
von deren regelmäßiger Abwicklung unterscheiden. Was immer
die Rolle der Abstinenz bei der ersteren sein mag ... . sicher
gibt es bei letzterer nicht jedesmal wieder ein Wartenmüssen.
Auf die regelmäßigen Erträge muß man einfach nicht „warten“,
da man sie genau dann erhalten kann, wenn man sie überhaupt
braucht. Man hat im normalen Kreislaufe der Wirtschaft nicht
periodisch einer Versuchung. zur Augenblicksproduktion zu
widerstehen, denn man würde mit dieser ganz unmittelbar
schlechter fahren. Von Abstinenz im Sinne von Nichtkonsumtion
der Ertragsquellen kann deshalb nicht die Rede sein, weil es unter

10
        <pb n="161" />
        (48

unseren Voraussetzungen andere Ertragsquellen als Arbeit und
Boden nicht gibt ,... Seinem Wesen nach bringt es der
sich gleichbleibende Kreislauf der Wirtschaft mit sich, daß keine
Lücke zwischen Aufwendung und Bedürfnisbefriedigung klafft.
Die beiden werden, nach Professor Clarks zutreffendem Aus-
drucke, von selbst „synchronisiert“ ““!).

Auf den ersten Blick mag es so scheinen, als ob Schum-
peter, wenn er von Synchronisierung spricht, denselben Sach-
verhalt wie Böhm-Bawerk und wir im Auge hat. „Auf die
regelmäßigen: Erträge muß man. einfach nicht „warten‘‘, da
man sie genau dann erhalten kann, wenn man sie überhaupt
braucht‘, so schreibt Schumpeter. Man sollte meinen, das
heißt doch nichts anderes, als daß, wenn die Erträge planmäßig,
entsprechend der Unterschätzung zukünftiger Genüsse fließen,
ein Warteopfer nicht involviert wird. Man wird aber sofort
stutzig, wenn man bedenkt, daß diese Aussagen sich nur auf
die Statik beziehen, während unser Resultat auch für die
Dynamik „gilt“. Und man wird geradezu verwirrt, wenn man
liest, daß von Abstinenz im Sinne von Nichtkonsumtion der
Ertragsquellen nicht die Rede sein kann, weil es unter Schum-
peters Voraussetzungen andere Ertragsquellen als Lohn und
Rente nicht gibt; denn das heißt doch soviel, als daß gegen das
„Warten‘“ des Kapitalisten, wovon bei der Abstinenztheorie
doch immer die Rede ist, gar nicht polemisiert wird, sondern
unter „Warten“ hier irgend etwas anderes verstanden wird,

Um hier Klarheit zu schaffen, müssen wir uns den Syn-
chronisierungsgedanken etwas näher ansehen. Da derselbe
von Clark stammt und von Schumpeter nur übernommen
worden ist, so wollen wir zuerst Clarks Äußerungen über diesen
Punkt einer kurzen Betrachtung unterziehen und dann an-
schließend untersuchen, ob Schumpeter unter Synchroni-
sierung dasselbe wie Clark versteht und daher die Einwände,
die Böhm-Bawerk gegen Clark gerichtet und gegenüber
Schumpeter wiederholt hat, letzteren auch wirklich treffen.

Clark schreibt seinem „true capital‘ %), das von den ständig
vergehenden und wieder neu erstehenden „capital goods“ als
1) Schumpeter, Entwicklung, S. 48/49.
2) Clark, Distribution, S. 116/21.
        <pb n="162" />
        149

ein permanenter, sich gleichsam automatisch wiedererzeugender
Fonds von Produktivkraft!) streng zu Scheiden ist, in der
statischen Wirtschaft die Kraft und die Funktion zu, die Zeit-
intervalle, die Produktionsperioden, die bei den „capital goods‘“
eine Rolle spielen?), auszuschalten, die Arbeit und ihre Früchte
gleichzeitig zu machen?). Das „true capital“ ermöglicht es,
daß in der statischen Wirtschaft dauernd genußreife Güter dem
Produktionsprozeß in stets gleicher Menge entströmen, so daß
der heute geleisteten Arbeit sofort genußreife Güter zur Ver-
fügung stehen und die Arbeiter daher nicht zu „warten“
brauchen. ‚It is the remover of time intervals — the absolute
synchronizer of labor and its fruits‘“%).

In der Dynamik. ist das anders. Hier machen sich die
Produktionsperioden, die nur den „capital goods‘ eigen sind,
bemerkbar, hier ist „Warten“ nötig.

Es fällt jetzt sofort eines auf. Während wir oben bemüht
waren, zu beweisen, daß, wenn ein Wirtschaftssubjekt Mittel
zum Dienste für die Zukunft verwendet, dadurch für dasselbe
trotz Existenz von Böhm-Bawerks erstem und zweitem
Grunde kein Warteopfer entsteht, so setzt die Clarksche
Kritik einen Punkt früher ein, indem sie die Existenz von Zeit-
intervallen zwischen Aufwendung und Erfolg scheinbar über-
haupt zu leugnen sucht. Man sieht, der Synchronisierungs-
gedanke wendet sich vor allem gegen die Agiotheorie und sucht,
indem er diese widerlegt, auch die Abstinenztheorie zu er-
schüttern. Es ist klar, wenn Aufwendung und Erfolg tatsächlich
zusammenfallen, wenn es keine Produktionsperioden mehr gibt
und daher auch keine Genußgütervorräte zum Vorschießen an
Arbeiter und Grundherren nötig sind, dann kann von einem
Warteopfer nicht die Rede sein,

Aber so liegen die Dinge eben nicht. Ein tatsächliches
Zusammenfallen, ein Gleichzeitigmachen der Arbeit und ihrer
Früchte in der Weise, daß das Produkt von heute auch durch
die Arbeitsleistung von heute verursacht wird, gibt es nicht.
ı) Clark, Distribution, S. 121. ?) ebda., S. 127/29. *) ebda., S. 126/40,
303/18. Clark, John Bates, Über das Wesen des Kapitals, Ztschr, f.
Volksw., Sozialpol. u. Verwitg., 16. Bd., Wien u. Leipzig 1907, S. 437/38.

4) Clark, Distribution, S. 311.
        <pb n="163" />
        '50

Wir verweisen hier auf die ausführliche Polemik Böhm-Ba-
werks?) gegenüber Clark. Hier wollen wir nur, um dem Leser
recht deutlich zu machen, worauf es bei der vorliegenden Kontro-
verse ankommt, die kurze Formulierung seines Einwandes
gegenüber dem Synchronisierungsgedanken, wie sie Böhm-
Bawerk anläßlich der Kritik der Schumpeterschen Theorie
gegeben hat, wörtlich zitieren: „Nehmen wir übrigens diese
Musterprobe einer zweideutigen biegsamen Dialektik im Vorbei-
gehen sofort unter die Lupe: was soll mit ihr gemeint sein? Soll
wirklich behauptet werden, was diese Worte nach ihrem natür-
lichen Sinne auszudrücken scheinen, daß nämlich die produktiven
Aufwendungen und ihre genußreifen Erfolge gleichzeitig sind?
Soll etwa behauptet werden, daß die Arbeit des Schafzüchters,
welche zu Beginn des (vielleicht dreijährigen) Gesamtprozesses
der Tuchrockerzeugung aufgewendet wird, in demselben Augen-
blicke, in welchem sie aufgewendet wird, schon zur Entstehung
aines fertigen Tuchrockes führt? Das wäre eine offenbare
Unmöglichkeit, obwohl eine so hohe Autorität wie Prof. Clark
sich sogar dieser Behauptung einmal gefährlich angenähert hat.
Oder soll mit jener Floskel doch nur der ganz andere, sehr
harmlose Sachverhalt gemeint sein, daß in einer in einem gleich-
mäßigen Kreislauf sich abspielenden Produktion von drei-
jährigem Turnus alles so eingerichtet ist, daß in demselben
Augenblicke, in welchem irgendein Arbeitsaufwand für die
Erzeugung roher Schafwolle gemacht wird, jedesmal auch irgend-
ein Tuchrock fertig wird, welcher aber freilich nicht der gleich-
zeitigen, sondern der Aufwendung einer ganz anderen,
schon drei Jahre früher auf die Erzeugung von roher Wolle
gerichteten Arbeit seine Entstehung verdankt? Und wenn
nur das gemeint ist und gemeint sein kann, welcher dialektische
Mißbrauch liegt dann in einer Wortfügung, die über diesen, die
ganze Pointe aufhebenden Unterschied hinweggleitend schlecht-
weg von einer „Synchronisierung von Aufwand und Bedürfnis-
vefriedigung‘“ spricht? Bekanntlich geht der Blitz natürlicher-
weise stets dem Donner voraus. Wenn nun jemand behaupten

