65 „ein dem Einzelnen unfühlbares Gesetz der Natur zur Ausführung gelangt.“ Man kann vielleicht sagen, daß in gewisser Beziehung die anthropologisch-kriminalistische Schule, die namentlich in Italien Anhänger hatte, das Erbe Quetelets angetreten hat. Nicht zum mindesten gilt dies von Lombroso (1836—1909) mit seinem Werk L’uomo delinquente (1871—1876). Er sucht zu zeigen, daß das Ver- brechen als „notwendige Naturerscheinung“ zu betrachten ist, daß der Verbrecher gewisse „typische Rasseneigentümlichkeiten“ hat, die an den Mongolen erinnern und sich morphologisch im Schädel- und Gesichtsbau, im Haarwuchs usw. aussprechen. Diese Theorien wurden einer im ganzen beistimmenden Kritik von Ferri unter- worfen, welcher namentlich zu beweisen suchte, daß die vielen Merk- male, welche Lombroso sämtlichen Verbrechern zugeschrieben hatte, nur einzelnen Gruppen derselben, wie Räubern und Raubmördern, zukämen. Diese naturalistische Schule verneint die Willensfreiheit und betrachtet die Auffassung der positiven Philosophie über diese Frage als durch die Statistik bestätigt. Das Strafrecht wird dann einfach als eine „notwendige Konsequenz des der menschlichen Gesellschaft zustehenden Rechtes der Selbstbehauptung“ begründet, und das Schwer- gewicht muß auf vorbeugende Maßregeln, wie die Bekämpfung der Trunksucht, die Überwachung der Prostitution und den Schutz der Arbeiter, gelegt werden. Als Statistiker waren die Mitglieder dieser Schule im wesent- lichen nur Dilettanten. Lombrosos anthropologisches Material hat wegen des ihm fehlenden statistischen Verständnisses oft nur geringe Beweiskraft. Die Zahlen sind vielfach so klein, daß die Kriterien der Wahrscheinlichkeitsrechnung keine Anwendung finden können. Lombroso teilt z. B. die Ergebnisse einer Untersuchung über 50 Sträf- linge mit, welche bei 8 Proz. (also im ganzen 4 Individuen) Stra- bismus, bei 1 Proz. flache Stirn ergabl). Seine statistischen Be- trachtungen über die Vitalität der Sträflinge waren völlig wertlos. Die naturalistische Auffassung begegnete lebhaftem Widerstande, nicht zum mindesten von seiten deutscher Statistiker. Zu diesen gehörte der Theologe Alex v. Oettingen, dessen großes Werk „Die Moralstatistik“?) oben genannt wurde und als Kompendium ') Vgl. die französische Ausgabe des L’uomo delinquente: L’homme erimi- nel, 1887, S. 320 ff. °) Erste Ausgabe 1868 —1873, die dritte 1882. Westergaard und Nybolle, Theorie der Statistik, 2. Aulfl.