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        <title>Weltwirtschaftliche und politische Erdkunde</title>
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            <forname>Rudolf</forname>
            <surname>Reinhard</surname>
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        RUDOLF, REINHARD

WELTWIRTSCHAFTLICHE
UND
POLITISCHE ERDKUNDE

SECHSTE,; STARK ERWEITERTE
UND UMGEARBEITETE AUFLAGE

FERDINAND HIRT IN BRESLAU
KÖNIGSPLATZ 1
1920
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MIT 212 KARTENSKIZZEN UND GRAPHISCHEN
DARSTELLUNGEN

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MADE IN GERMANY
SOPYRIGHT 1928, 1924, 1925 AND 1929 BY FERDINAND HIRT IN BRESLAU
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        AUS DEM VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE
Neu ist die Anordnung und Darbietung des Stoffes in der geographischen
Güterlehre. Die Gliederung dieses Abschnittes für eine Darstellung, die sich
an einen größeren Kreis wendet, begegnet gewissen Schwierigkeiten. Die bisher
wohl ausnahmslos angewandte Einteilung nach den drei Naturreichen entbehrt
gänzlich der geographischen Gesichtspunkte. Eine rein geographische Teilung
wäre die nach den großen Wirtschaftszonen, die sich auf die Klimazonen
aufbauen. Eine solche bringt aber bei der schwierigen Abgrenzung und dem
vielfachen Ineinandergreifen der einzelnen Wirtschaftszonen eine große Unsicher-
heit in der Gliederung des Stoffes mit sich. Um eine einfache, übersichtliche
und leicht faßliche Einteilung zu erreichen, wurde ein Mittelweg gewählt. Es
wurde der Versuch gemacht, den Stoff in einigen großen wirtschaftlich-
geographischen Einheiten darzustellen. Diese Einteilung umgeht die
schwierige Abgrenzung der Produktionszonen und ruht doch andrerseits auf
geographischer Grundlage, sofern die „Kornkammern“, „die Viehweiden“, „die
Fischgründe“, „die Wälder“, „die Plantagenländer“ in ihrer Verbreitung über
die Erde bedingt sind durch gewisse einheitliche geographische Grundvoraus-
setzungen, namentlich solche des Klimas und der Bodenbeschaffenheit. —
Durch Verzicht auf die Behandlung derjenigen Handelsgüter, die nur von unter-
geordneter Bedeutung für das Weltwirtschaftsleben sind, wurde Raum gewonnen,
der dazu benutzt wurde, der Betrachtung jener Einheiten die nötige Abrundung
zu geben und den Stoff durch Eingehen auf manche Einzelheiten möglichst
anziehend zu gestalten.

Die in diesem Abschnitt gegebenen Produktionszahlen sind im allgemeinen
Durchschnittswerte der letzten fünf Jahre vor dem Kriege, also der
Jahre 1909—1913.

Leipzie, im Juni 1919.

AUSDEMVORWORT ZUR DRITTEN AUFLAGE
Die dritte Auflage der „Weltwirtschaftlichen und Politischen Erdkunde“
ist nur in der Gesamtanlag&amp; dieselbe geblieben. Im einzelnen haben alle Ab-
Schnitte wesentliche Veränderungen und die meisten auch stoffliche Erweite-
rungen erfahren.

Eine ganz wesentliche Vermehrung erfuhren die Textskizzen, die fast auf
die dreifache Anzahl der zweiten Auflage gebracht wurden. Sie entsprang nicht
nur der Anregung einiger Besprechungen der früheren Auflagen, sondern auch
der Erwägung, daß Karte und Diagramm einerseits das Interesse für den darzu
stellenden Stoff ‚erhöhen, anderseits die gründliche und damit dauerhafte Er
fassung wirtschaftsgeographischer und politischer Tatsachen wesentlich erleichtern.
Die mehr als hundert Textskizzen sollen nicht nur eine begleitende IMlustrierung
des Textes sein, sondern in vielen Fällen diesen noch ergänzen und erweitern.
Sie wollen deshalb auch für sich studiert sein und werden dann vielfach weitere
Tatsachen und Zusammenhänge erkennen lassen.

Die Darstellungsart der Skizzen ist absichtlich nicht einheitlich, konnte
68 gar nicht sein, da es galt, für jedes Thema die jeweilig zweckmäßigste Art
der Darstellung zu wählen. Über die dabei beobachteten methodischen Grund-
sätze kann hier nicht ausführlich gesprochen werden. Nur so viel sei gesagt,
        <pb n="8" />
        VORWORT
daß, wo irgend angängig, der Karte als der mehr geographischen Darstellungs-
weise vor dem Diagramm der Vorzug gegeben wurde, und daß mehrfach auch
der Versuch gemacht wurde, das Diagramm mit der Karte zu vereinigen. Bei
der Erwägung der zu wählenden Darstellungsweise und den mancherlei der Aus-
führung vorangegangenen Versuchen, sowie bei der Beschaffung der oft sehr
schwierig zu erreichenden Grundlagen für die Zeichnungen wurde der Verfasser
von den Herren Fachkollegen Studienassessor K. Voppel-Leipzig und Studien-
rat K, Müller-Chemnitz + in einer Weise unterstützt, die ihn zum größten Dank
verpflichtet, Bei aller Sorgfalt in der Auswahl der statistischen Grundlagen
konnten manche Unstimmigkeiten in den Angaben verschiedener Stellen über
denselben. Gegenstand nicht beseitigt werden. Das sei für den Fall gesagt, daß
der Leser in diesem oder jenem statistischen Werk von unseren Angaben ab-
weichende Zahlen findet. Im übrigen sei betont, daß es bei den grundsätz-
lichen Betrachtungen, um die es sich hier handelt, in den meisten Fällen viel
weniger auf die absoluten Werte als auf die zuverlässige Erfassung der jeweiligen
zeitlichen oder räumlichen Wertverhältnisse ankommt.

Aus der zu Rate gezogenen Literatur wurden mur einige zusammen-
fassende, zu ausführlicherem Studium und weiterer Vertiefung des Stoffes
geeignete Werke, sowie eine Reihe der einschlägigen Zeitschriften und sonstigen
periodischen Erscheinungen in einem Literaturverzeichnis am Schlusse
zusammengestellt,

Wirtschaftsgeographische Betrachtungen sind gerade in der Gegenwart
nicht nur von großer Bedeutung, sondern auch von erhöhtem Interesse, weil
wir uns allmählich dem Zeitpunkt nähern, in dem die im Krieg und als seine
Folge entstandenen besonderen wirtschaftlichen Verhältnisse gewissermaßen in
ein Stadium der Entscheidung eintreten, sofern die einen sich rückbilden und
wieder verschwinden, die anderen sich nicht nur behaupten, sondern in immer
höherem Maße sich auswirken. Der erste Fail tritt offenbar überall da ein, wo
die kriegsmäßige Umstellung auf einer reinen Ausnutzung der Konjunktur be-
ruhte, der andere da, wo der Krieg nur den Anreiz bildete, längst vorhandene,
aber noch nicht erkannte oder aus irgendwelchen. Gründen vernachlässigte natür-
liche, d. h. geographische Gegebenheiten in den Dienst der Wirtschaft zu stellen.
Im ersten Falle erzwingt die bessere natürliche Ausstattung anderer Länder
durch die dort vorhandene Möglichkeit leichterer und daher billigerer Produktion
oder vorteilhafterer Transportwege die Rückbildung reiner „Konjunkturverhält-
nisse“ in den betreffenden wettbewerbenden Staaten. Im anderen Falle war
der Krieg nur der Schrittmacher für eine beschleunigte Entwicklung, die
später auch ohne seine Einwirkung gekommen wäre. Der während des Krieges
enorm gesteigerte amerikanische Schiffsbau, die beträchtliche Kohlenausfuhr
der Vereinigten Staaten, viele Ersatzstoffindustrien der blockierten Mittelmächte
mögen als leicht zu vermehrende Beispiele für die eine — die Erweiterung
der brasilianischen Viehzucht und Fleischindustrie und des Reisbaus, die ge-
waltige Erhöhung der Körnererzeugung in Kanada, die intensive Ausnutzung
der deutschen Braunkohlenlager und Wasserkräfte als solche für die andere
Entwicklung genannt werden,

Die Betrachtung und Verfolgung solcher Entwicklungen sind gerade für
den Wirtschaftsgeographen wertvoll, weil sie das letzte Ziel seiner Aufgabe, die
Klarlegung der natürlichen Grundlagen der Wirtschaft, in sich schließen.

Daß auch eine Betrachtung der geographischen Grundlagen des politischen
Weltgeschehens in unserer Zeit hochgespannter politischer Verhältnisse nicht
nur reizvoll ist, sondern jedem Angehörigen ‚unseres Volkes, der für die Be-
urteilung politischen Geschehens und politischer Möglichkeiten einen freien, von
parteipolitischen Erwägungen unbeeinflußten Standpunkt gewinnen will, Pflicht
sein muß. bedarf keiner besonderen Begründung.
        <pb n="9" />
        VORWORT

Die enge Verflechtung wirtschaftlicher und politischer Fragen kann geradezu
als ein Merkmal unseres Zeitalters angesehen werden. Das rechtfertigt ohne
weiteres die Zusammenfassung einer Wirtschaftsgeographie und einer Politischen
Erdkunde in einem Bande.

So möge denn die „Weltwirtschaftliche und Politische Erdkunde“ auch in
Ihrer neuen Form an ihrem Teil dazu beitragen, wirtschaftsgeographisches Wissen
and politische Urteilsfähigkeit in unserem Volke zu verbreiten und damit die
Grundlagen mitschaffen helfen für einen Wiederaufbau unseres darniederliegen-
den Vaterlandes.

Leipzig, im Juli 1923.

VORWORT ZUR SECHSTEN AUFLAGE

Länger als Verlag und Verfasser es wünschten, mußte die Neubearbeitung der
zeit geraumer Zeit vergriffenen „Weltwirtschaftlichen und Politischen Erdkunde“
wegen anderer dringender Arbeiten hinausgeschoben werden. Unter diesen
Arbeiten hat die Herausgabe des von Joseph Partsch hinterlassenen umfang-
reichen Manuskriptes einer „Geographie des Welthandels“ dem Verfasser Ver-
anlassung gegeben zu einer erneuten gründlichen Durcharbeitung des gesamten
in Betracht kommenden Stoffes, die auch der vorliegenden sechsten Auflage der
„Weltwirtschaftlichen und Politischen Erdkunde“ vielfach fördernd zugute kam.

Stofflich erfuhr die neue Auflage eine Erweiterung durch ein einleitendes,
in. knapper Darstellung gehaltenes Kapitel über die natürlichen Grundlagen der
Wirtschaft und durch Einfügung eines Abschnittes „Fruchthaine und Reben-
zelände der Erde“, Wer sich über das Thema der Einleitung genauer unter-
richten will, findet eine treffliche Darstellung in dem im gleichen Verlag er-
schienenen Werk von R. Lütgens, „Allgemeine Wirtschaftsgeographie. Ein-
führung und Grundlagen“. Breslau 1928. Da auch bei einigen der alten Ab-
Schnitte eine mäßige Erweiterung nicht zu vermeiden war und entsprechend dem
Wunsche zahlreicher Benutzer des Buches zum ersten Male ‚ein Sachregister
veigefügt wurde, ist der Umfang der neuen Auflage im ganzen etwas gestiegen.

Das lebhafte Interesse, mit dem in den letzten Jahren wirtschaftsgeo-
3raphische und weltpolitische Probleme erörtert wurden, die Fortschritte in
der Auffassung und Deutung der Erscheinungen haben neben dem Wandel
lieser Erscheinungen selbst” zu manchen Änderungen in der Darstellung der
sechsten Auflage‘ geführt. Dabei wurde versucht, die geographische Fun-
lierung des Ganzen gegen früher noch zu verstärken. Das gilt auch von den
Textskizzen, die wieder eine nicht unerhebliche Vermehrung und vielfache Er-
Aeuerungen erfuhren. Für die Weltkarten wurde an Stelle der Merkator-
Projektion in den früheren Auflagen die O0. Winkelsche Projektion gewählt,
die den Vorzug geringerer Verzerrung in den höheren Breiten und damit im
zanzen größerer Flächentreue besitzt.

Die Gesamtanlage des Buches blieb dieselbe. Das statistische.Ma:
berial wurde wieder bis möglichst nahe an die Gegenwart herangeführt. Im
allgemeinen umfaßt es die Zeit bis Ende 1927.

Den Herren Studienräten K, Voppel und Dr. Kietz bin ich für Mitleser
ler Korrektur, letzterem auch für Anfertigung des Registers zu Dank ver
oflichtet, nicht minder Herrn Dr. Th. Stocks für den Entwurf der meisten
Zeuen und erneuerten Textskizzen.
Leipzig, im Dezember 1928.
RUDOLF REINHARD
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        INHALTSUÜBERSICHT

ALLGEMEINE WIRTSCHAFTSGEOGRAPHIE
EINLEITUNG
DIE NATÜRLICHEN GRUNDLAGEN DER WIRTSCHAFT UND DER
MENSCH ALS TRÄGER DER WIRTSCHAFT .. AA
Die natürlichen Grundlagen der Wirtschaft — Der Mensch als Träger der Wirtschaft.
ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
DIE KORNKAMMERN DER ERDE 2
Die geographische Verbreitung der Körnerfrüchte — Weltversorgung mit Körner
Früchten — Kartoffelerzeugung.

I. DIE VIEHWEIDEN UND FISCHGRÜNDE DER ERDE. ....
Die Viehweiden der Erde — Die großen Fischgründe des Weltmeeres.

11. FRUCHTHAINE UND REBGELÄNDE DER ERDE. .....
Obst — Südfrüchte — Tropische Früchte — Weinbau.

[IY. DIE WÄLDER DER ERDE UND IHRE HAUPTERZEUGNISSE. .
Verbreitung und Arten des Waldes — Die Holzwertung des Waldes — Die Pelztiere
des Waldes.
DIE PLANTAGENLÄNDER DER ERDE. (DIE ERZEUGNISSE
DERTROPISCHEN UND SUBTROPISCHEN LANDWIRTSCHAFT)
Kaffee -— Kakao -- Tee — Zucker — Tabak — Palmöl und andere Ölptlanzen —
Kautschuk — Baumwolle.
DIE BERGWERKE DER ERDE 2200000000000... 117
Kohle — Petroleum — Eisen — Kupfer — Gold und Silber — Kalisalz und Chilesalpeter.
DIE STÄTTEN DER INDUSTRIE 2.0 .0.0.0.00.0.0.00.... 149
Die geographischen Grundlagen der Industrie — Die geographische Verbreitung der
Industriegebiete — Die wichtigsten Industriestaaten.

ZWEITER TEIL: DER VERKEHR

DER LANDVERKEHB. | 2 1.0.0. 157
Mittel des Landverkehrs außer den Eisenbahnen -— Die Eisenbahnen: Einiges über
Entwicklung und Betrieb der Eisenbahnen — Die Schienennetze der Erdteile.
DER WASSERVERKEHR © 2 ee I77
Die Binnenschiffahrt — Die Sceschiffahrt: Die Welthandelsflotte — Das Weltmeer als
Schauplatz des Verkehrs.

II. DER LUFTVERKEHR. .. 0.0.0... 2000004 210

IV. DER NACHRICHTEN VERKEHR. 2 ee 213

V INTERNATIONALE VERKEHRSVEREINIGUNGEN . 216

f

ZIT

ALLGEMEINE POLITISCHE ERDKUNDE
GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
I. DIE BEVÖLKERUNG DER ERDE. ......- . 217
X. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES ; ........221
Die Gestalt der Staaten — Die Grenzen der Staaten — Die Größe der Staaten —
Die Lage der Staaten.
DIE INNEREN MERKMALE DES STAATES. 2.0.0.0.00004
Staat und natürliche Landschaft — Staat und Volk — Staat und Wirtschaftsleben.
LITERATURVERZEICHNIS. .
REGISTEB. 2.2...

256
        <pb n="11" />
        ALLGEMEINE
WIRTSCHAFTSGCEOGRAPHIE

ELINL EL:

"u NG
DIE NATÜRLICHEN GRUNDLAGEN DER
WIRTSCHAFT UND DER MENSCH ALS TRÄGER
DER WIRTSCHAFT
Umfang und Art der wirtschaftenden Tätigkeit des Menschen in
der Erzeugung und Verarbeitung von Rohstoffen und in der
Ausübung des Verkehrs sind abhängig einerseits von der Beschaffen-
heit der Erdoberfläche und vom Klima, anderseits von der Zahl und Art
der Menschen, die in einem bestimmten Gebiet der Erdoberfläche wirt-
schaftend tätig sind. Die Erdoberfläche und die klimatischen Vorgänge
auf ihr bilden die natürliche Grundlage der menschlichen Wirtschaft.

DIENATÜRLICHEN GRUNDLAGEN DER WIRTSCHAFT

Fassen wir zunächst die Erzeugung und Verarbeitung von Roh-
stoffen und Fabrikaten, die der Mensch für seine Ernährung, Kleidung,
Behausung und zur Befriedigung sonstiger Lebensbedürfnisse braucht,
ins Auge. Die gesetzmäßige Abhängigkeit dieses Teiles der Wirtschaft
von bestimmten geographischen Voraussetzungen behandelt die geo-
graphische Güterlehre.

Geographische Abhängigkeit der pflanzlichen und tierischen Er-
zeugung. Von allen Erzeugnissen der menschlichen Wirtschaft sind
die der Pflanzen- und Tierwelt entstammenden am stärksten von den
geographischen Gegebenheiten der Erdoberfläche abhängig. Bodenart
und Bodenform, die Erscheinungen der Lufthülle im Klima, die Zahl,
Verteilung und Beschaffenheit der Landgewässer und Meeresströmungen
bedingen die Erzeugnisse pflanzlicher und tierischer Stoffe nach Art,
Güte und Menge. Diese Zusammenhänge sollen im einzelnen kurz ge-
zeichnet werden.

Der Boden. Die Art des Bodens, seine strukturelle und stoffliche
Beschaffenheit ist in vielen Fällen maßgebend für den Erfolg landwirt-
schaftlicher Arbeit. Man denke, um nur einige Beispiele zu nennen, an
die Bedeutung des ganz Europa von der Nordsee bis zum Schwarzen
Meer durchziehenden diluvialen Lößstreifens für den Getreide- und
Rübenanbau dieser Länder, an die ungeheuere Fruchtbarkeit der Löß-
flächen Nordchinas, an die Wichtigkeit der Schwemmländer des Ganges,
des Nil, des Mississippi für die Erzeugung von vegetabilischen Lebens-
mitteln und von Baumwolle, an die Verbreitung der indischen Baum-
wolle auf dem basaltischen Verwitterungsboden des Dekan, an die Be-
ziehung zwischen dem lockeren Glazialboden Nordeuropas und der
Verbreitung des Roggens und der Kartoffel.

Auch die Formen des Bodens sind nicht gleichgültig. Neben der
Erhebung des Bodens, die die Höhenlage und damit bestimmte klima-
        <pb n="12" />
        EINLEITUNG
tische Einflüsse bedingt, oft als Windschutz auch fördernd in Erscheinung
tritt, spielt der Grad der Böschung eine Rolle. Die guten Weinlagen
liegen in Mitteleuropa fast ausschließlich an den Hängen, die von den
Sonnenstrahlen steiler getroffen werden als die Ebene. Auch der Tee
kann, da er kein Grundwasser verträgt, nur an Berghängen gebaut
werden. Andrerseits ist an zu steilen Hängen das Pflügen nicht mehr
möglich, auch ist hier das lockere Erdreich der Abschwemmung durch
Regengüsse ausgesetzt. Gelegentlich erlangen auch Tiefenlagen be-
sondere wirtschaftliche Bedeutung. Die Ausdehnung der Berieselungs-
landschaften beruht auf ihrer im Verhältnis zur Umgebung geringen
Höhenlage. Die neuerdings entdeckte große Depression in der Wüste
westlich des Nildeltas will man durch den Bau einer Wasserleitung
vom Mittelmeer her zur Gewinnung großer elektrischer Kraftmengen
und durch Berieselung weiter Gebiete nutzbar machen. In den Karst-
ländern bieten die Böden der wannenartigen Poljen oft die einzige
Möglichkeit des Anbaus.

Das Klima. In ganz besonderem Maße ist für Art und Verbreitung
der Pflanzenwelt und damit auch für das Ergebnis pflanzlicher Kultur-
arbeit das Klima bestimmend. Höhe und Gang der Temperatur,
Menge und Verteilung der Niederschläge und, wenn auch nur in
geringem Maße, Stärke und Richtung der bewegten Luft bedeuten
fördernde oder hemmende Einflüsse im Pflanzenbau. Jede Pflanze oder
Pflänzengattung verlangt ein Mindestmaß von mittlerer Monats-
und Jahrestemperatur und eine gewisse Dauer der Wachstums-
möglichkeit, d. i. eine genügend lange Vegetationsperiode.

Damit hängt einmal die Gliederung der Vegetationszonen nach den
Temperaturgürteln der Erde und andrerseits, da die Temperatur nicht
aur mit der Annäherung an die Pole, sondern auch mit der Zunahme der
Höhe sinkt, die Gliederung nach Vegetationshöhengürteln zusammen.
Neben den mittleren Temperaturen spielen häufig auch gewisse extreme
Temperaturen nach oben und unten, Eintrittszeiten des Frostes und
sonstige besondere Temperaturerscheinungen eine wichtige Rolle. Der
Kaffeebaum geht bei Temperaturen unter 8°, der Kakaobaum schon bei
solchen unter 10° zugrunde. Die Baumwollkultur erfordert eine un-
unterbrochene Folge von 200 frostfreien Tagen.

Die Abhängigkeit der Pflanzenwelt von den Niederschlägen be-
zieht sich vor allem auf deren Menge und jahreszeitliche Verteilung.
Alle tropischen und viele subtropische Kulturpflanzen, wie Kaffee,
Kakao, Kautschuk, Baumwolle u. a., verlangen Niederschlagsmengen,
die viel größer sind als die in unseren mittleren Breiten fallenden,
oft müssen diese noch zusammengedrängt sein auf einen mehr oder
weniger großen Teil des Jahres. Andrerseits sucht die Rübenkultur
in Mitteleuropa mit Vorliebe die trockeneren Gebiete auf. Auch die
Art der Niederschläge ist nicht ganz gleichgültig, indem die nament-
lich in den Trockengebieten häufig auftretenden heftigen wolkenbruch-
artigen Güsse schwächere Pflanzen leicht schädigen. Ebenso kann
schwerer Schneefall und Rauhreif durch „Schneebruch“ in Obstgärten
und Wäldern Schaden anrichten, andrerseits befördert die Schnee-
decke die Durchfeuchtung des Bodens. Nicht nur in höheren Teiler
        <pb n="13" />
        DIE NATÜRLICHEN GRUNDLAGEN DER WIRTSCHAFT 9
Spaniens und im Ostjordanland, auch in vielen trockeneren Gegenden
Mittel- und Osteuropas ist ein guter Ausfall der Ernte von der Höhe
und der Dauer der Schneedecke abhängig. Endlich spielt auch die
Luftfeuchtigkeit eine Rolle. Die tropischen Gewächse würden in unseren
Gewächshäusern auch bei künstlicher Wärme- und Wasserzuführung
nicht gedeihen, wenn nicht auch zugleich für erhöhte Luftfeuchtigkeit
gesorgt würde. Das Inselklima Ceylons und Javas ist wegen der dort
herrschenden großen Luftfeuchtigkeit besonders gut für den Teebau
geeignet. Die Kokospalme geht aus demselben. Grunde nicht weiter als
300 km vom Meere binnenwärts.

Auch für die Weiterverarbeitung gewisser vegetabilischer Produkte,
wie für den Spinnprozeß des Flachses und der Baumwolle ist hoher Gehalt
an Luftfeuchtigkeit wichtig. In dem höheren Luftfeuchtigkeitsgehalt
der ozeanischen Länder Westeuropas ist wenigstens einer der Gründe
für eine gewisse Überlegenheit des dortigen Textilgewerbes gegenüber
den Unternehmungen der kontinental gelegenen Länder zu sehen. Schon
in Deutschland muß man die Baumwollspinnsäle mit Vorrichtungen zur
künstlichen Erhöhung der Luftfeuchtigkeit ausstatten.

Der Wind tritt, abgesehen von seinem Nutzen als Vermittler der
Befruchtung für viele Pflanzen, meist als Schädling der Pflanzenwelt
auf. Einmal, indem er durch seine Heftigkeit den Pflanzungen schadet,
andrerseits indem er plötzlich stark abgekühlte oder erhitzte Luft herbei-
führt. In verschiedenen Tropengebieten, z. B. in Mittelamerika und auf
den Philippinen, können wegen der dort regelmäßig auftretenden Wirbel-
stürme Pflanzungen nur an geschützten Stellen angelegt werden. Trotz-
dem ist der Windschaden auch an solchen oft noch groß genug. Die
kalten „Northers“ in der Union sind von dem Landwirt des Südens ebenso
gefürchtet wie die südlichen trockenen „Hot winds‘“ von dem der mitt-
leren und nördlicheren Gegenden. Der Mistral richtet in der Rhone-
ebene, der aus Nordafrika wehende Schirokko und Harmattan in süd-
lichen Teilen Italiens gelegentlich großen Schaden an.

Die Gewässer. Flüsse, Seen und Meer haben zunächst mittelbar
dadurch auf die pflanzliche Produktion großen Einfluß, daß sie das Klima
in einem meist dem Bodenbau günstigen Sinne verändern, Namentlich
in warmen Ländern sind in der Nähe des Meeres und großer Binnen-
gewässer Niederschlagsmenge und Luftfeuchtigkeit größer als in wasser-
fernen Gebieten. Auch wirkt das Wasser ausgleichend auf die Temperatur-
schwankungen. Obst- und Weinbau bevorzugen gern die Nähe von
Flüssen und Seen wegen der dort verringerten Frostgefahr. Daneben
ist nicht zu unterschätzen die Bedeutung, die Flüsse und Seen ’als
Lieferanten des Wassers für die künstliche Bewässerung haben. Ja
diese Bedeutung hat sich im Zeitalter der Technik ganz wesentlich
erhöht. Schon längst ist man für die Nennung von Beispielen nicht
mehr auf den Nil oder Euphrat allein angewiesen. Neben dem Stau-
damm von Assuan, dem neuen von Senaar, der eine Fläche fast von
der Größe des Freistaates Sachsen für Baumwollkultur bewässert, reden
das großartige „Irrigationswerk‘“ im Westen der Vereinigten Staaten
die Bewässerungsanlagen in Vorderindien, in Australien, in Chile, Argen-
tinien usw. eine deutliche Sprache.
        <pb n="14" />
        EINLEITUNG

Die Tierwelt. Wenn die vorangehende Darstellung ergab, daß
für Art und Verbreitung der Pflanzenwelt in erster Linie die klima-
tischen Faktoren bestimmend sind, so erscheint deren Bedeutung noch
durch die Tatsache erhöht, daß die Pflanzenwelt in weitgehendem
Maße die Grundlage für die Verbreitung der Nutztiere ist. Denn
gerade die meisten für die menschliche Wirtschaft wichtigen Tiere vom
Pferd und Rind bis zum Seidenwurm sind Pflanzenfresser. Nur die
bedeutsame Gattung der Pelzträger gehört zu den Carniforen, aber
gerade von diesen ist ja bekannt, daß sie ihre Wertschätzung für die
menschliche Wirtschaft in erster Linie klimatischen Verhältnissen ver-
danken, sofern die harte Kälte polarer und subpolarer Länder die
feinsten Pelze herausbildet.

Wir sehen weiter, daß auch die wirtschaftlich wertvollsten Tiere
Jes Meeres offenbar unter klimatischer Abhängigkeit stehen, indem
lie wichtigsten Nutzfische, ferner die großen Wale und die Robben
die kühlgemäßigten und subpolaren Meere als Aufenthaltsort bevorzugen.

Klimazonen und Produktionszonen. Aus solchen Erwägungen er-
hellt, daß man eine Betrachtung der pflanzlichen und tierischen Güter-
arzeugung leicht nach den großen klimatischen Gürteln unseres Krdballs
ordnen könnte, wie es z. B. Joseph Partsch in konsequenter Weise in
seiner „Geographie des Welthandels“ getan hat. Die folgende Übersicht,
die die Einteilung der Klimazonen nach W. Köppen vereinfacht wieder-
gibt, zeigt, wie sich etwa die Haupterzeugnisse auf die verschiedenen
Klimagürtel verteilen lassen.

Klimazonen!
[. Arktische Region
Klima des ewigen Frostes und der
subpolaren Räume.
Nördlich gemäßigte Zone
Sommerkühles Seeklima und som-
merwarmes Landklima.

IT.

Sommerdürres, subtropisches
Produktionsgebiet der nörd-
:ichen Zone

Vinterregenklima und Wüstenklima.
\siatische Monsungebieteund
leuchte Subtropen Nordame-
*ikas

Sommerregenklima und immerfeuch-
‚es subtropisches Regenklima
Feuchtwarmer Tropengürtel
I[mmer- und halbfeuchtes Tropen-
and Subtropenklima.
Subtropischer Trockengürtel
Jer südlichen Halbkugel
Periodisches Trockenklima (und
W üstenklima).

V

‚I.

Erzeugnisse?
Pelztiere, Holz, Wal- und Robbenfang.

Wichtigste Brot- und Futtergetreide,
Flachs, Kartoffel, Zuckerrübe, Obst
und Wein, — Viehzucht- und
Fischereierzeugnisse.
51- und Südfrüchte. Tabak, Kork-
eiche, Halfagras, Dattelpalme,
Harze und Gummi.

Reis, Tee, Baumwolle, Jute, Seide.

Kaffee, Kakao, Kautschuk, tropische
Früchte und Faserpflanzen, tro-
pische Hölzer.

Körnerfrüchte (Weizen, Mais), Lein-
samen, Rinder- und Schafhaltung,
GCuano.

Die nicht gesperrten Angaben entsprechen den Klimazonen W.Köppons.
° Nur weltwirtschaftlich wichtige Erzeugnisse sind aufgeführt.
        <pb n="15" />
        DIE NATÜRLICHEN GRUNDLAGEN DER WIRTSCHAFT 11
Allerdings hat diese Einteilung des Stoffes auch gewisse Nachteile.
Einmal sind die Grenzen der Klimazonen nicht einfache, sondern
infolge der zahlreichen dabei wirksamen Einflüsse recht verwickelte
Linien. Daher sind auch die Meinungen über die zweckmäßigste Ab-
zrenzung dieser Zonen für viele Gebiete noch geteilt, und keine der
vorgeschlagenen Einteilungen ist restlos befriedigend. Dazu kommt,
daß nicht wenige Pflanzen und Tiere die Grenzen ihrer ehemaligen
Verbreitungsgebiete im Laufe der Zeit überschritten haben und —
vielfach unter dem durch Züchtung und Gewöhnung wirksamen KEin-
1uß des Menschen — in anderen, ihnen früher verschlossenen Klima-
gebieten heimisch geworden sind. Kartoffel und Tabak sind von Haus
aus tropische Höhenklimapflanzen der westlichen Halbkugel. Aber der
Tabak ist heute ein über die gesamten Tropen, Subtropen und die
Gemäßigten Zonen verbreitetetes Handelsgewächs, während die Kartoffel
dem Menschen nicht nur über die ganze Nördlich Gemäßigte, sondern
zuch in die Subpolare Zone folgte. Solcher Beispiele ließen sich noch
viele aus Pflanzen- und Tierwelt anführen.

Aus den genannten Gründen haben wir unserer Behandlung der
pflanzlichen und tierischen Weltgüter eine andere Einteilung in Form
gewisser wirtschaftlicher Lebensgemeinschaften zugrunde ge-
legt. Aber auch für deren Zusammenfassung ist der klimatische Ge-
sichtspunkt maßgebend gewesen, sofern die „Getreidekammern“, die
„Waldländer“, die „Viehweiden“, die „Fruchthaine und Rebengelände“,
die „Plantagenerzeugnisse“ doch sofort die Vorstellung bestimmter
mehr oder weniger ausgeprägter Klimaprovinzen hervorrufen.

Geographische Abhängigkeit des Bergbaus. Die Erzeugung oder
Gewinnung mineralischer Nutzstoffe wird im wesentlichen durch die
geologische Beschaffenheit des Untergrundes bestimmt. Denn
das Vorkommen mineralischer Wertstoffe ist vielfach an bestimmte geo-
(ogische Formationen oder tektonische Zonen geknüpft. So finden sich
die Steinkohlen zum weitaus größten: Teil im Karbon, die meisten
und bedeutendsten Eisenerzlager Mitteleuropas in Schichten, die dem
Mittelalter der Erdgeschichte angehören (Jura, Kreide), die Braun-
kohlenlager im Tertiär der geologischen Neuzeit, Diamanten in den
Röhren vulkanischer Schlote. Gewisse Arten des Petroleums sind in
ihrem Vorkommen an die großen Faltungsgürtel der Erde, andere an
die horizontalen, wenig oder nicht gestörten Schichten weiträumiger
Tafelländer und Senkungsbecken geknüpft. In manchen Fällen findet
auch eine Umlagerung der die Nutzmineralien enthaltenden Mutter-
gesteine durch die Wirkung geographischer Kräfte, z. B. des Wassers
und des Windes, statt. Die goldführenden Seifen.der Gebirgsbäche
und Flüsse, die Diamantenfelder der Namib in Südwestafrika sind auf
diese Weise als sogenannte sekundäre Lager wirtschaftlich wertvoller
Gesteine entstanden.

Das Klima spielt in der Wirtschaft der mineralischen Nutzstoffe
in mancher Beziehung eine Rolle. Die aus Pflanzenstoffen hervor-
gegangenen Mineralien — Torf, Braunkohle, Kohle, Bernstein — sind
in ihrer Entstehung an die klimatischen Verhältnisse früherer Erd-
verioden gebunden, ebenso die Bildung vieler Salzlager. Die dicht
        <pb n="16" />
        EINLEITUNG
unter der Erdoberfläche liegenden leichtlöslichen Salpeterlager der
Atacama konnten sich nur in einem Gebiet extremer Trockenheit bis
zur Gegenwart erhalten. Das tropische Klima mit seinen hohen Tem-
peraturen und seiner Wasserfülle, noch mehr das polare Klima sind
für den Bergbaubetrieb ungünstig, der in hohen Breiten durch das
Gefrieren des Bodens und die Schwierigkeit der Lebensmittelbeschaf-
fung für die Arbeiter erschwert wird. Die Kohlenlager Spitzbergens
und die Goldfelder Alaskas oder Ostsibiriens müssen unter viel un-
günstigeren Bedingungen ausgebeutet werden als die Lagerstätten
der gemäßigten Klimazonen,

Endlich spricht bei der Frage, ob ein Minerallager „abbauwürdig“,
also wirtschaftlich ausnutzbar ist oder nicht; auch seine bessere oder
schlechtere Zugänglichkeit und seine Entfernung von den Haupt-
bedarfszentren, also die Ortslage, mit. Die Lage in unwegsamen
Hochgebirgen, in weiten extrem trockenen Wüstenräumen, in großer
Entfernung von Bahnlinien oder brauchbaren Verschiffungshäfen kann
ein an sich wertvolles Mineralvorkommen bis zur Nutzlosigkeit entwerten.

Geographische Abhängigkeit der Industrie. Auch die die Roh-
stoffe verarbeitende Industrie ist in ihrer Entwicklung an bestimmte
geographische Voraussetzungen gebunden, wenn auch nicht so stark
wie die Urerzeugung und meist nur mittelbar. Einzelheiten darüber
geben der unten folgende Abschnitt über den Menschen in Ausübung
der Wirtschaft und das Kapitel „Die Stätten der Industrie“ S. 149ff.

Geographische Abhängigkeit des Verkehrs. Der geographischen
Güterlehre steht als zweiter Hauptteil der Wirtschaftsgeographie die
Verkehrsgeographie zur Seite. Der Verkehr, der die Bewegung
der Güter vom Orte der Erzeugung nach dem des Verbrauchs voll-
zieht, ist in gleicher Weise wie die Produktion den oben erörterten
geographischen Bedingtheiten unterworfen. Boden und Klima, Ver-
teilung von Wasser und Land, Verbreitung und Art der Flüsse und
Seen sind maßgebend für die Lage, Dichte und Richtung der Verkehrs-
wege, für die Wahl der verschiedensten Verkehrsmittel und für die
Entstehung der Handels- und Verkehrszentren. Es erübrigt sich, dafür
einzelne Beispiele aufzuführen. Jede länderkundliche Betrachtung ergibt
deren die Fülle. Nur darauf sei noch einmal hingewiesen, daß auch für
den Verkehr die Rücksichtnahme auf die klimatischen Verhältnisse des
von ihm durchmessenen Erdraums in vorderster Linie steht und daß das
Klima der gemäßigten und gemäßigt-subtropischen Zonen ihm die
günstigsten Bedingungen bietet, während das polare Klima mit seinen
niedrigen Temperaturen, seinem dauernd oder während des größten
Teils des Jahres gefrorenen Boden, das extreme Wüstenklima mit
seiner Wasserarmut und seinen bewegten Sandmassen, das Tropenklima
mit seiner Überfülle der Feuchtigkeit und Vegetation, schwere, nicht
selten unüberwindliche Hindernisse bereitet. Hindernisse, die oft viel
ernsterer Natur sind als die der höchsten Gebirge, die die Technik
durch Tunnel oder Drahtseilbahnen überwindet, oder die der sturm-
bewegten Meere, denen der Mensch die zuverlässige Kraft seiner Maschine
entgegensetzt.
        <pb n="17" />
        DER MENSCH ALS TRÄGER DER WIRTSCHAFT I}

DER MENSCH ALS TRÄGER DER WIRTSCHAFT

Die der Erdoberfläche von Natur aus anhaftenden, die mensch-
liche Wirtschaft fördernden oder hemmenden Eigenschaften in bezug auf
Boden, Klima und Bewässerung, Pflanzen- oder Tierwelt, stellen gewisser-
maßen die Möglichkeiten wirtschaftlicher Entwicklung dar. In
welchem Grade diese Möglichkeiten ausgenutzt werden, hängt von dem
Menschen und seiner Arbeit ab, der als wirtschaftendes Subjekt
der Erdoberfläche als dem Objekt der Wirtschaft gegenübertritt. Es
gibt große Gebiete, in denen diese Möglichkeiten noch lange nicht
zur vollen Entfaltung gebracht sind, andere, in denen sie bis zur
äußersten Grenze ausgenutzt sind, ja in denen der Mensch durch
Änderung der physischen Eigenschaften der Erdoberfläche, zum Bei-
spiel durch künstliche Ent- oder Bewässerung, durch Verdrängen des
Urwaldes oder durch Aufforstung unbewaldeter Gebiete, die natür-
lichen Grenzen seiner Wirtschaft um ein beträchtliches hinausgerückt,
seinen Lebens- und Wirtschaftsraum erheblich erweitert hat.