ı) Böhm-Bawerk, Zur neuesten Literatur über Kapital und Kapital-
zins, Ztschr. f. Volksw., Sozialpol. u. Verwitg., 16. Bd., Wien u. Leipzig
1907, S. 18ff. 455#f.
        <pb n="164" />
        151 —

wollte, daß bei heftigen Gewittern umgekehrt der Donner dem
Blitze vorauszugehen pflege und zum Beweise dieser pikanten
Behauptung darauf hinwiese, daß es ja schon dann von voraus-
gegangenen Blitzen her meistens schon donnere, ehe die
späteren Blitze nachfolgen, so würden wir dies wahrscheinlich
für einen mehr oder weniger gelungenen dialektischen Scherz
halten. Mit einem analogen dialektischen. Scherz soll aber hier
ernstlich für die These von der Entbehrlichkeit von Vorräten
Stimmung gemacht werden: wozu soll man für die Befriedigung
der in der Zwischenzeit zwischen Aufwendung und Erfolg sich
einstellenden Bedürfnisse Gütervorräte brauchen, wenn der
Erfolg mit der Aufwendung „gleichzeitig“ eintritt‘“1)?

Nun aber zu Schumpeter. Auf den ersten Blick muß es
scheinen, als ob die Auslegung, die wir soeben dem Clarkschen
Synchronisierungsgedanken gegeben haben, auch auf Schum-
peters Ausführungen über diesen Punkt zutrifft. Besonders
naheliegend ist dieser Schluß, wenn man Schumpeters oben
zitiertes Beispiel von den zwei ineinandergeschachtelten Pro-
duktionsperioden studiert, das ja zur Verdeutlichung des Syn-
chronisierungsgedankens dienen soll. In dieser statischen Wirt-
schaft sind am Anfang jeder Periode gerade soviel genußreife
Güter, die aus der vorhergehenden Periode überkommen sind,
vorhanden, um die in der laufenden Periode zwecks Umwandlung
der ebenfalls aus der vergangenen Periode stammenden
Zwischenprodukte in genußreife Güter und Reproduktion der-
selben notwendigen Arbeits- und Bodenleistungen mit dem vollen
Produktwerte entlohnen zu können. Schumpeter knüpft an
diese Feststellung folgende Bemerkungen an: „Arbeiter und
Grundherren tauschen also ihre produktiven Leistungen stets
nur gegen gegenwärtige Genußgüter aus, mögen die ersten
nun unmittelbar oder erst mittelbar zur Genußgüterproduktion
verwendet werden. Wir bedürfen auf diese Weise der Annahme
nicht, daß sie ihre Arbeits- und Bodenleistungen gegen zu-
künftige Güter vertauschen oder gegen Versprechungen oder
gegen Vorschüsse auf das künftige Genußgut. Es handelt sich
einfach um einen Tausch. nicht um ein Kreditgeschäft. Das
1) Böhm-Bawerk, Eine ‚„,‚dynamische‘‘ Theorie d. Kapitalzinses,
&amp; 923/24 (die Unterstreichungen stammen von Böhm-Bawerk).
        <pb n="165" />
        — 152

Moment der Zeit spielt dabei keine Rolle‘“1). ‚Namentlich
sind auch die Genußgüter nur Produkte und nichts weiter,
Produkte, mit denen nichts anderes geschieht, als der Verkauf
an Konsumenten. Sie bilden in niemandes Hand einen Fonds
zur Erhaltung von Arbeitern usw., sie dienen weder direkt noch
indirekt weiteren produktiven Zwecken. Daher entfällt jede
Frage nach der Ansammlung von solchen Vorräten‘?).

Wir bemerken hierzu: Böhm-Bawerk stützt seine Zins-
theorie nicht etwa auf die Annahme, daß Arbeiter und Grund-
herren mit künftigen Gütern, also mit Zwischenprodukten,
noch mit irgendwelchen Versprechungen entlohnt werden.
Vielmehr wird gerade von Böhm-Bawerk darauf Gewicht
gelegt, daß sie mit gegenwärtigen Gütern bezahlt werden, was
nach seiner Ansicht bedeutet, daß sie Vorschüsse erhalten, da
die heute entlohnten Arbeits- und Bodenleistungen erst in einer
späteren Periode genußreife Produkte liefern. Wenn irgend-
welche produktiven Leistungen gegen zukünftige Güter, gegen
Zwischenprodukte vertauscht werden, so erfolgt das in der
Eigenschaft des Kapitalisten, nicht aber in der des Arbeiters
oder des Grundherrn. Das ist in der Statik so, und auch in der
Dynamik liegen die Dinge nicht anders. Wenn ein isoliertes
Wirtschaftssubjekt eine neue Methode durchsetzt, so wartet
es als Kapitalist und nicht als Arbeiter oder Grundherr. In der
Tauschwirtschaft fallen Arbeiter und Grundherren mit den
Kapitalisten meistens nicht zusammen, so daß erstere meist
nur gegenwärtige Güter erhalten. Ein „Warten“ kommt für sie
überhaupt nicht in Frage. Schumpeter hat anscheinend
dieselbe Tatsache im Auge, wenn er schreibt, daß in der Dynamik
den von den Unternehmern mit Kreditzahlungsmitteln ent-
lohnten Besitzern von produktiven Leistungen der Zugang zu
den Märkten der Genußgüter verschafft wird und daher niemand
auf den Gegenwert seiner Leistung zu warten braucht und sich
mit einer Forderung begnügen muß*). Dann besteht doch aber,
so meinen wir, zwischen Statik und Dynamik kein Unterschied,
während nach Schumpeters und Clarks Ansicht, die den
Synchronisierungsgedanken ausdrücklich auf die Statik be-

') Schumpeter, Entwicklung, S. 56. *) ebda., S. 57.

»)) ebda., S. 109, 154.
        <pb n="166" />
        153

schränken, ein solcher vorliegen soll. Hier wie dort werden
Arbeiter und Grundherren mit Genußgütern entlohnt und
brauchen daher nicht zu „Warten‘“. Oder hat die Aussage, daß
man in der Statik nicht zu „warten‘ braucht, doch einen anderen
Inhalt? Die Äußerungen Schumpeters, daß man nicht der
Annahme bedürfe, Arbeiter und Grundherren vertauschten
ihre Leistungen gegen Vorschüsse auf das künftige Genußgut,
daß ein Tausch, und kein Kreditgeschäft vorliegt, ferner, daß
hier die Genußgüter weder direkt noch indirekt weiteren pro-
duktiven Zwecken dienen und deshalb jede Frage nach der An-
sammlung von solchen Vorräten entfällt, weisen in diese Richtung.
Das würde aber bedeuten, daß für Schumpeter in der Statik
Aufwand und Bedürfnisbefriedigung tatsächlich zusammen-
fallen, die heutige Arbeitsleistung heute schon das durch sie
verursachte Produkt erhält. Dieser Schluß steht aber im Wider-
spruch zu Schumpeters Äußerung gegenüber der Böhm-
Bawerkschen Kritik, wo er sich ausdrücklich gegen eine der-
artige Auslegung des Synchronisierungsgedankens verwahrt?).

