Vorwort zur Volksausgabe

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am meisten stockte, die Industrie am meisten dem Kriegszweck dienstbar
gemacht wurde. .,
So besteht die Gefahr, daß der furchtbare Aderlaß, den der Krieg hervor-
ruft, durch den Frieden nicht gestillt wird, sondern weiter geht und manchen
Staat Europas industriellem Verkommen entgegenführt. Diese Gefahr kann
nur gebannt werden, wenn die Arbeiterschaft die Anschauungen aufs ener-
zischste geltend macht, die sie bis zum Kriege vertrat, und wenn es ihr gelingt,
liesen Anschauungen zum Durchbruch zu verhelfen. Je mehr Sozialismus,
lesto gesicherter die Rettung des Vaterlandes.“
Deutlicher in der Presse zu sprechen, war 1916 nicht möglich.

Wie es damals vorausgesehen wurde, ist es wirklich gekommen.
Was ich aber nicht voraussah, war, daß die Zeit der Preissprünge und
Krisen im Frieden noch so lange dauern würde. Das rührt daher,
daß die Friedenspolitik der herrschenden Klassen in fast allen Staaten
nicht von ökonomischer und schon gar nicht von marxistischer Er-
kenntnis geleitet war, sondern von einem durch den Krieg groß-
gezogenen Kultus der brutalen Gewalt, von der man wähnte, man
könnte sich, wenn man über sie verfüge, über alle ökonomischen
Gesetze hinwegsetzen; einer Gewalt, deren Träger noch verblendet
wurden durch Haß, Furcht, Mißtrauen. die der Krieg zur Sinnlosig-
keit gesteigert hatte.

So hat die Politik seit dem Friedensschluß sich nicht nur
nicht bemüht, die Proportionalität der Produktion wieder herzu-
stellen, die der Krieg durchbrochen hatte, sondern sie hat vielmehr
in verhängnisvollster Weise dahin gewirkt, die Aera der Krisen, die
dem Kriege aus ökonomischen Gründen notwendigerweise folgen
mußte, nicht zu mildern und zu verkürzen, sondern zu verschärfen
and zu verlängern.

Der Krieg hatte durch das entsetzliche Elend, das er hervorrief,
die. Klassengegensätze aufs höchste gesteigert, am meisten in den
Ländern der Besiegten, wo noch gegenseitige Vorwürfe wegen der
Schuld am Ausbruch des Krieges und an der Niederlage hinzukamen.
Das ungeheuer geschwächte ökonomische Getriebe konnte tiefgehende
Erschütterungen schwer ertragen. Die mildeste Form der Aus-
tragung der Klassengegensätze wäre im damaligen Zustande die
ökonomisch heilsamste gewesen. Sie war am ehesten erreichbar
unter den Formen der Demokratie. Der Zusammenhruch im Kriege
führte vielfach zur Demokratie.

Aber der Kultus der brutalen Gewalt, den der Krieg erzeugt
hatte, drängte anderseits oft zur Ersetzung der Demokratie durch
eine Diktatur, deren naturnotwendiges Ergebnis der Bürgerkrieg war,
der die ökonomische Verwirrung aufs höchste steigerte.

Aber auch wo es nicht zum Bürgerkrieg kam. wirkte die Politik
nach dem Kriege verderblich.

_ Die wichtigste ökonomische Aufgabe der Staatsgewalt in jedem
Lande nach Beendigung der Kriegshandlung bestand darin, ihren
Einfluß im Produktionsprozeß dazu auszunutzen, daß die Umstellung