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        <title>Arbeiterschaft und Kolonialpolitik</title>
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            <forname>Dora</forname>
            <surname>Fabian</surname>
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        <pb n="3" />
        Arbeiterschaft und
Kolonialpolitik
Von Dr, Dora Fabian

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        <pb n="4" />
        Jungsozialistische

Schriftenreihe

Herausgegeben von der
Reichsleitung der Jungsozialisten

mit Unterstützung von

Dr. Max Adler, Wien / Engelbert Graf

Dr. Anna Siemsen

3 ; 2-8

E. Laubsche Verlagsbuchhandlung G.m.b.H.
Berlin W 30
        <pb n="5" />
        Arbeiterschaft

und Kolonialpolitik

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Dr. Dora ‚Fabian

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E. Laubsche Verlagsbuchhandlung G.m.b.H.
Berlin W 30

RN 8215?
        <pb n="6" />
        Alle Rechte, besonders das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten

Copyright 1928 by E. Laubsche Verlagsbuchhandlung G.m.b.H., Berlin W 30

Gedruckt bei Herrose &amp;amp; Ziemsen GmbH., Wittenberg (Bez, Halle)
        <pb n="7" />
        Vorbemerkung

Das Erwachen der farbigen Völker, ihre Aufstände in allen
Teilen der Welt, die brutale Gewalt und Verständnislosigkeit,
mit der die kapitalistischen Regierungen gegen sie vorgehen, die
dadurch heraufbeschworenen Kriegsgefahren haben die Kolonialfrage
 von neuem in den Mittelpunkt des welthistorischen
Geschehens gerückt.
Deshalb hat die Sozialistische Arbeiterinternationale das Kolonialproblem
 auf die Tagesordnung ihres diesjährigen Kongresses
 in Brüssel gesetzt.
Die Kolonialpolitik ist eines der wichtigsten Mittel der herrschenden
 Klasse zur Aufrechterhaltung ihrer Macht; auf der
heutigen Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung ist der Imperialismus,
 dessen politische Ausdrucksform die Kolonialpolitik
ist, identisch mit dem Kapitalismus. Sie ist seine „jüngste
Etappe‘, Darum bedeutet Kampf gegen den Kapitalismus Kampf
gegen Imperialismus und Kolonialpolitik. Sie wirkt sich nicht
nur gegen die Kolonialvölker, sondern ebenfalls gegen die Arbeiterschaft
 der Kernstaaten aus.
Der politische Tageskampf macht vielen, die mit Spannung
auf die Debatten in Brüssel und auf die Beschlüsse der Arbeiterinternationale
 warten, eine Beschäftigung mit den räumlich
ferner gelegenen Fragen unmöglich. Sie mit einigen Grundtatsachen
 der kolonialen Entwicklung der letzten Jahrzehnte bekannt
 zu machen, ist die Absicht dieser kleinen Schrift.
Die grundsätzliche Einstellung des Sozialismus zur Kolonialpolitik
 ausführlich darzulegen und zu begründen, hätte ihren
Rahmen überschritten. Darauf konnte um so eher verzichtet
werden, als Karl Kautskys Schrift „Sozialismus und Kolonialpolitik“
 in ihren grundsätzlichen Teilen noch heute volle
Gültigkeit beanspruchen darf. Aber es war nicht möglich, diese
Betrachtung allein auf die Kolonien im eigentlichen, rechtlichen
Sinne zu beschränken. Ist für uns kapitalistische Kolonialpolitik
        <pb n="8" />
        „der Versuch der Kapitalistenklasse, Länder mit fremder ökonomischer
 Struktur in den kapitalistischen Reproduktionsprozeß
einzubeziehen‘ (Parvus), so konnte das erwachende Riesenreich
China nicht außer acht gelassen werden.
Wenn es dieser Schrift gelingt, die Überzeugung von der
Schicksalsgemeinschaft der europäischen und der
kolonialen Arbeiterschaft und den Willenzueinemgemeinsamensolidarischen
 Kampfe gegen die kapitalistische
 Unterdrückung und Versklavung zu stärken, so hat
sie ihren Zweck erreicht.

Berlin, im Juni 1928
        <pb n="9" />
        Kolonien als Einwanderungsgebiete

Die Kolonialfreunde aller Richtungen sind sich einig in der
Argumentation, daß die europäischen Staaten die Kolonien nötig
hätten als Abflußgebiete für ihre überschüssige Bevölkerung.
Leider fehlt uns heute noch eine einheitliche sozialistische Bevölkerungstheorie
 und eine sozialistische Bevölkerungspolitik,
aber wir sollten uns von dem gefährlichen Neomalthusianismus
wenigstens so weit fern halten, daß wir nicht von vornherein eine
absolute Übervölkerung Europas zugeben, ohne zu untersuchen,
 ob die europäische Wirtschaftskrise nicht in anderen
Ursachen ihre Wurzel hat. Sollte es wirklich nötig sein, den
ganzen Weg, den unsere Theorie seit Marx zurückgelegt hat,
noch einmal rückwärts zu gehen, und noch einmal zu beweisen,
daß nicht die Menschenzahl, sondern die kapitalistische Produktionsweise
 die Ursache der Widersprüche zwischen Produktion
und Produktivität, zwischen Produktivität und Absatzmöglichkeiten
 ist? Die absolute Übervölkerung Europas’ als feststehende
 Tatsache und um ihretwillen die Kolonialpolitik der
kapitalistischen Staaten als Notwendigkeit anerkennen, bedeutet,
die gesamte sozialistische Lehre negieren.
Zu welchen Widersprüchen diese Auffassung führt, geht daraus
 hervor, daß eben dieselben nationalistischen Kreise, die sich
einerseits empören über Clemenceaus Behauptung, daß in
Deutschland 20 Millionen Menschen zu viel lebten, auf der anderen
 Seite in den Ruf, „Deutschland braucht Kolonien“, einstimmen,
 mit der Begründung, wir müßten unsere überschüssige
Bevölkerung nach kolonialen Gebieten abschieben. Eins kann
doch nur richtig sein: entweder Clemenceau hat recht, dann besteht
 keine Ursache zur nationalen Entrüstung, oder er hat unrecht,
 dann brauchen wir keine Kolonien.
Und ebenso groß ist leider auch die Verwirrung, die diese
Argumentation in unsere eigenen Reihen hineingetragen hat.
Dieselben Kreise, die den Geburtenrückgang in Deutschland als
„nationale Katastrophe‘ beklagen (vgl. den Artikel von Max
Kliesse im Aprilheft 1928 der „Sozialistischen Monatshefte‘),
benutzen fast jedes Heft ihres Organs, um die Notwendigkeit
kolonialer Betätigung nachzuweisen.
Wenn wirklich die Kolonien Aufnahmegebiete für die überschüssige
 Bevölkerung, die in Europa keine Arbeit findet,
        <pb n="10" />
        wären, wie ist es dann zu erklären, daß die größte Kolonialmacht
 der Erde seit dem Kriege noch niemals weniger als eine
Million Arbeitsloser, sehr oft aber erheblich mehr gezählt hat?
John Maynard Keynes stellt (im ‚Wirtschaftsdienst‘‘ vom
22. Oktober 1926) fest, daß die englische Industrie ein zusätzliches
 Betriebskapital von 100000 Pfund nötig habe, um die
englische Bevölkerung in „angemessenem Ausmaße‘‘ zu beschäftigen.
 Die City aber zieht es vor, ihr Kapital in den Ländern
 des jüngeren Kapitalismus zu investieren, wo, wie Hilferding
 treffend nachgewiesen hat, die Profitrate höher ist als in
den hochkapitalistischen Ländern.‘ Die Kolonien wirken also
nicht arbeitslosenvermindernd, sondern sie verhindern im
Gegenteil das Sinken der Arbeitslosenziffern.
Als Einwanderungsgebiete kommen überhaupt nur die
„Arbeitskolonien“ in Betracht, wie Kautsky diejenigen
kolonialen Gebiete genannt hat, die auf der Arbeit der aus dem
Mutterland ausgewanderten Arbeiter und nicht auf. der der
Eingeborenen (die Kautsky Ausbeutungskolonien nennt) beruhen.
 Wenn Kautsky schon im Jahre 1907 diesen Teil der
Kolonien als den allergeringsten bezeichnete, da die als Arbeitskolonien
 in Betracht kommenden Gebiete, wie die Vereinigten
Staaten, Kanada, Südbrasilien, Argentinien, Chile, Australien,
Südafrika, bereits besetzt und zu selbständigen Staaten geworden
 sind, so haben sich seit 1907 die Verhältnisse noch weit
mehr in dieser Richtung verschoben. Und schon vor dem Kriege
kamen die deutschen Kolonien als Einwanderungsgebiete für
deutsche Arbeiter kaum in Betracht. Von 28075 Deutschen,
die 1905 über deutsche und fremde Häfen auswanderten, gingen
27 202 nach den Vereinigten Staaten, 84 nach Australien und
57 nach Afrika. Nach Asien kein einziger. 1909 sind nach
Australien, Afrika und Asien zusammen 204 Deutsche ausgewandert.
 Wie die Kolonien als Arbeitsgelegenheiten für die
deutschen Arbeiter gewertet werden können,scheint nach diesen
Zahlen also rätselhaft.
Nicht anders liegt es nach dem Kriege mit den Wanderungsverhältnissen
 Englands. Von den 319 Millionen Einwohnern
Indiens sind rund 200 000 Engländer, von ihnen 70.000, also
nahezu ein Drittel, Soldaten. -
Die Einwanderung von England nach Kanada ist von 1903
bis 1925 gesunken von 384 000 auf 85 000 jährlich. Die zunehmende
 Industrialisierung hat in den Kolonien zu ähnlichen
Ergebnissen geführt wie in Europa. Einer steigenden Kapitalinvestition
 steht eine sinkende Arbeiterzahl gegenüber. In der
kanadischen Industrie waren 1919 578 733 Arbeiter beschäftigt,
1922 nur noch 462 573. Dagegen war das angelegte Kapital von
2933 auf 3126 Millionen Dollar gestiegen. ;

&amp;gt;
        <pb n="11" />
        Leider wird heute, auch in sozialistischen Kreisen, mit der
Auswanderungspropaganda ein ziemlich gewissenloses Spiel
getrieben. Selbst dünn besiedelte Länder, die reichlich Arbeitsgelegenheiten
 bieten, sind durchaus nicht immer ein absolut
brauchbares Siedlungsland für europäische Arbeiter. In Kanada
z. B., wo weite Strecken fruchtbaren Landes brach liegen, hat
sich, wie auf der Konferenz der kanadischen Premierminister
in Ottawa im November vorigen Jahres hervorgehoben wurde;
die Einwanderungspraxis häufig der Regierungskontrolle entzogen
 und ist von den wirtschaftlichen Privatinteressen der
Transportgesellschaften dirigiert worden, mit dem Erfolg, daß
zeitweise Überlastung des Arbeitsmarktes eingetreten ist; der
Einwanderungsminister selbst gab auf der genannten Konferenz
zu, daß die Gesellschaften es an der „nötigen Sorgfalt in der
Auswahl. und Unterbringung der Einwanderer haben fehlen
lassen‘. . Das heißt mit anderen Worten, daß auch in den dünn
besiedelten überseeischen Gebieten die privatkapitalistischen
Gesellschaften ein Interesse:daran haben, sich eine industrielle
Reservearmee zu schaffen. Innerhalb des kapitalistischen
Systems ist der auswandernde Arbeiter nicht davor geschützt,
Ausbeutungsobjekt von Agenten und Spekulanten zu werden
und „als Versuchskaninchen zur Erprobung phantastischer
Siedlungsprojekte unreifer Wirtschaftstheoretiker zu dienen“,
wie selbst die „Frankfurter Zeitung“ nach den Erfahrungen in
Kanada befürchtet. Um so unverständlicher, daß Sozialisten
und Gewerkschaftsführer mit Hilfe der Auswanderung in koloniale
 Gebiete, die Deutschland „zurückerobern‘“ müsse, die
soziale Frage lösen wollen.
Sie bedenken offenbar auch gar nicht, daß sich der auswandernde
 Arbeiter völlig anderen wirtschaftlichen Bedingungen
gegenüber befindet, als er sie aus der Heimat kennt, und daß er
sich ihnen häufig nicht anzupassen vermag. Auch hier sei wieder
 auf Kanada verwiesen, wo nach den vorliegenden Berichten
auf zahlreichen Farmen verrostete. landwirtschaftliche Maschinen
 und Geräte gefunden wurden, die Enttäuschte, die den
Mut verloren und ihre Felder im Stich gelassen haben, dort zurückließen.
 Ungeheuere Summen von Arbeitskraft und Vermögenswerten
 sind dort auf diese Weise nutzlos vergeudet
worden.
Auch die Siedlungsfrag e ist keineswegs so einfach zu
lösen, wie es häufig in der Agitation dargestellt wird. Die sogenannten
 „Genossenschaftssiedlungen“ sind nach. übereinstimmenden
 Urteilen aller Sachkenner nur möglich, wenn „die Mitglieder
 der Siedlung durch größtmögliche Primitivität der überkommenen
 Wirtschaftsformen gewohnt sind, keinerlei Ansprüche
auf einen gewissen Standard des Lebens zu erheben“.
        <pb n="12" />
        Dazu kommen politische Schwierigkeiten. Im Osten
Kanadas z. B., in der englisch sprechenden Provinz Ontario, die
sich durch die Nähe des französisch-kanadischen Quebec gefährdet
 glaubt, besteht die starke Tendenz, die Einwanderung aus
Kontinentaleuropa zu beschränken.
Ehe wir uns überhaupt für die Auswanderung europäischer
Arbeiter nach überseeischen Ländern einsetzen können, müßten
zuvor eine Reihe von Sicherungen getroffen werden, die verhindern,
 daß die Auswanderung sich als wohlrentierendes kapitalistisches‘:
 Geschäft, als eine Art „Kulturdünger‘“ entwickelt.
Und dabei ist es nun außerdem völlig gleichgültig, ob es sich um
„eigene‘ Kolonien oder um fremde selbständige Staaten handelt.
 Diese Gefahr besteht in beiden gleichmäßig. Die Arbeiterbewegung
 darf niemals der Tatsache Vorschub leisten, daß der
Arbeiter, der aus dem kapitalistischen Mutterland auswandert,
um sich dem einheimischen Druck zu entziehen, im Ausland erst
recht als Kuli und Streikbrecher wirkt, anstatt als Keimzelle
des revolutionären Zusammenschlusses und der politischen Aufklärung
 unter den überseeischen Arbeitern. Wenn die Möglichkeit
 zur Auswanderung größerer Massen europäischer Arbeiter
überhaupt bestände, so wäre es zunächst Aufgabe der Gewerkschafts-
 und der Sozialistischen Arbeiter-Internationale; Sicherungen
 zu schaffen, daß die auswandernde Arbeiterschaft nicht
nach der Art des „Deutschtums im Ausland“ zum Hindernis des
proletarischen Freiheitskampfes wird.

