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        <title>John Pierpont Morgan, der Weltbankier</title>
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            <forname>Henry Justin</forname>
            <surname>Smith</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>1780948581</idno>
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        IR
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        JOHN PIERPONT MORGAN
DER WELTBANKIER

DIE GESCHICHTE SEINES HAUSES

VOM WERDEN
DER GRÖSSTEN WIRTSCHAFTSMACHT AMERIKAS
VON HENRY J.1SMITH

1928
CARL REISSNER - VERLAG - DRESDEN
        <pb n="7" />
        Copyright 1928 by Carl Reißner, Dresden

0
1}#
5

Printed in Germany
Buchdruckerei Petzschke &amp; Gretschel, Dresden-A.
        <pb n="8" />
        Erstes Kapitel
KINDHEIT UND JUGEND

S dem Jahre 1865 sind die Vereinigten Staaten
eine kaufmännische Nation, ihre größten Männer
Geschäftsleute, und der größte von ihnen ist der Gegen-
stand dieser Biographie.

Was ist ein Geschäftsmann? Nach einer neuen und
sehr offenen Definition ist der Geschäftsmann kein
„Gegenstand des Schreckens, sondern ein Mann, der
seine eigenen Interessen zu fördern sucht. Das ist sein
Beruf und, wie man wohl sagen kann, auch seine Reli-
gion.‘” Wenn man diese Definition als richtig und im
allgemeinen wahrheitsgetreu annimmt, so macht sie das
Feld frei von gewissen Sentimentalitäten. Der Ge-
schäftsmann ist im Grunde weder ein Staatsmann, noch
ein Altruist, noch ein Philanthrop, wir verwirren nur
unsere Schlußfolgerungen, wenn wir an ihn den Maß-
stab der Ideale und Ziele dieser Leute legen, anstatt
ihn mit seinem eigenen Maßstab zu messen. Es ist dem
Geschäftsmann häufig möglich, der Öffentlichkeit um-
sonst einen Dienst zu leisten und sich auch auf sehr
dramatische Weise als edler, patriotischer, selbstloser
Staatsbürger zu zeigen. Morgan hat dies, wie jeder
weiß, mehr als einmal getan, und viel Tinte ist zu sei-
nem Lobe verschrieben worden, bald darauf aber auch
zu übelwollender Kritik und Schmähung, Man hat ihn
zu hell oder zu dunkel gezeichnet, als Halbgott heute,
        <pb n="9" />
        als Unhold morgen, und die gesunde Wahrheit, die viel
weniger phantastisch ist, blieb ungesagt.

Man muß sich stets vor Augen halten, daß ein gro-
Ber Geschäftsmann weder ein Heiliger noch ein Teufel
ist, und daß er sich gewöhnlich von genau denselben
kaufmännischen Erwägungen leiten läßt, wie 99 Prozent
aller amerikanischen Geschäftsleute unserer Zeit, Es
mag sein, daß er seinem Lande ohne Gegenleistung
einen ungeheuren Dienst erweist und daß sein Name
im Glanz des Ruhmes strahlt — woran er selbst viel-
leicht am allerletzten gedacht hat —, sein eigentlicher
Dienst aber, den er der Öffentlichkeit erweist — wenn
es ein Dienst ist —, ergibt sich aus der Verfolgung
seiner eigenen Ziele.

Nachdem wir uns so gegen die üblichen sinnlosen
Phantasien geschützt haben, können wir ruhig zugeben,
daß in Morgans Fall nicht alles. so ganz einfach liegt,
Er ist die beherrschende Kraft im Geschäftsleben sei-
nes Landes und die größte einzelne finanzielle Macht
in der ganzen Welt geworden, und er hat einen Punkt
erreicht, wo man ihn nicht mehr in eine Kategorie ein-
reihen kann. Man kann Morgan wirklich nicht fein
säuberlich rubrizieren. Er war ein Genius, ein aus-
gezeichnetes Werkzeug der wirtschaftlichen Entwick-
lung seiner Zeit, Man kann ihn nicht einen Geldmacher
nennen, der nur Gewinn zusammenzuraffen strebte, er
plante instinktiv etwas Bleibendes in der geldschaffen-
den Tätigkeit, er legte die Schienen, auf denen die Ge-
schäftswelt lange Zeit fahren wird,

Über diesen Gesichtspunkt kann man nicht zweier-
lei Meinung sein. „Organisator‘” und „aufbauende
Kraft” sind schon zuviel gebrauchte Bezeichnungen für
Morgan. Eine Kennzeichnung seiner Arbeit, der man
nur beistimmen kann, lautet folgendermaßen:

„Er war niemals ein Spekulant, ein Baissier, er hat
        <pb n="10" />
        niemals ein Unternehmen ruiniert oder Werte ge-
drückt, um zu gewinnen. Sein Werk war immer Auf-
bau, Wiederaufbau. Beispiele für seine Kraft und Ge-
schicklichkeit in dieser Richtung sind die folgenden
Eisenbahngesellschaften: Philadelphia &amp; Reading, West
Shore, Erie, Northern Pacific. Hier, wie in vielen an-
deren Fällen, rettete und baute er Unternehmungen
wieder auf, die sonst ruiniert worden wären und
keinen Nutzen mehr gebracht hätten. Seine Feinde
mögen ihm viele Fehler zur Last legen — und chne
Zweifel hat er auch deren viele —, aber sie können
nicht sagen, daß er jemals ein Unternehmen ruiniert
hat. Auch ist mit den Papieren keines Unternehmens,
das er rettete, mit seinem Willen an der Börse des Ge-
winnes halber spekuliert worden, Seine Arbeit ist die
tatsächliche Schaffung von Werten, der wirkliche Auf-
bau gewesen. Seine Eisenbahnen sind wirkliche Eisen-
bahnen gewesen, mit Schienen und Dampf und Zügen,
seine Fabriken sind Fabriken mit rauchenden Schorn-
steinen gewesen, voll Leben und Arbeit — nicht nur
Eisenbahnen und. Fabriken auf dem Papier, die allein
in der Phantasie der Börsenspekulanten bestanden.”

Nichts scharlatanartiges war an Morgan, er war
solid, Außerdem kann man die Rettung so vieler, sonst
verlorener Unternehmungen durch ihn wohl mit Recht
als einen Dienst an der Öffentlichkeit bezeichnen.
Andere Männer haben große Industrieunternehmungen
von Grund aus aufgebaut, doch hauptsächlich für sich
selbst, wie z. B. Rockefeller den Standard Oil Trust.
Aber Rockefeller hat seine Konkurrenten wie ein
Schwamm aufgesaugt, während Morgan sie auf ihre
Füße gestellt, sie zu gemeinsamer Arbeit angehalten
und gezwungen hat.
Es scheint, daß eine Periode des schärfsten in-
dustriellen Wettbewerbs nun zu Ende gegangen ist. Die
        <pb n="11" />
        Spitze der Pyramide der amerikanischen Finanzen ist
nun hoch über ihrer Basis, und diese ist so fest und
breit, daß nur stärkste Kräfte sie zum Erzittern brin-
gen könnten. Aus einer Generation, in der Gould, Fisk,
die Vanderbilts, Rockefeller, Frick, Carnegie, Yerkes,
Harriman, Gates, Heinze und Morse lebten, ist einer
hervorgegangen, ein Herrscher. Vielleicht ist es sehr
bedeutsam, daß das Haus Morgan noch besteht.

Die Konzentration von Reichtum und finanzieller
Macht, die während Morgans Lebenszeit vor sich ging,
beschreibt der schon oben zitierte Schriftsteller fol-
gendermaßen:
„In den alten Zeiten des finanziellen Lebens kon-
trollierte jeder die Arbeit seines Geldes selbst und legte
es in seinem eigenen Geschäft an. Mit sehr wenigen
Ausnahmen (die Landwirtschaft ist die wichtigste von
ihnen) hat sich hier ein vollständiger Wandel vollzogen.
Das meiste Geld der Vereinigten Staaten ist heute in
Aktien und Anleihen angelegt oder in Banken depo-
niert, seine Kontrolle, die Gewinne betreffend, ist sei-
nen Eigentümern völlig entglitten. Der Aktienbesitz
der vielen großen Gesellschaften, die in verhältnis-
mäßig wenigen Jahren organisiert worden sind, ist unter
Hunderttausenden verteilt, und so sind die Millionen
der vielen unter die Kontrolle der wenigen geraten.

Daher ist die abgedroschene Frage: ‚Wem gehören
die Vereinigten Staaten?‘ nicht so wichtig wie die
andere: ‚Wer kontrolliert die Vereinigten Staaten?’
Die Aktien von 110 der größten Gesellschaften des
Landes mit einem Kapital von 7300 Millionen Dollar
sind im Besitz von 626934 Personen. Die Fabriken
der Vereinigten Staaten gehören einer großen Anzahl
von Personen — was eine gute Verteilung des Reich-
tums im Lande andeutet —, aber ihre tatsächliche Kon-
trolle ist in den Händen weniger Männer. In keinem

4
[
        <pb n="12" />
        anderen Geschäftszweig ist diese Herrschaft der We-
nigen so hervorstechend wie bei den Eisenbahnen, denn
die Gesetze selbst, die gegeben wurden, um die Ver-
trustung der Bahnen zu verhindern, haben sie beför-
dert. Weniger als ein halbes Dutzend Männer haben
die absolute Kontrolle von 54 Gesellschaften mit einem
Kapital von 4157 Millionen Dollar und einer Gesamt-
zahl von 288 160 Aktionären in der Hand. Einige
wenige Männer kontrollieren 56 große industrielle Ge-
sellschaften mit einem Kapital von 3143 Millionen
Dollar und einer sehr großen Zahl von Aktionären.

‚So zeigt sich, daß die Tendenz des ganzen Systems
auf Konzentration hinausläuft. Die große beherrschende
Macht bei dieser Konzentration sind die Banken.
Durch seinen letzten Zusammenschluß hat Morgan sich
infolgedessen an die Spitze der größten beherrschen-
den Macht aller großen Kräfte des Reichtums gestellt.
Vor Jahren wurde festgestellt, daß acht Männer die
eigentlichen Beherrscher des größten Teiles der Ban-
ken und damit des Bargeldes und Kredits des Landes
sind. Heute ist .diese Macht auf dem Wege, sich
rasch in der Hand eines einzigen Mannes zu kon-
zentrieren.”
Die in dem obigen Zitat im letzten Absatz angedeu-
tete Verschmelzung ist die Zusammenlegung der rei-
chen Guaranty-, Morton- und Fifth-Avenue-Treuhand-
gesellschaften durch Morgan im Januar 1911. Das Er-
gebnis war eine mächtige Gesellschaft mit mehr als
150 Millionen Dollar Kapital, die den Namen Guaranty
Trust Company trägt. Außerdem kontrollierte und lei-
tete Morgan die Astor Trust Company, die Banker'’s
Trust Company und die Liberty National Bank. Seine
direkten oder indirekten Interessen in anderen Banken
reichten so weit, daß, obwohl es selbst für den ge-
wiegtesten Finanzmann keine leichte Aufgabe sein
        <pb n="13" />
        würde, einen Geldtrust zu bilden, der vollständig Bar-
geld und Kredit der Vereinigten Staaten kontrollierte,
die Möglichkeit dazu doch von vielen angenommen
wurde. Jedenfalls war Morgans Diktatur über das
Geld mehr Wirklichkeit als Phantasie, denn aus dem
Folgenden wird hervorgehen, daß er nicht nur der Be-
herrscher der Finanzen war kraft dessen, was er be-
saß, nein, er war auch ein König, der sein Reich nach
Laune oder Bedarf jederzeit vergrößern konnte. Mor-
gan beherrschte das Geld gerade in dem Augenblick
der Weltgeschichte, in dem das Geld alles beherrschte,
in dem es für jeden Finanzmann von größter Wichtig-
keit war, einer entstehenden Konkurrenz Bargeld-
oder Kreditbeschaffung unmöglich zu machen und diese
den bereits bestehenden Trusts und Konzernen vor-
zubehalten.
Es würde sich sehr hübsch ausnehmen, wenn man
sagte, daß Morgans Stellung gegen Ende seines Lebens
die gewesen sei, auf die er von Anfang an hingearbeitet
hatte, daß der ehrgeizige Traum seines Lebens in Er-
füllung gegangen sei. Nur wäre dies nicht wahr. Der
Leser der vorliegenden Biographie wird zugeben, daß
Morgan nicht die selbstbewußte Macht war, die er zu
sein schien. Tatsächlich konnte im Jahre 1857, als der
junge John Pierpont Morgan in das New Yorker Ge-
schäftsleben eintrat, beim besten Willen niemand die
besonderen günstigen Umstände voraussehen, die das
zwanzigste Jahrhundert mit sich bringen sollte, Die
Vision eines amerikanischen Königtums konnte auch
das schärfste und weitblickendste Auge nicht haben.

Morgans bezw. seines Hauses Macht wird, so kann
man wohl sagen, auch heute nur von wenigen ver-
standen. Er selbst flößte seinen Landsleuten jeden-
falls Scheu ein, und noch ein anderes Gefühl, das man
nicht gerade Furcht nennen kann, das ihr aber nahe

0
        <pb n="14" />
        verwandt ist — ein Gefühl der Beunruhigung. Sie
sahen seine Spuren in den wichtigsten Umwälzungen
im Leben der Nation.

ea

Wenn man sich den Anfängen dieses außergewöhn-
lichen Mannes zuwendet, so ist es gut, vorher einige
familiengeschichtliche Feststellungen zu machen.

Morgans erster Vorfahr in Amerika war Miles
Morgan, der sich 1636 in Massachusetts ansiedelte.
Ein Nachkomme von ihm war John Pierpont Morgans
väterlicher Großvater Joseph Morgan, ein erfolgreicher
Geschäftsmann in Hartford, Connecticut. Sein Groß-
vater mütterlicherseits war John Pierpont, Prediger,
Dichter und Reformator in Boston. Obwohl Joseph
Morgan weit weniger an die Öffentlichkeit trat als
John Pierpont, muß man ihm doch zugute rechnen, daß
er den Grundstock zu dem Vermögen der Morgans
legte, während Pierpont nach einer stürmischen,
glänzenden, aber von Enttäuschungen vollen Laufbahn
als Inhaber eines subalternen Beamtenpostens in
Washington starb. Seine Lebensgeschichte ist außer-
ordentlich interessant und voll Pathos, und einige
Züge seines bemerkenswerten Charakters scheint er
ebenso, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt, auf seinen
Enkel vererbt zu haben wie Joseph Morgan sein
Vermögen.
Joseph Morgan kämpfte bis zur Beendigung des
amerikanischen Unabhängigkeitskrieges in Washingtons
Heer und ließ sich dann als Farmer in der Nähe des
Dorfes Hartford nieder. Er zog reichlichen Gewinn
aus dem Landbau und legte ihn in Postkutschenlinien
an. Nach und nach bekam er die Kontrolle der Haupt-
verkehrslinien des Staates in seine Hände. Im ersten
Viertel des 19. Jahrhunderts durchlebte Hartiord

11
        <pb n="15" />
        als Mittelpunkt des Fernverkehrs eine geschält-
liche Blütezeit. Die große Postlinie von New York
nach Boston ging durch die Stadt: New York — New
Haven — Middletown — Hartford — Springfield — Wor-
cester — Boston. Drei Tage brauchte man in jeder
Richtung. Außerdem war Hartford der Schlüsselpunkt
für den Handel im Tale des Connecticut-Flusses nord-
wärts fast oder ganz bis zur kanadischen Grenze, Un-
zählige Gasthäuser waren über das ganze Land ver-
streut, und Joseph Morgan hatte seine Hand auch in
diesem blühenden Geschäft.

Aber im Herbst 1839 machte die erste Lokomotive

„Vesuvius‘“ oder „Guter Freund” oder wie sonst
dieses plumpe Stück Maschinerie sich nannte — ihre
erste langsame Fahrt durch den Staat. Hartfords ge-
schäftliche Lage änderte sich von Grund auf. Seine
alten Kunden wurden durch die Kaufleute konkur-
rierender Städte fortgelockt, Jahr für Jahr gingen
mehr Postkutschenlinien ein. Der geschäftstüchtige
Joseph Morgan aber stellte sich schnell um.

Er eröffnete in Hartford ein großes Hotel, das
„City Hotel”, und bald darauf trat er im Zusammen-
hang mit der Ätna- Feuerversicherungsgesellschaft
ebenda auch als Kapitalist auf. Damals hatten die
Versicherungsgesellschaften keine Bargeldbestände zur
Regelung von Schadensfällen. Ihr Kapital bestand aus
Schuldverschreibungen der hauptsächlichsten „soliden
Leute” der Stadt; diese Verschreibungen lauteten über
Beträge von 5 bis 10000 Dollar. Man rechnete damit,
daß der Gewinn aus den eingehenden Prämien es un-
nötig machen würde, auf die Aussteller der Schuld-
scheine zur Begleichung von Feuerschäden in bar zu-
rückzugreifen. Aber ein großes Schadenfeuer in New
York änderte die Lage gründlich. Eine Zeit schwerer
Verluste folgte, und die Gefahr der Inanspruchnahme

|2
        <pb n="16" />
        der Aussteller wurde drohend, so daß die Scheine zu
recht niedrigem Kurs jedem angeboten wurden, der die
Zahlungsverpflichtung auf sich nehmen wollte. Joseph
Morgan kaufte solche Verschreibungen auf, wo er
ihrer habhaft werden konnte, und erwarb eine große
Anzahl. Die Gefahr ging bald vorüber, die eingehenden
Prämien reichten bei weitem aus, um die Verluste zu
decken, die Gesellschaft begann, ein Grundkapital an-
zusammeln, dessen Barwert in den wachsenden Ge-
winnen aus dem Geschäft bestand, und schließlich
wurden die Inhaber der Schuldverschreibungen nach
Maßgabe der von ihnen übernommenen Verbindlich-
keiten mit Aktien voll ausgezahlt. Joseph Morgan er-
warb aus seinem Schuldscheinbesitz auf diese Weise
ein Vermögen, das später der Vater unseres Morgan,
Junius Spencer Morgan, in das Bankgeschäft brachte.

Joseph Morgan vererbte seinem Sohn neben seinem
Vermögen und der Fähigkeit, es noch zu vermehren,
einen schönen Charakterzug: er war der richtige, alt-
väterische Gastwirt früherer Zeiten gewesen, und sein
Sohn war ein berühmter und angenehmer Gastgeber,
allerdings in etwas verfeinerterer Weise.

Morgans mütterlicher Großvater, John Pierpont,
war zu seiner Zeit sehr berühmt. Die folgenden Aus-
führungen aus unbekannter Feder — sie sind einem
alten Jahrgang des „Christian Examiner‘ entnommen
— bezeugen den Eindruck, den er bei seinen Zeit-
genossen hervorrief. Die etwas übertriebene Phraseo-
logie kann das gut gezeichnete Bild seines Charakters
nicht verwischen.

„Herr Pierpont vereinigte in sich die Charakter-
züge von zwei sehr verschiedenen Persönlichkeiten.
Die eine war graziös, kultiviert, feinfühlig, peinlich
sorgfältig auf die Etikette bedacht, gelehrt, von einer
gewissen würdigen Hoheit, die Fremde ein wenig als

s
        <pb n="17" />
        Kälte empfinden konnten, doch herzlich gegen Freunde
und wunderbar zart und liebreich gegen Kinder. Das
war der Geistliche und der Dichter. '

Die andere war die des tapferen Ritters, ge-
wappnet für den Kampf, den er nah und fern suchte,
‚;. mit der Gabe, Unrecht zu entdecken, griff er es
sofort mit der feurigen Glut einer Natur an, deren
Enthusiasmus um so heftiger war, wenn ihm die Ge-
wohnheiten und die Veranlagung des Gelehrten Be-
schränkungen auferlegten. Er gebrauchte alle seine
Waffen gleichzeitig: Logik, Sarkasmus, Tadel, Dicht-
kunst — und bekräftigte alles mit einem strengen ‚So
spricht der Herr!‘ Das war John Pierpont, der Re-
formator, und ‚.. wenige Namen hatten höheren
Klang in diesem sorglosen, blühenden Land als der
seinige.”
Pierpont hatte keinen Erfolg als Rechtsanwalt,
hatte keinen Erfolg als Kaufmann — als Geistlicher
gewann er Ruhm. Aber er konnte seiner Gemeinde
weder Ruhe noch Frieden verschaffen, und überall
wandte sie sich schließlich gegen ihn. Seine wichtigste
Kanzel war die Unitarische Kirche in der Hollis Street
in Boston. „Unfehlbar’, schreibt ein Zeitgenosse, „er-
öffnete er seine sonntäglichen Predigten mit der
Alkohol- oder Sklavereifrage oder mit beiden. Er pre-
digte Enthaltsamkeit vom Alkohol einer Gemeinde
von Leuten, die Alkohol tranken, Alkohol verkauften,
Alkohol herstellten , .. natürlich beleidigte er sie
tödlich,” Und weiter: „Sein Kampf dauerte sieben
Jahre, einer gegen viele, Armut gegen Reichtum,
Recht gegen Unrecht,‘ Also ein‘ Rebell jener Tage!

Endlich wurde er von einem kirchlichen Rat vor
ein förmliches Gericht gestellt und angeklagt, „über
ärgerniserregende Gegenstände zu predigen” und in
seinem Betragen „Mangel an christlicher Milde” zu

4
        <pb n="18" />
        zeigen. Die ärgerniserregenden Gegenstände waren
„die Sittenlosigkeit und die Verbrechen, die er in den
höheren Schichten sah!‘ Das Ergebnis des Verhörs
war ein Tadel, doch Pierpont verließ diese Kirche bald
und trat eine Predigerstelle in einem weitentfernten
Ort an.
Das Jahr 1861 fand ihn wieder in Boston, und im
Bürgerkrieg ging er an die Front als Feldkaplan des
22. Massachusetts-Regiments. Das Regiment bezog
ein Lager am Nordufer des Potomac. Es herrschte
wechselvolles Herbstwetter, und der Kaplan, schon
ein alter Mann, konnte die Kälte nicht ertragen. Die
halben Nächte lief er im Lager umher und schlug die
Arme um den Körper, um sich warm zu erhalten. End-
lich reichte er bei dem Kommandeur der Brigade ein
Gesuch um einen Urlaub von drei Tagen ein, um sich
in Washington nach irgendeiner Stellung umzusehen.
Der Offizier hatte nie von ihm gehört und sandte das
Gesuch zurück mit einem Vermerk auf der Rückseite:
„Wozu braucht er drei Tage? Zwei genügen,“

In einer schweren seelischen Depression stattete
Pierpont dem Staatssekretär Chase einen Besuch ab
und fragte in aller Bescheidenheit an, ob sich nicht
irgendeine wissenschaftliche Arbeit für ihn finden
ließe. Der Staatssekretär, der ihn dem Namen nach
sehr gut kannte, drückte ihm warm die Hand und ver-
sprach, alles für ihn zu tun, was in seiner Macht
stünde. Tatsächlich verschaffte er ihm eine literarische
Arbeit für die Regierung, die den alten Geistlichen bis
zu seinem Tode beschäftigte.

Von all den Kämpfen und schweren Schicksalen
dieses Mannes ist nur ein Gedicht übriggeblieben, das
in die Schulbücher übergegangen ist — „Warren's
Address‘, das beginnt:

„Steht fest! ’s ist euer Land, ihr Tapfren!”

IS
        <pb n="19" />
        — und ein Gedichtbuch, „Airs from Palestine‘, das
heute niemand mehr liest. Es enthält jedoch Verse,
die die Kraft eines Eiferers inspiriert hat. Hier ist ein
Beispiel, die erste Strophe von „A Word from a
Petitioner‘., die einen merkwürdig modernen Klang hat:
„Was! Abgelehnt die Bitte! Das Gebet

Der Tausend, der Zehntausend, ist verhallt,
Vorm Stuhl des Sprechers wirkungslos verweht!
Ihr müßt uns hören, heute oder bald!

Die Tausende, die neulich ihr verlacht,

Sind heut Millionen! Hört, nehmt euch in acht!”
Das war der starke Charakter und die Natur von
J. P. Morgans Großvater. Spuren seiner Persönlich-
keit lassen sich mit Bestimmtheit bei dem Enkel
wiederfinden: gemeinsam ist beiden die außerordent-
liche Charakterstärke, die Hartnäckigkeit, das Streben
nach dem Schönen.

za

Als Junius Spencer Morgan herangewachsen war,
verschaffte ihm sein Vater eine Stellung in dem Bank-
haus Morris Ketcham. Der junge Mann arbeitete hier
einige Jahre und trat dann als jüngerer Teilhaber in
dem Posamentengeschäft von Howe, Mather &amp; Co in
seinem Geburtsort ein, Um diese Zeit heiratete er
Juliet Pierpont, die Tochter des Geistlichen, und John
Pierpont Morgan wurde am 17. April 1837 geboren.
Junius Spencer Morgan war ein Kaufmann von großen

» ‚What! Our petitions spurned! The prayer
Of thousands — tens of thousands — cast
Unheard beneath your speaker's chair!

But ye will hear us, first or last, ;
The thousands that, last year, ye scorned,
Are millions now. Be warned! Be warned!”

16
        <pb n="20" />
        Fähigkeiten, und so wurde ihm bald eine Teilhaber-
schaft im Hause von J, M. Beebe &amp; Co., einem der
größten Detailgeschäfte in Boston, angeboten, Einige
Jahre später aber machte er die Bekanntschaft von
George Peabody, dem berühmten Londoner Bankier,
und bald darauf trat er in dessen blühende Firma ein.

Peabody war geborener Amerikaner und lange
Zeit als Kaufmann in Baltimore ansässig gewesen.
Nachdem er nach London übergesiedelt war und sein
Bankhaus zur Blüte gebracht hatte, wurde er weit und
breit bekannt durch die Dinners, die er jedes Jahr am
4. Juli gab, mit dem Beweggrund, herzliche Be-
ziehungen zwischen England und seinem Vaterlande
herzustellen. Eines dieser Essen beehrte der Herzog
von Wellington mit seiner Anwesenheit, und Königin
Victoria sandte ihr und Prinz Alberts Porträt, die in
der Dining Hall aufgehängt wurden. Peabody war der
bekannteste Philanthrop seiner Zeit und gab Millionen
für die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse in den
Londoner Armenvierteln und für das Unterrichtswesen
im Süden der Vereinigten Staaten.

Bei seinem Besuch in Boston suchte er eigentlich
nach einem Teilhaber, der ihm den Rücktritt von den
Geschäften ermöglichen sollte. Man empfahl ihm
Junius Morgan warm, mit dem Ergebnis, das sich für
das Vermögen der Morgans so segensreich auswirken
sollte. Ein Punkt der Abmachungen zwischen den
beiden Männern war, daß Junius Morgan die gesell-
schaftlichen Beziehungen zu den amerikanischen und
ausländischen Geschäftsfreunden des Hauses pflegen
sollte, wofür er 25000 Dollar jährlich als Unkosten-
beitrag erhielt.

Der junge John Pierpont Morgan verbrachte die
ersten vierzehn Jahre seines Lebens in Hartford. Sein
Geburtshaus steht noch. Es war ein kleines, schlichtes

Morgan

17
        <pb n="21" />
        Haus aus roten Ziegelsteinen, das an der Dorfstraße
auf einem Grundstück von einigen Acres stand, Später
wurde es um ein Stockwerk gehoben und steht jetzt
mitten unter großen Geschäftshäusern im Mittelpunkt
von Hartford, Jedoch verknüpften Morgan keinerlei
Erinnerungen mit diesem Haus, denn seine Eltern
wohnten hier nur in den ersten beiden Jahren seines
Lebens, dann zogen sie in ein großes, bequemes Haus
an der Farmington Avenue, das anläßlich der Hoch-
zeit gebaut worden war, Es lag auf einem Grund-
stück von ungefähr 40 Hektar, das sich nach Westen
bis zum Little River ausdehnte.

Mit sechs Jahren wurde der junge Morgan auf die

Bezirksschule geschickt. Als Knabe war er schweig-
sam und zurückhaltend, er war meist für sich und
zeichnete sich im Unterricht weder durch besondere
Gaben noch durch besondere Faulheit aus. Er war
eine kühle, phantasielose. Natur; sein bestimmter
Charakter hinterließ im Gedächtnis einiger seiner
Schulkameraden einen bleibenden Eindruck,
Das erste, was er auf der Schule erhielt, war ein
Spitzname. Die Knaben wurden einzeln aufgerufen, um
ihre Namen anzugeben. Als Morgan an die Reihe kam,
sagte er: „John Pierpont Morgan“, Er sollte es noch
einmal sagen, des etwas ungewöhnlichen mittleren
Namens wegen. „Pierpont‘, wiederholte er, „John
Pierpont Morgan.‘ Der Lehrer hatte jetzt richtig ver-
standen, nicht so aber die anderen Knaben. Ihnen kam
der Name komisch vor. „Pierp, Pip, Pip’”, wurde von
hinten her aus dem Klassenzimmer vernehmlich ge-
flüstert, und Pip Morgan, nicht anders, hieß er von
da ab.
In seiner Freizeit beschäftigte sich Morgan gern
mit Fischen im Hog Creek, Er hatte sich auch selbst
ein kleines Boot gebaut.

{8
        <pb n="22" />
        Mit 12 Jahren war er ein starker, gut gewach-
sener Knabe, bald jedoch ließ seine Gesundheit nach,
er verlor seine starke Konstitution und mußte bestän-
dig unter der Aufsicht eines Arztes sein,

Nachdem seine Familie nach Boston umgezogen
war, besuchte er die English High School und verließ
sie nach bestandener Abgangsprüfung 1853. Das
nächste Jahr verbrachte er in Fayal auf den Azoren
und ging dann nach Europa, um seine Studien fort-
zusetzen. Er blieb ein Jahr in Vevey in der Schweiz
und studierte darauf vier Semester an der Universität
Göttingen, hauptsächlich Mathematik. Hier machte er
auch eine Schlammbäderkur durch, die sich gut be-
währte. Mit sehr gekräftigter Gesundheit verließ er
Göttingen, um in seines Vaters Bankhaus in London
einzutreten.
Eine Bemerkung, die sein Vater um diese Zeit über
ihn machte, ist von jemandem überliefert worden, der
den älteren Morgan sehr gut kannte und der in dieser
Bemerkung ein hübsches Beispiel für die vielen klei-
nen Ironien des Lebens sah. „Ich weiß um alles in der
Welt nicht‘, sagte Junius Spencer Morgan, „was ich
mit Pierpont machen soll.“ Diese Frage hat ihm schein-
bar wirklich unnötige Besorgnis verursacht, da sein
Sohn zunächst weder Fähigkeit noch Lust und Liebe
zu geschäftlicher Tätigkeit zeigte und wohl lieber die
Laufbahn eines stillen Stubengelehrten eingeschlagen
hätte. Auch war er besorgt wegen der heftigen und
sich oft gegen ihn wendenden Art seines Sohnes. Seine
Freunde versicherten ihm, daß man dagegen nichts
tun könne, die Art seines Sohnes, sich zu geben, sei
ihm angeboren und ein Teil seiner Natur, sie sei nicht
böse gemeint und man könne nicht Wachs aus Granit
machen.

Damals wurde der junge Mann in die technischen

IQ
        <pb n="23" />
        Geheimnisse seines Berufes eingeführt, Er lernte, was
Wechsel mit 60 Tagen Sicht auf Paris, Amsterdam oder
Hamburg in Franken, Gulden oder Mark Banko wert
waren, und ähnliche Dinge, die mit dem ganzen, sorg-
fältig ausbalanzierten und sich täglich änderndem
System des internationalen Geldverkehrs zusammen-
hingen.
Eine Anekdote zeigt, wie sein Vater später jedoch
stets hinter ihm stand und welches Vertrauen in die
geschäftliche Urteilskraft seines Sohnes er gewonnen
hatte. Irgend jemand hatte dem jungen Morgan er-
zählt, daß Kaffee ein gutes Spekulationsgeschäft sei
Morgan hielt es für richtig und kaufte eine ganze
Schiffsladung. Als er einem der Teilhaber der Firma
Peabody &amp; Co. davon erzählte, wurde dieser auf-
gebracht. „Das ist ja Blödsinn‘, sagte er, „soviel
Kaffee zu kaufen. Wo wollen Sie denn das Geld her-
bekommen?‘ Morgan starrte ihn einen Augenblick
ärgerlich an, dann verließ er, ohne ein Wort zu sagen,
das Zimmer. Nach sehr kurzer Zeit kam er zurück
und warf dem englischen Bankier ein Papier auf den
Tisch. „Da“, sagte er scharf, „da ist es!” Es war ein
Wechsel auf den vollen Betrag der großen Summe,
unterzeichnet von Junius Spencer Morgan.

Im Jahre 1857 ereignete sich eine der schwersten
Finanzkrisen, die jemals die Vereinigten Staaten heim-
suchten. Damals erledigte das Bankhaus George Pea-
body &amp; Co. seine amerikanischen Geschäfte durch die
New Yorker Firma Duncan, Sherman &amp; Co. Wäh-
rend dieser Krisis konnte das amerikanische Bankhaus
seinen Verbindlichkeiten in London am Fälligkeits-
termin nicht nachkommen, und dadurch geriet George

2
        <pb n="24" />
        Peabody &amp; Co. in eine schwierige Lage. Die Londoner
Firma sah sich genötigt, die Bank von England um
Hilfe zu bitten, die auch schließlich gewährt wurde.
Das Ergebnis all dieser Ereignisse war, daß der junge
Pierpont Morgan nach Amerika gesandt wurde, um als
Kassierer und Vertreter seines Vaters in die Firma
Duncan, Sherman &amp; Co. einzutreten.

Hier wurde er mit Dabney bekannt, den er später,
als er selbst ein Geschäft eröffnete, als Teilhaber
nahm. Dabney war einer der geschicktesten Buch-
halter in der Stadt, und von ihm erwarb sich Morgan
seine bemerkenswerten und gründlichen Kenntnisse in
der Buchführung, Sie wurden ihm später von unschätz-
barem Nutzen, und die sich aus ihnen ergebende Fähig-
keit, die kompliziertesten Abrechnungen und Bilanzen
nachzuprüfen, erregte die Bewunderung aller, die mit
ihm zu tun hatten.

Nach einiger Zeit schrieb Junius Morgan an die
amerikanische Firma, um ihr vorzuschlagen, seinen
Sohn als Teilhaber aufzunehmen. Sie lehnte ab.

Das war der eigentliche Beginn von Morgans Lauf-
bahn, denn kurz darauf wies ihn sein Vater an, sich
ein billiges Büro zu mieten. Er wollte ihm allmählich
das ganze amerikanische Geschäft von George Pea-
body &amp; Co. übertragen.

Zwei Notizen aus dem „Bankers’ Magazine‘ von da-
mals sprechen für sich selbst. Die erste lautet: „Messrs.
J, Pierpont Morgan &amp; Co. und Mr. C. H. Dabney
(früher jahrelang in der Firma Duncan, Sherman &amp;
Co.) haben unter der Firma Dabney, Morgan &amp; Co.,
Exchange Place, ein Bankgeschäft eröffnet.‘ Die zweite
heißt: „Messrs, Duncan, Sherman &amp; Co. haben ihr
Londoner Konto von Messrs. George Peabody &amp; Co.
an das Bankhaus Finlay, Hodgson &amp; Co., eine sehr alte
und kapitalkräftige Firma. übertragen. Das Ausschei-

D
        <pb n="25" />
        den von Mr. Peabody mit seinem großen Kapital und
seiner wertvollen Erfahrung wird zweifellos noch eine
Reihe weiterer Veränderungen in den Konten amerika-
nischer Häuser in London nach sich ziehen.“

Da Junius Spencer Morgan das Geschäft von
George Peabody, der sich zur Ruhe gesetzt hatte,
übernommen hatte, war dies eine Rache. Aber Dun-
can, Sherman &amp; Co. standen schon damals dicht vor
dem Bankrott, den sie später anmelden mußten,

Außer Dabney hatte Morgan seinen Vetter James
Goodwin als Teilhaber, Das Büro der neuen Firma
war im zweiten Stock des Hauses Exchange Place
Nr. 53. Selbst für jene Zeit, als „moderne“ Geschäfts-
käuser drei Stockwerke hoch waren, kann man es nicht
serade als prächtig bezeichnen. Die großen Firmen
hatten ihre Büros auf der Wall Street oder William
Street, Tatsächlich findet sich in diesen Anfängen von
Morgans Laufbahn nichts, das zu der Vermutung füh-
ren könnte, er habe damals auch nur die geringste
Ahnung gehabt, welche Rolle er als Bankier und als
aufbauende Kraft im Eisenbahnwesen und in der indu-
striellen Entwicklung der Vereinigten Staaten noch
spielen sollte. Er hielt sich damals und auch später,
bevor ihn die Ereignisse zu einer Führerrolle in der
Reorganisation verkrachter Eisenbahnunternehmungen
zwangen, für einen einfachen Bankier und nur für
seinen solchen.
Im Sommer 1859 fuhr Morgan nach Paris und traf
dort Miss Amelia Sturges, die Tochter von Jonathan
Sturges aus New York, in die er sich verliebte. Miss
Sturges krankte an hochgradiger Schwindsucht. Mor-
san heiratete sie und suchte die ganze Welt nach
einem Ort ab, wo sie Heilung finden könnte. Nach der
Hochzeit zog er sich infolgedessen völlig von den Ge-
schäften zurück und widmete sich ganz seiner sterben-

397
        <pb n="26" />
        den Frau. Sie erlebte jedoch nur wenige Monate ihrer
Ehe.

Darauf kehrte er nach New York zurück und wid-
mete sich wieder seiner Arbeit, Er lebte ruhig und
zurückgezogen, begann den Tag mit einem Ritt im
Central Park und verbrachte die Abende oft im Hause
eines seiner Freunde. Sein schon immer großes Inter-
esse an Bildern wuchs in dieser Zeit. Er kaufte sein
erstes Ölgemälde bei einer für die Sanitary Commission
abgehaltenen Versteigerung. Es war das Porträt einer
zarten jungen Dame von einem Maler namens Baker
und kostete 1500 Dollar. Das Bild hing viele Jahre
über dem Kamin in der Bibliothek von Morgans Haus,
42 West 21st Street.

Seine erste bemerkenswerte Transaktion wurde
nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges unternommen,
als Charleston belagert wurde. Gold wurde damals
mit Aufgeld gehandelt, aber man nahm an, daß Charle-
ston fallen werde und mit ihm der Preis des Goldes.
In dieser Annahme verschoben die Importeure, die dem
Ausland Geld schuldeten, von Tag zu Tag die Beglei-
chung ihrer fälligen Verbindlichkeiten, da sie hofften,
das hierzu nötige Gold später zu viel geringerem Preis
zu erhalten, als es die gegenwärtige Notierung ermög-
lichte. Allmählich dämmerte ihnen jedoch die Wahr-
heit, nämlich daß Charleston uneinnehmbar sei. In-
zwischen erzwang die Marktlage Verschiffungen von
Gold nach London. Dadurch wurde die Lage noch ge-
spannter, denn jede Goldausfuhr trieb den Preis des
Edelmetalls noch höher.

Der Ort, wo man diese furchtbare Aufwärts-
bewegung am besten beobachten konnte, war der so-
genannte „Gold Room“. Dies war ein privates Unter-
nehmen von einem gewissen Gallagher an der Ecke
von William Street und Exchange Place. Gegen eine

3
        <pb n="27" />
        jährliche Gebühr von 25 Dollar hatte jedermann das
Recht, hier Geschäfte abzuschließen. Das Büro war
den ganzen Tag geöffnet, während die Börse ihre vor-
mittägliche Geschäftszeit um zwölf Uhr beendigte und
nachmittags nur kurze Zeit offenhielt. Es herrschte
damals die Sitte, daß der Börsenvorstand einfach eine
Liste verlas, und die Makler, die in einer Art Ring
standen, kauften und verkauften, wenn das betreffende
Objekt ausgerufen wurde. Gold stand an letzter Stelle
auf der Liste, und dieses langsame, plumpe Verfahren
hinkte weit hinter den fieberhaften Kursschwankungen
her.
Den Leuten, die täglich im Gold Room verkehrten,
war es klar, daß den Importeuren mit überfälligen Ver-
pflichtungen eine Krisis drohte. Die Aufwärtsbewegung
wurde durch kleine Goldverschiffungen noch verschärft,
und es lag auf der Hand, sobald eine größere Gold-
sendung ins Ausland ging, würde unter den Impor-
teuren eine Panik ausbrechen und sie würden Gold um
jeden Preis kaufen müssen, um sich zu retten,

Unter den Geschäftsleuten war ein junger Mann,
dessen scharfe Einsicht diese Lage durchschaut hatte.
Es war E. B. Ketcham von dem Bankhaus Ketcham,
Nachf, &amp; Co.. ein Freund von John Pierpont Morgan.
Er suchte diesen auf und es entspann sich folgendes
Gespräch:

„Wie ist die Marktlage?‘ fragte Ketcham.

‚Sehr gespannt‘, antwortete Morgan.

„Wie hoch ist Ihr Kredit? Wieviel Effekten könn-
ten Sie auf den Markt werfen?”

„Zwei oder drei Millionen‘, sagte Morgan.

„Ich habe einen Gedanken, den ich für sehr er-
wägenswert halte‘, fuhr der andere fort. „Wir sollten
für ein paar Millionen Gold kaufen und es auf dem
am nächsten Sonnabend abgehenden Dampfer ver-

J4
        <pb n="28" />
        schiffen. Sie haben nicht das nötige Bargeld, aber un-
sere Firma hat es. Wir wollen mit Peabody und Ihnen
auf gemeinsame Rechnung handeln. Das Ergebnis wird
sein, daß der Goldpreis um mehrere Punkte in die
Höhe geht, und der Effektenmarkt, den Sie bei der
Verschiffung allein versehen können, wird uns in einer
Woche das für den Goldkauf angelegte Geld mit gro-
Bßem Nutzen zurückzahlen.”

Der Vorschlag gefiel Morgan, und so fuhren die
beiden am selben Nachmittag noch nach Westport,
Connecticut, um die Sache mit dem älteren Teilhaber
des Hauses Ketcham zu besprechen. Das war Morris
Ketcham, mit dem zusammen Junius S. Morgan seine
geschäftliche Laufbahn begonnen hatte. Der alte Herr
stimmte bald zu, indem er sagte: „Wenn ihr jungen
Leute meint, ihr habt recht, dann los!”

Es war jedoch notwendig, vorsichtig vorzugehen,
damit der Plan nicht vorzeitig bekannt würde. Zur
Verschiffung wurden Doppeladler (Double Eagles,
Goldstücke von 20 Dollar) benutzt, man mußte
diese Münzen bei einem Edelmetallhändler nach dem
gewöhnlichen Goldkurs mit einem Aufgeld kaufen. So
mußte entweder Morgan oder Ketcham als Käufer von
Doppeladlern auftreten, die man allein zum Verschiffen
brauchen konnte. Die Edelmetallhändler merkten wohl
etwas, aber die Käufe wurden, soweit als möglich, ge-
tätigt, wenn gleichzeitig andere Verschiffungen aus-
geführt wurden, und am folgenden Sonnabend wurde
das Gold, 2 Millionen, zu Schiff gebracht.

Fast sofort gingen die Preise in die Höhe. Und
doch, als man sich am Montag im Gold Room traf, war
alles unerklärlich ruhig. Morgan wurde ungeduldig,
sogar nervös, „Was halten Sie davon? Was halten
Sie davon?” flüsterte er seinem Partner zu. Sie war-
teten. Auf der Börse war ein Angestellter von Ketcham
        <pb n="29" />
        &amp; Co. mit der Anweisung, Gold zu kaufen, bis es einen
bestimmten Kurs erreicht hätte. Beide Spekulanten
wußten, wann auf der Börse die Reihe am Gold war.
Aber plötzlich begann das Bieten in Gold Room selbst.

„Ich verkaufe eine halbe Million‘, sagte jemand,
„trotz der großen Verschiffungen.“‘

„Ich nehme die halbe Million und noch eine wei-
tere halbe Million um einen halben Prozent höher”,
antwortete Morgans Partner prompt. Hierauf wurden
keinerlei Versuche mehr gemacht, den Kurs zu
drücken. Die Importeure mußten klein beigeben, sie
hatten ihre Verbindlichkeiten so überfällig werden
lassen, daß sie nun Sichtwechsel ziehen mußten, und
Morgan war der einzige, der sie honorieren konnte. In
weniger als zwei Wochen war so das für den Goldkauf
angewendete Geld wieder hereingebracht und die
Transaktion schloß mit einem Gewinn von 160000
Dollar, was damals als ein großes Geschäft betrachtet
wurde,
Um diese Zeit beteiligte sich Morgan auch an einem
jener nicht immer ganz sauberen Lieferungsgeschäfte,
wie sie in jedem Krieg vorkommen. Es war damals
üblich, daß jeder Heerführer für die Bewaffnung und
Ausrüstung seines Truppenteils selbst zu sorgen hatte,
ebenso hatte der Soldat von seiner Löhnung für Uni-
form, Verpflegung und bei berittenen Truppen für sein
Pferd und so weiter zu zahlen. Reste dieses Gebrauchs
haben sich in den Vereinigten Staaten bis heute er-
halten.

Nun war diese Regelung naturgemäß ein zwei-
schneidiges Schwert. Geschäftstüchtige Generale
konnten an Zwischengewinnen, Provisionen und der-
gleichen große Summen verdienen, während andere,
weniger gewandte, sich von skrupellosen Lieferanten
übers Ohr hauen lassen mußten. Die Kosten hatte

26
        <pb n="30" />
        letzten Endes der Staat zu tragen — aber auch die
Truppe selbst hatte häufig zu leiden, wenn nämlich
infolge Lieferung schlechter Ausrüstung ihre Kampf-
kraft sank.
Morgan ließ nun durch Mittelsmänner fünftausend
verrostete Karabiner von einem längst nicht mehr ge-
bräuchlichen Typ aufkaufen. Die Waffen, die ihm
17500 Dollar gekostet hatten, wurden notdürftig
äußerlich wieder instandgesetzt und dem General Fre-
mont angeboten — für 110000 Dollar. Fremont griff
zu, wahrscheinlich ohne vorher die Karabiner gesehen
oder sich von ihrer Brauchbarkeit beziehungsweise
Unbrauchbarkeit überzeugt zu haben.

Das Geschäft versprach also Morgan und seinen
Mittelsmännern einen Gewinn von fast 100 000 Dollar.
Aber Fremont scheint einer von den geschäftstüchtigen
Heerführern gewesen zu sein, denn die große Anzahl
der von ihm abgeschlossenen, nicht ganz einwandfreien
Lieferungsverträge erweckte endlich den Argwohn der
Regierung, Sie ordnete eine Nachprüfung an und be-
anstandete unter anderem auch die für die Karabiner
geforderte Summe. Sie erklärte sich zwar bereit, die
Hälfte des mit Fremont abgemachten Kaufpreises, also
55000 Dollar, zu zahlen, hiermit aber wollte sich der
Strohmann Morgans nicht zufriedengeben. Es kam zu
einem Prozeß, und da der Vertrag sich formell als un-
angreifbar erwies, wurde die Regierung zur Zahlung
der gesamten Summe verurteilt.

27
        <pb n="31" />
        Zweites Kapitel
DAS BANKWESEN IM BÜRGERKRIEG

E: ist ein oft gedankenlos wiederholtes, aber nur
halb wahres Wort, daß Morgan kein Selfmademan
war, Allerdings findet sich in seiner Laufbahn nichts,
was dem berühmten Kassenbuch Rocketiellers ähnelt:
9,80 Dollar Einnahme diesen Monat, 5.60 Dollar Ausgabe
für Lebensunterhalt, Überschuß 4.20 Dollar, in klaren,
eckigen, knabenhaften Zügen geschrieben — der erste
Schritt auf das in weiter Ferne liegende Schloß seines
Ehrgeizes zu. Von Anfang an stand Morgan in einer
gewissen Höhe über der Menge, er begann das Leben
in New York mit all der Leichtigkeit, den Vorteilen
und Ansprüchen, deren sich der Sohn eines erfolg-
reichen Bankiers erfreut.
Aber obwohl der Name und die geschäftlichen Be-
ziehungen seines Vaters Junius Morgan Pierpont Mor-
gan eine feste Grundlage lieferten, hat er ein Gebirge
darauf getürmt und stand dann auf dessen höchstem
Gipfel mit all dem Zauber, der die goldschaffende Hand
eines Midas umgibt. Das Kapital suchte ihm in diese
Höhen zu folgen und kämpfte um einen Blick des all-
mächtigen Mannes, dessen Name selbst ein Kapital
und die Gewähr des Erfolges bedeutete, Morgans
Name in Verbindung mit irgendeinem Unternehmen
wog einen ganzen Haufen Goldes auf. Und dieser Zau-
ber, das war sein eigenstes Werk. Durch die Ent-
fernung, die seine zyklopenhafte Autorität und seinen
Einfluß von seiner wenn auch nicht zu verachtenden,
so doch nicht ungewöhnlichen ererbten Stellung
trennte, war er ein Selfmademan.,
Sein Wachstum war langsam, es nahm 50 Jahre
in Anspruch, gezählt vom Jahre 1857 an, als er seine

IK
        <pb n="32" />
        Laufbahn als Bankangestellter begann. Er wagte sich
an immer größere und kühnere Unternehmungen, und
da sich sein Leben auf diese Weise aufgebaut hat, so
findet man, wenn man sich in die im vorliegenden Ka-
pitel zu behandelnde Zeit — den Bürgerkrieg und kurz
nachher — zurückversetzt, zwar eine zielbewußte und
recht einflußreiche Persönlichkeit, aber nichts von
dem späteren Morgan. Wenigstens nicht äußerlich.
Bei all seinem unbewußten Egoismus ordnete er sich
zuerst seinem Vater und dann den Drexels unter, und
erst in mittleren Lebensjahren wurde er vollkommen
sein eigener Herr und gänzlich frei.

Als junger Mann hatte er die Ruhe eines Athleten,
der seine Kräfte und Fähigkeiten noch nicht auspro-
biert hat. Er zeigte große körperliche und geistige
Energie, eine hartnäckige und sichere Verfolgung sei-
nes Zieles, ob es sich nun um eine solche Kleinigkeit
handelte wie ein Petits-Chevaux-Spiel mit einem Ein-
satz von einem Franken im Kursaal von Vevey, wo er
die Schule von Feligh besuchte, oder um irgendeine
komplizierte Bankoperation, die im Anfang seiner
Laufbahn, als er bei Duncan, Sherman &amp; Co. angestellt
war, unter seine Hände kam.

Das Jahr, in dem er nach New York kam, war für
die Wall Street sehr reich an Krisen. Sie fingen mit
dem Zusammenbruch der Ohio Life &amp; Trust Company
im Sommer 1857 an, und neunhundert Zahlungsein-
stellungen folgten. Eine Zeitlang befand sich auch die
große Londoner Firma Peabody &amp; Co., wie bekannt
war, in sehr bedrängter Lage. In ihr war das Ver-
mögen von Morgans Vater angelegt. Sie war voll-
kommen zahlungsfähig, aber, wie andere Firmen auch,
mußte sie zeitweise ihr gesamtes Bargeld ausgeben und
konnte so ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkom-
men. Man sagte voraus, daß der Fall von Peabody &amp;

CO
        <pb n="33" />
        Co. eine allgemeine Panik in London hervorrufen
würde, Aber die Außerkraftsetzung des Banking Act
ermöglichte der Bank von England, Peabody 1 Mil-
lion Pfund Sterling vorzustrecken, wodurch die Lage
gerettet war.
In New York gab es jedoch keine derartige Hilfe,
Die Banken wurden unruhig und stoppten plötzlich
ihre üblichen Finanzierungen ab, infolgedessen brachen
die Handelshäuser dutzendweise zusammen, und
schließlich bemächtige sich der Schrecken auch des
Publikums: es wandte sich gegen die Banken, stürmte
sie und verlangte seine Einlagen zurück. Und auch die
Banken fanden nun, daß sie genau so wenig wie ihre
Klienten, die Kaufleute, ihre Geschäfte ohne Kredit
und Treu und Glauben führen konnten, So mußten die
Barzahlungen ganz allgemein ins Stocken geraten,

Also gerade das Mittel, das die Banken ergriffen,
um einen Ansturm abzuwehren, rief ihn hervor und
zwang sie endlich, ihre Türen ganz zu schließen, Eine
Woche, bevor sie ihre Barzahlungen einstellen muß-
ten, hatten sie angekündigt, daß sie ihre Politik ändern
und der Panik mit dem natürlichsten Hilfsmittel ent-
gegenarbeiten würden, mit einer vernünftigen Kredit-
erweiterung. Aber die Veröffentlichung der Bankaus-
weise in der darauffolgenden Woche zeigte schwarz
auf weiß, daß sie den Kredit, anstatt ihn zu erweitern,
noch mehr eingeschränkt hatten. Daher stürzte sich
das. Publikum mit Geheul auf sie,

Diese Panik von 1857 war für Morgan eine klare
und eindeutige Lektion und eine Einführung in die
wilde Tragik eines Finanzsturmes, Er war damals
einfacher Angestellter, 20 Jahr alt, aber er stu-
dierte und durchdachte jede Phase der Entwicklung,
und es lebten noch vor nicht so langer Zeit Männer,
Bankiers von ehedem, die sich an seine eifrigen und

9)
        <pb n="34" />
        hartnäckigen Fragen über das Warum und Wozu der
von ihnen damals unternommenen Schritte erinnern.
Trotz seiner Jugend schien er nicht zur Kritik zu nei-
gen; er wollte Antworten auf seine Fragen, behielt
seine Schlüsse aber für sich.

Der Sturm war vorüber, und drei Jahre lang ging
das Geschäftsleben ruhig und stetig weiter. Moses
Taylor lehrte die Bankiers von New York die un-
unschätzbaren Vorteile der Zusammenarbeit durch die
Organisation eines Clearing House. Kommodore Van-
derbilt baute seine Flotte von 70 Schiffen auf, Tronor
W. Park kürzte den Weg nach Kalifornien durch die
65 Kilometer lange Eisenbahn über den Isthmus
von Panama ab. A. A, Low, der Vater von Seth
Low, baute den ausländischen Handel aus, indem
er Paketboote nach China und dem fernen Osten
sandte. Der Ozeandampferdienst zwischen Boston,
New York und Liverpool sowie den Häfen auf dem
europäischen Festland entwickelte sich rasch. Da-
mals bestanden die auswärtigen Handelsbeziehungen
der Vereinigten Staaten zum größten Teil aus Baum-
wollausfuhr und es.kam das Wort vom „König Baum-
wolle” auf. Nur wenige Bankhäuser gab es in New
York, die internationale Geschäfte machten, und fast
ohne Ausnahme sind ihre Namen heute nur noch aus
der Geschichte bekannt. Duncan, Sherman &amp; Co., bei
denen der junge Morgan angestellt war, wurden auf
den breiten Schultern von Peabody &amp; Co. sicher durch
die Panik getragen, doch gingen sie in den Jahren der
wirtschaftlichen Depression unter, die der noch
schwereren Krise von 1873 folgten.

Der Eisenbahnwahnsinn hatte noch nicht begonnen.
Im Osten fingen die Pennsylvania und bis zu einem

341
        <pb n="35" />
        gewissen Grade auch die Baltimore &amp; Ohio an, ihre
Fühler nach dem mittleren Westen auszustrecken, um
ihn zu erschließen. Aber die Bahnen waren erst zu-
sammenhangs- und ziellose schüchterne Versuche, und
die Verschiedenheiten in der Spurweite sowie die gro-
tesken Unterschiede in den Wagensystemen machten
es unmöglich, von Chicago, das damals eine junge,
aufstrebende Stadt war, oder von Cincinnati Durch-
gangsfrachten nach dem Osten zu senden, ohne daß
sie unterwegs mit beträchtlichem Geld- und Zeitver-
lust ein dutzendmal umgeladen werden mußten. Die
Harlem-Eisenbahn stand vor dem Bankrott, und das
System der New Haven war erst in Andeutungen vor-
handen: es bestand allein aus einer Linie, die sich von
Bronx bis New Haven, eine Entfernung von 100 Kilo-
meter, erstreckte.

Morgans Vetter E. D. Morgan, der kurz vor dem
Bürgerkrieg Gouverneur von New York und später
Senator wurde, leitete die Hudson-River-Eisenbahn,
wie es früher Sam Sloan getan hatte. Viele hielten
damals diese Eisenbahn für einen Unsinn, für eine hoff-
nungslose Kapitalanlage, denn sie konnten sich nicht
vorstellen, daß eine Eisenbahnlinie, die den Ufern des
Hudson entlang lief, jemals mit der Flußschiffahrt kon-
kurrieren könnte.
Morgan selbst hatte mit diesen Entwicklungen da-
mals noch sehr wenig zu schaffen. Sein Gesicht war
Europa zugewendet und dem Effektenmarkt in den
finanziellen Zentren jenseits des Ozeans. Ein Bankier
wie er war für den Auslandshandel genau so notwendig
wie die Schiffe, die ihn trugen. Ausländische Effekten
sind gewissermaßen Schuldscheine als marktfähige
Papiere, ihr Zweck ist, die Umständlichkeit der Ver-
schiffung von Bargeld zu umgehen. Wenn Amerika
Baumwolle exportiert, wird dem englischen Käufer ein

8%
        <pb n="36" />
        Kredit eröffnet. Er macht nun mit seinem Bankier aus,
daß dieser Wechsel des amerikanischen Händlers an-
nimmt, und benachrichtigt den Händler, er möge
einen Wechsel auf 60 Tage auf die Londoner Bank
ziehen unter Beigabe der Verschiffungspapiere. Der
Bankier in New York kauft von dem Händler diesen
Wechsel und liefert ihm so ohne Umstände und gegen
eine kleine Vergütung das notwendige Bargeld, mit dem
dieser dann die Farmer, von denen er die Baumwolle
kaufte, bezahlt. So bringt der Effektenhändler einen
Käufer in London — oder auch in Batavia, Siam oder
an der afrikanischen Küste — mit einem Verkäufer in
den Vereinigten Staaten zusammen. Die beiden stehen
sozusagen vor seinem Zahltisch, und jeder empfängt,
was ihm zukommt, obwohl sie in Wirklichkeit zehn-
tausend Meilen voneinander entfernt sein können. Die-
sen Geschäftszweig pflegte Morgan während des ersten
Teiles seiner Laufbahn, und er lernte ihn in allen seinen
Verästelungen gründlich kennen, blieb auch dabei, als
der Bürgerkrieg ausbrach.

Salmon P. Chase, Präsident Lincolns Schatzsekre-
tär, kam nach der Niederlage von Bull Run nach New
York und bat die Bankiers der Clearing House Asso-
ciation, der Regierung in der großen Notlage, die ent-
standen war, beizustehen. Der Kredit der Bundesregie-
rung war weit unter den der Privatleute gesunken;
Europa hielt die Regierung für erledigt, die ganze
Brüderschaft der Rothschilds hatte die Taschen fest
zugeknöpft und urteilte über das Risiko, den Vereinig-
ten Staaten Geld zu leihen, ungefähr so, wie ein mo-
derner Bankier den Vorschlag, heute Papiere der kon-
föderierten Südstaaten zu kaufen, behandeln würde.
Der Sekretär kam mit den Bankiers im Zimmer des
Direktors über dem Hauptbüro der American Ex-
change Bank zusammen und sagte ihnen:

%

Mordan
37
        <pb n="37" />
        „Wir haben jetzt Gold wirklich nötiger als Trup-
pen. Die Konföderierten hoffen, sich Gold zu ver-
schaffen, indem sie Baumwolle nach Europa schicken,
und wenn wir nicht eine Flotte bauen können, ver-
mögen wir diese Ausfuhr nicht zu stören, Wir im
Norden haben keine Baumwolle. Was sollen wir tun?
Ich kann kein Geld herbeischaffen, ich kann nur meine
Fonds verwalten. Sie müssen der Bundesregierung
zeigen, wie sie sich das notwendige Gold verschaffen
kann, sonst werden wir allesamt vor die Hunde gehen!”

Wall Street trat vor die Front, aber — mit 12
Prozent Zinsen! Selbst um diesen Preis war es wirk-
lich kein Kinderspiel. Es gab in jeder Gruppe Leute,
die den Untergang der Vereinigten Staaten voraus-
sahen. Morgan selbst war in politischer Hinsicht Re-
publikaner und glaubte fest an den Weiterbestand der
Union. Obwohl er keine wichtige Rolle bei der Finan-
zierung der Regierungsanleihen spielte, beschäftigte er
sich damit, Gold aus Europa zu beschaffen, nachdem
er bei Anfang des Krieges ein eigenes Geschäft auf-
gemacht hatte. Außerdem hielt er das Haus Peabody
dauernd auf dem laufenden, und zwar nicht nur über
die Taten des Heeres, sondern auch über die finan-
zielle Lage im Lande, über die Hilfsquellen und die
Fähigkeit, jede Besteuerung auszuhalten, und über die
Sicherheit vor Inflationsausgaben von Staatspapieren,
Alles dieses hatte eine sehr fühlbare Wirkung auf fol-
gende Weise.
Charles Francis Adams, der damalige Vertreter der
Vereinigten Staaten in Großbritannien, hatte nach-
drücklich dagegen protestiert, daß in England Schiffe
gebaut würden, die, wie er sagte, zum Dienst als kon-
föderierte Kreuzer bestimmt waren, und besonders da-
gegen, daß diese Schiffe aus britischen Gewässern zu
ihren Kaperfahrten ausliefen. Er war soweit gegangen,

34
        <pb n="38" />
        zu sagen, daß die Regierung in Washington dies als eine
vorsätzlich unfreundliche Handlung ansehen würde, Da
die britische Regierung gegen Adams’ Logik nichts ein-
wenden konnte, forderte sie von ihm die Hinterlegung
einer Million Pfund in Gold zur Regelung etwaiger
Schadensersatzansprüche, und zwar innerhalb von
5 Tagen. Dieses Verlangen war eine offensichtlich
unerfüllbare Bedingung, da Adams 2 Wochen be-
nötigte, um sich überhaupt mit seiner Regierung in
Verbindung setzen zu können, und persönlich natür-
lich nicht über eine derartige Menge Gold verfügte.
Er sah sich in einer Falle gefangen, denn Englands
Recht, eine Goldsicherheit für etwaige Schadensersatz-
ansprüche zu fordern, konnte er nicht bestreiten.

In dieser dringenden Notlage suchte Adams Hilfe
bei den Londoner Bankiers, jedoch vergeblich. End-
lich empfing er im geheimen einen Vertreter von Pea-
body &amp; Co., der ihm mitteilte, die amerikanische Firma
sei bereit, ihm 5 Millionen Dollar in Gold vor-
zustrecken unter der alleinigen Bedingung, daß die
Transaktion absolut vertraulich bleiben und niemand
außer Präsident Lincoln und Sekretär Seward etwas
davon erfahren sollte. Die einzige Sicherheit, die ver-
langt wurde, war eine von Adams als amerikanischem
Geschäftsträger unterzeichnete Empfangsbestätigung.
Das Gold wurde innerhalb eines Tages abgeliefert, und
so sah sich die britische Regierung gezwungen, das
Auslaufen von allen vermutlichen Kaperschiffen zu
verbieten.
Frederick D. Tappan sagte einmal, daß er in der
ersten Zeit des Bürgerkrieges einen tiefen Eindruck
erhielt von dem unerschütterlichen Glauben und dem
Optimismus, den der junge Sohn von Junius Spencer
Morgan damals zeigte. Er bemerkte, obwohl Morgan
damals, wie stets, nicht viele Worte machte. war es

35
        <pb n="39" />
        doch sehr eindrucksvoll, ihn seinen festen Glauben
nicht nur an den sicheren Sieg der Nordstaaten, son-
dern auch an die unerschöpflichen Hilfsquellen des
Landes äußern zu hören, die, wie er sicher glaubte,
ausreichend seien, alle denkbaren Kosten für die Be-
endigung des Kampfes zu tragen,

„Eines Tages werden wir das an natürlichen Hilfs-
mitteln reichste Land der Welt sein“, sagte Morgan
mit Nachdruck, in seiner abgehackten Redeweise.
„Wir werden uns in harter Arbeit darangeben müssen,
unsere natürlichen Hilfsquellen in Geld umzusetzen
und die Kriegskosten zu bezahlen, sobald der Krieg
zu Ende ist.“
Um zu würdigen, was das damals bedeutete, muß
man sich vor Augen halten, daß noch im September
1864 die Londoner „Times’“ meinten, daß die Inhaber
von Papieren der konföderierten Südstaaten besser
daran seien als die von Anleihen der Nordstaaten.

Morgan arbeitete damals nicht für die Regierung,
er hielt sich streng an seinen eigenen Pfad und hegte
von Natur aus Abscheu gegen die Politik, Die Lage
erforderte damals eine sehr vorsichtige und voraus-
schauende Geschäftsführung, fast unberechenbare Fak-
toren und scharfe Wechsel machten sich im Geschäfts-
leben bemerkbar, Sowohl die Banken wie auch die
Regierung saßen in einem Netz von Schwierigkeiten.
Der Kongreß suchte sie durch Gesetze zu beheben,
von denen aber einige sie nur noch vermehrten, Se-
nator John Sherman brachte einen Gesetzentwurf
durch, wonach auf. Anordnung der Regierung Green-
backs (Dollarnoten) gesetzliches Zahlungsmittel wur-
den. Dieses Gesetz sowie die Schaffung des nationalen
Banksystems 1863 erwiesen sich sofort als hilfreich,
denn sie verschafften dem Land reichliches Geld, wäh-
rend früher ein Mangel an Scheidemünze bestanden

36
        <pb n="40" />
        und man schon zu Briefmarken und Notgeld seine Zu-
flucht genommen hatte. Andererseits führte die Auf-
hebung der Zahlungen mit Hartgeld und die Selten-
heit von Gold im Vergleich zu Papier zu einem Auf-
geld auf Gold und zu fieberhafter Spekulation mit
diesem Edelmetall. Die Goldspekulation wurde zwar
als nationales Übel gebrandmarkt und die Börse ge-
stattete sie nicht, aber die Goldspekulanten trafen sich
im Gold Room und machten bessere Geschäfte als je
zuvor. Darauf übertraf der Kongreß sich selbst, indem
er im Juni 1864 den berühmten Gold Act durch-
brachte, der den An- oder Verkauf von Gold unter
Strafe stellte. Das war ein schwerer Schlag gegen den
gesunden Geschäftssinn der Bankiers im Lande. Sie
waren zwar bereit, die Goldspekulation zu entmutigen,
sie aber ganz zu verbieten, war absurd, denn wenn
Gold nicht zu jeder Zeit auf dem Markt angeboten
werden konnte, wußte niemand, was es wert war, und
wer welches besaß, hielt es natürlich zurück.

Die New Yorker Bankiers, J. P. Morgan unter
ihnen, charakterisierten .diese Handlungsweise des
Kongresses folgendermaßen:

„Es ist eines der merkwürdigsten und weltfrem-
desten Gesetze, die jemals in irgendeinem Lande ge-
macht worden sind. Es hat die Regierung in ihrer Ab-
sicht, der Goldspekulation unter den Maklern und den
wilden Händlern ein Ende zu machen, nicht unterstützt,
es hat vielmehr genau die gegenteilige Wirkung ge-
habt und wird sie auch weiterhin haben. Der Kurs in
Wall Street stieg sofort auf 200, 205, 210 und sogar
auf 225, Dieser Gold Act ist eine Einmischung des
Kongresses in das ordnungsmäßige Geschäftsleben
einer Handelsstadt und öffnet der Gesetzlosigkeit Tür
und Tor. Die Hausse des Goldkurses wurde nicht von
der Wall Street verursacht. ihre Ursache war viel-

8"
        <pb n="41" />
        mehr die unkluge Ausgabe von mehreren hundert
Millionen in Papiergeld in Washington und die riesen-
haften Importe, die dieser unerwünschten Inflation
folgten.”
Die Aufregung verbreitete sich schnell, und da
diesmal wirklich alles für und nichts gegen Wall
Street sprach, mußte der Kongreß sich soweit er-
niedrigen, das Gesetz nach ein paar Wochen wieder
außer Kraft zu setzen. Auf Morgan hatte dieser Vor-
fall einen dauernden Eindruck gemacht.

KR.

ie

Es ist schon weiter oben berichtet worden, wie
Morgan selbst unter der Firma Dabney, Morgan &amp; Co.
ein Geschäft im Hause 53 Exchange Place eröffnete.
Auch seine erste Heirat wurde erwähnt. Im Jahre 1865
heiratete er wieder. Seine zweite Frau war Miss
Frances Louise Tracey, die Tochter des New Yorker
Rechtsanwalts Charles Tracey. Die Familie Morgan
wohnte 227 Madison Avenue. Sie lebte ziemlich zu-
rückgezogen, und Morgan war selten in der Öffent-
lichkeit zu sehen. Er hatte auch nur wenige Bekannte
und sehr wenig Freunde außerhalb seiner Verwandt-
schaft.
Von seinen drei jüngeren Schwestern heiratete
Sarah Spencer Morgan 1866 George Hale Morgan, Mary
Lyman Morgan heiratete 1867 Walter Haynes Burns,
und Juliet Pierpont Morgan heiratete später den
Reverend John B. Morgan. Sein einziger Bruder Junius
starb mit 12 Jahren, Mit seinen Schwestern lebte er
stets in allerbestem Einvernehmen.

Um diese Zeit fuhr er wenigstens einmal jedes Jahr
nach London, um mit seinem Vater, der jetzt Chef
des Hauses Peabody &amp; Co. war, geschäftliche Be-

IQ
        <pb n="42" />
        sprechungen abzuhalten. Im Jahre 1866 wurde seine
Tochter Louisa Pierpont Morgan, die spätere Mrs.
Herbert Satterlee, geboren, und 1867 sein Sohn und
späterer Nachfolger John Pierpont Morgan junior, ge-
wöhnlich Jack Morgan genannt.

Ruhig, fleißig, erfolgreich, energisch, und völlig zu-
frieden mit seiner gewöhnlichen geschäftlichen Tätig-
keit näherte Morgan sich seinem dreißigsten Lebens-
jahr. Bisher hatte er höchstens Andeutungen seiner
wahren Fähigkeiten gegeben, von jetzt ab aber begann
er, immer mehr an der großen, raschen Entwicklung
des Landes Anteil zu nehmen. Nach Lees Kapitulation,
mit der der Bürgerkrieg beendet wurde, entwickelte
sich das Geschäftsleben wie eine Springflut, wie ein
Gebirgsstrom, und in den folgenden Jahren sehen wir
Morgan mitten in diesem Strom, ihn mit seiner mäch-
tigen Persönlichkeit immer mehr und mehr auf den
sich anbahnenden Zusammenschluß hinlenkend, der
schließlich diese ganze Periode charakterisieren sollte.

Drittes Kapitel

DIE. EISENBAHNK AMPFE

D: Eisenbahnwahnsinn brach im Jahre 1866 über
die Vereinigten Staaten herein, und 1869 kam
Morgan ins Eisenbahngeschäft. Die Transaktion, die
zum erstenmal die Blicke der Geschäftswelt auf ihn
lenkte als auf einen Mann, der die Fähigkeit besaß,
außerordentlich schwierige Probleme des Eisenbahn-
wesens auf eine solche Weise zu lösen, daß die in den
Bahnen investierten Kapitalien aus den räuberischen
Händen von Leuten gerettet wurden, die sich einige
Jahre nach dem Bürgerkrieg damit beschäftigten,

*q
        <pb n="43" />
        Eisenbahngesellschaften zu ruinieren, um auf diese
Weise sich Vermögen zu erwerben, war der sen-
sationelle Kampf der Albany &amp; Susquehanna Railroad.

Es war ein rücksichtsloser Krieg und erforderte
eine unmittelbare Kampfansage an zwei der fähigsten
und skrupellosesten Männer, die sich in Wall Street
mit der Absicht, vor nichts zurückzuschrecken, fest-
gesetzt hatten.

Morgan war ungefähr im gleichen Alter mit Jay
Gould und etwas jünger als „Admiral‘ Jim Fisk, der
den Spitznamen „Fürst von Erie” trug. Zehn Jahre
lang hatte sich Morgan ausschließlich mit den gewöhn-
lichen Geschäften eines Privatbankiers befaßt. In
dieser Zeit hatte er sich den Ruf eines sehr be-
dächtigen und kreditwürdigen Geschäftsmannes er-
worben. Es wurde damals gesagt, daß es unnötig sei,
irgendwelche Versprechungen oder Feststellungen von
ihm schriftlich zu fixieren.

Andererseits waren Gould und Fisk durch ihre ge-
wagten Unternehmungen, durch ihre skrupellosen Me-
thoden und durch die Schnelligkeit und Geschicklich-
keit, mit der sie Eisenbahngesellschaften ruinierten,
bekanntgeworden, Außerdem war Gould der best-
gehaßte und meistgefürchtete Mann in Wall Street.
„Schwarzer Freitag‘ und „Gold Corner” wurden als
Synonyme für seinen Namen gebraucht, Man wußte,
daß er zwei oder drei Richter gewonnen und verläß-
liche Freunde in den Gerichtshöfen von New York
und New Jersey hatte. In der informellen Partner-
schaft der beiden kämpfte Fisk immer im Angesicht
der Öffentlichkeit, während Gould als Drahtzieher
hinter den Kulissen arbeitete. Fisk hatte ein außer-
ordentliches Talent für das Auftreten in der Öffent-
lichkeit: mit seiner großen, stattlichen Figur, seiner
blühenden Gesichtsfarbe, sorgfältigen Kleidung, seinen

io
        <pb n="44" />
        riesigen Diamanten, Kutschern in glitzernder Livree,
eleganten Vierspännern und vielen Freundinnen gab
er den Zeitungen mehr Stoff zum Schreiben als irgend
jemand anders in der damaligen Zeit. Als Chef der
Fall-River-Dampfschiffahrtsgesellschaft fühlte er sich
berechtigt, Admiralsuniform zu tragen, und nachdem
er die Büros der Erie-Eisenbahn im Haus der Großen
Oper untergebracht hatte, ereigneten sich seltsame
Dinge — Ballettmädchen, Champagner und Eisenbahn-
geschäfte bildeten eine unentwirrbare Mischung, und
das Geld der Erie floß in einem Goldstrom dahin.
Übrigens wurde Fisk später von einem Mann er-
mordet, mit dem er wegen der Kapitalien einer Zucker-
fabrik Streit gehabt hatte.

Die Albany &amp; Susquehanna wäre ein wertvolles
Beutestück für die Erie gewesen. Sie führte von dem
Endpunkt der New York Central in Albany zu einer
Station der Erie, Binghamton. Damals beabsichtigte
die Erie, der Central das Neuenglandgeschäft streitig
zu machen und den Kohlenhandel zwischen hier und
Pennsylvanien zu monopolisieren. Aber das Ver-
bindungsglied in einer Länge von 230 Kilometer fehlte
ihr, um ihre Pläne auf eine gesunde Basis zu stellen.
Jay Gould verschaffte sich ein Aktienpaket der
Albany &amp; Susquehanna und begann dann mit seinen
charakteristischen Methoden. Er brachte es dahin,
daß die Albany &amp; Susquehanna Zahlungsunfähigkeit
anmelden mußte, und ließ Fisk zum Konkursverwalter
ernennen. Präsident Ramsey und die Direktoren der
Albany &amp; Susquehanna sahen, was ihnen bevorstand
— sie bildeten einen fetten Bissen, den die Erie
schlucken wollte.

Sehr beunruhigt suchte Ramsey Samuel Sloan auf,
den ersten Präsidenten der Hudson River Railroad,
und fragte ihn, was er tun solle.

4 1
        <pb n="45" />
        „Warum sprechen Sie nicht mit J. P. Morgan?”
iragte Sloan. „Ziehen Sie ihn ins Vertrauen. Er fürchtet
Jay Gould nicht und kann ihn mit einwandfreien
Mitteln bekämpfen. Wenn Ihre Bahn für Sie über-
haupt noch zu retten ist, wäre Morgan der einzige,
der es tun kann, davon bin ich überzeugt.”

Ramsey befolgte diesen Rat und ging mit den
Direktoren zu Morgan. Dieser war damals erst drei-
unddreißig Jahre alt, aber es fiel ihnen. sofort die fast
intuitive Beurteilung der Lage durch ihn auf. Er
sagte:
„Ich brauche eine genaue Übersicht über Ihre
Lage. Ich brauche ferner einen kurzen Bericht über
das, was Gould und Fisk schon getan haben. Ich
werde diese beiden Schriftstücke prüfen und Sie dann
wissen lassen, was ich über die Angelegenheit denke.”

Zwei oder drei Tage später bat Morgan die Direk-
toren wieder zu sich. „Meiner Ansicht nach”, sagte
er, „muß diese Sache vor Gericht ausgefochten wer-
den. Ich denke, daß wir auf diese Weise Erfolg haben
werden. Soll ich die nötigen Schritte unternehmen?”

Mit genau so knappen Worten bat man ihn, die
Angelegenheit in die Hand zu nehmen. Als Rechts-
beistände wählte er seinen Schwiegervater Charles
E. Tracey und einen Mr. Samuel Hand aus Albany.
Sie waren sicher, von dem Richter Justus W, Peckham
vom Obersten Gericht in Albany ein gerechtes Urteil
zu erhalten. Gould und Fisk waren vertreten durch
David Dudley Field, und wenn sie irgend etwas
wünschten, von einer einstweiligen Verfügung bis zur
Bestellung eines Konkursverwalters, wandten sie sich
an Richter Barnard in New York.

Nun wurde eine Aktionärversammlung der Albany
8&amp; Susquehanna nach Albany einberufen. Zwei oder
drei Tage vor diesem Termin arbeitete Morgan mit

{2
        <pb n="46" />
        seinen Rechtsanwälten Tracey und Hand unermüdlich,
um gewisse Schriftstücke vorzubereiten, die dem Ge-
richt vorgelegt werden mußten, um eine ordnungs-
gemäße Zählung der bei der Generalversammlung ab-
gegebenen Stimmen zu gewährleisten. Sie erwarteten
irgendeinen gerichtlichen Gegenschachzug von Fisk
und Gould,
Am Abend vor der Versammlung arbeiteten Hand
und Morgan im Zimmer des ersteren im Delavan
House und machten Abschriften der eidesstattlichen
Erklärungen, die Hand am nächsten Morgen dem
Richter Peckham vorlegen wollte. Hand entschuldigte
sich für einige Minuten, da er einen Freund zu dem
nach New York abgehenden Dampfschiff begleiten
wollte, Stunden vergingen, er kehrte nicht zurück,
und Morgan fürchtete schon das Schlimmste. Aber
in den frühen Morgenstunden stürzte Hand plötzlich
ins Zimmer. Er hatte seinen Freund bis auf das Schiff
begleitet und verpaßt, rechtzeitig von Bord zu gehen.
Er hatte dann den Kapitän gebeten, ihn an Land zu
setzen, was dieser jedoch ‚verweigerte. Endlich ge-
lang es ihm, den Kapitän zu überreden, ihm eins der
Rettungsboote zu verkaufen. Sobald er es bezahlt
hatte, ließ der Kapitän die Maschinen langsam laufen,
das Boot wurde über Bord gehißt und er ruderte an
Land. In einiger Entfernung sah er die Lichter eines
Bahnhofs — es war das Dorf Hudson —, lief über die
Eisenbahnschienen und es glückte ihm, die Plattform
eines Wagens zu erklettern, gerade in dem Augen-
blick, als ein Zug nach Albany abfuhr. Er wollte eben
die Wagentür öffnen, als er Jim Fisk im Wagen sitzen
sah mit einem Trupp Kerle aus der Bowery. Da Fisk
ihn vom Sehen kannte, ahnte er, was ihm bevorstand,
wenn er in den Wagen ginge, und so fuhr er die ganze
Strecke bis nach Albany auf der Plattform.

a2
        <pb n="47" />
        Auf diese Weise erhielt Morgan zufällig Kunde
von Fisks Absicht, einen Überfall auf die General-
versammlung am nächsten Morgen ins Werk zusetzen,
und er unternahm sofort die notwendigen Schritte,
um eine unbeeinflußte Abstimmung zu sichern, aber
auch, um die Abordnung der East Side gebührend zu
empfangen.
Vor Beginn der Versammlung stand Morgan mit
Präsident Ramsey oben auf der Treppe, die zum Ver-
sammlungsraum führte. Kurz vor. Eröffnung der Ver-
sammlung kam Jim Fisk die Treppe herauf, und eine
Anzahl seiner Gefolgsleute trat unten durch die Tür
ein. Ramsey stürzte sich auf Fisk und warf ihn die
ganze Treppe hinunter, mitten unter seine über-
raschten Leute,

Als Fisk am Fuß der Treppe hinfiel, liefen die
Burschen, die er mitgebracht hatte, weg, ohne sich
nur die Mühe zu machen, ihm aufzuhelfen. Aber ein
Polizist erschien, packte ihn wütend am Kragen,
stellte ihn auf die Füße und schleppte ihn zur Polizei-
station. Hier schob der Schutzmann ihn durch die
Tür und verschwand sofort wieder. Da nichts gegen
Fisk vorlag, wurde er bald wieder entlassen. Der
„Polizist, der ihn „verhaftet‘“ hatte, war ein An-
gestellter der Gesellschaft gewesen, der sich zweck-
entsprechende Kleidung verschafft hatte.

