Der Unterordnungstrieb. 55 ohne weiteres der Familie, so ordnet sich auch der Erwachsene in patriar- chalischen Verhältnissen der Familie oder der Sippe unter. So fügt sich der Offizier den Anschauungen seiner Berufsklasse, und so respektiert jeder die Anschauungen seines Stammes oder seines Volkes, seine Sitten, sein Recht und seine religiösen Einrichtungen. Man kann nicht etwa sagen, diese Unterordnung rühre her von dem Wert, den man diesen Gebilden zuschreibt. Gewiß erblickt in allen naiven Verhältnissen der Einzelne in seiner Nation oder Familie oder Berufsklasse den Inbegriff der Vollkommenheit und findet sein Lebensideal in ihnen verwirklicht. Aber jedes Bewerten segt bereits einen Wertmaßstab voraus; und dieser wird ursprünglich von der umgebenden Gruppe entnommen; in dieser Übernahme aber bekundet sich bereits die innere Anerkennung, die Autorität der Gruppe; sodaß wir uns mit dieser Erklärung im Kreise drehen würden. Es gibt freilich Fälle, in denen eine Gruppe von Er- wachsenen durch freie Wahl aufgesucht wird (z. B. eine Berufsgruppe). Aber im ganzen ist dieser Fall doch eine Ausnahme und jedenfalls nicht der ursprüngliche Typus. Ursprünglich wächst vielmehr der Mensch in die. Lebensgemeinschaft nach Art der Familie oder der Nation hinein. Hier wählt er nicht auf Grund spontaner Bewertung und persönlicher Wertmaßstäbe, sondern die Maßstäbe für das Bewerten übernimmt er erst von der Gruppe im Zusammenhang eben des Verhaltens, in dem er sich der Gruppe unterordnet. Die Unterordnung unter die eigene Gruppe erscheint zunächst als ursprüngliche Tatsache. Jedoch ist hinzu- weisen auf die unbedingte Macht, die die in voller Stärke wirksame Gruppe über den Einzelnen besigt. Sie ist zum Teil sogar Herr über Tod und Leben des Einzelnen oder kann wenigstens den weitestgehenden Finfluß auf sein physisches Gedeihen oder Verkümmern ausüben. Vor allem aber ist sie unbedingt Herr über seinen inneren Zustand: der Mensch ist vermöge seiner sozialen Natur von seiner Gruppe innerlich völlig abhängig; das Funktionsbedürfnis aller seiner sozialen Triebe kann nur durch die Gruppe befriedigt werden; nur diese vermag seinem Leben Inhalt und Sinn zu geben. Man kann annehmen; daß unbeschadet der Verschiedenheit der Wertmaßstäbe diese Art Überlegenheit überall anerkannt wird, sofern nicht einem bereits ausgebildeten Wertempfinden gewisse außerbiologische Eigenschaften der Gruppe widerstreiten (was im vorliegenden Fall natürlich ausgeschlossen jet). Von einer blinden Verehrung und Unterordnung des Einzelnen seiner Lebens- gemeinschaft gegenüber als einer ursprünglichen Tatsache war eben die Rede. Natür- lich kann diese nachträglich eingeschränkt werden. In der Tat geschieht das, wo der Mensch verschiedenen Gruppen angehört und Kollisionen zwischen ihren Wert- maßstäben entstehen, z. B. zwischen denen der staatlichen und der religiösen Gruppe. Ebenso wirkt selhbstverständlich das Frwachen der sittlichen Autonomie.