Die handels= und wirtschaftspolitische Bedeutung
der Kolonien

In dem Maße wie die Arbeitskolonien an Bedeutung zurückgehen,
 verlieren die kolonialen Gebiete an Wert für die Auswanderung
 der europäischen  Arbeiterschaft. In der zweiten
kolonialen Periode sieht die europäische Wirtschaft den Wert
der Kolonien in der Einfuhr der Rohstoffe und. in der Ausfuhr
der europäischen Fertigfabrikate. Dieser Kreislauf hat besonders
der englischen Industrie beträchtliche Profite eingebracht. Davon
 haben wir aber scharf zu scheiden den Nutzen, den diese industrielle
 Entwicklung der Arbeiterschaft des Mutterlandes gebracht
 hat, und ferner zu untersuchen, ob für die Dauer die
industrielle Entwicklung des Landes dadurch wirklich gefördert
worden ist.
Die Ausfuhr heimischer Industrieerzeugnisse nach den
Kolonien hat zu keiner Zeit das qualitative Niveau der einhei-
        <pb n="13" />
        mischen Industrie gehoben. Es kam der einheimischen Exportindustrie
 niemals darauf an, was ausgeführt wurde, noch viel
weniger darauf, ob die ausgeführten Waren als Qualitätsware
das koloniale Kulturniveau zu heben in der Lage waren, sondern
lediglich auf die Erzielung möglichst hoher Gewinne. Die
nach den Kolonien ausgeführten Glasperlen und Heiligenbilder
sind als schlechteste Massenware in denjenigen Industriezweigen
hergestellt worden, in denen das Lohnniveau der Arbeiterschaft
sehr gering war. Mit vollem Recht stellt Parvu s fest, daß die
Produktion für die Kolonien die Industrie disqualifiziert und ihre
Forderungen an die Technik herabgesetzt habe.
Nachdem nun in Deutschland von industriellen Kreisen,
so von der letzten Tagung des Reichsverbandes der Deutschen
Industrie, Qualitätserzeugung zur Parole erhoben worden ist,
sollten gerade sie erkennen, daß diese Forderung niemals erfüllt
werden kann, wenn ihr Wunsch nach Wiedererwerb der Kolonien
 wirklich erfüllt würde.
Der Besitz von Kolonien ist sicherlich nicht der einzige
Grund für die verhältnismäßig langsame Entwicklung der
Rationalisierung und Konzentration in der englischen Industrie
der Nachkriegszeit, ebensowenig wie der Verlust der deutschen
Kolonien der einzige Grund für das rasende Entwicklungstempo
der deutschen Industrie während des gleichen Zeitabschnitts
ist. Aber zweifellos haben in beiden Fällen diese Gründe die Entwicklung
 entscheidend beeinflußt.
Doch dieser gesamte Fragenkomplex beginnt mehr und mehr
zu einer akademischen Frage zu werden, denn mit der steigenden
 Industrialisierung der kolonialen Gebiete geht auch die
handelspolitische Bedeutung der Kolonien außerordentlich
Stark zurück, und wir sind bereits in die dritte Periode der kolonialen
 Betätigung eingetreten, in der die Kolonien nicht mehr
als Rohstoffexport- und Fertigwarenimportländer, sondern fast
ausschließlich noch als Kapitaleinfuhrgebiete in Betracht
kommen. Die Entwicklung der Nachkriegszeit beweist mit
Deutlichkeit die immer stärkere handelspolitische Trennung der
Kolonien von ihrem Mutterlande.
Der prozentuale Anteil der Gesamtausfuhr Englands betrug
nach:

China “..
Indien . .
Südafrika .
Kanada

*
» +

1913
2?

5

1924
2,2
9,8
3:4
3,3

In demselben Maße aber wie die Ausfuhr nach den Kolonien
prozentual gesunken ist, ist die englische Ausfuhr nach den

| 3
        <pb n="14" />
        europäischen Staaten und nach Amerika gestiegen. Sie betrug
in Prozent der Gesamtausfuhr nach: ; ;
1913 1924
2,5 3:5
LI 1,7
5,6 6,4
2,9 3,5
5,6 8,3

Wenn aber die Kolonien mehr und mehr ihre Bedeutung als
Absatzmarkt für die industriellen Erzeugnisse des Mutterlandes
verlieren, schwindet auch für die Arbeiterschaft ihr schon früher
zweifelhaft gewesener Wert als Arbeitsgelegenheit, und damit
verliert auch das Argument, daß die Arbeiterschaft von den Kolonien
 den Nutzen der unerschöpflich weiten Absatzmärkte für
ihre Erzeugnisse hätte, jede Berechtigung. In der. Richtung
einer sozialistischen Wirtschaftspolitik liegt nicht .allein das Vertrauen
 auf die Aufnahmefähigkeit der überseeischen Märkte,
sondern vor allem die Er weiterun g der mehr und mehr verstopften
 Inlandsmärkte. Diese notwendige Ausdehnung
freilich setzt den Kampf zwischen Kapital und Arbeit voraus,
erfordert, daß das Lohnniveau der europäischen Arbeiterschaft
so gesteigert wird, daß der Absatz der inländischen Produkte
auf dem inneren Markt in erhöhtem Maße möglich wird. Die
Produktion lediglich für die ausländischen überseeischen
Märkte führt automatisch zu einer Senkung des inländischen
 Lohnniveaus, selbst wenn die Aufnahmefähigkeit
 des Auslands wirklich unbegrenzt wäre.‘
Die Verselbständigung der Kolonien und ihre immer steigende
 Unabhängigkeit vom Mutterland kommt zum Ausdruck
in dem absolut sinkenden Anteil der Einfuhr der Erzeugnisse des
Mutterlandes an der gesamten Einfuhr der kolonialen Gebiete.
So betrug der Wert der aus England eingeführten Waren pro
Kopf der Bevölkerung in Kanada 1913. 3,3, 1921 nur noch 2,4
Pfund. Dagegen ist die Ausfuhr nach Kanada aus den Vereinigten
 Staaten von 0,6 auf 0,8 aus den Niederlanden von 2,9 auf 3,18,
aus Schweden von 1,9 auf 3, Ir gestiegen. Selbst dort, wo die
absolute Höhe der Ausfuhr aus dem Mutterland nach den Kolonien
 gestiegen ist, hat sich der Anteil anderer Einfuhrländer weit
stärker erhöht. So ist z. B. die Ausfuhr von Gebrauchswaren
 von England nach Kanada von 1913 bis 1925 gestiegen
von 132 auf 151 Millionen Dollar, die von den Vereinigten Staaten
 nach Kanada aber von 410 auf 510 Millionen.
Die Kolonien haben ihre Eigenproduktion und damit ihre
Ausfuhr so gesteigert, daß sie heute als Konkurrenten auf dem

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einheimischen Markt wirken und damit die Arbeitslosigkeit erhöhen.

Die europäischen Staaten werden immer stärker aus den
asiatischen Handelsbeziehungen ausgeschaltet und diese werden
immer mehr zu einer innerasiatischen Angelegenheit. So liegt
heute bereits der Handel in den holländischen und amerikanischen
 Besitzungen Indonesiens zu 00% in chinesischen
Händen.
Britisch-Indien wird in seinen Handelsbeziehungen
immer stärker auf die asiatischen Nachbarn als auf das Mutterland
 hingelenkt. Die beherrschende Rolle spielt hier heute bereits
 Japan, und die politischen Ereignisse der letzten Monate
lassen darauf schließen, daß Japan, nachdem es sich die Hilfe des
amerikanischen Kapitals gesichert hat, nicht gewillt ist, sich
diese Stellung wieder nehmen zu lassen. Wie gering der Anteil
Europas’ an dem japanischen Außenhandel im Vergleich zu Asien
und Amerika ist, zeigt die folgende Übersicht:

von bzw. nach

‚Einfuhrnach Japan
(Mill. Ten)

Ausfuhr aus Japan

Asien ,

7

"1924
1925
1924
1925
"19024
1925 !
1924 |
fen

999
(214
721
780
581
477
120
150

557
1000
783
1000
175
152
35
SI

Amerika .

Europa

Australien und Neuseeland

|

In der Einfuhr nach Japan aus Asien steht an erster Stelle
Britisch-Indien mit 573,6 Millionen, von denen 475,6 Millionen
auf Rohbaumwolle entfallen. Nicht das Mutterland, das ungeheuere
 Gelder für seine Kolonie aufgewendet hat, sondern die
asiatische Kapitalmacht hat den Hauptnutzen der indischen
Ausfuhr! Die fortschreitende Industrialisierung Indiens, die
sich auf dem englischen Arbeitsmarkt auswirkt, kommt zum
Ausdruck in der Verteilung der verschiedenen Einfuhrartikel.
Der prozentuale Anteil betrug:
1013 1023 1924 1025
Rohstoffe . . so 46 58
Genußmittel , . 14 14 15
Fertigfabrikate ,, 17 18 19 . 13
Halbfabrikate . . 18 18 18 14

Indien, vor dem Kriege ein ausgesprochenes Rohstoffausfuhr-
 und Fertigwareneinfuhrland, führt jetzt selbst in erhöhtem

3
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        Maße Rohstoffe für seine eigenen Industrien ein, deckt seinen
Bedarf an Fertigwaren zu einem viel größeren Teile selbst und
verstärkt damit die industrielle Reservearmee der englischen Arbeiterschaft..
 Besonders deutlich zeigt sich das auf dem Kunstseidenmarkt.
 Die Einfuhr an Kunstseidengarnen nach Britisch-Ostindien
 ist gestiegen, die an Kunstseiden-Fertigfabrikaten zurückgegangen.
 Sie betrug:

1923/24 1924/25 1925/26
Kunstseidengarne (lbs). . 406000 I 150 000 2 700 000
Fertigfabrikate (yards). . ? 17000000 15000 000

Dazu kommt als erschwerender Umstand für die englische
Arbeiterschaft die Konkurrenz. Italiens und die Tatsache, daß
eine Reihe von Ländern, die bisher als „reine‘ Verbraucher, als
Abnehmer aufgetreten sind, jetzt selbst zur Gründung von
Kunstseidenfabriken geschritten sind. So Spanien, Rumänien,
Polen, Rußland, Lettland, Brasilien und China. Die italienische
Konkurrenz in Ostindien ist vor allem darauf zurückzuführen,
daß die italienischen Waren durch die viel niedrigeren Löhne und
die geringeren sozialen Lasten in Italien als Schmutzkonkurrenz
auftreten. Die Einfuhr englischer Waren nach Indien ist in folgendem
 Maße durch Italien verdrängt worden.
Einfuhr nach Britisch-Ostindien:

1923/24
Garne aus England (lbs) . . . 225000
Garne aus Italien, ..... 77000
Fertigwaren aus England (yards)
Fertigprodukte aus Italien .

1924/25
800000
392000
800000
500000

1925/26
760000
{ 300000
600000
500000

Dieses Beispiel zeigt deutlich, daß es eine Illusion ist, anzunehmen,
 daß die Arbeiterschaft des Mutterlandes an kolonialer
Betätigung ein Interesse haben könnte. Im Gegenteil erweist das
Beispiel des faschistischen Italien, daß ökonomischer und politischer
 Druck auf die einheimische Arbeiterschaft einer „erfolgreichen‘
 Kolonialpolitik Vorschub leisten. So ist nicht nur in
Ostindien, sondern auch in. Südafrika Italien heute Englands
Konkurrent, Die handelspolitischen .Verbindungen zwischen
Italien und der Südafrikanischen Union waren vor dem Kriege so
gering, daß diese Zahlen in den offiziellen Veröffentlichungen
keine Aufnahme gefunden haben. 1920 dagegen betrug die Einfuhr
 nach Südafrika aus Italien bereits 383 000 Pfund, 1925
600 000. Und zwar handelt es sich hier in erster Linie um Fertigwaren,
 Baumwollfabrikate, Automobile und Maschinen. Die
Ausfuhr von Südafrika nach Italien — Wolle, Häute, Felle,
Weizen, Mais, Asbest — ist von 1920 bis 1925 von 197 000 auf
I 000 000 Pfund gestiegen. Diese Entwicklung hat bereits zu
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I

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deutlichen Annäherungsversuchen Italiens an Südafrika, wie es
z. B. die Entsendung des Messeschiffs „Sistiana‘ gewesen ist,
geführt.
Damit wird die Kolonialfrage zu einer Frage allgemeiner
weltpolitischer Bedeutung. Werden die Kernstaaten ruhig zusehen,
 wie ihnen ihre Kolonien wirtschaftlich entrissen werden?
Dann haben sie vor der Entwicklung, die zur wirtschaftlichen
Verselbständigung der Kolonien geführt hat, kapituliert und
werden über kurz oder lang auch den zweiten Schritt, den der
politischen Freigabe, gehen müssen. Oder wehren sie sich gegen
diese Eingriffe? Dann kann nur eine Reihe der blutigsten Kriege
die Folge sein.. Und es hat sich bisher schon deutlich gezeigt,
daß die Kernstaaten vor militärischen Eingriffen nicht zurückschrecken,
 so letzthin wieder, als England zur „Lösung“. des
Streits um das ägyptische Versammlungsgesetz drei Kreuzer
nach Alexandrien entsandte. Eine dritte Möglichkeit gibt es
nicht. Damit ist die Stellungnahme der Sozialisten von vornherein
 festgelegt. Da im heutigen Stadium der Entwicklung jede
koloniale Betätigung unmittelbar mit Kriegsgefahr verbunden
ist, müssen sie überall auf den Abbau kolonialer Bestrebungen
hinwirken.
Von dem gesamten englischen Außenhandel entfällt nur
etwa ein Drittel auf seine Kolonien. Für das Jahr 1925 sind
die folgenden Zahlen charakteristisch:

da

Dominions


Indien

Übriges
Reich

Gesamt

Fremde
Länder

Insgesamt


Einfuhr aus , .' 223.2 |. 64.7
Ausfuhr nach .! 183.1 86.1
Durchfuhr nach | 20.8 1.2
Gesamt- ;
außenhandel.. 427.2 / 152.0 124.0 | 703.2 [29 2.004
Prozent. .. .1| 20 ” 6 33 67 100

1,167
773
154

Der wesentlichste Grund für diese Entwicklung liegt in der
Industrialisierung der kolonialen Gebiete. Diese wieder,
 nur zum Teil eine unmittelbare Folge des Krieges, beruht
auf der wachsenden Ausbeutung der kolonialen Arbeitermassen,
die ihrerseits wieder zurückwirkt auf den niedrigen Lebensstandard
 der europäischen Arbeiterschaft, auf die Ausdehnung
der europäischen Arbeitslosigkeit, die in dem gleichen Maße
gewachsen ist wie die überseeischen Standortindustrien sich
entwickelt haben. Die handelspolitische Loslösung der Kolonien
vom Mutterlande wäre in noch viel höherem Maße und viel
rascherem Tempo erfolgt, wenn nicht die Kapitalmächte Euro-[5
        <pb n="18" />
        pas hier einen gewissen Druck auszuüben vermöchten. Wie
lange dieser die Entwicklung zurückzudiämmen vermag, läßt
sich heute noch nicht sagen. So viel aber ist sicher, daß wir
hier erst an einem Anfang stehen und damit zu rechnen haben,
daß der Prozeß sich in dieser Richtung mit Riesenschritten
weiter vollziehen wird. Besonders die verhältnismäßig hohen
Ein- und Ausfuhrziffern, die noch im Verkehr mit Neuseeland,
Australien, Südafrika bestehen, erklären sich zum Teil aus dem
Druck, den das in den Kolonien angelegte Kapital ausgeübt. Ungeachtet
 der geographischen Lage, die auf näher gelegene
Märkte hinweist, treibt z. B. Neuseeland wenig Handel mit
Australien, und Kanada noch nicht ausschließlich mit den Vereinigten
 Staaten. Hier muß die wirtschaftliche Vernunft wieder
den Kapitalinteressen weichen; nicht der kurze Handelsweg und
die billigen Kommunikationen werden gewählt, sondern die Waren
legen den langen und sie verteuernden Weg zurück, weil bestimmte
 Kapitalistengruppen es befehlen. Dazu kommt, daß die
Kolonien sich mit hohen Zollmauern auch gegenüber dem eigenen
Mutterland umgeben haben. Schon in den letzten Jahrzehnten
des vorigen Jahrhunderts gehörten in den australischen und
kanadischen Häfen Zölle, die bis zu 40% des Wertes ausmachten,
durchaus nicht zu den Seltenheiten, Seither haben die Kolonien
keine größere Bereitwilligkeit gezeigt, ihre aufstrebenden Industrien
 dem Mutterlande zum Opfer zu bringen.
Selbst in einem so ausgedehnten Kolonialreich wie England
konnte der Autarkiegedanke als Begründung der Kolonialpolitik
in der Zeit der zunehmenden weltwirtschaftlichen Verflechtung
nicht standhalten. Die einzigen Rohstoffe, die das englische
Weltreich in der Höhe seines Eigenbedarfs und darüber hinaus
erzeugt, sind Kohle und Jute. Bei allen anderen Stoffen ist das
Reich auf Einfuhr angewiesen, Es erzeugt in Prozent seines Bedarfs:
 Eisenerz 67, Zinn 60, Blei 25, Petrol 3; Wolle 80, Baumwolle
 25, Seide 3, Gummi 75; Fleisch 70, Gerste 30, Reis 60, Getreide
 (insgesamt) 50, Kaffee 11, Früchte 10, Zucker 6, Tabak 6,
Mais 5, um nur die wichtigsten Nahrungs-, Genuß- und Gebrauchsmittel
 zu nennen. So bleibt das mächtigste und ausgedehnteste
  Kolonialreich als ganzes doch in starkem Maße
angewiesen auf die Einfuhr aus dem Ausland. Eine Gesamtübersicht
 über den englischen Außenhändel nach den verschiedenen
 Ländern ergibt, daß er in den Dominions nur in Ägypten,
außerdem im Sudan und in Nigerien gestiegen ist. Hier geht die
Zunahme parallel mit dem Ausfall des deutschen Außenhandels.
Gesunken ist der relative Anteil Englands besonders in Britisch-Indien,
 Ceylon, den Straits Settlements, Kanada und Südafrika,
in jenen Teilen also, in denen die Industrialisierung und Kapitalisierung
 stark zugenommen hat.
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        Aus den vorstehend kurz gekennzeichneten grundlegenden
weltwirtschaftlichen Wandlungen ergibt sich, daß die Kolonien
und auch die Gebiete, die, wie China, nicht in unmittelbarer
politischer, aber doch in starker wirtschaftlicher Abhängigkeit
von England stehen, ihre Rolle als Absatzmärkte für
die einheimischen industriellen Erzeugnisse
und als Bezugsländer für Rohstoffe wenn noch
nicht ausgespielt, so doch sostarkeingeschränkt haben,
daß also heute von einer Notwendigkeit kolonialer Betätigung
aus diesen Gründen nicht mehr ernsthaft die Rede sein kann.
Darüber hinaus aber wirken sich die Kolonien besonders für die
englische Arbeiterschaft als wesentliche Hemmnisse für einen
Aufstieg aus, da sie die industrielle Reservearmee des Mutterlandes
 vergrößern. Der Rückgang in der englischen Textilindustrie
 geht unmittelbar parallel der Entwicklung der Textilindustrie
 in den Kolonien.
Die Weltproduktion an Jute, für die Indien das Monopol
hat, betrug im Durchschnitt der letzten Jahre 10 Millionen
Ballen. Von diesen gehen heute 7 Millionen an die indischen
Spinnereien nach Kalkutta, eine Million nach England, eine nach
Deutschland, eine halbe nach den Vereinigten Staaten. Von
1910 bis 1925 hat sich die Zahl der Jutespindeln in Kalkutta
von 335 000 auf I 020 000 erhöht, die Zahl der Jutewebstühle
von 16200 auf. 48 500. Während dieser Zeit hat sich die Zahl
der beschäftigten Arbeiter verdreifacht, das investierte Kapital
aber vervierfacht. Im Laufe dieser Periode ist in Lancashire,
wo sich ein Drittel der Spindeln der Welt befindet, der Export
auf 59% der Vorkriegszeit gesunken.
Die Ausfuhr an fertigen Baumwollwaren aus England hat
sich folgendermaßen entwickelt (in Millionen square yards):
1913 1920 1921 1022 1923 1024 1025 1926 1027
7975 4425 2002 4182 4140 4444 4434 3834 4118
Während der Weltverbrauch an Baumwolle von 23 auf
24,7 Millionen Ballen gestiegen ist, ist der englische Anteil in
der angegebenen Weise gesunken. Es kann sich also nicht um
eine vorübergehende Erscheinung handeln, sondern um eine
Entwicklung der kolonialen Staaten, die beweist, daß das Ende
der kolonialen Epoche immer näher heranrückt. Lancashires
Hauptlieferant ist heute nicht mehr Indien, an seine Stelle ist
Amerika getreten. Es werden jährlich 120000 Ballen indischer,
aber 2000000 Ballen amerikanischer Baumwolle in Lancashire
verarbeitet. Die indischen Qualitäten sind geringer, der Transport
 von Amerika billiger. Hier hat die Kapitalmacht nicht
mehr genug Einfluß gehabt, diesen Weg zu versperren. Indien
aber versorgt heute Japan. Zudem ist der indische Eigenver-2