Fisk sagte Ramsey später gelegentlich, mit solchen
Männern wie er hätte er gern zu tun!

Fisk machte nun keinen Versuch mehr, die
Generalversammlung zu stören. Er war nicht der
Mann, sich um Förmlichkeiten, wie Abstimmungen,
zu kümmern, und sagte sofort, wenn er die General-
versammlung nicht in die Tasche stecken könne, wolle
er es wenigstens mit der Bahn so machen, Nun schickte
er eine Anzahl Rowdies auf einer Lokomotive der
        <pb n="48" />
        Erie mit zwei Güterwagen auf die Linie der Albany
8&amp; Susquehanna und gab ihnen den Befehl, das ge-
samte rollende Material, dessen sie habhaft werden
könnten, abzuschleppen. Die Susquehanna schickte
ebenfalls Leute aus und ließ die Schienen aufreißen.
Der Verkehr geriet in Unordnung, da beide Seiten
Züge abließen und um das Besitzrecht kämpften. Als
der Nachmittagszug der Erie bei dem friedlichen
Dörfchen Afton ankam, mußte er halten, da van
Valkenburg, ein Beamter der Susquehanna, das Gleis
auf drei Schienenlängen hatte aufreißen lassen. Die
Bewohner des Dorfes brachten den Zug durch Flaggen-
signale zum Stehen, sonst hätte sich ein furchtbares
Unglück ereignet. Diese Leute waren erbitterte Feinde
von Fisk, aber Blut wollten sie nicht vergießen —
noch nicht.

Van Valkenburg ließ alle Züge aufhalten, wo sie
gerade waren, und fertigte einen Extrazug mit
150 Mann unter dem Befehl des Obermechanikers
Blackhall und unter Begleitung seines Rechtsbeistands
Henry Smith ab. Der Zug kam in Bambridge in der
County Chenango spät abends an und blieb hier, um
weitere Befehle abzuwarten. Inzwischen rückten
die Erieleute heran, ungefähr 20 Mann auf einem
Wagen mit einer Lokomotive. Sie kamen langsam die
Strecke entlang gefahren, verjagten überall die Be-
amten und Arbeiter der Albany &amp; Susquehanna und
setzten ihre Leute an deren Stelle.

Blackhall machte sich bereit. Der Zug von der
Erie kam vorsichtig die Strecke entlang, ging aber
doch in die ihm gestellte Falle. Durch einen neuen
Patentbremsschuh wurde die Erielokomotive plötz-
lich zum Entgleisen gebracht. Im selben Augenblick
fuhr der Susquehannazug, der auf einem Nebengleis
im Hinterhalte gelegen hatte, den Eindringlingen nach

a”
        <pb n="49" />
        und schnitt ihnen den Rückzug ab. So wurden sie alle
von dem Obermechaniker Blackhall und dem Rechts-
berater Smith gefangengenommen,

Das waren aber erst Vorpostengefechte. Die große
Schlacht sollte noch folgen.

Die Erie hatte 500 Leute bei dem Tunnel in der
Nähe von Binghamton und hielt das Bahnhofsgebäude
besetzt. Die Albany &amp; Susquehanna hatte das andere
Ende des Tunnels mit ungefähr derselben Anzahl von
Leuten inne. In der Abenddämmerung eines August-
tages entschied sich der Befehlshaber der Erieleute,
den strittigen Tunnel mit Gewalt zu nehmen. Er
packte ungefähr zweihundert von dem Auswurf der
Bowery auf zwei Güterwagen, kuppelte eine Loko-
motive davor und schickte den Zug in den Tunnel.
Der Zug kam wohlbehalten durch den dunklen Tunnel,
als er aber in die Kurve an der jenseitigen Mündung
fuhr, kam ein Zug mit Ramsey-Morgan-Leuten ihm
entgegen — auf demselben Gleis! Die Erielokomotive
gab mit der Dampipfeife das Zeichen zum Bremsen,
der andere Zug verlangsamte seine Fahrt aber nicht.
Die Lokomotiven stießen heftig zusammen, und das
war das Signal zum Kampf. Die Burschen schwärmten
auf den Bahndamm und fielen mit Stöcken, Steinen,
Revolvern und fürchterlichen Flüchen übereinander
her, Bald aber wurde es zu dunkel, um noch Freund
und Feind zu unterscheiden. Beide Seiten zogen sich
zurück und schleppten ihre Verwundeten und Be-
trunkenen mit. Sie verschanzten sich neben dem
Bahndamm.
Von jetzt ab befand sich das dünnbesiedelte Land,
durch das die Linie der Albany &amp; Susquehanna lief, in
einer Art Kriegszustand, Die Tageszeitungen der
Hauptstadt sandten „Kriegskorrespondenten” in das
„Kampfgebiet‘”, und der ganze Staat wartete, was

46
        <pb n="50" />
        daraus noch werden sollte. Während Fisk und Ram-
sey die Kampftruppen befehligten, führten Gould und
Morgan mit einstweiligen Verfügungen Krieg gegen-
einander. Nicht weniger als 22 Prozesse wurden
anläßlich dieses Kampfes anhängig gemacht. Da Mor-
gan fand, daß Gould mit dieser Waffe besser um-
zugehen verstand und eine dauernde wertvolle Hilfe
an den sogenannten Richtern, die von der Erie
gewonnen waren, hatte, machte er einen geschickten
Schachzug, der die Angelegenheit in die Hände des
Gouverneurs Hoffman vom Staate New York und
seine Gegner vor Richter brachte, die eine andere
Ansicht über diese Räubereien hegten. Der Gouver-
neur hatte bereits gedroht, die Bahn mit Militär be-
treiben zu lassen, wenn die beiden Parteien ihre
Meinungsverschiedenheiten hicht beilegten. Morgan
stellte Gould und Fisk eine Falle, in die sie auch hin-
eingingen: sie schrieben dem Gouverneur, es sei den
beiden Parteien unmöglich, sich zu einigen; wie die
augenblickliche Lage sei, könne die Bahn nicht be-
trieben werden, und sie bäten den Staat, einen Be-
amten im Interesse des öffentlichen Friedens zum
Leiter zu ernennen, Der Gouverneur ernannte A.
Bleecker Banks aus Albany, und sofort folgte eine
vorübergehende Beruhigung.

Morgan berief eine Generalversammlung ein, und
es wurde ein Direktorium gewählt. Dieses ermächtigte
ihn, die Bahn zu verpachten. Die Versammlung hatte
am späten Nachmittag stattgefunden, und er eilte so-
fort nach New York, um die Verpachtung perfekt zu
machen, bevor Gould ihn wieder mit einer einst-
weiligen Verfügung binden konnte. Noch am selben
Abend vollendete er das Werk, und war schon am
nächsten Tag mit dem Pachtvertrag in Albany zurück.
Bevor die Gould-Fisk - Partei etwas unternehmen

.M

4
        <pb n="51" />
        konnte, war die Albany &amp; Susquehanna für immer
ihrem Zugriff entrückt. Sie wurde an die Delaware &amp;
Hudson Canal Company, an der Morgan interessiert
war, durch deren Präsidenten Le Grand B. Cannon
verpachtet.

Die Aktien der Albany &amp; Susquehanna, die auf 18
gestanden hatten, gingen um 100 Punkte in die Höhe,
die Aktionäre erhielten eine garantierte Dividende von
7 Prozent, die später auf 9 Prozent erhöht wurde, und
die Angestellten, von denen unter einer Konkurs-
verwaltung viele brotlos geworden wären, behielten
ihre Stellungen. Morgans aufbauende Arbeit auf dem
Eisenbahngebiete hatte begonnen.

A

Dieser Kampf zeigte, daß eine neue Macht in der
industriellen Welt erschienen war, eine Macht, die
auf gesunde Aufbauarbeit hinzielte, nicht auf Aktien-
spekulation und schnelles Reichwerden. Die ältere
Generation von Bankiers hatte sich hiervon stets
ferngehalten, aber sie war durch die piratenhaften
Finanzoperationen der Leute vom Schlage eines Gould
der Fisk gänzlich in den Hintergrund gedrängt wor-
den. Selbst Vanderbilt waren sie zuviel geworden,
ınd Daniel Drew wurde von seinen eigenen Gefährten
zum Bankrott gedrängt. Morgan jedoch warf sich in
das Schlachtgetümmel, bekämpfte sie mit ihren eigenen
Waffen und gewann: einen Sieg für seine Politik,
Schon damals zeigte sich eine Spur des späteren Mor-
gan, der „der Unausweichbare‘ genannt wurde. Fisk
hatte bei Beginn des Kampfes erklärt, daß er seine
Absichten verwirklichen werde, „und wenn es Mil-
lionen Dollars und noch so viele Menschen kosten
sollte.”

{iR
        <pb n="52" />
        Drei Jahre später wandten sich die Drexels in
Philadelphia, eine sehr reiche und erfolgreiche Bankier-
familie, an Morgan mit der Anfrage, ob er als Mit-
glied der Firma in ihr New Yorker Zweigunternehmen
eintreten wolle. Diese Verbindung sicherte ihm weit
mehr Einfluß und Macht, als er jemals vorher besessen
hatte. Infolgedessen wurde die Firma Dabney, Mor-
gan &amp; Co. aufgelöst und im Jahre 1871 begann die
neue Firma Drexel, Morgan &amp; Co. ihre Tätigkeit.
Ecke Broadway und Wall Street wurde ein Grundstück
gekauft und mit einem Aufwand von einer Million
Dollar ein Gebäude aus weißem Marmor errichtet,
dasselbe solide Gebäude, das — heute allerdings nicht
mehr weiß, sondern graubraun und zwerghaft an-
mutend gegen die umliegenden Hochhäuser — noch
immer das Hauptquartier der Morganschen Unter-
nehmungen ist.

Viertes Kapitel
DAS ERSTE KONSORTIUM MORGANS

as Jahr, in dem die Firma Drexel, Morgan &amp; Co.
| DE wurde, sah auch das Entstehen des
ersten Konsortiums, jenes Mittels, das allein die weit-
verzweigte und ziemlich sichere moderne Geschäfts-
führung möglich macht. Jay Cooke, ein Bankier aus
Philadelphia, hatte diesen Gedanken zuerst; er hatte
ihn gefaßt, als er die Entwicklung der französischen
„syndicats‘” studierte. Das erste amerikanische Kon-
sortium wurde von Cooke gegründet, um einen Teil
der Ausgabe von 500 Millionen Dollar-Anleihen des
Staates auf den Markt zu bringen. Morgan nahm an
diesen Geschäften nicht teil, aber seine Haltung und

Mordan

#7
        <pb n="53" />
        die seiner Geschäftsfreunde ließen Cooke keinen
Zweifel, daß er ihn das nächste Mal werde beteiligen
müssen.
Das Publikum betrachtete das neue finanzielle
Werkzeug noch mit verdächtigem Zweifel, Es erhoben
sich Stimmen, die laut und dringend forderten, die
Regierung solle ihre Papiere selbst verkaufen wie ein
Kaufmann am Ladentisch, und die Kommission dem
Publikum zugute kommen lassen, nicht einer Gesell-
schaft von mächtigen Bankiers, Seit damals haben
die Konsortien, die ein politischer Redner in den
siebziger Jahren Haifische und hartherzige Überreste
des barbarischen Zeitalters nannte, Früchte getragen,
sich vermehrt und die Geldbeschaffung für alle großen
geschäftlichen Unternehmungen in die Hand genommen,
Morgans Laufbahn als weltbedeutender Finanzier be-
gann mit einer Konsortialtransaktion, und bald be-
herrschte er das ganze Feld.

Die Mitglieder eines Konsortiums nehmen stets
ein großes Risiko auf sich. Es wird immer ein Kon-
trakt abgeschlossen, nach dem das Konsortium sich
verpflichtet, die Ausgabe einer Anleihe oder der-
gleichen an einem bestimmten Tag und zu einem be-
stimmten Kurs zu übernehmen. Wenn es die Papiere
dem Publikum zu einem höheren Preis, als es selbst
gezahlt hat, verkaufen kann, so gehört der Gewinn
ihm; wird es die Papiere aber nicht rechtzeitig oder
nur mit Verlust los, so hat es auch den Schaden zu
tragen. Wenn es sich nur um ein paar Millionen
handelt, kann eine einzelne Bank das ganze Geschäft
finanzieren, wenn es aber ein sehr großes Objekt be-
trifft, mehr, als eine einzelne Firma mit Sicherheit
übernehmen kann, so wird ein Konsortium gebildet,
um das Risiko zu verteilen, .

Die Teilnahme an einem Konsortium ist ein Vor-

50
        <pb n="54" />
        zug, der nur den Firmen zugestanden wird, deren Ein-
fluß den Markt wirklich erweitern und so am Erfolg
des Unternehmens mitarbeiten kann. Die Firma, die
die Bildung eines Konsortiums übernehmen will, be-
reitet einen Vertrag vor, in dem jede Einzelheit genau
aufgeführt ist, und dieses Schriftstück wird den ein-
zelnen Konsortialen zur Billigung und Unterschrift
zugesandt. Wenn ein kapitalkräftiges Haus den Plan
aufzieht, hat es selten mit einem abschlägigem Be-
scheid zu rechnen, denn eine Weigerung würde die
Streichung der betreffenden Firma von der Liste für
alle Zukunft bedeuten.
Wenn Morgan eines seiner Riesenkonsortien bil-
dete, setzte er seine Geschäftsfreunde auf die Liste
mit den Anteilen an der Verantwortlichkeit und am
Gewinn, die sie haben sollten. Er fragte sie gar nicht
erst. Es kam auch schon vor — besonders im Falle
des Schiffahrtstrusts —, daß seine Geschäftsfreunde
für Verluste aufzukommen hatten, anstatt daß sie
schmunzelnd Gewinne einsteckten. Nichtsdestoweniger
überließen sie alles ihm, Es würde auch nicht
geraten gewesen sein, eine Einwendung gegen irgend-
eine Anordnung, die er getroffen hatte, zu machen.
Einmal ging ein Kapitalist mit dieser Absicht zu Mor-
gan. Er hatte seinen Namen auf der Liste eines neuen
Konsortiums gefunden, und wagte nun leise anzu-
deuten, daß er im Augenblick von einer Teilnahme
lieber Abstand nehmen würde. Morgan schwieg ziem-
lich lange darauf, so lange, daß der Besucher anfing,
von etwas anderem zu reden. Er merkte aber, daß
Morgan gar nicht zuhörte. Morgan dachte sich: ‚Hier
ist also ein Mann, der sich ein Vermögen aus den Ope-
rationen gemacht hat, die ich ausgedacht habe; er hat
das Glück gehabt, zugelassen zu werden, wo so viele
andere fast auf den Knien um diesen Vorzug baten —

Rn 4
        <pb n="55" />
        und nun will er sich auf das hohe Pferd setzen und
eine eigene Meinung haben!‘ ... Und als schärfsten
Tadel für ein solches Unterfangen dachte er sich, der
Mann sei sicher ein verächtlicher Baissier.

„Sie können natürlich draußen bleiben‘, sagte Mor-
gan zuletzt eisig, „aber bilden Sie sich nur nicht
ein, daß Sie nochmals mit uns Geschäfte machen
können!“

Wenn eine Einzeichnungsliste für wohltätige
Zwecke herumgeschickt wurde, etwa für eine Kirche
oder dergleichen, schrieb Morgan aus purer Gewohn-
heit die Namen seiner Freunde mit den Beträgen, die
sie spenden sollten, hinein, Das Organisieren wurde
ihm allmählich zur zweiten Natur, er bevormundete
seine Freunde, als ob sie noch nicht großjährig wären.
Ein Erlebnis des Bischofs Potter ist dafür ein gutes
Beispiel,

Bischof Potter verbrachte einen Sonntagnachmit-
tag mit Morgan im Landhaus des letzteren in Highland
Falls. Das Dorf dieses. Namens ist eine Eisenbahn-
station an der West Shore Railroad, einige Meilen
unterhalb von West Point, und die Schnellzüge halten
dort nicht. Morgan berührte das natürlich wenig, da
er stets. seine Yacht benützte, aber dem Bischof war
es sehr unbequem. Er reiste nicht gern am Sonntag,
hatte jedoch eine wichtige Verpflichtung in New York
für denselben Abend, und er sagte, er werde wohl
einen Personenzug nehmen müssen, der etwas vor der
Superzeit abfuhr.

„O nein“, sagte Morgan, „es kommt später noch
ein Zug. Natürlich bleiben Sie zum Super hier,”

„Ich weiß nichts von einem solchen Zug“, wider-
sprach der Bischof, „und ich muß wirklich rechtzeitig
in der Stadt sein, da ich noch einen Abendgottesdienst
abzuhalten habe,‘

57
        <pb n="56" />
        „Es. kommt noch ein Expreßzug‘, sagte Morgan,
„ich werde ihn für Sie anhalten lassen.”

Ungefähr eine Stunde später fuhr Morgan mit dem
Bischof in der Dunkelheit eines frühen Herbstabends
die steile Straße zum Bahnhof hinunter. Kein Licht
war mehr in dem Gebäude, Der Kutscher stieg ab und
rüttelte an der verschlossenen Tür. Dann kam er zu-
rück und berichtete, der Stationsbeamte sei schon
heimgegangen. Da wurde das noch schwache, aber
lauter werdende Geräusch eines näherkommenden
Zuges hörbar.
„Brechen Sie die Tür ein‘, befahl Morgan dem
Kutscher, „nehmen Sie einen großen Stein!‘* Er und
sein Besucher stiegen aus dem Wagen und sahen zu.
Endlich gab die Tür nach. Morgan ging hinein und
fand eine Laterne, die er anzündete.

„Kommen Sie, Herr Bischof“, rief er fröhlich, stellte
sich mitten auf das Gleis und schwenkte die Laterne.

Mit fürchterlichem Quieken und Kreischen hielt
der Zug an. Es war ein sehr langer Güterzug. Vom
Maschinenstand herab lehnte sich der sehr über-
raschte Lokomotivführer, und von dem Dienstwagen
her, irgendwo hinten in der Dunkelheit, kam der Zug-
führer gelaufen.

Wütend fragte er: „Was fällt Ihnen ein, den Zug
anzuhalten?”
Morgan, der noch die Laterne in der Hand hielt,
sagte ihm, wer er sei.

„Das ist mir ganz egal, wer Sie sind, Sie . . .‘“ (der
Zugführer sagte noch verschiedenes, was sich im Druck
nicht gut wiedergeben läßt), „Sie haben den Zug über-
haupt nicht anzuhalten, ein Expreßzug kommt hinter
uns, und wenn es einen Zusammenstoß gibt, dann...“,
aber Morgan hörte gar nicht mehr auf ihn.

573
        <pb n="57" />
        „Nun, Herr Bischof“, sagte er höflich, „steigen Sie
bitte in den Dienstwagen und fahren Sie nach New
York.”

Das tat der Bischof denn auch.

Jay Cooke, der große Bankier aus Philadelphia,
nahm in den Augen seiner Zeitgenossen ungefähr den-
selben Platz ein wie später Morgan: in ganz gleicher
Weise war er die entscheidende Autorität in Finanz-
fragen, auch war er während des Bürgerkrieges die
Hauptstütze der Regierung gewesen, Er hatte ein be-
merkenswertes Talent für die Bearbeitung der öffent-
lichen Meinung, er konnte ausgezeichnet die Ausgabe
von Staatspapieren aufziehen und hätte selbst in einer
Wüste noch Geschäfte gemacht. Nach ununterbrochen
erfolgreichen Jahren fühlte er sich seines Monopols
sicher und meinte, er werde niemals einen ernstlichen
Konkurrenten in Amerika haben.
Einige Jahre nach dem Bürgerkrieg brachte der
Kongreß ein Gesetz durch, das die Rückzahlung der
halben Milliarde Dollar ermöglichen sollte, die man
geliehen hatte, um die Kriegskosten zu bestreiten. Der
Zweck des Gesetzes war, in der Zinszahlung Erspar-
nisse zu machen, indem die sechsprozentigen Schuld-
verschreibungen gegen fünfprozentige umgetauscht
wurden. Im Jahre 1871 gelang es Cooke, einen Teil
dieser neuen Ausgabe unterzubringen. Allerdings nahm
das Publikum das neue Papier mit ziemlicher Zurück-
haltung auf, die meisten Schuldverschreibungen wur-
den im Ausland abgesetzt. Zwei Jahre später kün-
digte der Schatzsekretär George S, Boutwell eine neue
Ausgabe von Schuldverschreibungen an und bat die
Bankiers um Vorschläge.

34
        <pb n="58" />
        Nun lag der Hase im Pfeffer. Die Presse verhielt
sich ablehnend, ja feindlich. Jay Cookes Konkurrenten
fuhren nach Washington und hetzten gegen den Kon-
sortiumsgedanken. Seine Feinde gewannen das Ohr
des Präsidenten Grant. Schließlich organisierten die
Firmen Morton, Bliss &amp; Co. und Drexel, Morgan &amp; Co.
durch Morton und Morgan ein neues Konsortium, um
Cooke das Ausgabegeschäft zu entreißen. Das Finanz-
komitee wurde ein politisches Sturmzentrum.,

Morgans früherer Chef, William Butler Duncan,
teilte dem Komitee mit, er habe an dem Konsortium
von 1871 keinen Anteil gehabt, es sei ein sehr ge-
wagtes Unternehmen gewesen und während seiner
Lebensdauer habe es Zeiten gegeben, in denen es sehr
zweifelhaft gewesen war, ob man zu einem erfolg-
reichen Abschluß kommen werde. Er zweifle sehr, ob
bei der gegenwärtigen Lage auf dem Weltfinanzmarkt
ein neues Unternehmen in dieser Richtung auch nur
annähernd so erfolgreich sein werde wie das damalige.
Duncan riet, sich zwecks der Zeichnung der Anleihe
an das Publikum unmittelbar zu wenden.

Levi P. Morton, der Sprecher für das neue Kon-
sortium, wurde von dem Komitee am nächsten Tag
angehört. Auf Duncans Auslassungen erwiederte er
einfach: „Einige Leute haben geraten, die Regierung
solle warten, bis die Käufer zum Schatzamt kommen,
um ihre Schuldverschreibungen einzutauschen. Meiner
Ansicht nach könnte die Regierung lange warten, be-
vor jemand käme, um sechsprozentige Schuldscheine
in fünfprozentige umzutauschen.‘ Er sagte weiter, daß
er bereit sei, sich an dem neuen Konsortium zu be-
teiligen.

Die Morganpartei wurde gebildet von Mortons
amerikanischer und Londoner Firma, von Morgans
New Yorker und Londoner Haus und von den Barings.

A
        <pb n="59" />
        Sie schlug vor, entweder 100 Millionen oder den
gesamten Rest der fünfprozentigen Papiere im Betrag
von 300 Millionen zu übernehmen. -

Die ruhige Beharrlichkeit der Leute um Morgan
erbitterte Jay Cooke außerordentlich, Seine Freunde
wandten sich unmittelbar an Boutwell und sagten ihm,
es würde eine unverzeihliche Kränkung und ein
schwerer Schlag für Cooke sein, wenn dieses Geschäft
von einer anderen Partei gemacht würde, und sein
Freund Senator Cattell aus New Jersey schrieb ihm
aus Washington, der Vorschlag der Morton-Morgan-
Gruppe sei ein Plan, „der nicht ausgeführt werden
kann und darf,”
Das ganze Land lachte über die merkwürdige Lage,
in der sich Cooke befand, und über die lächerlichen
Hinziehungsversuche und endlosen Debatten im Finanz-
komitee. „Sagt, was ist ein Konsortium?” wurde in
einem Knüppelversgedicht in den Zeitungen gefragt,
und ob Cooke vielleicht den fettesten Karpfen aus
dem Teich fischen wolle:
„Pray, what is a syndicate,
Intended to indicate?

Is queried abroad and at home,
Say, is it a corner,

Where Jay Cooke as Horner,
Can pull out a very bis plum?”
Boutwell teilte dem Finanzkomitee mit, wenn es
keinen Beschluß für oder gegen fassen könne, werde
er das als eine Vertrauenskundgebung für seinen Vor-
schlag, die erste Rate der Anleihe unterzubringen, an-
sehen. Das Komitee faßte darauf den Beschluß, daß
es — keinen Beschluß fassen werde! Boutwell wußte,
daß sein Plan vollkommen vernünftig war, und so ver-
gab er die Anleihe zu gleichen Teilen an das Kon-

Zi
        <pb n="60" />
        sortium von Jay Cooke (Cooke und die Rothschilds)
und an die Morgangruppe.

Die Schuldverschreibungen wurden auch unter-
gebracht, allerdings nicht ohne Schwierigkeiten, denn
der einzige Vorteil, den sie dem Käufer für das ge-
ringere Zinseinkommen boten, war, daß sie länger
liefen als die alten sechsprozentigen, die jeden Augen-
blick aufgerufen werden konnten.

Es waren damals Jahre voll von Aufregungen und
Paniken im Geschäftsleben, Luftgeschäfte und Speku-
lationen blühten, und der schon viel zu große Papier-
geldumlauf gab den Spekulanten und Kapitalisten ein
Mittel in die Hand, sich zusammenzutun und durch
Aufspeichern von Papiergeld eine Knappheit an Zah-
lungsmitteln hervorzurufen. 350 Millionen Dollar in
Papier waren als Kriegsmaßnahme ausgegeben worden,
und die Interessen des Handels verlangten gebieterisch,
nun, da die Notlage des Krieges überwunden war, diese
Millionen langsam, aber sicher wieder auf ihren Gold-
wert zurückzuführen. Gold wurde damals mit einem
Agio von 10 bis 15 Prozent gehandelt. Es wurde viel
Agitation für die Wiederaufnahme der Goldeinlösungs-
pflicht des Papiergeldes getrieben, die, wie die Ge-
schäftswelt wußte, kommen mußte, bevor das Land
wieder auf der Basis seines wirklichen Bedarfs Ge-
schäfte abschließen konnte.

Um die Zeit der Präsidentenwahl 1876 ging Morgan
nach Europa. Er war entrüstet über die Finanzmänner,
die er in London traf, weil sie Zweifel betreffs der
finanziellen Lage der Vereinigten Staaten ausdrückten.
Man sagte ihm, die Agitation im Kongreß und in vielen
Teilen des Landes für die Einführung einer teilweisen

7
        <pb n="61" />
        Silberwährung lasse viele Amerikaner einen Teil ihres
Vermögens flüssig machen und ausländische Werte
kaufen.
„Und weshalb?" fragte Morgan.

„Nun, sie kaufen unsere Konsols, und das zeigt, daß
sie ernstliche Befürchtungen betreffs der Folgen der
Silbergesetzgebung in Ihrem Lande hegen.”

„Aber der Kredit der Vereinigten Staaten sollte
jetzt gerade höher sein als je zuvor”, meinte Morgan.
„In wenigen Jahren werden wir die Einlösungsver-
pflichtung des Papiergeldes in Kraft setzen.”

Auf diese Weise tat Morgan in seinen ständigen
Besprechungen mit den Großkapitalisten und Finanz-
männern Großbritanniens viel, den Mangel an Ver-
trauen zu den Vereinigten Staaten, der eine Zeitlang
geherrscht hatte, zu beseitigen. Daß ihm das möglich
war, zeigt die Achtung, deren er sich erfreute, und
das Vertrauen, das man seinen Äußerungen entgegen-
brachte.

Aber es gab viele Anzeichen, daß in den Ver-
einigten Staaten selbst der Kredit der Regierung sehr
gesunken war. Eine neue Ausgabe von Schuldver-
schreibungen, die diesmal nur 4 Prozent Zinsen
tragen sollten, wurde vom amerikanischen Volk weniger
günstig aufgenommen als irgendeine andere Ausgabe
von Staatspapieren seit Beginn des Bürgerkrieges.
Man konnte für diese Papiere nur einen Markt schaffen,
indem man sie unter dem Nennwert verkaufte,

In dieser Notlage wandte sich die Regierung an
Morgan. Er und August Belmont trafen zusammen mit
den Rothschilds Anfang 1878, ein Jahr vor der Wieder-
aufnahme der Einlösungspflicht des Papiergeldes, Vor-
bereitungen, den größten Teil dieser neuen ameri-
kanischen Anleihe auf den Markt zu bringen.

Morgan hatte auf alle mögliche Weise den briti-

58
        <pb n="62" />
        schen Kapitalisten die Stärke der Regierung der Ver-
einigten Staaten dargelegt und sie davon überzeugt,
daß die Regierung unter allen Umständen für diese
Papiere gutstehen würde, und daß jede auf den Schuld-
verschreibungen verzeichnete Beiingung eingehalten
werden würde. Für diese Art Missionsarbeit war
Morgan wohl der geeignetste von allen amerikanischen
Bankiers. Er überwand die Zweifel, die in gewissen
Kreisen in England geherrscht hatten betreffs der Ab-
sicht oder Fähigkeit der amerikanischen Regierung,
die Einlösungspflicht der Noten am 1. Januar 1879
in Kraft zu setzen, und zeigte, wie dieser Schritt vor-
bereitet worden war.

„Es wird gar nicht einmal nötig sein‘, sagte er,
„die Einlösungspflicht formell wieder in Kraft zu
setzen, denn sie wird tatsächlich schon 6 Monate
vor dem gesetzlich festgelesten Termin erfüllt
werden.“
Auf diese Weise wurde Vertrauen und damit ein
Markt für die neuen Verschreibungen geschaffen. In
3 Monaten hatte Morgan zusammen mit den Roth-
schilds durch Belmont 50 Millionen gekauft und ab-
gesetzt, und in 6 Monaten weitere 150 Millionen.
Sie gaben diese Schuldverschreibungen an ihre
Klienten und sonstige Kapitalisten in England und
den Vereinigten Staaten weiter, und der Kurs ging
so rasch in die Höhe, daß das Konsortium sie an-
fänglich 1 Prozent und später 4 Prozent teurer ver-
kaufen konnte, als es sie von der Regierung über-
nommen hatte.
Dieses Geschäft erwarb der Firma Morgan welt-
weite Beachtung. Damals sagte jemand zynisch, daß
es für Morgan kein Kunststück gewesen sei, diese
Transaktion zu finanzieren, da ja die Rothschilds
hinter ihm gestanden hätten. Hierauf hätte man ant-

50
        <pb n="63" />
        worten können: „Wie hat er es denn fertiggebracht,
daß die Rothschilds hinter ihm standen?’ Übrigens
war es nicht wahr, daß sie hinter ihm standen, da die
Konsortialen in gleicher Weise beteiligt waren.

Fünftes Kapitel
DIE RETTUNG VANDERBILTS
M* hat die Bildung dieses Konsortiums stets’ als
eine der größten Taten bei der Finanzierung einer
nationalen Anleihe betrachtet. Aber ein Unternehmen,
an dem Morgan ganz allein beteiligt war, lenkte bald
darauf die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit in noch
verstärktem Maße auf ihn, denn es bildete ein ganz
neues und noch nie dagewesenes Wagnis für einen
amerikanischen Finanzmann.

William H. Vanderbilt war 1876 der Nachfolger
seines Vaters in der absoluten Kontrolle der New
York Central Railway Corporation geworden. Man
wußte, daß seine Herrschaft über die New York Cen-
tral sich darauf stützte, daß er der Eigentümer der
Aktienmajorität war. Die Macht eines einzelnen
Mannes in einem großen Eisenbahnsystem wurde all-
mählich kritisiert, und so entschloß sich Vanderbilt
notgedrungen, einen Schritt zu unternehmen, der ein
Markstein in der Geschichte der amerikanischen
Finanz geworden ist,

Das Parlament des Staates New York in Albany
beschloß eine schwere Besteuerung nicht so sehr
Vanderbilts selbst, als vielmehr der New York Cen-
tral. Der hierfür angegebene Grund war, daß die
Aktien praktisch im ausschließlichen Besitz eines
einzelnen Mannes waren. Es wurde angedeutet, daß
diese Besteuerung von Zeit zu Zeit noch erhöht wer-

O0
        <pb n="64" />
        den würde. Nun geriet Vanderbilt in große Besorgnis.
Er unterredete sich mit einigen Freunden, zu deren
Urteilskraft er Zutrauen hatte. Er sagte ihnen, wenn
er einen Weg wüßte, wie er sich eines beträchtlichen
Teiles seines Aktienbesitzes der New York Central
entledigen könnte, würde er ihn gern beschreiten.

„Ich kann natürlich die Aktien nicht auf den Markt
werfen”, meinte er. „Das würde einen Kurssturz her-
vorrufen und könnte sogar eine allgemeine Panik ver-
ursachen.‘
Man erinnerte Vanderbilt in diesem Zusammen-
hang an Morgan. Vanderbilt kannte Morgan nicht
persönlich, er wußte nur von seiner Verbindung mit
den Drexels, die gewissermaßen für die Pennsylvania
Railroad Company die Steuergeschäfte besorgten. Je-
doch würde das allein Vanderbilts Entschluß, Morgan
aufzusuchen und ihm die schwierige Frage vorzulegen,
nicht erklären. Die Art, wie Morgan die Regierungs-
anleihe in England untergebracht hatte, hatte einen
großen Eindruck auf ihn gemacht. Bald darauf kamen
die beiden Männer auf Vanderbilts Ersuchen zu-
sammen. Dieser sagte zu Morgan:

„Herr Morgan, die New York Central ist infolge
der Absicht des Staatsparlaments und bis zu einem
gewissen Grade auch der Stadt New York, sie ganz
unangemessen zu besteuern, in sehr ernster Lage.
Wenn in dieser Haltung keine Änderung eintritt, wer-
den die Folgen schwerwiegend sein und die Bahn zum
Bankrott zwingen. Irgend etwas muß geschehen, und
zwar schnell. Die Gesellschaft wird deshalb so hoch
besteuert, weil man mich für den fast ausschließlichen
Eigentümer hält. Ich sehe kein Mittel, die Gefahr ab-
zuwenden, außer wenn ich einen größeren Teil meines
Aktienbesitzes abgebe. Ich würde mich freuen, wenn
Sie mir sagen könnten, wie das zu machen wäre.“

64
        <pb n="65" />
        Morgan sprach in seiner Antwort sehr vertrauens-
voll von den Aktien der New York Central und drückte
die Meinung aus, daß die Bahn noch weiterer Aus-
dehnung und größeren Gewinnes fähig sei. Er sei
sicher, sagte er, daß seine englischen Geschäftsfreunde
dieselbe gute Meinung von der Bahn hegten, und seiner
Ansicht nach könne jeder Betrag an Aktien dieser
Bahn, den Vanderbilt abzustoßen willens sei, unter
der Hand und ohne daß das Publikum es gewahr
würde, an englische Kapitalisten abgegeben werden.
„Wieviel wollen Sie denn verkaufen?” fragte er.

Vanderbilt antwortete, daß er im Besitz von 87
Prozent des Aktienkapitals sei und daß er soviel ab-
geben wolle, daß man nicht mehr behaupten könne,
er sei der Besitzer der Aktienmehrheit.

Morgan antwortete fast augenblicklich. Er sei
sicher, sagte er, daß er unter der Hand und ohne das
Aktienpaket auf den Markt zu werfen, alles, was
Vanderbilt abgeben wolle, unterbringen könne, Ferner
glaube er bestimmt, daß er die Papiere den englischen
Käufern zum damaligen Kurswert von ungefähr 130
abgeben könne,

Man kam in wenigen Tagen zu einer Verständigung,
obwohl es natürlich einige Zeit erforderte, bis alle
Einzelheiten vorbereitet waren. Außer Vanderbilt und
Morgan und vielleicht noch einer einzigen Person
hatte niemand auch nur die geringste Ahnung oder
den leisesten Verdacht, daß eine derartige Trans-
aktion beabsichtigt war. Und es ist wohl nur den Be-
teiligten bekannt, wer von den englischen Groß-
kapitalisten das Aktienpaket erwarb.

Erst als das Paket aus dem Eigentum Vanderbilts
in das der englischen Kapitalisten übergegangen war,
hörte man, daß Vanderbilt Aktien im Nennwerte von
25 Millionen Dollar durch Morgan nach England ver-

67
        <pb n="66" />
        kauft hatte. Die Tatsache selbst wurde absichtlich
bekanntgemacht. Und auch der Zweck der Trans-
aktion wurde erreicht, denn die Versuche der un-
angemessenen Besteuerung der New York Central
hörten auf. Allerdings wurden Vanderbilts Beweg-
gründe mißdeutet. Der allgemeine Eindruck war,
Vanderbilt habe es vorgezogen, einen großen Teil
seines Aktienbesitzes in Staatspapiere umzutauschen,
da er kein Vertrauen mehr für die Zukunft der New
York Central habe. Allerdings wurde auch von vielen
als wahr angenommen, daß er das Aktienpaket ab-
gestoßen habe, um den Vorwurf, der alleinige Besitzer
zu sein, zu umgehen.

Was Morgan betrifft, so war ihm eine Tat geglückt,
die in der Geschichte des amerikanischen Finanz-
wesens noch nie versucht worden war. England und
der europäische Kontinent hatten zwar schon seit
Jahren Kapital in amerikanischen Eisenbahnen in-
vestiert, aber hauptsächlich in Anleihen oder auf dem
Wege über den Aktienmarkt. Niemals waren ameri-
kanische Eisenbahnaktien in größerem Maßstab un-
mittelbar an englische Kapitalisten verkauft worden.
Morgan erhielt dann das stellvertretende Stimmrecht
für die Aktien, die sich im Besitz der englischen Geld-
männer befanden.

J. P. Morgan wurde jetzt allmählich bekannt, zwar
nicht in der breiten Öffentlichkeit oder durch die Zei-
tungen, wohl aber in verschiedenen Gruppen und
Kreisen. Die Soldaten des stehenden Heeres wußten
z. B. im allgemeinen herzlich wenig von den New
Yorker Bankiers, und von Morgan ebensowenig, aber
im Jahre 1877 erfuhren sie ganz plötzlich von seiner
Existenz. Es gab damals eine Einrichtung, die das

67
        <pb n="67" />
        Heer heute nicht mehr kennt. Sie hieß Posse commi-
tatus, und es wurde besonders in den Südstaaten zur
Zeit der Carpet-baggers oder wilden Kandidaten viel
Gebrauch von ihr gemacht, Durch das Posse commi-
tatus war es den Zivilbehörden möglich, zu jeder Zeit
und überall das Militär in Anspruch zu nehmen, um
die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten und Ver-
haftungen vorzunehmen. Sie machten von diesem
Recht besonders häufig an den Wahltagen Gebrauch,
Der Süden wurde darüber allmählich so aufgebracht,
daß seine Kongreßmänner in Washington den Etat für
die Besoldung des regulären Heeres nicht mehr be-
willigten. Fast ein Jahr lang erhielten die Soldaten
infolgedessen als Sold Schecks, die vollkommen wert-
los waren, denn es war kein Geld da, um sie ein-
zulösen. Hierunter litt natürlich jeder einzelne Soldat
in den Vereinigten Staaten, von den Garnisonen im
Osten bis zu den Kampftruppen auf den Prärien.

General Miles kämpfte damals im Yellowstone-
gebiet gegen die Indianer vom Stamme der Nez Perces.
Es war ein harter Kampf und es wurde viel geritten,
und wenn die Leute in die Zivilisation zurückkehrten,
hatten sie zerrissene Uniformen, furchtbaren Appetit
— und keinen Cent, um sich oder ihren Pferden etwas
zu kaufen. Ihre einzige Zuflucht waren die jüdischen
Geldwechsler, die ihnen anboten, die Schecks des
Zahlmeisters mit einem Diskont von 25 Prozent an-
zunehmen. Dabei jammerten die Juden noch über das
[urchtbare Risiko.

In ihrer Notlage waren die Offiziere und Mann-
schaften halb und halb bereit, auf 25 Prozent ihres
ehrlich erworbenen Soldes zu verzichten, da kam die
Nachricht, daß J. P. Morgan von der Firma Drexel,
Morgan &amp; Co. Geld geliefert hatte, um dem Heere
den Sold sofort auszuzahlen, und zwar mit einem Dis-

54
        <pb n="68" />
        kont, der kaum die Kosten des Verfahrens decken
würde, nämlich 1 Prozent,

Für die Soldaten ist diese Handlung Morgans un-
zweifelhaft die größte Tat, die er je verrichtet hat.

Morgan kam jetzt mit einer großen sozialpolitischen
Organisation in Berührung, die im Norden infolge des
Zwiespalts der öffentlichen Meinung während des
Bürgerkriegs entstanden waren. Es war der Union
League Club, der 1863 gegründet worden war mit dem
Hauptzweck, die Regierung in ihren Anstrengungen,
die Rebellion zu unterwerfen, zu stützen. Für die Mit-
gliedschaft war absolute und bedingungslose Anhänger-
schaft an die Prinzipien Lincolns notwendig, Morgan
wurde Anfang der siebziger Jahre als Mitglied in
diesen Klub gewählt, und dieser Vorgang ist inter-
essant, da er ein Licht auf seine politische Überzeu-
gung wirft. Im allgemeinen sprach er nämlich nie gern
oder mit Eifer über Politik.

Fünfundzwanzig Jahre später waren einige Mit-
glieder des Klubs der Ansicht, daß er sich selbst ehren
würde, wenn er Morgan zum Präsidenten wählte. Man
teilte ihm also mit, wenn er sich als Kandidat auf-
stellen ließe, werde er einstimmig gewählt werden.

„Nein‘, sagte er und schüttelte freundlich, aber
energisch den Kopf, „Sie müssen sich einen anderen
Kandidaten suchen.‘ Hätte er der Wahl beigestimmt,
so wäre er der Nachfolger bedeutender Männer ge-
worden, von denen nur genannt seien der New Yorker
Kaufmann Robert B. Minturn, der Diplomat John Jay,
Joseph H. Choate, der frühere Gouverneur, Senator
und Staatssekretär Hamilton Fish, William M, Evarts,
Chauncey M. Depew, General Horace Porter und
Elihu Root.

Als aber Beauftragte des Verwaltungsrates der
Columbia-Universität etwas zögernd bei ihm er-

P
Morcdan

5
        <pb n="69" />
        schienen, um ihn zu fragen, ob er eine Wahl in das
Komitee der Universität annehmen würde, waren sie
angenehm enttäuscht, als Morgan dieses Angebot
scheinbar sehr zu würdigen wußte. „Ich würde es als
eine Ehre auffassen‘, sagte er, So war stets seine
Haltung gegen viele der Wohlfahrts- und Bildungs-
einrichtungen der Stadt. Aus Ehrungen, die direkt
oder indirekt mit politischer Betätigung zusammen-
hingen, machte er sich gar nichts; eine Verbindung mit
der Leitung eines philanthropischen Unternehmens oder
einer Bildungsanstalt wie des Museums of Natural
History oder des Metropolitan Museum of Art schien
die einzige Ehrung zu sein, auf die er irgendwelchen
Wert legte.
ä

Zehn und mehr Jahre nach der Beendigung des
Bürgerkrieges hatten die amerikanischen Eisenbahnen
unter den Feldzügen der Spekulanten zu leiden. Es
wurde weiter oben schon berichtet, wie Gould und
Fisk eine Eisenbahnlinie zu rauben versuchten, und
wie Morgan sie daran hinderte. Jetzt aber tauchte
eine neue Idee im Börsenfreibeutertum auf, gegen die
die Methoden von Gould und Fisk fast als Kinderspiel
erscheinen. Das war die Bildung von Konsortien, um
Konkurrenzlinien zu bauen. Das Böse, das ein Speku-
lant tut, stirbt mit ihm, aber eine Konkurrenzbahn, die
keine Lebensberechtigung hat, die nur ein Geschwür
ist, um eine schon bestehende Linie zum Ausbluten zu
bringen, bleibt ewig und ist ein dauerndes Übel, Ihre
Geschichte wird eine Serie von immer wiederkehren-
den Reorganisationen, wie z. B. die der Erie. Die
Bahnen, die sie angreifen soll, mögen gute, solide
Unternehmungen gewesen sein, wie etwa die New
York Central und die Lake Shore, als sie gänzlich un-

CB
        <pb n="70" />
        vermutet von den Konkurrenzunternehmungen der
West Shore und Nickel Plate angegriffen wurden, sie
mögen regelmäßig ihre Dividenden verteilt, für ihre
Aktien und Anleihen einen guten Markt gefunden
haben, selbst in Kreisen, die niemals ein Spekulations-
papier kaufen würden — da kommt eine wilde Linie
und ändert das Bild von Grund auf. Ein Eisenbahn-
krieg bricht aus, die Tarife werden gedrückt, bis beide
Unternehmungen vor dem Bankrott stehen, die Züge
laufen halb leer, der Kredit der älteren Bahn sinkt,
und mit einer gesunden und einwandfreien Gesell-
schaft geht es bergab.

Eifrige und wagemutige Geschäftsmänner fanden
Gefallen an der Erregung und dem Risiko, das diese
großen, piratenhaften Finanzoperationen mit sich
brachten, und die Eisenbahngesellschaften, die erst
seit kurzem sich sicher im Besitz fühlten, fanden sich
durch skrupellose und gefährliche Konkurrenz von
allen Seiten bedroht. Die Nickel Plate baute eine
Konkurrenzlinie zu dem Vanderbiltschen System von
Buffalo nach Chicago, und Vanderbilt, in großer Be-
sorgnis, kaufte sie kurz entschlossen dem Konsortium
ab, bevor sie noch vollendet war.

Das West-Shore-System wurde in der zweiten
Hälfte der siebziger Jahre von einer Gruppe ziemlich
neuer Männer geplant. Einer von ihnen war Kom-
modore Winslow, ein Name, der jetzt vergessen ist.
Mit den Organisatoren stand auch General Horace
Porter in Verbindung. Sie bauten von einem Punkt
gegenüber der 42. Straße in New York den Hudson
aufwärts auf dessen rechtem Ufer eine Bahn, während
auf dem linken Ufer die New York Central lief. Bis
nach Albany aufwärts trennte der Fluß die beiden
Strecken, von dort aber lief die neue Linie nach Buffalo
weiter der Central parallel, und zwar in so geringer

ur
        <pb n="71" />
        Entfernung, daß der Bahnkörper der einen Linie von
dem der anderen aus gesehen werden konnte.

Sobald die Strecke in Betrieb gesetzt worden war,
begann die Gesellschaft, die Tarife zu drücken, um
den Verkehr von der Central zu sich herüberzuziehen.
Infolge der außergewöhnlichen Niedrigkeit ihrer Tarife
gelang ihr das auch in beträchtlichem Maße. Aber die
Tarife waren so sehr gedrückt worden, daß schließ-
lich die West Shore unter Zwangsverwaltung gestellt
werden mußte und die Central vor dem Bankrott
stand. Vanderbilt und Präsident Chauncey M, Depew
suchten vergeblich nach einem Ausweg aus dieser ge-
fährlichen Situation,

Was der New York Central widerfuhr, spielte sich
ganz ähnlich in anderen Teilen des Landes ab, Die
meistenEisenbahnen waren aus einer mehr oder weniger
lockeren Verschmelzung verschiedener kurzer Linien
mit einer durchschnittlichen Länge von nicht mehr als
50 bis 80 Kilometer hervorgegangen. Sie waren
schuldenüberlastet und von rücksichtslosester Kon-
kurrenz bedroht, der sie mit den gleichen Waffen ent-
gegentraten. Jedenfalls ähnelte die Lage im Eisen-
bahnwesen am Anfang der achtziger Jahre einem
Irrenhausbetrieb. Und am Ziel des Weges stand der
Bankrott — für die Gerechten sowohl wie für die
Ungserechten.

Sechstes Kapitel
CHAOS UND RUIN IM EISENBAHNWESEN

Ankans Juni 1885 kehrte Morgan von seiner ge-
wöhnlichen Reise nach London und dem euro-
päischen Kontinent nach New York zurück. An dieser
einfachen Feststellung einer Tatsache ist nichts, das

AR
        <pb n="72" />
        irgend jemanden erregen könnte. Und doch war die
Rückkehr Morgans in sein Heimatland damals ein
sehr wichtiges Ereignis, denn es bedeutete den Be-
ginn einer Bewegung, die darauf hinzielte, den Kon-
kurrenzkampf zwischen den Eisenbahngesellschaften
zu unterbinden, großen Unternehmungen ein neues
Gebot aufzustellen: bekämpft euch nicht, verzettelt
nicht eure Kräfte, arbeitet zusammen und teilt euch
in die Gewinne, die euch sicher sind.

Im Jahre 1880, dem eine Reihe von Jahren mit
reichen Ernten in Amerika und Mißernten in Europa
vorangegangen war, war das Eisenbahngeschäft zu
zyklopischen Dimensionen angewachsen und die tollste
Spekulation hatte sich selbst überboten. In zwei
Jahren waren 44000 Kilometer neuer Bahnlinien ge-
baut worden, eine Erweiterung des Eisenbahnnetzes
der Vereinigten Staaten um 34 Prozent. Ungefähr ein
Drittel dieser Neubauten war durch das bestehende
Verkehrsbedürfnis gerechtfertigt, ein weiteres Drittel,
konnte man annehmen, würde in der Zukunft gerecht-
fertigt sein, das letzte Drittel aber würde niemals
irgend jemandem von Nutzen sein, außer etwa den
Baukonsortien, wenn es ihnen gelang, die Papiere
unterzubringen,

Die ersten Eisenbahnen in den Vereinigten Staaten
waren örtliche Linien gewesen, die von großen Städten
ausgingen, und der Vorgang des Aufbaus großer Sy-
steme war stets die Kombination von Strecken von
nur regionaler Bedeutung zu wichtigen und brauch-
baren Durchgangslinien gewesen. Wenn man früher
von Albany nach Buffalo reiste, so mußte man nach-
einander die Albany &amp; Schenectady, die Schenectady
&amp; Utica, die Utica &amp; Syracuse, die Syracuse &amp; Auburn,
die Auburn &amp; Rochester und die Rochester &amp; Buffalo
benutzen. Diese Gesellschaften waren später in der

40
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        New York Central aufgegangen, die sich aus 11 ein-
zelnen Bahnen zusammengeschlossen hatte. In ähn-
licher Weise war die Pennsylvania aus einer ganzen
Anzahl ursprünglich selbständiger Linien. südwestlich
von New York entstanden. Solche Zusammenschlüsse
warfen hohe Gewinne ab, denn ihr Verkehr wuchs in
viel größerem Maße als die Finanzierungs- und Be-
triebskosten für die größere Kilometerzahl.

Die Besitzer dieser neuen großen Strecken hatten
außerordentliche strategische Vorteile, denn sie waren
die einzigen, die dem Land den nötigen Verkehrsdienst
gewährleisten konnten. Die Trassen, Bahnhöfe, Loko-
motiven und das sonstige rollende Material, das sie
schon besaßen, konnte von neuen Linien nur unter
viel größeren Kosten neu angelegt beziehungsweise
beschafft werden. Anscheinend brauchten sie weiter
nichts zu tun als zu liegen und zu besitzen, mitten im
Strom des blühenden Geschäftes, der ihnen jeden nur
denkbaren Gewinn zuführte.

Manchmal allerdings mußten sie um ihren Platz an
der Sonne kämpfen. Um solche Kämpfe weniger häufig
und weniger blutig zu machen, erfand man das Pool-
system. So ging alles gut, bis der Gedanke, parallel
laufende Konkurrenzlinien zu bauen, nicht nur gefaßt,
sondern auch in die Tat umgesetzt wurde. Nach allen
Regeln des gesunden geschäftlichen Menschenverstan-
des war ein solches Verfahren theoretisch vollkommen
unmöglich, Es konnte, es durfte vom Gesichtspunkt
einer vernünftigen Geschäftspolitik einfach nicht vor-
kommen, es war grundsätzlich ausgeschlossen. Und
doch wurde es angewendet.

Ein Jahrhundert lang enthielt die Theorie des
Wettbewerbes den unbestrittenen Satz, daß jede Kon-
kurrenz ein Ende nimmt, wenn die Einnahmen aus
einem Unternehmen geringer werden als die Betriebs-

70
        <pb n="74" />
        kosten. Nach jedem Lehrbuch der Nationalökonomie
konnte eine Eisenbahngesellschaft es sich nicht leisten,
Fracht und Fahrgäste mit Verlust zu befördern, und
würde es auch gar nicht tun. Und da die schon be-
stehenden Gesellschaften wußten, daß sie in der Lage
waren, den Verkehr wirtschaftlicher zu versehen als
irgendein neuer Eindringling, fürchteten sie keinen
Wettbewerb. Aber die graue Theorie erlitt in dem
Falle der Eisenbahnen einen völligen Fehlschlag.

Um Geld aus dem Bau einer Eisenbahn zu schlagen,
war es nur nötig, eine kleine Summe für die Kon-
zession und das Recht der Amortisation aufgenommener
Gelder zu zahlen. Dann hatten die Organisatoren die
freie Verfügung über alle Summen, die die Anteil-
besitzer zahlten. Sie konnten sich daraus eine gute
Kommission für die Unterbringung der Anteile zahlen,
oder sie konnten eine Baugesellschaft gründen und
sich für den Bau der Strecke jede beliebige an-
gemessene — oder auch unangemessene — Summe
bewilligen. Das Geld der Zeichner floß in ihre Tasche
in ihrer Eigenschaft als Direktoren oder Bahnbauer.
Als ein Mittel zum schnellen Reichwerden war das
Geschäft mit Eisenbahnen sogar noch besser als das
mit Patentmedizinen. Benjamin Franklins Sparphilo-
sophie wurde gründlich Lügen gestraft.

Oft kam das Geld sogar von den Anteilbesitzern
der Konkurrenzlinien, und das System der Zwangs-
verwaltung, das ursprünglich als Schutz für die Zeich-
ner gedacht war, wurde angewandt, um Pläne zu
fördern, die, wenn nicht völlig skrupellos, zum min-
desten nicht viel besser waren, als wenn man das
Geld in Rennwetten angelegt hätte. Die Konkurrenz
wurde bis zu einem Punkte getrieben, daß für die ge-
sunden wie für die ungesunden Unternehmen nur noch
der Bankrott übrigblieb. Diese Spekulationseisen-

71
        <pb n="75" />
        bahnen hatten, da sie selbst zahlungsunfähig waren,
nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen, wenn sie
ihre Konkurrenten ruinierten.

Es ist klar, wenn eine Eisenbahngesellschaft in
einem Landstrich ihre Tarife ermäßigt, müssen alle
anderen in der gleichen Gegend sofort folgen. Denn
wenn auch die Transportleistungen einer Bahn fast
zum vollkommenen Nichts zusammenschrumpfen, ihre
großen laufenden Ausgaben bleiben ungefähr in der
gleichen Höhe bestehen. So ist es für sie immer noch
besser, Fracht und Passagiere zum halben Preis zu
befördern als überhaupt nicht.

In dem Chaos im Eisenbahnwesen, das nun ent-
stand, war die Öffentlichkeit außerordentlich im
Dunkeln bezüglich der wirklichen Vorgänge, außer-
ordentlich in Gefahr, ihr in Eisenbahnpapieren an-
gelegtes Geld zu verlieren — und außerordentlich er-
freut über die plötzliche Verbilligung der Tarife! Die
Besitzer der großen Linien fochten ihre Kämpfe aus
ohne die geringste Rücksicht, wem zum Nutzen und
wem zum Schaden,

Bis jetzt hatte W. H. Vanderbilt von der New York
Central und der Lake Shore die Politik seines Vaters
fortgeführt, das heißt, nie Aktien verkauft, wenn es
sich irgendwie vermeiden ließ, und er war stets bereit
gewesen, den Kurs der Papiere an der Börse zu stützen.
Daher waren die Aktionäre, die vertrauensvoll zu ihm
aufgesehen hatten, aufs äußerste bestürzt, als sie sehen
mußten, daß er der Führer in einem unheilvollen
Frachttarifkrieg wurde, der den Wert aller Eisenbahn-
papiere stark verminderte, Dieser Krieg richtete sich
ursprünglich gegen die Erie, um ihr einen Teil ihrer
Getreidefrachten abspenstig zu machen, aber nachdem
die Nickel Plate, die Vanderbilts Lake Shore parallel
lief, gebaut war, wurde er mit einem höherem Zweck

72
        <pb n="76" />
        weitergeführt, nämlich um die Nickel Plate zu ruinieren.
Der Kampf tobte mit der größten Bitterkeit und Heftig-
keit, und der Höhepunkt wurde erreicht, als Vander-
bilt wütend eine Versammlung der Präsidenten der
großen EisenbahngesellscKaften verließ, die einberufen
worden war, um den Streit zu beendigen; er wies
jeden Vorschlag zur Einigung zurück. In der Folgezeit
war der einzige Vertreter der Vanderbiltschen Bahnen
in der Poolkommission ein untergeordneter Beamter
der Michigan Central,

Aber auch Vanderbilt konnte den Kampf nicht bis
in alle Ewigkeit fortführen, er kostete jedem zu viel,
auch ihm selbst. Schließlich kaufte er die Nickel Plate
auf, Er wußte nicht, daß das Unternehmen vor dem
Zusammenbruch stand, hätte er noch zwei Monate, ja
nur sechs Wochen gewartet, so hätte er es für einen
geringen Bruchteil des Preises, den er wirklich zahlte,
haben können. Er. vergaß diese Lehre nicht, und als
später die West Shore der New York Central Kon-
kurrenz machte, hielt er sich zurück und wartete.

Alle Versuche, die Gegensätze zwischen den großen
Bahnen auszugleichen, verschlimmerten sie nur noch.
Die Gesellschaften selbst schienen keinerlei Absicht
mehr zu haben, den Pool zu reorganisieren oder die
Tarife auf einer angemessenen Höhe zu halten. Eisen-
bahnsachverständige forderten bereits ein Gesetz, das
die Ausartungen des Konkurrenzkampfes verhindern
sollte. Die New York Central, die den Kampf soweit
durchgeführt hatte, daß der Zwangsverwalter der West
Shore kein Geld mehr beschaffen konnte, hatte keine
Lust, Frieden zu schließen, bevor ihr Konkurrent nicht
völlig vernichtet war, Die Lackawanna und die Erie
fochten einen ähnlichen Krieg aus; die beiderseitigen
Linien liefen den ganzen Weg von Binghamton nach
Buffalo fast in Sichtweite nebeneinander her. Vander-

3
        <pb n="77" />
        bilts South Pennsylvania baute eine Parallellinie zu
der Hauptstrecke der Pennsylvania, und sein Ein-
dringen in das Ölgebiet von Clearfield, das die Penn-
sylvania bediente, war vielleicht der bitterste Wer-
mutstropfen in dem Leidensbecher. Alle Bahnen hat-
ten billige Frachtkontrakte für lange Zeit im voraus
abgeschlossen, sie hatten die Personenfahrpreise er-
niedrigt, und die Demoralisation war so groß, daß keine
Beschlüsse der Präsidentenversammlungen die Schwie-
rigkeiten beheben konnten.

Das war die Lage, als Morgan im Juni 1885 aus
Europa zurückkehrte. Er sprach von seinen Ein-
drücken drüben. Ausgesprochen unangenehm, selbst
bitter waren sie gewesen. Die amerikanischen Eisen-
bahnen hatten einen sehr schlechten Ruf drüben,
„skrupelloser Wettbewerb‘, „nachlässige Buchfüh-
rung", „Barbarei”, „Wahnsinn”, „unverschämte Spe-
kulation‘ — das waren die Worte, die er am häufigsten
in Verbindung mit amerikanischen Bahnen gehört
hatte, Eines der großen englischen Monatsmagazine
schmähte die Industrieführer unter der Überschrift
„Amerikanische Finanzpiraten".

Diese Sachlage ärgerte Morgan. Obwohl er kein
Eisenbahnmann war. — er war stets ein Bankier ge-
wesen — konnte er nicht länger untätig zusehen, wie
die Ziele, denen er nachstrebte und sein ganzes Leben
lang nachgestrebt hatte, geopfert wurden. „Ich kam zu
dem Entschluß', sagte er, „daß man irgend etwas
unternehmen müsse.”

Die West Shore und die South Pennsylvania waren,
um Morgans eigenen Ausdruck zu gebrauchen, die
beiden schlimmsten Eiterbeulen. Da die Beilegung

14
        <pb n="78" />
        ihrer Streitigkeiten das notwendige Vorspiel für jeden
Versuch einer dauerhaften Einigung zwischen den
großen Gesellschaften war, griff er diese beiden Fälle
unmittelbar und mit seiner charakteristischen Ziel-
bewußtheit an.

Die South Pennsylvania stand teilweise nur auf
dem Papier und war erst streckenweise vollendet, die
West Shore war bereits seit einiger Zeit im Betrieb,
aber seit kurzem sehr übel daran. Sie war aus der Ver-
einigung mehrerer ursprünglich selbständiger Bahnen
mit der New York, Ontario &amp; Western hervor-
gegangen, die damals ein Kapital von 10 Millionen Dollar
hatte. Charles T. Woerishoffer, ein Mitglied der New
Yorker Börse und zwar der Baissepartei, der Eisen-
bahningenieur General Edward F. Winslow und Ge-
neral Horace Porter, ihre Organisatoren, hatten die
absolute Kontrolle über drei Konzerne, die Ontario
8&amp; Western, die North River Construction Company
und die West Shore. Mit ihren 10 Millionen kaufte
die Ontario &amp; Western Aktien der West Shore; auf
diese Weise wurde die erste wichtige Finanzoperation
möglich gemacht. Später übernahmen John Jacob
Astor, D. O. Mills und einige andere hervorragende
Kapitalisten die Anteile, bis schließlich 40 Millionen
ausgegeben waren. Man baute eine Parallellinie zu
der New York Central auf der ganzen Strecke von
New York bis nach Buffalo, und die beiderseitigen
Strecken liefen in Sichtweite nebeneinander her.

Von den Organisatoren wurde bekanntgemacht,
daß die Wahl derselben Trasse wie die Central sie
hatte, nämlich das Hudson- und Mohawktal aufwärts,
den Vorteil geringerer Steigungen für die neue Bahn
gewährleistete, daß die Bauausführung erstklassig, die
Kosten aber dennoch gering und das Aktienkapital
auf 70 Millionen beschränkt sein sollte, eine sehr

75
        <pb n="79" />
        kleine Summe im Vergleich mit dem viel größeren
Kapital der Central, so daß die neue Bahn bei ihrer
Tarifpolitik große Vorteile haben würde. Das Publi-
kum nahm diese Versicherung gläubig hin und zeich-
nete freigebig.

{n zwei Jahren aber schon kam die Wahrheit an
den Tag. Die Öffentlichkeit erfuhr, daß der Kontrakt
zwischen der West Shore und der Baugesellschaft
völlig zum Vorteil der letzteren war. Schon die Bau-
ausführung nach diesem Vertrag mußte die Gesell-
schaft zum Bankrott bringen. Der Bau von 600 Kilo-
meter doppelgleisiger und 20 Kilometer eingleisiger
Trasse erforderte nach ihm beinahe 76 Millionen,
während die West Shore nur 40 Millionen in An-
leihen und 30 Millionen Aktienkapital hatte, wovon
nur ein Teil flüssig gemacht werden konnte. Mit dem
Fortschreiten des Baues erhöhten sich auch .die
Kosten, und zwar sprungweise, ebenso die Schul-
den. Nicht weniger als 250 Prozesse wurden gegen
die Bahn anhängig gemacht, die vielen anderen An-
sprüche gar nicht zu erwähnen.

Die Verwaltung suchte verzweifelt nach Mitteln,
die Bahn auf einen annehmbaren Betrieb zu bringen,
Die Tarife wurden derartig niedrig angesetzt, daß sie
den Verkehr von der Central fortzogen, wodurch
diese zwar geschädigt wurde, die West Shore aber
auch keinen Nutzen hatte. Unfähig, das Kapital zu
verzinsen, ja auch nur die Betriebsausgaben zu decken
und außerdem in schlechtem Zustande, wurde die Bahn
im Frühjahr 1885 unter Zwangsverwaltung gestellt.
Um die Kosten zu decken, mußte der Verwalter
Schuldverschreibungen ausgeben, und da die niedrigen
Tarife die aus dem Verkehr eingehenden Summen
niedrig hielten, mußten immer mehr Verschreibungen
ausgegeben werden, bis die Bahn mit einem Verlust

76
        <pb n="80" />
        von 140 Prozent arbeitete. Das bedeutete natürlich
nicht nur den Bankrott, sondern die völlige Vernich-
tung. Die Central andererseits konnte ihr Kapital mit
knapp 1 Prozent verzinsen. Sie war schon sehr her-
untergekommen und steuerte geradeswegs auf die
Zahlungsunfähigkeit los. Ihr Schicksal hing an dem
Seidenfaden, wieviel Geld sich die West Shore noch
leihen konnte.

Natürlich blickte alles gespannt auf Vanderbilt;
man erwartete, daß er die West Shore aufkaufen
werde. Aber er erinnerte sich an seine Erfahrung mit
der Nickel Plate und zögerte noch. Er hatte es durch-
aus nicht eilig. Außerdem war er Eigentümer der
South Pennsylvania, und diese stand zu der Pennsyl-
vania in genau derselben Beziehung wie die West
Shore zur Central.

Präsident der Pennsylvania war damals George
HK. Roberts, ein willensstarker, hartnäckiger Mann, der
seine Laufbahn im Eisenbahnwesen als Strecken-
vorarbeiter begonnen und für Finanzleute herzlich
wenig übrig hatte, Er stammte aus Wales. Roberts
nahm sich kein Blatt vor den Mund, wenn er über den
Bau von Konkurrenzlinien sprach, er nannte ihn Er-
pressung und sagte, der einzige Weg, derartige Machen-
schaften aus der Welt zu schaffen, sei Kampf, Kampf
bis zur Vernichtung solcher Unternehmungen. Er er-
klärte, daß er dieser Politik folgen werde und daß
niemand ihn davon abbringen könne. Das letztere
zielte auf Morgan, der Verhandlungen begonnen hatte,
um zu irgendeinem Kompromiß zu gelangen. Andrew
Carnegie, der weitgehend an der South Pennsylvania
beteiligt war, suchte Roberts auf und deutete an, daß
diese neue Linie am besten als Teil des Systems der
Pennsylvania betrieben werden könnte. Roberts er-
widerte, Vanderbilt und andere reiche Leute hätten

br br
1‘
        <pb n="81" />
        ihr Geld in diese Bahn gesteckt, und er sehe gar keinen
Grund, sie ihnen abzukaufen. Übrigens wollte Vander-
bilt gar nicht verkaufen, obwohl er außerordentlich
gern sich aus dem Netz befreit hätte, in dem er sich
selbst verstrickt hatte,

Inzwischen hatte Morgan mit Frank Thomson, dem
Vizepräsidenten der Pennsylvania, gesprochen. Er
hatte ihm gesagt, er sei überzeugt, daß irgendwelche
Schritte unternommen werden müßten, um ein Ein-
vernehmen zwischen den großen Gesellschaften in die
Wege zu leiten. Thomson sagte, es gebe zwei wunde
Punkte, die West Shore und die South Pennsylvania.

„Ich habe die Angelegenheit schon mit den Leuten
von der New York Central besprochen”, sagte Mor-
san, „sie wollen die West Shore übernehmen, wenn
lie Pennsylvania die South Pennsylvania übernimmt.“

„Wie die Lage augenblicklich ist‘, erwiderte
Thomson, „sehe ich nicht, wie das möglich gemacht
werden sollte, Vanderbilt hat es für gut befunden, nach
Pennsylvarien zu kommen. Niemand hat ihn her-
serufen, um hier eine Bahn zu bauen, und warum
sollte die Pennsylvania, gegen die seine Aktion sich
gerade richtet, ihm das Geld zurückerstatten, das er
in die South Pennsylvania gesteckt hat?”

So hatte Morgan einen Vorgeschmack der Gegner-
schaft, die sich seinen Plänen entgegenstellte, erhalten.
Entmutigt war er jedoch nicht im geringsten. Er fuhr
nach New York zurück und suchte Chauncey M.
Depew auf, Sie besprachen die Einzelheiten der Über-
nahme der West Shore, und bald darauf begab sich
Morgan neuerdings nach Philadelphia.

Bei einer späteren Untersuchung über den South-
Pennsylvania-Fall berichtete Morgan, was er damals
getan hatte;

78
        <pb n="82" />
        „Da ich glaubte”, sagte er, „daß man Vanderbilt
beeinflussen könne, die Mehrheit der Aktien der
South Pennsylvania abzugeben, reiste ich nach Phila-
delphia. Ich teilte Roberts und Thomson mit, wenn
die Pennsylvania die South Pennsylvania gegen An-
teile oder irgendwelche anderen Papiere mit drei-
prozentiger Verzinsung übernehmen wolle, voraus-
gesetzt, daß die Summe 5% Millionen oder mehr
betrüge, glaubte ich, daß die Transaktion perfekt
werden könne. Roberts bezweifelte, daß die Penn-
sylvania Railroad Company als solche Bahnen, die
man als Konkurrenzunternehmungen betrachten könne,
aufkaufen oder sich sonst in ihre Angelegenheiten
mischen könne oder wolle.

Später brachte ich eine Zusammenkunft auf meiner
Yacht zwischen Roberts, Depew, Thomson und mir zu-
stande. Bei dieser Zusammenkunft einigten wir uns
auf ein Verfahren, das dann auch in die Tat umgesetzt
wurde, Die fragliche Summe sollte festgesetzt werden,
die Bücher sollten durchgesehen werden, um die Bau-
kosten der South Pennsylvania festzustellen, und diese
Kosten sollten durch eine Verpflichtung der Pennsyl-
vania oder etwas ähnliches gedeckt werden. Die ein-
zige Bedingung war die, daß die Verpflichtung, die den
Zeichnern übergeben werden sollte, die absolute Ga-
rantie der Pennsylvania einschließen sollte.

Nachdem ich das bei Roberts erreicht hatte,
setzten wir uns wieder mit Vanderbilt und seinen Teil-
habern in Verbindung. Roberts übersandte mir eine
detaillierte Aufstellung über alles, was erforderlich
war. Es mußten dann die nötigen Papiere vorbereitet
werden. Roberts meinte, es müsse jemand anders als
die Pennsylvania Railroad als Käufer auftreten. Als
Firma konnten wir (Drexel, Morgan &amp; Co.) das nicht,
aber da ich wußte, was auf dem Spiele stand, wollte

+
        <pb n="83" />
        ich als Privatmann alles tun, was in meinen Kräften
stand, also meinen Namen und meine Unterschrift als
Käufer der einen Bahn für die andere hergeben.

Die Verträge wurden dementsprechend abgefaßt.
Sie bestanden aus einem Kontrakt, den die Zeichner
unterschreiben mußten, aus meiner Garantie, daß die
Zeichner keinerlei Nachforderungen zu befürchten
hätten, und aus dem eigentlichen Kaufvertrag,”

In diesem Bericht geht Morgan kurz über die einst
so starke Gegnerschaft der Pennsylvania hinweg. „Wir
einigten uns grundsätzlich”, sagt der neue Eisenbahn-
diktator, Aber wie? Die Zusammenkunft auf dem
„Corsair”, Morgans Yacht, erregte allgemeines In-
teresse, und bei einer Untersuchung wurde folgendes
festgestellt:

Frage: „Herr Morgan, ist irgend etwas über die
Notwendigkeit schneller Durchführung der Trans-
aktionen gesagt worden?”

Antwort: „Ich erinnere mich nicht. Wenn ich ein
Geschäft vorhabe, halte ich stets für besser, es schnell
durchzuführen. Jedenfalls habe ich diese Erfahrung
gemacht,”

Frage: „Warum hielten Sie die Zusammenkunft auf
der Yacht ab?“

Antwort: „Weil das am bequemsten war.”

Frage: „So war es nicht aus dem Grunde, geheim-
zuhalten, mit welchen Plänen Sie sich beschäftigten?”

Die Zusammenkunft hatte in Wirklichkeit folgen-
den Verlauf genommen. Als Roberts an Bord von
Morgans Yacht ging, sagte er, er wisse wohl, was er
wolle. Er wolle keinen Maulwurfsbau kaufen, Maul-
wurfsbau, so wurde die South Pennsylvania genannt,
und sie war auch tatsächlich einer und wäre nie etwas
anderes geworden als wie ein Maulwurfsbau, der an-
dere Unternehmungen unterminierte, und außerdem

RN
        <pb n="84" />
        ein bodenloses Faß, in dem das Geld verschwand.
Roberts hatte stets gesagt, er würde mit dem größten
Vergnügen zusehen, wie Vanderbilt und die anderen
reichen Leute um ihn in ihrem eigenen Fett schmorten.
Und er sehe keinen Grund, seine Meinung zu ändern.

Der „Corsair fuhr nach Sandy Hook, wendete und
fuhr wieder durch den Hafen von New York, dann den
Hudson hinauf bis West Point. Dort wendete er
wieder und fuhr nach Sandy Hook zurück. Morgan
sagte sehr wenig, er rauchte eine schwarze Zigarre
nach der anderen. Depew berichtete über die Er-
fahrungen, die die Central mit der West Shore ge-
macht hatte. Er legte dar, wie eine große Eisenbahn-
gesellschaft, in wie hoher Blüte sie auch stehen möge,
durch eine Konkurrenzlinie, selbst wenn diese keiner-
lei Erfolge hätte, gründlich geschädigt werden könne.
Er deutet an, daß schließlich die Pennsylvania es weit
kostspieliger finden werde, ihre Ablehnung aufrecht-
zuerhalten als Morgans Vorschlag anzunehmen,

„Das stimmt! Das stimmt!‘ rief Morgan. „Sehen
Sie das nicht ein? Sie werden es doch einmal ein-
sehen müssen. Schließlich werden Sie die neue Bahn
doch aufkaufen oder wenigstens kontrollieren müssen,
schon um die Anschlüsse zu sichern. Also’ warum
nicht sleich?”
Stunde nach Stunde verging. Lunch war serviert
worden, die Sonne stand schon tief, jeder hatte mehr
schwarze Zigarren geraucht als gut für ihn war, außer
Morgan. Und immer noch {fuhr der „Corsair' hin
und her.
„Aber warum“, fragte Roberts, „sollen wir die
Dummhbeiten anderer Leute wieder gutmachen? Warum
sollen wir ihnen die Kastanien aus dem Feuer holen,
die sie selbst erst hineingeworfen haben?“

Depew zog ihn beiseite. Ihm war klar, daß Roberts

Mardas
Q1
        <pb n="85" />
        sich ablehnend verhielt, weil er meinte, irgend jemand
müsse für das Unheil, unter dem die Bahnen zu leiden
hatten, bestraft werden, Er dachte, die großen Hinter-
männer müßten eine Lektion erteilt bekommen. Depew
legte ihm dar, daß diese Hintermänner, diese großen,
reichen Leute, bei ihrem Mangel an Sachverständnis
im Eisenbahnwesen ihr Geld leicht verkehrt anlegten
und nun schon eine strenge Strafe erlitten hätten. Das
war tatsächlich wahr, bei dem Ausfall der Zinsen und
bei der Verringerung ihrer Forderungen würden die
Hintermänner schwer zu leiden haben. „Wirklich“,
sagte Morgan, der zu den beiden getreten war, „sie
werden nicht ungerupft davonkommen,“

Um sieben Uhr abends unterbrach Präsident Ro-
berts das Schweigen, das eine Zeitlang geherrscht
hatte, „Gut, sagte er, „ich gebe meine Zustimmung.
Meinetwegen, ich gebe meine Zustimmung,“

Damit war die Angelegenheit erledigt, Zwei Männer
hatten ihre persönlichen Gefühle geopfert, Vanderbilt
seine Träume mit der South Pennsylvania, Roberts
seine Wut auf die Hintermänner. Die Transaktion mit
der South Pennsylvania wurde durchgeführt, wie
schon erwähnt, und in dem Fall der West Shore
machten Präsident Depew, Morgan und Richter
Ashbel Green, der der Zwangsverwalter war, im
Zwangsverkauf ein Angebot von 22 Millionen Dollar.
Die Central garantierte das Kapital und die Zinsen
der Anleihen der West Shore, und es war alles schon
fast erledigt, als ein gewisser James J. Belden, ein
Rechtsanwalt in Syracuse, der 10 Aktien der West
Shore erworben hatte, eine einstweilige gerichtliche
Verfügung beantragte, daß die West Shore nicht in
das Eigentum der New York Central übergehen dürfe,

Das war ein schwerer Schlag, besonders für Depew
und Green, die die Verantwortung für das Gelingen

RD
        <pb n="86" />
        des Reorganisationsplans übernommen hatten. Im
Falle eines ernstlichen Fehlschlages hätten sie 22 Mil-
lionen aus ihrer eigenen Tasche zahlen können.
Es wurde gemunkelt, hinter Belden stehe ein Kon-
sortium. Man trat an ihn heran und fragte nach
dem Preis seiner 10 Anteile. Er verlangte 1 Mil-
lion! Depew erhielt sie zwar schließlich billiger,
nichtsdestoweniger war der Preis, den er zahlte,
wohl der höchste, der je für zehn Aktien gegeben
worden ist.

Als alles perfekt war, kam die Erniedrigung der
Tarife zu einem plötzlichen Ende und die ganze Ge-
schäftslage im Eisenbahnwesen besserte sich schnell,
James D, Layng wurde von der Chicago &amp; North-
western geholt, um die West Shore für die Central zu
leiten. Die New York Central hatte nun alle Aktien
der West Shore in Besitz und hat in der Folgezeit
ihren Schuldverschreibungen einen realen Hintergrund
gegeben. Später waren übrigens allein die Endbahn-
höfe der West Shore mehr wert als die Central seiner-
zeit für das ganze Unternehmen gezahlt hatte.

Die Leute in dem Gebiet, das die Linien der Central
bedienten, hatten sich auf Kosten der Gesellschaft
billiger Tarife erfreut, und es war wirklich Zeit, daß
etwas Durchgreifendes geschah. Während der großen
Eisenbahnkriege 1877—79 wurden die Durchgangs-
firachten weit unter die Selbstkostenpreise ermäßigt,
trotzdem aber zahlte die Central regelmäßig 8 Prozent
Dividende auf ihr großes Kapital. Der starke Lokal-
verkehr ermöglichte ihr das, er glich die Verluste aus
dem Durchgangsverkehr wieder aus. Infolgedessen
hatten die Leute in diesen Gegenden die West Shore,
die versprochen hatte, das Feld für den freien Wett-
bewerb zu eröffnen, für einen Wohltäter gehalten, und
ihr Fehlschlag hatte eine tiefe Enttäuschung hervor-

Yo
        <pb n="87" />
        gerufen. Die Frage, die diese Leute am meisten in-
teressierte, war nicht der Verlust, den die Schuldner
der West Shore erlitten, noch der Gewinn, den die
Anteilbesitzer der Central nun davontragen würden,
sondern die Auswirkung der Vereinigung auf das von
beiden Linien bediente Land.

Die Einwohner dieser Gegenden fanden sich von
neuem einer Monopolgesellschaft auf Gnade und Un-
snade ausgeliefert und konnten nur hoffen, daß die
Gesellschaft ihre Kunden nicht mit kurzsichtiger Poli-
tik behandeln würde.

