Der Unterordnungstrieb. 49 stinktes, sondern um eine einfache Anpassung, also um ein außergesell- schaftliches Verhalten. Es ist dabei namentlich auch angenommen, daß überhaupt nur ein einzelner Zweck beide Partner zusammenbringt, zwischen beiden also kein dauerndes persönliches Verhältnis, also auch keine Gemeinschaft besteht; womit wir denjenigen Boden verlassen haben. auf dem überhaupt unser Verhältnis seine reinsteEntfaltung findet. 5. Von der Betrachtung des reinen Triebes wenden wir uns jegßt zu derjenigen seines gemischten Auftretens, das tatsächlich bei weitem überwiegt. Und zwar kommt als hinzutretender Bestandteil der Instinkt der Furcht in Betracht. Man muß hier wohl unter- scheiden zwischen der wesenhaften Verschiedenheit beider Triebe und ihrer tatsächlichen häufigen Verbundenheit. Zunächst ist der Tatbestand zu klären, der etwas verwickelt ist und mit dem einen Worte „Furcht‘ nicht völlig gedeckt wird. Die Furcht kann erregt werden entweder durch sinnliche Reize oder durch Erregungen der Phantasie, die sich auf drohende physische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Schädigungen beziehen. Auf dem ersteren Gebiet wird der Furchtaffekt, der sich hier mit dem unmittelbaren sinnlichen Fluchtinstinkt verbindet, im modernen Leben mit seiner verhältnismäßig großen Sicherheit von den meisten Menschen nur in sehr abgeblaßter Form erlebt. Die Reaktion besteht hier ursprünglich in einem Antriebe, sich zu flüchten oder sich zu ver- bergen, in unserem gesellschaftlichen Leben dagegen meistens in einem Zustand der Unsicherheit und Lähmung, auf den wir schon hingewiesen haben. Eine große Rolle spielt dagegen die Beeinflussung der Phantasie durch die Vorstellung künftiger Übel und ebenso die entgegengesebte Beeinflussung durch die Hoffnung künftiger Güter (wobei außer den bisher allein betonten biologischen auch soziale und geistige Güter in Frage kommen). Beide wirken bekanntlich als Kräfte der äußeren A n- passung im menschlichen Leben. Dieselbe Anpassung kann (ur- sprünglich oder durch eine Art Mechanisierung) auch ohne die Erregung von Furcht oder Hoffnung zustande kommen gemäß dem Sage: Verhal- tungsweisen mit günstigen Folgen haben eine Tendenz zur Einbürgerung, solche mit ungünstigen Folgen eine Tendenz zum Verschwinden. Für das Leben der Gesellschaft ist offenbar die Anpassung viel wichtiger als die Furcht vor dem gegenwärtigen Übel; denn sie führt zum Handeln, während der Fluchtinstinkt in seiner angeborenen Form nur als Mittel zur Beseitigung physischer Widerstände, in der historischen Form der Lähmung nur als Mittel der Beseitigung seelischer Widerstände in Frage kommt. Alles Erfinderische, alle positiven Leistungen können wohl im Zusammenhang der Anpassung auftreten, nicht aber oder wenigstens nicht vorwiegend als Folge des Furchtinstinktes. Vierkandt. Gesellschaftslehre