XXXVIII

Vorwort zur ersten Auflage
„habe ich in meinem dritten sozialen Brief ebenso wie Marx, nur
kürzer und klarer gezeigt.‘ Also das ist der Kernpunkt: die Mehr-
wertstheorie; und es ist in der Tat nicht zu sagen, was sonst Rodbertus
bei Marx als sein Eigentum allenfalls reklamieren [beanspruchen]
könnte. Rodbertus erklärt sich hier also für den wirklichen Ur-
heber der Mehrwertstheorie, die Marx ihm geplündert habe.

Und was sagt uns der dritte soziale Brief über die Entstehung des
Mehrwerts? Einfach, daß die „Rente“, wie er Bodenrente und Profit
zusammenfaßt, nicht aus einem „Wertzuschlag‘‘ auf den Wert der
Ware entstehe, sondern „infolge eines Wertabzugs, den der Arbeits-
lohn erleidet, mit andern Worten: weil der Arbeitslohn nur einen Teil
des Wertes des Produkts beträgt‘, und bei hinreichender Produk-
tivität der Arbeit „nicht äqual [gleich] dem natürlichen Tauschwert
ihres Produkts zu sein braucht, damit von diesem noch zu Kapital-
ersatz (!)und Rente übrigbleibt‘“.7? Wobei uns nicht gesagt wird, was
das für ein „natürlicher Tauschwert‘“ des Produkts ist, bei dem zu
„Kapitalersatz‘“, also doch wohl Ersatz des Rohstoffs und des Ver-
schleißes der Werkzeuge nichts übrigbleibt.

Glücklicherweise ist uns vergönnt zu konstatieren, welchen Ein-
äruck diese epochemachende [bahnbrechende] Entdeckung Rod-
bertus’ auf Marx machte. Im Manuskript: „Zur Kritik‘ usw. findet
sich in Heft X, S. 445 ff., eine „Abschweifung. Herr Rodbertus.
Eine neue Grundrententheorie‘, Nur unter diesem Gesichtspunkt
wird hier der dritte soziale Brief betrachtet. Die Rodbertussche
Mehrwertstheorie im allgemeinen wird erledigt mit der ironischen
Bemerkung: „Herr Rodbertus untersucht erst, wie es in einem Lande
aussieht, wo Grund- und Kapitalbesitz nicht geschieden sind, und
kommt dann zum wichtigen Resultat, daß die Rente (worunter er
den ganzen Mehrwert versteht) bloß gleich der unbezahlten Arbeit
oder dem Quantum von Produkten ist, worin sie sich darstellt.‘ 8

Die kapitalistische Menschheit hat nun schon verschiedliche Jahr-
hunderte lang Mehrwert produziert und ist allmählich auch dahin
gekommen, sich über dessen Entstehung Gedanken zu machen. Die
erste Ansicht war die aus der unmittelbaren kaufmännischen Praxis
entspringende: der Mehrwert entstehe aus einem Aufschlag auf den
Wert des Produkts. Sie herrschte unter den Merkantilisten, aber
schon. James Steuart sah ein, daß dabei, was der eine gewinnt, der
andere notwendig verlieren muß. Trotzdem spukt diese Ansicht
noch lange fort, namentlich unter Sozialisten; aus der klassischen
Wissenschaft wird sie aber verdrängt durch A. Smith. ;

Bei ihm heißt es, „Wealth of N ations‘, b. I, ch. VI [,,Reichtum
der Nationen‘, Buch 1, 6. Kapitel]: „Sobald Kapital (stock) sich
7? Die zitierten Stellen finden sich bei Rodbertus: „Soziale Briefe an
von Kirchmann, Dritter Brief‘, Berlin 1851, S. 87. K.

8 Vgl. Karl Marz: „Theorien über den Mehrwert.“ Stuttgart 1905,
Band II. 1. Teil, S. 167/168. S. auch Rodbertus: a. a. 0... 8. 73. K.