„Wir müssen uns auf die Stimme der Öffentlichkeit
verlassen, um gerecht behandelt zu werden”, wurde
gesagt, „aber man kann nicht leugnen, daß die Zu-
sammenlegung uns einem großen Eisenbahnproblem
gegenüberstellt.‘”” Diese Seite der Eisenbahnfrage war
von der, mit der Morgan sich beschäftigt hatte, voll-
kommen verschieden, doch liegt es klar auf der Hand,
daß ihre Lösung genau so notwendig war wie die der
anderen, finanziellen Frage, deren Beilegung er er-
möglicht hatte. Morgan fühlte jedoch, daß, bevor die
Tariffrage die größte Wichtigkeit erlangte, es nötig
war, den Eisenbahnen die Mittel zur Fortführung des
Betriebs zu verschaffen. Er zeigte, daß er der einzige
war, der das tun konnte, und die nächsten zehn Jahre
seines Lebens sollte er für wenig anderes Zeit haben.

Er begann, nun in Aufsichtsräten zu erscheinen.
Bei den Versammlungen spielte er meistens die Rolle
eines aufmerksamen Zuhörers, nur selten machte er
irgendwelche Vorschläge, auf Fragen antwortete er in
seiner kurzen, lakonischen Art.

Jemand. der in verschiedenen solchen Körper-

4
        <pb n="88" />
        schaften mit Morgan zusammenkam, erinnert sich an
folgende Eindrücke, die hier in seinen eigenen Worten
wiedergegeben seien.

„Schon von Anfang an machte es großen Eindruck
auf mich, daß ich Morgan niemals aufgebracht oder
wütend sah, außer wenn irgendein Vorschlag gemacht
wurde, der ihm mehr oder weniger faul zu sein schien.
Er war stets für ehrliches Handeln, trotzdem er ein
meisterhafter Finanzdiplomat war, mit Geisteskräften
und intuitiver Urteilsfähigkeit begabt, wie ich sonst
niemand gesehen habe.

Das einzige Mal, daß Morgan aus einem anderen
Grunde Ärger zeigte, war in einer Aufsichtsratssitzung
von damals. Ein untergeordneter Beamter einer Eisen-
bahngesellschaft brachte ein Dokument oder einen
Bericht herein, in dem die Namen der Direktoren ver-
zeichnet waren, darunter auch der Morgans. Als das
Schriftstück an ihn kam, blickte er kurz hinein, warf
es dann auf den Tisch, zeigte auf seinen Namen und
sagte ärgerlich: ‚Mein Name wird nicht so geschrieben,
ich wünsche, daß das verbessert wird. Mein Name
wird Pierpont geschrieben, nicht Pierrepont, und es
würde mich freuen, wenn man in Zukunft sich danach
richten würde!”

Wenn ein Artikel im Druck erschien mit Lob über
irgend etwas, das er getan hatte, und sein Name war
Pierrepont geschrieben, so wog das alles auf. was zu
seinen Gunsten gesagt war.

Während er so für Kleinigkeiten, für Kritik außer-
ordentlich empfindlich war, machten ihm Angriffe und
die Beschäftigung der Öffentlichkeit mit seiner Person
gar nichts aus, Seine Freunde sagten, daß er selbst
damals, in den Anfängen seiner Laufbahn, das allmäh-
lich immer häufigere Erscheinen seines Namens in den
Zeitungen entweder mit absoluter Gleichgültigkeit

RE
        <pb n="89" />
        oder mit milder Neugierde beobachtete, so als ob er
sich wunderte, wieso etwas, was er tat, und besonders
seine Persönlichkeit das geringste Interesse für das
Publikum haben könne.

Siebentes Kapitel
DER BEGINN DER HOCHFINANZ
Mi 50 Jahren haben viele bedeutende Männer
das ihnen zusagende Arbeitsfeld gefunden, Ruhm
gewonnen und sind wieder von der Bühne abgetreten.
Mit 50 Jahren war die in diesem Buche beschriebene
Persönlichkeit nur in ihren eigenen Kreisen bekannt,
die Zeitungen nannten ihren Namen kaum, und wenn,
dann nur in einem kurzen Satz, als ob es sich um
den Namen einer Eisenbahngesellschaft oder einer
Bank handelte. Es ist etwas Eigenartiges um die
noch nicht studierte mittlere Periode dieser Finanz-
macht der Zukunft; man muß an Stonewall Jackson
denken, wie er in seinen mittleren Jahren, etwas pe-
dantisch geworden, um das Ende der fünfziger Jahre
Mathematik lehrte, oder an Grant, wie er bei Beginn
des Bürgerkrieges unter Halleck diente. Morgan be-
liente seine Klienten, die Geldgeber, und vergrößerte
auf diese Weise Jahr für Jahr sein Vermögen, Auch
war er bei den Bankkonsortien beteiligt, die Anleihen
für die Regierung oder für die Eisenbahngesellschaften
verkauften.
Inzwischen ging aber eine ganze Menge Dinge
schief, und zwar Dinge, die Morgan selbst und die
Leute um ihn — das geldgebende Publikum in England
und in den Vereinigten Staaten — sehr nahe an-
singen. Die großen Eisenbahnsysteme kamen finanziell

LA
        <pb n="90" />
        immer mehr herunter. Sie stellten die Dividendenver-
teilungen ein, und eine große Anzahl von ihnen steuerte
rasch dem Punkt zu, wo die Anteilbesitzer nicht nur
keine Verzinsung ihres Kapitals mehr erhielten, son-
dern froh sein mußten, wenn sie nicht noch einen Teil
ihres Kapitals einbüßten.

Und für diese Lage der Dinge gab es keinerlei ver-
nünftigen Grund. Für J. P. Morgan war das so klar
wie der Tag. Nach seiner Ansicht war nur unsach-
gemäße Geschäftsführung an allem schuld.

Die Eisenbahngesellschaften waren fast andauernd
im Kriegszustand. Es war ein verderblicher, wilder
Krieg, der in allem, ausgenommen den Verlust an
Menschenleben, genau soviel kostete wie ein Krieg
mit Gewehren und Geschützen, und Morgans Ge-
schäftsfreunde hatten die Kosten zu zahlen — und sie
zahlten. Die Kriege wurden Jahr für Jahr verderb-
licher und kostspieliger. Die Lage war unerträglich.
Die Öffentlichkeit im Osten des Landes hatte durch
ihre Banken große Mengen von Eisenbahnaktien ge-
kauft, denn der gesunde Menschenverstand konnte
sich keine sicherere Methode für die rutzbringende
Anlage von flüssigem Kapital vorstellen. Existenzen
ruhiger Leute im fernen England stützten sich, oder
glaubten sich zu stützen, auf die Verzinsung ihres in
amerikanischen Eisenbahnen investierten Geldes. Diese
Engländer meinten, sie hätten Anteil an der wirt-
schaftlichen Eroberung und Entwicklung der außer-
ordentlich reichen Neuen Welt. Ihr Glaube machte
den größten Eindruck auf Morgan, da die Ehre seines
Londoner Hauses auf dem Spiele stand. Wenn die
englischen Kapitalisten mit eigenen Augen gesehen
hätten, wie die Eisenbahngesellschaften der damaligen
Zeit ihr Geld in ein Danaidenfaß schütteten — sie
hätten den Schrecken wohl nicht überlebt.

Q7
        <pb n="91" />
        Man stelle sich vor, der Gilt-Edge-Flyer-Expreß
der C. &amp; O0. W. rase mit unglaublicher Geschwindig-
keit ostwärts, und der Silver-Plate-Limited-Expreß
der bekannten K. &amp; J. eile wie eine Kanonenkugel
nach Westen — auf demselben Bahndamm, auf dem-
selben Gleis!
Die Präsidenten der beiden konkurrierenden Ge-
sellschaften sitzen in ihren bequemen Sesseln und
empfangen die telegraphischen Berichte. In einer
Stunde, in einer halben Stunde, in ein paar Minuten,
in ein oder zwei Sekunden — die Zeit vergeht schnell
— erwarten sie die Nachricht von einem fürchter-
lichen Zusammenstoß. Der Augenblick kommt, Die
beiden Züge werden bei dem Zusammenstoß völlig zer-
stört. Die Folge ist eine ungeheure Schadenrechnung
— und Ankündigungen neuer Schuldverschreibungs-
ausgaben, denn diese Rechnung muß ja bezahlt wer-
den. Von dem Standpunkt der beiden Eisenbahn-
sesellschaften aus war dieser Zusammenstoß ein voll-
kommen vernünftiges und unvermeidliches Vorkomm-
nis. „Der andere war auf meinem Gleis, ich habe ihn
rechtzeitig gewarnt‘, entschuldigte sich der Präsident
der (imaginären) C. &amp; O0. W, Ebenso ohne Zögern der
Präsident der unternehmungslustigen K, &amp; J,

Dies ist eine Illustration, kein wirkliches Vor-
kommnis. Es ist die vereinfachte bildliche Darstellung
der Lage. In Wirklichkeit kam folgendes vor. Fahr-
karten wurden nach Tausenden zum halben Preis an
Makler wie der brühmte Frank abgegeben, oder die
Frachttarife wurden eine Woche lang an einem Baum
in irgendeinem Wald ausgehängt, um dem Gesetz Ge-
nüge zu tun, das den öffentlichen Aushang der Tarife
forderte, und wenn das gestohlene Frachtgeschäft
durchgeführt war, wurden sie wieder abgenommen.
Alle Bahnen litten durch diese gegenseitigen Schikanen

38
        <pb n="92" />
        schwer. Und die, die am meisten dadurch gewannen,
verloren auch am meisten, denn sie gewannen Be-
förderungsleistungen, um sie unter dem Selbstkosten-
preis ausführen zu müssen. Und doch, wenn sie sich
zurückhielten, sich an dem Schacher nicht beteiligten,
liefen ihre Züge leer — und sie verloren noch mehr.

Von Logik war in diesem Geschäftsverfahren nichts
zu spüren. Es war gar kein Geschäftsverfahren, es
war ein Hahnenkampf. Die konservativen Zeitungen
jener Tage wußten nicht, wie sie es nennen sollten.
Endlich fanden sie ein Wort: „Verbrecherischer Wett-
bewerb.”
Die Leitungen der Gesellschaften waren kaum zu
tadeln. Sie fanden die Lage vor und mußten sich dem-
entsprechend verhalten, wenn sie nicht überhaupt sich
selbst aufgeben wollten. Zu tadeln waren die Spe-
kulanten, die mehr Bahnen bauten als das Land ver-
tragen konnte, die nutzlose Parallellinien bauten oder
das leicht erhaltene Geld in Strecken durch Gegenden
anlegten, wo kein Verkehrsbedürfnis vorhanden und
vielleicht auch niemals zu erwarten war, Sich selbst
erwarben sie Vermögen durch den Bau und brachten
es in Sicherheit. Die Probleme überließen sie anderen.
Die Einzelheiten dieser Unternehmungen sind oben
schon beschrieben worden. Hier sei nur nochmals
festgestellt, daß ein Land, das Gewinn bringen konnte
wie ein Goldbergwerk, ein Jahrzehnt lang in wahn-
sinniger Weise ausgebeutet worden war. Und schon
näherte sich die Krise von 1893 und warf ihre Schatten
VOTraus.
Morgans englische Geschäftsfreunde kamen zum
Verständnis dieser Lage im Jahre 1889. 506 Millionen
Dollar Eisenbahnwerte wurden auf der Londoner Börse
notiert, aber nur eine einzige Gesellschaft zahlte Di-
vidende auf die gewöhnlichen Aktien. und zwei oder

RO
        <pb n="93" />
        drei auf ihre Vorzugsaktien. Der Londoner „Statist”
stellte klar und deutlich fest, daß „die Folgen der
Tarifkriege auf den amerikanischen Eisenbahnen so
unheilvoll für die Aktionäre, die Aussichten für die
Zukunft so düster sind, daß man seine Zuflucht zu
irgendeinem durchgreifenden Mittel nehmen muß, sonst
ist das gesamte investierte Kapital verloren.”

Innerhalb 13 Jahren hatten 423 amerikanische
Eisenbahngesellschaften mit einer Streckenlänge von
70000 Kilometer und einem Kapital von mehr als
2% Milliarden ein unrühmliches Ende im Bankrott
gefunden. Im Kalenderjahr 1888 betrugen die Brutto-
gewinne von 95 Eisenbahngesellschaften 622 659 427
Dollar, eine Zunahme von 20403147 Dollar oder un-
gefähr 3% Prozent gegen das Vorjahr, Aber ihre Rein-
gewinne für dasselbe Jahr betrugen 202 544 600 Dollar,
eine Abnahme gegen das vergangene Jahr von
14481 996 Dollar oder etwa 6 Prozent. Das Geschäft
war um 20 Millionen gewachsen, der Gewinn um
14 Millionen gesunken!

Nun waren die Informationen, die den englischen
Aktionären zur Verfügung standen, sehr fragwürdigen
Charakters. Sie wußten kaum etwas von der wahren
Lage der Eisenbahnen, deren Eigentümer sie waren,
und deren Geschäfte sie angeblich leiteten. Natürlich
hätten sie die Berichte, die man ihnen gelegentlich zu-
kommen ließ, zusammenstellen und so versuchen
können, sich ein vernünftiges Bild daraus zu machen.
Aber das versuchten sie selten. Je größer ein Eisen-
bahnunternehmen ist, desto weniger beschäftigen sich
die, die an seinem Wohlergehen am meisten inter-
essiert sein sollten, mit ißhm. Außerdem streute man
ihnen durch phantasievolle Buchführung Sand in die
Augen. In vielen Fällen ähnelte das, was für den Über-
schuß einer Eisenbahngesellschaft ausgegeben wurde,

30
        <pb n="94" />
        den berüchtigten 48 Millionen der Baltimore &amp; Ohio,
die nur in den Büchern ein papierenes Leben führten.
Sie bestanden aus der Einnahme minus die Dividenden,
und wenn man die Abschreibungen berücksichtigte
und die Irrtümer in der Buchführung richtigstellte.
blieb sehr wenig von ihnen übrig.

Aber in Neuengland gab es Aktionäre, die sich
nicht alles gefallen ließen. Auf der Jahresversammlung
der Fitchburg-Eisenbahngesellschaft brachten sie ein-
stimmig einen Entschluß durch, der den Direktor an-
wies, monatliche Aufstellungen über die Bruttoein-
nahmen, regelmäßige vierteljährliche Ausweise über
die Bruttoeinnahmen, die Betriebskosten, die Rein-
einnahmen und das Verhältnis der laufenden Aus-
gaben und des Zinsendienstes zu veröffentlichen — ein
sehr praktischer und weiser Schritt. Die Fitchburg
war eine der Gesellschaften, die sich noch an die alt-
modische Sitte hielten, daß ihre Beamten den Aktio-
nären bei der Jahresversammlung persönlich gegen-
übertraten. Die Illinois Central und die Chicago, Bur-
lington &amp; Quincy mußten ihre Direktoren von den
Aktionären in aller Öffentlichkeit angreifen lassen.

Manchmal war das plötzliche Interesse an bisher
arg vernachlässigten Dingen segensreich, manchmal
aber auch nicht. Im großen und ganzen blieb die
riesenhafte, weit verbreitete Eisenbahnindustrie mit
ihrer Masse von schwierigen Verhältnissen, ihren
öffentlichen oder geheimen, aber jedesmal unübersicht-
lichen Einzelheiten ein Feld, auf dem Riesenskandale
blühten, und ein Gegenstand großer Besorgnis.

91
        <pb n="95" />
        Und da war Morgan, der künftige Geldfürst, bisher
aber ein einfacher Bankier, der seine Ideen und Me-
thoden 30 Jahre lang in seinem eigenen Geschäfts-
zweig erfolgreich angewendet hatte. Wir sind jetzt an
dem Punkt angelangt, von wo der Morgan, den wir
bisher kennengelernt haben, sich anschickte, den Weg
zu begehen, der ihn auf den Gipfel führen sollte, von
wo er den ersten Schritt von dem vielbegangenen
Pfad der gewöhnlichen Geschäftsroutine fort machte
und in seiner privaten Eigenschaft Arbeit für die
Öffentlichkeit leistete, Es ist der Zeitpunkt, als er, um
mit einigen zu reden, anfing, den Reichtum des Landes
zu. schlucken, oder, wie andere es ansehen, die Ge-
schäfte der amerikanischen. Allgemeinheit in dem
Sinne zu führen, in dem sie seiner Meinung nach ge-
führt werden mußten, oder, wie wieder andere be-
haupten, sich entschied, ein öffentlicher Wohltäter zu
werden und dem Lande für den Rest seiner Tage un-
schätzbare Dienste auf finanziellem Gebiet zu leisten.

Mit anderen Worten, die Frage nach Morgans Mo-
tiven: oder seiner Moral kann am besten durch die
Schilderung der Ereignisse in seiner weiteren Lauf-
bahn vom Jahre 1885 ab beantwortet werden. Die
Darlegung der wirklichen Ereignisse in Morgans Leben
wird uns zu dem Schluß führen, daß die erste und die
dritte oben angegebene Ansicht von den Beweg-
gründen des Finanzmannes etwas romantisch und
falsch sind, und daß die zweite, die annimmt, daß sein
tiefstes Interesse an den Geschäften, die moralische
Achse, um die sich sein ganzes Leben drehte, eine
natürliche Vorliebe für gesunde, wohlbegründete Ge-
schäfte ohne logische Fehler oder verderbliche
Schwachheiten war, der Wahrheit sehr nahekommt.

Sie kommt der Wahrheit jedenfalls so nahe, wie
es eine Analyse eines menschlichen Wesens. die nicht

32
        <pb n="96" />
        ein dickleibiges Buch mit Erklärungen und Berichten
über jede einzelne seiner Taten füllt, nur kann. In den
folgenden Zeilen werden mehr als einmal Lagen ge-
schildert werden müssen, die aus einer unentwirrbaren
Mischung von Motiven bestehen, bei denen manchmal
das Zünglein der Wage sich der einen oder anderen
der beiden oben falsch genannten Beurteilungen Mor-
gans zuneigen mag. Das schadet nichts. Wir suchen
den Mann selbst, keine Karikatur von ihm, und so
werden wir diese Verwicklungen doppelt interessant
finden.
Im Jahre 1885 fühlte Morgan sich durch ver-
schiedene Vorkommnisse dazu getrieben, im Eisen-
bahnwesen etwas zu unternehmen. Nun tat Morgan
stets entweder gar nichts, oder alles; entweder war
er der unbeteiligte Zuschauer, oder er spielte eine
führende Rolle. Es ist im vorangegangenen Kapitel
bereits erzählt worden, wie er die Verwicklungen
zwischen der West Shore und der New York Central,
zwischen der South Pennsylvania und der Pennsyl-
vania entwirrte. Er nahm nicht Partei, er nahm die
Leitung in die Hand. Mit der Logik des gesunden Ge-
schäftsgeistes zwang er die Unversöhnlichen, sich
seinen Plänen zu unterwerfen, als niemand etwas der-
artiges für möglich hielt.

Er hatte diese Angelegenheit kaum geordnet, als
er sich einer anderen, noch viel verwickelteren, dro-
henderen gegenüber sah, dem Zusammenbruch der
großen Philadelphia &amp; Reading Railroad.

Die Reading war eine der größten bestehenden
Eisenbahngesellschaften. Ihr Kapital belief sich auf
Hunderte von Millionen, sie hätte 40 Millionen pro

17
        <pb n="97" />
        Jahr verdienen können. Sie war eine riesige, dauernd
laufende Maschine zum Profitmachen — aber es war
etwas faul in ihrer Geschäftsführung, sie brachte nicht
einmal ihre Betriebskosten herein,

Wenn ein kleines Geschäft in Schwierigkeiten ge-
rät, so ist das zwar peinlich, aber aufregend nur für
die unmittelbar Beteiligten, Die schließlich kommende
Katastrophe sucht ein oder zwei Menschen heim, und
gewöhnlich hätte sie abgewendet werden können
durch ein wenig mehr Geld. Wenn aber ein großes
Unternehmen zusammenzubrechen beginnt, so ist es
fürchterlich, dabeizustehen und zu beobachten, be-
sonders wenn es sich um eine Eisenbahn handelt, Denn
zine Eisenbahngesellschaft kann nicht den Laden zu-
machen und unter Mitnahme der Strecke verschwinden,
Man kann sie niemals für tot erklären und aufgeben,
ihre Krankheit muß geheilt werden, ganz gleich, wie
lange es dauert und was es kostet. Eine bankrotte
Eisenbahngesellschaft liegt wie ein Alp auf der Brust
der unglücklichen Aktionäre, und die, die sie nicht
sofort arm macht, erschreckt sie zu Tode mit ihren
riesenhaften und immer wachsenden Ausgaben. Man
muß ihr aus den Schwierigkeiten helfen, aber wie?
Das ist keine Grünkramladenangelegenheit, das ist
der Todeskampf eines Zyklopen. Eine solche Lage
bietet ein Problem mit so tausendfältigen Kompli-
kationen, daß man nicht hoffen kann, es mit bloßer
Schlauheit, mit gesundem Menschenverstand oder Er-
fahrung allein zu lösen. Die Berichte über die Ver-
sammlungen der verschiedenen Aktionärausschüsse
beweisen das klar,

Die Lage, in der sich die Reading befand, war
folgende. Ihre jährlichen Ausgaben für den Zinsen-
dienst festverzinslicher Papiere beliefen sich auf etwa
6 300 000 Dollar. Von ihren 2538 Kilometern Strecken-

34
        <pb n="98" />
        länge wären 1843 Kilometer gepachtet, der Pachtzins
betrug 9371021 Dollar jährlich. Also mußte die Rea-
ding im ganzen jährlich einen Gewinn von rund
15670000 Dollar erzielen, um ihren laufenden Ver-
pflichtungen nachkommen zu können. Außerdem hatte
sie am Ende des Jahres 1885 eine schwebende Schuld
von 25000 000 Dollar, deren Zinsendienst die gesamte
erforderliche Gewinnhöhe auf rund 17000000 Dollar
brachte.

Gegenüber diesen großen Erfordernissen belief sich
die Gewinn- und Verlustrechnung der Reading für die
drei vorangegangenen Jahre auf folgende Summen:

Jahr

1883
1884
1885

Einnahmen

8 339 934 Doll.
13396 534 Doll
12527569 Doll

* Überschuß (+)
Ausgaben oder Defizit (—)
6816 183 Doll. '+1 523 751 Doll.
‘6874453 Doll. 3355251 Doll.
'7&lt;25451 Doll. 4597882 Doll.

Und das Jahr 1886 zeigte ein Defizit von fast
6 Millionen. Als Morgan sich darangab, diesen jähr-
lichen Millionenverlust durch einen jährlichen Gewinn
zu ersetzen, sah er sich unerwarteten Schwierigkeiten
gegenüber. Die Reorganisation einer Eisenbahn ähnelt
dem Beschneiden der Obstbäume, und Finanz- wie
Obstbausachverständige können sehr verschiedener
Meinung sein, wie weit man dabei gehen soll. Der
Prozeß bei der Eisenbahn besteht in einem Kappen
der Ausgaben für den Zinsendienst, indem man die
vorliegenden Anleihen gegen solche mit niedrigerer
Verzinsung eintauscht. Ein anderes, fast ebenso un-
vermeidliches Verfahren ist die Forderung einer ge-
wissen Nachzahlung von den Anteilbesitzern für jeden
einzelnen Anteil. Um dies in die Wege zu leiten, muß
man die Zustimmung der Aktionäre selbst haben. Da

46
        <pb n="99" />
        es verschiedene Klassen von Aktien, Verschreibungen
usw. gibt, die nicht alle in gleicher Weise leiden, so
ist Raum für große und schwerwiegende Meinungs-
verschiedenheiten über jeden nur denkbaren Plan da.

In dem vorliegenden Falle wurde zu Anfang des
Frühlings 1886 angekündigt, daß sich ein Banken-
konsortium mit einem Kapital von 15 Millionen ge-
bildet habe, um die Reading zu sanieren, und daß die
Firma Drexel, Morgan &amp; Co, die Sache in die Hand
genommen habe. Es stellte sich aber heraus, daß die
Aktionäre die Opfer, die man von ihnen verlangte,
nicht bringen wollten, und außerdem stieß Morgans
Plan auf die heftigste Gegnerschaft des Präsidenten
der Bahn, Franklin B. Gowen, der sich dabei auf zahl-
reiche Gefolgschaft stützen konnte. Nach einigen
Wochen nutzloser Arbeit zog sich Morgan zurück und
überließ Gowen das Feld, der dann selbst mit einem
Sanierungsplan hervortrat, Da aber er auch keinen
Rückhalt dafür fand, mußte er abtreten, und Austin
Corbin wurde Präsident. Im Herbst 1887 setzte Mor-
gan dann doch noch seinen Plan durch. Die schwebende
Schuld wurde durch Zuschüsse, die die Aktionäre jetzt
zu tragen willens waren, aus der Welt geschafft, der
Zinsendienst auf einige Millionen unter dem Reingewinn
festgesetzt, und in ihrem nächsten Bericht wies die
Eisenbahngesellschaft einen Gewinn von fast 3 Mil-
lionen aus.

Diese Reorganisation wurde damals als eine wun-
derbare Arbeit angesehen. Man sagte sogar, die Rea-
ding sei so gut wieder aufgebaut worden, daß sie nie-
mals mehr und unter gar keinen Umständen dem
Bankrott wieder zusteuern könne. Aber der Prophet,
der diesen weisen Ausspruch getan hatte, sollte seine
Voraussage doch Lügen gestraft sehen. Die Bahn war
keineswegs gegen unsinnige Geschäftsführung ge-

J6
        <pb n="100" />
        schützt, 5 Jahre später mußte Morgan sich von neuem
mit ihr befassen.

Als Austin Corbin Präsident wurde, gab er einem
Protege namens McLeod einen Posten. Dieser Mc-
Leod, später scherzweise der „Napoleon der Eisen-
bahnen‘ genannt, zog sich eine Nachprüfung seiner Ge-
schäftsführung durch den Kongreß und die dauernde
Feindschaft Morgans zu. Nach Corbins Abgang wurde
McLeod Präsident der Reading und gab sich daran,
ein großes Kohlenmonopol zusammen mit Eisenbahnen
in Neuengland zu gründen. Er pachtete Linien und
schloß Bündnisse, die um mehrere Millionen mehr Ka-
pital erforderten, als er aufbringen konnte. Der Ver-
kaufspreis der Kohle wurde erhöht, was die Öffent-
lichkeit aufbrachte. Als McLeod seinen Machtbereich
nach Neuengland ausdehnte, griff er die New York
&amp; New Haven an, an der Morgan stark interessiert
war, aber seine Angriffe auf die New Haven sollten
seine letzte Tat sein. Morgan, der hierbei sämtliche
Banken vertrat, unternahm es, McLeod, der sich seine
Einmischung nicht gefallen lassen und seinen Rat nicht
annehmen wollte, in seine Schranken zurückzuweisen,
McLeod sagte: „Lieber verkaufe ich Erdnüsse auf der
Straße, als daß ich mir von J. P. Morgan Vorschriften
machen lasse,”

Im Jahre 1893 trat er zurück und hinterließ ein
ruiniertes Unternehmen. Morgan war zur Zeit gerade
mit einer anderen, noch schwierigeren Sache be-
schäftigt, so konnte er der Reading nicht seine Auf-
merksamkeit widmen. Die neue Leitung unternahm die
Reorganisation auf eigene Faust, aber ihre Vorschläge
wurden von den Aktionären sehr kühl aufgenommen.
Sie konnten nicht sehen, worauf alles hinauslief, und
sie weigerten sich, noch weitere Opfer zu bringen.

Zuletzt wandten sich die Anteilbesitzer direkt an

7

Mordan

vr
v
        <pb n="101" />
        Morgan und baten ihn, die Sache in die Hand zu neh-
men. So sanierte er die Reading noch einmal, und
noch dazu in einem Panikjahr, In den acht vergange-
nen Jahren hatte die Bahn eine neue schwebende
Schuld, diesmal von 18 Millionen, kontrahiert, die
wie damals getilgt werden mußte, Als Morgan die
Reorganisation beendet hatte, behielt er die Kontrolle
über die Bahn in der Hand. Er wollte es nicht ris-
kieren, daß ein Unternehmen, das sorgfältigste Ge-
schäftsführung erforderte, in die Hände irgendwelcher
rücksichtsloser Geschäftsleute fallen sollte, und die
Aktionäre waren hierin einer Meinung mit ihm. Da
sie selbst ihre Interessen nicht wahrnehmen konnten
oder wollten, waren sie sehr zufrieden, daß Morgan
dies für sie tun wollte.

Und nach dieser Erfahrung behielt Morgan von nun
ab. stets die Kontrolle über die Eisenbahngesellschaf-
ten, die er reorganisierte, selbst in der Hand, sei es
durch stellvertretendes Stimmrecht,. sei es durch
Aktienbesitz, der eine Kontrolle ermöglichte. Auf
diese Weise und zu dieser Zeit wurde der Grund zu
der hohen Stellung, die er zuletzt einnahm, zu der All-
macht in der amerikanischen Finanz gelegt.

nr

In diesen Jahren wurde die Geschäftslage im Eisen-
bahnwesen immer schlechter. Die neuen, jüngeren
Bahnen im Westen näherten sich schnell dem Abgrund
des Bankrotts, und im Jahre 1889 machte Morgan einen
zielbewußten und neuartigen Versuch, ihnen die Not-
wendigkeit durchgreifender Reformen vor Augen zu
führen. Die Präsidenten der Bahnen im Westen hatten
eine eigene Organisation, die sich mit Poolfragen be-
schäftigt hatte, bevor die Poolbildung durch das neue
zwischenstaatliche Handelsgesetz (Interstate Com-

I8
        <pb n="102" />
        merce Act) verboten wurde. Jetzt arbeitete diese Or-
ganisation angeblich in Harmonie auf der Basis eines
„gentlemen's agreement‘ — an das sich kein einziger
Gentleman hielt. In der letzten Dezemberwoche 1888
lud Morgan die Präsidenten der westlichen Gesell-
schaften nebst den Bankiers in sein Haus in der Ma-
dison Avenue ein. Der Zweck der Zusammenkunft
war, gemeinsame Handlungsweise festzulegen und die
selbstmörderische Tariferniedrigung zu beendigen. Die
erste Versammlung vertagte sich auf den 8. Januar
1889. Und zwischen den beiden Zusammenkünften
wurden die Tarife noch weiter erniedrigt! So waren
die Präsidenten nicht gerade in rosiger Laune, als sie
sich von neuem trafen.

Da waren Charles Francis Adams von der Union
Pacific, Marvin Hughitt von der Chicago &amp; North-
western, R. R, Cabie von der Rock Island, Frank
S. Bond von der Chicago, Milwaukee &amp; St. Paul, Jay
Gould und sein Sohn George von der Missouri Pacific,
A, B. Stickney von der Chicago, St. Paul &amp; Kansas
City, und ein halbes Dutzend andere. Die Banken
waren außer durch Morgan selbst durch J. Hood
Wright von Morgans Firma, John Crosby Brown von
Brown Brothers, George P. Magoun von Kidder, Pea-
body &amp; Co., die Barings und noch zwei oder drei an-
dere vertreten.
Das erstemal standen sich in einer förmlichen Zu-
sammenkunft die Männer, die die Eisenbahnen betrie-
ben, und die, die das Geld für den Bau der Eisenbahnen
lieferten, von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Es
war eine rein geschäftsmäßige Zusammenkunft, Um es
klar herauszusagen, die Vertreter des Kapitals woll-
ten. den Eisenbahnleuten einmal die Peitsche zeigen,
sie wollten ihnen nachdrücklich klarmachen, daß un-
zweckmäßiges Betragen in der Zukunft durch das Ver-

‘O
        <pb n="103" />
        stopfen der Geldquelle bestraft werden würde. Mor-
gan selbst nahm sich kein Blatt vor den Mund, er hielt
die Zeit zu offener Rede für gekommen,

„Der Zweck dieser Zusammenkunft ist‘, sagte er,
„zu veranlassen, daß die Mitglieder der Eisenbahn-
organisation nicht mehr das Gesetz in ihre eigenen
Hände nehmen, wenn sie vermuten, daß man ihnen zu
nahe getreten ist, wie es bisher zu oft üblich war, Das
ist im allgemeinen in zivilisierten Ländern nicht Sitte,
und es gibt keinen vernünftigen Grund, warum es das
im Eisenbahnwesen sein sollte.”

Präsident Roberts von der Pennsylvania erwiderte:
„Im Namen der Eisenbahnmänner dieses Landes ver-
bitte ich mir derartige scharfe Worte, Man scheint
andeuten zu wollen, daß wir, die Eisenbahnleute, eine
Bande von Anarchisten sind, unter denen man ver-
suchen muß, Gesetz und Schiedsgerichtsbarkeit an die
Stelle von Gesetzlosigkeit und Macht vor Recht zu
setzen.”
Eine Stille trat ein, und dann sagte Stickney, er sei
gegen geheime Sitzungen wie die gegenwärtige. „Das
Publikum”, fügte er hinzu, „wird sicher denken, wir
bilden eine Verschwörung, um etwas zu tun, was wir
nicht tun dürften.“

Stickneys Ansicht schloß sich jedoch niemand an.
Roberts hielt dann eine Rede, in der er Nachdruck
darauf legte, daß der Bau nutzloser Parallelbahnen die
Grundursache aller Schwierigkeiten im Eisenbahn-
wesen sei. Er meinte, die Banken könnten das ver-
hindern, wenn sie nur wollten, und er wiederholte seine
Verwahrung gegen Morgans scharfe Sprache, Er sagte:
„Ich kann mir nicht helfen, aber ich meine, daß es eine
sröbere Sprache ist, als wir uns gefallen.lassen müssen.
[m übrigen fühle ich mich durchaus. nicht getroffen,
wenn es die anderen nicht tun.”

100
        <pb n="104" />
        Morgan ließ diese letzte Bemerkung unberücksich-
tigt und ging sofort in medias res. „Was die Bemer-
kung von Mr. Roberts betreffs der Banken und des
Baus von Parallellinien betrifft, so denke ich, daß ich
für die hier vertretenen Bankhäuser sprechen kann,
wenn ich sage, sobald eine Organisation entsprechend
dem Zweck dieser Zusammenkunft gebildet werden
kann mit einem geschäftsführenden Ausschuß, der in
der Lage ist, seine Beschlüsse auch durchzuführen,
und in dem die Banken vertreten sein müssen, werden
sie erwägen, keinerlei Anleihen auf den Markt zu
bringen und alles, was in ihrer Macht steht, zu tun, um
zu verhindern, daß solche Anleihen von anderer Seite
auf den Markt gebracht werden, die den Bau von
Parallelstrecken oder von Streckenerweiterungen er-
möglichen sollen, außer wenn der Bau dieser Linien
einstimmig von dem geschäftsführenden Ausschuß ge-
billigt wird. Ich wünsche, daß dieser Punkt allen klar
ist.“
Darauf drückte Adams seine Gedanken in einer
kurzen Rede aus, in der er sagte: „Die Schwierigkeit
in der Geschäftsführung im Eisenbahnwesen beruht
nicht auf einem Mangel in der Gesetzgebung der ein-
zelnen Staaten oder der Bundesregierung, sondern auf
der Habgier, dem Mangel an Treu und Glauben und
der niedrigen Moral der Eisenbahnleitungen, auf dem
vollkommenen Fehlen eines hohen Standes geschäft-
licher Rechtschaffenheit. Nun ist die Frage, die wir
heute hier entscheiden wollen, die, ob irgendein Ver-
treter einer Bahngesellschaft vor der Öffentlichkeit
und vor uns behaupten will, daß er nicht willens ist,
den Gesetzen zu gehorchen, und ferner, daß er in
Streitfällen das Gesetz lieber in seine eigene Hand
nehmen will als sich einem Schiedsgericht zu unter-
werfen. Das ist die ganze Frage in nuce.“”

101
        <pb n="105" />
        Hughitt meinte, man könne die Frage nicht so in
nuce zusammenfassen. Er sehe nicht, wie er als Prä-
sident seiner Bahn seine Zustimmung dazu: geben
könne, daß die Interessen seiner Gesellschaft einem
Schiedsgericht unterworfen werden s2'!ten.

Es wurde noch viel diskutiert, zeitweise ähnelte
die Zusammenkunft eher einer Versammlung von
Häuptlingen sich bekämpfender schottischer Clans,
denn jeder verfocht leidenschaftlich und aus tiefster
Überzeugung die Ansicht, daß nicht er, sondern sein
Nächster die Schuld trüge. Schließlich wurden einige
ganz vernünftige, doch reichlich nutzlose Beschlüsse
gefaßt, Man kam überein, keine Fahrkarten mehr an
Makler abzugeben, und ein Ausschuß wurde gebildet,
bei dem Klagen wegen Tariferniedrigungen vorgebracht
werden sollten. Dieser Ausschuß sollte das Recht
haben, Gesellschaften, die sich nicht an die Beschlüsse
halten würden, in Strafe zu nehmen, und jede Ge-
sellschaft sollte 1000 Dollars hinterlegen, aus denen
etwaige Strafen bezahlt werden könnten. Dieser weit-
sichtige Beschluß zeigte der Öffentlichkeit klar genug
die Nutzlosigkeit der versuchten Einigung, denn er
deutete an, wie wenig die einzelnen Gesellschaften sich
gegenseitig trauten, und man nahm nicht an, daß eine
Gesellschaft sich irgendwie durch Geldstrafen be-
hindern lassen würde.

Jedoch zeigte die Versammlung, was Morgan vor
allem beabsichtigte: er wollte Frieden und anständige
Handlungsweise zwischen den Eisenbahnleitungen zu-
stande bringen. Er wünschte Frieden, anständige Hand-
lungsweise und Beobachtung der Gesetze und guten
Sitten, denn das Gegenteil mußte den Ruin der Gesell-
schaften nach sich ziehen. Damals aber hatte er noch
wenig Macht, seine Gedanken durch Zwang verwirk-
lichen zu können. Sein Arm reichte nicht über den

112
        <pb n="106" />
        Mississippi hinüber. Selbst in New York empfingen die
Eisenbahnpräsidenten aus dem Westen keinen beson-
deren Eindruck betreffs der Ziele der Banken, und als
sie erst wieder zu Hause waren, taten sie doch, was
sie wollten.

Zeigt dieser Vorfall unter anderem nicht sehr klar,
was das Ziel für die Zukunft eines Mannes vom Typus
Morgans sein würde? Wenn er die Leute nicht durch
Aussprachen mit ihnen beeinflussen konnte, mußte er
danach streben, sie durch Zwang zu kontrollieren.
Alles lehrte ihn die Notwendigkeit, selbst die Kon-
trolle in die Hand zu nehmen. um sein Ziel zu er-
reichen.
Das Anti-Pool-Gesetz beschleunigte die Herausbil-
dung der neuen Hochfinanz, deren wichtigster Ex-
ponent Morgan war, Sie war unvermeidlich. Es war
sehr leicht, zu sagen, daß alle Eisenbahnen reicher sein
würden, wenn sie aufhören wollten, sich gegenseitig
zu bekämpfen. Es ist auch leicht, zu sagen, daß alle
Völker reicher sein würden, wenn sie aufhören woll-
ten, Kriege zu führen. Aber in Wirklichkeit würden
bei der damaligen Lage der Dinge die Eisenbahnen
nicht alle reicher gewesen sein, wenn sie einen Frie-
densvertrag unterzeichnet und strikte beobachtet hät-
ten. Unter fairen Bedingungen und bei gleichen Tarifen
würde das Geschäft sich unvermeidlich in den Händen
der größeren und besseren Eisenbahnen konzentriert
haben, die schwächeren und ärmeren aber würden an
die Wand gedrückt worden sein. Unter dem ungesetz-
lichen Poolsystem hatte jede ihren bestimmten Anteil
an den Einnahmen aus dem Verkehr erhalten, und das
hatte ihnen das Leben ermöglicht. Da sie jetzt ohne
einen solchen Schutz waren, kamen sie auf den Hund
und hatten die Wahl zwischen Kampf, Diebstahl oder
Eingehen.

10
        <pb n="107" />
        Das Eisenbahngeschäft hatte damals rauhe Sitten,
es war noch neu und wurde nur von wenigen verstan-
den, In der fraglichen Periode sah Morgan seinen
Schwierigkeiten ins Gesicht und überwand sie erfolg-
reich nach seiner eigenen Methode. Und das Publikum
bildete sich allmählich eine Meinung von ihm. Es hielt
ihn für einen Mann aus Erz, rücksichtslos, doch gut-
mütig, von furchtbarer Energie und großer Charakter-
stärke, für einen Mann, der sicher ausführbare Pläne
faßte, dessen Ehrbarkeit seinen Klienten gegenüber
bewiesen war und außer allem Zweifel stand. Um
sein 50. Jahr wurde Morgan allmählich ein Faktor
im nationalen Leben, seine Handlungen wurden
von Wichtigkeit für den Staat, denn sie hatten schon
durch ihre umfassende Größe mit politischen sowohl
wie finanziellen Fragen zu tun, sie riefen Meinungs-
verschiedenheiten und Bewegungen hervor, die das
Land noch lange beschäftigen sollten.

Achtes Kapitel
DIE SCHATZAMTSKRISIS VON 1895

Mi igens Kontrakt über die Goldlieferungen an die
Regierung der Vereinigten Staaten vom Jahre
1895 machte seinen Namen im ganzen Land bekannt.
Bis dahin war er eigentlich nur einem verhältnismäßig
kleinen Kreis von Finanzgewaltigen geläufig gewesen,
das Heer der kleinen Kapitalisten hatte allerdings
schon von ihm gehört, aber die Zeitungen hatten ihn
sozusagen noch nicht entdeckt.

Im Winter 1894/95 geriet das Schatzamt der Ver-
einigten Staaten unter den Nachwehen der furcht-
baren Krisis von 1893 in außerordentlich . ernste
104
        <pb n="108" />
        Schwierigkeiten. Eine Reihe ungewöhnlicher und un-
abwendbarer Vorfälle, bei denen Politik und Geschäft
unlösbar miteinander verflochten waren, bewirkte
während mehr als eines Jahres die stetige Anforde-
rung von Gold aus den Vorräten des Schatzamts, bis
tatsächlich die Vereinigten Staaten vor der Aufhebung
der Einlösungspflicht für Noten standen, Mit anderen
Worten, die Arbeit des Wiederaufbaus, der mühsam
errungenen Wiederherstellung des zur Zeit des Bürger-
kriegs so tief gesunkenen Kredits, stand vor einem
völligen Zusammenbruch.

Diese Gefahr war nur verhältnismäßig wenigen
sichtbar. Auf der einen Seite sahen Morgan, August
Belmont und ein paar andere Bankiers sie kommen,
und auf der anderen Seite bemühten sich Präsident
Cleveland und die Beamten des Schatzamts ständig,
zu verhindern, daß die Goldvorräte des Schatzamts
sich gänzlich erschöpften, aber auch, daß die Öffent-
lichkeit den wahren Stand der Dinge erführe. Denn
die Eingeweihten waren sich klar darüber, daß die
schlimmste Panik eintreten würde, sobald in der
Öffentlichkeit Genaueres über die Lage bekannt würde.

Die Rettung der Regierung aus dieser gefährlichen
Situation wurde von Morgan persönlich ins Werk ge-
setzt und durchgeführt, und Präsident Cleveland hatte
sich im geheimen mit ihm über die näheren Umstände
dieser Rettung geeinigt. Der Lohn für beide war, daß
sie nachträglich von der radikalen Presse angegriffen
wurden, der eine als Verräter an seinem hohen Amt,
der andere als gewissenloser Erpresser. Warum diese
harten Worte? In gewissem Sinne sind sie verständ-
lich, denn wenn man die Kritik von ihrer besten Seite
nimmt und ihr die ehrlichsten Beweggründe zugesteht
— die unehrlichsten waren Neid und Bosheit — dann
sieht man, daß die Öffentlichkeit glaubte, in einem

105
        <pb n="109" />
        demokratisch regierten Lande hätte sich ein anderer
Ausweg aus diesen Schwierigkeiten finden lassen
müssen. A
Das ist wahr und doch wieder nicht wahr. In einem
gut und wahrhaft demokratisch regierten Lande hätte
es überhaupt unmöglich sein sollen, daß das Schatz-
amt in derartige Schwierigkeiten geriet. Was dann
schließlich getan wurde, ward in einer Notlage getan,
wie die folgenden Zeilen beweisen werden. Und die
Notlage war außerordentlich drückend und entbehrte
nicht einer gewissen Dramatik, wenn sie auch dem un-
beteiligten Beobachter infolge der verwickelten finanz-
technischen Ursachen unklar erscheinen mag, Morgans
Persönlichkeit und Stellung aber, seine ihm allein
eigene Macht, trat klar hervor. Diese Notlage ent-
hüllte plötzlich die Kraft seiner Persönlichkeit, genau
so wie sie auch den unbeugsamen Charakter von
Präsident Grover Cleveland enthüllte.

Um die wahre Natur der Dinge klarzustellen, um
die Charakteristika des zwischen Cleveland und Mor-
gan abgeschlossenen Geschäfts genau aufzuzeigen, um
Morgans Standpunkt klarzulegen; müssen hier die be-
sonderen Umstände des Falles etwas ausführlicher be-
handelt werden.

Es gab damals in den Vereinigten Staaten nicht
weniger als acht Geldsorten: Goldzertifikate, Silber-
zertifikate, Papiergeld des Staates, Schatznoten, Bank-
noten der Nationalbank. Goldmünzen, Silbermünzen
und die kleinen Scheidemünzen aus Nickel und Bronze,
Der Wertmesser für alle — ausgenommen natürlich
die Goldmünzen selbst — war das Gold, nur konnten
sie nicht alle auf derselben Basis mit diesem Wert-
messer verglichen oder auf demselben Wege gegen
Gold eingetauscht werden. Ein Goldzertifikat zum
Beispiel war ein Schein über eine bestimmte Menge

O6
        <pb n="110" />
        Gold, die tatsächlich in der Schatzkammer der. Re-
gierung lagerte; das Papier wurde nur der größeren
Bequemlichkeit halber benutzt. Eine Staatsnote aber,
die typische Form eines vom Staat ausgegebenen
Papiergeldes, stützte ihren Wert nicht auf wirklich
vorhandenes Gold, sondern nur auf das stillschweigend
gegebene Versprechen der Regierung, sie in Hartgeld
einzulösen, wenn sie beim Schatzamt eingeliefert
wurde. Als die Staatsnoten der Union, Greenbacks
genannt, 1862 zum erstenmal ausgegeben wurden, war
keine Rede davon, sie als einlöslich zu behandeln.
Ihr Wert sank daher während des Bürgerkrieges be-
trächtlich, stieg aber nach Beendigung des Krieges,
sobald Schritte unternommen wurden, eine für ihre
Einlösung genügende Menge Gold anzusammeln. Am
1. Januar 1879 wurde die Einlösungspflicht in Kraft
gesetzt, und von diesem Zeitpunkt an waren diese
bedruckten Stücke Papier zum erstenmal seit ihrer
Ausgabe so gut wie Gold.

Sie waren einlösbar in „gesetzlichen Zahlungs-
mitteln‘, worunter Gold oder Silber zu verstehen war.
Damals konnte niemand voraussehen, daß das Silber
in den nächsten 10 Jahren stetig im Werte fallen
würde, daß eine immer größere Menge Silber nötig
sein würde, um einer gewissen Menge Gold gleich-
wertig zu sein. In dem umfassenden Begriff „gesetz-
liches Zahlungsmittel‘ lag damals noch keine Drohung.
Daher wurde die viel gefürchtete Klippe der Einlösung
leicht umschifft, ohne daß die Silberfrage — die ja
erst später akut wurde — irgendwelche Hindernisse
bereitet hätte. Bei einer Ausgabe von insgesamt
350 Millionen Greenbacks sammelte die Regierung
eine Goldreserve von 150 Millionen an, von der schon
die Hälfte genügt hätte, um allen Verbindlichkeiten
nachzukommen.

107
        <pb n="111" />
        So wurde es eine reine verwaltungstechnische Maß-
nahme, den im Umlauf befindlichen Noten gegenüber
stets eine Goldreserve von 100 Millionen aufrecht-
zuerhalten, Niemand vermutete, daß die Noten beim
Schatzamt für andere Zwecke vorgelegt werden
würden, als um Gold für die Bedürfnisse der Banken
oder zur Verschiffung ins Ausland zu erhalten. Für
diese Bedürfnisse aber war, wie man annehmen
konnte, die Reserve von 100 Millionen doppelt und
dreifach ausreichend.

Aber in dem Währungsgesetz von 1878 war eine
merkwürdige Bestimmung, die im Jahre 1895 zu
der kleinen Ursache einer sehr großen Wirkung
wurde. Da der Kongreß gefürchtet hatte, durch das
Verschwinden der Noten aus dem Umlauf infolge ihrer
Einlösung in Gold könne eine Zahlungsmittelknappheit
eintreten, hatte er unter anderem die Bestimmung ge-
troffen, daß .der Schatzsekretär alle vorgezeigten
Noten einlösen und wieder ausgeben sollte. Das be-
deutete, daß man ein und dieselbe Note unbeschränkt
oft dazu benutzen konnte, beim Schatzamt ihren
Nennwert in Gold zu erhalten. Man konnte die Noten
als Bagger benutzen, um mit ihnen sämtliches Gold
aus dem Schatzamt herauszuholen. Das war ein un-
beabsichtigter Witz in dem Gesetz, der — damals —
anscheinend niemandem aufgefallen war.

Die nächsten 10 Jahre waren keine mageren
Jahre. Im Gegenteil, sie waren Jahre der blühendsten
Geschäfte, Die ruhige, aber zielbewußte Aufnahme
der Einlösung hatte wie die Vollendung eines Stau-
dammes gewirkt, der einen frischen, stetigen Fluß von
Kapital, Energie, Ideen und Glauben an die materielle
Zukunft des Landes ermöglichte. Der Goldstrom kam
besonders aus dem Ausland, Die europäischen Kapi-
talisten wollten ja während des Bürgerkrieges mit den

1O8
        <pb n="112" />
        Papieren der Vereinigten Staaten nichts zu tun haben,
sie hatten kein Zutrauen zu der Union. Jetzt aber
zog die glänzende Geschäftslage in Amerika das Geld
aus dem Ausland in großen Mengen an. In zu großen
Mengen sogar, wie sich bald herausstellen sollte.

Die Wirkung war nämlich, daß das amerikanische
Wirtschaftsleben über die natürlichen Bedürfnisse hin-
aus angeregt wurde. In einer Gegend, wo eine Fabrik,
eine Eisenbahnlinie ihre Daseinsberechtigung gehabt
hätte, konnten zwei oder drei eben nur leben, wenn
sie sich gegenseitig die Geschäfte abjagten. Und in-
zwischen floß immer mehr Geld ins Land und wurde
in dem Bau immer neuer Fabriken und Eisenbahnen
angelegt. So wurde endlich einmal ein Gipfelpunkt
erreicht. Dann verwandelte plötzlich der Rückwärts-
schwung des Pendels die Gebefreudigkeit der in-
vestierenden Kapitalisten in ihr genaues Gegenteil.
Nun betätigten sich alle, mit Ausnahme einiger weniger
über den Dingen Stehender, als ausgesprochene
Schwarzseher und führten durch ihr unüberlegtes
Handeln in blindem Schrecken gerade das herbei, was
sie gefürchtet hatten. So werden nämlich Paniken
inszeniert — und so kam die furchtbare Krise von 1895.

Inzwischen hatte der Kongreß die Silberfrage ent-
deckt. Nach dem Bland-Allison-Gesetz wurde eine
beschränkte Silbermenge in Silberdollarstücken aus-
geprägt. 1890 versuchte der Kongreß, die Ausprägung
von allen Beschränkungen zu befreien, und die dahin
zielende Agitation brachte schließlich das Sherman-
Kompromißgesetz zustande, nach dem der Schatz-
sekretär angewiesen wurde, monatlich. 4% Millionen
Unzen Silber aufzukaufen ‚und dafür Schatznoten

.-
L
1.1
        <pb n="113" />
        auszugeben, die er nach Belieben in Gold oder Silber
wieder ‚einlösen konnte, Die Auswirkung dieses Ge-
setzes war unheilvoll. Es gab.zuviel Silber und daher
wurde dieses Metall unerwünscht. Die Geldmakler
zogen Gewinne daraus, daß sie das schlechtere Metall
gegen das bessere eintauschten und das Gold ins Aus-
land sandten. Nach 3 Jahren (Juni 1893) wurde das
Gesetz wieder für ungültig erklärt, aber inzwischen
hatte das Schatzamt fast 150 Millionen in Gold
verloren. Doch die Ungültigkeitserklärung jagte wieder
den Kapitalisten Schrecken ein. Sie fürchteten, daß
man sie zwingen werde, in Silber zurückzunehmen,
was sie in Gold hergegeben hatten, Die im Kongreß
heftig verfochtene Ansicht, ein Metall sei so gut (re-
lativ gesprochen) wie das andere und die Staatsschul-
den könnten in Gold oder Silber gezahlt werden, ließ
diese Befürchtungen nicht ganz ungerechtfertigt er-
scheinen. Und hinter den Vorkämpfern dieser Ansicht
standen die silbererzeugenden Staaten der Union und
versuchten mit allen Mitteln. ihre Interessen zu
wahren.
Im Westen las jedermann ‚„Coin's School of
Finance‘, ein Buch von Harvey, das in schulmeister-
lichem Tone die Nachteile der Goldwährung ausein-
andersetzte, und Karikaturen gingen von Hand zu
Hand, auf denen die Farmer als eine Kuh dargestellt
waren und Wall Street als der eifrige Melker, der aus
dem: treuen Tier den letzten Tropfen Milch heraus-
zupressen sucht. In den Zügen sah man die Leute
nichts anderes lesen oder ansehen, und man hörte sie
die „Goldkäfer” in den schönsten Kraftausdrücken
verfluchen, Die wilde Agitation der Silberanhänger
und der drohende Niedergang der wirtschaftlichen
Lage kamen zusammen und ‚erzeugten eine doppelt
wirksame Panik, Und als ob die Schwierigkeiten im

‘10
        <pb n="114" />
        Land noch nicht genug gewesen wären, kamen auch
noch die englischen und europäischen Kapitalisten und
verlangten ihr Geld zurück, und zwar schleunigst und
auf der Stelle. Sie wollten Gold haben, solange es
noch Gold in Amerika gab, und sie verkauften alle die
Papiere, die sie vor kurzem erst noch mit so großem
Eifer gekauft hatten, wieder nach den Vereinigten
Staaten zurück.

So wuchsen die amerikanischen Konten auf der
Sollseite der Bücher ausländischer Banken be-
ängstigend an. Der Kurs englischer Devisen an der
New Yorker Börse stieg und stieg. Die Wirkung dieser
Kurssteigerung auf das Schatzamt war ungefähr so
wie der eines Messerstiches in den Arm. Ausländische
Devisen sind sozusagen auf eine ausländische Bank
gezogene Wechsel, die im Inland verkauft werden. Sie
sind Stellvertreter von Goldmünzen, und diese sind
das einzige international gültige Geld. Da die Banken
als Clearing House für alle auswärtigen Verpflich-
tungen dienen, kann die Summe aller Transaktionen,
die ein Land mit einem anderen ausführt, als eine
einzige große Transaktion behandelt werden, so daß
sich im internationalen Verkehr stets ein Überschuß
oder ein Defizit für jedes Land ergibt. Wenn sich also
für ein bestimmtes Land, etwa für die Vereinigten
Staaten, ein Defizit ergibt, das heißt, wenn die Ver-
bindlichkeiten nicht gedeckt werden können, so steigen
die Kurse der ausländischen Devisen in diesem Land
immer höher, bis mit Gold selbst gezahlt werden muß.
Der einzige Ort, wo man in den Vereinigten Staaten
für die Deckung der Verbindlichkeiten Gold erhalten
konnte, war das Schatzamt.

Langsam, aber sicher verschwand das Gold der
Regierung. Teilweise wurde es außer Landes ge-
schickt, teilweise wurde es im Land selbst von den er-

111
        <pb n="115" />
        schrockenen Banken oder von Spekulanten auf-
gespeichert. Zweimal borgte der Kongreß 50 Mil-
lionen in Gold, um den Reservefonds wieder auf-
zufüllen, Das schien aber nur die öffentliche Aufmerk-
samkeit auf den wunden Punkt zu lenken, denn das
Borgen half nichts. Die Käufer von Staatspapieren
borgten ihrerseits nur Gold. um sie zu bezahlen,
tauschten sie dann gegen Staatsnoten ein und zeigten
diese beim Schatzamt vor, um sie gegen Gold einlösen
zu lassen, Gegen Mitte Januar 1895 begann die Gold-
reserve schneller zusammenzuschmelzen. Die Panik
griff auf die New Yorker Banken und auf ihre Kunden
im Lande über. Bald war es klar, daß fast die ge-
samten Finanzkreise des Landes sich zusammengetan
hatten, um das Schatzamt zu stürmen, dessen Schatz-
kammern schon fast so leer waren wie ein aus-
geschütteter Sack.

Zwischen dem 1. Dezember 1894 und dem 13. Januar
1895 verließen etwa 80 Millionen das Schatzamt.
In der letzten Januarwoche war der Reservefonds
schon auf etwa 40 Millionen zusammengeschmolzen.,
Bei dem Tempo, das inzwischen die Einlösungen er-
reicht hatten — mehrere Millionen täglich — reichte
dieser Vorrat kaum noch auf eine Woche. Eigentlich
reichte er bei weitem nicht mehr so lange, denn nur
ungefähr 3 Millionen Gold lagerten in gemünztem
Zustand, .der Rest der angegebenen Summe bestand
aus Gold in Barren. Es herrschte aber gerade Nach-
frage nach gemünztem Gold, während die Barren mit
Disagio gehandelt wurden. Auch konnte das Schatz-
amt schon aus dem Grunde keine Barren. hergeben,
weil dadurch seine ganze Schwäche, die ja streng ge-
heimgehalten wurde, offenbar geworden wäre. Wäre
in diesem Augenblick der Öffentlichkeit die Wahrheit
bekanntgeworden, so wäre aus der Krise überwältigen-

13 2
        <pb n="116" />
        des Unheil entstanden. Das Schatzamt zog aus Chicago,
San Francisco und New Orleans seine letzten verfüg-
baren Vorräte zusammen. Aber es war weder Zeit
noch Gold vorhanden, um den unvermeidbaren Zu-
sammenbruch aufzuhalten.

Für einen so ehrenhaften und verantwortungs-
bewußten Beamten wie Präsident Cleveland kann man
sich kaum eine schlimmere Lage denken. Man konnte
unmöglich die Wahrheit an die Öffentlichkeit bringen,
aber gerade das wollte der Präsident unter allen Um-
ständen tun. Cleveland hatte sich aus der Natur seines
hohen Amtes eine Meinung gebildet, von der er nicht
abging, daß nämlich Hilfe unmittelbar vom Kongreß
und vom Volk kommen müsse. Er war eben kein
Finanzmann. Die verwickelten finanztechnischen Ur-
sachen, die schon die ganze Zeit am Werk waren, die
Stellung des Schatzamts zu unterminieren, die hohen
Devisenkurse, das geheimnisvolle Verschwinden des
Goldes, die langsame, aber unaufhaltsame Schwächung
des nationalen Kredits, der Zusammenbruch der nor-
malen Stützen der Währung — alles das war für
ihn genau so rätselhaft wie für die große Mehrheit
seiner Landsleute, die nicht Bankiers von Beruf waren.
Er meinte, der Kongreß könne und müsse der Ausgabe
von Schuldverschreibungen zustimmen, die — wenn
auch nur zeitweise — die Lage entspannen würde.
Am 28. Januar erhielt der Kongreß eine dringende,
besondere Botschaft vom Präsidenten, in der er
unter anderem sagte:

„Die große Schwierigkeit, die sich uns entgegen-
stellt, ist der weitverbreitete und ständig wachsende
Mangel an Vertrauen zu der Fähigkeit der Regierung,
ihre Verpflichtungen in Gold einzulösen.

Der einzige der Regierung offenstehende Weg, sich
Gold zu verschaffen, ist die Ausgabe und der Verkauf

»

Mordan

” #0
1
        <pb n="117" />
        ihrer Schuldverschreibungen. Die einzigen Schuld-
verschreibungen, die so ausgegeben werden können,
datieren von vor etwa 25 Jahren .., sie sind in
gesetzlichen Zahlungsmitteln zahlbar, nicht ausdrück-
lich in Gold ‚.. Es ist dabei übrigens nicht sicher,
daß derartige Schuldverschreibungen noch lange zu
einem Preis verkauft werden können, der sich mit
der Finanzlage der Regierung verträgt,

Der gefährlichste und besorgniserregendste Faktor
bei der gegenwärtigen Lage ... ist, daß das so er-
haltene Gold wieder aus dem Schatzamt verschwindet,
ohne daß dafür eine einzige Staatsnote eingezogen
wird. Dieser Vorgang bringt nur denjenigen Vorteile,
die aus der Verschiffung von Gold ins Ausland Ge-
winne ziehen oder die es im Inland aus Furcht aul-
speichern .. . Ein und dieselbe Note kann viele Male
dazu benutzt werden, Gold vom Schatzamt zu er-
halten, und man kann diesem Vorgang keinen Riegel
vorschieben, solange gewisse Leute , , . einen Vorteil
darin sehen, ihn immer und immer wieder ins Werk
zu setzen.
Wie man auch über die Silberfrage oder über die
Doppelwährung denken mag, ein zweckentsprechender
Ausweg aus den uns bedrückenden Schwierigkeiten
erfordert nur eine Anerkennung von Gold ebenso wie
von Silber, das Zugeständnis seiner — ob mit Recht
oder Unrecht errungenen — Wichtigkeit als Grund-
lage des nationalen Kredits, seiner Notwendigkeit für
die ordnungsgemäße Einlösung unserer in Gold zahl-
baren Verpflichtungen, und seiner Eigenschaft als
Zeichen der Zahlungsfähigkeit.“
Als Antwort auf diese wohlüberlegte und genau
formulierte Forderung hörte man aus dem Kongreß
nur das. Tamtam der Parteipolitik — und Ausdrücke
heftissten Widerstandes. Man hätte meinen können.

"414
        <pb n="118" />
        eine Schar Kinder spielte Stadtverordnetenversamm-
lung — Worte ohne Taten, Rauch ohne Feuer, Die
Silberagitation begann von neuem und die Anhänger
des Silbers bemühten sich krampfhaft, zu beweisen,
daß die „Goldkäfer”” Wucherer seien, während die An-
hänger des Goldes den Finger auf den wunden Punkt
in den Argumenten ihrer Gegner legten. Aber man
focht sogar innerhalb derselben Partei gegeneinander
und käute alles bis zum Überdruß wieder.

„Der Präsident hat dem Silber den Krieg erklärt”,
sagte Senator Vest pathetisch. „Er will uns selbst als
Mittel benutzen, um uns die Goldwährung aufzu-
zwingen.‘ Er fragte dann, ob wirklich jemand meinte,
die „angebliche Notlage‘ könne nicht ohne weiteres
durch Zahlungen des Schatzamts in Silber beseitigt
werden. „Was mich betrifft‘, rief er und erhob seine
rechte Hand wie zum Schwur, „so werde ich niemals
für die Ausgabe von Schuldverschreibungen stimmen,
um Gold zu verschaffen, da auf diese Weise uns die
Goldwährung aufgezwungen würde.”

Die Antwort der Gesetzgebenden Versammlung
auf die ehrliche und direkte Aufforderung des Präsi-
denten war: „Gold ist das Zeichen der Knechtschaft!”

In England und auf dem europäischen Festland
verbreitete sich bald die Ansicht, daß die Lage des
Schatzamts hoffnungslos sei.

So blieb schließlich die Schuld an der üblen Lage
des Schatzamts auf Präsident Cleveland, und zwar auf
ihm allein, sitzen.

Inzwischen hatten sich jedoch Verhandlungen zwi-
schen dem Schatzamt in Washington und einigen New
Yorker Bankiers angesponnen, Cleveland hatte mit

a 4 7
]

‚+
        <pb n="119" />
        ihnen nichts zu tun, er war vom Kongreß abhängig.
Theoretisch war allerdings auch das Schatzamt vom
Kongreß abhängig. Seine offizielle Stellung verhinderte
es, öffentlich Verhandlungen mit privaten Stellen zu
beginnen. Er war in der Lage eines Mannes, dem ver-
boten ist, ein Feuer in seinem Haus zu löschen, bevor
der Stadtrat zur Begutachtung erschienen ist. Er muß
sehen, wie es brennt und sich immer weiter verbreitet,
und muß untätig danebenstehen. Nimmt man noch an,
daß der Mann weiß, daß die Hohe Behörde zu spät
kommen wird, um sein Haus zu retten, so hat man
ganz genau die Lage, in der das Schatzamt sich befand.
Seine Beamten wußten, daß man vom Kongreß keine
Rettung erhoffen konnte, und so begannen sie unter
strengster Geheimhaltung, selbst Maßnahmen für die
Rettung zu ergreifen.

Ein Besuch August Belmonts brachte das Uhrwerk
zum Laufen, Am 24. Januar fuhr Belmont mit dem
Nachtzug nach Washington und suchte am nächsten
Morgen Staatssekretär Carlisle in dessen Büro im
Schatzamt auf. Er malte ihm die sehr ernste Finanz-
lage in New York in den schwärzesten Farben. Er
schien in ernster Besorgnis zu sein — und war es auch
wirklich — und meinte, daß nur ein Verkauf von Re-
sierungsschuldverschreibungen in Europa eine furcht-
bare Krisis verhindern könne. Carlisle, der mehr Poli-
tiker als Finanzmann war, glaubte, daß ein Verkauf
von Verschreibungen im Lande selbst denselben Zweck
erfüllen würde, jedoch sagte er Belmont nichts der-
gleichen, sondern bat ihn, den europäischen Markt zu
sondieren und ihm das Ergebnis mitzuteilen.

Einige Tage später sandte er den Unterstaats-
sekretär William E. Curtis nach New York, um Bel-
mont aufzusuchen, Curtis war stets mit solchen ver-
traulichen Missionen beauftragt worden, recht oft im

116
        <pb n="120" />
        vergangenen Jahr war er kurz entschlossen nach New
York gefahren und hatte die Bankpräsidenten auf-
gesucht, um irgend etwas für das Schatzamt Wichtiges
zu erfahren oder — was noch häufiger vorkam — um sie
für die laue Unterstützung des Schatzamts in diesen
schweren Zeiten zu tadeln. Diesmal aber war es ein
dringenderer Auftrag, denn als sich Curtis von Carlisle
verabschiedete, sagte der letztere: „Ich kann Ihnen
keine Instruktionen geben. Sie kennen die Lage. Tun
Sie Ihr Bestes!” Da die Zeitungen nur wenig wußten,
aber viel ahnten, zog Curtis, sobald er in New York
den Zug verlassen hatte, einen ganzen Kometenschweif
von Reportern hinter sich her. Er fühlte sich sichtlich
erleichtert, als er in Belmonts Büro in Sicherheit vor
ihnen war.
Der Bankier zeigte ihm seine privaten Kabel-
depeschen — Gutes enthielten sie nicht, wenigstens
nichts, was bei der Haltung des Kongresses gut ge-
nannt werden konnte. Man wünschte in Europa keine
Verschreibungen auf „gesetzliche Zahlungsmittel”,
auch keine auf Silber. Über eine unter allen Um-
ständen in Cold einlösbare Verschreibung ließ sich
nach Ansicht der europäischen Bankiers reden, aber
davon wollte ja der Kongreß nichts wissen. Belmonts
Gewährsmänner waren die Rothschilds, die Geld- und
Kreditfürsten jenseits des Ozeans. Ohne ihre Hilfe
konnte in dieser Richtung nichts unternommen werden.
Belmont war jetzt noch pessimistischer als vor einigen
Tagen, denn damals konnte er sich nur auf sein eigenes
Urteil stützen, während er jetzt die Bestätigung des
Ernstes der Lage in der Hand hielt. Er riet Curtis, am
nächsten Tag Morgan aufzusuchen, was dieser auch
versprach.
Bis zu diesem Tage (dem 30. Januar) hatte Morgan
nichts unternommen. In der Wall Street war seine

em
        <pb n="121" />
        Haltung ein Rätsel; jedesmal, wenn die Frage der
Goldverschiffungen zur Sprache kam, fragte man: „Was
tut Morgan?” Am Morgen des 30. Januar aber erhielt
er zwei Mitteilungen. Die erste war ein Brief von
Curtis, der ihn bat, zu einer Besprechung in die Filiale
des Schatzamts zu kommen, Die andere war eine
Kabeldepesche von seinem Londoner Haus des In-
halts, daß die Rothschilds vorgeschlagen hätten, sie
und das Londoner Haus sollten zusammen mit Morgan
und Belmont in New York versuchen, wenn möglich
die Katastrophe abzuwenden, Kurz darauf kam auch
Belmont zu Morgan; er hatte eine entsprechende De-
pesche erhalten. Morgan sagte ihm, er sei bereit, die-
sen Vorschlag anzunehmen und ihn zu Curtis zu be-
gleiten,

Curtis legte ihnen die Lage der Dinge vom Stand-
punkt des Schatzamts aus dar und sagte, die Regie-
rung wolle Schritte unternehmen, um sich das not-
wendige Gold für das Schatzamt zu verschaffen.

Morgan sagte ihm, seiner Meinung nach sei die
Sache schon soweit gediehen, daß man bereits in einer
Krisis stehe und daß schon eine derartige Besorgnis
im Publikum herrsche, daß man unmöglich das Gold
durch öffentliche Ausschreibung erhalten werde.
Außerdem sei es jetzt gänzlich nutzlos, irgend etwas
zu unternehmen, falls man nicht in Europa Gold be-
schaffen könne. „Was meine eigene Meinung betrifft”,
fuhr er fort, „so will ich Ihnen offen gestehen, daß ich
es für sehr zweifelhaft halte, ob das Gold in Europa
zu bekommen ist. aber man muß es jedenfalls ver-
suchen.“
Curtis fragte, ob er und Belmont die Sache in die
Hand nehmen wollten, wenn der Präsident und der
Staatssekretär es wünschten. Morgan sagte, er fühle
sich dazu verpflichtet. und er werde ihm im Laufe des

18
        <pb n="122" />
        Tages die Grundlagen seines Planes in einem Memo-
randum zusammenstellen, das er, Curtis, mit nach
Washington nehmen könne. Er möge ihm dann mit-
teilen, ob der Präsident und der Staatssekretär ein-
verstanden seien,

In dem Memorandum war besonderer Nachdruck
darauf gelegt, daß es sich um einen privaten Vertrag
und unter keinen Umständen um eine öffentliche An-
leihe handele. Curtis nahm es mit nach Washington.

Bis dahin war über den Preis nichts gesprochen
worden. Morgan sagte später: „Es war auch nicht so
sehr eine Frage des Preises, sondern des Erfolges.”
Am Sonnabend brachte Curtis eine zustimmende Ant-
wort vom Schatzsekretär, und die Bedingungen einer
Ausgabe von Schuldverschreibungen wurden von den
beiden Bankiers aufgesetzt.

Am gleichen Tag wurden 5 bis 6 Millionen in
Gold aus dem Schatzamt abgehoben und zur Ver-
schiffung nach Europa auf die Dampfer gebracht. Nun
war kaum noch für einen Tag Vorrat vorhanden.
Gegen Abend aber ereignete sich etwas Bemerkens-
wertes: das Gerücht, daß Morgan etwas unternehmen
werde, verursachte einen plötzlichen Umschwung der
Meinung in den Finanzkreisen, und ein großer Teil
des Goldes wurde von den Dampfern wieder zurück
ins Schatzamt gebracht. Ein bloßes Gerücht bewirkte
das. Aber die Wirkung war nicht vorhaltend.

Die Presse, die etwas außergewöhnliches witterte,
sah die ganze Sache natürlich von ihrem eigenen Ge-
sichtswinkel an. Ihr kam sie verdächtig vor, sie war
aufgebracht über die geheimnisvollen Verhandlungen.
Sie sprach von ‚„Hintertreppenfinanzierung‘” und
fragte, ob sich der Präsident nicht in die Gewalt der
Geldinteressenten begebe, um ihnen einen Vorteil auf
Kosten des Staates zuzuschanzen. Sie redete viel von

174
        <pb n="123" />
        den unerschöpflichen natürlichen Hilfsquellen des
Landes, und was das Volk alles tun würde, wenn der
Kongreß ihm nur eine Möglichkeit böte, in dieser
schwierigen Lage helfend einzugreifen. Die New
Yorker „World“ erklärte mehrere Male, der Präsident
solle eine dreiprozentige Anleihe ausschreiben: „Wenn
die Banken sie nicht nehmen wollen, so wird das Volk
sie nehmen!“
Und Cleveland war diesem Plan durchaus nicht ab-
geneigt. Vielleicht hatte er immer noch Vertrauen zu
dem Kongreß. Jedenfalls war er entschlossen, sich auf
den Kongreß zu verlassen. Auch Carlisle war einer
öffentlichen Anleihe geneigt. Infolgedessen erhielt
Morgan am Montag vormittag, als er meinte, die Sache
sei so gut wie erledigt, einen Brief von Carlisle, das
Schatzamt habe sich entschlossen, die Verhandlungen
abzubrechen und sich auf den Kongreß zu verlassen,
damit eine öffentliche Anleihe ausgeschrieben werden
solle.

Das war ein Schlag ins Gesicht. Morgan war voll-
kommen davon überzeugt, daß ein Ruf nach Gold an
die Öffentlichkeit sich nur unheilvoll für das Schatz-
amt auswirken würde. Ohne einen Augenblick zu ver-
lieren, setzte er sich mit Carlisle in Verbindung und
bat ihn dringend, nichts zu unternehmen, bevor er und
Belmont in Washington angekommen seien. Der Staats-
sekretär war damit einverstanden, noch einen Tag zu
warten. Belmont fuhr sofort ab, sobald er von Mor-
gan unterrichtet war; dieser selbst folgte mit einem
Nachmittagszug. Mit ihm fuhr sein jüngerer Partner
Robert Bacon und sein Rechtsanwalt Francis Lynde
Stetson, Stetson war früher Partner von Cleveland
gewesen, Er empfing Morgans Botschaft „Es sind viel-

120
        <pb n="124" />
        leicht Papiere zu unterzeichnen und ich brauche Sie”
gerade als er nach einer Abwesenheit von einigen
Tagen in die Stadt zurückkehrte. Er sagte Morgan im
Zug, er habe solches Interesse an der Angelegenheit,
daß er zu Fuß nach Washington gehen würde, wenn
es nötig sei. Er erachte es als patriotische Pflicht, jetzt
zu handeln.
In Washington jedoch hatten in diesem Augenblick
verschiedene Leute ganz verschiedene und recht kon-
fuse Ansichten von patriotischen Pflichten. Senator
Vest zum Beispiel erklärte pathetisch im Senat: „Der
Präsident hat dem Silber den Krieg erklärt!‘ Die un-
erschöpflichen natürlichen Hilfsquellen der Vereinig-
ten Staaten, die Treue des Volkes waren Phrasen, die
wieder einmal sehr abgedroschen wurden — wobei
man ganz vergaß, daß die unerschöpflichen natürlichen
Hilfsquellen und die Treue des Volkes im Augenblick
kein Gold in die leeren Gewölbe des Schatzamts brin-
gen konnten. Cleveland war auch ein Patriot, aber in
seinem Geist stritten Theorie und Notwendigkeit.
Jedenfalls war er entschlossen, dem Kongreß zu zei-
gen, was seine Pflicht sei, und ihn zum Handeln zu
zwingen. Das hielt er für seine Pflicht,

Am Dienstag Morgen suchten Morgan und Belmont
zusammen mit Stetson und Carlisle den Präsidenten
auf, Morgan führte bei dieser Gelegenheit fast aus-
schließlich das Gespräch. Er und Cleveland waren
übrigens gute Bekannte, da sie häufig miteinander zu
tun gehabt hatten, als Cleveland nach seiner ersten
Amtszeit in New York eine Rechtsanwaltspraxis aus-
übte. Wenn Morgan nach Washington kam, so be-
suchte er gewöhnlich den Präsidenten, um ein wenig
mit ihm zu plaudern und eine Zigarre zu rauchen.

An diesem Morgen herrschte aber eine andere
Stimmung. Zwischen den beiden Männern bestand

31
        <pb n="125" />
        eine tiefgehende Meinungsverschiedenheit. Cleveland
war nicht der Mann, der sich durch die Persönlichkeit
eines anderen beeinflussen ließ; er hatte beschlossen,
dem Kongreß die Sache zu überlassen, und verharrte
bei seiner Meinung. Morgan legte ihm in seiner ein-
dringlichen Weise die wichtigsten Punkte seines Planes
dar und bewies ihm die Notwendigkeit jeder Einzel-
heit. Ihm war es klar, daß der Erfolg auf dem Ver-
kauf von Schuldverschreibungen im Ausland beruhte.
Auf keine andere Weise war Gold für das Schatzamt
zu erhalten, das nicht selbst erst aus dem Schatzamt
geholt worden war, Der Präsident konnte keinen
Fehler in der Argumentation des Bankiers entdecken,
aber er war ‚nicht zu überzeugen, Er wollte nichts
unternehmen. Die Besprechung verlief ergebnislos,

Schon früher war im Kongreß ein Gesetzentwurf
über die Ausgabe von wirklichen Goldschuldverschrei-
bungen, nicht solchen auf „gesetzliches Zahlungs-
mittel‘, eingebracht worden. Diese sogenannte Sprin-
ger-Bill war monatelang diskutiert worden; man
brauchte sie nur erwähnen, sofort brach ein Sturm
der Entrüstung los und die Dauerredner begaben sich
an die Arbeit; Gemeinplätze über Patriotismus, den
großen Reichtum des Landes, das Vertrauen des Vol-
kes, Gold als Zeichen der Knechtschaft und das „Ver-
brechen von 1873 wurden von der demokratischen
Mehrheit losgelassen, aber nichts getan, um auch nur
einen Dollar dorthin zu bringen, wo die Regierung ihn
brauchte. Am Donnerstag nachmittag wurde über die
Bill abgestimmt — sie fiel durch. Hierüber sagte die
New Yorker „World“, die Zeitung, die bei der ganzen
Agitation führend war, in einem Leitartikel:

„Das einzige, was der Regierung noch übrigbleibt,
ist, unter den besten erreichbaren Bedingungen eine
Anleihe abzuschließen, Daß diese Bedingungen schwer

122
        <pb n="126" />
        und entmutigend sein werden, verdanken wir ebenso
sehr der willkürlichen wie blödsinnigen Handlungs-
weise des Kongresses wie der Unfähigkeit der Regie-
rung, jener Parteiführerschaft, die sich dazu wohl den
Wählern gegenüber, die sie ins Amt gebracht haben,
verpflichtet hat.”

Die Krisis, die noch künstlich durch das bloße Ge-
rücht, daß ein Konsortium unter Morgan die An-
gelegenheit in die Hand nehmen würde, aufgeschoben
worden war, mußte nun hereinbrechen. Es war am
Nachmittag des Donnerstag, 7. Februar 1895, Am
nächsten Tag würde das Schatzamt seine Zahlungen
einstellen müssen; nur ein Wunder konnte es davor
retten.

Neuntes Kapitel
DIE RETTUNG DER REGIERUNG

je Verhandlungen mit Morgan waren abgebrochen.
Dorian hatte ihm nicht gesagt, er möchte noch ein-
mal nach Washington kommen. Aber er — wie fast
jeder Bankier und Finanzsachverständige in den Ver-
einigten Staaten und im Ausland — wußte, daß der
Zusammenbruch nur die Frage weniger Stunden sein
konnte. Als bei Geschäftsschluß die Zeitungen die an
diesem Tage aus dem Schatzamt entnommenen Be-
träge mitteilten, zog er seinen Mantel an, setzte seinen
Hut auf, rief Bacon und verließ sein Büro. Ohne ein
Wort zu sagen schritt er durch die Menge Reporter,
die draußen warteten, nahm eine Droschke, ließ sich
auf der Cortlandt-Street-Fähre übersetzen und fuhr
mit dem Congressional Limited nach Washington. Na-
türlich wurde seine Abreise telegraphisch nach der
Bundeshauptstadt berichtet, aber niemand wußte, was
12213
        <pb n="127" />
        er beabsichtigte. Später sagte er einmal, er habe es
„als seine Pflicht betrachtet, hinzufahren und den Prä-
sidenten noch einmal zu besuchen‘, obwohl man ihn
nicht darum gebeten hatte.

