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        <title>Entwicklungsbedingungen und Aufgaben der modernen Wirtschaftstheorie</title>
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            <forname>Eduard</forname>
            <surname>Lukas</surname>
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        — “

——“
— *
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        Tübinger
Wirtschaftswissenschaftliche
Abhandlungen
Dritte Folge
der
Tũbinger Stauts wisssenssschaftlichen Abhandlungen

Herausgegeben von
Carl Johannes Fuchs
in Verbindung mit Eduard Lukas und Wilhelm Rieger

LEFT.

Entwichlungsbedingungen
und Aufgaben der modernen
Virtschaftstlheorie

7

Dr. Eduard Lulhas

Professor an der Unidversitût Tũbingen

—S

Verlag von w. Kohlhammer »Stuttgart 1928
        <pb n="3" />
        erlas von W. Kkohlhammer in Stuttgart
e
ruͤnnger gfautzuiceencchüftliche Ahondlungen
Neue Folge
Heérausgegeben von —
Carl Johannes Fuchs in Verbindung mit Ludwig Stephinger
Heft 1. Jakob, Dr. Fduard, Volkswirtschaftliche Theorle der Genossenschaften.
1913. XVII und 401 Seiten. 80. Preis broschiert 6.Mα.
Heft 2. Eickemeyer, Dr. WMalter, Zur Frage der zweiten Uypothok beim privaten
grossstädtischen Wohnhausbau und Besitz in Deutschland. 1918. XIJ
und 181 Seiten. 80. Preis broschiert « p; c.
Froiherr von Crailsheim, Dr. Franz, Die Hofmarch Amerang. TFin Beitrag
zur baxerischen Agrargeschichte. (Auf Grund archivalischer Quellen,)
1918. XII und 108 Seiten. Se und 1 Rarteé. Preis broseh. 8. 8600 AAJ, geb. 4. 00 MͥJ.
Jacobsohn, Dr. Paul, Die Iandwirtschaftlichen Kreditgenossenschaften in
Frankreieh unter dem Einfluss der staatlichen Förderung. 1914. XIV und
154 Seiten. 80. Preis broschiert 8. 80 Mα, gebunden 4.80 M.
Floeor, Dr. Franz, Das Stift Borghorst und die Ostendorfer Mark. Grundherrschaft
 und Harkgenossenschaft im Münsterland. Nit einem Vorwort
des Herausgebers. 1914. X und 157 Seiten. 8Se. Preis broseh. 4 α, geb. bA.
Vockert, Dr. Richard, Das Baugewerbe in Leipzig vom 15. Jalhrhundert
bis zur Gegenwart. 1914. VIII u. 126 8. 80. Preis broceh. 8. 830 AA, geb. 4.. 2cö.
Krug, Dr. Franz,, Das Baugewerbe in Mannheim in vergangeéenheit und
sFegenwart. 1915. VIII u. 132 8. 80 u. einem Stadtplan. Preis brosch. 8. 90 .
Krétaschmar, Dr. Herbert, Das Ländliche Genossenschaftswesen im Königreich
 Sachsen. Eine kritische Untersuchung zwanzigjühriger genossen-Schaftlicher
 Entwicklung. 1914. XVIII und 501 Seiten. 80. Preis brosch. 8. α
(Nur noch durch den Verfasser, Dresden.A., z2u beziehen).
Eyehmüller, Dr. Friederich, Grundstücksmarkt und städtisehe Bodenpolitix
 in UlIm von 1870- 1910. 1915. VIII und 87 Seiten. 80, einer graph.
Darstellung und einem ÜUbersichtsplan von Ulm a. D. Preis broseh. 3 M.
Schmidt, Dr. Karl, Das Rentabilitätsproblem bei der städtischen UOnternehmung.
 1915. VII und 105 Seiten. 80 Preis broschiert 3 M. 8
Schilpp, Dr. Karl, Die Württembergische Aßkordeon- und Harmonikaindustrie.
 1916. VIII und 189 Seiten. 80. Preis brosch. 8. 00 AAIS,, geb. 4.00 MAJ.
boeldel, Dr. Herbert, Verschuldung und Entschuldung des grösseren
brundbesitzes in Westpreussen. 1915. VII u. 188 8. 80. Preis broseh. 4.
Laupheéeimer, Dr. Hans, Die städtische Milchversorgung in Ulm a. D. in
Vergangenheit und Gegenwart. 1917. Xu. 116 Seiten. Preis brosech. 3. 50 MA.
Rossié, Dr. Frida, Die Entwicklung und heutige Lage des Oréfelder
Kleinwohnungswesens. 1917. VI und 144 Seiten. Preis broseh. 4 Mã.
Kempken, Dr. Franz, Die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Oberhausen
 (Rheinland). 1917. X u. 128 Seiten. Preis broseh. 38.500 MAI. (Vergriffen.)
Froriep, Dr. Otto, Zur Geschichte der MNaschinenbau-Industrie und der
Maschinenzölle im Deutschen Zollverein. 1918. Xu. 1178. Preis broseh 4. α
Bidlingmaier, Dr. Maria, Die Büueérin in zwei Gemeinden Württembergs—
1918. XVI und 273 Seiten. Preis brosch. 9 MI. (Vergriffen.)
Seelmann, Dr. Erich, Die Systeome im modernen Genossenschaftswesen.
Ihre geschichtliche Entwicklung und ihr gegenwärtiger Stand. 1919. VII
und 160 Seiten. Preis bMαJ. (Vergriffen,
Kretrschmar, Dr. Walter, Die Fleischrersorgung der Stadt Leipzig vor
dem Kriege. 1919. VIII und 252 Seiten. Preis bproseh. bMα.
Mautner, Dr. Wilhelm, Der Bolschewismus. Voraussetzungen, Geschichte.
Theorie; zugl. eine Untersuehnng seiues Verhältnisses zum Marxismus,.
2. Auflage. 1922. XXIII und 868 Seiten. Preis brosch.9 Mα. av
BRosch, Dr. Margarete, Die wirtsohaftlichen Bedingungen der Befreiung
des Bauernstandes im Herzogtum Kleve und in der Grafschaft Mark
im Rahmen der Agrargeschiehte Westdeutschlands. 1920. XVIIu. 240 Seiten
Preis brosech. 3 Mæ.
Mey, Dr. Siegfried, Das württembergische Handwerk im Meltkriege.
1920. 82 Seiten. Preis brosch. A.
Schnürlen, Dr. M., Geschiehte des württembergischen Kupfer- und
Silhererzberghaus. FEin Beitrag zur Geschichte des Frühkapitalismus in
Württemberg. 1921. gr. 82. VIII und 128 Seiten. Preis ? QAA.
Remppis, Dr. Hermann, Die württembergischen Intelligenzhlätter. 1922.
gr. 80. IIIJ uud 108 Seiten. Preis 3M.

—X
Netft 4.
Reftos.

Nott 10.
nett 11.
nett i⸗.
Nett 18.
— 14.
Nott 15.
Nott 16.
Nott 17.
Nett 18.

Ueft 21.

Heft 22.
Hoft 23.

VEn henrinhen dur«h nlIle Rucechhandinunne
        <pb n="4" />
        Tübinger

Wirtschaftswissenschaftliche
Abhandlungen

Dritte Folge

der Tübinger Stautswisssenschaftlichen Abhandlunen

Herausgegeben

—X

Carl Johannes Fuchs
in Vverbindung mit Eduard Lukas
und Wilhelm Rieger

HIeft

ynm

Verlag von W. Kohlhammer in Stuttgart / 1928
        <pb n="5" />
        Entwicklungsbedingungen
und Aufgaben der modernen
Wirtschaftstheorie

Vor

Dr. Eduard Lubkas
Professor
an der Universität Tüubingen

—

Verlas von W. Kobhlhammer in Stuttgart/ 1928
        <pb n="6" />
        —Z

Druck von W. Kohlhammer in Stuttgart
        <pb n="7" />
        Vorwort

Die Tvorliegende Arbeit wurde vom Verfasser im Februar
dieses Jahres in Tübingen als akad. Antrittsvorlesung
gehalten. Der Entschluß sie dem Drucke zu übergeben, liegt
darin begründet, daß diese einem allgemeinen Bekenntnisse des
Verfassers zu den Aufgaben der heutigen; Wirtschaftstheorie,
so wie er sie sieht und als dringlich erachtet, gleichkommt.
Immer mehr macht sich in der Gegenwart die Neigung
geltend, theoretische Volkswirtschaftslehre so zu betreiben, daß
ihre Ergebnisse im Bereiche der praktischen Volkswirtschaftslehre
auch tatsächlich anwendbar und im übrigen entwicklungs—
fähig erscheinen. Allzuoft ist unser Fach in der — verhältnis—
mäßig allerdings kurzen — Zeit seines Bestehens auf Stockgleise
geraten, und oft genug klaffte der Spalt völliger Beziehungs—
losigkeit zwischen allgemeiner und angewandter Volkswirtschafts⸗
lehre. Die Zeichen mehren sich, daß dem in Gegenwart und
Zukunftẽ andersgwird. Hierfür sprechen sowohl die hierher
gehörigen Leistungen führender Nationalökonomen unserer Zeit,
als auch der allgemeine Zug der Entwicklung, von dem im
folgenden die Rede sein soll.
Der Vortrag wurde im wesentlichen unverändert wieder—
gegeben und nur insoweit ergänzt, als die mündliche Dar—
stellung in dem einen oder anderen Falle aus Zeitmangel
unmaßgebliche Kürzung erfuhr.

Tübingen, im Frühjahre 1928.