 Fabian, Arbeiterschaft und Kolonialpolitik

1”
        <pb n="20" />
        brauch stark gestiegen; er betrug 1911 6670531 cwts, 1026
7396 844. England hat in manchen der Nachkriegsjahre weniger
Baumwolle aus Indien bezogen als Deutschland, Belgien oder
Italien. Die englische Ausfuhr an Tuchen nach Indien ist seit
1913 um etwa.die Hälfte gesunken. Aber die englische Textilindustrie
 ist darauf eingestellt, den Weltverbrauchallein
zu decken. Während in Asien leistungsfähige Industrien entstanden
 sind, die die östlichen Länder versorgen und ihre Rohstoffe
 aus ihrer nächsten Nachbarschaft beziehen, liegt der englische
 Apparat zu einem großen Teil still. Im Juli 1927 waren
in der englischen Woll- und Baumwollindustrie 312 000 männliche
 und 507 000 weibliche Arbeiter. arbeitslos.
Die enormen Gewinne, die die Textilindustrie von Lancashire
 mit Hilfe der englischen Regierung Jahre hindurch
machen konnte, gehören heute der Vergangenheit an. Die Überwindung
 der Schwierigkeiten wird hier, wie überall, auf Kosten
der Arbeiterschaft unternommen. Wir stehen heute mitten in
der Krise und wissen noch nicht, wie ihr Ende aussehen wird.
Aber sicher ist, daß sie nicht ohne die schwersten Arbeitskämpfe
 überwunden. werden kann. Nachdem der Plan, einen
Konzern zu gründen, dem Firmen mit insgesamt mindestens
zwei Millionen Spindeln angehören sollten, gescheitert ist, und
nachdem weiter eine Konferenz zwischen Arbeitgebern und
Arbeitnehmern, die die Frage der Lohnherabsetzung und Arbeitszeitverlängerung
 regeln sollte, mit der Ablehnung sämtlicher
 Vorschläge der Unternehmer durch die Arbeiterschaft
endete, beginnen die Arbeitgeber mit Gewalt vorzugehen.
Die Unternehmerverbände haben an ihre Mitglieder die Anfrage
 gerichtet, ob sie bereit sind, in einen Arbeitskampf einzutreten.
 Das Ziel dieses Kampfes ist: Herabsetzung der Standardakkordlöhne
 um 25%, bei Zeitlohnarbeitern entsprechend. Die
Unternehmer der amerikanischen und der ägyptischen Sektion
werden angefragt, ob sie bereit sind, ihre Spinnereien zu
schließen und die Arbeiter auszusperren. Der Ausgang dieser
Aktion steht noch bevor.
Allein aus dem Rückgang der englischen Textilindustrie ist
es auch zu erklären, daß die ersten Arbeiterschutzgesetze für
die indische Textilarbeiterschaft nicht etwa auf die Bestrebungen
 der indischen Arbeiterbewegung, sondern auf die der
Baumwollherren von Lancashire zurückzuführen sind. Und es
ist bezeichnend genug, daß das plötzlich erwachte Mitgefühl
mit der ausgebeuteten indischen Arbeiterschaft sich lediglich
auf die Textilarbeiter bezieht, während doch der Kuli auf den
Teeplantagen ein mindestens ebenso fürchterliches Sklavendasein
 führt. Aber in Lancashire wird eben nicht Tee, sondern
Baumwolle verarbeitet. Schon 1875 begann die indische Textil-
        <pb n="21" />
        industrie — wenn auch in viel geringerem Umfange — den englischen
 Fabrikherren gefährlich zu werden, und auf ihr Betreiben
ist es zurückzuführen, daß im Unterhaus ein Gesetz angenommen
 wurde, das die Arbeit für Kinder unter 7 Jahren verbietet
und auf 9 Stunden für Kinder unter 12 Jahren beschränkt. Eine
gefährliche Bundesgenossenschaft! Und die Tatsache, daß von
den Mindestforderungen, die die indische Arbeiterschaft im Jahre
1884 aufgestellt hat, bis heute nur ein kleiner Teil erfüllt ist,
genügt, um zu beweisen, wie wenig die Arbeiterschaft von den
Danaergeschenken der Kapitalisten zu erwarten hat, auch wenn
zeitweise eine Interessengemeinschaft vorzuliegen scheint.
Indien hatte seine größte Bedeutung für das englische Mutterland
 in der Zeit, da das Reich selbst noch im Anfang seiner
Kapitalisierung und Industrialisierung stand. Damals war die
erste Notwendigkeit: Kapital für das Inland zur Schaffung der
Industrie. Durch Ausbeutungswirtschaft, Ausfuhr von Gold;
Besteuerungen und Tribute wurden die großen „indischen Vermögen‘
 geschaffen, die das einheimische Kapitalbedürfnis befriedigten.
 Die zweite Phase setzte ein, als nicht mehr die
indischen Werte nach England strömten, sondern englische
Kapitalien in Indien angelegt wurden, um in Indien „das Gerüst
der europäischen Zivilisation zu unterhalten‘. Die in Indien angelegten
 englischen Vermögen werden für das Jahr 1916 auf
390 Millionen Pfund geschätzt. Für die englischen Kapitalisten
hatten diese im Ausland in Tropenpflanzungen, in Baubetrieben
und Fabriken angelegten Kapitalien neben den „zivilisatorischen“
noch einige realere Nebenzwecke. Indien hat heute an die Aktionäre
 und Gläubiger des Mutterlandes jährlich rund 30000 000
Pfund an Abgaben zu zahlen. Das Land, das, wie Demangeon
feststellt, „von Grund auf und dauernd verschuldet ist‘, zahlt
seine Schuld in Waren. Wie es aber anfängt, den Wert seiner
Waren zu erhöhen, indem es zur Gründung von Standortindustrien,
 schreitet, um mit Fertigwaren die Schuld an das
Gläubigerland zu decken, setzt eine neue Periode der kolonialen
Entwicklung ein: das in Indien investierte Kapital beginnt, sich
gegen die Kapitalisten zu wenden, die aus ihm ihren Nutzen
ziehen wollen; es verhindert den Aufstieg der Industrie des
Mutterlandes, Damit wird für die englische Arbeiterschaft koloniale
 Betätigung zur größten Gefahr. Durch Verengerung des
einheimischen Arbeitsmarktes, infolge der Konkurrenz
ler überseeischen Arbeiterschaft werden ihr
Aufstieg und Arbeitskämpfe ungeheuer erschwert. -
Die indische Arbeiterschaft befindet sich heute in der gleichen
Situation, in der die englische Arbeiterschaft sich zu Beginn
des vorigen Jahrhunderts befand. Mit der Entwicklung der
Industrie geht die Verelendung der breiten Massen Hand in

IC
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        Hand. Der Aufschwung mancher Industriezweige ist sehr groß
und schnell. So schlossen z. B. die Tatawerke in der Nähe
von Kalkutta für das Jahr 1926/27 mit einem Reingewinn von
rund 15 Millionen Rupees ab bei einer Produktion von 600 000 t
Eisen und 375000 t Stahl. Die indische Zementproduktion ist
von 1914 bis 1924 gestiegen von 945 auf 225 000 t. Für den Aufschwung
 der Textilindustrie besteht auch in Indien selbst kein
genügender Absatzmarkt. Von der Ernte des Jahres 1926, die
6 Millionen Ballen Baumwolle betrug, wurden 2 Millionen in
der eigenen Industrie verbraucht, ı Million findet feste Abnehmer
 auf den europäischen Märkten, aber für 3 Millionen
werden noch Absatzmärkte gesucht. Der Sättigungsgrad der
eigenen Industrie scheint bereits erreicht.
Die indischen Kapitalisten, die Jahrzehnte hindurch von der
englischen Bourgeoisie niedergehalten worden waren, so durch
besonders hohe Besteuerung der indischen Maschinenindustrie,
bekommen die Industrialisierung Indiens selbst in die Hand.
Damit hat das Land seine typisch‘ kolonialen Handelsbeziehungen,
 Ausfuhr von Rohstoffen, Einfuhr von Fertigfabrikaten, zugunsten
 der zwischen industrialisierten Staaten bestehenden Beziehungen,
 Austausch von Rohstoffen gegen Rohstoffe und von
Fertigprodukten gegen Fertigprodukte, aufgegeben. Die Entwicklung
 Indiens ist typisch für die farbigen Kolonien überhaupt:
 die industrielle Erschließung hat ihnen
den kolonialen Charakter genommen. Die koloniale
 Bevölkerung erkennt selbst sehr wohl ihre in der ökonomischen‘
 Entwicklung begründete wachsende wirtschaftliche
Verselbständigung und zieht daraus ihre Konsequenzen in ihrem
Verhalten gegenüber dem Mutterland. Die einheimische Bourgeoisie
 beginnt sich ihrer Macht bewußt zu werden; die indische
z. B. verlangte und erhielt 1916 als Gegengabe für eine Kriegsanleihe
 von 100 Millionen Pfund einen Zoll auf Baumwolle von
316%. Dieser Zolltarif, der lediglich nach indischen Interessen
und nicht mehr nach denen des Mutterlandes fragt, bedeutet, daß
die erstarkte indische Kapitalistenklasse gewillt ist, den Mehrwert
 nicht mehr der Bourgeoisie des Mutterlandes zuströmen zu
lassen, sondern ihn für sich selbst zu reklamieren. Damit steht
das indische Proletariat im Augenblick der historischen Entscheidung,
 ob es aus einem Ausbeutungsobjekt des englischen
Kapitals zu dem des einheimischen Kapitalismus wird, oder ob
es die Situation, da das englische Kapital auf seine Ausbeuterrolle
 verzichten muß, benutzt, um seine Befreiung zu erkämpfen,
Die Stunde jedenfalls, da die eigene Kapitalistenklasse sein
Bundesgenosse in der nationalen Revolution sein konnte, ist
heute vorbei. Wohl besteht infolge des Kampfes zwischen englischer
 und indischer Bourgeoisie eine starke Verwischung der
        <pb n="23" />
        klaren Klassenkampffront, aber die indische Arbeiterklasse
findet in ihrem Kampfe heute keinen anderen aufrechten Bundesgenossen
 als das Weltproletariat. Sie ist besonders auf diese
Bundesgenossenschaft angewiesen, da die‘ Jahrhunderte ‚alte
Tradition der Stabilität des Produktionsprozesses und damit der
Ideologie ein außerordentlich großes Hemmnis des erwachenden
Klassenbewußtseins und der Erstarkung der eigenen Kampfesfront
 ist.
Die gleiche Tendenz der wirtschaftlichen Lostrennung vom
Mutterlande macht sich in den letzten Jahren mit der fortschreitenden
 Industrialisierung und Kapitalisierung auch in
Kanada geltend, das ja, wie bereits erwähnt, schon durch
seine geographische Lage stärker auf die Vereinigten Staaten
als auf England hingewiesen ist. Kanada selbst fühlt sich heute
nicht mehr als Kolonie, es hat hingegen selbst koloniale Bedürfnisse.
 Es tendiert nach den Antillen, nach Südafrika, nach
den Inseln des Stillen Ozeans.
Die kanadische Industrie geht heute ihre eigenen Wege, indem
 sie begonnen hat, mit eigenem Kapital Fabriken zu gründen,
 deren Gewinne in den Händen der eigenen Kapitalisten
bleiben, anstatt nach dem Mutterlande zu fließen. Die Eisengruben
 von Bell Island gehören einer kanadischen großen Schiffbaugesellschaft
 in Halifax; die Fabriken in Quebec, die für
die Ausfuhr arbeiten, erhalten den größten Teil ihrer Aufträge
von Australien, das nicht mehr, wie früher, seinen Bedarf aus
den industriellen Erzeugnissen des Mutterlandes deckt. Auch
seine eigenen Bedürfnisse befriedigt das Land in. steigendem
Umfange selbst: während es 1913 73% seines Bedarfs an Baumwollwaren
 aus dem Mutterlande bezog, deckte es 1919 60%
selbst. Im Jahre 1921 wurde mit eigenem Kapital in Ontario
eine große Leinenfabrik errichtet, die den einheimischen Flachs
verarbeitet.
Die großen kanadischen Handelsunternehmungen. gehören,
soweit sie nicht in den Händen der einheimischen Kapialisten
sind, nicht Engländern, sondern Amerikanern. Die Eigentümer
der Goldgruben Neuschottlands, der Kohlenbergwerke ‚und
Wälder Britisch-Kolumbiens sitzen nicht in London, sondern
in New York. Demangeon gibt die Gesamtsumme der in Kanada
untergebrachten amerikanischen Anleihen mit 524 Millionen, das
insgesamt in Kanada untergebrachte amerikanische Kapital mit
ı250 Millionen und die jährlich nach Amerika gezahlten Zinsen
mit 75 Millionen an.
Seitdem die unmittelbaren und monopolistischen Handelsbeziehungen
 zwischen Mutterland und Kolonien in der alten
Form nicht mehr bestehen, ist das letzte direkte Band, dessen
Vorherrschen die dritte koloniale Epoche kennzeichnet, die der