Als er in Washington aus dem Zug stieg, erwartete
ihn zu seinem Erstaunen der Kriegssekretär Daniel
Lamont auf dem Bahnsteig, Dieser teilte ihm mit, seine
Abreise sei aus New York gemeldet worden, und ohne
zu wissen, was er in Washington wolle, habe der Prä-
sident sich verpflichtet gefühlt, ihm mitteilen zu lassen,
daß er seine Ansicht über die Verantwortlichkeit des
Kongresses nicht geändert habe, daß er der Frage einer
privaten Ausgabe von Schuldverschreibungen nicht
nähertreten und Morgan nicht empfangen wolle. Mor-
gan sagte Lamont, er sei nach Washington gekommen,
um mit dem Präsidenten zu sprechen, er werde im
Arlington-Hotel absteigen und dort bleiben, bis er ihn
gesprochen habe. Er rief eine Droschke an und fuhr
mit Bacon zu dem Hotel.

Die Nachricht von seiner Ankunft ging bald durch
die ganze Stadt und sofort suchten ihn Beamte des
Schatzamts, Kongreßmänner und andere, die mit der
Lage vertraut waren, auf. Sie alle wußten um die Not-
lage des Schatzamts und berichteten alle dasselbe, daß
es nämlich unmöglich sei, das Kapitol zum Handeln
zu bringen, Die Stunde der Silberanhänger war ge-
kommen, Jetzt hatten sie, wie sie meinten, die Mög-
lichkeit, das Gold zu entthronen und in dem daraus
entstehenden Zusammenbruch und Wirrwarr ihre eige-
nen Theorien in die Wirklichkeit umzusetzen. Jeder
Besucher sprach über die gefährliche Lage und schüt-
tete Morgan sein Herz aus, aber keiner machte irgend-
einen Vorschlag,

Den ganzen Abend dauerte diese Art Cercle an.
Morgan saß ruhig da, rauchte und sagte nichts. Nach

+
4
        <pb n="128" />
        Mitternacht erst empfahl sich der letzte Besucher, und
endlich zog sich auch Bacon zurück. Morgan war mit
einer Partie Solitär beschäftigt. Hotelbedienstete sag-
ten später, daß das Licht in seinem Zimmer erst
nach 4 Uhr erlosch. Aber er hatte sich nicht nur mit
seiner Solitärpartie beschäftigt — das Schatzamt hatte
kaum noch für einen Tag Gold und man mußte einen
Plan ausarbeiten, um den Kredit des Staates zu retten.
Am nächsten Morgen wütete ein heftiger Schnee-
sturm. Beim Frühstück um % 10 Uhr legte Morgan
seinem Teilhaber Bacon den Plan dar, den er sich
am Abend vorher bei seiner Solitärpartie zurecht-
gelegt hatte. Er hatte sich an einen Vorfall zur Zeit
des Bürgerkrieges, als er noch ein junger Mann war,
erinnert. Damals stand Präsident Lincoln der Gefahr
eines zahlungsunfähigen Schatzamts gegenüber, und
Salmon P, Chase, der damalige Schatzsekretär, kam
nach New York und berief eine Versammlung der füh-
renden Bankiers zusammen, um ein Mittel zu finden,
der Regierung Gold zu beschaffen. Auf Grund dieser
Besprechung ersuchte er den Präsidenten telegra-
phisch, die Sitzung des Kongresses hinzuziehen, bis er
nach Washington zurückkäme, und nahm dann den
nächsten Zug, Als er in der Bundeshauptstadt ankam,
fand er jedoch, daß der Kongreß sich bereits vertagt
hatte, als sein Telegramm im Weißen Haus angekom-
men war, Am nächsten Morgen aber legte Lincoln
der Gesetzgebenden Versammlung die Sachlage dar,
und es wurde ein Gesetz durchgebracht, das den
Schatzsekretär ermächtigte, Gold zu kaufen, wenn die
Regierung es benötigte, zum vorteilhaftesten Preis,
den er erzielen konnte und gegen beliebige Staats-
papiere. Morgan sagte Bacon, dieses von Lincoln be-
stätigte Gesetz müsse sich finden lassen, und es sei
deshalb in seiner Erinnerung geblieben, weil das Bank-

173
25
        <pb n="129" />
        haus, bei dem er damals tätig war, 1862 auf Grund
dieses Gesetzes Gold an die Regierung verkauft hatte.
Er meinte sich zu erinnern, daß diese Ermächtigung
„Paragraph viertausend und soundso viel der Revi-
lierten Statuten‘ sei, und wenn sie nicht durch eins
der vielen anläßlich der Wiederaufnahme der Ein-
lösungspflicht erlassenen Gesetze abgeändert oder
widerrufen sei, müsse sie noch in Kraft sein und könne
sich nun nützlich erweisen,

Bevor sie noch ihr Frühstück beendet hatten, er-
hielten sie Berichte über die Eröffnung der Geschäfts-
stunden in New York: der Sturm auf das Schatzamt
dauerte an. Schatzsekretär Carlisle sowie das Weiße
Haus mußten dieselben Berichte im selben Augenblick
empfangen haben. Das Telephon läutete und Bacon
sing zum Apparat. Man sagte ihm, der Präsident
wolle Morgan empfangen, Ohne erst seine gewohnte
Frühstückszigarre anzuzünden, ging Morgan mit Bacon
über den Lafayette Square zum Weißen Haus. Dort
fanden sie, daß Sekretär Carlisle, Generalstaatsanwalt
Olney und andere Mitglieder der Regierung sich bei
dem Präsidenten eingefunden hatten,

Der Präsident begrüßte Morgan sehr kurz und
förmlich. Morgan sah, daß Cleveland nicht rauchte, so
zündete er seine Zigarre auch nicht an. Er und Bacon
setzten sich. Der Schatzsekretär verlas die letzten Be-
richte, die er aus der Filiale des Schatzamts in New
York erhalten hatte, wo der Kampf tobte. Cleveland
legte nochmals seine Absicht dar, einem Verkauf von
Schuldverschreibungen durch ein Konsortium von
Banken oder auf andere Weise nicht zuzustimmen. Er
besprach die Lage mit seinen offiziellen Ratgebern,
während Morgan und Bacon als stumme Zuhörer da-
saßen. Die Diskussion zog sich in die Länge. In-
zwischen wurden dem Schatzsekretär immer wieder

=
1276
        <pb n="130" />
        Berichte über die Lage gebracht, die er vorlas oder
dem Präsidenten überreichte.

Aus Minuten wurden Stunden. Was in der Gruppe
im Weißen Haus besprochen wurde, wußte die Finanz-
welt. Andere Firmen und Personen konnten Maß-
regeln treffen, um sich gegen den unvermeidlichen Zu-
sammenbruch zu sichern, aber Morgan, für den viel
auf dem Spiel stand, saß ruhig da und hörte zu. Man
fragte ihn nicht nach seiner Meinung; der Präsident
versuchte, mit seinen offiziellen Ratgebern einen Aus-
weg aus den Schwierigkeiten zu finden, und hielt
immer noch an seinem Entschluß fest, wenn möglich,
die Hilfe von Wall Street nicht in Anspruch zu neh-
men. Schließlich aber besagte ein telephonisch über-
mittelter Bericht, daß die Filiale des Schatzamts in
New York nur noch 9 Millionen Dollar in Gold
hatte.
Jetzt brach Morgan sein Schweigen und sagte:
„Herr Präsident, der Schatzsekretär weiß von einem
fälligen Scheck über 12 Millionen. Wenn dieser Scheck
präsentiert wird, ist alles aus!”

Carlisle hatte ihm am Abend vorher im Hotel von
diesem Scheck erzählt,” und er hatte während der
ganzen Zeit unablässig an ihn gedacht. Carlisle be-
stätigte Morgans Worte sofort. Nun wandte sich der
Präsident das erstemal an Morgan: „Was haben Sie
vorzuschlagen?“

Für einen Mann wie John Pierpont Morgan, der
gewohnt war, stets die Initiative zu haben, zu sagen
„Tun Sie dies’ oder „Tun Sie jenes‘, war es eine Tor-
tur gewesen, den ganzen Vormittag schweigend und
untätig im Weißen Haus zu sitzen. Nun überstürzten

* Nach einer anderen Lesart hatte Morgan selbst diesen
Scheck in Besitz und benützte ihn nun als Druckmittel.

e

up
4
        <pb n="131" />
        sich seine Worte. Er sprach von dem „Paragraph
viertausend und soundso viel” der Statuten. Er sagte,
er wisse nicht, ob er noch in Kraft sei, habe ihn vor
dreißig Jahren zum letztenmal gelesen, wenn er aber
noch gültig sei, dann gebe er dem Sekretär Carlisle
dieselbe Vollmacht wie seinerzeit dem Sekretär Chase
und werde sich der Regierung in ihrer gegenwärtigen
Notlage ebenso nützlich erweisen.

Auf ein Wort des Präsidenten verließ General-
staatsanwalt Olney das Zimmer und kehrte nach
wenigen Augenblicken mit dem Buch der Revidierten
Statuten zurück. Er sagte dem Präsidenten, Morgan
habe sich nicht getäuscht, die Ermächtigung sei als
$ 3700 verzeichnet und nach flüchtiger Durchsicht
noch in Kraft, Cleveland nahm ihm das Buch aus der
Hand und las sich den Paragraphen sehr genau durch.
Er stammte vom 17. März 1862 und lautete: .

„Der Staatssekretär des Schatzamts ist ermächtigt,
mit beliebigen rechtmäßig ausgegebenen Schuldver-
schreibungen oder Noten der Vereinigten Staaten Hart-
geld zu kaufen zu dem Preis und unter den Bedingun-
gen, die er für das öffentliche Wohl am vorteilhaitesten
hält,“
Alle saßen schweigend und erwartungsvoll da.
Nachdem der Präsident den Paragraphen gelesen hatte,
legte er das Buch langsam auf den Tisch, lächelte er-
leichtert und sagte: „Mr. Morgan, ich glaube, diese
Ermächtigung genügt uns und wird die Schwierig-
keiten beseitigen,”

Der Bann war gebrochen.

In dem raschen Kreuzfeuer von Frage und Ant-
wort, das nun folgte, besprachen Cleveland und Mor-
gan zusammen mit den Beamten die Schritte, die
unternommen werden mußten, um Vorteil aus dieser
Ermächtisungs zu ziehen. Der Generalstaatsanwalt

1928
        <pb n="132" />
        verließ das Zimmer, um einen ausführlicheren Bericht
über das Gesetz auszuarbeiten. Der Präsident zeich-
nete dann mit Morgan zusammen die Bedingungen auf,
unter denen der letztere, als Vertreter eines Konsor-
tiums, das von der Regierung benötigte Gold liefern
sollte. Morgan schlug vor, die Regierung solle 100
Millionen Dollar in Gold kaufen, aber der Präsi-
dent hielt es für angebrachter, eine bestimmte Zahl
von Unzen zu kaufen, und nachdem er sich mit dem
Schatzsekretär und dessen Beamten besprochen
hatte, entschied er sich für 3'/, Millionen Unzen.
Dann wurden die Bedingungen und der Preis diskutiert
und dieser auf 17.80 Dollar pro Unze festgesetzt, wo-
durch also rund 65 Millionen Dollar in das Schatzamt
kämen. Der Sekretär war der Ansicht, daß diese
Summe ausreichen würde.

Über alles hatte man sich bis hierher geeinigt, da
machte der Präsident plötzlich ein sehr ernstes Ge-
sicht und sagte: „Und wie steht es mit den Goldver-
schiffungen ins Ausland? Wenn nun die Regierung
diese Menge Gold von den Banken kauft, und es wird
sofort wieder vom Schatzamt angefordert und ins Aus-
land gesandt? Können Sie garantieren, daß dieser Fall
nicht eintritt?”

Morgan hatte keine Zeit, sich erst mit den Mit-
gliedern des von ihm vorgeschlagenen Konsortiums in
Verbindung zu setzen. Aus dem Ton in der Stimme
des Präsidenten schloß er, daß dieser eine derartige
Garantie für unerläßlich für das Zustandekommen des
Projektes betrachtete. Konnte Morgan die Devisen-
händler verhindern, Gewinn aus der. Ausfuhr von Gold
zu ziehen? Er mußte die Frage ganz allein und auf
der Stelle entscheiden. Ohne einen Augenblick zu
zögern, sagte er:

„Herr Präsident, ich garantiere.”

Fe 1

Morgan

17970
        <pb n="133" />
        „Gut, sagte der Präsident, „es ist jetzt 2 Uhr,
und es wäre wohl am besten, wenn Sie alle erst ein-
mal zum Lunch gingen, während ich die Bedingungen
des Projekts in einer Botschaft an den Kongreß zu-
sammenfasse, die dann sofort zum Kapitol gesandt
werden kann,“
Als alle aufstanden, sagte jemand: „Herr Morgan,
was ist denn das für ein braunes Pulver auf Ihren
Hosen, Ihren Rockschößen und um Ihren Stuhl?” Mor-
gan sah schnell nach unten. Es war seine Frühstücks-
zigarre, die er unangezündet in der Hand gehalten
hatte, als er das Zimmer betrat, und die er, ohne es
zu wissen, während er dasaß, zu Staub zerrieben
hatte. Der Präsident lachte, reichte ihm eine Kiste
Zigarren hinüber und meinte, jetzt sei es aber wirk-
lich Zeit, daß Morgan zum Rauchen käme. Er fügte
dann hinzu, es wäre ihm lieb, wenn Morgan noch da-
bleiben würde, während er die Botschaft diktierte, um
aufzupassen, ob sie auch wirklich alle Einzelheiten
des Planes enthalten würde. Die anderen gingen,
Cleveland ließ seinen Sekretär holen und diktierte
ihm die Botschaft, die noch am gleichen Nachmittag
nach dem Kapitol gesandt wurde.

In dem Vertrag war vorgesehen, daß die Regie-
rung für das Gold mit vierprozentigen Schuldverschrei-
bungen zahlen sollte, nicht mit auf Gold lautenden,
sondern mit solchen, die in „Münzen von gesetz-
lichem Wert‘ zahlbar waren. Durch die Transaktion
erhielt die Regierung Gold im Werte von 65317 500
Dollar und gab als Bezahlung Verschreibungen im
Nennwert von 62317500 Dollar aus. Die Differenz
dieser beiden Ziffern bildete das Agio der Verschrei-
bungen. Da sie 30 Jahre laufen sollten, ergab sich
ein Preis von 104,49 Prozent und ein Zinsfuß von
3% Prozent.

1°)
        <pb n="134" />
        In seiner Botschaft deutete Präsident Cleveland an,
daß die gespannte Lage unmittelbares Handeln er-
fordert hatte. Dann legte er die einzelnen Bestim-
mungen dar und verweilte besonders ausführlich bei
einer Klausel, die die Regierung ermächtigte, inner-
halb von 10 Tagen die in Münzen, das heißt, in Gold
oder Silber zahlbaren vierprozentigen Verschrei-
bungen durch dreiprozentige, in Gold zahlbare zum
Parikurs zu ersetzen, „wenn der Kongreß hierzu seine
Zustimmung gibt‘, Hätte der Kongreß eingewilligt, so
hätte der Staat mehr als 16 Millionen Dollar an Zinsen
gespart, und Cleveland drängte ihn auch, von dieser
vorteilhaften Bestimmung Gebrauch zu machen. Aber
der Kongreß hielt die von den Bankiers gemachte
Unterscheidung zwischen Gold und Münzen für will-
kürlich und unverschämt, er pfiff auf diese Klausel
zum höheren Ruhme des Silbers und warf die 16 Mil-
lionen zum Fenster hinaus.

Wäre Cleveland so hartnäckig und unbelehrbar ge-
wesen, wie ihn manche seiner Kritiker zeichnen, so
hätte er sich geweigert, von irgend jemandem Hilfe
anzunehmen außer von dem Kongreß, dem er in ganz
gerechtfertigter Weise die Verantwortung für einen
Ausweg aus den Schwierigkeiten zuschob. Wäre er
furchtsam gewesen, so hätte ihn die Aussicht auf die
Kritiken eines Planes zurückgeschreckt, der zwar
keinen Verkauf von Schuldverschreibungen an ein
Konsortium oder an private Firmen vorsah, aber doch
eine große Menge von Staatspapieren gegen Gold an
die Banken überantwortete. Als geschulter Rechts-
anwalt hatte er sofort erkannt, daß Morgans Plan ja
kein neuer Gedanke sei, sondern nur ein Zurückgreifen
auf ein Statut der Vereinigten Staaten, das bereits
einmal ausgeprobt worden war und der Regierung aus
einer ganz entsprechenden Krise geholfen hatte. Von

137
        <pb n="135" />
        seinem Entschluß, die Verantwortung beim Kongreß
zu lassen, solange das Schatzamt noch einen Dollar
besaß, hatte er sich nicht abbringen lassen. In der ge-
duldigen und gründlichen Erörterung der Lage mit
seinen offiziellen Ratgebern, bevor er Hilfe bei Außen-
stehenden suchte, erwies er sich als der starke Cha-
rakter und der peinlich genaue Beamte, als den ihn
seine ganze öffentliche Laufbahn zeigte. Seine sprich-
wörtliche Hartnäckigkeit ging aus der Art und Weise
hervor, in der er die unfairen Angriffe seiner poli-
tischen Feinde und die erbitterten Vorwürfe der ent-
täuschten Silberanhänger hinnahm.

Der ungefähre Inhalt der Botschaft des Präsidenten
wurde schon in den Abendblättern desselben Tages
veröffentlicht. Man wußte auch, daß Morgan im
Weißen Hause gewesen war. Das war am Freitag
abend; am nächsten Morgen sollten mehrere Schiffe
nach Europa abfahren, auf denen am selben Tag
18 Millionen in Gold zur Ausfuhr eingeschifft wor-
den waren. Sie wurden noch am selben Abend von
den Schiffen wieder heruntergeholt und die Nacht
über in den Banken unter Bewachung untergebracht,
bis sie am nächsten Morgen wieder in der Filiale des
Schatzamtes in der Wall Street eingeliefert werden
konnten,

di

Die Regierung hatte getan, was sie konnte, und
Morgan kehrte sofort nach New York zurück, um sich
der wichtigen Aufgabe zu widmen, der Goldausfuhr
ein Ende zu bereiten. Er wollte den Verschiffern des
Goldes denselben oder einen noch besseren Gewinn
durch Beteiligung an der Herausgabe der Verschrei-
bungen verschaffen. Der vorläufige Vertrag, den er in
Washington unterzeichnet hatte — und den Belmont,

1232
        <pb n="136" />
        der infolge der Störungen im Eisenbahnverkehr durch
den Schneesturm nicht hatte nach Washington kommen
können, nachträglich unterschrieb — sah die Bildung
eines Konsortiums unter der Führung von Morgan und
Belmont vor, das die Verschreibungen übernehmen
und das Gold liefern sollte. Die Goldverschiffungen
fielen sofort von mehreren Millionen täglich auf 30
bis 40000 Dollar. Die Krise war überwunden, der
nationale Kredit gerettet.

Kaum war jedoch die Gefahr vorüber, als auch
schon ein Sturm heftiger Kritik über die Mittel, mit
denen die Rettung bewerkstelligt worden war, los-
brach, Es wurde gesagt, der Goldlieferungsvertrag sei
schon eine ordentliche „Zitronenpresse”. Das Ge-
heimnis, in das die ganze Transaktion gehüllt war, er-
regte Argwohn., Da der Kurs der für den Goldkauf
ausgegebenen Verschreibungen sofort stieg, schienen
manche der Behauptungen nicht ganz ungerechtfertigt
zu sein. Die Kritiker hatten zwar recht, wenn sie
sagten, eine derartige Verhandlung zwischen der Re-
gierung und einer Anzahl Privatbanken sei nicht nur
von ideellen Überlegungen inspiriert gewesen, aber
sie waren ungerecht in ihren Angriffen auf die Beweg-
gründe und Ziele der Beteiligten. Besonders ungerecht
war, daß sie nicht wahrhaben wollten, daß Morgan
nicht nur Verluste für sich und seine Freunde, son-
dern auch für seine finanziellen Verbündeten riskierte,
als er die Garantie übernahm, die Goldausfuhr zum
Stocken zu bringen. Und wenn sie hinterher darlegten,
was man alles hätte tun können, ohne unparteiisch
den Zwang der außerordentlich ernsten Lage zu be-
tonen, so war das leeres Gerede.

Kurz zusammengefaßt bewirkte der Vertrag {fol-
gendes: die Regierung erhielt einen Partner, der sich
bereit erklärte. ihr Gold zu liefern. und zwar nicht

zw
e.
        <pb n="137" />
        Gold, das er selbst erst sich vom Schatzamt geben
ließ, sondern anderes Gold, und der sich verpflichtete,
dem unnatürlichen Ansturm auf das Schatzamt ein
Ende zu machen. Als Gegenleistung für diesen un-
gewöhnlichen und noch niemals geleisteten Dienst ge-
stand die Regierung einen ungewöhnlich hohen Zins-
satz zu. In diesem verhältnismäßig hohen Zinssatz
{and Morgan, der Manager dieses Geschäftes, nicht so
sehr Gewinn für sich als vielmehr einen Hebel, den
er ansetzen konnte, um die Lage zu kontrollieren.
Sehr bald nach der Unterzeichnung des Vertrages
hatte sich ein Konsortium gebildet, um die Verschrei-
bungen zu übernehmen, Seine Führer waren Morgan
und Belmont, und sie setzten auf die Liste der Kon-
sortialen Banken, Devisen- und Edelmetallhändler, da
sie dies für die stärkste Kombination hielten, Sie be-
absichtigten, eine starke Mauer um das Schatzamt zu
errichten und durch ihre Kontrolle der Devisenkurse
ieden weiteren Ansturm auf den Reservefonds zu ver-
hindern. Alle Konsortialen verpflichteten sich, nach
Maßgabe der von ihnen übernommenen Verschrei-
bungen Gold zu liefern, und verpflichteten sich noch-
mals ausdrücklich, dieses Gold nicht dem Schatzamt
zu entnehmen, Den Konsortialen wurden die Schuld-
verschreibungen zum Ausgabekurs der Regierung
üibereignet und dem Publikum zu einem Kurs von
etwas über 112 angeboten. Das Konsortium brachte
zu diesen Bedingungen eine Hälfte der gesamten Aus-
gabe in den Vereinigten Staaten unter, die andere
Hälfte wurde zu etwas geringerem Kurs in Europa ab-
gesetzt. Da der Kurs später auf 120 stieg, trugen alle
Zeichner einen Gewinn davon. So war der Erfolg der
Transaktion gesichert. Und da ferner nicht alle Ver-
schreibungen auf einmal ausgegeben wurden, sondern
nach und nach, je nachdem, wieviel Gold das Schatz-

24
        <pb n="138" />
        amt benötigte, hatten die Führer des Konsortiums ein
Mittel in der Hand, Bankhäuser, die sich feindlich ver-
hielten und gegen sie arbeiten wollten, durch Beteili-
gung umzustimmen.

Wie dieses von Morgan ausgedachte Zusammen-
wirken von Finanzkräften die Kontrolle über den
Effektenmarkt gewann und sie 8 oder 9 Monate
lang ausübte und inzwischen dem Schatzamt einen
genügenden Reservefonds verschaffte, wodurch es den
Stand der Valuta und eine gesicherte Geschäftslage
aufrecht erhielt, braucht hier nicht im einzelnen dar-
gelegt werden. Anfänglich, im Sommer, als das Kon-
sortium sich einem Markt mit Überangebot gegenüber-
sah, trat noch einmal eine kritische Lage ein, in dem
der einfache Prozeß, eine positive Bilanz für die Ver-
einigten Staaten durch Verkauf von amerikanischen
Sicherheiten jenseits des Ozeans aufzubauen, fast wir-
kungslos wurde. Da fand ein lebhafter Kabelwechsel
zwischen Morgan, der sich gerade in Paris aufhielt,
und seinem Teilhaber Bacon in Wall Street statt. Als
aber das Konsortium im Herbst eine Abrechnung
fertigstellte, war der Reservefonds in Gold auf mehr
als die erforderlichen 100 Millionen angewachsen
und die Transaktion hatte ihren Zweck erfüllt.

Morgan wurde so oft vorgeworfen, daß er aus
diesem Geschäft einen riesigen persönlichen Gewinn
zog, daß sich bestimmt jeder andere verteidigt hätte.
Obwohl Morgan stets Unwillen zeigte, wenn man in
seiner Gegenwart diesen Punkt berührte, dachte er
nicht daran, der Öffentlichkeit mit einer Erklärung
entgegenzukommen. Wenn eine Zeitung ihn anklagte,
auf Kosten der Regierung Millionen gewonnen zu
haben, warf er sie ohne eine Bemerkung verächtlich
beiseite. In einer späteren Untersuchung sprach er
sich ein wenig über die ganze Transaktion aus. und

a3
A}
        <pb n="139" />
        diese seine Bemerkungen sind um so wertvoller, als
sie von einem so verschlossenen Mann wie ihm
stammen. Sie sind enthalten in einem Gespräch
zwischen ihm und Senator Platt aus Connecticut so-
wie Senator Vest, Senator Platt fragte ihn zunächst
über seine Opposition gegen eine öffentliche Anleihe,
aus der heraus er und Belmont so eilig nach Washing-
ton gefahren waren:

Senator Platt: „Warum wollten Sie keine innere
Anleihe haben, nachdem Sie die Verhandlungen
begonnen hatten? Sie baten den Präsidenten, keine
solche Anleihe auszuschreiben. Aus welchem Grunde?“

Morgan: „Weil ich wußte, daß die Öffentlichkeit
meinen würde, die Verhandlungen mit dem Ausland
seien abgebrochen, sobald eine solche Anleihe aus-
Seschrieben würde,”

Senator Platt: „Die Goldverschiffungen hörten auf,
sobald man erfuhr, daß Sie in Verhandlungen
stünden?”

Morgan: „Vollkommen. Sie begannen erst wieder
einen Monat später.”

Senator Platt: „Wenn ich Sie recht verstehe, so
war Ihr wahrer Beweggrund bei dieser Transaktion
nicht der Gedanke, daß Sie die Ausgabe der Schuld-
verschreibungen übernehmen und Gewinn daraus
ziehen könnten, sondern das Bestreben. eine Panik
zu verhindern?”

Morgan: „Ich will diese Frage beantworten, ob-
wohl ich es nach allem, was ich für das Land getan
habe, für unnötig halte, Ich hatte keinen anderen
Beweggrund als den, das Unglück zu verhüten, das
hereinbrechen würde, falls das Gold aus dem Ausland
nicht zu erhalten war.”

Senator Vest: „Wenn das Ihr einziger Beweggrund
war, warum forderten Sie dann in Ihrem Telegramm

1236
        <pb n="140" />
        an Schatzsekretär Carlisle, daß Ihr Bankhaus oder
Sie mit Belmont zusammen die ausschließliche Kon-
trolle über die Transaktion haben sollten?”

Morgan: „Weil es für die Regierung vollkommen
unmöglich gewesen wäre, mit mehr als einer Partei
über dieselbe Menge Gold zu verhandeln. Das hätte
Konkurrenzmanöver hervorgerufen.”

Senator Vest: „Wenn das Gold aus dem Ausland
beschafft werden mußte, nehme ich an, daß jeder, der
über die nötigen Mittel verfügte, es hätte beschaffen
können. Wenn Ihnen nur daran lag, eine Panik ab-
zuwenden, warum wollten Sie nicht andere Leute an
dem Geschäft teilhaben lassen, wenn sie es wünsch-
ten?”

Morgan: „Sie konnten es eben nicht.‘

Sie konnten es nicht.

Morgan sah nur die Tatsachen. Er konnte es, und
er tat es. Mehr war nicht zu sagen. Er hielt es nicht
für seine Pflicht, über die Sache zu reden oder sich
zu verteidigen. Hätte man Morgan gefragt, welchen
Gewinn er aus der Transaktion gezogen hatte, so
würde er wahrscheinlich geantwortet haben: „Fragen
Sie die Mitglieder des Konsortiums.‘ Er selbst hätte
sich wahrscheinlich nicht mehr an den Betrag er-
innert, genau so wenig wie er sich an die genaue
Nummer des Gesetzes erinnerte, das er als „Paragraph
viertausend und soundsoviel‘” anführte. Sein Gewinn
war der Anteil seiner Firma an dem Gesamtgewinn
des Konsortiums zuzüglich seiner Kommission als
Manager, die aber nicht die übliche Bankkommission
überstieg.

In dem Jahr nach dem Abschluß dieses Vertrages,

* m
        <pb n="141" />
        als: die Zeitungen Morgan wegen des Gewinns an-
griffen, fragte ihn ein Freund auf einem Spaziergang
direkt danach. Morgan antwortete nicht. Nach einer
Weile wandte er sich nach einem Foxterrier um, den
er mitgenommen hatte, und fragte: „Was halten Sie
von diesem Hund?“

Der andere sah den Terrier an und machte irgend-
eine Bemerkung,

„Sehen Sie ihn nur genauer an’, meinte Morgan
und rief den Hund heran, Sein Freund sah ihn genauer
an und fand auf dem Halsband eine Inschrift:

„EMERGENCY” Geschenk von August Belmont an
J, P. Morgan zum Andenken an den Februar 1895,”

Zehntes Kapitel

UNITED STATES STEEL

Gchs Jahre später schuf Morgan die United States
Steel Corporation, und die Organisation dieses
„Dollarmilliardentrusts‘, wie sie genannt wurde, machte
ihn in der ganzen Welt bekannt, Es war das größte
Unternehmen, das er jemals zustandegebracht hat,
ein anfänglich außerordentlich kompliziertes Werk,
für das nur der Zweck einfach und ohne weiteres ein-
leuchtend war: die Entfernung Carnegies aus der
Stahlindustrie. Hiermit begann die ganze Transaktion.

Im Jahre 1900 war Andrew Carnegie ein sehr
reicher Mann, aber außerdem noch der Herrscher in
dem sehr unruhigen Stahlkönigreich. Es lag in der
Natur der Sache, in der Natur des Wettbewerbs, daß
er mit all der gewaltigen Kraft seines Reichtums und

* Not,

12Q
        <pb n="142" />
        seiner Beziehungen kämpfen mußte, um diese Herr-
schaft aufrechtzuerhalten. Denn wenn er nicht einen
Dampfhammer im Wert von einer Million Dollar auf
den Abfallhaufen werfen wollte, sobald er einen
besseren Hammer bekommen konnte, wenn er nicht
jedem sich zeigenden Konkurrenten an die Kehle
springen und jede Eisenbahngesellschaft, die Gewinne
aus seinen Unternehmungen zu ziehen versuchte, mit
äußerster Energie bekämpfen wollte, dann hätte er
sehr rasch einem neuen Carnegie mit einem anderen
Namen Platz machen müssen. Da er einer der ge-
rissensten und kühnsten Männer seiner Zeit war, lag
ihm an einem derartig unrühmlichen Abgang nicht das
geringste, und als daher zum Beispiel die Pennsylvania
Railroad ihm nicht größere Frachtermäßigungen für
den Transport seiner Stahlwaren von Pittsburgh zum
Meere gewähren wollte, drohte er, er werde sich selbst
eine Eisenbahn bauen. Die Vermessungen wurden
auch durchgeführt. Und gerade als Morgan und seine
Freunde sich nach unzähligen kostspieligen Sanie-
rungen, Bankrotten und Tarifkriegen sagen konnten,
daß die Zeit des Baues von Konkurrenzlinien ein für
allemal vorbei sei, kam Carnegie mit seinem Plan. Er
war unabhängig, brauchte Kapital für seine Pläne
nicht erst in Wall Street suchen und infolgedessen
konnte niemand ihn hindern, zu tun. was er Lust
hatte.
Um dieselbe Zeit scheint Carnegie den Plan ge-
faßt zu haben, einmal auf dem Gebiet des Stahls ge-
hörig aufzuräumen, denn er fing an, so viele merk-
würdige und beunruhigende Unternehmungen ins Werk
zu setzen, daß die gesamte Finanzwelt in Aufregung
geriet. Innerhalb weniger Tage kündigte er an, daß
seine Eisenbahn zur Küste bald begonnen werden
würde, daß er in Conneaut., Ohio, ein neues Stahlwerk

*-*a
"&lt;
        <pb n="143" />
        mit einem Aufwand von 12 Millionen Dollar errichten
werde, daß in Duquesne ein Stahlblechwerk gebaut
werden solle, daß in Conneaut eine große Schiffswerft
nebst Trockendock entstehen werde — und außerdem
deutete er an, daß er noch in ganz neuen Zweigen der
Stahlfabrikation sich betätigen wolle.

Carnegie hatte den Entschluß gefaßt sich zur Ruhe zu
setzen, und er wollte, daß jemand ihn auskaufte. Aber
anstatt ruhig zu sitzen und auf Angebote zu warten,
machte er einen Ausfall und umzingelte das Lager des
Feindes. Es ist öfter gesagt worden, daß die Millionäre,
wenn sie durch irgend etwas erschreckt wurden, zu
Morgan liefen wie die Küchlein zu der Henne. Etwas
derartiges ereignete sich bei dieser Gelegenheit tat-
sächlich. Er war der einzige, der fähig war, mit einer
solchen Lage fertigzuwerden. Er hatte den: Kopf dazu
und auch das Geld — nicht sein eigenes Geld, aber
Geld, das so gut war wie sein eigenes, das ihm sofort
zufließen würde aus Achtung vor dem Arbeiten dieses
Kopfes.
Der Grundgedanke der Schaffung der United States
Steel Corporation stammte übrigens nicht von Morgan.
Seine erste Beziehung zu diesem Plan war die eines
Bankiers, aber eines Bankiers in einem Maßstab, wie
ihn die Geschichte der Industrie bis dahin noch nie
gesehen hatte, Es ist verschiedentlich behauptet wor-
den, daß der oder jener als erster den Gedanken der
United States Steel Corporation gefaßt habe. Wahr-
scheinlich aber handelt es sich hier eher um eine Evo-
lution als um einen ganz bestimmten Gedanken, dessen
Urheberschaft einem einzelnen Menschen zuge-
sprochen werden kann,

John W, Gates von der Stahldraht-Korporation be-
gann jedenfalls zuerst, einen derartigen Plan in die
Tat umzusetzen, Gegen Ende des vorigen Jahr-

140
        <pb n="144" />
        hunderts versuchte Gates, eine Interessengemein-
schaft, eine Art internationalen Trust zwischen einigen
Eisen- und Stahlfabriken in Deutschland und den
Eisen- und Stahlwerken in den Vereinigten Staaten
zustandezubringen, um die Preise festzusetzen und
die Märkte unter die Fabrikanten zu verteilen, Dieser
Versuch war die Keimzelle für die United States Steel
Corporation.
Außer der Abwendung eines Stahlkrieges gab es
noch andere Gründe, die Morgan zum Eingreifen in
dieser Industrie bewogen. Während der ersten Amts-
zeit des Präsidenten McKinley verbesserte sich die
landwirtschaftliche und finanzielle Lage der Ver-
einigten Staaten. Die Silberfrage war erledigt, denn
die Währung der Vereinigten Staaten war durch Ge-
setz auf Goldbasis gestellt worden. Eine unheilvolle
Reihe schlechter Geschäftsjahre nahm plötzlich ein
Ende. 1897 war die Außenhandelsbilanz der Ver-
einigten Staaten sehr positiv, 1898 so positiv wie noch
nie. In Europa war eine Weizenmißernte gewesen,
während die Weizenernte der Vereinigten Staaten un-
gewöhnlich reichhaltig ausgefallen war. Englands
Nachfrage nach amerikanischer Baumwolle war so
groß wie fast noch niemals. Die Ausfuhr aus der
Union erreichte einen Höhepunkt. Die Eisenbahnen
begannen, die Wirkung dieser Besserung zu ver-
spüren. Die Farmer im Westen fingen an, die Hypo-
theken heimzuzahlen, denn sie hatten große Gewinne
davongetragen. Aus Europa floß Geld nach den Ver-
einigten Staaten, die im Jahre 1899 nicht weniger als
150 Millionen Dollar in Gold von dort empfingen, teil-
weise zum Ausgleich ihrer positiven Handelsbilanz.
Nach der besten vorhandenen Schätzung nahm der
amerikanische Markt zwischen 1897 und 1901 für etwa
eine Milliarde amerikanische Eisenbahnpapiere auf,

{11
        <pb n="145" />
        die viele Jahre in europäischen Besitz gewesen waren,
und doch blieb noch viel flüssiges Kapital übrig.

Dieser Überfluß an Kapital war zu einem nicht ge-
ringen Teil der hauptsächlich unter der Führerschaft
Morgans unternommenen Reorganisation der Eisen-
bahnen zu verdanken und außerdem den Anschau-
ungen, die sich um diese Zeit bei den begabteren Ge-
schäftsleuten herausgebildet hatten: daß man bei
sroßen, zusammengesetzten Unternehmungen, wenn
man ihnen Erfolg sichern wollte, Methoden anwenden
mußte, die größte Erzeugung von bester Qualität unter
geringsten Kosten ermöglichten. Hierzu gehörte
möglichst ausgedehnter Gebrauch von Arbeitskraft
sparenden Maschinen, die Beschäftigung ausgezeich-
neter Facharbeiter, denen hohe Löhne gezahlt werden
mußten, und die Standardisierung der Fabriken, so
daß die Kosten des Transports der Rohmaterialien zu
den Fabriken und der Fertigprodukte von den Fa-
briken zu den Märkten so niedrig wie möglich ge-
halten werden konnten,

Diese Erwägungen begriff Morgan bei seinen in-
tuitiven Talent sofort. Bisher war seine Laufbahn, ab-
gesehen von seinen eigentlichen Bankgeschäften, fast
vollständig mit Sanierungen von Eisenbahnen aus-
gefüllt gewesen. In Reorganisationen von industriellen
Unternehmungen aber hatte er so gut wie keine Er-
fahrung., Zu den beiden großen, damals bestehenden
Konzernen — dem Zuckertrust und der Standard Oil
Company — stand er in keinerlei Beziehung, außer
durch gelegentliche Bankgeschäfte.

Um einen Stahlkonzern zu gründen und zum er-
folgreichen Arbeiten zu bringen, war es allererstes
Erfordernis, daß der neue Trust das ganze Land um-
faßte. Er mußte aus zehn oder zwölf Korporationen
bestehen, die jede ein Kapital zwischen 50 und

14,

-
        <pb n="146" />
        100 Millionen Dollar besaßen. Es war klar, daß
ein solches Unternehmen nur mit Hilfe eines finan-
ziellen Genies aufgebaut werden konnte, das von der
Größe der Summen nicht eingeschüchtert wurde.

Morgan war augenscheinlich der Mann für dieses
Werk, der, wenn er wollte, ein Unternehmen dieser
Art zu einem erfolgreichen Abschluß bringen konnte.
Daher wandte man sich an ihn, er möge die Finanzie-
rung dieses Werkes übernehmen, das, wenn es von
Erfolg begünstigt war, die größte industrielle Korpo-
ration der Welt sein würde.

Die Vorbereitung der finanziellen Aufstellungen,
auf die sich die Gründung der Stahlkorporation stützen
sollte, nahmen den größten Teil des Jahres 1900 in
Anspruch. Sie bestanden aus einer großen Menge
Statistiken, Angaben über Kapital, Verschuldung, Ein-
nahmen und Produktionskosten usw. der verschie-
denen Unternehmungen, die unter das gemeinsame
Dach der Stahlkorporation gebracht werden sollten.
Ihr zahlenmäßiger Betrag überstieg jede jemals Morgan
vorgelegte Aufstellung,

Morgan ließ sich niemals durch die Menge von
Einzelheiten überwältigen. Jede einzelne Aufstellung
prüfte er auf Herz und Nieren und las intuitiv auch
das, was zwischen den endlosen Ziffernreihen stand.
Kein Mensch in den Vereinigten Staaten erreichte
Morgan in der Fähigkeit, eine Bilanz schnell und treff-
sicher zu analysieren. Er erfaßte sofort, was die
einzelnen Ziffern bedeuteten, die die Produktions-
kosten, die Einnahmen und die Methoden der Carne-
gie Company darstellten. Er sah in die Zukunft und
erkannte die großen Ersparnisse, die sich durch die
neue Kombination erzielen ließen. So würde diese
Kombination zum Beispiel den großen Stahlwerken
des Mississippibeckens auch die Herrschaft über den

x. a ==
1 4.1
        <pb n="147" />
        Markt dieser Gegend bringen. Dadurch konnten die
Transportkosten der Fertigfabrikate von der Fabrik
zum Absatzgebiet außerordentlich verringert werden,
denn aus diesem Absatzgebiet hereinkommende Auf-
träge würden naturgemäß an das nächste Werk ge-
leitet werden. Er sah ein, daß diese Kombination die
Stahlkorporation praktisch unabhängig von allen
Eisenbahntarifen machen würde, wenigstens soweit
es sich um den mittleren Westen handelte. Oder, mit
anderen Worten, Tarife für den Transport von Eisen-
und Stahlfabrikaten, die unabhängigen Fabrikanten
genügten, würden für die gesamte Korporation ge-
nügen, Er legte auch die Wichtigkeit der Erlangung
von Dauerpachten oder des Eigentums der großen
Erzfelder des nördlichen Minnesota dar, und die Er-
richtung der Stahlstadt Gary am oberen Ende des
Michigan-Sees geht auf seine damals gemachten An-
regungen zurück.

Auch mußten nach seiner Meinung die Statuten
der Gesellschaft Bestimmungen enthalten, die ihr er-
laubten, noch manche anderen Geschäfte außer der
eigentlichen Herstellung von Eisen- und Stahlfabri-
katen zu betreiben, Er dachte vor allem an die Be-
fugnis, Erze und Kohlen enthaltende Gebiete zu be-
sitzen und zu erschließen, auch solche, in denen sich
andere für die Stahlfabrikation notwendige Mine-
ralien fanden, und überhaupt jede Art von Bergbau
außer vielleicht dem auf Edelmetalle zu betreiben.
Ferner sollte die Korporation das Recht haben,
Schiffe, Maschinen, Transportfahrzeuge und selbst
Wasserleitungen und Kanäle zu bauen, wenn sie es
für notwendig hielt. Ferner sollte sie berechtigt sein,
sich mit Patenten zu befassen, jede Art Fabrikation
oder Transport zu betreiben und auch sonst noch ver-
schiedene wichtige Tätigkeiten auszuüben, mindestens

ft!
24
        <pb n="148" />
        in dem Staat, in dem sie eingetragen werden sollte.
Außerdem sollte sie in der Lage sein, gewisse Bank-
transaktionen auszuführen. Die von Morgan ge-
machten Vorschläge — und natürlich auch die von
anderen stammenden und von ihm gebilligten — wur-
den schließlich in Statuten niedergelegt, die wohl die
umfassendsten und ausführlichsten sind, die jemals von
einem Staat genehmigt wurden.

Es handelte sich nun nur noch um die Finanzierung
dieses Unternehmens. Sehr wahrscheinlich hätten
auch Charles M. Schwab, Richter Gary, John W.
Gates oder die anderen von dem halben Dutzend
Männer, die die Carnegie Company leiteten, eine
außerordentlich praktische Kombination auf dem Ge-
biete der Fabrikation und industriellen Leitung zu-
stande bringen können, die Verantwortung für die
Finanzierung dieses Planes aber konnte nur Morgan
übernehmen. Sie erforderte eine Entscheidung, auf
welche Weise die Dachgesellschaft das Kapital der
Einzelgesellschaften ablösen sollte — eine außer-
ordentlich komplizierte Frage. Wieviel Vorzugs-
aktien und wieviel gewöhnliche Aktien sollten von
der neuen Gesellschaft ausgegeben werden, um das
Kapital der in ihr aufgehenden Gesellschaften ab-
zulösen? Dieses Problem konnte nur ein finanzielles
Genie lösen, denn man mußte mit vielen Männern sich
auseinandersetzen — und soviel Köpfe, soviel Sinne.

Außerdem mußte noch die Frage entschieden wer-
den, was mit den Schulden der Einzelgesellschaften
geschehen sollte. Und schließlich die alles beherr-
schende Frage: würde die Öffentlichkeit fähig sein,
die Aktien der United States Steel Corporation, die
nicht zur Abfindung der Einzelgesellschaften benötigt
wurden, aufzunehmen?

Als der Plan fertig vorlag, sah er die Schaffung
10

Morgan

“45
        <pb n="149" />
        neuen Kapitals im Betrage von 1,4 Milliarden Dollar
vor, Morgan hatte alle Probleme mit einer Schnellig-
keit und Genauigkeit gelöst, die jeden, der mit ihm
in Berührung kam, in Erstaunen setzte. Seine kon-
struktive Kraft zeigte sich hier besser als je in seiner
sanzen Laufbahn, wobei man sich vor Augen halten
muß, daß er mit einem industriellen Reorganisations-
plan noch nie etwas zu tun gehabt hatte. Er zweifelte
nicht, daß das Publikum die auf den Markt ge-
worfenen Anteile der neuen Gesellschaft aufnehmen
würde, wenn die Anteilbesitzer der Einzelgesell-
schaften mit der Art der Ablösung ihres Kapitals durch
die Dachgesellschaft einverstanden waren. Hierin be-
hielt er recht, Der Dollarmilliardentrust wurde bei
seiner Ankündigung ein industrielles Weltwunder ge-
nannt, aber ein noch größeres Wunder war es, wie
schnell der amerikanische Markt die angebotenen An-
teile aufnahm.
Der Plan sah die Organisation einer neuen Gesell-
schaft mit einem Aktienkapital von insgesamt rund
890 Millionen Dollar und einer Verschuldung von ins-
gesamt 300 Millionen Dollar vor. Der größte Teil der
Aktien der Dachgesellschaft sollte gegen die Aktien
ler Einzelgesellschaften ausgetauscht werden. Diese
waren: die Carnegie Company, die Federal Steel
Company, die National Tube Company, die National
Steel Company, die American Steel Company, die
American Steel Hoop Company, die American Tin
Plate Company, die American Steel &amp; Wire Company,
die American Bridge Company, die Shelby Steel Tube
Sompany und die Lake Superior Mines.
Morgan betrachtete es als wesentlich, daß prak-
tisch die gesamten Aktien der Einzelgesellschaften
von der neuen United States Steel Corporation über-
nommen werden sollten, und die Aktionäre dieser Ge-

a
146
        <pb n="150" />
        sellschaften sollten dafür im Austausch Vorzugs- und
Stammaktien der United States Steel erhalten.

Das Konsortium hatte zuerst fast 100 Millionen
Aktien der Carnegie Company und ein wenig über
150 Millionen ihrer fünfprozentigen Schuldverschrei-
bungen übernommen. Es zahlte hierfür mit rund
330 Millionen der bevorrechtigten Schuldverschrei-
bungen der Stahlkorporation und mit 1,2 Millionen
in bar. Später erwarb es noch 64 Millionen Aktien
der Carnegie Company (damit hatte es so gut wie die
gesamten Aktien in seinen Besitz bekommen) und
zahlte dafür mit 982000 Vorzugs- und 902 000 gewöhn-
lichen Aktien,

Als die Aktien der United States Steel Corporation
der Öffentlichkeit angeboten wurden; ergab sich, daß
Morgan mit seiner Voraussage recht behalten hatte.
Man hegte vorher Zweifel, ob das Publikum die Pa-
piere kaufen würde, trotzdem auf die gewöhnlichen
Aktien eine Dividende von 4 und auf die Vorzugs-
aktien 7 Prozent Dividende versprochen wurden.
Es stellte sich aber heraus, daß die Aktien trotz ihrer
Menge sehr bald aufgekauft sein würden, was auch
innerhalb weniger Monate der Fall war. Das Publikum
erhielt die Aktien zu etwas höherem Kurs, als sie von
dem von Morgan organisierten Konsortium über-
nommen worden waren.

Die Verwirklichung des Riesenplanes der United
States Steel Corporation und ihr schneller, großer Er-
folg war wohl das größte Werk Morgans. Es war nicht
nur groß in bezug auf die Summen oder groß als Ex-
periment, sondern es zeigte auch deutlich das Ver-
trauen, das Morgan überall in den Finanzkreisen der
Vereinigten Staaten und Großbritannien besaß,

Der frühere Bürgermeister Grace von New York
erzählte einmal seine eigenen Erlebnisse in bezug auf

1

1

sm
I
        <pb n="151" />
        das Morgansche Konsortium, die zeigen, wie Morgan
vorging. Grace erhielt eines Tages durch die Post
eine sehr kurz gehaltene, von J. P. Morgan &amp; Co.
unterzeichnete Mitteilung, daß er mit 100000 Dollar
an dem geplanten Konsortium zur Bildung der United
States Steel Corporation beteiligt sei, Niemals vor-
her hatte er geahnt, daß Morgan auch an ihn bei der
Organisation der Korporation dachte, und er hatte
niemals mit Morgan über diese Angelegenheit ge-
sprochen.
Sich mit 100000 Dollar an einem Finanzierungs-
syndikat zu beteiligen hieß, diese große Summe allein
auf den guten Namen Morgans hin aufs Spiel setzen.
Natürlich konnte er erklären, er wolle sich nicht be-
teiligen. Wenn er sich aber beteiligte, so konnte er
aufgefordert werden, sofort 100000 Dollar in bar zu
zahlen, wofür er dann Aktien erhielt, mit denen er
möglicherweise nichts anfangen konnte, denn er
wußte nichts Näheres über diese Geldanlage. Er hatte
nur gehört, daß das Konsortium die größte Korpora-
tion der modernen Zeit schaffen wollte, die so groß
war, daß man jetzt schon von ihr als von dem Dollar-
milliardentrust sprach,

Von der Gesamtsumme von 100000 Dollar mußte
Grace dann 8000 Dollar einzahlen. Er nahm an, daß
diese erste Rate ein Arbeitskapital für unmittelbare
Verwendung darstellen sollte; so verhielt es sich auch
tatsächlich.
Aus Vertrauen zu Morgan nahm Grace die Be-
teiligung an, und man verlangte niemals auch nur
einen Cent von ihm, außer eben den 8000 Dollar. Er
erfuhr, daß die anderen Beteiligten ebenfalls einen
entsprechenden Prozentsatz der Summe, mit der sie
sich beteiligten, eingezahlt hatten, und diese Ein-
zahlungen bildeten ein Arbeitskapital in bar.

148
        <pb n="152" />
        Später erhielt er den ihm zustehenden Teil der
Gewinne des Konsortiums, wieder 8000 Dollar. Und
er sagte: „So leicht habe ich noch nie Geld verdient.”

Als Entschädigung für seine Arbeit empfing das
Morgan-Konsortium 649897 Stamm- und ebensoviel
Vorzugsaktien der Stahlkorporation. Sein Nettogewinn
war ungefähr 200 Prozent der tatsächlich bar ein-
gezahlten Summe. Die Arbeit des Konsortiums be-
stand darin, den Verkauf der sich auf 1,4 Milliarden
Dollar belaufenden Aktien zu garantieren. Das war
natürlich ein großes Risiko, denn jederzeit hätte sich
irgend etwas ereignen können, das den Plan zum
Scheitern brachte, Ein Beispiel für solche Vorkomm-
nisse ist die Organisation der Carnegie Company durch
Henry C. Frick einige Jahre früher. Er und seine
Teilhaber hinterlegten 1 Million Dollar in bar als
Bürgschaft. Bevor es ihnen aber gelang, den Plan zu
verwirklichen, ereignete sich auf dem Geldmarkt eine
Störung, und das Projekt fiel durch. Infolgedessen
war die Million an Carnegie verfallen. Hätte sich die
Panik vom Mai 1901 anläßlich des Kampfes um die
Northern Pacific schon im März oder April ereignet,
so hätte der Stahltrust unzweifelhaft einen Fehlschlag
erlitten.
Nach der Gründung der United States Steel
herrschte in Finanz- und anderen Kreisen Erstaunen,
daß John W. Gates nicht in dem Direktorium ver-
treten war. Man hatte angenommen, daß Gates, bei
seinem Anteil an dem Zustandekommen des Projekts
und seinem früheren Zusammenarbeiten mit Morgan
bei der Organisation des sogenannten Drahttrusts,
einer der ersten sein werde, die in das Direktorium
kamen. Die gesamte Drahtindustrie des Landes war
hauptsächlich durch Gates Bemühungen zusammen-
geschlossen worden. Der Grund, warum Gates nicht

(9Q
a
        <pb n="153" />
        Direktor des Stahltrusts wurde, wurde erst zwei Jahre
später offenbar, da Morgan als Zeuge vor der Handels-
kommission aussagen mußte, Hierbei wurde er auch
über Gates befragt. Er antwortete, er betrachte Gates
als sehr gefährlich für das Eisenbahnwesen. Diese
Aussage bestätigte das Gerücht, daß Morgan sich
Gates persönlich gegenüber in noch ganz anderen
Worten ausgesprochen hatte.

Durch die Organisation des Stahltrusts war Mor-
gans Ansehen gewaltig gewachsen, Im Juli 1902 war
er der Gast Kaiser Wilhelms IL, der ihn der förm-
lichen Etikette und den ihm erwiesenen Auszeich-
nungen nach behandelte wie ein Herrscher den an-
deren. Der Kaiser besuchte Morgan auf seiner Yacht
„Corsair” und er und Morgan waren mehrere Tage
lang zusammen, Später schickte der Kaiser den Hof-
zug nach Kiel, wo Morgans Yacht ankerte, um ihn
nach Berlin zu holen. Morgan hatte schon früher ge-
hört, daß der Kaiser öfter den Wunsch ausgedrückt
hätte, den Mann zu sehen, der das größte Werk der
Neuzeit auf industriellem und finanziellem Gebiete
organisiert hatte. Was der Kaiser von Morgan hielt,
seht aus seinem Benehmen gegen ihn hervor, Und
Morgans Meinung über den Kaiser, drückte er in
seiner charakteristischen Art aus: „Ich habe den
Kaiser gesprochen und er gefällt mir.“ Auch König
Eduard traf Morgan auf dem Kontinent und empfing
ihn später als persönlichen Gast in London, wobei es
allen, die die beiden bei dieser Gelegenheit sahen,
klar wurde, daß der englische König Morgan als den
finanziellen Beherrscher der Welt betrachtete.

Die Leitung des Stahltrusts sah im Anfang seines

150
        <pb n="154" />
        Bestehens darauf, daß die gesunde Konkurrenz unter
den Einzelgesellschaften erhalten blieb. Sie betrieb
ja nicht die Bergwerke, Fabriken und Eisenbahnen.
Jede Einzelgesellschaft war selbständig, hatte ihren
eigenen Präsidenten, ihre eigenen Beamten und ihr
eigenes Direktorium. Die Dachgesellschaft stand nur
über dem Ganzen und verglich und beaufsichtigte die
Geschäftsführung der Einzelgesellschaften. Sie dik-
tierte auch die Politik gegen die Arbeiterschaft, die
— vom Standpunkt der Leitung aus — ein kleines
Meisterstück industrieller Führerschaft war. Fast un-
mittelbar nach seiner Gründung hatte der Stahltrust
einen der größten Streiks in der Geschichte der Stahl-
industrie zu bekämpfen. Er begann am 1, Juli 1901
und dauerte bis in den September. Es handelte sich
hierbei nicht um Löhne, Arbeitszeit oder -bedingungen,
sondern um die Anerkennung der Gewerkschaften,
die Morgan verweigerte. Er sagte: „Kein Kompro-
miß!” — und es gab auch kein Kompromiß., Die Ge-
werkschaften konnten auch im bescheidensten Um-
fang in den Stahlwerken des Trusts nicht Fuß fassen.
Seine Beziehungen zu den Arbeitern waren sozusagen
patriarchalisch, er stellte jeden Mann einzeln an.
Sozialpolitiker sagten, daß diese Haltung des Stahl-
trusts grundsätzlich falsch sei und die Arbeiter als
Klasse schwächen würde. Nun darf man aber nicht
aus den Augen lassen, daß die Gewerkschaften nicht
nur Stimmrecht in der Festsetzung der Arbeitsbedin-
gungen verlangten, sondern auch einen Anteil bei der
Verwaltung der Werke, was sich mit deren Geschäfts-
methoden nicht vertrug. Daher zerschlug der Stahl-
trust die Gewerkschaften. Aber er verfolgte nun eine
genau so starre Politik wie früher die Gewerk-
schaften. Diese hatten alle Gewinne, die aus einer
Produktionssteigerung infolge einer neuen Erfindung,

&gt;» -£
15
        <pb n="155" />
        der Aufstellung vervollkommneter Maschinen und
dergleichen flossen, verlangt und wollten keine Lohn-
herabsetzung bei Arbeitserleichterung zugestehen, und
der Stahltrust nahm nun alle Gewinne, gleichgültig
ob diese aus vermehrter Arbeitsleistung infolge von
neuen Erfindungen oder größerer Anstrengungen der
Arbeiter flossen, für sich und gestand keine ent-
sprechende Lohnerhöhung zu, Um seine Leute an sich
zu fesseln, gab er ihnen die Möglichkeit, Aktien zu
erwerben. Das war sowohl für die Arbeiter wie für
den Trust gut, denn ein Aktionär trägt kein Verlangen
nach gewerkschaftlicher Betätigung, wenn in seinem
Arbeitskontrakt mit der Gesellschaft sich der Satz
findet, daß nur die, die vernünftiges Interesse an der
Wohlfahrt und der Entwicklung des Werkes zeigen,
einen Anteil an dem Gewinn erhalten sollen. So
sicherte sich der Trust gegen Kämpfe mit den
Arbeitern.
Die Gewinnmöglichkeiten des Trusts sind durch
die Durchführung eines ausgedehnten Entwicklungs-
programms sehr gesteigert worden. Im ersten Jahr-
zehnt seines Bestehens wurden nicht weniger als
232 Millionen Dollar aus dem Reingewinn in die Fa-
briken und sonstigen Werke des Trusts gesteckt. Die
ursprüngliche Verwässerung der Aktien infolge der
riesigen Preise, die Carnegie und andere für die ein-
gebrachten Gesellschaften. forderten und erhielten,
ist durch wertvolle Erzgebiete und anderes nutz-
bringendes Eigentum ersetzt worden, Die Preise
wurden stabilisiert, was wieder größere Kursschwan-
kungen der Aktien verhinderte.

Der Stahltrust war eine riesige, gut arbeitende
Maschine, das Modernste auf seinem Gebiet in der
ganzen Welt. Einem altmodischen Unternehmen aus
der Mitte des vorigen Jahrhunderts ähnelte er genau

152
        <pb n="156" />
        so wie etwa Stephensons „Rocket dem Wunder aus
Eisen und Stahl, das einen modernen Expreß zieht.
Seine Beziehungen zu der Arbeiterschaft gingen in
ihrem patriarchalischen Aufbau auf noch frühere
Zeiten zurück. Viel ist über ihn bekanntgeworden,
wohl alles, was von Interesse für das große Publikum
sein kann — manches wird natürlich niemals bekannt-
werden, seine Geschäftsgeheimnisse nämlich, die wirk-
lichen Gestehungskosten seiner Erzeugnisse und die
Grundlagen seiner Preispolitik.

Der Stahltrust gewinnt aber im Zusammenhang
mit Morgans Leben noch eine besondere Bedeutung.
Er ist sein Werk. Nicht so, als ob er ausschließlich
sein Werk sei. Vieles mußte zusammenkommen, um
ihn möglich zu machen: der Eisenfabrikant Kelly in
Kentucky erfand das Luftgebläse; Bessemer, Mushet,
Ward, Hewitt, Jones, Carnegie, Frick, Schwab, Corey
arbeiteten jeder auf seinem Gebiete; auch die Gewerk-
schaft der Eisen- und Stahlarbeiter hat ihren Anteil;
nicht zu vergessen ist das stählerne Zeitalter mit
seinen Fabrikstädten, Untergrundbahnen, Schiffen,
Panzerplatten, Stahlmöbeln und überhaupt der Ver-
wendung von Stahl auf fast allen Gebieten des’ mensch-
lichen Lebens; und schließlich kommt hinzu das Heran-
strömen dieser riesigen Massen frischer, kräftiger
Menschen aus den rückständigen Ländern Europas,
wie Ungarn, Polen und Rußland, die zwar wenig Ge-
hirn, aber desto mehr animalische Kraft hatten, die
sich bei der Stahlherstellung verwenden ließ. Trotz-
dem kann man den Stahltrust wohl als Morgans ur-
eigenstes Werk bezeichnen. Er ist in seiner Weise die
beste Verkörperung der Ideen Morgans, ein riesen-
haftes Denkmal für ihn.

Während der Stahltrust nicht ganz 60 Prozent der
amerikanischen Industrie umschloß, war er in der

a7
l
        <pb n="157" />
        Lage, das gesamte Rohmaterial des Landes zu kon-
trollieren. Mit den unabhängigen Gesellschaften unter-
hielt er freundschaftliche Beziehungen, und eine Art
stillschweigenden Einverständnisses verhinderte ge-
genseitiges Unterbieten. Von Zeit zu Zeit fand ein
sogenanntes „Steel Dinner‘ statt, bei dem sich die
Leiter der unabhängigen Gesellschaften und des Stahl-
trusts trafen und in ihren Reden nach Tisch ver-
sicherten, daß „die Geschäftslage in der Stahl-
industrie gut sei”, So war in bezug auf die einst so
unruhige Stahlindustrie das Goldene Zeitalter für den
Kapitalisten angebrochen. Unlauterer und tödlicher
Wettbewerb war durch eine gesunde Konkurrenz in
der Erzielung möglichst günstiger Ergebnisse ersetzt
worden. Menschen und Maschinen waren zu einer
einzigen Übermaschine zusammengeschweißt worden.
Das war das Werk, das Meisterwerk des hervor-
ragendsten Gründers in einem Zeitalter von Gründern
— und „Gründern.

Elftes Kapitel
ZUSAMMENSCHLUSS
| Jahre 1865, als J. Pierpont Morgan, New York
und London, sich nur mit Devisenhandel beschäf-
tigte, als sein Name bei den Eisenbahnen und an der
Effektenbörse noch unbekannt war und es noch keine
modernen industriellen Korporationen und Trusts gab,
erschien in einer sehr ernst zu nehmenden Londoner
Zeitung die folgende prophetische Auslassung:

„Wir stehen am Beginn eines neuen Zeitalters so-
zialen Fortschrittes, das uns vielleicht den Höhepunkt
bringen wird, den die materielle Zivilisation des Men-
schen überhaupt erreichen kann. Das ist das Zeit-

‚54
        <pb n="158" />
        alter des Zusammenschlusses. Bisher wurde der Wett-
bewerb als das wirksamste Mittel für sozialen Fort-
schritt angesehen. Aber der Grundsatz des Wett-
bewerbs ist Rivalität und Kampf. Er wird geführt nach
dem Prinzip ‚Wechsel, verwechsel das Bäumchen‘, das
vielleicht in den Frühzeiten der Zivilisation ganz an-
gebracht gewesen sein mag, der Zivilisation in ihrem
Höhepunkt aber unwürdig ist. Er ist kostspielig, denn
er erfordert viele Gesellschaften und Werke, um die
Arbeit zu leisten, die viel wirtschaftlicher von einer
einzigen Gesellschaft, einem einzigen Werk geleistet
werden könnte.”

Was hier „Zusammenschluß‘ genannt wurde, das
heißt Zusammenarbeit, existierte als Theorie in Eng-
land schon lange, bevor es in Amerika in der Form
der Trusts in die Wirklichkeit umgesetzt wurde. In
den Vereinigten Staaten hinkte die Theorie des Zu-
sammenschlusses weit hinter seiner praktischen Ver-
wirklichung her, und dasselbe gilt von den ethischen
und politischen Ideen, Regeln und Praktiken dieser
industriellen Transformation. Der Zusammenschluß
hat erst wahrhaft große Geschäfte möglich gemacht.
Der Mann aber, der am allerbesten instinktiv die Dyna-
mik dieses Fortschrittes vom Wettbewerb zum Zu-
sammenschluß beherrschte, war J. P. Morgan.

Dabei darf nicht vergessen werden, daß etwa seit
den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch
irgendeine tieferliegende Ursache, vielleicht die Na-
tur selbst, stetig auf die Konzentration des Kapitals
und auf die Vereinigung selbständiger industrieller
Unternehmungen hingewirkt hat. Diese mächtige und
unwiderstehliche Kraft aber bediente sich mächtiger
und unwiderstehlicher Persönlichkeiten als Werk-
zeuge: Carnegie, Frick, Rockefeller, Hill, Huntington,
Harriman, die Goulds und Vanderbilts — viele andere

155
        <pb n="159" />
        außer Morgan sind hier zu nennen. Aber zwischen
Morgan und diesen anderen besteht ein grundlegender
Unterschied: nur gelegentlich und zufällig arbeiteten
sie auf Zusammenschluß hin, sie begünstigten den
Wettbewerb ebenso oft und ebenso gern wie den Zu-
sammenschluß, Morgan aber arbeitete jederzeit und
stets auf den Zusammenschluß hin, den er zur Grund-
lage seiner geschäftlichen Laufbahn gemacht hatte.

Sobald er in der Finanzwelt ein einflußreicher Fak-
tor geworden war, übte er einen beständigen Druck
in der Richtung auf den Zusammenschluß hin aus, und
das Schicksal wollte es, daß ihm größere Möglich-
keiten in dieser Hinsicht geboten wurden als irgend-
einem anderen Menschen seiner Zeit,

In dem Jahrzehnt von 1890 bis 1900 sahen sich die
Eisenbahnsysteme der Vereinigten Staaten — riesen-
hafte, sich immer weiter ausdehnende Unterneh-
mungen, aber geschwächt bis zur hilflosen Armut
durch Kämpfe aller gegen alle — gezwungen, sich von
Grund auf zu reorganisieren. Morgan erwies sich als
der erfolgreichste Reorganisator, und er benützte den
materiellen . und ideellen Einfluß, den er ‚auf diese
Weise gewonnen hatte, um den Wettbewerb im Eisen-
bahnwesen auszuschalten. Das Jahrzehnt von 1900
bis 1910 sah eine Anzahl industrieller Zusammen-
schlüsse. Auch.hier erwies sich Morgan als der Er-
folgreichste, und jeder Trust, den er bildete oder be-
einflußte, schaltete den eigentlichen Wettbewerb aus.

Der vorliegende Bericht über das Leben und
Wirken Morgans nähert sich nun dem Zeitpunkt, der
einen klaren Überblick über sein Lebenswerk und
seine Erfolge, eine Würdigung seines Platzes auf der
Spitze der Pyramide aus harten Tatsachen, Geld,
Handelsbeziehungen, Zweckmäßigkeit, unmittelbaren
und sicheren Erfolgen erlaubt. Nicht bloße. Spekula-

156
        <pb n="160" />
        tionen haben ihn auf die Spitze dieser Pyramide er-
hoben. Alle die größeren Unternehmungen seiner
Laufbahn zeigen eine Art finanzieller Staatskunst, die
einen mehr oder weniger dauernden und sicheren Ge-
winn für alle Teilhaber dieser Unternehmungen er-
strebte. Seine Methode war, da die Männer, mit
denen er zu tun hatte, schwer als Gleichberechtigte
zu behandeln, aber leicht unter Zwang zu halten
waren, stets und überall den Befehl zu übernehmen.
Kraft seines starken Charakters und seines über-
ragenden Wollens lenkte er alles in die von ihm vor-
gezeichneten Bahnen.
Es ist bereits über einige seiner Eisenbahnreorgani-
sationen berichtet worden, aber die schwierigste, die
auch die auseinanderstrebendsten Interessen schließ-
lich unter der Führerschaft eines Mannes zusammen-
faßte, soll in diesem Kapitel beschrieben werden. Das
nächste Kapitel wird dann den Unternehmungen ge-
widmet sein, die auf den Aufbau der United States
Steel Corporation folgten und sich teilweise als Fehl-
schläge erwiesen: dem Schiffahrtstrust, dem Ernte-
maschinentrust, dem Zusammenbruch der Stammaktien
des Stahltrusts und dem Schiffbaufiasko. Sie waren
die Ursache, daß die Öffentlichkeit, nachdem sie um
1901 zu Morgan wie zu einem Helden aufgesehen
hatte, ihn mit den Flüchen der Enttäuschten über-
häufte.

Etwa um die Mitte seiner Laufbahn als Eisenbahn-
reorganisator, im Jahre 1893, führte Morgan eine
Sanierung aus, die wohl am allerbesten seine Meister-
schaft in der Behandlung einer verwirrenden und
augenscheinlich hoffnungslosen Situation zeigte. Da-
mals bestand ein loser Zusammenschluß der Bahnen

157
        <pb n="161" />
        4.

im Süden des Landes: 22 Eisenbahngesellschaften be-
saßen eine Streckenlänge von etwa 14500 Kilometer
und arbeiteten unter der sogenannten Leitung der
Richmond Terminal Company. Der Zusammenschluß
war aber so wenig zweckentsprechend, es gab da einen
derartigen Wirrwarr von Aktien, Vorzugsaktien usw.,
daß die Richmond Terminal als finanzielles Ärgernis
allerersten Grades galt. Es herrschte ewig Streit
zwischen den einzelnen Gesellschaften, denn es gab
viele ungeschlichtete Interessengegensätze, jede Ge-
sellschaft wahrte eifersüchtig ihre Rechte und be-
anspruchte immer etwas mehr, als ihr zustand, Es war
keine Stelle da, die diese Meinungsverschiedenheiten
ordnen konnte, Die Richmond Terminal war ein
Musterbeispiel für Wirrwarr und Unordnung, die ein-
zelnen Gesellschaften führten Krieg‘ gegeneinander
als ob sie nicht wüßten, daß sie vor dem Bankrott
standen, und ihre Streitigkeiten waren wirklich nicht
zu schlichten, wenn man allen Forderungen und Not-
wendigkeiten gerecht werden wollte.

Die Aktionäre wählten ein Komitee, um die
Schwierigkeiten aus der Welt zu schaffen, aber das
Komitee erlebte mitsamt seinen Plänen einen Zu-
sammenbruch — und die Kurse der Papiere auch.
Darauf wurde ein neues Komitee gewählt, diesmal
unter der Leitung von Frederick P.. Olcott, dem Präsi-
denten der New Yorker Central Trust Company. Es
bemühte sich mehrere Monate lang, die Verbindlich-
keiten und Ansprüche hin-‘ und herzuschieben, Ord-
nung in die Menge von mehr als hundert verschiedenen
Papieren zu bringen und Pläne für eine Umkapitali-
sation aufzustellen, aber vergeblich. Im Sommer 1892
wandte sich das Komitee an Morgan. Er sagte, er
werde die Reorganisation nur unter einer Bedingung
in die Hand nehmen, daß er nämlich nicht an irgend-

[SQ
        <pb n="162" />
        welche Abmachungen zugunsten irgendwelcher be-
sonderer Interessen gebunden sei. Das Komitee
stimmte zu. Darauf untersuchte Morgans Firma die
Verhältnisse der Richmond Terminal und kündigte
dann an, sie wolle die Aufgabe durchführen, müsse
aber „in Anbetracht der noch nie dagewesenen
Schwierigkeiten und Komplikationen Schutz gegen
jeden Versuch, die Reorganisation im Interesse irgend-
welcher Gruppen zu durchkreuzen, verlangen und dar-
auf bestehen, daß von jeder Art Papiere der Richmond
Terminal die Mehrheit vor Beginn der Verhandlungen
bei ihr hinterlegt werde‘, Ferner forderte sie, daß alle
etwaigen gerichtlichen Auseinandersetzungen unter
ihrer Kontrolle vor sich gehen müßten und daß sie be-
rechtigt sei, die neuen Verwalter zu ernennen,

Trotz ihrer schwierigen Lage drückten die Ak-
tionäre ihre allergrößte Verwunderung über diese Be-
dingungen aus. Sie sagten, das hieße sich mit ver-
bundenen Augen auf Gnade und Ungnade ausliefern,
und sie würden sich damit verpflichten, jedes Opfer
zu bringen, das man von ihnen verlangen würde. Sie
sahen in diesen Bedingungen eine Herausforderung
und Beleidigung, wiesen Morgans Angebot zurück und
versuchten selbst noch einmal sechs Monate lang, die
Sanierung zustandezubringen. Dann wandten sie sich
neuerdings an Morgan und baten ihn, die Angelegen-
heit zu seinen Bedingungen in die Hand zu nehmen.
Innerhalb von drei Monaten veröffentlichten Mor-
gan &amp; Co. einen sehr ausführlichen Sanierungsplan,
aus dem dann die Southern Railway Company heraus-
wuchs. Er sah vor, daß das Kapital der neuen Gesell-
schaft 375 Millionen Dollar betragen und daß die nicht
zinstragenden Papiere der Einzelgesellschaften nach
einem bestimmten Schlüssel gegen Papiere der neuen
Gesellschaft eingetauscht werden sollten, Infolge-

773
1
        <pb n="163" />
        dessen sollten die 22 Eisenbahngesellschaften für ihre
Schuldverschreibungen, Vorzugs- und Stammaktien
der Terminal einen gewissen Prozentsatz der neuen
[ünfprozentigen Obligationen, Stamm- und Vorzugs-
aktien erhalten. In diesen Bestimmungen lagerte un-
geheuer viel Zündstoff und Gelegenheit für Reibereien
und Erneuerungen der alten Kämpfe. Aber Morgan
hatte sich eine Stellung gesichert, seine Pläne durch-
zudrücken.
So schmeichelhaft auch die Bitten der Anteil-
besitzer waren und so groß die Versuchung war, bei
so günstiger Gelegenheit als Leiter in ein ausgedehn-
tes Eisenbahnsystem hineinzukommen, bestand Mor-
gan doch auf seinen Forderungen und weigerte sich,
auch nur einen Finger zu rühren, bevor sie alle an-
genommen waren, denn er wußte, daß nur aüf diese
Weise Klarheit zu schaffen war. In kurzer Zeit hatte
er dann auch das Mißverhältnis zwischen Einnahmen
und Ausgaben — ein Defizit von 3 Millionen — fort-
finanziert und aus einem Trümmerhaufen die Southern
Railway aufgebaut, Die Richmond Terminal mit ihren
fürchterlichen Bilanzen verschwand und an ihre Stelle
trat die Southern, die so als neuer Name auf die Liste
der Eisenbahnen — Reading, Northern Pacific, Erie,
Lehigh Valley und viele andere — kam, die Morgan
durch seine Finanzkunst aus Schwierigkeiten oder
Schlimmerem errettet und bei denen er sich dann eine
Kontrolle in der einen oder anderen Form gesichert
hatte.

Übrigens gebührt der Ruhm dieser Reorganisationen
nicht nur Morgan allein, So fiel zum Beispiel einem
seiner Teilhaber, Charles H. Coster, die schwierige
Aufsabe zu. die verwickelten Beziehungen zwischen

160
        <pb n="164" />
        den Schuldverschreibungen, Teilschuldverschreibungen,
Hypotheken, Pfandbriefen und sonstigen künstlichen
Mitteln, sich Bargeld zu verschaffen, immer zu
klären und ihren wahren Wert zu bestimmen. Coster
hatte ein seltenes Talent, er war eine Art Finanz-
chemiker und -analytiker. Es kam oft vor, daß alle
ratlos waren und sich in dem Labyrinth nicht zurecht-
fanden und nur er allein seinem Chef eine klare
Lösung vorlegen konnte, auf Grund deren dann Mor-
gan seine Pläne für eine neue Gesellschaft fassen
konnte. Alle diese Operationen waren ja etwas neues,
und sie ergaben sich aus dem Zusammenschmelzen der
zahlreichen kurzen Eisenbahnlinien in große Systeme.
Genau wie die Gleisanlagen der Bahnen zusammen-
gebracht werden mußten, damit sie ihren Zweck, eine
gute Verbindung zwischen entfernten Orten herzu-
stellen, erfüllen konnten, so mußte auch das Kapital,
auf das sie sich gründeten, zuerst in mehr oder weniger
lockerer Weise vereinigt werden, um später unter dem
Zwang der Umstände nach einem vernünftigen und
dauerhaften Plan zusammengelegt und neu ausgegeben
zu werden.
J. P. Morgans Instinkt, immer das Richtige zu tun,
und der Erfolg, der sein Eingreifen bei jedem be-
liebigen Unternehmen begleitete, vergrößerte von
Jahr zu Jahr seinen einzigartigen Ruhm als Reorgani-
sator zum Tode verurteilter Unternehmungen und
Retter schon fast wertloser Papiere. Bald wurde es
ihm zur Selbstverständlichkeit, die Kontrolle oder
wenigstens das Mitbestimmungsrecht bei den von ihm
sanierten Eisenbahnen sich vorzubehalten, um das
Eintreten ungünstiger Umstände oder irgendwelche
Böswilligkeiten verhindern zu können. Daraus ergab
sich bald die Notwendigkeit, auch über die oder jene
andere Linie, von der Konkurrenz oder eine andere

11

Mordan

1.11
3
        <pb n="165" />
        Schwierigkeit zu fürchten war, die Kontrolle zu er-
halten. So kam es, daß Morgan, bevor das Publikum
richtig merkte, was vor sich ging, eine Macht im Eisen-
bahnwesen geworden war, die nach Kilometerlängen
und Kapital der beherrschten Bahnen einem Finanz-
mann der alten Schule einfach schreckenerregend
vorkommen mußte.
Die von J. P. Morgan im Jahre 1902 kontrollierten
Eisenbahngesellschaften:
Kilo- Kapital
meter in Dollar
— 400 000 000

Northern Securities Co.“. . .
System der Great Northern
Railway . ......
System der Northern Pacific
Railway . . . 20...
Chicago, Burlington &amp; Quincy
Railway . ......
Southern Railway mit ab-
hängigen Linien. . ..
Central of Georgia. . . ..
Louisville &amp; Nashville . . .
Reading mit Jersey Central und
Coal &amp; Iron Co... . . .

8 988 96 683 454
9115 177925789
13645 362357300
14368 355484309
3655 53 646 000
9936 165784 660

3429 297067290
4110 362770 756
1514 70 189 548
2251 94 012 100

Erie , . ...

Hocking Valley. .

Lehigh Valley . . „on

Atchison, Topeka &amp; Santa Fe
(mit Harriman) . . ..

St. Louis &amp; San Francisco (mit
anderen). . ..

12744 1445235240
‚. 0. 5644 121593125
Sıuımma:- 89299 23002949 571

* Die Northern Securities Company, die die Anteile der
Great Northern. Northern Pacific und Chicago, Burlington &amp;

1672
        <pb n="166" />
        Die Art seiner Kontrolle über die Eisenbahngesell-
schaften war verschieden. Zuweilen behielt er einen
Prozentsatz der Aktien für sich, zuweilen übte er sie
durch stellvertretendes Stimmrecht aus (das heißt die
Aktionäre wurden veranlaßt, ihr Stimmrecht an ein
Komitee von Treuhändern — Voting Trust — zu über-
tragen), oder er war einfach Mitglied des Direk-
toriums, oder aber — die allereinfachste Methode —
er übte seinen persönlichen Einfluß auf die Männer
aus, die die tatsächliche Macht in Händen hatten. Für
diese Art Oberherrschaft gibt es sozusagen einen An-
fang, aber kein Ende, keine festen Grenzen. Man kann
hierbei seine Phantasie schweifen lassen und sich eine
ungeheure, kräftige, unsichtbare Hand vorstellen, die
in dem blinden Wirrwarr des Wirtschaftslebens alles
in eine neue Richtung lenkt, auf die Möglichkeit von
Gewinnen hin. Diese neue Richtung wurde allerdings
zunächst von sehr wenigen begriffen. Das Wirtschafts-
leben des Landes baute sich auf dem Wettbewerb auf,
aber es kam eben einmal eine Zeit, wo dieser Wett-
bewerb sich bei den großen, in Maschinen, Eisenbahn-
anlagen und rollendem Material investierten Kapital-
mengen als unpraktisch erwies. So rettete der Ge-
danke des Zusammenschlusses die amerikanische In-
dustrie. Von diesem Gesichtspunkt aus war er eine
öffentliche Wohltat; daß er aber in allen seinen Aus-
wirkungen und deren Verzweigungen und in jeder Hin-
sicht eine Wohltat für die Öffentlichkeit war, läßt sich
natürlich nicht behaupten. Jedenfalls aber ist der Zu-

Quincy besaß, wurde vom Obersten Gerichtshof 1904 aufgelöst,
— Morgan war 1902 auch sehr einflußreich in anderen großen
Systemen wie in dem von Vanderbilt, der Pennsylvania, der
Atlantic Coast Line und Seaboard Air Line. Eigentlich gab es
kein wichtigeres Eisenbahnsystem in den Vereinigten Staaten,
an dem er nicht mehr oder weniger interessiert war.