Der Verfasser.
        <pb n="8" />
        Inhaltsübersicht

Die Entwicklungsbedingungen bisheriger volkswirtschaftlicher Lehrmeinun⸗
gen — Die dogmengeschichtliche Komponente — Die geistesgeschichtliche
Komponente — Die wirtschaftsgeschichtliche Komponente.
Die Lehren aus der Vergangenheit der Wirtschaftswissenschaft — Der
zeläuterte Einfluß der drei Grundkomponenten auf die Wirtschaftstheorie in
der Gegenwart — Schlußfolgerungen daraus auf Entwicklung und Aufgaben
der heutigen Wirtschaftstheorie — Beispiele von wirtschaftswissenschaftlichen
Gegenwartsfragen — Stellung der Wirtschaftstheorie engeren Sinnes zu
den benachbarten Disziplinen.
        <pb n="9" />
        ODe Wahl des an sich vielleicht ziemlich allgemein ge—
haltenen Themas „Entwicklungsbedingungen und Aufgaben
der modernen Wirtschaftstheorie“ zum Gegenstande des heutigen
Vortrages geht auf die Erwägung zurück, daß m. E. eine
Antrittsvorlesung halten etwas Ähnliches bedeutet, wie seine
wissenschaftliche Karte abgeben.
Mag das — vor allem in anderen entwickelteren Disziplinen
u. U. auch erreicht werden durch wissenschaftliche Erörterung
eines Spezialthemas aus den engeren Arbeitsgebieten des Vor—
tragenden, so dürfte die Sonderlage auf dem Gebiet der Wirt—
schaftstheorie ein Vorgehen wie das meine, also die Wahl
eines weiter umrissenen Themas gerechtfertigt erscheinen lassen,
zumal der letztere Vorgang — wie wir sehen werden —
Darlegungen der erstgenannten Art durchaus nicht völlig
ausschließt. Wohl keinem Wissenschaftler tut — wenigstens
im gegenwärtigen Zeitpunkte noch — ein klares Bekenntnis
zu den Aufgaben seiner Wissenschaft so not, wie gerade
dem Wirtschaftstheoretiker.
Man sprach so viel seit der Entwicklung der kapitalistischen
Verkehrswirtschaft von der „anarchischen Produktion“ in der
Wirtschaft. Man hätte m. E. ebenso gut, oder besser mit
bedeutend mehr Recht, von anarchischer Produktion in der Wirt—
schaftslehre sprechen können.
Es liegt mir aber dennoch ferne — so merkwürdig das
zunächst klingen mag — der Volkswirtschaftslehre der ver—
schiedenen Perioden daraus einen eigentlichen Vorwurf machen
zu wollen, sofern nur die Gegenwart die tatsächlich gebotene
Gelegenheit zu einer Remedur dieser Verhältnisse zu benützen
        <pb n="10" />
        willens ist. Wenn irgendwo, so besteht auf dem Gebiet der
Entwicklung unserer Wissenschaft die Auffassung Hegels zu
Recht, daß Vergangenes verstehen heißt: es als notwendig
in seinem Zustandekommen erkannt zu haben.
Die Entwicklung der Volkswirtschaftslehre, insonderheit
der eigentlichen Wirtschaftstheorie, war und ist von einer
Reihe von Bedingungen abhängig, die als Komponenten
mehr als anderswo die wechselndsten Wirkungen auf die Ge—
staltung ihrer Resultierenden ausübten bzw. ausüben. Dies umso
leichter, als der Boden, auf dem die kaum mehr als 150 Jahre
alte Wirtschaftstheorie fußt, ein verhältnismäßig noch schwanken—
der ist, allerdings nicht schwankender und unsicherer — das
soll einmal deutlich gesagt und unterstrichen werden — als es
der Boden irgend einer anderen Disziplin, sei es der Natur—
wissenschaften, etwa der Physik oder Chemie, sei es der Juris—
prudenz oder dgl. mehr, in solchem für die Entwicklung einer
Wissenschaft wahrhaft zarten Alter war oder ist. Wie lange
Zeit mußte beispielsweise doch wohl verstreichen, bis ein Newton
seine Gesetze der Bewegung im Weltall aufstellen, ein Galilei,
ein Keppler seine Erkenntnisse schöpfen konnte? Vor wie
kurzem noch stand der Chemie die Alchemie als anerkannter
Sonderzweig zur Seite? Welchen Kraft- und Zeitaufwand
beanspruchte die Rezeption des römischen Rechts auf unserem
Kulturboden, und wie kurze Zeit ist erst verflossen, seit ein
Bodin den Begriff der Souveränität, ein Montesquieu
den Begriff der Gewaltentrennung begründete, und damit den
Schatz juristischen Denkens und juristischen Begriffsbildung für
dauernde Zeiten bereicherte?
Aber wie gesagt, das zarte Alter allein ist es nicht, das
die Erscheinungen in der Geschichte der Volkswirtschaftslehre
so abwechslungsreich gestaltete, sondern vor allem die starke
Abhängigkeit der Volkswirtschaftslehre von ihren wechselnden
Entwicklungsbedingungen schlechthin.
Bei der Betrachtung der Geschichte unserer Wissenschaft
drängen sich im Großen und Ganzen vor allem drei große
Komponenten auf, deren Wirksamkeit im einzelnen untersucht
        <pb n="11" />
        und im Auge behalten werden muß, will man Richtung und
Ergebnis wirtschaftswissenschaftlicher Forschung einer bestimmten
Zeit richtig verstehen.
Zunächst stellt die Aufeinanderfolge wirtfchaftswissenschaft—
licher Untersuchungen und Anschauungen im Wandel der Zeiten
zweifellos eine Entwicklungsreihe dar — wie in anderen Dis—
ziplinen auch — deren Glieder aufeinander aufbauen, und von
denen die vorangegangenen das Joder die folgenden im Ver—
hältnisse von Teilursache und Wirkung bedingen (dogmen—
geschichtliche Komponente).
Mag dieser Zusammenhang auch nicht immer lückenlos zutage
treten, da unter Umständen auch Parallelreihen bestehen können
— ich denke da z. B. an das Verhältnis der „Physiokratie“
auf französischem und der „Klassiker“ auf englischem Boden —
so ist er doch für die Beurteilung der Entwicklung unserer
Wissenschaft mit von weittragender Bedeutung.
Dabei dürfen wir allerdings das Verhältnis ursächlicher
Bedingtheit zwischen nachfolgender und vorangegangener Au—
schauung und Forschung durchaus nichts immer als Fortent—
wicklung im selben Gleise sehen wollen. Gerade in der
Wirtschaftswissenschaft mit ihrer Vielzahl von Möglich—
keiten der Beschäftigung mit dem Untersuchungsgegenstande
spielt die dialektische Befruchtung eine große Rolle. Können
wir z. B. das Ricardoanische System bei aller Originalität
z. T. als unmittelbare Fortbildung der Smith'schen Lehre,
können wir die jüngere historische Schule als Forbildung
der älteren, die historische Schule schlechtweg zu einem
Teile als Fortbildung der romantischen Anschauung auf—
fassen, so ist es oft der Widerspruch, der in der Geschichte
unserer Wissenschaft die Meinungen und Erkenntnisse weiter—
treibt. Beispielsweise erscheint uns die Lehre der Physio—
kraten als ausgesprochene Reaktion gegen und als dialektische
Fortbildung der einseitigen überschätzung des Geldes und des
Handels seitens des Merkantilismus. Und so schließen
an die vom Naturrecht stark beeinflußte Wirtschafts- und
Gesellschaftsauffassung der Klassiker offenbar zunächst nicht
        <pb n="12" />
        weniger als fünf spätere Systeme oder Richtungen an: Ein—
mal der Manchesterliberalismus als übertriebene Fort—
bildung der Lehre von der wirtschaftlichen Freiheit, und
dann der theoretische Anarchismus eines Godwin oder
Proudhon als unerhört einseitige Fortführung der Gedanken
des Naturrechtes und des laissez-faire, laissez-passer. Die
hinsichtlich der Auffassung vom Lohne und der Verteilung
ins Gegenteil gekehrte Lehre Ricardos, drittens, wird
zur Wert- und Mehrwertlehre, also zum Kern der Wirtschafts—
theorie Karl Marxens, übrigens m. E. ein Vorgang ähnlich
dem, demzufolge a. a. bekanntlich aus der Umkehrung
der Hegelschen Dialektik und Geschichtsauffassung —
Marx selbst spricht davon, daß man diese zweckmäßgerweise
„auf den Kopf stellen“ müsse — sein „historischer Materialis-—
mus“ wird. In der Darstellungsrichtung vom Widerspruche
gegen den Pessimismus Ricardos oder Malthus' stark
beeinflußt und geradezu getrieben ist, viertens, bekanntlich
das System des Amerikaners Carey und seiner Anhänger.
Und endlich hat die einseitig abstrahierende Wirtschaftstheorie,
vor allem aber die Wirtschaftspolitik der Klassiker,
die den Einfluß wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ent—
wicklungsbedingungen und Gesetze rundweg unberücksichtigt
ließen, mit folgerichtiger Notwendigkeit die romantische
bzw. historische Schule auf den Plan gerufen. In erster
Linie war es Friedrich List, vor dem ich Jan dieser
Stelle in doppelter Ehrfurcht mein Haupt senke, der der klassi—
schen Theorie der Werte seine epochemachende „Theorie der
vproduktiven Kräfte“ zur Seite stellte. „Epochemachend“
auch in wörtlichem Sinne. Denn aus der Gedankenwelt der
„Theorie der produktiven Kräfte“ wuchsen die schlagenden
Argumente, die sich gegen eine ganze Welle von Widersachern
durchsetzten, und die mit in der Hauptsache zur Gründung des
Deutschen Zollvereins von 1834 führten. Welche Bedeutung
aber die Epoche des Zollvereins für die Entwicklung der
deutschen Volkswirtschaft und schließlich in ihren Auswirkungen
für die politische Vollendung von 1870/71 des wirtschafts—
        <pb n="13" />
        politischen Werkes von 1834 hatte, liegt bei grundsätzlicher
Überlegung klar zutage.
Die Zahl der angeführten Beispiele möge genügen, um
darzulegen, in welchem Maße einzelne Entwicklungsstadien der
Volkswirtschaftslehre durch deren Gesamtentwicklung bedingt sind.
In hohem Maße gilt ähnliches auch — um nun die
zweite Grundkomponente zu besprechen — von der Ab—
hängigkeit des Charakters einer volkswirtschaftlichen Lehr—
meinung von der geistigen oder methodischen Grundein—
stellung ihrer Zeit und deren philosophischer und soziologischer
Grundanschauung (geistesgeschichtliche Komponente).
Die Auffassung etwa Platos von der Stellung und
zweckmäßigen Regelung der wirtschaftlichen Tätigkeit im
Rahmen des sozialen Ganzen ist auf philosophische Wurzeln
zurückzuführen. Oder die mittelalterliche Kirche sagt: „Dulcissima
 rerum possessio communis est“, in welcher m. E. mehr
charitativen Auffassung wohl die beiden Elemente der Nächsten—
liebe und vor allem der Geringschätzung irdischer Glückseligkeit
enthalten sind, ferner an anderer Stelle: „Negotium negat
otium“ — wirtschaftliche Geschäftigkeit steht im Gegensatz zu
Ruhe und Seelenfrieden, was von übel ist — „quod malum
est, neque quaerit veram quietem, quae est deus“ — und
sucht nicht die wahre Ruhe in Gott. Hier, oder wenn sie
von der Tätigkeit des Kaufmann sagt: „Deo placere non
potest,“ sie könne Gott nicht gefallen, kann man wohl un—
schwer den teilweise Zusammenhang dieser Auffassungen
mit dem bekannten religiös-philosophischen Zeitgeist von
damals feststellen. Ferner ist allgemein anerkannt der überaus
starke Einfluß der philosophischen Zeitströmung, insbesondere
der der Lehren David Humes und Benthams auf die
klassische Schule, also insbesondere auf Smith und Ricardo.
Nicht genug in Rechnung gestellt werden kann auch der
Einfluß des Naturrechts auf die physiokratische Lehre
dieser Zeit, die die zeitgenössische Methode naturrechtlichen und
schließlich naturwissenschaftlichen Denkens — ein Analogon
bildet in vielen Belangen die Geschichte des 19. Jahrhunderts —
        <pb n="14" />
        nicht nur auf das Gebiet der Gesellschaftslehre überhaupt
Gegenüberstellung der Begriffe des „ordre naturel“ und des
„ordre positif“), und in das der Wirtschaftspolitik
laissezꝑ-faire, laissez aller), sondern meiner Meinung nach
vor allem auch auf das Gebiet der Wirtschaftstheorie über—
rugen. Ihre Wertlehre und die Auffassung von der Ackerbau
treibenden einzigen „classe productive“ stellt nicht nur
eine Reaktion — wie schon erwähnt wurde — auf die merkanti—
listische Doktrin dar. Sie erklärt sich vielmehr gleichzeitig
auch aus den Neuerscheinungen der damaligen wirtschaftlichen
Entwicklung, aus der auch von A. Smith noch gründlich
mißverstandenen Grundrente, und m. E. vor allem aus der
unbesehen übernommenen und daher fehlerhaft angewandten
Methode quasi naturwissenschaftlichen Denkens. Was die
Erde erzeugt und erhält, ist Stoff, ist Pflanze, ist Tier, aber
nicht ökonomische Größe; den „Wert“ erzeugen erst die Menschen,
erzeugen die Gesetze sozialer Bewertung. Produktiv ist daher
jede Tätigkeit oder Leistung, die Träger oder Objekte von
neuem oder erhöhtem Werte, oder aber die Bedingungen hier—
für schafft, also natürlich vor allem auch die notwendige Handels—
tätigkeit, die Tätigkeit des Staates usf. Die Abhängigkeit ferner
der romantischen Wirtschaftsbetrachtung von der allgemeinen
Geistesströmung gleicher Bezeichnung ist schon durch den Namen
zum Ausdruck gebracht. In ähnlicher Weise steht die Einfüh—
rung der historischen Methode in die Wirschaftswissenschaft
in dieser Disziplin nicht vereinzelt da. Auch in der Rechts—
wissenschaft, sowie weiters in manchen Naturwissenschaften und
in der Gesellschaftslehre spielen zu dieser Zeit die Gesetze
des Werdens eine Rolle. Der Entwicklungsgedanke, oder
doch der Gedanke an die Bedingtheit jeder Entwicklung, der
echte Kern jeder wahren historischen Betrachtung, beherrscht das
Denken dieser Zeit. Dort wo er entgleist, wie beispielsweise
bei der unbesehenen Anwendung der Darwinschen Entwicklungs⸗
gesetze auf soziologische oder wirtschaftliche Fragen, ist es wieder
der Zeitgeist des trügerischen pseudophilosophischen Materialis⸗
mus, der Verwirrung in den Köpfen anrichtet.
10
        <pb n="15" />
        Hierher gehörige Beispiele ließen sich noch mehr erbringen.
Vor allem aber, drittens, müssen wir die einzelne volks—
wirtschaftliche Lehrmeinung, wie insbesondere die Entwicklung
der Volkswirtschaftstheorie, bedingt sehen durch die Eigenart
des Wirtschaftsobjektes selbst, das selbst wieder ver—
änderlich, bestimmten Entwicklungen unterworfen und daher
jeweils als Glied einer Entwicklungsreihe anzusehen ist. Ge—
rade auch diese Komponente erscheint für Art und Charakter
wirtschaftswissenschaftlicher Forschung des öfteren von geradezu
ausschlaggebender Bedeutung. Die Veränderlichkeit des
Untersuchungsobjektes beeinflußt — im Zusammenwirken mit
den übrigen Grundlagen — Richtung und Verlauf der Unter—
suchung in naheliegender Weise (wirtschaftsgeschichtliche
Komponente).
Schon die Stellungnahme eines Aristoteles etwa, später
die eines Th. von Aquin, wie überhaupt der mittel—
alterlichen Kirche in der Frage des Zinsnehmens, das all—
gemein abgelehnt wird, geht u. a. auf Wesen und Eigenart der
damaligen Wirtschaftsverfassung zurück. In der einfachen
Geldwirtschaft damaliger Zeit, in der noch keine großen Mengen
realen Kapitales ihre produktionsfördernde und -ermöglichende
Wirkung auszuüben vermochten, hatte die Üübertragung von
Kapitalsnutzung, hatte der Zins als Entgelt hierfür einen
ganz anderen Sinn und eine andere Funktion im Gesamt—
ganzen als in der heutigen Zeit der kapitalistischen Ver—
kehrswirtschaft. Nicht die Kirche hat heute so sehr ihren Stand—
vunkt, sondern der Zins seine innere Natur geändert.
Besonders deutlich ist der Einfluß des Wirtschaftszustandes
auf die Lehre von der Wirtschaft im Zeitalter des Mer kantilis—
mus. In der Zeit zunehmender Verkehrswirtschaft und auf—
blühenden Handelsverkehres, und in einer Zeit besonders greif—
barer Erkenntnis, daß Geld Macht bedeutet, für den Einzelnen
wie für den Staat, liegen die überschätzung der Aufgaben des
Geldes und die einseitigen Vorstellungen von Sinn und
Wirkungen der Handelspolitik, die den Merkantilisten eigen
waren, besonders nahe.
        <pb n="16" />
        Ahnlich liegt aber auch die Lehre der Physiokraten
nicht umsonst in einer Zeit, in der mit zunehmender Geld—
wirtschaft die Existenz der Grundrente als einer mehr oder
minder allgemeinen mit der Bewirtschaftung von Grund und
Boden verbundenen Einkommensart u. a. im stellenweise recht
hohen Pachtschilling immer deutlicher wird. Gleichzeitig ist die
theoretische Formulierung der physiokratischen Forderung nach
einer die Landwirtschaft begünstigenden Wirtschaftspolitik sicher—
lich auch insofern aus dem damaligen Wirtschaftszustande
geboren, als in der Tat für den heute Rückblickenden die
agrarpolitischen Zustände damaliger Zeit sehr im Argen lagen.
Ferner: Daß das „Arbeitssystem“ — wenn wir es so
nennen sollen — eines Smith oder eines Ricardo gerade
auf dem industriell früh entwickelten Boden Englands wuchs,
darf uns ebensowenig wundernehmen, wie die Tatsache, daß
es gerade die Engländer waren, die das Prinzip des Frei—
handels und des laissez-faire, laissez passer besonders nach—
drücklich vertraten. Ist das letztere einerseits schon seitens
der Physiokraten in verständlicher Reaktion gegen die Bevor—
mundung der Wirtschaft durch den merkantilistischen Staat und
unter dem Eindrucke naturrechtlicher Doktrinen angenommen,
so spielt bei den Engländern andererseits ihre wirtschaftliche
Stellung gegenüber den anderen Nationen hier herein. Sie
sahen die Vorteile des Freihandels besonders rosig, weil der Frei—
handel damals ihnen nur Vorteile und keine nennenswerten
Nachteile bringen konnte. Die Praxis bestimmte die Theorie,
unter anderem wenigstens, aber in einer Weise, vor der wir
uns hüten müssen. Denn für objektive Forschung wenigstens
soll das Wort nicht gelten, daß „der Wunsch der Vater des
Gedankens“ sei. Am wenigsten in einer Wissenschaft, deren
Gegenstand die unmittelbarsten Interessen der Menschen in
so weitgehendem Maße berührt, wie es Whately kennzeichnet,
wenn er einmal sagt: „Die Theoreme des Euclid würden
nicht einstimmig angenommen sein, wenn sie in unmittel—
barer Beziehung zum Reichtum und Genießen der Individuen
ständen.“

