II. Der Markt von Lübeck 83 die Schwierigkeiten dabei noch so groß sein, und mag das dabei gewonnene Bild an blendender Klarheit und unmittelbar bestechender Überzeugungs- kraft zunächst zurücktreten hinter einer konstruktiv-deduktiven Behand- lung nicht desselben Materials — dem ist auf solchem Wege nicht beizukom- men — aber ähnlicher Probleme!*), Denn das wirkliche Leben ist so voller Widersprüche, so relativ und fließend in seinen Grenzen und Übergängen, daß es manches Mal unmöglich erscheint, aus der schillernden, unbestimmten Masse das Wesentliche herauszuholen und damit ordnende Gesichtspunkte zu gewinnen, die dem Leben selbst entnommen, nicht von außen her in seine Überlieferung hineingetragen sind. Wenn trotz dieser Schwierigkeiten das Ziel erreicht werden soll, ist der methodischen Vorbereitung ein breiter Raum und größte Aufmerksamkeit zinzuräumen. Im vorliegenden Falle galt es zunächst einmal, den gänzlich unübersichtlichen Stadtbuchstoff in eine straffgegliederte, einer wissenschaft- lichen Verarbeitung überhaupt erst zugängliche Form umzugießen!®); sodann aber Mittel zu finden, die toten Einzelnachrichten wieder zu organi- schen Einheiten zusammenzuführen und auf diese Weise eine möglichst große Zahl sich gegenseitig erläuternder, zugleich auch kontrollierender Tatsachengruppen zu gewinnen. Topographie und Statistik erwiesen sich bei diesem Versuche. als die zuverlässigsten Hilfswissenschaften historisch- soziologischer Erkenntnis. Beide Wissenszweige haben der Geschichte längst die wertvollsten Dienste geleistet: Es sei an Hermann Keussens Topographie der Stadt Köln im Mittelalter (1910) und das von Konrad Beyerle und Anton Maurer herausgegebene Konstanzer Häuserbuch (1908) erinnert, auf dem Gebiet der Statistik nur Karl Büchers klassisches Buch über die Bevölkerung von Frankfurt am Main (1886) genannt. Auch ist der Wert des Stadtbuch- materials als historische Quelle längst erkannt — es genügt, auf die vor- trefflichen Worte zu verweisen, die Paul Rehme über seine Erschließung niedergeschrieben hat!®), sowie auf die bereits erwähnten topographischen Werke. Ein Fortschritt zur Vertiefung der Erkenntnis mittelalterlichen Lebens scheint mir aber nach der Richtung möglich, daß topographische und statistische Verarbeitung Hand in Hand gehen, und daß die mittel- alterlichen Stadtbücher zugleich auch statistisch ausgewertet werden; selbst- verständlich nur zur Behandlung von Fragen, für die das Stadtbuch als erschöpfende und deshalb als statistisch erfaßbare Quelle zu gelten hat!®?). Als erster Versuch nach dieser Richtung wollen die vorliegenden Studien betrachtet werden; in ihrer hoffentlich möglichen abschließenden Fort- setzung wird, namentlich bei der Behandlung der mit dem Lübecker Renten- markt zusammenhängenden Fragen, die statistische Bearbeitung weit mehr in den Vordergrund treten als hier, wo sie gewissermaßen nur als Kontroll- und Erläuterungsmittel der topographischen Tatsachen in Erscheinung tritt.