3
163
        <pb n="167" />
        sammenschluß dem amerikanischen Wirtschaftsleben
nicht nur durch Kräfte wie Morgan, sondern auch
durch die naturnotwendige Entwicklung aufgezwungen
worden.
Als J. P. Morgan noch als Knabe in Hartford lebte,
wurde eine Eisenbahn von Springfield über Hartford
nach New Haven gebaut, die hauptsächlich die An-
schlüsse an die zwischen New York und New Haven
laufenden Dampifboote vermitteln sollte. Sein Vater
war an dieser Bahn sehr interessiert und half, sie zu
Änanzieren — so liegt die Beschäftigung mit Eisen-
bahnen in der Familie, Schon 5 Jahre früher war
zine Bahn von Worcester, Massachusetts, nach Nor-
wich, Connecticut, gebaut worden, um den Passagier-
und Frachtverkehr zwischen Boston und New York
zu erleichtern, und zehn Jahre später wurde der Bau
der New York &amp; New Haven Railroad begonnen.
Zwischen 1833 und 1872 war die größte Blütezeit des
Eisenbahnbaus in Neuengland. Der erste wichtige Zu-
sammenschluß fand 1872 statt, indem sich die New
York &amp; New Haven und die New Haven, Hartford &amp;
Springfield vereinigten, An dieser Konsolidation nahm
Morgan keinen tätigen Anteil, aber er sagte William
C. Bishop — dessen Vater die New York &amp; New
Haven gebaut hatte, der selbst den Plan für den Zu-
sammenschluß ausgearbeitet hatte und dann Präsident
der neuen Gesellschaft wurde — er halte den Plan für
außerordentlich vernünftig.

Im Jahre 1872 wurde Bishop Mitglied der Gesetz-
gebenden Versammlung von Connecticut, um besser
auf den Erlaß eines Gesetzes hinwirken zu können,
das die Verschmelzung der beiden Eisenbahngesell-
schaften gestattete. Damals war Morgans Name im
Lande noch ziemlich unbekannt, in Hartford aber
hatte er schon großes Gewicht. und so sagte Bishop

164
        <pb n="168" />
        in einem Interview: „Morgan meint, das System der
New Haven, das bereits einen eigenen Bahnhof in New
York hat, sollte sich bemühen, auch einen eigenen
Endbahnhof in Boston zu erhalten. New York und
Boston sollten durch eine einzige Eisenbahnlinie unter
einheitlicher Leitung verbunden sein.”

Damals reichte nämlich die New Haven nicht bis
nach Boston. Ihre Gleisanlagen hörten in Springfield
auf, ihre Passagiere wurden von Springfield nach
Boston und umgekehrt auf Grund eines Abkommens
mit der Boston &amp; Albany von dieser Gesellschaft be-
fördert, und nur einige ihrer Züge liefen auf den
Schienen derselben Gesellschaft bis nach Boston
durch. Sobald Morgan in das Direktorium eingetreten
war, versuchte er, ihr durch den Kauf oder die Kon-
trolle einer von Boston aus nach Südwesten verlaufen-
den Eisenbahnlinie einen eigenen Weg nach Boston
hinein zu verschaffen.

Um diese Zeit begann nun Archibald McLeod
seinen Feldzug für die Ausdehnung der Reading, deren
Präsident er war, quer durch Neuengland, Auch er
wollte seiner Gesellschaft einen eigenen Endbahnhof
in Boston verschaffen. Er hatte vor, seine Linie bei
Poughkeepsie über den Hudson zu führen und dann
durch die Kontrolle der alten New York &amp; New Eng-
land nach Boston hineinzukommen. Zu diesem Zweck
richtete er seine Tätigkeit gegen das System der Old
Colony Railroad, das das ganze südöstliche Massachu-
setts bediente und bis nach New London, Connecticut,
reichte. Sein Kampf um die Beherrschung der Old
Colony ist ein bemerkenswerter Abschnitt in der Ge-
schichte der amerikanischen Eisenbahnen. Wahr-
scheinlich hätte McLeod auch sein Ziel erreicht, wenn er
sich nicht die Feindschaft Morgans zugezogen hätte,
der einen ähnlichen Plan schon seit 20 Jahren hesgte.

4.7 -
=
a U).
        <pb n="169" />
        a

Morgan deutete nun einigen Kapitalisten in Phila-
delphia an, sie setzten ihre Geschäftsbeziehungen mit
ihm aufs Spiel, wenn sie weiterhin die Eisenbahnpläne
McLeods in Neuengland finanzierten, Dieser. Wink
genügte. McLeods Geldquelle versiegte urplötzlich.
Seine Pläne erlitten Schiffbruch und nicht viel später
Sing auf Morgans Veranlassung die Old Colony in das
Eigentum der New Haven über. Hierdurch erhielt
diese Gesellschaft eine durchlaufende Linie zwischen
New York und Boston und der zweite, sehr be-
deutungsvolle Schritt zum Zusammenschluß der Eisen-
bahninteressen in Neuengland zu einem einzigen, be-
herrschenden System, war getan.

Die New Haven kaufte oder pachtete darauf jede
Eisenbahnlinie in Connecticut außer der Central Ver-
mont, jede Eisenbahnlinie in Rhode Island, jede Eisen-
bahnlinie in Massachusetts südlich von Boston, dazu
die Boston &amp; Albany, und schließlich wurden auch die
Dampferlinien zwischen New York und Boston in
ihren Besitz gebracht, Ein Jahr später ging das große
System der Boston &amp; Maine in ihre Kontrolle über.
Außerdem wurde, hauptsächlich infolge Morgans Be-
mühungen, die Boston &amp; Albany, die nur von der New
York Central gepachtet war, der New Haven enger
angegliedert, und einige Monate später ging auch das
System der Rutland Railway, das der New York Cen-
tral gehörte, mit deren Einverständnis halb in den Be-
sitz der New Haven über, während sich die New York
Central die andere Hälfte des Besitzrechtes vorbehielt.

Charles S. Mellen, der Präsident der New York,
New Haven &amp; Hartford und der Boston &amp; Maine gab
eine offizielle und. unzweideutige Erklärung über die
Absichten aus, die die Direktion der New Haven bei
dem Zusammenschluß leiteten, der so gut wie das
ganze Eisenbahnsystem Neuenglands unter die Herr-

166
        <pb n="170" />
        schaft der New Haven gebracht hat. Er sagte: „Ob es
klug war oder nicht, die Tatsache läßt sich nicht aus
der Welt schaffen, daß die Eisenbahnen Neuenglands
zusammengeschlossen worden sind. Sie sollen von jetzt
ab als eine Einheit zum Besten der weitgehendsten
Entwicklung und der Wohlfahrt Neuenglands arbeiten.”

Diese Zusammenschlüsse und das Zusammen-
arbeiten haben es erst möglich gemacht, die günstige
Lage Bostons für den Verkehr vollständig auszuwerten,
Später traf nämlich die New Haven noch mit der
Canadian Pacific ein Abkommen, wonach diese unter
Benutzung der Rutland Railroad sich Boston als das
ganze Jahr hindurch brauchbare End- und Hafen-
station ihrer transkontinentalen Strecke sicherte.
Dieses Abkommen wäre niemals möglich gewesen,
solange Neuengland von einer großen Zahl kleiner, un-
abhängiger Eisenbahnen bedient wurde.

Wenn es kein anderes Mittel gäbe, Morgans Wir-
ken in der neuen Entwicklung des Land- und See-
transportsystems von Neuengland zu zeigen, so würde
das von Mellen gebrauchte Wort „Einheit“ schon ge-
nügen. Es deutet sehr klar die wirtschaftliche Grund-
lage der modernen Zeit an, so wie sie Morgan auf-
faßte: das Verschwinden der kleinen, unabhängigen
Einheiten und das Entstehen sehr großer Einheiten, in
denen die kleineren aufgehen können. Viele Eisen-
bahnverschmelzungen sind sozusagen den Breitekreisen
gefolgt, wie die der New York Central und der Union
Pacific, andere den Längengraden, wie die der Eisen-
bahnsysteme im Süden und der Illinois Central, Der
Zusammenschluß in Neuengland aber hat sich wie ein
Netz nach allen Richtungen der Windrose erstreckt.

3
id
        <pb n="171" />
        Wenn man an einem Knotenpunkt wie Springfield
oder Worcester steht, so ist ringsherum fast nichts als
New Haven.

Ein Wort, das Morgan sprach, als er in das Direk-
torium der New Haven eintrat, hat hiermit zwar nichts
zu tun, ist aber an und für sich interessant. Das Direk-
torium hielt eine Versammlung in der alten Grand
Central Station ab. Morgan betrat den Raum und
nahm seinen Platz am unteren Ende des Tisches ein.
Er begrüßte die übrigen Direktoren freundschaftlich,
sagte aber während der Verhandlung nichts, sondern
hörte nur aufmerksam zu. Als die laufenden. Ge-
schäfte erledigt waren, wandte sich der Präsident an
Morgan und sagte: „Mr. Morgan, ich bin sicher, daß
die Direktoren sich freuen würden, wenn Sie einige
Worte sprechen würden, und noch mehr, wenn Sie
irgendwelche Anregungen geben könnten.”

Hierauf erhob sich Morgan und sagte: „Ich möchte
nur einen Gegenstand berühren. Ich habe gehört, daß
Sie Ihre Rechnungen immer sehr unpünktlich be-
zahlen. Ich habe erfahren, daß manche Ihrer Gläubiger
ganze sechs Monate lang vertröstet wurden und warten
mußten. Ich halte dafür, daß Ihre Gesellschaft die
fälligen Rechnungen pünktlich bezahlen muß. Falls Sie
im Augenblick nicht die nötigen Summen flüssig haben,
werde ich Ihnen die Beträge vorstrecken.”

Nachdem er das gesagt hatte, setzte er sich wieder,
und die Versammlung vertagte sich. Morgan bestand
stets darauf, daß jede Gesellschaft, an der er in-
teressiert war, Rechnungen, die in Ordnung waren,
am Fälligkeitstermin bezahlte, und daß die Beamten
sich anderweitig Geld verschafften, wenn es im Augen-
blick nicht angebracht war, die Zahlungen aus den
verfügbaren Mitteln der Gesellschaft zu leisten.

Morgans Bewußtsein der Verpflichtung gegen jedes

168
        <pb n="172" />
        Unternehmen, das irgendwie mit seinem oder dem
Namen seiner Bank verknüpft war, war stets sehr
stark. Hierin äußert sich ein Charakterzug von ihm,
vielleicht der am besten ausgeprägte, nämlich sein un-
bedingtes Stehen zu seinem Wort, ganz gleich, ob es
sich nur um eine möglicherweise lose Verbindung
seines Namens mit dem betreffenden Unternehmen
oder um einen bindenden Vertrag handelt. Seine An-
sicht über diese Verpflichtungen erklärte er in einer
der längsten Reden, die er je gehalten hat, nämlich als
er als Zeuge vor dem Untersuchungsausschuß er-
scheinen und über die Northern-Pacific-Transaktion
im Mai 1901 aussagen mußte.

Es handelte sich damals um folgendes: E. H. Harri-
man hatte in wenigen Jahren ein großes Eisenbahnen-
monopol im Südwesten aufgebaut. Er trat nun an
James J. Hill heran und versuchte ihn zu überreden,
die Great Northern und die Northern Pacific mit den
Harriman-Bahnen zu fusionieren. Als Hill sich weigerte,
gab sich Harriman mit einem seiner charakteristischen
plötzlichen Entschlüsse daran, durch Aktienkäufe die
Kontrolle über die Northern Pacific zu erwerben.
Morgan hatte gerade den Stahltrust gegründet und war
nach Europa gefahren. Er und Hill und noch einige
beiderseitige Freunde besaßen etwa 40 Millionen
Stammaktien der Northern Pacific. Durch Harrimans
Käufe ging der Kurs höher und höher, und die Mor-
gangruppe stieß ein beträchtliches Aktienpaket ab,
bevor sie betreffs der merkwürdigen Kurssteigerung
Verdacht schöpfte. Hinterher ist es schwer zu ver-
stehen, wie es möglich war, daß Morgan &amp; Co. solange
im unklaren waren, denn die Kontrolle der Bahn an
Harriman zu verlieren, war wirklich das allerletzte,
was sic wollten.

In dem Augenblick aber, da sie merkten, wer hinter

2 743
iR
        <pb n="173" />
        diesen Käufen stand, stellten sie ihre Verkäufe ein,
und von Morgan, der sich in Aix-les-Bains aufhielt,
kam eine lakonische Kabeldepesche: „Kaufet 150000
Anteile Northern Pacific‘. Diese Anweisung rief eine
Panik hervor. Morgan berichtete darüber:

„Als ich davon hörte, überlegte ich mir folgendes:
wir hatten die Northern Pacific organisiert, wir hatten
alle Papiere der Northern Pacific untergebracht, und
ich wußte bestimmt, daß einige Freunde von uns und
verschiedene andere Leute genügend Northern Pacific
hatten. Wir hatten stets gedacht, daß wir uns auf
Jiese Leute verlassen konnten, um unsere moralische
Kontrolle der Northern Pacific zu schützen. Als daher
die Nachricht von den Kurssteigerungen kam, hatte
ich keinen Zweifel, was ihnen zugrunde lag. Und als
immer weitere Nachrichten kamen, merkte ich, daß
sich irgend etwas ereignet haben mußte. Irgend je-
mand mußte verkauft haben. Ich wußte, wo ver-
schiedene Aktienpakete waren, und machte mir eine
Aufstellung, |

Wenn ich ein Unternehmen reorganisiere und für
seine Leitung moralisch verantwortlich bin, dann fühle
ich mich auch moralisch verpflichtet, es zu schützen
— und im allgemeinen schütze ich es auch. So über-
legte ich mir, daß es wünschenswert sei, 150000 An-
teile zu kaufen. Dadurch gewannen wir, wie ich
wußte, die Mehrheit der Stammaktien. Ich wußte
auch, daß wir damit die tatsächliche Kontrolle er-
hielten, und die anderen konnten die Bahn dann nicht
den Interessen der Union Pacific opfern.

Herr John S. Kennedy war seit 40 Jahren mein
Freund, Er und ich hielten uns zusammen in Aix auf.
Er kam zu mir, um mich zu fragen, was in Teufels
Namen das alles heißen solle. Ich sagte ihm, ich wüßte
es nicht, und darauf meinte er: ‚Was Sie mit Ihren

1’”0
        <pb n="174" />
        Northern Pacific-Anteilen machen, können Sie auch
mit meinen machen‘. Solches Vertrauen hatten die
Leute zu mir in bezug auf die Northern Pacific. Was
ich wollte, das wollten sie auch, und sie wollten mit
ihren Aktien das tun, was ich für angebracht hielt.
Das wollten sie. Nun, ich wußte das zu würdigen, ich
kann mir nicht helfen, aber ich war gerührt.”

Nach dem Empfang von Morgans Kabeldepesche
engagierte seine Firma Jim Keene, einen früheren
Makler an der Börse von San Francisco, der jetzt der
berühmteste Makler in New York war, und wies ihn an,
für sie die Anteile aufzukaufen. Das Wettkaufen von
Northern Pacific-Aktien schuf nun einen Markt, wo
alle kaufen, aber niemand verkaufen wollte, und so
stieg der Preis ins Ungemessene. Dutzende von Mak-
lern hatten sich in der Falle dieses Papieres gefangen,
sie schuldeten Tausende von Anteilen, die sie gefixt
hatten und nun nicht erhalten konnten, da der Preis
der Aktien bis auf 1000 stieg. So standen sie vor dem
Bankrott. Am 9. Mai ereignete sich eine noch nie da-
gewesene Szene auf der Börse. Die außerordentliche
Knappheit an Bargeld hatte schon seit vier oder fünf
Tagen zum Verkauf aller möglichen Papiere außer
„N. P.” gezwungen; an diesem Tage aber wurde aus
dem Verkauf eine reine Sintflut, die alle Kurse zum
starken Sinken brachte. So viele Anteile wechselten
ihren Besitzer, daß man hinterher nicht mehr sagen
konnte, wo sie geblieben waren. Über dem ganzen
Zusammenbruch aber hing in unerreichbarer Höhe die
Ursache all dieses Wirrwarrs — das Papier, das nie-
mand kaufen konnte.

Nun einigten sich aber die gegnerischen Parteien
ziemlich schnell. Morgan &amp; Co. hatten eine Zusammen-
kunft mit Harrimans finanziellen Hintermännern, der
Firma Kuhn, Loeb &amp; Co. Sie kamen überein, der
171
        <pb n="175" />
        tragischen Situation ein Ende zu bereiten. Harriman
hatte einen Fehlschlag erlitten, und für die neu-
gebildete Northern Securities Co. ernannte Morgan
die Direktoren. Morgan hatte die Northern Securities
geplant, damit sie die Anteile der Northern Pacific
und der Great Northern an sich bringen und die Kon-
trolle über diese Bahnen den augenblicklichen Anteil-
besitzern für die Zukunft sichern sollte. „Ich wollte‘,
sagte Morgan, „das durch eine Gesellschaft mit so
großem Kapital besorgen lassen, daß niemand sie je-
mals aufkaufen könnte.” Der Oberste Gerichtshof
aber sah in der Northern Securities Company eine
Verletzung des Antitrustgesetzes und löste die Gesell-
schaft auf. So mußte die Frage der Kontrolle ander-
weitig gelöst werden.

Schon im nächsten Jahre mußte Morgan sich be-
mühen, ein anderes Unternehmen zu schützen, was
ihm ziemliche Kosten bereitete. Es gelang John W.
Gates und einer Anzahl ihm befreundeter Spekulanten,
die Mehrheit der Aktien der Louisville &amp; Nashville
Railway an sich zu bringen, Da Morgan überzeugt
war, daß Gates die Bahn nur zu Spekulationszwecken
gekauft hatte und nicht beabsichtiste, sie selbst zu
leiten, und da er fürchtete, Gates könne irgendwie
Unordnung in dem System der Southern Railway an-
richten, schickte er seinen Teilhaber George W. Per-
kins zu Gates, um ihm die Louisville &amp; Nashville auf
der Stelle abzukaufen. Zufällig war es schon nach
Mitternacht, als dieser Beschluß gefaßt wurde, So
ging Perkins um drei Uhr nachts zum Waldorf-Hotel
und ließ Gates aus dem Bett holen.

Gates, der frühere „Drahtkönig‘. heste keinerlei

172
        <pb n="176" />
        freundschaftliche Gefühle gegen Morgan &amp; Co., da
Morgan ihn vor einem Jahre aus der Leitung des
Stahltrusts unter nicht gerade schmeichelhaften Um-
ständen herausbefördert hatte, und so bemerkte er
kühl zu Perkins: „Da Sie anscheinend die Aktien so
dringend notwendig brauchen, um die Kontrolle und
den Schutz der Southern für Ihre Freunde zu retten,
sollen Sie sie haben. Sie werden mir aber 10 Millionen
mehr zahlen, als mich selbst die Aktien gekostet
haben.“
Auf dieser Basis wurde das Geschäft denn auch ab-
geschlossen.

Die Unternehmungen, die Morgan kontrollierte,
waren nicht nur die stärksten und geschicktest an-
gelegten ihrer Art, sondern sie besaßen gewöhnlich
noch irgendwelche besonderen Vorteile oder Sicher-
heiten, abgesehen von geschickter Geschäftsführung,
die es ihnen ermöglichten, auch durch die schlimmsten
Zeiten durchzukommen. Sie besaßen stets Garantien
irgendwelcher Art, die sie gegen verderbenbringenden
Wettbewerb schützten. Der Stahltrust z. B. kon-
trollierte unermeßliche Rohstoffvorräte, seine Kon-
kurrenten aber sehr wenige; die ausgedehnten Eisen-
bahnsysteme, an denen Morgan interessiert war, kon-
trollierten Wegerechte, Kohlenfelder, Endbahnhöfe,
Konkurrenzlinien, Dampfschiffverbindungen usw.

Zwölftes Kapitel
FEINE ZEIT DER RÜCKSCHLÄGE

S chon im Jahre 1893 war Morgans Aufmerksamkeit
auf die Demoralisation der transozeanischen Dampf-
schiffahrtsgesellschaften gelenkt worden. Diese Demo-
ralisation hatte ihren Grund in dem übermäßigen Wett-
bewerb. Es waren Trampdampfer genug vorhanden,

177
        <pb n="177" />
        die Seefrachten zu billigeren Preisen übernehmen
konnten als die großen Gesellschaften, die ja ihre lau-
fenden und festen Ausgaben zu zahlen hatten und auch
gute Dividenden ausschütten wollten.

Diese schwierige Lage hielt solange vor, bis die Be-
teiligten einsahen, daß irgend etwas unternommen
werden mußte, wenn nicht einige weniger kräftige
Dampfschiffahrtsgesellschaften in Bankrott geraten
sollten. Die Leiter der großen amerikanischen Eisen-
bahnsysteme hatten lange Zeit die Hoffnung gehegt,
daß einmal eine amerikanische Schiffahrtslinie den
Verkehr zwischen New York oder Philadelphia und
Großbritannien versehen werde, Diese Hoffnung wirkte
sich in der Organisation der American Steamship Com-
pany aus, die teilweise mit Kapital und unter der
Führerschaft der Pennsylvania-Eisenbahn ins Leben ge-
rufen wurde, Sie hatte aber keine besonderen Erfolge
aufzuweisen, und es schien schon so, als ob sie bald
wieder auffliegen würde.

Kurz nach der erfolgreichen Organisierung der
United States Steel Corporation wurde Morgan auf
der Reise nach Europa von einem Schiffahrtskapitali-
sten gefragt, ob es nicht möglich wäre, die verschiede-
nen nordatlantischen Schiffahrtsgesellschaften unter
einheitlicher Leitung zusammenzufassen und praktisch
in die Hand eines einzelnen Eigentümers zu bringen.
Morgan antwortete in seiner bekannten lakonischen
Art: „Es müßte eigentlich.‘ Jedenfalls faßte der Ge-
danke festen Fuß bei ihm, falls er sich nicht bereits
lrüher mit derartigen Überlegungen beschäftigt haben
sollte.
Er sah aber sofort ein, daß sich ein Schiffahrts-
trust in verschiedenen wichtigen Zügen von dem Auf-
bau des Stahltrusts grundlegend unterscheiden müßte.
Alle Gesellschaften, die in der United States Steel

174
        <pb n="178" />
        zusammengefaßt waren, waren amerikanische Gesell-
schaften. Der Sitz ihrer Leitung war in Amerika und
sie waren den Gesetzen des Bundes und der Einzel-
staaten unterworfen. Wenn aber ein Ozeanschiffahrts-
trust geschaffen werden sollte, so mußte er sowohl
Gesellschaften amerikanischer Nationalität umfassen,
wie auch solche, deren Schiffe unter dem Union Jack
und gegebenenfalls auch unter den Flaggen von Staa-
ten des europäischen Festlandes fuhren. Er würde
also eine internationale Korporation sein, und zwar
die erste ihrer Art. Es waren zwar schon früher viel-
fach Abkommen zwischen Fabrikanten derselben
Waren in verschiedenen Staaten abgeschlossen worden,
aber noch nie Abkommen, die amerikanische und aus-
ländische Gesellschaften unter eine einheitliche Lei-
tung bringen sollten.

Infolgedessen wies Morgan seine Rechtsberater an,
nachzuforschen, ob die Gesetze der Vereinigten Staa-
ten etwa die Organisation eines Zusammenschlusses
von amerikanischen, englischen und europäischen
Schiffahrtsgesellschaften verböten. Die Nachforschung
erforderte nicht viel Zeit. Ihr Ergebnis war, daß der
Bildung eines internationalen Schiffahrtstrusts durch
die amerikanischen Gesetze kein Hindernis in den Weg
gelegt würde, Auch die englischen Gesetze sagten
nichts über ein Verbot, britische Gesellschaften unter
die Leitung einer ausländischen Dachgesellschaft zu
stellen. Was die für die Finanzierung eines solchen
Trusts notwendigen Summen betraf, so waren sie un-
gleich geringer als die, die zur Bildung der United
States Steel notwendig gewesen waren.

Im Frühjahr 1903 war der Plan des Schiffahrtstrusts
soweit gediehen, daß die Eintragung vorgenommen
werden konnte, Der Plan sah die Übernahme des ge-
samten Aktienkapitals der nachstehend aufgezählten

==
&amp;
K „3
        <pb n="179" />
        Dampischiffahrtsgesellschaften durch eine neue Gesell-
schaft vor: White Star Line, Atlantic Transport Com-
pany, International Navigation Company, American
Line (American Steamship Company), Red Star Line,
Mississippi &amp; Dominion Steamship Company, Dominion
Line, Leyland Line, National Steamship. Company (im
Besitz der Atlantic Transport Company).

Diese neue Gesellschaft hatte sehr verschiedene
Linien zu bedienen. Sie mußte Verkehrsverbindungen
zwischen New York, Boston, Philadelphia, New Orle-
ans, Baltimore und Galveston in den Vereinigten Staa-
ten, Montreal in Kanada einerseits und Liverpool,
Southampton, London, Cherbourg, Antwerpen ande-
rerseits herstellen, ferner zwischen den englischen
Häfen und Australien, und hatte auch Verkehr nach
dem Mittelmeer, Westindien und Mexiko zu besorgen.
Es wurde niemals ernsthaft versucht, die Cunard-Linie
— die allererste Dampfäfschiffahrtsgesellschaft zwischen
den Vereinigten Staaten und Europa überhaupt — zu
absorbieren, denn es war von Anfang an klar, daß die
britische Regierung hier ihr Veto einlegen würde, Die
Cunard blieb auch der schärfste Konkurrent des neuen
Trusts, wie weiter unten noch gezeigt werden soll. Die
neue Gesellschaft wurde unter dem Namen Internatio-
nal Mercantile Marine Company eingetragen, aber so-
fort unter dem Namen Nordatlantischer Schiffahrts-
trust bekannt,

Das erforderliche Kapital war, nach modernen An-
schauungen gemessen, nicht besonders groß, Die Ge-
sellschaft bildete sich auf der Basis von 60 Millionen
Dollar Stamm- und ebensoviel Vorzugsaktien. Es war
ein Voting Trust‘ vorgesehen, dessen Mitglieder John
Pierpont Morgan, Charles Steele (ein Teilhaber Mor-

* Komitee zur Ausübung stellvertretenden Stimmrechts.

176
        <pb n="180" />
        gans), J. Bruce Ismay (der Leiter der White Star),
P. A. B. Widener und W. J. Pirrie waren. Die Be-
dingungen des Austausches der Aktien der verschie-
denen Schiffahrtsgesellschaften gegen Papiere der In-
ternational Mercantile Marine wurden ohne Schwie-
rigkeiten festgelegt und genehmigt. Außerdem sollte
aber eine größere Barzahlung, nämlich 25 Millionen
Dollar in Gold, in London am 1. Januar des Jahres der
Eintragung geleistet werden.

Morgan hatte die Bildung eines Gründungskonsor-
tiums vorbereitet. Er beabsichtigte, jedem Mitglied
des seinerzeit bei der Gründung der United States Steel
Corporation gebildeten Konsortiums eine Beteiligung
nach Maßgabe seiner damaligen Beteiligung anzubie-
ten. Der glänzende Erfolg des damaligen Konsortiums
und die allgemein vorhandene Neigung, blindlings jede
von Morgan kommende Einladung zur Beteiligung an-
zunehmen — denn wenn Morgan eine Konsortialenliste
aufstellte, so dankte jeder darauf Verzeichnete Gott
auf den Knien dafür, da das Geschäft schon so gut wie
gemacht war — führten dazu, daß im Augenblick die
nötigen Summen voll gezeichnet waren.

Die Zahlung der 25 Millionen Dollar in Gold am
1. Januar 1903 an Aktionäre der europäischen Schiff-
fahrtsgesellschaften, die einen Teil ihrer Aktien in bar
abgelöst bekamen, war in seiner Art wieder ein Mei-
sterstück Morganscher Finanzkunst. Die Vereinigten
Staaten machten nämlich damals gerade eine Wirt-
schaftskrisis durch. Verschiedene industrielle Trusts,
die überkapitalisiert worden waren, brachen zusam-
men. Es hätte den ganzen Geldmarkt in Unordnung
gebracht, wenn man versucht hätte, das für die Er-
füllung der Zahlungsverpflichtung in England notwen-
dige Gold in den Vereinigten Staaten zu verschaffen.
Daher verschaffte sich Morgan große Mengen Wechsel

12

Morgan

27
        <pb n="181" />
        19,

auf amerikanische Exporte nach England, Telegramme
gingen zwischen den einzelnen Börsenplätzen, auf die
Wechsel auf die Ausfuhr landwirtschaftlicher Erzeug-
nisse gewöhnlich gezogen werden, hin und her. Aus
New Orleans und anderen Städten des Südens zog er
große Beträge in Baumwollwechseln zusammen. Auf
dieselbe Weise sicherte er sich Wechsel auf die Aus-
[uhr von Getreide und Fleisch nach Europa. Der Markt
wurde systematisch und gründlich auf Wechsel ge-
plündert, und Morgan brachte rechtzeitig eine ge-
nügende Summe in Wechseln zusammen, die er in
London verwerten konnte, So machte er es möglich,
die 25 Millionen in Gold zu zahlen.

Aber es stellte sich eine größere Schwierigkeit ein,
die nicht überwunden werden konnte. Gerade zu der
Zeit, als das Gründungskonsortium gebildet wurde, trat
die böse Krisis auf dem Aktienmarkt ein, die später
„die Panik der Reichen‘ genannt wurde. Überkapita-
lisierte Unternehmungen brachen dutzendweise zu-
sammen. Die Stammaktien der United States Steel
Corporation fielen unter den Kurs von zehn Dollar
pro Aktie, Die Panik hatte alle Kreise ergriffen und
es war ganz unmöglich, das Publikum zu veranlassen,
Papiere zu kaufen, besonders solche einer neugebilde-
ten Gesellschaft, Kein Mensch dachte an Kaufen, jeder
nur an Verkaufen. Das Ergebnis war, daß das Grün-
dungskonsortium die Aktien übernehmen mußte und
auf ihnen sitzen blieb. Morgans Geschäftsfireunde wur-
den schwer getroffen, und man sprach allgemein von
dieser Organisation als von einem geschäftlichen und
finanziellen Fehlschlag. Man hatte damit auch recht,
wenigstens damals.

Während einige von Morgans Geschäftsfreunden es
unumwunden bedauerten, daß der Versuch, den Schiff-
fahrtstrust zu gründen, gerade in diesem Augenblick

.* wc
0 a8
        <pb n="182" />
        gemacht worden war, behielten die meisten doch ihr
Vertrauen zu ihm. Ein Kapitalist sagte einmal in Wall
Street zu einem Freund: „Nun, Morgan ist doch ein-
mal mit einem großen Unternehmen hereingefallen!”

„Nein“, sagte der andere, „Morgan ist nicht herein-
gefallen. Der Trust wird sich schon wieder erholen.
Die Verwirklichung des Projekts wurde gleich zu Be-
ginn von einer aus vollkommen heiterem Himmel kom-
menden Panik, die alle amerikanischen Industrien be-
troffen hat, beeinflußt. Das war aber nur ein vorüber-
gehender Rückschlag, warten Sie nur ab.”

Re
%

Doch dieser Geschäftsfreund sollte nicht recht be-
halten. Morgans wohl nicht nach den materiellen In-
teressen, aber nach Genialität des Planes größtes
Werk sollte ein Fehlschlag bleiben. Welches die tiefe-
ren Gründe dafür sind, daß sich die glückliche Hand des
Geldfürsten hier nicht bewährte, läßt sich schwer
sagen. Das rein Technische, die Finanzierung des Pro-
jektes, hatte Morgan wieder mit gewohnter Meister-
schaft durchgeführt, wenigstens die Vorbereitung bis
zur Abgabe der Aktien an das Publikum. Aber das
Risiko, auf den übernommenen Papieren sitzenzublei-
ben, läuft eben jedes Konsortium. Die beste Erklärung
für den Fehlschlag dürfte wohl die sein, daß die Zeit
für einen derartig umfassenden Wirtschaftskörper, wie
es der Schiffahrtstrust nach dem Willen seines Grün-
ders sein sollte, noch nicht reif war. Morgan war, wie
im vorigen Kapitel gezeigt wurde, während seiner gan-
zen Laufbahn ein Führer, der die Richtung der kom-
menden Entwicklung auf immer weitergehenden Zu-
sammenschluß hin richtig erkannt hatte und infolge-
dessen — seiner Zeit gewissermaßen etwas voraus-
eilend — in allen seinen Unternehmungen eine Treff-

8}

qm‘)
        <pb n="183" />
        Je)

sicherheit gezeigt hatte, die den Zeitgenossen wie ein
untrüglicher Instinkt vorkommen mußte und tatsäch-
lich auch vorgekommen ist, In diesem größten aller
seiner Pläne, der bei erfolgreicher Durchführung eine
beispiellose Krönung dieses an Erfolgen so reichen
Lebens gebracht hätte, scheint er aber seiner Zeit zu
weit vorausgeeilt zu sein. Noch war die Amerikani-
sierung der Welt nicht weit genug gediehen, noch war
die internationale Politik nicht jederzeit und überall
die gehorsame Dienerin der Wirtschaft, der Finanz-
interessen, Bei dem Schiffahrtstrust aber kam die hohe
Politik ins Spiel, und hier endete die Macht des Nur-
Finanzmannes,

Ein Beweis für diese Anschauung kann darin er-
blickt werden, daß die Auswirkung des Schiffahrts-
trusts durch Deutschland und England verhindert
wurde, durch die Hamburg-Amerika-Linie, den Nord-
deutschen Lloyd und die Cunard Line, Sowohl wirt-
schaftliche wie politische Faktoren spielten hier mit.
Die Ziele, die Morgan für die amerikanische Handels-
schiffahrt durch die Gründung des Schiffahrtstrusts
wohl erhoffte, sind erst unter ganz anderen wirtschaft-
lichen und politischen Begleitumständen, nämlich wäh-
rend des Weltkriegs, erreicht worden, ihre Verwirk-
lichung hat aber auch dann kaum ein längeres Leben
gehabt als es diesen Begleitumständen beschieden war.

Was zunächst die wirtschaftlichen Faktoren be-
trifft, so stand die wirtschaftliche Bedeutung der ame-
rikanischen Handelsmarine jener Zeit doch wohl in
einem allzu schreienden Mißverhältnis zu der der Han-
delsmarinen anderer Länder, insbesondere Englands
und Deutschlands. Die nationale Wichtigkeit einer
Handelsschiffahrt wird wohl am besten ausgedrückt
durch Angabe des Prozentsatzes der Einfuhr nach und
der Ausfuhr aus einem Land, die auf Schiffen unter der

180
        <pb n="184" />
        Flagge dieses Landes vor sich geht, wobei natürlich
nicht die Bedeutung der absoluten Zahl der Register-
tonnage vernachlässigt werden darf. In bezug auf
Tonnengehalt stand die amerikanische Handelsflotte
an dritter Stelle, hinter England und Deutschland, um-
faßte aber nur ein Zehntel der britischen Tonnage.,
Nach dem zuerst angegebenen Maß gemessen, ist nun
die Bedeutung der amerikanischen Handelsflotte von
etwa 1825, da mehr als 90 Prozent der amerikanischen
Ein- und Ausfuhr auf amerikanischen Schiffen beför-
dert wurden, bis zur Jahrhundertwende dauernd zu-
rückgegangen — langsam bis zum Bürgerkrieg, dann
rasch, bis der Anteil der amerikanischen Handels-
marine an der Ein- und Ausfuhr der Vereinigten Staa-
ten um 1900 unter 10 Prozent gesunken war. Die Bil-
dung des Schiffahrtstrusts galt daher — wenn sie über-
haupt nationalwirtschaftliche Ziele verfolgte und nicht
nur als übernationales, nicht so sehr wirtschaftliches
als finanzielles Unternehmen anzusehen ist — haupt-
sächlich der Rückgewinnung verlorenen Bodens. In
gleicher Richtung arbeitete etwa gleichzeitig die ame-
rikanische Regierung durch Gewährung von Subven-
tionen an die amerikanische Schiffahrt. Aber es war
vorauszusehen, daß sich die beiden Nationen, die da-
mals das Transportgeschäft der Welt besorgten, das
Aufkommen eines irgendwie ernst zu nehmenden Ri-
valen gerade auf der größten und wichtigsten Hoch-
straße des Weltverkehrs, dem Nordatlantischen Ozean,
nicht ruhig mit ansehen würden. Um so weniger wür-
den sie das tun, als die Amerikaner eine furchtbare
Waffe in der Hand hatten: sowohl der Waren- wie der
Personentransport von Amerika nach Europa war weit
wichtiger als der in umgekehrter Richtung, gelang es
ihnen, diesen ganz oder auch nur größtenteils auf ihre
eigenen und die von ihnen kontrollierten Schiffahrts-

1Q1
        <pb n="185" />
        linien zu leiten, so war das eine schwere Bedrohung
für die anderen Schiffahrtsgesellschaften. Diese muß-
ten sich also irgendwie mit den Amerikanern und ihren
Plänen auseinandersetzen, Die deutschen Gesellschaf-
ten taten das auf gütlichem Wege und unter Voran-
stellung der wirtschaftlichen Gesichtspunkte, die eng-
lischen — soweit sie nicht von vornherein in den Trust
eingetreten waren — auf nicht gütlichem Wege und
mit der für England charakteristischen unlösbaren Ver-
quickung von Politik und Wirtschaft.

Es soll hierbei nicht etwa gesagt werden, daß die
politischen Gesichtspunkte bei dem Vorgehen der
deutschen Linien ganz ausgeschaltet waren. Sie wur-
den besonders durch die große Anteilnahme des frühe-
ren Kaisers Wilhelm IL. an der Entwicklung der deut-
schen Schiffahrt und den bedeutenden Einfluß, den er
auf sie ausübte, gekennzeichnet. Der Direktor der
Hamburg-Amerika-Linie, Albert Ballin, hatte die von
Amerika drohende Gefahr rechtzeitig erkannt und
machte den Kaiser auf sie aufmerksam, Auf dessen
Wunsch arbeitete er eine Denkschrift über diese Frage
aus. Er legte in dieser Denkschrift zunächst dar, daß
durch die Bildung des Schiffahrtstrusts Amerika wenig-
stens im nordatlantischen Verkehr der Tonnage nach
Deutschland bedeutend überflügelt hatte und England
bedenklich nahegerückt war, indem einem Tonnen-
gehalt der deutschen Handelsflotte von 390000 Re-
gistertonnen und der englischen (soweit sie noch nicht
sich dem Trust angeschlossen hatte) von 439000 Re-
gistertonnen der der amerikanischen (bezw. des Mor-
ganschen Trusts) von 430000 Registertonnen gegen-
überstand, alles nur auf die im nordatlantischen Dienst
fahrenden Schiffe bezogen. Er fuhr dann fort:

„Zweifellos ist Morgan in seinen Maßnahmen von
der Zuversicht geleitet, daß es ihm gelingen wird, ein

182
        <pb n="186" />
        Subsidiengesetz zugunsten seiner Unternehmung durch-
zusetzen. . -
An und für sich bildet die von Morgan geschaffene
und geplante Organisation keine Gefahr für die beiden
großen deutschen Reedereien, denn es ist eine alte Er-
fahrung, daß die Konkurrenz eines großen ebenbürti-
gen Unternehmens viel leichter zu ertragen und durch
Verträge in Grenzen zu halten ist als der regellose
Wettbewerb einer Reihe von kleinen Reedereien. Auch
die staatliche Unterstützung, solange sie über ein den
Verhältnissen entsprechendes Maß nicht hinausgeht,
würde die amerikanische Unternehmung nicht ohne
weiteres den deutschen Interessen gefährlich er-
scheinen lassen. Die Gefahr liegt vielmehr in der Ver-
quickung amerikanischer Eisenbahninteressen mit den-
jenigen der Reederei.

Es ist notorisch, daß Morgan diese grcßen Trans-
aktionen als Führer eines Syndikats unternimmt, wel-
chem eine Reihe der bedeutendsten und unterneh-
mendsten Geschäftsleute der Vereinigten Staaten an-
gehören. Ganz besonders sind in dieser Vereinigung
die Eisenbahninteressen stark vertreten. Morgan selbst
hat während seiner Anwesenheit in London vor einigen
Monaten englischen Schiffahrtsinteressenten gegen-
über über den Zweck seiner Unternehmungen sich da-
hin ausgesprochen, daß seinen Berechnungen nach fast
70 Prozent aller Güter, welche zur Verschiffung von
den nordatlantischen Häfen nach Europa bestimmt
sind, durch die Eisenbahn auf Durchkonossemente
nach den Hafenstädten gebracht und dort den fremden
Schiffahrtsgesellschaften zum Weitertransport aus-
geliefert würden. Morgan und seine Freunde vermögen
nun — wie Morgan sagt — nicht einzusehen, warum
die Eisenbahngesellschaften den geschlossenen Beför-
derungsvertrag auf fremde Transporteure für die

72

id
        <pb n="187" />
        Wasserstrecke übertragen sollen. Es schiene vielmehr
logisch, daß eine Verschmelzung von amerikanischen
Eisenbahn- und Dampfschiffahrtsinteressen zu diesem
Zwecke stattfände.
In dieser geplanten Verbindung des Land- und See-
transportes liegt, wie gesagt, die Gefahr für die aus-
ländischen Reedereien, die dadurch der Möglichkeit
ausgesetzt sind, daß ihnen die Zufuhr aus dem ameri-
kanischen Inlande abgeschnitten wird. Diese Zufuhr
ist für die Rentabilität unserer amerikanischen Linien
unerläßlich ...
‚.. Selbst wenn Morgan nur für den Anfang eine
oder zwei der Bahngesellschaften für seine Zwecke
gewinnt, bleiben die Reedereien immer der Gefahr aus-
gesetzt, daß er später durch eine Verständigung mit
den Interessenten der übrigen Bahnen diese Kombina-
tion ausgedehnt, Es würde naheliegen, zu erwägen, ob
die deutschen Gesellschaften nicht versuchen sollten,
ähnliche Kombinationen mit den gegenwärtig noch von
Morgans Einfluß freien amerikanischen Bahnen ein-
zuleiten, Ein derartiger Versuch kann aber den Inter-
essen der deutschen Reedereien erst dienen, wenn mit
Bezug auf die Morganschen Maßnahmen Gewißheit be-
steht. Gegenwärtig arbeiten alle in New York ein-
mündenden großen Eisenbahngesellschaften gemeinsam
mit den deutschen Reedereien, und die letzteren wür-
den also sich der Einwirkung einzelner Bahnen frei-
willig begeben und deren Opposition hervorrufen,
wenn sie sich in dieser Beziehung vorzeitig binden
würden, Eine andere Gefahr, welche nach dem bis-
herigen Vorgehen der Amerikaner nicht gering an-
zuschlagen ist, ist die, daß man durch Ankauf von
Aktien der deutschen Reedereien die Kontrolle über
dieselben zu erreichen suchen könnte, Es scheint in
dieser Beziehung geraten, daß der Lloyd und die Ham-

184
        <pb n="188" />
        burg-Amerika-Linie in ihre Statuten Bestimmungen
aufnehmen, welche geeignet sind, dieser Möglichkeit
vorzubeugen.“

Ballin war es auch, der versuchte, im Einverständ-
nis mit dem Kaiser die durch den Schiffahrtstrust für
die deutsche Handelsschiffahrt drohende Gefahr ab-
zuwenden. Wie bereits oben gesagt, tat er das auf
gütlichem Wege: er zog einem Kampf und einer mög-
licherweise daraus entstehenden erzwungenen völligen
Unterwerfung Verhandlungen und eine freiwillige
Halb- oder Viertelunterwerfung vor. Er ging persön-
lich nach New York, um mit Morgan Besprechungen
abzuhalten. Dieser, der augenscheinlich von Ballin als
Persönlichkeit recht viel hielt, gewährte ihm bemer-
kenswert günstige Bedingungen: ein Viertel des Ak-
tienkapitals der Hamburg-Amerika-Linie sollte gegen
Aktien der International Mercantile Marine Company
ausgetauscht werden (20 Millionen Mark), während
diese Gesellschaft andererseits noch der Hamburg-
Amerika-Linie und dem Norddeutschen Lloyd auf ein
Aktienpaket im Betrage von 26 Millionen Mark 6 Pro-
zent Dividende garantierte, über diesen Satz hinaus-
gehende Ausschüttungen sollten dagegen dem Schiff-
fahrtstrust zufließen. Dies war eigentlich eine Rege-
lung, mit der beide Teile zufrieden sein konnten: die
Deutschen waren der durch die Monopolisierung des
Transportgeschäftes der amerikanischen Ausfuhr durch
den Morganschen Trust drohenden Gefahr aus-
gewichen, und dieser wieder hatte sich das freund-
schaftliche Zusammenarbeiten mit Deutschland und
insbesondere mit der überhaupt größten Schiffahrts-
gesellschaft der Welt, der Hamburg-Amerika-Linie,
gesichert.

IR5
        <pb n="189" />
        Aber die folgenschwerste Störung der pax ameri-
cana im nordatlantischen Schiffahrtswesen ging von
Großbritannien aus. Morgan war es bereits im ersten
Ansturm gelungen, einen beträchtlichen Teil der briti-
schen Schiffahrtslinien seinem Trust einzugliedern.
Doch ganz ohne Kampf war das nicht abgegangen,
Drei der modernsten und größten Schiffe der White
Star Line mußten nach einem Vertrag der Gesellschaft
mit der englischen Regierung dieser im Kriegsfalle so-
fort als Hilfskreuzer zur Verfügung gestellt werden,
und als daher Morgan daran ging, die White Star Line
dem Schiffahrtstrust anzugliedern, beschlagnahmte sie
kurzerhand diese drei Schiffe, anscheinend auf die per-
sönliche Anregung von König Eduard VII hin. Das
war natürlich ein dicker Strich durch die Rechnung
Morgans, denn so bekam er ja nur die White Star Line
ohne ihr wertvollstes Besitztum. Er reiste nach Eng-
land, und es gelang ihm auch tatsächlich, die Schiffe
[reizubekommen, allerdings mußte er sich verpflich-
ten, sie im Falle eines Kriegsausbruchs der britischen
Regierung sofort und bedingungslos zur Verfügung zu
stellen.

a)

a

War dieses Hindernis so beseitigt, so erwuchs dem
Trust ein dauerndes in der Cunard Line, die er sich
nicht hatte angliedern können. Die englische Regie-
rung hatte nämlich sofort die schon früher an diese
Gesellschaft gezahlten Subventionen erhöht, mit dem
ausgesprochenen Zweck, ihr auch weiterhin die Selb-
ständigkeit zu ermöglichen. Zum gleichen Zweck er-
hielt die Cunard Line die größte, bisher in der Ge-
schichte der Seeschiffahrt gezahlte staatliche Beihilfe
in Gestalt eines mit 2% Prozent verzinslichen und in
kleinen Jahresraten rückzahlbaren Darlehens, das zum
Bau der beiden größten Schnelldampfer der Welt ver-
wendet werden sollte. Da aber die Cunard Line nach

186
        <pb n="190" />
        Fertigstellung der beiden Dampfer — es waren die
„Mauretania’” und die „Lusitania” — jährlich 150000
Pfund Sterling erhalten sollte, kam dıese Regelung
schließlich einer Schenkung der beiden Riesenschiffe
pleich.
Der Schiffahrtstrust holte zwar zum Gegenschlag
aus, indem die White Star Line die beiden noch grö-
ßeren Schiffe „Olympic“ und „Titanic‘ baute, aber
die Konkurrenz zwischen den einzelnen Schiffahrts-
linien, die Morgan gerade hatte beseitigen wollen, war
doch geblieben. Der einzige Erfolg war nur der, daß
nicht mehr ein Kampf aller gegen alle herrschte, son-
dern daß der riesige Konzern mit den ihm verbündeten
Linien wie Hamburg-Amerika-Linie und Norddeut-
scher Lloyd jetzt mit den draußengebliebenen Gesell-
schaften unter der Führung der Cunard Line kämpfte.
Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich,
daß auch die finanziellen Hoffnungen, die Morgan auf
die International Mercantile Marine Company gesetzt
hatte, sich nicht erfüllten; ihre Gründung hatte eine
große Sanierung aller beteiligten Linien werden sollen,
aber der andauernde Wettbewerb mit der Cunard Line
kostete natürlich Geld. Man bemerkte die Schwächen
des Schiffahrtstrusts auch im Ausland, und sie sind
wohl.der Grund, daß die Hamburg-Amerika-Linie und
der Norddeutsche Lloyd 1911 — vielleicht wieder auf
einen vom Kaiser gegen Ballin geäußerten Wunsch
hin — aus dem Trust austraten, obwohl Morgan
mehrere Male Ballin die Leitung des Trusts angeboten

atte.

Etwa um die Zeit, als Morgan die Bildung des
Schiffahrtstrusts vorbereitete, beschäftigte er sich
auch mit einer anderen industriellen Verschmelzung,

"7x
BA
        <pb n="191" />
        Die führenden Fabrikanten von Mähmaschinen und
sonstigen landwirtschaftlichen Maschinen und Gerät-
schaften hatten schon seit mehreren Jahren über die
Marktlage geklagt. Es herrschte ein furchtbarer, oft
verderbenbringender Wettbewerb. Außerdem waren
die Gestehungskosten für die Fabrikate weit höher, als
sie nach allgemeiner Annahme bei einem Zusammen-
schluß und systematischer Organisation gewesen wären,
Zu den überzeugtesten Vorkämpfern des Gedankens
eines Zusammenschlusses gehörte die McCormick
Harvesting Machine Company. Alle Gesellschaften,
deren Leiter diesem Gedanken günstig gesinnt waren,
hatten ihren Sitz im mittleren Westen, meistens in oder
bei Chicago,

Sobald Morgan sich entschlossen hatte, die Her-
beiführung eines Zusammenschlusses auf diesem Ge-
biete in die Hand zu nehmen, beauftragte er seinen
Teilhaber Perkins mit der Ausarbeitung der Einzel-
heiten, Und sobald die verschiedenen Gesellschaften
wußten, daß sich Morgan mit ihren Schwierigkeiten
befaßte, hörte der blutdürstige Krieg zwischen ihnen
auf und sie überließen die weitere Regelung ihm.

ET

Nach dem Plan. des Mähmaschinentrusts wurden
unter der neuen Dachgesellschaft zehn Fabriken von
Mähmaschinen und landwirtschaftlichen Gerätschaften
und fünf Seilspinnereien vereinigt, Einige dieser Fabri-
ken hatten eine sehr beträchtliche Jahreserzeugung.
Es mußten dem Trust auch verschiedene ausländische
Gesellschaften angegliedert werden, je eine in Kanada,
Frankreich, Deutschland und Rußland, Die Gesellschaft
wurde im August 1902 im Staate New Jersey ein-
getragen. Ihr Kapital betrug 60 Millionen Dollar; acht
Jahre später wurde es auf 80 Millionen in Stamm- und
60 Millionen in Vorzugsaktien erhöht. Jeder Dollar
dieses Kapitals war entweder bar eingezahlt oder in

188
        <pb n="192" />
        Form von verwertbaren Gegenständen eingebracht.
Es war auch vorgesehen, daß die Gesellschaft keinen
Dollar durch verzinsbare Schuldverschreibungen dar-
gestellter Schuld haben sollte, Die Bilanz von 1909
wies den Wert des Eigentums der Gesellschaft als fast
genau 178 Millionen Dollar aus. Der Rohgewinn aus
dem Verkauf von Maschinen und anderen Fabrikaten
betrug im gleichen Jahre fast 87 Millionen; nach Ab-
zug der Fabrikationskosten und der Kosten für Ver-
waltung, Abschreibung, Erweiterung und Verbesserung
der Anlagen blieb ein für Dividende und Bonus ver-
fügbarer Reingewinn von fast 15 Millionen.

Während die Organisation und Finanzierung der
International Mercantile Marine Company ein ziem-
licher Fehlschlag war, erwies sich die Organisation
und Finanzierung des Erntemaschinentrusts vom
geschäftlichen Standpunkt aus als ein glänzen-
der Erfolg. So hatte Morgan innerhalb von drei
Jahren drei der größten und modernsten industriellen
Zusammenschlüsse organisiert und finanziert, die Uni-
ted States Steel Corporation, die International Har-
vester Corporation (Erntemaschinentrust) und die In-
ternational Mercantile Marine Company, von denen
zwei glänzende Erfolge waren, der dritte aber ein ver-
hältnismäßiger Fehlschlag, weil sich gerade zur Zeit
seiner Begründung eine Panik einstellte.

a.

Das festbegründete Vertrauen von Morgans Ge-
schäftsfreunden zu ihm überdauerte ohne weiteres den
Fehlschlag bei der Gründung des Schiffahrtstrusts, ob-
wohl dieser ihnen schwere finanzielle Lasten auferlegte.
Die Meinung des Publikums aber schlug um. Die Grün-
dung des Stahltrusts hatte Morgan auf die Höhe seines
Ruhmes gebracht, niemals vorher und niemals nachher

1 82C
        <pb n="193" />
        A

nahm sein Name eine solche überragende Stellung ein.
Tausende von Aktien dieses Trusts wurden in den ent-
lerntesten Winkeln von Asien und Afrika verkauft,
wohin früher niemals ein amerikanisches Papier seinen
Weg gefunden hatte. Eine Zeitlang nahm Morgan eine
ganz einzigartige Stellung in der amerikanischen
Öffentlichkeit ein. Man kann nicht gerade sagen, daß
es allgemeine Beliebtheit war, eher handelte es sich
um scheue Bewunderung, Aber der Kursrückgang der
Aktien des Stahltrusts brachte eine gründliche Abkehr
von der Heldenverehrung von 1901. In der Krisenzeit
1903/04 sank nämlich der Kurs der Vorzugsaktien von
95 bis 105 Prozent auf 49 Prozent und der der Stamm-
aktien von 40 bis 50 Prozent auf 8 Prozent, Morgan
wußte, daß es sich nur um eine vorübergehende Er-
scheinung handeln konnte, und riet zum Aushalten,
aber Tausende von Anteilbesitzern hielten einen völ-
ligen Zusammenbruch für unmittelbar bevorsteheund
und verkauften ihre Papiere zu den niedrigen Kursen.
Sie glaubten jetzt, der Stahltrust sei nur ein großes
Schwindelgeschäft zugunsten der Organisatoren, und
sahen in Morgan nicht mehr den epochemachenden
Begründer stabiler und sicherer Unternehmungen, son-
dern ein Ungeheuer, einen Korsaren, der rücksichtslos
und brutal nur seinen persönlichen Gewinnen nach-
strebte — Ansichten, die denjenigen, auf deren Soli-
dität die Firma Morgan beruhte, genau entgegengesetzt
waren. Der Fehlschlag des Schiffahrtstrustes trug zu
diesem Umschlag der öffentlichen Meinung natürlich
noch bei, und noch mehr Ungünstiges wurde in dieser
Hinsicht infolge der Verbindung seines Namens mit
einem von Anfang an verfahrenen Unternehmen ge-
redet, das sich als der hoffnungslose Versuch einiger
Amateure, den Grundsatz des Zusammenschlusses im
Schiffbau anzuwenden, darstellte.

190
        <pb n="194" />
        Die unglückselige Entwicklung des Schiffbautrusts
braucht eigentlich in einem Buch über Morgan nicht
ausführlich behandelt werden, aber es ist vielleicht
doch gut, sie zu beschreiben, um darzulegen, inwieweit
Morgan und seine Firma daran beteiligt waren. Neben-
bei zeigt die Geschichte dieses Unternehmens auch
die Unbeholfenheit gewöhnlicher Geschäftsleute, wenn
sie sich an derartig große Aufgaben wagen.

Eine Anzahl von Männern, unter denen John W.
Young, der Sohn des bekannten Mormonenpropheten,
eine hervorragende Stellung einnahm, hatte mehrere
Jahre lang versucht, eine große Dachgesellschaft im
Schiffbau zu errichten, hatte aber mehrere Fehlschläge
erlitten. 1899 und wieder 1900 war der Versuch ge-
macht worden, aber vergeblich. Die Interessenten ge-
wannen dann 1901 Henry W. Poor als Führer des zu
bildenden Konsortiums, im kritischen Augenblick
stellte er aber seine Bemühungen ein und der Plan
schlug wiederum fehl. Endlich gelang es der Gruppe,
D. Le Roy Dresser, den Präsidenten der neugegrün-
deten Trust Company of the Republic, für den Plan
zu interessieren. Dresser war kein Finanzsachverstän-
diger; er war den größten Teil seines Lebens Kauf-
mann gewesen. Mit seiner neuen Treuhandgesellschaft
stürzte er sich voll Begeisterung auf das Projekt, aber
bei seinem Mangel an gesundem Geschäftssinn rui-
nierte er nur noch seine eigene Gesellschaft mit dem
hochtönenden Namen. Auch Lewis Nixon, ein Schiff-
bauer, aber keineswegs ein Finanzmann, beteiligte
sich an dem unglücklichen Unternehmen.

Unter der neuen Dachgesellschaft wurden acht
Einzelunternehmungen zusammengeschlossen, drei in
New Jersey, nämlich die Canda Manufacturing Com-
pany in Carteret, S. I, Moore &amp; Sons und Nixons
eigene Werft in Elizabethport, ferner die Bath Iron

1014
        <pb n="195" />
        Works und die Hyde Windlass Company in Bath,
Maine, die Eastern Shipbuildings Company in New
London, Connecticut, Harlan &amp; Hollingsworth Com-
pany in Wilmington, Delaware, und die Union Iron
Works in San Francisco. Es war eine ziemlich bunte
Reihe, die eingebrachten Werte lagen zwischen dem
„kleinen Grundbesitz‘ der Canda und den zwei Mil-
lionen der Fabrik in San Francisco; einige dieser
Unternehmungen zahlten Dividenden, andere standen
regelmäßig vor dem Zusammenbruch, wenn die
wöchentlichen Lohnzahlungen fällig waren. Als die
Bildung der Gesellschaft angekündigt wurde, war die
Meinung in der Öffentlichkeit die, daß es sich um eine
Mischung von etwas gutem Brandy mit sehr viel Was-
ser handelte. Die Organisatoren selbst fühlten, daß
eigentlich aus dem Gedanken mehr zu machen sei, Die
Auflegung der Zeichnungen in London und teilweise
auch in Paris fiel ins Wasser, Dresser sprang auf Ver-
langen selbst in die Lücke und übernahm persönlich
die Differenz gegen die ursprünglich geplante Zeich-
nungssumme, trotzdem aber war es wünschenswert,
dem Publikum den Plan etwas schmackhafter zu
machen.

PL

Nun traf zufällig um diese Zeit einmal Charles M.
Schwab mit Nixon und Dresser beim Lunch im Rechts-
anwaltsklub zusammen und schlug vor, ihnen die Beth-
lehem Steel Company zu verkaufen. Er sagte, diese
sei gerade das, was ihnen bei ihrem Trust noch fehlte:
eine gute und leistungsfähige Stahlfabrik, in der sie
Panzerplatten herstellen und somit Kriegsschiffe gänz-
lich in ihren eigenen Werken bauen könnten. Es war
schon seit einiger Zeit bekannt, daß die Bethlehem-
Stahlwerke zum Verkauf standen, und Nixon hatte
bereits selbst an sie gedacht, So war er für Schwabs
Vorschlag sofort Feuer und Flamme, Wie es kam, daß

192
        <pb n="196" />
        Schwab die Bethlehem verkaufen konnte, läßt sich in
wenigen Worten erklären. Er hatte sie vor einigen Mo-
naten auf eigene Rechnung gekauft, Nun war er aber
Präsident der United States Steel Corporation, deren
Konkurrent die Bethlehem war. Sobald Morgan &amp; Co.
von Schwabs Kauf hörten, kam ihm ein Wink zu, daß
er nicht gut gleichzeitig Präsident der United States
Steel und unabhängiger Stahlfabrikant sein könne.
„Ihre Zeit gehört dem Stahltrust”, wurde ihm gesagt,
„und Sie werden die Bethlehem aufgeben müssen.”
Daher überließ Schwab seine Erwerbung dem Stahl-
trust, deren Manager Morgan &amp; Co. ja waren, Die Uni-
ted States Steel kaufte die Bethlehem von Schwab
oder vielmehr schloß eine Abmachung mit ihm, die
Fabrik in seinem Namen solange zu verwalten, bis er
einen Käufer finden würde. Und in Nixon und Dresser
hatte Schwab ideale Käufer gefunden — vom Stand-
punkt des Verkäufers aus gesehen.

Die Organisatoren des Schiffbautrusts sahen näm-
lich in den Bethlehemwerken eine äußerst wichtige
Erwerbung, die wohl in etwa einen Ausgleich gegen
die faulen Gesellschaften in ihrem Unternehmen schaf-
fen konnte. So stimmten sie ohne weiteres allen Be-
dingungen bei, die Schwab stellte und durch seinen
Rechtsanwalt Max Pam in einem Vertrag niederlegen
ließ. Das Kapital des Schiffbautrusts wurde von 36 auf
etwa 71 Millionen Dollar erhöht, und an dem fest-
gesetzten Termin kamen Nixon und Dresser mit Pam
im Büro der Firma J. P. Morgan &amp; Co., die als Ma-
nager der United States Steel fungierte, zusammen,
um die Übergabe perfekt zu machen, Der Rechts-
anwalt übergab Perkins einen Scheck Schwabs über
ungefähr 7 Millionen Dollar (den Preis, den der letz-
tere für die Bethlehem gezahlt hatte) und nahm dafür
eine Bestellung auf 10 Millionen Dollar Vorzugs-,

13

Mordan

1N7
        <pb n="197" />
        10 Millionen Dollar Stammaktien und 10 Millionen
Dollar Schuldverschreibungen des Schiffbautrusts ent-
gegen. Da aber in dem Vertrag ein bemerkenswerter
Paragraph enthalten war, nach dem Schwabs Schuld-
verschreibungen mit Stimmrecht versehen waren, er-
gab sich als Resultat der Transaktion, daß nicht Nixon
die Bethlehem-Stahlwerke gekauft, sondern Schwab
die Kontrolle über den Schiffbautrust erworben hatte.
Denn die Aktien hatten einen Nennwert von 45 Mil-
lionen, und Schwabs 20 Millionen zusammen mit dem
Stimmrecht seiner Schuldverschreibungen gaben ihm
die absolute Mehrheit,

Nun ergab sich ein fürchterlicher Wirrwarr. Dem
Schiflbautrust ging es immer schlechter, und es wurde
bald klar, daß er auf Leben und Tod von den Beth-
lehemwerken abhängig war. Sie waren sein einziges
wertvolles Besitztum, und Schwab hatte keinerlei
Lust, irgend etwas für die Bethlehem zu riskieren. Sein
Vertrag war so abgefaßt, daß sie unter allen Um-
ständen sicher waren,

Die Auflage der Aktien war ein vollkommener
Fehlschlag, niemand wollte sie kaufen, der Trust
mußte Bankrott anmelden und wurde aufgelöst. In
dem Zusammenbruch ging auch die Trust Company of
the Republic unter, und dieser Vorfall sowie der von
Grund auf ungesunde Charakter des Unternehmens
warf ein unvorteilhaftes Licht auf jeden, der damit zu
tun gehabt hatte. Die Tatsache, daß Morgan &amp; Co. die
Bethlehem für Schwab verkauft hatten, genügte, um
die Meinung hervorzubringen, Morgan selbst habe als
Eingeweihter Vorteil aus dem ganzen Verfahren ge-
zogen, Nun kam noch bei dem Verhör anläßlich des
Liquidationsverfahrens heraus, daß in bezug auf die
Papiere des Schiffbautrusts, die Morgan &amp; Co. er-
halten hatten, eine „Sell-mine-first-Abmachung”, be-

194
        <pb n="198" />
        standen hatte, und das verstärkte die Feindseligkeit
der Öffentlichkeit gegen Morgan selbst nur noch.

In Wirklichkeit hatte sich folgendes ereignet. Als
Schwab seinen persönlichen Scheck über die Kauf-
summe der Bethlehem an Perkins überreichen ließ,
mußte er wohl vergessen haben, daß er der Firma
Morgan &amp; Co. 6 Prozent Zinsen für Bargeld schuldete,
das sie für ihn in die Bethlehemwerke gesteckt hatte,
während sie diese ein Jahr lang für ihn verwaltete (in
der Zeit, als er einen Käufer suchte). Auch hatten
J, P. Morgan &amp; Co. die Gewinne der Bethlehem
während dieses Jahres nicht angerührt. Schwabs
Scheck regelte diese Verbindlichkeiten nicht. Als
man von ihm die Bezahlung seiner Schuld verlangte,
schlug er vor, daß die Manager des Stahltrusts zur
Begleichung ihrer Forderung Aktien des Schiffbau-
trusts annehmen sollten, von denen er ja genug hatte.
Ohne daß der Firma Morgan gerade viel an dieser
Regelung der Angelegenheit gelegen hätte, nahm
sie doch schließlich den Vorschlag an und erhielt
demgemäß 5 Millionen Dollar in Schiffbautrust-
papieren.
John W. Gates hatte damals eine Maklerfirma, und
er wurde nun beauftragt, einen Markt für die Papiere
des Schiffbautrusts zu schaffen. Die Papiere, die im
Besitz der Eingeweihten waren, wurden nach einer
Art Poolsystem zusammengelegt, und ihre Besitzer
schlossen ein schriftlich niedergelegtes Abkommen mit
Gates ab, die Aktien nach einem gewissen Verfahren
abzustoßen. Das betreffende Verfahren wird ‚„Sell-
mine first” genannt und ist eine in Wall Street üb-
liche Methode, um den Eingeweihten das rasche Ab-
stoßen von Papieren zum besten Preis zu ermöglichen.
Es kann am besten an einem Beispiel erläutert wer-
den. Wenn Gates von einem Außenseiter den Auf-

123

er
iY5
        <pb n="199" />
        trag erhielt, 100 Schiffbauaktien zu kaufen, so schickte
er jemanden auf die Börse, der 50 Aktien kaufte. Die
restlichen 50 wurden dem Aktienvorrat der Mitglieder
des Pools entnommen und zum selben Preis abgegeben.
Dieses Verfahren hatte die zweifache erwünschte Wir-
kung, den Kurs der Aktien etwas zu beleben und den
großen Vorrat der Eingeweihten etwas zu verringern.
Nun meinte Schwab zu Gates, da die Leiter des Stahl-
konsortiums, nämlich Morgan &amp; Co., ihn nicht gerade
sehr anständig behandelt hätten, würde es doch „sehr
nett” sein, ihre Aktien — nämlich die Aktien, die er
ihnen an Zahlungsstatt für die von ihm geschuldeten
Zinsbeträge gegeben hatte — in den Pool einzu-
schließen. So wurde die Firma J. P. Morgan in das
Poolabkommen aufgenommen in der Erwartung, daß
Morgan es unterzeichnen würde, Als aber Morgans
Teilhaber — er selbst war gerade in Europa — das
Abkommen zur Unterschrift erhielten, weigerten sie
sich. Sie wollten mit einem derartigen Geschäft nichts
zu tun haben.
Da jedoch überhaupt niemand die Aktien kaufen
wollte, blieb auch dieses Poolabkommen auf dem
Papier stehen, Als aber bei dem Liquidationsverfahren
herauskam, daß ein solches Abkommen bestanden
hatte, war das eine Sensation, von der sowohl die
Zeitungen wie auch die Baissepartei reichlich Gebrauch
machten. Die letztere war nämlich gerade damit be-
schäftigt, die Kurse der Stahltrustaktien zu drücken,
und verkündete, was dem Schiffbautrust passiert sei,
werde sich genau so auch mit dem Stahltrust ereignen.
Morgan wurde immer und immer wieder gedrängt,
sich öffentlich zu verteidigen und die Tatsachen des
Zusammenbruchs des Schiffbautrusts, soweit sie sich
auf seine Firma bezogen, bekanntzumachen, er weigerte
sich aber stets. Er sagte, kein Mitglied des Stahltrusts

196
        <pb n="200" />
        habe ihn danach gefragt oder eine Erklärung dieser
Art verlangt. Seiner Ansicht nach waren diese Leute
die einzigen, die das Recht hatten, ihn zu fragen, und
sie taten es nicht.

Hier kann die Betrachtung des Zusammenschluß-
gedankens als Leitfaden von Morgans geschäftlicher
Laufbahn beschlossen werden. Er begann mit der
Sanierung von Eisenbahngesellschaften, die in finan-
zielle Schwierigkeiten geraten waren, dann ging er
zum Zusammenschluß kleiner und verhältnismäßig
schwacher Eisenbahnen zu großen und mächtigen Ein-
heiten über, und schließlich wendete er dieselben
Methoden auf die Industrie an. Bei all diesen Trans-
aktionen war sein Ziel, Unternehmen zu schaffen, die
einen guten Markt für ihre Papiere finden könnten und
deren Aktien dauernden Wert besaßen. Die Aus-
schaltung des Wettbewerbs, die in den vorhergehen-
den Abschnitten ausführlich behandelt worden ist, hat
seinen Zusammenschlüssen eine gesunde und feste
Grundlage gegeben. Ein anderer Gesichtspunkt ist
noch der folgende: so blühend auch manches kleine,
unabhängige Industrieunternehmen sein mochte, so
konnten seine Aktien doch nur auf einem sehr be-
schränkten Markt abgesetzt werden, nämlich in der
Nachbarschaft, wo man die betreffenden Firmen
kannte; in dem Augenblick aber, wo die kleinen Unter-
nehmungen unter einer großen, im ganzen Land be-
kannten Dachgesellschaft zusammengefaßt wurden,
konnten ihre Aktien überall angeboten und auch ver-
kauft werden, Es ist klar, daß allein schon dieser Ge-
sichtspunkt eine Berechtigung für die Zusammen-
schlüsse bedeutet, daß sie aber auch mit ihrer Lebens-

Pf x m
        <pb n="201" />
        kraft an die letztgenannte wirtschaftliche Erscheinung
gebunden sind. Mit anderen Worten, wenn diese
großen Organisationen schlecht geleitet oder von
ihren Leitern mißbraucht werden, oder wenn sie nicht
von Anfang an auf tragfähiger Grundlage aufgebaut
waren, dann sinkt der Kurs ihrer Papiere, bis schließ-
lich vom wirtschaftlichen Standpunkt aus nur noch
ihre Wiederauflösung in die ursprünglichen Einheiten
übrig bleibt. So würde jemand verfahren, der gerade
in der entgegengesetzten Richtung wie Morgan vorgeht.

In der Zeit seit etwa den neunziger Jahren des
vorigen Jahrhunderts sind unter den so wechselnden
wirtschaftlichen Vorbedingungen viele Arten von
Männern am Werk gewesen. Manche haben Unter-
nehmungen wie die Standard Oil oder den Wolltrust
aufgebaut, um sich ein riesiges persönliches Vermögen
zu erwerben und zu sichern. Andere, die man Oppor-
tunisten nennen kann, haben sich an Unternehmen be-
teiligt und sie wieder fallen gelassen, je nachdem wie
sie die Möglichkeit eines guten „Schnittes” sahen.
Morgan aber ist in seinem Leben nie ein einfacher
Geldmacher der einen oder anderen Art gewesen.
Wenn er Aufbauarbeit leistete, dann solche, die
auch dauerhaft sein sollte, Trotzdem gab und gibt es
viele Leute, die der sogenannten „Morganisation”
der Industrie tiefeingewurzeltes Mißtrauen entgegen-
bringen, und zwar wegen der sozialen Fehler, die ihr
anhalten.
Es wäre töricht, die Wichtigkeit dieses Gesichts-
ounktes verkleinern zu wollen, indem man ihn un-
beachtet läßt. Doch kann er in einer Lebensgeschichte
Morgans kaum genauer erörtert werden, denn so rich-
tig und angebracht auch eine Betrachtung der Ereig-
nisse von dieser Seite aus ist, so kann sie doch zu un-
bestimmten und übersteigerten Forderungen führen

1

m
        <pb n="202" />
        und Verwirrung anrichten. Denn man kann einem
Mann nicht gut Beweggründe unterschieben, die er
nie gehabt hat, und ebensowenig kann man ihm das
Fehlen anderer Beweggründe vorwerfen. Morgans
Lebensbeschreibung darf ihn nicht von zu tief unten
sehen, sonst läuft sie Gefahr, ihn unrichtig zu erfassen.

Dreizehntes Kapitel
DER WELTBANKIER

nter der Leitung Morgans sind die Vereinigten
Ü Bieten als Gläubiger auf dem internationalen
Finanzmarkt eingeführt worden, Der Prüfstein, ob ein
Staat sich unter die großen Geldmächte der Welt
zählen darf, ist es, wenn seine Bankiers Gläubiger
eines anderen Staates werden. Wenn ein Bankier die
Ausgabe einer nationalen Anleihe eines anderen
Staates übernimmt, dann macht er dadurch den Staat,
dessen Bürger er ist, zu einer Geldgroßmacht. Vor
dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts waren die
Vereinigten Staaten keine Geldgroßmacht, sie waren
stets die Schuldner anderer Nationen gewesen. Aber
die ungeheure Ansammlung von nach Betätigungs-
feldern suchendem Kapital und die engen Beziehungen,
die sich zwischen den amerikanischen und euro-
päischen Bankiers herausbildeten, nicht zu vergessen
auch der sich allmählich einstellende Glaube der Welt
an die nun gesicherte Entwicklung des Landes, er-
möglichten es amerikanischen Bankiers wie Morgan,
ausländische Anleihen aufzulegen. Mit anderen Worten,
die Vereinigten Staaten, die ein halbes Jahrhundert
lang sich von fremden Nationen Geld erbitten mußten,
um ihre eigene Industrie und ihre natürlichen Hilfs-
quellen zu entwickeln, erreichten um die Jahrhundert-

*NQ
        <pb n="203" />
        wende den Punkt, wo sie selbst überschüssiges Kapital
hatten, das sie an andere Länder ausleihen konnten.

Die erste in den Vereinigten Staaten aufgelegte
ausländische Anleihe war die mexikanische vom Jahre
1899, die Morgan &amp; Co. übernommen hatte, Mexiko
wollte Nationalschuldverschreibungen ausgeben, deren
Hauptzweck war, die Tilgung einer älteren Anleihe
zu ermöglichen, und Morgan und seine Geschäfts-
freunde wurden mit der mexikanischen Regierung
bald einig; sie übernahmen die gesamte Anleihe, In
Anbetracht der Wichtigkeit dieses Vorgangs für die
Wirtschaftsgeschichte des Landes muß man sagen, daß
er recht wenig Aufmerksamkeit erregte, Allerdings
war der Betrag der Anleihe nicht besonders groß, und
in mexikanischen Eisenbahnen und Bergwerken ar-
beiteten bereits große Mengen amerikanischen Kapitals,

Im selben Jahre noch übernahm Morgan einen
Teil einer europäischen Anleihe: er brachte deutsche
Reichsschatzscheine im Werte von 80 Millionen Mark
in den Vereinigten Staaten unter. Zwei Jahre später
wollte England eine Anleihe aufnehmen. Nun hatte
früher englisches Geld die Eisenbahnen der Ver-
einigten Staaten gebaut; ein halbes Jahrhundert
lang war das amerikanische Wirtschaftsleben fast
vollkommen von englischem Kapital abhängig ge-
wesen; die Schuldverschreibungen der Regierung der
Vereinigten Staaten waren zwar in New York und
Philadelphia finanziert, aber in großen Mengen in
England verkauft worden — infolgedessen schmeichelte
es dem amerikanischen Nationalstolz ungeheuer, jetzt
den Spieß umdrehen, dem Land Geld leihen zu
können, von dem man früher stets empfangen, ge-
borgt hatte. Morgan war gerade in London, als die
britische Regierung begann, Geld zu borgen, um die
Kosten des Krieges in Südafrika decken zu können.

200
        <pb n="204" />
        Er teilte dem britischen Finanzminister mit, daß
Amerika bereit sei, einen beträchtlichen Teil der An-
leihe zu übernehmen. Als die Zuteilung im April 1901
veröffentlicht wurde, stellte sich heraus, daß Morgan
für sich selbst und seine Geschäftsfreunde 50 Millionen
Dollar übernommen hatte.

Die Übernahme dieses Teils der englischen An-
leihe durch Morgan erwies sich als sehr erfolgreich,
das heißt die Anleihe wurde von dem amerikanischen
Markt, hauptsächlich von den führenden Banken des
Landes, fast augenblicklich aufgenommen. Und zum
erstenmal konnten sich die Vereinigten Staaten mit
Fug und Recht zu den großen Geldmächten der Welt
zählen. Obwohl immerhin der Betrag noch klein war
verglichen mit den von den Rothschilds oder Barings
übernommenen Staatsanleihen oder der in Frankreich
aufgelegten russischen Anleihe, war er doch groß ge-
nug, um anzukündigen, daß die Vereinigten Staaten
von nun ab ihren entsprechenden Anteil an wichtigen
Staatsanleihen verlangten.

Zwei oder drei Jahre später verursachte der
Russisch-Japanische Krieg, daß beide feindlichen
Staaten sich auf den Geldmärkten der Welt nach An-
leihen umsahen., Rußland wandte sich, wie gewöhn-
lich, an Frankreich, Japan aber an England, Dort teilte
man seinen Vertretern mit, daß es Japan augenschein-
lich gelingen würde, die amerikanischen Kapitalisten
zur Deckung eines großen Teiles seines Geldbedarfs
zu ‚veranlassen. Morgan übernahm mit zwei anderen
führenden Bankiers den gesamten, den Vereinigten
Staaten angebotenen Anteil an der japanischen An-
leihe. Später übernahm er eine Anleihe von Honduras,
einen Teil einer Anleihe von Argentinien, und von da
ab verhandelte er eigentlich ständig mit dem einen
oder anderen der süd- und mittelamerikanischen

"Ar
A
        <pb n="205" />
        Staaten, die auf dem Geldmarkt der Vereinigten
Staaten Kapital suchten, um sich ihrer überfälligen
Verbindlichkeiten zu entledigen.

