82 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. A Auch bei den geselligen Tieren kommen bereits kollektive Aktionen von vergleichbarem Charakter vor. Allerdings handelt es sich bei den Fällen, die wir hier im Auge haben, um ein Eingreifen von außen und deren Abwehr. Wolfgang Köhler erlebte bei seinen Schimpansen öfter, daß ein Angriff gegen ein einzelnes Tier eine Abwehrhandlung der gan- zen Gruppe zur Folge hatte. Wir geben seine Beobachtung wörtlich wie- der wegen der Übereinstimmung in der Auffassung, die um so beachtens- werter ist, als er von grundsätglichen soziologischen Erwägungen nicht beeinflußt ist: „Bisweilen genügt schon der unbedeutendste Zwischenfall zwischen dem Menschen und einem Schimpansen, welcher diesen zum empörten Schrei gegen den Feind und zum Anspringen veranlaßt — gleich geht es wie eine Welle von Wut durch die Gruppe und von allen Seiten eilen die anderen zum gemeinsamen Angriff. In dem momen- tanen Übergreifen des Empörungsschreis auf alle Tiere, wobei sie ein- ander zu immer wilderem Rasen zu steigern scheinen, liegt eine dämo- nische Kraft... Sonderbar, wie tief überzeugt, man möchte sagen, mora- lisch empört dieses Aufheulen der angreifenden Gruppe für Menschen- ohren klingt.“?!) Zwischen der Rache und der Strafe nimmt auch die Selbsthilfe eine mittlere Stellung ein. Zunächst sei ihre biologische Not- wendigkeit betont. Selbst da, wo der Staat die Bestrafung der gröberen Formen der Interessenverlegung in die eigene Hand genommen hat, bleibt die Selbsthilfe in vielen nicht nur kleineren Dingen ein un- erläßliches Gebot. Selbsthilfe ist vor allem unentbehrlich als Schuß gegen Mißbrauch der Macht. Der Schwache fordert im allgemeinen einen solchen Mißbrauch stets heraus. Kampfbereitschaft kann daher zu einem sei es wirklichen, sei es vermeintlichen Schugößmittel gerade für den Schwachen werden. Wir streiften schon oben den Typus der Reizbarkeit und aggressiven Haltung, der eben aus dem Zustand der Schwäche, der leichten Verlegbarkeit besonders bei Verdrängung hervorgehen kann. Auch bei uns noch ist die Selbsthilfe viel häufiger und unentbehrlicher, als man in der Regel annimmt. Von der Rache unterscheidet sie sich durch die Beschränkung auf das Angemessene in der Handlung und durch ein stärkeres Bewußtsein der Berechtigung. In primitiven Verhältnissen ist die Selbsthilfe eine verbreitete und sorgsam ausgebildete Institution, die nach ihrer Funktion in weitem Maße die Stellung unseres Rechtes einnimmt, das dort noch nicht oder in geringerem Maße entwickelt ist. Das bekannteste Beispiel dafür bildet die Blutrache. Diese institutio- nelle Selbsthilfe zeigt gewisse Verschiedenheiten gegenüber der eben erwähnten privaten und rein persönlichen Form der Selbsthilfe: 1) Psychologische Forschung I, 14.