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        <title>Zum Wiederaufbau Deutschlands und Europas</title>
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            <forname>Wilhelm August</forname>
            <surname>Dyes</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>1798241765</idno>
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        <pb n="1" />
        EA EOMEPERHA
EHSTIKUTS
FAR
WMEaLIVWIRTSCHAFT
EL
BISLIOTHEK
ZZ 9365
        <pb n="2" />
        “halt.

‚.bbott, B. T,
in kAexiko, 10924, -
Aostimmungen Über die Einreise in das Avus-
land. 1924, .
"ychowsky,N, LI. :Die Sozialver-
sicherung in der Union der Soziali-
stischen Sowjetrenubliken, 1925,
A, :Zum Yiederaufbavu Deutsch-
lands und Zuronas, 1925,
‚erg ,H. :Direkt skeppsfart emellen
Venerns Och utlandets hamnar. 1879,
Hammerbacher,Juliuvs:Die Becken -in der Reichs-
stadt Nürnberg, 1924,
‚Aorsten, Franz:Die Familien-Fideikommis-Poli-
tik in Prevssen in bes, Rerücks.der
, varteinoel., Stellungnahme, 1924,
Kühn de 1a Zscosura, Charles: Ihero-Ämerica
# und Deutschlend, 19224,
/ Xollerus, Ihr, Je C.:Die nieder-
ländischen Handelskammern, ihr Wesen,
Ziel und ihre Zntwicklung. 19224,
scar:Celdentwertung und Hyootheken.
ode
‚AfıEberts Prozese
jerhard:Der demokı.
deutschen Sozialrc
        <pb n="3" />
        Vom Verfasser überreicht

Zum Wiederaufbau
Deutschlands und Europas

Ein= und Ausblicke

VON
Dr. W. A.'Dyes
Wirtschaftlich-technischer Beräte:
Berlin= Wilmersdorf
Landhausstraße 9
Fernsprecher Pfalzbur® 2404

Sonderabdruck aus der „Chemiker= Zeitung“, Cöthen (Anhalt)
Druck von Paul Schettlers Erben, AG. in Cöthen (Anhalt)
        <pb n="4" />
        Fehr
SF ri ur
IS Uni ln a
DO cf
o 2 |

3
        <pb n="5" />
        GELEITWORT

Nachdem ich bereits 1917 auf die wirtschaftlichen
Folgen des Krieges in Buchform („Die wirtschaftliche
Organisation der Kriegsfolgezeit‘“, Verlag Veit &amp; Co.,,
Leipzig) mahnend aufmerksam gemacht und 1919 mit
schwerem Herzen nach dem Zusammenbruche meine Auf-
sätze „Neue Zeiten“ geschrieben hatte, fällt es mir jetzt
ebensowenig leicht, einen Einblick in Deutschlands
Stellung in der Weltwirtschaft zu. geben, da wenig Erfreu-
liches zu berichten ist. Dr. H. Schulz (Chem.-Ztg. 1924,
S. 637) hat, wiederum wie viele, darauf hingewiesen, daß
Anregungen von Außenstehenden nicht gerne übernommen
werden, weil einseitige Facherziehung als Hemmung zu
überwinden und der Zunitgedanke auch heute noch stark
vorhanden ist. Prutkoff sagt: „Der Spezialist gleicht
siner geschwollenen Backe; seine Fülle ist einseitig.“
General von Kuhl meint in seinem Gutachten über die
Ursachen des deutschen Zusammenbruches: „Klarheit über
die wirkliche Lage ‘ohne jede Schönfärberei, mannhalfter
Entschluß zur Wahrheit, daran hat es gefehlt. Das durch
Leiden gereifte deutsche Volk hätte vielleicht auch
schlimmste Wahrheit zu tragen vermocht.“ Nachdem der
vom Reichsyerbande der Deutschen Industrie als Mahner,
Warner und Berater berufene Dr. Georg Bücher den
Ausspruch getan hat: „Jeder, der seine ‘wirtschaftlichen
Interessen über die des Staates stellt, ist ein Verräter an
den Lebensinteressen unseres Volkes,“ halte‘ ich es wie
bisher und noch mehr als bisher für meine Pflicht, . un-
zeschminkt meine Überzeugungen zu vertreten, die aus
meiner wirtschaftlich-technischen Be-
ratungspraxis leider manches Beispiel
kennen, das zeigt, wie man bei weitem
Blick und bei besserer Kenntnis der welt-
wirtschaftlichen Verhältnisse anders
hätte handeln können und sollen.

Februar 1925. Berlin-Wilmersdorf, Landhausstr. 9.
Dr. W A Dres

Der Verfasser wird ‚sich freuen,
wenn die Empfänger dieser kleinen,
stark verkürzten Schrift ihm Gegen-
Äußerungen, kritische Bemerkungen,
Ärgänzungen oder Tatsachenmaterial
zukommen lassen würden.
        <pb n="6" />
        <pb n="7" />
        Zum Wiederaufbau Deutschlands und Europas.
Ein- und Ausblicke in Weltwirtschaft und Chemie.
Von Dr. W. A. Dyves, Berlin-Wilmersdorf.

K
Die zweite Periode der Kriegsiolgezeit.
Der jetzt heranwachsende Deutsche gleicht dem jungen Berg-
;teiger, der auf dem schmalen Grat. manchmal belästigt von
3chwindelgefühl, einem fern liegenden Ziel unter harten An-
;trengungen entgegengewandert, Rechts von ihm liegen die Gefilde
seines Landes, entwickelt und zu Gedeihen gebracht durch die
nühsame Arbeit seiner Vorfahren und dann belastet mit. den
jegativen Erfolgen der letzten Generationen und ihrer Führer.
Links dehnen sich bis in weite Fernen die ihm fast unbekannten
zebiete fremder Länder aus, in denen gleichfalls Menschen und
Völker ähnlicher Begabung ihr Dasein zum Teil mühelos, zum
Feil unter ähnlichen Entbehrungen und Arbeitslasten verbringen.
Der Grat kann zum Erfolge versprechenden Ziele führen, wenn
jer Blick sich nicht einseitig in die Vergangenheit wendet und
mmer wieder an. das bisher auf der rechten Seite Geschaffene
ınd zum Teil Vergangene zurückschweift. Nur die Erkenntnis
ınd der Einblick in alles das, was auch auf der linken geschah,
zeschieht und weiter erreicht wird, zerstört die Weltfremdheit. Vor
allem braucht der emporklimmende Deutsche klare, die Wahrheit
nicht scheuende Augen und Sinne, ohne falsche Illusionen über
jen langen, beschwerlichen, an abgrundtiefen Stellen vorbeifüh-
‚enden. schmalen. aber sicheren Pfad.
Der Ersatz der durch den Krieg in ganz Europa (nicht in den Ver.
Staaten von Amerika) erlittenen Kapitalverluste erfordert Dekaden.
Ganz Europa hat hart zu arbeiten. Der „Economist“ vom 2. August 1924
sagt: „Wenn die Wirtschaftler vor 10 Jahren gewußt hätten, was jeder
Mann heute weiß, so wären es die wirtschaftlichen Probleme nicht der
Kriegszeit, wohl aber der langen Jahre nach dem Kriege gewesen, die
sie mit Furcht erfüllt hätten.“
Prof, Noyes stimmte mir zu, als ich meinte, daß die Periode der letzten
Jahrzehnte vielleicht in der Geschichte als das „Zeitalter der Stupidität‘“ be-
zeichnet werden würde. Jetzt finde ich im Spectator laut Wirtschaftsdienst
jolgende englische Bestätigung: „Die Geschäfte der Welt wurden sehr übel
in Versailles geführt. Keine der Hauptpersonen war der Aufgabe gewachsen,
und am wenigsten, in ihrer besonderen Art, Lloyd George und Präsident
Wilson. Wenn sie dümmer gewesen wären,. hätten sie wahrscheinlich
Besseres vollbracht. Schlimmeres hätten sie kaum zustande bringen können.
Der idealistische Teil der Versailler Abmachungen ‘war schwätzerisch, futil,
olutarm und schlecht gebaut. Der opportunistische war oft niedrig und grau-
sam. Die Regelung als Ganzes war eine schlammige Mischung von Hochmut
and Unwissenheit, Zynismus und Egoismus. Dennoch wäre es töricht, die
Sache allzu tragisch zu betrachten. Wir dürfen nie vergessen, daß die Mehrheit
jer menschlichen Handlungen auf allen Gebieten töricht und belanglos ist.“
— Leider kommt diese Erkenninis. in allen Ländern reichlich spät.
        <pb n="8" />
        Der Londoner „Statist“ hat an die Spitze seiner Betrachtungen den
Satz gestellt: „Wieviel Jahre es dauern mag, bis die Welt sich vom
Kriege erholt hat, wird die lebende Generation niemals wissen; für
Jiese genügt es festzustellen, daß wenigstens ein Anfang gemacht ist.
Nach fünf Jahren der verschiedensten Anstrengungen, die unfruchtbar
in der Erfüllung, aber fruchtbar in der Erzeugung neuen Übels waren
tritt 1924 hervor als das Jahr der Rückkehr zu jenem Geist der Gesund-
heit und der gegenseitigen Hilfe, der allein die Nationen zur Wohlfahrt
führen kann. Lord Grey of Falloden hat am 16. November 1924 zuge-
geben, daß das Anwachsen der Rüstungen in Wirklichkeit den Weltkrieg
aınvermeidlich machte, und daß England trotz des Sieges soviel Kriegs-
kosten und Schadenersatz zahlt, als ob es den Krieg verloren hätte
Der nächste Krieg bedeutet einen Sieg über die Zivilisation.“

Die Macht und Bedeutung der Kriegsindustrien wird dem Laien klar
bei der Lektüre des Buches „Statistical information on the trade in arms
ammunition and material of war“, das von der League of Nations bei Con-
stable &amp; Co. in London (Preis2% s.) herausgegeben ist. Dr. L.H. Baeke-
(and sagte September 1924 über‘ den Weltkrieg: „Sicherlich haben
Chemiker weder den Krieg begonnen, noch sein Entstehen ermutigt; sie
wurden nur herangezogen, nachdem der Feuerbrand des Krieges außer-
halb der Kontrolle der Kasten war, die damals die Geschicke der Nationen
regierten. Wenn diese die furchtbaren Verantwortlichkeiten und Folgen
des Weltbrandes geahnt hätten, würden sie sicherlich vorsichtiger gezögert
haben, diesen zur Entzündung zu bringen“ — —. An den Chemikern
der Gegenwart ist es, die gar nicht abzusehenden Folgen eines modernen
chemischen Flugzeug-Krieges in allen Einzelheiten sich selbst und ihren
Nationen im voraus klar zu machen. .

Die phantastische Illusionspolitik auf nationalem Gebiet, die
Deutschland unendlich viel schadet, wie auch Dr. Stresemann am
11. Oktober 1924 öffentlich betonte, findet für den einsichtigen Chemiker
ihre einfachste Illustration des Mißlingens und debacle durch einen
kurzen Blick auf die Landkarte. Aachen, Köln, Düsseldorf, Essen, Gel
senkirchen, Duisburg, Solingen und andere Orte des Ruhrgebietes, Bonn
Koblenz, Trier, Mainz, Wiesbaden, Frankfurt, Ludwigshafen, Mannheim.
Darmstadt, Karlsruhe bis Freiburg i. Br, werden durch Gaskampfmitte)
innen weniger Tage, vielleicht binnen 24 Stunden vernichtet, wenn
unter heutigen Verhältnissen die Idee einer deutschen Revanche zum
Wahnsinn einer kriegerischen Betätigung führen sollte.

Vom wirtschaftlichen Standpunkte müssen wir uns darüber klar
sein, daß in den sich allmählich normaler gestaltenden Zeiten der
zweiten Periode der Kriegsfolgezeit Inflations- und Spekulationsgewinne
weniger oder fast gar nicht in Frage kommen, sondern daß solide Tüch
tigkeit wieder die Hauptrolle spielt.
Europa.
Der Vorrang Europas ist dahin! Seine Einheit besteht zurzeit in
jem Gefühl einer allgemeinen Verarmung, einer Verschuldung und
raldlichen Abhängigkeit vom Dollarlande. Die Trennung der einzelnen
        <pb n="9" />
        4 za
Teile des Kontinents Europa wird trotz des noch bestehen dfif? Hasiee: ME
Nichtverstehens und Konkurrenzgefühls, unter den einzelhen ewmprie\
. x * ‘ x U at
»äischen Nationen auf die Dauer nicht aufrecht zu erhalten WC wenn
Europas Kultur in der Welt noch eine Rolle spielen soll. * Darähe* muß
man sich klar sein. „HE
pr
Rabindranath Tagore hat in China den Studenten des Orients
von dem Studium in den westlichen Staaten abgeraten, „die westliche Kultur
hricht zusammen“; ebenso sprach sich kürzlich der Sieger im chinesischen
Bürgerkriege aus.