Man muß daher annehmen, Schumpeter will mit den eben
erwähnten Ausführungen nur ausdrücken, daß er die hier in
Frage stehenden Tatsachen für die Zinserklärung nicht als
wesentlich erachtet und deshalb die Bezeichnungen ‚,Vor-
schüsse‘ und „Kredit‘“ für andere Dinge zu reservieren wünscht,
eine Annahme, die wir schon oben gegenüber den Schumpeter-
schen Ausführungen über denselben Punkt in seiner Bedeutung
für die Schumpetersche Dynamik machen zu müssen
glaubten?). Schumpeters Entgegnung auf die Böhm-
Bawerksche Kritik seiner Zinstheorie, besonders auf die gegen
die Behandlung des Punktes „Genußgütervorräte‘ bei Schum-
peter von Böhm-Bawerk gerichteten Angriffe®), bestätigt
auch diese Annahme: „Im Kreislaufe der statischen Wirtschaft
weiters steht gewiß die Länge der Produktionsperiode im Zu-
sammenhang mit der jeweiligen Stärke des Genußgüterstromes.
Aber aus meiner Stellung zum zweiten und dritten Grunde
v. Böhm-Bawerks — die wir hier nicht ex professo verteidigen
5 Seempeter, Een S, 626 Anm 15. ?) Vgl. oben S, 100/101.
x erk, Eine ‚dynamische‘ Theorie d. italzi
23/27, 645/46. Yy che orie Kapitalzinses,
        <pb n="167" />
        154

— folgt, daß diese Tatsache — die ich gewiß, wenn ich eine
systematische Darstellung der Theorie schriebe, entsprechend
betonen würde — nichts mit dem Zinse zu tun hat und nur ein.
Spezialfall der allgemeinen Erkenntnis ist, daß alle Quantitäten
der Volkswirtschaft miteinander in teils technischen, teils
rein ökonomischen Beziehungen stehen. Für meinen Gedanken-
gang bedeutete sie nicht mehr als die Tatsache, daß die Inten-
sität des Kohlenabbaues mit der Menge der Dampfmaschinen
in der Volkswirtschaft in Zusammenhang steht. Deshalb legte
ich auf sie in meiner Darstellung: kein Gewicht, ohne sie in
Abrede stellen zu wollen, oder, auf Grund meines Gedanken-
ganges, zu müssen. Sie verdankt ihre Stellung in v. Böhm-
Bawerks System ja nur dem Umstande, daß er die Zins-
erklärung daran knüpft. Für den, der das nicht tut, haben die
Genußgütervorräte wirklich keine „besondere Stellung“, ist
ihre Größe „nicht weiter interessant“. Wenn man das tut, so
liegt die Sache natürlich anders. Aber von meinem Standpunkte
liegt hier weder ein Widerspruch, noch eine Verschleierung un-
bequemer Tatsachen‘‘1). ;

Schumpeter behauptet demnach nicht ein tatsächliches
Zusammenfallen von Aufwendung und Bedürfnisbefriedigung,
Da aber in der Statik ständig das volle Produkt zur Verfügung
steht, so erscheint 'es nach seiner Ansicht den Wirtschafts-
subjekten so, als ob es hier keine Produktionsperioden, keine
Zeitintervalle gäbe. Deshalb glaubt er, mit Hilfe des dritten
Grundes den Zins in der Statik nicht erklären zu können, und
deshalb rückt er die Tatsachen, auf denen der Erklärungsgang
sonst aufbaut und deren Existenz er nicht leugnet, die ihm aber
als unwesentlich erscheinen, in den Hintergrund. Wir glauben,
auch Clark will diesem Gedanken Ausdruck geben, wenn er
ausführt, daß die Synchronisierung nicht buchstäblich (literally),
sondern nur dem Wesen nach (virtually) in der Statik erfolge?).

Damit ist doch aber der Synchronisierungsgedanke erledigt,
denn auf ihn treffen doch alle die Ausführungen, die wir früher
bezüglich Böhm-Bawerks drittem Grunde gemacht haben. zu.
1) Schumpeter, Entgegnung, S. 627/28. (Die Unterstreichung stammt
von Schumpeter.)
2) Clark. Distribution. S.312/15. vgl. auch Schumpeter. Weser S. 408.
        <pb n="168" />
        155

Wir erkannten, daß es ganz gleichgültig ist, ob eine gewisse
Methode zum ersten Male durchgeführt wird oder ob sie bereits
eingelebt ist. Gerade wenn Gleichgewicht herrschen, wenn
immer ein und dieselbe Methode durchgeführt werden soll,
muß ein Agio an gegenwärtigen Gütern haften — ein Satz, der
allerdings für die Schumpetersche Statik, die sich als ein
individuelles Erkenntnisobjekt erwies, nicht generelle Geltung
beanspruchen, der andererseits aber auch für diese nicht generell
verneint werden kann. Die Vernachlässigung bestimmter Tat-
sachen, wie die Existenz von Produktionsperioden und der sich
daher notwendig machenden Vorschüsse ist deshalb unzulässig.

Daß beim Synchronisierungsgedanken etwas nicht stimmt,
zeigt sich andererseits schon darin, daß Clark als auch Schum-
peter den Synchronisierungsgedanken nur auf die Statik an-
wenden, da eben hier nur die nötigen Voraussetzungen, das
Vorhandensein des vollen Produktes bei Beginn jeder Periode,
gegeben sind, andererseits aber für Clark das, was für die Statik
„wahr“ ist, auch für die Dynamik „gelten“ muß!) und Schum-
peter dieser Ansicht an manchen Stellen, wie wir oben dar-
legten?), sehr nahe kommt, indem er einfach die Resultate der
Statik auf die Dynamik übernimmt. Hier liegt also ein unlös-
barer Widerspruch vor, den bereits Böhm-Bawerk gegenüber
Clark aufgezeichnet hat?) und der sich nur dadurch beseitigen
1äßt, indem man der Tatsache, daß auch in der Statik, genau
wie in der Dynamik, Genußgüter vorgeschossen werden müssen,
um zeitraubende Produktionsumwege durchführen zu können,
entsprechend Rechnung trägt.

Daß der Synchronisierungsgedanke auch gegen die Ab-
stinenztheorie nichts zu leisten vermag, ist ebenfalls unschwer
zu beweisen. Der Synchronisierungseinwand wäre nur dann
stichhaltig, wenn in der Statik „buchstäblich‘‘ Aufwendung
und Erfolg synchronisiert würden, was aber nach Schum-
peters eigenen Äußerungen nicht zutrifft. Es ist daher auch
verwunderlich, wenn SchumpDpeter bei der Kritik der Abstinenz-

nt
2 Clark, Distribution, S. 29/31, 67, 72. *) Vgl. oben S. 100/101.

*) Böhm-Bawerk, Zur neuesten Literatur über Kapital und Kapital-
zins, Ztschr. f. Volkw., Sozialpol. u. Verwitg, 16. Bd., Wien u. Leipzig 1907,
S. 95ff.
        <pb n="169" />
        156

theorie bemerkt, daß man in der Statik auf die regelmäßigen
Erträge nicht zu „warten‘‘ braucht, was doch nur dann einen
Einwand gegen die Abstinenztheorie bilden kann, wenn damit ein
buchstäbliches Zusammenfallen von Aufwand und Erfolg ge-
meint ist.

