Der Unterordnungstrieb. 61 wiegend „kollegial“, d. h. als gleichstehend. Man muß daraus schließen, daß nach ihren Wertmaßstäben der Mensch keine Überlegenheit ihnen gegenüber besigt, so wenig wie ein Europäer primitiven Menschen gegen- über dauernd eine solche behaupten kann. Falls die Angaben zutreffen, nach denen allgemein jung eingefangene Raubtiere dem Menschen eine ähnliche Unterordnung wie der Hund entgegenbringen, so würden sie von einer überraschenden seelischen Entwicklungsfähigkeit dieser Tiere zeugen. Denn viele Raubtiere zeigen im natürlichen Zustande nur während einer kurzen Jugendzeit ein geselliges Verhalten, das überhaupt Anlaß zur Entfaltung dieses Triebes böte. Vor allem erscheint aber nicht nur die Intensität des Triebes gestei- gert, sondern auch seine Qualität außerordentlich veredelt. Dasselbe gilt auch vom zahmen Hund, wenn man ihn mit seinen wilden Vorfahren vergleicht. Die blinde, man möchte sagen leidenschaftliche Verehrung seinem Herrn gegenüber ist etwas völlig Neues. Man muß geradezu von einer schöpferischen Entwicklung sprechen. die sich in diesen Tieren im Zustand der Zähmung vollzogen hat. 11. Der Unterordnungstrieb wird von Mc Dougall und anderen auch als negative Form des Selbstgefühles bezeichnet. Gleichzeitig bezeich- net der erstere in Übereinstimmung mit andern Autoren wie James auch das Schamgefühl als eine negative Form des Selbstgefühls und stellt so beide als eng zu einander gehörig unmittelbar nebeneinander. Tatsächlich wird jedoch hierbei eine einschneidende Verschiedenheit durch die Gleichheit der Bezeichnung verschleiert. Es ist ebenso, wie wenn man sagen wollte: wer sich einem andern unterordnet, fühlt sich als „minderwertig“ ihm gegenüber. Tatsächlich gähnt auch im legteren Fall eine Kluft zwischen dem „minderen Wert“, den der Geführte dem Führenden gegenüber in einem gewissen Sinne in sich spürt, und der- jenigen „Minderwertigkeit‘“, die den Affekt der Verachtung hervorruft ($ 8,3). — Die Unterordnung ist ein gesunder, normaler und beglücken- der Zustand, bei dem durch die Situation die Ersegung des Selbstgefühls durch die entgegengesegte Haltung gefordert wird. Das Schamgefühl dagegen bedeutet einen abnormen, mit schweren Hemmungen verbunde- nen Zustand, bei dem das Verlangen nach Achtung und Anerkennung in einer spezifischen Weise verlegt wird. ; Das Schamgefühl regt sich, wie wir sahen ($ 4,3) da, wo sich sein Träger einer Normenverlegung schuldig gemacht hat, die eine Minder- wertigkeit seines Verhaltens oder seiner Person bedeutet. Wohl zu un- terscheiden von diesem Schamgefühl ist der Zustand der Verle gen- heit, der aus einer vergleichbaren, aber doch abweichenden Situation hervorgeht. Auch hier liegt nämlich eine Normenverlegung zugrunde, aber eine solche, die dem Träger nicht den Stempel der Minderwertigkeit aufprägt. Dieser Typus der Verlegenheit tritt auf, wenn wir bei einer Unschicklichkeit oder bei anderen offiziell verpönten Handlungen, wie etwa einer Lüge, ertappt werden. Voraussekung ist dabei immer. daß