Sechstes Kapitel

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Für den Kapitalisten, der andere für sich arbeiten läßt, wird
Kauf und Verkauf eine Hauptfunktion. Da er das Produkt vieler
auf größerem gesellschaftlichen Maßstab aneignet, so hat er es auch
auf solchem zu verkaufen und später wieder aus Geld in die Pro-
duktionselemente zurückzuverwandeln. Nach wie vor schafft Kauf-
und Verkaufszeit keinen Wert. Eine Illusion kommt herein durch
die Funktion des Kaufmannskapitals. Aber, ohne hier noch näher
darauf einzugehen, ist so viel von vornherein klar: Wenn durch Tei-
lung der Arbeit eine Funktion, die an und für sich unproduktiv,
aber ein notwendiges Moment der Reproduktion ist, aus einer Neben-
verrichtung vieler in die ausschließliche Verrrichtung weniger ver-
wandelt wird, in ihr besonderes Geschäft, so verwandelt sich nicht
der Charakter der Funktion selbst. Ein Kaufmann (hier als bloßer
Agent der Formverwandlung der Waren, als bloßer Käufer und Ver-
käufer betrachtet) mag durch seine Operationen die Kauf- und Ver-
kaufszeit für viele Produzenten abkürzen. Er ist dann als eine
Maschine zu betrachten, die nutzlosen Kraftaufwand vermindert oder
Produktionszeit freisetzen hilft. *!

Wir wollen, um die Sache zu vereinfachen (da wir erst später
den Kaufmann als Kapitalisten und das Kaufmannskapital betrach-
ten), annehmen, dieser Agent zum Kaufen und Verkaufen sei ein
Mann, der seine Arbeit verkauft. Er verausgabt seine Arbeitskraft
und seine Arbeitszeit in diesen Operationen W— G und G — W.
Und er lebt daher davon, wie ein anderer zum Beispiel vom Spinnen
oder Pillendrehen. Er verrichtet eine notwendige Funktion, weil der
Reproduktionsprozeß selbst unproduktive Funktionen einschließt.
Er arbeitet so gut wie ein anderer, aber der Inhalt seiner Arbeit
schafft weder Wert noch Produkt. Er selbst gehört zu den faux
frais [unwirtschaftlichen Kosten] der Produktion. Sein Nutzen be-
steht nicht darin, eine unproduktive Funktion in eine produktive
zu verwandeln oder unproduktive Arbeit in produktive. Es wäre
u „Die Unkosten des Handels müssen, wenn sie auch notwendig sind,
dennoch als eine drückende Ausgabe betrachtet werden.‘ (Les frais de com-
merce, quoiquend&cessaires, doiventötreregardes comme une depense onereuse.
Quesnay: „Analyse du Tableau Economique“, in Daire, Physiocrates, I.Partie,
Paris 1846, p. 71.) — Nach Quesnay ist der „profit‘*, den die Konkurrenz unter
den Kaufleuten hervorbringt, nämlich daß sie dieselben nötigt, „Ihr Entgelt oder
ihren Gewinn herabzusetzen ... genaugenommen nur eine Hera bm inderung
des Verlustes für den Verkäufer erster Hand oder für den kaufenden Konsu-
menten. Nun, eine Verminderung des Verlustes, den die Unkosten des Handels
verursachen, ist kein wirkliches Produkt oder eineVermehrung des Reich-
tums, hervorgebracht durch den Handel, ob man ihn an und für sich einfach
als Austausch unabhängig von den Transportkosten oder mit den Transport-
kosten zusammen betrachtet‘ (A mettre leur retribution ou leur gain au
rabais.. . n’est rigoureusement [in der Engelsschen Ausgabe „serieusement‘“ K.]
parlant qu’une privation de perte pour le vendeur de la premiere main et
pour l’acheteur-consommateur. Or, une privation de perte sur les frais du
commerce n’est pas un produit r6el ou un accroit de richesses obtenu par le

Das Kapital. I.

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