Man könnte nun bei oberflächlicher Betrachtung noch auf
den Gedanken kommen, daß für den Kapitalisten die Dinge
in der Statik doch anders als in der Dynamik liegen. Stellen
wir uns vor, auf einer einsamen Insel, wo man bisher der pri-
mitiven Nahrungssorge obgelegen hat, erscheint eines Tages ein
Kapitalist, der die Subsistenzmittel für eine erst am Ende von
zwei Perioden — eine Periode gleich einem Jahre — genußreife
Güter liefernde Methode vorschießt; dann gibt es offenbar erst
nach zwei Jahren genußreife Produkte, und der Kapitalist
kann erst dann die vorgeschossenen Genußgüter zurückerhalten.
Wenn man sich aber vorstellt, daß die Produktion, wie im
Schumpeterschen Beispiel, einjährig gestaffelt wird, also,
wenn die Wirtschaft wieder stationär ist, am Ende jedes Jahres
genußreife Produkte aus dem Produktionsprozeß herausfließen,
so könnte man allenfalls auf den Gedanken kommen, daß unser
Kapitalist jetzt nur noch ein Jahr zu warten braucht; was weiter
zu dem Schluß führen würde, daß in der modernen Wirtschaft,
wo die Staffelung eine sehr große ist, wo es sehr viele Produktions-
stadien gibt und infolgedessen kontinuierlich genußreife Güter
dem Produktionsprozeß entströmen, der Kapitalist in der
Statik überhaupt nicht zu warten braucht. Daß dieser Schluß
falsch ist, ist leicht zu beweisen. Wenn jemand auf zwei Jahre
100 Mk. ausleiht und im nächsten Jahre dasselbe tut, so ist
seine Wirtschaft nach dem Ablaufe von zwei Jahren wieder
stationär. Wenn zwei Jahre verflossen sind, erhält er die zuerst
ausgeliehenen 100 Mk, plus Zinsen zurück, die er aufs neue für
dieselbe Zeit ausleiht. Die 100 Mk., die er am Ende des nächsten
Jahres erhält, haben mit den zuletzt ausgeliehenen 100 Mk.
nichts zu tun, sondern ‚stammen vielmehr aus dem Kreditge-
schäft, das er vor zwei Jahren vorgenommen hat. Unser Kapita-
list muß also immer zwei Jahre warten, Es ist also ganz gleich,
ob man spart oder nicht, ob man Sich in der Dynamik oder
in der Statik befindet, immer muß man zwei Jahre warten,
        <pb n="170" />
        — 157

und es ist deshalb klar, daß, wenn die Existenz des ersten und
zweiten Grundes beim Sparer ein Opfer involvieren würde,
in beiden Fällen ein Opfer vorliegen müßte!). Und wenn
ich täglich 10 Mk. ausleihen und daher nach zwei Jahren
täglich 10 Mk. zurückbekommen würde, so würden die Dinge
ebenfalls nicht anders liegen. Was für die Statik „wahr“
ist, das „gilt“ eben auch für die Dynamik. Die Zweckmäßigkeit
unserer Unterscheidung in Statik und Dynamik zeigt sich hier
wieder.

Wir kommen also zu dem Ergebnis, daß mit Hilfe des Syn-
chronisierungsgedankens weder gegen die Agiotheorie, noch gegen
die Abstinenztheorie etwas auszurichten ist?). Wir fügen noch
1) Wenn daher Clark die Abstinenztheorie — die er ja besonders
kritisieren muß, da der Synchronisierungsgedanke gegen sie nichts zu
‘'eisten vermag, schon aus dem Grunde, weil, wenn auch das „true capital“
Arbeit und ihre Früchte dem Wesen nach gleichzeitig machte, immer noch
die Frage zu beantworten wäre, was für eine Rolle denn bei denjenigen
Subjekten, die das „true capital‘ dauernd darbieten, das Warten spielt —
jadurch zu widerlegen sucht, daß er unter Abstinenz einen einmaligen
endgültigen Verzicht auf eine an sich mögliche Bedürfnisbefriedigung ver-
steht, wodurch in der Dynamik das „true capital“ geschaffen wird, und
as für ihn daher in der Statik keine Abstinenz gibt (Clark, Distribution,
3. 129/36), so sieht man ein, wie hier der Synchronisierungsgedanke zu
einer der Wirklichkeit widersprechenden Annahme zwingt.

2) Kromphardt, der versucht, wie wir bereits oben erwähnten,
aus den in der Casselschen Theorie vorhandenen teleologischen und
aormativen Elementen eine neue Systemidee herauszulesen, kommt dabei
zu dem Schluß, daß der statische Wirtschaftsprozeß ein synchronisierter
Wirtschaftsprozeß und das Fehlen des Wartens daher der Casselschen
Statik immanent sei (Kromphardt, Systemidee, S. 33/39). Wir bemerken:
Wenn man der Casselschen Theorie die Kromphardtsche Auslegung
gibt, so trifft dessen Schluß zu. Nach Kromphardt besteht im Cassel-
schen System eine Zweck-Mittel-Relation zwischen Sozialprodukt und
Produktivfonds. Die Preissysteme haben die Aufgabe, entsprechend dem
ökonomischen Prinzip unter den vielen möglichen Sozialprodukten das
größtmöglichste zur Realisierung auszuwählen (Kromphardt, Systemidee,
S. 10/15). „In dieser Verwendung des ökonomischen Prinzipes
als Auswahlsinstanz gegenüber denkbaren und möglichen
Preissystemenliegt dasessentiell Neue des Casselschen Systems“
(Kromphardt, Systemidee, S. 14). Der Produktivfonds und das zugehörige

Sozialprodukt sind niemals gleichzeitig. Da aber die wirklichen Preise
des Preisstromes, die es zu erklären gilt, für beide Komplexe gleichzeitig
sind, so bedarf auch die Casselsche Preistheorie der Gileichzeitigkeit
der Preisbildung für Sozialprodukt und Produktivfonds. Es muß daher
eine fiktive Zweck-Mittel-Relation zwischen dem Sozialprodukt von heute
        <pb n="171" />
        153

hinzu, daß durch Schumpeter die Abstinenztheorie auch nicht
dadurch widerlegt ist, daß er die Existenz des ersten und zweiten
Grundes für seine Statik leugnet. Denn die Abstinenztheorie

und dem Produktivfonds von heute angenommen werden, was nur mit
Hilfe der statischen Prämisse, der Annahme der qualitativen und quantita-
tiven Kongruenz des künftigen Sozialproduktes mit dem gegenwärtigen
möglich ist. Um also einen Preiskosmos zu erhalten, der nur Preise enthält,
die gemäß dem ökonomischen Prinzip geordnet sind und der auf real be-
obachtete Preissysteme anwendbar ist, muß man die gleichzeitigen Kom-
plexe so behandeln, als ob sie in einem physikalischen Zusammenhange
stehen. Damit ist allerdings der Casselschen Zinstheorie, die sich auf
das Zeitmoment stützt, der Boden entzogen. Das leuchtet uns ein. Denn
es ist jetzt unmöglich, von der gemachten Fiktion nach Belieben abzusehen,
da, wenn man so verfährt, der Casselsche Preiskosmos auf real beobachtete
Preissysteme nicht mehr anwendbar ist (Kromphardt, Systemidee, S. 27 /28,
33/37). Ob sich die Systemidee, die Kromphardt in die Casselsche
Theorie hineinlegt, bewähren wird, ob sie gestaltungsfähig ist, das wollen
wir, wie Kromphardt (Systemidee, Vorwort), der Zukunft überlassen.
Allerdings wird ihr von unserem Standpunkte aus bereits dadurch Ab-
bruch getan, daß sie den Zins in der statischen Wirtschaft mit Hilfe des
Zeitmomentes nicht zu erklären vermag. Kromphardts Versuch, die
Zinslosigkeit der statischen Wirtschaft zu verifizieren, indem er auf das
Mittelalter hinweist (Kromphardt, Systemidee, S. 39), ist nicht durch-
schlagend. Denn die Frage ist doch, ob ganz allgemein, wenn sich die
Wirtschaft im Gleichgewicht befinden soll, also auch unter den heutigen
Verhältnissen, ein Zins existieren muß oder nicht.