2
        <pb n="17" />
        Und da war es wieder Friedrich List dessen „Theorie der
produktiven Kräfte“ auf de utschem Boden gewachsen war,
und der auf Grund der wirtschaftlichen Entwicklungsbeding—
— FVV00
Wirtschaft bei Annahme der englischen Doktrin lief. Die
wertvolle dauernde Bereicherung der Wirtschaftspolitik wie
auch der Wirtschaftstheorie durch den List'sschen dynamischen
Gesichtspunkt verdanken wir neben dem Genie Friedrich Lists
der Anregung, die diesem mit prophetischer Sehergabe be—
gabten Genie der Wirtschaftszustand seiner Zeit und
dessen Notwendigkeiten zu geben vermochten.
Ferner mag wohl überhaupt der Gedanke der historischen
Schule, Gegenwärtiges aus seinem Zustandekommen, aus der
Vergangenheit zu begreifen, mitbedingt und befruchtet worden
sein durch das eindringliche Anschauungsmaterial einschlägiger
Art, das die imponierende rasche Entwicklung der modernen
Verkehrswirtschaft im 19. Jahrhundert bot.
Auch hinsichtlich dieses Zusammenhanges von Wirtschafts—
zustand und Wirtschaftslehre ließen sich noch manche Beispiele
und noch manche Belege beibringen. Doch können wir es mit
dem bisher Gesagten bewenden lassen.
Worauf es uns hier ankommt, ist vor allem das eine:
die grundsätzlichen Möglichkeiten zu sehen, in deren Rahmen
sich die gegenwärtige Wirtschaftswissenschaft gegebenenfalls zu
entwickeln vermag, und die allgemeinen Grundlagen kennen
zu lernen, auf denen die Volkswirtschastslehre der Gegenwart
und der nahen Zukunft aufbaut und aufbauen kann.
Da möchte ich nun im später Folgenden in erster Linie
einmal an den letzterörterten Zusammenhang zwischen Wirt—
schaft und Wirtschaftslehre anknüpfen. Ein Mehrfaches
können wir aus der Tatsache dieses Zusammenhanges, aber
auch aus der der früher erwähnten Zusammenhänge und deren
bisheriger Auswirkung, lernen.
Wir müssen uns hüten vor einseitigen Schlußfolgerungen
und vor Verallgemeinerungen, die uns die Eigenart eines
ganzkonkreten und kaum wiederkehrenden Wirtschaftszustandes
        <pb n="18" />
        so sehr leicht aufzudrängen willens ist. Wir müssen uns aber
auch hüten vor der Überschätzung einzelner Gesichtspunkte
und einzelner Methoden der Erkenntnis in unserer Wissen⸗
schaft, die zwar an sich richtig, d. h. für bestimmte Zwecke
brauchbar zu sein vermögen, in ausschließlicher und über—
steigerter Anwendung aber über den Rahmen ihres Geltungs⸗
bereiches hinaus u. U. Trugschlüsse und — manchmal —
auf dieseu aufbauende Zerrbilder der Wirklichkeit ergeben.
Das überaus bunte Bild der sich entgegen stehenden ver—
schiedenen „Richtungen“ und „Schulen“ in der Entwicklung
unserer Disziplin, die anarchische Produktion in der Wirtschaftslehre,
 gehen in den meisten Fällen auf Fehler und Einseitig—
keiten der gekennzeichneten Art zurück. Was uns nicht fehlen
darf, ist die allseitige Erkenntnis der wirtschaftlichen Zusam—
menhänge und Beziehungen und die Erkenntnis von der Be—
dingtheit der jeweiligen konkreten Wirtschaftstatsachen.
Und von diesem Wege der Erkenntnis, von dieser Grundein—
stellung darf uns weder der scheinbar übermächtige Einfluß
einer Zeitströmung, noch der an sich vielleicht berech—
tigte Widerspruch — oder etwa die Tendenz zu einglei—
siger Fortentwicklung — angesichts eines vorgelagerten Gliedes
der dogmengeschichtlichen Entwicklungsreihe irrewerden
lassen. In dem Augenblicke, wo wir uns der Wirksamkeit
bestimmter Komponenten auf das Zustandekommen einer
Erkenntnisrichtung oder Lehrmeinung voll bewußt sind und
diese kennen, haben wir es schon in der Hand, die nötige
Kontrolle auszuüben, Entgleisungen zu verhüten und diese
Wirksamkeit nur ihrem produktiven und wertvollen Gehalte
nach — gewissermaßen in Auswertung eines heuristischen
Prinzipes — zuzulassen. Das vor allem haben wir aus
der Vergangenheit zu lernen!
Wir müssen uns aber auch andererseits — gerade unter Bei—
behaltung des letzterwähnten Grundsatzes — der Verantwortung
bewußt sein, die wir der jeweiligen wirtschaftlichen Ge—
genwart gegenüber tragen und unter Berücksichtigung
ihrer Eigenart schulden. Denn, wenn uns die Geschichte der
4
        <pb n="19" />
        Wirschaftslehre a. a. den Einfluß der Wirtschaft selbst auf
die Gestaltung der ersteren lehrt, so lehrt uns die Geschichte
der Wirtschaft wiederum, daß ebenfalls ihr Ablauf durch
jeweilige Richtungen und Ergebnisse der Volks wirtschafts—
lehre mitbestimmt wird.
Der Einfluß der Volkswirtschaftslehre auf die wirtschaft—
liche Entwicklung ist nicht zu unterschätzen, wennschon er viel—
fach mittelbar sich auswirkt, und er ist und war — selbst in den
Zeiten des ersten Auftretens wirtschaftswissenschaftlicher Unter—
suchungen — bedeutsamer, als gemeiniglich angenommen wird.
—A
geradezu das Wirtschaftsleben und die Wirtschaftspolitik ihrer
Zeit und führte bei allen Fehlern zur Erfüllung der historischen
Mission des Merkantilismus: Schaffuug größerer Wirtschaftsgebiete
 mit gesteigerten geldwirtschaftlichen Verkehrsbeziehungen,
vor allem durch Niederreißen der Zollschranken, einerseits, und
Ausbau des Verkehrswesens, der ersten Grundlage für die
spätete Entwicklung zur kapitalistischen Verkehrswirtschaft,
andererseits. Welch überragenden Einfluß gewann ferner die
Lehre der Klassiker auf die Handelspolitik der Nationen, und
wie stark wirkte sich der dem laissez-faire, laissez-passer
zugrundeliegende Gedankengang in Frankreich, in Deutschland,
etwa in den Stein-Hardenbergschen Reformen, wie
auch in der weiteren Entwicklung aus. Das ganze 19. Jahr⸗
hundert ist in Handels- und Zollpolitik, in Gewerbe—
und Agrarpolitik, in Siedlungswesen, in der Sozial—
politik usf. entweder unmittelbar durch die Volkswirtschafts—
lehre beeinflußt, oder die Volkswirtschaftslehre liefert zumindest
Rüstzeug und Argumente im entscheidenden Kampfe der
wirtschaftspolitischen Meinungen untereinander.
Fragen wir uns nun, welche Aufgaben die Gegenwart
an unsere Wissenschaft stellt, vor allem die Eigenart des
gegenwärtigen Wirtschaftszustandes, und fragen wir
uns, in welche Richtung die übrigen oben erwähnten, je—
weils mehr oder minder mitbestimmenden Komponenten
unsere Wissenschaft zu weisen trachten!
        <pb n="20" />
        Die Wirtschaftsform und Wirtschafts v erfassung nnserer
sog. freien kapitalistischen Verkehrswirtschaft hat in den etwa
120 Jahren ihres Bestehens durchgreifende Veränd erungen
an — wenn ich mich so ausdrücken darf — Haupt und
Gliedern erfahren.
Mag durch die Aufrechterhaltung einer gewissen rechtlichen
Kontinuität auch der Anschein erweckt werden, als wäre die
Wirtschaftsverfassung von heute ihrem Wesen nach noch die
von 1820, in Wirklichkeit ist es anders.
Vor allem ist es doch wohl der ẽökono mische Eigentums—
begriff, auf dem jeweils eine bestimmte formelle und
materielle Wirtschaftsverfassung aufbaut, und durch den sie
harakterisiert ist.
Dieser Eigentumsbegriff unserer Verkehrswirtschaft hat sich
seit 1820 wesentlich geän dert. Er war schon vordem manchem
Wechsel unterworfen.
Worauf es dem Nationalökonomen bei Beurteilung einer
Wirtschaftsverfassung neben der Beurteilung der rein formal—
rechtlichen Seite des Eigentumsbegriffes ankommen muß, find
die jeweiligen materiellen Auswirkungen und mate—
riellen Möglichkeiten, die von jenen ordnenden Rechts—
normen ausstrahlen, die den Begriff der Eigentumsordnung
ausmachen.
Die Herstellung des möglichst freien Privateigentums
nun zu Beginn des vorigen Jahrhunderts haͤtte seine besondere
ökonomische Bedeutung, deren sich allerdings — wie so oft
in der Geschichte — die handelnden Zeitgenossen nur teilweise
bewußt sein konnten, und die ich mit dem Schlagworte chara—
terisieren möchte: Freisetzung der großen Gruppen von
Produktionsfaktoren (Grund und Boden, Arbeit und Kapital).
Denn der Begriff wirklich freien Privateigentums barg Grund—
ablösung und Grundfreiheit, barg Freizügigkeit der Person
und Arbeitskraft und schließlich volle Freiheit in Anlage
und Durchführung der Produktion, sei es Produktion auf
kapitalistischer Grundlage oder auch nicht, also Gewerbefreiheit
das ist aber u. a. Freiheit in der produktiven Berwendung