Der Inder Gandhi; genannt Mahatma, „die große Seele‘, sagt 1): „Der
etzte Krieg hat die satanische Natur der Zivilisation aufgedeckt, die heute
muropa beherrscht. Alle Gesetze der öffentlichen Moral sind im Namen der
Fugend durch die Sieger verletzt worden. Keine Lüge war zu niedrig, um an-
sewandt zu werden. Und die Ursache all dieser Verbrechen ist grob materia-
listisch... Europa ist nicht christlich. Es betet den Mammon an...
Diese satanische Zivilisation wird sich selbst zerstören. Sie ist der wahre
Feind Indiens, sie viel mehr als die Engländer. Denn die Engländer sind an
ınd für sich nicht schlecht, doch krank an ihrer Zivilisation.‘

Heinrich Mann sagt in seiner „Diktatur der Vernunft“ ?): Was hat
ıns denn, gegen alle Wahrscheinlichkeit, so lange erhalten — klein und
jenachteiligt an natürlichen Hilfsmitteln wie unser Erdteil ist? Unsere
wache Tatkrait allein, die ständige Bereitschaft, Wissen und selbst Traum in
Handlung zu verwandeln. Seit einer Weile bleiben. wir zurück hinter den
neuen Mächten, die heranwuchsen. Zum erstenmal im Dasein Europas sind
wir unzeitgemäß. Das ist am wenigsten uns erlaubt, für uns ist es das Ende.
Entweder hören wir auf, das geeinte Europa für Utopie, Liebhaberei und
jernes Zukunftsbild zu halten, erfassen endlich seine dringlichste Lebens-
notwendigkeit, — oder dieser Ausläufer Asiens, der so viel lärmenden Aufruhr
jewagt hatte, wird still zurückgeholt werden von der großen Mutter.

John Maynard Keynes sagte: Wenn Europa einen Zerfall erleben
sollte, wird er nicht materiellen, sondern geistigen Ursachen zuzuschreiben
sein. — Wir sind heute die ungläubigsten Menschen geworden. Alle unsere
-eligiösen oder politischen Konstruktionen sind von Moiten zerfressen — sogar
iurchlöcherter, als wir es uns zugestehen wollen.

Der Kommunismus ist durch die Ereignisse in.Mißkredit gekommen.
Der Sozialismus. mit seiner altmodischen Interpretation interessiert die
Welt nicht länger. Der Kapitalismus hat sein Selbstvertrauen verloren.
Wenn die Menschen nicht durch ein gemeinsames Ziel verbunden oder
lurch objektive Prinzipien bewegt sind, wird der eine gegen den
anderen kämpfen, und die ungeregelte Jagd nach individuellem Vorteil
mag bald das Ganze zerstören. In der letzten Zeit gab es kein gemein-
3ames Ziel der Völker und ‚der Klassen mit Ausnahme des Krieges
Keynes sieht Europas Zukunftsmöglichkeiten nur in einem pazifisti-
schen Ausgleich und einer Geburtenbeschränkung. Meine früheren Aus
Tührungen gegen den ungezügelten Mammonismus finden hier ihre Be
stätigung. , .

Der amerikanische Handelsminister Hoover beurteilt Europa
°olgendermaßen: .

Hundert Millionen Esser sind zuviel da; ohne Einfuhr können sie nicht
ernährt werden.

1) „Mahatma Gandhi“ Rotapfel Verlag, Leipzig-München. S. a. Literatur-

blatt der Frankf. Ztg., 21. Dezember 1923.

Verlag Die Schmiede“ Barlin:
        <pb n="10" />
        Die Produktionsmöglichkeit leidet durch die industrielle und kommerzielle
Demoralisation, . politische Kämpfe, Arbeiterforderungen.

Fünfzehn Millionen Familien genießen Arbeitslosenunterstützung.

Ich zitiere. Walther Rathenau: „Die kleinen europäischen Terri-
jorien werden, wenn sie sich ihres Zusammenhanges nicht bewußt sind, nicht
imstande sein, die großen technischen Aufgaben der Zukunft zu lösen, denn
die technische Führung liegt da, wo die Größe der Produktion ist. ‘Die Größe
der Produktion ist aber bedingt durch die Größe des Konsums. das heißt die
Größe des Territoriums.“

Die Produktionsfähigkeit Europas von 1918/14 wird allmählich
wieder erreicht, nicht aber seine Konsumfähigkeit. Bis 1914 war Europa
das Hauptabsatzgebiet Deutschlands; es nahm 76 % seiner Exporte auf.
Im eigentlichen Welthandel von Fabrikaten spielte damals Deutschland
im britischen Imperium und Nordamerika durchaus nicht die Rolle, die
der Laie vielfach annahm.

Unterkonsumption ist das Hauptwort. in der jetzigen europäischen
Wirtschaft. Preisabbau ist die logische Konsequenz, da die Kon-
zumenten zu arm sind. Qualität bei Billigkeit ist für diese
das Leitmotiv bei Einkäufen. Im Augenblick wird in Deutschland noch
zuviel Sekunda- und Tertiaqualität erzeugt. Ich muß immer an Reu-
lauxs Warnung vor etwa 45 Jahren denken, als er Reichskommissar
in Philadelphia. war und die deutsche Industrie vor „Billig und schlecht“
warnte. Da wir auf Export angewiesen sind, müssen wir „billig und prima“
liefern, aber nicht nur ans Ausland, sondern auch im Inland. Sehr
interessant, trotz mancherlei Widersprüche, sind die Auffassungen ‚des
Franzosen Gustave le Bon („The World unbalanced‘“, Fisher
Union, London 1924), der u. a. sagt: „Die einzigste Lösung des euro-
päischen Problems und der Folgen des Krieges liegt in der Hebung der
Produktion aus dem natürlichen Reichtum der Länder und einer Ver-
ringerung der Ausgaben, d. h. Sparsamkeit.‘ Meine vor 7 Jahren ge
machten Darlegungen über die Kriegsfolgezeit °) werden also auch hier
bestätigt.

Wenn wir uns nun fragen: Woraus besteht das augenblickliche
Europa? so werden viele unter uns sich leider eingestehen, daß: wir
herzlich schlecht orientiert sind. Daher gebe ich folgende Ühersicht *)
Li. Staaten ohne Gebietsveränderungen:
Letzte Zählung akım

Bevölkerung

überhaupt je qkm
921 228 197 2767 530 187,41
921 83 8009 4 494 000 52,38
920 410 498 5 904 489 14,38
920 309 633 2649775 8,56
920 34201 5865 314 200,73
920 41 298 3.886 090 34,10
‚220 505 154 21 338 381 42,24
‚920 91 948 6 032 991 65,61
1917 159 10.716 67,40
iq292 . 2 586 260 767 100,84

Großbritannien

Irland

Schweden .

Norwegen

Niederlande

Schweiz .

Spanien . .

Portugal .

Liechtenstein

Luxemburg

3) „Die wirtschaftliche Organisation der Kriegsfolgezeit“, Leipzig 1917.

» DAN TOSEHE und bearbeitet nach „Wirtschaft und Statistik“ 1924
S B46—64R
        <pb n="11" />
        2. Staaten mit Gebietsveränderungen oder neugebildet, geordnet nach de!
Zevölkerungszahl, die ja für weltwirtschaftliche Fragen am wichtigsten ist:
früheres Deutschland . . 540857 qkm, früher fast
Jetziges Deutschland nur . 470270 akm, jetzt etwa
Frankreich . . . - 551 000 qkm, jetzt etwa
ftalien. . 0. 0.4 312 640 qkm, jetzt etwa
Polen + 4 386 500 akm, jetzt etwa
Rumänien . . 316 000 qkm, jetzt etwa
Tschechoslowakei 40500 akm, jetzt etwa
fugoslavien . 249 000 qkm, jetzt etwa
Ungarn . 92 720 akm, jetzt etwa
Belgien . - 30 440 akm, jetzt etwa
Österreich .. 79880 qkm, jetzt etwa
Griechenland 147 640 qkm, jetzt etwa
Bulgarien 103 189 akm, jetzt etwa
Finnland 333 000 akm, jetzt etwa
Dänemark 43.017 qkm, jetzt etwa
Litauen . 55257 akm, jetzt etwa
Lettland 35 685 qkm, jetzt etwa
Estland 47 550 akm, jetzt etwa
Albanien 34 000 akm, jetzt etwa
Türkei nkm. jetzt etwa

55 Mill.
30 Mill
39,2 Mill.
38,9 Mill.
27% Mill.
7,4 Mil.
3,6 Mill.
2 Mill
3 Mill
7,46 Milk
3,35 Mill.
35 Mill.
186 Mill.
33 Mill.
326 Mill.
24 Mill.
16 MPL
LEO MN
087 .
2 Mu)

53 Deutschland hat verloren an:

akm
14 521,8

1 035,8

3 992,7

1 914,2

2 656,7

501,4

15 864,5

9,6

26 041,8

511,6

5 221,2

„816,2

Tusgesamt abgetreten 70 587,5

5 Polen besteht aus: qkın
Kongreßpolen . . . «+ ‚ 5 » 137879
Ostpolen FE ; 505 s 152 126
Xleinpolen (Galizien) + Wh = KK ı a u + 79080
Westpolen- (Posen, "Westpreußen, Ostpreußen) . . 42932
xchlesien (Oberschlesien und Teschen) - 4231
Polen 401 827
‚Nach neucster Angabe 386 479

u

Einwohner
Einwohner ®)
Einwohner
Sinwohner
Sinwohner ®%)
*inwohner
"inwohner ®
"inwohner ”
‘inwohner
Zinwohner
"inwohner
3mwohner
zinwohner
nwohner
Jinwohner
ginwohner
Einwohner
Einwohner
Einwohner
Einwohner

Einwohner
am 1. 12. 1910

874 014

60 003

166 348

330 630

L41 238

24 787

364 704

224

1 946 461

26 2485

393 074

48 469

6 476 200
Einwohner
11 221 249
5 746 163
7 464 367
2 912 285
1 125 5837
28 469 599
27 178 690
5 Der Zuwachs. Rumäniens durch den Krieg besteht aus: Bessarabien,
Bukowina, Siebenbürgen, Marmarosch, ‚Krischäna, Banat.
Die Tschechoslowakei besteht aus: qkm Einwohner
Böhmen 2 Hs 32058 6 770 578
Mähren u; Schlesien (einschl, Hultschiner Gebiet) 26 724 3 3831 908
Slowakei HM ME # OR x wi ; 49014 2 993 479
Karpathen-Rußland BR HH 7 12694 605 731
Pschechoslowakei am 15. 2. 1921 ... + +. 140485 13 601 696
Nach neuerer Angabe (1928) . . 140 485 13 611 349
Fugoslavien besteht aus: Nordserbien, Südserbien, Montenegro, Bosnien,
Herzegowina, Kroatien, Slawonien, Dalmatien, Mediamirien, Krk-Inseln,
3lowenna. Banat. Batschka.
        <pb n="12" />
        Hinzuzufüger ist Rußland, das weltwirtschaftlich trotz seiner Größe und
hohen Bevölkerungszahl für geraume Zeit kaum eine Rolle spielt, wie die
Imvport- und Exportziffern wenigstens bisher zeigen:
Räte-Rußland-Moskau ;  ükm
Europa „&amp; 4 © u = ı @m 576210
Nordkaukasien .. . . . „2 „831552
Turkestan » 2.000000. 1478.44
Sibirien‘ : . 10780 97.

RSFSR 16 353 062

Räte-Ukraine-Charkow USSR . 4146 838
Räte-Transkaukasien: no

Georgien-Tiflis . . 0... 65 967

Armenien-Eriwan . . . . 39 021

Aserbeidschan-Baku ” 86.999

Einwohner
66 485 972
7 649 027
7201 551
Q 9257 825
90 594 375
26 001 802

2 372 403
1214 391
2 096 973
ZSFSR 191 987 5.683 767
Räte-Weißruthenien-Minsk BSSR 59634 . 1.634223
Bund der Soc. Räte-Freistaaten 17051527 . . . 123914167
Auf dieses durch Zollschranken zurzeit getrennte und unter Haß-
Nachwirkungen des Krieges und Verarmung leidende Europa ist
Deutschland: neben seinem Inlandsverbrauch‘ in seiner Hauptausfuhr
angewiesen. Folglich hängt seine wirtschaftliche Wiedergeburt in erster
Linie davon ab. wie es die inländische Produktiön und Aufnahmefähig-
keit stärkt.
Die Vereinigten Staaten von Nordamerika,

Die europäischen Industrien, selbst die vorgeschrittenen “deutschen
Industrien, haben vor allem die Entwickelung in dem sowohl rohstoff-
wie industriereichen Nordamerika aufs genaueste zu beobachten:

Prof. Friedrich Dessauer schrieb nach einer Amerikareise in
„Hochland“: „Wie unendlich konservativ sind wir im Grunde in Europa?
Wie mühselig ringen wir, wie zäh halten wir! Eıngerichtet, abgeschafft, neu
gebaut: —. es. geht in Amerika schnell. Und die meisten menschlichen Dinge
sind auch danach, daß wir unsere Ansichten über sie nicht aus” Granit
bauen sollten. Das Entscheidende ist in Nordamerika das Werden, Ver-
gehen, nicht das Sein, der materielle, körperliche, geistige Stoffwechsel. nicht
der aufgespeicherte, errungene, verwahrte Vorrat.“

Unter den amerikanischen Reden ist mir ein Wort unauslöschlich
im Gedächtnis geblieben; es handelte sich um die Mahnung, auf dem
Negativen aufzubauen, nicht mit dem Positiven, dem Erreichten zu-
frieden zu sein. Das Erreichte, die Erfolge in. die Welt hinauszu-
posaunen, ist bei uns in Deutschland vor dem Kriege ein großer Fehler
gewesen. Natürlich ist jetzt nach all den Kriegsfolgen die Stimmung
eine ganz andere
In der Gesellschaft für technische Physik hat, Prof. Gehlhoff seine
amerikanischen Eindrücke geschildert. Ein Amerikaner führte aus, daß seiner
Ansicht nach die größere Wissenschaftlichkeit nicht genügen würde, die
Stellung der deutschen Technik zu behaupten. Amerika hätte in zivilisaterischer
Hinsicht einen gewissen Sättigungsgrad erreicht und somit Kraft übrig, um
sich jetzt auch den kulturellen Aufgaben zu widmen. Das mache sich nicht
nur in der Wissenschaft. sondern auch in der Literafur und Kunst bereits be-
        <pb n="13" />
        merkbar. Wenn- Deutschland auf der Höhe bleiben wolle, wäre dazu auch
ein besseres Verhältnis. zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer erforderlich
in Amerika sei dies vorhanden.‘ In diesem Zusammenwirken von Koplf-
und Handarbeitern liege einer der Hauptgründe für die erzielten Fortschritte
Das wurde auch von Gehlhoff bestätigt.