Aber gehen wir zum Hauptpunkte über: Wenn man Casseis System
als eine Variante der Grenznutzentheorie auffaßt, so bedarf man der fiktiven
Zweck-Mittel-Relation zwischen dem Sozialprodukt von heute und dem
Produktivfonds von heute nicht. Jetzt heißt es nicht, Preissysteme unter
dem Funktionsaspekt auf ihre Wirtschaftlichkeit hin zu untersuchen,
sondern die Tatsache realer Tauschakte, irgendwelcher Preissysteme aus
gewissen Annahmen heraus zu erklären. Was allein notwendig ist, ist die
Annahme der qualitativen und quantitativen Übereinstimmung des Sozjal-
produktes von heute und morgen, So liegen die Dinge auch bei Schum-
peter, nur daß er hier noch als besonderes Merkmal der Statik ein be-
sonderes Verhalten der Wirtschaftssubjekte anführt. Daß von Schum-
peter die Statik nicht etwa von vornherein als eine Wirtschaft, in der es
keine Produktionsperioden gibt, definiert wird, geht ja deutlich aus Schum-
peters Beispiel von den zwei ineinandergeschachtelten Produktionsperioden
1ervor. Der Synchronisierungsgedanke besteht eben für Schumpeter
ınd unserer Ansicht nach auch für Clark nicht darin, daß ein buchstäb-
liches Zusammenfallen von Aufwendung und Bedürfnisbefriedigung von
vornherein angenommen Wird, sondern vielmehr nur darin, daß in einer
als stationär vorgestellten statischen Wirtschaft für die Wirtschaftssubjekte
die Dinge so erscheinen, als ob keine Zeitintervalle zwischen Aufwendung
und Erfolg beständen.
        <pb n="172" />
        ‘59

will doch allgemein gelten, sie wird mit Hilfe der Statik in der
Fassung, wie sie bei Cassel und auch bei Böhm-Bawerk
vorliegt, gewonnen, und Schumpeter leugnet bekanntlich
hier das Vorhandensein des ersten Grundes nicht und über den
zweiten Grund läßt sich eben streiten.

Wenn man Schumpeters „Wesen“ studiert, so kann es allerdings
so scheinen, als ob man nach Schumpeters Ansicht mit Hilfe der statischen
Prämisse ebenfalls nur dann zu brauchbaren Resultaten gelangen kann,
wenn man wie Kromphardt verfährt, indem man von vornherein die
Produktionsperioden ausschaltet, also annimmt, daß die Produktions-
umwege in der Statik sehr klein sind. Schumpeter äußert nämlich an
einer Stelle, daß Böhm-Bawerks auf dem dritten Grunde aufgebaute
Zinstheorie nicht statisch sei, da sie auf den Zeitablauf, auf lange Perioden
Gewicht lege (Schumpeter, Wesen, 5, 412), die Statik aber, wie er oft
wiederholt, nur für den Augenblick, nur für kurze Perioden „gilt‘ (Schum-
peter, Wesen, S. 127/28, 397, 460/61). Unseres Erachtens liegt hier eine
dialektische Täuschung vor. Wenn die Statik nur für den Augenblick
„gilt“, d. h. wenn sie nur für eine kurze Periode ein genaues Bild der Wirk-
lichkeit gibt, da sich hier ständig alles ändert, so ist doch deswegen nicht
lie Annahme nötig, daß in der statischen Wirtschaft nur in ganz kurzen
Perioden, eben in solchen Perioden, für die die Statik „gilt“, produziert
wird, Da der Mensch nur räumlich denken kann, so stellt sich auch Schum-
peter, wie wir oben zeigten, die statische Wirtschaft als eine stationäre
Wirtschaft vor. Und man kann sich doch dann auch vorstellen, daß in
lieser stationären Wirtschaft in weitausholenden Umwegen produziert
wird, und versuchen, genereile Aussagen über den Einfluß dieser Tatsache
auf die Verteilung des Sozialproduktes in einer solchen Wirtschaft zu
machen. Daß man dann, wenn man die statische Methode auf konkrete
Fälle anwendet, nur exakte Aussagen für kurze Perioden und deshalb
auch nur für einen Ausschnitt aus einer solchen langen Produktionsperiode
solche liefern kann, steht doch auf einem ganz anderen Blatt; denn das
Problem, um das es sich bei der vorliegenden Kontroverse handelt, ist
doch, ob sich der Zins in einer im Gleichgewicht gedachten Wirtschaft
zeigen muß oder nicht, nicht aber, ob man über alle die Veränderungen,
die während der Durchführung eines Produktionsprozesses von bestimmter
Länge eintreten, im voraus exakte Aussagen machen kann.

Natürlich steht es mir frei, wie wir bereits oben erwähnten (vgl.
oben S. 41 Anm. 1), was ich als Statik bezeichne. Wenn Cassel zuerst
das Zeitmoment nicht berücksichtigt — und auch Böhm-Bawerk tut
das (vgl. Böhm-Bawerk, Positive Theorie, S, 315/17) — so kann man auch
diesen Abstraktionsgrad mit der Bezeichnung Statik belegen. Aber für
die materiellen Probleme ist damit nichts gewonnen, es ist damit nicht
gesagt, daß in einer im Gleichgewicht befindlichen Wirtschaft, in der auf
zeitraubenden Produktionsumwegen produziert wird, die Zinserschei-
nung fehlt.
        <pb n="173" />
        Dritter Teil.

Zusammenfassende Schlußbemerkung,
Wir sind nunmehr am Ziele angelangt und fassen das
Resultat unserer Untersuchung nochmals kurz zusammen.

Wir begannen mit der Untersuchung über den prinzipiellen
materiellen Inhalt der Begriffe Statik und Dynamik bei Cassel
und Schumpeter. Auf den ersten Blick schien es so, als ob
es sich bei Schumpeters Statik und Dynamik um zwei generelle
Erkenntnisobjekte — Wirtschaft ohne und Wirtschaft mit
Unternehmer — die es mit verschiedenen Problemen und
Methoden zu tun haben, handelt. Indem aber Schumpeter
an entscheidenden Punkten eine Begriffsverschiebung dadurch
vornimmt, daß er die Existenz von Personen mit Unternehmer-
qualifikationen in der Depressionsperiode, die nach seinen Aus-
sagen eine starke Annäherung an den statischen Gleichgewichts-
zustand mit sich bringen soll, zugibt, offenbarte sich uns deut-
lich der individuelleCharakter der Schumpeterschen Statik.
Durch diese Begriffsverschiebung wird es Schumpeter allerdings
erst möglich , über die Periodizität der Wechsellagen Aussagen
zu machen, auf der anderen Seite ergeben sich aber Wider-
sprüche hinsichtlich seiner Ausführungen über das Zinsproblem,
da die Schumpetersche Statik, für die sie gemacht sind. eben
individueller Natur ist.

Bei Betrachtung der Casselschen Theorie zeigte sich, daß
er sich in ziemlicher Übereinstimmung mit unserer Auffassung
über die Statik befindet, als deren wesentlichstes Be-
griffsmerkmal wir die Konstanz der systembe-
stimmenden Daten hinstellen möchten. Dynamische
        <pb n="174" />
        — 161 —

Begriffe enthalten daher für uns immer das Moment der
Veränderung irgendwelcher Größen in der Wirt-
schaft. Die Casselsche Dynamik bot teilweise einen stark
historischen Einschlag, während für uns die Dynamik das eigent-
liche, generelle Erkenntnisobjekt der theoretischen National-
ökonomie bildet, woraus die Statik auf dem Wege der Abstrak-
tion gewonnen wird.

