36 11. Der Markt von Lübeck daß sie auf einen Nenner gebracht werden könnten. Das lehrt mit deutlicher Sprache der Lübecker Markt. Bäcker und Schuster, Fleischer und Krämer, Riemenschneider und Goldschmiede, Wollenweber und ihre glücklicheren Rivalen, die Gewandschneider: sie alle wollen nach den besonderen Ver- hältnissen ihrer wirtschaftlichen und sozialen Stellung innerhalb der Ein- heit des gesamten städtischen Wirtschaftslebens beurteilt werden, Aus ihrer sehr verschiedenartigen Stellung zum Markt und seinen Einrichtungen sind hier Einblicke zu gewinnen, wie sie anderes Quellenmaterial auch nicht annähernd so gut zu vermitteln vermag. Und doch verlangt die gewonnene Erkenntnis noch weitere Ergänzung außerhalb des hier behandelten Quellen- stoffes. Die Marktstatistik der Gewandschneider mit ihren überraschenden Aufschlüssen über die Art ihrer Tätigkeit im 13. Jahrhundert und die Ver- schiebung ihrer beruflichen Verhältnisse seitdem — sie führt hinüber zu Fragen, die mit dem Markte nichts mehr zu tun haben: die Tätigkeit der Gewandschneider auf dem Markt ist erst richtig einzuschätzen, wenn die Fernhandelsverhältnisse in ihrem Wandel ausreichend untersucht sind. Und vollends erst im Zusammenhang mit der Entwicklung des lübeckischen Handels über See sind jene wichtigen, hier nur angedeuteten Fragen zu lösen: wie es kam, daß um 1300 die Nachfahren alter Familien mit hochwerti- zem Grundbesitz zum Teil wirtschaftlich zusammenbrechen und Männern anderer sozialer Herkunft das Feld räumen-müssen. Schon diese wenigen Hinweise erfordern die Verarbeitung weiteren Lübecker Quellenstoffes, Andrerseits möchte das schon hier fest Gewonnene mit den Ergebnissen der Forschungen für andere Städte in Beziehung gesetzt werden. Lübecks ältere Geschichte hat immer wieder Berührungs- punkte mit der Freiburgs i. Br. ergeben; zugleich lockt ein Vergleich mit den jüngeren ostdeutschen Gründungen, namentlich mit den von Lübeck selbst mit veranlaßten!?!). Auch lohnt ein Gegenüberstellen der Lübecker und der Kölner Marktkarte, wie sie in der Topographie der Stadt Köln wieder- gegeben ist. Die einfacheren, klareren Verhältnisse der Gründungsstadt kommen hier ebenso deutlich zum Ausdruck, wie ja auch sonst der im Ver- hältnis zu der Kompliziertheit der Kölner Zustände geradezu rationalistisch- nüchterne, aber doch auch organisatorisch überlegene Zug der gesamten Verfassungsverhältnisse Lübecks festzustellen ist!??). Endlich fordert die topographische Behandlung des Marktes zum Vergleich des Marktes als Siedlungsstätte mit den übrigen Stadtteilen auf: der Gegensatz der winzigen Budengrundstücke auf dem Markte zu den langgedehnten areae der Wohn- grundstücke auf der Karte gibt hier einige Hinweise an die Hand. Hier mündet diese Untersuchung ein in jene ergebnisreichen Versuche der letzten Jahrzehnte, den Stadtplan als Geschichtsquelle fruchtbar zu machen. Unwillkürlich spricht dieses Schlußwort mehr von dem, was noch zu tun ist, als von dem, was es eigentlich abschließen soll. Aber schon die Fragen