A
        <pb n="24" />
        Kapitalausfuhr. Aber auch diese Beziehung beginnt sich zu
lockern. Das Kapital des Mutterlandes kämpft um die Anlage
in den eigenen Kolonien heute genau so mit der Konkurrenz der
ausländischen Kapitalmacht wie um jedes andere Gebiet.
Besondere Aktualität erlangten in den letzten Monaten die
Vorgänge in Ägypten. Aber die wirtschaftlichen Ursachen
liegen weit zurück.
Als zu Beginn des Krieges der Kurs für ägyptische Baumwolle
 enorm sank, hat das Mutterland nichts dagegen getan,
sondern die Konjunktur ausgenutzt und zu sehr billigen Preisen
Baumwolle gekauft. Als 1917 die Preise wieder anzogen, ist
die englische Regierung selbst als Käufer auf dem Baumwollmarkt
 aufgetreten und hat die gesamte Ernte weit unter Preis
aufgekauft. Dadurch konnte sich die Industrie noch einige Zeit
über Wasser halten, aber diese Möglichkeiten bestehen heute
nicht mehr, seitdem die überseeischen Länder beginnen, sich zu
schützen. So hat Ägypten seinen Baumwollanbau stark umgestellt;
 es hat die Spezialisierung seiner Landwirtschaft auf
Baumwolle beseitigt, indem es für ein Drittel seines Bodens
deren Anbau verboten hat.
Im Jahre 1924 gab der Mord an dem englischen Oberbefehlshaber
 den Engländern den Vorwand zu dem entscheidenden
Schlag, Der Sudan wurde dem bisherigen Mitbestimmungsrecht
der Ägypter entzogen und die riesige Baumwollplantage in ein
englisches Baumwollmonopol umgewandelt, Durch das Preisdiktat
 wurden vor allem die kleinen Baumwollzüchter vernichtet.
 Schließlich gelang es England, mit Hilfe der ägyptischen
Koalitionsregierung von Liberalen und Zaghlulisten,
einen Vertrag durchzusetzen, der. Ägypten vollends. dem englischen
 Baumwollkonzern ausliefert.
Die australische Industrie stellt zwar noch keine
ernsthafte Konkurrenz auf dem Weltmarkt dar, ihren eigenen
Markt aber hat sie zu einem guten Teil erobert und von der
Einfuhr der Industrieerzeugnisse des Mutterlandes unabhängig
gemacht. Die Eisenindustrie erzeugte schon 1918 über 150000 t
Schienen, Stahlplatten und Stahldraht; Spinnereien und Webereien
 wurden erst vor kurzem in größerem Stile errichtet.
Australien selbst zeigt heute schon durchaus offen imperialistische
 Bestrebungen. Es sucht den Seeweg nach dem Panamakanal
 und gibt deutlich zu erkennen, daß es. Interesse an den
Hebriden hat. Die Fidschi-Inseln, die offiziell als Kronkolonie
gelten, sind in Wirklichkeit ein Teil des australischen Dominions.
Seine Stellung hat sich weiter dadurch verstärkt, daß es Neu-Guinea,
 den Bismarckarchipel und die Salomoninseln als Mandat
des Völkerbundes erhalten hat und dadurch. zum Hauptproduzenten
 von Kopra in den Südmeeren geworden ist.
        <pb n="25" />
        Ein erheblicher Teil aller Kolonien hat heute bereits den
Weg zurückgelegt, der von der Arbeitskolonie über das Rohstoffausfuhr-
 und Fertigwareneinfuhrgebiet zum selbständigen
kapitalistischen Land mit imperialistischen Tendenzen führt.
Diese ökonomische Entwicklung, die zur Aufgabe des Kolonialsystems
 drängt, hat auch bereits ihren ideologischen Niederschlag
 gefunden: in der Bewegung der eingeborenen Arbeiterschaft.


Aber nicht allein das Elend der Industriearbeiterschaft und
seine Rückwirkungen auf die Lage des europäischen Proletariats
sind in unserem Zusammenhang beachtenswert; eine mindestens
ebenso wichtige Rolle spielt heute, da‘ doch noch immer der
größere Teil der Bevölkerung, besonders in Asien, von der Landwirtschaft
 lebt, die Agrarverfassung und die sich aus
ihr ergebenden Konsequenzen für die Lage des kolonialen Landproletariats.
 Die Schwierigkeiten der landwirtschaftlichen Produktion
 resultieren vor allem aus dem System des Großgrundbesitzes
 mit seinem uneingeschränkten Ausbeutungssystem.
Der Großgrundbesitzer ist der unumschränkte Herrscher, an
den der unter den elendesten Verhältnissen lebende Bauer oft
mehr als die Hälfte seines Ertrages als Pachtzins abführen muß.
Die Herrschaft der europäischen Regierungen stützt sich in
erster. Linie auf dieses System, und deshalb stehen sie jeder
Agrarreform von vornherein feindlich gegenüber. Englands
Macht in Indien z. B. beruht auf den Maharadschas, den Landesfürsten,
 die sämtlich Großgrundbesitzer sind.
Seit der zunehmenden Industrialisierung hat sich die Lage
der Landwirtschaft weiter dadurch verschlechtert, daß die ausländischen
 Kapitalisten ihre Gelder lieber in die gewinnbringenden
 Industrieanlagen stecken, als für die wichtigsten Erfordernisse
 der Landwirtschaft zu sorgen. Hierzu gehörten in erster
Linie Bewässerungsanlagen, da infolge der Dürre ungeheuere
Landstrecken, die Millionen von Bauern Lebensunterhalt
bieten könnten, brach liegen. In Syrien z. B. wird noch nicht
ein Zehntel des anbaufähigen Bodens bebaut.
Der Direktor des Landwirtschaftlichen Instituts, Dr. Mann,
der die Agrarverhältnisse in den englischen Kolonien eingehend
studiert hat, teilt mit, daß es für 81% der indischen Bauern
völlig unmöglich ist, sich aus der Landwirtschaft zu ernähren.
Der ägyptische Fellach muß die Hälfte seiner Ernte — vor
allem Baumwolle — an den Großgrundbesitzer verkaufen. Da
die Klasse der Großgrundbesitzer aber die einzige ist, die das
englische Regierungssystem unterstützt, besteht hier nicht die
geringste Aussicht auf Wandlung der Verhältnisse.
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        Die Folge dieser Not der ländlichen Bevölkerung ist natürlich
 Landflucht. Sie strömt in Massen — besonders nach der
Verdrängung der ländlichen Heimarbeit durch die Industrie —
in die Städte und vergrößert dort die industrielle Reservearmee.
Auch das wirkt wieder auf die europäische Arbeiterschaft zurück.
Die Not auf dem flachen Lande schränkt die Konsumtion europäischer
 Industrieerzeugnisse ein. Die ungeheueren Gebiete fallen
 als Absatzmärkte vollkommen aus. Eine Agrarreform, wie die
einheimische: Landbevölkerung sie anstrebt, liegt damit auch im
Interesse der europäischen Arbeiterschaft. Zwar hat der Vertreter
 Indiens im Wirtschaftsrat des Völkerbundes, Sir Atull
Chetterjee, in der Sitzung, die Mitte Mai dieses Jahres stattfand,
mit Nachdruck darauf verwiesen, daß die außereuropäische Landwirtschaft
 gehoben werden müsse, damit sie in vermehrtem Umfang
 europäische Produkte kaufen könne; aber dieser fromme
Wunsch wird am Widerstand der Regierung scheitern. Eine
Agrarreform ist nur zu erreichen gegen das europäische Kapital
im Bunde mit den Eingeborenen.

Das Eingeborenenproblem

Der Hauptantrieb zur Industrialisierung der Kolonien liegt
indem Standort der Rohstoffe und dem der billigen
Arbeitskraft. Seit dem Eindringen des europäischen Kapitalismus,
 der von dem Ort des größten Widerstandes: der
Arbeiterschaft, aus den Ländern eines stark organisierten Proletariats,
 seine Tätigkeit verlegt. hat in jene Gebiete, da die
Arbeiterschaft noch unaufgeklärt und unorganisiert war, hat
sich deren Lage noch erheblich verschlechtert, Es ist den europäischen
 Kapitalisten nicht gelungen, der Eingeborenenfrage
Herr zu werden, Die wirtschaftlichen Wandlungen in den Kolonien
 haben den Europäer nicht dazu gebracht, seine Stellung
gegenüber dem Farbigen zu verändern. Er betrachtet ihn noch
immer als einen Menschen zweiter Klasse, der keine andere Aufgabe
 hat, als für den Weißen zu arbeiten. Als Entgelt dafür,
behauptet er, ihm Kultur und Zivilisation. zu bringen. Wie
es damit beschaffen sein kann, zeigen schon allein die Einnahmen
 der farbigen Arbeiter. In den chinesischen Baumwollfabriken,
 die vom europäischen Kapital abhängig sind, beträgt
der durchschnittliche Monatslohn eines Arbeiters ı2 chinesische
Dollar (1 chinesischer Dollar gleich 2 M.), der eines Hafenarbeiters
 9, eines Holzarbeiters 12, eines Arbeiters in den Seidenspinnereien
 6—10 chinesische Dollar. Was diese Zahlen für das
„Kulturniveau‘ des Arbeiters bedeuten, wird erst klar, wenn wir
        <pb n="27" />
        sie zu der Lebenshaltung der Arbeiterschaft in Beziehung setzen.
Nach dem „North China Herald‘ (zitiert nach einem Aufsatz
von Ernst Reinhard im Märzheft 1928 des „Klassenkampf“) setzt
sich das Budget einer vierköpfigen Kulifamilie wie folgt zusammen:


Y. Picul Reis. 2...
Gemüse . .......
Brennmaterialien , 6
Gewürz .... 2
Steuern und Abgaben . ,
Tabak und Erfrischungen ,
Kleidung ....
Verschiedenes , , »
Zusammen 21 chinesische Dollar.

Diesen gewiß nicht anspruchsvollen Haushaltsplan können
aber nach den Angaben über die Lohnhöhe die meisten Arbeiter
noch nicht einmal innehalten. Wo bleibt da: die Möglichkeit
einer Hebung des Kulturniveaus?
In den eigentlichen Kolonien liegen die Verhältnisse keineswegs
 besser. Für das Jahr 1925 teilt Brailsford mit, daß der
Wochenlohn eines indischen Jutearbeiters. zwischen 2,50 und
ı2 M. schwankt. „Das durchschnittliche Jahreseinkommen beträgt
 250 M. An jedem Arbeiter dieser Industrie (es gibt deren
300 000) versteht die Geschäftsleitung im Durchschnitt 2000 M.
zu verdienen.‘ Nach amtlichen Angaben beschäftigen die indischen
 Bergwerke 80 000 Frauen, davon 63 000 in.den Kohlengruben;
 das sind 35% der Bergarbeiter. In den Fabriken von
Britisch-Indien arbeiten zur Zeit nach den öffentlichen Statistiken
 75 000 Kinder.
Die gegenwärtige Streikwelle in Indien gab von neuem Gelegenheit,
 die Lebensverhältnisse der indischen Arbeiterschaft
zu studieren, Die englische Regierung und die englische bürgerliche
 Presse begnügen sich damit, den Streik als eine „bolschewistische
 Mache“ hinzustellen, Aber es bedarf sicherlich
keines Bolschewismus, um diese Arbeiter zum Streik zu bewegen.
 Ihre wirtschaftliche Lage reicht dazu vollständig aus.
Das indische Proletariat unterscheidet sich nur noch dem Namen
nach und nur rein formal von unfreien Sklaven. Die nominell
„freien“ Arbeiter in Bombay und Kalkutta müssen, um überhaupt
 eine Arbeitsstelle zu erhalten, den Vorarbeiter oder die
Vorarbeiterin zunächst bestechen und sind ihnen damit schon
ausgeliefert, Die Vorarbeiterinnen namentlich nutzen diese Vormachtstellung
 häufig dazu aus, um ihre jungen Arbeiterinnen
zur Prostitution zu zwingen. Der erste Lohn wird im allgemeinen

2

=.
        <pb n="28" />
        nach sechs Wochen ausgezahlt, aber auch dann wird noch der
Lohn von vier Wochen zurückbehalten. Verlangt der Arbeiter
einen „Vorschuß“, d. h. einen Teil des Lohnes, den er längst abgearbeitet
 hat, so muß er dafür Zinsen zahlen. Bleibt ein Arbeiter
einen Tag unentschuldigt von der Arbeit fern, so wird der Lohn
der letzten vier Wochen einbehalten. Auf diese Weise werden
den Arbeitern Bombay jährlich 11 000 Pfund Sterling gestohlen.
Um so höher sind die Gewinne der Kapitalisten. In einzelnen
Jutefabriken werden alljährlich doppelt so viel Dividende ausgeschüttet
 wie Löhne gezahlt; Brailsford hat festgestellt, daß
20% Gewinne der Durchschnitt sind, daß aber auch Dividende
von 200 bis 250%, in einem Falle sogar von 400% ausgeschüttet
wurden. Dabei geht man wohl kaum fehl in der Annahme, daß
in Indien ebensowenig wie in unseren großen Unternehmungen
lie Dividende wirklich die Höhe der Gewinne repräsentiert.
Die japanische Konkurrenz hat die indischen Unternehmungen
 veranlaßt, zu „rationalisieren‘. Damit hat die schamlose
Ausbeutung ihren Höhepunkt erreicht. Das bedeutete Lohnsenkung
 um ein Fünftel und straffe Einhaltung der 60-Stunden-Woche.
 Um darauf mit einem Streik zu reagieren, dazu bedurfte
es wahrhaftig einer bolschewistischen Hetze nicht. Auch
Bürgerliche schildern die Lage der indischen Arbeiterschaft als
völlig trostlos. M. G. Desai, der sich auf Burnett Hurst (Arbeit
und Wohnung in Bombay) stützt, schreibt:
„Die Arbeiter schlafen gewöhnlich in den Straßen, auf offenen
 Plätzen, in Verandas, in Korridoren, in Höfen. 53% aller
Industriearbeiter Bombays bezahlen keine Wohnungsmiete,
weil sie keine zu bezahlen vermögen. Wer aber eine Wohnung
hat, lebt unter Umständen noch schlechter als diejenigen Arbeiter,
 welche im Freien übernachten müssen, Die schlechtestbezahlten
 dieser Arbeiter wohnen in Hütten, deren Wände und
Dächer aus zurechtgebogenen Blechen alter Petroleumkannen
bestehen. Es gibt da keine Fenster. Der Fußboden befindet sich
drei Zoll über der Erde; wenn der Monsunregen fällt, wird er
gewöhnlich überschwemmt.. Ist es zu verwundern, wenn von
1000 Kindern, die in der Stadt geboren werden, 572 im ersten
Lebensjahre sterben? . . . Das grauenhafte Bild von Kinderelend,
das sich hier abwickelt, wird nur ergänzt durch die Tatsache,
daß 98% aller Arbeiterkinder mit Opium eingeschläfert werden,
damit die Mutter in die Fabrik gehen kann. So kommt es, daß
das durchschnittliche Lebensalter‘ des indischen Arbeiters nur
23,5 Jahre beträgt, während man beim europäischen Arbeiter
mit rund 40 Jahren rechnen darf.“
Fast am hoffnungslosesten liegen die Verhältnisse in Südafrika,
 denn dort ist die ganze Wirtschaftspolitik noch darauf
eingestellt, daß die ursprüngliche holländische Kolonie am Kap