Bevölkerungsdichte. Zunächst wird der Grad der wirtschaftlichen
Entwicklung eines Erdraums abhängen von der Zahl der Menschen,
die auf ihm leben, von der Dichte der Bevölkerung. Gebiete, die
der menschlichen Wirtschaft günstige Bedingungen bieten, locken zur
Siedlung. Bald wird die natürliche Vermehrung die Bewohner dazu
zwingen, immer neue Ausnutzungsmöglichkeiten ihres Lebensraumes
zu erschließen, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren. Infolge
dieser Wechselwirkung zwischen günstigen Lebensräumen und dichter
Bevölkerung werden die dichtbesiedelten Erdräume im allgemeinen
Gebiete intensivster Gütererzeugung und lebhaftesten Güteraustausches
sein. Die Karte der Bevölkerungsdichte (8. S. 220) der Erde erweist die
Richtigkeit dieses Gesetzes ohne weiteres. Dünnbesiedelte Erdräume
— Australien, Afrika, große Teile Südamerikas und vor allem die polaren
Regionen — sind meist Gebiete geringerer wirtschaftlicher Entfaltung
nach Mannigfaltigkeit und Menge ihrer Gütererzeugung und in der
Entwicklung ihres Verkehrsnetzes,

Anderseits besteht auch eine bestimmte Beziehung zwischen Wirt-
schaft und Bevölkerungsdichte, sofern gewisse Wirtschaftsarten eine
große Zahl von Menschen voraussetzen, andere mit einer viel kleineren
Zahl menschlicher Arbeitskräfte auskommen. Der Ackerbau und Hack-
bau Europas und Chinas, die Industrie Mittel- und Westeuropas, der
Weinbau Südwestdeutschlands, der Teebau Indiens sind nicht denkbar
Ohne die Reserve an Arbeitskräften, die eine dichte Bevölkerung bietet,
während in den Steppenländern Australiens und Südamerikas gewaltige
Herden und große Landräume durch eine Handvoll Menschen bewirt-
schaftet werden. Intensiver Bodenbau und Industrie einerseits, exten-
sive Viehwirtschaft anderseits sind Gegensätze, die auch durch große
und geringe Bevölkerungsdichte der betreffenden Erdräume sich kenn-
zeichnen.

Selbst im bestausgestatteten Lebensraum und bei stärkster Inan-
spruchnahme des Güteraustausches —- z. B. von Lebensmitteln gegen
Industrieprodukte -— gelangt die ständig wachsende Bevölkerung
        <pb n="18" />
        [4

EINLEITUNG
schließlich an eine unüberschreitbare Grenze in bezug auf die wirt-
schaftliche Ausnutzung des Wohngebietes. Dann muß bei weiterem
Wachstum die überschüssige Bevölkerung durch Auswanderung oder
Eroberung neuen Landes sich neuen Lebensraum und damit neue
Existenzbedingungen schaffen. Damit werden die dichtbevölkerten
Gebiete der Erde auch Ausgangspunkte der wirtschaftlichen Entfaltung
neuer, bisher für die menschliche Wirtschaft mehr oder weniger brach-
liegender Erdräume.

Rassen. Aber der Grad der wirtschaftlichen Ausnutzung eines
Erdraumes hängt nicht nur von der Zahl der ihn bewohnenden Men-
schen ab, sondern auch von ihrer Art und ihren Fähigkeiten, die in
ihren Rassenmerkmalen beschlossen sind. Da spielen zunächst die
klimatischen Verhältnisse eine wichtige Rolle. Sowohl die Bewohner
der gemäßigten Krdstriche, wie die der heißfeuchten Tropen sind in
ihrer Verbreitung und noch mehr in ihrer wirtschaftenden Tätigkeit
stark abhängig, wenn nicht überhaupt begrenzt durch den Zwang der
Rücksichtnahme auf das Klima der Erdräume. So können fast alle
tropischen Kulturen, von denen heute viele für die Gesamtheit der
Menschheit eine wichtige Rolle spielen, wie Kaffee, Kakao, Tee, tropische
Früchte, viele Drogen u. a., nur von den Eingeborenen der betreffenden
Erzeugungsländer erbaut werden. Andrerseits sind die Völker heißer
Erdstriche meist nicht imstande, die ohne größere Unterbrechung sich
vollziehende, oft intensive Aufmerksamkeit erfordernde Arbeit in den
geschlossenen Fabriksälen der Industrie zu leisten. Die höher ent-
wickelten Stufen der Wirtschaft setzen im allgemeinen bei ihren Trägern
ein großes Maß von Intelligenz, von geistiger Reife voraus. Die
Wohngebiete der weißen und in einzelnen Fällen auch der gelben Rasse
sind deshalb im großen und ganzen die Gebiete höherentwickelter
Wirtschaftsformen. Dafür sprechen nicht nur die Bergbau- und In-
dustriewirtschaft dieser Gebiete, sondern auch die häufig auf wissen-
schaftlicher Grundlage betriebene Bewirtschaftung des Bodens, sei es
im Ackerbau oder auch in der Tierpflege.

Schließlich sind den verschiedenen Rassen auch bestimmte Fähig-
keiten eigen, die ihnen in der wirtschaftlichen Tätigkeit zugute kommen.
Dem Amerikaner und Engländer rühmt man besonderen Unternehmungs-
geist, den Deutschen und Skandinaviern Gründlichkeit und Zuver-
lässigkeit in der Arbeit, den Armeniern, Griechen und Juden hervor-
ragende Fähigkeiten zum vermittelnden Händler nach. Solche besondere
Begabungen — wohl eine Folge langer Tradition — lassen sich auch
für einzelne Wirtschaftszweige nachweisen. Die Italiener sind als gute
Erdarbeiter, die Bulgaren als Gärtner und Gemüsebauer, die Tschechen
Böhmens als gute Schneider und -Schuhmacher und als geschickte Glas-
bläser bekannt. Die meisten Darmsaitenfabriken der Welt wurden
ursprünglich von Bewohnern aus dem Musikinstrumenten-Industrie-
zebiet des oberen Vogtlandes eingerichtet.

Wirtschaftsstufen und Wirtschaftsformen. Das Maß der wirt-
schaftlichen Entwicklung eines Erdraums, der Grad, in dem seine
Bewohner einerseits die Natur nach Stoffen und Kräften auszunutzen.
        <pb n="19" />
        DER MENSCH ALS TRÄGER DER WIRTSCHAFT 15
andrerseits etwa in den Naturverhältnissen liegende Hindernisse und
Hemmungen der wirtschaftlichen Arbeit abzuschwächen oder zu besei-
tigen verstehen, hängt im allgemeinen von der Kulturhöhe der be-
treffenden Bevölkerung ab. Wie wir verschiedene Stufen in der Kultur-
höhe der Menschheit — Naturvölker und Kulturvölker in verschie-
dener Abstufung —- unterscheiden, so können wir auch von niedrigeren
(primitiven) und höheren Wirtschaftsstufen reden. Während der Mensch
auf primitiver Wirtschaftsstufe sich in der Hauptsache die von der
Natur freiwillig‘ dargebrachten Güter durch Sammeln, Jagen, Fischen
nur aneignet, bringt er auf höherer Stufe die Natur erst durch seine
Arbeit zu deren Erzeugung. Doch gibt es zwischen beiden Wirt-
schaftsstufen mannigfache Übergänge, die man auch mit besonderen
Namen bezeichnet hat.

Die vollkommenere Wirtschaftsstufe ist im allgemeinen die der
sogenannten. Kulturvölker. Diese arbeiten planmäßiger, angestrengter
und mit besseren technischen Hilfsmitteln als die Naturvölker. Sie
ringen daher dem Boden auch da noch wertvolle Erträgnisse ab, wo
die einfachere Arbeitsweise der Naturvölker nichts mehr zu erzeugen
vermag. Im Laufe der Zeit haben die Kulturvölker immer größere
Gebiete der Erdoberfläche der menschlichen Wirtschaft nutzbar ge-
macht, indem sie gleichzeitig die primitiven Wirtschaftsstufen immer
mehr zurückdrängten.

Von den Wirtschaftsstufen zu unterscheiden ist die Wirtschafts-
form, d. h. die verschiedene Art und Weise, auf die der Mensch wirt-
schaftliche Werte zur Befriedigung seiner Bedürfnisse schafft. So unter-
scheidet man: Sammelwirtschaft, Fischfang, Jagd, Hackbau, Gartenbau,
Plantagenbau, Forstwirtschaft, ferner Viehzucht, Bergbau und Industrie.
Zwischen Wirtschaftsformen und Wirtschaftsstufen bestehen gewisse
Beziehungen, sofern z. B. Sammelwirtschaft, Jagd, Fischfang, häufig
auch Hackbau und Gartenbau den niederen Wirtschaftsstufen, dagegen
Viehzucht, Pflugbau, Plantagenwirtschäft, Industrie den höheren an-
gehören. Aber scharfe Unterscheidungen gibt es in dieser Beziehung
nicht, vielmehr können ‘die meisten der Wirtschaftsformen in verschie-
denen Wirtschaftsstufen auftreten. So ist der Bergbau eigentlich eine
Sammelwirtschaft auf höherer Wirtschaftsstufe, die moderne Hoch-
seefischerei eine höher entwickelte Form des primitiven Fischfangs,
ebenso treten Viehzucht, Pflug- und Hackbau in sehr verschiedenen
Wirtschaftsstufen auf.

Man hat auch versucht, die Wirtschaftsformen in ihrer Entwick-
lung abzuleiten, freilich ohne bis jetzt zu einer allgemein anerkannten
Ableitungsreihe zu gelangen. Wir geben ein von R. Lütgens auf-
gestelltes Schema (siehe S. 16) in etwas abgeänderter und erweiterter
Form wieder.
Am schwierigsten ist die Stellung der Viehzucht zu erklären. Bis-
her leitete man sie von der Jagdwirtschaft ab, aber Jagd, wenigstens
in der ursprünglichen Auffassung, bedeutet Vernichtung der Tiere,
Viehzucht dagegen Hege und Pflege des Viehes, zwei kaum verein.
bare Gegensätze. Eher scheinen die Hackbauern die ersten Tierhalter
        <pb n="20" />
        EINLEITUNG
Schema der Entwicklungsbeziehungen der Wirtschaftsformen.
Primitive Sammelwirtschaft

‘BD

Sammeln Jagd
von. Früchten
ınd Wurzeln

Fischfang

AN-
eignungs-
wirtschaft

Hackbau
Viehzucht

Jartenbau Plantagen- Pflugbau
han
Wildpflege
ınd Forst-
wirtschaft

Bergbau

Fischzucht
und Hoch-
seefischerei

X
7

KEr-
zeugungs-
wirtschaft

u —
Industriewirtschaft

gewesen zu sein und von ihnen aus die Viehzüchter als Vertreter einer
selbständigen Wirtschaftsform sich abgezweigt zu haben. Anderseits
ist wohl sicher, daß die Entwicklung des Pflugbaus aus dem Hackbau
nicht ohne die Mitwirkung der Großviehzucht (Rinder) vor sich gehen
konnte. ;

Auch Handel und Verkehr sind eigentlich nur eine besondere
Wirtschaftsform. Die natürliche Verschiedenheit der Produktionszonen
and die Unterschiede in der Höhe der Kultur- und Wirtschaftsstufen
ihrer Bewohner bringen es mit sich, daß an gewissen Stellen der Erde
sinzelne Produkte in so großer Menge erzeugt werden, daß sie von
den Bewohnern an Ort und Stelle nicht völlig verbraucht werden
können. Es entsteht ein Überfluß an Waren, der einen großen Teil
lieser geradezu entwerten würde, wenn nicht die Möglichkeit vor-
aanden wäre, sie nach solchen Gebieten zu bringen, in denen sie nicht
arzeugt werden können, wohl aber gebraucht werden. Den Güteraus-
;ausch der einzelnen Wirtschaftsgebiete zu vermitteln, ist Aufgabe
les Handels. Die Tätigkeit des Handels im engeren Sinn, das Ein-
zaufen und Verkaufen der Waren, ist nur mittelbar geographisch be-
Jingt. Dagegen wird die Beförderung der Waren von Ort zu Ort,
ler Verkehr, wie wir sahen, von geographischen Gebundenheiten
stark beeinflußt. Der Verkehr hat heute seine Bahnen über alle Teile
der bewohnten Erde und über die dazwischenliegenden Meeresflächen
gespannt, er ist zum Weltverkehr geworden. Gerade seine Entwick-
lung gibt vielfache Beispiele dafür, wie der Mensch auf hoher Wirt-
schaftsstufe die seiner Tätigkeit von der Natur entgegengesetzten
Schwierigkeiten und Hemmungen zu überwinden verstand.

Staat und Wirtschaft, Überall auf der Erde vollzieht sich heute
die wirtschaftliche Tätigkeit der Völker zunächst in den Grenzen und
unter der Obhut des Staates. Der Staat hat vor allem die Auf-
        <pb n="21" />
        DER MENSCH IN AUSÜBUNG DER WIRTSCHAFT 17
gabe, die wirtschaftliche Arbeit seiner Einwohner zu schützen. Er
kann es desto besser, je gesicherter seine innere Festigkeit und seine
außenpolitische Macht ist. Fast alle Kriege der Neuzeit sind im letzten
Grunde um die Sicherung oder die Erreichung wirtschaftlicher Belange
geführt worden — sie waren Wirtschaftskriege. Andrerseits beruht die
Sicherheit eines Staates nach innen und außen auf einer gesunden
Entwicklung seiner wirtschaftlichen Verhältnisse. Diese fördert der
Staat durch besondere Maßnahmen, wie Bereitstellung von öffentlichen
Mitteln zur Kultivierung wirtschaftlich noch nicht nutzbarer Boden-
Hächen, Erschließung von Bodenschätzen, Anlage von Verkehrswegen,
Ausbau von Wasserkräften usw.

Insbesondere regelt der Staat auch die überstaatlichen Be-
ziehungen seiner Wirtschaftsträger, den Austausch der Güter in Einfuhr
und Ausfuhr mit anderen Staaten durch Zollgesetze, Handelsverträge,
internationale Verkehrsvereinbarungen u. dgl. Im allmählichen Ausbau
dieser überstaatlichen Beziehungen und mit der Entwicklung des Ver-
kehrs zum Weltverkehr hat sich die Wirtschaft der einzelnen Völker
und Länder zu einer solchen der gesamten Menschheit und der ganzen
Erde, zu einer Weltwirtschaft ausgewachsen. Wie sehr diese eine
Einheit bildet, beweisen die verhängnisvollen Störungen, die das Wirt-
Schaftsleben fast aller Länder durch die gewaltsame Abtrennung ein-
zelner Wirtschaftsgebiete während des großen Krieges erlitten hat,
Störungen, denen sich auch die am Kampf der Waffen nicht beteilig-
ten Staaten nicht entziehen konnten. Daher sind es gerade auch viel-
fach Vertreter und Führer der Wirtschaft, die eine vollkommenere
Annäherung der Völker erstreben und zäh an dem Ziele festhalten,
durch vorbeugende Maßnahmen der verschiedensten Art für die Zu-
kunft zum mindesten eine Verminderung der die Menschen und die
Menschliche Arbeit vernichtenden Kriege zu erreichen. ;

Geistiges Leben und Wirtschaft, Auch zum geistigen Leben der
Völker hat die Wirtschaft die engsten Beziehungen. Wissenschaft
und Technik haben zu allen Zeiten alle Zweige der Wirtschaft in
hohem Maße fördernd beeinflußt. Wir haben oben schon angedeutet,
daß das Eindringen höherer Wirtschaftsstufen in Gebiete primitiven
Kulturzustandes die wirtschaftlichen Verhältnisse ganzer Erdteile —
man denke an Amerika oder Afrika — völlig umgestaltet hat. Die
Sogenannte Maschinenkultur des 19. Jahrhunderts hat nicht etwa nur
die eigentliche Industrie entstehen lassen, sondern auch im Bergbau,
Im Ackerbau und der Viehzucht grundlegende Umstellungen und. un-
Seahnte Fortschritte hervorgerufen. Die auf wissenschaftlicher Arbeit
Srwachsene Züchtung neuer Pflanzen- und Tierrassen, die Bekämpfung
pflanzlicher und tierischer Schädlinge haben die Wirtschaft in hohem
Maße bereichert. — Religionen und Konfessionen haben mit ihren
Anschauungen und Gebräuchen die Wirtschaft fördernd und hemmend
beeinflußt. Religiöse Unduldsamkeit und Religionskriege haben be-
Sonders im Mittelalter die Wirtschaft oft genug schwer geschädigt, andrer-
seits durch die von ihnen veranlaßte Auswanderung religiöser Gruppen
Anderen Ländern wirtschaftliche Entfaltung gebracht. In dem weiten
Kreis der islamitischen Welt wurden Weinbau und Schweinezucht jahr-

Reinhard. Erdkunde.
        <pb n="22" />
        RR

EINLEITUNG
hundertelang, teilweise bis zur Gegenwart, durch religiöses Gebot nieder-
zehalten. In Deutschland ging der Weinbau im fünfzehnten Jahrhundert
infolge der Ausbreitung der Klöster mit ihrem Bedürfnis nach Wein
für kirchliche und profane Zwecke bis zur Ostsee und zur Weichsel.
Mit der Reformation setzte ein Rückgang des Weinbaus ein, ebenso
3in solcher der Fischzucht, die die Hauptspeise für die Fastenzeit
zeliefert hatte. Andrerseits gewannen die großartigen Fischereigründe
Norwegens, Islands, der Neufundlandbank erst gesteigerten Wert, als
'hnen der Weltverkehr den Absatzmarkt für Stockfische in den Län-
lern der römisch- und griechisch-katholischen Kirche eröffnete. Noch
nanche andere interessante Beziehungen dieser Art könnten genannt
werden. Hier sei nur noch daran erinnert, welche Bedeutung die
zirchlichen Feste für den Jahrmarktsverkehr vieler kleiner Orte haben,
von denen sich manche auf dieser Grundlage zeitweise zu weit wirken-
Jen Meßplätzen auswuchsen. Eine entsprechend gesteigerte Einwirkung
aaben die großen Wallfahrtsorte der katholischen und der islamitischen
Länder auf die wirtschaftliche und verkehrsgeographische Entwicklung
lieser Plätze ausgeübt,

So haben Natur und Mensch, Objekt und Subjekt der Wirtschaft,
in jahrtausendelanger Wechselwirkung und allmählicher Entwicklung
len gegenwärtigen Zustand, das heutige Gesicht der Erde als Wirt-
schaftsraum entstehen lassen. Und es ist Pflicht und reizvolle Auf-
zabe des Wirtschaftsgeographen, bei seinen stofflichen Betrachtungen,
lie sich mit den Standorten der Gütererzeugung, der Art und Menge
der Produkte und mit ihrem Transport befassen, zur Erklärung
und zum tieferen Verständnis dieser wirtschaftsgeographischen Er-
scheinungen jene Grundlagen physischer und menschlicher Herkunft
aeranzuziehen.
        <pb n="23" />
        ERSTER TEIL
GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

i. DIE KORNKAMMERN DER ERDE

Unter den zahlreichen Pflanzen, die dem Menschen zur Nahrung
dienen, stehen allen an Bedeutung weit voran die mehlgebenden
Körnerfrüchte. Sie sind die eigentlichen Brotfrüchte der Mensch-
heit, Ihr Anbau ist uralt, und sie wurden dadurch, daß sie einjährig
sind und durch Aussaat fortgepflanzt werden müssen, die Erzieher
des Menschen zu regelmäßiger, in bestimmter Folge wiederkehrender
Tätigkeit und damit. zur Seßhaftigkeit, dem Anfang jeglicher Kultur.

Da der Mensch die Getreidegräser als eine der Hauptgrundlagen
seiner Ernährung überall anbaute, wo Bodenbeschaffenheit und Klima
88 erlaubten, haben sie in beiden Erdhälften ein weites Verbreitungs-
gebiet. Aus klimatischen Gründen fehlen sie nur in den polaren
Zonen und in den extrem trockenen Subtropen, sowie in den Gebirgs-
regionen. wo die Höhengrenze ihres Vorkommens naturgemäß je nach

Erzeuger
in Mill bush.
7927 76°
PP
“200 Milk

OF) fm

Ze

Il. Zunahme des Weizenanbaus in den westlichen Prärieprovinzen Kanadas.
Der prozentuale Zuwachs in den östlichen Provinzen bezieht sich auf nur kleine absolute Mengen.
der Breitenlage verschieden ist. Immerhin umfaßt das Gesamtanbau-
gebiet der Körnerfrüchte im ganzen nur etwa 4 Mill. qkm, d. h. also
sine Fläche von annähernd der neunfachen Größe des Deutschen Reiches.
Allerdings wird diese Fläche durch Urbarmachung von Urwald und
Sumpfgebieten und durch Eindringen des Ackerbaus in Steppenländer
und kältere Gebiete mittels verbesserter Bebauungsmethoden und Züch-
sung von Sorten mit kurzer Vegetationsperiode ständig vergrößert. Das
Vordringen des Weizenanbaus in Kanada nach Westen und Nordwesten
Zibt dafür ein gutes Beispiel.

Die polaren Getreidegrenzen (vgl. Abb. 17, S. 33). In weiten Gebieten
des Nordens genügen die klimatischen Bedingungen für den Bau von Körner-
(rüchten nicht mehr. Die nördliche Getreidegrenze hat ihre polnächste
Lage im Westen Eurasiens, wo sie an der milden Westküste Norwegens
den 70. Breitenkreis erreicht. Von Schweden bis zum Ural schwankt sie um
        <pb n="24" />
        ERSTER TEIL: .GEOGRAPIISCHE GÜTERLEHRE
den 65.°, von dort durch die gewaltige Strecke Innerasiens bis zum Lenaknie
zwischen dem 60. und 62.°. Bei Jakutsk aber biegt sie scharf nach S um
und schneidet die Küste des Pazifischen Ozeans unter dem 50. Breitenkreis.
Einen ähnlichen Verlauf nimmt sie in der Neuen Welt, indem sie im W
Nordamerikas, im Flußgebiet des Mackenzie, die nördlichste Lage bei etwa
61° hat, um nach O hin erst schnell, dann langsamer sich südlich zu senken
und im Golf von St. Lorenz den Atlantischen Ozean wiederum unter etwa 50°
zu erreichen. — Während die Südenden Afrikas und Australiens noch in Zonen
liegen, die den Anbau der verschiedensten Körnerfrüchte gestatten, liegt die
südliche Getreidegrenze Amerikas auf einer Linie, die vom 41. Breiten-
kreis an der Westküste zum 45. an der Ostküste verläuft, so daß Patagonien
zum größten Teil vom Getreidebau ausgeschlossen bleibt. — Im Norden sehen
wir die Getreidegrenze mit der Annäherung an das Meer im allgemeinen süd-
wärts zurückweichen, was den Schluß zuläßt, daß das ozeanische Klima mit
seinen kühlen Sommern dem Getreidebau ungünstig ist. Daraus erklärt sich
zuch die verhältnismäßig äquatornahe Lage der Getreidegrenze in Südamerika,
Die auffallend niedrige Lage der nördlichen Getreidegrenze an der Ostküste
Amerikas und Asiens ist örtlich bedingt durch kalte, polare Meeresströmungen,
wie umgekehrt der warme Golfstrom an der Westküste Europas den Getreide-
bau bis weit über die Polargrenze hinaus ermöglicht.
DIE GEOGRAPHISCHE VERBREITUNG
DER KÖRNERFRÜCHTE

Gerste, Hafer und Roggen sind besonders bezeichnend für die
kühlgemäßigte Produktionszone, Weizen, Mais und Reis für die
warmgemäßigten und subtropischen Länder, Sorghum oder Durra
ınd andere Hirsearten für die tropischen Gebiete. Doch ist eine scharfe
Abgrenzung nach klimatischen Zonen nicht möglich. So wird Weizen
auch in den kühlgemäßigten, Gerste auch in den warmgemäßigten und
Reis und Mais auch in den tropischen Landstrichen angebaut. — Für
die menschliche Ernährung kommen in den gemäßigten Zonen
hauptsächlich Weizen und Roggen, bei den Völkern Südostasiens der
Reis und in Afrika Sorghum in Betracht. Mais, Gerste und Hafer werden
in der Hauptsache als Viehfutter, die Gerste auch zur Bierbrauerei
verwendet. Doch dienen Mais bei den Völkern Amerikas, in Italien
und Südosteuropa, Hafer und Gerste besonders bei den nordischen
Völkern auch als menschliche Nahrung.

Gerste und Hafer. Die Gerste (Abb. 2) zeichnet sich vor allen
anderen Getreidearten durch ihre kurze Vegetationsdauer aus, d. h.
sie braucht nur verhältnismäßig kurze Zeit zu Wachstum und Reife.
Das ist der Grund, weswegen sie einerseits am weitesten nach Norden
vordringt, so daß die nördliche Grenze ihres Vorkommens zugleich
die nördliche Getreidegrenze überhaupt ist — andrerseits auch in den
Trockengebieten mit kurzer Regenzeit noch anbaufähig ist. So ist die
Gerste ein in der nördlich gemäßigten und subtropischen Zone der
zanzen Welt verbreitetes Getreide, wobei die klimatisch besseren Ge-
biete die nach Güte und Menge hochwertigsten Ernten erzielen. Ihre
Hauptanbaugebiete liegen in den gemäßigten Strichen Europas
und Nordamerikas einerseits, in den subtropischen Gebieten
Asiens und Afrikas andrerseits. Die an der Spitze der Erzeugung
stehenden Länder sind aus der unten folgenden Übersicht zu ersehen.

20
        <pb n="25" />
        ı„. DIE KORNKAMMERN DER ERDE

'ahlen in Mill dz j-
zZ. Gerste: Hauptanbauländer und Welterzeugung 1927.

Gerste: Erzeugung und Handel wichtiger Länder.

Erzeugung in Mill. dz

Ausfuhr = (+) oder Ein
fuhr = (—) Überschuß
in Mill. dz

Land
1927 | 1925 } Mittel
1909/12

1 1025 "Mieen
1926 1925 1909/13
+ 7,2 | +48 +37,0
—17,4 | — 9,2 — 30,8
t*— —0,225 —91
+ 1,4 + 1,0 a
+ 30 | +63 | + 1,6
+ 7,6 | +7,83 {+ 1,0
*+ — | +10 1+ 238
\ Auswärtiger Handel
unter 100000 dz

Rußland . ... . 90,5

Deutsches Reich , 30,4

Spanien .... ; 16,8 °

Polen , ....0..0. (14,9)

Vereinigte Staaten . . 40,2

Kanada .,..... 9,9

dien. ....... 31,7

Japan ...... 0 20,9

Korea... DL 4,2

Welt. ........] 3101 | 371,8 ] 371,6 — — —

Im Welthandel bewegt, | 32,3 | 30,0 | 52,4

Die gesamte Jahreswelterzeugung liegt in der Zeit von 1909 bis 1927
schätzungsweise zwischen 300 und 400 Mill. dz.
Für die Weltversorgung war vor dem Kriege Rußland, das fast vier
Fünftel der gesamten im Welthandel bewegten Menge lieferte (vgl. Tab. I,
S. 35), der weitaus wichtigste Staat. Gegenwärtig sind neben dem all-
Mählich wieder mit größeren Mengen auftretenden Sowjetstaat Kanada
und die Union die Hauptlieferanten. In Dänemark bildet der Gersten-
anbau die Grundlage einer bedeutenden Schweinezucht. Deutschland
vermag den starken Gerstenbedarf für seine hochentwickelte Viehzucht
nicht zu decken und führte vor dem Kriege etwa den Betrag der
eigenen Ernte in der Hauptsache aus Rußland ein. Heute beteiligen
Sich an unserer wieder fast auf die alte Höhe gestiegenen Einfuhr
neben Rußland in Europa vor allem Rumänien, dazu in der Neuen
Welt die Vereinigten Staaten, Kanada und Argentinien,

Auch der Hafer gehört zu den Getreidegräsern, die an Klima
und Boden nur bescheidene Ansprüche stellen. Namentlich ist er
unter den Körnerfrüchten der gemäßigten Zone die einzige,. die ein
        <pb n="26" />
        ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

F
“tan jMill.dz 197
DALE LLL
riafer: Hauptanbauländer, Welterzeugung und Ausfuhrrichtung 1927,
Die Stärke der Pfeile entspricht den Ausfuhrmengen,
Hafer: Erzeugung und Handel wichtiger Länder.

A

Land

Erzeugung in Mill, dz

| Ausfuhr = (+) oder Ein-
fuhr = (—) Überschuß
in Mill. dz
1927 l 1925

Mittel
1909/13

pr“ ————,
1 Mittel
1926 | 1925 1909/13
+01 | + 10,7
— 3,4 ] — 1,4
—14 1 -— 4,0
— 0,5 —
—41 ' — 9,0
+43 | + 06
61 + 218
+ 6,2

Rußland ‚, ...... 130,0 * 102,1 134,3

Deutsches Reich . .. 63,5 | 55,9 76,81

Frankreich . ..... 54,1 47,6 53,51

Polen ......00.. 33,9 33,1 (28,1)!

England und Nord-Irland! 13,7 24,1 23,6

Vereinigte Staaten . .| 173,5 216,0 166,0

Kanada .......1 678 | 79,2 ' 54,2

Argentinien. . ... . 7,6 11,7 7,9

Welt. ........] 634,4 | 679,0 | 655,5 — — —
im Welthandel bewegt. } — 1 13,5 | 17,6 | 23,1
Die gesamte Jahreswelterzeugung liegt in der Zeit von 1909 bis 1927

zwischen 600 und 700 Mill. dz.
4 Jetziges Stantsgebiet.
feucht-ozeanisches Klima verträgt. Daher ist er innerhalb Europas
das herrschende Getreide im Bereich des atlantischen Westens,
also in Irland, im westlichen England und Schottland, im mittleren
and südlichen Norwegen, an einem Teil der deutschen Nordseeküste,
im südlichen Finnland und in benachbarten Teilen Rußlands. — Aus
demselben klimatischen Grunde bevorzugt er auch die regenreichen
Gebirgsgegenden Mittel- und‘ Südeuropas.

Außer Europa hat nur noch Amerika eine beträchtliche Hafer-
arzeugung. Die größten Mengen gewinnen die Vereinigten Staaten,
das erste Haferland der Welt, auf den glazialen Böden einer Zone im
Bereich und südlich der Großen Seen, namentlich westlich und süd-
lich des Michigansees. Aber bezeichnenderweise ist Hafer das herr-
schende Getreide sowohl in der Union als in Kanada in zwei küsten-
nahen Bezirken der atlantischen wie der pazifischen Seite. Ein weiteres
        <pb n="27" />
        1. DIE KORNKAMMERN DER ERDE

Kgoggen: Hauptanbauländer, Welterzeugv".g.
Die Stärke der Pfeile entspricht der.

7 und Ausfuhrrichtung.
ıusiuhrmengen.
Roggen: Erzeugung und Handel wichtiger Länder.

"and

Erzeugung in Mill. dz

Ausfuhr = (+) oder Ein;
fuhr = (—) Überschuß
in Mill. dz
1927 ! 1905

Mittel ) !
‚ttel | 1926 1925

Mittel
1909/13
Zuropa, einschließlich

Russisch-Asien . .. 445,1
Rußland . ...... 207,2
Deutsches Reich... 80,6
Polen... 0.0.0000 65,3
Ungarn .. 0.0.04 8,3
Frankreich . ..... 11,1
Vereinigte Staaten .,. | 118
Kanada ....... 5
Argentinien ..... 1,2
Welt. .......'.] 468,6 | 462,1 | 450,4 | — .—
{m Welthandel bewegt. | — I 12,8 | 155 | 111
Die gesamte Jahreswelterzeugung liegt in der Zeit von 1909 bis 1927

zwischen 360 und 480 MilL t.
Tetziges Staatsgebiet
Hafergebiet von zunehmender Wichtigkeit liegt im Süden der Neuen
Welt, im Hinterland des La Plata und im regenreichen Patagonien.

Die beiden wichtigsten Erzeuger sind gegenwärtig die Union und
Rußland, die zusammen 1927 fast die Hälfte der Welternte hervor-
brachten. Aber schon vor dem Kriege stand Argentinien nach Ruß-
land an zweiter Stelle als Exporteur und Versorger des Welthandels
mit Hafer, während die Union nur verhältnismäßig wenig von ihren
großen Ernten abgibt (vgl. Tabelle, S. 35), Gegenwärtig tritt auch
Kanada im Haferhandel stark in Wettbewerb.

Roggen und Weizen. Von den beiden Brotgetreiden der gemäßigten
Zone ist der Roggen in bezug auf Boden und Klima das anspruchs-
losere. Hinsichtlich seiner geographischen Verbreitung ist er eine aus-
Zesprochen europäische Körnerfrucht, denn 90 bis 95% seiner Er-
zeugung entfallen auf unseren Erdteil.
        <pb n="28" />
        Rußler
Sa DC

ERSTER TEIL: GEOGRAPMISCHE GÜTERLEHRE
uOrige Weit34% 5 Übrige Welt 03%

&gt;

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X
\
EUrona
38,0%

Fr [5. Roggen:
Erzeugung (links) /
und Herkunft der (Mom —-
im Welthandel be-
wegten Mengen
rechts) nach Erd-
teilen: 1927.

\
/
SE tt

Die Zone vorwiegenden Roggenbaus umfaßt vor allem das
nordeuropäische Tiefland vom Ärmelkanal über Holland, Belgien, Däne-
mark, Deutschland, Polen und Rußland bis zum Ural. Sie bedeckt
also im wesentlichen den mittelmäßigen Boden der eiszeit-
lichen Ablagerungen und hat zwei Kerngebiete in Ostdeutsch-
land— Polen und in Mittelrußland. Im Deutschen Reich entfielen
1927 von der gesamten Getreidefläche rund 40% auf den Roggen. Er ist
also unser vorherrschendes Getreide und hat seine Hauptverbreitungs-
bezirke im Osten Norddeutschlands. Rußland ist das erste Roggenland
der Erde und erzeugt etwa die Hälfte der Welternte.: Das vom großen
Wolgabogen umschlossene Gebiet ist eine Roggenkornkammer, deren
Ernte ehedem für die Marktlage dieses Getreides an den Handelsplätzen
Europas maßgebend war. Neben Rußland und Ungarn tritt. seit
einigen Jahren auch Polen als beachtenswertet Lieferant auf. Deutsch-
lands — vor dem Kriege bedeutende — Roggenausfuhr setzt erst neuer-
dings wieder mit kleinen Mengen ein.

Von den außereuropäischen Ländern bringt nur Nordamerika im
Bereiche der Getreidezonen der Vereinigten Staaten und Kanadas
größere Roggenmengen hervor. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren
zeigten beide Länder, namentlich aber Kanada, eine bemerkenswerte
Steigerung der Produktion. In der Union hat sich in der Zeit von
1910 bis 1919 die Roggenanbaufläche fast verdreifacht, in Kanada ist sie
bis 1922 gar auf das Zwanzigfache gestiegen. Zum Teil mag das nur
eine Konjunkturerscheinung sein, zum Teil sind aber auch der zu-
nehmende Übergang zum regelmäßigen Fruchtwechsel, veranlaßt durch
den Rückgang der Ernteerträge auf dem durch ständigen Weizenbau
einseitig ausgenützten Boden, sowie das Vordringen des Getreidebaus
in Gegenden, die nach Boden und Klima dem Weizenbau nicht mehr
genügen, zur Erklärung dieser Steigerung heranzuziehen. Denn auch
jetzt noch, nachdem die Roggen verbrauchenden Länder Europas ihre
Eigenproduktion wieder fast zur. alten Höhe gesteigert haben, ist die
Roggenanbaufläche der Union um etwa 60% größer als vor dem Krieg,
and die Kanadas weist noch mehr als das Sechsfache auf. Übrigens
wird der Roggen in Amerika vielfach auch wegen seines langen und
für manche Zwecke besonders geeigneten Strohs angebaut. Da die
Union und Kanada nur einen sehr geringen Eigenbedarf an Roggen
aufweisen, treten sie gegenwärtig auch als Ausfuhrstaaten dieser Körner-
frucht mit ansehnlichen Mengen auf.
        <pb n="29" />
        I. DIE KORNKAMMERN DER ERDE

2
Naturgemäß sind europäische Völker auch die Hauptverbrau-
cher des Roggens, und zwar bevorzugen die Nordslawen und die
Germanen das Roggenbrot, Engländer, Romanen und Südslawen das
Weizengebäck. Die Weizen essenden Engländer erweisen sich darin
Nicht als reine Germanen.

Im Gegensatz zum Roggen kann der Weizen hinsichtlich seiner
geographischen Verbreitung wie die Gerste als ein Weltgetreide an-
gesprochen werden; denn er wird in den wärmer gemäßigten und
subtropischen Landstrichen beider Hemisphären angebaut.

In jenen Klimagürteln findet er über weite Strecken die günstigsten Be-
dingungen für sein Wachstum: eine hohe Sommerwärme bei nicht allzu großen,
Aber ausreichenden Niederschlägen. Innerhalb dieser Gebiete bevorzugt er die
schweren, fetten Böden, wie sie die Anschwemmungsländer vieler Fluß-
niederungen, die Schwarzerde Südrußlands, die unverbrauchten Steppenböden
Australiens, Nord- und Südamerikas bieten. Als ehemalige Steppenpflanze ent-
wickelt er auf diesen trockeneren Steppenböden auch die feinsten Qualitäten,
den kleberreichen Hartweizen, der dem eiweißarmen, weniger gut backfähigen
Weichweizen der feuchtgemäßigten Zone vorgezogen wird.

In der Alten Welt erstreckt sich die Zone vorwiegenden
Weizenbaus im Bereich der genannten Klimastriche vom Atlan-
tischen bis zum Pazifischen Ozean. Sie fällt in Europa vorzugsweise
in die diesen Erdteil westöstlich durchziehende Lößzone und umfaßt
namentlich Frankreich, die Mittelmeerländer, Ungarn und das Schwarz-
erdegebiet Südrußlands. Von Deutschland gehört ihr noch der Süden,
namentlich der Südwesten an. Rußland baut vorwiegend Sommer-
weizen!, das übrige Europa fast ausschließlich Winterweizen. In
Asien sind dem Weizengürtel Vorderasien, Nordindien, Nordchina, Japan
und die Mandschurei und jenseits des innerasiatischen Wüstengürtels

noch Südsibirien zuzurechnen. Von den asiatischen Ländern führt Britisch-
Indien beträchtliche, anscheinend jedoch langsam abnehmende Mengen
aus, Das Kerngebiet der ganzen eurasischen Zone aber liegt im Norden
und Westen des Schwarzen Meeres und umfaßt als den größten Produ-
zenten Südrußland (die Ukraine), ferner Bulgarien und Rumänien.
Da alle drei Gebiete auch wichtige Weizenausfuhrländer sind, so bilden
sie als pontische Kornkammer die bedeutendste Weizenkammer der
Alten Welt. An zweiter Stelle hinsichtlich der Weizenerzeugung stehen
ünter den Staaten Europas Frankreich und Italien, doch sind beide
Länder trotzdem noch auf Einfuhr erheblicher Mengen angewiesen,

Im Norden der Neuen Welt liegen die großen Weizengebiete im
nördlichen Teile der Union und im südlichen Kanada. Der Sommer-
weizen findet die günstigsten Bedingungen in dem Raum zwischen den
Großen Seen und dem Felsengebirge. Hier breiten sich unermeßliche
Weizenfelder namentlich in den nördlichsten Präriestaaten der Union,
Nord- und Süd-Dakota, und in den angrenzenden kanadischen
Provinzen Manitoba, Saskatschewan und Alberta aus (Abb 1). Aus
dieser nordamerikanischen Kornkammer erhält der Weltmarkt sehr
beträchtliche Mengen. Aber während die Union nur einen verhältnis:

1 Die dünne Schnecedecke gewährt in den harten Wintern dem Winterkorn nicht genügend
Wärmeschutz.
        <pb n="30" />
        ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

hrrie
„hIen in Min

6. Weizen: Hauptanbauländer, Welterzeugung 1927 und Ausfuhrrichtung.
Die Stärke der Pfeile entspricht den Ansfnhrmengen.

290 KK.
ER
Deweg
ra Aussaat Vorr”
— Ausfehn zomaf,*

en
er
50
Zahlen in Mill

7. Verwendung der Kanadischen Weizenernte und Ausfuhrwege 1926/27.
(Nach Dudley Stamp und Canada Year Book.)
W = Westabschnitt der Weizenerzeugung; © = Ostabschnitt; E = Krnte; V = alte Vorräte;
Sp = auf Speicher: Mv = Eigenverbrauch an Weizenmehl; Ma = Ausfuhr an Weizenmehl:
SS — Ansaaat.

