292 19. Diese Episode in der Entwicklungsgeschichte der Statistik ist allerdings recht alleinstehend, jedoch keineswegs unbedeutsam, wo es sich um das Verständnis der gegenseitigen Beziehungen zwischen den Richtungen innerhalb der Statistik handelt. An- scheinend setzte die deutsche Universitätsstatistik nach diesen Stürmen ihre Arbeit fort; blättert man jedoch die Beiträge des 19. Jahrhunderts zur Staatenkunde durch, so erkennt man sofort, laß diese Disziplin nicht von der Kritik unbeeinflußt blieb. Die „Tabellenstatistik“ bildet, wie oben erwähnt, eine Brücke zwischen der Universitätsstatistik und den übrigen Richtungen der Statistik. Man kann sie als einen Ausläufer der politischen Arith- metik bezeichnen, deren Entwicklung in großen Zügen weiter unten geschildert wird. Der Streit zwischen der Göttinger Schule und der Tabellen- statistik wurde, wie gewöhnlich bei solchen Debatten, nicht förmlich abgeschlossen. Hinsichtlich der Universitätsstatistik kann eine Jugend- schrift des späteren berühmten Nationalökonomen Carl Knies (1821 —1898), „Die Statistik als selbstständige Wissenschaft“ (1850) ange- führt werden, die mit musterhafter Klarheit den Unterschied zwischen der Statistik als Staatenkunde und als politische Arithmetik fest- legte. Für die letztere schlug er den Namen Statistik, für die erstere die Bezeichnung „Gegenwartskunde“.oder „Staatenkunde der Gegenwart“ vor. Dies stimmt zu der jetzigen allgemein herrschenden Auffassung. Man wird hiernach dann im wesentlichen die Uni- versitätsstatistik als ein Fach betrachten können, das nur indirekt die eigentliche Statistik berührt und nur auf Grund der geschehenen eigenartigen Namensänderung einen Platz in der Geschichte der Statistik gewonnen hat. B. Die politische Arithmetik und die Wahrscheinlichkeits- rechnung. 20. Die Wiege der politischen Arithmetik stand in London, wo im Jahre 1662 ein Kaufmann, John Graunt (1620—1674), ein eigenartiges Buch herausgab: Natural and wolitical Observations upon the Bills of Mortality. London hatte im 17. Jahrhundert mit seinen einigen Hundert- tausend Einwohnern eine bedeutende Größe erreicht. Schon eine weit geringere Anhäufung von Menschen verursachte in jenen Zeiten große Schwierigkeiten. Schwer war die tägliche Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln; viel schlimmer jedoch stand es um