Dreizehntes Kapitel

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und zwischeneinander schieben, ändert nichts an der Sache. Arbeits-
periode und Produktionsperiode decken sich hier nicht. Die
Produktionsperiode ist größer als die Arbeitsperiode. Aber erst
nach Zurücklegung der Produktionsperiode ist das Produkt fertig,
reif, also aus der Form von produktivem Kapital verwandelbar
in die von Warenkapital. Je nach der Länge der nicht aus Arbeits-
zeit bestehenden Produktionszeit verlängert sich also auch seine
Umschlagsperiode. Soweit die über die Arbeitszeit überschüssige
Produktionszeit nicht durch ein für allemal gegebene Naturgesetze
bestimmt ist, wie beim Reifen des Korns, dem Wuchs der Eiche usw.,
kann die Umschlagsperiode oft mehr oder minder verkürzt werden
durch künstliche Abkürzung der Produktionszeit. So durch Ein-
führung der chemischen Bleicherei statt der Wiesenbleicherei, durch
wirksamere Trockenapparate in Trocknungsprozessen. So in der
Gerberei, wo das Eindringen der Gerbsäure in die Häute nach der
alten Methode 6 bis 18 Monate wegnahm, nach der neuen, worin
die Luftpumpe angewandt wird, nur anderthalb bis zwei Monate.
(J.G. Courcelle-Seneuil: „Traite th6orique et pratique des Entreprises
industrielles etc. Paris 1857‘, 2. 6d.3%°) Das großartigste Beispiel von
künstlicher Abkürzung der durch Naturprozesse ausgefüllten bloßen
Produktionszeit liefert dieGeschichte der Eisenproduktion und nament-
lich die Verwandlung von Roheisen in Stahl in den letzten 100 Jahren,
von dem um 1780 entdeckten Puddling bis zu dem modernen Besse-
mer-Prozeß und den seitdem eingeführten neuesten Verfahrungs-
weisen. Die Produktionszeit ist enorm abgekürzt worden, aber in
demselben Maß auch die Anlage von fixem Kapital vergrößert.
Ein eigentümliches Beispiel für die Abweichung der Produktions-
zeit von der Arbeitszeit liefert die amerikanische Fabrikation von
Schuhleisten. Hier entsteht ein bedeutender Teil der Unkosten
daraus, daß. das Holz bis zu 18 Monaten zur Austrocknung lagern
muß, damit der fertige Leisten sich nachher nicht zieht, seine Form
verändert. Während dieser Zeit macht das Holz keinen andern
Arbeitsprozeß durch. Die Umschlagsperiode des angelegten Kapitals
ist daher nicht nur bestimmt durch die zur Leistenfabrikation selbst
erheischte Zeit, sondern auch durch die Zeit, während deren es im
austrocknenden Holz brachliegt. Es befindet sich 18 Monate im
Produktionsprozeß, bevor es in den eigentlichen Arbeitsprozeß ein-
treten kann. Dies Beispiel zeigt zugleich, wie die Umschlagszeiten
verschiedener Teile des zirkulierenden Gesamtkapitals verschieden
sein können infolge von Umständen, die nicht innerhalb der Zirku-
lationssphäre, sondern aus dem Produktionsprozeß entspringen.
Besonders deutlich tritt der Unterschied von Produktionszeit
and Arbeitszeit hervor in der Landwirtschaft. In unsern gemäßigten
Klimaten trägt das Land einmal jährlich Korn. Die Abkürzung oder
Verlängerung der Produktionsperiode (für Wintersaat durchschnittlich

808 Da eine nähere Angabe fehlt, war das Zitat nicht nachzuprüfen. K.