Vorwort zur Volksausgabe

XIX
Anstoß. Mit einem Ruck erkannte die große Masse der Angestellten
ihre Solidarität mit dem industriellen Proletariat und strömte seinen
Fahnen zu. Damit wurde die Armee des proletarischen Klassenkampfes
nicht nur zahlenmäßig sehr verstärkt, sondern auch durch neue Ein-
sichten bereichert. Der Gesamtbewegung werden nun Elemente
einverleibt, die im Zirkulationsprozeß ebenso zu Hause sind wie die
industriellen Proletarier im Produktionsprozeß. Die Fähigkeit
unserer Partei, nach Eroberung der Staatsgewalt das ganze ökono-
mische Getriebe zweckmäßig und erfolgreich im Interesse des Prole-
tariats zu regeln, wird dadurch enorm gesteigert.

Aber alle die Einsichten, die die Einzelnen aus ihrer Praxis ge-
winnen, so wichtig, ja unerläßlich sie für das Verständnis des Wirt-
Schaftslebens sind, sie bleiben unzureichendes Stückwerk, wenn sie
nicht widerspruchslos vereinigt werden in einem Gesamtzusammen-
hang, in einer Theorie, die erst jeder einzelnen Erkenntnis ihr richtiges
Gewicht im Gesamtgetriebe verleiht.

Alle die praktischen Erfahrungen der Angestellten sowie der
Genossenschafter usw. in bezug auf den kapitalistischen Zirku-
lationsprozeß machen das Studium des zweiten und dritten Bandes
des „Kapital‘‘ in keiner Weise überflüssig. Doch machen sie dieses
Studium erst recht fruchtbar; denn die Theorie bleibt für diejenigen,
die sie studieren, ein toter Buchstabe, wenn ihnen die Kenntnis der
Tatsachen fehlt, auf die sie aufgebaut ist. Die Zahl derjenigen, die die
beiden letzten Bände des „Kapital“ mit Frucht zu studieren ver-
mögen, hat sich innerhalb des letzten Jahrzehnts in unsern Reihen
bedeutend vermehrt.

Gleichzeitig mit der Notwendigkeit dieses Studiums sind also
auch die Vorbedingungen gewachsen, es erfolgreich zu betreiben.

Das Studium des zweiten und dritten Bandes des „Kapital“
wird jedoch von praktischer Bedeutung nicht nur im Hinblick auf den
„Zukunftsstaat‘“, über dessen Nähe man verschiedener Meinung sein
kann und der auch nicht für alle Staaten unserer Zeit gleich nahe-
liegt. . Aber nicht nur die Zukunft, sondern auch die Gegenwart er-
heischt es, namentlich seit dem Weltkriege, daß die Politiker des
Sozialismus ebenso wie seine Theoretiker über den Zirkulationsprozeß
und den Gesamtprozeß des Kapitals ebensogut Bescheid wissen wie
über den Produktionsprozeß.

Gewiß, die Grundlage des proletarischen Klassenkampfes ist der
Klassengegensatz zwischen Kapital und Arbeit, der aus den Ver-
hältnissen. der Produktion hervorgeht. Aber die Lage der Arbeiter
hängt nicht allein von diesen Verhältnissen ab. Im Zirkulations-
Prozeß treten Erscheinungen auf, die für das Wohl und Wehe der
Arbeiter von größter Bedeutung sind und die an Gewicht nicht da-
durch verlieren, daß hier bis zu einem gewissen Grade Arbeiter und
Kapitalisten die gleichen Interessen haben.