MEELPI_ E_ 62 Die sozialer Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. die Übertretung der gesellschaftlichen Norm, die dabei stattfindet, nicht als ein schweres Unrecht aufgefaßt wird. Es muß im Bewußtsein bereits ein Unterschied zwischen eigentlich sittlichen und mehr oder weniger konventionellen Forderungen (in anderen Fällen, wie bei der Lüge, zwischen offizieller und inoffizieller Moral) vorhanden sein. Von dem Zustande der Scham ist der hier gemeinte der Verlegenheit durchaus ver- schieden, wenn auch ihm verwandt. Der Sprachgebrauch des täglichen Lebens hält beide Zustände nicht immer auseinander. Man kann auch nicht sagen, die Verlegenheit bilde entsprechend der Abstufung der Ur- sachen nur einen leichteren Grad des Schamgefühls: es handelt sich viel- mehr um einen Unterschied der Qualität. Ihm entspricht der Unterschied der Situationen. Das Schamgefühl hat den Willen zur Unterordnung unter die herrschenden Normen zur Voraussegung. Anders bei der Ver- legenheit. Der Verlegene befindet sich gleichsam in einer Art Notstand bei der Verlegung der Normen: er handelt entweder in Unkenntnis ihrer oder er verlegt die Schicklichkeit unter dem Drang von Natur- gewalten, oder er folgt wie bei der Lüge einer anerkannten inoffiziellen Moral. In allen diesen Fällen ist er sich zwar einer Normenverlegung bewußt und empfängt von daher gleichsam eine Tendenz in der Rich- tung des Schamgefühls; zugleich aber lehnt sich im Bewußtsein seines Notstandes sein Selbstgefühl gegen eine Verurteilung wegen dieser Nor- menverlegung auf. Es besteht also ein Widerstreit zwischen positiver und negativer Selbsteinschägung, zwischen Selbstbehauptung und Selbst- erniedrigung; und auf diesem Widerstreit dürfte überhaupt das Auf- treten der Verlegenheit beruhen. Eben diesen Tatbestand eines Widerstreites finden wir nämlich auch bei andern Situationen, die eine Verlegenheit erzeugen können. Eine solche Situation, die wir schon früher ($ 5,,) kennen lernten war die, daß jemand vor eine Aufgabe gestellt ist (z. B. vor die, vor einer Ver- sammlung zu reden), der er zwar objektiv gewachsen ist, im Hinter- grunde seines Bewußtseins aber infolge von Hemmungen sich nicht ge- wachsen fühlt. Einem weiteren Typus derartiger Situationen gehört der Fall an, daß ein Lob Verlegenheit bereitet. Am deutlichsten ist der innere Sachverhalt hierbei, wenn das Lob als unbegründet empfunden wird. Es wird dann gerade durch das Lob ein Mangel zum Bewußtsein gebracht. Indem das Lob den Menschen erhebt, die eigene Kritik aber seine Selbsteinschägung in die entgegengesegte Richtung lenkt, entsteht eben der Zwiespalt zwischen positiver und negativer Richtung der Selbstbewertung. Verlegenheit kann aber auch eintreten, wenn das Lob nicht als unberechtigt empfunden wird. Sicher tritt sie bei den beschei- denen Naturen ein, die grundsäglich die Vorstellung einer Erhebung “La andere ablehnen. in denen das vernommene Lob eine Art innere