Im ersten Teil der zweiten Amtsperiode des Präsi-
denten Theodore Roosevelt gelang es Morgan, sich
sehr wichtige Konzessionen für den Bau einer Eisen-
bahn in das Innere von China zu sichern. Es war die
Beteiligung von etwa 50 Millionen Dollar amerika-
nischen Kapitals an diesem Unternehmen vorgesehen.
Es erhob sich jedoch in China unter dem Volk eine
außerordentlich heftige Gegnerschaft gegen die In-
anspruchnahme ausländischen Kapitals für diesen
Zweck. Die chinesische Regierung wurde endlich ge-
zwungen, diesem Gefühl des Volkes Rechnung zu
tragen, und sie teilte der amerikanischen Regierung
mit, wenn die Amerikaner darauf bestünden, das
Unternehmen durchzuführen, so könnten sich ge-
fährliche Reibereien ergeben, Zwar wußte niemand,
was eigentlich die Ursache der chinesischen Erregung
war, aber es war nicht zu verkennen, daß es sich um
etwas Ernstliches handelte. Es sprach vieles dafür,
die genau umschriebenen Rechte der Amerikaner in
diesem Streitfall, wenn nötig, mit Gewalt zu sichern,
und es wurde viel davon gesprochen, daß die ameri-
kanische Regierung einen diplomatischen Druck auf
China ausüben müsse, um den amerikanischen Kon-
zessionären die Fortführung ihrer Arbeiten zu ermög-
lichen. Aber Morgan war damals in Europa, und ob-
wohl die Leute viel redeten, warteten sie mit Taten
doch lieber, bis „.J. P.“ seine Meinung ausgedrückt
hatte.
Sobald Morgan von diesen Schwierigkeiten erfuhr,
kürzte er seinen Besuch in Europa ab, kehrte nach
Amerika zurück und suchte sofort Präsident Roose-
velt in Oyster Bay auf, Er wollte freimütig mit dem

”än09
        <pb n="206" />
        Präsidenten sprechen und die Sache beilegen. Er
sagte Roosevelt, wenn es der Regierung von Washing-
ton Unannehmlichkeiten ersparen und die Aufrecht-
erhaltung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen
China und den Vereinigten Staaten ermöglichen würde,
so wären die amerikanischen Kapitalisten gern bereit,
auf die Konzession zu verzichten, nur müsse sich
China verpflichten, die bereits gemachten tatsäch-
lichen Ausgaben zurückzuerstatten, Roosevelt war
über diesen Ausweg außerordentlich erfreut, die Kon-
zessionen wurden zurückgezogen und die chinesische
Regierung verpflichtete sich, den amerikanischen Kon-
zessionären ihre Kosten voll zu erstatten.
Zwei Jahre später aber machte die chinesische Re-
gierung ausländischen Banken den Vorschlag, eine An-
leihe im Betrage von 50 Millionen Dollar zum Bau von
Eisenbahnen in zweien der wichtigeren Provinzen zu
übernehmen. Obwohl diese Anleihe nicht direkt eine
Staatsanleihe war, sollte doch der chinesische Staat
für Kapital und Zinsen garantieren. Nun begann
wieder die diplomatische Korrespondenz, da an-
scheinend die Vereinigten Staaten nicht an der An-
leihe beteiligt werden sollten. Nach langen diplo-
matischen Kämpfen kam man überein, daß sich die
Vereinigten Staaten mit Deutschland, Frankreich und
England — die damals die wichtigsten Geldgroßmächte
der Welt waren — zu gleichen Teilen in die Anleihe
teilen sollten. Ein von Morgan gebildetes Konsortium
übernahm den amerikanischen Anteil der Anleihe,
Diese Transaktionen befestigten Morgans Einfluß
in der internationalen Hochfinanz immer mehr, Er war
der erste Amerikaner, der sich neben die schon ein
Jahrhundert alte Bankierfamilie der Rothschilds stellen
konnte, der erste amerikanische Bankier, der mit aus-

a Ba a
ZU)
        <pb n="207" />
        ländischen Banken in Wettbewerb um diese riesigen
Finanzgeschäfte, hinter denen der Kredit einer ganzen
Nation steht. treten konnte.

Im Jahre 1910 wurde bekanntgemacht, daß J. P.
Morgan ein Paket von 502 Aktien der Equitable Life
Assurance Society gekauft und pro Aktie etwa 5000
Dollar bezahlt habe. Das erregte im ganzen Land
großes Aufsehen, Diese Lebensversicherungsgesell-
schaft war mit ihrem ungeheuren Vermögen und ihrem
Überschuß von rund 85 Millionen ein sehr wichtiger
Faktor auf dem Geldmarkt, Sie war es auch gewesen,
die durch ihre Verwaltung, durch ihre Beteiligung an
der Auflage von Aktien und ihr Eigentum an oder
Kontrolle über sehr große Finanzunternehmungen die
Hughes-Untersuchung von 1904/05 verursacht hatte,
durch die ein Skandal erster Ordnung aufgedeckt wor-
den war. Als die Equitable in Schwierigkeiten geriet,
kaufte Thomas F. Ryan dieses Paket von 502 Aktien
von James Hazen Hyde. Um der Öffentlichkeit zu be-
weisen, daß die Equitable fortan nach gesunden und
moralisch einwandfreien Gesichtspunkten geleitet sein
würde — seine 502 Aktien bildeten die Mehrheit, da
insgesamt 1000 ausgegeben worden waren — über-
trug er sofort sämtliche Befugnisse, zu denen die
Aktien berechtigten, einer Treuhänderkörperschalt,
und zwar ernannte er zu Treuhändern den Expräsi-
denten Grover Cleveland, George Westinghouse und
den Richter Morgan J. O'Brien. Die Treuhänder
hatten alle Rechte, die der Besitz der Aktien mit sich
brachte, nur nicht das Recht, sie zu verkaufen, Sie
sollten Direktoren wählen, die das Vertrauen der Police-
besitzer genossen, und auf diese Weise sollten die Ver-

mn
ap
        <pb n="208" />
        sicherten einen beträchtlichen Anteil an der Leitung
der Versicherungsgesellschaft erhalten. Nach einigen
Jahren gelang es Harriman, der schon stets ein Auge
auf die Equitable-Aktien gehabt hatte, die Hälfte des
Ryanschen Pakets zu kaufen. Als dann Harriman
starb, hatte Morgan keine Schwierigkeiten, die ganzen
502 Aktien in seinen Besitz zu bekommen.

Nach einigen Monaten ernannte er die neuen Treu-
händer. Es waren Richter O'Brien, George W. Perkins,
ein anerkannter Versicherungssachverständiger, der
10 Jahre lang Morgans Teilhaber gewesen war, und
Lewis Cass Ledyard. Die Policebesitzer in der ganzen
Welt waren gespannt, was Morgan mit der Equitable
vorhatte und warum er die Aktienmajorität auf-
gekauft hatte.

Es wurde dann bekannt, daß Morgan das mit zwei-
facher Absicht getan hatte, und daß, wie er glaubte,
seine beiden Pläne im Interesse der Gesellschaft sowie
des Publikums gelegen seien. Zuerst wollte er durch
die Treuhänderkörperschaft garantieren, daß das
Stimmrecht immer zum Besten der Versicherten aus-
geübt würde. Zweitens beabsichtigte er, sobald ein
gangbarer Weg dazu gefunden sein würde, die Gesell-
schaft in das Eigentum der Versicherten selbst über-
zuführen; das gesamte Aktienkapital sollte durch die
erzielten Überschüsse zurückgezahlt werden, so daß
die Gesellschaft uneingeschränkt den Versicherten
selbst gehören würde. Er hatte berechnet, daß trotz
dieser Rückzahlung des Aktienkapitals aus den Über-
schüssen diese doch in wenigen Jahren auf 100 Mil-
lionen Dollar anwachsen würden. Dann würde es,
sagte er, möglich sein, die den Versicherten erwachsen-
den Kosten zu verringern, indem entweder ein Teil
des Überschusses für Dividendenausschüttungen ver-
wendet würde oder gleich die Versicherungsprämien

05
        <pb n="209" />
        erniedrigt würden. Morgan selbst sah übrigens bei
dem Kauf keine einzige Aktie und kein Zertifikat. Er
zahlte 3 Millionen Dollar, aber kein Papier ging in
seine Hände über; die ganzen Aktien wurden notariell
den Treuhändern übermacht.
Als Ryan die Equitable-Aktien Morgan verkaufte,
übereignete er ihm auch zwei Treuhandgesellschaften,
die Morgan mit der Guaranty Trust Company zu einer
einzigen großen Institution verschmolz. Eine Reihe
von Jahren hatte Morgan hauptsächlich mit der First
National Bank zusammengearbeitet. Aber mit der
immer ‚weiteren Entwicklung der großen Zusammen-
schlüsse ergab sich die Notwendigkeit, immer mehr
und mehr Kapital zu kontrollieren, um es massenweise
in die industrielle Erschließung nicht nur der Ver-
einigten Staaten, sondern auch Mexikos, Mittel- und
Südamerikas und selbst des Fernen Ostens zu werfen.
Es genügte nicht mehr, zwei oder drei Banken zu kon-
trollieren, denn augenscheinlich führte die Tendenz
zum Aufbau möglichst großer und mächtiger Trusts
zur Notwendigkeit der Beherrschung ebenso großer
und mächtiger Kapitalreserven. Die Führerin bei dem
Zusammenschluß unter den Banken war die National
City Bank, in deren Direktorium drei Mitglieder der
Firma Morgan saßen. Zuerst wurden enge und freund-
schaftliche Beziehungen zwischen der National City
Bank, der First National Bank und der Chase National
Bank hergestellt; ihnen schloß sich dann die Bank of
Commerce an. Dann wurden die Mechanics &amp; Metals
National, die Phoenix National, die Chatham National
und die Liberty Bank auf die Liste der Unternehmen
gesetzt, deren Fonds Morgan zur Verfügung standen.
Nicht weniger als sieben Treuhandgesellschaften in der
Stadt New York kamen unter seine unmittelbare Kon-
trolle: die Astor ‚Bankers’, Mercantile, Standard. New

we
AUG
        <pb n="210" />
        York, Equitable und Guaranty Trust Company. Damit
wuchs das von ihm beherrschte Bankkapital auf be-
trächtlich mehr als eine Milliarde Dollar, während seine
gesamte Finanzkraft, zu der ja die Kapitalien der
Eisenbahnen und industriellen Unternehmungen, in
denen sein Einfluß beherrschend war, hinzugezählt
werden mußten, sich auf etwa 10 Milliarden Dollar
schätzen ließ. Aber alle derartigen Schätzungen sind
mehr oder weniger Theorie, denn nur eine tatsächliche
Probe könnte die Grenzen der Macht eines Mannes
wie Morgan erweisen, und eine solche Probe könnte
wohl kaum je gemacht werden.

Man darf hierbei auch nicht vergessen, daß Ziffern
und Summen noch nicht die Macht Morgans er-
schöpfend kennzeichnen. Sie gründete sich ja zu
einem großen Teil auch auf seine Persönlichkeit und
auf dem so gut wie uneingeschränkten Vertrauen der
großen und kleinen Kapitalisten zu Morgans geschäft-
lichen Fähigkeiten und Zielen. Unter fast allen denk-
baren Umständen ließen die Anteilbesitzer einer Ge-
sellschaft, an der Morgan beteiligt war, ihre finan-
ziellen Interessen lieber von ihm als von irgend je-
mand anders vertreten. Nur zu gern überließen sie es
ihm, die Last der Verantwortlichkeit auf seine breiten
Schultern zu nehmen. So hat er seine Macht wohl
ebenso durch dieses Entgegenkommen der Aktionäre
wie durch sein eigenes zielbewußtes Handeln ge-
wonnen — und Mangel an zielbewußtem Handeln war
gewiß das letzte, das man Morgan vorwerfen konnte.
Alles dies zeigte sich sehr gut in der finanziellen Krise
des Jahres 1907. Damals tat nicht so sehr ein Führer
not als vielmehr ein Mann, dem man die große Auf-
gabe anvertrauen konnte, sozusagen, als Agent der
verschiedenartigen Finanzkräfte zu handeln, die in
gründliche Verwirrung geraten waren, ein Mann, der

- 1m
Zi
        <pb n="211" />
        die einzelnen Kräfte in ihre Bahnen lenken und gegen-
einander abwägen konnte, ohne irgendeine Interessen-
gruppe auf falschen Kurs zu drängen,

Vierzehntes Kapitel
DIE PANIK VON 1907
A) sich die ersten Anzeichen einer Krise bemerk-
bar machten, dachten die Leitungen der alten,
starken, in konservativem Sinne verwalteten Banken
und Treuhandgesellschaften — besonders der letzteren
— daß sie wohl von den Schwierigkeiten, unter denen
andere Unternehmungen litten, verschont bleiben wür-
den. Sie hatten ja nichts Unrichtiges getan, hatten
nicht aus Dummheit oder böser Absicht Anleihen auf
nicht marktfähige Papiere aufgenommen, und sie
sagten sich: „Soll jeder seine eigene Suppe auslöffeln
— wenn er sich den Mund verbrennt, so hat er es
verdient!” Sie dachten aber nicht daran, daß eine
Panik auf Persönlichkeiten keine Rücksicht nimmt,
“ind daß eine Geldknappheit die Gerechten ebenso
heimsucht wie die Ungerechten — sie stehen oder
fallen alle zusammen in einem Sturm wie der vom
November 1907. Morgan aber veranlaßte sie, ihre
Haltung zu wechseln. Er sah sofort, daß das einzige
Mittel, die Lage zu retten, die Bildung eines gemein-
samen Fonds zu gemeinsamer Hilfeleistung war, und
er persönlich bestimmte sie, zu diesem Fonds bei-
zutragen, da er ihnen klarlegte, daß sie andernfalls auf
Hilfe nicht zu rechnen hätten, wenn sie in Schwierig-
keiten. gerieten,

Die kommende Krise machte sich bereits im Juli
1907 bemerkbar. In diesem Monat registrierte die Uni-
ted States Steel Corporation ein beunruhigendes Nach-
lassen der eingehenden Aufträge. Sie schloß daraus,

PZONR8
        <pb n="212" />
        daß sich eine industrielle Flaute schlimmster Art an-
kündigte. Dann kam die Furcht auf, daß in diesem
Herbst nicht genug Geld da sein würde, um die Ernte
vom Felde auf die Märkte zu bringen, und damit bil-
dete sich überall die Neigung heraus, Bargeld auf-
zuspeichern. Der erste wirklich eindrucksvolle und
von niemandem wegzuleugnende Beweis, daß sich ein
finanzielles Gewitter zusammenbraute, wurde ein wenig
später geliefert, als die Stadt New York versuchte, eine
größere Menge Schuldverschreibungen auszugeben.
Sie bot sie auf der Basis einer vierprozentigen Ver-
zinsung an und wandte sich an die Banken, die ge-
wöhnlich, und zwar mit Freuden, ihre Schuldverschrei-
bungen übernommen hatten. Diese weigerten sich
aber, einen Plan auszuarbeiten, auf Grund dessen der
städtische Schatzmeister den Markt für seine Ver-
schreibungen für sicher ansehen konnte. Nun ereig-
nete sich etwas Überraschendes: trotzdem die Stadt
das Geld brauchte, zog sie ihr Angebot zurück. Hier-
mit war klar bewiesen, daß die Finanzlage nicht ein-
mal den Verkauf von Schuldverschreibungen der Stadt
New York zu 4 Prozent Zinsen und mit Garantie der
Stadt erlaubte.

Während des ganzen Monats September trafen sich
die Vertreter der großen Geldinteressen häufig zu Be-
ratungen. Man bat die Zeitungen, ermutigende und be-
ruhigende Artikel zu veröffentlichen und auf jede mög-
liche Art und Weise zu zeigen, daß wirklich die wach-
sende Angst durch nichts gerechtfertigt sei. Und tat-
sächlich würde ohne diese stets zunehmende Furcht
keine derartige Katastrophe entstanden sein. Es war
aber damals schon klar, wenn es zu einem Ansturm
der Depositoren kommen würde, dann würden ver-

14

Mardan
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        <pb n="213" />
        schiedene Banken und Trustgesellschaften der Lage
nicht gewachsen sein.

Und so kam es auch. Die Heinze-Bank brach als
erste gegen Ende Oktober zusammen. Die Unter-
suchung durch das Clearinghaus-Komitee zeigte, daß
die verbündeten Heinze-, Morse- und Thomas-Banken
unverwertbare Sicherheiten beliehen hatten. Diese
drei wurden sofort und ohne Zeitverlust ausgeschieden,
aber es war zu spät, die Knickerbocker Trust Com-
pany zu retten, die durch ihren Präsidenten Charles
T. Barney mit mehreren Morse-Gesellschaften ver-
knüpft war.
Barney war der absolute Herrscher über diese Ge-
sellschaft gewesen. Sie hatte zwar ein Direktorium von
35 Mitgliedern, aber es setzte sich meist aus reichen
jungen Leuten zusammen, die vom Bankwesen nur eine
sehr entfernte Ahnung hatten und sich um die Ge-
schäfte ihrer Gesellschaft so gut wie überhaupt nicht
kümmerten. Sie überließen die Verwaltung der Bank
vollkommen dem Exekutivkomitee, das von Barney
beherrscht wurde, und Barney hatte auch alle Be-
leihungen, von denen einige sogar dem Exekutiv-
komitee unbekannt waren, selbst veranlaßt. Eine An-
leihe der American Ice Company, die ein Liebling
Morses war, bildete eine der Hauptursachen für die
Schwäche der Knickerbocker, Am Tage bevor die
Knickerbocker ihre Tore schließen mußte, berief Henry
B. Hollins, ein Mitglied des Direktoriums, eine außer-
ordentliche Direktorenversammlung ein, und führte
aus, daß die Banken, die Mitglieder der Clearing House
Association waren, jede Unterstützung der Knicker-
bocker ablehnen würden, wenn nicht Barney die Prä-
sidentschaft niederlegte. Infolgedessen trat Barney zu-
rück und A, Foster Higgins wurde an seiner Stelle ge-
wählt. Damit war ein Alpdruck von allen genommen

210
        <pb n="214" />
        und sie hielten sich gerettet. Nachdem sich die Ver-
sammlung bereits vertagt hatte, saßen noch einige Di-
rektoren im Gespräch zusammen, da kam eine tele-
phonische Nachricht von einer Bank in Newark, daß
die National Bank of Commerce sich geweigert habe,
Schecks der Knickerbocker einzulösen. Die Treuhand-
gesellschaften hatten nämlich vor einiger Zeit die
Clearing House Association verlassen, als sie zur Ver-
mehrung ihrer Reserven aufgefordert worden waren,
und jede Treuhandgesellschaft hatte mit einer großen
Bank ein Abkommen zur Einlösung ihrer Schecks ge-
troffen. Die Weigerung der Bank of Commerce, sich
weiterhin an dieses Abkommen zu halten, war ein ver-
nichtender und gänzlich unerwarteter Schlag. Die noch
anwesenden Direktoren waren bestürzt, und man be-
schloß, noch am selben Abend eine weitere Versamm-
lung in Sherry'’s Hotel abzuhalten, zu der alle in der
Stadt sich aufhaltenden Mitglieder des Direktoriums
geladen wurden.

Die Knickerbocker Trust Company hatte 10 Mil-
lionen Dollar in bar in ihren Kammern, aber im Fall
eines Ansturms würden sie nur ein Tropfen auf einen
heißen Stein sein. Charles W. Steele und George W.
Perkins, beide Mitglieder der Firma J. P. Morgan &amp;
Co., waren zu der Versammlung ebenfalls geladen
worden, und sie versicherten den Direktoren, daß die
Clearinghaus-Banken sich zweifellos hinter die Knicker-
bocker stellen und ihr genügend Geld vorstrecken wür-
den, um über die Schwierigkeiten hinwegzukommen.
Es wurde aber noch nicht entschieden, von wem und
auf welche Weise dieses Geld vorgestreckt werden
sollte. Richter Gerard riet andererseits, die Knicker-
bocker solle schließen, da es Wahnsinn wäre, am
nächsten Morgen noch einmal zu öffnen. Die Mehr-
heit war jedoch für Öffnen, wenn die Direktoren auch

It
        <pb n="215" />
        ahnten, daß die Gesellschaft dem Zusammenbruch ent-
gegensteuerte, Im Laufe der Versammlung wurden die
Verhandlungen immer erregter, schließlich wurden die
Türen offengelassen, und Leute, die mit der Versamm-
lung gar nichts zu tun hatten, sondern nur in Sherry's
Hotel zu Abend gegessen hatten, hörten zu und misch-
ten sich in die Diskussion, gänzlich Unbeteiligte stie-
gen auf Stühle und brüllten ins Zimmer, so daß die
Szene schließlich einem Tollhaus ähnelte. Inzwischen
gingen aber verschiedene Leute zu der nahegelegenen
Night and Day Bank und reichten. Schecks ein, um ihre
Einlagen in der Knickerbocker zurückzuziehen.

Am nächsten Morgen stand tatsächlich eine
Schlange von Menschen vor dem Gebäude der Knicker-
bocker an der Ecke 34th Street und Fifth Avenue —
und an ihrer Spitze ein Beauftragter der Night and
Day Bank. Er hatte ein dickes Bündel Schecks in der
Hand, und alle paar Minuten kam ein Bote, um ihm
noch mehr zu übergeben. Dabei befand sich ein Scheck
der Trust Company of America über eine Million, Für
diese war seine Einlösung eine Angelegenheit, von der
Leben und Tod abhing, denn in ihrem Gebäude stauten
sich auch schon die Depositoren, die die Rückzahlung
ihrer Einlagen forderten.

An demselben Abend. an dem die Versammlung
der Knickerbocker-Direktoren getagt hatte, war Mor-
gan vom Lande in die Stadt gekommen. Sein eigenes
Haus war verschlossen, so übernachtete er bei seinem
Schwiegersohn Herbert L. Satterlee, dessen Wohnhaus
auf der einen Seite der sogenannten Bibliothek in der
36. Straße stand, während Morgans Haus auf der an-
deren Seite sich befand. Als Morgan sich am Vor-
mittag in seinem Büro einfand, suchten ihn John Magee
und G. I Boissevain im Auftrag des Direktoriums der
Knickerbocker auf, um ihn zu fragen, wie dieser Bank

244

ut
        <pb n="216" />
        geholfen werden könne. Morgan sagte rund heraus, er
könne nichts tun. Ihre Beschwörungen konnten ihn
nicht bewegen,
Gegen den neuen Präsidenten, Higgins, der ihn dann
aufsuchte, verhielt er sich ebenso ablehnend. Als Hig-
gins ihn daran erinnerte, wie oft er in Schwierigkeiten
geratene Unternehmungen gerettet hatte, schüttelte
er entschlossen den Kopf. „Einmal muß ich doch auch
aufhören‘, sagte er. Er wollte die Knickerbocker für
die schlechte Geschäftsführung büßen lassen. Mit dem
Hut auf dem Hinterkopf und eine schwarze Zigarre nach
der anderen rauchend, saß er den ganzen Vormittag
an seinem Schreibtisch und wartete die Entwicklung
der Dinge ab.

Der Bargeldvorrat der Knickerbocker ging bald zu
Ende und sie mußte schließen, So reich und mächtig
diese Bank auch gewesen war, so war ihr Zusammen-
bruch für Morgan doch verhältnismäßig unwichtig. Er
dachte an die allgemeine Lage und was sich noch alles
ereignen konnte, Er wußte, daß die überwältigende
Mehrheit der Banken in New York auch die schlimm-
sten Stürme überstehen konnte, aber er wußte auch,
daß man einer großen Anzahl von Banken, nicht nur
in New York, sondern im ganzen Lande, zu Hilfe kom-
men mußte, Denn obwohl diese Banken vollkommen
gesund waren, konnten sie doch ihre Außenstände
nicht eintreiben, um flüssige Mittel zu erhalten, aus
dem einfachen Grunde, weil ihre Schuldner nicht das
nötige Bargeld auftreiben konnten, um ihre Verbind-
lichkeiten zu regeln.

Während er so dasaß, kam unangemeldet ein Herr
herein, öffnete die Tür in der hölzernen Schranke, die
Morgans Schreibtisch umgab, und ging zu ihm. Mor-
gan nickte und sagte: „Guten Morgen, Mr. Frick.“ Die
beiden unterredeten sich leise ein paar Minuten. Man

ER
2A
        <pb n="217" />
        ıP

hätte glauben können, daß sie ein ganz belangloses Ge-
spräch führten. In Wirklichkeit aber bot Frick ihm
Millionen in erstklassigsten Sicherheiten für einen ganz
bestimmten Plan an.

Kaum war Frick gegangen, da kam ein kleiner
Mann mit schnellen, nervösen Schritten herein. Mor-
gan begrüßte ihn mit einem Kopfnicken. Der Besucher
war E. H. Harriman, der ihm ebenfalls seine Beteili-
gung an der Hilfeleistung anbot. In ähnlicher Weise
suchten im Laufe des Vormittags zehn bis fünfzehn der
größten New Yorker Kapitalisten Morgan auf. Alle
empfing er mit derselben Ruhe, obwohl er wußte, daß
sie zu ihm als zu ihrem Führer kamen. Als letzter er-
schien James Stillman, der Präsident der National
City Bank. Morgan begrüßte ihn ganz beiläufig und
ging dann mit ihm in ein anderes Zimmer.

Auf der anderen Seite von Wall Street führten in-
zwischen die Beamten der Filiale des Schatzamtes die
Anweisungen aus, die sie von dem Schatzsekretär
George B. Cortelyou erhalten hatten. Cortelyou be-
absichtigte, bei den Nationalbanken des Landes 150
Millionen Dollar aus dem Fonds der Regierung zu
hinterlegen. Es war allerdings noch fraglich, wie die
Banken die vom Gesetz vorgeschriebene Sicherheit
für die Hinterlegung dieser Depositengelder aufbringen
sollten. Schließlich wurde ein Abkommen getroffen,
daß die Banken von Sparkassen und Privatleuten grö-
Bere Mengen Regierungsschuldverschreibungen als
Darlehen zu empfangen berechtigt waren. John D.
Rockefeller zum Beispiel stellte für diesen Zweck
10 Millionen in Regierungsschuldverschreibungen zins-
los zur Verfügung,

So wurden den Banken insgesamt 12 Millionen die-
ser Verschreibungen überlassen. Inzwischen hatte sich
Morgan mit Stillman und noch einigen anderen ge-

214
        <pb n="218" />
        einigt, Wechsel auf ausländische Plätze, hauptsächlich
auf Baumwollieferungen — Baumwolle war damals
der wichtigste Ausfuhrartikel — zu kaufen. Mit die-
sen Wechseln als Sicherheit kabelten sie nach London
und forderten die sofortige Sendung von Gold. Auf
diese Weise konnte die National City Bank noch am
gleichen Abend bekanntmachen, daß sie sich 8 Mil-
lionen in Gold gesichert hatte, die sofort nach den
Vereinigten Staaten verschifft werden würden. Den
Nationalbanken im ganzen Land wurde mitgeteilt, daß
sie Depositen der Regierung bis zur gesetzlichen Grenze
erhalten könnten, und es wurde ihnen auch versichert,
daß Morgan dafür sorgen würde, daß sie die als
Sicherheit nötigen Schuldverschreibungen bekommen
konnten.

Auf dem Höhepunkt der Panik wurde plötzlich be-
kanntgemacht, daß die United States Steel Corporation
die Mehrheit der Aktien der Tennessee Coal &amp; Iron
Company aufgekauft hatte und bereit sei, die noch
übrigen Aktien zu denselben Bedingungen zu erwerben.
Diese Transaktion trug am allermeisten dazu bei, die
schwarzen Wolken zu vertreiben. Sie eigentlich be-
endete die Panik.

Es ist später oft behauptet worden, daß diese Trans-
aktion überhaupt die Erklärung der Panik sei. Zwei
Untersuchungsausschüsse des Kongresses haben sich
mit ihr beschäftigt. Es kam im Laufe ihrer Unter-
suchungen zwar allerhand heraus, aber die Berech-
tigung oder Nichtberechtigung der verschiedenen Be-
hauptungen wurde nicht endgültig geklärt. Im Grunde
genommen ist es etwas merkwürdig, zu denken, daß
Morgan, dessen ganzes Leben der Herstellung stabiler
Verhältnisse auf dem Geldmarkt gewidmet war, ab-

215
        <pb n="219" />
        sichtlich eine fürchterliche Finanzpanik herbeigeführt
habe, die die Wirtschaft lähmen, die Industrie ruinie-
ren, seine eigenen Interessen gefährden und das ganze
Land um 10 Jahre zurückwerfen konnte, nur um zu
möglichst niedrigem Preis ein auf 17 Millionen Dollar
gewertetes Aktienpaket kaufen zu können. Diejeni-
gen, die diese Ansicht aussprachen, stützten sich dar-
auf, daß die Tennessee Coal &amp; Iron mit ihrem großen
Besitz an Erzfeldern und ihrer Anwendung des Flamm-
ofenprozesses bei der Herstellung von Stahl eine außer-
ordentlich wertvolle Erwerbung für den Stahltrust ge-
wesen sei. Das läßt sich auch keineswegs bestreiten.
Die Stahltrustleute versicherten während der Panik,
daß ihnen an der Tennessee Coal &amp; Iron weiter nichts
liege und daß sie sie nur übernähmen, um die schwie-
rige Lage zu erleichtern. Wenige Monate später aber
veröffentlichte Präsident Gary von der United States
Steel eine Feststellung, in der er Nachdruck auf den
großen Wert dieser neu erworbenen Gesellschaft legte.
Man kann nun die Behauptung, daß Morgan und seine
Geschäftsfreunde eine das ganze Land umfassende
Panik inszenierten, um eine konkurrierende Stahl-
fabrik aufzukaufen, beiseite lassen. Es ist nämlich
vollkommen logisch, anzunehmen, daß zwar ihr erster
Gedanke der war, die Panik zu beendigen, daß sie
aber durchaus nicht böse darüber waren, das unter
Vorteil für sich selbst anstatt mit Nachteil bewerk-
stelligen zu können, Allerdings wurden die Spekulan-
ten, die die Panik mit im Kurs sinkenden Papieren
überraschte, nicht weiter bedauert.

Die Transaktion wurde in verschiedenen Bespre-
chungen in Morgans Bibliothek beschlossen, Dort fan-
den sich in den frühen Morgenstunden die meisten Be-
herrscher von Wall Street ein, gingen von dort aus in
ihre Büros und kehrten abends wieder zurück. Ähn-

”16
        <pb n="220" />
        liche Besprechungen sind wohl kaum vorher einmal
abgehalten worden. Es war eine seltsame Szene: man
stelle sich die wunderbare Einrichtung der Bibliothek
vor, die seltenen und teuer erworbenen Kunstschätze,
Erinnerungen an eine künstlerischer veranlagte Zivi-
lisation, und den allmächtigen Finanzmann, der das
letzte Wort in jeder Frage der Praxis sprach, der aber
wenig sagte und selbst den anderen kaum zuzuhören
schien. Da kam Gary mit Lewis Cass Ledyard und
einigen anderen und sprach über die Tennessee Coal
&amp; Iron. Die Maklerfirma Moore &amp; Schley hatte
für Anleihen von verschiedenen Banken 6 Millionen
Dollar Anteile der Tennessee Coal &amp; Iron verpfändet.
Die Banken hatten die Anleihen gekündigt und ver-
langt, daß Moore &amp; Schley die Tennesseeaktien zu-
rücknehmen sollten. Ledyard sagte, Moore &amp; Schley
und viele Banken stünden vor dem Zusammenbruch,
wenn man die Aktien nicht kaufte. Und Morgan sagte
zu Garv:
„Ich weiß nicht, ob die United States Steel Cor-
poration das Paket gerade jetzt kaufen kann. Das
müssen Sie besser wissen. Wenn Sie oder jemand an-
ders es aber nicht kauft und so Hilfe schafft, so kann
man nicht vorhersehen, was die Wirkung auf die Fi-
nanzlage im ganzen Land sein wird. Wenn Sie kaufen
können, so zweifle ich nicht, daß die Schwierigkeiten
damit überwunden werden. Ich werde Ihnen nachher
Ledyard schicken, um zu sehen, was Sie tun können.”

Gary sagte, er wolle keinen Schritt in der An-
gelegenheit tun, ohne vorher in Washington sich nach
der Haltung des Präsidenten und des Justizministe-
riums erkundigt zu haben.

„Haben sie das Recht“, fragte Morgan, „zu ent-
scheiden, ob die United States Steel diese Gesellschaft
kaufen darf oder nicht?”

717
        <pb n="221" />
        Und Gary sagte: „Eigentlich nicht. Aber hier han-
delt es sich um eine Finanzkrisis. Der Zweck des An-
kaufs dieser Aktien ist. die Panik zu überwinden, und
wenn die Regierung hinterher auf Grund des Anti-
trustgesetzes gegen uns vorgehen sollte mit der Be-
hauptung, wir hätten uns durch diese Transaktion ein
Monopol geschaffen, dann haben wir die Finanzlage
nicht gebessert, sondern im Gegenteil verschlechtert.“

„Dann fahren Sie nach Washington”, sagte Mor-
gan. „Nehmen Sie einen Extrazug und verlieren Sie
keine Minute.”
In den ersten Vormittagsstunden des nächsten
Tages empfingen Präsident Roosevelt und General-
staatsanwalt Bonaparte Gary und Frick. Nachdem sie
die Schilderung der Lage durch die beiden Herren an-
gehört hatten, erklärten sie, daß die Regierung nichts
unternehmen werde. Infolgedessen wurde die Ten-
nessee Coal &amp; Iron Company mit dem Stahltrust ver-
schmolzen und ihre Aktionäre tauschten ihre Aktien
gegen solche des Trusts ein. -

A,

Morgan wandte sich dann einer anderen Angelegen-
heit zu, nämlich der schwierigen Lage der Stadt New
York, der es vor einiger Zeit, wie oben dargelegt, nicht
gelungen war, ihre Schuldverschreibungen anzubrin-
gen. Die Stadt brauchte dringend Geld, da sie ver-
schiedene Firmen, die außerordentlich wichtige öffent-
liche Arbeiten ausführten, bezahlen mußte. Einige
dieser Firmen standen unmittelbar vor dem. Bankrott,
ınd verschiedene hätten schon längst liquidieren müs-
sen, wenn sie nicht von ihren eigenen Gläubigern Zah-
lungsaufschub und gelegentlich auch von Banken ein
wenig Hilfe erhalten hätten. Gegen Mitte November
wurde die Lage der Stadt aber so kritisch, daß sie

IE8
        <pb n="222" />
        Morgan um Hilfe anging, Das war etwa einen Monat,
nachdem ihn die Banken um Hilfe gebeten hatten.
Morgan meinte, die Stadt müsse die Verschreibungen
zu einem so hohen Zinssatz ausgeben, daß ihre Auf-
lage auch unter bei der gegenwärtig so instabilen und
schlechten Finanzlage sich lohnen würde, denn man
werde zu sehr künstlichen Mitteln, wie zum Beispiel
Clearinghauszertifikaten, seine Zuflucht nehmen müs-
sen. Die Stadt bot daher 4!/» Prozent Zinsen, und Mor-
gan übernahm für sich und seine Geschäftsfreunde die
ganze Anleihe.

Der Umschwung von der Panik zu normalen
Bedingungen kam sehr langsam. In 6 Wochen aber
hatten die Vereinigten Staaten aus Europa fast 100
Millionen Dollar in Gold erhalten, von denen jeder
Dollar an Banken in allen Teilen des Landes geschickt
wurde, damit sie wieder ihre gesetzlichen Reserve-
fonds auffüllen und ihre Geschäftsmöglichkeiten ver-
größern könnten. Morgan riet den Bankiers stets, alle
ihre Kunden zu berücksichtigen, auch die kleinen
Kaufleute und Fabrikanten, da diese von den Banken
in bezug auf das Geld zur Weiterführung ihrer Unter-
nehmungen abhängig waren. Es wurde auch beschlos-
sen, daß die Clearinghäuser von den Banken gute Pa-
piere übernehmen und dafür Zertifikate ausgeben soll-
ten. So gab die New Yorker Clearing House Associa-
tion zum Beispiel einige 40 Millionen Zertifikate gegen
erstklassige Papiere als Sicherheit aus. Morgans Vor-
hersage, daß diese Papiere eine ebenso gute Sicher-
heit sein würden wie Regierungsschuldverschreibungen,
erfüllte sich durchaus. Die Papiere erlitten nicht den
geringsten Verlust.

710
        <pb n="223" />
        Die Knickerbocker Trust Company, die gleich am
Anfang der Panik zusammenbrach, ist noch weiterhin
von Interesse wegen der Art und Weise, wie Morgans
Schwiegersohn Herbert L. Satterlee sie reorganisierte.
Die Herren Bourne, Tucker, Boissevain und Hollins
standen ihm dabei tatkräftig zur Seite, indem sie die
großen Summen aufbrachten, die ein Gerichtsbeschluß
gefordert hatte. Die Gesellschaft hatte am 22. Ok-
tober 1907 ihre Tore geschlossen und öffnete sie am
26. März 1908 wieder, ohne ihre Zahlungsfähigkeit ver-
loren zu haben. Inzwischen waren fast 47 Millionen
Dollar Einlagen gesperrt. Satterlee erbot sich als Prä-
sident eines Depositorenkomitees, die Zustimmung
aller Einleger zu seinen Plänen zu gewinnen, und er-
hielt vom Gericht eine genügende Frist dafür, Andern-
falls wäre nur die sofortige Flüssigmachung der Aktiva
der Gesellschaft übriggeblieben, wodurch bei den da-
mals gültigen niedrigen Kursen große Verluste ein-
getreten wären. Es war allerdings eine schwere und
zuweilen sehr aufregende Arbeit, alle Depositoren zur
Zustimmung zu Satterlees Plänen zu gewinnen. An
dem Tag aber, als die Bank wieder ihre Tore öffnete,
empfing sie 2 Millionen Dollar neue Einlagen gegen
% Million Auszahlungen.

Vor der Panik von 1907 hatte sich im Publikum die
Meinung herausgebildet, daß Morgan sich von den Ge-
schäften zurückgezogen habe. Die Vorgänge im Herbst
dieses Jahres zeigten aber, daß diese Meinung irrig
war. Von da ab beobachtete die Öffentlichkeit den
großen Mann von Wall Street mit noch vermehrterem
Interesse und vergrößerter Neugier, Aber nicht nur
der Mann selbst und die vielfältigen Verzweigungen
seines Einflusses und seiner Macht erregten ihr Inter-
esse, sondern auch die Organisation, die er in Wall
Street Nr. 23 aufgebaut hatte, Sie war ja nicht nur

IN
        <pb n="224" />
        das bekannteste Bankhaus von Amerika, sondern auch
bestimmt, in kommenden Zeiten Morgans Lebenswerk
fortzusetzen. Damals bestand die Firma aus zehn Mit-
gliedern: John Pierpont Morgan, John Pierpont Mor-
gan jr., Edward T. Stotesbury, Charles Steele, Henry
P. Davison, Temple Bowdoin, Arthur E. Newbold,
William P. Hamilton, William H. Porter und Thomas
W, Lamont. Alle hatte Morgan, wie er es stets mit
seinen Teilhabern hielt, persönlich auf Grund seines
eigenen Urteils ausgewählt. Einige von ihnen wie La-
mont und Davison gehörten zu der jüngeren Genera-
tion; diese beiden sind aus anderen Banken über-
getreten und haben an der Ausbreitung der Bank-
verbindungen und -kontrolle des Hauses Morgan mit-
geholfen, die gerade charakteristisch für dasselbe ist.

Denn mit der Panik von 1907 brach für das Haus
Morgan eine neue Ära an. Die allgemeine Entwick-
lungsrichtung ging von da ab nicht mehr so sehr auf
den Aufbau neuer großer Industrieunternehmungen
hin, sondern auf die Entwicklung und den Schutz der
bestehenden. So hat das Haus Morgan von 1907 ab
sich immer mehr wieder von der Tätigkeit eines gro-
ßen Gründers abgewandt und sich auf reine Bank-
geschäfte beschränkt. Damit war der Kreis geschlos-
sen. Als Bankier begann Morgan seine Laufbahn, als
Bankier beendete er sie auch — er hatte sich recht-
zeitig anderen Geschäften zugewandt und Millionen
und aber Millionen aus ihnen geschöpft, er hat sich
aber auch rechtzeitig wieder von ihnen abgewandt.
Dadurch eigentlich erst machte er die Bahn frei für
den Aufschwung seines Hauses zum wahren Welt-
bankier, den er nicht mehr erleben sollte.

2971
        <pb n="225" />
        Fünfzehntes Kapitel
MORGAN ALS MENSCH
*Tber die letzten Lebensjahre Morgans bleibt wenig
Uran zu sagen. Wenn man von dem Aufkauf der
Equitable Life Assurance Society absieht, so war sein
Wirken in der Finanzkrisis von 1907 sein letztes gro-
Bes Geschäft, Danach zog er sich immer mehr von der
Leitung seines Bankhauses zurück, die er seinem Sohn
unter Beihilfe der erprobten Teilhaber überließ,

Es ist wohl nicht unwahrscheinlich, daß hierbei die
von Präsident Theodore Roosevelt ihm gegenüber offen
zur Schau getragene Gegnerschaft mit die Ursache
war. Roosevelt war bekanntlich ein absoluter Feind
der Trusts — und Morgan war der große Trustorgani-
sator und -beherrscher. Hinzu kam, daß Roosevelt
sich als der Exponent des Staates fühlte, der sich
zweimal hatte von Morgan buchstäblich retten lassen
müssen — wenn auch nicht ganz aus idealistischen
Motiven, denn sowohl bei der Schatzamtskrisis von
1895 wie bei der Panik von 1907 hatten Morgan, bezw.
Unternehmungen, an denen er interessiert war, große
Gewinne davongetragen, Und der moralische Preis,
den Roosevelt für die letzte Rettung hatte zahlen
müssen, nämlich die Nichtanwendung des Antitrust-
gesetzes für die von Morgan bezw. seinen Geschäfts-
freunden gewünschte Angliederung der Tennessee
Ccal &amp; Iron Company an die United States Steel Cor-
poration mag den „Oberst“ wohl am meisten gewurmt
haben.
Seine Rache dafür kann man nicht gerade groß-
zügig nennen. Morgan wurde vor zwei Untersuchungs-
ausschüsse geladen und mußte sich vernehmen lassen,
nicht nur über die tatsächlich von ihm ausgeführten

379
        <pb n="226" />
        Transaktionen, sondern auch über die von Roosevelt
und seinen Beamten behauptete Bildung eines „Geld-
trusts”, auf die bereits im ersten Kapitel angespielt
wurde. Den Ausgang dieser Vernehmungen hätte sick
Roosevelt von vornherein denken können: es kam
nichts heraus — oder recht viel, wie man es nehmen
will. Das Ergebnis in bezug auf den Geldtrust war be-
greiliicherweise negativ. Denn Morgan, der seine gro-
ßen Geschäft — und er hat stets nur wahrhaft große
Geschäfte gemacht — stets nach sorgfältiger Er-
forschung der Rechtslage unternahm und streng dar-
auf sah, daß sie mindestens dem Buchstaben des Ge-
setzes nach einwandfrei waren, würde sich gehütet
haben, angesichts des Antitrustgesetzes einen solchen
Geldtrust aufzubauen und seinen Feinden eine gefähr-
liche Waffe in die Hand zu geben. Aber es gibt auch
unsichtbare Trusts, und gerade einen solchen Trust
aufzubauen war Morgan bei seinem gewaltigen per-
sönlichen Einfluß ein leichtes. Der Geldtrust war da,
aber er war unsichtbar, unfaßbar dem Zugriff der Po-
lizeitaust. Was ist es anderes als ein Geldtrust, wenn
im vorvorigen Kapitel festgestellt wurde, daß sich das
von Morgan beherrschte Bankkapital auf mehr als
eine Milliarde Dollar belief? Und, um noch einen
Schritt weiterzugehen, konnte Morgan sich nicht mit
mehr Recht als der gewählte Präsident als der Regent
der Vereinigten Staaten bezeichnen, wenn, wie an der
gleichen Stelle angegeben wurde, seine gesamte Fi-
nanzkraft sich auf fast 10 Milliarden Dollar stellte?
Das war doch ein ganz beträchtlicher Teil des Volks-
vermögens der Vereinigten Staaten. Aber Morgan be-
zeichnete sich nicht als Regent oder Beherrscher, es
genügte ihm, daß er es war. Er kontrollierte jeden-
falls die Vereinigten Staaten.
Man kann sich vorstellen, mit welchen Empfindun-

23
        <pb n="227" />
        gen er unter diesen Umständen vor den Unter-
suchungsausschüssen erschien. Halb verärgert, daß
man es wagte, ihn zur Rede zu stellen, erteilte er doch
halb belustigt Antworten auf alle Fragen — ein den
Gesetzen gehorchender Staatsbürger. Und hierbei kam
eben, wie oben gesagt, auch recht viel heraus, Roose-
velt, der ihn demütigen wollte, lieferte Morgan ge-
rade die Gelegenheit, die er selbst nie gesucht hatte,
nämlich vor aller Welt darzustellen, wie hoch er
stand, „was er wert war”, wie der charakteristische
amerikanische Ausdruck lautet, nicht nur in ma-
terieller, sondern auch in ideeller Beziehung.

Pressefehden und gehässige Angriffe schlossen sich
natürlich an seine Vernehmungen an. Er hatte zwar
nie viel auf derartige Erscheinungen gegeben. Aber
nun legte er endgültig die Geschäftsführung nieder und
schiffte sich nach Europa ein. Er fuhr nach Italien,
wo er sich schon. früher immer wohlgefühlt hatte,
Doch er war schwer herzleidend und sollte seine Hei-
mat nicht wiedersehen. Am 31. März 1913 starb er in
Rom, wenige Tage vor seinem 76, Geburtstag,

Nach dem amtlichen Bericht der Steuerbehörde
hinterließ er 70 Millionen Dollar Vermögen und 9 Mil-
lionen Dollar Schulden. Eine gewaltige Differenz gegen
die oben genannten Zahlen von einer bezw. 10-Mil-
Jliarden. Wie sie zu erklären ist, wird wohl nur Mor-
gan allein und sein Sohn gewußt haben. Einen ge-
wissen Schlüssel zu einer Erklärung findet man viel
leicht, wenn man die weiter unten angegebenen Er-
wägungen, warum er seine Gemäldesammlungen in
London ließ, etwas überdenkt.

94
        <pb n="228" />
        Man hat Morgans Persönlichkeit oft mit der Theo-
dore Roosevelts verglichen, denn beide waren Herren-
menschen, die ungünstige Umstände überwanden und
Gegnerschaft nicht nur besiegten, sondern zerschmet-
terten. Jeder von beiden hat bewiesen, daß er ge-
heimnisvolle, unbewußte Kräfte besaß, die erstaunliche
Wirkungen hervorrufen konnten. Aber darüber hin-
aus ist wenig Ähnlichkeit zwischen beiden.

Das persönliche Reklamebedürfnis, die Eitelkeit des
Politikers fehlen bei dem Finanzmann vollkommen und
sind durch ihr Gegenteil ersetzt, eine angeborene Ab-
sonderung und eine ebenso bestimmte und in seiner
Natur verwurzelte Abneigung gegen jedes Posieren
vor der Öffentlichkeit. Wenn es einen einzigen Men-
schen in den Vereinigten Staaten gab, der niemals Ge-
legenheit gehabt hatte, Roosevelt die Hand zu schüt-
teln, dann war es ganz gewiß nicht Roosevelts Schuld.
Jeder wußte, wie freundlich, ja freundschaftlich er
gegen alle Welt war. Er freute sich über jede Be-
kanntschaft, mochte es sich handeln, um wen es
wollte, daraus entstand Popularität. Aber es braucht
nicht erst betont werden, daß es Leute gibt, die diese
Veranlagung nicht zeigen können, selbst wenn sie wol-
len, und andere, die es nicht wollen, selbst wenn sie
können. Das hat mit dem Beruf nichts zu tun. E. H.
Harriman kannte jeden in Wall Street und jeder kannte
ihn. Jay Cooke, Morgans Vorgänger auf dem Feld der
Hochfinanz, konnte sich in bezug auf persönliche Re-
klame wohl mit P. T. Barnum messen. Andererseits
gibt es Diplomaten genug, deren Art, sich zu geben, das
Blut in den Adern eines Besuchers gefrieren läßt. Es
ist nicht eine Frage des Berufs, es ist eine Frage des

Stolzes. Morgan war viel zu stolz, um etwa ein guter
Demokrat genannt zu werden. Wenn der Erfolg seiner
Laufbahn auch nur im geringsten von der Fähigkeit,

15

Mordan

ES
fm
        <pb n="229" />
        sich mit der großen Masse gut zu stellen, abhängig ge-
wesen wäre, so hätte er sicher Schiffbruch erlitten.

In der New Yorker Finanzwelt gab es kaum füntzig
Männer, die mit Morgan gut bekannt waren, ist ein-
mal gesagt worden. Es kommt nicht darauf an, ob
diese Zahl absolut genau ist, Tatsache aber ist, daß
sein Bekanntenkreis recht klein war und daß er nur
sehr wenig wirkliche Freunde hatte, meistens Männer,
die er von Jugend auf kannte, und meistens solche, mit
denen er geschäftlich nicht zu tun hatte. Er war
äußerst abgeneigt gegen jeden. persönlichen Kultus,
der mit ihm getrieben werden sollte, er erschien nie in
öffentlichen Versammlungen und war auf die nicht ab-
zuschreckenden Reporter und Photographen, die sich
unfehlbar auf ihn stürzten, wenn er nach Europa fuhr
oder von dort zurückkehrte, außerordentlich schlecht
zu sprechen. In London bestand er darauf, daß man
nicht darauf achtete, wenn er ins Büro kam oder fort-
ging, und er hatte seinen Angestellten ausdrücklich
untersagt, ihn mit tiefen Verbeugungen zu begrüßen.
Wenn er vor seinem Haus oder seiner Bank in New
York im Wagen oder Auto vorfuhr, so war er mit zwei
schnellen und energischen Schritten im Gebäude, und
wer etwa versucht hätte, ihn bei dieser Gelegenheit
zu stellen, hätte wohl nur einen durchdringenden
Blick davongetragen.

Morgans starke Persönlichkeit machte sich auch
in allem geltend, was er unternahm. ob es sich nun um
die Erwerbung eines Gemäldes oder eines Porzellans,
au dem ihm sehr viel lag, für seine Sammlungen oder
um die Ordnung der Verhältnisse einer vor dem Bank-
rott stehenden Bank handelte, Er war die geborene
Führernatur, Zweifel und Unschlüssigkeit waren ihm
fremd, seine Handlungen waren wie ein Blitzschlag,
schnell und unabwendbar. Die Wirkungen seiner im

226
        <pb n="230" />
        Augenblick gefaßten Entschlüsse waren oft weit
zweckmäßiger als die mühsam ausgeklügelter Pläne;
keinen wichtigen Gesichtspunkt hatte er übersehen,
kein Hindernis unterschätzt, Im Geiste sah er das
Ziel und den Weg, es zu erreichen. Damit sollen die
vielen mühsamen Vorarbeiten, die seine Teilhaber
leisteten, gewiß nicht verkleinert werden, aber es
bleibt doch wahr, daß seine und seiner Firma fast
wunderbar zu nennenden Erfolge im Grunde ge-
nommen ihm allein zuzuschreiben sind.

Er nahm keine Lehren an und er gab keine, weder
schriftlich noch mündlich. Er hielt sehr selten Reden,
er hörte aber auch sehr selten lange Reden an. Er
legte nicht lang und breit seine Ansichten dar und ließ
sich auch die anderer Leute nicht darlegen. Hierin
unterschied er sich nicht von den meisten seiner er-
folgreichen Zeitgenossen, denen Reden, Diskussionen,
Agitationen, die nicht zu einem unmittelbaren Erfolg
führen, einfach gegen die Natur gingen. Wenn Abram
S. Hewitt zum Beispiel Geld für einen mildtätigen
Zweck geben sollte, dann verlangte er einen ausführ-
lichen Bericht, untersuchte alle Einzelheiten, jedes
Für und Wider, und dann entschied er sich. Aber
Hewitt war nicht wie die meisten der modernen Multi-
millionäre, er war ein altmodischer Geschäftsmann,
der reich geworden war, als das Wirtschaftsleben nicht
weniger Arbeitskraft, aber weniger schnelle Ent-
schlüsse forderte und weniger abwechslungsreich war.
So fühlte er sich in dem ersten Direktorium der Uni-
ted States Steel Corporation auch vollkommen fehl
am Platze —- er war der geborene Kathederprofessor.

Morgan dagegen hörte sich nie eine nutzlose Dis-
kussion an, um dann seine Entscheidung bekannt-
zugeben. In seiner Eigenschaft als finanzieller Pro-
metheus für eine kommende Generation von Kapita-
2%
        <pb n="231" />
        A

listen scheint er seine riesigen Werke ohne Karte oder
Fahrplan ins Leben gesetzt zu haben, wenigstens ohne
schriftlich niedergelegte Pläne. Seine Geschäfts-
freunde sagten, er handele instinktiv, und sie drückten
stets ihre Bewunderung für seine Fähigkeit der un-
mittelbarzn Entscheidung auch in den verwickelisien
Angelegenheiten aus. Morgan wußte stets genau, was
er wollte, seine geistige Tätigkeit verlief reibungslos.
So fühlte und wußte er, daß Wettbewerb Verschwen-
dung, ja blutigster Krieg ist, daß Wirtschaftler nicht
nur sich selbst, sondern auch die materiellen Güter
der Welt vernichten, wenn sie Kapital als Pulver und
Blei gebrauchen, lange bevor die Wirtschaftswissen-
schaftler diese Weisheit entdeckten, Morgan wußte
das aus praktischen Erfahrungen, denn sein eigenes
Geld — er hatte 10 Millionen von seinem Vater ge-
erbt — und das ihm in seiner Eigenschaft als Bankier
anvertraute verschwand gelegentlich auf solche Weise.
Daher war Morgan in einem praktischen Fall niemals
im Zweifel, was er tun sollte. Denn es handelte sich
immer im Grunde genommen um die Entscheidung,
etwas zu tun, was den Wert einer Kapitalsanlage ver-
minderte, oder etwas, was ihn erhöhte und gleichzeitig
die Anlage zu einer dauernden machte.

So selten er es auch direkt gesagt hat, so gewiß
hat er das Prinzip vertreten, daß das Kapital sich stets
organisieren und innere Reibungsflächen, Verschwen-
dung und Kriege zwischen seinen einzelnen Abtei-
lungen ausschalten muß, Er war der große Fort-
schrittler unter den Kapitalisten und verwirklichte
seine Pläne ohne vieles Reden, aber durch desto ein-
drucksvolleres Handeln, Ob er allerdings fortschritt-
lich gesinnt im 'umfassendsten Sinne dieses Wortes
war, hängt davon ab, ob man die Entwicklung der
Vereinigten Staaten während der Zeit seiner Tätig-

TIKQ
        <pb n="232" />
        keit als einen Fortschritt betrachtet oder nicht. Poli-
tische und soziale Erwägungen müssen dabei allerdings
außer acht gelassen werden. Trotzdem hat seine Lauf-
bahn natürlich eine politische Seite. Er hat stets da-
nach gestrebt, die Macht des Kapitals zu vermehren,
und es ist ihm gelungen, Durch ihn, mehr als durch
irgendeinen anderen Menschen, ist das Kapital der
Weltherrscher geworden, und das ist die Verquickung
mit der Politik.

A

Mit Bezug auf die unbestreitbare Genauigkeit sei-
ner Entschlüsse ist es reizvoll, daran zu denken, daß
er fast Mathematiker geworden wäre. Während seiner
Studienzeit in Göttingen warf er sich fast ausschließ-
lich auf die Mathematik, und er verbrachte mit dem
Mathematikprofessor oft Stunden mit der Lösung ver-
wickelter Probleme, Später einmal besuchte dieser
Professor zufällig die Vereinigten Staaten, und eine
Anzahl New Yorker, die zusammen in Göttingen stu-
diert hatten, gaben ihm ein Essen. Im Gespräch sagte
der alte Gelehrte, er freue sich wirklich, .daß sein
ehemaliger Schüler Morgan eine so erfolgreiche Lauf-
bahn als Finanzmann eingeschlagen habe. „Aber ich
bedaure doch“, fuhr er fort, „daß Sie nicht auf der
Universität geblieben sind. Ich hätte Sie zu meinem
Assistenten gemacht, und zweifellos wären Sie nach
meinem Tode an meiner Stelle ordentlicher Professor
der Mathematik in Göttingen geworden.“

Vielleicht ist die Enttäuschung des Gelehrten dar-
über, daß Morgan nicht Mathematikprofessor gewor-
den ist, nicht so ganz unangebracht, wie sie auf den
ersten Blick scheint. Es lohnt sich wohl, ihn einmal
von dem Gesichtswinkel aus zu betrachten, in dem er
seinem alten Lehrer erschien. Man wird finden, daß

770
        <pb n="233" />
        sein Charakter manche Züge aufwies, die bei Mathe-
matikern bekannt sind. Die Mathematiker sind sehr
gründlich, sie schreiten auf einer festgefügten Grund-
lage von Anschauungen durch das Leben, sie lieben
präzise Feststellungen, hassen alles Unbestimmte und
Vage, sind ungesellig und meinen, daß ihr Spezial-
gebiet die ganze Weisheit der Welt umschließt. Und
Morgan war mindestens ein halber Mathematiker, So
kam es, daß die unmathematische Seite seiner Natur,
sein festgefügter Glaube, seine Angriffslust, seine Un-
ergründlichkeit, sein energisches Handeln sich nur
auf Dinge bezog, die man mit der Hand greifen, mit
dem Auge sehen kann: eine schöne Vase, eine gut an-
gelegte Eisenbahn, einen geschäftlichen Zusammen-
schluß, der sicheren Gewinn bringen wird, ein Kran-
kenhaus mit wirklichen Kranken und wirklichen Ärz-
ten. Politische und soziale Bestrebungen, deren Nutzen
zweifelhaft ist und bei denen die Ehrlichkeit und
Fähigkeit derer, die sie ins Werk setzen, erst bewie-
sen werden muß, lehnte er ab. Als er einmal mit
Kaiser Wilhelm IL dinierte, schnitt dieser im Gespräch
die Frage des Sozialismus an und soll sehr erstaunt
darüber gewesen sein, daß sich Morgan für eine poli-
tische Erscheinung von solcher Tragweite überhaupt
nicht interessierte.

a

Morgan war nicht stets schweigsam, Gelegentlich
sprach er sogar sehr viel, manchmal über seine Samm-
lungen von Büchern und Gemälden, wenn er mit je-
mandem zusammenkam, dessen Interesse an der Sache
es gelang, ihn aus seiner Reserve herauszubringen,
manchmal auch über Ereignisse aus seinem Leben, Das
letztere geschah allerdings sehr selten, selbst im Kreise
seiner Familie. Eines Abends dinierte er mit seiner

220
        <pb n="234" />
        Frau, seinen Töchtern und zwei oder drei Freunden
zu Haus, da fragte ihn jemand irgend etwas über seine
Verhandlungen mit Präsident Cleveland im Jahre 1895,
als er das Schatzamt aus der Goldkrise rettete, Er
begann, die ganze Geschichte zu erzählen, mit allen
Einzelheiten und außerordentlich lebhaft, Es war das
erstemal, daß einer der Anwesenden richtig erfuhr,
was sich damals eigentlich in Wirklichkeit ereignet
hatte. Verschiedene der Anwesenden hatten beabsich-
tigt, in die Oper zu gehen, und die Damen hatten schon
die Schals umgelegt, aber niemand dachte mehr daran.

In einem Sommer lud Morgans Sohn Jack, wie er
genannt wurde, einen Studienfreund von der Harvard-
Universität ein, die Nacht mit ihm in dem Landhaus
bei Highland Falls zu verbringen. „Mein Vater fährt
abends mit dem ‚Corsair’ her‘, schrieb er ihm, „gehe
nur an Bord und komme mit ihm her.‘ Der Gast folgte
dieser Anweisung und fand Morgan auf Deck in einem
Lehnstuhl sitzen und eine Zeitung lesen. Nachdem er
sich vorgestellt hatte, holte er eine Zeitung aus der
Tasche und fing auch an zu lesen. Der „Corsair” fuhr
den Hudson aufwärts und beide lasen schweigend ihre
Zeitung, bis die 50 Kilometer zurückgelegt waren.
Jack Morgan holte sie an der Landungsbrücke ab, und
als sein Vater ein paar Augenblicke mit ihm allein
war, sagte er voll Anerkennung: „Das ist einer der
nettesten Menschen, die ich je getroffen habe.”

Manchmal war Morgans Landgut Cragston bei
Highland Falls voll von jungen Leuten, die aus der
Nachbarschaft zu Besuch gekommen waren, dann saß
Morgan abgesondert von der lebhaften Gesellschaft,
in einem bequemen Lehnstuhl, in Gedanken ver-
sunken und anscheinend nur mit seinen Zigarren be-
schäftigt, von denen er eine nach der anderen an-
zündete.

231
        <pb n="235" />
        Seine Schweigsamkeit und Absonderung fielen in
der Tat jedem auf, der mit ißhm zusammenkam. Da er
im Verwaltungsrat des New Yorker Metropolitan Mu-
seum saß, wollte er einmal die Ausgrabungen in der
Großen Oase in der Sahara besichtigen. Nach einem
kurzen Aufenthalt in Kairo mietete er die „Arabia“,
die gerade den Herzog von Fife, seine Gemahlin, eine
Tochter König Eduards, und ihre Töchter den Nil her-
untergebracht hatte, Morgan wurde begleitet von sei-
ner Schwester Mrs. Burns und seiner Tochter Mrs,
Hamilton, In Kairo blieb er in seinen Zimmern in
Shepheard’s Hotel, und auf der schönen Dahabiye war er
vor den Fragen der Reporter und der Neugier der Rei-
senden sicher. Ein junger Engländer hatte die Auf-
gabe, die Reisegesellschaft in einem Extrazug vom
Niltal durch die Wüste zu geleiten, und er berichtete
später sehr genau über seine Eindrücke von der Reise
mit Morgan:
„Ich war angewiesen worden, Mr, Morgan und seine
Reisegesellschaft in dem Extrazug, den er für die
sechsstündige Reise durch die Wüste bestellt hatte,
zu begleiten. Auf dem Bahnsteig kam er auf mich zu
und fragte in freundlichem Tone: ‚How do you do?‘
Das waren auch fast die einzigen Worte, die er zu
mir sprach, Während der ganzen sechs Stunden
äußerte er kaum eine Silbe, außer zwei knappen
Fragen über die Wüste,

Während der ganzen Reise schien er tief in Ge-
danken versunken zu sein, er saß still in dem Korb-
sessel in dem kleinen Salon. Dieses gedankenvolle
Schweigen war sehr überraschend für mich, denn die
Reise ist so interessant, daß die gewöhnlichen Reisen-
den zahllose Fragen stellen. Nachdem die Linie das
Niltal verlassen hat, tritt sie in eine lange, öde Schlucht
mit riesigen, steilen Wänden aus grauem Kalkstein ein,

. ws
VE
        <pb n="236" />
        und endlich klettert sie auf das Hochland der Libyschen
Wüste hinauf. Morgan blieb während der ganzen Reise
sich selbst überlassen, niemand versuchte, ihn auf das
oder jenes aufmerksam zu machen. Hin und wieder
schrieb er. ein Kabelgramm auf, das von einem der
kleinen Stationshäuschen telegraphisch an die Haupt-
linie weitergegeben wurde, Ein ausgezeichnetes Lunch
wurde ihm vorgesetzt, aber er nahm nur ein Ei und
ein Stück Brot zu sich, und sobald er damit fertig war,
versank er wieder in Gedanken. Seine einzige Ab-
lenkung waren dicke Zigarren, und er muß eine große
Menge davon während der Reise geraucht haben.”

Morgan hatte große Besitzungen in der Provinz
Santa Clara auf Kuba, wo eine besonders dunkle und
wohlriechende Tabaksorte wächst. Seine Zigarren
wurden aus einer besonderen Blattsorte hergestellt,
und diese dicken schwarzen Zigarren spielen eine Rolle
in zahllosen Anekdoten. Die nachfolgende erzählte er
gelegentlich selbst:

„Ich ging einmal an Bord der Yacht und fand, daß
ich nichts bei mir hatte, um meine Zigarre anzuzün-
den. So bat ich einen an dem Pier stehenden Mann
um ein Streichholz. Zum Dank bot ich ihm eine von
meinen Zigarren an, von denen ich sehr viel halte. Er
nahm sie gern an. ‚Danke schön‘, sagte er, ‚mein Tabak
ist gerade zu Ende.‘ Und er zerbrach sie in kleine
Stückchen und stopfte sie in seine Pfeife!”

Auf Morgans Landgut bei Highland Falls hielt er
immer eine Menge Tiere. Eine Zeitlang waren seine
schottischen Schäferhunde auf jeder wichtigeren Aus-
stellung vertreten und holten sich viele Preise. Er
hatte 80 bis 100 dieser schönen und sehr lebhaften

Ci
$”
        <pb n="237" />
        4

Tiere, die in ihrem Zwinger ganz nahe dem Hause
umherliefen und bellten. Die schottischen Schäfer-
hunde sind nämlich sehr lebhaft und bellen auch
mehr als andere Hunde. Wahrscheinlich störte ihn
der Lärm aber auf die Dauer, und so wurden die
meisten Hunde verkauft. Dann warf sich Morgan aut
die Zucht von Rassevieh. Seine Tiere waren alle
numeriert und katalogisiert, und oft ging er auf ihre
Weide mit dem Katalog in der Hand und ließ sich
Nummer soundsoviel vorführen. Dann sah er sich das
Tier genau an und studierte es, wie er Bilder oder
andere Kunstwerke zu studieren pflegte,

In seiner Jugend war Morgan ein leidenschaft-
licher Reiter. Später segelte er gern und war mehrere
Jahre lang Kommodore des New Yorker Yachtklubs,
Daher nannten ihn seine Freunde auch noch später
oft Kommodore. Er baute die „Columbia“, um den
Amerikapokal zu verteidigen, und gab auch Geld für
den Bau der anderen Segelyachten, die den Pokal ver-
teidigen sollten. In seinen Mußestunden ging er oft an
Bord des „Corsair', und die Yacht brachte ihn nach
Cragston, noch Newport, um einen Tag zu angeln, oder
nach Bar Harbour. Oft kreuzte sie aber auch einfach
auf dem Meere, ohne festes Ziel. Morgan hielt nie
viel von körperlicher Betätigung, Reiten ausgenommen.
Eine Zeitlang zwang er sich zu täglichen Übungen mit
Hanteln und anderen Apparaten, da er meinte, seine
Gesundheit, die unter Überarbeitung etwas gelitten
hatte, würde dadurch wieder hergestellt werden. Sein
Arzt aber riet ihm, derartige Gymnastik lieber zu
unterlassen, da sie seinen bisherigen Lebensgewohn-
heiten zu sehr entgegengesetzt sei. Seitdem arbeitete
er ausschließlich mit dem Kopf, aß, trank und rauchte,
was und wieviel er wollte, und seine starke Yankee-
konstitution bewährte sich ausgezeichnet. Es gibt eine

2234
        <pb n="238" />
        medizinische Theorie, daß nicht zeitweise völlige Aus-
spannung, sondern viel eher Abwechslung in der Be-
schäftigung und in den Interessen, besonders wenn sie
mit Reisen verbunden ist, den Menschen am aller-
besten zu Arbeit unter Hochdruck befähigt. Morgans
Leben kann wohl herangezogen werden, um diese
Theorie zu stützen. Von Anfang an erforderte seine
geschäftliche Tätigkeit zwei oder drei Ozeanreisen im
Jahr, und bei seinen Reisen in Europa gab es für ihn
als Kunstfreund und -sammler so viel zu sehen und zu
tun, daß er in seinem abwechslungsreichen Leben
schließlich keine Zeit hatte, krank zu werden.

Er lebte abwechselnd in Rom, London, Paris und
New York. London kann als die Geburtsstätte der
Größe des Bankhauses Morgan betrachtet werden,
denn dort nahm sie ihren Ursprung, als Junius Spencer
Morgan der Nachfolger von George Peabody wurde;
und als John Pierpont Morgan in New York eine eigene
Firma errichtete, hatte er nicht nur eine ausgezeich-
nete Lehrzeit in dem Londoner Haus seines Vaters
hinter sich, sondern übernahm auch dessen Vertretung
in Amerika.
In England besaß Morgan außer seinem Geschäfts-
haus ein Anwesen in Prince'’s Gate, wo er Kunst-
schätze aus allen Ecken Europas zusammentrug, ein
Haus in Putney und ein anderes in Grosvenor Square.
Das Haus in Prince’s Gate war vierstöckig und stand
an einer Ecke, so daß seine Front nach dem Hyde
Park sah; es war nicht weit von dem berühmten Albert
Memorial entfernt. Nicht lange vor seinem Tode er-
warb er ein Nachbarhaus von fast der gleichen Größe,
wo er eine Kunstgsalerie einrichtete. Es wurde im

AA

3
        <pb n="239" />
        Innern völlig umgebaut. Der Boden eines oberen
Stockwerkes wurde fortgenommen und der erste Stock
erhöht, so daß die Räume die doppelte Höhe erhielten.
Nachdem so das Haus nach den Erfordernissen einer
modernen Kunstgalerie umgebaut war, wurden hier
alle möglichen Arten von schönen Kunstwerken zu-
sammengetragen, kleine Miniaturen in edelstein-
besetzten Rahmen, große Gemälde von alten Meistern,
alte Kirchenornamente, Gobelins, Porzellane. Bücher
und Manuskripte,

Es erregte in Amerika oft Unwillen, daß Morgan
einen so großen Teil seiner Kunstschätze in England
beließ, Der frühere Schatzsekretär Leslie A, Shaw
iragte ihn einmal rund heraus, warum er seine Ge-
mälde und Miniaturen und anderen Kunstschätze
nicht nach Amerika brächte und sie dort der Öffent-
lichkeit zugänglich machte,

Morgan antwortete: „Das kann ich mir nicht
leisten.“
„Ich wußte wohl‘, sagte Shaw, „daß Sie ein armer
Mann sind, aber ich ahnte wirklich nicht. daß Sie so
arm sind.“
„Mr, Shaw”, antwortete Morgan, „was meinen Sie,
wieviel der Einfuhrzoll auf meine Sammlungen be-
tragen würde, wenn ich sie nach New York brächte,”

„Nun, vielleicht 200 000 bis 300 000 Dollar.”

„Mindestens 6 Millionen!”

Agenten in Antwerpen, Wien, Paris, Brüssel, Rom,
ja in fast jeder Stadt auf dem Kontinent hatten Auf-
trag, für Morgan zu kaufen, was ihnen an Meister-
stücken unter die Hände käme. Von Zeit zu Zeit er-
hielten sie besondere dringende Anweisung, sich nach
einem bestimmten Stück umzusehen, das zur Voll-
ständigkeit irgendeiner Sammlung noch fehlte. Zu-
weilen erhielt Morgan auch durch einen glücklichen

226
        <pb n="240" />
        Zufall, was er gerade brauchte, wie in dem folgenden
Beispiel gezeigt werden kann.

Er besaß seit langem eine unvollständige Garnitur
von Sevresporzellan für den Kaminsims, Die Garnitur
bestand ursprünglich aus fünf Stücken, aber er hatte
nur vier kaufen können, und niemand in ganz Europa
hatte das fehlende fünfte Stück für ihn ausfindig
machen können. Als er eines Abends in dem Haus in
Prince’s Gate sich gerade zum Dinner niedersetzte,
meldete ihm ein Diener, daß ein Mann mit einem
Paket an der Tür stünde und sagte, der Inhalt des
Paketes würde für Morgan sehr interessant sein. Mor-
gan wollte ihn schon fortschicken lassen, da rief er in
einer unbestimmten Ahnung den Diener zurück und
befahl, den Mann hereinzuführen, Der Fremde legte
ihm das fehlende Stück S&amp;vresporzellan vor.

„Sie wollen das verkaufen?‘ fragte Morgan und
stellte es neben sich auf den Tisch.

„Ja, Sie können es haben.”

„Wieviel verlangen Sie?"

Der Mann nannte eine große Summe. Morgan ließ
das Geld holen, verlangte eine Quittung und fragte
dann mit etwas Neugierde:

„Wie kamen Sie darauf, mir dies Stück zu
bringen?“

„Ich hatte gehört, daß Sie Kunstschätze kaufen‘,
antwortete der Fremde, „und dies ist ein sehr schönes
Stück Sevresporzellan.”

„Das ist es‘, sagte Morgan.

Es war also reiner Zufall.

Die Sammlung von Miniaturen, die Morgan in
dieser Galerie untergebracht hatte, war an Zahl und
Wert größer als jede Porträtsammlung, die jemals
früher existiert hatte. Es war eine Versammlung der
Schönheiten und Fürsten von zwei Jahrhunderten.

A.

Zn
        <pb n="241" />
        Nur einige Namen aus der großen Anzahl: Karl IL,
Karl I. als Knabe, Ludwig XIV. zu Pferde, Madame
de Montespan, Madame de Pompadour, Marie An-
toinette, die Prinzessin von Lamballe, die Herzogin
von Devonshire, Georg IV. als Prinzregent, Die älteste
Miniatur ist ein Porträt der Königin Maria von Schott-
land, das früher einmal Karl I, gehörte und seine Ini-
tialen trägt. Morgan ließ ein wundervolles Buch aus
Kalbspergament herstellen, auf dessen Seiten jedes
Bild von Künstlerhand genau in den Farben des Ori-
ginals reproduziert wurde, Ein Exemplar schenkte er
der Königin Alexandra, die dann selbst die Galerie
in Prince’s Gate aufsuchte, um die Originale und Mor-
gans andere Kunstsammlungen zu besichtigen.

1902 machte Morgan seine Buch- und Manuskript-
sammlung durch einen einzigen Kauf von 700 Büchern
ınd Manuskripten zu der ersten ihrer Art, Er zahlte
eine viertel Million Pfund Sterling, und unter dieser
Erwerbung waren 111 französische, englische, deutsche,
holländische, italienische und spanische herrlich illu-
minierte Manuskripte, alle bemerkenswerte Beispiele
mittelalterlicher Buchkunst. Unter ihnen war der
Huntingfield-Psalter, ein Manuskript auf Kalbsperga-
ment mit 92 Miniaturen nach Szenen aus der Bibel und
aus dem Leben der Heiligen, das aus der Priorei Mend-
ham vom Ende des zwölften Jahrhunderts stammt, Ein
wunderbares französisches Manuskript war ein Roman
de la Rose etwa aus dem Jahre 1380 mit. selten
schönen Miniaturen, Ein anderes war das Bourboni-
sche Stundenbuch, das 1485 für Charles de Roussillon,
den Enkel von Karl von Bourbon und Vetter des
Prinzen von Conde hergestellt wurde. Später ging es
in den Besitz des Prinzen von Conde über und trägt
sein Zeichen. Ein anderes Stundenbuch, flämischer
Herkunft, war für Maria Stuart anläßlich ihrer Hoch-

—DIRQ
        <pb n="242" />
        zeit hergestellt worden. In der Sammlung befanden
sich ferner mehr als 200 Wiegendrucke aus Deutsch-
land und den Niederlanden. Damals besaß Morgan
schon die berühmte Gutenberg-Bibel und den Psalter
von 1459, die lange als die wertvollsten Bücher der
Welt galten. Jahr für Jahr erweiterte er seine Samm-
lung, oft kaufte er ganze Bibliotheken auf und nahm
daraus, was ihm gefiel und wofür er Verständnis hatte.

Aus den großen Londoner Auktionen erwarb er
für seine Sammlung in Prince’s Gate einige der schön-
sten Stücke alten englischen Tafelgeschirrs aus Gold
und Silber. Von den Zeiten Heinrichs VIII. bis zur
Regierung Karls I, besaß die englische Krone die wert-
vollste Sammlung solchen Tafelgeschirrs, aber der
letztgenannte Monarch ließ, als er in Geldverlegen-
heit war, fast das ganze unschätzbare Geschirr ein-
schmelzen, um Münzen daraus herzustellen. Aus der
Zeit vor Karl I. besitzt die Sammlung im Schloß von
Windsor nur zwei dieser Stücke, ein Becken und einen
Krug für Rosenwasser. Morgan aber besaß einen Tu-
dorpokal, der in London zu Shakespeares Zeit her-
gestellt wurde, einen Satz Apostellöffel aus der Zeit
Heinrichs VIII., und eine Schüssel nebst Deckel, die
kurz nach der Thronbesteigung Jakobs I, aus dem
Silber des Großsiegels von Irland hergestellt wurde.
Er besaß einen großen, einfachen, massiven Silber-
becher, den Königin Maria Simon Janszen schenkte,
nachdem er ihren Gemahl Wilhelm III. 1691 sicher
nach dem Haag gebracht hatte. Auf dem Deckel sitzt
ein Löwe, und auf der Vorderseite ist das königliche
Wappen und eine Inschrift in holländischer Sprache
eingraviert, die Simon auffordert, stets an Seine Ma-
jestät zu denken, „wenn er diesen Becher zu seinen
Lippen hebt‘, Eine schöne silberne Vase war mit den
Bildern römischer Kaiser geschmückt und enthielt drei

a7 55
X
        <pb n="243" />
        Darstellungen: die Auffindung von Romulus und Re-
mus; Mettus Curtius springt in den Abgrund; Aeneas
trägt seinen Vater Anchises aus dem brennenden
Troia.,

Um sich von der Betrachtung seiner Sammlung auf
seine geschäftlichen Angelegenheiten umzustellen, be-
durfte es für Morgan nur des Anrufs einer Droschke,
von denen immer zwei oder drei nahe der Tür seines
Hauses warteten. Dann fuhr er mit großer Schnellig-
keit zu seinem Bankhaus in Old Broad Street, gerade
hinter der Bank von England, Es ist ein sehr un-
scheinbares Gebäude, das zwischen anderen Bank-
häusern liegt, und zeichnet sich vor ihnen, die aus
dunkelgrauem Stein sind, nur durch seine hellere
Farbe aus, da es blaßgelb verputzt ist. Innen ging es
im Vergleich mit der Geruhigkeit der englischen
Banken in der Umgebung immer recht aufgeregt zu.
Ein andermal ließ er sich zu dem Büro seines Schiff-
fahrtstrusts in Leadenhall Street fahren, wo sich ein
riesiger Beratungsraum mit einem runden Tisch be-
fand. Um diesen runden Tisch saßen die Direktoren
wie die Tafelrunde des König Artus, da niemand mehr
als der andere zu sagen haben sollte. Aber doch wur-
den wenig wichtige Sachen verhandelt, wenn Morgan
nicht in London war.
Seine Stellung in der Londoner Geschäftswelt war
die seines Vaters, vermehrt um die gewaltige Macht
und den Einfluß, den seine eigene Tätigkeit und Er-
folge ihm erworben hatten. Wie in New York konnte
sich Morgan auch in London blind auf die Gefolgschaft
der Kapitalisten verlassen. Eine große Anzahl Firmen
in London waren jederzeit bereit, ihm augenblicklich
große Geldsummen zur Verfügung zu stellen. Wenn

40
        <pb n="244" />
        er in einer kurzen Nachricht ein paar Millionen Pfund
Sterling verlangte, konnte er gewiß sein, daß sie ohne
Verzögerung zur Stelle waren. Diese englischen Häuser
waren genau so froh, sich an einem Unternehmen, das
Morgan organisierte, beteiligen zu können, wie die
amerikanischen Mitglieder seiner Konsortien, und ge-
nau so wenig stellten sie die Zweckmäßigkeit seiner
Pläne in Zweifel.

Zwischen John Pierpont Morgan und seinem Vater
ließen sich viele interessante Vergleiche ziehen. So
waren zum Beispiel seine Kunstliebe und sein Sammel-
eifer unmittelbare Erbschaft von Junius Spencer Mor-
gan. In Morgans Bibliothek in New York hing ein
außerordentlich gutgetroffenes Porträt seines Vaters,
das eine sehr interessante Geschichte hatte.

Anfang der achtziger Jahre kam ein armer junger
Amerikaner in die berühmte Kunsthandlung Agnew
&amp; Co. in London und fragte nach Sir William Agnew.
Sir William war nicht anwesend, so fragte der Ver-
käufer den Mann, was er von ihm wünsche. Der
Amerikaner sagte, er heiße Bragard und bat den Ver-
käufer, ihm einen Schilling zu leihen.

„Warum sollte ich Ihnen einen Schilling geben?“
fragte dieser.

„Weil ich Künstler bin‘, antwortete Bragard, „und
ich glaube, Ihre Firma hat genügend Geld aus den
Werken von uns Künstlern gemacht, genügend jeden-
falls, um meine Bitte erfüllen zu können.“

Der Verkäufer meinte, es sei doch noch zweifel-
haft, ob der andere überhaupt wirklich ein Künstler
sei. Darauf bat Bragard um einen Bleistift. Er begann
dann ein Porträt, das an der Wand hing, zu kopieren,

16

Margdan

741
        <pb n="245" />
        und der Verkäufer schaute voll Staunen zu. Bragard
zeigte, daß er tatsächlich ein Künstler war, und zwar
mehr als ein gewöhnlicher Künstler, Schließlich gab
ihm der Verkäufer 5 Schilling und versprach ihm,
mit Sir William zu reden, ob dieser ihm vielleicht
einen Auftrag verschaffen könne,

Einige Tage später traf Junius S. Morgan, der ein
alter Kunde von Agnew &amp; Co, war, mit Sir William
zusammen. Dieser überredete ihn, seinem armen
Landsmann für ein Porträt zu sitzen. Bragard sagte,
ein Porträt würde zehn Sitzungen erfordern. Noch
während seines Entstehens erregte es unter den Lon-
doner Kunstkennern Aufsehen, und bevor die zehn
Sitzungen beendet waren, hatte Bragard Aufträge für
Porträts von hervorragenden Londonern im Werte von
mindestens 10000 Pfund Sterling empfangen.