Ührine Welt 27 Y

\
}
1rOP@ {
4B 4 Yo

8. ‚Weizen:
Erzeugung (links)
und Herkunft der
im Welthandel
bewegten Mengen
(rechts) nach Erd-

teilen: 1927.

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»

a

Nordamerika
£279%
        <pb n="31" />
        I. DIE KORNKAMMERN DER ERDE 27
mäßig kleinen Teil ihrer riesigen Ernte an das Ausland abgibt, arbeitet
Kanada recht eigentlich für den Export. Winnipeg am gleichnamigen
See, Fort William und Duluth am Oberen See, Milwaukee und
Chicago am Michigansee, ferner Minneapolis und Kansas City
sind die Sammelpunkte der gewaltigen Ernten. Riesige Getreideeleva-
toren, deren Chicago 67, Minneapolis 65, Kansas City 37, Milwaukee 29
und Duluth 27 besitzen, bilden die Wahrzeichen dieser Städte. Mon-
treal ist der größte nordamerikanische Getreideverschiffungshafen mit
Elevatoren von modernster Konstruktion und gewaltigen Ausmaßen. —
Die Zone des Winterweizens liegt weiter südlich in einem Gürtel,
der vom Staate Kansas als dem Hauptgebiet ostwärts bis zum Atlan-
tischen Ozean reicht.

Auch in der südlichen Halbkugel hat der Weizen eine weite Ver-
breitung. Er wird im südöstlichen Australien, in Südafrika südlich
des Wendekreises und besonders in Südamerika gebaut. In Australien
nimmt der Weizen etwa 85% der gesamten Getreideanbaufläche ein
und steht im Export dem Werte nach an zweiter Stelle hinter der Wolle,
so daß man von einer australischen Kornkammer sprechen kann. —
in Südamerika liegt die Weizenzone namentlich in den fruchtbaren
Ebenen der argentinischen Pampas. Dabei nimmt sie mehr die
binnenländischen Striche ein, indem sie
die westlich der La Plata-Mündung und des
unteren Paraguay sich ausbreitende Mais-
zone halbkreisförmig umfaßt. Da Argen-
tinien heute nicht nur zu den ersten
Weizenexportländern der Erde gehört, son-
dern auch beträchtliche Mengen von Mais
und Hafer ausführt, bildet es eine weitere
wichtige Getreidequelle, die siüdamerika-
nische Kornkammer.

Von der gesamten Getreideanbaufläche
der Erde entfällt auf die Weizenfelder allein
ein reichliches Viertel. Daher beträgt auch
die Weizenernte mehr als das Doppelte der
Roggenernte, im Durchschnitt der letzten
Jahre mehr als 100 Mill. t. Man darf bei der Größe der überseeischen
Weizeneinfuhr nach Europa nicht vergessen, daß die europäische Land-
wirtschaft fast die Hälfte der Welterzeugung — mehr als beide Amerika —
hervorbringt; aber alle anderen Erdteile sind an der Weizenerzeugung
ebenfalls beteiligt, zum Teil mit beträchtlichen Mengen. Daraus erklärt
68 sich auch, daß in jedem Monat des Jahres an irgendeinem Ort der
Erde die Weizenernte im Gang ist, was mit dazu beiträgt, daß die
Zufuhr zum Weltmarkt eine sehr stetige ist.

Entsprechend der weiten Verbreitung des Weizens ist auch der
Weizengenuß in allen Ländern der gemäßigten Zone ein allgemeiner.
Seine schnelle Steigerung scheint zum Teil auf Kosten des Roggen-
verbrauchs zu geschehen. In den letzten vierzig Jahren hat sich die
Weltproduktion des Weizens ungefähr verdoppelt. Auch die Roggenesser
anter den Völkern genießen in Form des Weißgehäckes viel Weizen.
        <pb n="32" />
        ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

Aus der Lage der genannten großen Weizenkammern ergeben sich
von selbst auch die wichtigsten Ausfuhrländer. In der Bedeutung
der einzelnen Exportstaaten haben sich seit der Vorkriegszeit gewisse
Änderungen vollzogen. Während Rußland früher an erster Stelle stand
und erst in weitem Abstand Argentinien, Kanada und die Vereinigten
Staaten folgten, behauptet jetzt Kanada einen weiten Vorsprung. Da-
gegen sind die Ausfuhrmengen des Sowjetstaates noch immer ganz
gering. Auch Rumänien hat seine alte Exporthöhe noch lange nicht
wieder erreicht trotz der vorzüglichen Qualität seines Weizens. Be-
merkenswert ist ferner die langsame Abnahme des indischen und die
schnelle, allerdings von Rückschlägen nicht. freie Zunahme des austra-
lischen Exports. Der frühere Zustand, da Australien Brotgetreide für
seine Bevölkerung einführen mußte, dürfte endgültig vorüber sein. Von
der Verschiebung in der Weltversorgung mit Weizen gibt die folgende
Übersicht nach W. Schmidt ein gutes Bild. Es kamen nach „Bedarfs-
auropa“ in 1000 Tonnen von

Mittel a7

Land

924
„Überschußeuropa“ . 70 (3,3%)
Nordamerika. . . 750 (55,4 %)
Südamerika . . -80 (28,1 %)
Britisch-Indien , . . A (5,0%)
Australien... . 80 (7,5%)
Anderen Ländern 00 (0,7%)

In der Weizeneinfuhr steht nach wie vor England weit voran.
Es ist mit etwa fünf Siebenteln seines Bedarfs auf das Ausland
angewiesen. Von der überseeischen Weizenzufuhr abgeschnitten,
wäre es binnen kurzem brotlos. Schon daraus erklärt sich Eng-
lands Bestreben, seine seebeherrschende Stellung zu wahren. Ne-
ben England sind
auch die übrigen
dichtbevölkerten
Industrieländer
Europas: Deutsch-
land, Belgien und
Oberitalien, aber
auch Frankreich
gute Abnehmer
für ausländischen
Weizen. Deutsch-
land hat 1927 et-
wa zwei Fünftel
seines Bedarfes
an Weizen einge-
führt. — Europä-
ische Hauptein-
fuhrplätze sind Li-
verpool, Marseille,
Mannheim und
Hamburg.

{fm
        <pb n="33" />
        IL. DIE KORNKAMMERN DER ERDE
Weizen: Erzeugung und Handel wichtiger Länder.

Erzeugung in Mill. dz

Ausfuhr = CH oder Ein-
fuhr = (—) Überschuß
in Mill, dz

| Mittel
1926 | 1925 | WM As

Land
1927

- | Mittel ,
1925 999/13
Rußland... ... . 204,0 ‘94,1 206,0
Frankreich . ....., 774 90,0 88,6
Üalien. ....... 53,3 65,5 49,91
Spanien ....... | 39,4 14,3 35,5
Rumänien ......1| 26,8 28,5 23,91
Deutsches Reich .., 32,8 32,2 37,72
Ungarn ........ 20,6 19,5 20,02 *
England u. Nord-Irland 14,5 14,4 15,9 |
Belgien ....... 4,4 3,9 4,1
Vereinigte Staaten . . 237,2 184,1 187,8
Kanada ....... 119,8 117,9 53,6
Argentinien. ..... 65,1 59,0 40,0
Britisch-Indien . ... 90,9 90,1 95,8
Australien u. Neuseeland 32,2 31,2 24,6
Welt. ........}1 1135,0 | 1106,7 | 1028,6 .
Im Welthandel bewegt. | — _— - | 162,3 | 158,6 | 144,8
Die gesamte Jahreswelterzeugung liegt in der Zeit von 1909 bis 1927
zwischen 1000 und 1300 Mill t.
Ehemaliges Staatsgebiet. 2 Jetziges Staatsgebiet.

„AAs

Im Gesamtwelthandel mit Brotgetreide spielt der Weizen eine un-
gleich größere Rolle als der Roggen. Während die im Welthandel
bewegte Weizenmenge in den letzten sechs Jahren (1922—1927) zwi-
schen 145 und 180 Mill. dz liegt, bewegt sich die Roggenhandelsmenge
zwischen 11 und 23 Mill. dz. Die entsprechenden Werte für Weizen-
mehl liegen zwischen 21 und 38 Mill., für Roggenmehl um 1 Mill. dz
und weniger. Im Jahre 1926 kamen von der gesamten Weizenernte
reichlich 14%, dazu mehr als 30 Mill. dz Mehl, von der Roggenernte
aber noch nicht 3% und } Mill. dz Mehl zur Ausfuhr.

Am besten spiegeln sich die Unterschiede im Handel beider Getreidesorten
in der Einfuhr Europas wider. Ein gewaltiger Strom von Brotfrucht ergießt
sich dauernd aus den anderen Erdteilen, besonders aus der Neuen Welt nach
dem hungrigen Europa; dabei stand aber 1926 der Einfuhr von 130 Mill. dz
Weizen und rund 14 Mill. dz Weizenmehl eine solche von nur 11 Mill. dz
Roggen und 400000 dz Roggenmehl gegenüber,

Die Maiszone. An die nordamerikanische Weizenkammer schließt
sich im Süden die Maiszone an, die den ganzen Südosten der
Union, Mexiko, Mittelamerika, sowie das tropische und sub-
tropische Südamerika bis in die Breite der La Plata-Mündung,
d. h. also bis zur südlichen Weizenzone, einnimmt.

Der Mais verlangt fünf Monate Vegetationszeit und einen warmen Hoch-
Sommer bei ausreichenden Niederschlägen und trockenem Herbst. Seine Kultur
lohnt sich nur auf gutem, nährstoffreichem, tiefgründigem Boden, der kräftig
gedüngt und sorgfältig bearbeitet wird,

In Mexiko, wo die Heimat des Maises vermutet wird, und in Süd-
amerika bildet er heute noch die Hauptbrotfrucht. Sein Hauptver-
        <pb n="34" />
        30 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
breitungsgebiet ‚aber hat er gegenwärtig im nördlichen Amerika, na-
mentlich in dem Gebiet zwischen den Großen Seen, dem
Ohio und Missouri, wo er als „Indian Corn“ die Grundlage für
eine sehr bedeutende Schweinezucht abgibt. Diese nimmt allein etwa
10% der gesamten Maisernte in Anspruch.

Als einziges Getreide, das die Neue Welt der Alten geschenkt hat,
kam der Mais schon im Anfang des 16. Jahrhunderts nach Europa,
wo seine Hauptgebiete heute in den wärmeren, feuchttemperierten
Ländern der unteren Donau, also in Ungarn, Rumänien, Bulgarien
und Jugoslawien liegen. Aber auch in Italien, namentlich in der
feuchten Po-Tiefebene, in Südfrankreich, Portugal und Südrußland wird
viel Mais erzeugt. Sonst werden nennenswerte Mengen nur noch in
Ägypten angebaut. In den letzten Jahren vor dem Kriege erschien
Togo mit allmählich wachsenden Beträgen auf dem Weltmaismarkt. —
Der weitaus wichtigste Produzent ist die Union, die von der Welt-
ernte (im Durchschnitt der letzten Jahre: rund 110 Mill. t) allein zwei
Drittel bis drei Viertel liefert und. in der der Mais nach Anbaufläche
und Ertrag das wichtigste Getreide ist. Ihr folgen als wichtigste
Produzenten Argentinien, Rumänien und Brasilien. Jedoch ver-
braucht die Union ihre Riesenernte fast völlig selbst als Futter für
ihre großen Bestände an Schweinen, Rindern, Pferden, Geflügel; noch
nicht 1% der Ernte kommt zur Ausfuhr. So tritt an erste Stelle als
Ausfuhrland Argentinien, das die reichliche Hälfte, in manchen
Jahren zwei Drittel seiner Ernte exportiert. Ihm folgt in weitem
Abstand Rumänien und neuerdings Jugoslawien, während Ruß-
lands Ausfuhr in den letzten Jahren trotz gesteigerter Ernten ab-
genommen hat.
Mais: Erzeugung und Handel wichtiger Länder.

Erzeugung in Mill. dz

| Ausfuhr = CH oder Ein
fuhr = (—) Überschuß
in Mill. dz

Land
1927 ! 1995

Mittel

1909/13
27,8 |—+ 6,9] + 5,81] + 9,8
13,4 — + 1] + 7,5
7,6 | 8,9 +10,1 1 + 1,1
25,55 — 48 — 16° — 3,7
15,1 + 141 + 17 + 2,2
689,0 + 56 | + 3,0 +10,8
48,7 449,11 +29,4 -+29,4
380 x O0 — 01 + 0
23,9 .- — 07 — 11
28 OÖ + NZ + 01
0,7 “BB + 0,8
5 0.1 . 0,1

ı 1926 I x | Mittel
1925 1909/13
Rumänien ......

Rußland ,......

Jugoslawien .....

Italien... :

Ungarn .......

Vereinigte Staaten . .

Argentinien, ,..

Brasilien. ‚....,.

Mexiko. .......

Java und Madura, . .

Britisch-Indien ., ., ..

Ägypten... ..

Welt, ........ 979,3 | — — —

Im Welthandel bewegt , 80,1 | 64,2 | 63,6

Die gesamte Jahreswelterzeugung liegt in der Zeit von 1909 bis 1927
zwischen 1000 und 1800 Mill. dz.
        <pb n="35" />
        [. DIE KORNKAMMERN DER ERDE
12.

A
„UP00S 3
25.9% 7
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1sien 19%
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. Zahlen in 1000
ılais: Wichtige Anbauländer und Welt- 12. (Kreisdiagramm.) Maiserzeugung
erzeugung um 1927. nach Erdteilen in Prozenten de:
Nebenkarte: Anbaugebiete und Erzeugung Südosteuronas. Gesamtwelterzeugung 1927.

1.

200. kn

13. Maisanbau in den

Ländern an der unte-

ren Donau und in
Ttalien.

14. Maisanbau. Schweinezucht und Schlachtorte in den Vereinigten

Staaten. Stark umrandet: Das Maisgebiet (20 und mehr t pro akm Ernteertrag), Unbezifferte

Punkte: Orte mit mehr als 500000 Schlachtungen im Jahr. Bezifferte Punkte: Orte mit mehr

als 1ı Mill. Schlachtungen im Jahr. — 1. Chicago, 2. Omaha, 3. St. Paul, 4. Kansas City, 5. St. Jo-

zeph, 6. East St. Louis, 7. Indianapolis, 8. Sioux City, 9. Baltimore, 10. New York. — Cineinnati,
der ehemalire Hauntschlachtert, hat heute unter 1 Mill Schlachtungen im Jahr

a ZE AUSSUIS
— wenigerals IM Au

_die wichtigsten Erzebgerländer
15. Maisansfuhr der Welt in Mill. t 1926.
        <pb n="36" />
        ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

&lt;

da

7
16. Der Reis im Welthandel 1926.
von der Reisausfuhr Hinterindiens gehen etwa zwei Drittel nach asiatischen Ländern, besonders
China und Japan, etwa ein Fünftel nach Europa, der Rest nach Amerika und Australien.
Die Reisländer, Der Reis ist die wichtigste Nährfrucht der
Monsungebiete. Ihre klimatischen Verhältnisse entsprechen am
besten seinem hohen Bedürfnis an Wärme und Feuchtigkeit. Daß
letztere auch durch künstliche Bewässerung zugeführt werden kann,
begünstigt die weite Verbreitung der Pflanze in regenarmen Ländern.

In China, Japan und Indien seit den ältesten Zeiten angebaut, verbreitete
sich der Reis von hier aus nach Vorderasien und gelangte zur Zeit Alexanders
des Großen in den Gesichtskreis der Kulturvölker am Mittelmeer. Durch die
Araber wurde er seit dem 8. Jahrhundert in den südeuropäischen Ländern ver-
breitet, und seit der Mitte des 17. Jahrhunderts wird er in Amerika gebaut,
wo er sich heute vorzugsweise in den tropischen und subtropischen Gebieten
der östlichen Küstenländer findet. Aber die außerhalb Asiens gebauten Reis-
mengen sind im ganzen nur gering.

Die Welternte läßt sich schätzungsweise auf 120—130 Mill. t an-
geben. Sie ist trotz gelegentlicher Mißernten in langsamem Steigen
begriffen. Von ihr entfallen etwa drei Viertel auf die sumpfigen Fluß-
niederungen Chinas und Britisch-Indiens. Auch Japan, Nieder-
ländisch-Indien, Siam und Französisch-Indochina erzeugen be-
deutende Mengen. In diesen Gebieten schafft der Reis die Möglichkeit
der Ernährung einer sehr dichten Bevölkerung. Für mehr als ein Drittel
aller Erdbewohner bildet er die Hauptnährfrucht.

Aber nur das weniger dicht bevölkerte Hinterindien vermag
Reis in größeren. Mengen auszuführen. Die Häfen von Birma
(Rangun), Siam und Indochina sind wichtige Reishandelsplätze.
Erinnern wir uns, daß Vorderindien auch eine beachtliche Weizen-
ausfuhr aufweist, so können wir die beiden Halbinseln als indische
Kornkammer zusammenfassen. Auch Vorderindien und Japan führen
etwas Reis aus, müssen aber in schlechten Erntejahren oft einen be-
trächtlichen Teil ihres Bedarfs aus Hinterindien decken. China, das
fast die Hälfte der Welternte erzeugt, kann jedoch trotz seiner reichen
Ernten keinen Reis abgeben, ja es muß noch bedeutende Mengen
für seine dichte Bevölkerung einführen. — In Europa bauen nur
Italien im westlichen Po-Tiefland und Spanien im Ebrodelta und mit
Hilfe künstlicher Bewässerung in der Huerta von Valencia Reis und
vermögen davon sogar noch abzugeben. Im übrigen ist Europa — vor
        <pb n="37" />
        /. DIE KORNKAMMERN DER ERDE

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17. Körnerfrüchte: Zusammenfassende Darstellung der Hauptanbaugebiete
der Welt und der Ausfuhrrichtungen. (Entwurf K. Vopnel und K. Müller 4)
den Vereinigten Staaten — der wichtigste Abnehmer der Reisüber-
schußgebiete des Ostens. — In Amerika erzeugen die Union, Bra-
silien und Argentinien noch kleine, aber in der letzten Zeit zu-
nehmende Mengen. Brasilien wurde sogar aus einem Reiseinfuhrstaat
zu einem Reisausfuhrland. Die Union. bringt in ihren Südstaaten die
besonders feine Handelsware des Carolinareises hervor.

An der europäischen Reiseinfuhr sind Deutschland und die westeuropäischen
Staaten Holland, Frankreich, England am stärksten. beteiligt. Deutschland und
die Niederlande führen ihrerseits wieder große Mengen polierten Reises nach
anderen europäischen Ländern und nach Amerika aus. Die großen ozeanischen
Einfuhrhäfen beider Länder, in Deutschland auch Mannheim, bilden die Haupt-
sitze der Reismühlenindustrie,

Sorghum, Sorghumhirse oder Durra ist das Hauptgetreide Afrikas,
wo es in verschiedenen Spielarten zwischen den Wendekreisen überall
angebaut wird, soweit nicht Urwald das Gebiet einnimmt. Sonst wird
diese Frucht nur noch im trockenen Hochland von Dekan sowie im
nördlichen China und in der Mandschurei geerntet, Überall dient
sie nur dem eigenen Verbrauch, kommt also für den Welthandel
nicht in Betracht.

WELTVERSORGUNG MIT KÖRNERFRÜCHTEN

Störung der Weltversorgung durch den Krieg. Die geordnete
Versorgung der körnerarmen Länder mit Brot- und Futtergetreide
durch die Überschußstaaten, wie sie auf Grund der natürlichen geo-
graphischen Verhältnisse sich entwickelt hatte, hat durch den Welt-
krieg und seine Folgen eine Unterbrechung oder wenigstens gewaltige
Störung erfahren, die auch gegenwärtig noch nicht ganz überwunden
ist, Während einige alte Getreideüberschußländer, wie die Vereinigten
Staaten, Kanada, Australien und Argentinien, zeitweise in einem Über-
fluß von Getreide fast erstickten, so daß man beispielsweise in Argen-
tinien gelegentlich die Dampfkessel mit Maiskolben heizte, waren
Deutschland, Österreich und andere Staaten nicht imstande, den
Hunger ihrer Bewohner zu stillen und den Bedarf an Viehfutter auch
nur annähernd zu decken. Daß nach Beendigung des Krieges das
Reinhard, Erdkunde.
        <pb n="38" />
        4

ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
alte Bild der Getreide-Weltversorgung nicht sich schnell wieder her-
stellte, liegt vor allem an der veränderten Rolle Rußlands. Rußland,
das vor dem Kriege allein ein reichliches Drittel des im Welthandel
bewegten Getreides lieferte, schied während mehrerer Jahre nach
dem Zusammenbruch nicht nur als Lieferant völlig aus, sondern war
nicht einmal imstande, den entsetzlichsten Hungersnöten im eigenen
Lande zu steuern, so daß es zu ihrer Bekämpfung auf fremde Hilfe
angewiesen war.

Mit der zunehmenden Festigung der Verhältnisse im Sowjetstaat
stieg die Erzeugung wieder und hat gegenwärtig mit Ausnahme der
Gerste bei allen Getreidearten die Höhe der Vorkriegszeit wieder
erreicht, ja teilweise nicht unerheblich überschritten. Viel langsamer
stieg dagegen die Ausfuhr wieder. Die Gesamtmenge der ausgeführten
Körnerfrüchte erreichte 1926 kaum ein Viertel der Vorkriegsjahre.
Betrug Rußlands Anteil am Getreideweltexport im Mittel 1909—1913
rund 35,1%, so 1926/27 nur 8,8%.

Im ganzen zeigte das Bild der Weltversorgung mit Getreide von
Kriegsbeginn bis zur Gegenwart so viele Schwankungen und so starke
Veränderungen von Jahr zu Jahr, daß es noch nicht angängig ist,
Durchschnittswerte zu bilden. Daher wurden den Durchschnittszahlen
der Vorkriegsjahre in den nebenstehenden Tabellen die Gesamtsummen
des Getreideaus- und -einfuhrüberschusses sowie dessen Verteilung auf
die Kopfzahl der Bevölkerung nur für das Jahr 1926 zur Seite gestellt.
Die Werte für die früheren Erntejahre sowie für die einzelnen Getreide-
arten in diesen sind den vorangegangenen Übersichten zu entnehmen.
Als Ausfuhrüberschuß ist die Ausfuhr abzüglich der Einfuhr, als
Einfuhrüberschuß die Einfuhr abzüglich der Ausfuhr desselben
Getreides aufzufassen.

Ausfuhr- und Einfuhrländer. Die Zusammenstellung der Aus-
fuhrstaaten (Tab. I) zeigt, daß die Versorgung der getreidearmen
Länder der Welt durch die oben behandelten sechs Kornkammern
geschieht, von denen die mittelrussische, die pontische, die
nordamerikanische und die südamerikanische die wichtigsten
sind. Neuerdings ist auch Australien in die Reihe der großen Welt-
versorger eingetreten. Bis zum Kriege war das alte Rußland der
weitaus größte Exporteur von Körnerfrüchten, namentlich von Weizen
und Gerste, aber auch von Hafer und Roggen. Wie erwähnt, war
etwa ein Drittel der gesamten im Welthandel bewegten Menge der
angeführten fünf Getreidesorten russischen Ursprungs. Durch den
Krieg hat Rußland diese führende Stellung an überseeische Staaten
verloren, und es ist sehr zweifelhaft, ob es sie je wieder erobern
wird, denn bei seiner Bevölkerungsdichte von 27 Ein-
wohnern auf den Quadratkilometer dürfte die gewaltige Ausfuhr
der Vorkriegszeit auf Kosten einer ausreichenden Ernährung der
eigenen Bevölkerung gegangen sein. Unter den europäischen Staaten
kommen außer dem Sowjetstaat nur noch Rumänien, Ungarn und
Bulgarien als Ausfuhrländer in Betracht. — Von bedeutendem Umfang
und stetig wachsender Größe war schon vor dem Kriege die Körner-
ausfuhr der dünnbevölkerten Agrarstaaten Argentinien und Kanada,
        <pb n="39" />
        I. DIE KORNKAMMERN DER ERDE

3
Jährlicher Ausfuhr- und Einfuhrüberschuß der Körnerfrüchte
im Durchschnitt der Jahre 1909 bis 1913 in 1000 t und auf den
Kopf der Bevölkerung berechnet in kg
(nach Schulte im Hof).

In den Ergebniszahlen ergänzt für das Jahr 1926.

Tab. I. Wichtigste Ausfuhrländer!

Ausfuhr-
land

Weizen Roggen! Gerste | Hafer | Mais

ZuU-
sammen

Gesamt-
Ausfuhr-
iberschu[f
1926
Rußland .
Argen-
tinien. .
Vereinigtc
Staaten .
Rumänien
Kanada .
Australier
Britisch-
Indien .
Ungarn Y
Bulgarien
Algerien |
Tunesien
Chile . 2

706,613769,21 1005,31 713,8|10 661,7
2254,01 9.ıl 17.1 601.9l23012.9l 58954

225141
7697,7
2910,83
1462,1
2580,5
14541

23,8
75,8

180,6
364,5
119.0

64,5| 924,7
151,8[1184,6|
220,8| 268,4!
— F_109

4103,90!
3237,8'
2651,9
14432

4707,38
1628,2
7648,4
1407.8
1349,7 236,38
260,2 —
287,5) 170,7
146. 83,2
—20,£ 179,1
53,4 VS 213,5
16963,2| 868,24 667,02 SR 749,7|30415,3| 26 223,4
1926 — — b 268,61 155,26 092,1[ — —
(Ohne Neu-Seelandl).

TGesamt-Ausfuhrüber-
ES auf den Kopfder

Bevölkerung in kg a

Durchschnitt

N 00 | 1026

Argen-
» tinien 8181747
‘Rumänien427) 95
Kanada 342814
Austra-

lien 2961231
Bulgarien-137| 31
Ungarn 141108
Rußland 80| 17
Algerien 56 14
Ver. Staat, 42 40
Cunesien 35) 83
Britisch-

Indien 19 0,8
Chile . . 16| 54

HN

Tab. II. Wiehtigste Einfuhrländer

Einiuhr-
lang

Großbri-
tannien
Deutsch-
land ,
Belgien
Wrank- .
reich ,
Italien ,
Nieder-
lande. .
Däne-
mark. .
Schweiz .
Österreich
Norwegen
Spanien .
Schweden
Ägypten .
Japan . .

Weizen ___ Gerste !

Hafer |

Mais

Zu- 4
sammen

Gesamt-
Kinfuhr-
iberschuß
1928

5881.6) —

‚106081 990.2}

g93.3] 889254

7362.3
1859,0/-671,23 245, 67,1
(344,11 124,21 330,1) 118.8!

812,0
444 7

5 313,5: 4 466,0
2361.91 1 956.8
187,7] 81,2'
448,3! 15,7

131, 433,4'
17.21 118.31

503,1
368.4

2 337,8| 1 233,6
19679192782 9
598 1|

9299 ol

940.0 117.31

552.1

18015190985
166,61 209,3
0 18,5
287,01 96
aß &gt;

4,7
24,8
ey o

65,9

80,6;

31,7:
3

296,1

101,3

385,9
DR

742,6
735,8
574,3
494,8
412,2
a 5.1

623,8
761,3
662,8
439,5
361,7
250,1

D4,4

ATS

. a 5 ; 171-
13966,8| 464,21 4 998.112 198.614 689,326 317.0]

rar

Gesamt-Einfuhrüber-
Schuß auf den Kopf der

„Bevölkerung in kg
Belgien . 315252
Schweiz 311/196
Nieder- ;
lande 290| 292
Däne-
mark 256[184
Norwegen210[166
roßbri-

tannien 187/168
Deutsch-

land. . 82 71
Schweden 70] 42
Frankreich 59| 31
[talien , 54| 72
Spanien . 21 17
Ägypten 16 2
Östr.-Ung. 11101?
Japan. . 2 %

1 Die Minusstriche bedeuten in der Ausfuhrtabelle „Einfuhrüberschuß“, in der Einfuhrtahelle
„Ausfuhrüberschuß“‘. 2 Nur Österreich.
        <pb n="40" />
        36 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

während die Ausfuhr der Union infolge ihrer schnell wachsenden Be-
völkerungsdichte (s. Abb. 204, S. 244) trotz riesiger und immer steigender
Erzeugung sogar allmählich zurückging. Während des Krieges hat
sich die Bedeutung der beiden Großversorger-Staaten im Norden und
Süden der Neuen Welt noch gewaltig erhöht. Namentlich Kanada
hat durch Ausdehnung seines Getreidebaus nach Norden "und in die
westlichen Provinzen seine Erzeugung riesenhaft vermehrt und seine
Ausfuhr verdreifacht, während die Vereinigten Staaten die durch den
Ausfall Rußlands entstandene Konjunktur nur in viel geringerem
Maße auszunützen vermochten.

Alle diese Länder sind aber nach Größe und Bevölkerungszahl
sehr verschieden, und wir erhalten deshalb ein richtiges Bild von
der Ausfuhrleistung der betreffenden Staaten erst, wenn wir die aus-
geführte Menge auf den Kopf der Bevölkerung berechnen. Das ist in
den letzten Spalten der Tabelle geschehen. Deren Zahlen zeigen
noch deutlicher die Leistungen Kanadas und Argentiniens. Ihnen
folgen erst in weitem Abstand Australien, Ungarn, Rumänien und
Tunesien, während die Union erst‘ an achter und Rußland an zehnter
Stelle stehen.

In der Übersicht der Einfuhrländer fällt auf, daß sie sich fast
ganz aus europäischen Staaten zusammensetzt. Obenan stehen der
absoluten Menge nach die großen europäischen Industriestaaten mit
ihrer dichten Bevölkerung. Eine zweite Gruppe von KEinfuhrländern
bilden die klimatisch für den Körnerbau ungünstigen nordischen
Staaten, eine dritte die mittelmeerischen Gebiete, in denen die lang
anhaltende Sommerdürre den Getreidebau erschwert und außerdem der
ausgedehnte Wein- und Südfruchtbau große Flächen dem Körnerbau
entzieht, eine vierte endlich die zum großen Teil dem Hoch- und Mittel-
gebirge angehörigen Staaten Österreich und die Schweiz. Hinsichtlich der
Einfuhr ist die Berechnung auf den Kopf der Bevölkerung besonders
wichtig, weil sie zeigt, in welchem Maße jeder einzelne Einwohner des
betreffenden Staates auf die auswärtige Zufuhr angewiesen ist.

Bei der großartigen Entwicklung unserer heutigen Verkehrsmittel,
durch die ein Ausgleich zwischen Bedarf und Überfluß selbst auf
weite Entfernungen hin mit großer Schnelligkeit und Regelmäßigkeit
gewährleistet wird, ist die Welternährung in normalen Zeiten gesichert.
Daß aber das Gespenst der Hungersnot auch aus dem Wirtschafts-
leben der europäischen Kulturvölker noch nicht als verbannt gelten
kann, haben die Zeiten des großen Krieges und die ihm folgenden
Jahre nur zu deutlich gelehrt.

Deutschlands Getreideversorgung. Deutschland hat bis zur Mitte
des 19. Jahrhunderts seinen Bedarf an Roggen und bis zur Mitte der
siebziger Jahre den an Weizen selbst erzeugt. Die mit zunehmender
Industrie schnell wachsende Bevölkerung machte dann eine Einfuhr
fremden Getreides in steigendem Maße nötig. Gleichzeitig aber be-
mühte man sich, die eigene Erzeugung durch Kultivierung von Weide-,
Moor- und Sumpfgebieten sowie durch Erhöhung der Hektarerträge
zu vergrößern. Das hatte in der Tat den Erfolg, daß vom Jahre
1889 an die Mehreinfuhr an Roggen wieder abnahm, bis im Jahre
        <pb n="41" />
        I. DIE KORNKAMMERN DER ERDE

37
1908 zum ersten Male die Ausfuhr die Einfuhr übertraf. Im Durch-
schnitt der Jahre 1909—1913 erreichte die Mehrausfuhr den Betrag
von fast 700000 t, im Jahre 1913 sogar rund 1 Mill. t. Dagegen hat
die Weizeneinfuhr ständig zugenommen und im letzten Jahre vor dem
Kriege die Höhe von 2} Mill. t oder 96 kg auf den Kopf der Bevöl-
kerung erreicht. Da diese Einfuhr in der Hauptsache von Rußland,
den Vereinigten Staaten, Argentinien, Kanada und Rumänien geliefert
wurde, trat im Kriege ein außerordentlicher Mangel an Weizen ein,
der nur zum Teil durch den Roggenüberschuß ausgeglichen werden
konnte. — Noch schlimmer lagen die Verhältnisse hinsichtlich des
Futtergetreides. Zwar konnte der Bedarf an Hafer immer durch
die eigene Erzeugung gedeckt werden, aber für Mais und Gerste war
Deutschland von jeher Einfuhrland. Im Jahre 1913 wurden rund
| Mill. t Mais aus Argentinien, der Union, Rußland und Rumänien
und 3 Mill. t Gerste aus Rußland, der Union und Rumänien ein-
geführt. Dazu kamen noch mehr als 2 Mill. t Kraftfutter (Kleie,
Ölkuchen usw.) Dieser Bedarf von reichlich 6 Mill. t Futtermitteln
konnte naturgemäß nach Sperrung der Einfuhr aus den feindlichen
Staaten durch den einzigen uns noch zur Verfügung stehenden Über-
schußstaat Bulgarien nicht gedeckt werden. Nicht nur mußte ein
großer Teil des Brotgetreides mit verfüttert werden, sondern es machten
sich auch erhebliche Abschlachtungen namentlich an Schweinen nötig
(vgl. Abb. 19, S. 40). So war hauptsächlich in dem Mangel an Futter-
getreide sowohl die Knappheit des Brotes als auch die des Fleisches
begründet. Als wesentliches Ersatz- und Streckungsmittel für die feh-
lenden Körner gelangte die Kartoffel während dieser Zeit zu einer
ungeahnten Bedeutung für unsere Ernährung. .

Nach dem Kriege wurden unsere Nahrungssorgen noch erheblich
verstärkt durch den inzwischen als Folge des Versailler Vertrages
eingetretenen Verlust gerade landwirtschaftlich wichtiger Gebiete
an. den Grenzen unseres Reiches. Deutschland büßte nach Durch-
schnittsberechnungen von der jährlichen Ernte ein: an Roggen 18,2%,
an Gerste 17,2%, an Weizen 12,6%, an Hafer 9,6 %, an Kartoffeln
19,7%. Gegenüber einem gleichzeitigen Bevölkerungsverlust von 9,7%
bedeutet das für die übrigbleibenden 63 Millionen eine erheblich
schmälere Eigenversorgung mit den wichtigsten Lebensmitteln.

Wie sich künftig unsere Getreideversorgung gestalten wird, ist
nicht vorauszusagen. Sicherlich lassen sich die Erträgnisse unseres
Ackerbaus, namentlich der Roggenerzeugung, noch erheblich steigern,
vielleicht weniger durch Gewinnung neuen Ackerlandes (Moorkultur
u. dgl., auch Verminderung des Waldbodens um ein Fünftel ist vor-
zeschlagen worden), als durch Erhöhung der Hektarerträge mittels
besserer Düngung und Bearbeitung des Bodens und mittels der Züch-
tung ertragreicherer Sorten. Freilich wurde bis jetzt der während
des Krieges erheblich zurückgegangene Hektarertrag erst wieder bis
zu etwa drei Viertel der Höhe von 1913 gesteigert. Jedenfalls ist
aber kaum anzunehmen, daß Deutschland hinsichtlich der Körner-
[rüchte es je wieder zum Zustand der völligen Selbstversorgung
bringen wird.
        <pb n="42" />
        ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
KARTOFFELERZEUGUNG

Nächst den Getreidearten ist die mehlhaltige Kartoffel als Nähr-
frucht der gemäßigten Zone von besonderer Bedeutung. Deshalb sei
ihrer im Anschluß an die Behandlung der Kornkammern kurz Er-
wähnung getan. Sie stammt aus Chile und kam schon Ende des
L6. Jahrhunderts nach Europa, fand aber in diesem Erdteil erst nach der
Hungersnot des Jahres 1770 allgemeine Verbreitung und wurde für
manche europäischen Gegenden das „Brot der Armen“. Heute werden
etwa neun Zehntel der Welternte hier erzeugt.

Die Kartoffel ist sehr anpassungsfähig, bevorzugt aber sonnige
Sommer. Ein tiefer, aber leichter Boden sagt ihr am besten zu, daher
erklärt sich ihre große Verbreitung in den sandigen Glazialgebieten
Deutschlands und Rußlands, wo sie nicht nur ein wichtiges
Nahrungsmittel, sondern auch ein wertvolles Viehfutter und einen
Rohstoff für die Spiritusbereitung darstellt.

Ernte 1926 in Mill. dz
Rußland

Yehlarerträge 1926 in dz
w—  — |

Deybsches

Palen

Tankreich

ar Sales

1
1

hechost

Da
SOMILOZ

75002
18. Kartoffelernte und Hektarerträge wichtiger Erzeuger 1926.

GroBßBrit.

Die Verteilung der an sich stark schwankenden Welternte im
Jahre 1926 (170 Mill. t) auf die wichtigsten Produktionsländer zeigt
die obenstehende Übersicht. Von außereuropäischen Staaten erzeugt
aur die Union erhebliche Mengen.

Die geernteten Kartoffelmengen werden fast restlos in den Er-
zeugungsländern verbraucht. In Deutschland dient in normalen Zeiten
der größte Teil, ein reichliches Drittel, als Viehfutter, ein knappes Drittel
unmittelbar der menschlichen Ernährung und ein geringer Prozentsatz
zur Herstellung von Spiritus und Trockenware. Der Rest verteilt
sich auf Saatgut und auf Verlust durch Verderben in der Erde, beim
Transport oder bei der Lagerung.