12
n
        <pb n="21" />
        Verwendung von Kapital, notwendig in sich. Auf dieser
Basis und auf diesen Grundlagen vermochte der überwälti—
gende Aufstieg von Wirtschaft und Technik zu erfolgen, der
die der diesen folgende Zeit kennzeichnet. Der ökonomisch
relevante Grundgedanke war dabei der, daß jeder über
seine oder — mit deren Einverständnis — fremde Arbeits—
kraft und über sein Produktivkapital möglichst unbeschränkt
verfügen und damit an jedem 'Orte jede ihm beliebende
wirtschaftliche Tätigkeit entfalten könne! Um die eigentüm—
liche Ordnung der Produktion geht es dem Volkswirt—
schaftler also hier, und um die tatsächlichen Verfügungs—
möglichkeiten, die von der gekennzeichneten Rechtslage
ausstrahlen.
Vergleichen wir nun damit die heutige Produktionsordnung!
Auch heute noch besteht Privateigentum, denn wir können über
die uns zustehenden Dinge und Rechte dem Grundsatze nach
— ich möchte fast sagen, es liegt hier eine Art diesbezüglicher
opinio juris, und zwar umgekehrten Sinnes, als im Falle
etwa einer Gemeinwirtschaft, vor — frei verfügen, wenn —
nun wenn eben nichts anderes gesagt und bestimmt ist.
Aber — es ist eben heute sehr viel anderes gesagt und be—
stimmt, und der materielle Inhalt des Eigentumsbegriffes
ist heute nach mehr als einer Richtung hin wesentlich beschränkt.
Viele Maßnahmen der Sozialpolitik, die meisten Be—
stimmungen des Arbeitsrechtes (beispielsweise Stundentag,
obligatorischer Kollektivvertrag usf.) wie überhaupt des Wirt.
schaftsrechtes, Maßnahmen der Verkehrs- und Handels—
politik, u. a. m., ja sogar die Auswirkungen so mancher
Steuerpolitik zwingen heutzutage das Wirtschaftsleben in
bestimmte Bahnen, beeinflussen das Ergebnis wirtschaftlicher
Tätigkeit, die „Verteilung“, und modifizieren das ursprünglich
auf volle Freiheit des Eigentums gegründete sog. Spiel der
freien Kräfte ganz wesentlich.
Ferner ist für die Charakterisierung einer bestimmten
Wirtschaftsform, einer bestimmten materiellen Wirtschaftsver⸗
fassung, von Bedeutung die Stellung des Staates zur

17
        <pb n="22" />
        Wirtschaft. Schon aus dem eben Gesagten ergibt sich die
Tatsache, daß sich diese Stellung in den verflossenen 100 Jahren
von Grund auf geändert hat. Das leuchtet noch mehr ein,
wenn wir die nicht immer glücklichen Versuche des Staates,
unmittelbar auf das Wirtschaftsleben Einfluß zu gewinnen,
als Symbole werten. Hierher gehören die Versuche mit staat—
lichen Betrieben, die staatliche Kontrolle gewisser Wirt—
schaftszweige wie der Kohlen- oder Kaliwirtschaft in Deutsch—
land, hierher gehört auch die Verstaatlichung des Verkehrs—
wesens, oder die faktische und materielle Regelung des
Zentralnotenbankwesens u. a.m. Alles in allem wird
niemand leugnen, daß der Staat, der anfangs des vorigen
Jahrhunderts in bewußte Zurückhaltung vor allem, was
Wirtschaft hieß, trat, um dem Wirtschaftsleben möglichst freien
Lauf zu lassen, heute immer mehr Einfluß auf den Ablauf
des Wirtschaftslebens gewinnt und noch mehr zu gewinnen trachtet.
Drittens und vor allem auch ist eine gegebene Wirtschafts—
verfassung bestimmt durch die organisatorischen Grund—
lagen, auf denen sie aufbaut.
Auch diese haben sich in den letzten 100 Jahren ganz
wesentlich verschoben. Das Organisationsprinzip des be—
ginnenden Kapitalismus ist am besten zu kennzeichnen durch
das Schlagwort von der freien Konkurrenz. Der Ge⸗
danke an den Druck und die Wirkung des ehern und unver—
rückbar erscheinenden „Gesetzes der freien Konkurrenz“ war
es, der die bewegenden Kräfte zur Freisetzung der Wirtschaft
und der Produktionsfaktoren am Ende des 18. und in der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auslöste. Anarchie und
Willkür der Produktion war es nur scheinbar — so sagte
man sich — die da ins Leben gerufen wurde. —A
sprechende Anpassung der Produktion an Art und Richtung
des Bedarfes, das Streben nach zweckmäßigsten Met ho—
den der Erzeugung und nicht zuletzt eine die Interessen
der Allgemeinheit wahrende über die Erzeugungskosten nicht
wesentlich hinausgehende Preisbildung sollte durch die
Wirkungen der freien Konkurrenz erzwungen werden.
18
        <pb n="23" />
        In welch hohem Maße sich diese tatsächlich in dieser Weise
auswirkte, ist ebenso bekannt, wie es die Lücken und Fehler
sind, die sich aus diesem Systeme im Verlaufe der wirtschaft—
lichen Entwicklung ergaben. Aber item, das erwähnte Gesetz
bildete in der Tat die allgemeinste organisatorische Grund—
lage der Ordnung der Produktion in damaliger Zeit.
Wie sieht es damit heute aus? Auch hier könnte man
sagen, wo sich nichts anderes ein- und herausgebürgert hat,
besteht dieses Gesetz noch. Aber es hat sich eben meist etwas
anderes herausgebürgert! Nur ein Blinder könnte das über—
sehen.
Unsere heutige industrielle Produktion steht im Zeichen
der vertikalen und vor allem auch der horizontalen
Konzentration. Und was sich darüber hinaus an ein—
zelnen Stellen der Wirtschaft, zunächst nur versuchs- und an—
deutungsweise — wie zu des alten Stinnes Zeiten z. B. —
und erst dem Keime nach anzubahnen trachtet, ist m. E.
die Bildung autarker, auf dem Prinzipe der weitgehendsten
Selbstversorgung und damit auch des Selbstverbrauches auf—
bauender Wirtschaftsgebilde und -gebiete, aber nicht
etwa räumlichen, sondern sachlichen Zusammenhaltes und
Zusammenhanges, eingebettet mitten in die Substanz der
übrigen Wirtschaft: Einheitliche Wirtschaftsgebiete aber nicht
räumlicher — im Gegenteil! — sondern sachlicher Ge—
schlossenheit. (Wir kommen m. E. heute mit den Be—
griffen der horizontalen und vertikalen Konzentration kaum
mehr aus.)
Doch sei dem, wie ihm wolle! Die Tatsache des Bestehens
der ersterwähnten Konzentrationsbewegung genügt, um das
von uns gezeichnete Bild in wichtigen Belangen zu vervoll—⸗
ständigen.
Kartelle, Trusts und Konzerne, Syndikate, Interessen—
gemeinschaften und Kontrollgesellschaften, oder welche Formen
der Konzentration es auch sein mögen, sie alle drücken dem
Wirtschaftsleben der Gegenwart einen charakteristischen Stempel
auf. Ziele, Zwecke und Auswirkungen der Konzen—

19
        <pb n="24" />
        trationsbewegungen erschöpfen sich nicht etwa auf dem Gebiete
der Erwirkung günstiger oder monopolistischer Preisbildung.
Absatzkontingentierung und Rationierung des Absatzes, überhaupt
Anpassung der Produktion an den Bedarf und — höchst bedeut—
sam — des Bedarfes an die günstigsten Bedingungen der
Produktion (Normung!) einheitlich e Organisation erwei—
terter Arbeitsteilung innerhalb ganzer Produktionszweige im
Zusammenhang mit Spezialisierung und Rationalisierung der
Betriebe und Betriebsmethoden, Austausch der zweckmäßigsten
Methoden der Erzeugung, Beschaffung von Kapital und Roh—
stoffen, sowie Absatz der Fertigprodukte im Großen, ein—⸗
heitliche Ausnützung der zur Verfügung stehenden Produktions⸗
mittel und Produktionskräfte (beispielsweise auf dem Gebiete
der Kraft- und Wärmeverwertung), überhaupt einheitlich
geordneter Gang der Erzeugung, begonnen beim Urstoff und
beendet beim Fertigprodukt (evtl. einschließlich Absatzorgani⸗
sation) u. a.m., all das kennzeichnet die in der Konzentrations⸗
bewegung vielfach zum Ausdruck konmmenden Bestrebungen
der Gegenwart.
Was bedeutet aber diese Entwicklung vom Standpunkte
der Beurteilung unserer heutigen Wirtschaftsverfassung?
Was heute in der Wirtschaft vor sich geht, ist plan—
mäßige Rationalisierung nicht nur der Betriebe, sondern
der ganzen Wirtschaft von unter her, und Ausschaltung
der mechanisch und daher oft sinnlos wirkenden Gesetze der
freien Konkurrenz und des sogenannten Spiels der freien
Kräfte, sowohl in horizontaler wie auch in vertikaler Richtung.
Das gilt aber nicht nur von der industriellen Pro—
duktion, das gilt auch für das Gewerbe mit seinen Fach—
bereinigungen und Genossenschaften, auch für die Beweguug
auf dem Arbeitsmarkte mit seinen Berufsvereinigungen,
Arbeitgeber⸗ und Arbeitnehmerorganisationen (auf der Grund—
lage der gesetzlichen Regelung des Arbeitsvertrages usw.),
das gilt in etwa vom Kapitalmarkte mit seinen Zusammen—
schlüssen und Organisationsbildungen der Kapitalanlage und
Kapitalkontrolle (etwa auf der Basis der Effektensubstitution),

20
        <pb n="25" />
        und das gilt von der Entwicklung des Bankwesens und der
Geld- und Kreditorganisation. Hierher gehört ferner
aber auch — wie die Bildung unmittelbarer der Produktion
angeschlossener Absatzorganisationen, ebenso — die Bildung
von Einkaufsorganisationen seitens der Konsumenten,
wie überhaupt auch die Entwicklung des Handels, teilweise
eben unter Beeinträchtigung seiner Existenzbedingungen, die
eben bezeichneten Wege geht. Hierher gehören ferner die Er—
scheinungen der Berufsberatung und Arbeitsvermitt—
lung, vor allem aber auch die oben erwähnten modernsten
Bestrebungen nach planmäßiger Beeinflussung der Nach—
frage und nach dadurch ermöglichter planmäßiger Or—
ganisation der Produktion im Wege der sog. Normung
und aller mit dieser in Zusammenhang stehenden Maßnahmen,
soweit wir speziell an die dadurch notwendige Organisation
der Abnehmer und Konsumenten einschl. des Handels denken.
Diese Entwicklung nun wird in gewissem Sinne ergänzt
und verstärkt durch den schon erwähnten steten Ausbau der
staatlichen Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik.
Immer mehr tritt, wie wir gesehen haben, der Staat an die
Wirtschaft heran und in die Wirtschaft ein. Mag das im
Anfange der ja noch ausstehenden und derzeit wohl erst im
Keime begriffenen Entwicklung nicht immer in der glücklichsten
Weise geschehen — der Staat hat die Organe noch gar nicht
entwickelt, die den neuen Staatsaufgaben völlig angepaßt
wären — so muß diese Erscheinung doch als notwendige
Gegenmaßnahme gegen die angebahnte Ausschaltung des vor—
dem wirksamen bequemen Sicherheitskoeffizienten der freien
Konkurenz und als Symbol, als bedeutsames Anzeichen
gewertet werden:
Als Anzeichen für die Gesamttendenz der modernen
Verkehrswirtschaft, den Wirtschaftsablauf im Großen und
im Kleinen Getrieb) von unten her, und durch den
Staat eben von oben her, bewußt zu beeinflussen, zu ratio—
nalisieren und planmäßig auszubauen. Eine Ent—
wicklung, wie sie in etwa von vielen Voraussichtigen längst zu

