Zwölftes Kapitel

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aeuern oder die Länge der Vorschußzeit wie auch die Masse des
Kapitals (obgleich das täglich oder wöchentlich angewandte Kapital
dasselbe ist), die je nach der Länge des Arbeitsprozesses vorgeschossen
werden muß. Der Umstand ist deswegen zu merken, weil die Länge
des Vorschusses wachsen kann wie in den im folgenden Kapitel zu
betrachtenden Fällen, ohne daß deswegen die Masse des vorzuschies-
senden Kapitals im Verhältnis zu dieser Zeitlänge wächst. Das Kapi-
tal muß länger vorgeschossen werden, und eine größere Menge Kapital
ist in der Form von produktivem Kapital gebunden.

Auf den unentwickelteren Stufen der kapitalistischen Produktion

werden Unternehmungen, die eine lange Arbeitsperiode, also große
Kapitalauslage für längere Zeit bedingen, namentlich wenn nur auf
großer Stufenleiter ausführbar, entweder gar nicht kapitalistisch be-
trieben, wie zum Beispiel Straßen, Kanäle etc. auf Gemeinde- oder
Staatskosten (in älteren Zeiten meist durch Zwangsarbeit, soweit die
Arbeitskraft in Betracht kommt). Oder solche Produkte, deren Her-
stellung eine längere Arbeitsperiode bedingt, werden nur zum gering-
sten Teil durch das Vermögen des Kapitalisten selbst fabriziert.
Zum Beispiel beim Hausbau zahlt die Privatperson, für welche das Haus
gebaut wird, portionsweise Vorschüsse an den Bauunternehmer. Sie
zahlt daher in der Tat das Haus stückweise, im Maß, wie sein Produk-
tionsprozeß vorangeht. In der entwickelten kapitalistischen Aera da-
gegen, wo einerseits massenhafte Kapitale in den Händen einzelner
konzentriert sind, anderseits neben den Einzelkapitalisten der asso-
zierte Kapitalist (Aktiengesellschaften) tritt und gleichzeitig das
Kreditwesen entwickelt ist, baut ein kapitalistischer Bauunternehmer
nur noch ausnahmsweise auf Bestellung für einzelne Privatpersonen.
Er macht ein Geschäft daraus, Häuserreihen und Stadtviertel für den
Markt zu bauen, wie einzelne Kapitalisten ein Geschäft daraus machen,
Eisenbahnen als Kontraktoren zu bauen.

Wie die kapitalistische Produktion den Häuserbau in London
umgewälzt hat, darüber geben uns die Aussagen eines Bauunter-
nehmers vor dem Bankkomitee von 1857 Auskunft. In seiner I ugend,
sagte er, wurden Häuser meistens auf Bestellung gebaut und der
Betrag während des Baues ratenweise an den Unternehmer bezahlt
bei Vollendung gewisser Stadien des Baues. Auf Spekulation wurde
nur wenig gebaut; die Unternehmer ließen sich hierauf hauptsächlich
nur ein, um ihre Arbeiter regelmäßig beschäftigt und damit zusammen
zu halten. Seit den letzten 40 Jahren hat sich das alles geändert.
Auf Bestellung wird nur noch sehr wenig gebaut. Wer ein neues
Haus braucht, sucht sich eins aus von den auf Spekulation gebauten
oder noch im Bau begriffenen. Der Unternehmer arbeitet nicht mehr
für den Kunderi, sondern für den Markt; ganz wie jeder andere In-
dustrielle ist er gezwungen, fertige Ware im Markt zu haben. Während
früher ein Unternehmer vielleicht drei oder vier Häuser gleichzeitig
auf Spekulation im Bau hatte, muß er jetzt ein ausgedehntes Grund-
stück kaufen (das heißt in kontinentaler Ausdrucksweise auf meist