Im Welthandel spielt die Kartoffel infolge ihrer geringen Transportfähig-
keit so gut wie keine Rolle. Als Ausfuhrgut für weitere Entfernungen kommen
anter Verwendung von Güterschnellzügen nur die sogenannten Frühkartoffeln
in Betracht, die Deutschland namentlich aus Italien und den Niederlanden,
aber auch aus Algerien, Gibraltar, Malta, Cypern und den Kanarischen Inseln
einführt. Dabei ist bemerkenswert, daß als Saatgut für den mittelmeerischen
Anbau wegen ihres größeren Ertrages gern Früchte aus den nördlichen Kar-
;offelernten verwendet werden, ein Austausch, der sich an der Ostküste der
Vereinigten Staaten in ähnlicher Weise wiederholt.
        <pb n="43" />
        I. DIE VIEHWEIDEN UND FISCHGRÜNDE DER ERDE 2)
IL DIE VIEHWEIDEN UND FISCHGRÜNDE
DER ERDE
DIE VIEHWEIDEN DER ERDE
Neben dem Brot bilden die wichtigsten Bestandteile unserer täg-
lichen Nahrung Fleisch und Fett, Milch und die daraus bereiteten
Nahrungsmittel Käse und Butter. Alle Länder der Erde züchten
darum Schlacht- und Milchvieh. Die Viehzucht erzeugt neben den
Nahrungsmitteln wichtige Rohstoffe, von denen Häute und nament-
lich die Wolle die bedeutsamsten sind. Viele Länder vermögen heute
ihren Bedarf an tierischen Produkten nicht mehr durch die eigene
Wirtschaft zu decken. Namentlich hat die rasche Verbrauchssteigerung
der dichtbesiedelten Länder Mittel- und Westeuropas -—— Industrie-
Europas — seit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts die inter-
nationalen Umsätze an lebendem Vieh, weit mehr aber noch die an
tierischen Fertigprodukten (Gefrier- und Büchsenfleisch, Speck, Molkerei-
produkte) schnell zu weltwirtschaftlich bedeutsamen Mengen an-
wachsen lassen.
Europas Viehhaltung und sein Fleischverbrauch. In Europa
entfallen gegenwärtig auf 1000 Einwohner etwa 270 Rinder, 176 Schweine
und 440 Schafe. Naturgemäß ergeben sich für die einzelnen Länder
große Verschiedenheiten.

Eine Sonderstellung nehmen der extrem ozeanische Freistaat Irland sowie
das wiesen- und gerstenreiche Dänemark ein. In ersterem kommen auf 1000 Ein-
wohner 1330 Rinder, in letzterem 840 Rinder und 867 Schweine. Im Rind:
viehbestand stehen auch die anderen nordischen Länder Norwegen, Schweden
und Finnland sowie die baltischen Staaten erheblich über dem Durchschnitt.
Der Reichtum all dieser Länder an Großvieh hängt wohl damit zusammen, daß
sie im allgemeinen dem Getreidebau nicht mehr sehr günstig sind und daher
verhältnismäßig große Flächen als Viehweiden zur Verfügung haben. Von den
übrigen europäischen Staaten stehen in bezug auf die Rinderzahl Rumänien,
Polen, Holland und Jugoslawien fast genau auf dem Durchschnitt, erheblich
Jarunter außer Ungarn, Bulgarien, Belgien und Großbritannien vor allem alle
Mittelmeerländer, von denen Portugal und Griechenland am Ende der ganzen
Reihe stehen. Die Sommerdürre des mediterranen Gürtels und der damit ver-
oundene Futtermangel erklären diese Tatsache. Die anderen Staaten des außer-
nordischen Europa, also auch Deutschland, stehen mit ihrem Rinderbestand
etwas über dem Durchschnitt, die Schweiz kommt ihm mit der Zahl 251 nahe.

Schweinezucht und Schafzucht scheinen sich in den europäischen
Ländern bis zu einem gewissen Grade zu ergänzen und zu ersetzen. Deutsch-
land z. B. mit seiner den europäischen Gesamtdurchschnitt um fast 100 % über-
"agenden Schweinehaltung (306 gegen 176) steht in der Schafzucht mit an
letzter Stelle (61 gegen 440), ähnlich liegen die Dinge in Dänemark, Belgien,
Holland und der Schweiz, während die Ziffer für Schafe in England fast das
Zehnfache, in Bulgarien das Neunfache, in Spanien und Italien das Fünffache,
in Portugal und Rumänien das Vierfache der Ziffer für Schweine ausmacht.

Deutschlands Schlachtviehbestand hat durch die im Kriege
infolge Futtermangels geschehenen großen Abschlachtungen, namentlich
an Schweinen, und durch die uns im Versailler Vertrag auferlegten
Viehlieferungen eine große Einbuße erlitten, ist aber hinsichtlich der
Rinder und Schweine wieder in kräftiger Aufwärtsbewegung begriffen.
        <pb n="44" />
        10 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
wenn er auch den
Stand von 1914
noch nicht ganz
wieder erreicht.
Der Bestand an
Schafen, der in-
folge der schnell
zunehmenden In-
anspruchnahme
les Weidelandes
lurch den Acker-
au und infolge der
Konkurrenz der
»lligen Ü born: 1873 80 90 7900 N 22 ZT
x &lt;&lt;
Sn 8 Wolle Seit 19. Bewegung des Schaf- und Schweinebestandes im Deut-
1873, wie Abb. 19 .
; nn 92 schen Reich 1873—1926.
zeigt, beständigab- 1919 an bezieht sich die Kurve auf den neuen Gebietsumfang.)
nahm, hat sich in-
folge der hohen Wollpreise wäh:
rend des Krieges etwas gehoben,
aber bald nach Beendigung
der Blockade die alte abwärts-
gehende Bewegung wieder ein-
geschlagen.
Die geographische Verteilung
unserer Rinder- und Schweine-
bestände zeigt insofern ein eigen-
artiges Bild, als die Rinder sich vor
allem im N und S des Reiches, in
len Marschen der Nordsee und auf
den Matten der Alpen häufen, wäh.
vend weitaus die meisten Borsten-
3iere in den getreidereichen und
zugleich dichtbevölkerten Gebieten
Mittel- und Westdeutschlands ge-
zogen werden. Das hat seinen Grund
darin, daß die Rinderzucht auf den
Weidegang angewiesen ist, während
las Schwein mit Körnerfrucht, Tre-
bern, Kartoffeln und als echtes
Haustier durch die Abfälle der Haus-
wirtschaft großgefüttert wird. Der
Schweinebestand hat sich übrigens
am schnellsten wieder gehoben und
zählt gegenwärtig rund 23 Mill.Stück.
Die Höhe des Fleischver-
brauchs in den einzelnen euro-
päischen Ländern berechnet sich
nicht nur nach ihrer Einwohner-
zahl, sondern auch nach der
größeren oder geringeren Ge-

A

kauf 1gkm
7722 38-45
30-37
3122-29
Alle. _ ADunter22
21. Verteilung des Schweinebestandes im
Deutschen Reich,
(Nach „Wirtschaft und Statistik“ 1922.)
        <pb n="45" />
        I. DIE VIEHWEIDEN UND FISCHGRÜNDE DER ERDE 41
wohnheit des Fleischgenusses. Die Engländer und Deutschen mit etwa
60 und 50 kg Fleischverbrauch pro Kopf und Jahr sind die stärksten
Fleischesser unter den Europäern, während Spanier, Russen und Ita-
liener nur 25—20 kg im Jahre verzehren.

Nicht immer entsprechen Fleischverbrauch und -erzeugung einander.
Die Westmächte Europas sind im ganzen ein Gebiet der Fleisch-
ainfuhr, Dänemark dagegen das wichtigste Fleischausfuhrland
Europas. Auch die Niederlande weisen noch einen beträchtlichen,
die nordischen Staaten, Jugoslawien, Polen und Ungarn einen kleinen
Ausfuhrüberschuß auf. Unter -den Einfuhrländern steht wie bei den
Körnerfrüchten England obenan, das jährlich etwa 13 Mill. t, d. h. mehr
als die Hälfte seines Bedarfes an Fleisch einführt. Deutschland hatte
sich bis zum Kriege noch von der Einfuhr frischen Fleisches im all-
gemeinen freigehalten, führte aber bereits große Mengen von Fleisch-
konserven, Fett und Schmalz ein. Nach dem Kriege hatte sich die
Einfuhr von Gefrierfleisch bei uns stark eingebürgert. Auch die übrigen
mitteleuropäischen Staaten sowie Italien führen Vieh und Fleisch ein.

Im ganzen ist also derjenige Teil Kuropas, den wir als den vorwiegend
industriellen bezeichnen können, das große Zuschußgebiet des Erdteils für
Fleisch und andere tierische Produkte. Das gegenwärtige Bild der Viehhaltung
und Bedarfsdeckung an tierischer Nahrung in diesem Industrie-Europa zeigt
folgende drei Hauptzüge: Die Schafzucht als Wollschafzucht ist überall stark
zurückgegangen und in weiterem Rückgang begriffen. Dagegen vermögen alle
Länder Industrie-Europas mit Ausnahme von England ihren im allgemeinen
zeringen Bedarf an Schaf- und Lammfleisch noch selbst zu decken. England ist
dazu trotz seines verhältnismäßig großen Schafbestandes nicht imstande, einmal
weil dort die Wollschafzucht noch eine größere Rolle spielt, und sodann, weil
die Bevölkerung für Hammelfleisch eine besondere Vorliebe hat und der Be-
darf daher sehr groß ist. — Die Rinderzucht wird überall gefördert, soweit es
das Klima und die Rücksicht auf die Brotversorgung irgendwie gestatten. Da
aber die Rinderhaltung Grünfutter und Weidegang nicht ganz entbehren kann,
konnte trotz aller Bemühungen die Steigerung des Rinderbestandes mit dem
Wachsen der Bevölkerung wegen Mangels an Grünflächen nicht Schritt halten. —
Der entstandene Überbedarf ‚an. Fleisch wird entweder durch Einfuhr von
Produkten der Rinderzucht oder durch Vermehrung der Schweine-
haltung gedeckt, die mit Hilfe konzentrierter Futtermittel ohne Weidegang
auskommt. Den ersteren Weg beschritt im allgemeinen England, den anderen
das übrige Industrie-Europa, das daher eine starke Einfuhr an Futtermitteln
— Gerste, Mais, Ölkuchen — aufweist.

Die großen außereuropäischen Weidegebiete.' Der Fehlbetrag an
Fleisch und sonstigen tierischen Produkten in den europäischen Zuschuß-
(ändern wird nur zum kleinen Teil durch europäische Überschußstaaten
gedeckt, zum weitaus größeren durch überseeische Länder. Und zwar
kommen dafür vor allem solche Gebiete in Betracht, die bei geringer
Volksdichte über ausgedehnte Weideflächen verfügen, das sind einmal
die weiten Grasfluren Nordamerikas, besonders die Präriegebiete,
und sodann die Steppenländer der südlichen Halbkugel, also
die La Plata-Länder, das Kapland und große Teile Australiens.

Abgesehen von Britisch-Indien, dessen Büffel und Zeburinder von
den Einwohnern auf Grund gewisser religiöser Anschauungen nur wenig
zur Milch- und Fleischnutzung herangezogen werden, dagegen als
        <pb n="46" />
        ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

22. RINDER

&amp;“

—
AZ

283, SCHWEINL

24, SCHA}

22—24, Verteilung der Viehbestände der Erde.
/eder Punkt bedeutet in Abb. 22 u. 23: 100000, in Abb. 24: 200000 Stück, (Vgl. auch Abb. 35, S. 51.)
(Nach V.C. Finch und O.E. Baker}
        <pb n="47" />
        Il. DIE VIEHWEIDEN UND FISCHGRÜNDE DER ERDE

3

“iefe mit mehr als 500 mm ÄHegen.

I a — e 700000 Schafe, Zählung 1928... 18.
25, Verbreitung der Schafe in den Vereinigten Staaten. (Nach Dudley-Stamp.)
Arbeitstiere und Häutelieferanten Wichtigkeit besitzen, ist die Union
der größte Tierhalter der Welt. Die Zählung ihres Viehbestandes
ergab im Jahre 1928 rund 56 Mill. Rinder, 59 Mill. Schweine und
45 Mill. Schafe. Die größten Rinderherden der Union weiden auf den
unabsehbaren Grasflächen der Präriestaaten und in den an Futter-
getreide reichen Gebieten westlich und südlich der Großen Seen?

In der Gesamtzahl der Rinder überhaupt sind die führenden Staaten:
Texas, Iowa, Nebraska, Kansas, Wisconsin, Minnesota, Missouri und Illinois.
Hier liegen denn auch die großen Schlächtereistädte: Chicago, Kansas,
Omaha, St. Paul, Sioux City u. a., von denen Chicago i. J. 1925 werktäglich
allein mehr als 9000 Rinder und Kälber zum Tode beförderte. Die Zahl der
Milchkühe ist dagegen am größten in einem Gürtel, der sich westlich und
unmittelbar südlich der Seen vom Felsengebirge bis zum Atlantischen Ozean
erstreckt und der sich ungefähr deckt mit dem Gürtel dichtester Bevölkerung
der Union. So sind im Milchviehbestand die führenden Staaten: Wisconsin,
Minnesota, New York, Iowa und Ohio. Dort liegt denn auch der Schwerpunkt
der Butter- und Käsebereitung. Das Maximum des Fleischverbrauchs da-
gegen findet sich im dichtbevölkerten NO der Union.

Von den Schweine beständen der Vereinigten Staaten entfallen etwa
zwei Fünftel auf den großen. Maisgürtel südlich und südwestlich der Seen
(Abb. 13), je ein Fünftel auf die beiden südlich sich anschließenden Winter-
weizen- und Baumwollgürtel, der Rest ganz überwiegend auf die übrigen
Gebiete Östlich des 105. Längenkreises. — Die Schafherden, die sich über
die für den Anbau weniger wertvollen Flächen des ganzen Landes ver-
teilen, weiden aber zu mehr als 60 % westlich des genannten Längengrades.
1 In den „Corn-Belt“, den Maisgürtel, werden aus anderen Gegenden ständig große Herden
gebracht. um dort gemästet und dann in den Schlachthäusern der Großstädte verarbeitet zu werden.
        <pb n="48" />
        ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
Kanadas beträchtlicher Bestand an Rindern und Schweinen ver-
teilt sich auf zwei Hauptgebiete, von denen das wichtigere einen Gürtel
längs des Nordufers des Erie- und Ontariosees und des Lorenzstromes
bildet. Das zweite Gebiet mit starker Rinderzucht erstreckt sich über
die getreidereichen Prärielandschaften westlich des Winnipegsees in den
Staaten Saskatschewan und Alberta.

Die großen außereuropäischen Tierhalter der Erde
Berechnet nach „Annuaire Internat. de Statistique Agricole“ (Rom) und dem
„Agriculture Yearbook“ (Vereinigte Staaten).
Rinder

Schweine‘

Schafe

Land

Jahr d.

Zählun
oder

Berech-
nung

Zahl
in
Mill.

Stück
auf
1000
Ein-

-Ahner

Jahr d.
Zählung!
oder
Berech-
nune

Zahl
in
Mill,

Stück
auf
1000
Ein-
wohner

‚Jahr d.
[Zählung
oder

Berech-

nung

Zahl
in I
Mill.

Stück
auf
1000
Ein-
wohner
Verein, Staaten 44,5 420
Kanada. . . 8,3 340
Argentinien . 36,2 | 3515
Brasilien . . 7,9 259
Uruguay . . 14,4 | 8620
Australien. . 101,21'18400
Neuseeland . 25,4 | 18150
Südafr, Union 35,6 | 4620
Britisch-Indien , 36,83 114

1 Agriculture Yearbook gibt für Australien ab 1923 durchweg weit niedrigere Zahlen, 1925:
33,1 Millionen.

? Dazu 38,0 Mill, Büffel.

1928 55,7
‚927 9,2
‚922 {| 37,1
‘920 | 43,8
‚924 8,4
‚926 | 13,3
927 3,2
‚925 9,7
1925 |149.2?

520
948
3600
1119
5030
2410
2388
1293
461

Von den südamerikanischen Staaten sind Argentinien und Uru-
guay die wichtigsten Viehzuchtländer. Die argentinischen Rinderherden
leben vorwiegend in den nördlichen und mittleren Pampagebieten, im
Bereich des Körnerbaus, während die Schafherden mehr und mehr in
die südlichen, trockeneren und für Ackerbau und Rinderzucht weniger
geeigneten Teile des Landes gedrängt werden. Uruguay ist in der
Hauptsache eine einzige große Viehweide. Fünf Sechstel seiner Boden-
Aäche sind mit Estanzias, riesigen Viehfarmen, besetzt, Aber auch in
Brasilien hat die Rinderzucht nach anfänglichen Mißerfolgen besonders
in den südlichen Provinzen festen Fuß gefaßt und durch die günstigen
Absatzgelegenheiten während des Krieges große Fortschritte gemacht.
— Die Südafrikanische Union und namentlich Australien besitzen
vor allem große Schafherden. Wie die obige Tabelle ausweist, hat
Australien den größten Schafbestand unter allen Ländern der Erde.

Ausgedehnte Steppengebiete, ein Klima, das den Tieren das ganze Jahr den
Aufenthalt im Freien gestattet und gerade durch seine Trockenheit der Bildung
feiner Wollarten günstig ist, und das Fehlen von Raubtieren begünstigen hier
wie in Neuseeland die Schafhaltung in hohem Maße. Aber auch der Rindviehbestand
Australiens und Neuseelands ist beträchtlich und in ständiger Zunahme begriffen.

Die überseeische Fleischversorgung Europas. Die obige Tabelle
zeigt bis zu einem gewissen Grade, wie sich die Fleischversorgung des
hungrigen Europa durch die überseeischen Lieferanten im einzelnen ge-
staltet. Die Union führt vor allem gewaltige Massen von Büchsenfleisch.
        <pb n="49" />
        Il. DIE VIEHWEIDEN UND FISCHGRÜNDE DER ERDE

;
ss
Schweine- und Rindfleisch,
Speck, Schinken, Schmalz und
Fett aus, also in erster Linie
Produkte, die der Schweine-
zucht entnommen sind, wäh-
rend die Ausfuhr von Rind-
fleisch infolge des steigenden
Eigenbedarfs in den letzten
zwei Jahrzehnten, abgesehen
von den Kriegsjahren, stark
abgenommen hat. Mit der
Union wetteifert Kanada in
der Ausfuhr von Fleisch- und
Fettwaren. Die südamerikani-
schen Länder sind die Haupt-
versorger in den Erzeugnissen
der Rindviehzucht. Uru-
guay führt mehr als 90%
seiner jährlichen tierischen Er-
zeugnisse außer Landes. Auch
in Argentinien war wäh:
rend des Krieges die tierische
Ausfuhr an erste Stelle vor die

‚Abandnlon‘ |
© Asırcion
u be.

Zärat:
Campar
Ävellaned:

ie

PP}

_ 200km =—

= Wr Pr
m Fleischfabriken ——
gorifcos,Saladeros)

Bahls Blanca

SE a
26. Die Standorte der Fleischfabriken
im La Plata-Gebiet,. (Nach R. Lütgens)

26
BEL

x AH!

DEZ

Slanca

500 km,

500 km

*" "Rinder
1922

‘00000 Schafe
1922

—. - EZ md . wa
27. und 28, Verbreitung der Rinder und Schafe in Argentinien 1922,
Die Zahlen in den schwarzen Flächen bedeuten ie 100000 Stück.
        <pb n="50" />
        46 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
Getreideausfuhr getreten. Jetzt steht sie mit rund zwei Fünfteln des
Gesamtexportes wieder an zweiter. Australien und Neuseeland
bringen neben großen Mengen frischen Hammelfleisches auch Er-
zeugnisse der Rinderzucht auf den Markt.

Die Ausfuhr dieser Länder hat sich besonders gesteigert durch die Ein-
führung des Gefrierverfahrens (Ende der 1870er Jahre), das es ermöglicht,
das Fleisch auf mehrwöchigen Reisen selbst über den Äquator hinweg ohne
Gefahr des Verderbens zu befördern. Die großen Schlächtereien Argentiniens
sind jetzt alle mit Gefrierhallen verbunden, und die Ausfuhr des Salz- und
Dörrfleisches ist gegen früher stark zurückgegangen!. Während des Krieges ist
auch in Brasilien, das bis 1914 noch Fleisch aus den La Plata-Ländern ein-
führte, eine schnell aufblühende Gefrierfleischindustrie entstanden, die in den
letzten Jahren durchschnittlich 70—80000 t Gefrierfleisch und Büchsenfleisch
zum Versand brachte. — Eine eigenartige und neben der Gefrierfleischbereitung
besonders wichtige Verwertung des Fleisches in den La Plata-Ländern ist die
Gewinnung des Fleischextraktes, Sie ist annähernd Monopol der Liebig-
Gesellschaft?, die in zwei Fabriken in Fray Bentos (Uruguay) und Colon
(Argentinien) die Erzeugnisse ihrer riesigen Viehestanzien in allen La Plata-
Staaten — davon 7 allein in Uruguay — verarbeitet. 300000 Rinder, 140000
Pferde und 100000 Schafe weiden auf den Farmen der Gesellschaft, Die Schlacht-
zeit dauert von Januar bis Juni.

Molkereierzeugnisse. Die großen Viehzuchtländer der Welt sind
naturgemäß auch die wichtigsten Ausfuhrländer für Molkereiprodukte.
An ihr sind auch noch europäische Länder infolge der dort im all-
gemeinen höher entwickelten Milchwirtschaft hervorragend beteiligt. In
der Buttererzeugung steht Dänemark an der Spitze aller Länder
der Erde, ihm folgen Neuseeland und Australien, die N jederlande,
Argentinien, Rußland, Irland und von den nordischen Staaten Schweden,
Finnland und die baltischen Staaten. Im letzten Jahrzehnt vor dem
Kriege lieferte auch Westsibirien in zahlreichen Butterzügen und
Kühldampfern große Buttermengen auf den westeuropäischen Markt,
Nach dem Zusammenbruch war die sibirische Butterindustrie auf
den innerrussischen Absatz angewiesen, hat aber gegenwärtig wieder
fast die Hälfte der alten Exporthöhe erreicht und schickt sich an,
seinen bedeutsamen Platz auf dem Londoner Markt wieder zu er-
obern. Der Hauptkäselieferant des Welthandels war bis 1923
Kanada, in den letzten Jahren wurde es von den Niederlanden
und Neuseeland überholt. Außer den Niederlanden sind Italien, die
Schweiz und Frankreich die wichtigsten europäischen Ausfuhrstaaten
für dieses Erzeugnis. Frankreich führt hochwertige Weichkäse, wie
Roquefort (aus den Causses), Camembert (aus der Normandie), Gervais u.a.
aus, dafür aber andere Sorten in nicht unbeträchtlicher Menge ein,

Der bedeutendste Abnehmer für fremde Molkereierzeugnisse ist
England, das zwei Drittel seines Butterverbrauches aus dem Aus-
lande, zur guten Hälfte aus Teilen des Imperiums, bezieht. Nach ihm
ist Deutschland der wichtigste Käufer; die Niederlande, Dänemark
und die Schweiz sind seine Hauptbezugsländer,

1 Die Anlagen der Gefrierfleischindustrie sind zum Teil sehr großzügig. Es gibt „Frigorificos“.
die bis zu 1000 Rinder und 4000 Hammel täglich schlachten.
2 Englische Abkürzung: Lemco /Liebie and Co.)
        <pb n="51" />
        II. DIE VIEHWEIDEN UND FISCHGRÜNDE DER ERDE

Ausfuhr Einfuhr.
Australien
nich
Zahn
Veuseeleand 1927-25
Schweiz
“ederlande
"90808

773 75 100 725 FF 000

Ausfuhr

Einfuhr
Kanada
\wscher Freistaat
“rgentinien
veuseeland 7-25
"chweden Ve
Hederlande DB
Yustralien
Blend
)önemark

SO 100 150 PAR nn

250 200 10 16I_ 50 W0st.
Eroßbritar —"rr
Deutsches P

Beiz“
Schwerz

Ave,
29. Butter. 30. Käse.
29, und 30. Der Welthandel in Molkereierzeugnissen,
(Mengen im Mittel von 1921—1925 in 100000 t.)
Das weltwirtschaftliche Gewicht des Handels mit Molkereierzeugnissen wurde
in den letzten Jahrzehnten außer durch die Erfindung des Gefrierverfahrens, die
namentlich den überseeischen Produzenten zugute kam, vor allem durch die
Entwicklung des Genossenschaftswesens in fast allen in Betracht kommenden
Ländern in bemerkenswertem Grade erhöht.

Wolle. Unter den zahlreichen nicht der menschlichen Nahrung
dienenden tierischen Erzeugnissen: -Häuten und Leder, Därmen, Horn,
Knochen, Haaren, Borsten ist die Schafwolle das weitaus wich:
tigste. Der Weltbedarf an Wolle wird gegenwärtig von reichlich einer
halben. Milliarde Schafen gedeckt. Früher erzeugten die europäischen
Staaten die von ihnen gebrauchte Wolle selbst. Heute liefert die
immer noch bedeutende Schafzucht Europas noch nicht ein Drittel
der Weltwollerzeugung, da sie in der Hauptsache auf Schlachtvieh
eingestellt ist. Die großen Lieferanten der Wolle für den Weltmarkt
sind dagegen die obengenannten Länder des südlichen Trockengürtels
Australien, Argentinien und Südafrika geworden. Ihre Woll-
erzeugung gelangt bei ihrer geringen Bevölkerungsdichte und bei dem
Fehlen entwickelter-Industrie fast ausschließlich zur Ausfuhr.

Die größte Zahl an. Tieren, etwa ein Fünftel des Weltbestandes; be:
sitzt Australien (1926 rund T00 Mill. Stück, mit Neuseeland fast
130 Millionen); ihm folgen in weitem Abstand die Vereinigten Staaten
mit 45 Millionen, Argentinien und Südafrika mit je 36 Millionen Stück.

Der Schafbestand Australiens, der sich namentlich auf die Steppengebiete
zwischen dem östlichen Randgebirge und der westlichen Wüstentafel konzen-
triert, ist allerdings aus klimatischen Gründen. starken Schwankungen unter-
worfen, indem vor allem zeitweise auftretende Dürren, aber auch gelegentliche
außerordentliche Regengüsse große Verluste bringen (Abb. 32). So gingen in
dem Jahrzehnt 1890—1901 durch Dürre in manchem Jahre Millionen von Tieren
zugrunde, Durch Anlage von artesischen Brunnen hat man versucht, künftig
hin solchen Katastrophen zu wehren. Indessen scheint das nicht gelungen zu
sein, denn in der Dürreperiode 1914/15 hat sich die Kopfzahl der australischen
Herden wieder um viele Millionen verringert. Neuerdings werden die Schaf-
herden durch die zunehmende Ausbreitung des Ackerbaus in immer ungünstigere
Gebiete gedrängt und dadurch Verlusten durch Dürre noch mehr ausgesetzt.
Diese Verdrängung der Schafzucht in schlechtere Räume gilt in noch höherem
Maße für Argentinien, das den Höhepunkt seiner Schafzucht bereits über-
schritten hat und in den letzten Jahren eine starke Abnahme seiner Herden
(1915: 81 Millionen, 1923: 36-Millionen) aufweist.
        <pb n="52" />
        ERSTER TEIL:"GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

Jahresisothermen
4256 1 SO
rt

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Er He Jahres“

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Millionen Schafe
11017 7
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vi | Cm
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6
1915
1916

ZZ Schafzuchtgebiete

31. Schafzuchtgebiete Australiens und ihre Be-
ziehungen zum Klima. (Nach Taylor)

"A

C
1

en
20 ZF
32. Schwankungen im Schaf-

bestande Australiens im Zu-

sammenhange mit Klima-
schwankungen.

Von der gesamten Wollerzeugung der Welt (1926: 1,4 Mill. t) ent-
fielen fast ein Drittel auf Australien mit Neuseeland und etwa
ein Siebentel auf Argentinien und Uruguay. Dann folgten die
Union, Südafrika, Rußland, England und Spanien. — Die für
den Weltmarkt maßgebenden Ausfuhrländer in Wolle sind aber nur
Australien, Argentinien, Südafrika und Uruguay, nächstdem China,
Britisch-Indien und Chile. In Europa haben gegenwärtig nur Ungarn
und der Freistaat Irland einen unbedeutenden Ausfuhrüberschuß. —
Die Haupteinfuhrländer der überseeischen Wolle sind die euro-
päischen Industrieländer, besonders Frankreich, England, Deutsch-
land, Belgien und Italien. Auch die Union muß trotz ihrer be-
deutenden Erzeugung Wolle einführen, namentlich bessere Sorten.
Während England drei Viertel seiner Einfuhr aus seinen Kolonien,
besonders aus Australien deckt, bezieht Deutschland seine fremde
Wolle aus allen drei Hauptexportländern, in der Reihenfolge Australien.
Argentinien, ‚Südafrika.

Deutschlands Wolleinfuhr war in den letzten Jahrzehnten ungeheuer ge-
stiegen. Das hat seinen Grund in einer starken Zunahme der Wollindustrie
bei gleichzeitiger schneller Abnahme der eigenen Wollerzeugung. In keinem
Lande hat die Schafzucht in den letzten Jahrzehnten einen solchen Rückgang
erfahren wie in Deutschland (vgl. Abb. 19, S. 40).

Die geographische Verbreitung der Wollindustrie innerhalb der
einzelnen Länder ist in erster Linie durch das Vorhandensein von
Kohle bedingt. Doch zeigt Großbritannien, dessen Wollindustrie im
11. Jahrhundert durch eingewanderte flämische Weber begründet wurde,
eine stärkere Konzentration mit dem Schwerpunkt in der Grafschaft
Yorkshire (Bradford und Leeds), während Deutschlands Tuchweber-
bezirke in den verschiedensten Teilen des Landes (Rheinland, Voegt-
        <pb n="53" />
        1. DIE VIEHWEIDEN UND FISCHGRÜNDE DER ERDE 49
land und Oberfranken, preußische Lausitz) gelegen sind. Deutschland
liegt im Zentrum eines langgestreckten Wollindustriebezirkes, der sich
vom Kanal durch Flandern, Nordfrankreich, Mitteldeutschland, die
Tschechoslowakei und Österreich bis Wien erstreckt.

DIE GROSSEN FISCHGRÜNDE DES WELTMEERES

Geographische Verbreitung. Den ausgedehnten Weidegebieten des
Landes entsprechen die großen Fischgründe des Meeres. Wie jene sind
auch diese in ihrer Verbreitung geographisch bedingt. Zunächst sind
die wichtigen Fischgründe an die Verteilung von Wasser und Land
gebunden, indem
sie niemals im Ge-
biete der eigentli-
chen Tiefseeliegen,
sondern immer in
den flachen Mee-
resteilen jenes
Kontinental-
sockels oder
„Schelfes“, der
als ein bald brei-
teres, bald schmä-
leres Band die
Küsten aller Land-
festen umsäumt
(siehe Karte S. 51).

Auch innerhalb

dieses Bandes sind

wieder die seichte-

ren Stellen — ’die
sogenannten „Bän-

ke“ oder „Grün-

de“ — die ertrag-

reichsten Fische-
reigebiete. Im Be-

reich dieser land-

nahen Meeresräu-

me aber finden

sich die Tummel-

plätze der großen

Fischschwärme

namentlich an sol-

chen Stellen, an denen warme und kalte, salzreiche und salzarme
Wassermassen sich mischen.

So bilden vorzügliche Fanggebiete die Nordsee und die Verbindungspforten
zur Ostsee, wo das salzreiche atlantische und das salzarme Ostseewasser sich
mischen, ferner das europäische Nordmeer und das Weiße Meer, die Misch-
gebiete atlantischen und polaren Wassers, und die Neufundlandbank, wo La-
brador- und Golfstrom sich treffen. Die reichen Fischgebiete an der Nordwest-

Reinhard, Erdkunde.

Pan
        <pb n="54" />
        50 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
und Südwestküste Afrikas und an den Gestaden Patagoniens beruhen darauf,
daß hier kaltes Tiefenwasser emporsteigt und dem warmen‘ Oberwasser sich
beigesellt (A. Merz).

Die Ursache dieser Verbindung von ozeanischen Mischzonen und Fisch-
gründen ist darin zu erblicken, daß in diesen Bezirken die Voraussetzungen
für die Entwicklung eines reichen Pflanzen- und Tierlebens, das den großen
Fischschwärmen als Nahrung dient, besonders günstig sind. Demnach dürften
auch die großen, mehr oder weniger periodischen Schwankungen, die
man im zeitlichen Auftreten und im Umfang der Fischschwärme sowie in der
Größe der einzelnen Fische beobachtet, mit entsprechenden Schwankungen in
dem Wasserhaushalte des Meeres zusammenhängen. In der Erforschung dieser
Erscheinungen bietet sich der Wissenschaft noch ein weites Arbeitsfeld von
großer praktischer Bedeutung.

Auch die Beschaffenheit des Meeresgrundes ist für die Ausübung der
Fischerei wichtig. So kann das Grundschleppnetz auf steinigem, blockbestreutem
Grund nicht angewendet werden, weil die Netze dort leicht hängenbleiben,
zerreißen oder in Verlust gehen. Daher hat die deutsche Seewarte alle erreich-
baren Kenntnisse von der Beschaffenheit des Untergrundes der Nordsee, des
wichtigsten Fanggebietes der Welt, in einer besonderen Karte zusammengestellt.

Von den drei großen Meeresbecken ist zur Zeit, wie in verkehrs-
geographischer Beziehung (vgl. S. 199ff.) so auch hinsichtlich der Fischerei,
der Atlantische Ozean der weitaus bedeutsamste. Auf ihn, und
zwar fast ausschließlich auf seinen nördlichen Teil, entfallen 5 der
gesamten Weltausbeute, knapp ;5 kommen auf den Großen Ozean
and nur ein winziger Bruchteil von kaum ;{5 auf den Indischen.

Die Hauptfanggebiete des Atlantischen Meeres auf der europäischen
Seite beginnen im Süden in der Biskaya-Bai, begleiten die Westküste
Frankreichs und umfassen in weitem Bogen nach W die englischen
Inseln mit Einschluß Irlands, so daß der Ärmelkanal, der St. Georgs-
kanal, der Minchkanal (zwischen Hebriden und Schottland) sowie die
ganze Nordsee mit Ausnahme der tiefen „Norwegischen Rinne“
ausgezeichnete Fanggebiete sind. In der Nordsee haben die Dogger-
Bank und die beiden Fischer-Bänke besondere Berühmtheit wegen
ihres Fischreichtums erlangt, auch Skagerrak und Kattegatt sind äußerst
fischreich. Allerdings scheint der Fischreichtum der Nordsee infolge
der dauernden Abpflü-
zung ihres Grundes mit
den großen Schlepp-
netzen allmählich zu-
rückzugehen, und auch
eine Verringerung der
durchschnittlichen Fisch-
größe will man beobach-
tet haben. Jedenfalls ist
die Frage der „Über-
fischung‘“ der Nord:
see gegenwärtig Gegen:
stand ernster Unter-
suchung und lebhafter
Diskussion. Welche Be-
deutung aber der Nord-
        <pb n="55" />
        X. DIE VIEHWEIDEN UND FISCHGRÜNDE DER ERDE

ll

apa hr ar
UNE
gründe für Großversorg‘ _
von BrHicher Badankı

35. Die Viehweiden und Fischgründe der Erde.
Die Karte zeigt zugleich die auffallende Nachbarschaft der großen Viehzuchtgebiete
ıınd Fischereiplätze
see als Fischereigebiet. zukommt, beweist die Tatsache, daß von der ge-
samten Fischausbeute des Atlantischen Ozeans fast die Hälfte (1923:
45,2%) auf sie entfällt. Damit ist sie aber das bei weitem wich-
tigste Fanggebiet im Weltmeer überhaupt. Von geringerer Bedeutung
sind die Fangergebnisse der Ostsee. Abgesehen von dem noch nicht
völlig erklärten Ausbleiben (siehe oben) früher regelmäßig auftretender
Fischschwärme, ist dieses Meer wegen des mit eiszeitlichen Stein-
schüttungen. (Adlergrund u. a.) und Einzelblöcken besäten Bodens für
den Großbetrieb mit Grundnetzen von Fischdampfern aus nicht ge-
eignet. Dagegen finden sich wieder ausgezeichnete Fischgründe längs der
norwegischen Küste bis zu den Lofot-Inseln und dem Nordkap, ja
für einzelne Nutzfische bis zur Murmanküste und im Weißen Meere.
Die Gesamtfläche. der nordwesteuropäischen Fischgründe ist einschließ-
lich der stark befischten Bezirke vor den Küsten Islands auf 2,2 Mill.
gkm, d. h. also auf ein Gebiet von der annähernd fünffachen Größe
des Deutschen Reiches zu veranschlagen.

Auf der amerikanischen Seite des Atlantischen Ozeans erstrecken
sich die Fischgründe von den Küsten des südlichen Labrador über den
Golf von St. Lorenz und die Neufundlandbänke längs der Küste der
Vereinigten Staaten bis zum Kap Hatteras, jenseit dessen die Warmwasser-
region. des Golfstroms beginnt. Das Hauptgebiet bilden die berühmten
Neufundlandbänke, die mit den südwestwärts bis zu der Nantuket-
Insel reichenden. Fischgründen eine Fläche von 180000 qkm (fast £ der
Größe Preußens) bedecken. Davon entfallen annähernd 100000 akm
allein auf die „Grand Bank of New Foundland“, .

Auch im Pazifischen Ozean liegen die Hauptfanggebiete im
Norden, in einem Mischgebiet warmer und kalter Meeresströmungen.
Auf amerikanischer Seite sind die inselreichen Küsten Alaskas und
Britisch-Columbias Ausgangsgebiete einer ertragreichen Küsten- und
Hochseefischerei. Die Lachsfischerei dieses Gebietes ist die bedeutendste
der Welt. — Am asiatischen Ufer wird die Küstenfischerei von den
Gestaden Kamtschatkas und des Ochotskischen Meeres längs
der gesamten japanischen Inselflur bis zu den Riu-Kiu-Inseln
        <pb n="56" />
        ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
betrieben. Für Japans Fischversorgung noch wichtiger ist seine auf
wissenschaftlicher Grundlage gepflegte Hochseefischerei. Japan ist einer
der ältesten und wichtigsten Fischereistaaten der Welt.

Die Hauptfischarten und ihr Fang. Von den Nutzfischen der
Weltfischerei sind die beiden weitaus wichtigsten der Hering und
der Kabeljau.

Die ertragreichsten Heringsgründe liegen im nördlichen und mitt-
teren Teil der Nordsee — Fladengrund und Doggerbank sind bekannte
Heringsfanggebie-
te — ferner an der
Westküste Schott-
lands und an der
norwegischen Kü-
ste. Die Herings-
fischerei war einst
die Grundlage der
hanseatischen und
der holländischen

Handelsgröße,
Heute wird sie
vornehmlich von
Schotten und Eng-
ländern, danach
von Holländern
und Norwegern ge-
übt, aber auch
deutsche und fran-
zösische Fischerei:
gesellschaften sind
an ihr beteiligt.

Die britische
Heringsfischerei be-
ginnt im Frühsom
mer bei denShetland-
inseln, erreicht, all-
mählich südwärts
wandernd, ihren Hö-
hepunkt im August

und endet im Herbst 36. Jahreszeitlicher Verlauf der englischen Heringsfischerei.
in der südlichen (Nach A. Demangeon.)