21
        <pb n="26" />
        Recht angekündigt und gefordert (vor allem von Johannes
Plenge, vom Außenseiter Müller-Lyer, in etwa von
Spengler uff.) und wie sie von wirklichkeitsfremden plan—
wirtschaftlichen Ideologen in vielfach fehlerhafter Beleuch—
ung und Zielsetzung gesehen und gewünscht wurde.
Diese Art planwirtschaftlicher Entwicklung — wenn es
nicht zu gefährlich ist, diesen Ausdruck zu gebrauchen —, wie
wir sie heute sehen, erfolgte und erfolgt aber nicht, wie wir
wohl verstehen müssen, im Wege einer gewaltsamen Zerstörung
des Vergangenen, auch nicht im Wege einer die organischen
Entwicklungsbedingungen vernachlässigenden Inauguration einer
bielfach so gedachten künstlichen Planwirtschaft, also nicht
im Wege eines Experimentes, sondern sie fußt geradezu auf
dem Hergebrachten, und geht aus der auf das Eigeninter—
esse und die Eigeninitiative der wirtschaftenden Menschen
gegründeten Verkehrswirtschaft ursprünglich und orga—
aisch hervor.
Wielleicht vermag ihr die von manchen in etwa gewünschte
politische Entwicklung einer Art berufs- und wirtschafts—
ständischen Gliederung des Staates zu folgen. Nicht ein⸗
mal die Symptome der extremen politischen Entwicklungen
in Italien und Rußland würden dem widersprechen.)
Wird diese Entwicklung nun nicht gewaltsam unterbrochen,
zu prophezeien ist nicht Sache der Wirtschaftstheorie —
so erwachsen den Staate — wie heute schon — in dem Maße
immer gewichtigere wirtschaftspolitische Aufgaben,
als die freie Konkurrenz aufgehoben wird, und sich die ver—
schiedenen Wirtschaftsgruppen horizontaler wie vertikaler Rich—
tung massiert, und mit ganz neuartigen Kampfmitteln ausge—
stattet, kampfesbereit gegenüberstehen. Hier muß der Staat zum
Wohle der Gesamtheit die Bahnen des Ausgleiches und des
Aufstieges schaffen, Aufgaben, vor die er z. T. eben heute
schon in, der Tat gestellt ist.
Es erwachsen ihm aber unter diesen Umständen auch
Pflichten positiver Natur. Die gekennzeichnete Entwicklung
ist ja gewissermaßen eine organische und zeigt das ent—
22
        <pb n="27" />
        scheidende Kriterium jeder wirtschaftsgeschichtlich nachweisbaren
vorteilhaften Entwicklung zu neuer materieller Wirtschafts—
verfassung: Steigerung des Produktivitätsgrades
der Wirtschaft. (Eine Steigerung, die im übrigen vielleicht
begleitet sein könnte von einer wirklich zweckbewußten, wirt—
schaftspolitisch einwandfrei orientierten sozial- und kultur—
politischen Beeinflussung des Wirtschaftsablaufes, ohne daß
es hierbei zu einer Drosselung und Hemmung der frei gestal—
tenden und aufbauenden Kräfte des Wirtschaftslebens kommt.)
Der Staat hat also im ersteren Sinne nur ergänzend ein—
zugreifen, er hat aber darüber hinaus die Aufgabe, zweck—
mäßige Beeinflussung des Wirtschaftsablaufes auch von sich
aus dort wahrzunehmen, wo er, ohne wertvolle selbständig
gestaltende Kräfte des Wirtschaftslebens zu unterbinden, Regelun—
gen treffen kann, die ebenfalls zu einer Steigerung der wirtschaft—
lichen Produktivität, oder zu einer Besserung der Wirt—
schaftslage führen. Aufgaben, wie sie heute schon zahlreich
auf dem Gebiete der Verkehrspolitik, des Siedlungswesens, der
Handelspolitik u. a.m. vorliegen. Selbst dann, wenn etwa die
Entwicklung in die Richtung eines Staatssozialismus
einerseits oder in die Richtung eines ausgesprochenen Industrie—
feudalismus andererseits abgebogen würde, vermöchte sich an
der Vielzahl der wachsenden wirtschaftspolitischen Belange des
Staates wenig zu ändern.
Wir Volkswirtschaftler jedoch sind jedenfalls schon durch
die Gegenwart und die absehbare Zukunft des Wirtschafts—
zustandes, in dem wir uns befinden, vor die Lösung bedeut—
samer Fragen gestellt. Die eine der früher besprochenen Kom—
ponenten, der Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Wirt—
schaftslehre, ringt eben nach Geltung:
In einer Zeit, in der man in steigendem Maße das
ursprünglich recht bequeme Organisationsprinzip der freien
Konkurrenz aufgibt, in einer Zeit, in der man von unten her
aus der Wirtschaft selbst, und ergänzend von oben her, seitens
des Staates, ständig zunehmend in den Wirtschaftsablauf ein—
greift und die Bewegung der wirtschaftlichen Kräfte vernunft—
254
        <pb n="28" />
        gemäß, nach Maßgabe der menschlichen ratio, zu regeln
trachtet, braucht man die Kenntnisse von den volkswirtschaft—
lichen Zusammenhängen, in die man eingreift, und
von den neuen Zusammenhängen, die man schafft. Diese
Kenntnisse zu erforschen und zu ermitteln aber ist die Auf—
gabe jener Disziplin, die sich eben spezifisch volkswirt—
schaftliche Erscheinungen und Beziehungen zu erkennen und
zu erforschen zur Aufgabe setzt, ist Sache unserer Volkswirt—
schaftslehre oder Nationalökonomie.
Und zwar muß es sich für sie zunächst darum handeln,
in — wie schon aus dem eben Erwähnten hervorgeht — Zu—
sammenhängen zu sehen und in Zusammenhängen zu
denken. Was wir so dringend notwendig brauchen wie das tägliche
Brot, ist die Kenntnis der funktionellen Beziehungen
unseres Wirtschaftsorganismus und das Wissen um die Wir—
kungen, die Veränderungen einzelner Organe oder Teile
der Wirtschaft ihrer Natur nach im übrigen Wirtschaftskörper
hervorzurufen vermögen. Weder deskriptives Festhalten
noch soziologisches Ausdeuten der Wirtschaftstatsachen ist
also unser Ziel, oder hat das Ziel eigentlicher Wirtschafts⸗
—E
standekommens volkswirtschaftlicher Erscheinungen und
möglichst exakte Erforschung der physiologischen und funk—
tionellen Abhängigkeiten dieser Erscheinungen unter—
einander.
In diesen Fragen also die grundsätzlichen Gegebenheiten
und Möglichkeiten aufzuzeigen, halte ich für die gegebene
Aufgabe der modernen Wirtschaftstheorie. Auf sie
weist nicht nur die als Entwicklungsbedingung gekennzeichnete
Eigenart des geschilderten Untersuchungsobjektes hin, sondern
das tun auch — wie in Kürze angedeutet werden wird — die
übrigen Grundlagen der Entwicklung unserer Disziplin.
Nun ist die erwähnte Aufgabe — schlecht hin gesehen —
durchaus nicht neu. Aber — das erhöhte Bedürfnis nach
ihrer Lösung ist neu, und neu sind die Begleitumstände,
unter denen die Lösung gesucht werden muß.

c4
        <pb n="29" />
        Solange wir in der kurzen Spanne Zeit der Entwicklung
der Wirtschaftstheorie mit einer Wirtschaft zu rechnen hatten,
in der jeder Einzelne und jede einzelne Produktionseinheit
für sich stand, und in der die freie Konkurrenz Grundtat—
—
Not glauben, den großen einheitlichen Wirtschaftszusammen—
hang ausschließlich von einem Einzelelement ausgehend
rekonstruieren und analysieren zu können. Ob man beim
„homo oeconomicus“, beim „wirtschaftlichen Prinzip“ oder
dgl. mehr anfing, blieb sich im Grunde gleich. Heute aber
sehen wir deutlich, daß wir mit solchen Leitprinzipien allein
nicht auskommen, auch dann nicht, wenn sie an sich richtig,
d. h. dem Grundcharakter unserer Untersuchungsobjekte an—
gemessen sind (was man von den eben erwähnten nicht unein—
geschränkt behaupten darf), sondern daß vielmehr die vielfältige
Variation der an Zahl und Charakter in der neuen Wirt—
schaftsverfassung veränderten wirtschaftlichen Beziehungen die
ständige Erprobung gewählter Leitsätze auf Wirkung
und Bestand an der Hand des Stoffes, auf den sie sich
beziehen, erfordert.
Und damit drängt uns die Entwicklung selbst jene Ein—
stellung der modernen Wirtschaftstheorie auf, die sich schon
unter dem Einfluß der anderen erwähnten Komponente—
nämlich in Vermeidung der Einseitigkeiten und vielfachen
Unzulänglichkeiten vergangener Theorien des eben gekennzeich—
neten Charakters durchzusetzen beginnt, und die m. E. allein
unserem Untersuchungsobjekt angepaßt ist: Erforschung der
funktionellen Abhängigkeiten in der Wirtschaft unter
grundsätzlicher Berücksichtigung der tatsächlichen und der
möglichen Variationen dieser Art!
Nur bei solcher Einstellung vermag die Wirtschafts—
theorie der Wirtschaftspolitik das Rüstzeug an die
Hand zu geben, dessen die letztere bedarf, um mit ihren
Mitteln auch in der Tat die Wirkungen zu erreichen, auf die
sie abzielt, und auf die sie abzielen soll.
Wenn ich im Folgenden an einigen Beispielen gerade

25
        <pb n="30" />
        meines eigenen Arbeitsgebietes das Gesagte — und zwar im
zeitlich begrenzten Rahmen dieses Vortrages naturgemäß nur
andeutungsweise — illustriere, so geschieht das nur und lediglich,
um möglichst den Charakter dieser Vorlesung als einer persön—
lichen Vorstellung auch nach dieser Richtung hin zu wahren:
In der kapitalistischen Verkehrswirtschaft spielt beispiels—
weise die ständige Wiederkehr der Krise im Ablaufe des
Konjunkturzyklus bekanntermaßen eine unerquickliche Rolle. Die
Krisen sollen vermieden oder wenigstens gemildert werden.
Fragen einer Organisation der Kreditpolitik, der Zweckmäßigkeit
des Kartellwesens u. a. m. spielen hier herein. Es ist nun
die entscheidende Frage die: Sind die Krisen, deren periodische
Wiederkehr in ungefähr 7 —510 Jahren uns zu denken gibt,
aus dem organischen Ablauf unseres Wirtschaftsprozesses
heraus funktionell bedingt oder nicht. Je darnach werden
sich verschiedene Vorkehrungen ergeben. Für diese funktionelle
Bedingtheit spricht die Tatsache der Periodizität. Dagegen
pricht der Umstand, daß wir von 1825 an bis 1907 bei
allen Krisen zumindest auch nicht zwangsläufig aufscheinende
Störungen des Wirtschaftslebens feststellen können, die nicht
durch den Innenablauf des Wirtschaftsprozesses normal
und logisch bedingt sind, bzw. bei harmonischem Wachstum
des Wirtschaftsorganismus und seiner Kräfte ebensogut als
wegfallend gedacht werden können (plötzliche Zunahme
des Exportes, plötzliche Kapitalabwanderungen, mehr oder
minder scharf begrenzte Perioden des Ausbaues des Verkehrs—
wesens u. dgl. m.). Man könnte nun meinen, diese Störungen
als solche folgen etwa einer dem Statistiker sicherlich nicht
ungewohnten Gesetzmäßigkeit (wie die Zahl der Selbstmorde,
der Unglücksfälle oder der Diebstähle in einer bestimmten
Stadt), ohne deshalb aus dem organischen Wirtschaftsablauf
selbst bedingt zu sein. Aber auch diese Erklärung kann nicht
genügen, da die periodische Krise deutlich an bestimmter Stelle
des Gesamtzyklus wiederkehrt, ihr geht stets die auffal—
lende Hochkonjunktur mit ihren typischen Merkmalen vor aus.
Es scheint mir nun nahe zu liegen, daß man streng

