Vorwort zur Volksausgabe

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dem Revisionismus, die Herausgabe der Theorien vom Mehrwert usw.
ließen mich damals dazu nicht kommen. Ich begnügte mich damit,
in der achten Auflage von „Marx’ ökonomische Lehren‘ ein Kapitel
über „Mehrwert und Profit“ einzufügen, in dem ich das Gesetz der
Durchschnittsprofitrate zur Darstellung brachte.

Das schien mir damals zur Not zu genügen. Heute aber bedürfen
die Ausführungen meiner Marx-Popularisierung einer Ergänzung.
Heute müssen auch der zweite und dritte Band popularisiert werden,
Das hat Karl Renner sehr wohl begriffen und, um diesem Bedürfnis
zu genügen, jüngst eine gekürzte Darstellung des wesentlichen In-
halts dieser Bände mit praktischen Nutzanwendungen veröffentlicht.
(„Die Wirtschaft als Gesamtprozeß und die Sozialisierung.‘‘)

Heute ist es auch notwendig geworden, einer Elite von Arbeiter-
lesern das Studium des zweiten und dritten Bandes selbst durch eine
Volksausgabe zu erleichtern.

Das erfordert die gewandelte historische Situation.

Der erste Band des „Kapital‘“ Liegt dem Arbeiter wohl unter allen
Umständen viel näher als die folgenden. Nach der Ueberwindung der
Schwierigkeiten der Wert- und der Geldtheorie betritt der Leser ein
Gebiet, auf dem der Arbeiter mehr zu Hause ist und in dem er sich
leichter zurechtfindet als der Intellektuelle: das Gebiet des Produk-
tionsprozesses, der Werkstatt, der Fabrik, des Bergwerks.

Ganz anders der zweite und dritte Band. Deren Gebiet ist haupt-
sächlich der Markt, der Warenmarkt und Geldmarkt. Darum hat sich
der Arbeiter bisher wenig gekümmert. Die Praxis des Alltags führte
ihn nicht dorthin. Aber auch eine weiterschauende politische Praxis
setzte ihm dort bis vor kurzem nur wenige Aufgaben.

Was das Proletariat zuerst braucht, ist das Klassenbewußtsein.
Der Klassenkampf wird ihm durch die ökonomischen Verhältnisse
von selbst aufgedrängt. Aber will es in diesem Kampf Erfolge erzielen
und ihn zu einem siegreichen Abschluß führen, bedarf es der Einsicht
in die Natur der Verhältnisse, die den Klassenkampf hervorrufen,
einer Einsicht, die ihm von der bürgerlichen Wissenschaft nicht ge-
boten werden kann. Diese betrachtet das ökonomische Treiben von
einem‘ dem seinen entgegengesetzten Standpunkte aus, was sich
unter anderm darin äußert, daß sie die bestehenden ökonomischen
Verhältnisse als unabänderliche Naturverhältnisse ansieht, alles das
in den Vordergrund stellt, was sie mit jeder Art des Wirtschaftens
gemein haben, und möglichst wenig von dem sieht, was ihre besondere
Eigenart ausmacht; sowie darin, daß sie bei der Erklärung des Wirt-
schaftswesens nicht von den Vorgängen der Produktion ausgeht, son-
dern von denen des Marktes. Die eine wie die andere Betrachtungsweise
der bürgerlichen Oekonomie findet ihren tiefsten Ausdruck darin,
daß sie heute die grundlegende Erscheinung jeder Tauschwirtschaft,
den Warenwert, einmal nicht aus den besonderen gesellschaftlichen
Bedingungen der Warenproduktion zu erklären sucht, sondern aus
einem allen Wirtschaftsweisen gemeinsamen Verhalten des einzelnen