Z rE Arber Einleitung. Die legten beiden Tatsachen brachten eine starke Neigung mit sich, alle Untersuchungen historischer Art, die die Fragen nach dem Milieueinfluß oder dem Zusammenhang zwischen geistiger und sozialer Kultur auch nur berühren, der „Soziologie“ einzuverleiben. Eine Anschauung glaubte auch die Entstehung der höheren Geistesinhalte nur aus der „So- ziologie‘“ verstehen zu können, weil alles geistige Leben sich in der Gruppe abspielt. Ferner sah sich die Nationalökonomie über die Grenzen ihres eigenen Faches hinausgedrängt, weil sich das Wirtschaftsleben viel- fach nur verstehen läßt, wenn man es in den Zusammenhang der moder- nen Gesellschaft und Kultur hineinstellt. Entsprechendes gilt auch von der Kriminalistik und Kriminalpolitik. Auch die sozialen und politischen Bewegungen unserer Zeit suchen vielfach ihre theoretische Begründung in der „Soziologie“. Dazu kommt oder darin ist schon enthalten das Verlangen, unsere moderne Kultur als eine Einheit zu erfassen. Ein glei- ches Verlangen macht sich in differentieller Hinsicht gegenüber den In- dividualitäten der einzelnen modernen westeuropäischen Kulturen be- merklich, und ebenso gegenüber den großen asiatischen Kulturen, in die wir uns gern teils um ihrer selbst willen, teils des Vergleiches wegen zu vertiefen beginnen. Allen diesen Bestrebungen und Interessen ist eins gemeinsam: das einzelne Geschehen oder der einzelne Zustand soll in den allgemeinen Zusammenhang der Gesellschaft und Kultur eingereiht werden. Ins- besondere macht sich dieses Bedürfnis der modernen Gesellschaft und Kultur gegenüber bemerklich. Was so verlangt wird, ist erstens eine Theorie der Gesellschaft und Kultur überhaupt, zweitens deren Anwen- dung auf eine Fülle von Problemen und Bewegungen der Gegenwart. Mit dem ersten Punkt ist aber auch zugleich derjenige Gegenstand be- zeichnet, an dem ein rein immanenter Erkennitniswille einen dank- baren Stoff für die Anfänge einer neuen Disziplin findet. Hier finden wir in der Tat das zentrale Gebiet der Soziologie im streng wissenschaftlichen Sinn — das Gebiet einer eigenen (künftigen) Wissenschaft. Ein solches existiert in der Tat für die Soziologie: sie ist mehr als eine Zusammen- stellung von Ergebnissen anderer Wissenschaften. Sie ist aber (in ihrem tatsächlichen Zustand) auch dieses legtere. Man mag sie in dieser Bezie- hung mit der Geographie vergleichen, die jedenfalls zum großen Teil auch eine Enzyklopädie andersartigen Stoffes bedeutet. Auch eine weitere Übereinstimmung zwischen beiden Gegenständen drängt sich auf: beide sind nicht lediglich aus dem Forschungswillen, sondern zum großen Teil aus einem Lehr- und Unterrichtsbedürfnis erwachsen. Bei der Geogra- phie handelte es sich dabei um den Schulunterricht. Bei der Soziologie gilt das Legtere für Amerika bekanntlich ebenfalls im großen Maße; im übrigen kommt aber hier vor allem das Bedürfnis vieler Praktiker und