37
        <pb n="29" />
        der Guten Hoffnung vollständig auf Sklavenarbeit aufgebaut
war. Noch heute herrscht unter den Weißen in Südafrika die
Auffassung, daß Handarbeit eine eines weißen Mannes unwürdige
 Tätigkeit sei. Die Farbenschranke ist hier bis zum
heutigen Tage nicht überwunden. Olivier, der die Verhältnisse
sehr genau aus eigener Erfahrung kennt, gibt an (Gesellschaft
1927, I, 486), daß in der Bergbauindustrie, die das wichtigste
Aktivum des Staates bildet, auf zehn schwarze Arbeiter durchschnitlich
 ein Weißer kommt, dessen Lohn zehnmal so hoch ist
wie der des schwarzen Arbeiters. Ohvier zitiert einen sehr
interessanten Bericht der „Regierungskommission für Wirtschaft
 und Löhne“ aus dem Jahre 1926, in dem es heißt:
„Die Löhne der weißen Bergarbeiter im Rand sind höher als
in irgendeinem anderen Gebiet: der Alten Welt. Die Produzenten,
 die gezwungen sind, den weißen Arbeitern diese hohen
Lohnsätze zu zahlen, können dies nur dadurch ermöglichen, daß
sie zu den niedrigeren Arbeiten ausschließlich eingeborene Arbeitskräfte
 verwenden . . . Die besonderen Bestimmungen des
Gesetzes zur Regelung der Eingeborenenarbeit vom Jahre 1911
und des Master-and-Servantgesetzes haben sozial zur Folge
gehabt, daß sie das Öffentliche Gewissen gegen eine Einmischung
 in die persönliche Freiheit der Eingeborenen wie der
Weißen einlullten, so daß sich allmählich das Gefühl festsetzte,
der Handarbeiter gehöre, egal welche Farbe er hat, zu einer
ganz anderen Gattung Mensch. Diese Bestimmungen dienen
auch zur Aufrechterhaltung der Tradition, daß Handarbeit für
Weiße entwürdigend sei. Ökonomisch wirken diese Gesetze dahin,
 daß sie den Eingeborenen eine Besserung ihrer Lage unmöglich
 machen.
Die Lohnsätze der industrialisierten und stammesentwurzelten,
 in Städten lebenden Eingeborenen sind so niedrig, daß
sie nicht zur Ernährung, Kleidung und Wohnung der Eingeborenen
 ausreichen.“
Wenn in allen Kolonien die farbigen Arbeiter die rechtlosen
Ausbeutungsobjekte der weißen Kapitalisten sind, so- ist in
Afrika der einzige Unterschied der, daß dieser Zustand gesetzlich
 sanktioniert wurde. Das wurde dadurch ermöglicht, daß die
3üdafrikanische weiße Arbeiterschaft eine Koalition mit der von
General Hertzog geführten Nationalpartei schloß. Diese beiden
Parteien brachten gemeinsam das „Farbenschrankengesetz‘“ zur
Annahme, das den Minister für Handel und Bergbau berechtigt,
die Verwendung von eingeborenen oder asiatischen Arbeitern
in allen. mit Dampfkraft betriebenen Bergwerken und Industrien
zu verbieten. Dieses Gesetz, das die rechtliche Handhabe für
die Versklavung der einheimischen Arbeiter schafft, durchgebracht
 durch die Hilfe einer Arbeiterpartei! Da wird es wirk-
        <pb n="30" />
        lich die.höchste Zeit, daß die Internationale die Sicherungen
schafft, die derartiges für alle Zukunft unmöglich machen!
Natürlich wird von den weißen Ausbeutern nicht zugegeben,
daß dieses Gesetz die Eingeborenen von dem Bergbau ausschließen
 will, In dem Gutachten der Kommission für Wirtschaft
 und Löhne heißt es: „Im Bergbau ist es die Regel, daß
der farbige Mann arbeitet und der Weiße anordnet. Der Mechaniker
 hat seine Kaffern an der Hand, die das Material und
die gröberen Werkzeuge handhaben.“ Dazu sagt Olivier, daß
die Kaffern genügend geschulte Arbeiter seien, um die Arbeit
zu leisten, die man nach diesem System den Weißen vorbehält.
Ihre Löhne werden so niedrig gehalten mit Rücksicht auf die
Grundbesitzer, die die Mehrzahl der Wähler ausmachen. Ähnlich
 wie in der Arbeitsverteilung werden sie behandelt bei der
Verteilung des Bodens. Auf 1520000 Europäer kommen
4700000 Eingeborene und 580000 Farbige; aber den Europäern
gehören 85% des kulturfähigen Bodens,
Auch auf diesem Gebiet wird es den Eingeborenen und Farbigen
 wenig nützen, auf die Einsicht und die Hilfe der kultivierten
 weißen Rasse zu warten. Schöne Worte helfen ihnen
wenig, und mit denen wird nicht gespart. In dem Bericht der
Wirtschaftskommission heißt es (zitiert nach Olivier):
„Die staatliche Lohnregelung sollte zuerst in den Beschäftigungszweigen.
 mit den niedrigsten Lohnsätzen eingeführt
werden ;.. Eine solche Politik hätte als erste Wirkung, daß die
Spannung zwischen den Lohnsätzen für gelernte Arbeiter im
allgemeinen verringert und der Niedergang jener europäischen
Arbeiter gemildert würde, die bei den jetzigen Lohnsätzen für
gelernte Arbeiter keine Beschäftigung finden können. Die größte
Hoffnung der ärmeren weißen Arbeiter liegt in der Einführung
eines Normallohnes für ungelernte Arbeiter, der eine Reorganisation
 der Industrie auf der Basis der vollsten Ausnutzung der
Arbeitskraft anregen könnte ... Entweder muß die wirtschaftliche
 Lage der Eingeborenen gehoben werden, oder der ungelernte
 Weiße muß auf den Lebensstandard der Eingeborenen
heruntersteigen. Der Preis, den Südafrika für seine Eingeborenenarbeiterpolitik
 zahlt, ist die Existenz einer Menge
‚armer Weißer‘, die keine Beschäftigung finden können,“
Diese Einsicht nützt weder den eingeborenen noch den
weißen Arbeitern. Wohl haben die letzteren durch Streiks verschiedentlich
 Lohnerhöhungen erreicht, aber wie sich diese bei
dem System der Farbenschranke auswirken müssen, sieht ja
selbst die Kommission ein. Trotzdem werden die Streiks der
Eingeborenen in den Goldgebieten‘ stets mit Waffengewalt
niedergeworfen. Den weißen Arbeitern droht außerdem noch
die Konkurrenz der Hindukulis, von denen heute 150 000 in den
        <pb n="31" />
        Tee- und Zuckerpflanzungen Natals arbeiten. Trotzdem werden
 die Kolonialschwärmer nicht müde, der Arbeiterschaft
immer wieder von den Arbeitsgelegenheiten in den Kolonien zu
erzählen, um sie — soweit sie aus bürgerlichem Lager stammen
— zur Vergrößerung ihrer Profitrate zu gewinnen, als Opfer
dieser bürgerlich-kapitalistischen Propaganda und aus‘ falsch
verstandenem Nationalgefühl, soweit sie leider auch in sozialistischen
 Kreisen auftauchen.
Wie sehr die Eingeborenen erwachen und versuchen, dem
europäischen Kapitalismus Konkurrenz zu machen; können wir
ebenfalls in Südafrika feststellen. In Witwatersrand waren
1913 in drei Aktiengesellschaften sämtliche Aktionäre Hindus,
1919 in 370 Gesellschaften. Viele europäische Firmen mit ihrem
kostspieligen Betrieb machen bankrott. Europa geht hier zum
Gegenangriff über. Ob auf die Dauer mit Erfolg, ist mehr als
fraglich. 1919 wurde bereits ein Gesetz geschaffen, daß die Erteilung
 weiterer Handelskonzessionen an Hindus untersagte
und ihnen verbot, in Transvaal als Aktionäre von Gesellschaften
oder als Hypothekengläubiger Eigentum zu erwerben. Heute
noch werden die politischen Verhältnisse in Südafrika stark beherrscht
 von der „de Beers Consolidated Mines Company“, die
die Diamantgruben besitzt und an den Witwatersrander Goldgruben
 beteiligt ist. Aber sie steht in ständiger Abwehrstellung
gegenüber den Eingeborenen, die wohl den Willen, aber noch
nicht die Kraft haben, sie aus ihrer beherrschenden Stellung zu
vertreiben. Noch fehlt ihnen die Organisation, und dadurch
altein können die europäischen Gesellschaften sich halten. Wie
lange noch? ;
Die Eingeborenen fordern die wirtschaftliche und politische
Gleichstellung aller Rassen, während die Gegenseite den „Schutz
der weißen Rasse“ verlangt. Die Weißen erkennen die Gefahr;
sie wissen, daß die Zeiten, da sie die Farbigen schrankenlos
ausbeuten konnten, vorbei sind, und fühlen sich in die Defensive
 gedrängt. Der erhebliche Aufschwung, den die südafrikanische
 Industrie in den letzten Jahren genommen hat, ist
allein der Ausbeute der schwarzen Arbeitskraft zu danken; aber
die europäischen Kapitalisten befürchten, daß diese nun selbst
ihren Anteil am Produkt fordern und ihre Profite damit einschränken
 könnte. In einer Rede in Queenstown sagte Sir Abe
Baleys (nach „African World‘“ vom 7. Mai 1927): „Wenn die
Eingeborenen auf eigene Gebiete beschränkt werden, so wird
sich wegen der billigen schwarzen Arbeitskräfte die Industrie
sicherlich früher oder später hier einfinden und Waren zu viel
niedrigeren Preisen erzeugen, als sie im Gebiet der Weißen hergestellt
 werden.. Der Eingeborene geht auf politische und wirtschaftliche
 Gleichberechtigung aus, aber ich hoffe, er wird

0
        <pb n="32" />
        auf ein falsches Pferd gesetzt haben. Warum sollen wir dazu beitragen,
 billige und zahlreiche Konkurrenten für unsere Kinder
und Kindeskinder aufkommen zu lassen?‘ Gemeint ist damit
nichts anderes als: warum sollen die Eingeborenen durch ihre
billige Arbeitskraft und die dadurch erzielten billigeren Preise
selbst den Nutzen für ihre Arbeit haben, anstatt ihn wie bisher
denen zu überlassen, für die die farbigen Arbeiter nützliche
Profitschaffer gewesen sind? Nur solange die billige Arbeitskraft
 abhängig ist von der Kapitalkraft der Weißen, wirkt sie
sich in dem Sinne der Profitwirtschaft aus. In dem Augenblick,
da sie selbständig zu werden beginnt, wird sie zu einer ernsten
Gefahr für die Interessen der Kapitalisten. Als von 1926 auf
t927 die Ausheute der südafrikanischen Diamantindustrie sich
nahezu verdoppelte (von 4 auf 7 Millionen), wurde, nachdem
durch das Überangebot die Preise stark zurückgegangen waren,
ein Beschränkungsgesetz (Precious Stone Bill) eingebracht.
Hätten die Eingeborenen selbst das Verfügungsrecht über ihre
Arbeit und das Produkt ihrer Arbeit, so entstände dem europäischen
 Kapitalismus eine gefährliche Konkurrenz; so aber ist
es möglich, den Überfluß an volkswirtschaftlichen Gütern, der
bei anderer Anwendung und Verteilung, die Lebenshaltung
breitester. Schichten heben könnte, im Interesse einiger abzudrosseln.
 Durch die Ausnutzung der Arbeitskraft der eingeborenen
 Arbeiter können hier noch ungeahnte Werte erschlossen
 werden. Aber noch steht der Kampf um die Ausnutzung
 dieser Güter in seiner ersten Phase. In den letzten
Jahren sind große neue Produktionsanlagen geschaffen worden.
Zu der alten Union Steel Corporation von 1912 sind 1920 die
South African Iron and Steel Corporation in Pretoria und die
Newcastle Iron and Steel Works:in Natal getreten. Im. Juli
1927 wurde im Parlament über die Errichtung eines großen
staatlichen Eisen- und Stahlwerks beraten. Der jährliche Ver-5rauch
 an Eisen und Stahl beträgt in Südafrika (ohne Maschinen)
jährlich zur Zeit rund 370 000 t. Da die jährliche Inlandproduktion
 gegenwärtig nur etwa 50 000 t beträgt, ist der Absatz gesichert...
 Die „Los vom Abendland-Bewegung‘‘ macht Fortschritte.
 Der Augenblick, da die eingeborenen Arbeiter ihre
Rechte sichern könnten, rückt heran. Für sie kommt jetzt alles
darauf an, daß der Sieg über das englische Kapital für sie nicht
mit einer Unterwerfung unter die Herrschaft des sich neu entwickelnden
 einheimischen Kapitalismus verbunden ist.
Hier liegen die Aufgaben für die Internationale. . Freilich,
heute genügen nicht mehr Aufrufe, nicht der gute Wille allein.
Es gilt, die wirtschaftlichen Tatsachen zu erkennen und überall
dort mit der Arbeit einzusetzen, wo die ökonomische Entwickung
 selbstden Eingeborenen schon Angriffsmöglichkeiten bietet.
        <pb n="33" />
        Wie die Eingeborenen selbst in ihrem dunklen Drange sich
zu helfen wissen, wie sie die ökonomische Situation allmählich
auszunützen verstehen, das haben kürzlich die Kongoneger
bewiesen, als sie im Kampf um den Kautschuk die Absichten
 des Stephenson-Planes zunichte machten.
Die Ausnutzung der Eingeborenen durch das europäische
Kapital hatte einen derartigen Umfang angenommen, daß diese
zur Abwehr schreiten mußten. Aus den Aufstellungen des
„Statistical Abstract for.the Netherlands East-Indies‘“ von 1926
ergibt sich, daß in Java und Madura an steuerpflichtigem Einkommen
 entfielen:

auf Europäer
unter 2100 gld | 17 000 | 1500000
2100—15000 37 000 2000

Einkommen von

auf Eingeborene

Dazu ist zu bemerken, daß auf die erste Gruppe 555 000
Eingeborene mit einem Einkommen unter 120 Gulden jährlich.
 entfallen, und daß insgesamt 56556 Europäern I 154 401
Eingeborene gegenüberstehen. Der Durchschnittslohn der Eingeborenen
 in Java wird für das Land mit 38; für die Stadt mit
45—950 cent täglich angegeben. Den „Höchstlohn“ erhält der
Hafenarbeiter in Belawan mit 100 cent täglich. Dem stehen die
enormen Gewinne des europäischen Kapitals gegenüber, die
sich in erster Linie aus den Kautschukpflanzungen rekrutieren.
Darüber bringt die „Frankfurter Zeitung“ folgende Angaben:



Durchschnitt

1920/23

1924 !

1925 |

1926

1927

Gewinne von 10 Pflanzergesellschaften
 in % des A.K. . . | 100 | 160 | 416 | 735 | 4709

Als infolge von Überproduktion innerhalb kurzer Zeit der
Preis von ıo0 Schilling pro Pfund auf wenige Pence stürzte,
griffen die Gummiproduzenten zu einer Anbaubeschränkung
auf 60%, wodurch vor allem der Hauptgummikonsument der
Welt, die Vereinigten Staaten, aufs schwerste geschädigt
wurden. :
Aber was dem amerikanischen Handelsminister Hoover und
dem hinter ihm stehenden Kapital der Wallstreet nicht gelungen
war, die Absicht des Stephenson-Plans, den Kautschukpreis
durch Anbaubeschränkung hoch zu halten, zu vereiteln, das gelang
 den eingeborenen unabhängigen Kautschukpflanzern. Die
malayischen Bauern begannen, selbst Kautschuk zu pflanzen,