Wir begründeten die von uns vorgenommene Scheidung
in Statik und Dynamik gegenüber der Schumpeterschen
Auffassung mit dem Argumente, daß sie „zweckmäßiger“‘“ sei,
da man einerseits, wenn man über dynamische Erscheinungen
etwas aussagen will, mit statischen Raisonnements arbeiten
muß — was durch Schumpeters eigenes Vorgehen bestätigt
wurde — andererseits es aber keinen Nachteil bedeutet, wenn
man von der verschiedenen Psychologie des Wirtes schlechtweg
und des Unternehmers absieht und beide Typen im System
der Statik zuläßt, da für kurze Perioden, für die Schum-
peter mit Hilfe‘ der statischen Methode exakte Aussagen
machen will, die Existenz des Unternehmers nicht merklich
ins Gewicht fällt.
Wir gingen dann dazu über, zu untersuchen, ob und wie
weit Cassels und Schumpeters Zinstheorie auf den bekannten
drei Zinsgründen Böhm-Bawerks aufbauen. Wir bemühten
uns dabei, festzustellen, ob die vorliegenden Abweichungen
gegenüber Böhm-Bawerk und untereinander in der ver-
schiedenen Auffassung über den wesentlichen materiellen
Inhalt von Statik und Dynamik beruhen, oder ob und wie weit
sie anderswo ihre Ursache haben.

Bei der Diskussion der Schumpeterschen Theorie kamen
wir zu dem Resultate, daß die Ablehnung des dritten Grundes
als Erklärungsbasis der Zinserscheinung in der Statik seitens
Schumpeters nicht so sehr in seiner Auffassung der Statik,
als vielmehr in der Anwendung des Synchronisierungsgedankens,
den er von Clark übernommen hat und der, wenn er stichhaltig
wäre, auch die Casselsche Statik treffen müßte, begründet
liegt. Um die Sachlage zu klären, betrachteten wir die Zinstheorie,
die Böhm-Bawerk mit Hilfe der These von der Mehrergiebig-

Heinze, Statische oder dynamische Zinstheorie?
        <pb n="175" />
        162

keit zeitraubender Produktionsumwege aufstellt, etwas genauer
und kamen dabei zu dem Resultate, daß sich bei Böhm-Bawerk
wohl Ausführungen finden, die allenfalls auf eine dynamische
Zinserklärung schließen lassen, daß aber diese Äußerungen
späterhin vollkommen unberücksichtigt bleiben und eine voll-
kommen statische Zinserklärung geliefert wird, indem Böhm-
Bawerk nachzuweisen sucht, daß, damit überhaupt Gleich-
gewicht herrscht, stets das Vorhandensein eines Agios an Gegen-
wartsgütern nötig ist. Allerdings zeigte sich dann, daß man für
die Schumpetersche Statik die Existenz des Zinses mit Hilfe
des dritten Grundes nicht so plausibel wie für die Casselsche
Statik machen kann, da in ersterer infolge der besonderen Ver-
anlagung der statischen Wirtschaftssubjekte längere und mehr-
ergiebige Produktionsumwege, als die bisher üblichen, nur in
kleinem Umfange eingeführt werden können. Andererseits
erkannten wir aber auch, daß es gar nicht so ohne weiteres
gesagt ist, daß in der Depressionsperiode, auch wenn sie lange
dauert, d. h. wenn man vom Vorhandensein des Unternehmers
absieht, der Zins immer eliminiert werden muß — wie Schum-
peter behauptet — da das Verhalten des Bankiers hier eine
Rolle spielt, weiterhin auch die nach Schumpeter im Rahmen
der Statik mögliche Bevölkerungsvermehrung und schrittweise
Einführung neuer Methoden die Nachfrage nach Subsistenz-
mitteln erhöht. Hier zeigte sich schon der individuelle Charakter
der Schumpeterschen Statik.

Ganz klar trat aber dieser hervor, wenn man sich überlegte,
daß nach Schumpeters eigenen Aussagen auch in der De-
pressionsperiode Unternehmerpersönlichkeiten vorhanden sind
und infolgedessen ein Gleichgewichtszustand überhaupt nur
bei der Existenz eines bestimmten Zinsfußes denkbar ist.

Bei der Besprechung des ersten Grundes — der Unter-
schätzung zukünftiger Güter infolge des verschiedenen Ver-
hältnisses von Bedarf und Deckung in den verschiedenen Zeit-
räumen — bot sich uns dasselbe Bild. Die Existenz des ersten
Grundes wird von Schumpeter für die Statik geleugnet. Wir
stellten fest, daß diese Aussage nur dann zutreffend ist, wenn die
statische Wirtschaft eine ewig stationäre Wirtschaft darstellt.
Daraus folgte zugleich, daß Schumpeter das Vorliegen des
        <pb n="176" />
        163

ersten Grundes in der Dynamik nicht leugnen kann — was er
auch nicht tut, sondern sein Bestehen ausdrücklich anerkennt —
was zu dem weiteren Schluß führte, daß er auch in der De-
pressionsperiode, die ja keine ewig stationäre Wirtschaft ist,
ine Rolle spielen muß.

Bezüglich des zweiten Grundes — der systematischen
Unterschätzung zukünftiger Genüsse — stellten wir fest, daß
Schumpeter die Existenz dieses Phänomens vor allem für die
Statik, dann aber auch ganz allgemein bestreitet. Wir bemerkten,
daß ein exakter Beweis für und gegen das Vorhandensein dieser
psychologischen Tatsache als primäre, nicht erst durch das
Bestehen des Zinses hervorgerufene Erscheinung nicht möglich
ist, es sich letzten Endes hier um eine Ansichtssache handelt.
Wir führten dann aus, daß uns die Tatsache des zweiten Grundes
innerlich evident ist und wir dadurch noch mehr in unserer An-
sicht bestärkt werden, daß, wenn in der Wirtschaft Gleich-
gewicht herrschen soll, hier Zins gezahlt werden muß.

Hinsichtlich der Casselschen Zinstheorie kamen wir,
nachdem wir einige bei Cassel vorliegende Mißverständnisse
hinweggeräumt und den anderen Weg, den Cassel bei seiner
Ableitung der Zinserscheinung einschlägt, entsprechend be-
rücksichtigt hatten, zu dem Ergebnis, daß er Böhm-Bawerks
drei Zinsgründe — auch in wesentlich gleichem Umfange — bei
seiner Zinserklärung benutzt und dabei zu einer bewußt „sta-
tischen‘ Theorie gelangt.

Wir untersuchten anschließend Cassels Begriff der Kapital-
disposition und gelangten zu dem Schluß, daß Cassel hiermit
Genußgüter, die zum Zwecke des Erwerbes von Realkapital
zur Verfügung gestellt werden, bezeichnen will. Cassels
Kapitalbegriff ist also von dem Schumpeterschen, wonach
die vom Bankier geschaffene und dem Unternehmer zwecks
Durchsetzung neuer Kombinationen überlassene zusätzliche
Kaufkraft als Kapital erscheint, wesentlich verschieden. Wir
versuchten zugleich, die von Cassel vertretene Nutzungstheorie
zu widerlegen, indem wir feststellten, daß eine dauernde Ver-
fügung über Genußgüter zwecks Erwerbes von Realkapital
nicht besteht, so daß die Kapitaldisposition nicht als Objekt
der Zinszahlung angesehen werden kann.
        <pb n="177" />
        164

Wir flochten dann einige Bemerkungen über das Kredit-
phänomen ein, wobei sich zeigte, daß Cassel den Einfluß
der Geldschöpfung auf die Güterwelt nicht übersieht, diesen
anscheinend sogar etwas überschätzt, Zugleich glaubten wir
aber aus der Casselschen Theorie herauslesen zu können, daß
er nicht Anhänger der „modernen“ Kreditauffassung ist, die
das Wesen des Kredites in der Kaufkraftschaffung der Banken
sieht, sondern vielmehr, was auch unsere Ansicht ist, unter
Kreditgeben immer noch den Akt des Vorschießens von Sub-
sistenzmitteln versteht.

