Der Kampftrieb. 77 welt vorkommen. — Dieselbe Behandlung wie die Alten und Kranken erfahren bei primitiven Stämmen vielfach die Menschen, die von Un- fällen oder Verwundungen heimgesucht sind. Der Kampfinstinkt regt sich allen diesen Erscheinungen gegenüber vielfach auch in der Form des plöglichen Umschlagens: zunächst werden die Leidenden mehr oder weniger freundlich und hilfreich behandelt; steigt aber das Leiden über ein gewisses Maß, so schlägt die Haltung der Hilfsbereitschaft plöglich in Gleichgültigkeit oder Vernichtungswillen um!). Auch bei uns können wir übrigens eine gewisse Unfreundlichkeit oder geradezu Feindseligkeit gegen diese Teilgruppen unter der Decke des anerzogenen Verhaltens ge- legentlich noch verspüren. — Auch Kinder erfahren unmittelbar nach der Geburt oder auch später bei vielen primitiven Stämmen das Schick- sal der Tötung, wenn sie gewisse Eigenschaften zeigen. Nicht nur ver- krüppelte und schwächliche Kinder werden von ihm betroffen, sondern auch Albinos, Zwillinge und Kinder mit unregelmäßigem Zahnbau oder sonstigen Unregelmäßigkeiten. Neben der Schwäche ruft nämlich auch die Abnormität die gleiche Reaktion der Kampfhaltung vor. Denn sie erweckt wie alles Ungewohnte und Neue Mißtrauen, Furcht und Ent- segen. Es sprechen im legteren Fall vielfach religiöse Motive mit, ohne daß man Grund hat in der bekannten Art Levy-Brühls diese für die aus- schließliche Ursache zu halten. Die Schutvorrichtungen vieler Naturvölker gegen das Eindringen von Epidemien, die Maßregeln der Absperrung und ebenso der Ausschluß der Aussägigen aus der Gesellschaft sind jedenfalls nicht als rein hygienische Maßnahmen aufzufassen: hinter einem darauf gerichteten Oberflächentrieb sind ebenfalls Regungen unseres Instink- tes zu suchen. Die Vorstellung gefährlicher Dämonen, die man abwehren will, ist natürlich nur ein religiöser Überbau. Dasselbe gilt von der in der alten semitischen Volksreligion herrschenden Vorstellung, daß der Unglückliche unrein vor Gott ist, wie z. B. von den liebevollen Ausführungen der Freunde des kranken Hiob, daß sein Unglück eine göttliche Strafe für verhaorgenes Unrecht sei. Handelt es sich hier um einen besonderen Instinkt, der sich vom Kampfinstinkt unterscheidet als ein Trieb, der sich gegen den Wehr- losen als solchen richtet? Es gehen von den schwachen und abnormen Ele- menten vielfach Störungen aus, in dem Sinne, daß sie besondere Mühen und Beschwerden verursachen. Daneben aber besteht wahrscheinlich ein spezifischer Widerwille. Der Ekel nämlich, den Schwerkranke und Krüppel erregen, das Grauen, das der Tote einflößt, legen die Ver- mutung nahe, daß von schwachen und abnormen Bestandteilen der Ge- sellschaft überhaupt eine spezifische Wirkung ausgeht, die je nach den l) Levy-Brühl, La Mentalit€ Primitive, S. 169, 340, 348 flg. — S. auch die Zusammenstellungen bei Westermarck, Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe. Kap. 13.