Wir müssen bei der amerikanischen Konkurrenz besonders in Betracht
ziehen, daß dieser unermeßliche Geldmittel zur Erprobung technisch-wissen-
schaftlicher Neuerungen zur Verfügung stehen, wie Generaldirektor Dr. F
Neuhaus von den Borsigwerken aufs neue hervorhob.

Der von mir seit 7 Jahren propagandierte freiere Austausch technischer
Erfahrungen unter deutschen Konkurrenten-Fabrikanten bietet m. E. die
ainzige Möglichkeit, diesen immer mehr zur Geltung kommenden technischen
Vorrang Amerikas einigermaßen auszugleichen. .

Die amerikanische Massenerzeugung von Qualitätsfabrikaten (System er-
folgreich durchgeführt bei Loewe, Berlin) hat den Export an Fabrikaten
enorm gesteigert, von 100 (1875) auf 179 (1890), auf 484 (1900), auf 1000
1912), auf mehr als 2000 Mill, Doll. 1924.

Amerikas Stellung charakterisieren folgende Ziffern (in Mill. £ 1%):

Welterzeugung an Steinkohle 1922: 1032 t, V. St. Amer. 418, Brit. Im-
perium 279. Stahlerzeugung V. St. Amer. 1922 38,8, Brit. Imperium und
Frankreich zusammen nur 11. Welterzeugung an Baumwaolle 2.85, .V. St
Amer. 1,72. ,

Kuropas Abhängigkeit von den U.S. A. ist gewaltig; ihr Reichtum
40 % des Weltvorrates ‘an Gold), Europas Verschuldung an sie (11,8
Milliarden Dollar; nach Angaben des amerikanischen Schatzamtes be-
trägt die Forderung an England 4600, an Frankreich 3 990, an Italien
2015, an Belgien 454 Millionen Doll.), ihr steigender Export nach
Europa (1914 : 1923 — 1350 : 2093 Mill. Doll.; der Absatz nach Europa
1914 : 1923 = 100 : 155) zeigt sich nicht nur in Lebensmitteln (386 :
730 Mill. Doll. 1913 : 1922), sondern auch in Fertigfabrikaten (157 : 379
Mill. Doll). Europa nahm 1922 etwa 70 % der amerikanischen Exporte
an Lebensmitteln auf, lieferte an die U.S. A. nur 12% % der ameri:
kanischen Importe an PFabrikaten. Die Commerce Reports vom
18. August 1924 besagen offen: Europas Importe amerikanischer Er-
Zzeugnisse ermöglichen nur den U.S. A. die gewaltigen amerikanischen
Importe aus anderen Ländern (in 1923 nicht weniger als 2635 von ins-
Yesamt 2702 Mill Doll) zu halan7zjeren.
Vor dem Kriege bezogen die Vereinigten Staaten 49% % ihrer Importe
aus Europa, 1928/24 nur durch 30% (bloß 1066 Mill. Doll.), nach Europa
lieferten die Ver. Staaten aber 1928/24 51% ihrer Exporte, nicht weniger als
für 2022 Mill. Doll., also fast doppelt soviel, als sie von Europa beziehen.

Wenn sich Europa nicht auch handelspolitisch zusammenschließt, wird
es gegenüber der schnellen Entwicklung der Vereinigten Staaten
auf keinen Fall! wettbewerbsfähig bleiben. Die Abhängigkeit Deutschlands
und Europas von den Vereinigten Staaten kann wegen der dortigen hohen
Schutzzölle kaum durch Export von Fabrikaten, ein wenig durch Minderbezug
von Rohstoffen allmählich zurückgehen. Für Europa bleibt fast nur die
Exportsteigerung nach anderen Ländern, wo Amerika mit Europa noch nicht
der schon. konkurriert. Aus diesen Exporten muß Europa’ Mehreinnahmen
Zu erzielen und in bar oder durch aus diesen Ländern nach Amerika zu
dirigierende Rohstoffe seine Schulden abzuzahlen suchen, neue Einfuhr-
‚I

2%) Hans Zache im. „Wirtschaftsdienst“. Hamburg, v. Okt. 1924, S. 1338.
        <pb n="14" />
        19

überschüsse decken. Diese Notwendigkeit weist dem Exportstreben Europas
eine gewisse geographische Richtung. Man kann annehmen, daß hierbei
einige Erfolge zu erreichen sind, denn ein großer Teil des europäischen
Produktionsapparates läßt, heute noch unvollständig ausgenützt, und teuer
produzierend, selbst ohne sofortige Vergrößerung der Anlagen billigere Pro-
duktion durch volle Ausnutzung zu 13):
Die Lebensverhältnisse des amerikanischen, englischen und deut-
schen Arbeiters charakterisiert der Begriff: Ford-Automobil, Motorrad,
pedes apostolorum, bestenfalls gewöhnliches Fahrrad, Straßen- oder
Eisenbahn. Wieviel deutsche Arbeiter können sich. ein Ford-Auto-
mobil oder ein Motorrad anschaffen wie in den U.S. A. oder England?
Der Lebensstandard des Arbeiters ist drüben im allgemeinen höher.
aber in der sozialen Gesetzgebung ist Europa und besonders Deutsch.
\and zurzeit überlegen.

Die Zunahme des amerikanischen Handels ergibt sich aus folgender
Tabelie der Commerce Reports:

Gesamtausfuhr in Mill. Doll. Gesamteinfuhr in Mill. Doll.
1910-14 1921-22 1022-23 1923-24 1910-14 1921-22 1022-23 1923-24
1,979 3,408 3,579 3,898 *.473 2,280 3,270 3,049

588 844 826 898 279 270 437 342

139 231 269 380 130 140 151 144

53 103 1M 102 An 43 62 70
105 0 a 53 78 71
304 R50 208 &gt;78 53 143 147
33 97 196 105 9 ( 68
26 66 63 69 28 33 31
56: 128. 1 75 61 838 80
47 109 107 (a 132 77
31 #7 BA WC 138 146
14 28 31 : En 92 92
6 DA 238 12 40 55
38 59 472. 88 34
538 4°83 114 124 70 128 18&amp; 154
63 115 163 192 22 211 375 360
315 545 658 602 17 308 411 417
22 101 97 124 35 109 170 158
AR 220 213 9283 85 308 372 325

Gesamt (20 Länder)

Großbritannien

Frankreich .

Belgien . .

Niederlande

Deutschland

Skandinavien

Spanien .

kalien . -

Argentinien .

Brasilien

Chile .

Kolumbia a

Zentralamerika

Mexiko . -

Kuba 2000.00

Kanada. . 0. 0. 000

China...

Japan vo

Britisch-Indien und ;
Straits Settlemenis 14 40. 35 41 81 150 26l 251
Australien 39 65 96 129 12 19 55 32
Nach Ansicht des amerikanischen Chemie-Iandelsaltaches Dr. FF. X.
Breithut bicten der Haß, das Mißtrauen und der Argwohn unter den
Völkern Europas den amerikanischen Fabrikanten von chemischen Produkten
eine günstige Gelegenheit und Basis für ihre Exportausdehnung nach den
bisher von Deutschland versorgten Staaten.

Um nun in den Rohstoffen, die in den Ver. Staaten nicht vorhan-
äen sind, unabhängiger zu werden, macht sich dort eine Bewegung
gegen folgende Monopole geltend 3:
von Sisalhanf (in Yucatan, wo ein Zusammenschluß der Produzenten mil
Unterstützung der dortigen Regierung erfolgt ist), von Salpeter und Jod (in
Chile, wo englisches Kapital den Salpeterhande! zumeist kontrolliert), Kali
ı\ Frankf. Ztg., 19.. September 1924.
Wirtschaftsdienst Hamburg, 11. April 1924
        <pb n="15" />
        — 13 —

in Deutschland), Zinn (englisches - Monopol), Kautschuk und’ Gullapercha
Kontrolle durch englische und holländische Pflanzer mit Unterstützung der
Colonialregierungen), Chinin (holländischer Konzern), Quecksilber (spanische
and ‚österr. Bergwerke), Kaffee (brasilianische Regierung) und Quebracho.
Die Ver. Staaten führen jährlich für 1% Milliarden Doll. an solchen
Rohstoffen ein, wobei es den ausländischen Konzernen in manchen
Kallen gelungen ist, die Preise für diese um bis zu 300 % hinauf-
zuschrauben, Da sie nicht in den Ver. Staaten ihren Sitz haben, ist
jiesen Monopolen durch die amerikanischen Antitrustgesetze nicht hei-
zukommen.

Die - Amerikaner suchen dem Geschäftsleben eine moralische Grundlage
lurch einen ethischen Kodex zu geben, ähnlich dem Ehrenkodex. Die ameri-
zanıschen Handelskammern verbreiten diese Auffassungen: „Die Grundlage
jes Geschältslebens ist Vertrauen, dieses beruht auf Integrität, fairen Handels-
zewohnheiten, zuverlässiger Belieferung, und auf dem Prinzip, „Leben und
Leben lassen“. — Kontrakte und Abmachungen, mündlich oder schriftlich,
sind nicht nur dem Buchstaben, sondern dem ursprünglichen Sinne nach
Jurchzuführen. Veränderte Situationen rechtfertigen nicht die Annullierung
der Abmachungen ohne beiderseitige Zustimmung.“ — Dazu bemerken die
5hem. and Drug Markets: „Viele chemische Industrielle machen sogenannte
Kontrakte zum Schaden der Gegenpartei und versuchen, gleichzeitig den
Wettbewerbern zu schaden, indem sie die Käufer, die schon einen Kontrakt
semacht haben, bei anderen unterbieten. Die Ethik und der kaufmännische
\nstand sollten sowohl bei Lieferanten wie Käufern untereinander wie bei
Verkäufen in Wettbewerb mit anderen nicht gänzlich vergessen werden.“
Als ich über „amerikanischen ldealismus‘” schrieb, wurde mir
ıicht geglaubt. Die reichen Stiftungen an amerikanische Universitäten
ınd Forschungsanstalten, die dazu beitragen, Europa zu überflügeln,
„eweisen die Richtigkeit meiner damaligen Auffassung. Kürzlich ist
in Buenos-Aires von einem argentinischen Juristen in einer der an-
zesehendsten Gesellschaften über dieses Thema amerikanischer idea-
listischer Auffassungsweise ein Vortrag gehalten worden. Zweifellos ist
in weiten Kreisen der Ver. Staaten die Jagd nach dem Dollar stark ent-
wickelt. Aber die Besitzer großer Vermögen geben außerordentlich
zroße Summen für die Zwecke der Volksgemeinschalft aus; es sei nur
an Carnegie, Rockefeller, George Eastman von der
Kastman Kodak Co. (kürzliche Stiftung von 15 Mill. Doll. an Universitäten
usw.) erinnert. Dadurch wird naturgemäß die geistige und ideelle Ent-
wickelung stark gefördert; auf manchen Gebieten können die eur0-
„aischen Forschungsinstitute kaum noch Schritt halten. Der geistige
Arbeiter klagt drüben genau so wie in Europa über eine ungünstige Ent-
lohnung. Geistig anregende Kräfte in Europa zu halten, ist daher eine
wichtige Aufgabe. Denn, was immer man über die rapide Entwickelung
les amerikanischen Kontinentes sagen mas: viele Ideen stammen aus
Kuropa oder von europäischen Einwanderern der letzten. Jahrzehnte.
Die geistige Kultur drüben ist erst im Anfangsstadium, wie nicht
anders zu erwarten ist. Europa hat eine alte Kultur, die drüben be-
’ruchtend gewirkt hat und anderseits in Anpassung an die amerika-

ısche Entwickelung sich neu ausgestalten kann, wenn neue geistige
Jührer mit Weltkenntnis zur Verfügung stehen
        <pb n="16" />
        14 —

Einblicke in den Welthandel.')

Wenn Nordamerika seine chemische Industrie so außerordentlich
ausdehnen konnte, Kanada sich industriell unabhängig zu machen
sucht, Brasilien nicht nur: Baumwolle erzeugt, sondern im eigenen
Lande verspinnen und verweben will, Britisch-Indien eine eigene In-
dustrie aufbaut, China das gleiche anstrebt, Chile neue Industrien ein-
richtet,Australien und Südafrika sich vom Importe unabhängig zu machen
suchen und Japan alles daran setzt, in Ostasien eine industrielle Vor-
machtstellung einzunehmen, so beweisen diese wenigen Beispiele schon
zur Genüge, daß die Weltwirtschaft von 1924 nicht mit der von 1914
verglichen werden kann. .

Der Gesamtaußenhandel hatte 1923 : 1913 folgendes Verhältnis

1913 Deutschland 100 Vereinigte Staaten 84 England 1384

1923 5% 57 158 - 177

Der Unterschicd ist ganz zewaltig!