26
        <pb n="31" />
        scheiden müsse: in den äußeren Anstoß, von woher er imnier
kommen mag, der die Krise auslöst, und eine periodisch
wiederkehrende Disposition der Wirtschaft, auf äußere An—
stöße mit allen Auswirkungen gerade einer Krise zu reagieren.
Dem Mediziner ist es bekannt, daß der menschliche Körper
auf manche Infektionen nur im Dispositionsfalle durch
Erkrankung reagiert. Disposition und Ansteckung müssen
zusammentreffen, soll es zu letzterer kommen. Ebenso erscheint
mir die Krise bedingt durch das Zusammentreffen
von äußerem Anstoß — der sich vielleicht vordem mehr—
fach wiederholt hat, ohne die Krise auszulösen — und
von Krisendispositon der Wirtschast gerade in der Zeit
der Hochkonjunktur. Die Disposition mag periodisch be—
dingt sein, und so sich wohl die Periodizität der Krise selbst
erklären. Daher glaube ich bei der Untersuchung etwaiger
funktioneller Empfindlichkeiten der Wirtschaft in
der Zeit der Anspannung und der mehr oder minder vollen
Ausnützung der Wirschaftskräfte bei Erörterung des Krisenpro—
blems einsetzen zu sollen. Wie sehr aber bei eindeutiger und
für das Wirtschaftsleben relevanter Lösung dieser Aufgabe
neben der rein theoretischen Zergliederung der grundsätzlich
möglichen Zusammenhänge Kenntnis tatsächlicher Zu—
sammenhänge und ihrer strukturellen Grundlagen, und
damit also des konkreten Stoffes not tut, um den es sich
handelt, wie sehr hier der Wirtschaftstheoretiker der Ergänzung
durch den Statistiker, der die dem Ersteren relevant erschei—
nenden zahlenmäßigen Unterlagen beizubringen hat, bedarf, und
wie sehr er u. U. hierbei beispielsweise auf die Ergebnisse der
Konjunkturforschung angewiesen sein kann, liegt auf der
Hand. Die Rolle und Stellung des Wirtschaftstheoretikers
ist m. E. hier ähnlich der des Anatomen und Physiologen
gegenüber seinen klin ischen Kollegen.
Ein anderes Beispiel bietet die Lohnpolitik. Die moderne
gewerkschaftliche Lohnpolitik zielt auf eine Besserung der wirt—
schaftlichen Lage der Arbeiterklasse ab. Sie sucht diesem Ziele
vor allem durch Steigerung der Lohnsätze gerecht zu werden
        <pb n="32" />
        Gut und schön! Ob aber eine Steigerung der Lohnsätze in
jedem Stadium des Wirtschaftszustandes den gewünschten
Erfolg erzielt, ist eine Frage für sich, die nur bei voller Er—
kenntnis der einschlägigen funktionellen Wirkungen der
Lohnerhöhung beantwortet zu werden vermag. Zunächst wird
es meiner Meinung nach darauf ankommen, festzustellen, welchen
Einfluß der Verlauf der Nachfrage auf dem Arbeilsmarkte,
der jeweils durch die Verhältnisse auf den einzelnen Produkt—
märkten bedingt erscheint, im Falle der Erhöhung des Lohn—
satzes auf die Höhe der gesamten zur Auszahlung gelangen—
den Lohnsumme, also auf den Soziallohn ausübt. Hierzu ist
zu sagen, daß Erhöhung des Einzellohnes Erhöhung des
Soziallohnes nur zur Folge haben kann, wenn die Elastizität
der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkte kleiner als 1 ist. Ist sie
gleich 1, oder gar größer als 1, könnte — ceteris paribus —
eine Erhöhung des Einzellohnes keine Erhöhung des Sozial—
lohnes — und um diesen muß es sich ja drehen — zur Folge
haben, in letzterem Falle sogar das Gegenteil. Ist die Elasti—
zität der Arbeitsnachfrage aber kleiner als 1, so setzt das
wieder einigermaßen gering elastische Nachfrage jener Produkt—
märkte voraus, von denen die Nachfrage nach Arbeit haupt—
sächlich ausstrahlt. Bei Märkten solcher Art handelt es sich
aber vielfach um lebenswichtige Produkte, deren Preiserhöhung
wiederum in erster Linie von der Arbeiterschaft getragen zu
werden hat, so daß in diesem Falle wieder die Gefahr
besteht, daß die Erhöhung des Nominallohnes in Auswirkung
funktioneller Uberwälzungszusammenhänge den erwünschten Er—
folg der Reallohnsteigerung zunichte macht oder doch
nicht annähernd erreicht. Dabei ist in solchen Fällen noch
weiter zu beachten die funktionelle Auswirkung der durch
Lohnerhöhung bedingten Preiserhöhung — soweit die Lohn—
erhöhung eben nicht aus Monopolgewinn bestritten oder durch
Verbesserung des Produktionserfolges eingeholt zu werden
vermag, u. a. m. — auf die allgemeine Wirtschaftslage,
auf die Konkurrenzlhage gegenüber dem Ausland, oder
schlechthin auf etwaige Brachlegung stehenden Kapitales usfs.
        <pb n="33" />
        Überhaupt ist die heute noch vorliegende Unkenntnis funktio—
neller überwälzungserscheinungen m. E. als Ursache dafür
anzusprechen, daß unsere ganze Sozial-, Steuer- und
Wirtschaftspolitik vielfach noch im Dunkeln tappt und
die Wirtschaft — wie vor einiger Zeit noch die Medizin den
Menschen — an den Symptomen statt an den konstitutio—
nellen Wurzeln des Übels behandelt und zu kurieren trachtet.
Jedenfalls aber ergibt die obige Erwägung grundsätzlicher
und theoretischer Art, daß in diesen Fällen ein und die—
selbe Ursache, je nach Eigenart der Materie, auf die sie
wirkt, verschiedenen Erfolg auszulösen vermag. Auch
hier setzt die wirtschaftspolitische Anwendung des theo—
retischen Rüstzeuges, sobald es geschaffen ist, Kenntnis
der Materie des Stoffes voraus.
Ein weiteres Beispiel sei aus der allgemeinen Währungs—
politik geholt. Heutzutage wird die Frage immer wieder
bentiliert, ob es nicht besser sei, für einen stabilen Geldwert
auf andere Weise als durch Bindung des Geldwertes an
den Stoffwert des Goldes zu sorgen, wie das sonst bekannt—
lich in der Goldwährung durch die freie Prägbarkeit des
Goldes usf. erreicht wird. Hier spielt u. a. die Frage nach
der wahren Wertstabilität des Goldes eine bedeutsame
Rolle. Nur die Kenntnis der funktionellen Zusammenhänge
zwischen der Wertbildung des Goldes und der Preisbildung
der einzelnen Produktionsfaktoren einerseits, und der Preis—
und Wertbildung der letzteren untereinander andererseits
kann m. E. die Grundlage für die erwünschte Lösung der
Frage schaffen. Auch hierbei wird uns Materialkenntnis
von Vorteil sein, und werden die Leistungen des Wirtschafts—
historikers und Wirtschaftsstatistikers erfolagreich
herangezogen werden können.
An solchen Beispielen ließen sich ihrer noch mehr erbringen.
Vor allem verbietet es mir nur der mir gesetzte enge Rahmen
der Darstellung, hier eine reiche Zahl von Leistungen hervor—
ragender Wirtschaftstheoretiker der Gegenwart als Beispiele
und als Beweise dafür anzuführen, daß die Entwicklung der

29
        <pb n="34" />
        Volkswirtschaftslehre in der modernen Wirtschaftstheorie den
von uns stkizzierten Weg praktisch schon einzuschlagen beginnt,
der allein uns der Lösung der gestellten Aufgaben näherzu⸗
bringen vermag.
Die Entwicklung des theoretischen Teiles unserer Diziplin
zu einer Artfunktioneller Wirtschaftstheorie, wie man
sie nennen könnte, liegt aber auch im Zuge der allgemeinen
geistigen Einstellung, der sich unsere Zeit zuzuwenden scheint.
Auch diese geistesgeschichtliche Komponente weist uns in die
kizzierten Bahnen.
Der Gedanke, kausale Zusammenhänge nicht eingleisig,
sondern in allen ihren — schließlich aber auch wieder kausa—
liter zu verstehenden und kausal sich auswirkenden —
Grundbedingungen zu sehen, kommt heute vielfach, in
den Naturwissenschaften wie in den Geisteswissenschaften, mittel—
bar oder unmittelbar, zum Durchbruch. Das fast überall
wiederkehrende Suchen nach neuen Grundlagen der Forschung,
nach neuen Forschungsrichtungen ist ein bedeutsames Symp—
tom unserer Zeit, wie wohl jeder „kritischen“ Epoche etwa
im Sinne August Comtes, das in unserem Falle u. a. eben
sichtlich auf das eben erwähnte Streben hinauskommt.
Um dieses auf einfachste Weise auseinanderzusetzen, möchte
ich an das klare Wort und den klaren Begriff Wundts
von der schöpferischen Resultante erinnern. Ihm zu—
folge sind bekanntlich „jusammengesetzte geistige Gebilde eine
Bereicherung gegenüber der bloß additiven Verbindung der
Einzelelemente“. Ein musikalischer Dreiklang ist etwas anderes,
ist ein Mehr als die bloße Summe von drei Einzeltönen, etwa
der Töne c, e und g. Ganz in der ähnlichen Weise sehen
wir in der Volkswirtschaftslehre die Volkswirtschaft nicht als
bloße Summe von Einzelwirtschaften, sondern als ein Mehr,
als ein qualitativ anders geartetes Etwas, als eine Er—
scheinung sui genéris, als eine der Einzelwirtschaft übergeord—
nete Einheit.
Aber wer wollte leugnen, daß ich dem Wesen etwa des er—
wähnten O-dur-Dreiklanges nur näher komme, wenn ich die

30
        <pb n="35" />
        zusammensetzenden Einzelelemente erforsche und für sich be—
stehend erkennen lerne, wenn ihre Einzelbetrachtung
ergibt, daß sie auch die Elemente ganz anders gearteter zu—
sammengesetzter Klänge und Resultanten zu sein vermögen,
und inwieweit sie das vermögen. Sie bleiben doch c, e und g,
auch wenn sie als aufbauende Teile (Zellen) der übergeordneten
Einheit des Dreiklangs in die ser Eigenschaft von diesem ihren
speziellen Funktionscharakter aufgeprägt bekommen. Wie wäre
wohl sonst eine Harmonielehre möglich? Und ist der C-dur-Drei—
klang etwa ein mystisches Ding schlechthin, oder ist er nicht ge—
rade dadurch gekennzeichnet, daß er sich aus dem greifbaren
e, e und g zusammensetzt, wenngleich er ein Mehr ist als
die bloße Summe, die additive Verbindung von e, e und g.
Ahnliche Verhältnisse finden wir auf den verschiedensten
Gebieten der Forschung und Wissenschaften vor. So gut wie
überall haben wir es mit zusammengesetzten Erscheinungen zu tun,
die als solche ihre Eigenart und ihren besonderen Charakter auf—
weisen, und die vielleicht wiederum aufbauende Zellen einer über—
geordneten Erscheinung sui generis sind. Die Wissenschaft ist
daher oft vor schwierige Aufgaben gestellt, um in das tiefere
Wesen der Dinge einzudringen. Sie forscht, wo solche auftreten,
nach Ursache und Wirkung und nach kausalen Zusammen—
hängen, und sie tut recht daran. Aber — wie schon gesagt —
diese kausalen Zusammenhänge sind meist nicht eingleisig.
Sie treten häufig — wenn ich mich so ausdrücken darf —
bündelweise auf. Ein und dieselbe Erscheinung vermag
verschiedene Bedeutung je nach den Grundbedingungen,
unter denen sie wirksam wird, und je nach dem Kausalkonnex,
in dem sie drinnen steht, zu erhalten und je darnach in der
Entwicklung einen verschiedenen Ablauf zu nehmen.
(Das e spielt im C-dur-Dreiklang eine andere Rolle und unter—
liegt anderen Spannungsbedingungen als z. B. im C-moll-Dreiklang.)
 Diese Umstände negieren daher keineswegs die
Kausalforschung, sondern heben ihre Bedeutnng erst recht her—
vor, rücken sie in deutliches Licht — und weisen einer etwa irrigen
eingleisigen Kausalforschung die richtigen Wege.
        <pb n="36" />
        Die Bevölkerung New NYorks z. B. ist in einem Tempo des
Zunehmens begriffen, das bei weiterem Anhalten in 100 Jahren
phantastische und geradezu unmögliche Zahlen der Bevölkerung
ergeben müßte. Ein eingleisiger induktiver Schluß würde
nun etwa mit einer derartigen fortgesetzten Zunahmetendenz
rechnen. Das wäre falsch! Eine solche Vermehrungstendenz
ist nicht etwas Fürsichbestehendes. Sie steht eben ihren
Grundbedingungen nach in einem Kausalnexus von funk—
tionellen Abhängigkeiten, sie steht in einem kommuni—
zierenden Röhrensystem mit anderen Kausalreihen, deren Ge—
samtberücksichtigung erst eine Prognose dieser Erscheinung
gestattet, und deren Gesamtwirkung der Ausdehnung der Be—
völkerung alsbald gewisse Schranken setzt. Die letztere geht be—
kanntlich zu einem Teile auf Zuwanderung von Bevölkerungs—
teilen aus dem ganzen Lande vor sich. Ganz grob gesehen, liegt
in dieser ihrer Grundbedingung schon ein determinierendes und
u. U. retardierendes Element. Die Zuwanderung hat ja natur—
gemäß ihre obere Grenze in der Größe und dem Vorhanden—
sein dieses Reservoirs. Die Bevölkerungsvermehrungstendenz
New NYorks ist also gewissermaßen das e in einem C-dur-Drei⸗
klang, den sie zusammen mit anderen Entwicklungstatsachen
und Erscheinungen bildet. Sie ist solcherart das Glied in
einer zusammengesetzten und übergeordneten Gesamterscheinung,
etwa der wirtschaftlichen usf. Gesamtentwicklung, die als solche
begriffen, aber mit den Mitteln der Kausalforschung
erforscht und analysiert werden muß.
Gerade so geht es uns mit der Wirtschaft. Sie ist
wie gesagt ein Ganzes, ein „Mehr“ als die bloß additive
Verbindung von Einzelwirtschaften. Sie muß ebenso wie die
Gesellschaft als solches „Mehr“ begriffen werden. Aber ihre
Erforschung kann dennoch notwendigerweise nicht anders als
durch Aufdeckung der rein kausalen Zusammenhänge erfolgen.
Nur muß die wissenschaftliche Untersuchung, was eigentlich
selbstverständlich ist, und zu verschiedenen Zeiten mit wechselndem
Erfolge angestrebt wird, allseitige Kausalforschung befolgen,
und nichteingleisige, weil die Kausalbeziehungen selbst eben