11
        <pb n="34" />
        und je höher der Preis des Pflanzungskautschuks gehalten
wurde, desto lieber war es ihnen, die im Preis immer ein wenig
unter dem des Pflanzungskautschuks blieben, und die Gewinne,
da sie stehendes Kapital nicht zu verzinsen hatten, in ihre
Tasche stecken konnten. Je stärker die Weißen die Pflanzung einschränkten,
 desto munterer pflanzten die Eingeborenen mit dem
Erfolg, daß schließlich in Niederländisch-Indien den 132 000 t
Pflanzungskautschuk 93000 t „Eingeborenenkautschuk‘“ gegenüberstanden,
 die die Preise drückten, während 1926 die Weltproduktion
 an Wildkautschuk 24 000 t betragen hatte. Wenn
heute der Stephenson-Plan aufgehoben ist, so ist es das Werk
der Eingeborenen, gegen die alle kapitalistische Klugheit nichts
auszurichten vermochte. Damit war der Beweis erbracht, daß
die Eingeborenen durchaus nicht etwa hilflos sind. Ihnen fehlt
nur die notwendige Organisation, die sie stark macht gegenüber
den weißen Ausbeutern.
Mit ihrer Hilfe allein könnte es ihnen auch gelingen, die
Zwangsarbeit, die noch fast überall in dieser oder jener
Form besteht, abzuschaffen. In letzter Zeit scheint sie sogar an
manchen Stellen neu eingeführt worden zu sein. So ermächtigt
z. B. ein Dekret vom 3. Juni 1926 den Generalgouverneur von
Madagaskar, „angesichts des Arbeitermangels diejenigen, die
sich bisher, versteckt in Wäldern, der Arbeit entzogen hätten,
zur Arbeit an öffentlichen Bauten, Wegen usw. heranzuziehen‘.
Noch krasser liegt ein Fall, der vor kurzem aus Britisch-Ostafrika
 gemeldet wurde. Dort ist den Massai von den Engländern
 jede kriegerische Betätigung verboten und alle Waffen
sind ihnen entzogen worden, um sie zu der elend bezahlten
Farmarbeit zu zwingen, gegen die sie sich bisher mit Erfolg
gesträubt hatten, solange ihnen die Jagd noch Lebensmöglichkeiten
 bot. Aber obwohl die Regierung mit Gewaltmitteln und
wirtschaftlichem und gesetzlichem Druck gegen die Eingeborenen
 vorging, um sie zur Arbeit in den Plantagen, Eisenbahnen
 und industriellen Unternehmungen zu zwingen, zogen
sie es vor, zu hungern, statt zu Lohnsklaven zu werden, Auch
die Ernennung einer Kommission „für ein wirksameres Zusammenarbeiten
 zwischen Weißen und Schwarzen‘ gelangte
nicht zum Ziel; die „Kikuyu Central Association‘, die Vertretung
 der Stämme des Kenialandes, hat die Abschaffung der
Zwangsarbeit und Garantien für die wenigen ihnen noch verbliebenen
 Bodenstücke verlangt.
Ein ernsthafter Wille zur Abschaffung der Zwangsarbeit ist
bei den Regierungen nirgends zu finden. Im Gegenteil besteht die
Gefahr, daß sie durch scheinbar den Eingeborenen freundliche
Dekrete legalisiert wird. Vor allem scheint das in der Absicht
des Völkerbundes zu liegen, dem 1925 ein entsprechendes Dekret
        <pb n="35" />
        vorlag, das zwar noch nicht ratifiziert, aber bereits‘ von den
meisten Staaten, so auch von Deutschland, anerkannt worden
ist. Im $ 6 dieses Dekrets heißt es, daß die Zwangsarbeit überall
dort abzuschaffen sei, wo sie zur Sklaverei oder zu sklavereiähnlichen
 Verhältnissen führt. Was darunter zu verstehen ist,
wird nicht gesagt und bleibt dem Ermessen der verschiedenen
Gouverneure überlassen. Weiter heißt es, daß sie nur für „allgemeine
 Zwecke“ zulässig sein solle, und.da uneingeschränkt.
Wo sie auch zu anderen Zwecken noch bestehe, solle man „bestrebt‘
 sein, sie sukzessive abzubauen. Sie dürfe nur gegen Entlohnung
 und nicht so durchgeführt werden, daß der Arbeiter
von seinem Wohnort verschleppt würde. Ein solches Dekret
läßt genügend Schlüsse auf Verhältnisse zu, in denen diese Bestimmungen
 noch eine „Verbesserung“ darstellen. Im übrigen
aber zeigt es die Gefahren der sogenannten Demokratisierung,
die hier nichts anderes bedeutet als eine gesetzliche Sanktionierung
 der Zustände, die dringend abschaffungsbedürftig sind.
Ebensowenig wie die Zwangsarbeit praktisch abgeschafft
ist, ist das der Fall bei der Sklaverei, obwohl die Engländer
längst behaupten, daß sie in ihrem Imperium nicht. mehr besteht
und eine große Anzahl von Dekreten dies verkünden.
Anfang dieses Jahres wurde, mit dem entsprechenden Lärm
in der englischen bürgerlichen Presse, ein Gesetz verkündet,
nach dem die Sklaven in Sierra Leone befreit werden sollten.
„Durch dieses. Gesetz werden 117 000 Sklaven in dem britischen
Protektorat befreit, ohne daß ihre Besitzer hierfür entschädigt
werden‘‘, heißt es in der Pressemeldung. „Sofort nach der Erklärung
 des britischen Protektorats ist die britische Verwaltung
gegen die dort allgemein verbreitete Sklaverei eingeschritten,
hat aber, wahrscheinlich um die eingeborenen Häuptlinge nicht
zu sehr zu reizen, die Aufrechterhaltung der Sklaverei in ihren
Haushaltungen geduldet.“ Was es aber eigentlich mit dieser
Sklavenbefreiung auf sich hat, geht aus den Pressemeldungen
nicht hervor: In Sierra Leone sind 38% des Bodens mit.Ölpalmenplantagen
 bestellt, die fast ausschließlich den Lever
Brothers gehören, den Inhabern der bekannten englischen
„Sunlight‘“-Seifenfabrik. Dieses Riesenunternehmen, das bisher
einen wesentlichen Teil seines Betriebes auf Sklavenhaltung gegründet
 hat, gibt sich in England selbst den Anschein einer
„sozialen“ Unternehmung; es hat vor kurzem das System der
Gewinnbeteiligung für ihre Arbeiter eingeführt. Was aus den
kolonialen Arbeitern durch Sklaverei herausgepreßt wird, wird
zu einem minimalen Bruchteil den Arbeitern des Kernlandes
wiedergegeben, und die müssen noch „danke schön“ dafür sagen.
Aber auch in jenen Palmölplantagen, in denen die Sklaverei dem
Namen nach’ nicht mehr besteht, ist das Leben der Arbeiter

3 Fabian, Arbeiterschaft und Kolonialpolitik

77
        <pb n="36" />
        praktisch von dem eines Sklaven nicht unterschieden. Diese
Gesellschaft, der auch fast alle Pflanzungen in Belgisch-Kongo
gehören, wo eine Stadt nach. ihr. „Leverhulm“, der Hauptausfuhrhafen
 für Palmöl „Sunlight‘“ heißt, zahlt nach den amtlichen
Veröffentlichungen in Belgisch-Kongo ihren Arbeitern einen
Durchschnittswochenlohn von 2 belgischen Francs und. „Verköstigung‘“.
 Diese besteht aus % kg Reis, 100 g geräuchertem
Fisch und 10 g Salz. In dem Inneren des Landes, in Ifik, erhalten
 die Plantagenarbeiter nur 2 Francs ohne jede Verköstigung.
 Die Zahl der Arbeiter der „Huileries de Congo belge“,
die unter diesen Bedingungen leben, beträgt. 20 000—30 000.
Bisher hat keine belgische Regierung und kein belgischer
Außenminister hier. Wandel geschaffen!
Trotz allem aber läßt sich die Unabhängigkeitsbewegung
der Eingeborenen nicht mehr aufhalten, und alle Versuche, gegen
sie vorzugehen, müssen scheitern. Das Stadium, in dem menschenfreundliche
 Europäer mit den armen unglücklichen Farbigen
 Mitleid haben mußten und ihnen helfen wollten, ist vorbei.
Die Eingeborenen haben längst bewiesen, daß das Recht auf
ihrer Seite ist, und daß sie den ernsten Willen-und die Kraft
haben, dem Recht zum Siege zu verhelfen. Es handelt sich für
Europa heute nicht mehr um Mitleid, sondern um ein Parteiergreifen
 nicht allein für die Sache eines moralischen Rechts,
sondern für das historische Recht und den geschichtlichen Fortschritt.
 Es sollte uns zu denken geben, wenn ein so nüchterner
und gründlicher Sachkenner wie Haushofer („Zeitschrift für
Geopolitik‘“ IV, 22), sagt:
„Eine so verlogene, nur.im Augenblick verschleierte Gewaltpolitik
 wie sie Innereuropa gegenüber noch angewendet wird,
würde sich im indopazifischen Raum zur Zeit nicht einmal in
den nach der alten Kolonialmethode noch verwalteten Gebieten
durchführen lassen, so in Indochina, Insulinde oder einzelnen
Kronkolonien, ohne daß man Aufstände oder Streik- und
Boykottbewegungen in Kauf nehmen müßte, die bei der Arbeitslosigkeit
 der Industriestaaten gefährliche Rückschläge in der
Heimat üben würden.‘ Die Bürgerlichen rechnen mit der Bewegung
 der Eingeborenen und der Aktion des europäischen
Proletariats als mit einer historisch notwendigen ‘Tatsache.
Sollen wir ihre Rechnung täuschen?

Braucht Deutschland Kolonien?

Daß in dem heutigen Stadium der weltkapitalistischen Entwicklung
 die .Kolonialpolitik nichts sein kann als eine Profit-
        <pb n="37" />
        quelle der großen kapitalistischen Organisationen, ist den beteiligten
 Kreisen überaus klar, Leider der Arbeiterschaft nicht in
demselben Maße. Mit erfreulicher Deutlichkeit hat der deutsche
Reichsbankpräsident Schacht schon im Jahre 1926 in einem
Vortrag in der Deutschen Kolonialgesellschaft die wahren Zusammenhänge
 und die Möglichkeiten einer kolonialen Betätigung
 für Deutschland enthüllt. Schacht will nämlich zu dem
System der sogenannten „Chartered Companies“ zurückkommen,
 das heißt zu den privilegierten privaten Unternehmungsgesellschaften.
 Er gab der Überzeugung Ausdruck, daß
sich genügend Privatkapital zur Gründung einer solchen Gesellschaft
 finden würde, wenn ihr ein entsprechender Nutzen an
einem solchen Unternehmen garantiert würde. Diese Tatsache
ist interessant genug. Sonst hören wir immer nur von, der
Kapitalknappheit in Deutschland, aber wenn es sich um imperialistische
 Experimente handelt, ist plötzlich Kapital vorhanden.
 Damit ist bereits deutlich der Weg gekennzeichnet, den
eine etwaige neue deutsche Kolonialpolitik gehen würde. Bestätigt
 wurde dieser Plan schließlich im vorigen Jahre, als niemand
 anders als das Präsidialmitglied des Reichsverbandes der
Deutschen Industrie, Geheimrat Kastl, als Vertreter der deutschen
 Regierung in der Mandatkommission des Völkerbundes
ausersehen wurde, Die Arbeiterschaft darf mit diesen Plänen
nichts gemein haben!
Sie wird sich zu wehren haben gegen eine Kolonialpropaganda,
 die gerade in der letzten Zeit erhöhten Umfang angenommen
 hat. Kolonialgesellschaften schießen wie Pilze aus
der Erde, halten Tagungen und Kongresse ab, fassen Resolutionen
 und veranstalten Ausstellungen. Keine Gelegenheit, die
zur Kolonialpropaganda brauchbar erscheint, wird ausgelassen:
selbst der „Pressa“ mußte nötig eine „koloniale Sonderschau“
beigegeben werden. Dabei wird natürlich immer wieder betont,
daß die Rückeroberung der deutschen Kolonien beileibe nicht
im Interesse des Kapitals, sondern in dem des ganzen „Volks“,
also auch der Arbeiterschaft läge. Wir wollen ganz kurz nur
feststellen, daß alles, was allgemein zur Kolonialfrage gesagt
wurde, in besonderem Maße auch auf Deutschland zutrifft.
Zunächst das Argument: Kolonien als Rohstoff- und Absatzgebiete.
 Die deutsche Außenhandelsbilanz aus dem Jahre 1913
weist folgendes auf: von einer Gesamteinfuhr von 11,6 Milliarden
betrug die Einfuhr aus den Kolonien 57 Millionen, der Anteil
der Ausfuhr nach den Kolonien betrug 53,2 Millionen bei einer
Gesamtausfuhr von 10,8 Milliarden. Damit machte der Handel
mit den Kolonien etwa 1%.% des gesamten deutschen Außenhandels
 aus. Von den Rohstoffen, auf deren Einfuhr Deutschland
 in erster Linie angewiesen war und ist, Eisenerz. Kupfer,

45
        <pb n="38" />
        Baumwolle, Wolle, Rohseide, Gummi, Erdöl, Ölfrüchte usw.,
sind in den deutschen Kolonien so geringe Mengen erzeugt
worden, daß sie für den Handel kaum in Betracht kamen. Das
würde sich auch jetzt nicht ändern, da Deutschland im besten
Falle die ungünstigsten Teile des tropischen Afrika zurückbekommen
 würde. Mit der Aufnahmefähigkeit deutscher Waren
in den Kolonien stand es ähnlich. Der dreißigjährigen deutschen
Kolonialtätigkeit ist es nicht gelungen, einen .aufnahmefähigen
Markt für deutsche Erzeugnisse in den Kolonien zu schaffen.
Die deutsche Ausfuhr nach den kleinen europäischen Staaten,
Dänemark, Schweden, Holland, der Schweiz, betrug in der Vorkriegszeit
 je das Fünf- bis Zehnfache der Ausfuhr nach sämtlichen
 deutschen Kolonien. Günstige Handelsverträge mit den
europäischen Staaten bedeuten also eine erheblich größere Belebung
 des deutschen Außenhandels als der Wiedererwerb von
Kolonien. Die Arbeiterschaft soll für den Kolonialplan dadurch
gewonnen werden, daß man ihr die Einfuhr billigerer Lebensmittel
 verspricht. Schon vor dem Kriege dachten die kolonialen
Handelsleute in Deutschland nicht daran, ihre Waren in Deutschiand
 zu einem billigeren Preise abzusetzen als irgendwo anders.
Im Ernst wird niemand glauben, daß sich das ändern wird, solange
 die Großagrarier und Großindustriellen das Heft in Händen
halten. Wie sehr die Kreise, die heute Kolonialpropaganda im
„Interesse des Volkes“ machen, danach trachten, den Massen
zu niederen Preisen zu verhelfen, haben sie durch ihr Verhalten
in den deutsch-polnischen‘ Handelsvertragsverhandlungen bewiesen.


Die wahren Interessenten an einem Wiedererwerb deutscher
Kolonien sind einige Gesellschaften und die hinter ihnen stehenden
 Banken. Sehr interessantes Material darüber liefert das
Koloniale Hand- und Adreßbuch, in dessen Band von 1927 nicht
weniger als 76 „koloniale Erwerbsgesellschaften‘“ aufgeführt
sind. Die von ihnen veröffentlichten Berichte ergeben, daß es
diesen Gesellschaften trotz „Enteignung“‘‘. durch die Ententestaaten
 immer noch ganz gut geht. Einige Beispiele: Die Otavi-Minen-
 und Eisenbahngesellschaft (Sitz Berlin), hinter der die
Deutsche Bank, die Diskontogesellschaft und Bleichröder stehen,
teilt mit, daß im Berichtsjahr nach Abschreibungen von
142 355/14/3 Pfund Sterling und Dotierung des Reservefonds
mit 8764,10 ein Reingewinn von 98 976,16 Pfund blieb, von dem
eine Dividende von 11,11% ausgeschüttet werden konnte. Die
„Consolidated Diamond Mines of South-West-Africa, Ltd.‘“, die
die Anlagen aller vor dem Kriege in Deutsch-Südwestafrika tätig
gewesenen Diamantabbaugesellschaften deutschen Rechts, auch
die Bahn Lüderitz—Bogenfels und die Elektrizitätswerke
Lüderitzbucht übernommen hat, gibt den Wert der übernomme-Kar
        <pb n="39" />
        nen Diamantvorkommen mit 15 Millionen Karat an und hat
12%% Dividende verteilt.
Recht freigebig scheint auch die deutsche Regierung den
Kolonialgesellschaften gegenüber gewesen zu sein. Der Zentralafrikanischen
 Seengesellschaft, deren jetziges Kapital mit
50000 RM. angegeben wird, ist vom Deutschen Reiche
2700000 RM. Schadensersatz zuerkannt worden. In frischer
Erinnerung lebt noch der erst vor kurzem aufgedeckte Fall der
Westafrikanischen Pflanzungsgesellschaft Victoria der Fürsten
Hohenlohe und Löwenstein-Wertheim-Freudenberg, deren 4 bis
5 Aktionäre zusammen im Jahre 1924 25—30 Millionen Goldmark
 Liquidationsentschädigung erhalten haben, das ist eine
Entschädigung von über 100% des Wertes. Entsprechend. wurden
 die anderen Kameruner Gesellschaften im englischen Mandatsgebiet
 entschädigt. Ein anderer Grund als ein Rückerwerb
der enteigneten Pflanzungen kann die Herren Schlieben und
Luther nicht zur Zahlung dieser Unsummen bewogen haben.
Nach dem Bericht der Hamburger Bankfirma Szick &amp;amp; Co. verteilt
 die Gesellschaft bereits wieder Dividende, die sie bezeichnenderweise
 in dem erwähnten Handbuch nicht angibt. Ein
volkswirtschaftliches Interesse an diesen Zahlungen kann beim
besten Willen nicht vorgetäuscht werden, denn der Gesamthandel
 Deutschlands mit Kamerun beträgt 7% Millionen, das ist
die Hälfte der Summe, die der Hauptaktionär, Fürst Löwenstein,
 allein erhalten hat.
Als handelspolitische Kontrahenten kommen und kamen die
deutschen Kolonien niemals in Betracht, außer für eine kleine
Schicht von Interessenten vom Schlage Löwensteins.
Nicht anders verhält es sich mit der Stichhaltigkeit des
anderen Arguments unserer Kolonialschwärmer, der Ansiedelungsmöglichkeit.
 Das „Statistische Jahrbuch‘ gibt über die
deutsche Bevölkerung in den Kolonien 1913 folgende Aus-Zunft:


Ostafrika .. ...
Kamerun .. ..
Togo... .0.0..
Südwestafrika . ..
Neuguinea,
Marschallinseln. .
Karolinen, Samoa ,
Kiautschou . ..