Wir müssen in Deutschland’ bedenken, daß England (im Gegensatz
zu uns) in der ersten Kriegsfolgezeit -1919—1924 durch harte Steuern
und industrielle Reorganisation die Zeit besser benutzt hat als Deutsch-
land, das auf eine Milderung des Versailler Vertrages bedacht sein mußte,
darüber vieles andere außer Acht ließ und die furchtbaren Folgen der
Inflation ‚und Ruhrinvasion nicht rechtzeitig überlegte. England er-
höhte seinen Absatz (in Mill. £) im ersten Halbjahre 1914, 1923, 1924

von 14,3 auf 30,9 und 24,3 nach Frankreich
von 17,7 auf 31,9 und 26,3 nach den Vereinigten Staaten
von 8,1 auf 20,38 und 17,6 nach Holland
von 18,9 auf 20,8 und 22,9 nach Deutschland
von 6,5 auf 13,2 und 11,9 nach Belgien

von 7,4 auf 10,9 und 8,6 nach "talien ;
von 9,6 auf 14,5 und 13,2 nach Argentinien
von 5,1 auf 12,4 und.14,3 nach Japan

von 8,4 auf 8,2 und 10,8 nach China

von 4,9 auf 7,7 und 7,3 nach Ägypten
von 1,6 auf 4,5 und 45 nach Portugal
von 2,0 auf 3,4 und 5,9 nach der Schweiz
vom 3.7 auf Z1 und 63 nach Spanien
Englands Export nach dem europäischen Kontinent stieg (in den ersten
3 Monaten) von 122 Mill. (1914) auf 196,8 Mill. (1924), nach den Kolonien
von 137,6 auf 246%, nach anderen Ländern von 171 auf 380% Mil. Dol.1%). Der
internationale Handel, in Mengen ausgedrückt, ist noch beträchtlich geringer
als 1913/14; z. B. betrug der Gesamthandel Großbritanniens 1913 nicht weniger
als 138, 1922 nur 112 Mill. t.  Hingewiesen sei auf die interessanten Über:
sichten auf S. 564/5) 1924 von „Wirtschaft und Statistik“. Die 20 Hauptländer
hatten 1923 nur 79%, 1923 nur 84% des Außenhandels von 1918,

Die gesamten durchschnittlichen Einfuhrpreise Englands lagen
1923 etwa 34 % höher als 1918. seine Ausfuhrpreise sogar 74 % höher
2») In Kiel, Hamburg, in den Bankarchiven und Exportzeitschriften ist
natürlich ein Überfluß an Material über dieses Gebiet, Ich hebe nur einige
Ziffern hervor und verweise auch auf meine obigen Angaben.

WW Beanamist vam 15. Navemher 19922
        <pb n="17" />
        15

Die Bedeutung der asiatischen Märkte erhellt aus folgender Tabelle der
Commerce Reports vom 4. August 1924: Wert in Mill. Doll. ;
Ausfuhr Finfohr .
1913 1923 1913 1923
316 7324 364 998
294 624 427 7568
43 121 53 88
245 454 174 276
208 338 257 283
871 1,206 326 ‘ 724
Im ganzen: 1,977 3,467 1,901 3,122
Die Weltmarktpreise betrugen 1923 nach ‚Wirtschaft und
Statistik“ gegenüber. 1913 (== 100)
für Steinkohle ‘. 228 für Kupfer . . 92 für Rohseide‘ . 226
für Erdöl, . . 127 für Aluminium , 107 für Weizen . . 120
für Roheisen .: 175 für Wolle . , 221 für Roggen . . 109
{für Rohstahl‘ . 165 für Baumwolle . 226
Diese kurzen Hinweise und Zahlenangaben, zusammen mit meinen
weiteren Angaben über Amerika und Deutschland, zeigen genügend,
daß Deutschland zurzeit‘ im Welthandel keine besonders wichtige
Rolle spielt und sich außerordentlich anstrengen muß, um auf den ver-
lorenen Märkten wieder besseren Fuß zu fassen. Die rigorose Vertreibung
der Auslandsdeutschen oder-die Unterbindung ihres Handels durch die
Entente, selbst in neutralen. Ländern, sind natürlich ein großes Hin-
dernis für Deutschland, bei seiner Kreditnot, wieder die früheren .Ab-
satzgebiete zu gewinnen, besonders nachdem vielfach neue Industrien
in allen Ländern entstanden sind.
Deutschland.
Wenn wir in Deutschland ernstlich um. einen neuen Aufstieg be-
müht sein wollen, müssen wir die „Civilcourage‘ haben, uns und die
begonnenen Fehler zu erkennen und uns auf den „negativen“ Stand-
punkt zu stellen; dabei kann mancher seinen Patriotismus beweisen,
mehr als mit permanenter Hervorhebung des positiv Erreichten. Wirt-
schaftlich kommen wir eher voran, wenn wir die großen Grundzüge
und Urteile 1) in dem internationalen Getriebe der Welt und der Welt-
wirtschaft erkennen, als wenn wir Spießbürger-Auffassungen und
Stammtischurteile uns zu eigen‘ machen.

In Deutschland wird mit dem Worte „national‘, „bürgerlich“ und ähn-
lichen Worten oft. Mißbrauch getrieben. Es ist traurig, daß „bei uns Bindungen

4) „Das Ausland sieht mit Schadenfreude die deutsche Kurzsichtigkeit in
der Zulassung ausländischer Studenten: Wenn man verfolgt, wie einseitig
das Ausland über Deutschland aufgeklärt wird, wird man erkennen, wie
wichtig es ist, wenn möglichst viele Ausländer seine Universitäten und Hoch-
schulen besuchen. Das ist schließlich die beste Reklame für ein Land, und
darum ist es auch nicht verwunderlich, wenn Frankreich, das für solche Dinge
immer 6ine feine Nase hatte, gerade den entgegengesetzten Standpunkt ein-
Nimmt, und genau so wie Italien die Ausländer mit allen Mitteln nach seinen
Universitäten zu ziehen versucht. Es weiß genau, daß der zwanzigjährige
Jüngling starke Eindrücke aus seiner Umgebung empfängt.“ Nienwe Rotter-
Jamache Caunrant. Franki. Ztge. vom März 1924
        <pb n="18" />
        16 —

hervorgehoben werden, die bei anderen Völkern selbstverständlich sind“, sag!
der „Deutsche“ mit Recht.
Die Stagnation unseres Wirtschaftslebens hängt auf das allerengste mit
dem Mißtrauen zusammen, das man unserer politischen Begabung und
Betätigung leider im Auslande entgegenbringt. @&amp;
Der „Rheinische Beobachter“ hat aus. Napoleons Lebenserinnerungen
folgendes zitiert: „Gegen Deutschland habe ich vor allem den Blick gewandt,
Zwiespalt brauchte ich nicht zu stiften unter ihnen, denn die Einigkeit war
aus ihrer Mitte längst gewichen. Nur meine Netze brauchte ich zu stellen,
und sie liefen uns wie scheues Wild von selbst hinein. Untereinander haben
sie sich erwürgt und glaubten, damit endlich ihre Pflicht zu tum. Leicht-
gläubiger ist kein Volk gewesen und törichter kein anderes auf Erden. Die
törichte Mißgunst, womit sie sich untereinander angefeindet, habe ‘ich zu
meinem Gewinste wohl gehegt; immer haben sie mehr Erbitterung gepgenein-
ander als gegen den wahren Feind gezeigt.“

Nach Prof. Dr. H. Vaihinger sei aus dem Briefwechsel des Deutschen
David Friedrich Strauss und des Franzosen Ernst Renan die
Warnung an uns Deutsche wiedergegeben: „Wissenschaft, Wohlstand und
Schönheit, sie mögen euch immerhin laben: Aber der Übermut ist der gefähr-
lichste Freund dieser Gaben!“ und aus den viel zu wenig gelesenen Scho-
penhauerschen „Aphorismen zur Lebensweisheit‘ die Feststellung her-
vorgehoben: daß Übermut und Überhebung das Unklügste sei, daß ihre Folgen
für ihren Besitzer zunehmende Verblendung, ja Verdummung sind, und daß
man sich dadurch Schwierigkeiten und Feinde schafft.
Deutschland mit etwa 60 Millionen Einwohnern steht, der Bevöl-
kerung nach, an siebenter Stelle unter den Nationen des Weltalles, kann
sich an Ausdehnung nicht mit dem englischen Imperium (445), China
428), Rußland (131),. Nordamerika ohne Kanada (118) und kaum mit
Frankreich (mit Kolonien 97 Mill. Einwohnern) vergleichen.

Nur die Qualität seiner Kopf- und Handarbeiter kann. einiger-
maßen einen Ausgleich gegenüber diesen größeren Reichen (mit viel
reicheren Hilfsquellen) schaffen. Auf dem europäischen Kontinente
ist Frankreich gegenwärtig die erste Vormacht. Ob es seine Kolonial-
macht erhalten und besser organisieren kann, sicht dahin. Die Fölgen
seiner Politik gegen die farbigen Rassen Afrikas werden in erster Linie
Frankreich selbst, dann aber auch ganz Europa treffen.

Loucheur ist der Ansicht, daß in Frankreich die landwirtschaltliche
Erzeugung so gesteigert werden kann, daß es seinen gesamten Bedarf an
Getreide, Zucker und Fleisch nicht nur decken, sondern noch einen Überschuß
exportieren wird.

England sieht einer ständigen Steigerung des Unabhängigkeits- und
Selbständigkeitsgefühles in Kanada, Australien, Südafrika und auch
Indien entgegen, die nicht aufzuhalten ist. Die Ausstellung in Wemb-
ley hat noch einmal das Imperium in seiner ganzen Größe gezeigt; ob
solche einheitliche Illustrierung in 30, 20 oder vielleicht sogar 10 Jahren
möglich sein würde, bleibt fraglich.

Die österreichischen Nachfolgestaaten einschl. Polens bieten, ebensu
wie Rußland, größtenteils kein Bild, das einen schnellen Aufschwung
verspricht. Auf die anderen europäischen Länder kann ich hier nicht
eingehen.
        <pb n="19" />
        u 17

In diesem, von Frankreich und England als Vormachtsstaaten siark
jeeinflußten Europa spielt Deutschland solange keine, auch nur an-
rähernd so wichtige Rolle wie unter Bismarck, weil es an reifen,
politischen Köpfen, an wirklichen Führern auch in. der Industrie und
im Handel wie auch in der Landwirtschaft zurzeit fehlt. Deutschlands
Position ähnelt, gegenwärtig der Spaniens, Hollands, Schwedens nach
deren Verlust von Kriegen und Kolonien.

Der jetzige englische Außenminister Austen Chamberlain schrieb
bereits vor 37 Jahren (18387): „Wenn man andauernd der Jugend eines Landes
predigt, daß sie ein besseres Erzeugnis des Schöpfers ist als andere Nationen,
ist sie nur zu gern bereit, dieses zu glauben, und der Vortragende, der sich
zu solchen Feststellungen herabläßt, wird große Scharen anzuziehen ver-
mögen. Dies ist sehr gefährlich. Ich fürchte, die heranwachsende Generation
der Deutschen wird viel hochmütiger werden.“ (/Empire Revue.)

Der Hochmut ist sicherlich nicht mehr in weiten Kreisen vor-
handen. Aber um so mehr sollle man gegen diejenigen in Wort und
Schrift vorgehen, die bei gleichzeitiger Überschätzung der vielen guten
Kigenschaften des deutschen Volkes die vorhandenen oder in Entwick:
hang hegriffenen Kräfte in anderen Nationen weiter unterschätzen.
Auch diese haben ihre Fehler und Mängel, aber auch gewisse Vorzüge.

Jede Nation hat die Berechtigung stolz zu sein. KEinbildung und
Hochmut sınd etwas anderes, Je mehr man in der Welt der Nationen
sich umsieht, desto häufiger und ticler prägt sich der Eindruck ein, daß
Tüchtigkeit und Intelligenz überall‘ zu finden sind.” Die großen Eigen-
schaften eines. Volkes oder einer Nation kommen nur zur Entfaltung
durch Führernaturen, Persönlichkeiten, Die Frage ist, ob aus dem
deutschen Demos solche Führer sich entwickeln, die die großen vorhan-
denen Kräfte richtig entwickeln ohne Überwertung der eigenen und
ihres Volkes Kraft. In der Zeit des Wilhelmismus und Mammo-
nismus fehlten diese Führer; .krankhaftes Selbstbewußtsein verhinderte
die Objektivität und cin Vergleichsurteil mit anderen Völkern. Wir
Müssen uns erst einmal als „Staatsbürger“, nicht als „Untertanen“
fühlen; darin sind wir z. Zt. noch nicht anderen Nationen ebenbürtig

Was bedeutet „Staal‘“?, was „Nation‘?, was „wahrhaftige natio-
nale, d.h, vaterländische Gesinnung“? Ohne das verpönte Gebiet der
Politik zu berühren, muß ich doch sagen, daß mich, in dem die Einig-
keitstage des August 1914 während meiner Internierung in England
1914 und 1915 widerhallten, die Parteikämpfe Deutschlands aufs
lefste empören. Die vaterländische Gesinnung der Sozialdemokraten
Sieht über.allem Zweifel, versichert mir ein,deutschnationaler. Partei-
"ührer im besetzten. Rheinland. Dort gedieh also, unter dem Drucke ge-
Meinsamer ‘Eindrücke, die Anerkennung anderer Anschauungen. In
England hat die konservative Partei sehr häufig vorurteilsios Macdonald
Zugestimmt und die Macht, Berechtigung. .und. Zukunft des demokrati-
Schen Gedankens anerkannt. Auch die englische. konservative Partei ist
demokratisch. Wenn in Deutschland, dem gegenwärtig bolitische und an-
tere führende Größen fehlen. nicht das (Jesamtintereseen des Demos für das
        <pb n="20" />
        718

ich als Nichtparteimensch seit 9 Jahren kämpfe, sich gegenüber den pri-
vaten Erwerbswünschen und Eigengewinn-Absichten der Trusts, Groß.
industrie, Großlinanz, Großkaufmannschaft, der Interessen-Verbände
— durchsetzt, wenn nicht der Staat seine Pflicht erfüllt, die wirtschaft.
lich Schwachen gegenüber den Starken zu schützen, dann verzehrt sich
nutzlos die beste Substanz im deutschen Volks-(Demos-)körper, nämlich
der individualistische Trieb zum .Emporkommen. Das Schicksal
Deutschlands ist geradezu tragisch, weil durch seine eigene Schuld so
viel tüchtige Volkskräfte nicht emporkommen können.