Nordsee. Sie ist je

nach der Lage der jeweiligen Fanggebiete teils Küsten-, teils Hochseefischerei
und wird in der Hauptsache mit großen. Treibnetzen ausgeübt. Ausgangs- und
Landungsplätze der britischen Heringsfischerei sind vor allem schottische Häfen,
wie Wick, Fraserburg, Peterhead und Aberdeen, von den englischen
zind nur Yarmouth und Lowestoft, diese aber sehr bedeutende Landestellen
der Heringsausbeute,

Der norwegische Heringsfang findet nur als Küstenfischerei statt und
Jäßt — allerdings ohne ganz scharfe Grenzen — drei Hauptfangzeiten unter-
scheiden. Der Menge nach am bedeutendsten ist der im Spätsommer und Herbst
vor allem im hohen Norden, an der Küste von Nordland und Troms6ö sich voll-
        <pb n="57" />
        I. DIE VIEHWEIDEN UND FISCHGRÜNDE DER ERDE 53
ziehende Sommer- oder Fettheringsfang. Der Hering wird dann durch
die zu dieser Zeit in jenen Gewässern besonders reich entwickelte Kleintierwelt
des Planktons angelockt. Er folgt also dem Nahrungstrieb. — Dem Sommerfang
schließt sich der sogenannte Großheringsfang in den Wintermonaten (besonders
im November und Dezember) in dem Küstengebiet von Trondhjem südwärts an.
In dieser Zeit kommen die Fische zum Laichen in die Nähe der Küste. — Von
Ende Januar bis März endlich vollzieht sich, vorwiegend an den Gestaden von
Bergenhusamt und Stavanger, der Frühlingsfang. Großheringsfang und
Frühlingsfang spielen sich in eigenartiger Weise ab. Die Fischer fahren den
telegraphisch gemeldeten Schwärmen entgegen, drängen sie mit großen Sperr-
netzen langsam gegen geeignete Küstenstellen, sondern sie: durch kleinere Netze
in Abteilungen und fischen eine nach der andern aus. — Die holländische
Heringsfischerei ist uralt und findet wie die englische hauptsächlich in der Nord-
seewährend der
Monate Juli bis
Dezember statt.

Ihr Hauptaus-
gangsplatz ist
Ymuiden.

Deutsch.
land vermag
seinen großen
Bedarf an Salz-
heringen nur
zum kleinen
Teil(1927:15%)
durch die eige-
ne Fischerei in
teilweise sehr
fern. gelegenen,
erst in mehre-
ren Tagesreisen

erreichbaren

Fischgründen

der Nordsee zu

decken.DieAus-

gangshäfen lie-

gen vorzugswei-

se in der We-

ser- und Ems-

mündung. Die uns zur Befriedigung des Bedarfs noch fehlenden Mengen
liefern England, Holland und Norwegen. — Auch in den amerikanischen
Fischgründen wird der Hering gefangen, doch spielt er hier längst nicht eine
so wichtige Rolle wie im Osten des Atlantischen Ozeans. Dagegen ist er für
die japanische Fischerei wieder das wichtigste Fangtier; die besten Fische
werden, namentlich in den nördlichen Distrikten, zur Nahrung verwendet, die
übrigen zu Fischöl und Guano gepreßt.

Dem ganzen Nordatlantischen Ozean dürften alljährlich rund 20 Mil-
lionen Zentner Heringe entnommen werden, davon entfällt auf die
amerikanischen Gewässer nur ein reichliches Zehntel. Somit kann
der Hering im wesentlichen als ein europäischer Nutzfisch
bezeichnet werden.

Der Kabeljau (engl. Codfish, franz. morue) wird in seiner Jugend-
form Dorsch genannt, womit man aber auch kleinere Abarten des

Hal.
        <pb n="58" />
        54 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

Kabeljaus bezeichnet. Allein im Bereiche des Nordatlantischen Ozeans
werden jährlich 300—400 Millionen dieses durchschnittlich minde-
stens 5kg schweren Tieres gefangen, und 200000 Menschen erlangen
in diesem Bezirk den wesentlichen Teil ihres Lebensunterhaltes durch
den Dorschfang. Der Fisch tritt gleicherweise auf der amerikanischen
und europäischen Seite auf und ist in den amerikanischen Ge-
wässern der bei weitem wichtigste Nutzfisch. Auch im nordöstlichen
Pazifischen Ozean erscheint der Dorsch in großen Mengen und ist
dort für die neuerdings von den Häfen Alaskas und Columbias aus
betriebene Hochseefischerei neben Hering und Heilbutt das wichtigste
Fangtier. Ü

An der norwegischen Küste erstreckt sich der Kabeljaufang von Stavanger
bis weit nach Norden, aber das wichtigste Fanggebiet sind die weltberühmten
Dorschgründe bei den Lofot-Inseln. Dort sammeln sich in den Monaten Januar
bis April etwa 15—20000 norwegische Fischer von allen Küstenplätzen, um
mit Angeln und Stellnetzen den „Skrei“ zu fischen. Im Höhepunkt dieser
Fangzeit, im März, treten die Dorsche auf den flachen Gründen an der Innen-
seite des Vest-Fjord in so ungeheuren Schwärmen auf, daß das Wasser durch
die von den Männchen ausgestoßene Milch trübe erscheint. Ein Leben von
höchster Eigenart entwickelt sich dann in jenen hochnordischen stürmischen
Gewässern bei langen, finsteren Nächten und kurzen Tagen angesichts der be-
schneiten, hochragenden Felseninseln. Der geschäftliche Mittelpunkt für den
Dorschfang ist Tromsö, daneben Trondhjem. Die gefangenen Kabeljaus
kommen in getrocknetem Zustand als Stockfisch, in gesalzenem als Klipp-
fisch, wenn in Fässern eingesalzen, als Laberdan in den Handel. Sie gehen
vorzugsweise als Fastenspeise nach den katholischen Ländern Südeuropas. Die
Lebern werden zu dem geschätzten Lebertran, die Köpfe zu Fischguano
verarbeitet und die Rogen zu Köderzwecken nach dem Mittelmeer ausgeführt.
Der Hauptausfuhrhafen für die norwegischen Fischereierzeugnisse, und zwar
sowohl des Dorsch- wie des Heringsfanges, ist Bergen. — Ein zweites wich-
tiges Fanggebiet für Dorsche sind die Küsten Islands, deren Gewässer früher
fast ausschließlich von französischen Schonern befischt wurden, während sie jetzt
von den Fischern verschiedener Nationen, besonders von englischen, aber auch
von deutschen, aufgesucht werden. — Das dritte und zugleich größte Fanggebiet
für Kabeljaus sind die Neufundland-Bänke und die nordamerikanische
Küste südwärts bis zum Kap Cod. Der jährliche Gesamtertrag dieses Gebietes
ist doppelt so groß wie der des norwegischen Dorschfanges. Diese Gründe werden
von Amerikanern, Neufundländern, Kanadiern und Franzosen ausgebeutet.
Hauptausgangshäfen sind Gloucester (Massachusetts), Lunenburg (Neu-
Schottland), Halifax (Neu-Schottland), St. Johns und Canso an der Ostküste
von Neufundland, für die französischen Fahrzeuge die Häfen der Bretagne
und Normandie. Während die Lofotfischerei in den Winter und das Frühjahr
fällt, geht der Neufundlandfang vorwiegend in den Sommermonaten, von Juni bis
Oktober, vor sich. Etwa 5—6000 Fahrzeuge bergen jährlich schätzungsweise
125000 t Fische.

Neben den Salz-, Dörr- und Räucherfischen kommen solche in
frischem Zustand auf den Markt, und zwar selten lebend, meist in
Eis verpackt. Hauptfangtiere dieses sogenannten „Frischfischfanges“,
der in der Hauptsache mit Schleppnetzen geschieht, sind Schellfisch,
Makrele, Scholle, Seezunge, Steinbutt, Heilbutt u. a.

Als wertvolles Nahrungsmittel gerade in unserem Vaterlande geschätzt ist
der Schellfisch, Er ist das wichtigste Fangtier des ‚Frischfischfanges in der
        <pb n="59" />
        Il. DIE VIEHWEIDEN UND FISCHGRÜNDE DER ERDE 55
Nordsee und wird mit Schleppnetzen namentlich im seichteren südlichen Teile
dieses Meeres sowie an der Südküste von Island gefangen. Weniger wichtige
Fanggebiete des Schellfisches liegen in den amerikanischen Gewässern. — Ein
während der Kriegszeit auch bei uns bekannt gewordener Nutzfisch ist die
Makrele, die an den südlichen Küsten Norwegens erbeutet wird, in viel
größerem Maße aber an der Ostküste Nordamerikas von der Chesapeake-Bai
bis zum Golf von Maine auftritt und dort zur größten Makrelenfischerei der
Welt Veranlassung gibt. Die Scholle, die namentlich in der englischen
Fischerei einen bedeutsameren Platz einnimmt, wird vor allem in den Gewässern
südlich von Irland sowie in der westlichen Ostsee gefangen. Der Heilbutt
ist ein Nutzfisch sowohl der europäischen wie der amerikanischen Gewässer. —
Für die amerikanischen Fischgründe ist noch charakteristisch der Menhaden,
ein kleiner Fisch, der im Sommer vor den Küsten der mittelatlantischen Staaten
in ungezählten Millionen sich einfindet und nur zur Gewinnung von Tran und
Dünger gefangen wird.

Als letzter Bewohner der kühlen Ozeane sei der Lachs (Salm) genannt,
der überall an den Küsten des nördlichen Atlantischen und Pazi-
fischen Ozeans gefangen wird, wenn er zur Laichzeit die Flüsse empor-
steigt, in den Uferländern der Nordsee und Ostsee, an den Küsten La-
bradors, Neufundlands und der Union. An den Gestaden Ostsibiriens
und im unteren Amur ist der Lachs das hauptsächlichste Fangtier.
Aber allen Gebieten weit voran steht die Lachsfischerei an den Küsten
Alaskas und Britisch-Columbias, die mit der Verbesserung der Ver-
kehrsverhältnisse jener Gebiete und mit der Einrichtung der Büchsen-
verarbeitung der Fänge die Grundlage für eine die ganze Welt versorgende
Industrie wurde.

Die Lachsfischerei spielt im Wirtschaftsleben dieser Länder eine ausschlag-
gebende Rolle. Der Wert der alaskischen Fischerei wird auf etwa das Doppelte
der gesamten übrigen Urerzeugung des Landes geschätzt. Die Fangzeit, die für
die einzelnen Lachsarten verschieden ist, dauert vom Frühling bis Oktober,
am stärksten ist der Betrieb Ende Juli und Anfang August. In ungeheuren
Schwärmen drängen die Tiere aus der Tiefsee gegen die Küste, um in den
Flüssen und Süßwasserseen zu laichen. Für den kanadischen Lachsfang, der
4-—5000 Fischer beschäftigt, liegt der Schwerpunkt im Fraser River und den
weiter nördlich mündenden Flüssen, wie Skeena, Nasse River u. a.; für Alaska,
das gegen 8000 Fischer zählt, in den Küstengewässern und Inlets Südostalaskas,
aber auch in der Bristolbai und Jukonmündung. Der weitaus größte Teil der
Ausbeute wird in den „Canneries“ zu Büchsensalm verarbeitet. Im Jahre 1925
gingen davon nahezu 8 Millionen Kisten zu je 4 Dutzend Dosen von 1 engl.
Pfund nach allen Teilen Amerikas, nach England und Südeuropa, nach China
und Japan.
Aus den südlichen wärmeren Gewässern kommen nur Thunfische,
Sardellen und Sardinen, die Hauptnutzfische des Mittelmeeres, für
den Welthandel in Betracht.

Sardinen bilden auch den Hauptgegenstand des Fanges an der Westküste
Frankreichs. Die Olivenhaine Südfrankreichs liefern das Konservierungsmittel
für diesen Fisch. Indessen hat die französische Sardinenfischerei durch Un-
regelmäßigkeit im Erscheinen der Fische oder durch gänzliches Ausbleiben
in den letzten Jahren schwer gelitten.

Von nicht zu den Fischen gehörigen Erzeugnissen des Meeres seien
nur die als Nahrungsmittel und Handelsgegenstand gleich wichtigen
        <pb n="60" />
        36 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
Austern genannt. Sie beleben alle von dem Golfstrom berührten Küsten
des Atlantischen Ozeans und kommen auch in der nördlichen Adria vor.

Ihr Hauptverbreitungsgebiet sind die atlantischen Küsten der Union bis
hinab nach Carolina. Hier werden jährlich gegen 1 Milliarde Stück gefischt,
und die Auster spielt daher unter den gewöhnlichen Nahrungsmitteln des Ameri-
kaners eine Rolle, die man in Europa nicht kennt. Die ergiebigsten Austern-
felder finden sich im Long-Island-Sund und in der Chesapeake-Bai.
Baltimore ist der größte Austernmarkt der Welt. Nach der Union ist Frank-
reich mit verschiedenen Plätzen an seiner Westküste der wichtigste Produzent,
Ferner kommen England, Holland und Deutschland in Betracht. Längst
schon ist die Auster auch Gegenstand planmäßiger Zucht in sogenannten Austern-
parks geworden. Solche liegen bei Arcachon in Frankreich und in der
Themsemündung. Belgien mästet fremde Austern für den Export.

Die wichtigsten Fischereistaaten der Erde, Wie wir sahen, hat man
in der Seefischerei zwischen Hochseefischerei und Küstenfischerei
zu unterscheiden. Die Küstenfischerei wird längs der Küsten und in
den Flußmündungen in einem Raum von mindestens drei Seemeilen
Breite (alte Kanonenschußweite vgl. S. 228) ausgeübt und ist im all-
gemeinen nur den Angehörigen der betreffenden anliegenden Staaten
gestattet. Die Hochseefischerei dagegen hat ihren Schauplatz im offenen
Meere außerhalb jenes Saumes nationaler Gewässer und ist jedermann
freigestellt, also international. Da aber auch die Fischgründe der
Hochsee, weil an die Schelfs gebunden, meist in der Nähe der Küsten
liegen, so werden sie am meisten von den nächstbenachbarten Län-
dern ausgebeutet. Deshalb finden wir die an der Fischernte des Meeres
am stärksten beteiligten Staaten in der Umgebung der wichtigsten Fisch-
gründe, d. h. vor allem in den Randgebieten des nördlichen Atlantischen
Ozeans, nächstdem in den Randländern des nördlichen Stillen Ozeans.

Eine möglichste Förderung der Fischerei lassen sich die meisten Kultur-
staaten aus mancherlei Gründen angelegen sein. Zunächst bilden die Fang-
ergebnisse in vielen Staaten einen wichtigen Bestandteil der Volksernährung, der,
da er keine Ausbeute heimischer Hilfsquellen darstellt, einen reinen nationalen
Gewinn bedeutet, ganz anders als z. B. der Abbau heimischer Bodenschätze.
Sodann gibt die Fischerei einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung Lebens-
unterhalt oder lohnenden Nebenerwerb nicht nur durch den Fangbetrieb selbst,
sondern auch durch die mannigfaltige Verarbeitung und den Versand der Aus-
beute. Endlich bildet für jeden Staat die in hohem Grade seegewohnte Besatzung
der Fischerboote die beste Bemannung seiner Kriegsmarine.

Die stärkste Fischereibevölkerung hat Japan, wo 1,3 Mill. Einwohner in
fast 400000 Booten Seefischerei betreiben. Die Japaner sind die eifrigsten Fisch-
osser unter allen Völkern. Man schätzt den jährlichen Verbrauch auf 50 Pfund
pro Kopf gegen 40 Pfund in England und 17 in Deutschland. Für die Ver-
ainigten Staaten wird die in Fischerei und Fischindustrie tätige Bevölkerung

mit rund 200000 Köpfen angegeben, für Norwegen 108000, für England 82000,
für Kanada 75000. Dasjenige Land, dessen Existenz zum weitaus größten Teil
auf der einen wirtschaftlichen Quelle der Fischerei beruht, ist Neufundland,
wo 1921 mehr als 65000, d. i. mehr als ein Viertel der gesamten Bewohner,
acht Neuntel der Erwerbstätigen im Fischfang und der Fischindustrie tätig waren.

Über den Betrieb der Fischerei und Fischindustrie in den einzelnen
Staaten wurden bereits in anderem Zusammenhange Mitteilungen ge-
macht. Hier seien noch einige zusammenfassende Bemerkungen über
die englische, amerikanische und deutsche Fischerei nachgetragen.
        <pb n="61" />
        1. DIE VIEHWEIDEN UND FISCHGRÜNDE DER ERDE

77:

57

„200 km
verwick "NZ

Tan
Vz?

"AnoU
VASE

500 km
_s_ Brifische Fischereit
| 0-200m Hef
EZ 200-1000m Hef
=3 Yefer als 1000.m dr:

mA;
Ai = ae
38. Fanggebiete der englischen Fischerei.

39. Wichtigste Fischereihäfen Großbritanniens und angelandete Fänge 1923.

1. Weißes Meer und Kolaküste, 2. Skandinavische Westküste, 3. Ostsee, 4. Nordsee, 5. Orkney-

Inseln, 6. Westschottische Küste, 7. Isländische Gewässer, 8. Island-Rücken, 9. Thomson-Rücken,

10, Irische Westküste, 11. Irische See, 12. Nymph-Bank, 13. Bristol-Kanal, 14. Ärmel-Kanal, 15. Bis-

kaya-Bay, 16. Spanische Nordküste, 17. Portugiesisch-Galicische Küste, 18. Marokkanische Küste.

%

Die englische Fischerei hat ihre Hauptgebiete in der Nordsee
und in den Gewässern westlich und nördlich der Britischen Inseln.
Die Heringsfischerei mit Stellnetzen geht vorwiegend von den schot-
tischen Häfen aus. Dagegen ist der mit großen Schleppnetzen — dem
beamtrawl — betriebene Fang von Kabeljau, Schellfisch, Scholle und
Makrele die Hauptdomäne der zahlreichen englischen Fischereihäfen.
An ihr sind die Schotten nur von Aberdeen und Granton bei Edin-
burg aus beteiligt. Die englische Statistik erfaßt mehr als 150 eng-
lische (also ohne die schottischen) Küstenplätze, aber acht Zehntel aller
Fänge entfallen auf die fünf Plätze North Shields, Hull, Grimsby,
Yarmouth, Lowestoft an der Ost- und die beiden Häfen Fleetwood
und Milford an der Westküste. Hull und Grimsby sind die größten Fisch-
landungsplätze Großbritanniens. Sie liegen günstig für den Absatz in
dem großen Bedarfsgebiet von Mittelengland und haben auch direkte Ver-
bindung mit London, wo in Billingsgate, dem größten Fischmarkt der
Welt, täglich ein großer Teil der englischen Fänge zum Verkauf gelangt.

Für die Fischerei der Vereinigten Staaten sind neben dem Lachs
der Kabeljau und der Schellfisch die wichtigsten Fangtiere. Boston
        <pb n="62" />
        58 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
ist der bedeutendste Anlandungsplatz, ihm folgen Gloucester (Mass.),
Portland (Maine) und Seattle (Wash). Von den 87 Großfischmärkten
steht der Fulton Fish Market in New York City weit voran. Werden
doch fast acht Zehntel der gesamten amerikanischen Fischausbeute in
New York und in den Städten im Umkreis von 200 Meilen verzehrt.

Deutschlands Seefischerei hat sich in den letzten Jahrzehnten
durch mannigfache staatliche Förderung und durch Gründung des
Deutschen Seefischereivereins außerordentlich gehoben, dennoch bringt
unsere Fischerflotte kaum den dritten Teil unseres Gesamtverbrauchs
und noch nicht den sechsten Teil unseres Bedarfs an Salzheringen
Ädurch eigene Fänge auf. Im Jahre 1925 waren in Deutschland rund
24000 Einwoh- .

. \ Deutsches Reich
ner im Haupt- En Erg eg E EEE SE ; BEE 62 Mi Einw.
berufe und 4000 A-ErKannien (einschl Schotand uLHand) 43379 Fischo
mithelfende Fa-
milienangehörige
im Fischereibe-
rufe tätig. Die
Gesamtheit der
von der Fischerei
lebenden Bevöl-
kerung ist auf et-
wa 100 000 Köp-
fe zu veranschla-
gen. Gegenwärtig
1927)bestehtun-
sere Fischerflotte 40. Die Hauptausgangsorte der deutschen Seefischerei und
aus 362 Hochsee- der Bestand an Fischereifahrzeugen nach dem Stande vom
Jampfern, 135 1. Januar 1928.
Heringsfahrzen- Air, Ortenamen aufiretende Zitferm geben ie Zahl der dot behai-
gen (davon 103 logger), Segellogger (Hs) und Segler (S) an. Die Leisten bieten einen Ver-
Dampfer), 1690 E des deutschen und englischen Besitzes an Fischdampfern und der
edeutung der Fischerei für die Volksernährung beider Länder
Motorkuttern

und gegen 12000 kleinen Küstenfahrzeugen. Ausschlaggebend sind die
Fischdampfer, von denen England fast die achtfache Zahl besitzt. Das
wichtigste Fanggebiet der deutschen Seefischerei ist die Nordsee, die
mehr als drei Viertel des Ertrags liefert, doch gehen die deutschen Fisch-
dampfer auch auf den Atlantischen Ozean, nordwärts bis nach Island,
je zum Weißen Meer und der Barentsee, südwärts bis in die marok-
kanischen Gewässer, Das wichtigste Fangtier ist der Hering. Die
Hauptfangtiere des Frischfischfanges sind Kabeljau, Hering, Schell-
fisch, Scholle, Rotzunge, Blaufisch, Seezunge, Steinbutt. Die Frisch-
fischerei wird heute ausschließlich von Dampfern von der Unterelbe
und Unterweser aus betrieben. Die Hauptplätze an der Weser sind
Wesermünde, der erste deutsche Fischereiplatz überhaupt, in dem
125 Fischdampfer und mehr als 100 Versandgeschäfte beheimatet sind,
ferner Bremerhaven und Nordenham; von den Elborten wurde
neuerdings Cuxhaven der bedeutendste vor Altona und Hamburg.
Es ist Sitz der größten deutschen Fischreederei (Cuxhavener Hochsee-

CME eNNer
        <pb n="63" />
        Menge

1L DIE VIEHWEIDEN UND FISCHGRÜNDE DER ERDE
MilKg Wert
”  Eigne Fänge
Einfuhrüber-
Schuß 1927

284.87
41. Deutschlands Ver-
326 % brauch an Seefischen
1927 nach Menge
links) u. Wert (rechts).
Außerdem wurden 50,5 Mill.
zgim Werte von 9, 2MilL RM.
in fremden Häfen gelandet

59
MiIHRM

705,87
634%

fischerei A.-G. mit 85 Dampfern), ferner von 75 Versandfirmen und
25 Verwertungsanstalten (Räuchereien, Marinieranstalten, Konserven-
fabriken). — Die Heimatshäfen der Heringsfischerei, die noch viel
Segler verwendet, aber auch immer mehr zum Gebrauch der Fisch-
dampfer übergeht, liegen mit einer Ausnahme (Glückstadt) alle an
der Weser und der Ems. Neben Emden, dem Hauptort für die
Heringsfischerei, sind noch Vegesack, Elsfleth, Brake, Nordenham
besonders zu nennen. In Wesermünde, Bremerhaven, Altona, Hamburg
und Cuxhaven werden die eingebrachten Fänge in öffentlichen Auk-
tionen verkauft und zum Eisenbahnversand in das Inland verladen.
Der Hafen von Nordenham ist seit 1926 Privatbesitz der Dampf-
fischerei-Gesellschaft „Nordsee“, die hier große fischindustrielle Betriebe
(Räucherei, Marinieranstalt, Fischbraterei, Mayonnaisenherstellung) er-
richtet hat. Weitaus die größten Auktionsumsätze hat Wesermünde.

Im Jahre 1927 belief sich die gesamte deutsche Seefischereiausbeute
auf 247,2 Mill. kg im Werte von 61,38 Mill. RM. Durchschnittlich rund
ein Viertel der Fänge wird im Ausland, namentlich in Aberdeen (vor-
zugsweise Kabeljau), gelandet. Trotz der großen Einfuhr von Fischerei-
erzeugnissen hat die heimische Seefischerei Schwierigkeiten, ihre Fänge
abzusetzen, obwohl der Fischgenuß in Deutschland von 5 kg für Kopf
und Jahr 1913 auf 8} kg im Jahre 1926 gestiegen ist.

Weltverbrauch. Den jährlichen Gesamtverbrauch der Welt an
Fischen hat man auf 5,5 Mill. t geschätzt, was etwa dem Fleisch-
gewicht von 1} Mill. Rindern gleichkommt. Von dieser Menge werden
rund 4 Mill. t durch die Seefischerei aufgebracht. Der Anteil der
einzelnen Länder daran stellt sich nach einer allerdings älteren stati-
stischen Berechnung wie folgt: Großbritannien und die Union je etwa
22 %, Japan, Kanada und Norwegen je 13, Rußland 6, Frankreich 4,
die Niederlande 3, Deutschland 2—21%, in den Rest teilen sich vor
allem Spanien, Portugal und Italien.

Den größten Teil der gefangenen Fische verbrauchen die betreffen-
den Staaten selbst, der Überschuß wird in Form von getrockneter,
geräucherter und gesalzener Ware oder als Fischkonserve ausgeführt.
Der Handel vollzieht sich im Austausch der Kulturvölker. Die wichtig-
sten Ausfuhrstaaten sind Großbritannien, die Union, Norwegen,
Frankreich (Sardinen), die Niederlande und Rußland (Kaviar);
doch ist zu beachten, daß ein Teil dieser Länder, wie Rußland und Eng-
land, auch eine beträchtliche Einfuhr an Fischereierzeugnissen aufweist.
        <pb n="64" />
        ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
IL DIE FRUÜUCHTHAINE UND REBENGELÄNDE
DER ERDE
DIE FRUCHTHAINE

Eine willkommene Abwechslung in die Mehl- und Fleischnahrung,
die die Felder und Weiden dem Menschen liefern, bringen die Früchte
der Bäume. Sie werden deshalb und wegen ihres erfrischenden Wohl-
geschmackes von allen Völkern, deren Wohngebiet die klimatischen
Bedingungen der Baumkultur erfüllt, in Gärten, Hainen oder hbe-
sonderen Pflanzungen mit größerer oder geringerer Sorgfalt gezogen.
Ihr Anbau ist nur in den polaren und subpolaren Breiten ausgeschlossen.
In der Fruchtkultur der gemäßigten Breiten, auch in Gegenden, die
an sich klimatisch gut geeignet für den Obstbau sind, richten die
Frühjahrsfröste, die die Blüte vernichten, oft großen Schaden an. Da
die Frostgefahr in geschützten Tälern und namentlich in der Nähe
temperaturausgleichender Wasserflächen geringer ist, liegen die Schwer-
punkte der Obstkultur z. B. in Mitteleuropa und Nordamerika häufig
in Flußtälern und an den Ufern der Seen. .

Den Wärme- und Niederschlagsabstufungen von der kühlgemäßigten
zur tropischen Zone entspricht die große Mannigfaltigkeit der in Kultur
genommenen Fruchtbäume. Sind die gemäßigten Zonen das Verbrei-
tungsgebiet unseres Kern- und Steinobstes, die halbfeuchten Sub-
tropen mit ihren trockenen Sommern das der Agrumen und der
anderen mit ihnen als Südfrüchte zusammengefaßten Baumfrüchte,
so bringen die heiße Zone und das Monsungebiet eine Fülle süßsaftiger
Tropenfrüchte hervor, die bei uns zum größeren Teil nicht einmal
dem Namen nach bekannt sind. In allen Fällen werden die gezogenen
Früchte zum großen, ja‘ zum größten Teil, im Lande der Erzeugung
verbraucht, schon, weil viele von ihnen einen längeren Transport nicht
vertragen und weil infolge des verbreiteten Anbaus das Bedürfnis nach
Einfuhr fremder Früchte, die ja den Genußmitteln näher stehen als
den Nahrungsmitteln, nicht allzu groß ist. Aber in jeder der Haupt-
wärmezonen, die den Fruchtbau gestatten, sind doch einige Erzeug-
nisse zu Handels- und sogar Welthandelswaren geworden: in den
gemäßigten Zonen die Äpfel und Pflaumen, in den Subtropen die.
Agrumen Zitronen und Orangen, in den Tropen die Banane und
die Ananas. Nur diesen Handelsfrüchten soll eine kurze Darstellung
gewidmet werden. Daneben darf allerdings nicht außer acht gelassen
werden, daß auch viele andere Früchte heute in verarbeiteter Form
als Marmeladen, Jams, Canned fruits im Handel eine Rolle spielen.

Obstbau. Äpfel haben im zwischenstaatlichen Handel in Europa
nur untergeordnete Bedeutung; nur in wenigen Ländern sind sie eine
wichtige Ausfuhrware. So in Frankreich, wo der Apfelbaum der
wichtigste Kulturbaum ist und besonders in der Bretagne, der Nor-
mandie und Picardie gepflegt wird. Die feineren Sorten werden aus-
geführt, die geringeren zu Apfelmost — Cidre — verarbeitet. Auch
Italien führt feines Tafelobst aus dem Po-Tiefland und Südtirol aus. Mit
kleinen Exportmengen treten Belgien und die Niederlande auf. Im
Welthandel eine viel wichtigere Rolle spielen die großen Mengen von

530
        <pb n="65" />
        II. FRUCHTHAINE UND REBENGELÄNDE DER ERDE 61
Äpfeln, die die Vereinigten Staaten, Kanada und Australien
auf den europäischen Markt bringen. Im kühlgemäßigten Nordamerika
ist die Kultur des Apfels als Handelsgewächs — money crop — weit
verbreitet. Die Zentren des Anbaus lassen die schon erwähnte Be-
vorzugung der Wassernähe deutlich erkennen. Kanadas berühmteste
Apfelgegenden sind das Annapolis Valley in Neu-Schottland und
die Gegend am Niagarafall zwischen Ontario- und Eriesee. Unter
den Staaten der Union stehen im Osten obenan New York mit dem
Apfelgürtel längs derselben beiden Seen, und die beiden Virginia,
wo in Westvirginien im „Apple Pie Ridge“ ein Gelände von 35 km
Längserstreckung von Apfelplantagen bedeckt ist. Im Westen ist der
nördlichste Küstenstaat, Washington, in kurzer Zeit zum wichtigsten
Apfelproduzenten geworden, der mit New York um die erste Stelle
in dieser Frucht

erzeugung wett

eifert. — Die süd

hemisphäri

schen Handels-

gebiete, die In-

sel Tasmanien, in

geringerem Maße

Südaustralien, die

Südinsel von Neu-

seeland und Süd-

afrika, genießen

den Handelsvor-

teil, ihre Ware zu

einer Zeit auf den

Weltmarkt senden

zu können, da in

der gemäßigten Zo-

ne die Apfelvorräte

zu Ende gehen. —

Die weitaus wichtigsten Einfuhrländer im Apfelhandel sind Eng-
land und Deutschland, die 80 bis 90% der gesamten europäischen
Einfuhr aufnehmen.

Im Handel mit Pflaumen spielen die europäischen Staaten auch als
Exporteure eine größere Rolle. Bosnien und Altserbien, die Save-
länder und Südfrankreich, namentlich in der Umgegend von Agen,
bringen große, würzige Früchte hervor, die im Lande zu Mus und
Branntwein (serbischer Sliwowitz) verarbeitet oder in getrocknetem
Zustand in großen Mengen auf die europäischen Märkte gebracht werden;
auch Böhmen und Rumänien führen Pflaumen aus. Mit diesen
Ländern treten in scharfen Wettbewerb die Pflaumensendungen der Union,
die‘ fast die Hälfte ihrer Erzeugung ausführt und in der Kalifornien
der führende Erzeuger ist.

In Deutschland ist der Obstbau am besten in den klimatisch
begünstigten Gebieten entwickelt: in der Provinz Sachsen, in Thüringen,
besonders aber in der Rheinebene, die im Frühiahr zur Zeit der Kirschen-

X
NG

42. Hauptgebiete der Apfelkultur in den Vereinigten Staaten
und Kanada,
        <pb n="66" />
        ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
und Frühzwetschgenblüte bis hinauf zum Nadelwald einem blühenden
Garten gleicht, während oft auf der Hornisgrinde noch Schnee liegt.
Baden und Württemberg sind deshalb Deutschlands wichtigste Obst-
bauländer. Die Bühler Zwetschgen, die Schwarzwaldkirschen und das
Winterobst der Bodenseegegend sind die bekanntesten Erzeugnisse.

Südfruchtkultur. Unter Südfrüchten pflegen wir in erster Linie
die Agrumen, Orangen und Zitronen, zu verstehen. Obwohl ursprüng-
lich in dem tropischen und sommerfeuchten Monsungebiet beheimatet,
sind sie heute charakteristisch namentlich für die Mittelmeerländer und
klimatisch ähnlich geartete Länder Nordamerikas. Diese subtropischen
sommerdürren Länder genügen wohl den gesteigerten Wärmeansprüchen
der Agrumen, aber nicht immer ihrem Feuchtigkeitsbedürfnis, das viel-
fach nur durch künstliche Bewässerung befriedigt werden kann. Die
Nordgrenze der Agrumen liegt am weitesten polwärts in der italienischen
Riviera (44° N), während sie in Amerika zwischen 34° und 40°, in
Ostasien bei 32° N verläuft.

Die statistischen Angaben über Anbaufläche und Ernte der Süd-
früchte in den einzelnen Ländern sind außerordentlich unsicher, ganz
abgesehen davon, daß die Ernten ähnlich wie bei unserem Obst und
dem Wein in den einzelnen Jahren je nach den Witterungsverhält-
nissen sehr stark schwanken. Nur um eine ungefähre Vorstellung von
dem Umfang des Anbaus und Handels zu geben, seien einige erreichbare
Zahlen angeführt:
Erzeugung und Handel der Agrumen in Italien, Spanien und den
Vereinigten Staaten
Erzeugung Ausfuhr
Italien 1927 Italien 1927

Orangen . . . 2,7 Mill.dz Orangen. , . 1,6 Mill. dz

Zitronen Zitronen
(Limonen) . 48 „ » (Limonen)., 2,5 „

Spanien 1922 Spanien 1922

Orangen . . . 3,8 Mill.dz Orangen. . . 3,8 Mill, dz

Zitronen Zitronen
(Limonen) , 0,275 ,, (Limonen). 0,066 ,„„
VereinigteStaaten1927 VereinigteStaaten1927
Orangen . . 21,2 Mill.dz Orangen. . . 2,4 Mill. dz

| Zitronen | Zitronen (Li-

1] (Limonen) . 47 „ „ | monen)1924 0.15 „
Italien und Spanien sind die wichtigsten Agrumenländer Europas,
Die Hauptfruchtgebiete der Apenninhalbinsel liegen von Neapel süd-
wärts, namentlich auf der Insel Sizilien, wo in großen Gebieten der
Nord- und Westküste die Agrumen geradezu Monokultur sind. Von
den 7,5 Mill. dz der Ernte von 1927 kamen 6 Mill. auf Sizilien, 1 Mill.
auf Calabrien und der Rest auf Campanien. In Mittel- und Norditalien
(Ligurien, Gardasee) gedeihen die Agrumen nur noch in geschützten
Lagen und bei besonderer Pflege. — In Spanien liegt der Schwerpunkt
der Erzeugung ebenfalls in den südlichen Küstenstrichen der Mittelmeer-
küste von Valencia bis Malaga und in Andalusien. Auch in anderen
Mittelmeergebieten wird in kleinerem Umfange die Kultur der Agrumen,
        <pb n="67" />
        "I. FRUCHTHAINE UND REBENGELÄNDE DER ERDE

63

Gerinne ?
Maßig:
— Shopfre
43. Hauptgebiete des Agrumenanbaus in den Mittelmeerländern.
insbesondere der Orangen betrieben, so in Südportugal (Mandarinen
von Algarve), in Nordafrika, namentlich in Algier, und vor allem in
Palästina, dessen sorgfältig gepflegte Orangengärten bei Jaffa weit
mehr als ein Drittel des gesamten Ausfuhrwertes dieses Landes liefer-
ten. Die dickscha-
ligen ovalen Jaffa-

Orangen gehen fast
ausschließlich nach
England. — Die
Übersicht Seite 62
zeigt, daß Italien
den Weltmarkt vor
allem mit Zitronen,
Spanien ihn mit
Orangen versorgt.
Die Absatzgebiete
für beide Länder
sind heute vorzugs-
weise die Länder
Mittel- und Nord-
auropas, Deutsch- -
land steht als Ab- 4:
nehmer voran.

Der früher für die Mittelmeerländer bedeutsame amerikanische Markt
ist zum größten Teil verlorengegangen, seitdem Amerika in Kalifornien
und Florida große Mengen von Orangen und in Kalifornien seinen
Bedarf an Zitronen erzeugt. Außerdem treten für die Versorgung der
amerikanischen Märkte jetzt die Azoren, die Bermudas, die Bahama-
inseln und Portorico in Wettbewerb, deren feuchte Sommer den Agrumen
        <pb n="68" />
        54 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
die klimatischen Vorteile ihrer südostasiatischen Heimat gewähren. Die
Ausfuhr der Vereinigten Staaten ist noch gering und geht zu acht
Zehnteln nach Kanada. Aber in England tritt doch Amerika auch
schon auf dem europäischen Agrumenmarkt als Mitbewerber auf.

Von den übrigen Südfrüchten sei noch der Mandeln von Italien,
Spanien und Palästina, der Feigen von Italien, Griechenland, Klein-
asien (Smyrna) und Algier, der Datteln von Algier und in edelster
Fruchtform von Tunis kurz Erwähnung getan.

Tropische Früchte. Die tropischen Früchte konnten als Welt-
handelsartikel erst Bedeutung erlangen, nachdem die gesteigerte Schnel-
ligkeit der Verkehrsmittel und die Erfindung der Kühlanlagen es ermög-
lichten, sie in frischem Zustand auf weite Entfernungen zu transportieren.

Unter diesen Voraussetzungen hat in den letzten Jahren die Banane
in unglaublich kurzer Zeit einen Siegeszug durch die ganze Welt voll-
endet. Selbst auf den kleinen Bahnstationen Lapplands wird sie dem
Reisenden als willkom-
mene Erfrischung ange-
boten. — Die Banane ist
eine echt tropische Pflan-
ze, die bei tiefgründigem
Boden hohe mittlere Jah-
reswärme und reiche
Niederschläge verlangt.

Jede Pflanze treibt in
8 —9 Monatenimmer nur
einen Büschel, der in
6—9 „Händen“ 100—150
Früchte trägt. Dergrößte
Feind der Bananenkultur
ist die Gewalt tropischer
Wirbelstürme, die oft A re e————————— ——
ganze Pflanzungen in we- 5. Bananenernte und Wirbelstürme auf Jamaika.
. . x (Nach R. Lütgens.)
nigenMinutenvernichtet.

