Der Unterordnungstrieb. 65 Unterordnungstriebes, die er für das Seelenleben, vor allem für die Erscheinungen der Kultur besitt, richtige Vorstellungen zu machen. Der Unterordnungstrieb verlangt zunächst fortgesegte Be- friedigung. Nichts wurzelt vielleicht so tief im Menschen als das Bedürfnis nach Führerschaft. Es gibt kaum einen Men- schen, der frei ist von dem Bedürfnis, sich an Autoritäten anzulehnen. Man hat es oft ausgesprochen, wie überwältigend das Verlangen der Masse ist, zu Heroen emporzublicken. Die Masse strebt geradezu nach einer Art Vergötterung, und wenn sie keine Götter findet, nimmt sie auch mit Gögen fürlieb. Hierin wurzelt vor allem die Überschät- zung der Macht der einzelnen Persönlichkeit, die in der Auffassung des geschichtlichen Lebens so lange als schrankenloser Individualismus ihr Spiel getrieben hat. Die abgöttische Verehrung der Fürsten wie der Glaube an die Macht aller Art von Geistern hat hierin eine ihrer stärksten Wurzeln. In der schrankenlosen Verehrung, die irdischen Kreaturen wie Phantasiegebilden erwiesen wird, schwelgt der Mensch gleichsam in seiner eigenen Nichtigkeit. Gewiß spielt hier, wie überall, das Verlangen nach äußerem Schug, Hoffnung auf äußere För- derung ebenfalls eine Rolle. Aber man würde die religiösen wie die ein- schlägigen profanen Erscheinungen mißverstehen, wollte man sie allein auf Rechnung solcher selbstsüchtigen Interessen segen und das Ver- ehrungsbedürfnis unbeachtet lassen. Tausendmal mag die Erfahrung den Glauben an solche schrankenlose Allmacht Lügen strafen; sie nimmt immer wieder neue Formen an. Fürsten und Obrigkeiten, Gesege, Ver- fügungen und Gerichtsbeschlüsse und alles überhaupt, was mit der staat- lichen Macht in Zusammenhang steht, fällt in wechselnden Formen die- sem Triebe zum Opfer: immer betätigt sich an ihm ein „stillschweigender Glaube an eine Fähigkeit, die jedes nur wünschenswerte Ziel zu erreichen vermöge, und an eine Autorität, der keine Grenzen geseßt werden können“ (Herbert Spencer). Die Überschägung steigert sich vielfach bis zum Aberglauben von der Allmacht einzelner Personen, und bildet geradezu eine wesentliche Grundlage für die Entwick- lung des ganzen Zauberglaubens. Daß bevorzugte Personen Menschen durch Verbrennen ihrer Haare oder Zerstörung eines rohen Bildnisses von ihnen töten kön- nen, würde niemals allgemeinen Glauben gefunden und Anlaß zum Aufkommen einer besonderen Berufstätigkeit gegeben haben, wenn nicht am Anfang der Glaube an die unbegrenzte Macht einzelner bevorzugter Personen stände. Wir wissen in der Tat, daß bei den Naturvölkern der Zauberer in der Regel von einem besonderen Nimbus umgeben ist; anderseits gelangen zu diesem Amte in der Regel nur Personen, die wirklich durch besondere Begabung, Unerschrockenheit, Scharfsinn und Initiative aus- gezeichnet sind, so daß in dieser Auffassung nur tatsächlich bestehende Zustände ge- steigert sind. Es geht mit dem Zauberer ähnlich, wie in der populären Auffassung mit dem Arzte: sein überlegenes Können wird nicht auf seine besondere berufliche Vorbildung zurückgeführt und demgemäß in den richtizen Grenzen hewertet. sondern Vierkandt. Gesellschaftsiehre