rat 12 Einleitung. vom Verfasser vertretenen überein. Insbesondere wendet sich auch Spranger gegen die Uferlosigkeit in der Inhaltsbestimmung und die viel- fache Unklarheit des Begriffes dieser Wissenschaft und die tatsächliche Verschiedenheit des ihm zugeschriebenen Sinnes. Hier sei nur auf zwei Punkte kurz eingegangen: 1. Jede Erörterung der Kultur durch die So- ziologie lehnt Spranger ab. Die legtere hat es vielmehr nur mit der Ge- sellschaft zu tun. Streng von ihr zu unterscheiden sei eine Wissenschaft von der Kultur (Kulturlehre oder Kulturphilosophie), die im Gegensat zur analytischen Methode der Gesellschaftslehre synthetischen Charakter trägt. Dabei denkt Spranger an materielle Geschichtsphilosophie, also an Comte und seine Nachfolger. Nicht in den Kreis der Erwägung ge- zogen ist von ihm die Möglichkeit einer Kulturlehre, die ähnlich ana- lytisch wie die Gesellschaftslehre vorgeht, wie sie der Verfasser im vor- stehenden anzudeuten versucht hat. Gegen eine solche würden die hier vorgebrachten Bedenken, die sich auf die vollständige Verschiedenheit der Methode beziehen, keine Anwendung finden. 2. Spranger wendet sich gegen den Ausdruck: formale Soziologie, weil es auch die Gesell- schaftslehre mit einem (kulturellen) Inhalt zu tun habe, sofern nämlich die Sozialformen ebensogut wie die wissenschaftlichen Lehren oder reli- giöse Riten zum Bestande der Kultur gehören. Dabei hat Spranger aber nicht unterschieden zwischen den äußeren und organisatorischen Formen, durch die sich z. B. der Staat von der Familie und diese von der Nation unterscheidet, und jenen inneren Formen, die Simmel unter for- maler Soziologie versteht (z. B. Gehorsam, Hilfsbereitschaft, Führer- verhältnis, Strafe, Gruppenselbstbewußtsein usw.). Es scheint fast, als schwebten Spranger die ersteren vor. Wollte man diesem Gedanken nachgehen, so würde sich die Frage erheben, ob dann die Soziologie nicht mit der Geschichte oder Theorie der einzelnen menschlichen Organi- sationsformen zusammenfiele. Es ist dem Verfasser nicht klar, ob Spran- ger in der Tat auf diesem Standpunkt steht. Er würde dann in der Tat die Soziologie zu einer den übrigen Geisteswissenschaften (speziell den Sozialwissenschaften) nebengeordneten Disziplin machen im vollen Gegensag zu den Anschauungen, die von Simmel und den übrigen An- hängern der formalen Soziologie vertreten werden. Es besteht eine eigentümliche Spannung zwischen dem immanenten Inter- esse der keimenden soziologischen Wissenschaft und dem „Fremdinteresse‘“, das andere Wissenschaften und die Praxis des Lebens an der Entwicklung der Soziologie besitzen, Das erstere ist auf langsames Reifen von innen heraus gerichtet, während die legteren Mächte mit begreiflicher Ungeduld für ihre Zwecke sofort Früchte ernten möchten. Die in diesem Zusammenhang unternommenen Versuche, die bestehenden Lücken der Er- kenntnis gleichsam auf eigene Faust durch ein beschleunigtes Verfahren auszufüllen, können, wie schon früher bemerkt, nur einen vorläufigen Wert beanspruchen. Die Erwartungen, die man in dieser Hinsicht auf die Soziologie als eine alles erklärende