Von den zahlreichen Spielarten der Gattung Musa ist die sogenannte
Obstbanane zur Welthandelsware geworden, während die Mehlbanane
als Nahrungsmittel der Eingeborenen die größere Rolle spielt. In
Südostasien beheimatet, wurde die Banane über die Kanarischen Inseln
von den Spaniern Anfang des 16. Jahrhunderts nach Westindien
and Mittelamerika gebracht, wo sie die günstigsten Wachstums-
bedingungen vorfand und sich seit dem letzten Drittel des 19. Jahr-
hunderts zu einem Exportgut ersten Ranges entwickelte. Von Jamaika
und Kuba griff der Anbau im großen bald nach dem mittelamerikanischen
Festland und nach Kolumbien über. Das neueste Ausbreitungsgebiet
ist das Ufergelände des Gatunsees in der Panamakanalzone. Heute
liegt der Schwerpunkt der Erzeugung in den Tieflandsgebieten der
Karaibischen Küste. Da die dort ansässige Küstenbevölkerung bei
weitem nicht die nötigen Arbeitskräfte zu stellen vermag, wurden
Neger aus Jamaika und anderen westindischen Inseln in großen Mengen
herbeigezogen.
        <pb n="69" />
        HI]. FRUCHTHAINE UND REBENGELÄNDE DER ERDE 65
Bis etwa gegen Ende des Weltkrieges war Costarica führend
im Bananenexport, neuerdings wurde es aber von Honduras über-
flügelt. Die Bedeutung der übrigen Anbaugebiete für die Versorgung
des Weltmarktes zeigt die nachfolgende Übersicht. Außer den hier
genannten Gebieten kommen noch die Kanarischen Inseln für Eng-
land, die Hawali- und die Fidschiinseln für die Vereinigten Staaten
als Exportländer in Betracht.

Bananenexport aus Mittelamerika, Westindien und Kolumbien in
Millionen Büscheln
1928

19271
29
3

Jamaika ,
Kuba, ..
Guatemala
Honduras .
Costarica . .
Nicaragua .
Panama .
Kolumbien

2,9
6,8
1,2
14

4,0
2,0 ;
| 1,7 4,
3,5 2,5 1

2929

ce

' Export nach den Ver. Staaten.
Fast die gesamte Ba-
nanenerzeugung und der
Bananenhandel sind in
den Händen der „Uni-
ted Fruit Company“
(Ufco), die die größten
Plantagen und besten
Bananenlagen besitzt
und Export und Ver
kauf bis zum Detailhan-
del musterhaft organi-
siert hat. Sie unterhält
in der „Great White
Fleet“ eine Flotte von 46. Bananenausfuhr aus Mittelamerika und West-
gegen hundert schnell- indien nach den Vereinigten Staaten 1927
fahrenden und mit be-
sonderen Einrichtungen für den Bananentransport versehenen Dampfern.
Die Banane ist heute in Amerika und in den Ländern Mittel- und
Nordeuropas ein Volksgenußmittel geworden. Der weitaus wichtigste
Aufkäufer ist die Union, die im Mittel 1924—1927 über 50 Mill.
Büschel, davon mehr als die Hälfte aus Mittelamerika und ein Viertel
aus Jamaika, bezog. Die wichtigsten Einfuhrhäfen sind vor allem
New Orleans und Mobile, dann Galveston, New Vork, Philadelphia
und Boston, im Westen San Francisco und Seattle. Von den euro-
päischen Käufern stehen England und Deutschland an erster Stelle.
Die europäischen Länder beziehen auch erhebliche Mengen von den
Kanarischen Inseln, wo die Bananenkultur mit dem Untergang
der Cochenillezucht seit den neunziger Jahren des vorigen Jahr-
hunderts aufkam.
Beinhard. Krdkunde
        <pb n="70" />
        5

ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
Im Gegensatz zur Banane nahm den umgekehrten Weg der Ver-
breitung die auch bei uns als besondere Delikatesse geschätzte Ananas,
von den Amerikanern und Engländern ihrer Form wegen „pineapple“
'— Pinienzapfen) genannt. Von Mexiko bis zum nördlichen Brasilien wild
wachsend und dort wohl ursprünglich heimisch, wurde sie von Spaniern
und Portugiesen im ganzen Tropengebiet verbreitet. Seit der Entwicklung
des Schnellverkehrs wurde sie in einigen Gebieten in Großkultur ge-
nommen und teils in frischem Zustand, neuerdings mehr noch in konser-
viertem zum Export gebracht. Das Land großartigster Ananaskultur
sind die Hawali-Inseln, besonders die Insel Oahu. Der Export geht im
wesentlichen nach den Vereinigten Staaten, aber auch nach Europa. Die
Union versorgt sich außerdem selbst aus den Golfstaaten durch die
Ananasgärten von New Orleans und Mobile, aus den Bahamainseln und
aus verschiedenen Inseln Westindiens. Neuerdings trat auch Ostindien
stark in den Wettbewerb ein, wo Singapur ein Hauptmarkt wurde. Dem
europäischen Ufer am nächsten liegen die Gärten der Azoren, deren Aus-
fuhr nach Deutschland und England fast nur in Ananasfrüchten besteht.

DAS REBENGELÄNDE

Geologische und prähistorische Zeugnisse sprechen dafür, daß die
Weinrebe, eine Kletterpflanze, in großen Teilen der Alten und Neuen
Welt, so auch in Europa, seit dem Tertiär heimisch ist. Ihre Kultur
geht bei den asiatischen und mittelmeerischen Völkern des Altertums,
bei den Chinesen, Indern, Assyrern, Ägyptern, Griechen und Römern
bis in mythische Zeiten zurück. Auch die Kelten kannten den Wein-
bau wohl schon, dessen Vervollkommnung allerdings Gallier und Ger-
manen den römischen Eroberern verdankten. Gegenwärtig hat die
Rebenkultur ihre größte Verbreitung in den warmgemäßigt-kontinen-
talen Gebieten Europas und Nordamerikas. Der Wein gehört dort zu
den anspruchsvollsten Anbaugewächsen und verlangt, wenn ein wirk-
lich trinkbarer Stoff erzielt werden soll, günstiges Klima, bestimmte
„Lagen“ (= Exposition gegen die Sonne) und geeigneten Boden.

Bedingungen des Weinbaus. In erster Linie bedarf die Rebe zu
ihrer Entwicklung einer bestimmten Wärmemenge. Im allgemeinen
sind Gebiete, deren mittlere Sommertemperatur unter 20° bleibt und
deren mittlere Wintertemperatur unter 0° liegt, für den Weinbau
nicht mehr geeignet. Die schlimmsten Feinde des Weinbauers sind
späte Frühjahrsfröste, die durch Vernichtung der jungen Triebe oft
in einer Nacht die Hoffnung des ganzen Jahres zuschanden machen.
Aber auch zeitige Herbstfröste, die die volle Reife der Früchte durch
Erfrieren der Blätter verhindern, können großen Schaden anrichten.

In den nördlicheren Gebieten des Weinbaus muß für Erhöhung der
Wärmewirkung durch die richtige Exposition gesorgt werden. Das
geschieht einmal durch Auswahl der windgeschützten und nach Süden
gerichteten Lagen und sodann durch Benutzung der Steilhänge zur
Weinkultur, da auf diese die in unseren Breiten schräg einfallenden
Sonnenstrahlen. senkrecht aufprallen. Daher sind unsere Weinkulturen
meist „Weinberge“, während wärmere Länder die Rebe in Weingärten,
Weinfieldern oder -lauben ziehen.
        <pb n="71" />
        Ill. FRUCHTHAINE UND REBENGELÄNDE DER ERDE

67

+/. Weinbaulagen an der unteren Mosel zwischen Kochem und Alf.
Verkleinerter Ausschnitt aus den Meßtischblättern Nr. 3362/3400: Kochem und Alf. (Reichsamt für
Landesaufnahme.) Die nach Süden geneigten Hänge sind von den Weinbergen, die auf der Karte
kräftig umrandet sind, bevorzugt.
Auch die Bodenart ist für Güte und Menge des Erzeugnisses maß-
gebend. Dabei scheint es aber weniger auf deren chemische Zusammen-
setzung anzukommen. — denn die Reben gedeihen auf den verschieden-
sten Böden: Lehm, Löß, Mergel, Tonschiefer, Kalk, Basalt, Sand, Kies,
sogar Moränenschutt — als vielmehr auf ihre physikalischen Eigen-
schaften: Dichte, Ernährungsfähigkeit, wasserhaltende Kraft, Anziehungs-
vermögen für die Feuchtigkeit aus der Tiefe, Durchlüftung usw. Auch die
Farbe ist nicht gleichgültig, da dunkle Böden sich rascher und stärker
erwärmen als heile. Im allgemeinen gibt ein mit Gesteinstrümmern,
Kies, Grus und grobem Sand gemischter dunkler Boden dem Rebbau
die günstigsten Bedingungen. Dabei kommt es vor allem auf die
Schicht von 25—70 cm Tiefe an, da in dieser sich die Wurzeln aus-
breiten. Übrigens ist es gerade die unterschiedliche Art des Bodens,
die die Verschiedenheiten der Weinsorten. ihre Eigenart in „Blume“
und „Bukett“ erzeugt.

Die nördliche Weingrenze erreicht ihre höchste Breite in Deutschland, wo
sie in einzelnen „Weininseln“ an der unteren Unstrut, an der mittleren Saale,
an der Elbe bei Meißen, bei Bomst und Grünberg in Schlesien bis 524° n. B.
vordringt. Im Westen Europas wird sie durch die kühlen Sommer des oze8-
nischen Klimas, im Osten durch die starken Winter südwärts gedrückt. Auch
in Amerika erreicht sie in den Weingebieten am Ontariosee bei Albany und
in Kalifornien nur stellenweise den 43. Grad.

Die wichtigen Weinländer. Wie die Übersicht S. 73f. erweist, ist
Frankreich zum mindesten der Menge des erzeugten Weines nach das
erste Weinland der Erde, vor allem steht es in der Gewinnung von
Rotweinen allen anderen Ländern der Erde weit voran. Abgesehen
        <pb n="72" />
        78

ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

500 km
"DO &gt;&gt;
3 Weinanbaugebiete
— Nordgrenze des Weinbaues
48. Die Hauptweingebiete Süd- und Mitteleuropas.

von neun nördlichen Departements, wird Weinbau überall in Frank-
reich betrieben, der Schwerpunkt liegt aber in den Flußtälern des
Südens, wo in manchen Gegenden der Rebenbau als Alleinkultur Wirt-
schaft und Landschaft beherrscht. Im ganzen ist eine Fläche von
rund 14000 qkm, also fast von der Größe des Freistaates Sachsen,
unter Weinkultur. Der an sich stark schwankende Jahresertrag beträgt
im Mittel 50000 hl. Als besondere Sorten sind zu nennen die in der
Nähe der Weingrenze gedeihenden Champagnerweine des Vesley-
und Marnetals, deren Verarbeitung zu dem moussierenden Kunst-
produkt des „Champagners“ erst im 18. Jahrhundert erfunden wurde.
Die Zentren der Schaumweinbereitung sind heute Reims und Epernay.
Als beste Qualitätsweine gelten die Weine Burgunds (Cöte d’Or) und
die Bordeauxweine. An den Hängen von Burgund sind Mäcon
und Nuits die berühmtesten Weinorte; die nach dem Ausfuhrhafen
Bordeaux benannten Weine werden besonders auf der Halbinsel
Medoc sowie an den Kalkhängen des Garonne- und Dordognetals
gebaut. Die Weine der Charente werden in Cognac‘ zu dem Brannt-
wein gleichen Namens verarbeitet.

Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre des vorigen
Jahrhunderts erlitt der französische Weinbau einen schweren Schlag
durch die Schäden der Reblaus (Phylloxera).

Das gefährliche Insekt wurde schon Ende der sechziger Jahre von Amerika
eingeschleppt. Von Frankreich verbreitete es sich zu Anfang der achtziger Jahre
nach Österreich, der Schweiz, Deutschland und gelangte allmählich in alle Wein-
oau treibenden Länder Europas, von denen außer Frankreich besonders noch
Ungarn unter ‚seinen Schädigungen zu leiden hatte. Da die Weinstöcke der
Rebengebiete im Osten der Vereinigten Staaten, also in der Heimat des Insektes,
gegen dessen Einflüsse immun sind, kam man in Frankreich auf den Gedanken,
einheimische Reben auf amerikanische Stöcke aufzupfronfen und fand so das
        <pb n="73" />
        11. FRUCHTHAINE UND REBENGELÄNDE DER ERDE 69
wirksamste Bekämpfungsmittel der gefährlichen Seuche. — Die Folgen der Reb-
krankheiten in Frankreich waren Armut und Entvölkerung der weinbauenden
Bezirke, besonders des Südens. Ein Strom von Auswanderern ergoß sich in
die nordafrikanischen Kolonien Frankreichs, wo daraufhin der Weinbau einen
lebhaften Aufschwung nahm.

Der weitaus größte Teil — etwa neun Zehntel — der französischen
Weinerzeugung wird im eigenen Lande verbraucht. Der Franzose steht
als Weintrinker mit etwa 1283 1 für Jahr und Kopf dem Griechen (109),
Bulgaren (105), Italiener (103), Spanier (95), Portugiesen (92) voran.
Aber schon seit dem 18, Jahrhundert entwickelte sich auch der Export
der französischen Qualitätsweine, der heute in der Gesamtausfuhr des
Staates eine beträchtliche Rolle spielt. Trotzdem und trotz der großen
Eigenerzeugung führt Frankreich noch erhebliche Mengen, namentlich
griechischer, spanischer und algerischer Süßweine ein, die zum „Ver-
schnitt“ des eigenen Gewächses verwandt werden.

Frankreich gehört mit beträchtlichen Teilen seiner Weinbaugebiete

der mittelmeerischen Klimaprovinz an, die in allen ihren Teilen für
den Weinbau geeignet ist. Quantitatiy stehen dort Italien, Spanien
und Algier voran. Italien ist das zweite Weinland nach Frankreich,
indem keine Provinz ganz ohne Weinkultur ist. Dabei treten alle Pro-
vinzen mit Weinen besonderen Charakters auf, von den herben schweren
Weinen Piemonts (Turiner Wermut) durch Toscanas Chianti bis zu
den feurigen Dessert- und Likörweinen Süditaliens und Siziliens
‘Lacrimae Christi, Marsala, Malvasia, Muskato). Italiens Weinbau, der
im Norden und in der Mitte die Höhenlagen unter 500 m bevorzugt,
im Süden aber bis 800, am Ätna und auf Sardinien bis 1000 m und
darüber geht, hat sich besonders in der Zeit der französischen Reb-
lauskrise gehoben. Als nach deren Überwindung der Export nach
Frankreich aufhörte, hatte man inzwischen neue Absatzgebiete in der
Schweiz, in Süd- und Nordamerika, auch in Deutschland erschlossen.
Aber das italienische Erzeugnis reicht doch nicht an die Güte franzö-
sischer Exportweine heran, und so ist der italienische Weinbau, der
zu 72% Rotweine keltert, in erster Linie auf die Eigenversorgung der
Bevölkerung eingestellt.
‚ Das gilt nicht in dem Maße von dem Weinbau der Iberischen
Halbinsel, die im Malaga, Sherry (Xerez de la Frontera) und Port-
wein Exportweine von Weltruf besitzt und außerdem beträchtliche
Mengen dunkelroter Verschnittweine nach Frankreich ausführt. Ganz
auf das Versandgeschäft in „Verschnittweinen“ eingestellt ist der durch
die Franzosen entwickelte Weinbau Algeriens.

Griechenlands Stellung im Weinbau und Weinhandel beruht
nicht so sehr auf den von ihm gelieferten Südweinen als vielmehr
auf dem Anbau von Korinthen, jener kernlosen Spielart, deren An-
bau merkwürdigerweise trotz aller Versuche in keinem anderen Gebiete
der Erde gelungen ist. Ihr Verbreitungsgebiet bilden der westliche
Peloponnes und die ihm vorgelagerten Inseln Zante, Kephallenia,
Leukas, sowie Ätolien. Die beste Sorte liefert Ägion am Golf
von Patras. Beinahe die ganze Ernte kommt zur Ausfuhr; Haupt-
handels- und Exportolatz ist Patras, im Mittelalter war es Korinth,
        <pb n="74" />
        70 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
daher der bis jetzt erhaltene Name. Obwohl Griechenland der ein-
zige Erzeuger von Korinthen ist, hat Überproduktion in den letzten
Jahrzehnten mehrfach zu 8o schweren Absatzkrisen geführt, daß ein
staatliches Eingreifen nötig war.
Hauptabnehmer der Korinthen ist
England, das für seinen Currant-Cake
und Plumpudding die Hälfte bis zwei
Drittel der griechischen Ernte auf-
zunehmen pflegt. Der Menge nach-
stehen die Korinthen unter allen Aus-
fuhrgütern Griechenlands weit voran.

49. Hauntgebiete des Korinthenanbaus.
Hinter den Weinbauländern der warmgemäßigten Zone stehen die-
jenigen Mitteleuropas nach Anbaufläche und Ertrag erheblich zurück.
Vor dem Kriege hatten Ungarn und Österreich das größte Reb-
gelände. Beide haben erhebliche Flächen an Rumänien, Jugoslawien,
die Tschechoslowakei und Italien verloren. Ungarns mehr als tausend
Jahre alter Weinbau hat sich von der schweren Reblausverwüstung,
die zeitweise den Ertrag auf ein Zehntel normaler Ernten zurückgehen
ließ, schnell wieder erholt. Es liefert sowohl schwere feine Sorten-
weine als auch leichte Tischweine. Ein Erzeugnis von Weltruf ist der
Tokaier, der in 31 Gemeinden der Komitate Zemplen und Abauj-Torna
an den Hängen des Hegyallyagebirges gebaut wird. Ein nach Boden
und Klima hochwertiges Weinland verlor Ungarn in Syrmien. — Ebenso
hat Österreich seine besten Weinländer in Dalmatien, Küstenland,
der südlichen Steiermark und Südtirol eingebüßt. Durch den Besitz
der drei erstgenannten Länder und Syrmiens wurde Jugoslawien
ein wichtiges Weinland, seine Rebfläche hat sich gegenüber der Alt-
3erbiens mehr als verfünffacht. — In Rumänien wurden während der
Reblausperiode um die Jahrhundertwende große Flächen Weinland in
Pflaumenhaine umgewandelt. Gegenwärtig hat die mit Wein bestockte
Fläche Altrumäniens wieder den Stand von 1898 erreicht.

In der Schweiz und in Deutschland ist der Weinbau in den letzten
Jahrzehnten langsam zurückgegangen, er beschränkt sich immer mehr
auf die klimatisch günstigsten Gebiete. Diese sind in der Schweiz:
im Westen die Kantone Waadt, Wallis, Neuenburg, Genf, im Süden
das Tessintal und im Osten die Gegend um den Züricher See und die
Kantone Aargau und Schaffhausen.

Auch im heutigen Gebiet des Deutschen Reiches ‘hat sich der
Rebbau seit 1866 aus verschiedenen Ursachen, vor allem aber infolge
der gesteigerten Einfuhr billiger Auslandsweine um ein Drittel ver-
ringert. Seine Bedeutung als Weinland verdankt es vor allem der
Sorgfalt in der Pflege der Rebe und in der Behandlung des Weines
im Keller. Im Gegensatz zu den Mittelmeerländern baut Deutschland
in erster Linie Weißweine. Im Jahre 1927 entfielen auf sie 78,2 %
der Rebfläche, nur 12,4% auf Rotweine und 9,4% auf gemischte Wein-
kulturen. Hoffmann von Fallersleben zeichnet den Umkreis unserer
Rebenländer ziemlich genau: „Zwischen Frankreich und dem Böhmer
Wald..da wachsen unsre Reben‘, d.h. vor allem in den Flußtälern
        <pb n="75" />
        II. FRUCHTHAINE UND REBENGELÄNDE DER ERDE 71
SJüddeutschlands, namentlich des Rheins und seiner Zuflüsse. Die dem
Weinbau am besten zusagenden Gebiete sind der Rheingau, Rhein-
hessen, die Rheinpfalz, Main-, Mosel- und Ahrtal. Hier wachsen
Qualitätsweine, die wohl an Natursüße und Alkoholgehalt von den
Weinen des Südens übertroffen werden, die aber an Feinheit des Ge-
ruchs und Geschmacks in der ganzen Welt unerreicht dastehen und
daher im Weltweinhandel die höchsten Preise erzielen, allen voran die
Weine des Rheingaus, der Pfalz und der Mosel.

Namen wie Schloß und Dorf Johannisberg, Rüdesheim, Markobrunn, Rauen:
tal, Geisenheim, Aßmannshausen (Rheingau) — Brauneberg, Piesport, Zel
tingen, Graach, Bernkastel, Wehlen (Mosel) — Forst, Deidesheim, Königsbach,
Ruppertsberg, Wachenheim (Pfalz) — Steinwein und Leistenwein (Franken)
u. v. a. dürfen auf keiner anständigen Weinkarte fehlen, aber auch Saar- und
Ahrtal, Neckar-, Tauber-, Kocher- und Jagsttal in Württemberg, das Mark-
gräflerland, der Kaiserstuhl, der Breisgau im Badener Land und viele andere
Gegenden des Rheingrabens bringen trinkbare Sorten hervor.

Ursprünglich war der Weinbau, namentlich unter dem Einfluß der
Klöster, über ganz Deutschland bis zu den Uferländern der Ostsee
und der Weichsel bei Thorn verbreitet. Von dieser Ausdehnung zeugen
heute nur noch die wenigen schon genannten Weininseln (S. 67),
die sich an Güte des Erzeugnisses und an Ertrag nicht mit den
begünstigteren Gebieten Südwestdeutschlands messen können, die aber
in Freyburg a. Unstrut und in Grünberg i. Schlesien ihre Erzeugnisse
— allerdings zusammen mit eingeführten französischen Weinen — zu
gutem Schaumwein verarbeiten.

Mit Elsaß-Lothringen verloren wir das Rebgelände in ÖOber-
elsaß am Fuß der Vogesen und das Lothringens an der Mosel und
bei Salzburg (Chäteau-Salins) in einer Gesamtausdehnung von rund
25000 ha, damit der Fläche nach unser größtes Weingebiet, das ein
Viertel des Gesamtweinareals ausmachte. )

Entsprechend der geschilderten Verbreitung verteilt sich das Wein-
velände Deutschlands 1927 auf dessen Länder wie folgt:

Weinbauflächen Deutschlands 1927:
Preußen .... 16305 ha | Hessen ... 13699 ha
Bayern. .... 19875 „ Sachsen ... 136
Württemberg . 10564 ‚, Thüringen 43 .,
Baden .... 12126 , Anhalt. ... L

Deutsches Reich: 72749 ha.

Auf den Rheingau entfallen rund 2250 ha, auf die Rheinpfalz
15700 und auf Mosel-, Saar- und Ruwergebiet 8000 ha. Die Pfalz stellt
demnach heute das bei weitem größte Weinbaugebiet Deutschlands dar.

Die Spitzenweine des Rheingaus wachsen auf den Weinbergen am
rechten Rheinufer zwischen Schierstein und Lorchhausen. An ihrem
Besitz sind 25 Gemeinden beteiligt, etwa der vierte Teil des Wein-
areals ist in staatlichem und anderem Großbesitz, der in erster Linie
den Ruf der Rheingauer Weine begründet hat. Diese gelten als die
edelsten ihrer Art. Sie sind voll und kräftig, und die besten unter
ihnen besitzen ein unvergleichliches „‚Bukett“.
        <pb n="76" />
        ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
Die berühmtesten Lagen wurden schon genannt, Haupthandels-
plätze sind Rüdesheim, Eltville, Bingen, Mainz und Köln.

Von den Moselweinen, nicht allzu schweren, spritzigen Weinen,
die sich besonders durch ihre liebliche Blume auszeichnen, wachsen
die besten auf der Strecke von Neumagen bis Traben-Trarbach auf
kalireichem Tonschiefer. (Vgl. Abb. 47, S. 67.)

Der Schwerpunkt des Rheinpfälzer Weinbaus liegt nach Güte
and Menge am Fuße der Haardt. Allen Pfälzer Weinen eignet ein
geringer Säuregehalt, die Spitzenweine sind infolge ihres hohen Ge-
haltes an ungegorenem Zucker „schmalzig“, „sie gehen ein wie eine
Elle Samt“

Die Frankenweine sind „markig, würzig und harmonisch“. Ihre
edelsten Gewächse gedeihen am Stein, Leisten und Schloßberg bei und
in Würzburg.

Seit rund hundert Jahren wird in Deutschland auch Schaum-
wein hergestellt. Im Durchschnitt der Jahre 1903 bis 1917 betrug
lie jährliche Produktion reichlich 12 Millionen Flaschen, von denen
L—13} Million ausgeführt wurden. Die meisten Champagnerkellereien
änden sich in den Weinbaugebieten am Rhein.

Der deutsche Weinbau liegt ganz überwiegend in den Händen von Klein-
oauern. Die wirtschaftliche Lage der Winzer ist infolge der Einfuhr billiger
:remder, namentlich französischer Weine und infolge der großen Schwankungen,
denen der Weinbau nach Güte, Ertrag und Preisgestaltung unterworfen ist, im
allgemeinen nicht gut. Unterstützung und Erhaltung des Winzerstandes ist aber
im volkswirtschaftlichen Interesse geboten, denn das intensiv bearbeitete Reb-
zelände ernährt eine dichte, bodenständige Bevölkerung, von der beim Übergang
zu einer anderen Kultur ein großer Teil die Heimat verlassen müßte.
Wir übergehen die übrigen, weniger bedeutenden Weinbaugebiete

des europäischen Festlands in Bulgarien und der Türkei, im südlichen
Rußland, wo der Weinbau in der Krim die beste Pflege genießt, und
jun der Rebenfülle der atlantischen Inseln — Nordkanarien, Azoren,
Madeira — auch
nur kurz Erwäh-
Aung, um noch ein
wenig länger zu
verweilen bei den
Rebgeländen der
Vereinigten Staa-
ten.

Schon die nor-
mannischen Kin-
wanderer fanden
aufdemGebieteder
heutigen Union
die Rebe in sol-
cher Fülle wild-
wachsend vor, daß
sie das Land ge-
radezu als „Wein-

50. Hauntweinbaugebiete der Vereinigten Staaten.
        <pb n="77" />
        1]. FRUCHTHAINE UND REBENGELÄNDE DER ERDE 73
land“ bezeichneten. Trotzdem scheiterten alle Versuche der ersten
europäischen Einwanderer, Reben der alten Heimat in der neuen
zu ziehen. Erst als man einheimische Pflanzen zur Kultur ver-
wendete, hatte der Anbau Erfolg. Diese beherrschen denn auch
bis heute die Weinbaugebiete des Ostens, während die große,
erst später aufgekommene Weinkultur des Westens nur europä-
ische Reben kennt. Diese sind auch in Amerika dem Reblaus-
schaden ausgesetzt, während jene, wie bereits erwähnt, dagegen
immun sind,

Von den beiden weit voneinander entfernten Zentren des ameri-
kanischen Weinbaus liegt das Östliche im Bereich der Großen
Seen, des Michigan-, Ontario- und Eriesees (Chautauquadistrikt) und
der Fingerseen, wo der Einfluß der Wasserflächen die Gefahr der
Fröste mindert, das viel bedeutendere westliche in Kalifornien,
dem Lande mediterranen Klimas, wo italienische und Schweizer
Weinbauern die Kultur der Rebe eingeführt haben. Das kalifor-
nische Weingebiet umfaßt rund 100000 ha im mittleren Teil
des Staates, abseits der nebelreichen feuchten Küste. Es zeichnet
sich nicht nur durch hohe Erträge aus, sondern bringt auch gute
Qualitäten hervor. Obwohl zur Kelterung durchaus geeignet, kommt
doch — zum Teil eine Folge der „Trockenlegung“ der Staaten —
ein sehr großer Teil der Ernte in Form von frischen oder ge-
trockneten Trauben und Beeren auf den Markt. Sie gehen nach
dem Osten der Union und werden dort höher geschätzt als die
„Seetrauben“.

Wir schließen den Rundgang durch die Rebgelände der Erde mit
einem Blick auf die Länder der südlichen Subtropen, die alle in
geeigneten Gebieten Wein bauen und die Rebkultur neuerdings be-
sonders zu fördern suchen. Im Welthandel haben bis jetzt aber
höchstens die hauptsächlich nach England gehenden schweren Süß-
weine des Kanplandes und Australiens einige Bedeutung.

Weinerzeugung und Weinkonsum
I. Anbaugebiete 1927 in 1000 ha und Jahreserträge 1925—1927
| Anbaufläche ! Jahresertrag a
in 1000 ha in 1000 hl abgerundet
1927 1925 1926 " 1927
1373 65000___42600_ _ 49200 _

849 | 45367 | 37100 | 35700

3434 in Mischkultur)

1383 |] — 15800 22200
344 ) - 3700 8000
1141 | = 1 —

77 Korinthen und Sultaninen)

206 8900 8400
29 900 700
82 130 190

Land

Frankreich ... “
[talien ......0.00.0.0. 4]

(Dazu
Spanien. .......... N
Portugal ... 0.0.00. .
Griechenland . ......

(Dazu
Algier. . .. +
Tunis, . . VO
Marokko 0 .0.00000.0000

10994 ung 19958 21096
        <pb n="78" />
        74

ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
I. Anbaugebiete 1927 in 1000 ha und Jahreserträge 1925—1297
(Fortsetzung)

| Anbaufläche
in 1000 ha
1927

Land

Jugoslawien . .

3Zulgarien . .

Rumänien, , . ;
Ungarn . ...0.0.0.040 4 &amp;
Türkei und Cypern (1903) ..
Rußland (1905. ....

192
65
281
2202
300
250

Deutsches Reich. .....
Österreich. . .. 4% + +
Schweiz. ....
Tschechoslowakei

13
40
15
1

Japan. ....
Groß-Libanon .

152

Ägypten. ....0.0.000004 4
Südafrikanische Union , . ..
Australien. .....
Kalifornien... ...
Brasilien .......
Uruguay . ..

Argentinien .

Chile.

2.42%

18
100

10

10
‚265

» 1924 und 1925. 2 1926. 3 1928/24 und 1924/25.

Jahresertrag
in 1000 hl abgerundet
1925 1926 ' 1927
2900 2900
1200 1400
4.200 5100
3400 1200
450
«3600

1700
7200
2000

1600 1000
900 500
550 450
300 140

1400
200
350

10?
132?

01

60
85041 1 vo ;
04

3503

700% 800%

350% 300%
54405

1600%* | 2000%

4 1924/25 und 1925/26. 5 1922/23.

IL Geschätzter durchschnittlicher Anteilder Erdteile am Weinertrag
der Welt (Nach Weinfach-Kalender 1927).
Europa etwa . . 88% | Amerika, ....5%
Afrika ..... 6% | Australien. ... 1%
Asiens Erträge in Rußland, Japan, Palästina fallen kaum ins Gewicht.
II. Weinverbrauch im Durchschnitt der Jahre 1885— 1909
in lauf den Kopf
Frankreich . 122,8
Griechenland 109,5
Bulgarien . . 104,5
[talien . . . 103
Spanien. . . 95
Portugal .. 92
Rumänien . 51,6

Cypermrn .... 0.4 50,8
Serbien ..... 35,0
Türkei, ........ , 20,8
Österreich-Ungarn - . . . 17,2
Schweiz... .. 7,2
Deutschland . .... 79
Bosnien und Herzegowina. 14,6

Rußland, . ... 3,3
Dänemark . . . . 2,0
Niederlande . . . 2,0
Vereinigte Staaten 1,8
Großbritannien. . 1,6
Norwegen. . . . 0,9
Schweden . . . . 0,5
Heute dürften diese Zahlen im allgemeinen etwas niedriger sein wegen
der „Trockenlegung“ einzelner Länder und der Zunahme des Bierkonsums in
anderen.
        <pb n="79" />
        IV. DIE WÄLDER DER ERDE UND IHRE JHAUPTERZEUGNISSE
IV. DIE WÄLDER DER ERDE UND IHRE
HAUPTERZEUGNISSE
VERBREITUNG UND ARTEN DES WALDES

Die klimatischen Bedingungen der Waldverbreitung. Die geo-
graphische Verbreitung der Waldgebiete ist geknüpft an ein gewisses
Maß von Wärme und von Niederschlägen. Jedoch ist es für die Lebens-
fähigkeit des Waldes nicht nötig, daß diese Bedingungen ununter-
brochen das ganze Jahr über herrschen. Es genügt, wenn sie während
eines größeren oder kleineren Teiles des Jahres erfüllt sind. Der Baum
legt dann sein Wachstum, seine Blüten- und Fruchtbildung, d. h. seine
Vegetationsperiode, in diese Zeit des Jahres und ruht während der
anderen Monate. In den dauernd warmen und regenreichen Tropen
ist die Vegetationsperiode gewissermaßen unendlich; in den polaren
Waldgebieten dagegen beträgt sie nur 2 bis 3 Monate. Zwischen diesen
beiden Grenzfällen gibt es naturgemäß alle Abstufungen. In unseren
Breiten dauert die Vegetationszeit je nach der Baumart 4 bis 7 Monate.
Aus dem Gesagten erhellt, daß da, wo die Mindestbedingungen an
Wärme und Niederschlägen für das Gedeihen der Bäume nicht erfüllt
sind, auch keine Wälder aufkommen können. So gibt es auf beiden
Halbkugeln eine polare Waldgrenze, vergleichbar den polaren Ge:
treidegrenzen, und gleicherweise eine Höhengrenze in den Gebirgen.
Ebenso sind die extrem trockenen Steppen und Wüstengebiete der
Subtropen vom Waldwuchs ausgeschlossen, so daß man auch von einer
Trockengrenze des Waldes sprechen kann:

Die polaren Waldgrenzen. Da die Holzgewächse in der Regel widerstands-
fähiger gegen die Kälte sind und einige Arten mit einer kürzeren Vegetations-
dauer auskommen als die Getreidegräser, so liegt die nördliche Baumgrenze
im allgemeinen noch etwas weiter polwärts als die Getreidegrenze (s. Abb. 54). Sie
folgt annähernd der 10°-Isotherme des wärmsten Monats, schwankt aber noch
mehr als diese auf und ab. Auch für die Baumgrenze gilt wie für die Getreide-
grenze die Regel, daß sie an der Westseite der Kontinente bedeutend weiter
polwärts reicht als an deren Ostseite. Im Westen Nordamerikas geht der Baum-
wuchs bis zum 68,°, an der warmen norwegischen Küste bis zum 72.°. An der
Labradorküste dagegen hört er bereits bei 57° und an der pazifischen Küste
Asiens am nördlichen Polarkreis auf. In beiden Fällen drängen die durch die
Labrador- und die Beringstraße aus dem Becken des Polarmeeres austretenden
Treibeismassen die Waldgrenze weit südwärts zurück. — Eine weitere Überein-
stimmung zwischen beiden Vegetationsgrenzen ergibt sich aus der Begünstigung
des Baumwuchses im Innern der Kontinente. Das Festlandsklima Innerasiens
mit seinen warmen Sommern läßt die Baumgrenze im Bereiche der Taymir-
halbinsel ihren überhaupt nördlichsten Punkt bei 73° erreichen. Dagegen ist
rein ozeanisches Klima — wahrscheinlich wegen der ständig herrschenden Winde,
die den jungen Baumpflanzen das Aufkommen erschweren — auch der Wald-
entwicklung. im allgemeinen wenig günstig. — Schwankungen der Baumgrenze im
einzelnen. werden häufig durch örtliche Verhältnisse verursacht. Besonders be-
merkenswert in dieser Beziehung ist ihr Ansteigen nach N im Bereiche der
breiten, nordwärts gehenden Flußtäler Kanadas und Sibiriens, des Yukon,
Mackenzie, Ob, Jenissei, der Chatanga und Lena. Die Ursachen dafür scheinen
nicht in den Temperaturverhältnissen zu liegen, sondern in dem besseren Ab-
zug des Grundwassers im Bereich der Ströme, wodurch die Bildung von Boden-
eis verhindert wird. — Die südliche Baumgrenze liegt bereits außerhalb

|
4
        <pb n="80" />
        76 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
der bewohnten Kontinente, in dem Meere, das diese von der baumlosen Ant-
arktis trennt. Ihr Verlauf läßt sich nur mittelbar durch waldlose Inseln fest-
stellen. Dabei ergibt sich, daß infolge des durch die großen Wassermassen des
Südens bedingten ozeanischen Klimas die südliche Baumgrenze wie die süd-
liche Getreidegrenze erheblich weniger weit gegen den Pol vordringt als die nörd-
liche. Ihre südlichste Lage erreicht sie an der Südspitze Südamerikas, wo sie
den 55.° überschreitet, dagegen bleibt sie im Bereich des Indischen und Atlan-
tischen Ozeans weit hinter dem 50.° zurück und liegt auf dem Inselchen St. Paul
bei 38°43’S — d. i. etwa die Breite von Sizilien — dem Äquator am nächsten.

Die Gesamtausbreitung des Waldes. Nicht der ganze Raum zwi-
schen der nördlichen Waldgrenze und den Südenden der Festländer
ist für die Waldentwicklung geeignet. Vielmehr bilden die beiden sub-
tropischen Trockengebiete in ihm zwei breite Gürtel waldlosen oder
äußerst waldarmen Landes. Nicht nur die eigentlichen Wüstenländer,
sondern auch die an ihren Rändern sich erstreckenden Steppenländer,
ferner die Grasgebiete der Savannen, der Prärien und Pampas kann
man als waldlose Bezirke bezeichnen. So gliedert sich jener Raum
in fünf einander in abwechselnder Reihe folgende Gürtel,
drei Waldzonen und zwei waldleere Regionen. Von den drei
ersteren sind die beiden weitaus wichtigsten der nördliche Wald-
gürtel zwischen der baumlosen hochnordischen Tundra und.der nörd-
lichen Trockenregion und der tropische Urwaldgürtel zwischen
den beiden Trockenzonen. Nur noch ein verhältnismäßig sehr kleiner
Raum bleibt jenseits des südlichen Trockengebietes für das südliche
Waldgebiet übrig. Da die Subtropen im Osten der Alten Welt unter
der Einwirkung des Monsunklimas reiche Niederschläge erhalten und
auch die subtropischen Gebiete Nord- und Mittelamerikas im Osten
stärker benetzt sind als im Westen, besteht an der Ostseite beider
Festen eine mehr oder weniger breite Verbindung zwischen dem tro-
pischen und den anderen Waldgebieten, namentlich den nördlichen.
Diese „Brückenwälder‘“ sind besonders artenreich, weil sich die Be-
stände zweier Zonen in ihnen mischen. Nach ihrer Lage zueinander
bezeichnet man wohl auch das tropische Waldgebiet als das innere,
die beiden anderen als die äußeren Waldgebiete.