32
        <pb n="37" />
        nicht eingleisig sind. Sie wird z. B. inneren Verbunden—
heiten nachzuspüren haben. Eine solche liegt etwa hinsichtlich
des Kapitalzinses vor, worunter ich die durchschnittliche
Ertragsquote bewirtschafteter realer Kapitalanlagen verstehe.
Dieser Kapitalzins hat sich in den letzten 100 Jahren nicht
wesentlich geändert, die Höhe von etwa 4/, ist sich ziemlich
gleich geblieben, trotzdem das Angebot an Kapitalnutzungen
im Zusammenhang mit den außerordentlichen Kapitalinvesti—
tionen dieser 100 Jahre mächtigste Erhöhungen erfahren
hat. Wenn trotz mächtig gesteigerten Angebotes der Preis
derselbe bleibt, ist darauf zu schließen, daß sich fortlaufend
auch die Nachfrage in ähnlichem Ausmaß und Tempo erhöht
hat wie das Angebot. Eingleisige Kausalforschung würde
sich nun begnügen, die Zunahme dieser Nachfrage auf die
zunächst liegenden Ursachen zurückzuführen, und den Parallel—
ablauf auf der Angebots- und auf der Nachfrageseite rein
äußerlich als bestehend hinzustellen. Allseitige Kausal—
forschung jedoch wird diese kausalen Bedingungen durchver—
folgen und wird in diesem Falle finden, daß hier die Kausal—
bahnen in einanderwachsen und untereinander verstrebt sind
— in einer meiner nächsten Arbeiten werde ich Gelegenheit
haben, noch auf eine Reihe ähnlicher Fälle näher einzugehen
— und daß hier eine sog innere Verbundenheit zwischen
Angebot und Nachfrage vorliegt, derzufolge das Steigen der
einen Seite eine mehr oder minder gleichgeartete Bewegung
der anderen Seite mittelbar, d. h. auf Grund der beide ver—
bindenden funktionellen Beziehungen auszulösen vermag.
Die ganze Wirtschaft als Einheit — sonst wäre sie das
eben nicht — bildet nun mit allen ihren Gliedern einen solchen
Kausalnexus irgend welcher funktioneller Abhängigkeiten.
Um sie daher als Einheit nicht nur schlechthin und rein äußerlich
zu begreifen, sondern diese dem Wesen und den Einzelheiten
nach zu erkennen und zu verstehen, muß man die Gesamt—
heit der funktionelleu Zusammenhänge und Abhängigkeiten
den kausalen Grundbedingungen nach erforschen, muß den
Kausalnexus, der vorliegt, im einzelnen feststellen, und muß

33
        <pb n="38" />
        jedes Element, jedes e und e und g für sich genommen
kennen lernen, und dann feststellen, wie es im ganzen, im
O-dur-Dreiklange, drinnen steht und dieses aufbauen hilft.
Dem bekannten aristotelischen Satze, daß das Ganze
früher sei als der Teil, ist der Satz zur Seite zu stellen, daß
Analyse der vollen Synthese notwendig vorangehen muß. Die
allseitige Analyse, die nicht in eingleisige Sackgassen führt,
hereitet den Boden für das wirkliche Verstehen des über—
geordneten Ganzen. Das menschliche Denken an sich besteht
schon darin, Einheit aus buntem Vielerlei der Eindrücke —
und der Einzelerkenntnisse — zu schaffen. Einheit aus schein—
bar widerstrebender Vielheit schafft der Denker und in
seiner Weise der Künstler, ist gleichzeitig stets erneut der
Inbegriff des Wahren, des Schönen — und des Guten.
Der Mensch, der — ohne es jemals gelernt zu haben, ohne
es aber auch dem Prinzipe nach jemals „lernen“ zu
können oder lernen zu müssen — in Begriffen denkt, stellt
in dem Augenblick die Synthese her, wo er eine Allseitig—
keit von Zusammenhängen, das ist nichts anderes als die
gesamten Elemente der späteren Synthese, der übergeordneten
Einheit, tatsächlich und gleichzeitig zu erfassen vermag
(wie z. B. im Falle des Begriffes einer Pflanze). Die all—
seitige Kausalforschung bzw. die allseitige Analy se bereitet so
den Boden für gesteigerte Erkenntnisformen vor und erzeugt
sie. (Oft bewirkt schon teilweise Kausalkenntnis entsprechende
Synthese, je nach dem Grade intuitiver Veranlagung,
velch letztere im übrigen bekanntlich auch richtige Kausal—
forschung selbst ebensowenig zu entbehren vermag. Immer
aber ist die Tiefe der Erkenntnis der Synthese von der grund⸗
legenden kausalen Analyse abhängig, die auch nachfolgen
kann.) In besonderer Form kommt diese Tatsache bei Hegel
in seiner Dialektik zum Ausdrucke, soweit wir diese als
reines Denkgesetz ansehen wollen.
Die Aufgabe der Wissenschaft ist daher kausale For—⸗
schung, wo überhaupt Ursache und Wirkung hereinspielen, aber
nicht eingleisige, sondern allseitige. Die eingleisige, die nicht

34
        <pb n="39" />
        Vielzahl tatsächlicher oder möglicher kausaler Abzweigungen
berücksichtigt, und nicht darauf abgestellt ist, eine Mehrzahl
von in sich verstrebten Kausalbeziehungen gleich zeitig zu
erfassen, ist nicht imstande, Eindrücke von dem Wesen der
möglichen Synthese zu vermitteln, und nicht dazu in der Lage,
richtige Schlußfolgerungen über die Variationsmöglichkeiten
der einzelnen Kausalbeziehungen sowohl, wie auch des auf dem
Kausalnexus aufbauenden übergeordneten Ganzen zuzulassen.
Diese Tatsache spielt beispielsweise in der Medizin
eine große Rolle. Die Erkenntnis des menschlichen Körpers
erfolgt hier im Wege exakt kausaler Forschung, im Wege
anatomischer, physiologischer usf. Betrachtung. Geht diese
einmal in irgendeinem Punkte zu sehr eingleisig vor sich,
so verliert sie an Wert, vermittelt nicht auch weiter noch
Kenntnisse entscheidender Zusammenhänge und läßt sich
bei Behandlung des menschlichen Körpers auch nicht mehr
auswerten. Sie braucht deshalb durchaus nicht an sich falsch zu
sein. Eine Reaktion gegen diese Methode wird daher nach neuen
Kausalbahnen suchen und dabei die Forderung der Berücksich—
tigung und Erforschung des Gesamtkausalnexus, der All—
seitigkeit der funktionellen Beziehungen erneut aussprechen.
Da sie aber noch nicht weiß, wo etwaige Abzweigungen
unbeachtet blieben, und wo und wie sie verlaufen — sonst
wäre eine Reaktion gar nicht nötig — wird sie in solchem
Falle die allgemein gehaltene Forderung nach Berück—
sichtigung der Konstitution des menschlichen Körpers und
deren Grundbedingungen stellen. Sie wird etwa im Wege
experimenteller Allgemeinversuche — beispielsweise Nachthera—
pie des Krebsoperierten durch Verpflanzung in fremde Um—
gebung — solche vermuteten, aber bisher vernachlässigten
Kausalbeziehungen ungefähr festzustellen trachten, und dann
der exakten Kausalforschung nach solcherart vorgenommener
Korrektur der Einseitigkeit das Weitere überlassen.
Solcherart Korrekturen sind in der Geschichte der Wissen—
schaften wie überhaupt in der Entwicklung zeitgeschichtlicher
Geistesströmungen an der Tagesordnung. Dem letzteren Um—

35
        <pb n="40" />
        stande verdankt der Begriff der sog. kritischen im Gegensatze
zur organischen Entwicklungsperiode bei Comte offenbar
seine Entstehung.
Auch in der Gegenwart befinden wir uns mitten in einer
Ara der Korrekturen oder doch kritischen Beurteilung bisher
eingeschlagener Richtungen der Kausalforschung oder, je nach—
dem, sonstiger analytischer Untersuchungen. Wie schon gesagt,
gilt das im einzelnen von einer reichen Zahl von wissenschaft—
lichen Disziplinen. Und überall läßt sich das mehr oder min—
der bewußte Streben feststellen, die Forschung auf neue Grund⸗—
lagen zu stellen dadurch, daß man bisher eingeschlagene Rich—
rungen und Bahnen der Analyse und der Kausalforschung er—
weitert oder zugunsten bisher übersehener Zusammenhänge zu—
rücktreten läßt. Vielseitigkeit der analytischen Untersuchun—
gen im allgemeinen, der kausalen Eorschung im besonderen,
entgegen einseitiger Eingleisigkeit, scheint mir die gemein—
same Devise dieser Bewegung zu sein, die damit die Er—
tenntnis von Wesentlichkeiten anstrebt.
Auf dem Gebiete der Gesellschaftswissenschaften ist diese
neue Bewegung u. a. gekennzeichnet durch die Zunahme
sog. universalistischer Betrachtungsweise. Ich möchte hierzu
gleich bemerken, daß der Begriff des Universalismus
m. E. durchaus nicht eindeutig feststeht, ebensowenig wie der
des Individualismus. Und zwar ganz abgesehen davon,
daß man das eine Mal mit diesen Begriffen eine Anschauung
z. B. von der Wirtschaft, wie sie ist, und noch viel öfter die
anderen Male eine Auffassung von der Wirtschaft, wie sie
sein soll, damit verbindet. Jedenfalls ist es aber zunächst die
erstere Anschauung, um die es sich hier dreht. Und zwar
äeße sich die universalistische Anschauung von der Gesellschaft
oder Wirtschaft, wie sie ist, am besten kennzeichnen durch die oben
erwähnte Auffassung der Gesellschaft oder Wirtschaft als einer
dem sachlichen Zusammenhange nach — also ohne daß
damit ein Werturteil abgegeben ist — übergeordneten Einheit,
die aus den in wechselseitiger Verbundenheit und Abhängigkeit
voneinander stehenden Menschen im Rahmen allgemeingesell—

34
        <pb n="41" />
        schaftlichen oder wirtschaftlichen Geschehens gebildet wird,
ähnlich wie sich der C-dur-Dreiklang und der C-moll-Drei—
klang usf. aus den einzelnen Tönen dieser Dreiklänge zusam
mensetzt.
Diese heute besonders betonte Anschauung ist aber eine An—
schauung eben und noch lange keine Methode der Forschung.
Ein praktisch relevanter Gegensatz zu der sog. individualistischen
Gesellschaftsauffassung etwa der Naturrechtsphilosophie besteht
zunächst einmal darin, daß die letztere die Annahme von Natur—
gesetzen voraussetzte, denen zufolge der Ablauf des Gesellschafts—
oder Wirtschaftsgeschehens mehr oder minder eindeutig be—
stimmt sein sollte. Der aus dieser Anschauung resultierende
Fehler war der, daß die Anhänger der Naturrechtsphilosophie
in der Wirtschaftswissenschaft ein — ihrer Meinung nach —
naturgesetzliches Prinzip herausgriffen, vor allem die Wirk—
samkeit des sog. homo oeconomicus, und auf dieser Basis
eingleisige Kausalzusammenhänge konstruierten oder erforschten,
die der Vielheit der Kausalbeziehungen und Kausalkonnexe
innerhalb des Wirtschaftsganzen nicht völlig und allseitig ge—
recht zu werden vermochten.
Die Korrektur dieses Vorgehens auf Grund der besonders
betonten Auffassung von der Wirtschaft als geschlossenem
Ganzen kann nun nur in der Weise erfolgen, daß in der
Erforschung des Wirtschaftslebens die Allseitigkeit der
wirtschaftlichen kausalen Zusammenhänge und funktionellen
Beziehungen Berücksichtigung findet (soweit es sich um eigent
liche Wirtschaftstheorie handelt).
Hat aber die naturgesetzliche Betrachtungsweise die frei
gestaltenden Kräfte der einzelnen Menschen und Menschen—
gruppen außerhalb ihrer Rechnung gesetzt, so darf die An⸗
schauungsweise von der Wirtschaft als einer den einzelnen wirt—
schaftenden Menschen äußerlich übergeordneten Einheit nicht in
denselben Fehler verfallen. Träger des gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen Geschehens sind und bleiben im aktiven und
passiven Sinne die einzelnen Menschen mit ihrem Be—
wußtsein von Freud und Leid, von gut und böse, von