Gesamtjevölkerung


7666000
2653000
1033000
105 000

504 000
39000
[95000

Einheimische


7646000
2649000
L032000
90000

500000
35000
187000

Weiße

5336
1871
368
14830

1427
544
4477 |

Deutsche

4107
1643
320
[2292

1005
329
4256
        <pb n="40" />
        Insgesamt bevölkerten 1913 die deutschen Kolonien 23 952
Deutsche, eine Zahl, die bevölkerungspolitisch überhaupt keine
Rolle spielt und von der überdies noch die Zahl 5000 der Schutztruppen
 abzuziehen ist. Wie wenig diese Zahl bedeutet, ergibt
sich weiter daraus, daß von den 32 Millionen Auslanddeutschen
vor dem Kriege rund ı4 Millionen auf die überseeischen Länder
entfielen. Auswanderungsziel waren trotz der umfangreichen
und kostspieligen Kolonialpropaganda nicht die afrikanischen
Sandwüsten, sondern die amerikanischen Industriegebiete. Im
Ernst kann heute niemand behaupten, daß die Verhältnisse sich
etwa ändern würden, wenn wir die ehemaligen deutschen Kolonien
 zurückerhielten, Erforderten sie bereits vor dem Kriege
Zuschüsse aus Reichsmitteln von insgesamt etwa einer halben
Milliarde, so besteht kein Grund, anzunehmen, daß sich das geändert
 haben sollte. Nicht einmal zur Kapitalinvestition konnten
 die deutschen Kolonien vor dem Kriege in irgendwie wesentlichem
 Maße herangezogen werden. Das gesamte in den Kolonien
 angelegte Kapital betrug 1913 370 Millionen bei einem
Gesamtauslandskapital von etwa 40 Milliarden.
Und’ die Rolle des „Kulturbringers‘“ schließlich — mit der
Nilpferdpeitsche — ist eine Mission, die wir den Kolonialoffizieren
 vom Schlage Lettow-Vorbecks nicht ein zweites Mal
übertragen möchten.
Mit aller Deutlichkeit und Entschiedenheit muß sich die
deutsche Sozialdemokratie gegen koloniale Unternehmungen
aller Art — sei es nun in der offenen Form der Kolonie oder der
verschleierten des Kolonialmandats — zur. Wehr setzen. Das
ist bisher leider nicht mit der notwendigen Klarheit geschehen.
Es ist eine durchaus zweideutige und unklare Formulierung,
wenn der außenpolitische Redner der Sozialdemokratie, Genosse
Breitscheid, in der Reichstagsdebatte vom 24. Juni 1927 sich zwar
gegen eine „aktive Kolonialpolitik‘“ aussprach, aber das „Recht
der Betätigung des Deutschtums in der ganzen Welt forderte“.
Was darunter zu verstehen ist, ist um so unklarer, als in derselben
 Rede ausdrücklich betont wurde, daß die Minderheitenfrage
 für Deutschland kaum eine Rolle spiele, und die nationalen
Minderheiten sich heute „nicht beklagen könnten“,
Um was also geht es? Rest1ose Klarheit ist in dieser
Frage, in der wir uns in absoluter Gegnerschaft zu sämtlichen
bürgerlichen Parteien befinden, eine besonders dringende
 Notwendigkeit!
Schließlich bleibt von allen Argumenten der Kolonialpolitiker
 in Deutschland nur noch .das letzte: das „Prestige“
Deutschlands. Für sozialistische Politik dürften solche Gefühlsmomente
 einen politisch ernsthaft zu wertenden Faktor überhaupt
 nicht darstellen. Aber wenn wir uns schon damit ausein-
        <pb n="41" />
        andersetzen wollen, so können wir genau das Gegenteil konstatieren.
 Wenn Deutschlands Ansehen im Ausland und gerade bei
der Eingeborenenbevölkerung der außereuropäischen Erdteile
nach dem Kriege gestiegen ist, so ist das sicherste Mittel, dies
wieder zunichte zu machen, neue Macht- und Gewaltpolitik.
Wiedererwerb von Kolonien oder Übernahme eines Kolonialmandats
 durch Deutschland würde uns notwendig in Konflikte
führen mit den anderen Kolonialmächten einerseits, mit der aufständischen
 kolonialen Bevölkerung andererseits. Durch Rüstungen,
 Flottenstationen, eine „Schutztruppe“, die wir brauchen
würden, um uns vor etwaigen Aufständen der Eingeborenen zu
schützen, würde unser Etat weiter belastet werden. Außerdem
würde ein Mandat heute, gehau wie unsere Kolonien vor dem
Kriege, Zuschüsse erfordern. Nach dem Bericht der Mandatskommission
 des Völkerbundes erfordert selbst das japanische
Südseemandat Jährlich rund 3 Millionen Jen Zuschüsse. Sozialistische
 Politik aber kann es niemals sein, zu den bisher schon
bestehenden ungeheueren Rüstungsausgaben, die der deutsche
Steuerzahler aufbringen muß, neue zu häufen. Aufgabe der
sozialistischen Politik muß es vielmehr sein, den kolonialen Bestrebungen
 energisch entgegenzutreten. Der kolonialen Propaganda
 sind auch schon ernsthafte wissenschaftliche Organe und
wichtige Wirtschaftsinstitutionen zum Opfer gefallen. So spricht
z. B. der Hamburger Handelskammerbericht vom Jahre 1925
von der „nationalen Ehre‘, die von uns die Übernahme eines
Kolonialmandats verlange, und in der „Zeitschrift für Geopolitik“
(IV, ı) schreibt Hermann Becker: „Schon die Übertragung eines
mageren Kolonialmandats aus der Hand. des Völkerbundes an
Deutschland könnte von höchstem wirtschaftlichen Nutzen für
uns werden, da sie die Kolonialschuldlüge ad absurdum führen
würde.“ Hier wird also der Prestigestandpunkt auf ganz unerklärliche
 Weise mit der Frage der Wirtschaftlichkeit verquickt.

Wenn Deutschland wirklich sein „Prestige“ wahren will, so
begibt es sich nicht in neue imperialistische Abenteuer, so beginnt
 es vor allem nicht von neuem eine Politik, die auf Grund
der ganzen wirtschaftlichen Entwicklung bereits ad absurdum
geführt ist, so stellt es sich nicht gegen die erwachenden, um
ihre Freiheit ringenden Völker des Ostens, sondern fördert ihren
Kampf im Bunde mit wirtschaftlichem Fortschritt und wirtschaftlicher
 Vernunft.
        <pb n="42" />
        Die Aufgaben der Internationale

„Gerade in jenen Ländern, in denen sich die Politik des Bürger-:ums
 am Vvollständigsten durchgesetzt hat, die politisch demokratischen
Forderungen‘ der Arbeiterklasse in ihren sozial bedeutsamsten Fordeungen
 verwirklicht sind, muß der Sozialismus als einzige Antwort auf
len Imperialismus in den Vordergrund der Propaganda gerückt werden,
ım die Unabhängigkeit der Arbeiterpolitik zu sichern, und ihre Überegenheit
 zur Wahrung der proletarischen Interessen zu erweisen“,
(Hilferding, Finanzkapiial 8, 472.)

Die Frage nach der Stellungnahme der Sozialistischen Arbeiterinternationale
 zum Kolonialproblem ist identisch mit der
Frage der Stellung des Sozialismus zum Imperialismus. Denn
es. kann heute niemand mehr ernsthaft in Zweifel ziehen, daß die
moderne Kolonialpolitik — und um sie allein handelt es sich —
nichts anderes’ ist als die praktische Betätigungsform des Imperialismus
 in ihrer höchsten Steigerung. Es ist in diesem
Rahmen natürlich ganz unmöglich, die Theorie des Imperialismus,
 die ja auch innerhalb der sozialistischen Wissenschaft
durchaus keine einhellige ist, zu entwickeln. Für unseren Zweck
genügt es, den oben angeführten Fundamentalsatz des jungen
Hilferding zum Leitsatz der sozialistischen Politik zu machen.
Aus der Einsicht, daß der. kapitalistische Expansionstrieb Lebensbedingung
 der kapitalistischen Gesellschaft ist, folgt für
das Proletariat die Notwendigkeit des beständigen Kampfes
gegen diese Politik.
Die Entwicklung des letzten Jahrzehntes hat uns auch auf
diesem Gebiete bewiesen, ..daß die praktische Durchführung
dieser grundsätzlichen Forderung, wie die. konsequente sozialistische
 Politik überhaupt, identisch ist mit dem aktiven Einsetzen
 der Kräfte der Arbeitermassen gegen jene kapitalistischen
Tendenzen, die sich selbst das Grab graben. In unserem: Kampfe
gegen die Kolonialpolitik finden wir heute zwei mächtige Bundesgenossen
 vor: die wirtschaftliche Entwicklung drängt zu der
Umwandlung der bisherigen Kolonien in wirtschaftlich unabhängige
 Staaten; und zum zweiten hat diese Entwicklung schon
ihren starken ideologischen Niederschlag gefunden in dem: Erwachen
 der Kolonialvölker, die unsere stärksten Bundesgenossen
sind, aber auch auf unsere Bundesgenossenschaft warten.
„Je stärker die Durchkapitalisierung der Kolonien, desto
geringer der Surplusprofit“, stellt Sternberg richtig fest. Noch
sind aber die Surplusprofite, die. aus den Kolonien gezogen
werden, erheblich höher als die aus der inländischen Betätigung
des Kapitals folgenden. Darum halten die Kapitalisten mit zäher
Energie an ihrer Kolonialpolitik fest; es besteht daher nicht die
geringste Aussicht, daß die herrschende Klasse irgendeines
Landes sich auf die Seite der Arbeiterschaft stellen wird. Auch
die Tatsache, daß die gegenwärtige ökonomische Krise sich
        <pb n="43" />
        nirgends deutlicher fühlbar macht als in der stärksten Kolonialmacht
 der Welt, in England, berechtigt uns nicht zu der Hoffnung,
 daß die Einsicht, daß die koloniale Epoche sich ihrem
Ende nähert, die Kapitalistenklasse dazu bewegen wird, dieses
Ende zu beschleunigen. Wir erwarten das deshalb nicht, weil
dieses Ende zugleich das Ende der stärksten Stütze des Kapitalismus
 bedeuten würde,
Um so notwendiger aber ist es für die Arbeiterklasse der
ganzen Welt, daß sie diese Zusammenhänge erkennt, Notwendig
 vor allem, daß sie sich von der Illusion frei macht, daß
Kolonialpolitik heute irgendwo einen Vorteil für die Arbeiterschaft
 bedeuten könne. Die Ausbeutung vieler Millionen eingeborener
 Proletarier rächt sich in unmittelbarer Wirkung an
den proletarischen Klassengenossen der Kernländer. Damit ist
die Kolonialfrage nichts anderes als ein Teil
der. sozialistischen Politik überhaupt, d.h.
sie ist nur lösbar durch Zusammenarbeit der sozialistischen Parteien
 der ganzen Welt. Die Lösung dieser Frage liegt für den
Augenblick ganz gleichmäßig im Interesse der europäischen wie
der außereuropäischen Arbeiterschaft. Wir können heute nicht
darüber abrechnen, welcher Teil den größeren Nutzen an der
Lösung dieser Frage hat, wir haben auch innerhalb Europas kein
Recht, uns etwa als die „Befreier‘‘ der Kolonialvölker hinzustellen.
 Wir haben nur zu fragen, auf welcher Seite die größere
Verpflichtung liegt, diese Frage ernsthaft in Angriff zu
nehmen, und die liegt zweifellos bei der europäischen Arbeiterschaft
 auf Grund ihrer jahrzehntealten Tradition und Schulung.
Über den Augenblick hinaus aber ist die Beendigung der
kolonialen Ausbeutungspolitik untrennbar verbunden mit der
Erreichung des Endziels des Sozialismus.
Nicht zum erstenmal nimmt die Sozialistische Arbeiterinternationale
 Stellung zum Kolonialproblem. Zuletzt hat sie
auf ihrem internationalen Kongreß in Stuttgart 1907. über
dieses wichtige Problem eifrig diskutiert. Seitdem haben sich
die Ereignisse vielfach gewandelt, aber wir können heute feststellen,
 daß es in der Richtung der von unseren Genossen dort
aufgezeigten Tendenzen geschah. Der Stuttgarter Beschluß ist
in seiner grundsätzlichen Einstellung heute noch unverändert
richtig, ist aber leider so sehr in Vergessenheit geraten, daß an
dieser Stelle noch einmal an ihn erinnert werden soll. Nach heftiger
 Debatte wurde die von der Minderheit der Kommission
(Ledebour, Wurm, de la Porte, Bracke, Karski) vorgeschlagene
Resolution in folgendem Wortlaut angenommen:
„Der Kongreß ist der Ansicht, daß die kapitalistische Kolonialpolitik
 ihrem innersten Wesen nach zur Knechtung,
Zwangsarbeit oder Ausrottung der eingeborenen Bevölkerung
        <pb n="44" />
        der Kolonialgebiete führen muß. Die zivilisatorische Mission,
auf die sich die kapitalistische Bevölkerung beruft, dient ihr
nur als Deckmantel für die Eroberungs- und Ausbeutungsgelüste.
 Erst die sozialistische Gesellschaft wird allen Völkern
die Möglichkeit bieten, sich zur vollen Kultur zu entfalten. Die
kapitalistische Kolonialpolitik, statt die Produktivkräfte zu
steigern, zerstört durch Versklavung und Verelendung der Eingeborenen
 wie durch mörderische, verwüstende Kriege den
natürlichen Reichtum der Länder, in die sie ihre Methoden verpflanzt.
 Sie verlangsamt oder verhindert dadurch selbst die
Entwicklung des Handels und des Absatzes der Industrieprodukte
 der zivilisierten Staaten. Der Kongreß verurteilt die
barbarischen Methoden kapitalistischer Kolonisation und verlangt
 im Interesse der Entfaltung der Produktivkräfte eine Politik,
 die die friedliche kulturelle Entwicklung gewährleistet und
die Bodenschätze der Erde in den Dienst der Höherentwicklung
der gesamten Menschheit stellt.
Er bestätigt von neuem die Resolutionen von Paris (1900)
und Amsterdam (1904) über die Kolonialfrage und verwirft
nochmals die jetzige Kolonisationsmethode, die, ihrem Wesen
nach kapitalistisch, keinen anderen Zweck hat, als fremde Völker
zu erobern und fremde Völker zu unterwerfen, um sie schamlos
zum Nutzen einer verschwindenden Minderheit auszubeuten,
während gleichzeitig im eigenen Lande die Lasten der Proletarier
 steigen.
Als Feind jeder Ausbeutung des Menschen durch den Menschen
 und als Verteidiger aller Unterdrückung ohne Unterschied
 der Rasse verurteilt‘ der Kongreß diese Politik des Raubes
 und der Eroberung, die nur die schamlose Anwendung des
Rechts des Stärkeren ist und das Recht der besiegten Völker
mit Füßen tritt.
Die Kolonialpolitik vermehrt die Gefahr kriegerischer Verwicklungen
 zwischen den koölonisierenden Staaten und steigert
ihre Belastung durch Heer und Flotte.
Finanziell betrachtet, sollen die Ausgaben für die Kolonien,
ebenso solche, die der Imperialismus verschuldet, als auch
solche, die im Interesse der ökonomischen Entwicklung der
Kolonien gemacht werden, von denen getragen werden, die allein
von der Ausplünderung fremder Länder Nutzen ziehen, und
deren Reichtümer aus ihnen stammen.
Der Kongreß erklärt schließlich, daß die sozialistischen Abgeordneten
 die Pflicht haben, in allen Parlamenten unversöhnlich
diese Methode der schamlosen Ausbeutung und Knechtschaft
zu bekämpfen, die in allen bestehenden Kolonien herrscht.
Zu diesem Zwecke haben sie für Reformen einzutreten, um
das Los der Eingeborenen zu verbessern, haben sie jede Ver-
        <pb n="45" />
        BD

