23 Abhängigkeit des Einzelnen von seiner Bewertung durch die Gruppe. Um diese herauszuarbeiten, wollen wir es zunächst vergleichen mit einer anderen, vielfach mit dem gleichen Namen belegten Haltung, die ihm äußerlich ähnlich, innerlich jedoch von ihm wesensverschieden ist. Und zwar greifen wir beide Male einen besonderen Fall heraus, indem wir das Verlangen nach Macht vergleichen, wie es sich im Zusammenhang jeder von beiden Haltungen darstellt. Als Typus des einen führen wir den Tyrannen an, der weiter nichts will als daß sein Ich als mächtig und bedeutend in einem rein äußeren Sinne erscheint; als Vertreter des zweiten den Ehrgeizigen, der nach einer Machtposition strebt in erster Linie, weil sie als Ausweis eines besonderen Wertes erscheint, oder den Dilettanten, der als Kenner gelten will. Die beiden legteren scgen bei ihrem Streben einen Maßstab der Bewertung voraus und erkennen ihn implizite als gültig und für sie verbindlich an. Ihr Verhalten ist also mit einer inneren Unterordnung unter die Werturteile ihrer Umgebung verbunden und verknüpft sich so mit einer inneren Abhängigkeit von dieser, während bei dem ersten Typus diese beiden Eigenschaften fehlen. Hier, bei ihm herrscht vielmehr der bloße, von jeder Einschränkung freie Wille nach Macht und Überlegenheit schlechtweg — man möchte sagen die bloße Freude am Ursachesein, unbekümmert darum, was verursacht wird. Dieser blinde Machtwille kann sich auch an Tieren und gelegentlich auch an der toten Natur befriedigen, durch Überwinden von Hindernissen, Bewältigen von Lasten usw.; wobei natürlich diejenigen Fälle auszuschließen sind, in denen die Überlegenheit über das Außermenschliche nur wegen der Rückwirkung auf die menschliche Umgebung erstrebt wird. Ihm kommt es nur auf das äußere Verhalten der Umgebung an, auf das Abhängigsein schlechtweg, insbesondere auf die Zeichen der Unterwürfigkeit, des Schreckens und der Furcht. Auch die Grausamkeit bildet wenigstens in einer Komponente einen besonderen Fall dieses Typus. Ihm kommt es nur auf das Zittern und die Fügsamkeit, dem andern Typus zugleich auf Achtung und Anerkennung eines Wertes an, die ihm die Abhängigen entgegenbringen sollen. Der eine will nur über das Verhalten, der andre über Seelen herrschen: der eine strebt nach äußerer, der andre nachinnerer Macht. Nur der zweite kennt daher das Schamgefühl, da wo er auf Mißachtung stößt; denn diese Mißachtung ist an sich ein rein innerlicher Zustand, der mit der äußeren Machtsphäre nichts zu tun hat. Der erste dagegen kennt, wo er Mißerfolg erntet, nur Zorn und Wut als Reaktion. In der Verbrecherwelt wird man diesen ersten Typus nicht selten einigermaßen rein ausgeprägt finden. Von Shakespeares Gestalten gehört Richard III. oder Jago hierher. Man sieht: nur die zweite Form unseres Triebes ist ein snezi-Der Instinkt des Selbstgefühles.