Der Unterordnungstrieb. 67 übrigbleibt. Eine ähnliche Duplizität zeigen bereits Kinder in der Ver- schiedenheit ihres Benehmens gegen starke und gegen schwächere Per- sonen, gegen Erwachsene einerseits und jüngere Kinder anderseits. Besonders wichtig ist, daß in diesem Zusammenhang edlere Regun- gen zur Geltung kommen, die für sich allein zu schwach wären, um sich in Taten umzusegen. Wir finden bei den Naturvölkern z. B. vielfach die Betätigung eines primitiven Altruismus in Gestalt der Gastfreund- schaft, des unentgeltlichen Leihens von Geräten, des Mitteilens von Nah- rungsmitteln usw. Aber wir wissen, daß einen starken Anteil hieran die Sitte und die abergläubische Befürchtung vor magischen nachteiligen Folgen hat. Auch hier ist unentbehrlich der Druck der Gesamtheit, der den Unterordnungstrieb in Bewegung segt. 15. Von größter Bedeutung ist die besondere Art des Antriebs, die sich mit der Herrschaft des Unterordnungsinstinktes verbindet, die be- sondere Färbung, die seine Herrschaft den ganzen Gefühls- und Willens- prozessen verleiht. Die Herrschaft dieses Triebes ist verschieden von derjenigen einer bloßen Neigung, ebenso verschieden von der zwingen- den Macht anderer Instinkte. Er beherrscht den Einzelnen in der Gestalt eines Müssens, das eine besondere Färbung besigt und unmittelbar hinüberleitet zu demjenigen Sollen, das dann wirklich unter dem Einflusse der Gruppe aus ihm entsteht und ihn dadurch bei der Ent- wicklung des sittlichen Lebens in den Mittelpunkt stellt. Der Unterordnungstrieb unterscheidet sich von anderen Instinkten dadurch, daß er dem Menschen eine Aufgabe stellt. Er verlangt von ihm eine Erhebung über das eigene Ich und steht so zu der Ent- wicklung der Persönlichkeit in besonders enger Beziehung. Er ist der eminent sittliche Instinkt im Menschen, ohne den die Moral mit ihrem Soll und ihrer Pflicht undenkbar wäre. An Kants Hymnus auf das Pflichtgefühl haben wir uns oben (S. 57) klargemacht, wie dieses eine besondere Form des Unterordnungsinstinktes bedeutet. Wenn nach Schillers Wort die Welt durch Hunger und Liebe zusammengehalten wird, so vergißt er dabei eine Triebkraft, die mindestens ebensoviel Anspruch auf Berücksichtigung hat: die menschliche Welt kann nicht ohne Liebe, sie kann aber auch nicht ohne Ordnung bestehen, und in dieser Unent- behrlichkeit der Disziplin erweist sich wiederum der Wille zur Unter- ordnung als die fundamentale Kraft aller Gesellschaft. Man muß dabei namentlich an Zustände denken, die keinen Gemeinschaftscharakter be- sigen; zunächst an die weitverbreiteten Macht- und Kampfverhältnisse, die, wie später ($ 23) zu zeigen ist, durchweg einer Regelung unter- worfen sind und dadurch erst eine Ermäßigung erfahren und mit dem geselligen Zustande verträglich werden: damit die Flut der Leidenschaften