Dieses Land mit 63 Millionen Einwohnern, mit einer in anderen
Ländern kaum erreichten Quanlität qualitativ tüchtiger Durchschnitts-
menschen und Spezialisten entbehrt in ‚einem: Maße wie kaum ein
anderes Land der Führer, der Anerkennung von wirklichen Führer
qualitäten und des Glaubens an die Fähigkeiten Anderer. Nirgends in
England, Frankreich und Amerika vergiftet die politische ‚und wirt-
schaftliche Interessensphäre so sehr den gemeinsamen Gesichtskreis
des Demos, des Vaterlandes. Ich. muß diese Betrachtung‘. in dieser
unpolitischen Zeitschrift einfügen, ja geradezu Vvoranstellen, weil
Deutschland aus dem Wirrwar der Vergangenheit nicht herauskomml
und bei dem Wiederaufbau Europas sehr schlecht wegkommt, wenn
nicht in Politik und Wirtschaftsleben die vereinigenden statt der
trennenden Gesichtspunkte viel mehr an die Spitze gestellt werden.

Die Lösung dieser Frage bedeutet Kredite oder Kreditlosigkeit, Auf-
stieg oder weitere Stagnation, Der Wiederaufbau Europas wird nicht
nur für Jahrzehnte verzögert, sondern vielleicht unwiderbringlich zum
Vorteile Asiens und Nordamerikas verhindert; wenn im Zentrum
uropas Götzen- und Idoldienst nicht verschwinden und dem Com-
mon Sense der Selbstbestimmung einer großen Nation Platz machen.
Führernaturen entstehen nicht von heute auf morgen; dazu bedarf es
der reifenden Zeit und Entwicklung.

Der wilhelminische Geist der Diktatur und Höflingsschmeicheleien
ist stark in die deutsche Wirtschaft und ihre Führer übergegangen.
Welche Untergebenen durfien in der deutschen Industrie ihren General-
direktoren gegenüber offen ihre Auffassungen darlegen, ohne für ihre
Stellung befürchten zu müssen? Seitdem hat sich unter dem Druck
„Neuer Zeiten“ allerdings manches gewandelt, aber das amerikanische
Prinzip, daß die Angestellten und Arbeiter auch innerlich mit dem
Werke, in dem: sie arbeiten, verbunden sind, sollte noch viel weiter
ausgedehnt werden.

Was ist uns in Deutschland geblieben? Walther Rathenau gab
hierauf die richtige Antwort: „Was uns bleibt, ist das Eine: unsere Arbeits-
kraft. Nichts anderes haben wir, nichts anderes ist steigerungsfähig, zwar
nicht nach Menschenzahl und Stunden, wohl aber, und das bitte ich Sie,
sich einzuprägen und durchzudenken, dem Wirkungsgrad nach. Das ist der
Punkt, um den sich unsere ganze gegenwärtige und zukünftige Wirtschaft in
Deutschland dreht, der Wirkungsgrad unserer Arbeit.‘

‚Die wichtigste Aufgabe der Bevölkerungspolitik ist Stützung, vor
Talenten, die Heranbildung von Führern und die Neubildung eines ge
        <pb n="21" />
        — 19 —

sunden, sozial kräftigen Mittelstandes: aus den  verarmten Überbleib-
seln der durch Verlust der Kriegsanleihen und mündelsicherer Papiere
verarmten Schichten und aus emporstrebenden Schichten, Deutschland
kann für viele Jahre froh sein, wenn es seine Einwohner einigermaßen
ernähren und kleiden kann. Meine Auffassung finde ich bei J. M.
Keynes bestätigt, der die Geburtenbeschränkung für- Europa für
zweckmäßig hält,

Man kann rechnen, daß das deutsche Volk vom seinem ‘Einkommen etwa
3% zur Tilgung seiner Kriegsverbindlichkeiten abgeben muß; das bedeutet,
vorausgeselzt gleiche Leistungs- und Absatzfähigkeit wie vor dem Kriege,
etwa 3/s—71 Stunde Arbeit je Kopf je Tag.
Wir klimmen einen sehr steilen Berg hinan; ‘die Bergführer fehlen
zurzeit. Mit harter Arbeit allein wird der Gipfel nicht erreicht. Wir
können uns nur dem Ziele nähern, wenn wir aus unserer reichen
Volkskraft führende Talente am Aufstiege stützen, und nicht, wie beim
alten. Regime, Höflingen und Schmeichlern Gehör leihen. Im Gegen-
teil müssen wir die Persönlichkeit zu schätzen, die Wahrheitsliebe an-
zuerkennen, das „Negative“ in das „Positive“ zu wandeln lernen. Für
jeden Menschen ist es schwer, schließlich zu der Erkenntnis zu kom-
men, daß cr unter den Millionen nichts Besonderes vorstellt, nicht
unerseizbar ist; für ein Volk, das früher an überragenden Denkern und
Dichtern reich war, ist es noch viel schwerer, .sich mit der Tatsache
abzufinden, daß es an gul durchgebildeten Dutzendmenschen und tüch-
Ligsten Volkskräften reich ist, daß aber deren Entwickelung und ‚beste
Verwertung für die Volksgemeinschaft nur bei Änderung des Systems,
nämlich bei richtiger Auswahl und Ausbildung der besten. jungen
Kräfte zu Führern möglich ist. Bei uns kommen meist Männer im
besten Schaffensalter noch nicht auf den richtigen Posten, sondern erst
dann, wenn sie durch Spezialarbeit stark verbraucht sind. Es fehlen
uns Eaton und ähnliche Erziehungsstätten des Charakters, der Horizont-
Ausbildung. “
Die deutsche Industrie.
Die’ deutsche Industrie steht bekanntlich selır. schweren Aufgaben
gegenüber und arbeitet fieberhaft, um ihre Irüher anerkannte Welt-
bedeutung allmählich wiederzugewinnen. Nur ‚einiges weniges kann
Ich an Anregungen und Auffassungen bringen. Das Gebiet ist zu groß,
die zu lösenden Probleme und die notwendigen Reformen sind zu um-
fangreich. Pflichtgemäß, doch ungern weise ich auf” Tatsachen hin
oder .zitiere Urteile, deren Beachtung beim Wiederaufbau. Deutschlands
In, E, nötig ist,

; Der Nachwuchs von Beamten wird. von der Regierung durch Kxa-
Nina und sonstwie gefördert, die Erziehung von. Führern aus der Mitte
ler Ingenieure, Chemiker und anderer Techniker wird yon der Industrie
hingegen viel zu wenig ins Auge gefaßt. Der-Spezialist kann gar nicht
den Überblick gewinnen, den ein großes Unternehmen erfordert; wenn
Sr seine besten Jahre in einem Betriebe verbracht und nur gewisse Ge-
Mirnnartien ausgebildet hat Die Volge fet daß "diem. „Teitenden Posten
        <pb n="22" />
        HH) —

meist mit Kaufleuten oder Juristen von Routine besetzt werden. Die
Ausdehnung der Konzerne führt ferner zu der Anstellung von Adıu-
tanten - Syndici, Vettern und anderen Verwandten; die oft streng
Jarauf sehen, daß „die freie Bahn dem Tüchtigen‘ verschlossen bleibt.
Lange Karenzfristen verhindern verheiratele Angestellte häufig an
nem Stellungswechsel; Neid und Mißgunst gegen stärker Begabte tun
ihr übriges, um wirklichen Persönlichkeiten den Weg zu versperren und
den Bürokratismus, über den ich viele Klagen von leitenden Persönlich-
keiten gehört habe, alles überwuchern zu lassen. Ähnliche Erschei-
nungen sind natürlich auch in anderen Ländern zu beobachten. Das
amerikanische System häufigen Stellenwechsels weitet den Blick und
erzieht! Die Persönlichkeit kann dort leichter erreichen. was ihr m
Deutschland meist versagt ist.

Der „Reichsverband der deutschen Industrie“, der 1919 das Lon-
doner Gutachten ablehnle, dessen Bedingungen sich vom Dawesplan
nicht sehr ungünstig unterscheiden, und dessen Ablehnung mit den
Ruhrkonflikt zur Folge hatte, erklärte schließlich einige Jahre später,
durch Geh. Rat Bücher, im Jahre 1924 in Düsseldorf:

„Wenn die Opposition nicht in der Lage ist, andere posilive Gedanken
vorzulegen und einen Weg anzugeben, den man im Falle der Ablehnung gehen
könnte, so kann man. sich mit dieser Opposition nicht mehr beschäftigen.‘

Das Ruhrpfand hat den Franzosen vom 11. Januar 1923 bis
21, August 1924 insgesamt 1150 Mill. Goldmark eingebracht, davon
550 Mill, in Naturalleistungen, Was die Ruhrbesetzung dem deutschen
Volke durch den Marksturz und die Inflation gekostet hat, kann m
Milliarden Goldmark kaum abgeschätzt werden.
Nachdem Generaldirektor Voegler, Dortmund, jetzt, 1924, inler-
essante Ausführungen über die Sanierung Europas, die stark gesunkene
Kaufkraft, die Hebung der Produktivität usw. gemacht, sei auf meinen
Vortrag 1”) im Mai 1917 vor ihm und seinen Kollegen hingewiesen:

Die erste Kriegsfolgezeit dauert 3—E_ oder mehr Jahre. — Man muß den
Ernst der Stunde bei einem Frieden ohne Kompensationen verstehen. Die
Belastung wird für Jahrzehnte unsere wirtschaftliche Zukunit bedrücken. Bei
dem günstigsten Frieden bieten Kriegsentschädigungen keinen Ausgleich für
die Kriegslasten. Mindestens die Hälfte des Einkommens wird auf Steuern
und Lasten entfallen. Die wirtschaftlichen Grundlagen der Produktion, des
Absatzes, des Gewinnes für den Unternehmer und die Entlohnung für die An-
gestellten und Arbeiter haben durch den Krieg eine solche Umwälzung er-
fahren, daß alte Mittel nicht ausreichen und neue Wege eingeschlagen werden
müssen. Das Reich muß Unternehmer und Produzenten zu der besten und
billigsten Ausnulzung der Rohstoffe zwingen und an einer Verschwendung
hindern können, um die Gewinne des Unternehmens durch Modernisierung
usw. zu steigern. — Raubbau der Kohle; unrationelle Ausnutzung der Brenn-
stoffe. Äußerst bittere internationale Konkurrenz: der unfähige oder Neue-
rungen abholde Fabrikant wird nicht bestehen können; es wird sich für die
Allgemeinheit nicht lohnen, daß solcher Betrieb weiter besteht. Nur Massen-
fabrikation von allerbester Qualitätsware muß hergestellt werden. Vergrößerte
und. dabei ‚verbilligte Praduktion ist nötie. Wir haben den Glauben an

15 Gedruckt als Manuskript zur Zirkulation bei den Eisen-Industriellen
Vartrag veröffentlicht 1917 in der Gießerei-Zig
        <pb n="23" />
        Di

jeutsche Qualität im Auslande viel fester zu begründen. — Die Güte deutscher
Erzeugnisse muß das Leitmotiv sein. Ramschware sollte speziell bei den
Verkäufen ans Ausland nicht geduldet werden. — Der Krieg gestaltet sich
immer mehr zu einem Wirtschaftskampfe; Geschlossenheit gegenüber dem
Auslande ist nötig. — Wir müssen unseren internationalen Ruf ganz neu
aufbauen. — Sehr selten ist bei uns eine unparteiische, von Sonderinteressen
unabhängige wirtschaftliche Beurteilung der Wirtschaftsfragen zu finden. . Es
zibt außerdem sehr selten völlig unparteiische;, Sonderinteressen nicht dienende
Sachverständige.

