Vorwort zur Volksausgabe

XXI
zum völligen Zusammenbruch gesteigert. In jenen Tagen der Inflation
zeigte es sich deutlich, daß das Proletariat sich heute nicht einmal mehr
in der Währungspolitik auf die Kapitalistenklasse verlassen kann;
zeigte es sich auch, welche hohe praktische Bedeutung eine richtige
Geldtheorie bekommen kann, nicht bloß für die Händler, sondern
auch für die Arbeiter.

Unter dem Eindruck dieser Situation suchte ich die Marxsche
Geldtheorie zu popularisieren in einem längeren Kapitel meiner
„Sozialdemokratischen Bemerkungen zur Uebergangswirtschaft‘“,
die leider infolge der Zensurschwierigkeiten erst unmittelbar vor der
Beendigung des Krieges erschienen. Ich hatte weder so offen reden
können, wie notwendig, noch die so überraschenden Verhältnisse
nach dem Kriege in Betracht ziehen können.

Aber nicht nur das Geldwesen, auch die Krisen haben nach dem
Weltkriege ein ganz neues Gesicht bekommen. Entsprangen sie bis
dahin, soweit sie allgemeiner Natur waren, rein ökonomischen Ver-
hältnissen, die durch die Mittel kapitalistischer Politik wenig zu
beeinflussen waren, so sind wir seitdem in ein Zeitalter tollsten
Wechsels zwischen kurzatmigen Perioden der Prosperität — wirt-
schaftlichen Aufschwungs — und schwerster, lähmendster Krisen ein-
getreten, die zum weitaus größten Teil ein Produkt der Politik der
Regierungen sind, sich also vermeiden ließen, auch bei Fortdauer der
kapitalistischen Wirtschaft, wenn die Politik der Regierungen etwas
weniger von militaristischen und monopolistischen Erwägungen und
etwas mehr von ökonomischer Einsicht in die Bedürfnisse des Zirku-
lationsprozesses bestimmt würde.

Allerdings wäre eine Periode der Krisen nach dem Kriege wohl
unvermeidlich gewesen, auch bei einer vernünftigeren Politik der
Regierungen. Daß eine solche Periode zu erwarten sei, konnte man
voraussehen, wenn man mit den Gedankengängen des vorliegenden
zweiten Bandes des „Kapital‘ vertraut war.

Bei Ausbruch des Krieges trösteten sich viele über die Ver-
heerungen und Opfer, die er unvermeidlicherweise mit sich bringen
mußte, mit der Erwartung, ihm müsse eine Aera starker Prosperität,
das heißt, starker Beschäftigung der Industrie folgen. Gerade die
Vernichtung so vieler Produkte im Kriege erzeuge ein starkes Be-
dürfnis nach neuen Produkten. Und die Verrnichtung so vieler
Arbeitskräfte müsse jede Arbeitslosigkeit auf langhin ausschließen.
Man wies hin auf die Folgen des letzten großen westeuropäischen
Krieges, des deutsch-französischen von 1870/71, dem nicht nur im
siegreichen Deutschland, das eine große Kriegsentschädigung ein-
heimste, sondern. auch im besiegten Frankreich, das fünf Milliarden
Franken zu zahlen hatte, eine Aera gewaltiger industrieller Tätigkeit
folgte. Wohl erwartete man eine Krise beim Ausbruch des Krieges,
nicht aber nach dem Friedensschluß.

. Gegen diese Auffassung wendete ich mich schon im Sommer 1916
in einer Abhandlung, betitelt: „Die ökonomische Seite des Erschöp-