Schließlich machten wir die Feststellung, daß Cassel neben
der Nutzungstheorie noch eine verflachte Abstinenztheorie
vertritt, indem er als Objekt der Zinszahlung den „Dienst des
Wartens‘“ bezeichnet, wobei es gleichgültig ist, ob dieser Dienst
für das betreffende Wirtschaftssubjekt ein Opfer involviert
oder nicht. Wir versuchten zu zeigen, daß die Annahme einer
derartigen Leistung eine Fiktion darstellt, auf die man, wenn
sich ein besserer Weg finden läßt, lieber verzichten soll. Wir
diskutierten dann den eigentlichen Kern der Abstinenztheorie,
die Behauptung, daß infolge der Unterschätzung zukünftiger
Güter das Sparen für das Wirtschaftssubjekt neben dem Arbeits-
opfer ein besonderes Abstinenzopfer hervorrufe, und kamen
zu dem Ergebnis, daß der von Böhm-Bawerk erhobene und
von Schumpeter wiederholte Vorwurf der unzulässigen
Doppelrechnung nicht stichhaltig ist, Böhm-Bawerks Argu-
ment, daß ein Abstinenzopfer überhaupt nicht besteht, da
entsprechend der Unterschätzung zukünftiger Güter der Arbeits-
aufwand reduziert wird, dagegen durchaus zutrifft. Zum
Schluß unterzogen wir den Synchronisierungsgedanken, der
von Clark stammt, einer genaueren Betrachtung. Es zeigte
sich hierbei, daß er weder gegen die Agiotheorie, gegen die
er sich vor allem wendet, noch gegen die Abstinenztheorie
etwas auszürichten vermag.

Das Fazit, das wir aus unserer Untersuchung ziehen, ist
demnach: Der Zins ist ein „statisches‘‘ Phänomen, d. h. eine
Erscheinung des Wirtschaftslebens, die sich aus einer ange-
nommenen Gleichgewichtstendenz der Wirtschaft heraus er-
klären läßt. Wir lehnen damit Schumpeters „dynamische“
        <pb n="178" />
        165 —

Zinstheorie ab, möchten aber auch nicht an ihre Stelle die voll-
kommen statische Zinserklärung Cassels setzen, da hier eine
Kombination von Nutzungs- und Abstinenztheorie vorliegt
und wir beide Theorien in Übereinstimmung mit Böhm-
Bawerk als zu wenig den Tatsachen entsprechend ablehnen.
Vielmehr sind wir der Meinung, daß trotz aller, sicherlich teil-
weise berechtigten Angriffe, die Böhm-Bawerksche Zins-
theorie bis jetzt immer noch die logisch einwandfreieste und den
Tatsachen am nächsten kommende ökonomische Erklärung der
Zinserscheinung liefert.

Lippert &amp; Co. G. m. b. H.,. Naumburg a. 5.
        <pb n="179" />
        Theoretische Sozialökonomie. von Prof.G. Cassel,
Stockholm. 4. verb. u. erweiterte Aufl. 1927. VIIL 649 5.
M. 16.—, geb. M. 19.—
Soziale Praxis. 1025. Bd. 34. Nr. 34: Das Buch, das seit seinem ersten Er-
scheinen im Jahre 1918 Weltberühmtheit erlangt hat, liegt nunmehr in dritter Auf-
lage vor, Eine Fülle von Material hat der Bearbeitung zugrunde gelegen, die durch
ihre geschlossene Systematik, ihren Ideenreichtum und die Folgerichtigkeit der Ab-
jeitung das Werk zum anerkannten Lehrbuch in Deutschland werden ließ.
Wirtschafisgenossensch. 22. Jahrg. Nr. 42: Seine Theorie ist auf der Lehre
von der Preisbildung aufgebaut. Sie muß jeder studieren, dem es um die Volks-
wirtschaft ernst ist. Die wissenschaftliche Bedeutung des Werkes ist anerkannt,
so daß uns hier eine kritische Betrachtung nicht ansteht, Gerade heute, wo unsere
Preispolitik wieder leicht auf Imwege getrieben werden kann, sollte die Casselsche
Lehre von allen denen. die es angeht, beachtet werden.

Grundgedanken der theoretisch. Ökonomie.
Vier Vorlesungen von Prof, G. Cassel, Stockholm. 2. Aufl. 1928,
838 5. br. M. 3.30, geb. M. 4.80
Inhalt: ı. Zweck und Methoden der Sozialökonomie. — 2. Die Sozial-
ökonomie als Preistheorie. — 3. Das Prinzip der Knappheit und der Kostenbegriff.
4A. Die Knappheitstheorie des Geldes.
Süddeutsche Wirtschaftszeitung: Das vorliegende Büchlein bietet so viel des
Interessanten, daß es auch den rein praktisch eingestellten Wirtschaftskreisen emp-
fohlen werden kann.
Wirtschaftsnachrichten: Vier Vorträge, welche die in der „theoretischen Sozial-
ökonomie‘‘ ausführlich behandelten Grundgedanken des Verfassers kompendiös
wiedergeben: verschiedene Methoden auf den verschiedenen Stufen der Untersuchung;
eine Preistheorie ohne besondere Hilfe einer Werttheorie; das Prinzip der Knapp-
heit an Stelle des „Grenznutzens‘‘ und eine allgemeine Geldtheorie, die deshalb
besonders wichtig erscheint, weil sie der Verfasser seinem letzten, bis jetzt noch
nicht in deutscher Sprache erschienenen Buche zugrunde gelegt hat. (Das Stabili-
sierungsproblem.)}

Die Gemeinwirtschaft. ınre Stellung u. Notwendig-
keit in der Tauschwirtschaft, Von Dr. phil. Margit Cassel,
Stockholm. 1025. VII ı52 5. M, 8.—
Jahrbücher f. Nationalökonomie: .. . Alles in allem ist es wahrlich nicht zu wenig,
was zum Lobe dieser Arbeit gesagt werden kann. Ihr kommt das Verdienst zu,
wertvolle Anregungen zur Weiterabeit an diesem so wichtigen, vielfach noch so
angeklärten und von den deutschen Nationalökonomen vor allem gegenüber den
englischen Bemühungen ein wenig vernachlässigten Fragenknäuel gegeben zu haben.

Wirtschaftsnachrichten: Die‘ Verfasserin setzt sich mit führenden Autoren des
In- und Auslandes kritisch auseinander und bringt ihre Anschauungen auf viele
praktische Fragen der Wirtschaft wie Güterverteilung, Steuerwesen, staatliches Für-
sorgewesen, Kaufkraft und Kaufwille usw. zur Anwendung. Das Buch zeichnet
sich aus durch klare Begriffsbestimmungen und maßvoll sachliche Darstellung.
A, Deichertsche Verlagsbuchhdlg. Dr. Werner Scholl, Leipzig
        <pb n="180" />
        Grundriß der Finanzwissenschaft. von Karl
Theodor von Eheberg. 3./4. Auflage. 1028. VII, 203 5.
M. 6.zo, geb. M. 8.—

Zollwarte: Das Buch kann und muß jedem Zoll- und Finanzbeamten, der
aufwärts strebt oder Unterricht zu erteilen hat, zur Erlangung der erforderlichen
Allgemeinkenntnisse hochwillkommen sein.
Meckibg. Zeitschr. f. Rechtspflege: Auch der Steuerfachmann wird sich aus
ihm gern und zuverlässig über alle einschlägigen Fragen informieren.
Wirtschaftsnachrichten: Von den 4 Abschnitten des Buches über Finanz-
verwaltung, über öffentliche Schulden, Ausgaben und Einnahmen hat in der 3. und
4. Auflage hauptsächlich die Steuerlehre eine wesentliche Erweiterung erfahren.
Sächsische Gemeindebeamtenztg.; Die neueste Auflage hat besonders die
Steuerlehre erweitert und auf den neuesten Stand gebracht. Jeder, der sich in der
Gemeinde mit Finanzfragen befaßt, sollte den neuen Eheberg gelesen haben. Für
Prüfungskandidaten ist er besonders zu empfehlen.

