a: 68 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. sich an dem Damm der Regeln brechen kann, müssen diese Regeln un- bedingt respektiert werden. Von ähnlicher Bedeutung sind im Wirt- schaftsleben die weitverbreiteten Tauschverhältnisse, die ebenfalls eine Respektierung des Rechtes der andern Partei verlangen. Von dieser Rechtsgesinnung aber hat David Hume im Sinne der Aufklärung gesagt, sie sei nichts „Natürliches‘“. In der Tat muß die in ihr enthaltene Zäh- mung der Leidenschaften als ein Rätsel erscheinen, solange wir sie nicht auf einen spezifischen Instinkt, auf einen angeborenen Respekt vor Nor- men zurückführen können. Wichtig ist dieser Normenrespekt in dem Maße, in dem die Gemeinschaft mit ihrer triebhaften Hingabe an das Ganze zurücktritt vor andern Verhältnissen. Freilich ist aber auch inner- halb ihrer, wie noch zu zeigen ist ($ 35), der Druck der Gruppe und der Respekt vor ihren Geboten von Anfang unentbehrlich. Literatur. Gewiß hat die Menschheit seit alters instinktiv damit gerech- net, sei es bewußt, sei es unbewußt, daß es neben Furcht und äußerem Vorteil andere und bessere Mittel zur Beeinflussung des Menschen gibt. Von diesem prak- tischen Verständnis ist die wissenschaftliche Erkenntnis wohl zu unterscheiden. In der wissenschaftlichen Literatur tritt sie in soziologischen Zusammenhängen früher auf als in psychologischen. So verbreitet sich schon von Haller (Restauration der Staatswissenschaft Bd. I, Kap. 1l3) über die Neigung der Schwachen, sich (freiwillig) dem Starken unterzuordnen. Auch bei Comte findet sich der Gedanke bereits (zitiert bei Franz Oppenheimer, Allgemeine Soziologie, S.382), desgl. bei Lotze, Mikrokosmos3 II, 328 und 437). Eingehend gewürdigt hat zuerst Tarde die Unter- ordnung in der Form der Nachahmung: Les Ilois de TVimitation?, Paris 1895. Ihre sozialen Wirkungen sind hier ausführlich geschildert; der Gehorsam wird als eine innere Unterwerfung aufgefaßt, jedoch dabei dem allgemeinen (und von ihm willkürlich erweiterten) Begriff der Nachahmung untergeordnet. Genial in seiner Grundlage leidet das Buch im Ganzen an einem dialektisch-spielerischen Hang zu künstlichen Analogien und unfruchtbaren Klassifikationen. — Über das Wesen der Nachahmung von innen heraus vgl. auch Max Scheler, Formalismus in der Ethik in den Jahrb. f. Philosophie und phänomenol. Forschung II, 455—461. Ihren systematischen Ort hat die Lehre vom Unterordnungstrieb als solchem in der Psychologie und zwar in der Lehre von den angeborenen Anlagen. Hier ist sie neu. Der ganzen älteren Literatur ist der Unterordnungsinstinkt unbekannt. Noch bei James in seiner lichtvollen Darstellung der einzelnen Instinkte fehlt er. — Baldwin bezeichnet sogar die Zurückführung gewisser hierher gehöriger Tatsachen auf einen besonderen „Ordnungsinstinkt“ als wunderlich, während er die Tatsache der Unterordnung in der Entwickelung des Kindes selber mit genialer Intuition erfaßt. (Das soziale und sittliche Leben, deutsche Ausg. S.40.) — Wirk- lich geprägt ist der Begriff erst bei McDougall (Social Psychologyl, S. 62: In- stinct of selfabasement). Er weist auch darauf hin, daß sich das entsprechende Ge- fühl bereits bei Ribot (Psychologie des sentiments, S. 240) konstatiert findet. Diese späte Entdeckung eines so grundlegenden Instinktes bildet nur einen beson- deren Fall der allgemeinen Tatsache, daß gerade die wichtigsten und grundlegendsten Tatsachen oft, weil sie gewissermaßen selbstverständlich sind, von der Wissenschaft am spätesten erkannt werden. (Unter „Entdeckung“ ist hier die erste begriffliche Fixierung und Würdigung des Phänomens als einer angeborenen (irreduciblen) An-