II. Der Markt von Lübeck 0] meine Arbeiten entstanden sind: das 1284 beginnende Stadtbuchmaterial ist seine Hauptquelle. Aus diesen Quellen wehte mir nun mit einer nicht miß- zuverstehenden Deutlichkeit das entgegen, was ich oben im Text als den „individualistisch-unternehmenden Zug der Frühzeit‘‘ bezeichnet habe. In- zwischen habe ich aber durch meine als Beitrag III und VITabgedruckten Untersuchungen scharf darauf hinweisen können, daß jene gegen Ende des 13. Jahrhunderts unbedingt wirtschaftlich führenden homines novi durchaus ndividualistischer Prägung eine ältere führende Schicht teils verdrängen, teils zur Anpassung an den neuen wirtschaftlichen Geist zwingen. Hätten nicht verantwortungslose Hände die ältesten Bände des Ober- und Niederstadt- buchs Lübecks verschleppt oder vernichtet, so wären hier noch sehr viel ein- ygehendere Kenntnisse für die früheren Jahrzehnte des 13. Jahrhunderts zu gewinnen. So möchte ich mein Urteil mit aller Vorsicht dahin zusammen- fassen, daß echter Unternehmergeist zwar an der Wiege des 1158 neugegrün- deten Lübeck gestanden hat; daß aber damals doch ein stärkeres Betonen zenossenschaftlicher Momente vorhanden war. Einmal schon wegen der Risikoverteilung bei der Gründung, sodann aber auch wegen der von Häpke mit Recht hervorgehobenen „genossenschaftlichen Geschäftsauffassung und Lebensführung“‘, wie sie sich z. B. in dem Zusammenwandern „ganzer Kauf- mannscharen‘‘ äußerte. Aber gerade hiermit ist es am Ende des 13. Jahrhunderts vorbei. Denndamals hatte sich jene Umwälzung im kauf- männischen Betriebe.durchgesetzt, die ich in der Einleitung von Beitrag VII zeschildert habe: das Eindringen der Schriftlichkeit. Ich möchte meinen, daß im Hinblick auf die unmittelbar vorausgehende Art des kaufmännischen Betriebes keine spätere Umwälzung so eingreifend war, wie gerade diese; und dennoch: sie blieb so gut wie gänzlich unbeachtet. Sie ist m. E. so wichtig, daß man hier die Zäsur zu machen hat, wenn man die Ursprünge des modernen Kaufmanns festlegen will: alles, was dann noch kam, die Über- nahme der arabischen Zahlen, das Eindringen der doppelten Buchführung, ja bis hinunter zu Telegraph und Schreibmaschine; das alles sind weitere Fortschritte auf einer im 13. Jahrhundert in Deutschland zumersten- mal betretenen Bahn: die Rationalisierung des kaufmännischen Betriebes durch das Mittel der Schriftlichkeit als neuer Organisationsfaktor. Dies ist die zweite „kapitalistische Welle‘, die sich in Lübeck auswirkt; sie konnte jetzt wahrhaft rein individualistische Züge haben: in der Organisation des einzelnen Betriebes, nicht mehr im Umherziehen mit Genossen lag jetzt die Stärke des Kaufmanns. „Die große Neuerung‘‘ der Schriftlichkeit, er- griffen von einigen auf Vergrößerung des Erwerbs sinnenden organisato- rischen Köpfen: das war der Ursprung der geradezu umstürzlerischen Be- wegung, welche damals die Wirtschaft Lübecks traf; Bertram Morneweg ihr markantester Vertreter. Hier ist es für mich eine besondere Freude, auf die wirtschaftstheoretische Literatur hinweisen zu können, Der 1921 erschienene Aufsatz von Th. Mayer, Wesen und Entstehung des Kapitalismus (Ztschr. f. Volkswirtschaft und Sozialpolitik, N. F. Bd. 1, S.5ff.), den ich erst jetzt ein- sehen konnte, hat damals die Ursachen, die treibenden Kräfte, das Tempo, die Dauer einer solchen „kapitalistischen Welle‘ geschildert; diese Darstellung,