— Wenn man sich jetzt, nach bald ’8 Jahren, diese Leitmotive meiner
Auf(assungen zurückruft und daran zurückdenkt, welche Palliativmittel
die deutsche Schwerindustrie mit der Annektierung des Briey-Bezirkes
usw. als Kompensationen 1% Jahre vor dem Zusammenbruche propa-
gandierte, wie man die amerikanische Industrie, Organisation und Ge-
schlossenheit unterschätzte, wie wenig man an die weittragenden Folgen
des Krieges auf Gesamteuropa dachte, muß man sich ebenso wundern.
wie Blankenstein, als er sich über die Inflationszeit 1924 aus
snrach 1
„Wo war die zünftige Nationalökonomie, als die deutsche Währung
unter den Einflüssen der Kriegs- und Nachkriegsjahre dahinsiechte und schließ-
lich einen Zusammenbruch erlebte, wie er in der Geschichte der Währungs-
politik ohnegleichen ist? Auch nicht einen einzigen Vorschlag, der Aussicht
auf Erfolg gehabt hätte, hat man aus den Kreisen der Wissenschaft gehört.
Nicht einmal an das Problem der Sanierung des Reichshaushalts hat sich die
Winanzwirtschaft herangewagt.“

‚Die deutsche Industrie muß sich in erster Linie über die Gründe
klar sein, warum sie in manchen Beziehungen nicht mehr auf dem
Welimarkte konkurrenzfähig ist. Es wäre cin großer Fehler, alle Schuld
auf dem verlorenen Krieg und die dadurch hervorgerufenen Steuer- und
anderen Lasten abzuwälzen. England hat den Freihandel, zahlt sehr
hohe. Steuern, trägt seine amerikanischen Schulden ab und ist trotz-
dem auf vielen Gebieten international konkurrenzfähig. — Überall, wo
ein rationeller.Fabrikbetrieb in Deutschland noch nicht durchgeführt ist,
kann nicht der Zollschutz, sondern nur Reorganisation eine allmähliche
Rentabilität ermöglichen. Ich bin häufig erstaunt, wie Fachleute über
sewisse Rückständigkeiten in manchen Fabrikationszweigen (—- Aus
nahmen bestätigen die Regel -—) urteilen.

Die deutschen Lohnsätze sind vielfach niedriger als die ausländischen,
aber 1.ist im allgemeinen die Betriebsoxganisation nicht auf der Höhe —
2. wird die Arbeitskraft häufig nicht gut und zweckentsprechend ausgenutzt —
3. ist die Arbeitszeit nach Schema F verkürzt — 4. fehlen vielfach gelernte
Arbeiter: — 5. sind die Leistungen der ungelernten Arbeiter unbefriedigend,
— 6 wird über ungenügende und schlechte Kalkulation geklagt, desgl. -—
7. über ungenügende rechnerische und statistische Betriehsbeobachtung —
S, wird häufig die Proportionsberechnung von Rohstoff, Löhnen, Generalun-
kosten usw. nicht genügend durchgeführt — 9. zeigen sich häufig noch Nach
folgen der Inflations-Denkungsweise von 1923 (so fragt die Frankf. Ztg. ar
Hand eines Beispieles (ein Fabrikant will einen kleinen Auftrag von 1200 Doll
ausführen, wobei:;er durch Preisnachlaß und Zinsen auf. 123% Jahreszinser
gekommen wäre): „haben ‚die deutschen Fabrikanten vollkommen das Kalku;
tieren verlernt?) — 10. nrozentuale Gewinne sind oft zu hoch: Prinzip

N {u

\ Chem Ind vam 1317 Mai 19924
        <pb n="24" />
        — 99

Großer Umsatz, kleiner Gewinn, noch vielfach erselzt durch die Auffässung.
geringer Umsatz mit höherem Gewinn; dıe Frahkf, Ztg. faßt dıe Sache Zu-
sammen "in. „Lohnminus je Kopt, Lohnplus je Stück“ .— 11. geringe‘ Aus-
nutzung bezw. Leerlauf der Betriebe; Produktionsmöglichkeit viel größer als
tatsächlicher Umsatz -— 12. zu starke Bürokratisierung; zu wenig Anreiz zu
individueller Betätigung; zu wenig Prämien (häufig gar keine) — 13. Mangel
an Betriebskapital; hohe Zinssätze — 14. langsame Zahlungsweise der Ab-
nehmer — 15. Gesamtumsatz in. Verhältnis zum investierten Kapital zu
gering — 16. Typisierung und Normalisierung noch nicht, genügend durch-
geführt — 17... Austausch technischer Erfahrungen viel geringer als in den
Vereinigten‘ Staaten Amerikas, die Geheimniskrämerei hingegen viel größer,
— 18. Könsultation vön Außenseitern viel zu wenig durchgeführt — 19. viel-
fach ‘zu luxuriöse Betriebsorganisation; Personalaufwand — 20. Liquidation
unnützer Anlagen nötig — 21. Absatzorganisation zu teuer; zuviel Zwischen-
hände. zwischen Produzent und Konsument usw. usw. ,

„Das Prinzip muß sein: Erniedrigung der Selbstkosten, Erhöhung
des Umsatzes zu ermäßigten Preisen. ,

Von Pessimismus sind die weitesten Wirtschaltskreise erfüllt, wie
es ja fast alle Goldbilanzen der Industrie zeigen; besonders dieser
Punkt-wird in den „Wirtsch. Mitteilungen“ der Deutschen Bank betont.
Die deutsche Industrie hat leider für geraume Zeit zu. rechnen mil:
1. hohen Rohmaterialkosten (hoch wegen der Zahlungsbedingungen und
einschneidenden Kredithedingungen), 2. übermäßig hohen Zinsen, 3. er-
höhten. Steuern.

Direktor Vielhaber, Essen, berechnet die jetzige deutsche Steuerlast
auf das 3-fache pro Kopf und 5—7-fache für: Unternehmungen gegenüber der
Vorkriegszeit. .

‚In Deutschland muß die Industrie naturgemäß alles unnötig in:
vestierte Kapital freizumachen suchen, um bei der Kapitalnot Betriebs
kapital Ireizubekommen *”).

Normung. Die glänzenden Resultate der sehr dankenswerten Arbeit
des Normungsausschusses des Vereins Deutscher Ingenieure sollten
nach Möglichkeit auf jedes industrielle Gebiet angewandt werden.

Ich .führe nach Dr. Richard Koch von der Firma Koch &amp; Kienzle,
Berlin, aus der Frankf, Ztg. vom 30. September 1924 folgende Angaben.an:
Der Amerikaner kennt gar nicht Automobil-Reparatur-Werkstätten in unserem
Sinne. Wenn ein Teil abgenutzt oder beschädigt ist, dann erhält er in jeder
Reparaturwerkstatt sofort den genormten, lagerhaltigen Ersatzteil, während
bei uns teuere, langwierige Arbeit aufgewendet wird, um den alten Teil wieder
funktionsfähig zu machen:

Wir finden noch andere Industriezweige, die überhaupt noch nicht
an die Normung herangegangen sind, obwohl vom Normenausschuß der
deutschen ‚Industrie (N. D 1.) wiederholt versucht wurde, sie dazu zu
bewegen. ‘ Solche Kreise müßte man direkt zwingen, billiger zu fabri-
zieren, und dabei liegt es doch in ihrem eigensten Interesse, ganz abge-
sehen von dem der Verbraucher. .Wie befreiend haben die Arbeiten des
N.D.L gewirkt, die eine freie Aussprache über die beste Herstellungs:
und Ausführungsart irgendeines Teils brachten... Konkurrenzfirmen,

19 Hingewiesen sei auf das Büchlein The waste of capitalism. Report by

Committee of Production. Publication Department. London SW. 1.

Eccleston. sauare 33. Preis 1% &amp;.
        <pb n="25" />
        2 98

die früher sich hermetisch abgeschlossen, tragen“ ihre Erfahrungen zum
Besten der Allgemeinheit zusammen, und es ist eine beachtenswerte
Tatsache, daß in einem Industriezweig eine der früher bekanntesten
Firmen heute ihre alte beherrschende Stellung durch ihre äblehnende
Haltung gegenüber der Normung eingebüßt hat.

Während die Papierindustrie durch die einheitlichen Formate einen
großen Schritt weitergekommen ist, war es bis heute nicht möglich, die
Textilindustrie zur Normung zu bewegen. Dabei hat diese Industrie,
ebenso‘ wie die Verbraucher, doch das allergrößte Interesse an einer
Vereinheitlichung, um die Maschinen zu verbilligen, sie, und auch’ die
Rohstoffe, möglichst auszunutzen und unnötigen Abfall zu vermeiden

Kartelle. Von den etwa 1500 deutschen Kartellen haben bereits 178
vor dem Kartell-Gerichtshof Rechenschaft ablegen müssen; 44 wurden
aufgelöst.

Dr. Felix Pinner hat im „Berl, Tageblatt“ darauf hingewiesen, daß
die Kartelle,: Syndikate, Konventionen und. Trusts 1. die Beweglichkeit der
Handelsoperationen hindern, 2. die Anpassung an neue wirtschaftliche Kon-
stellationen verzögern, 3. die. einzelnen Mitglieder solcher Kartelle denkfaul
machen, 4. die Produktionskosten meist erhöhen, 5. Gehirnverkalkung bei
Kalkulationsfragen hervorrufen, 6. die Sparsamkeit vielfach nicht genügend
fördern, 7. den besten Wirkungsgrad und hochgespannte Betriebsausnutzung
verhindern.

Der wichtigste, mir bei meiner Beratungstätigkeit häufig bestätigte Nach-
teil ist aber der wachsende Bürokratismus und die Schwerfälligkeit der Orga-
nisation in großen Konzerns, dıe manchmal. hoch schlimmer ist als bei der
staatlichen und kommunalen Bürokratie, .

Zölle. Der „Reichsverband Deutscher Industrie“ sowohl wie die
Vertretung der Deutschen Landwirtschaft sind Gegner der Tendenzen
der deutschen Professoren der Nationalökonomie und des Vereins für
Sozialpolitik, die für eine möglichst freie Gestaltung der internationalen
Beziehungen eintreten, also dem baldigen oder schließlichen Freihandelt
den. Vorzug geben. Der goldene. Mittelweg mäßiger Schutzzölle wırd
empfohlen. Ein sofortiger Abbau der Schutzzölle scheint unter den
heutigen Verhältnissen und unter dem Drucke der Dawes-Geselzgebung
auch mir unmöglich, aber die Situation wird am besten durch die
die Wahrheit treffende und gleichzeitig. höchst ironische Feststellung
des früheren Reichswirtschaftsministers Hamm gekennzeichnet:

„Jeder deutsche Industrielle ist für bezogene Waren Freihändler und {für
lie Eigenprodukte Hochschutzzöllner; darauf beruht dann die Forderung
„mäßiger Schutzzoll.“ . ,

Es steht außer Frage, daß die deutsche Exportindustrie von Furtig-
waren, von deren Auslandsabsatz bei Durchführung des Dawes Planes
außerordentlich viel abhängt, nur bei Zollfreiheit: für Rohstoffe, mäßi-
gem Zoll für Halbfabrikate und einem allmählichen internationalen Ab-
bau der Zölle für Fertigfabrikate im Welthandel wieder cine Rolle
Spielen kann. Kampfzölle gegen , Jumping“ sind nur Jann loyal im
Internationalen Austausch möglich, wenn genau und. eimwandire! kal-
kuliert wird und mithin die Selbstkosten der Regierung bekannt sind.
Wie weit sind wir aber in dieser Beziehung gegenüber den Ver. Staaten
Zurück!
        <pb n="26" />
        24

Arbeiter und Angestellte. Qualitätsleistungen erfordern gute Er-
nährung und Lebenslust, sind unmöglich bei Verdrossenheit und
Lebenssorgen. Industrielle Wohlfahrt beruht auf psychologischem
Verständnis der Lage der Arbeitgeber und Arbeitnehmer durch gegen-
seitige Orientierung, wie es die Arheitsgemeinschaften anstreben.

Guten Erfolg in-großen Industrien erzielte in England die Industrial Wel-
are Society, 51 Palace. Street, . London SW. 1, Westminster, auf deren
Broschüre „Öpinions of manufacturing firms‘“ hingewiesen sel.

Gutes Licht in Fabriken. und Werkstätten erhöht. die Leistungs-
fähigkeit der Angestellten und Arbeiter’).

Prämien und Gewinnanteile. Darauf habe ich schon wiederholt
hingewiesen.

Procter &amp; Gamble in den Ver, Staalen Amerikas (bekannte Öl-
und Fettfahrikanten) zahlten an Angestellte. 404 000 Doll. 1923 als Gewinn-
anteile. — Die Columbia Conserve Co., Präsident W. P. Hapgood
in Indianapolis, verteilt die Gewinne zur Hälfte an die Aktionäre, zur Hälfte
an die Angestellten je Rate von 1000 Doll. Kapital und von 1000 Doll. Gehälter
oder Löhne, Das Geschäft hat sich seitdem stark ausgedehnt.

Zum Schlusse cin Zeitdokument aus dem Jahre 1923. Der Berg-
bauvertreter Dr. F°. A. Pinkerneil schrich zur „Zusammenstellung
über Staat und Wirtschaft“ in den Schriften der Vereinigung der deut-
schen Arbeitgeberverbände u. a.:

„Es gilt den Kapitalismus zu hekänapfen, der heute breit wuchert, der
nur die Sucht nach Geld kennt und das Wort Önfer nie gehört. hat. Die
Einheitsfront der wirklichen Industriellen, der verantwortlichen Versorger von
Millionen Existenzen, der wirklichen Kaufleute, der Treuhänder anvertrauter
Güter, muß gegen Neureiche und Altreiche des Kapitalismus, dessen Gott das
Geld ist. viel energischer anstürmen, als es die Masse des Proletariats tut.“
Kredite für Deutschland.