Die Gesamtfläche aller drei Waldregionen beträgt schätzungsweise
42 Mill. gkm, d. i. fast 30% des gesamten Festlandes (unter Nicht-
berücksichtigung des Südpolarkontinentes), Davon entfallen etwa
15 Millionen auf den nördlichen Waldgürtel und vermutlich mehr als
25 Millionen auf den tropischen. Das Waldgebiet ist also reichlich
zehnmal so groß wie die Getreideanbaufläche, der Wald also von allen
Pflanzenformationen die am weitesten verbreitete. Früher hat sie offen-
bar noch größere Ausdehnung gehabt, aber der Mensch hat auf allen
Kulturstufen einen Kampf gegen den Wald geführt, um durch seine
Verdrängung Boden für eine ertragreichere Ausnutzung zu‘ gewinnen.
Ackerbauer und Nomadenvölker haben durch Abbrennen und Rodung
große Flächen des alten Waldgebietes vernichtet. Auch natürliche Ur-
sachen, z. B. Waldbrände, durch Blitzschlag bei großer Trockenheit
entfacht, können die Waldfläche vermindern. Ferner hat man an der
nördlichen Waldgrenze Rußlands und Sibiriens seit langem ein Vor-
dringen der Tundra gegen das Waldland beobachtet, als dessen Ur-
        <pb n="81" />
        IV. DIE WÄLDER DER ERDE UND IHRE HAUPTERZEUGNISSE 77
sache die zunehmende Vertorfung des Waldbodens angenommen wird. —
Andrerseits hat der Wald in manchen Kulturländern durch Aufforstung
bisher waldloser Gebiete in den letzten Jahrzehnten nicht unerheblich
an Fläche gewonnen. Es sei z. B. an die weiten Sand- und Heideflächen
erinnert, die die preußische Forstverwaltung durch Kiefernaufforstung
nutzbar gemacht hat, oder an die Aufforstung der Landes in Südfrankreich.

Der nördliche Waldgürtel. Durch die weiten Länderräume des
gemäßigten Europa, Asien und Nordamerika zieht sich in wechselnder
Breite von 1000 — 2000 km die nördliche Waldzone, im Norden begrenzt
durch die Tundra, im Süden durch die offenen Gefilde der nördlichen
Steppenzone, in die das Waldland kleine lichte Waldinseln vorposten-
artig hineinsendet. Gekennzeichnet ist sie durch die Herrschaft der
Nadelhölzer und der blattwechselnden Laubbäume, durch ein
Vorherrschen gleichartiger Bestände auf weiten Strecken und
durch das Auftreten künstlicher und natürlicher Lichtungen,
die von Ackerland, Wiesen, Heide und Mooren eingenommen werden.

Nach seinen Hauptbeständen gliedert sich dieser Gürtel wieder in drei von
Norden nach Süden einander folgende Regionen. In der nördlichsten bestehen die
Wälder fast nur aus Nadelhölzern, namentlich Kiefern, Fichten und Tannen,
dazu kommen Lärchen, die zusammen mit gewissen Fiechten- und stellenweise
auch mit Kiefernarten überall am weitesten vordringen, d.h. die Baumgrenze
bilden, während die Tannen weiter zurückbleiben. Von Laubbäumen sind dieser
Region Birken, Erlen und Espen beigemischt, von denen die beiden ersten,
allerdings in Strauchform, bis zu den äußersten Vorposten des Baumwuchses ge-
deihen. An der zweiten, südlich folgenden Zone nehmen die Laubholzbestände
nach Zahl und Arten schon größeren Anteil; es treten Buchen, Eichen, Eschen
und stellenweise Linden neu hinzu. Im dritten, südlichsten Gürtel herrschen
die Laubhölzer vor und sind mit anspruchsvolleren Arten, wie Walnußbäumen,
Kastanien, Ahornarten, Linden, Apfelbäumen und ähnlichen, vertreten.

Der tropische Urwaldgürtel. Die mächtigste Entfaltung findet die
Waldformation in dem tropischen Urwaldgürtel, der sich zu beiden Seiten
des Äquators in einer Ausdehnung von etwa 40 Breitengraden rings
um die Erde schlingt. Ein Überfluß an. Licht, Wärme und Feuchtig-
keit hat hier eine ungeheure Üppigkeit des Wachstums zur Folge, die
ihren Ausdruck vor allem..in: dem gewaltigen Artenreichtum der vor-
handenen Baum- und sonstigen Gewächse findet. Das Fehlen von
größeren einheitlichen Beständen ist für den Tropenwald kenn-
zeichnend. Nur die Bambuswälder Ost- und Hinterindiens und
manche Palmenwälder Südamerikas und Westafrikas bilden in dieser
Beziehung eine Ausnahme. Die charakteristische Baumform dieser Wald-
region sind die Schopfbäume, unter denen die Palmen und Bambusen
nur die bekanntesten Vertreter sind. Außerdem ist das Aussehen des
Tropenwaldes bestimmt durch die große Zahl der Schlinggewächse
‘'Lianen) und der Schmarotzerpflanzen.: -

Die Wälder der subtropischen Region. Mit der zunehmenden
Entfernung von den Tropen nimmt nicht nur die jährliche Regenmenge
ab, sondern es bildet sich auch immer schärfer eine Zweiteilung des
Jahres in eine sommerliche Regenzeit und eine Trockenzeit aus. Den
sommerlichen Regengebieten an den Grenzen der Tropen
kommen in klimatischer Beziehung die Monsunländer Ostasiens
        <pb n="82" />
        78 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
mit ihren reichen sommerlichen Regenfällen nahe. Eine Umkehrung
der zeitlichen Niederschlagsverteilung zeigen dagegen die Winter-
cegengebiete, wie wir sie am ausgesprochensten in den Mittelmeer-
ländern, aber auch im westlichen Nordamerika (Kalifornien), in Chile,
Kapland, Südwestaustralien und Neuseeland finden. Alle diese Gebiete
aaben Wälder, die sich vom Tropenwald, abgesehen von der anderen
Zusammensetzung, durch ein viel lichteres und lockereres Gefüge unter-
scheiden. Grasflächen, die mit der Annäherung an die Trockengebiete
immer größer werden, schalten sich ein. Mit Vorliebe besetzen die
Wälder hier die feuchtere Umgebung der Flußtäler (Galeriewälder)
und die niederschlagsreicheren größeren Bodenerhebungen (Gebirgs-
wälder). So entsteht das charakteristische Bild der afrikanischen Sa-
‚annenwälder, der Wälder des subtropischen Australien, der mittel-
meerischen Waldlandschaften usw. Die subtropischen Waldregionen
weisen manche besonders wichtige Nutzbäume auf (Korkeichen, Terpen-
tinkiefern, Zypressen, Teakholzbäume), auch erreicht unter den Nadel-
hölzern dieser Zone der Baumwuchs seine imposantesten Formen und
größten Abmessungen. Beispiele bieten die vom Atlas bis zum Himalaja
in zerstreuten Beständen auftretenden Zedern, die Pinien Südeuropas,
die Araukarien Brasiliens, der Anden und Neuseelands, die riesigen
Taxodiumarten in Texas und besonders die gigantischen Mammutbäume
Kaliforniens, mit denen die Eukalypten Australiens an Höhe wetteifern.
Gesamtanteil der einzelnen Erdteile am Waldland der Erde. Aus
lem Anteil, den die einzelnen Erdteile und Staaten an den beiden
großen Waldgürteln der Erde haben, ergibt sich ihr Anteil am Waldland
der Erde überhaupt. Unter den Kontinenten stehen Amerika und Asien,
in denen beträchtliche Teile beider Waldgürtel liegen, weitaus obenan.
Die Waldbedeckung Nordamerikas läßt sich auf 9, die Südamerikas auf
8 Mill. gkm angeben. Asiens Waldfläche beträgt etwa 13 Mill. qkm. Afrika
kommt durch seinen großen Anteil am Tropengürtel auf 9 Millionen,
Europa auf 3 Mill. gkm, Australien, das an keinem der beiden Waldgürtel
beteiligt ist, auf nur } Mill. qkm. Auch im Verhältnis zur Gesamtfläche
hat Amerika mit mehr als 40% die stärkste Bewaldung. In Asien, Afrika
und Europa macht die Walddecke etwa ein Drittel der Oberfläche
aus, während in Australien nur 61% des Bodens ein Waldkleid tragen.
Nordamerika Südamerika Asien Afrika Furopa Australien
&gt; (A
— — — — 7
9Millgkm 8 Mill.igkm BMillgkm 9GMillgkım  3Millakın 05Mill gkın
Nor Süd- Austr. 12
Amerika Asien © Afrika Fur.)
| 88 | 30.6 T 212 |Z0
SE OH N
51/52. Anteil des Waldlandes am Gesamtgebiet der Erdteile (oben) und Anteil
der Erdteile am Waldland der Erde in Hundertteilen (unten).

|
        <pb n="83" />
        IV. DIE WÄLDER DER ERDE UND IHRE HAUPTERZEUGNISSE 79
DIE HOLZNUTZUNG DES WALDES

Unter den wirtschaftlich wertvollen Erzeugnissen des Waldes ist das
bedeutsamste das Holz. Von den beiden großen Waldgürteln ist
der nordische für die Holzproduktion der bei weitem wich-
tigere; einmal, weil er in der Hauptsache die für Bau- und Tischlerei-
zwecke und für die Papierbereitung besonders geeigneten Weichhölzer
enthält, sodann, weil er in viel größerem Maße gleiche Bestände auf-
weist, was für den Handel, der gleiche Qualitäten in größerer Menge
anfordert, eine notwendige Voraussetzung ist, und endlich, weil er ın
oder nahe bei wirtschaftlich entwickelten Ländern liegt, in denen die
nötigen Verkehrswege und Verkehrsmittel für den Abtransport des
Holzes zur Verfügung stehen, die im Urwaldgebiet vielfach noch fehlen.
Für große Teile der nordischen Waldregion in Kanada, den Vereinigten
Staaten, in Nordeuropa und Sibirien ist die Ausstattung mit ge-
waltigen Strecken flößbarer Wasserläufe für den Abtransport des
Holzes von ausschlaggebender Bedeutung. Für die Heranbringung
des Holzes an diese aber ist die winterliche Schneedecke, auf
der sich der Transport leicht nach jeder gewünschten Richtung voll-
ziehen läßt, von
großem Wert. Aus

den genannten

Gründen liegen im

nordischen Wald-

gürtel die Haupt-

versorger des Welt-

marktes mit Nutz-

holz aller Art: Ka-

nada, die Ver-

einigten Staa-

ten, Rußland

und die Länder

Nord- und Mit- 53. Waldbrandgebiete in Minnesota 1918. (Nach Geogr. Rev. 1919.)
teleuropas. Das Harzgebiet in gleichem Maßstab zum Vergleich.

Die beiden nordamerikanischen Staatsgebiete und Rußland verfügen noch
über ungeheure Waldbestände. Allerdings sind diese in den letzten Jahrzehnten
durch rücksichtslosen Raubbau und durch noch immer in großem Umfange auf-
tretende, meist klimatisch bedingte Waldbrände stark gelichtet worden. Dazu
sind erst verhältnismäßig kleine” Teile der Wälder Kanadas und Russisch-
Eurasiens in forstwirtschaftliche Pflege genommen, die für die Wälder Mitteleuropas
und Skandinaviens schon lange die Regel ist. Auch die Vereinigten Staaten
haben, um dem in Erscheinung getretenen Rückgang ihrer Holzproduktion zu
steuern, erst neuerdings größere Flächen einer geordneten Forstkultur unterstellt.

Wie die umstehende Waldkarte Nordamerikas zeigt, wird der
Norden dieses Erdteils, Kanada und Alaska, südlich der Waldgrenze,
von einem ungeheuren Waldgürtel wechselnder Breite durchzogen, in
dem die Nadelhölzer, besonders Fichte und Weimutskiefer, durch-
aus vorherrschen, während Laubhölzer, namentlich Birke, Ahorn und
Linde, nur in seinem südlichen Teile auftreten. Die Ausnutzung dieses
zewaltigen Waldreviers war früher auf den Südosten Kanadas, die
Provinzen Ontario und Quebec beschränkt, jetzt sind aber auch die

NY
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        30 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
herrlichen Bestände Britisch-Columbias stark in Angriff genommen.
Ein großer Teil des jährlichen Holzausschlages wird ausgeführt, im Osten
über Montreal, Quebec, Halifax, im Westen über Vancouver. Haupt-
abnehmer sind die Vereinigten Staaten, die 80% der Ausfuhr an sich
ziehen, namentlich um ihren riesenhaften Bedarf an Zeitungs- und
anderem Druckpapier daraus zu bestreiten.

Daraus ergibt sich schon, daß sich die ehedem unerschöpflich
scheinenden Holzvorräte der Union stark vermindert haben. Auch
heute noch liegen die Hauptwaldgebiete der Vereinigten Staaten
im Osten (östlich des 100. Längenkreises). Zwei weitere bedeutende
Waldbezirke entfallen in den Bereich des‘ Felsengebirges und des
Pazifischen Küstengebietes. Jedoch tragen nur die höheren,
niederschlagsreicheren Teile des
Felsengebirges ein geschlosse:
nes Waldkleid, während die
trockeneren Plateaus und Bek:
ken des Inneren waldarm odeı
waldlos sind. Aus den gleichen
klimatischen Gründen scheidet
sich die Küstenregion in ein
waldreiches Gebiet nördlich
des 35. Breitenkreises und in
einen waldarmen, weil schon
dem subtropischen Trocken-
gürtel angehörigen Teil süd-
lich desselben. Die Waldland-
schaften des Ostens und We-
stens werden innerhalb der 1900 km
Union und des südlichen Ka- nen A
nada voneinander getrennt "“ ,"” Gelreidegrenze AA
durch das Praktisch wald- ai nn __
lose Gebiet der Prärie, wo A411 E22 ZZ3 4 35 Ms
geringere Niederschlagsmenge 54. Die Waldverteilung Nordamerikas.
und frühere Waldverwüstun- 1 Piztiiche Rezion — 2 Yebengebituswälger 3. Nor
gen durch die Indianer und die region der Vereinigten Staaten. — 4. Zentrale oder Hart-

; ; 3 ion. — 5. Sü ion. — 6.5 i ion.
ersten weißen Ansiedler die Ur RE Ren CET

Nach ihrer Lage und ihren Baumbeständen pflegt man das Waldland der
Union in verschiedene Unterbezirke einzuteilen (vgl. vorstehende Karte): Die
Wälder der Nordostregion, die im Bereich der Appalachen mit einem schmalen
Streifen weit südwärts greifen, gehören noch ganz der nordischen Art der süd-
östlichen kanadischen Region an; Fichten und Weimutskiefern sind neben einigen
anderen Nadelhölzern hier die vorherrschenden Nutzholzlieferanten. Ahorn,
Buche und Birke sind die Hauptvertreter unter den Laubbäumen. — Diese ge-
winnen, vermehrt durch Esche und Eiche, im Seengebiet entschieden die
Oberhand über die Nadelhölzer. Der Winter mit seiner hier besonders tiefen
Schneedecke ist die Zeit, wo die gefällten Stämme an die Flüsse und Seen
gebracht werden, auf denen sie nach der Eisschmelze abschwimmen, Nordost-
und Seenregion sind infolge des großen Holzbedarfes, den die Bergbau- und
Industriebezirke in ihrem Bereich aufweisen, schon stark gelichtet.

1
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        IV. DIE WÄLDER DER ERDE UND IHRE HAUPTERZEUGNISSE 81

500 kr

“ı Miff, board Feet
‚ahlen in Mill. board Feet
Gebiete mit Erzeugung von weniger
als Ya des Eigenverbrauchs.

+'/

F

T -

55. Holzerzeugung der Vereinigten Staaten 1926.
Nach Dudley. Stamp). — 1 board feet (Raummaß) hat 1 Quadratfuß Grundfläche und 1 Zoll oder
weniger Dicke. 4,57 board feet — 1 eubie foot.
Im Zentralen oder Hartholzgürtel, der die niedrigen Lagen im Westen
und Süden und einen schmalen Streifen im Osten der Appalachen einnimmt,
herrschen mit mehr als 90% die Laubbäume. Ihre Einheit erhält diese Region
durch die überall vorherrschenden Eichen. Zu ihnen bilden Pinusarten,
Kastanie, Hickory und andere Walnußarten, Pappel und Tupelobaum die cha-
rakteristische Beimischung. Am Mississippi ist Memphis der wichtigste Holzplatz
dieses Gürtels, weiter östlich Chattanooga am Tennessee vielleicht der erste
Hartholzmarkt der Welt überhaupt.

Der Südostbezirk, der das Golftiefland, Florida und das atlantische
Küstentiefland einnimmt, hat seit 1890 schnell steigende Bedeutung für die Holz-
versorgung und den Export der Vereinigten Staaten gewonnen. Hier ist neben
anderen Kiefernarten die Hartkiefer (Hard oder Yellow pine) der beherrschende
Nutzbaum, der 1922 von dem gesamten vereinsstaatlichen Bauholzschlage 38 %
lieferte und der zusammen mit einigen anderen Kiefern fast den gesamten Welt-
bedarf an Terpentinöl deckt. In den „Swamps“, den sumpfigen Gebieten dieses
Bezirkes, liegen die berühmten Zypressenwälder. der Union, für deren Holz-
ausbeute Norfolk und New Orleans die wichtigsten Märkte sind. Das Holz
des Südostbezirkes gelangt über zahlreiche Küstenstädte, die es auf Flüssen
und Eisenbahnen erreicht, und von denen das neuentstandene Gulfport (öst-
lich New Orleans) der wichtigste Holzmarkt ist, in die Sägewerke von New York,
Boston, Philadelphia und anderen Städten des Industriegebietes und wird auch
nach Europa ausgeführt.

Die Holzausnutzung der in der Hauptsache Nadelhölzer bergenden Felsen-
gebirgswälder wird vielfach noch durch die Beschaffenheit des Geländes und
den. Mangel an Eisenbahnen und schiffbaren Flüssen erschwert. — Das Wald-
gebiet des Pazifischen Küstenabhanges endlich besitzt in der Sierra
Nevada und der Küstenkette „die schönsten Wälder der Welt“: es ist das Gebiet

Reinhard. Erdkunde.
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        32

ERSTER: TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
der Riesenbäume, unter denen die Sequoiaarten (Mammutkiefer) und die Douglas-
tanne die bekanntesten sind. Die prachtvollen Stämme dieses übrigens mit den
besteingerichteten Sägewerken der Welt ausgestatteten Waldgebietes werden über
Vancouver, Seattle, Eureka an der Humboldtbai (Kalifornien) nach den
Küstenländern des Pazifischen Ozeans und durch den Panamakanal nach den
atlantischen Städten der Union sowie nach europäischen Ländern ausgeführt.
Infolge der gestiegenen Holzpreise lohnt sich aber auch schon der KEisenbahn-
transport nach den Mittel- und Oststaaten der Union.

Je nach ihrer Lage und den in ihnen herrschenden Baumarten
liefern die genannten Gebiete ungeheure Mengen von Bau- und Tischler-
holz, Furnierholz, Stempelholz für die Bergwerke, Holzschliff- und
Zelluloseholz. Dabei ist in der Union wie in Kanada der Osten vor-
wiegend der Lieferant für wertvolles Hartholz, der Westen für
Weichholz.

Innerhalb der oben kurz gekennzeichneten HEinzelbezirke haben

sich insofern gewisse Verschiebungen bemerkbar gemacht, als die
Führung in der Holzausbeute seit den achtziger Jahren allmählich
von den Nord-
ost- und Seen-
staaten an die
Süd- und Pazi-
fikstaaten über-
ging. Im Jahre
1880 standen die
Staaten Michi-
gan, Pennsylva-
nien, Wisconsin
und New York
an der Spitze der
Holzproduktion,
(924 aber Wa-
shington, Ore-
yon, Louisia-
na, Mississip-
pi,Kalifornien
ınd Texas.

Im ganzen jedoch hat der Waldreichtum der Vereinigten Staaten
Jlurch ungeheure Holzverschwendung, rücksichtslosen Raubbau und ge-
waltige Waldbrände erschreckend schnell abgenommen. Daher sucht
die Regierung neuerdings dem Waldrückgang zu steuern durch HEin-
beziehung immer weiterer Bezirke in den Bereich einer geordneten
Forstwirtschaft (forest policy) nach europäischem, besonders deutschem
Muster. Auch ist der weitaus größte Teil der Wälder der Felsengebirgs-
und Küstenregion zu Staatsforsten („National Forests“) erklärt und
damit der übermäßigen Ausbeute durch private Interessen entzogen
worden.

ar

. BD u

#4.) 7870 7880 7890 27900 78910 7920 24

56. Anteil einzelner Staatengruppen an der Holzausbeute
der Union. (Nach Russel Smith.)

In der Alten Welt ist Rußland der größte Waldeigentümer. Seine
Waldgebiete in Europa und Asien sind überhaupt die ausgedehntesten
der Welt. Sie liegen in beiden Erdteilen im Norden. Namentlich scheidet
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        IV. DIE WÄLDER DER ERDE UND IHRE HAUPTERZEUGNISSE 83
sich das Europäische Rußland scharf in das nordische Waldland und
das südliche Getreide- und Steppengebiet. Die waldreichsten Gouverne-
ments (alter Abgrenzung) sind hier die von Wologda (89,3%), Kostroma
(64,8%), Olonez (64,7%), Archangelsk (61,3%), Nowgorod (59,7 %) usw.
Dagegen macht das Waldland im Gouvernement Stawropol (Manytsch-
niederung) nur 0,3%, in Cherson 1,8%, in Taurien 5,2% aus. Die
Ukraine ist also praktisch ein beinahe waldloses Land.

{in Sibirien dagegen bildet die „Taiga‘“ einen ungeheuren Wald-
zürtel vom Ural bis zum Stillen Ozean, der allerdings durch Sumpf-
gebiete, Wiesenflächen in den Flußauen und gewaltige Brandflächen
stellenweise unterbrochen ist. Seine Größe wird auf mehr als 3 Mill. qkm
geschätzt. — Auch für die russische Holzauswertung kommen vor-
wiegend Nadelhölzer, namentlich Kiefer und Fichte, dann auch Zeder
und Lärche, von Laubbäumen vor allem Birke und Zitterpappel, letztere
für die Streichholzfabrikation, in Betracht.

Mehr noch als die nordamerikanische leidet die russische Waldausnutzung
unter Waldbränden?, Raubbau und unvollkommenen 'Arbeitsmethoden. Wenn
in dieser Beziehung in den letzten Jahrzehnten vieles besser geworden war, 80
haben der Krieg und die ihm folgenden Ereignisse diese Entwicklung wieder
aufgehalten. Die Ausbeute geschieht am stärksten in der Nachbarschaft der
großen Ströme, die im Sommer nach allen Richtungen bequeme Abfuhrstraßen
für das Holz darbieten. Die bis vor kurzem nur örtlich ausgenutzten, sonst
im ganzen noch unberührt gebliebenen großen Holzbestände Sibiriens werden
jetzt in zunehmendem Maße durch staatlich unterstützte oder ausländische Kon-
zessionsgesellschaften dem Weltmarkt erschlossen.

Vor dem Kriege ging die Hauptmasse des russischen Holzexportes
über die Ostsee und die Westgrenze. Riga, Archangelsk, Kronstadt
und St. Petersburg, Windau und Libau waren demgemäß wichtige Holz-
ausfuhrhäfen. Das ist jetzt anders geworden, indem die Häfen des
Weißen Meeres, also vor allem Archangelsk, mit 42% (1923/24) des
Exportes im Vordergrund stehen. Nur noch mit einem reichlichen Viertel
der Gesamtausfuhr folgt Petersburg (Leningrad)—Kronstadt. Sehr
arheblich hat die Ausfuhr über die Ostgrenze zugenommen, über die
aus den Holzvorräten Transbaikaliens China und Japan ihren Einfuhr-
bedarf decken. Von den europäischen Staaten waren früher die besten
Käufer russischen Holzes mit fast gleichen Mengen England und
Deutschland, ferner Frankreich und Italien. Inzwischen hat Eng-
lands Bedeutung als Absatzgebiet zu-, die Deutschlands abgenommen;

1923/24 nahm England weit mehr als die Hälfte der ganzen russischen
Holzausfuhr auf, während Deutschland nur mit 30% daran beteiligt war.

Von den übrigen europäischen Ländern sind es vor allem die
nordischen, in deren Wirtschaftsleben die Holzausbeute des Waldes

besonders ins Gewicht fällt. Auch hier stehen die Koniferen, Fich-
sen und Kiefern, allen anderen Bäumen an Nutzwert weit voran.
Norwegens Waldbedeckung, die hauptsächlich den Süden um den
Kristianiafiord, sodann das Drontheimgebiet einnimmt, beträgt zwar nur

1 Noch in den letzten Vorkriegsjahren brannten mehrfach in sibirischen Gouvernements
in einem Jahre Waldflächen ab, die die Provinz Ostpreußen an Größe übertreffen. Da an solchen
Stellen der Wald ohne Zutun des Menschen nicht wieder aufkommt, bedeuten derartige Brände
eine ungeheure Vernichtung.
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        ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

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57. Die Waldverbreitung in Europa. (Nach Br. Dietrich.)
22% der Gesamtbodenfläche. Bedenkt man aber, daß Norwegen 70%
Ödland. und nur 30% nutzbaren Boden besitzt, so versteht man die
große volkswirtschaftliche Bedeutung, die Wald und Holznutzung für
liesen Staat haben. Bei seiner geringen Bevölkerungsdichte vermag
das Land bedeutende Holzmengen, namentlich über Frederikstad,
Oslo und Drammen, auszuführen. — Noch weit größer ist die
Holzausfuhr Schwedens, dessen Boden fast zur Hälfte (47,7 %) mit
Wald bedeckt ist. Die Hauptgebiete liegen hier in der Mitte und
im Norden des Landes, während der für den Ackerbau nach Boden
und Klima günstigere Süden verhältnismäßig waldarm ist. Wichtige
schwedische Holzhäfen sind Hernösand, Sundsvall und Gefle.
In beiden Ländern wird die Holzabfuhr durch die winterliche Schnee-
decke, in Schweden außerdem durch die günstige parallele Anordnung
zahlreicher Flußläufe, die die Überlastung einzelner Flüsse an ihrem
Unterlauf ausschließt, wesentlich erleichtert. An der Mündung der
Flüsse werden die Rundstämme für Gebrauch und Ausfuhr weiterver-
arbeitet. Daher gehören Sägemühlen, Holzstoff- und Papierfabriken zur
ständigen Staffage der küstennahen Waldlandschaften Skandinaviens.
Diese arbeiten ebenso wie die weltbekannte Schreinerei und die Zündholz-
fabrikation (Jönköping am Wettersee) für die Ausfuhr.
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        IV. DIE WÄLDER DER ERDE UND IHRE HAUPTERZEUGNISSE 85
Das waldreichste Land des Nordens und Europas überhaupt ist
Finnland, dessen Wälder 65% der Staatsfläche und fast drei Viertel
74%) des trockenen Landes bedecken. Deshalb spielen auch Holz und
dessen allseitige Verwertung die erste Rolle im Wirtschaftsleben Finn-
lands. Im Jahre 1926 entfielen mehr als drei Viertel der Gesamt-
ausfuhr auf Holz und Holzprodukte (Holzstoff, Zellulose, Papier). Die
Ausfuhrhäfen liegen an der Mündung der die großen Seensysteme ent-
wässernden Flußläufe: im Süden Wiborg am Saimakanal, Kotka am
Kymmene, Björneborg am Kumo, im Norden Uleäiborg am Uleä.

Für die Staaten Mitteleuropas gilt die Regel, daß ihre Haupt-
waldgebiete in den Gebirgsländern gelegen sind. Das trifft auch
für Deutschland zu, das allerdings in den Dünen- und sandigen
Heidegebieten des nördlichen Tieflandes ebenfalls ausgedehnte Forsten,
namentlich Kiefernbestände, besitzt. Die Waldfläche des Deutschen
Reiches beträgt ein reichliches Viertel der Gesamtfläche (1913: 142000,
1927: rund 127300 qkm oder 26 %) und war bis zum Kriege langsam im
Wachsen. Sie unterliegt überall einer geregelten, forstwirtschaftlichen
Ausnutzung. An ihr ist der Nadelwald (Kiefern und Fichten) mit etwa
zwei Drittel, der Laubwald mit einem Drittel beteiligt. Der am häufig-
sten vertretene deutsche Waldbaum ist die Kiefer, Der Laubwald
namentlich Buchen, aber auch Eichen, Birken, Erlen usw.) herrscht
durchaus in den westlichen Gebieten Deutschlands vor. Die wald-
ärmsten Gebiete unseres Vaterlandes sind die nordwestdeutschen Küsten-
striche sowie die Halle-Leipziger Tieflandsbucht und das nördlich an-
schließende Gebiet der Magdeburger Börde, wo das ehemalige Waldland
ganz der Kultursteppe weichen mußte und nur noch in den Flußauen
größere Waldbestände von geringem: Nutzwert übrigblieben. Durch den
Versailler Vertrag verloren wir rund 10% unserer besten Waldgebiete.
Bei seiner dichten Bevölkerung und dem großen Holzbedarf, den Berg-
bau, Industrie, Verkehr (Eisenbahnschwellen, Holzpflaster) und Papier-
fabrikation mit sich bringen, muß Deutschland etwa ein Drittel seines
Bedarfes an Holz einführen.

Die eingeführten Mengen stammten vor dem Kriege zur Hälfte aus Ruß-
land, zu einem reichlichen Viertel aus Österreich-Ungarn. Gegenwärtig sind
ansere Hauptlieferanten Polen, Finnland und die Tschechoslowakei.

Der größte Holzlieferant Mitteleuropas war die alte Donau-
monarchie, deren österreichischer Teil 33%, deren ungarischer 27%
Waldland aufwies. Die Karpaten, die Randgebirge Böhmens und die
Alpenländer tragen ausgedehnte Waldbestände, die nunmehr den ein-
zelnen Nachfolgestaaten zugefallen sind. Die Tschechoslowakei erhielt
das reichste Erbe. Ihre Waldgebiete machen etwa 36% der gesamten
Fläche aus. Die Eichenwälder Kroatiens, Slawoniens!, Bosniens und
Rumäniens liefern „Faßholz“ für fast ganz Europa. Unter den Balkan-
staaten sind noch Bulgarien (28%) und Südslawien (29%) in ihren
Gebirgsländern waldreiche Staaten.

Waldarm ist Südeuropa wegen seiner Sommerdürre und infolge rück-
sichtsloser Waldvernichtung in früheren Zeiten. Nur verschwindend sind die

1 Die ausgedehnten Eichenbestände Kroatiens und Slawoniens bilden die Grundlage für die
große Schweinezucht dieser Länder.
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        86 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE ;
Bestände im atlantischen We steuropa. Dort mag die Ausbreitung des Acker-
baus und der Industrie zusammen mit dem ozeanischen Klima (vgl. S. 75) die
Ursache der Waldarmut sein. In den Mittelmeerländern beträgt die Wald-
vedeckung 10 (Spanien) bis 16% (Italien)*. Dagegen macht das Waldkleid
Dänemarks und der Niederlande nur rund 8%» das Großbritanniens 5% und
das Irlands nur 1,4% von der Gesamtfläche aus.

Aus dem Gesagten erklärt sich, daß die große Mehrzahl der euro-
päischen Staaten heute den Bedarf an Bau- und Nutzholz nicht mehr
aus den eigenen Forsten zu decken vermag. Die waldreichen Gebiete
des Nordens und Ostens sind die Hauptlieferanten für den Westen.
In Mitteleuropa vermögen nur einige Länder der ehemaligen Donau-
monarchie beträchtliche Mengen abzugeben. Schon früh hat es aber die
oillige Schiffsfracht Kanada und den Vereinigten Staaten ermöglicht,
in der Holzversorgung Westeuropas, besonders Englands, Frankreichs
ınd der Niederlande, in erfolgreichen Wettbewerb mit den nordost-
suropäischen Holzländern zu treten. Mehr als ein Fünftel des Bedarfs
ler genannten westeuro-
päischen Länder wurde
schon vor dem Krieg von
Amerika gedeckt.

Außerordentlich groß
sind die Unterschiede der
sinzelnen Länder im Holz-
verbrauch pro Kopf der Be-
völkerung. In erster Linie
hängt diese Tatsache damit
zusammen, daß in den wald-

:eichen Ländern das Holz

eine vielmannigfachere Ver-

wendung findet als in wald-

armen. Dort wird es noch

allgemein zum Hausbau und Brückenbau sowie zur Feuerung verwendet, hier
nur in Fällen, in denen es nicht durch Stein, Eisen, Kohle ersetzt werden kann,
z. B. im Bergbau, zur Papierbereitung, in der Tischlerei.

Dem nordischen Gürtel noch zuzurechnen, aber im Süden bereits
der Übergangszone angehörend, sind die zum Teil erst neuerdings
erschlossenen Wälder Japans, das namentlich auf Jesso und dem
nördlichen Nippon noch eine bedeutende Waldbedeckung aufweist,
außerdem große Waldgebiete in Korea und der Mandschurei besitzt
oder unter seiner Kontrolle hat. Während es einerseits Holz an das
waldarme China abgibt, führt es doch seit einiger Zeit für seinen
starken industriellen Bedarf Holz aus Rußland und Amerika ein. Das
südliche Japan besitzt im Kampferbaum, Lackbaum und den Bam-
busen wertvolle Vertreter des Baumwuchses.

Aus den Wäldern des tropischen Gürtels werden bis jetzt im all-
gemeinen nur wertvolle Edelhölzer oder für besondere Industriezwecke wichtige
Holzarten ausgeführt. So erhalten wir das echte Mahagoni aus dem tro-
pischen Amerika, vor allem aus Mittelamerika und Westindien. Als Ersatz

SE"

1! In diesen Zahlen sind aber erhebliche Buschwaldflächen eingeschlossen, die keinen oder
nur sehr geringen Holznutzwert haben.
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        (V. DIE WÄLDER DER ERDE UND IHRE HAUPTERZEUGNISSE

Mr

A
‚merk

ZZ N= dis“
mu Nörd!. Baum
59. Die überseeischen Holzausfuhrwege der Welt.

dafür kommen in wachsendem Maße auch mahagoniähnliche Hölzer aus dem
tropischen. Afrika, vorwiegend von der Guineaküste, in den Handel. Mittel-
amerika und das Amazonasgebiet sind auch die Herkunftsländer der sogenannten
falschen Zeder, die in der Bleistift- und Zigarrenkistenfabrikation eine große
Rolle spielt. Als Zigarrenkistenholz ist neuerdings das Okume- oder Gabun-
holz aus Französisch-Westafrike stark in Aufnahme gekommen. Ebenholz
kommt aus Südostasien ebenso wie von der Guineaküste, aus Madagaskar und
Sansibar. Die Urwälder Mittel- und Südamerikas liefern die heute durch die
künstlichen Farben in ihrer Bedeutung stark zurückgedrängten Farbhölzer,
das Blau- oder Campecheholz (nach dem mexikanischen Hafen Campeche)
und das geringwertigere Pernambuk-. Rot- oder Brasilholz, dem Brasilien
seinen Namen verdankt.

Auch die Waldgebiete der subtropischen Zonen liefern dem Weltmarkt
nur einzelne bestimmte Hölzer. Das wichtigste ist das als Schiffbaumaterial
anübertroffene Teakholz aus Siam, Java und Birma, weniger aus Vorder-
indien. An Unzerstörbarkeit dem Teakholz gleich ist das Jarra, das Holz
einer südwestaustralischen Eukalyptusart. Das für Gerbzwecke, seiner Härte
wegen neuerdings aber auch zu Straßenpflaster und Bahnschwellen in immer
steigendem Maße verwandte Quebrachoholz liefern die La Plata-Länder, die
aber heute weniger das Holz selbst als den daraus gewonnenen Gerbextrakt
ausführen. Die Bambusen finden in ihrem südostasiatischen Hauptverbrei-
;ungsgebiet eine unglaublich vielseitige Verwendung, kommen aber für die
Ausfuhr wenig in Betracht. Unter den Nutzhölzern der Mittelmeerländer steht
obenan die Korkeiche, die ihre Hauptverbreitungsgebiete in den westlichen
Mittelmeerländern, in Algier und Tunis, in den regenreicheren Provinzen Süd-
spaniens. im südlichen Portugal und in Südfrankreich hat.
DIE PELZTIERE DES WALDES

Unter den Tieren des Waldes liefert das jagdbare Wild nur einen
verschwindend kleinen Betrag zu der Fleischversorgung der Welt,
Dagegen bilden die Pelze zahlreicher Waldbewohner einen wichtigen
und wertvollen Artikel des Welthandels. Hinsichtlich der geographi-
schen. Verbreitung der Pelztiere gilt das Gesetz der natürlichen Aus-
wahl, also die Regel, daß im allgemeinen die Tiere um so dichtere
und wertvollere Pelze tragen, je kälter ihre Heimat ist.
Daher leben weitaus die meisten der für den Welthandel wichtigen
Pelzträger in dem nördlichen Waldgürtel Amerikas und Eurasiens
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        ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
und besonders wieder in dessen nördlichen Regionen. Neben den
Waldtieren liefern aber auch gewisse Bewohner des Feldes und des
Wassers und manche Haustiere beträchtliche Mengen wertvoller Pelze,

In der Entdeckungsgeschichte hat die Suche nach neuen Jagdgründen eine
große Rolle gespielt, Um der köstlichen Pelze willen ist Sibirien in einem
Zeitraum von siebzig Jahren (Ende des 16. und erste Hälfte des 17. Jahr-
hunderts) bis an das Ochotskische Meer von den Russen durchzogen und
robert worden, und zur Erweiterung unserer Kenntnisse vom Innern des nörd-
lichen Nordamerika haben die kanadischen „Waldläufer“ und amerikanischen
„Trapper“ wesentlich beigetragen.

Die wichtigsten Pelzträger. Von den zahlreichen Pelztierfamilien
liefern die Marderarten, die Füchse, die Nagetiere, gewisse
Beuteltiere, das Murmel und die Ottern die zahlreichsten und
wertvollsten Pelze. Daneben kommen die Katzen, Bären, Wölfe,
Robben, Lämmer, Fohlen und andere Tiergattungen als Pelzlieferanten
in Betracht. Die höchsten Zahlen erreichen, abgesehen von den ge-
züchteten Lämmern und Kaninchen, das sibirische Eichhörnchen
im Handel „Feh“), die Bisamratte, der Polarhase, das Opossum,
sine Beuteltierart, und das asiatische Murmel. Mehrere Millionen von
Fellen jedes dieser Tiergattungen kommen jährlich in den Handel. —
Aber fast alle Pelztierfamilien zeigen infolge der maßlos gesteigerten
Verfolgung, die mit einer gewaltigen Preiszunahme aller Pelzwaren
zusammenhängt, eine schnelle Abnahme. Zwar wurden von den be-
jeiligten Regierungen für die wertvolleren Pelztiere neuerdings Schon-
zeiten angeordnet, aber die Kontrolle darüber in den weitentlegenen
Jagdgebieten und Pelzmärkten ist schwer. Die Art, wie z. B. nach
dem Kriege die Jagd in fast ganz Sibirien, dem wichtigsten Pelzgebiet,
betrieben wurde, bedeutete‘ eine sinnlose, unmenschliche Ausrottung
des Wildes. Andrerseits ist man in Nordamerika schon seit Ende
des 19. Jahrhunderts dazu übergegangen, einen der wertvollsten Pelz-
iräger, den polaren Fuchs, planmäßig zu züchten. Kanada hat auf
der Prinz Edward-Insel mehr als 1000 Silberfuchsfarmen, während
die Union die Zucht von Blaufüchsen auf den Pribilowinseln,
len Aleuten und den Inseln an der Südküste Alaskas im großen
betreibt, wobei die Abfälle der Canneries (s. S. 55) als Hauptnahrung
für die Füchse dienen. Die guten Erfolge Nordamerikas haben neuer-
dings auch zu Versuchen in der Schweiz, im Algäu, in den Vogesen und
im Schwarzwald, im Erzgebirge, im Harz und in Thüringen geführt.

