84 II. Der Markt von Lübeck Zugleich enthalten dieselben Stadtbucheintragungen, die so einzigartigen Stoff zu topographischen und statistischen Übersichten und Querschnitten liefern, gewichtige Tatsachengruppen gegen eine voreilige Verallgemeinerung des Zuständlichen für die Zeiten vorher und nachher. Die Stadtbücher liefern, wie Paul Rehme es ausgedrückt hat: „die Erkenntnis der fortschreitenden geschichtlichen Entwicklung, nicht nur des zu einer bestimmten Zeit be- stehenden Zustandes‘. In der Tat, die geradezu erstaunliche Beweglichkeit und teilweise Gegensätzlichkeit der sich in den rechtlichen und wirtschaft- lichen Zuständen des Marktes abspielenden Veränderungen bis um die Mitte des 14. Jahrhunderts ist eine der wertvollsten Erkenntnisse allgemeiner Art, die sich aus den vorstehenden Studien geradezu aufdrängt. Sie ist zugleich eine ernste Warnung gegenüber jener verbreiteten Vorstellung der Einheit- lichkeit der wirtschaftlichen und rechtlichen Verhältnisse des Mittelalters, seines konservativen, traditionellen, sich immer gleich bleibenden Charak- ters16), Was zunächst die innere Geschichte Lübecks angeht, so hat dieser entscheidende Irrtum die Darstellung bisher geradezu zur Unfruchtbarkeit verurteilt und damit die Achtlosigkeit verursacht, die Lübeck in der For- schung der letzten Jahrzehnte zuteil geworden ist, obwohl das Lübeck des 13. Jahrhunderts einer Stadt wie Köln an wirklicher Bedeutung gewiß nicht nachsteht. Das seit der Mitte des 14. Jahrhunderts einsetzende Quellen- material und den sich in ihm ausdrückenden Geist datierte man unbedenk- lich zurück in die Frühzeit der Stadt; so bei den Verbänden der Handwerker und Kaufleute, so bei der Frage des Patriziats, so auch bei der Ratsver- fassung. Gewiß, um 1350 setzt ein Zug des Beharrens unverkennbar ein und ist charakteristisch für die Folgezeit. Man nimmt aber Lübecks Geschichte aicht nur allen Reiz, wenn man diesen Zug des Beharrens — um es kurz anzudeuten: den Geist der geschlossenen Stadtwirtschaft mit all seinen obrigkeitlichen und genossenschaftlichen Bindungen — in die Frühzeit des 14. Jahrhunderts oder gar noch ins 13. und 12. Jahrhundert zurückverlegt, sondern man untergräbt sich damit jede Möglichkeit eines Verstehens der älteren Geschichte Lübecks. Die Kräfte, die es schufen, wollten lösen, nicht binden, wollten sich frei auswirken, nicht beengt werden. Bei der Dürftigkeit der unmittelbaren Quellen der Frühzeit war bisher dieses Geschlecht der wagenden Unternehmer für unser geschichtliches Bewußtsein verloren- gegangen. Nun leuchten seine letzten Spuren auf einmal aus der Marktkarte des ausgehenden 13. Jahrhunderts uns entgegen; die Stadtbücher erweisen sich auch als retrospektiv verwertbare Quelle. Allerdings, es sind die letzten Spuren jener Frühzeit, die von uns aus dem erhaltenen Quellen- material noch zu erhaschen sind: es ist das Unternehmerzeitalter im Zustande der Liquidation. Es soll hier nicht untersucht werden, ob man nicht auch sonst für das Mittelalter Quellenmangel oder Mangel an bequem benutzbaren Quellen durch Rückdatierungen ähnlicher Art ausgeglichen