AK 1024 kei nn 9 5m

letzung der Rechte der Eingeborenen, ihre Ausbeutung und ihre
Versklavung zu verhindern und haben sie mit allen zu Gebote
stehenden Mitteln an ihrer Erziehung zur Unabhängigkeit zu
arbeiten.“
Die Verhältnisse haben sich in den seit Stuttgart verflossenen
 zwei Jahrzehnten derartig geändert, daß wir mit diesem
grundsätzlichen Bekenntnis nicht mehr auskommen werden.
Und die Streitfragen, die in Stuttgart noch eine Rolle spielten,
werden in den Brüsseler Debatten kaum noch auftauchen. Es ist
heute eine Selbstverständlichkeit,: daß das Ziel: Abschaffung
der Kolonien, in dem Sinne des diesjährigen Maiaufrufs der
Internationale: „Für das Selbstbestimmungsrecht der Kolonialvölker!“
 durchaus vereinbar ist mit den Forderungen auf weitestgehende
 Reformen, solange die Kolonien noch bestehen. In
dieser Frage können wir es genau so wenig ablehnen, die gegenwärtige
 Lage der unterdrückten Völker nach Möglichkeit zu
heben, wie in irgendeiner anderen Frage der sozialistischen Potitik.
 Das bedeutet keineswegs Anerkennung der Kolonien als
zu Recht bestehend, genau so wenig wie wir den kapitalistischen
Staat damit als zu Recht bestehend anerkennen, daß wir für
weitgehendste Reformen innerhalb dieser Gesellschaft kämpfen.
Grundsätzlich werden wir uns auch den Standpunkt von Stuttgart
 zu eigen machen, daß jede Kolonialpolitik, die heute möglich
 ist, eine kapitalistische und daher jede Kolonialpolitik abzulehnen
 ist. Das Ziel einer „sozialistischen Kolonialpolitik“,
das manche Vertreter in Stuttgart aufstellen wollten, ist heute
ein Nonsens. Ganz mit Recht sagt Kautsky: „Eine Kolonialpolitik,
 die Hand in Hand geht mit der Erziehung und Bildung
der Eingeborenen, wäre möglich gewesen in demokratischen
Arbeitskolonien, wie sie das 17. und 18. Jahrhundert sah. Seit
dem 19. Jahrhundert gehört diese Art der Kolonialpolitik unwiderruflich
 der Vergangenheit an.‘ Und ebenso war die Forderung
 einer „sozialistischen Kolonialpolitik“ noch möglich im
Jahre 1907. Nach den Erfahrungen des Weltkriegs und der
rapiden kapitalistischen Entwicklung der letzten 2o Jahre gehört
auch sie unwiderruflich der Vergangenheit an.
Sie wird vielmehr das Ziel der Unabhängigkeitund
endgültigen Befreiung aller Kolonialvölker
in den Mittelpunkt ihrer. Forderungen zu stellen haben.
Sie kann aber nicht nur Politik auf weite Sicht machen, sondern
 muß Gegenwartsaufgaben stellen, die nur durch die brüderliche
 Zusammenarbeit sämtlicher sozialistischer Parteien erfüllbar
 sind. Die Zeit, revolutionäre Forderungen zu stellen und
an den guten Willen zu appellieren, sind endgültig vorbei. Es
gilt, ein bestimmtes, festumrissenes Gegenwartsprogramm aufzustellen
 und danach zu handeln. Je größer der Einfluß der

1.
        <pb n="46" />
        Arbeiterparteien in den einzelnen Staaten, desto größer ihre Verpflichtung
 hierzu,
Das Proletariat der kolonialen Gebiete ruft uns zur Tat.
Und ihr Ruf wird nicht ungehört verhallen. Wir brauchen keine
Demonstrationen, keine besonderen Organisationen zur Abwehr
der kolonialen Unterdrückung. Die Internationale selbst, und
sie allein, ist eine solche Organisation.
Das werden wir dem kolonialen Proletariat in Brüssel beweisen,
 und es wird erkennen, daß nur der Anschluß an die Internationale
 ihren Sieg verbürgt. Die Zersplitterung der Arbeiterparteien
 und -gruppen jenseits der Ozeane ist ungeheuer groß.
Daß an ihr das Befreiungswerk scheitert, daß auf ihr die imperialistischen
 Mächte ihre Herrschaft stabilisieren — das zu verhindern
 ist die wesentlichste Aufgabe der Internationale. Ohne
an europäischem Hochmut zu leiden, weiß sie, daß nur durch
zentrale Zusammenfassung aller freiheitlich und revolutionär
gesinnten Kräfte in ihrer starken Organisation diese Gefahr gebannt
 werden kann. Diese Zusammenfassung aber kann sie nur
erreichen, wennihre einzelnen Parteienohnejedes
Sonderinteresse und ohne nationale Hemmungen
 an ihre große Aufgabe herangehen und der Internationale
 — und nur ihr — für ihre Handlungen verantwortlich
 sind, Das ist die Forderung von Brüssel!
Die. wichtigste Aufgabe der Internationale ist der Zusammenschluß
 der erwachenden Nationen.
Doch das darf nicht bloßes Schlagwort bleiben. In jeder einzeinen
 Kolonie sind die Voraussetzungen dieser Völker verschieden.
 Kaum irgendwo aber stehen uns heute schon Gruppen
mit einem klaren Klassenbewußtsein gegenüber, Das gilt es
zu wecken. Die erwachenden Völker des Ostens stehen heute
erst im Zeichen ihrer nationalen Revolution. Und doch unter
unendlich anderen Voraussetzungen als das europäische Proletariat
 in der gleichen Entwicklungsphase. Ihnen den langen
leidensvollen Weg von der nationalen zur proletarischen Revolution
 abkürzen zu helfen — das ist die Aufgabe der europäischen
 Arbeiterklasse. Dazu freilich ist erste Voraussetzung,
daß die nationalen Illusionen. in den Ländern des
jungen Kapitalismus zerstört werden. Und das ist eine
unendlich schwere Aufgabe. Sie ist nur dadurch zu erfüllen,
daß die politische und.gewerkschaftliche Bewegung
 diese Opfer des Frühkapitalismus gegen die Ausbeutung
 der europäischen und der außereuropäischen herrschenden
 Klasse schützt. Die Forderung und die Durchsetzung der
Forderung, die Lansbury auf der ersten Arbeiterkonferenz des
gesamten britischen . Weltreichs im Jahre 1925 erhoben hat:
völlig gleiche Entlohnung der kolonialen
        <pb n="47" />
        wie der europäischen Arbeiterschaft, gleiche
Lebensbedingungen und gleiche soziale Voraussetzungen
 — das ist der Weg, der in dem kolonialen
Proletariat das Vertrauen zu der Internationale wecken und es
zum Klassenbewußtsein und zur Solidarität erziehen wird. Das
allein auch kann es loslösen aus jedem Zusammengehen mit
den Kapitalisten des eigenen Landes, auch bei zeitweiligen
gleichen Interessen: gegenüber der‘ Kapitalistenklasse des
Mutterlandes,
Weiter muß die sozialistische Internationale allen kolonialten
Völkern ohne Unterschied ihrer „Entwicklungsstufe‘“ das uneingeschränkte
 Recht auf nationale und staatliche
 Selbständigkeit zuerkennen, jede Bestrebung der
Selbstverwaltung fördern.
Das sind durchaus keine utopischen Forderungen. Schon
bevor die Arbeiterklasse in den einzelnen europäischen Staaten
zur Macht gelangt ist, hat sie die Möglichkeit, sich im parlamentarischen
 und außerparlamentarischen Kampf für sie einzusetzen.
 Ebenso können und müssen schon heute die sozialistischen
 Parteien der einzelnen Länder die Forderungen der Nationalisierung
 des angelegten Industriekapitals,
 des Schutzes der einheimischen
Bodenschätze, der Agrarreform und der Beseitigung
 jedes rechtlichen Unterschiedes
zwischen weißen und farbigen Arbeitern
innerhalb der Kolonien vertreten.
Eine der wichtigsten Forderungen aber muß sein, daß
die der Internationale angeschlossenen Parteien es grundsätzlich
 und unter allen Umständen ablehnen
 müssen, irgendwelche kolonialen Unternehmungen
 ihrer Regierungen — handle es sich um die
Eroberung neuer Kolonien oder um die Unterwerfung aufständischer
 Kolonialvölker — zu unterstützen, sei es durch die
Bewilligung der dazu notwendigen Mittel oder gar durch
Militärdienst. Dieser Beschluß muß bindend und verpflichtend
 sein. Jede einzelne Partei ist sich der vollen
Tragweite eines solchen Beschlusses bewußt. Jede einzelne
Partei weiß, daß sie einen solchen Beschluß nicht durchbrechen
kann, ohne den Lebensnerv der Internationale zit berühren, ohne
sie.in ihrem Bestande zu gefährden. Höchstes, letztes, einziges
Ziel aber ist jeder proletarischen Partei Leben, Ausbau und
Stärkung der Internationale. Ihr allein ist sie verantwortlich,
sie allein darf das Gewissen sein, das ihre Handlungen kontrolliert.
 Und dieses Kontrollrecht, ja die Kontrollpflicht muß
sie in erhöhtem Maße ausüben. Die Internationale ist mehr
als die Zusammenfassung einzelner Parteien, sie ist ein Or-15
        <pb n="48" />
        ganismus, in dem eigenes Leben ‚pulsiert. Darum geht es
nicht an, daß sie schweigt, wenn eines ihrer Mitglieder gegen
die Pflicht der internationalen Solidarität, gegen die höchste
und heiligste Pflicht einer proletarischen Partei, verstößt.
Wollen wir nicht papierene Resolutionen nach dem Muster der
bürgerlichen Verträge fassen, so darf es nicht sein, daß eine
Partei sich in die Kolonialabenteuer ihrer Regierung stürzt,
wie die französische in die unselige Marokkoaffäre, und die
Internationale dazu schweigt, weil es die Angelegenheit dieser
Partei sei. Es gibt nicht Angelegenheiten einzelner
 Parteien, es gibt nur Verpflichtungen
gegenüber jener mächtigen und umfassenden
Gesamtheit von Parteien, der wir alle mit
Stolz angehören. ;
_ Ohne diesen Willen, ohne dieses erneute Bekenntnis ist die
Kolonialfrage schlechterdings nicht zu lösen.
Ja, tiefer noch muß die Internationale eingreifen in das Leben
der Einzelparteien, Selbst Fragen von scheinbar nur innerpolitischer
 Bedeutung sind nicht zu behandeln, losgelöst von
der internationalen Verbundenheit. Ginge etwa die deutsche
Partei in eine Regierung mit einer bürgerlichen Partei, die
vor kurzem erst in ihrem Wahlaufruf die Wiedererlangung der
ehemaligen deutschen Kolonien für eines ihrer vornehmsten Ziele
erklärte, von dem sie niemals abgehen werde, so wäre auch
das eine Frage, die die Internationale angeht. Gewiß, diese
Fragen werden sich niemals durch internationale Beschlüsse
regeln lassen. Aber zur Rechenschaft ziehen kann und muß die
Internationale alle Parteien, sobald es ihr notwendig erscheint.
Hier darf keine falsche Rücksicht gelten, man dürfe sich nicht
einmischen in die Angelegenheiten anderer Staaten, Es darf für
die Internationale nicht Fragen geben, die an den Landesgrenzen
aufhören; es gibt nur eine Frage: die der Zukunft des Sozialismus..
 Wenn die Internationale sich dieses Recht der Kontrolle
nimmt,. dann hat sie eine Macht, die stärker ist als alle Beschlüsse,
 eine moralische Macht, von deren Wirksamkeit sich
jede einzelne Partei vor jeder wichtigen politischen Entscheidung.leiten
 lassen wird..
Die Kolonialfrage bildet einen Prüfstein dafür, ob dieses
Maß von unbedingter, von keinem anderen Gesichtspunkte als
dem der Zukunft der Arbeiterklasse geleiteter, zur gegenseitigen
Verantwortung bereiter Solidarität innerhalb der Internationale
schon erreicht ist. Nur ihr allein kann es gelingen, die in den
erwachten Völkern vereinzelt fließenden Ströme der Freiheitsbewegung
 zusammenzufassen zu jener letzten großen Kraft, die
der Sozialismus in den um ihre Freiheit ringenden Menschen
geschaffen hat.
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        Inhaltsverzeichnis

Seite

Vorbemerkung
Kolonien als Einwanderungsgebiete
Die handels- und wirtschaftspolitische Bedeutung
der Kolonien 2...

Das Eingeborenenproblem

Braucht Deutschland Kolonien;

Die Aufgaben der Internationale

Literaturangaben. .. .

5

10

z4

34

140

18
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        Literaturangaben

Allgemeine Werke
Sternberg: Der Imperialismus. .
Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals,
Hilferding: Das Finanzkapital,
Rubinstein: Die Konzentration des Kapitals,
Lenin: Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus,

Spezialwerke
Demangeon: Das britische Weltreich (1926).
Obst: England, Europa und die Welt (1927). .
Haushofer: Geopolitik des pazifischen Ozeans (1924).
Max Beer: Das England der Gegenwart (1924).
Alfons Nobel; Herr über Asien (1928),
Ernst Reinhard: Die imperialistische Politik im fernen Osten (1926).
Olivier: Le Senegal (1907).
Hyndman: Der Aufstieg des Morgenlandes (1921),
Veit Valentin: Kolonialgeschichte der Neuzeit (1915).
K. Hofmann: Das Ende des kolonialpolitischen Zeitalters (1919).
Carthill: Verlorene Herrschaft (1924).
Nachimson: Imperialismus und Handelskapital.
Th. B. Pleythe: Niederländische Kolonialpolitik im fernen Osten,
Holitscher: Das unruhige Asien,
Wittfogel: Das erwachende China,
Gustavus Myers: Geschichte der großen amerikanischen Vermögen,
Scott Nearing: Dollar-Diplomatie,
Karl Kautsky: Sozialismus und Kolonialpolitik (1907).
Parvus: Die Kolonialpolitik und der Zusammenbruch (1907).
Schrader-Furtwängler: Das werktätige Indien (1928).

Nachschlagewerke, Zeitschriften usw.

The China Year-Book /Statesman’s Year-Book / Annuaire General / Statistical Abstract
for the Netherlands Indies / Round Table / Jahrbuch für Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung
 / Enquöte sur la production / Berichte der Mandatskommission des
Völkerbundes / Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich / Wirtschaft und Statistik
 / Der deutsche Volkswirt / Magazin der Wirtschaft / Weltwirtschaftliches Archiv |
Der Wirtschaftsdienst / Zeitschrift für Geopolitik / The Economist / The Statist / Africa
World / Foreign Affairs (London) / Foreign Affairs (New York) / Socialist Review
(London) / The New Leader (London) / Die Gesellschaft (Berlin) / Der Kampf (Wien) /
Gewerkschaftsarchiv (Jena) / Handelsteil der wichtigsten deutschen und ausländischen
Fageszeitungen / Report of the first British Commonwealth labour Conference (1925) |
Labour and the Empire Africa (Published by the Trade Union Congress).
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Dividende verteilt.
;cht freigebig scheint auch die deutsche Regierung den
Nalgesellschaften gegenüber gewesen zu sein. Der Zentralnischen
 Seengesellschaft,., deren jetziges Kapital mit
&amp;gt; RM. angegeben wird, ist vom Deutschen Reiche
„000 RM. Schadensersatz zuerkannt worden. In frischer
"erung lebt noch der erst vor kurzem aufgedeckte Fall der
} afrikanischen Pflanzungsgesellschaft Victoria der Fürsten
a nlohe und Löwenstein-Wertheim-Freudenberg, deren 4 bis
1 Hionäre zusammen im Jahre 1924 25—30 Millionen Gold-5
 Liquidationsentschädigung erhalten haben, das ist eine
4 jhädigung von über 100% des Wertes. Entsprechend. wurie
 anderen Kameruner Gesellschaften im englischen Man-1
 ebiet entschädigt. Ein anderer Grund als ein Rückerwerb
3 nteigneten Pflanzungen kann die Herren Schlieben und
zr nicht zur Zahlung dieser Unsummen bewogen haben.
dem Bericht der Hamburger Bankfirma Szick &amp;amp; Co. verlie
 Gesellschaft bereits wieder Dividende, die sie bezeich-'rweise
 in dem erwähnten Handbuch nicht angibt. Ein
wirtschaftliches Interesse an diesen Zahlungen kann beim
n Willen nicht vorgetäuscht werden, denn der Gesamt-*]
 Deutschlands mit Kamerun beträgt 7% Millionen, das ist
[älfte der Summe, die der Hauptaktionär, Fürst Löwenallein
 erhalten hat.
Is handelspolitische Kontrahenten kommen und kamen die
chen Kolonien niemals in Betracht, außer für eine kleine
ht von Interessenten vom Schlage Löwensteins.
ächt anders verhält es sich mit der Stichhaltigkeit des
;jen Arguments unserer Kolonialschwärmer, der Ansiedemöglichkeit,
 Das „Statistische Jahrbuch“ gibt über die
che Bevölkerung in den Kolonien 1913 folgende Aus-;{



Gesamtbevölkerung‘


Einheimische


Weiße

Deutsche

rika
arun

7666000
2653000
[033000
105 000

7646000
2649000
1032000
90000

5336
1871
368
14830

4107
1643
320
122902

estafrika . ..
juinea, 5
Irschallinseln. .
linen, Samoa ,
tschou , ..

504 000
39000
195000

600000
35000
187000

1427
544
4477

1005
329
4256

7

vo
Par

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7

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