Wic der Mensch und seine Nation international bewertet wird,
wissen nur wenige in Deutschland. Auch in dieser Beziehung ist der
Geldstandpunkt fast überall maßgebend. Leistungen von Haber-
Bosch, Zeppelin-Eckener, Fletiner usw. bieten nur
einen teilweisen Ausgleich. Die deutschen Anleihen vor dem Kriege
galten auch im Auslande als eine vom Staale garantierte Sicherheit; es
handelte sich nur um eiwa 5000 Mill, Goldmark oder kaum‘ 2 % des
deutschen Nationalvermögens. Treu und Glauben der deutschen Regie-
rung und des deutschen Volkes waren die Grundlagen dieser Verpflich-
lungen. Wenn jetzt nach dem Worte „Not kennt kein Gebot“ diese Vor-
kriegsverpflichtungen der deutschen Nation mit wenigen Prozent be-
wertet und wahrscheinlich im Laufe der Zeit entsprechend niedrig
zurückgezahlt werden, so bedeutet dies für jeden Ausländer und damit
für jeden deutschen Mann mit Zivilcourage das Eingeständnis, daß
Deutschland mit seinen Gläubigern der Vorkriegszeit zu einem Satze
akkordieren will, der bei Liquidationen nach Bankrott-Erklärungen von
kommerziellen Firmen oder Gesellschaften, als unerhört niedrig

2 WelMare Pamphlel Nr. 7. Home Office, Stationery Off, 4 pence
        <pb n="27" />
        —_ 95 —

bezeichnet werden würde, Wir müssen in Deutschland den Mut haben,
diese beschämende nackte Tatsache einzusehen und uns einzugestehen
und uns die Folgen auf unseren Ruf im Auslande klar machen, auch
das ausländische Urteil über uns und unsere Vorkriegsanleihen zu ver-
gleichen mit dem über Staaten von Südamerika, Zentralamerika und in
dem Südosten von Europa, deren „goodwill‘ unendlich darunter gelitten
hat, daß die Regierung und Volksvertretung der betreffenden Staaten
und Nationen sich ganz oder teilweise den geldlichen Verpflichtungen
staatlicher Anleihen entzogen. Die Kriegsanleihen beirachte ich als
innere Anleihen, deren Anlage größtenteils innerhalb der Nation, die die
Kriegsfolgen zu tragen hat, erfolgte und deshalb weniger das Ausland
berührt. Ein Lichtstrahl in dem Dunkel der deutschen Finanzverwal-
tung ist die Einführung der Rentenmark und deren Währung — man
hatte ja’ ganz in Deutschland vergessen, daß dieses Wort von „währen“,
d.h. „unverändert, dauernd bestehen‘ herrührt -— gewesen; aber sie
konnte natürlich nicht das verlorene Vertrauen, den „goodwill‘“ Deutsch
lands, schnell rehabilitieren.
Die Stabilisierung der Rentenmark, die Einschnürung der Kredite durch
H. Schacht, die Erhöhung des Goldbestandes der Reichsbank von dem
Minimum von 442 auf etwa: 530 Millionen Goldmark plus etwa 800 Millionen
Dawesanleihe, erlauben alles in allem eine Notenausgabe von etwa 4500 Mill.
mit 40% Golddeckung, ferner bei 20 M Silbergeld je Könf etwa 1200 silbernes
Kleingeld.

Der moralische Kredit Deutschlands, für den Dr. Eckener und
Anton Flettner so schön eintraten, wird durch unseren inner-
politischen Kampf, unsere Weltfremdheit, unseren Zweifel an unserer
Kraft in unserem „Demos“ und der Gleichberechtigung unserer
Volkskräfte, durch den alten Kastengeist nicht gehoben, sondern weiter
auf einem Tiefstand internationaler Schätzung gehalten, wenn keine
innerliche Gesinnungsänderung und bessere Erkenntnis der außendeut-
Schen Verhältnisse eintritt. Schließlich muß man doch einsehen, daß
wir Deutsche uns nicht von den Urteilen außerhalb unserer Grenzen
einfach abschließen, mit uns selbst zufrieden sein können. Wir
brauchen das Ausland bitter nötig, als Rohstofflieferant, als Abnehmer
unserer Exportwaren und vor allem als Kreditgeber,

Deutschland muß sich seine nach ausländischer Beurteilung
traurige Kreditunwürdigkeit klar machen, dann’ wird der Sparersinn
Im Inlande, wo man mehr an Deutschlands Zukunft glaubt, vielleicht
Wieder erwachen. Wir Deutsche müssen das erste Mal, wo wir alle
ünsere staatlichen Sicherheiten dem internationalen Kapital geben, für
Cinen Betrag von nur 800 Mill. Goldmark eine ähnliche oder höhere
Verzinsung zahlen wie ein Balkan- oder kleiner südamerikanischer
Staat; einschl. der Bankierprovision, haben wir nicht für wenige Jahre,
Sondern für 25 Jahre 8% % Zinsen, in den U. S. A. sogar 8,77 % zu
Zahlen. Diese Erkenntnis ist sehr bitter
Um so lächerlicher haben Hunderte von deutschen Fabrikanten gewirkt.
tte extra nach London oder New York fuhren, um dort ergebnislos um Kredite
Zu betteln. Ein harter aber zutreffender Ausdruck und ein Beweis für unsere
        <pb n="28" />
        Weltiremdheit. Wer, wie ich, die Londoner City-Verhältnisse kennen gelernt
hat, muß sich über solches Vorgehen schämen, weil der Ruf Deutschlands da-
durch wieder einmal unnütz geschädigt wurde.

Die Rückzahlung von Obligationen in entwerteter Papiermark durch gut
fundierte Industriegesellschaften hat „Treu und Glauben‘ ebenfalls stark
erschüttert. Die Enttäuschungen der deutschen Kleinkapitalisten, die an ihrem
Aktienbesitz auch nach der Inflationszeit festhielten und dann durch die
Goldbilanzen und Zusammenlegungen erkennen konnten, welche vielfach zwei-
felhaften Werte zu verhältnismäßig zu hohen Preisen sie gekauft hatten, haben
unzweifelhaft zu einem großen und vielfach berechtigten Mißtrauen der
Aktionärkreise erstens zu den Verwaltungen und zweitens zu der Anlage von
Kapital in der deutschen Industrie geführt. Fabriken ohne genügend großen
Umsatz sind wertlos. In Amerika gibt es schon jetzt Ruinenstädte dieser Art.
Das Vertrauen der Sparer in die Solidität der Industrie-Unternehmungen ist
stark erschüttert.
Kredit, Sparsinn, billige Produktion, billige Konsumentenversoz-
yung. Diese 4 Punkte hängen eng/’zusammen, Deutschlands Wirtschaft
kann nur durch ausländisches Kapital (Kredite) neu aufgebaut werden.
Kredite müssen aber abgezahlt werden, oder sie werden zu auslän-
dischen Dauerbeteiligungen. Neubildung von deutschem Betriebs- und
Reservekapital ist nur möglich durch Sparsamkeit und Verbilligung
innerhalb der Betriebe und Sparsinn der Verbraucher. Verbilligte Pro-
duktion und billigere Ankaufsmöglichkeiten für die Konsumenten er-
möglichen diesen entweder mehr und verschiedenartiges Zu kaufen,
also den Warenumsatz zu erhöhen oder Geld zurückzulegen, zu sparen,
und dieses in Zirkulation zu geben, sich zu beteiligen und damit aus-
ländische Kredite zurückzuzahlen. Ein Abbau der Preise erhöht die
Verkaufsmöglichkeit, den Umsatz. Industrie und Handel in Deutsch-
land können nur durch dieses Prinzip die allgemeine W arenumsatz-
Kauflust wieder in Gang bringen. Die Sparkassen (die nur etwa 5%
des früheren Bestandes enthalten) können nur durch hohen Zinsfuß den
Snarsınn anreizen, im Wettbewerb gegen verbilligtes Warenangebot.
Deutschlands Inlandsabsatz und deutscher Außenhandel.
Deutschlands Ausfuhr ist im Vergleich zu seinem Inlandsverbrauch
von nicht ausschlaggebender Bedeutung, aber benötigt, weil Nahrung
bis jetzt nur zum Teil, Rohstoffe für Kleidung fast gar nicht und für die
Industrie nur zum Teil im Inlande beschafft werden können. Das
Hauptprinzip der neuen deutschen Wirtschaft muß sein: Konsument ist
jeder; neue Konsumenten durch billige und gute Waren schaffen,
bedeutet eine Erhöhung der inneren Volkswirtschaft; Produzent ist
nicht jeder; Produzenten sind nur dann für die Volkswirtschaft von Be-
deutung, wenn sie für den Inlandsmarkt preiswert Notwendiges oder
Exportware erzeugen. Deutschland hat eine Überproduktion von
Menschen und auf vielen Gebieten eine Überzahl von Fabriken (ich
erinnere nur. an die späte Einsicht von Regierung, Reichstag und In-
dustrie bei Kali und Zement), Weder die innere Volkswirtschaft noch
die Exportmöglichkeit verträgt die ungesunde und dabei unrationelle
z. T. direkt unmoderne Produktion. Kartelle, Konventionen usw. diene!
vielfach nur dazu das Ungesunde im Produktionssvstem aufrecht zt
        <pb n="29" />
        PA fr &amp;
erhalten, antiquierte Fabrikanten mitzuschleppen, Konsumenten“ Shore eefitüt
Preise aufzubürden als moderne Betriebe erfordern (man denke ae \
ranzösischen und deutschen Export-Kalipreise vor der Konvent 310

9 —

Deutschlands Inlandsverbrauch ist 1923 zu Gunsten der Ausfuhr
gedrückt, trotzdem war die Ausfuhr gegenüber 1913 nur etwa die
Die. Zwischengewinne sind in Deutschland zu groß, der Konsument wirä-——-
hicht genügend berücksichtigt. Der deutsche Konsument wird nur kaufkrältig,
wenn hierin eine Wandlung eintritt. Auch hier sind amerikanische Methoden
nötig. Der Jahresumsatz der Assoc. Dry Goods betrug 1923 77, der der
National Dep Stores 72, von Gimbel Bros 101%, von Macy (nur in New York)
51, von May 90 Mill. Doll. Großer Umsatz -— kleiner Gewinn ist dort die
Maxime. Wer liefert und wo kauft man in Deutschland in jedem Geschäfte
eine Qualitätsseife ä&amp; la Pears soap für 50 Pf das Stück?

Deutschland kommt nur wirtschaftlich in die Höhe, wenn es
zahlungs- und kauffähige Konsumenten schafft. Fin Lohnabbau be-
wirkt das Gegenteil, eine geringe Leistungsfähigkeit bezw. Arbeits-
leistung je Stück verhindert anderseits den Fabrikanten, billig. zu pro-
duzieren. Die große Arbeitsleistung des amerikanischen Arbeiters beruht
einerseits auf der Organisation und Mechanisierung, Typisierung usw.,
anderseits auf seiner — im allgemeinen — günstigen Lebenshaltung.
Trotz der Depression in der amerikanischen Industrie 1928 sagte
Elbert H. Gary von der U. S. Steel Corporation:

„Die Geschäftsyerhältnisse sind nicht gut, aber lassen Sie uns die Löhne
So hoch halten, wie wir nur können. Man muß bedenken, daß die Kosten
der Lebensführung hoch sind. — und in dieser Beziehung ist die Bevölkerung
In gewissem Grade übervorteilt worden.“

7 y

Konsumenten unter der breiten Masse der Arbeiter und Angestellten
können nur in großem Maßstabe geschaffen werden, wenn ein Unterschied
Zwischen der Entlohnung und dem Existenzminimum vorliegt; zur Zeit ist
dies nicht der Fall. Die Höhe des Lohnes ist von keiner Bedeutung für die
Aufnahmefähigkeit des Marktes an Fabrikaten; wenn bei teuren Lebensnot-
Wendigkeiten selbst hohe Löhne nicht ein Existenzminimum gewährleisten.

Hervorgehoben werden muß immer: wieder, daß eine der Grund-
lagen des Dawes-Gutachtens die Arbeitsbedingungen und das Existenz-
Minimum der deutschen Arbeitnehmer sind, die nicht schlechter sein
dürfen als die anderer Länder, Arbeitslose sind natürlich nur in sehr
beschränktem Maße Konsumenten. Der Zusammenschluß der Konsu
Menten ist in Deutschland noch nicht genügend fortgeschritten.

Die deutschen Verbraucher seien auf den Zusammenschluß der großen Ver-
Draucheranzahl des Mittel- und Arbeiterstandes in England hingewiesen, der
bei den verschiedenen Co-operative societies und retail-societies eine Eigen-
Moduktion von 89% Mill. £ und einen Umsatz von 165% Mill: £ (rund 3%
Üilliarden Goldmark) bei 3494 335 Mitgliedern dieser Gesellschaften, die rd.
100 Mill. Goldmark Einlagekapital haben, zur Folge hatte. Es handelt sich
Im die Fabrikation (in eigener Regie) von Lebensmitteln, Tabak, Kleidungs*
Stoffen, Schuhwerk, Hausinventar, Möbeln, Küchengeräten, Drucksachen, ferner
um Sägewerke, Fahrradfabriken, Kohlengruben usw. (Econ. v. 21. Juni 1924).

Die deutsche Arbeitslosigkeit stieg von 85 400 Arbeitslosen im Januar 1928
yet 1464400 im Dezember 1923; man mache sich diese Ziffern klar und be-
aunke, daß darin 1—2 oder mehr Millionen Menschen nicht. enthalten sind,
16, sonstwie mittellos, zur. Arbeitslosenunterstützung nicht berechtigt sind oder
“uf Halbzeit arbeiten usw. Von etwa 6 Millionen Mitgliedern von Gewerk-
        <pb n="30" />
        8 —

schaften waren im Dezembeer 1923 28% arbeitslos, Arbeitssuchende meldeten
sich Dezember 1928 nicht weniger als 941 auf 100 Stellen. Wenn auch die
Arbeitslosenzahl nach Einführung der Rentenmark beträchtlich zurückgegangen
ist, so kann man anderseits bei einer Reorganisation und Modernisierung von
Industrie, Landwirtschaft und Handel mit einem Menschenüberschuß rechnen,
der entweder arbeitslos sein wird oder anderweitig als bisher beschäftigt
werden muß.

