Die Soziologie im weiteren Sinn. 17 ist im besonderen Maße zu mißbilligen!). Die sonstigen Verwendungen des Wortes stimmen wenigstens darin überein, daß die Soziologie eine systematische Wissenschaft ist, während sie hier zu einer histo- rischen oder vielmehr zu einem unselbständigen Teile einer solchen gestempelt werden soll, der eines Ausbaues im Sinne einer vollen Wissen- schaft gar nicht fähig ist. Zu erklären ist die Verirrung einigermaßen aus der vielfachen Neigung, der Urgeschichte und den primitiven Kul- turen eine gewisse Rolle in der Soziologie einzuräumen, eine Neigung, die ihrerseits eine arge Vermengung historischer und systematischer Fra- gen bedeutet. — Daß es ebenso mißbräuchlich ist, unter Soziologie Ge- schichte der menschlichen Organisationen, insbesondere der Familie, des Stammes, Staates usw. zu verstehen oder eine systematische Wis- senschaft von diesen Organisationen (ähnlich der allgemeinen Kunst- oder Religionswissenschaft) als Soziologie zu bezeichnen, haben wir schon früher erörtert. — Verfehlt ist es ebenso, wenn man die Untersuchungen über den Auf- und Abstieg in den einzelnen sozialen Klassen mit diesem Namen tauft. Zu erklären ist dieser Mißbrauch wahrscheinlich aus einer Verwechslung von Stoff und Problem. Die menschlichen Organisationen wie Familie, Staat usw., stehen in einer Reihe neben anderen Kultur- gütern, wie Kunst, Religion usw.; sie alle sind Objektivationen der „Ge- sellschaft“, gleichsam geronnene gesellschaftliche Kraft. Nur rein äußer- lich, dem Stoffe nach betrachtet, stehen die menschlichen Organisationen zu der Tatsache der „Gesellschaft“, in welchem Sinne dieses Wort auch aufgefaßt wird, in einer engeren Beziehung als die übrigen Kulturgüter. Ähnliches gilt auch, wenn man die Untersuchungen über die Begabten, Abnormen, Kriminellen usw. als der „Teile“ der (modernen) Gesellschaft zur Soziologie rechnen will. 3. Inhaltsübersicht. Die ersten drei Kapitel des vorliegenden Buches behandeln ein und denselben Gegenstand nach verschiedenen Richtungen hin. Dieser Gegen- stand ist die menschliche Gesellschaft. Das erste Kapitel untersucht das Wesen der Gesellschaft und findet es in einem Zustande spezifischer innerer Verbundenheit, der zwischen den beteiligten Personen besteht. Die sozialen Erlebnisse unterscheiden sich durch diese Eigenschaft von den biologischen, bei denen der Mensch einer als fremd empfundenen Welt gegenübersteht. Mag es sich um den Gehorsam oder die Macht, um Strafe oder Recht. um Suggestion oder das einfache Gespräch han- 1) Leider ist er auch in den amtlichen Sprachgebrauch eingedrungen. Man spricht dort von Lehraufträgen und Professuren für Ethnologie und Soziologie. Vierkandt. Gesellschaftslehre