Der Beamte: Der vorliegende Grundriß hat den ganz bedeutenden Vorzug,
daß die deutsche Finanzgesetzgebung ausgiebig und zwar nach ihrem neuesten
Stand berücksichtigt worden ist. So bildet der Grundriß eine treffliche Ergänzung
des Hauptwerkes (für Studierende besonders zu berücksichtigen), insofern nämlich
die rechtliche Seite des Steuerproblems hier mehr betont und besonders auch das
Formale Steuerrecht in die Darstellung einbezogen worden ist,

Eheberg-Festgabe. Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte
und Sozialtheorie. Karl Theodor von Eheberg zum 70. Geburts:
tage dargebracht von G. Aubin, E. Lukas, E. Meier,
HE. Moeller, C. L. Sachs, A. Günther. 1025. 161 5.

M. 3.—

Grundriß des deutschen und preußischen
Steuerrechts. Von Privatdozent Dr. Hermann Mirbt.
1926. XIL 3565 S. M. 0.—, geb. 11.—
Wirtschaftl. Nachrichten, Wien: Das Buch ist ungeachtet seines wissenschaft-
lichen Wertes ein praktischer Wegweiser für jeden, der in den Geist und in die
einzelnen Bestimmungen des reichsdeutschen Steuerrechtes eindringen will, es er-
scheint insbesondere für Vergleichszwe cke mit der österreichischen
Steuergesetzgebung geeignet. Dr. Egon Scheffer,
A. Deichertsche Verlagsbuchhdlg. Dr. Werner Scholl, Leipzig
        <pb n="181" />
        Handbuch der deutschen Reparation. von
Privatdozent Dr. Ernst Meier. 1ı. Lieferung IV, 207 S.
apart M. 10.—, Subskriptionspreis M. 9.—
Die Subskription erlischt bei Erscheinen der 2. Lfg. ;
Der Ladenpreis erhöht sich dann auf M. 10.—

Die zweite Lieferung erscheint im Frühjahr und die dritte (Schluß-)Lieferung
im Herbst nächsten Jahres. Diese beiden Lieferungen bringen eine Darstellung
des Dawes-Planes und der Dawes-Gesetze sowie der Entwicklung der deutschen
Volkswirtschaft im Zeichen des Dawes-Planes. In der Schlußlieferung wird außer-
dem noch ein gedrängter Überblick über den Verlauf der Reparation in Österreich,
Ungarn, Bulgarien und in der Türkei gegeben werden. Sie enthält ferner das Vor-
wort, das Inhaltsverzeichnis für den ganzen Band, das Sachregister und eine Zeit-
tafel der deutschen Reparation,

Mit der letzten Lieferung wird eine Einbanddecke für das ganze Werk aus-
gegeben.
Deutsche Wirtschaft, 5. Jahrg. Nr. 3: Dawes-Abkommen und Reparationen
und ihr Einfluß auf die deutsche Wirtschaft sind Fragen, die leider wohl noch auf
lange Zeit hinaus nicht nur bei Verhandlungen mit anderen Völkern, sondern auch
ın der ganzen inneren Politik eine große Rolle spielen werden. Vor allen Dingen
zönnen die Wirtschaftskreise, welche die Wirkung der Reparationen an den
gewaltigen öffentlichen Lasten am unmittelbarsten spüren, die Erörterung der er-
wähnten Fragen nicht ausschalten. Wer Stellung nehmen will, muß die zu be-
handelnden Dinge zunächst einmal selber gründlich beherrschen. Das ist bei dem
schwierigen Stoff nicht immer einfach. Um so mehr verdient der Verfasser für
seine gründlichen und sachlichen Darlegungen in dem ersten Bande, dem zwei
weitere Bände folgen sollen, Anerkennung und Dank.

Europ. Wirtschafts-Union. Haag, ı. HI, 1928: Dr. Meier führt uns in diesem
Werk als ein ausgezeichneter Dolmetscher durch das Museum dieses schwierigen
und inhaltsschweren Problems. Er kennt das Zustandekommen der Reparationen
durch und durch, dieses Werkes, das auf persönlichen und nationalen Schwächen
im ungesunder Atmosphäre aufgebaut wurde, Wer sich objektiv über das Ent-
stehen der Reparationen informieren will, ziehe dieses Buch vertrauensvoll zu Rate,
er wird als Echo daraus den Ruf nach Gerechtigkeit hören, und muß zu der Ueber-
zeugung kommen, wie schwer die Reparation auf den Schultern des deutschen
Volkes lastet — wie man trotzdem bereit ist zu höchsten Opfern, um auch mit
den Kreisen friedliche Zustände zu schaffen und zu erhalten, die heute die Vor-
teile davon haben.

A. Deichertsche Verlagsbuchhdle, Dr. Werner Scholl, Leipzig
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161

zgriffe enthalten daher für uns immer das Moment der
aränderung irgendwelcher Größen in der Wirt-
shaft. Die Casselsche Dynamik bot teilweise einen stark
istorischen Einschlag, während für uns die Dynamik das eigent-
;he, generelle Erkenntnisobjekt der theoretischen National-
zonomie bildet, woraus die Statik auf dem Wege der Abstrak-
on gewonnen wird.

Wir begründeten die von uns vorgenommene Scheidung

Statik und Dynamik gegenüber der Schumpeterschen
„ffassung mit dem Argumente, daß sie „zweckmäßiger“‘““ sei,

man einerseits, wenn man über dynamische Erscheinungen
was aussagen will, mit statischen Raisonnements arbeiten
uß — was durch Schumpeters eigenes Vorgehen bestätigt
urde — andererseits es aber keinen Nachteil bedeutet, wenn
an von der verschiedenen Psychologie des Wirtes schlechtweg
ıd des Unternehmers absieht und beide Typen im System
ır Statik zuläßt, da für kurze Perioden, für die Schum-
eter mit Hilfe‘ der statischen Methode exakte Aussagen
achen will, die Existenz des Unternehmers nicht merklich
s Gewicht fällt.

Wir gingen dann dazu über, zu untersuchen, ob und wie
ıät Cassels und Schumpeters Zinstheorie auf den bekannten
'ei Zinsgründen Böhm-Bawerks aufbauen. Wir bemühten
ıs dabei, festzustellen, ob die vorliegenden Abweichungen
“Agenüber Böhm-Bawerk und untereinander in der ver-
hiedenen Auffassung über den wesentlichen materiellen
ıhalt von Statik und Dynamik beruhen, oder ob und wie weit

anderswo ihre Ursache haben.

„Bei der Diskussion der Schumpeterschen Theorie kamen
ir zu dem Resultate, daß die Ablehnung des dritten Grundes
5 Erklärungsbasis der Zinserscheinung in der Statik seitens
#ehumpeters nicht so sehr in seiner Auffassung der Statik,
- 8 vielmehr in der Anwendung des Synchronisierungsgedankens,
ın er von Clark übernommen hat und der, wenn er stichhaltig
täre, auch. die Casselsche Statik treffen müßte, begründet
gt. Um die Sachlage zu klären, betrachteten wir die Zinstheorie,
a Böhm-Bawerk mit Hilfe der These von der Mehrergiebig-
Heinze, Statische oder dynamische Zinetheorie? 11

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