Als Junius Morgans Porträt beendet war, über-
reichte er dem Maler 500 Pfund Sterling und sagte:
„Ich nehme an, daß ich Ihnen nicht mehr sitzen
brauche.“
Bragard erwiderte, daß ihm die Hände noch nicht
recht gefielen, und er bat um noch eine Sitzung, um
sie nochmals bei Tageslicht zu überarbeiten,

Am nächsten Tag erschien Junius Morgan zur ge-
wohnten Stunde im Atelier, aber Bragard kam nicht.
Bis zum heutigen Tag ist nicht die geringste Spur des
Künstlers aufgefunden worden. Der Name Bragard
war vermutlich ein falscher Name, denn alle Be-
mühungen; herauszubekommen, wer er war oder woher
er gekommen war, erwiesen sich als nutzlos,

Es war bezeichnend für Junius Spencer Morgan,
daß er sich von einem Künstler malen ließ, der mehr
Talent als Ruhm besaß, und sein Sohn tat einmal etwas
ganz ähnliches, Seine Familie und seine New Yorker
Freunde hatten ihn schon lange gedrängt, er solle sich

747
        <pb n="246" />
        von einem berühmten Künstler malen lassen. Morgan
beachtete aber diese Aufforderungen nicht weiter, und
ließ sich nicht bestimmen, die für die Sitzungen not-
wendige Zeit zu erübrigen. Einem Porträtisten ge-
währte er eine einzige Sitzung von der Dauer einer
Stunde, das war alles. Als er sich aber etwa 12 Jahre
nach dem oben geschilderten Vorfall mit dem
Maler Bragard in Paris aufhielt, suchte ihn ein Be-
kannter auf und erzählte ihm, er habe in einem der
Mansardenateliers im Quartier Latin ein Talent ent-
deckt.
„Nun, dann wollen wir einmal hingehen und seine
Bilder ansehen‘, sagte Morgan, und die beiden ver-
brachten den Vormittag mit der Betrachtung der
Werke des Unbekannten. Sie gefielen Morgan der-
maßen, daß er auf der Stelle den Künstler aufforderte,
nach New York zu kommen, um ihn zu porträtieren.
Der Maler folgte der Einladung im nächsten Winter
und Morgan saß ihm, so oft und so lange es nötig war.
Das Bild wurde dann in der Bibliothek aufgehängt.

Bei einem anderen Besuch in Paris hörte Morgan
von drei wunderbaren Gobelins, die bei einem be-
kannten Antiquitätenhändler zum Verkauf standen.
Sie stammten aus der Zeit Karls VII. und waren
historische Dokumente von seltenem Wert, da sie mit
zweifelloser Treue die Kostüme und Sitten jener Zeit
darstellten. Morgan machte im Namen des New Yorker
Metropolitan Museum ein Angebot, und ungefähr zur
gleichen Zeit baten die Direktoren des Louvre um das
Vorkaufsrecht. In den Zeitungen begann nun eine
Agitation, aus vaterländischen Gründen die Ausfuhr
der Gobelins aus Frankreich zu verhindern. Morgan
ging darauf zu dem Antiquitätenhändler und sagte:
„Wenn Frankreich die Gobelins nicht kauft, nehme
ich sie.”

}

473
        <pb n="247" />
        Am Tage vor dem Ablauf des französischen Vor-
kaufsrechtes wurde der Händler gebeten, es um eine
Woche zu verlängern. Ein Direktor des Louvre teilte
ihm mit, er hoffe, daß der Minister der Schönen
Künste bis dahin seine Einwilligung zu dem Kauf
geben werde. Der Verkäufer suchte Morgan auf, um
seine Zustimmung zu dieser Regelung zu erbitten, die
er sofort gab. „Es ist nicht die Gewohnheit des Metro-
politan Museum“, sagte er, „noch ist es die meine,
ein Institut wie den Louvre daran zu verhindern, von
den Kunstschätzen seines eigenen Landes zu kaufen,
was es wünscht.” Er fügte noch ausdrücklich hinzu,
daß er gern sein Einverständnis zu der Fristverlänge-
rung gebe.

Nach Ablauf der nächsten Woche teilte der Mi-
nister jedoch mit, daß der Preis zu hoch sei. Morgan
kaufte darauf die Gobelins. Zehn Tage später schlug
die Direktion des Louvre Morgan vor, einen Gobelin
zurückzukaufen, Morgan erwiderte, es täte ihm sehr
leid, aber jetzt sei es zu spät,

Gern ging er nach Rom und fühlte sich in dieser
Stadt, dem Kunstzentrum aller Zeiten, mehr und
mehr zu Hause. Die Rückgabe des Ascoli-Pokals
durch ihn, nachdem er erfahren hatte, daß dieses teuer
erworbene Stück gestohlen war, mußte selbstver-
ständlich freundliche Gefühle gegen ihn in Italien er-
regen. Bei Gelegenheit des Kunstfestes 1911 wurde
er in einem bemerkenswerten Brief eingeladen, die
Ehrenpräsidentschaft des ausländischen Ausschusses
zu übernehmen, Das Komitee sagte in dem Brief,
nachdem es die Wichtigkeit der Ausstellung hervor-
gehoben hatte: „Es ist ganz natürlich, daß unsere
Blicke zu allererst auf Sie gelenkt werden, der Sie
durch Ihren auserlesenen Geschmack, Ihr großes
Wissen und Ihren grenzenlosen Edelmut der hervor-

JA

A
        <pb n="248" />
        ragendste Mäzen unserer Zeiten geworden sind und
Italien Beweise Ihrer Zuneigung gegeben haben, an
die wir dankbare Erinnerung bewahren,”

In New York vollendete Morgan 1905 den Bau der
schönen Kunstgalerie in der 36. Straße zwischen
seinem Wohnhaus und dem seines Schwiegersohnes
Satterlee, die als „Bibliothek‘” bekannt ist. Das Ge-
bäude ist in italienischem Renaissancestil in weißem
Marmor ausgeführt. Von der Straße erreicht man es
auf einem steinernen Weg durch einen ovalen Rasen-
platz. Wenn man durch die Bronzetür des Gebäudes
getreten ist, kommt man in eine gewölbte Halle,
die mit römischen Steinen gepflastert ist. In der
Mitte befindet sich ein großes kreisrundes Stück
Porphyr, rechts und links von dem je ein Paar von
Cipolino-Säulen aus grünlichem Marmor aus dem
Chäteau de Bagatelle im Bois de Boulogne steht.
Durch ein doppeltes Dachfenster in der Mitte, dessen
Glas so durchsichtig ist, daß man den Himmel durch
eine leere Öffnung zu sehen glaubt, fällt das Licht auf
die Wände und auf den Fußboden und wird wieder zu
den sahnefarbenen Wandverkleidungen reflektiert. Um
die Laterne des Oberlichts sind Bilder der Musen der
Kunst, Wissenschaft, Literatur und Philosophie an-
gebracht, ferner befinden sich da Gruppen von bib-
lischen und allegorischen Figuren. Der Hintergrund
der Figuren besteht aus Goldmosaik und der Hinter-
grund der gesamten Decke ist Gold; er trägt schöne
Arabesken. Die Bücher stehen in einem orientalisch
ausgestatteten Raum auf Regalen aus zirkassischem
Walnußholz, über denen sich Porträtmedaillons auf
goldenem Hintergrund befinden. Das Ganze ist von
der Decke her in ein sanftes, warmes Licht gebadet.
In diesem schönen und prunkvollen Gebäude, dessen
Architektur und Inneneinrichtung die Geistigkeit

746
        <pb n="249" />
        seines Inhalts andeuten soll, sind Bücher und Manu-
skripte aufgestapelt, die aufzuzählen einen eigenen
Band, die gebührend zu beschreiben viele Bände er-
fordern würde.

Um nur ein paar von den Hunderten von Manu-
skripten zu erwähnen, so befindet sich dort die Hand-
schrift von Miltons „Paradise Lost‘, von Keats'
„Endymion‘, Shelleys Merkbuch, Popes „Essay on
Man’, Lord Byrons „Don Juan", „The Corsair”,
„Marino Faliero‘, Burns „Auld Lang Syne‘, „Mary
Morrison”, „Comin’ thro' the Rye“, „Tam O’Shanter“,
„The Cotter'’s Saturday Night‘, das Manuskript eines
Gedichtes von Swift über Stella in Wood Park, von
Scotts „Waverley”, „Ivanhoe‘, „Anne of Geierstein”,
„Old Mortality‘, „Guy Mannering‘, „The Lady of the
Lake” und Scotts Tagebuch, Die meisten berühmten
Romanschriftsteller und Essayisten aus der englischen
Literatur des 19. Jahrhunderts sind in der Sammlung
vertreten: George Eliot, Anthony Trollope, Charles
Reade, die Brontös, Macaulay, Carlyle, Ruskin. Von
amerikanischen Schriftstellern und Staatsmännern
sind Poe, Whitman, Hawthorne, Thoreau, Washington,
Adams, Franklin, Jefferson durch die Manuskripte ihrer
größeren Werke oder durch Briefe vertreten,

Das Sammeln und Bewahren von Reliquien früherer
Größe wie derartige Manuskripte wäre eigentlich die
Aufgabe der Regierung gewesen. Morgan war hier in
die Bresche getreten und hatte das getan, woran der
Regierung nicht besonders viel zu liegen schien. Er
hatte aber diese unersetzlichen Dokumente nicht nur
gesammelt, sondern auch gezeigt, wie sie in Sicherheit
vor Feuer und in einer angemessenen künstlerischen
Umgebung aufbewahrt und gepflegt werden müssen,
Seine Geschenke an das Metropolitan Museum of Art
— nicht allein Bilder, sondern ein großer Teil der

246
        <pb n="250" />
        Hoentschal-Sammlung und die berühmte Garland-
Sammlung chinesischen Porzellans als dauernde Leih-
gabe — sind allbekannt.

Morgans Geburtsort Hartford konnte sich mehrfach
seines Interesses erfreuen. Schon sein Vater hatte die
gemeinnützigen Einrichtungen Hartfords mit Schen-
kungen bedacht, und einmal machten Vater und Sohn
gleichzeitig wichtige Zuwendungen an das Wadsworth
Athenaeum. Dieses war früher ein öffentlicher Lese-
raum und ein Saal für literarische und künstlerische
Vorträge gewesen. 1890 wurde ein Plan ausgearbeitet,
es noch anderen Zwecken dienstbar zu machen, Dar-
auf teilte Morgan mit, er wolle 650 000 Dollar für den
Bau einer mit dem Athenaeum zu verbindenden Kunst-
galerie geben, die den Namen Junius S. Morgan Me-
morial erhalten sollte. Fast die einzige Forderung, die
er stellte, war, daß das Gebäude in Marmor aus Knox-
ville ausgeführt und daß die Pläne ihm vorgelegt wer-
den sollten. Als die Galerie fertig war, stattete er sie
mit vielen Bildern und Merkwürdigkeiten aus und
schenkte sie der Stadt.

Diese Galerie ist wohl die einzige von seinen Schen-
kungen, mit der der Name Morgan auch in ihrer Be-
zeichnung verbunden ist. Für die unter Philanthropen
weit verbreitete Sitte, den Ruhm ihres eigenen Namens
in ihren Wohltaten zu verewigen, hatte er nie viel
übrig. Sein ganzes Leben lang hat er oft und schnell
riesige Summen oder Gegenstände, die riesige Summen
gekostet hatten, verschenkt, aber niemals hat er da-
mit Reklame für sich gemacht. Sein Zurücktreten hier
wie bei so vielem anderen war eins der ausgepräg-
testen Charakterzüge an ihm. Eine Aufzählung aller

Zn

177
        <pb n="251" />
        seiner Schenkungen würde einen endlosen Katalog
füllen. Er durchsuchte Europa nach Kunstschätzen,
brachte sie nach New York und schenkte sie dem
Kunstmuseum, der Historischen Gesellschaft oder der
Cooper Union, er schenkte der Bibliothek in Liver-
pool eine Sammlung der Manuskripte von Burns und
dem Naturgeschichtlichen Museum die panamerika-
nische Edelsteinsammlung, er zahlte die jährliche Gas-
rechnung für die Paulskathedrale in London, er gab
ein Grundstück im Werte von einer Million Dollar für
ein Siechenhospital in New York, dann baute und
finanzierte er es, er gab der Kathedrale Johannes des
Täufers in New York eine halbe Million, der Harvard
Medical School eine Million, eine halbe Million der
Gewerbeschule, eine halbe Million dem Loomis-Sana-
torium, 100000 Dollar der Young Men’s Christian
Association, ebensoviel der öffentlichen Bibliothek in
Holyoke, Massachusetts, ein neues Gemeindehaus und
eine Pfarrerwohnung der St. Georgs-Kirche in New
York, in deren Kirchenrat er saß, 125000 Dollar zur
Erhaltung der Palisaden am Hudson, einen Isolier-
pavillon für Aix-les-Bains — und so weiter ohne Ende.
Alle diese Schenkungen machte er persönlich, das
heißt, er hatte keinen Sekretär und kein Büro dafür.
Er verließ sich auch hier stets auf sein eigenes Urteil.
Auch schenkte er nicht nach irgendeinem festen Plan.
Die einzige Voraussetzung war anscheinend, daß der
Mann, der etwas haben wollte, ihm den Eindruck er-
weckte, seine Pläne auch zweckentsprechend durch-
führen zu können, und daß das Unternehmen selbst
von praktischem Nutzen sein mußte.

Die Art, wie er derartige Bitten erfüllte. war recht
charakteristisch. In Sachen der Praxis war er ebenso
entschieden und kurz angebunden wie ein Feldherr
mitten in der Schlacht. Aber die Leute, die sich durch

„48
        <pb n="252" />
        seine kurzen Erwiderungen und scheinbare Unauf-
merksamkeit verletzt fühlten, fanden auch, daß er
ihnen trotzdem gab, was sie wünschten, und oft mehr.
Eines Tages suchte ihn ein Arzt auf, der einen Plan
ausgearbeitet hatte, um für arme, ihrer Entbindung
entgegensehende Frauen zu sorgen. Morgan schien
den Erklärungen des Arztes ungeduldig zuzuhören, er
stellte nur eine oder zwei brüske Fragen. Dann sagte
er: „Bringen Sie mir Pläne für ein passendes Gebäude
und einen Kostenanschlag für die Finanzierung. Ich
werde das Geld besorgen, In 5 Minuten war alles
vorbei, und gerade als der Besucher meinte, Morgan
werde ihn mit einem kurzen „Nein entlassen, wurde
seine Bitte, die eine Ausgabe von 1'/s Millionen Dollar
erforderte, gewährt.

Der Bürgermeister William R. Grace von New
York begann sich nach Ablauf seiner ersten Amts-
periode sehr für Philanthropie zu interessieren, und
machte es sich zur Aufgabe, selbst Geld für diese
Zwecke zusammenzubringen. Er suchte zu diesem
Zweck auch Morgan auf, und das um so lieber, als er
sich erinnerte, daß Morgan einer der wenigen großen
Geschäftsleute in New York gewesen war, die ihn
während seiner Amtszeit niemals um eine Begünsti-
gung für sich oder für ihre Firmen angegangen hatten.
Grace legte Morgan den Zweck seines Besuches dar.
Morgan antwortete so kurz und knapp, daß der Be-
sucher sich verletzt fühlte. Er stand. ohne ein Wort
zu sagen, auf.

„Wo wollen Sie hin?‘ fragte Morgan.

„Fort. Ich muß Sie um Verzeihung bitten, daß ich
Sie mit dieser Angelegenheit belästigt habe.”

„Warten Sie noch einen Augenblick“, sagte Mor-
gan. Er nahm seine Feder, schrieb etwas und händigte
es Grace aus, indem er sagte: ‚Da, nehmen Sie das.

740
        <pb n="253" />
        Wenn Sie wieder einmal vorbeikommen, erzählen Sie
mir, wie Ihre Arbeit vorwärtsgeht.“”

Das Papier, das er Grace gegeben hatte, war ein
Scheck über 5000 Dollar.

Als George W. Perkins als Beamter der New York
Life Insurance Company nach New York kam, kaufte
er sich in Riverdale-on-the-Hudson an, gerade gegen-
über dem Anfang der Palisaden. Perkins übernahm
nun zusammen mit anderen Männern, die Palisaden
vor der Zerstörung durch die Steinbrucharbeiten zu
retten. Man fand heraus, daß man den Eigentümern
der Steinbrüche ihren gesamten Besitz würde ab-
kaufen müssen. Perkins setzte sich mit ihnen in Ver-
bindung. Sie forderten 125000 Dollar,

Perkins entschloß sich nun, persönlich verschiedene
reiche Leute aufzusuchen, um das nötige Geld zu-
sammenzubringen. Zu allererst ging er zu Morgan (er
war damals noch nicht in der Firma Morgan). Er legte
ihm den Plan dar, wie man die Palisaden vor Zer-
störung bewahren und schließlich das ganze Gebiet
zu einem öffentlichen Park erklären wollte.

„Wieviel brauchen Sie?“ fragte Morgan kurz. und
Perkins nannte die Summe,

„Gut. Gehen Sie zu Rockefeller und Stillman und
einigen anderen. Sehen Sie zu, was Sie von ihnen be-
kommen. Dann kommen Sie wieder, ich will dann
sehen, was sich machen läßt.”

„Aber Mr. Morgan‘, sagte Perkins, „ich hoffte,
Ihren Namen als ersten auf der Liste verzeichnen
zu können, dann würde es für mich leichter sein,
von anderer Seite genügend Mittel zusammenzube-
kommen.“
„Auch gut”, sagte Morgan, „dann gebe ich gleich
das Ganze.”
Das kam so kurz heraus und anscheinend so teil-

250
        <pb n="254" />
        nahmslos, als ob für Morgan alles erledigt sei, daß
Perkins im ersten Augenblick nicht recht wußte, was
er sagen sollte. Morgan wandte sich wieder seinem
Schreibtisch zu und begann zu arbeiten — für ihn war
die Sache tatsächlich erledigt.

Als Dr. Rainsford, der langjährige Pfarrer der
St. Georgs-Kirche, deren Gemeindemitglied Morgan
war, ihn aufsuchte und ihm einen Plan vorlegte, in der
Pfarre eine groß angelegte Wohltätigkeitsarbeit zu
beginnen, hörte ihm Morgan schweigend zu, warf
kaum ein Wort dazwischen. Dann sagte er in seiner
kurzen, brüsken Weise: „Fangen Sie an, sehen Sie,
wie weit Sie mit Ihrem Geld kommen. Bringen Sie mir
jedes Halb- oder Vierteljahr eine Aufstellung, ich werde
für jedes Defizit aufkommen.”

Auf diese Weise begann eine der einflußreichsten
Pfarrorganisationen ein philanthropisches und erziehe-
risches Werk, das wohl in der ganzen Welt seines-
gleichen sucht

Derartige Schenkungen teilte Morgan in seiner
stets schnell entschlossenen und kurz angebundenen
Art dauernd aus. Er posierte niemals als Geber. Es
ist menschlich, sich viel mit dem dankbaren Emp-
fänger von Geschenken abzugeben, es ist menschlich,
sich selbst an seiner Großmut und Großzügigkeit zu
erbauen — jeder, der einem Bettler einmal 5 Pfennig
geschenkt hat, kennt wohl dieses Gefühl. Aber
Morgan ist in vielen derartigen Beziehungen zu
seinen Mitmenschen gänzlich unpersönlich geblieben.
Er scheint mehr Gefühl für seine Würde als für die
Anschauungen seiner Mitmenschen gehabt zu haben,
und hierin ging er, wie in vielen anderen Charakter-

1-4
Pas] x
        <pb n="255" />
        zügen, bis ins Extrem. Er glaubte, wenn man etwas
derartiges tut, dann soll man es ohne viel Gerede und
Eindrucksschinderei tun. Wenn er in dieser Art nicht
gar so weit gegangen wäre, hätte er außerordentlich
populär werden können, Aber seine Absonderung
machte das unmöglich. Hätte er aber sich jemals be-
reitgefunden, irgendein schwieriges öffentliches Amt
zu bekleiden, so hätte ihn das amerikanische Volk bei
seiner großen Bewunderung für Erfolg und persönliche
Stärke wider seinen Willen zu einem Helden gemacht.

Im Juni 1910 wurde Morgan von der Harvard-
Universität zum LL. D. (Dr. jur. h. c.) ernannt, Präsi-
dent Lowell überreichte ihm die Urkunde mit folgen-
den Worten: „John Pierpont Morgan, verantwortungs-
bewußter Staatsbürger, Förderer von Literatur und
Kunst, Fürst unter den Geschäftsleuten, der durch
seine Geschicklichkeit, seine Geistesgaben und seinen
Mut zweimal in Zeiten der Not eine nationale Gefahr
und eine Finanzpanik abgewandt hat.” Als eine Kenn-
zeichnung von Morgans Stellung scheinen diese Worte
zu wenig, denn sie berühren nicht seine Eigenschaft
als aulbauender Finanzmann. Um die Charakteristik
zu vervollständigen, würde man ungefähr so fortfahren
müssen: „Der in einem Zeitalter ungeheuren industri-
ellen Fortschrittes, als der Charakter der industriellen
Einheiten naturnotwendige Änderungen erfuhr, mehr
als irgendein anderer tat, um für die neuen Verhält-
nisse eine feste, dauerhafte Grundlage zu schaffen.”

In diesem Zusammenhang darf erwähnt werden,
daß Morgan auch auf Grund einer Schenkung an die
Universität Göttingen, wo er studiert hatte, Ehren-
doktor dieser Universität geworden ist.

Der Einfluß des Namens Morgan, die Autorität
seiner Methoden und Gedanken, und, mehr konkret
gefaßt, der Einfluß seines Bankhauses war Morgans

„-
5

x
        <pb n="256" />
        größtes Werk. Als Morgan starb, lebte Morgan weiter,
das Haus Morgan, das auf seiner Persönlichkeit und
auf seinem Namen aufgebaut war, erfuhr keinerlei Ab-
schwächung seiner starken Stellung. Hierin beruht
ein neuer Beweis für die einzigartige Stärke dieses
Mannes. Als Harriman starb, blieb in der Union Pacific,
in der Eisenbahngesellschaft, die hauptsächlich ihm
ihr Bestehen verdankte, sehr wenig Harrimanscher
Geist zurück. Als die Vanderbilts ihren Einfluß auf
die New York Central lockerten, als Garrett starb und
sein Lebenswerk, die Baltimore &amp; Ohio hinterließ, als
Hill starb und die Great Northern hinterließ, blieb
wenig mehr als die Erinnerung an ihre Namen zurück,
als finanzieller Faktor aber war diese Erinnerung be-
deutungslos.

Als Morgan starb, blieb das mächtige Haus Morgan
zurück.

Sechzehntes Kapitel

DER ERBE

E: war nun die Frage, wie John Pierpont Morgan jr.
das Riesenerbe weiter verwalten würde. Denn
große Vermögen können ja genau so schnell, wenn
nicht noch schneller, verloren werden, wie sie ge-
wonnen wurden, und kein Unternehmen ist fool-proof.
Nun — der junge Morgan bewies bald, daß er kein fool
war. Man kann zwar nicht behaupten, daß er genau
so kühn und berechnend und genial war wie sein
Vater, und auch sein Einfluß als Persönlichkeit auf die
Bankwelt — der in vielleicht noch höherem Maße als
die hinter ihm stehende Geldmacht die Stärke des
alten Morgan ausgemacht hatte — ist bei weitem nicht
so groß, aber er hat auf jeden Fall die Hinterlassen-

©
Äh
        <pb n="257" />
        schaft auf eine Weise verwaltet, daß sie nicht nur
nichts an Wert eingebüßt, sondern im Gegenteil viel
gewonnen hat,

Hierbei kamen ihm allerdings in gewissem Sinne
die Umstände zu Hilfe. Der Weltkrieg, in dem die
Vereinigten Staaten zunächst die Rolle des großen
Neutralen und gleichzeitig des wichtigsten Lieferanten
von Kriegsmaterial spielten, bis sie selbst aktiv in das
Völkerringen eingriffen und es durch ihre frischen
Kräfte entschieden, indem sie vor allem der große
Gläubiger der Alliierten und in der Nachkriegszeit
auch der ehemals feindlichen Mächte und damit der
ganzen Welt wurden, brachte die günstigsten Be-
dingungen mit sich, um das Bankhaus Morgan zum
wahren Weltbankier werden zu lassen. Die einmal
von dem älteren Morgan in Gang gesetzte Maschine
hatte so viel lebendige Kraft, daß sie immer weiter
lief, in dauernd beschleunigtem Tempo. Der bedeut-
samste Fortschritt aber, den das Haus Morgan in
dieser Zeit zu verzeichnen hatte, ist, daß es Morgan
junior gelang (was, wie weiter oben bereits erwähnt,
Morgan senior versagt geblieben war), auch an der
Politik tätigen und erfolgreichen Anteil zu nehmen,

Was die Persönlichkeit des jüngeren Morgan be-
trifft, so haben Vater und Sohn manche Züge gemein-
sam. Beide zeichnet vor allem die Schweigsamkeit
aus, Auch Morgan junior spricht über seine Geschälte
sehr wenig und vor allem erst dann, wenn er sie be-
reits durchgeführt hat, Auch Morgan junior ist kein
Freund der Journalisten und Ausfrager, Aber auch
hier zeigt sich der Unterschied gegen die überragende
Persönlichkeit des Vaters: über sein prinzipielles

-
„54
        <pb n="258" />
        Dementieren macht man sich lustig, was man bei
Morgan senior nicht gewagt hätte. Als er z. B. zur Zeit
der Sachverständigenberatungen für die Durchführung
des Dawes-Plans in London nach England abreiste,
meldeten die Zeitungen: „Natürlich behauptet Morgan,
daß seine Reise nicht mit den Sachverständigen-
beratungen zusammenhängt.‘ Dabei wußte alle Welt,
daß bereits ein Vertreter Morgans in London war und
seine Interessen dort wahrnahm und daß das Gut-
achten der amerikanischen Bankiers eine große Rolle
bei all den auf der Londoner Konferenz behandelten
Fragen gespielt hatte.

Gemeinsam ist Vater und Sohn auch die Verach-
tung gegen die gerade herrschende Mode. Als die
Equipage schon längst ein überwundener Standpunkt
war und jeder, der etwas auf sich hielt, ein Auto be-
saß, fuhr der ältere Morgan immer noch mit Pferd und
Wagen ins Büro, ja sogar in Mietdroschken. Bei dem
jüngeren Morgan zeigt sich diese Eigenwilligkeit darin,
daß er die allgemeine Mode des Glattrasiertseins nicht
mitmacht, sondern einen kleinen Spitzbart trägt. Das
sind an und für sich Kleinigkeiten, doch nicht un-
wichtig für die Beurteilung der Persönlichkeit.

Daß er andererseits eine so mächtige Persönlich-
keit wie sein Vater nicht ist, wurde bereits weiter
oben erwähnt, Weder die großen noch die kleinen
Kapitalisten leisten ihm so unbedingte Gefolgschaft
wie jenem. Das zeigte sich zum Beispiel bei der Auf-
legung der ersten Anleihe Englands und Frankreichs
im Weltkrieg. Morgan hatte Pläne für eine Anleihe
von einer Milliarde Dollar, die durch ein unter seiner
Führung stehendes Konsortium begeben werden sollte,
ausgearbeitet, Aber die großen Banken taten einfach
nicht mit. Den Schaden hatten allerdings schließlich
— abgesehen von England und Frankreich — sie selbst

55
a'x
        <pb n="259" />
        zu tragen, denn da der großangelegte, einheitlich auf-
gebaute Plan ins Wasser gefallen war, beschränkte
sich die Anleihesumme auf eine halbe Milliarde Dollar,
die durch mehrere Konsortien, darunter ein unter Mor-
gans Führung stehendes, aufgebracht wurde. Und noch
deutlicher zeigte sich das später, Wenn der ältere
Morgan ein Konsortium bildete, dann waren die er-
forderlichen Summen bereits so sicher vorhanden, als
wenn er selbst sie bar auf den Tisch gezahlt hätte.
Nur in ganz seltenen Fällen versagte diese seine Macht
über die Geldbeutel seiner Mitmenschen, Als aber z.B.
im Frühjahr 1926 ein unter der Führung von Morgan
stehendes Konsortium eine Anleihe von 100 Millionen
Dollar für Italien auflegte, konnte sie innerhalb der
festgesetzten Zeit nicht untergebracht werden, und
das Konsortium mußte seine Wirksamkeit um zwei
Monate verlängern.

Von seinem Vater unterscheidet sich John Pierpont
Morgan junior auch dadurch, daß er dessen Liebe für
Kunst nicht geerbt hat, Außerordentlich viel böses
Blut machte es, daß er sofort nach dem Tode seines
Vaters dessen ausgedehnte und unschätzbare Kunst-
sammlungen. unter den Hammer brachte, Man hätte
es von einem patriotischen Amerikaner in einem
solchen Falle wenigstens erwarten können, daß er sie
an Museen usw. seines Landes verschenkte, aber er
tat nichts dergleichen. Alles wurde einfach verauktio-
niert und an den Meistbietenden losgeschlagen. Es
bestand sogar die. Gefahr, daß die Kunstschätze, die
der ältere Morgan aus ganz Europa zusammengebracht
und über den großen Teich geschleppt hatte, wieder
nach dem alten Lande zurückwandern könnten, und
so wurde es für die amerikanischen Sammler fast
Ehrensache, jedes europäische Gebot auf diese Dinge
zu überbieten, damit die Schätze wenigstens in den

256
        <pb n="260" />
        Vereinigten Staaten blieben. Um das unliebsame Auf-
sehen, das dieser Schritt in der gesamten amerika-
nischen Öffentlichkeit erregte, kümmerte sich Morgan
blutwenig.

Erst viel später besann sich Morgan anscheinend
etwas mehr auf seine patriotischen Pflichten in dieser
Hinsicht. So schenkte er im Januar 1921 seinen Palast
am Hyde Park in London der amerikanischen Re-
gierung für die Unterbringung der amerikanischen Bot-
schaft, und im Januar 1927 bot er der Stadt New York
an, ihr das Bibliotheksgebäude mit dem Rest der
Sammlungen nach einer von ihm zu besorgenden Er-
weiterung zu schenken.

Auch die wohltätige Ader seines Vaters, der —
wie so mancher reichgsewordene Amerikaner, um das
Odium seines stets unter wenn auch unbeabsichtigter
Vernichtung vieler kleiner Existenzen erworbenen
Vermögens etwas zu mildern — mit vollen Händen für
philanthropische und Unterrichtszwecke gegeben hatte,
scheint Morgan junior nicht geerbt zu haben, Wenigstens
ist von nennenswerten Stiftungen durch ihn nichts
bekannt geworden. So erscheint er dem Außenstehen-
den als der Nur-Geschäftsmann, der kein anderes In-
teresse hat als ausschließlich sein Geschäft.

Glaubhafter gemacht wird diese Einseitigkeit seines
Wesens noch dadurch, daß er nicht, wie sein Vater,
auch ein großer Industrieführer ist. Gewiß hat er immer
noch die großen Industriekonzerne wie United States
Steel, International Harvester Corporation, die Eisen-
bahnen und den Schiffahrtstrust unter seiner Kontrolle,
aber alle diese Unternehmungen scheinen für ihn nur
die Rolle von Nebenbetrieben zu spielen, während er
sich hauptsächlich als Bankier fühlt. Selbst seine Tätig-
keit für die Rüstungsindustrie Amerikas, über die
weiter unten noch genaueres folgt, war im wesent-

17

Morgan

=
gg
        <pb n="261" />
        lichen die eines Vermittlers von Aufträgen und Geld-
mitteln,
Am allerklarsten aber tritt diese Einseitigkeit —
die übrigens hier nicht als Schwäche bezeichnet wer-
den soll — wohl in seinem Verhalten in bezug auf die
Fragen der Sozialpolitik hervor, die in Amerika seit
dem Kriege ja in immer steigendem Maße diskutiert
werden. Der ältere Morgan war der Unternehmer
alten Stils, der eine Art patriarchalischen Verhält-
nisses zu den Arbeitern der unter seiner Kontrolle
stehenden Betriebe anstrebte, Gewerkschaftliche Be-
tätigung aber duldete er nicht, organisierte Arbeiter
wurden nicht angestellt. Er war ausgesprochen ein
Feind der Arbeiterbewegung, Daß er dabei weniger
den Schaden des Arbeiters als vielmehr das Wohl-
ergehen der Betriebe, für die er mit verantwortlich
war, im Auge hatte, das aber seiner Meinung nach
durch ein Mitbestimmungsrecht der Arbeiter bedroht
war, beweist wohl die Tatsache, daß er sie durch
Überlassung von Aktien (besser wohl gesagt Divi-
dendenbezugsscheinen) an der Entwicklung des Wer-
kes finanziell beteiligte. Jedenfalls kann man mit
Sicherheit annehmen, daß er eine festgefügte Meinung
über die Arbeiterfrage besaß,

Anders der junge Morgan. Er ist nicht für und nicht
wider die Arbeiterbewegung — sie ist ihm gleich-
gültig. Er interessiert sich nicht für sie. Es fehlen ihm
alle. Vergleichspunkte und Möglichkeiten, ihre Be-
rechtigung oder Nichtberechtigung zu prüfen, Er scheint
mit der gerade bestehenden Lage zufrieden zu sein
und sie als etwas Gegebenes hinzunehmen. So kommt
es, daß in manchen der seiner Kontrolle unterstehen-
den industriellen Unternehmungen den Arbeitern die
während des Weltkrieges errungenen Rechte wieder
streitig gemacht werden, während in anderen (z. B.

DER
        <pb n="262" />
        International Harvester Corporation) die merkwürdig-
sten Sozialexperimente, wie Leitung des Werkes durch
Unterhaus, Oberhaus und Ministerium aus Vertretern
der beiden Parteien, Arbeitgeber und Arbeitnehmer,
gemacht werden. Bezeichnend ist hierbei seine Zeugen-
vernehmung vor dem United States Industrial Re-
lations Committee im Februar 1915:

Vorsitzender: „Herr Morgan, wie lange soll nach
Ihrer Ansicht die Dauer eines Arbeitstages für einen
Industriearbeiter sein?”

Morgan: „Ich habe mir darüber keine Meinung ge-
bildet.‘
Vorsitzender: „Was betrachten Sie als Mindest-
einkommen für einen Arbeiter?”

Morgan: „Auch hierüber habe ich keine Ansicht.”

Vorsitzender: „Halten Sie 10 Dollar in der Woche
als genügend für die Erhaltung der Familie eines Dock-
arbeiters?"

Morgan: „Das weiß ich nicht. Wenn das der ganze
Lohn ist, den er bekommt, so wird es wohl genug sein.”

Vorsitzender: „Von welchem Alter ab sollen Kinder
arbeiten dürfen?”
Morgan: „Auch darüber kann ich keine Meinung
äußern.”
Vorsitzender: „Inwieweit sind nach Ihrer Ansicht
die Aktionäre großer Industriegesellschaften für die
soziale Lage der Arbeiterschaft verantwortlich?”

Morgan: „Ich glaube nicht, daß die Aktionäre in
dieser Hinsicht irgendwelche Verantwortung tragen.‘

Vorsitzender: „Und die Direktoren?”

Morgan: „Auch sie nicht.“

Also völlige Interesselosigkeit und — gewollte oder
ungewollte — Urteilsunfähiskeit.

Fr
25Q
        <pb n="263" />
        Sein persönliches und Familienleben ist nicht ganz
so ungetrübt gewesen wie das seines Vaters, Zwar
hat er von diesem die gute Gesundheit geerbt, die den
alten Morgan ausgezeichnet hatte, nachdem einmal
die Kränklichkeit seiner Jugend überwunden, und
die nur durch ein sein Gesicht entstellendes Haut-
leiden in späteren Jahren beeinträchtigt worden war,
aber sonst haben ihn mehrere Schicksalsschläge heim-
gesucht.
Am 3, Juli 1915 wurde ein Attentat auf ihn ver-
übt. Der Täter war ein früherer Professor der deut-
schen Sprache an der Cornell-Universität, Frank Holt,
der in geistiger Umnachtung handelte. Er fuhr am
Morgen des genannten Tages mit der Bahn nach Glen-
cove, nahm dort ein Auto und ließ sich nach Morgans
Landhaus fahren. Dort klingelte er, und als der Portier
öffnete, fragte er ob Mr. Morgan zu sprechen sei. In
welcher Angelegenheit er mit dem Finanzmann zu
sprechen wünschte, wollte er nicht angeben, er be-
hauptete nur, ein alter Freund Morgans zu sein. Der
Portier, der wahrscheinlich in ihm einen Bittsteller ver-
mutete, wollte ihm den Eintritt verwehren, doch Holt
zog einen Revolver und bedrohte ihn. Er stieß ihn dann
beiseite und erzwang sich den Eingang ins Haus, Als er
Morgan, der wohl durch den Lärm angelockt worden
war, durch die Halle kommen sah, schoß er dreimal auf
ihn, Die erste Kugel drang dem Bankier durch den Arm
in die Brust, die zweite durchbohrte den Oberschenkel
und die dritte brachte ihm eine Fleischwunde am
Unterleib bei. Der Attentäter wurde sofort über-
wältigt und von herbeigeholter Polizei verhaftet. Als
man ihn durchsuchte, fand man zwei Revolver, zwei
Dynamitpatronen und ein Gläschen mit Nitroglyzerin
bei ihm vor.

Bei seinem Verhör erklärte Holt, von Gott be-

260
        <pb n="264" />
        auftragt zu sein, den Krieg zu beendigen. Gegen Mor-
gan persönlich habe er gar nichts, er wolle nur durch
derartige Terrorakte zur Beendigung des Weltkrieges
beitragen. Er gestand auch ein, bereits ein Spreng-
stoffattentat gegen das Kapitol in Washington verübt
zu haben. Er machte durchaus den Eindruck eines
Wahnsinnigen. Im Gefängnis verübte er am 6. Juli
einen Selbstmordversuch, indem er sich die linke Puls-
ader öffnete, doch wurde der Versuch noch rechtzeitig
entdeckt. Am nächsten Tage jedoch führte er seine
Selbstmordabsicht mit besserem Erfolg aus. Als er aus
seiner Zelle zum Verhör gebracht werden sollte,
schwang er sich in dem Augenblick, in dem der ihn
begleitende Wärter gerade nicht auf ihn blickte, aus
einem Flurfenster und stürzte in den gepflasterten Hof,
wo er mit einem Schädelbruch tot liegenblieb.

Daß der Attentäter früher Professor des Deutschen
gewesen war, genügte natürlich der deutschfeindlichen
Presse, um eine ausgiebige Deutschenhetze zu ver-
anstalten. Es wurde behauptet, Holt sei Deutscher ge-
wesen, ja eine Zeitung verstieg sich sogar soweit, zu
erklären, er sei ein unter falschem Namen im Lande
verbliebener deutscher Austauschprofessor. Auch
brachten die Zeitungen heraus, daß er in der letzten
Zeit vor dem Attentat mehr Geld verbraucht habe,
als seinem Gehalt nach zu erklären, und daß er ins-
besondere dauernd umhergereist sei. Da sich um jene
Zeit Morgan bereits als Munitions- und Finanzagent
der Alliierten betätigte, fahndete man nach einer
deutschen Organisation, die Holt zu dem Mordversuch
angestiftet und ihm das Geld dazu gegeben haben
sollte, jedoch vergeblich.

Die Verwundungen Morgans waren im übrigen un-
gefährlich; er war in wenigen Wochen vollständig
wiederhergsestellt.

261
        <pb n="265" />
        Ein schwerer Verlust traf ihn im Februar 1920. In
der Nacht zum 8. dieses Monats brach in seinem New
Yorker Palais Feuer aus. Trotz aller Löschversuche
brannte das Gebäude vollständig nieder, und seine
Schwiegertochter, die sich nicht mehr retten konnte,
fand mit ihren beiden Töchtern im Alter von 13 und
14 Jahren den Tod in den Flammen.

Siebzehntes Kapitel
DER WELTKRIEG
I“ Weltkrieg stellte sich Morgan von Anfang an ent-
schieden auf die Seite der Alliierten; er half tat-
kräftig bei dem Ausbau der amerikanischen Rüstungs-
industrie und der Unterbringung der Anleihen der
Alliierten im Betrage von rund 9% Millionen Dollar
in den Vereinigten Staaten, Gleichzeitig stellte er
seine International Mercantile Marine Corporation in
den Dienst der Munitionsverschiffung nach Europa,

Seine Betätigung als Bankier der Entente begann
bereits ganz kurz nach dem Ausbruch des Weltkrieges,
als seine Bankfirma selbständig die Summe von 12 Mil-
lionen Dollar an Rußland lieh. Im Jahre 1915 folgte
eine weitere Anleihe des Hauses Morgan von 50 Mil-
lionen Dollar, die nach Frankreich ging, Diese An-
leihen wurden gewährt, bevor die großen Anleihen der
Alliierten zur Zeichnung in den Vereinigten Staaten
aufgelegt wurden.

Auch sein Wirken als „englischer Munitionsminister
in Amerika‘, wie er damals in den Zeitungen oft ge-
nannt wurde, setzte schon bald nach Kriegsausbruch
ein. Er sah die ungeheuren Möglichkeiten voraus, die
das gewaltige Völkerringen für die Entwicklung der
amerikanischen Stahlindustrie mit sich bringen würde,

262
        <pb n="266" />
        und reiste nach England, um sich die Vergebung sämt-
licher englischen, französischen und russischen Mu-
nitionsbestellungen zu sichern. Er wurde auch offiziell
zum Agenten der englischen Regierung ernannt. Von
allen durch ihn in den Vereinigten Staaten ver-
gebenen Kriegsmaterialaufträgen bekam Morgan 2%
Provision zugesichert. Um welche Summen es sich
dabei handelte, ersieht man daraus, daß die Alliierten
bis zum November 1915 bereits Aufträge im Gesamt-
werte von etwa 2 Milliarden Doliar nach den Ver-
einigten Staaten vergeben hatten, woraus Morgan also
eine Provision von 40 Millionen Dollar erhalten hatte.
Welchen Wert man in England auf das. Zusammen-
arbeiten mit ihm legte, zeigen die Ausführungen, die
Lloyd George am 25. Juni 1915 im englischen Unter-
haus machte:
„In Anbetracht der Wichtigkeit der amerikanischen
und kanadischen Märkte haben wir Herrn D. A.
Thomas gebeten, nach drüben zu gehen. Er wird die
Kontrolle ausüben über die Herstellung von Munition
in den Vereinigten Staaten und in Kanada und erhält
weitgehende Vollmachten. Herr Thomas wird mit den
Agenten unserer Regierung in den Vereinigten Staaten
zusammenarbeiten. Es besteht nicht die geringste Ab-
sicht, die drüben bestehenden Agenturen beiseite zu
schieben. Diese Agenturen haben bewunderungs-
würdige Arbeit geleistet und, wie ich glaube, unserem
Lande Millionen erspart. Er (Thomas) wird mit den
Herren Morgan &amp; Co., den akkreditierten Agenten der
englischen Regierung, zusammenarbeiten.“

Nun hieß es, die bisher nicht besonders ausgedehnte
amerikanische Rüstungsindustrie auszubauen, Auch
das tat Morgan, zusammen mit Charles Schwab von
den Bethlehem-Werken, Zwei große Trusts waren die
Hauptlieferanten von Munition und sonstigem Kriegs-
263
        <pb n="267" />
        bedarf an die Regierungen der Alliierten: Morgans Stahl-
trust und der sogenannte Munitionstrust, dessen Kern
die Bethlehem Steel Company war. Angeblich sollen
der Munitions- und der Stahltrust die schärfsten Kon-
kurrenten gewesen sein, man wird aber wohl nicht
fehlgehen, wenn man diese Konkurrenz nur auf die
Rechnung des Antitrust-Gesetzes stellt, denn da Mor-
gan die Aufträge zu vergeben hatte und ferner die ge-
samte Rüstungsindustrie finanzierte, wird er selbst-
verständlich nicht den Konkurrenten seiner United
States Steel Corporation unterstützt haben,

Die Entwicklung der amerikanischen Rüstungs-
industrie zeigt sich sehr gut in den folgenden Zahlen
für die United States Steel Corporation:

Jahr
1913
1914
1915
1916
1917
1918

Arbeiterzahl Reingewinn in Dollar
230 000. 127 000 000
179 000 71 000 000
191 000 135 000 000
253 000 333 000 000
268 000 245 000 000
269 000 199 000 000
Das Absinken der Gewinnziffer im Jahre 1917 er-
gibt sich aus dem Eintreten der Vereinigten Staaten
in den Krieg in diesem Jahre, womit die Rüstungs-
industrie unter die Kontrolle der Regierung kam und
nun auch nicht mehr beliebige Forderungen stellen
durfte. Alles in allem aber sieht man die gewaltige
Entwicklung seit 1913, in welchem Jahre an und für
sich eine Konjunkturschwankung im ungünstigen Sinne
sich angekündigt hatte, die durch den Weltkrieg in ihr
Gegenteil verkehrt wurde, Eine weitere Ergänzung
zur Beurteilung der günstigen Lage des Stahlirusts
liefern folgende Ziffern über die Erzeugung im
Jahre 1917:

mfA
        <pb n="268" />
        Eisenerz 31,7 Millionen Tonnen,
Kohle , 7,0 Millionen Tonnen,
Koks , 17,4 Millionen Tonnen,
Zement . . 7,0 Millionen Faß,

Roheisen . . . , 17,6 Millionen Tonnen,
Halbfabrikate . . . 20,2 Millionen Tonnen,
Stahl-Fertigfabrikate 15,0 Millionen Tonnen,
Wert des Absatzes. 1.6 Milliarden Dollar.

Mit ähnlichen Ziffern konnte natürlich der Muni-
tionstrust unter der Führung der Bethlehemwerke
aufwarten.
Es kann hier vielleicht gleich die Entwicklung des
Stahltrusts in der Nachkriegszeit kurz gekennzeichnet
werden. Unter der Depression der Nachkriegsjahre
hatte natürlich auch die United States Steel Cor-
poration erheblich zu leiden. So wurde zum Beispiel
im April 1926 berichtet, die augenblicklich laufenden
Aufträge gewährleisteten dem Stahltrust nur etwa
55% Auswertung seiner Leistungsfähigkeit von 28 500
Tonnen täglich. Diese schlechte Lage der ameri-
kanischen Eisenindustrie — für die die Verhältnisse
bei der United States Steel ohne weiteres als Schlüssel
genommen werden können — machten sich bekannt-
lich in den hohen Einfuhrzöllen und in der Furcht vor
dem Dumping europäischer Eisen- und Stahlwaren auf
dem amerikanischen Markt bemerkbar.

Eine bessere Entwicklung des Stahltrusts wollte
Morgan anscheinend durch Verflechtung oder Inter-
essengemeinschaft mit der Automobilindustrie herbei-
führen, die ja in der Nachkriegszeit in den Vereinigten
Staaten eine beispiellose Entwicklung erfahren hat.
Eingeleitet wurde dieser Feldzug dadurch, daß er im
Frühjahr 1927 ein größeres Paket Vorzugsaktien (man
spricht von 25 Millionen) der General Motors Company,

ln
ae
        <pb n="269" />
        des größten Automobilkonzerns der Union, aufkaufte.
Als Richter Gary, der langjährige Präsident der United
States Steel, im August 1927 starb, schien bei dem
nun notwendigen Direktoren- und Präsidentenschub
die Gelegenheit zu weiteren Schritten in dieser Rich-
tung gekommen zu sein. Jedenfalls unterhandelte die
Firma Morgan &amp; Co, mit der Firma E, J. du Pont de
Nemours, zu deren gewaltigen du-Pont-Konzern, wie
er genannt wird, auch die General Motors gehört, über
Zusammenschluß in irgendeiner Form. Es scheint, daß
die Verhandlungen nicht ganz zu befriedigendem Ab-
schluß gekommen sind.
Anscheinend haben sich auch bereits bei der Neu-
besetzung des Postens des verstorbenen Elbert H. Gary
Schwierigkeiten ergeben. Als vorläufiger Präsident
wurde: James A. Farrell eingesetzt, und am 12, De-
zember 1927 wurde die Präsidentschaft dem gegen-
wärtigen Präsidenten der Vereinigten Staaten, Calvin
Coolidge, für die Zeit nach dem Ablauf seiner Amts-
dauer angetragen. Coolidge steht diesem Angebot sehr
sympathisch gegenüber. Am 28, Dezember 1927
wurden wiederum Wahlen der leitenden Beamten der
United States Steel vorgenommen, und zwar wurde
Myron C. Taylor zum Vorsitzenden des Finanz-
ausschusses und Morgan zum Vorsitzenden des Direk-
toriums gewählt. Wie Morgan wenige Tage später
selbst mitteilte, hatte diese Ämterverteilung den ein-
zigen Zweck, das Interesse des Bankhauses Morgan
an der Stahlkorporation zu dokumentieren, denn
Taylor ist Direktor der New York Central &amp; Hudson
River, die zu den Bahnen der Morgangruppe gehört,
sowie der von Morgan kontrollierten First National
Bank; und Morgan selbst erklärte bei seiner Annahme
der Wahl am 31. Dezember, sie erfolge nur unter der
Voraussetzung, daß er nicht die laufenden Geschäfte

266
        <pb n="270" />
        eines Vorsitzenden des Aufsichtsrats zu erledigen
habe, auch werde er diesen Posten höchstens ein Jahr
innehaben, bis ein geeigneter Nachfolger gefunden sei,
da er nicht gedenke, seine Tätigkeit in seinem Bank-
haus durch die Arbeitslast, die ein leitender Posten in
einem so großen Konzern naturgemäß mit sich bringe,
verkürzen zu lassen,

Der Beginn von Morgans Tätigkeit zur Finanzierung
des Weltkrieges durch private Anleihen seines Bank-
hauses an Rußland und Frankreich in den.Jahren 1914
bezw. 1915 wurde bereits am Anfang dieses Kapitels
erwähnt. Die erste große Anleihe der Alliierten in
den Vereinigten Staaten wurde im Sommer 1915 auf-
gelegt. Morgan beabsichtigte, in Fortsetzung der Poli-
tik seines Vaters in mehr oder weniger diktatorischer
Weise ein Konsortium aufzustellen, um diese Anleihe
auf dem amerikanischen Markt unterzubringen. Als
Betrag der Anleihe war eine Milliarde Dollar vor-
gesehen. Aber die nicht unter seiner unmittelbaren
Führung stehenden Banken widersetzten sich, soweit
bekannt unter der Leitung des ernsthaftesten Kon-
kurrenten des Hauses Morgan im Kampf um die
Finanzmacht, des Bankhauses Kuhn, Loeb &amp; Co., New
York, diesem Plan. So kam eine Anleihe im Betrage
von nur 500 Millionen Dollar zustande, von denen
Morgan 200 Millionen übernahm. 150 Millionen davon
gingen an Großbritannien.

Hierbei machte Morgan einen interessanten Ver-
such, die Kontrolle des gesamten Geldwesens der Union
in seine Hände zu bekommen. Er versuchte nämlich, die
Bundesreserve-Banken (Federal Reserve Banks) der
Vereinigten Staaten zur Finanzierung dieser Anleihe

7
1
        <pb n="271" />
        heranzuziehen, Das Bundesreservesystem war kurz
vor dem Kriege mit dem ausdrücklichen Zweck ge-
gründet worden, die Macht der großen Privatbanken
zu brechen, insbesondere sollte den ihm unterstehen-
den Banken allein das Recht vorbehalten sein, außer-
halb des Ortes ihrer Niederlassung Filialen mit dem
Recht der Erledigung sämtlicher bankmäßigen Ge-
schäfte zu gründen, während die Filialen aller anderen
Banken nur dazu berechtigt sein sollten, Einzahlungen
anzunehmen und Auszahlungen zu leisten, Verschiedene
Einzelstaaten verboten in logischer Fortführung dieser
Politik überhaupt die Gründung von Bankfilialen. Diese
Frage wird heute noch in den Vereinigten Staaten
heftig diskutiert, und die Verfassungsmäßigkeit. der
betreffenden Gesetze ist gerichtlich häufig bestritten
worden.
Hätte nun Morgan die Bundesreserve-Banken dahin
gebracht, sich an der Finanzierung der Anleihe zu be-
teiligen, so hätte er sie unter seine Kontrolle be-
kommen und damit in aller Öffentlichkeit eine Organi-
sation aufgebaut, die man nicht anders denn als Geld-
trust hätte bezeichnen können. Ferner wären die poli-
tischen Folgen schwerwiegend gewesen, denn dieses
Verfahren hätte sich als ein offenkundiger Neutralitäts-
bruch dargestellt. Infolgedessen war die Opposition
gegen diesen Plan recht groß, und besonders das
National Peace Council (Nationale Friedensvereinigung)
widersetzte sich ihm unter der Führung des ehemaligen
Kongreßmannes H, Robert Fowler von Illinois auf das
heftigste, Er mußte denn auch fallengelassen werden.

Nach dieser ersten Anleihe der Alliierten brachte
Morgan auch alle anderen — ihr Betrag war im ganzen
etwa 9% Milliarden Dollar — in den Vereinigten
Staaten unter, Damit legte er den Grund zu seinem
Auftreten als politischer Bankier nach dem Kriege,

2A8
        <pb n="272" />
        das sich besonders in der Frage des Dawes-Planes
sowie der Stützung des französischen Franken zeigt,
Dinge, die im nächsten Kapitel noch genauer be-
sprochen werden sollen. Ferner gab Morgan dann
auch an die im Weltkrieg feindlichen Staaten An-
leihen und erlangte hierdurch und durch die gewöhn-
liche Entwicklung des ja schon von seinem Vater mit
bestem Erfolg betriebenen Geschäfts der Plazierung
besonders mittel- und südamerikanischer Anleihen auf
dem nordamerikanischen Markt einen großen Einfluß
in der ganzen Welt. Rein äußerlich drückt sich das
zum Beispiel dadurch aus, daß die National City Bank,
eine der Banken der Morgangruppe, durch ihre Tochter-
gesellschaft, die International Banking Corporation,
24 Filialen in der ganzen Welt hat. Aber auch ohne
derartige Filialinstitute wäre Morgans Macht groß
genug, Man kann nun zwar nicht gut sagen, daß er
die absolute Herrschaft über das Geld- und Kredit-
wesen der Welt in Händen hat, aber mit Fug und
Recht wird man sagen können, daß irgendeine wich-
tigere Anleihe oder sonstige Transaktion auf dem
internationalen Geldmarkt kaum durchgeführt werden
kann, ohne daß Morgan in irgendwelcher Form be-
teiligt werden muß, wenn er es wünscht. Auch dürfte
er wohl die Mittel in der Hand haben, eine ihm un-
erwünschte Finanztransaktion zu verhindern. Die
Stabilisierung der deutschen Mark. und des franzö-
sischen Franken zum Beispiel sind zwar ohne seine Mit-
wirkung durchgeführt worden, aber es ist zweifelhaft,
ob sie überhaupt oder wenigstens ungestört hätten zu-
wege gebracht werden können, wenn Morgan aus
irgendeinem Grunde ein Interesse daran gehabt hätte,
sie zu durchkreuzen.

160
        <pb n="273" />
        An der International Mercantile Marine Corpo-
ration oder dem Schiffahrtstrust, der ja schon das
Sorgenkind John Pierpont Morgans senior gewesen war,
hatte auch sein Sohn im großen und ganzen wenig
Freude, In der Kriegszeit allerdings blühte der Trust
auf, denn zur Beförderung des Kriegsmaterials, der
Lebensmittel und schließlich auch der amerikanischen
Soldaten nach Frankreich und England war selbst der
schlechteste und älteste Schiffsraum gesucht, voraus-
gesetzt, daß er sich nur über Wasser halten konnte.
Es wurden auch fieberhaft neue Schiffe gebaut, so daß
die in großer Fahrt eingesetzten Schiffe unter ameri-
kanischer Flagge von etwas mehr als 1 Million Brutto-
registertonnen im Jahre 1914 auf rund 11% Millionen
Tonnen im Jahre 1921 stiegen.

Aber diese Vervielfachung war zu rasch, um ge-
sund zu sein, Man hatte drauflos gebaut, ohne sich
zu überlegen, was aus all dem Schiffsraum werden
sollte, wenn die reichlichen Kriegstransporte und die
der Vermehrung entgegenarbeitende Tätigkeit der
deutschen Unterseeboote fortfiel. Es blieb aber nicht
bei dem Fortfallen der Kriegstransporte nach dem
Waffenstillstand, sondern in den Jahren 1920 und 1921
trat eine allgemeine wirtschaftliche Depression ein, in
der die im Krieg in den Vereinigten Staaten und den
neutralen Ländern und nach dem Krieg auch in den
anderen Ententestaaten gebauten Schiffe nicht voll
beschäftigt werden konnten. In allen beteiligten Län-
dern sind in dieser Zeit große, während des Krieges
durch Reedereigeschäfte erworbene Vermögen wieder
in nichts zerronnen, und es häuften sich die Fälle, in
denen Schiffe von den Kapitänen, oft auf Anweisung
ihrer Reeder, in betrügerischer Absicht versenkt wur-
den, um die Versicherungssumme einzustreichen, Denn
die Auflegung der Schiffe brachte nicht nur nichts ein,

270
        <pb n="274" />
        sondern verzehrte noch ziemlich beträchtliche Summen.
Für die Vereinigten Staaten kam noch hinzu, daß wäh-
rend des Krieges die Regierung selbst unter die Trans-
portunternehmer gegangen und eine Flotte betrieben
hatte, die sie nach Friedensschluß nicht abgeben
wollte, die ihr damals aber auch niemand abgekaulft
hätte, niemand überhaupt hätte abkaufen können. Sie
hatte sich dadurch die Feindschaft sämtlicher Unter-
nehmer des Landes, die gegen den staatlichen Betrieb
von öffentlichen Unternehmungen waren, zugezogen
— eine Feindschaft, die sich vielleicht auch in dem
Vergeben der Transportleistungen geäußert haben
mag, ohne daß man von einem direkten Boykott
sprechen kann. Jedenfalls war der Prozentsatz des bei
der Regierungsflotte unbeschäftigten Schiffsraumes
immer größer als bei den Privatreedereien. Für die
Staatsflotte der Union betrug zum Beispiel im Sep-
tember 1926, also zu einer Zeit, als der Tiefstand der
Depression schon seit einiger Zeit überwunden war,
der Prozentsatz des nicht in Fahrt befindlichen Schiffs-
raums mehr als 65%,

Die Ursachen, daß die Schiffahrt noch so lange
nach Beendigung der eigentlichen Wirtschaftskrise
unter schlechtem Geschäftsgang zu leiden hatte, liegen
auf der Hand. Philipp A. S. Franklin, der Präsident
des Schiffahrtstrusts, schrieb sie im August 1927 vor
allem den amerikanischen Einwanderungsgesetzen und
der Abnahme der Ozeanfrachten zu. Die erstgenannte
Ursache, die natürlich nur für die Schiffahrt nach
Amerika gilt, dürfte wohl mit Recht angeführt worden
sein. Wenn auch die Auswanderer vor dem Krieg
meist als Zwischendeckpassagiere fuhren und so den
Schiffahrtsgesellschaften nicht übermäßig viel ein-
brachten, waren sie doch eine Grundlage, mit der man
sicher rechnen konnte. Durch das amerikanische Ein-

771
        <pb n="275" />
        wanderungsgesetz und die dadurch geschaffene Ratio-
nierung der Einwanderung kam diese Grundlage in
Wegfall. Erschwerend kommt noch hinzu, daß die
Schiffahrtsgesellschaften für die Einhaltung der Ein-
wanderungsquote gewissermaßen mitverantwortlich
sind, denn jeden Einwanderer, den sie über die für das
betreffende Land festgesetzte Quote hinaus an die
Küsten der Vereinigten Staaten bringen, müssen sie
— selbst wenn es ohne ihr Verschulden geschah —
wieder zurückbefördern, außerdem haben sie unter
Umständen noch Strafe zu zahlen.

Die Abnahme der Ozeanfrachten aber kann man
wohl kaum als Grund für die Nöte der Seeschiffahrt
anführen, Im Gegenteil dürften die Seefrachten, dem
beanspruchten Schiffsraum nach, eher gestiegen sein,
Doch der Prozentsatz des Schiffsraums der Welt-
handelsflotte, den sie zu ihrer Beförderung benötigen,
ist gesunken.

Die Tonnage der Welthandelsflotte hatte sich von
1914 bis 1928 um etwa 19 Millionen Tonnen vermehrt,
und im Sommer 1927 waren fast 4 Millionen Tonnen
Schiffsraum beschäftigungslos. Trotzdem wurden bis
zum Sommer 1928 weitere 2 Millionen Tonnen neu
gebaut, und damit stieg die aufgelegte Tonnage auf
fast 4% Millionen Tonnen. So ist es erklärlich, daß die
Tonnage schneller gewachsen ist als die Nachfrage
nach Schiffsraum.

Diese Entwicklung der Lage der internationalen
Seeschiffahrt erklärt die Geschichte der International
Mercantile Marine Corporation in und nach dem Krieg.
Es ist bereits früher geschildert worden, wie es dem
älteren Morgan nicht gelungen war, seine Absicht
durchzuführen, im nordatlantischen Verkehr die Kon-
kurrenz auszuschalten, sondern daß besonders die
Konkurrenz der englischen Cunard Line seinem Schiff-

Safe: San m
Han
        <pb n="276" />
        fahrtstrust viele Kosten verursachte. Infolgedessen
konnte dieser sich nicht recht entwickeln, und im
Jahre 1914 stand er bereits vor der Einstellung der
Zinszahlung auf seine Schuldverschreibungen. Der
Krieg kam hier als Retter, und nun wurde der Schiff-
fahrtstrust plötzlich ein so wertvolles Besitztum, daß
die Standard Oil unter der Führung von Rockefeller
ein begehrliches Auge auf ihn warf. Durch Aktien-
aufkäufe versuchte Rockefeller, sich in den Besitz des
Trusts zu setzen, und nur in einem hartnäckigen Kampf
gelang es Morgan, diesen Wechsel in der Kontrolle
über die International Mercantile Marine zu ver-
hindern. Dieser Fehlschlag seiner Pläne -verstimmte
den alten Rockefeller dermaßen, daß die Standard Oil
und die von ihr abhängigen Unternehmungen sich
jeder Beteiligung an den von den Alliierten in den Ver-
einigten Staaten durch Morgan aufgelegten Anleihen
enthielten.
Unter der Depression der Nachkriegszeit hatte
natürlich auch der Schiffahrtstrust zu leiden, besonders
von 1923 ab, als die Einwanderungsgesetze sich aus-
zuwirken begannen. Nun kam es tatsächlich zur Ein-
stellung der Dividenden- und Zinszahlungen.

Immerhin ging es dem Schiffahrtstrust noch nicht
so schlecht wie der staatlichen Flotte der Union. Die
letztere umfaßte noch im Jahre 1926, als bereits ein
Teil wieder in Privathände übergegangen, ein anderer
Teil verschrottet worden war, 5,80 Millionen Brutto-
registertonnen und war damit noch etwas stärker als
die private amerikanische Handelsflotte mit ihren
5,76 Millionen Tonnen. Die Staatsflotte umfaßte be-
sonders zwei Unternehmungen, die United States
Lines, die die Passagierbeförderung besorgten und
vor allem die großen Dampfer „Leviathan‘ (das frühere
deutsche Schiff „Vaterland”), „George Washington“,

IR

Maorgdan

2723
        <pb n="277" />
        „America', „Republic', „President Harding”, „Presi-
dent Roosevelt‘, „Mount Vernon‘“ und „Monticello‘ be-
saßen, und die American Merchant Line, deren wich-
tigsteDampfer „AmericanBanker", „American Farmer“,
„American Merchant“, „American Shipper” und ‚Ameri-
can Trader” waren und die sich, wie der Name an-
deutet, mit dem Frachtgeschäft befaßte.,

Der Schiffahrtstrust, der sich besonders für den
„Leviathan‘ interessierte, hatte bereits im Frühjahr
1926 ein Angebot auf einen Teil des im Staatsbesitz
befindlichen Schiffsraums eingereicht, war aber ab-
gewiesen worden, und zwar aus demselben Grunde,
der später noch einmal angegeben wurde, daß näm-
lich die International Mercantile Marine kein rein
amerikanisches Unternehmen sei, Ein Verkauf war
aber allmählich eine dringende Notwendigkeit ge-
worden, denn bald konnte sich die Regierung — be-
sonders angesichts der gereizten Stimmung im Lande
_— den Luxus nicht mehr erlauben, jährlich große
Summen an dem Betrieb und teilweisen Nichtbetrieb
ihrer Flotte zuzusetzen. In den Rechnungsjahren
1921/22 bis 1925/26 erforderte die staatliche Handels-
flotte nicht weniger als 200 Millionen Dollar Zu-
schüsse, und zwar nur zum Ausgleich der Unterbilanz;
es kamen hierzu noch die Abschreibungen, die Er-
fordernisse des Zinsendienstes usw.

Im Jahre 1926 wurde die Frage des wenigstens
teilweisen Verkaufs der staatlichen Handelsflotte
akut. Da aber das Schiffahrtsamt mit dem Schiffahrts-
trust nicht in Verhandlungen treten wollte, solange
dieser noch die White Star Line, also eine englische,
und die Red Star Line oder Societe Anonyme de
Navigation Belge-Americaine, also eine belgische Ge-
sellschaft besaß, verhandelte der Trust wegen des
Verkaufs der White Star. Gleichzeitig (April 1926)

774
        <pb n="278" />
        legten Morgan und sein Partner Charles Steele ihre
Ämter als Direktoren der International Mercantile
Marine Corporation nieder. Franklin, der Präsident
des Schiffahrtstrusts, versuchte inzwischen, den Präsi-
denten des Schiffahrtsamts, O’Connor, davon zu über-
zeugen, daß der Betrieb ausländischer Schiffahrts-
linien durch den Trust nichts zu sagen habe, da sein
Kapital immerhin zu 93% in den Händen amerikanischer
Staatsbürger sei, Alles schien in schönster Ordnung
zu sein, die Verhandlungen mit dem Schiffahrtsamt
schritten zufriedenstellend vorwärts und die mit der
englischen Reederei Furness, Withy &amp; Co. über den
Verkauf der White Star standen vor dem Abschluß,
da nahmen Ende Oktober 1926 Morgan und Steele
ihre Direktorenposten der International Mercantile
Marine Corporation wieder auf. Allgemein wurde das
als ein Zeichen gedeutet, daß die Verhandlungen sich
zerschlagen hätten, und so war es auch. Über die
Gründe, die Morgan &amp; Co. zum Abbruch der Unter-
handlungen mit Furness, Withy &amp; Co. bewogen, wurde
nichts näheres bekannt.

Kurz darauf, nämlich Anfang November 1926, fuhr
Präsident Philipp A. S. Franklin vom Schiffahrtstrust
nach England, um dort eine eigene Gesellschaft zu
gründen, die die White Star übernehmen sollte. Aus
dem Erlös sollten 10 Millionen Dollar dafür ver-
wendet werden, die Dampfer „Leviathan‘, „George
Washington", „President Harding‘, „President Roose-
velt” und „Republic‘“ vom Schiffahrtsamt zu kaufen.

Das Schiffahrtsamt bot seinerseits neuerdings seine
Linien zum Verkauf aus. Es liefen drei Angebote ein:
eins von der Firma J. H. Winchester &amp; Co., eins von
der Firma William F, Kelly &amp; Co. und eins von der
International Mercantile Marine Corporation. In-
zwischen hatte Franklins Mission in England Erfolg

W

&gt;78
        <pb n="279" />
        gehabt, und am 27, November 1926 wurde die White
Star Line an die Royal Mail Steam Packet Company
für 7 Millionen Pfund Sterling verkauft. Ein Teil des
Kaufpreises wurde in bar erlegt, für den Rest wurden
Pfandbriefe der Steam Packet in Zahlung genommen.
Auf die Meldung von diesem Verkauf ließ das
Schiffahrtsamt bekanntmachen, daß es die fällige Ent-
scheidung über die Gebote von Winchester und Kelly
noch um zwei Wochen hinausschieben werde. Gleich-
zeitig kündigte der Schiffahrtstrust an, er verhandle
mit der Royal Mail Steam Packet Company auch noch
über den Verkauf der englischen Leyland Line und der
belgischen Red Star, womit er dann seinen gesamten
ausländischen Besitz abgestoßen hätte. Die drei Ge-
sellschaften (White Star, Red Star und Leyland)
machten zusammen schon eine ganz achtunggebietende
Flotte aus, wie die folgende Aufstellung für das Jahr
1926 zeigt:
Gesellschaft Dampfer Raumgehalt
White Star Line:. . 23 500000 Tonnen
Leyland Line. . . , 39 264000 Tonnen
Red Star Line . . . 43 2330000 Tonnen
Zusammen: 105 1094000 Tonnen,
Sämtliche Verhandlungen aber zerschlugen sich
wieder und das Schiffahrtsamt behielt seine Schiffe.
Allerdings kündigte es nochmals im Januar 1927 an,
es wolle die United States Lines und die American
Merchant Line für einen angegebenen, festen Betrag,
der sich ein wenig über dem in den bisher gemachten
Angeboten hielt, abgeben.

Inzwischen trat aber eine Veränderung der äußeren
Umstände ein. Das Jahr 1927 brachte eine etwas
bessere Konjunktur im atlantischen Transportgeschäft,
außerdem trafen die United States Lines im März 1927

7716
        <pb n="280" />
        mit der Cunard Line und der White Star Abkommen
über Frachtraten — womit sich die Regierung eines
Mittels bediente, das sie selbst bei den Trusts stets
bekämpft hatte, So brachte das Geschäftsjahr 1926/27
den Regierungslinien zum erstenmal nach langer Zeit
wieder einen — wenn auch nicht großen — Gewinn,
nämlich rund 370000 Dollar. Den Löwenanteil hieran
hatte der „Leviathan”. Es ist infolgedessen nicht ver-
wunderlich, daß die International Mercantile Marine
Corporation immer weiter ihre Aufmerksamkeit auf
den Erwerb dieses Riesendampfers richtete. Im De-
zember 1927 wurde daher wieder einmal angekündigt,
daß der Schiffahrtstrust die Leyland Line sowie die
Atlantic Transport Line verkaufen, sich dann re-
organisieren und den „Leviathan”” von der Regierung
übernehmen werde. Auch aus diesem Plan wurde
nichts.
Inzwischen hatte sich im Rechnungsjahr 1927/28 der
Gewinn der United States Lines vom vorhergehenden
Geschäftsjahr wieder in einen Verlust verwandelt. Der
Betrieb des Dampfers „Leviathan‘ hatte allerdings
einen Reingewinn von etwas über einer halben Mil-
lion Dollar gebracht, dafür aber beliefen sich die bei
den anderen Dampfern erlittenen Verluste auf ins-
gesamt etwa eine Million, so daß die Bilanz einen
Reinverlust von rund 465000 Dollar ergab. Auch die
American Merchant Lines hatten mit einem Verlust
von mehr als 150000 Dollar zu rechnen. So wurden
im September 1928 von neuem die Regierungslinien
zum Verkauf gestellt. Es wurden nicht weniger als
10 verschiedene Pläne ausgearbeitet, je nachdem,
welche und wieviele Schiffe übernommen werden
sollten; ein Plan verpflichtet sogar den Käufer, zwei
neue Schiffe zu bauen. Ferner ist genau vorgeschrie-
ben, was mit den Dampfern geschehen soll: sie müssen

3717
        <pb n="281" />
        vor allem tatsächlich betrieben werden (es soll also
wahrscheinlich verhindert werden, daß eine Gesell-
schaft sie aufkauft, um eine Konkurrenz zu beseitigen,
und sie dann stillegt), und zwar muß der „Leviathan”
jährlich mindestens 13 Fahrten zwischen New York
und einem englischen oder französischen Hafen
machen. Auch für die anderen Schiffe sind ähnliche
Bedingungen festgesetzt. Die Zahlungsbedingungen
sind recht entgegenkommend: 2% % des Kaufpreises
ist bei Einreichung des Angebots zu erlegen, 22 % %
bei Übergabe der Schiffe und den Rest in 15 Jahres-
raten. Es ist anzunehmen, daß sich der Schiffahrts-
trust für dieses Angebot wieder interessieren wird, Er
hofft anscheinend, durch Übernahme besonders der
„Leviathan‘“ seinen eigenen Schwierigkeiten etwas ab-
zuhelfen. Ob nun allerdings bereits das Schlußkapitel
der abwechslungsreichen Geschichte der Beziehungen
zwischen dem Schiffahrtstrust und dem amerikanischen
Schiffahrtsamt geschrieben ist, bleibt noch abzuwarten.

Achtzehntes Kapitel
HOCHFINANZ UND GROSSE POLITIK:
DAWES-PLAN UND FRANKENSTÜTZUNG
WW: dem älteren Morgan, wie bereits früher er-
wähnt, nicht recht gelungen ist, nämlich eine
Rolle in der großen Politik zu spielen, das wurde
seinem Sohn in um so höherem Maße zuteil, Die Gründe
hierfür liegen auf der Hand und haben mit etwa
mangelnder Tatkraft von John Pierpont Morgan senior
nicht das geringste zu tun. Zu seinen Lebzeiten waren
die Umstände einer solchen Betätigung eben noch
nicht günstig, die Zeit war noch nicht reif. Die Ver-

278
        <pb n="282" />
        einigten Staaten waren zwar längst nicht mehr ein
reiner Schuldnerstaat, der Geld aus dem Aus-
land leihen mußte, sondern waren — gerade durch
Morgan — seit der Jahrhundertwende etwa in immer
steigendem Maße dazu übergegangen, selbst Geld
auszuleihen. Aber diese ihre Betätigung erstreckte
sich — von einigen Ausnahmen abgesehen, von denen
die Auflage von Anleihen für Deutschland, für Groß-
britannien während des Burenkrieges und für Japan
zur Zeit des Russisch-Japanischen Krieges die wichtig-
sten waren — auf Staaten, die in der hohen Politik
eine weniger wichtige Rolle spielten, besonders auf
die mittel- und südamerikanischen Länder. Die wirt-
schaftspolitische Bedeutung dieser Finanzgeschäfte
soll damit durchaus nicht verkleinert werden, denn sie
half den Boden vorzubereiten für die immer zunehmende
Durchdringung der Wirtschaft Lateinamerikas mit
vereinsstaatlichem Kapital und damit schließlich auch
für die stets wachsende politische Beeinflussung dieses
Erdraums durch die große nordamerikanische Re-
publik.
Erst der Weltkrieg machte die Vereinigten Staaten
zu der wichtigsten Gläubigernation, verschob das
Finanzzentrum der Welt von London nach New York
und brachte damit die immer unverhülltere Abhängig-
keit der Politik der Alten Welt von der rein finanz-
technischen Seite des Wirtschaftslebens mit sich, die
man wohl als Amerikanisierung bezeichnen kann.
Denn sie war im Grunde genommen nichts anderes
als die Ausdehnung amerikanischer Ideen auf Europa.
Früher wurde die Wirtschaft weitgehend von der
Politik beherrscht, und hatte auch schon die zweite
Hälfte des 19, und der Beginn des 20. Jahrhunderts in
weitgehendem Maße eine Umkehrung des Verhält-
nisses gebracht, so wurde doch wenigstens nach außen

» 70
        <pb n="283" />
        hin die Fiktion der Herrschaft der Politik über die
Wirtschaft aufrechterhalten. Es kann auch wohl kein
Zweifel darüber bestehen, daß manche Politiker noch
glaubten, zu schieben, als sie schon längst die Ge-
schobenen waren, die Puppen, die an den Drähten
tanzten, die die großen Wirtschafts- und Finanz-
männer in der Hand hielten. Das wichtigste Vorkomm-
nis der Nachkriegszeit in Europa auf finanzpolitischem
Gebiet, die Annahme des Sachverständigen-Gut-
achtens durch Deutschland, das diesem Lande wenig-
stens einen modus vivendi mit seinen Feinden aus dem
Weltkrieg verschaffte, mit allen seinen Nebenfragen
war im Grunde genommen eine von Wall Street aus-
gehende Bewegung. Ihre Ursache war in erster Linie
das Bemühen der Finanzkreise der Vereinigten Staaten,
endlich einmal die Rückzahlung der im Kriege an die
Alliierten geliehenen Summen in die Wege zu leiten,
denn bisher hatte nur Großbritannien ernstliche
Anstalten gemacht, seinen Verpflichtungen nach-
zukommen. In zweiter Linie spiegelt der Kampf um
den Dawes-Plan auch das Ringen zwischen dem Bank-
haus Morgan und seinem größten Rivalen in Wall
Street, dem Bankhaus Kuhn, Loeb &amp; Co., wieder.

Die Bemühungen John Pierpont Morgans um eine
Regelung der internationalen Schuldenfrage lassen
sich bis auf das Jahr 1921 zurückverfolgen. Im Sep-
tember des genannten Jahres war angeblich ein Herr
Parker Miller, mit dem Flugzeug aus Paris kommend,
in Berlin eingetroffen und hatte Verhandlungen mit
einem Vertreter von Hugo Stinnes — der sich selbst
damals gerade in Schweden aufhielt — sowie mit dem
Direktor der A.E.G., Deutsch, gepflogen. Unter dem
Namen Parker Miller sollte der unerkannt bleiben

PR)
        <pb n="284" />
        wollende Morgan verborgen gewesen sein. Die Be-
sprechungen sollen den Zweck gehabt haben, die Über-
nahme deutscher _Reparationsschuldverschreibungen
durch eine internationale Gruppe vorzubereiten. Parker
Miller reiste von Berlin aus nach Prag und Wien.

Wie kaum anders zu erwarten war, wurde diese
Meldung von den interessierten Kreisen dementiert.
Zu der Zeit, als Parker Miller sich in Berlin aufhielt,
sollte Morgan in Schottland gewesen sein; auch ließ
er erklären, er habe seit Kriegsausbruch Berlin nicht
mehr besucht. Auch von Parker Miller und seinen
angeblichen Besprechungen wollte er nichts wissen.
Nicht dementiert wurde dagegen, daß Morgan im Mai
1922 mit Lloyd George in London eine Besprechung
über die internationale Finanzlage abhielt. Hierbei
kann es sich natürlich auch kaum um andere Fragen
gedreht haben als die, die der angebliche Parker Miller
in Berlin diskutiert hatte.

Die Besetzung des Ruhrgebiets durch Frankreich
sowie die darauf folgende katastrophale Inflation in
Deutschland ließ eine Regelung der internationalen
Finanzlage dringend geboten erscheinen. Denn die
europäischen Schuldnerstaaten der Union erklärten,
ihre Schulden nur dann zurückzahlen zu können, wenn
sie die im Friedensvertrag von Versailles verankerten
Reparationszahlungen von Deutschland erhielten. Die
Stabilisierung der Währung und die Begründung der
neuen Rentenmarkwährung, die Deutschland ohne
Hilfe von außen durchführte, ließen die Bahn frei er-
scheinen für eine derartige Regelung.

Schon in den letzten Monaten des Jahres 1923
tauchte das Projekt auf, die deutsche Wirtschaftslage
und Zahlungsfähigkeit durch ein Komitee von Sach-
verständigen unter amerikanischer Führung unter-
suchen zu lassen, dessen Gutachten dann die Grund-

2Q1
        <pb n="285" />
        lage zur Regelung der deutschen Zahlungen an die
Siegerstaaten und damit auch der Zahlungen der euro-
päischen Schuldner an die Vereinigten Staaten bilden
sollte. Mitte Dezember wurden als Kandidaten für
den Posten eines amerikanischen Sachverständigen
genannt General Charles G. Dawes, Owen Young, der
Vorsitzende der Internationalen Handelskammer Booth,
der frühere Staatssekretär N. H. Davis, ferner die
Bankiers John Pierpont Morgan, Mortimer Schiff, B. B.
Barnett und G. Reynolds. Hier ergibt sich bereits die
Rivalität der Häuser Morgan &amp; Co. und Kuhn, Loeb
&amp; Co.; der Vertreter des letztgenannten Hauses war
Schiff, Wenige Tage später wurde die Kandidatur der
Bankiers, besonders Morgans und Schiffs, als un-
erwünscht bezeichnet, da sie zu unmittelbar am inter-
nationalen Bankwesen interessiert seien, während
man wünschte, als Sachverständige möglichst un-
parteiische Männer aufzustellen.