Es werden bei der Reorganisation manche veralteten Fabriken ein-
gehen, manche Existenzen brotlos werden, die Zahl der Arbeitslosen
mag steigen. Die Hauptsache ist, die bestehenbleibenden Betriebe auf
dem Stande der höchsten, rationellsten Technik, durch Austausc h
von Betriebserfahrungen, zu erhalten, dadurch den Leerlauf
zu verhindern und die billigere Produktion im Interesse der Haupt
abnehmer, der großen Masse der Konsumenten, zu ermöglichen.

Außenhandel. Um Deutschland als Absatzland bemühen sich
1atürlich wieder alle Länder, aber anderseits für Deutschland als Liefe-
ranten die frühere Anerkennung und in Zollfragen angemessene Be
handlung zu finden, macht keine geringen Schwierigkeiten. ;

Deutschlands Anteil am Gesamthandel der Welt betrug 1913 bereits 18,2%,
1923 hingegen nur 9,3%, also etwa die Hälfte. Deutschlands Einfuhr 1923
setrug in Goldmark nur 54,3%, seine Ausfuhr 59,6% des Jahres 1913, und in
Mengen nur 483% der Einfuhr und etwa 52% % der Ausfuhr 19138. Das sind

raurig niedrige Ziffern.

Der ganze deutsche Lebensstandard hat sich danach zu richten.
Es ist aber bekanntlich schwer, sich aus besseren Verhältnissen an
irmere, vom Reichtum der Vorkriegszeit an die Armut der Gegenwart
zu gewöhnen. Doch es muß geschehen. Der Wiederaufbau Deutsch-
jands beginnt auf einer niedrigen Stufe des Komforts, hauptsächlich
allerdings, weil Tabak, Alkohol, Bier und andere Reiz- und Genuß-
mittel, wie auch Artikel der Frauenmode, im Gebrauche stark ein-
zeschränkt werden könnten, um dafür andere Konsumartikel mehr zu
verwenden. Export ist nötig, um die Rohstoffeinfuhr zu bezahlen, aber
Export ist. kein Ersatz für mangelnden Inlandsabsatz. Dieser Punkt
kann nicht genügend hervorgehoben werden,
Die gelegentliche Aktivität der Deutschen Handelsbilanz ist nicht als ein
‚ünstiges Zeichen aufzufassen, sondern als ein Beweis für mangelnde Nach:
'rage des Wirtschaftslebens nach zu veredelnden Rohstoffen.
Generaldirektor Eichberg berechnet die für die Durchführung
des Dawes-Planes und jährliche Aufbringung von 22%. Milliarden
notwendigen Exporte Deutschlands auf 14 Milliarden gegenüber etwa
\0 Milliarden vor dem Kriege; wie diese zustande kommen sollen bei der
Verarmung Europas, das früher drei Viertel der deutschen Ausfuhr auf-
nahm, und bei dem äußerst langsamen Wiederaufbau des russischen
Wirtschaftslebens, ist z. Zt. schleierhaft.
Verwundert habe ich, der ich etwa 10 Jahre in Rußland gelebt habe
Asch Krieg, Revolution und einigen Jahren bolschewistischen Regiments die
Sründerwut in Berlin beobachtet, wo eine osteuropäische Gesellschaft nach
der anderen entstand, als ob in Osteuropa schnell viel Geld verdient werdet
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        DU mas

könnte. Wieviel Geld ist durch falsche Gründertätigkeit dieser Art verloren
Der „Economist‘“ vom 6. September 1924 führt u. a. folgende. ‚melancholischen‘
Ziffern für England an (in MilL £)

Kinfuhr aus Rußland.
1913 10,3 1913
1921 2,7 1921
1922 „000. 81 1922
1923 „8 5 ı wm : 33 1923
1924 (6 Monate) . 4.6 1924 (6 Monate}

28
2,2
3,6
07
Der amerikanische Handelskommissar R. C. Miller beurteilt die
Jeutsche Konkurrenz im Weltmarkte als nicht gefährlich 21)

+

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u
ar
AA

Die niederländische Handelskammer in Frankfurt a. M. sagt in ihrem Be-
richte mit Recht: „Das niedrige Lohnniveau, das ja den inneren Absatz.ein-
schnürt, steht einem etwaigen dauernden Dumping eher entgegen. "Teurer
Kredit, hohe‘ Steuern, drohende Getreidezölle und die Belastungen aus dem
‚ondoner Abkommen werden die deutschen Exporipreise noch lange Zeit hin-
lurch über oder mindestens auf dem Weltmarktnreisniveau halten“.

Folgende Punkte für die Hebung des deutschen Exportes seien her-
vorgehoben:

Selbstkosten-Erniedrigung durch bessere Ausnutzung des Produktions-
ıpparates a) bei erhöhtem Inlandsabsatz, b) bei Export.

Vermeiden der Selbstkostenverringerung durch Herabdrückung der Ver-
brauchskraft, die durch Lohnverringerung hervorgerufen wird. Verbesserung
les Wirkungsgrades der Arbeit durch steigende oder mindestens nicht durch
sinkende Löhne. Die Arbeiter, Angestellten und‘ Landwirtschaft umfassen
lie Hauptkonsumenien der deutschen Industrie.

Fortschritte in Fabrikationstechnik und Betriebsorganisation; Anpassung

amerikanische Produktionstechnik.

Abschaffung der ungesunden Denkgewohnheiten der Inflationszeit.

Genaue Kalkulation. Sparsamkeit in persönlichen Spesen,

Anpassung der Selbstkosten an das notwendige -niedrigere Preisniveau.
öhne das erhöhter Absatz kaum in Frage kommt. ©
Bessere Absatzorganisation. Sorgsame Kundenbehandlung. Genaueste
Marktbeobachtung.
Über Qualität und Absatz gibt Robert Weinberger in der
‚Voss. Zte.“ u. a. folgende Beispiele:
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an
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37°

a7}

De,
416
„ch
TV

„Wenn Blech und Vernickelung der messingvernickelten Servierplatte zu
schwer angenommen werden, dann stellt sich der Artikel zu teuer und kann
licht konkurrieren gegen billigere Angebote des freien Marktes, die dem
Yaktischen Verwendungsanspruch genügen. Das Messingblech soll gerade
loch stark genug sein, damit die Platte sich nicht „werfen“ kann; die Ver-
Uckelung genügt, wenn sie beständig bleibt gegenüber Einflüssen von Alkohol
Ind schwachen Citratsäuren aus überfließenden Getränken und Speisen.
denn ein Qualitätsplus wird nicht bezahlt vom freien Markt, dem billigere
Teislagen in genügender Qualität zur Verfügung stehen. — Likörkelche aus
Tohlglas sind bedeutend billiger als Likörkelche aus Halbkrystall. Dem
Iohlglas mangelt zwar die Eigenschaft des Klingens, doch dem Südamerikaner
St der Klang des Geldes, das er durch billigeren Einkauf erspart hat, sym-
Jathischer als der Klang von Halbkrystall, das sich so bedeutend teurer stellt.

Japans Farben sind körnig und unvergleichlich minderwertiger als deutsche
2 Commerce Reports vom 14. Juli 19%4
        <pb n="32" />
        — 830 .—

Farben. Aber der chinesische Konsum ist an Preislagen hochwertiger
deutscher Farbenqualitäten nicht gewöhnt; er kann vielleicht mit der Zeit
hierzu „erzogen“ werden, doch gegenwärtig wäre es irrational, eigensinnig,
an Qualität um ihrer selbst willen festzuhalten. Rationeller erscheint es,
auszugehen von den Bedürfnissen: des Käufers, wie sie jetzt sind, und die
Höherentwicklung diese Bedürfnisse künftiger Bearbeitung zu überlassen.‘
Zusammenfassung. Bei dem großen Umfange der angeschnittenen
Fragen war es mir nur möglich, einige wichtige Punkte heraus-
zugreifen. Auf Grund der übereinstimmenden Urteile vorurteilsloser
Persönlichkeiten ergibt sich leider, daß Deutschland nicht nur ent-
waffnet und gegenüber einem chemischen Luftkrieg hilflos ist, sondern
jaß diesem ehemaligen Zentrum Europas infolge seines Mangels an
führenden Persönlichkeiten von überragender Bedeutung, seines inneren
politischen Haders, seiner Weltfremdheit in außerpolitischen Folge-
rungen nicht mehr der frühere „Goodwill“ eines geistig führenden
Landes zuerkannt wird. Die alte Grundlage unseres früheren Rufes in
Literatur, Kunst, Musik, Wissenschaft, Technik, Chemie sowie Politik
kann uns nur mahnen, „Was du ererbt von deinen Vätern hast,
erwirb es, um es zu besitzen.“ Die materiellen Verluste des Welt-
krieges sind für Deutschland verhältnismäßig leicht zu verschmerzen.
wenn es die vierzig Jahre Einfluß des Materialismus, Mammonismus,
Wilhelminismus abschüttelt und seine innere Erneuerung ernst angreift.
Was Deutschland der Welt gegeben hat, kann ihm niemand nehmen;
aber es gehört der Geschichte an. Jetzt handelt es sich um die Frage,
ob Deutschland der Welt wiederum durch die heranwachsenden Gene-
rationen neue Ideen und weitere Beweise seiner geistigen Kräfte geben
kann. Daran müssen wir alle arbeiten. Wir leben im Zeitalter der
Technik und Chemie; sie beruhen auf wissenschaftlichen Forschungen.
Jedes Land sucht das andere zu übertreffen, der Kontinent Nordamerika
kann dank seiner reichen Hilfsquellen und unterstützt durch die Ein-
wanderung europäischer Geistesarbeiter das gesamte, Europa über-
flügeln. Die europäische Kultur steht an einem Wendepunkt. Die
einzelnen Staaten sind nicht fähig, allein hohe Ziele zu erreichen; sie
bedürfen eines Zusammenschlusses, Deutschland ist von Europa ab-
hängig, ohne reichlichen Export dahin kann es sich nicht kleiden und
ernähren. Europas Wiederaufbau ist von Deutschlands innerpolitischer
Genesung und wirtschaftlicher Reorganisation abhängig, Ohne Deutsch-
{lands Selbsterneuerung und geistige Mitarbeit unterliegt Europa im
Wettbewerb mit dem Kontinent Nordamerika und den sich regenden
Kräften im fernen Osten.

Druck von Paul Schettlers Erben, A.-G., Cöthen (Anhalt).
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ız der asiatischen Märkte erhellt aus folgender Tabelle der
3 vom 4. August 1924: Wert in Mill. Doll.
Ausfuhr Finfuhr .
‚913 1923 1913 1923
316 704 364 9938,
2904 624 427 758
43 121 53 88
245 454 174 276
208 338 257 283
38371 1,206 626 724
Im ganzen: 1,977 3,467 1,901 3,122
narktpreise beirugen 1923 nach „Wirtschaft und
über. 1913 (== 100)
. 228 für Kupfer . . 92 für Rohseide“ . 226
127 für Aluminium . 107 für Weizen . . 120
4 175 für Wolle . . 221 für Roggen . . 109
16£ für Baumwolle . 226

isch Ost-Indien . .
alaya
dien .

en Hinweise und Zahlenangaben, zusammen mit meinen
ben über Amerika und Deutschland, zeigen genügend,
ad zurzeit im Welthandel keine besonders wichtige
i sich außerordentlich anstrengen muß, um auf den ver-
ı wieder besseren Fuß zu fassen. Die rigorose Vertreibung
ütschen oder-die Unterbindung ihres Handels durch die
in neutralen. Ländern, sind natürlich ein großes Hin-
ischland, bei‘ seiner Kreditnot, wieder die früheren Ab-
gewinnen, besonders nachdem vielfach neue Industrien
rn. entstanden sind.
Deutschland.

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in Deutschland ernstlich um einen neuen Aufstieg be-
len, müssen wir die „Civilcourage‘“ haben, uns und die
‘hler zu erkennen und uns auf den „negativen“ Stand-
m; dabei kann mancher seinen Patriotismus beweisen,
)ermanenter Hervorhebung des positiv Erreichten, Wirt-
men wir eher voran, wenn wir die großen Grundzüge
in dem internationalen Getriebe der Welt und der Welt-
ennen, als wenn wir Spießbürger-Auffassungen und
le uns zu eigen‘ machen. 8
and wird mit dem Worte „national‘, „bürgerlich“ und ähn-
Et MiBbranch getrieben. Es ist traurig. daß „bei uns Bindungen

and sieht mit Schadenfreude die deutsche Kurzsichtigkeit in
ausländischer Studenten: Wenn man verfolgt, wie einseitig
ber Deutschland aufgeklärt wird, wird man erkennen, wie
wenn möglichst viele Ausländer seine Universitäten und Hoch-
an. Das ist schließlich die beste Reklame für ein Land, und
ich nicht verwunderlich, wenn Frankreich, das für solche Dinge
ic Nase hatte, gerade den entgegengesetzten Standpunkt ein-
au so wie Italıen die Ausländer mit allen Mitteln nach seinen
u ziehen versucht. Es weiß genau, daß der zwanzigjährige
Eindrücke aus seiner Umgebung empfängt.‘ Nieuwe Rotter-
Ant. Frankt. Zt0e vom Märy 1994

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3

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