37
        <pb n="42" />
        schön und unschön, und mit der Souveränität ihres freien
und frei gestaltenden Willens, der durch die wechselseitige
Verbundenheit zur übergeordneten Einheit des kulturellen und
wirtschaftlichen Geschehens lediglich in gewisse einheitliche —
und darum Gesetzmäßigkeiten ähnelnde — Bahnen geleitet und
in seine Auswirkung zu für sich gegebenen, vom Ein—
zelnen unmittelbar ungewollten Erscheinungen (Zeitgeist z. B.)
verdichtet zu werden vermag. Die Wirtschaft daher nur als
Ganzes schlechthin sehen zu wollen, oder aber in der
Methode der Forschung immer nur die Gesamtheit berück—
sichtigen zu wollen (immer nur den C-dur-Dreiklang als solchen),
ohne die Analyse- und Kausalforschung, ausgehend von den
aufbauenden Zellen und Teilen der Wirtschaft selbst, vorzunehmen,
wie man das e und e und g als solche und auch als Glieder
anderer Harmonien verstehen muß, um das Zusammen-—
klingen im C-dur-Akkord voll zu verstehen), vermöchte nur ein
Oberflächenbild der Wirtschaft zu bieten, würde dazu führen,
daß uns die Vertiefung der wirtschaftlichen Erkenntnis durch
Erkennen aller der vielseitigen kausalen Zusammenhänge bzw.
funktionellen Abhängigkeiten verschlossen bleibt.
Auch die allgemeine geistesgeschichtliche Komponente
weist also m. E. auf die erwähnten Aufgaben der Wirtschafts⸗
theorie hin, und selbst in der Kunst ist das Streben — so
anzulänglich es sich vielleicht in einzelnen Fällen und zeitweise
auswirken mag, doch tut das hier nichts zur Sache —
nach (einheitlichem) Ausdruck von inneren, d. h. von wesent—
lichen Zusammenhängen nicht zu verkennen.
Doch sei auch dem, wie ihm wolle!
Die Entwicklung der Wirtschaftstheorie geht zwangsläufig
den von uns gekennzeichneten Weg. Doch vermag sie ihn
nicht allein zu gehen, soll sie zur vollen Auswirkung gelangen.
Wie schon früher gezeigt wurde, bedarf sie teilweise schon an
sich, vor allem aber zum Zwecke der wirtschaftspolitischen
Verwendbarkeit ihrer Ergebnisse — und darum muß es
sich doch endlich einmal gehen — der Ergänzung durch Kennt⸗—
nisse der Wirtschaftsstruktur und durch Kenntnis des
38
        <pb n="43" />
        Stoffes, auf den das von ihr geschaffene Rüstzeug angewandt
werden soll, bedarf sie der Ergänzung durch den Statistiker
und den Konjunkturforscher. Soweit aber funktionelle
Beziehungen und Abhängigkeiten durch Charakter und Eigen—
art der Privatwirtschaftseinheiten beeinflußt zu werden ver—
mögen, bedarf sie auch der Ergänzung durch die Privat—
wirtschaftslehre. Die längst erfolgte Abspaltung und Ent—
wicklung dieser Disziplinen — eine Art von Differenzierungs—
vorgang — erscheint mir nur als eine Bestätigung meiner
Ausführungen, denen zufolge aber ihre gleichzeitige oder nach—
folgende Integrierung zu gemeinsamer zielstrebiger Kooperation
ein Gebot der Zeit zu sein scheint.
Doch erfährt damit m. E. die Wirtschaftstheorie noch nicht
genügend Ergänzung; Erkenntnis funktioneller Zusammenhänge
schließt in sich die Erkenntnis funktioneller Wirkungen, nicht
nur der Gegenwart, sondern auch der Zukunft. Die Kenntnis
des Zustandekommens der früher erwähnten Variationen
des Wirtschaftslebens darf nicht fehlen. Berücksichtigung aller
funktionellen Zusammenhänge birgt die Forderung nach Be—
rücksichtigung ihrer Entwicklungsbedingungen in sich.
Hier liegt der Entwicklungsgedanke eines Friedrich List klar
zutage, wie er in seiner „Theorie der produktiven Kräfte“ zu
vorbildlichem Ausdruck gelangt ist. Die Einsicht in den Gang
der Entwicklung und ihrer Gesetzmäßigkeiten, der Üüberblick
über den zeitlich weitumrissenen Fortgang der Wirtschaft muß
der Wirtschaftstheorie bei Anwendung ihrer Ergebnisse auf
wirtschaftspolitische Fragen zur Seite stehen. Sie vermag der
Leistungen des Wirtschaftshistorikers List'schen Sinnes
nicht zu entbehren. Wenn wir die Wirtschaft als Ganzes
sehen, müssen wir doch auch die Wirtschaft als Ganzes in
der Entwicklung sehen, zunächst für sich genommen, und
dann auch und erst im Rahmen des allgemeinen gesell—
schaftlichen Zusammenhanges, in dem sie drinnen steht, und
dessen Entwicklungsablauf sie selbst mit beeinflußt, wie ja er
u. a. auch sie beeinflußt. Den objektiven Erscheinungen und
Gesetzmäßigkeiten, die die Wirtschaft als Ganzes kennzeichnen

39
        <pb n="44" />
        im Falle der Gegenwartsbetrachtung, entsprechen ob—
jektive Entwicklungsbedingungen und Gesetzmäßigkeiten, die die
Betrachtung der Wirtschaft als Ganzes in der Entwicklung
mit sich bringt.
Eine, sei es als universalistische, sei es wie immer be—
zeichnete Anschauung von der Wirtschaft, die nicht auch letztere
Tatsache anerkennt und sich nicht zum Bestande einer Ent—
wicklungslehre im Bereiche der Wirtschafts- (oder Gesell⸗
schafts-⸗)Wissenschaften bekennt, bliebe m. E. ein unfrucht—
barer Torso und fehlerhaft. Beide Betrachtungsweisen sind für
sich bestehend notwendig und müssen sich „zur Seite stehen“,
wie List — was viel zu wenig beachtet wird — deutlich
zum Ausdruck brachte, wenn er mit seiner genialen „Theorie
der produktiven Kräfte“ die klassische „Theorie der Werte“
nicht aufhob, sondern die erstere der letzteren nur ergänzend
wörtlich — zur Seite stellte.
Nicht umsonst aber auch steht heute der Wirtschafts—
theorie die rein soziale Betrachtung, die über die Grenzen
der Wirtschaftstheorie hinausgeht, und steht der Volkswirt—
schaftslehre die Gesellschaftslehre ergänzend, bzw.
diese umfassend, gegenüber.
Die Wirtschaft als Ganzes steht ja, wie gesagt, wieder
als verursachte Wirkung und als bewirkende Ursache in wechsel—
seitigen Zusammenhange mit dem ganzen Gesellschafts—
leben. Zeigt die Wirtschaftstheorie Wesen und Wirkungen
funktioneller Zusammenhänge im geschlossenen Wirtschafts—
organismus, so zeitigt die soziale und soziologische Betrachtung
Gesichtspunkte über die Wirkungen der wirtschaftlichen Zu—
sammenhänge außerhalb der Grenzen rein wirtschaft—
lichen Geschehens. Sie vermag solcherart dem Wirtschafts—
ablauf, dessen inneres Funktionieren sie selbst allerdings
nicht zu erkennen vermag, Ziele zu setzen und Postulate des
Sollens aufzustellen, denen die Wirtschaftspolitik
. w. S. in Handhabung des Rüstzeuges der Wirtschafts—
theorie gerecht zu werden hat. Die Theorie der Wirtschaft,
d. i. eben die Wirtschaftstheorie, wird solcherart u. a. zu einem

12

11
        <pb n="45" />
        Instrument der von ihr strenge zu unterscheidenden
sozialen oder soziologischen Theorie über die Wirtschaft.
Damit glaube ich, Aufgaben und Entwicklungsbedingungen
der modernen als einer gewissermaßen — der Name tut nichts
zur Sache — funktionellen Wirtschaftstheorie gegen—
über den benachbarten Disziplinen und auf der Grundlage
der diese Theorie bestimmenden Einflüsse einigermaßen ab—
gegrenzt zu haben.
Es ist ein im ganzen harter und nicht immer dankbarer
Dienst — allgemeines Philosophieren über die Wirtschaft oder
dgl. möchte uns vielleicht manchmal verführerischer und dank—
barer dünken — der ihr auferlegt erscheint. Wenn sie ihn
auf sich nimmt, so mag sie dabei der Gedanke daran unter—
stützen, daß es ihrer Mitarbeit bedarf, um Kultur und Volk
aus der Krise zu retten, in die uns der Entwicklungszustand
unseres sozialen und wirtschaftlichen Körpers geführt hat, zu
neuem äußeren Fortschritt und damit verbunde—
nemneuen inneren Aufstieg, in einem starken Staate,
eine politische Voraussetzung, ohne die, wie Sie ohne weiteres
einsehen werden, die wirtschaftspolitische Verwertung wirt—
schaftstheoretischer Erkenntnisse ja stark in Frage gestellt er—
scheinen müßte.
        <pb n="46" />
        4
4

—

nicht eingleisig sind. Sie wird z. B. inneren Verbunden—
heiten nachzuspüren haben. Eine solche liegt etwa hinsichtlich
des Kapitalzinses vor, worunter ich die durchschnittliche
Ertragsquote bewirtschafteter realer Kapitalanlagen verstehe.
Dieser Kapitalzins hat sich in den letzten 100 Jahren nicht
wesentlich geändert, die Höhe von etwa 4/, ist sich ziemlich
gleich geblieben, trotzdem das Angebot an Kapitalnutzungen
im Zusammenhang mit den außerordentlichen Kapitalinvesti—
tionen dieser 100 Jahre mächtigste Erhöhungen erfahren
hat. Wenn trotz mächtig gesteigerten Angebotes der Preis
derselbe bleibt, ist darauf zu schließen, daß sich fortlaufend
auch die Nachfrage in ähnlichem Ausmaß und Tempo erhöht
hat wie das Angebot. Eingleisige Kausalforschung würde
sich nun begnügen, die Zunahme dieser Nachfrage auf die
zunächst liegenden Ursachen zurückzuführen, und den Parallel—
ablauf auf der Angebots- und auf der Nachfrageseite rein
äußerlich als bestehend hinzustellen. Allseitige Kausal—
forschung jedoch wird diese kausalen Bedingungen durchver—
folgen und wird in diesem Falle finden, daß hier die Kausal—
bahnen in einanderwachsen und untereinander verstrebt sind
— in einer meiner nächsten Arbeiten werde ich Gelegenheit
haben, noch auf eine Reihe ähnlicher Fälle näher einzugehen
- und daß hier eine sog innere Verbundenheit zwischen
Angebot und Nachfrage vorliegt, derzufolge das Steigen der
einen Seite eine mehr oder minder gleichgeartete Bewegung
der anderen Seite mittelbar, d. h. auf Grund der beide ver—
bindenden funktionellen Beziehungen auszulösen vermag.
Die ganze Wirtschaft als Einheit — sonst wäre sie das
eben nicht — bildet nun mit allen ihren Gliedern einen solchen
Kausalnexus irgend welcher funktioneller Abhängigkeiten.
Um sie daher als Einheit nicht nur schlechthin und rein äußerlich
zu begreifen, sondern diese dem Wesen und den Einzelheiten
nach zu erkennen und zu verstehen, muß man die Gesamt—
heit der funktionelleu Zusammenhänge und Abhängigkeiten
den kausalen Grundbedingungen nach erforschen, muß den
Kausalnexus, der vorliegt, im einzelnen feststellen, und muß

32

955

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59.

1

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3
        <pb n="47" />
        <pb n="48" />
        <pb n="49" />
        <pb n="50" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