Am 18. Dezember 1923 wurden denn tatsächlich
Dawes und Young als Sachverständige ernannt, und
ihnen wurde für Budgetfragen noch der Bruder des
Generals Dawes, Rufus Dawes, beigegeben, Die Sach-
verständigen sollten nur als Privatleute, nicht etwa als
Vertreter der amerikanischen Regierung tätig sein.

So unparteiisch diese Wahl auch aussah, so war
sie es doch in Wirklichkeit durchaus nicht, Ameri-
kanische Zeitungen erkannten denn auch an, daß
General Dawes im Grunde genommen den später nach
ihm benannten Plan nur mit seinem Namen gedeckt
habe, während er in ganz beschränktem Maße als
wirklicher Urheber gelten könne. Viel eher noch sei
Young als solcher zu bezeichnen, der infolge seiner
früheren Verbindung mit der A.E.G., und seines Auf-
enthaltes in Deutschland vor dem Krieg die deutschen
Verhältnisse sehr genau kannte und am besten in der

88°)
        <pb n="286" />
        Lage war, die wirtschaftlichen Fähigkeiten Deutsch-
lands und seine Arbeitskraft zu beurteilen. Young
hatte unbegrenztes Vertrauen zu Deutschland — ein
Vertrauen, das sich in den schweren Lasten auswirkte,
die der Dawes-Plan Deutschland auferlegte. Aber
auch Young wieder war nicht der eigentliche Urheber
des Planes, er führte nur mehr oder weniger die Direk-
tiven aus, die ihm von Wall Street gegeben waren —
eine Behauptung, die durch die Bereitwilligkeit und
Schnelligkeit gestützt wird, mit der die Sachverstän-
digen auf Meinungsäußerungen Wall Streets, der
amerikanischen Bankkreise und des „maßgebenden
Mannes auf dem amerikanischen Geldmarkt‘, wie es
in einer New Yorker Meldung des „Daily Telegraph”
heißt, reagierten. Auch die verschiedenen Krisen, die
die Sachverständigen-Konferenz in London durch-
machen mußte, sind weiter nichts als Auswirkungen
der rivalisierenden Strömungen in Wall Street.

Im Januar 1924 kamen die Sachverständigen der
verschiedenen Siegerstaaten in Paris zusammen. Zum
Vorsitzenden des Ausschusses wurde General Dawes
gewählt, Die Ergebnisse der langwierigen Verhand:-
lungen, Untersuchungen und Prüfungen, die sich in
dem Dawes-Gutachten kristallisierten, brauchen hier
nicht ausführlich erörtert werden. Es sei nur fest-
gestellt, daß der Dawes-Plan vorsah, Deutschland die
Zahlung einer bis zum Jahre 1928 jährlich steigenden
Summe aufzuerlegen; vom Jahre 1928 an aber behält
diese Summe ihre Höhe bei, abgesehen von Modi-
fizierungen nach einen Koeffizienten oder Index, der
sich nach dem Wohlstand Deutschlands richtet. Zur
Sicherheit dieser Reparationszahlungen wird die
Reichsbahn verpfändet, und zur Gewährleistung der
Stabilität der neuen deutschen Währung wird eine
Goldnotenbank begründet, zu welchem Zweck im

&gt; Ki
Ö_
        <pb n="287" />
        Ausland eine Anleihe von 800 Millionen Goldmark
aufgenommen wird. Man hoffte, durch diese Fest-
setzung der Zahlungen und ihre Sicherung zu er-
reichen, daß die Reparationsgläubiger Deutschlands
befriedigt werden würden und ihrerseits als Schuldner
wieder ihren großen Gläubiger Amerika befriedigen
könnten und würden.

Aber die Sachverständigen schienen in der Atmo-
sphäre von Paris doch wohl vom wirtschaftlichen
Standpunkt aus etwas auf das Gebiet der reinen
Politik, und zwar der Prestigepolitik gedrängt worden
zu sein, Jedenfalls hielt es Morgan, der das Frühjahr
im Orient und in Griechenland zugebracht hatte, für
nötig, im April selbst nach Paris zu kommen — gleich-
zeitig traf übrigens Montague Norman von der Bank
von England ein — um einmal den Sachverständigen
und Diplomaten, wie einst sein Vater den wider-
spenstigen Eisenbahnmännern, die Peitsche zu zeigen.
Er führte eingehende Verhandlungen mit den beiden
amerikanischen Sachverständigen Dawes und Young
und präzisierte ihnen genau die Stellung, die der von
ihm geleitete Bankierausschuß in bezug auf die Pläne
der Sachverständigen annahm, und unter welchen Be-
dingungen er sich mit diesen Plänen einverstanden er-
klären würde.
Es waren besonders vier Fragen, mit ‚deren Be-
handlung in Paris die amerikanischen Bankiers nicht
ganz einverstanden waren:

Begrenzung der Zahlungsverpflichtung Deutsch-
lands;

Freie Hand für nutzbringenden Handel Deutsch-
lands;

Sanktionen;

Regelung: des gesamten Komplexes der inter-
nationalen Finanzfragen.

RA
        <pb n="288" />
        Was den ersten Punkt anbetrifft, so war es den
amerikanischen Bankiers unter Führung von Morgan
natürlich klar, daß es ein Unding sei, einem Schuldner
zuzumuten, jährliche Raten seiner Schuld zu zahlen,
ohne ihm mitzuteilen, wie groß diese Schuld eigent-
lich sei, wie viele Raten er zu zahlen habe. Von
philanthropischen Erwägungen waren die Finanziers
sicher nicht geleitet, sondern klar und einfach von der
Erwägung, daß eine unbegrenzte Zahlungspflicht
Deutschlands ein Element großer Unsicherheit in die
an und für sich schon recht undurchsichtigen Fragen
hereinbrachte. Es wurde mehrere Male ausdrücklich
betont, daß Deutschland auf dem internationalen Geld-
markt nur dann Kredit finden könne, wenn es über
die endgültige Höhe seiner Reparationsverpflichtungen
unterrichtet werde, da es sonst ja ein zu unsicherer
Schuldner sei. Durch eine Vereitelung der Anleihe
aber wäre der gesamte Sachverständigen-Plan illu-
sorisch geworden.

In bezug auf die Freiheit Deutschlands, nutz-
bringenden Handel zu treiben, machte er ebenfalls
darauf aufmerksam, daß nur unter dieser Voraus-
setzung eine Anleihe möglich sei. Es war gerade dies
ja eine recht komplizierte Angelegenheit. Deutschland
konnte natürlich nur zahlungsfähig gemacht werden
durch. Steigerung seiner Arbeitskraft und seiner Aus-
fuhr, Die letztere würde aber erhöhte Konkurrenz
der deutschen Waren auf den Welthandelsmärkten
gegenüber den Waren der Siegerstaaten mit sich
bringen, und schon wurde ja infolge der voran-
gegangenen Inflation nach Schutz gegen das Dumping
deutscher Erzeugnisse gerufen. Hier vertrat Morgan
selbst gegenüber den Wirtschaftskreisen seines eigenen
Landes die Interessen der Finanzkreise, die dahin
gingen, Deutschland keine von vornherein unerfüll-

I

im
        <pb n="289" />
        baren Bedingungen zu stellen. Denn es war ganz klar,
daß jemand, der nichts einnimmt, auch nichts zahlen
kann.
Auch in der Frage der Sanktionen legte Morgan den
Standpunkt der amerikanischen Bankiers fest, der
sich radikal von dem der französischen und belgischen
Regierung unterschied, Es war damals noch das Ruhr-
gebiet besetzt, und Frankreich wollte dieses Pfand
eben nur gegen die Annahme des Sachverständigen-
Gutachtens durch Deutschland herausgeben. Es wollte
sich aber auch das Recht vorbehalten, bei jeder Ver-
fehlung Deutschlands gegen seine Zahlungsverpflich-
tungen von neuem Sanktionen zu ergreifen, Von
Belgien wurde es hierbei kräftig sekundiert, Die
Amerikaner aber waren hiermit durchaus nicht ein-
verstanden. Ihnen, den Finanzmännern und Wirt-
schaftlern, war der Eingriff der Franzosen in den
komplizierten Wirtschaftsorganismus des Ruhrgebiets,
der die deutsche Inflation erst zu einer Katastrophe
gemacht hatte, vollkommen unverständlich geblieben.
Sie trieben Politik auf wirtschaftlicher und finanzieller
Grundlage, während Frankreich beziehungsweise sein
Exponent Poincare Prestigepolitik trieb, der sich die
Wirtschaft anzupassen hatte. Etwaige neue Sank-
tionen, meinten die amerikanischen Finanzleute, wür-
den von neuen, ebenso katastrophalen Folgen be-
gleitet sein. Während Morgan diese Gesiehtspunkte
den amerikanischen Sachverständigen gegenüber nur
andeuten brauchte und auch Poincare gegenüber
von dem er empfangen wurde, sicher sich sehr zurück-
haltend geäußert hatte, sprachen in einem späteren
Stadium der Verhandlungen Finanzmänner, die der
Morgangruppe angehörten, in aller Öffentlichkeit weit
schärfere Worte,

Der vierte wichtige Gesichtspunkt war der der

286
        <pb n="290" />
        durchgreifenden Regelung der internationalen Finanz-
fragen, kurz gesagt, der Kriegsschuldenfragen. Die
Amerikaner wollten sich nicht damit zufriedengeben,
daß jetzt Deutschland zum Zahlen verpflichtet würde,
während die Mächte, an die die deutschen Zahlungen
zu leisten waren, nicht daran dächten, ihren Ver-
pflichtungen gegen Amerika nachzukommen. Sie wur-
den ja sowieso von der Frage der deutschen Zahlungen
hauptsächlich insofern berührt, als diese wieder auf die
Zahlungsfähigkeit und -willigkeit ihrer europäischen
Schuldner zurückwirkten, Sie waren auch überzeugt da-
von, daß Gutachten und Zwangsmaßnahmen allein hier
nichts nützen würden, sondern nur ehrlich Einigung auf
beiden Seiten, und Morgan selbst soll wörtlich ge-
äußert haben, der Erfolg der deutschen Anleihe und
damit des ganzen Sachverständigen-Planes hänge von
der Zusammenarbeit der Alliierten mit Deutschland ab.

Am 27. April 1924 reiste Morgan von Paris ab und
begab sich nach London, verließ aber England bereits
am 30. desselben Monats, um sich nach Amerika ein-
zuschiffen. In London soll er erklärt haben, er habe
überhaupt noch keine Zeit gefunden, sich eingehender
mit der deutschen Anleihe von 800 Millionen Gold-
mark zu beschäftigen, während aus New York die
Meldung kam, sofort nach seinem Eintreffen dort
würden die Vorbereitungen für diese Anleihe be-
ginnen.

Bei all diesen Fragen hatte Morgan Frankreich
gegenüber ein Druckmittel in der Hand, denn seit
kurzem hatte das Zwischenspiel des Sturzes des fran-
zösischen Franken begonnen. Bei den ersten An-
zeichen dieses Sturzes hatten sich die Spekulanten,
die aus den Inflationen in Mitteleuropa profitiert
177

af
        <pb n="291" />
        hatten, bereitgemacht, auch hier wieder ihre sattsam
bekannten Geschäfte auszuüben. In England und
Amerika und auch in Deutschland, nicht zuletzt in
Frankreich selbst, begannen sie, große Mengen fran-
zösischer Franken auf den Markt zu werfen, in fran-
zösischen Franken zu fixen und Terminkäufe in fran-
zösischen Franken zu tätigen. Die Sachverständigen
sahen durch diese Bestrebungen ihre ganze bisherige
Arbeit gefährdet, denn was hätte es geholfen, wenn
sie durch die Anleihe an Deutschland dessen Währung
auf eine feste Basis stellten, während gleichzeitig der
französische — und mit ihm der belgische — Franken
ins Bodenlose abrutschte? Am 19. Februar bereits hatte,
der Franken die Notierung 100 Franken = 1 Pfund
Sterling überschritten, ein bisher noch niemals er-
reichter Tiefstand. Morgan, der anscheinend die Ab-
neigung seines Vaters gegen Geschäfte, die sich auf
reine Spekulationen gründen, nicht geerbt hatte, sah
hier nun die Gelegenheit, die Stützung des französi-
schen Franken unter großem Gewinn durchzuführen,
Er kaufte riesige Frankenbestände auf und bot dann
der französischen Regierung eine Anleihe zur Stützung
des Franken an. Die französische Regierung, die zu-
nächst ohne Beihilfe durch Devisengesetze und der-
gleichen den Sturz des Franken aufzuhalten versucht
hatte, ohne einen Erfolg aufweisen zu können, griff
bereitwillig zu. Schon die Bekanntmachung der Ab-
sicht Morgans aber genügte, um das Absinken des
Franken aufzuhalten.

Morgan selbst hatte hierbei erst den letzten ent-
scheidenden Schritt unternommen. Die Sachverstän-
digen hatten bereits gut vorgearbeitet; Dawes und
Young, die die drohende Gefahr rechtzeitig erkannt
hatten, waren bereits zweimal an die Regierung in
Washington mit der Bitte, durch ihr Eingreifen eine

MREKQ
        <pb n="292" />
        Panik in Frankreich zu verhindern, herangetreten, je-
doch ohne Erfolg. Als ihnen nun Morgan den Vorschlag
machte, die Stützung des Franken mit der Annahme
ihres Gutachtens zu verquicken und insbesondere
Frankreich die Bedingung zu stellen, Deutschland die
Wiederherstellung seiner vollen wirtschaftlichen Sou-
veränität und Einigkeit zu ermöglichen, also die Ruhr-
besetzung und die wirtschaftliche Trennung des be-
setzten vom unbesetzten Gebiet aufzuheben, erklärten
sie sich einverstanden. Sie setzten sich mit ihrer Re-
gierung in Verbindung, die zwar erklärte, keinerlei
Verantwortung für diese Operation übernehmen, ihr
jedoch auch nichts in den Weg legen zu wollen. Die
Sachverständigen versicherten sich dann des Ein-
verständnisses der französischen Minister und anderer
leitender Persönlichkeiten. Ob hierbei Schriftstücke
gewechselt worden sind oder ob es sich nur um münd-
liche Besprechungen handelte, ist nicht bekannt.

Die Geschichte der Frankenstützungsaktion ist
sehr wechselvoll. Es war zunächst vorgesehen, daß
Morgan der Banque de France auf nicht ganz ein Jahr
100 Millionen Dollar gegen die Verpfändung von Gold-
barren zur Verfügung stellen sollte. Die Banque de
France verpflichtete sich, den vollen Betrag in Gold
nach New York zu verschiffen, wenn bis zum Fällig-
keitstermin der Kredit nicht vollständig zurückgezahlt
wäre. Ferner verpflichtete sie sich, bis zur Besserung
der Finanzlage keinerlei Kredite aufzunehmen außer
höchstens zur Fundierung der schwebenden Schuld
und zum Wiederaufbau der zerstörten Gebiete, auch
diese aber nur, wenn sie durch die normalen Haus-
haltseinkünfte gedeckt werden könnten. Auch werde
sie selbst in dieser Zeit keine Anleihe ausgeben. Außer
Morgan sollte sich England an der Frankenstützungs-
aktion beteiligen, und zwar war vorgesehen, daß die

19 Morgan

79QQ
        <pb n="293" />
        englischen Banken Lloyd’s, Barclay’s, Westminster
und National Provincial durch die Vermittlung des
Hauses Lazard Freres je eine Million Pfund Sterling
zur Verfügung stellen sollten.

Die Wirksamkeit der Frankenstützungsaktion
scheint noch dadurch verzögert worden zu sein, daß
Morgan, der ja auf die Hausse des Franken spekuliert
hatte, seine zu billigem Kurs eingekauften Franken-
bestände wieder auf den Markt warf; jedenfalls fiel
der Kurs des Franken im Frühjahr 1924 weiter. Die
Morgan-Anleihe, deren Betrag bald zu 30, bald zu 50
und bald zu 100 Millionen Dollar angegeben wurde,
ist dann in der Höhe von 200 Millionen Dollar erst im
Sommer 1924 gewährt worden, und zwar nur auf drei
Monate, Sie verschaffte, wie weiter unten gezeigt
werden soll, Morgan noch ein weiteres Druckmittel bei
der Londoner Konferenz, .

Alle diese Maßnahmen waren selbst von fran-
zösischer Seite nur als Atempause bezeichnet worden.
Frankreich beabsichtigte anscheinend, die endgültige
Stabilisierung aus eigener Kraft durchzuführen. Auch
die Verlängerung des am 12. September 1924 fälligen
Kredits durch Morgan auf weitere drei Monate — der
englische Kredit wurde nicht verlängert — konnte die
Abwärtsbewegung des Franken nicht aufhalten. Im
Sommer 1926 war er weit unter die Hälfte des Tief-
standes vom Frühjahr 1924 gefallen, Dann erklärte
Wall Street, daß Frankreich seinen Franken aus
eigener Kraft stabilisieren müsse, ehe es auf fremde
Hilfe rechnen könne, Im Dezember 1926 hat Frank-
reich das dann auch getan.

00
        <pb n="294" />
        Bis zum Zusammentritt der Londoner Konferenz
im Juli 1924 wurde der amerikanische Standpunkt, das
ist der Standpunkt der amerikanischen Bankiers unter
der Führung Morgans, in bezug auf die Regelung der
Zahlungen Deutschlands, mehrmals von neuem prä-
zisiert. Besonders wurde immer wieder darauf hin-
gewiesen, daß Sanktionen nicht in Frage kommen
dürften, wie die Meinung des „maßgebenden Geld-
mannes” sei, und Wall Street wies ausdrücklich dar-
auf hin, daß etwaige Rückstände Deutschlands in den
Zahlungen nach dem Dawes-Gutachten nicht als bös-
willige Verfehlungen mit Sanktionen zu bestrafen,
sondern unvoreingenommen auf ihre Ursachen zu
untersuchen seien,

Hierbei machten sich nun zwei interessante Strö-
mungen bemerkbar. Die eine war der hinter den Ku-
lissen geführte Kampf des neuen Finanzzentrums der
Welt, New York, gegen das alte, London. Es wurde
immer von neuem betont, daß die neue deutsche Gold-
bank auf Goldgrundlage errichtet werden müsse, Ge-
meint war damit, auch wenn es nicht ausdrücklich
hinzugefügt wurde, auf Dollargrundlage. Das englische
Pfund war damals nicht ganz stabil, und es wurde die
Befürchtung ausgesprochen, daß die neue deutsche
Währung auch gleich ins Wanken geraten würde,
wenn sie sich etwa auf der Pfundgrundlage aufbauen
sollte. Ferner wurde darauf aufmerksam gemacht, daß
der Dawes-Plan von allen Beteiligten unter allen Um-
ständen angenommen werden müsse, und zwar schon
aus Rücksicht auf das Prestige Amerikas. Das war
eine leise Drohung.

Außerdem wurde darauf hingewiesen, daß es sich
bei der ganzen Angelegenheit nicht um eine politische,
sondern um eine rein geschäftliche Frage handele. Die
vorerst wichtigste Transaktion nach dem Sachverstän-

3”

201
        <pb n="295" />
        digen-Gutachten war ja die Anleihe von 800 Millionen
Goldmark für Deutschland. Am deutlichsten drückt
sich diese Ansicht in der Meinungsäußerung von
Francis Sisson, dem Vizepräsidenten der Guaranty
Trust Company, also eines Mannes aus der Morgan-
gruppe, aus, Sisson erklärte, diese Anleihe sei aus-
schließlich eine Angelegenheit der privaten Kapitals-
anleger. Weder die Banken noch die Regierungen
übernähmen Bürgschaft für sie. So sei die Politik ganz
ausgeschaltet. Auf diese Weise sei es aber von grund-
legender Bedeutung, daß der Geldgeber mit seiner
Sicherheit zufrieden sei, und der amerikanische Kapi-
talist werde ausländische Wertpapiere nicht kaufen,
wenn er an die Möglichkeit glauben müsse, daß die
eine oder die andere Macht eine gesonderte Aktion
(soll heißen Sanktion) einleiten werde und in der Lage
sein könnte, der übrigen Welt gegenüber eine dikta-
torische Haltung einzunehmen, Zur Sicherheit wurde
übrigens gefordert, daß die Vereinigten Staaten ein
Pfandrecht erster Ordnung auf die Anleihe erhalten
sollten,
Die amtliche Haltung der Vereinigten Staaten
während der Londoner Konferenz bewegte sich auch
ganz auf der von den Bankiers vorgezeichneten Linie.
In amtlicher Eigenschaft waren nur anwesend der
amerikanische Botschafter in London, Kellogg, und
der amerikanische Botschafter in Berlin, Houghton.
Als „Beobachter“, „Privatleute“ usw. aber befanden
sich in London der Staatssekretär des Äußeren Hughes,
der Staatssekretär der Finanzen Mellon, der Be-
obachter beim Reparationsausschuß General Logan,
ferner Owen Young und Thomas W., Lamont von der
Firma Morgan &amp; Co. Morgan selbst sollte in wenigen
Tagen eintreffen, ebenso ein Vertreter der Firma
Kuhn, Loeb &amp; Co.

797
        <pb n="296" />
        Morgan, der sich schon bei seiner letzten An-
wesenheit in Europa sowohl bei der französischen wie
bei der englischen Regierung eingehend über ihre
Stellungnahme zu dem Sachverständigen-Gutachten
orientiert hatte, und der fest überzeugt war, daß nur
die Annahme dieses Gutachtens und damit die Schaf-
fung eines modus vivendi zwischen Deutschland und
Frankreich eine Klärung der internationalen Finanz-
lage herbeiführen könnte, hatte sich schon längst ent-
schieden, seinen Einfluß zugunsten des Gutachtens in
die Wagschale zu werfen, Er hatte infolgedessen schon
vor der Londoner Konferenz den Kurs verschiedener
französischer Papiere durch Börsenmanöver heben
lassen, und ließ darauf der Öffentlichkeit durch die
Presse, die bisher gegen eine Verständigung zwischen
Deutschland und Frankreich gewesen war, mitteilen,
daß sich dieser wohltätige Einfluß infolge der erhofften
Einigung bemerkbar machte. Auch vergaß die Presse
nicht, darauf hinzuweisen, daß durch die Währungs-
stabilisierung in Deutschland sich dessen Kaufkraft
heben werde, so daß es wieder mehr wie bisher als
Abnehmer der amerikanischen Landwirtschaft und
Industrie, die in der Nachkriegszeit eine bedenkliche
Krise durchgemacht haite, in Betracht kommen könne.

Zu allerletzt aber wäre der ganze wohldurch-
dachte Plan beinahe ins Wasser gefallen. Frankreich
und Belgien wollten auf das Recht, Sanktionen über
Deutschland zu verhängen, wenn es mit den Zahlungen
nach dem Dawes-Plan in Rückstand geraten sollte,
nicht verzichten. Nun hatte zwar die Morgan-Gruppe,
wic mehrfach erwähnt, stets betont: „Keine Sank-
tionen”, aber es gelang dem belgischen Vertreter auf
der Londoner Konferenz, Theunis, eine neue Banken-
gruppe für die Finanzierung der deutschen Anleihe
zu bilden, die im Prinzip nicht absolut sanktionsfeind-

a3
        <pb n="297" />
        lich war. Ihr gehörten an die Häuser Lazard Frö@res,
Montague &amp; Sons und Kuhn, Loeb &amp; Co. Hiermit lag
nun die Gefahr vor, daß diese Gruppe die Anleihe
allein besorgen oder aber wenigstens die Morgan-
gruppe zu Zugeständnissen zwingen würde, Tatsäch-
lich ließ auch bereits zwei Tage später die Morgan-
gruppe verkünden, sie habe niemals daran gedacht,
etwa politische Sicherheiten gegen Sanktionen zu ver-
langen. Andererseits aber war die Stellung der Mor-
gangruppe doch derartig stark — der Automobil-
industrielle Ford erklärte zum Beispiel, er denke nicht
daran, sich an der Anleihe zu beteiligen, wenn Mor-
gan &amp; Co, ausgeschaltet würden — daß man sie nicht
einfach beiseite schieben konnte. Schließlich hatte
Morgan noch das Druckmittel in der Hand, den
Frankenunterstützungskredit an die Banque de France
am 12, September tatsächlich zu kündigen.

Wie zu erwarten, war das Ergebnis ein Kompro-
miß:; Sanktionen wurden nur unter ganz besonderen
Umständen für zulässig erklärt. Wall Street und vor
allem Morgan aber ist es zuzuschreiben, daß zum
erstenmal ein Versuch gemacht wurde, auf dem finan-
ziellen Trümmerhaufen, den der Weltkrieg hinter-
lassen hatte, ein wenig Ordnung zu schaffen, und daß
das erstemal in der Nachkriegszeit mit aller Deutlich-
keit ausgesprochen wurde, daß die gepanzerte Faust
die Zügel der Wirtschaft nicht halten kann.

Damit kann die Betrachtung der Wirksamkeit des
jüngeren Morgan geschlossen werden, Der Zweck
dieser Zeilen war, zu zeigen, wie sich die — wenn
auch nicht unumschränkte, so doch wichtigste und
srößte — Finanzmacht unserer Tage, das Haus Mor-

704
        <pb n="298" />
        gan, gebildet hat. Die Gunst der äußeren Umstände
hat sowohl bei John Pierpont Morgan senior wie bei
John Pierpont Morgan junior entscheidend mitgewirkt,
aber im Grunde genommen war es doch auch stets die
persönliche Fähigkeit der jeweiligen Firmeninhaber,
Schon in der vierten Generation kann sich das Haus
Morgan einer wahren Führerpersönlichkeit rühmen:
Joseph Morgan, der durch Beteiligung an Postkutschen-
linien und durch Versicherungsgeschäfte den Grund-
stock des Morganschen Vermögens legte; Junius
Spencer Morgan, der dieses Vermögen durch Bank-
geschäfte und besonders durch die glückliche Verbin-
dung mit dem Londoner Bankhaus Peabody &amp; Co.
stark vermehren konnte, so daß er bei seinem Tode
bereits 10 Millionen Dollar hinterließ; John Pierpont
Morgan, der nicht nur der größte Finanzmann der
Vereinigten Staaten, sondern auch einer der größten
Industrieführer wurde und die Wirtschaft seines
Landes planmäßig auf den Weg des Zusammen-
schlusses trieb, bis man mit Recht von ihm behaupten
konnte, daß er wohl die größte Macht in den Vereinig-
ten Staaten war; und John Pierpont Morgan junior,
der sich von den rein industriellen Geschäften wieder
mehr zurückzog, um zwar nicht der einzige große,
wohl aber der größte Weltbankier zu werden und
selbst eine Rolle in der Lenkung der politischen Ge-
schicke der Welt zu spielen.

Ende
        <pb n="299" />
        NAMEN- UND SACHREGISTER
Abkürzungen:

Co. = Company

RR, = Railroad, Railway (Eisenbahn)

Ss, = siehe

s, a, — siehe auch
Adams, Charles Francis: 34,
99, 101,
A,.E.G.: 280, 282,
Agnew, Sir William: 241 £,
Agnew &amp; Co.: 241 £,
Aix-les-Bains, Morgans Stiftung
für: 248,
Aktienkapital der Eisenbahnen
der Ver. Staaten: 9,
Aktienkapital der Ver, Staaten: 8.
Aktienverwässerung des Stahl-
trusts: 152,
Albany &amp; Schencctady RR.: 69
— &amp; Susquehanna RR.: 40 ff,
American Bridge Co,; 146,
— Ice Co: 210,
— Line s, American Steamshir
0,
— Merchant Line 274 ff,
— Steamship Co.: 174, 176,
— Steel Co,: 146,
— Steel Hoop Co.: 146,
— &amp; Wire Co.: 146.
— Tin Plate Co.: 146,
Amerikanisierung der Welt: 180,
279£,
Anleihe, deutsche (Dawes-Plan]):
284 ff., 291 ff.
französische, für Franken-
stützung: 289 f.
— als Rettung in Finanzkrise:
120, 122, 136,
— der Ver, Staaten 1878: 58{f.
Anleihen der Alliierten in Ver.
Staaten: 262, 267 ff... 273, 280.

Anleihe, ausländische, in den
Ver. Staaten: 200 ff,

— nationale; 199,

Antipoolgesetz: 103,

Antitrustgesetz: 222f., 264.

Arbeiter, Gewinnbeteiligung:
151 f., 258,

Arbeitereinwanderung: 153.

Argentinien, Anleihe in Ver.
Staaten: 201,

Astor, John Jacob: 75,

Astor Trust Co.: 9, 206,

Atchison, Topeka &amp; Santa Fe
RR.: 162,

Atlantic Coast Line: 163,

— Transport Co.: 176, 277.

Aetna-Feuerversicherungsgesell,:
12, 13.

Attentat auf Morgan jr.: 260{f,

Auburn &amp; Rochester RR,: 69,

Automobilindustrie: 265.
Bacon, Robert: 120, 123 ff., 135.

Baissepartei: 196,

Ballin, Albert: 182 ff,, 187,

Baltimore &amp; Ohio RR.: 32, 91.
253,

Bank of England: 30,

— von Frankreich s, Banque

de France,

Banken und KEisenbahngesell-
schaften: 99 f,

Bankers’ Trust Co: 9, 206,

Bankfilialen: 268.

706
        <pb n="300" />
        Bankwesen, Zusammenschluß im:
206.

Banknoten s. Papiergeld,

Banks, A, Bleecker: 47.

Banque de France: 289 f., 294.

Barclay’s Bank: 290,

Baring, Bankhaus: 55, 99, 201.

Bernard, Richter: 42.

Barnett, B. B.: 282.

Barney, Charles T.: 210,

Barnum, P, T.: 225.

Bath Iron Works: 192.

Beebe, J, M., &amp; Co.: 17,

Begrenzung der deutschen Zah-
lungsverpflichtung: 284 £f,

Belden, Rechtsanwalt James J.:
824.

Belgien, Sanktionen: 286, 293{.

Belmont, August: 58f., 105,
116 £, 120, 132£., 137€

Bessemer: 153.

Bethlehem Steel Co.: 192ff..
263 ff.

Bibliothek in Holyoke: 248,

Bibliothek in Liverpool: 248,

Bibliothek Morgans in New
York: 245 £., 257.

Bishop, William C.: 164 £,

Blackhall. Obermechaniker: 45.

Bland-Allison-Gesetz: 109

Boissevain, G. I: 212, 220.

Bonaparte, Generalstaatsanwalt:
218.

Bond, Frank S,.: 99,

Booth, Vorsitzender der Inter-
nationalen Handelskammer:
282.

Boston &amp; Albany RR.: 165.

— &amp; Maine RR.: 166.

Bourne: 220.

Boutwell, Schatzsekretär Ge-
orge S.: 54, 56.

Bowdoin, Temple: 221.

Bragard, Maler: 241 £,

Brown, John Crosby: 99

Brown Brothers, Bankhaus: 99.

Büchersammlung Morgans: 238 £.,
245 £.

Bundesreservebanken: 267.

Bürgerkrieg, Finanzpolitik der

Regierung: 36 ff.
— Goldbeschaffung aus Europa:

Bürgerkrieg, Goldspekulation:
23... 37,
— Haltung d, Bankhauses Roth-
schild: 33,
Haltung der britischen Re-
gierung: 34 f.
Haltung von Wall Street: 33£.
Inflation: 38,
Kriegslieferungen: 26,
Schuldverschreibungen zur
Bestreitung der Kosten: 54 ff,
Burns. Walter Hayvnes: 38.

Cable, RR.: 99,

Canadian Pacific RR.: 167,

Canda Manufacturing Co.: 191 f.

Cannon, Le Grand B.: 48,

Carlisle, Schatzsekretär: 116f.,
120, 126 ff., 137,

Carnegie, Andrew: 8, 77, 138 ff.,
149, 152, 155.

Carnegie Co.: 145f£., 149.

Carpet Baggers: 64.

Cattell, Senator: 56.

Central of Georgia RR.: 162.

— Trust Co.: 158.

— Vermont RR.: 166.

Chase, Schatzsekretär Salmon
P.: 15, 33£., 125, 128.

Chase National Bank: 206.

Chatham National Bank: 206,

Chicago, Burlington &amp; Quincy
RR.: 91, 162.

— Milwaukee &amp; St. Paul RR.: 99.
2: Northwestern RR.: 83, 99.
St. Paui &amp; Kansas City RR.:

99,

China, Eisenbahnkonzession:
202,

Choate, Joseph H.: 65.

Clearinghauszertifikate: 219,

Clearing House Association:
210 £, 219.

Cleveland, Präsident Grover:
105f, 113ff., 120f., 124, 126,
204, 231.

Coin’s School of Finance: 110.

Columbia-Universität: 65f,

Cooke, Jay: 49{f., 54 ff,, 225.

Coolidge, Präsident Calvin: 266.

Cooper Union: 248.

Corbin, Austin: 9 {f.

Corev: 153.

ur
        <pb n="301" />
        „Corsair', Morgans Yacht: 80f,,
150, 231, 234.

Cortelyou, Schatzsekretär Ge-
orge B.: 214,

Coster, Charles H.: 160 £,

Cragston, Morgans Landgut: 231.
233€,

Cunard Line: 176, 180, 186£,
272 £., 277.

Curtis, Unterstaatssekretär Wil-
liam E.: 116 ff.

Dabney, C. HE: 21,
Dabney, Morgan &amp; Co., Bank-
haus: 21 £, 38,
Dampfschiffahrt, übermäßiger
Wettbewerb: 173,
Davison, Henry P.: 221.
Davis, Staatssekretär N, H,: 282.
Dawes, General Charles G.:
282 ff,, 288 £,
Dawes, Rufus: 282,
Dawes-Plan: 269, 280. 283f£
290 ff,
— s, a. Sachverständigen-Gut-
achten.
— und Wall Street; 283, 291.
Delaware &amp; Hudson Canal Co.:
48,
De Chauncey M.: 65, 78 £.,
81 If,
Deutsch, Direktor der A.E,G.:
280,
Deutsche Waren, Dumping: 285,
Deutschenhetze der amerika-
nischen Presse: 261,
Deutschland, Anleihe nach Da-
wes-Plan: 284 ff,, 291 ff,
Freiheit für Handel: 284,
Inflation: 281, 286,
Reparationszahlungen: 281,
283 ff.
Rückstände in Reparations-
zahlungen: 291,
Unterbringung von Reichs-
schatzscheinen in den Ver.
Staaten: 200, 279,
Verständigung mit. Frank-
reich; 287, 293,
Devisen: 111,
Dollarmilliardentrust: 138, 146.
Dominion Line: 176.

Doppeladler: 25,

Doppelwährung: 114,

Double Eagles: 25.

Drahttrust: 149,

Dresser, D. Le Roy: 191£

Drew, Daniel: 48,

Drexel, Bankierfamilie:; 29, 49, 61.

Drexel, Morgan &amp; Co., Bank-
haus; 49, 64, 79, 96.

Dumping deutscher Waren: 285.

Duncan, William Butler: 55,

Duncan, Sherman &amp; Co., Bank-
haus: 20£., 29. 31.
Eastern Shipbuilding Co.:; 192.
Eduard VIL: 150, 186,
Finlösbarkeit des Papiergeldes:
7,
Einlösungspflicht der _Bank-
noten: 108,
Einwanderung von Arbeitern:
153,
Einwanderungsgesetze, ameri-
kanische: 271 ff,
Eisenbahnbau, Blütezeit in Neu-
england: 164.
Mittel zum schnellen Reich-
werden: 71,
Eisenbahnfahrkartenmakler: 102,
Eisenbahngesellschaften und
Banken 99{f,
Bankrotte: 90,
Bau von Konkurrenzlinien:
66 ff,, 100,
erster wichtiger Zusammen-
schluß: 164.
gentlemen’s agreement: 99,
geschäftliche Rechtschaffen-
heit: 101,
unter Morgans Kontrolle: 162,
phantasievolle Buchführung:
90,
Poolsystem 98 £, 103,
Reorganisation: 66, 95f£., 142,
Rückgang der Gewinne: 90£
Ruinierung von: 40,
— Schiedsgericht: 101 £
Eisenbahnkonzessionen in China:
202£
Eisenbahnkriege: 40 ff, 67£.
86 if... 156, 165
„a7
        <pb n="302" />
        Eisenbahnpapiere, Rückstrom
amerikanischer — aus Europa:
141 £.

Eisenbahnpräsidententagung
Januar 1889: 99 ff.

Eisenbahnskandale: 91,

Eisenbahntariferniedrigungen,
Ausschuß gegen: 102,

Eisenbahntarifkämpfe: 72 f,,
86 ff.

Eisenbahnverschmelzungen: 68 f

Eisenbahnwahnsinn:; 39,

Eisenbahnwerte an der Lon:
doner Börse: 89f.,

Eisenbahnwesen, Morgans Ein:
dringen ins: 39ff,

— Morgans Macht im: 161 ff,

England, Anleihe in Ver, Staa
ten (Burenkrieg): 200 f., 279.

— — (Weltkrieg): 255[f., 267.

Entente, Anleihen der — in
Ver. Staaten: 262, 267ff.,
273, 280.

Equitable Life Assurance So-
ciety: 204 ff.

Erie RR.: 7, 41, 44£, 66. 72,
160, 162.

Erntemaschinentrust ss, Inter-
national Harvester Corpo-
ration.

Evarts, William M.: 65.

Fahrkartenmakler: 102,

Fall-River-Dampfschiffahrts-
gesellschaft: 41.

Farrell, James A,.: 266,

Federal Reserve Banks s, Bun-
desreservebanken.,

— Steel Co.: 146.

Field, David Dudley, Rechts-
anwalt: 42.

Fife, Herzog von: 232.

Fifth Avenue Trust Co.: 9,

Finanzfragen, internationale s.
Schuldenfragen, internationale.

Finanzpolitik im Bürgerkrieg:
36 ff.

Finanzzentrum der ‚Welt: 279,
291.

Finlay, Hodgson &amp; Co., Bank-
haus: 21,

First National Bank: 206. 266.

Fish, Hamilton, Staatssekretär:
65,
Fisk, Jim: 8, 40 ff., 66,
Fitchburg RR.: 91,
Ford, Henry: 294,
Fowler, Kongreßmann H. Ro-
bert: 268.
Frankensturz: 287 ff,
Frankenstützung: 269, 288 ff.,
294.
Franklin, Philipp A. S.: 271, 275,
Frankreich, Anleihe für Fran-
kenstützung: 289{f.
— Anleihen in Ver, Staaten
(Weltkrieg): 255f., 262, 267.
Inflation: 287 ff,
Prestigepolitik: 286,
Sanktionen: 286, 293 f,
Verständigung mit Deutsch-
land: 287, 293.
Fremont, General: 27.
Frick, Henry C.: 8, 149, 153,
155, 213€
Furness, Withy &amp; Co.: 275.
Gallagher: 23.
Garrett: 253.
Garv, Richter Elbert H.: 145,
216 ff., 266.
Gasthäuser, Joseph Morgans Be-
teiligung an: 12,
Gates, John W.: 8, 140f., 145,
149£., 172£., 195
Geldgroßmacht: 199.
Geldtrust: 10, 223.
General Motors Co.: 265 f,
Gentlemen’s agreement im Eisen-
bahnwesen: 99,
Gerard, Richter: 211.
Geschirrsammlung Morgans:
239 £.
Gesetzliches Zahlungsmittel: 107.
Gewerbeschule: 248,
Gewerkschaften: 151 f,
Gewinnbeteiligung der Arbeiter:
151 f., 258.
Gold Act: 37.
— Corner: 40,
Room: 23ff., 36,
als Zeichen der Knechtschaft:
115, 122.

j.%
        <pb n="303" />
        Goldagio nach dem Bürger-
krieg: 57,

Goldbarren, Vorrat des Schatz-
amts an: 112,

Goldbeschaffung aus Europa
während des Bürgerkriegs,
Morgans: 34,

Goldirage: 113%,

„Goldkäfer‘: 110, 115,

Goldlieferung Morgans an Schatz-
amt (1895): 129 {f,, 136 ff,

Goldmünzen: 106.

Goldnotenbank, deutsche: 283{f,.
291.

Goldreserve des Schatzamtes:
107 £, 111 ff., 135,

Goldschuldenverschreibungen:
117, 122, 131.

Goldspekulation in Bürgerkrieg.
Morgans: 23ff,

Goldstrom aus dem Ausland:
108 £, 141 £ ;

Goldverschiffung nach Amerika
in Krise von 1907: 215, ;

— in Krise von 1895: 111, 119

129, 132, 136,

Goldvorräte des Schatzamts, An-
forderungen aus den: 105,

Goldzertifikate: 106 f,

Goodwin, James: 22,

Gould, George: 99,

Gould, Jay: 8, 40 ff,, 66, 99, 155.

Gowen, Franklin B.: 96.

Grace, Bürgermeister William
R,: 147{ff., 249,

Grant, General und Präsident:
55, 86,

Great Northern RR.: 162, 169,
172, 253,

Green, Richter Ashbel: 82£,

Greenbacks: 36, 107,

Guaranty Trust Co.: 9, 206 f, 292

Hamburg - Amerika - Linie: 180.
182 ff., 187,

Hamilton, William P,: 221.

Hand, Rechtsanw. Samuel: 42 ff.

Handelsgesetz, _zwischenstaat-
liches, s, Zwischenstaatliches
Handelsgesetz, ;

Handelsschiffahrt, amerikanische:
180 ff., 270 ff,
und amerikanische Einwan-

derungsgesetze: 271 f,

Handelsschiffahrt, deutsche:
182 ff,
— u. Eisenbahninteressen: 183,
— englische; 182,
— staatliche Unterstützung: 183,
186 f,
— staatliche, in Ver, Staaten:
271,
— Wettbewerb: 173 £., 183 £., 187.
Harlan &amp; Hollingsworth Co,: 192.
Harlem RR,: 32,
Harriman, E, H,: 8, 155, 162,
169, 171£, 205, 214, 225, 253.
Hartford, Connecticut: 11, 247.
NTarvard Medical School: 248,
Harvard-Universität: 252.
Harvey: 110,
{Tainze: 8,
Heinze-Bank- 210,
Higgins, A, Foster: 210, 213.
Hewitt, Abram S.: 153, 227,
Hill, James, J,: 155, 169, 253.
‚Hintertreppenfinanzierung ”: 119.
Historische Gesellschaft; 248,
Hochfinanz, Herausbildung der:
103,
Morgan und internationale:
103, 203 £,
Hocking Valley RR.: 162,
Hoffman, Gouverneur: 47,
Hollins, Henry B.: 210, 220,
Holt, Prof, Frank: 260 f.
Honduras, Anleihe in Ver
Staaten: 201,
Houghton, Botschafter: 292,
Howe, Mather &amp; Co.: 16.
Hudson River RR.: 32, 41,
Hughes, Staatssekretär: 292.
Hughes-Untersuchung: 204,
Hughitt, Marvin: 99, 102,
Auntington: 155,
Hyde, James Hazen: 204,
Hvde Windlass Co.: 192.
[Nlinois Central RR.: 91, 167,

[ndustrial Relations Committee
259,

Inflation in und nach dem Bür-
gerkrieg: 38, 37,

— deutsche: 281, 286.

— französische: 287 if,

International Banking
ration: 269.

200
        <pb n="304" />
        — Harvester Corporation (Ernte-
maschinentrust): 157, 188{.,
257, 259. »

Mercantile Marine Company
(Schiffahrtstrust): 51, 157,
174 ff., 257.
— und Cunard Line: 186,
272,
Einstellung der Zinszah-
‚ungen: 273.
Einzelgesellschaften: 176.
Finanzierung: 175 ff,
finanzieller Fehlschlag:
78 ff., 187.
Grundgedanke: 174{f,
Gründungskonsortium: 177.
und Hamburg - Amerika -
Linie: 182 ff, 187.
— internationaler Charakter:
175, 274.
— Kapital in amerikanischen
Händen: 275.
— in der Nachkriegszeit:
272 ff.
- und Norddeutscher Llovd:
84 1., 187.
und Schiffahrtsamt: 274 ff.
Verkauf von Linien: 274 ff.
. Verkehrsverbindungen:
176...

— — im Weltkrieg: 270.

International Navigation Co.: 176,

Interstate Commerce Act ss

Zwischenstaatliches Handels-
gesetz,

[smay, J. Bruce: 177,

Halten, Anleihe im Ver. Staaten:

56.

a

Jackson, Stonewall: 86.

Japan, Anleihe in Ver. Staaten
und England: 201, 279.

Jay, John: 65.

Jones: 153.
Kapitalskonzentration: 155 £..
206 f.

Kathedrale Johannes d. Täufers:
248.

Kellogg, Botschafter: 292,

Kelly: 153.

Kelly &amp; Co., William F.: 275.

Kennedv, John S.: 170%

Ketcham, E, B.: 244 ff,

— Morris: 16, 25,

Ketcham, Nachf, &amp; Co., Bank-
haus: 24 ff.

Kidder, Peabody &amp; Co., Bank-
haus: 99,

Knickerbocker Trust Co.: 210 ff,,
220.

Kohlenmonopol: 97,

Kongreß und Finanzkrise: 112 f£f,,
121, 131.

König Baumwolle: 31,

Konkurrenzlinienbau: 66 ff., 100.

Konsortien: 49 ff,

Konsortium für Goldbeschaffung
(1895): 133 ff,

Kontrolle über Gewinne: 8,

Kontrolle über Eisenbahnen der
Ver, Staaten: 9.

— über Fabriken in den Ver.

Staaten: 8.

— über Ver. Staaten: 8, 223.

Konzentrationstendenz im Wirt-
schaftsleben: 9,

Kriegslieferungen im _Bürger-
krieg, Morgans: 26,

Kriegsschuldenfrage s, Schulden-
frage, internationale.

Krise von 1857: 29 ff,

— des Schatzamts 1895: 104 ff,,

222, 231.

Kuhn, Loeb &amp; Co., Bankhaus:
171, 267, 280, 282, 292, 294.
Kunstgalerie Morgans in Lon-

don: 235 ff,
Kunstmuseum: 248.
Kunstsammlungen Morgans:
235 ff., 243 ff.
— Verauktionierung durch Mor-
gan jr.: 256 f.
Lackawanna RR.: 73.
Lake Shore RR.: 66, 72,
— Superior Mines: 146.
Lamont, Kriegssekr, Daniel: 124.
— Thomas W.: 221, 292.
Landwirtschaftliche Maschinen-
industrie: 188 £,
Layng, James D.: 83.
Lazard Freres, Bankhaus: 290.
294.
Ledyard, Lewis Cass: 205, 217.
Lehigh, Valley RR.: 160. 162.
3N1
        <pb n="305" />
        „Leviathan’, Dampfer: 273 ff,
Leyland Line: 176, 276,
Liberty National Bank: 9, 206.
Lincoln, Präsident: 35, 125,
Lloyd George, David: 263, 281.
Lloyds Bank: 290,

Logan, General: 292, .
Londoner Konferenz s. Sachver-
ständigen-Konf£,, Londoner,

Loomis-Sanatorium: 248,

Louisville &amp; Nashville RR,: 162
172€

Low, A, A; 31,

— Seth: 31,

Lowell. Universitätspräsid.: 252
Magee, John; 212,

Magoun, George P.,: 99,

Mähmaschinentrust s, Interna:
tional Harvester Corporation

Manuskriptsammlung Morgans:
238 £., 245€, ;

Markstabilisierung: 269, 281,

McCormick Harvesting\Machine,
Company: 188,

McLeod, Archibald: 97, 1654,

Mechanics &amp; Metals National
Bank: 206,

Mellen, Charles S,: 166 £.

Mellon, Staatssekretär: 292.

Mercantile Trust Co.; 206,

Metropolitan Museum of Art: 66
232, 243£, 246£,

Mexiko, amerikanisches Kapital
in; 200

— Anleihe i, d, Ver, Staaten: 200

Miles, General; 64.

Miller, Parker: 280f,

Mills, D. O.: 75,

Miniaturensammlung Morgans:;
237%,

Minturn, Robert B.: 65.

Mississippi &amp; Dominion Steam-
ship Co,: 176,

Missouri Pacific RR.: 99,

Mittelamerikanische Staaten, An-
leihe in Ver, Staaten: 201 f.,
269, 279,

Montague &amp; Sons, Bankhaus: 294.

Moore &amp; Schley: 217,

Moore &amp; Sons, S, L: 191,

Morgan, Amelia: 22f,

ED. 22

Morgan, Frances Louise; 38,
— George Hale: 38,
— Jack s, Morgan, John Pier-
pont jr,
John B., Reverend: 38,
John Pierpont, Abneigung
gegen persönliche Reklame:
225,
— — Anekdoten: 233,
— — Art seiner Kontrolle über
die Eisenbahnen: 163.
— — Auswahl seiner Teilhaber:
221,
— — und A, Ballin: 185,
— — Bankgeschäfte im Bürger-
krieg: 32 ff,
— Begründung seiner Kon-
teile über die Eisenbahnen:
— Bemerkungen über Gold-
lieferung a, Schatzamt (1895):
135 ff,
— — u, Besoldung des Heeres:
64.
— — u, Bethlehem-Stahlwerke:
193 £.
— — Bibliothek; 245f£, 257,
— Buch- und Manuskript-
sammlung: 238f£., 245 £,
— Charaktereigenschaften:
225 f,
— — und Eduard VIL: 150,
— — erste Ehe: 22f,
— — zweite Ehe: 38,
— — Ehrendoktor der Harvard-
Universität: 252,
— Ehrendoktor der Univer-
sität Göttingen: 252
— Einfluß in ’oternationaler
Hochfinanz: 203{,
— Eingreifen in Krise von
1907: 214 {£,, 222, ;
— Eintritt in das Bankhaus
Drexel: 49,
— Eintritt in Direktorium
der New Haven: 165,
— Eisenbahnkonzession in
China: 202{f, nn
— empfindlich gegen Kleinig-
keiten: 85,
— Erforschung der Rechts-
lage vor Transaktionen: 223.
202
        <pb n="306" />
        Morgan, John Pierpont, Erwerb
der Equitableversicherungs-
gesellschaft: 204 ff., 222.

— Exponent der Hochfinanz:
103, 295,
-. wird Faktor im Leben der
Iation: 104,
Fehlschläge: 157, 177 ff.
4,
5nanz. Staatskunst: 157.
Finanzkraft: 207,
als Fortschrittler: 228 f,
wenig Freunde: 226.
Führer der Großkapitali-
en: 140, 295,
Führernatur: 226 ff,
Geburt: 16,
. kein einfacher Geld-
macher: 198,
- Geschäftsmoral: 92,
- Geschenke an Metropoli-
tan Museum: 246f.,
- Geschirrsammlung: 239.
- Gewinn aus Goldlieferung
an Schatzamt (1895): 137,
— Glaube an den Sieg der
Nordstaaten: 36.
— Goldbeschaffung f, Schiff-
fahrtstrust: 177 £,
— Goldlieferung an Schatz-
amt (1895): 129 ff,
— Gründung seiner ersten
Firma: 21.
— Gründung des Schiffahrts-
trusts: 174 ff,
— Haltung in Arbeiterfragen:
151 f., 258,
— Haltung gegen Gewerk-
schaften: 151, 258,
— Haltung in philanthropi-
schen Fragen: 66, 248 ff.
—- Haltung in sozialen Fra-
gen: 151f£., 198 {f£., 230.
- Haltung in Wohltätigkeits-
fragen: 66,
Haltung gegen Zeitungen:
Hautleiden: 260,
Hinterlassenschaft: 224,
Hinterlassenschaft seines
Vaters: 228,
- und hohe Politik: 180.

Morgan, John Pierpont, als In-
dustrieführer: 295.
— instinktives Handeln: 227 f.
- Jugend: 17{ff,
-- Kampf gegen E. H, Harri-
man: 169 ff,
— Kampf mit A, McLeod:
165,
— und Knickerbocker Trust
Co.: 212 4f,
— — erstes Konsortium: 49 {ff.
— — Kontrolle über Banken:
9, 206,
— — Kontrolle über Eisenbahn-
gesellschaften: 162.
— Kontrolle über Treuhand-
gesellschaften: 206 f,
— Kontrolle der Ver, Staa-
ten: 223.
— Körperkonstitution: 19,
234 £.
— Kriegslieferungen im Bür-
gerkrieg: 26f,
— Kunstgalerie in London:
235 ff,
— Kunstgalerie in New York:
245£
— als Kunstsammler und
-mäzen: 235 ff., 243 ff,
— Lehrzeit in London: 19f.
— Londoner Geschäfts-
häuser: 240.
— — Macht im Eisenbahn-
wesen: 161 ff.
— — Macht seiner Persönlich-
keit: 207, 226 £f.
— — als Mathematiker: 229 f,
— als Mensch: 222 ff,

— Miniaturensammlg.: 237.
— Niederlegung der Ge-
schäftsführung: 222, 224,

— Northern-Pacific-Trans-
aktion: 170.
— — Nur-Finanzmann: 179,
— Organisierungstalent: 51 ff,
— Organisation des Stahl-
trusts: 138, 140 ff.
— Pflichtbewußtsein: 168 f.
— polit. Haltung: 34, 36, 65.
- politische Seite seines
Wirkens: 229,
— kein Popularitätshascher:
295 €

&lt;i_
        <pb n="307" />
        Morgan, John Pierpont, Presse-

fehden gegen: 224,

— Pünktlichkeit bei fälligen
Zahlungen: 168,

Reisen: 235,
— Reorganisation der Rich
mond Terminal Co.,: 158 ff,
— — und Roosevelt: 222 ff,
— — u, Schatzamtskrise (1895)
118 ff,, 231,

— Schenkungen: 247 ff,

- und Schiffbautrust: 193 ff

— Schweigsamkeit: 230 ff,
— und Sozialismus: 230,

- - — sportliche Betätigung: 234

— — Stahltrust sein Werk:
153

— — und der Staat: 222.

— — Stellung in Londoner Ge-
schäftswelt: 240 £,

— Stellung in der Öffentlich-
keit: 189 £f,, 220 £,

— — Stiftung für Hartford: 247

— Streben nach zwangswei-
ser Kontrolle der Eisen:
bahnen: 103, 161,

— Studienzeit; 19, 229,

— und Tennessee Coal &amp;
Iron Co,: 215 £,

Tierliebe: 233 £,
Tod: 224,

— Treffsicherheit in Unter-
nehmungen: 179{f,

— Übernahme von Schuld-
verschreibungen der Stadt
New York: 218 f,

— Unterbringung von aus
ländischen Anleihen: 200 ff.

— vor Untersuchungsaus-
schüssen: 136 £,, 169 ff., 223 f

— Ursprung seines Vermö
gens: 13.

— — Verachtung geg. Mode: 255

— — Verantwortungsbewußt-
sein; 168 f,

— — Verhältnis zu Angestell-
ten: 226, ;

— Verhandlungen mit Cleve:
land: 121 ff,

— Verhandlungen mit Schatz-
amt (1895): 118 £f,

Morgan, John Pierpont, Verlust

an Ansehen: 157, 189 £,

— — Vertrauen der Kapitali-

sten: 189, 207,
— im Verwaltungsrat des Me-
tropolitan Museum: 232,
— Vorliebe für gesunde Ge-
schäfte: 92,

— — als Weltbankier: 199 ff,

— — und Wilhelm IL: 153, 230

— — Wirtschaftsführer: 179 ff,

— — als Zeuge vor Handels-

kommission: 150.
— Zigarren: 233,
— zz zurückgezogenes Leben:
8,
— u, Zusammenschluß: 155 f
228 f., 295.

Morgan, John Pierpont jr., und
amerikanische Rüstungsin-
dustrie: 257f£,, 262 ff,

— — Attentat auf: 260 £,

— — und Automobilindustrie:

265 £.
— und Banque de France:
289 f, 294.
— in Berlin unt, dem Namen
P. Miller: 280 £,
— u, Bundesreservebanken:
267%
— u, deutsche Reparations-
zahlungen: 284,
— — u, deutsch, Handel: 284 ff
— — Direktor des Schiffahrts-
trusts: 275.
— — Direktoriumsvorsitzender
des Stahltrusts; 266 f,
— — Einfluß: 253ff., 269.
— — Einlenken in Sanktions-
frage: 294,
— und Eisenbahngesellschaf-
ten: 257,
— und Erntemaschinentrust
257.
— als Finanzagent der Alli-
ierten; 261 f., 267 ff,
— Frankenstützungsaktion:
288 ff,, 294,
— — Geburt: 39,
— — und General Motors Co.
265 £,
— — Gesundheit: 260.

204
        <pb n="308" />
        Morgan, John Pierpont jr., Hal
tung in Arbeiterfragen; 258f
— kein Industrieführer: 257 f
Kampf mit Standard Oil:
„43,
Kandidat für Sachverstän-
digen-Komitee: 282,
. und Lloyd George: 281.
- und Londoner Sachver-
ständigen-Konferenz: 292 ff.
— Mitglied des Bankhauses
seines Vaters: 221,
— als Munitionsagent der
„]Jliierten: 261 ff.
Nur-Geschäftsmann: 257.
Persönlichkeit: 254 ff,
und Poincare: 286,
politische Betätigung: 254,
278 ff., 295.
und du-Pont-Konzern: 266.
- und Regelung der inter-
ıation. Schuldenfrage: 280 ff.
und Rockefeller: 273.
u. Ruhrgebietsbesetzung
286.
und Sachverständigen-
Ausschuß: 284,
und Sanktionen: 284, 286.
Schenkungen: 257,
und Schiffahrtstrust: 257
2713 ff,
- Spekulation auf Franken-
hausse: 290,
- Unterbringung der An-
leihen der Alliiertzn: 262.
2517 ff,
und

Stahltrust: 257.
Studienfreund: 231.
°’od seiner Schwieger-
shter: 262.
Jbernahme der Leitung
des Bankhauses: 222,
— Unterbringung ausländi-
scher Anleihen: 269, -
.. Verachtung gegen Mode:
255.
— Verauktionierung der
Kunstsammlungen: 256 f,
— und Verständigung zwi-
schen Deutschland u. Frank-
reich: 287, 293.

20

Maordan

Morgan, John Pierpont jr., Ver-
such der Kontrolle des ge-
samten Geldwesens: 267 £,
—. als Weltbankier: 269, 295.
— und Weltkrieg: 262 ff,

— geringe Wohltätigkeits-
bestrebungen: 257,

— — als Zeuge vor United Sta-
tes Industrial Relations
Committee: 259,

Morgan, Joseph: 11 ff., 295.

— Juliet Pierpont: 38.

Junius: 38.

Junius Spencer: 13, 16f., 19,
22, 25, 38£., 241 f., 295.
Louisa Pierpont: 39.

Mary Lyman: 38,

Miles: 11.

Sarah Spencer: 38.

Morgan &amp; Co., J. P.: 193ff,,
220f., 222, 254, 266{f., 280,
282.

Morgan Memorial, Junius S.: 247.

Morganisation: 198 f,

Morse: 8, 210.

Morse-Banken: 210.

Morton, Levi P.: 55,

Morton, Bliß &amp; Co.,, Bankh.: 55.

— Trust Co.: 9.

Munitionsminister, englischer in
Amerika, Morgan jr. als: 262.

Munitionstrust: 264 f.

Museum of Natural Historv: 66.

Mushet: 153.

National Bank of Commerce:
206, 211,

— — System: 36.

— City Bank: 206, 214 f., 269.
Peace Council s. Nationale

Friedensvereinigung.

Provincial Bank: 290.
Steamship Co.: 176.
Steel Co.:; 146,

— Tube Co.: 146,

Nationale Friedensvereinigung:
268,

Nationalschuldverschreibungen,
mexikanische: 200,

Naturgeschichtliches Museum:
248

4I

Ja
        <pb n="309" />
        New Haven, Hartford &amp; Spring-
field RR,:; 32, 164 ff.
New Jersey Central RR.: 162.
New York, Schuldverschreibun:
gen der Stadt: 209, 218 £,
Central RR.: 41, 60ff,, 66 ff,
70, 72££,, 81, 83, 93, 166 £,
253, 266.
&amp; New England RR.: 165,
&amp; New Haven RR.: 97, 164.
Ontario &amp; Western RR,: 75.
— Trust Co.:; 206,
Newbold, Arthur E.: 221.
Nickel Plate RR.: 67, 72£, 77
Night and Day Bank: 212,
Nixon, Lewis: 191 ff,
Nordatlantischer Schiffahrtstrust
s, International Mercantile
Marine Corporation,
Norddeutscher Llovd: 180, 184 £.,
187,
Norman, Montague: 284.
North River Construction Co.,: 75.
Northern Pacific RR.: 7, 149.
160, 162, 169 ff.
— Securities Co.: 161 £., 172,
O'Brien, Richter Morgan J,: 204f.

O’Connor, Präsident des Schiff-
fahrtsamts: 275,

Ohio Life &amp; Trust Co,: 29.

Olcott, Frederick P,: 158,

Old Colony RR.: 165,

Olney, Generalstaatsanwalt; 126.
128,

Opportunisten: 198,

Ozeanfrachtabnahme: 271 £

Ozeanschiffahrt s, Handelsschiff-
fahrt,

Ontario &amp; Western RR.: 75.

Palisaden am Hudson: 248, 250 £.

Pam, Rechtsanwalt Max: 193,

Panik, s. a, Krise,

— von November 1907; 208 ff,

222,

— der Reichen: 178,

Papiergeld, Aufnahme der Ein:
lösungspflicht: 57 f,

— Einlösungspflicht: 108,

— Einstellung der Einlösungs-
pflicht: 105,

— Umlauf: 108,

4 &gt;
A
FF

Papiergeld, Wiederausgabe: 108,
Park, Trenor W.: 31.
Paulskathedrale; 248,

Peabody, George: 17,

Peabody &amp; Co, Bankhaus
George: 17, 20ff,, 25, 29££,
34 ff,, 38, 55, 295,

Perkham, Richter Justus W,;
421.

Pennsylvania RR,; 31, 61, 70, 74,
77 £f., 93, 100, 139, 163, 174,
Perkins, George W.,: 172£, 193,

195, 205, 211, 250 £,

Philadelphia &amp; Reading RR.:
7, 931£., 160, 162,

Phoenix National Bank: 206,

Pierpont, John: 11, 13 ff,

— Juliet: 16,

Pirrie, W. J,: 177,

Platt, Senator: 136.

Poincare, R,; 286.

Politik Dienerin von Wirtschaft
und Finanz: 180, 279 {f,

Politik und Wirtschaft, Ver-
quickung von: 182,

Poolbildung, Verbot durch das
Zwischenstaatliche Handels-
gesetz; 98,

Poolsystem im Eisenbahnwesen:
98 f., 103,

Poor, Henry W.: 191,

Porter, General Horace: 65, 67.
75.

— William H.: 221.

Posse commitatus: 64,

Postkutschenlinien, Joseph Mor-
gans Beteiligung an: 11 £,, 295,

Potter, Bischof: 52 ff,

Preisstabilisierung durch Stahl-
trust: 152, .

Presse, Deutschenhetze nach
Attentat auf Morgan: 261,

— u, deutsch-französische Ver-
ständigung: 293, ;
— und Schatzamtskrise 1895:

119£, 122f£., 133.

Pressefehden gegen Morgan: 224.

Prestigepolitik, amerikanische:
291,

— französische: 286.

Privatbanken: 268,

Rainsford, Dr.: 251,

Ramsev: 41, 44.
        <pb n="310" />
        Reading RR. s. Philadelphia &amp;
Reading RR.
Red Star Line: 176, 274 ff,
Regierung der Ver. Staaten und
Tennessee Coal &amp; Iron Co.:
217f£., 222,
Reichsbahn, Deutsche: 283,
Reichsschatzscheine, deutsche.
Unterbringung in den Ver.
Staaten: 200.
Rentenmark: 281,
Reorganisation von Eisenbahn-
linien s. Eisenbahngesellschf,
Reorganisationsmethoden in der
Industrie: 142,
Reparationsschuldverschreibun-
gen, deutsche: 281,
Reparationszahlungen, deutsche:
281, 283 £,
Begrenzung: 284 f,
— — Rückstände: 291,
Reynolds, G.: 282,
Richmond Terminal Co.: 158 ff.
Roberts, George H.: 77 ff., 100 £.
Rochester &amp; Buffalo RR.:; 69,
Rock Island RR.: 99.
Rockefeller, John B.: 7f£, 28,
155, 214, 250, 273,
Roosevelt, Theodore: 202 £., 218.
222 ff,
Root, Elihu: 65.
Rothschild, Bankhaus: 33, 57, 59,
117£, 201, 203,
Royal Mail Steam Packet Co.:
276.
Rückstände in deutschen Repa-
rationszahlungen: 291,
Ruhrgebiet: 281, 286.
Rußland, Anleihe in Ver. Staa-
ten: 262,
— Anleihen in Frankreich: 201.
Rüstungsindustrie der Ver. Staa-
ten: 257, 263 ff.
Rutland RR.: 166,
Ryan, Thomas F.: 204, 206,
Sachverständigen-Ausschuß (Da-
wes-Plan): 255, 281 ff.
— und Frankensturz: 288 f,
— Pariser Beratungen: 283.
Sachverständigen-Gutachten:
280 £f.
s, a, Dawes-Plan.

Sachverständigen-Gutachten,
Annahme des, und Franken-
stützung: 289

Sachverständigen-Konferenz,
Londoner: 291 ff,

Saint Louis &amp; San Francisco RR.:
162,

Sanierung von Eisenbahngesell-
schaften s. Eisenbahngesell-
schaften,

Sankt-Georgs-Kirche: 248,

Sanktionen: 284, 286, 291 ff,

Satterlee, Herbert L.: 212, 220.

Schatzamt, Abbruch der Ver-
handlungen mit Morgan (1895):
120,

— Abhängigkeit vom Kongreß:

116.

Anforderungen aus den Gold-
vorräten des: 105, 111 ff.
- Ansturm auf New Yorker Fi-
liale: 126.

und Devisensteigerung: 111.
drohende Zahlungseinstellung

(Bürgerkrieg): 125,

— (1895): 123.

— Eingreifen in Krise von 1907:
214 f.

— Ermächtigung, zum Goldan-

kauf: 125, 128,
- Goldreserve: 107£. 111 ff..
135.
- Goldlieferung Morgans an
(1895): 129 ff,
Krise v, 1895: 104 ff., 222, 231.
und Silberfrage: 109 f.
— Verhandlungen mit Morgan
(1895): 118.
Verhandlungen mit New VYor-
ker Bankiers (Bürgerkrieg):
125.-

— — (1895): 115 ff,

Schatznoten: 106, 109{f.

Scheidemünzen: 106,

Schenectady &amp; Utica RR.: 69.

Schiedsgericht im KEisenbahn-
wesen: 101 f.

Schiff, Mortimer: 282,

Schiffahrt, übermäßiger Wett-
bewerb: 173{f,

Schiffahrtsamt: 274 ff,

Schiffahrtstrust s. International
Mercantile Marine Company.
307
        <pb n="311" />
        Schiffbautrust: 157, 191 ff,

— Zusammenbruch: 157, 194,

Schuldenfrage, internationale:
280 ff,, 284.

Schuldverschreibungen: 200,

— als Rettung aus Finanzkrise

113, 119, 122, 130£, 136£
— der Stadt New York: 209
218 £

Schwab, Charles M.: 145, 153
192 ff., 263,

Schwarzer Freitag: 40,

Seaboard Air Line RR,: 163.

Seeschiffahrt s, Handelsschiff-
fahrt,

Sell-mine-first-Abmachung:
194 ff,

Seward, Sekretär: 35,

Shaw, Schatzsekretär Leslie A.:
236,

Shelby Steel Tube Co.: 146,

Sherman, Senator John: 36,

Sherman-Bill: 36, 109 £,

Silberanhänger, vermeintlicher
Sieg der: 124.

Silberdollars, Ausprägung: 109 {f.

Silberfrage: 107, 109f£, 113ff£,,
141,

Silbergesetzgebung in den Ver.
Staaten: 58,

Silbermünzen: 106,

Silberzertifikate: 106,

Sisson, Francis: 292,

Skandale im Eisenbahnwesen:
91,

Sloan, Samuel: 32, 41,

Smith, Rechtsbeistand Henrv:
45€

Societe Anonyme de Navigatior
Belge-Americaine s, Red Star
Line.

South Pennsylvania RR,: 74.
77€, 93,

Southern RR.: 159£, 162, 172%.

Sozialexperimente: 259,

Springer-Bill; 122,

Staatsschulden: 110,

Stabilisierung der deutschen
Mark s. Markstabilisierung,

Stahldraht-Korporation: 140.

Stählernes Zeitalter: 153,

Stahlkonzern s, United States
Steel Corporation.

Stahltrust s, United States Steel
Corporation,

Standard Oil Co.: 7, 142, 198,
273.

— Trust Co.: 206,

Steel Dinner: 154,

— Trust s. United States Steel

Corporation,

Steele, Charles W.,: 176. 211,
221, 275,

Stellvertretendes Stimmrecht:
163,

Stetson, Rechtsanwalt Franeis
Lynde; 120,

Stickney, A, B,: 99.

Stillman, James: 214, 250,

Stimmrecht, stellvertretendes:
163.

Stinnes, Hugo: 280,

Stotesbury, Edward T.: 221,

Sturges, Amelia: 22%.

Stützung des französ. Franken
s, Frankenstützung,

Südamerikanische Staaten, An-
leihen in Ver, Staaten: 201 £,
269, 279,

Syndicats: 49.

Syracuse &amp; Auburn RR.: 69,

Tappan, Frederick D.: 35£,

Taylor, Moses: 31.

-— Myron C.,: 266,

Tennessee Coal &amp; Iron Co.: 162
215 ff., 222,

Theunis, Minister: 293,

Thomas, D, A,: 263

Thomas-Banken: 210,

Thomson, Frank: 78{,

Tracey, Rechtsanwalt Charles:
38, 42%

— Frances Louise: 38,

Trampschiffahrt: 173 £

Transatlantische Schiffahrt, über-
mäßiger Wettbewerb: 173,

Treasury s, Schatzamt,

Treuhänderkomitee: 163,

Treuhandgesellschafiten unter
Morgans Kontrolle: 206 f,

Trust Co, of America: 212,

— of the Republic: 191, 194.

Trusts: 156,

Tucker: 220.
308
        <pb n="312" />
        Union Iron Works: 192.
— League Club: 65
-— Pacific RR.: 99, 167, 170, 253.
United States Industrial Rela-
tions Committee; 259,
— Lines: 273 ff,
Steel Corporation: 138, 140 ff.,
257,
Aktien: 145 ff,
Aktienverwässerung: 152.
Anzeichen der Krise von
7: 208,
Arbeiterpolitik: 151 f.
Aufkauf der Tennessee
Zoal &amp; Iron Co.: 215 ff,, 222,
und Automobilindustrie‘
MS,
und Bethlehem Steel Co.:
3,
Einzelgesellschaften: 146.
Entwicklungsprogramm:
52,
Finanzierung: 143, 145 ff.
und General Motors Co.:
"65,
Geschäftsgeheimnisse: 153.
Gewinn aus Finanzierung‘
49,
Grundgedanke: 138, 140 f£.,
13
Kapital: 145 f.
Konkurrenzpolitik: 151,
Kontrolle über Rohmate-
jal: 154,
Kurssturz der Aktien: 157
‚78, 190, 196.
Morgans Werk: 153f.
in der Nachkriegszeit:
265 ff,
national. Charakter: 174 f.
Organisation: 146 f,
u, du-Pont-Konzern: 266.
Preisstabilisierung: 152.
Statuten: 144 f,
Verschuldung: 146.
Wahl leitender Beamten:
266.
— — im Weltkrieg: 264 f.
Untersuchungsausschuß wegen
Goldlieferung Morgans an das:
Schatzamt (1895): 136{.

Untersuchungsausschuß wegen
Northern Pacific: 169 ff,
Utica &amp; Syracuse RR.: 69.
van Valkenburg: 45.
Vanderbilt, William H.: 31, 48,
60 £f., 67, 72f£f., 77 ff., 163,
Vanderbilts: 8, 155, 253,
„Vaterland‘, Dampfer s. „Levia-
than‘.
Vereinigte Staaten, ausländische
Anleihen in den: 200 ff,
— und Frankensturz: 288 f,
— werden Gläubigerstaat: 199 ff.,
279,
Prestigepolitik: 291.
Rüstungsindustrie: 257,
als Schuldnerstaat: 199, 279
— Schuldverschreibungen: 200.
Vermögen, Ursprung von Mor-
gans: 13.
Verständigung zwischen Deutsch-
land und Frankreich: 287, 293.
Vest, Senator: 115, 121, 136 f,
Voting Trust: 163. 176.
Währungsgesetz von 1878: 108,

Ward: 153.

Weltkrieg: 262 ff,

West Shore RR.: 7, 67£. 73f£.
81 ff., 93.

Westinghouse, George: 204.

Westminster Bank: 290,

Wettbewerb, Ausschaltung durch
Zusammenschluß: 156, 228.

— im Eisenbahnwesen s. Eisen-

bahnkriege.

— industrieller: 7, 155,

in der landwirtschaftlichen
Maschinenindustrie: 188.

— in der Ozeanschiffahrt: 173 £.,
183,

— verbrecherischer: 89.

White Star Line: 176, 186, 274 £f,

Widener, P, A, B.: 177.

Wiederausgabe der Banknoten:
108,

Wilhelm IL: 150, 182, 185, 187.

Winchester &amp; Co., J. H.: 275.

Winslow, General Edward F.:
67, 75,

Wirtschaftslage der Ver, Staa-
ten, zu große Belebung: 109.

— Verbesserung: 141 £f.
+00

du
        <pb n="313" />
        Woerishoffer, Charles T.: 75,

Wolltrust: 198,

Wright, J, Hood: 99,

a trat RT 78

Yerkes: 8,

Young, John W.: 191,

— Owen: 282, 284, 288f., 292,

Young Men’s Christian Associa
tion: 248,
Zahlungsmittelknappheit, Furcht
vor: 108,
Zuckertrust: 142,

Zusammenschluß; 154 ff,
— Banken: 206 f,
— Bedeutung für kleine Unter-
nehmungen: 197 f,
Kapital: 155,
Stahlindustrie: 154,
Theorie und Praxis: 155,
Treuhandgesellschaften: 9.
206 £.
— Zeitalter des: 154,
Zwischendeckspassagiere: 271 £.
Zwischenstaatliches Handelsge-
setz: 98 f.

310
        <pb n="314" />
        Im Verlag Carl Reißner, Dresden, erschien:

HENRY FORD

ZWEI JAHRZEHNTE PERSÖNLICHER ERLEB-
NISSE UND MITARBEITERSCHAFT AN SEINEM
WERDEN UND WIRKEN
VON S. MAROQUIS

Mit einem Anhang. Geheftet M. 5.50, gebunden M. 7.—

Dies ist das dritte und letzte der großen Ford-Bücher: es ist
die notwendige Ergänzung zu seinen beiden Vorgängern und einer
noch stärkeren Beachtung gewiß, weil es gerade jene wichtigsten
Dinge enthält, die dort verschwiegen sind, Dabei ist dies Werk
nicht minder authentisch als seine beiden anderen, die Ford eben-
sowenig selbst geschrieben hat, Hier atmet der Geist Fords am
lebendigsten. Das Werk ist deshalb so bedeutsam, weil es uns
nicht wie seine Vorgänger ein Idealbild vorsetzt, sondern weil es
auch in Amerika das einzige ist, das bei aller Anerkennung mit
größter Offenheit Kritik übt und dadurch freilich oft in Gegen-
satz zu jenen tritt. So erfährt hier selbst der Kenner völlig neue
Dinge, so deckt das Werk manche Geheimnisse der Ford-Betriebe
auf und zeigt neben dem Licht auch den Schatten, Dies alles
konnte nur ein langjähriger enger Mitarbeiter schreiben, der auch
hinter die Kulissen geschaut hat, Das Buch enthält Bekenntnisse
und Erzählungen Fords, wie sie nur gegenüber einem intimen
Freund gemacht werden. — Alles ist nach persönlichen Auße-
rungen von ihm und Erlebnissen mit ihm wiedergegeben — ein Bild
des wirklichen, intimen Ford, seiner Persönlichkeit und seines
Lebenswerkes, wie es genauer und wahrheitsgetreuer nicht ge-
dacht werden kann, und derjenige kennt Ford nicht. dem dies
Quellenwerk unbekannt bleibt.
        <pb n="315" />
        Im Verlag Carl Reißner, Dresden, erschien:

WALTHER RATHENAU
UND SEIN WIRTSCHAFTLICHES WERK

Von J. Revesz

Geheftet M. 4.—, gebunden M. 5.50

Was Fords wirtschaftliche Ideen für ameri-
kanische Verhältnisse bedeuten, das bedeutet
Rathenaus wirtschaftliches Werk für uns. Und
doch gab es bisher kein Buch, das dieses in zusammenfassen-
der Weise darstellt, Zwar hat Rathenau selbst von seinem
wirtschaftlichen Werk gesprochen, aber dies ist an sehr verstreu-
ten Stellen geschehen. Daher empfand man seit Jahren immer
stärker die Notwendigkeit eines solchen zusammenfassenden
Buches; es unterscheidet sich wesentlich, schon allein durch den
Umfang, von den vielen Broschüren über Rathenau, die sich ent-
weder durch parteipolitische Einstellungen oder durch Beschrän-
kungen auf Spezialfragen in Einzelheiten verloren, Hier ist end-
lich das ersehnte Buch, das Rathenaus wirtschaftliches Werk den
weitesten Kreisen erschließt, ohne auf Kritik zu verzichten, "Zu-
gleich stellt es Rathenaus Rolle im öffentlichen Leben Deutsch-
lands dar und die Zusammenhänge seines Systems mit seiner
Kriegswirtschaft und den Sozialisierungsversuchen, so daß es auch
ein Stück Zeitgeschichte enthält, Dies Buch ist die notwendige
Ergänzung zu Rathenaus .‚Briefen“; sprechen jene vom Persön-
lichsten, so dies Buch zum erstenmal in geschlossener Form von
seinem Lebenswerk,
        <pb n="316" />
        <pb n="317" />
        <pb n="318" />
        © is
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Lage war, die wirtschaftlichen Fähigkeiten Deutsch-
lands und seine Arbeitskraft zu beurteilen. Young
hatte unbegrenztes Vertrauen zu Deutschland — ein
Vertrauen, das sich in den schweren Lasten auswirkte,
die der Dawes-Plan Deutschland auferlegte. Aber
auch Young wieder war nicht der eigentliche Urheber
des Planes, er führte nur mehr oder weniger die Direk-
tiven aus, die ihm von Wall Street gegeben waren —
eine Behauptung, die durch die Bereitwilligkeit und
Schnelligkeit gestützt wird, mit der die Sachverstän-
digen auf Meinungsäußerungen Wall Streets, der
amerikanischen Bankkreise und des „maßgebenden
Mannes auf dem amerikanischen Geldmarkt‘, wie es
in einer New Yorker Meldung des „Daily Telegraph”
heißt, reagierten. Auch die verschiedenen Krisen, die
die Sachverständigen-Konferenz in London durch-
machen mußte, sind weiter nichts als Auswirkungen
der rivalisierenden Strömungen in Wall Street.

Im Januar 1924 kamen die Sachverständigen der
verschiedenen Siegerstaaten in Paris zusammen. Zum
Vorsitzenden des Ausschusses wurde General Dawes
gewählt. Die Ergebnisse der langwierigen Verhand-
lungen, Untersuchungen und Prüfungen, die sich in
dem Dawes-Gutachten kristallisierten, brauchen hier
nicht ausführlich erörtert werden. Es sei nur fest-
gestellt, daß der Dawes-Plan vorsah, Deutschland die
Zahlung einer bis zum Jahre 1928 jährlich steigenden
Summe aufzuerlegen; vom Jahre 1928 an aber behält
diese Summe ihre Höhe bei, abgesehen von Modi-
Ezierungen nach einen Koeffizienten oder Index, der
sich nach dem Wohlstand Deutschlands richtet. Zur
Sicherheit dieser Reparationszahlungen wird die
Reichsbahn verpfändet, und zur Gewährleistung der
Stabilität der neuen deutschen Währung wird eine
Goldnotenbank begründet, zu welchem Zweck im

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