Gegenstand und Gliederung der Soziologie. { (Spranger) nicht zu den Aufgaben einer soziologischen Wissenschaft rech- nen; denn die einschlägige Forschung erfordert besondere Sachkenntnis, teils eine solche der modernen Gesellschaft und Kultur, teils eine solche anderer Zeiten und fremder Kulturen. Man darf sich auch dabei nicht durch den Gedanken beirren lassen, daß man alle diese Gegen- stände kennen müsse, um den Aufbau der Gesellschaft aus ihren Tei- len zu verstehen; denn auch hier ist zu unterscheiden zwischen Inhalt und Form, also zwischen der Gesamtheit der Institutionen, Bewegungen, Prozesse usw. einerseits und den formalen Aufbaugesegen andererseits, die sich auf den Gemeinschaftsgrad, die Art der Machtverteilung oder der Kampfregelung usw. beziehen. Auch hier kann es sich demnach im allgemeinen nur um eine Anwendung der spezifisch soziologischen Be- griffe handeln. Echt soziologische Erkenntnis wäre wiederum nur da zu gewinnen, wo an einem jener Gegenstände ein besonderer Typus der Vergesellschaftung zu Tage träte. — (Ähnliches gilt von den Aufgaben, die dem zweiten Teil der Soziologie, der Kulturlehre oder Kultur- 3oziologie, zufallen. Ihr erster Gegenstand ist die Kultur als Einheit (im Gegensag zu den einzelnen Kulturgütern). Hier- her gehören Fragen wie die nach der Gliederung der Kultur in ein- zelne Kulturgüter, nach dem Mechanismus ihrer Erhaltung und ihres Wandels, nach ihrer Objektivität, d. h. ihrer Unabhängigkeit und Abhängigkeit von der sie tragenden Gruppe; endlich auch die Frage nach der Stileinheit der Kultur d. h. der einheitlichen Färbung aller einzelnen Kulturgüter einer Epoche und eines Volkes. Diese legte Frage, die zunächst rein deskriptiv gemeint ist, die kausalen Zusammen- hänge also zunächst auf sich beruhen läßt, enthält auch die bekannte Frage nach dem Zusammenhang von Überbau und Unterbau im Sinne der materialistischen Geschichtsphilosophie in sich. Endlich gehört hier- her das Problem der Typen und der Entwicklungsgesege der Kultur, so- fern dabei die Typen und Gesege nicht aus dem Inhalt der Kultur und nicht aus dem jeweiligen seelischen Zustand ihrer Träger entnommen äind, soweit also diese Gesegße nicht inhaltliche Geseße (wie das z. B. bei Comtes Drei-Stadiengeseg der Fall) oder psychologische Gesetge sind. In diesem Falle würden wir nämlich in die Bahnen einer synthetischen Be- trachtung der Kultur zurücklenken, wie für sie Comte und Spencer das Vorbild gegeben haben; eine solche aber ist nach ihrem Wesen, wie Spran- ger mit Recht bemerkt hat (s. u.), grundverschieden von derjenigen zer- gliedernden Forschung, die hier in Rede steht und auf die der Begriff der Soziologie zu beschränken ist, falls er nach seinem Inhalt die Einheit einer Wissenschaft nicht überschreiten soll. Dieser zergliedernden Be- handlungsweise der Kultur gegenüber bildet also die sogenannte mate- rielle Geschichtsphilosophie. wie man dieses Cebiet wohl auch bezeichnet.