Die höchsten Preise werden für den sibirischen Silberfuchs und für
den an den Küsten des Ochotskischen Meeres lebenden Seeotter bezahlt.
Aber auch der sibirische Zobel, das Hermelin, die Pelzrobbe (Sealskin),
verschiedene andere Fuchsarten, der nordamerikanische Biber, die Chin-
&gt;hilla, eine peruanische Maus, stehen sehr hoch im Wert.

Herkunftsländer. Da die wertvollen Pelztiere die Wälder der
kühleren und kalten Länder bewohnen, sind die großen Waldgebiete
Nordamerikas, Nord- und Ostasiens und Europas, besonders
Rußlands, die Hauptlieferanten des Pelzmarktes. Der nordische
Waldgürtel ist also auch in dieser Beziehung anderen Waldgebieten
überlegen. Sehr viele Pelzarten, wie Füchse, Marder, Luchse, Katzen,
Dachse, werden von jedem der genannten drei Hauptgebiete geliefert,
        <pb n="93" />
        :V. DIE WÄLDER DER ERDE UND IHRE HAUPTERZEUGNISSE 89
jedoch in verschiedener Zahl und Güte. Daneben hat aber jedes
dieser Länder gewisse Besonderheiten.

So ist Nordamerika der Hauptlieferant für Biber, Nerz, Zibetkatze, Pelz-
robbe und der einzige Lieferant für Bisam, Skunks und Waschbär (im Handel
„Schupp‘“). — Sibirien liefert in größter Zahl Eichhörnchenfelle, Hermelin
und Iltis, ferner die feinsten Zobel-, Silberfuchs- und Seeotterpelze. Ostasien
‘Mongolei, Mandschurei und China) bringt vor allem Murmel, Zentralasien
Lämmerfälle auf den Markt. — Die Wälder Europas liefern in größter Menge
Rotfüchse und verschiedene Marderarten. Australien ist die Heimat des
Opossum, Südamerika die der Nutria und der Chinchillamaus.
Pelzhandel. Im Pelzhandel Nordamerikas spielt neben zahlreichen
anderen Gesellschaften und Firmen noch immer die größte Rolle die
bereits 1670 gegründete englische „Hudson’s Bay Company“, die an
der Küste der Hudson-Bai und im Inneren zahlreiche Faktoreien unter-
hält (s. Abb. 60), Von diesen. Stationen aus unternahmen früher die
Pelzsammler lange und abenteuerliche Wasserreisen in Birkenrinden-
kanoes. Heute sind Dampfer und Leichterfahrzeuge an deren Stelle
getreten, und die Eisenbahn wird soviel wie möglich benutzt. Haupt-
ausfuhrort für die kanadischen Felle ist heute Montreal, von. wo
diese zu den großen Londoner Frühjahrsauktionen gehen. Im
Innern sind Winnipeg und Edmonton am Nord-Saskatschewan die
wichtigsten Sammelplätze. Hauptsitze des Pelzhandels der Union sind
New York, Chicago und St. Louis. Die Alaskaausbeute kommt
hauptsächlich nach San Francisco, Seattle und dem südlich davon
gelegenen Takoma. Die Ausfuhr amerikanischer Felle geht nach
London und Leipzig. — In Asien sind die Eingeborenen Ostsibiriens,
die Tungusen, Tschuktschen, Kamtschadalen u. a. eifrige Pelztierjäger.
In vielen Jagdbezirken finden, wenn die Jagdzeit zu Ende geht, kleine
Jahrmärkte statt, zu denen die Jäger ihre Ausbeute bringen. Vor
dem Kriege bereisten von Ochotsk, Irkutsk, Jakutsk und anderen
Orten aus europäische Fellaufkäufer in langen winterlichen Schlitten-
reisen das ganze Gebiet bis an die Küsten des Eismeeres und Großen
Ozeans, um die erlegten”Felle den Eingeborenen gegen Waren „erster
Notwendigkeit“: Pulver, Mehl, Tee, Zucker, Tabak, eiserne Werkzeuge
und Branntwein, unmittelbar abzuhandeln. Indem die Ware nun
von Hand zu Hand ging, vom kleinen Einkäufer zum größeren Händ-
ler, gelangte sie schließlich auf die Hauptmärkte von Jakutsk,
Ischim, Irbit (Weihnachtsmesse) und auf die große Augustmesse
von Nishnij Nowgorod, von da auf den russischen Binnenmarkt
Moskau) und ins Ausland. Nach Nishnij Nowgorod strömte über
Kasan auch die Masse der wertvollen „Persianer“, der Lammfelle aus
dem transkaspischen Gebiet. Kleinere Mengen von Waren wurden
aus dem äußersten Osten auch über Wladiwostok ausgeführt. Nach
dem Kriege wurde der russische Pelzhandel zunächst Staatsmonopol.
Die Regierung unterhielt an zahlreichen Stellen des Reiches Sammel-
plätze und brachte den Ertrag vor allem auf den Auktionen zu Leipzig,
daneben in London und Paris zur Versteigerung. Neuerdings scheint
man dem Privathandel wieder größere Freiheit eingeräumt zu haben, in-
dem im fernen Osten jetzt die Amerikaner eine besondere Rolle spielen,
        <pb n="94" />
        70 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

aka

EA 7undra
EZ] Hochgebirg:
ZZ) Weldiand
ZZ Grasiand
NN CHE
Verbreitung
Eisbären
w.s SA], GPENZE
Renntieres
= Nördl.Grenz
Zuchses
+++ Südl, Grenze ©
Eisfuchses
a_ Pelzposten
ZI Gebiete mit nr
als 1Einw.au
1000 km
|

&amp;
60. Das Hauptgebiet der nordamerikanischen Pelzgewinnung im}Rahmen der
natürlichen Verhältnisse.

Kin wichtiges Gebiet des Pelzhandels war von jeher China,
namentlich in Murmel. Chinesische Ware wird in Europa wie auch
japanische vor allem über London gehandelt. — Als Weltplätze des
Rauchwarenmarktes treten hervor Leipzig, London und New York.
Der wichtigste ist Leipzig, wo die Erzeugnisse aller Pelzländer der
Erde zusammenströmen und „der Brühl“ die weltbekannte Rauch-
warenstraße ist. Alle großen Pelzhandelsfirmen der Welt haben hier
ständige Vertreter, und das früher auf die Oster- und Michaelismesse
beschränkte Geschäft erstreckt sich jetzt über das ganze Jahr. Es hat
sich gezeigt, daß Leipzig auch nach dem Kriege der Weltmittelpunkt
für den Pelzhandel geblieben ist. Zu großer Bedeutung entwickelten
sich hier und in den benachbarten Vororten die Rauchwaren-
zurichtereien und -färbereien, in denen vorzugsweise Kaninchenfelle,
die vor dem Kriege in erster Linie Frankreich und Australien zu vielen
Millionen jährlich lieferten, heute aber auch in großen Mengen aus
allen Teilen Deutschlands zusammenströmen, zu jeder Art von Pelz-
werk „zugerichtet“ werden. Im Jahre 1927 betrug Deutschlands Einfuhr-
überschuß an Fellen zu Pelzwerk rund 62000 dz im Werte von 116 Mill. 4.
Die Hauptbezugsländer waren vor allem England, Frankreich, Ruß-
land, die Tschechoslowakei, die Vereinigten Staaten, Australien und
Argentinien. Aber fast die Hälfte dieser Menge — annähernd 28000 dz —
wurden in veredeltem Zustand nach allen europäischen und zahlreichen
überseeischen, namentlich amerikanischen, Ländern wieder ausgeführt.
Der Wert des ausgeführten fertigen Pelzwerks aber belief sich auf
226 Mill. Z/. Damit ist Deutschland weitaus das führende Land in
der Ausfuhr und überhaupt im Handel mit Kürschnerwaren. An zweiter
Stelle steht Frankreich, an dritter und vierter folgen England und
die Vereinigten Staaten.
        <pb n="95" />
        V. DIE PLANTAGENLÄNDER DER ERDE
VY. DIE PLANTAGENLÄNDER DER ERDE
DIE ERZEUGNISSE DER TROPISCHEN UND
SUBTROPISCHEN LANDWIRTSCHAFT

Zahlreiche pflanzliche Nahrungsmittel und Rohstoffe, die alltägliche
Bedarfsgegenstände der gesamten Kulturwelt geworden sind, können
aus klimatischen Gründen nur in den heißen Länderstrichen gebaut
werden. Die wichtigsten sind Kaffee, Kakao, "Tee, Zucker, Tabak,
Baumwolle, Kautschuk und Öl. Einige von ihnen sind seit alter Zeit
von den Eingeborenen angebaut und verwendet worden, so der Tee
in China, die Baumwolle in Indien. Die meisten aber wurden erst
von den Europäern unter Kultur genommen, wie Kakao, Tabak, Kaut-
schuk und Ölpalme. Überall aber ist der Anbau in dem großen Um-
fange, den der heutige Weltbedarf bedingt, auf den Einfluß euro-
päischer Unternehmer zurückzuführen. Man pflegt die Großbetriebe
tropischer. und subtropischer Landwirtschaft mit dem Ausdruck „Plan-
tagen“ oder „Pflanzungen“ zu bezeichnen. Zwar werden nicht
alle in Frage kommenden Pflanzen überall im Großbetrieb erzeugt,
aber doch ist dieser die herrschende Betriebsform. Gelegentlich zwingen
auch örtliche Verhältnisse zur Änderung der Anbauform. So war der
Baumwollanbau der Union bis zum Bürgerkrieg Plantagenbetrieb, der
sich auf Sklavenarbeit gründete. Nach der Abschaffung der Sklaverei
ging er mehr und mehr in die Form der Kleinbetriebe über, die von
Negern als Pächtern oder Besitzern geführt wurden, während jetzt
wieder die Großunternehmen unter Leitung von Weißen an Zahl zu-
nehmen. Die klimatischen Verhältnisse der Plantagenländer gestatten
in den meisten Fällen dem Weißen nicht dauernde körperliche Arbeit.
Dagegen vermag diese der farbige Eingeborene ohne Schädigung seiner
Gesundheit zu leisten. Neger und Mongolen stellen die Hauptmasse
der Plantagenarbeiter. Sie leisten damit den europäischen Völkern
einen wertvollen Dienst. — Zwei der obengenannten Erzeugnisse werden
teilweise auch in den gemäßigten Ländern hervorgebracht, es sind der
Tabak und der Zucker, soweit er aus der Zuckerrübe gewonnen wird.

KAFFEE

Eines der am weitesten verbreiteten Getränke liefert der Kaffee,
dessen Genuß bei den Kulturvölkern aber noch verhältnismäßig jung
ist und in Deutschland erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts be-
kannt wurde.

Unter den zahlreichen Sorten des Kaffeebaumes kommen für die
Weltproduktion in der Hauptsache nur zwei in Betracht, der sog.
arabische und der liberische Kaffee; beider Heimat ist Afrika,
das aber heute für die Kaffeeproduktion nur geringe Bedeutung hat.
Auch hat man mit der Kreuzung beider Arten gute Erfolge erzielt.
Der Bastard (Robustakaffee) vereinigt das kräftigere Wachstum und
die größere Widerstandsfähigkeit des liberischen Kaffees mit der bes-
seren Qualität des arabischen.

Der Kaffee verlangt ein mäßig warmes, gleichmäßiges Klima, wie es in
den mittleren Höhenlagen der heißen Zone gefunden wird, ziemlich reichliche
Niederschläge (am besten 1500—4000 mm im Jahre), wobei aber die Erntemonate
        <pb n="96" />
        92 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

unbedingt trocken sein müssen, und einen tiefgründigen, gut wasserdurch.
lässigen Boden. Gegen allzu starke Sonnenbestrahlung und Wind ist er empfind-
lich, daher baut man ihn, namentlich in tieferen Lagen, gern unter „Schatten.
bäumen“, die man in Surinam recht sinnig „Koffiemamas“ nennt,

Schon früh gelangte der Kaffee nach Arabien, wo in Jemen edle

Sorten angebaut und über Hodeida und Aden ausgeführt werden.
Mocha, das der edelsten Kaffeesorte den Namen gegeben hat, ist
heute versandet und kommt als Ausfuhrhafen nicht mehr in Betracht.
Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts gelang es den Holländern nach
mehreren Mißerfolgen, den Kaffee auf den Sunda-Inseln (Java,
Sumatra, Celebes) und in Vorderindien, besonders Ceylon, anzu-
bauen. — Erst in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelangte der
Kaffee nach Mittel- und Südamerika. Dort aber ist heute zwischen dem
30.° n. Br. und
dem 30.°s. Br. sein
weitaus wichtig-
stes Erzeugungs-
gebiet. Denn von
der Welternte, die
im Durchschnitt
der Jahre 1910
bis 1921 reichlich
1 Mill., im Durch-
schnitt 1923/27
aber fast 1} Mill. t
betrug,entfielen im
Erntejahr 1926/27
mehr als neun
Zehntel auf Ame:
rika und fast zwei
Drittel allein auf
Brasilien, in des-
sen Ausfuhr der
Kaffee dem Werte
nach weit obenan
steht". Die mei- 61. Kaffeeanbaugebiete in Brasilien und Brasiliens Anteil
sten Kaffeeplanta- an der Welt-Kaffeegewinnung 1926/27. (Nach W. Schück.)
gen liegen dort in
einer Höhe von 200—1000 m, namentlich in den Staaten Rio, Säo
Paulo, Espirito Santo und Minas Geraes. Insbesondere erzeugt
Säo Paulo fast die Hälfte der gesamten Welternte allein. Daher ist auch
Santos als Kaffeeausfuhrhafen weit bedeutender als Rio de Janeiro
und die anderen Kaffeehäfen.

Die Kaffee-Ernten Brasiliens waren zuzeiten so riesig, daß durch Über-
produktion und damit verbundenen Preissturz schwere wirtschaftliche Krisen
über das Land.kamen. Nur durch Eingreifen des Staates (Kaffeevalorisation)
konnten dann die Pflanzer vor dem Ruin bewahrt werden. Seit 1906 mußte

Janeiro

1 1926 dem Werte nach mit drei Viertel des Gesamtexportes, Allerdings geht der prozen-
tuale Anteil des Kaffees an der Gesamtausfuhr stetig zurück.
        <pb n="97" />
        E

V. DIE PLANTAGENLÄNDER DER ERDE

"92

al

E}

Mr
S
Fr
far

PINGE AUSTum“ Yoffee-Hander
Zahlen in 1000 dz 22. Jahres -Isothermen x

9 Einfur
62. weltausfuhr an Kaffee (schwarze Kreise) und Kaffeeverbrauch 1926,
dies Verfahren mehrfach angewandt werden. Es führte schließlich zu eineı
ständigen staatlichen Überwachung des Kaffeemarktes.

Von den übrigen amerikanischen Erzeugungsgebieten hat in der
letzten Zeit namentlich Kolumbien seinen Kaffeeanbau stark vermehrt
nämlich von 1910 bis 1926 mehr als verdreifacht, so daß seine Ernte
diejenige von Niederländisch-Indien (Java, Sumatra, Celebes)
gegenwärtig weit übertrifft und nunmehr in der Weltproduktion an
zweiter Stelle steht. Außerdem bringen noch Venezuela und Mexiko,
ferner die mittelamerikanischen Republiken, besonders San Salva-
dor und Guatemala, und die Insel Haiti größere Mengen auf den Markt.

Anders ist die Reihenfolge der Länder hinsichtlich der Qualität
des Kaffees. Am geschätztesten sind die Bohnen Arabiens, Ost-
indiens, vor allem Javas, und Mittelamerikas, besonders Costa
Ricas und Guatemalas. Dagegen erzeugen Afrika und Brasilien die
geringwertigsten Sorten. Doch liefert Brasilien das Getränk für die
große Menge der Kaffeetrinker bei uns zulande.

Der Kaffeegenuß ist besonders reichlich in den nordeuropäischen
Ländern (6—7 kg auf defi Kopf), in den Vereinigten Staaten (etwa
6 kg) und in Belgien und den Niederlanden! (etwa 5 kg), auffallend
gering bei den Tee trinkenden Engländern (0,4). Die Union kauft
vorwiegend Brasilkaffee und nimmt einen sehr bedeutenden Teil der
Welternte, etwa die Hälfte, auf. Der Kaffee von Niederländisch-
Indien geht vor allem nach Holland. Frankreich und Deutschland
sind die nächstwichtigen Gesamtverbraucher nach der Union. Deutsch-
land bezieht die Hauptmenge seines Kaffees fast zu gleichen Teilen aus
Brasilien und Mittelamerika, namentlich aus Guatemala, weil die dor-
tigen Farmen zu einem großen Teil in deutschen Händen sind. Jetzt
steht es unter den europäischen Einfuhrstaaten an zweiter Stelle
hinter Frankreich. Aber trotz des beträchtlich erhöhten Kaffeezolls
hat die Einfuhr in den letzten Jahren wieder stark zugenommen ?.

1 Doch ist bei diesen und ähnlichen Zahlen zu beachten, daß die niederländische Statistik
die Zahlen für den Eigenverbrauch und die wiederausgeführten Mengen nicht trennt, so daß die
aus der Einfuhrmenge und Bevölkerungsdichte errechneten Angaben u. U. zu hoch sind.

2 Dies hängt offenbar damit zusammen, daß die Zahl der Erwachsenen im Verhältnis zur
Gesamtbevölkerung gegenwärtig in Deutschland größer ist als vor dem Kriege.
        <pb n="98" />
        ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
Unter den Kaffeemärkten Europas steht voran London vor Ham-
burg, Bremen, Triest und Le Havre. Nächstdem folgen Marseille
und Antwerpen, sowie Amsterdam und Rotterdam, die maß-
gebenden Plätze für die niederländischen Kaffeesorten.

KAKAO

Der Kakao wurde zu Anfang des 16. Jahrhunderts durch Ferdinand
Cortez und andere in Europa bekannt. Die Einwohner Mexikos bereiteten
durch Zusatz von Wasser und verschiedenen Gewürzen ein Getränk
daraus, daß sie „chocolatl“1! nannten, daher unser Wort Schokolade.

Als echte tropische Niederungspflanze beansprucht der Kakao hohe Tem.
peraturen und ständig reiche Niederschläge. Eine nutzbringende Kultur setzt
eine durchschnittliche Jahrestemperatur von mindestens 22° C und ein Mindest-
maß an jährlichen Niederschlägen von 2000 mm voraus.

Die zahlreichen Arten des Rohkakaos lassen sich in zwei Hauptgruppen ein-
reihen, in die Criollo- oder Edelkakaosorten und in die Forastero oder
Konsumkakaoarten. Der Baum des feinen, aromatischen Edelkakaos bringt
geringere Erträge und ist weniger widerstandsfähig als die Konsumkakaopflanze,

Die Heimat des Kakaos ist das tropische Amerika, das heute
aber nur noch ein reichliches Drittel (1927: 38%) der Welternte er-
zeugt. Die übrigen zwei Drittel liefert fast ausschließlich Afrika.
Doch kommen die edien Criollosorten noch immer im wesentlichen aus
Amerika. Die Kakaoerzeugung zeigt in allen jüngeren Erntegebieten
eine rasche Steigerung. Die Welternte hat sich in den vergangenen
fünfundzwanzig Jahren verfünffacht und erreichte in den letzten Jahren
immer einen Betrag um eine halbe Million t (1927: 487000). Bra-
silien und Ecuador sind die beiden größten Produzenten Amerikas.
Ihre Hauptausfuhrhäfen sind Bahia und Guayaquil. Außer ihnen
kommen in Amerika besonders noch Venezuela, das über La Guayra
die feinsten Sorten ausführt, ferner die Inseln Trinidad und Haiti
in Betracht. — In Afrika wurde noch bis 1910 der meiste Kakao auf
der Insel Säo Thom gebaut. Heute hat ihr die benachbarte Guinea-
küste (Goldküste, Togo, Nigeria, Kamerun) bei weitem den Rang ab-
gelaufen. Dort erzeugen allein das Hinterland der Goldküste und
Nigeria fast das Dreifache von der Ernte Eecuadors und Brasiliens zu-
sammen. Dies Gebiet wurde damit von den Engländern zum ersten
Kakaoland der Welt entwickelt, und zwar ist der Anbau fast aus-
schließlich Eingeborenenkultur. Es führt seine Ernten bisher haupt-
sächlich über den Hafen Akra aus, nach dem alle Sorten dieser Gegend
die Handelsbezeichnung Akrakakao führen. Künftig wird auch der neu-
angelegte Tiefwasserhafen Takoradi bei Sekondi ein wichtiger Export-
platz sein. Gleich in die ersten Anfänge der Entwicklung an der
Neuguineaküste fällt auch der Beginn des Kakaoanbaus am Kamerun-
berg, der zusammen mit Palmenprodukten und Kautschuk das wich-
tigste Exportgut unserer ehemaligen Kolonie lieferte. — In Asien sind
nur Ceylon und Niederländisch-Indien, namentlich Java, sowie
die Philippinen mit erheblicheren Mengen zu nennen. Die Kakao-

erzeugung der Südsee-Inseln hat bisher nur auf den Neuhebriden
größere Bedeutung erlangt.
! Man leitet dieses Wort ab aus „Cacava“ = Kakao und „atl‘‘ = Wasser.
        <pb n="99" />
        u HU UA © faupleinführhafen bEIWE: .
«lenin 1000.dz Z&amp; Jahres-Isothermen ©Etinfunr
63. Weltausfuhr (schwarze Kreise) und -einfuhr (schraffierte Kreise) an Kakao
bohnen 1926 in 1000 dz.

7

000t Yer®,
7807
vi 7923/26
ZA 1927

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500 -

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Welternte |von
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Von
1923/26:182 70 G4__ Ste HL +
1927: 188 7057 40 "28 64
64, Weltverbrauch an Kakaobohnen
im Mittel 1923/26 und 1927-in 1000 t.
(Nach „Gordian“.)

19101 12 78 Mh 75 16 17 18.19 20 2122 23 266 2500 27
65. Kakaoernte der Welt und Gesamt-
verbrauch an Konsum- und Edelkakao

1910 bis 1927.
(Nach „Wirtschaft und Statistik 1927“ und
anderen.)

PS BD ©
Deutsches Reich Vereinigte Staaten “Frankreich
II Eoelkakan II Konsumkakan
67. Der Anteil des Ver

brauchs an Edel- und Kon-

sumkakao bei wichtigen
Verbrauchern 1927,

100_km
100# Kakaobohne
„Eisenbahn
— Aufostraße

66. Kakaoanbau an der
Goldküste, Verkehrsstraßen
im Anbaugebiet und prozen-
tualer Ausfuhranteil der
Häfen 1927, (Nach „Gordian“.)
        <pb n="100" />
        ‚6

ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
Der Hauptabnehmer der auf den Weltmarkt gebrachten Kakao-
menge ist die Union, die in den letzten Jahren mehr als ein Drittel
der Gesamternte bezog. An zweiter Stelle stehen Deutschland
und England. In Deutschland hat der Kakaogenuß in der letzten
Zeit erheblich zugenommen. In den Jahren 1886 bis 1890 betrug
der jährliche Kakaoverbrauch auf den Kopf der Bevölkerung 100 g,
i.J. 1912: 810g, 1921: 1,6 kg, um 1924 wieder auf 1.4kg und 1926
auf rund 1kg zu sinken. Während früher unser Hauptbezugsland für
Kakao Ecuador war, ist jetzt Britisch-Westafrika an seine Stelle ge-
treten, das 1927 fast drei Viertel unseres Bedarfes deckte. Auch
Holland, Frankreich und die Schweiz sind wichtige Käufer. Eine
Berechnung des Verbrauchs für den Kopf der Bevölkerung ergibt die
größten Zahlen für die Niederlande (1926: 6,4 kg), doch erzeugt die
holländische Kakaoindustrie vor allem Kakaopulver und Kakaobutter
ür die Ausfuhr.
TEE

Während Kaffee und Kakao Bewohner der eigentlichen Tropen
sind, ist der Tee ein echter Sohn der Monsunländer, die seine
&lt;limatischen Ansprüche am besten erfüllen.

Hinsichtlich der Wärmeverhältnisse ist die Teepflanze nicht sehr anspruchs-
voll und verträgt sogar Temperaturen unter Null. Dagegen verlangt sie nicht
aur reichliche (im Jahresmittel nicht unter 2000 mm) und möglichst gleich-
mäßig über das ganze Jahr verteilte Niederschläge, sondern auch hohe Luft-
leuchtigkeit. Andrerseits kann sie stehendes Grundwasser nicht vertragen, da-
her ist hügeliges Gelände zu ihrer Kultur am besten geeignet. Der Boden muß
locker, durchlässig und tiefgründig sein, Kalkboden ist für den Teebau nicht
geeignet. Die mühevolle Arbeit erheischende Teekultur hat, um lohnend zu
sein, billige Arbeitskräfte, also eine dichte, wenig anspruchsvolle Bevölkerung
zur Voraussetzung.

Fast den gesamten auf den Weltmarkt kommenden Tee liefern
{ndien und Java, China und Japan. Während aber in Ostasien
Teekultur und Teegenuß uralt sind und der Teestrauch schon i. J.
2700 v. Chr. urkundlich erwähnt wird, sind die Plantagen Indiens,
die erst von den Engländern angelegt wurden, noch nicht hundert
Jahre alt. Nach Europa wurde der erste Tee durch Schiffe der Hol-
ländisch-Indischen Kompagnie um die Mitte des 17. Jahrhunderts ein-
geführt. — In China wird der Tee überall zwischen dem 22. und
31. Breitenkreis gebaut, also in den südlichen und mittleren Pro-
vinzen. Der Schwerpunkt der Erzeugung liegt um Hankau am
Jangtsekiang. Die wichtigsten Verschiffungshäfen sind Hankau, Schang-
hai und im Süden Kanton, dessen Ausfuhr aber über Hongkong

geht. — In Japan ist die Teekultur im mittleren Teil der Insel Nip-
pon, vor allem im Bezirk Schitsuoka westlich von Tokio verbreitet und
reicht bis an die nördliche Grenze der Monsunzone, d. h. bis wenig
nördlich der Hauptstadt. Die feinsten Sorten werden aber auf der
insel Formosa erzeugt.

Die anfänglichen Versuche, chinesische Teesträucher in Vorderindien
anzupflanzen, mißlangen. Erst als man in Indien wildwachsende, also
ainheimische Sorten zur Kultur heranzog, konnte sich der indische
        <pb n="101" />
        V. DIE PLANTAGENLÄNDER DER ERDE 97
Teebau entwickeln. Seine wichtigsten Anbaugebiete liegen in Assam
and Ostbengalen (Rangpurbezirk), in Südindien (Nilgiriberge) und
auf Ceylon, geringere Mengen werden im Nordwesten geerntet, Cey-
ions berühmte Teekultur ist sehr jung. Erst als Ende der sechziger
Jahre des 19. Jahr-
nunderts fast alle
Kaffeeplantagen
durch einen Rost-
pilz zugrunde gin-
gen, wurden diese
in der Folgezeit in
Teeplantagen um-
gewandelt. Indien
liefert sehr große
Mengen Tee und,
namentlich in den
Höhen von 1000
bis 2000 m, auch‘
gute Sorten, die al-
lerdings die fein-
sten chinesischen
Tees an Güte und
Wohlgeschmack
noch nicht errei-
chen. Hauptaus-
fuhrhäfen für in-
dischen Tee sind
Kalkutta und
Colombo. — Der wer er m u an
in Java gebaute und besonders über * ”
Batavia ausgeführte sowie der
neuerdings in Sumatra erzeugte Tee
ist dem indischen im Geschmack sehr
nahestehend. — Weitere Anbauver-
suche in Kaukasien, in afrikanischen
und amerikanischen Gebieten sowie
auf mehreren tropischen Inseln haben
noch keine Bedeutung für den
Weltmarkt.
Die Welternte läßt sich wegen
des Fehlens statistischer Angaben aus
China, wo der Tee fast ausschließ-
schätzungsweise auf etwa 6000000 „P0&amp; 6 8 Rn SR
angeben. Sicherlich ist China der #5. Bochemun Kuslanris 1550-000,
wichtigste Tee-Erzeuger, seine Ernte wird auf etwa die Hälfte der Welt-
produktion geschätzt. Die im Welthandel bewegten Mengen aber stammen
heute zum weitaus größten Teil aus Britisch-Indien. Japans Teeausfuhr
geht nicht nach Europa, sondern nur nach der Union (80 %) und Kanada.
Reinhard, Erdkunde. )
        <pb n="102" />
        98 ERSTER TIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLENURE
China hat seine führende Stellung in der Weltversorgung durch den Wett-
bewerb des Ceylontees und indischen Tees eingebüßt, der den chinesischen in
den letzten dreißig Jahren fast restlos vom englischen und amerikanischen
Markt verdrängte. Chinas Hauptabnehmer ist neben Tibet und der Mongolei
Rußland. Die starke Abnahme des russischen Teekonsums! seit der Revolution
bedeutet gegenwärtig geradezu eine Katastrophe für den chinesischen Teemarkt,
dem auch der mitteleuropäische Absatz fehlt.

Alle Tee erzeugenden Länder haben einen großen Eigenverbrauch.
Von den nicht Tee bauenden Ländern sind England und die bri-
tischen Kolonien die weitaus wichtigsten Käufer — London ist der
erste Teemarkt der Welt. Ihnen folgten bis 1916 Rußland und die
Union. Heute fällt Rußland als Käufer fast aus. Der durchschnittliche
jährliche Teeverbrauch eines Engländers betrug 1922 etwa 8 Pfund,
der eines Deutschen aber 1913 nur 65, 1926 70 Gramm. Der in
England eingeführte Tee ist heute zu mehr als neun Zehntel indischer
Tee. Deutschland bevorzugte früher entschieden die chinesische Ware,
doch gewann allmählich auch bei uns der indische Tee immer mehr an
Boden, so daß er 1913 bereits 43% der deutschen Tee-Einfuhr aus-
machte. Nach dem Kriege bezogen wir einen großen Teil des ein-
geführten Tees aus Niederländisch-Indien, 1926 ein reichliches Drittel;

je etwa ein Viertel kam aus Britisch-Indien und China, der Rest fast
ganz aus Ceylon. Nach Rußland geht vor allem der geringwertigere
chinesische Ziegeltee?.
ZUCKER

Der Zucker wird aus zwei Pflanzen gewonnen, aus dem Zucker-
rohr und der Zuckerrübe. Das Erzeugnis beider ist aber chemisch
genau dasselbe.

Während die Kultur des Zuckerrohrs ein hohes Alter hat und in Indien
mindestens seit tausend Jahren betrieben wird, wurde der Zuckergehalt der
Zuckerrübe erst im 18. Jahrhundert durch einen deutschen Chemiker entdeckt
und erst seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts zur Zuckergewinnung
im großen ausgenutzt. Zuchtergebnisse und technische Vervollkommnung der
Einrichtung der Zuckerfabriken haben es dahin gebracht, daß jetzt 1 Zentner
Zucker aus 6,3 Zentnern Rüben gewonnen wird, während 1840 dazu 17 und
1880 noch 11 Zentner nötig waren. Das Zuckerrohr ist ein Bewohner der
Tropen und Subtropen und verlangt demgemäß hohe Wärme und außer reich-
lichen Niederschlägen einen gewissen Grad von Luftfeuchtigkeit, auch, wenigstens
in. der ersten Entwicklung, erhebliche Bodenfeuchtigkeit, Die Zuckerrübe be-
vorzugt fetten, schweren Boden (Anschwemmungsböden und Löß) und im

Durchschnitt innerhalb der gemäßigten Klimazone die Gebiete von mittlerer
Niederschlagsmenge. Aus diesen verschiedenen Bedürfnissen folgt die gegen-
seitig sich ausschließende geographische Verbreitung beider Kulturpflanzen.

Die Heimat des Zuckerrohrs ist Südasien, von wo es sich schon früh
nach allen tropischen und subtropischen Ländern der Erde ver-
breitet hat. Die Haupterzeugungsländer sind heute Kuba, Britisch-
Indien und Java; diese drei Gebiete bringen zusammen fast 60% der
Welternte an Rohrzucker, sogenanntem „Kolonialzucker“, hervor, die im

* Rußland bezog an chinesischem Tee 1914: 93 Mill. kg, 1926/27 nur 14,4 Mil. kg.

? Die in Paraguay und den benachbarten Provinzen Südbrasiliens und in Argentinien ge-
wonnene Yerba, Mate oder Paraguaytee wird nicht von einer Gattung des Teestrauchs ge-
wonnen, sondern entstammt einer wilden, bisher wenig in Kultur genommenen Stechpalmenart
Tex Paraguayensis), Yerbatee wird in ganz Südamerika viel getrunken.
        <pb n="103" />
        V. DIE PLANTAGENLÄNDER DER ERDE

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%
N Tr RD Fein
70. Die Verteilung der Welterzeugung an Rohr- und Rübenzucker 1927/28

Mill. t
A

71. Kubas Zucker-
erzeugung 1896 — 1927.
Im Erntejahr 1924/25 lieferte
die Insel ein volles Drittel,
im Jahre 1927/28 ein Viertel
der Welternte an Rohrzucker

(Vergleiche auch Abb. 77.)

0 HL
7900

Aa

Erzeugung 1928
' nn ME F B
Ar gufäche 1988
W000 Ra —— —— 00
72. Die Zuckerrüben-
anbaugebiete Mittel-
eguropas mit den
wichtigsten Zucker-
handelsplätzen und
-börsen und die
Zuckergewinnung im
Erntejahr 1928.
Beachte die Unterschiede
in den Hektarerträgen
der einzelnen Länder, die
sich aus der Differenz
der schwarzen und der
gestrichelten Säule er-
oehen.
        <pb n="104" />
        100 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

Erntejahre 1927/28 den Betrag von 16,2 Mill. t erreichte. Aber auch alle
anderen tropischen und feucht-subtropischen Länder erzeugen größere
oder kleinere Mengen davon. Besonders sind noch die Philippinen,
Hawaii, Porto Rico, Haiti, Brasilien und Japan mit Formosa hervor-
zuheben. Den Anteil der einzelnen Gebiete, unter denen sich auffallend
viele Inseln befinden, gibt die umstehende Abb. 70 wieder. Danach
erzeugt die Insel Kuba allein etwa ein Viertel der Rohrzuckerwelternte.
Europa ist an der Erzeugung des Rohrzuckers, abgesehen von ganz
kleinen Mengen in Spanien, nicht beteiligt. — Dafür liefert es von
der Welternte des Rübenzuckers (1927/28: 9,1 Mill. t) fast neun Zehntel.
Deutschland stand zwar nicht hinsichtlich der Anbaufläche, aber
hinsichtlich der Zuckergewinnung immer obenan. Sein Hauptrüben-
gebiet liegt in Mitteldeutschland zwischen Weser und Elbe. Das Kern-
revier ist die Börde, Magdeburg auch der größte Rüben- und Zucker-
markt. Doch auch in Schlesien, an der unteren Oder, im Weichsel-
delta, in Vorpommern und im nördlichen Rheinland werden viel
Rüben auf schwerem Boden gebaut. Die nächstwichtigen Produzenten
sind Rußland, das sein wichtigstes Erzeugungsgebiet in der Ukraine
besitzt, und die Tschechoslowakei, die in Nordböhmen und den
Niederungen Schlesiens und Mährens große Mengen erbaut. Unter den
anderen europäischen Staaten sind Nordfrankreich, Polen, Belgien und
die Niederlande, Italien und Spanien noch Rübenländer von Bedeutung.
In dem viel Zucker verbrauchenden England ist das niederschlagsreiche
Klima dem Rübenbau ungünstig. Die außerhalb Europas erzeugten
Rübenzuckermengen entfallen fast ausschließlich auf die Vereinigten
Staaten, wo der Rübenbau im Seengebiet, besonders südlich des
Huronsees, und — unter Zuhilfenahme künstlicher Bewässerung — in
den vier „Irrigation-States“ des Westens: Colorado, Utah, Idaho, Kali-
fornien seine Hauptgebiete hat!.

Rohr- und Rübenzucker liegen seit dem Aufschwung der Rübenkultur mit-
einander in scharfem Wettkampf, aus dem zunächst der Rübenzucker als Sieger
hervorging. Diesen Sieg verdankte er nicht zuletzt der deutschen Wissenschaft,
die den Anstoß zur Verbesserung der Anbau- und Verarbeitungsmethoden und
zur wesentlichen Erhöhung des Zuckergehaltes der Rüben durch Zucht gab,
In den fünfziger. Jahren war sein Anteil an der Gesamtzuckergewinnung 14%,
stieg Ende der sechziger Jahre auf ein Drittel, Anfang der neunziger Jahre auf
mehr als die Hälfte und um die Jahrhundertwende auf nahezu zwei Drittel
der Welterzeugung. Dann aber nahm infolge Erweiterung des Zuckerrohranbaus
in den Tropen, namentlich auf Kuba und Hawaii, und durch Einführung
maschineller Verarbeitung die Rohrzuckererzeugung schneller zu als die des
Rübenzuckers, und schon in den letzten Jahren vor dem Kriege hatte der Rohr-
zucker den Vorsprung des Rübenzuckers eingeholt und war wieder an erste Stelle
gerückt. Diese Entwicklung, die durch den Umstand begünstigt wurde, daß
das Zuckerrohr von Natur einen größeren Zuckergehalt besitzt als die Rübe,
dauerte naturgemäß während der Kriegsjahre und nach diesen in noch stärkerem
Maße fort. Im Jahre 1919/20 betrug der Anteil des Rohrzuckers an der Welt-
erzeugung 78%. In den letzten Jahren ist die während des Krieges in Europa
erheblich zurückgegangene Rübenzuckergewinnung wieder auf einige dreißig

1 Auffallend ist das ungefähre Zusammenfallen des amerikanischen Rübengebietes mit der
Nachbarschaft der 70° F (rund 21° C) = Isotherme des Juli.
        <pb n="105" />
        V. DIE PLANTAGENLÄNDER DER ERDE
7 Mil.
Rohr-und Rübenzucker-
— Gewinnung-
1888 bis | 7928

Fi
&gt;
5

Rübe,
zucke

U

B

2 Rohr’
174 zucker

Q1.

+90

170 74. Anteil des Rohr- und
29 des Rübenzuckers an
‚ der Gesamterzeugung
8 der Welt.
7
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5 7
KR

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88ER

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7900 C5 .
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HI

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4 73. Rohr- und Rüben:
zuckergewinnung der

? Welt 1888—1928.
2 I. Vorwiegen des Rüben:
zuckers. — II. Scharfer Wett-
f bewerb beider Arten. — MIT.
Vorwiegen des Rohrzuckers.

28 geschätzt

Australien, /Europa
Afrika _

„38
S
0. 35

S-
S
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Id
-

75. Anteil der Erd
teile an der Rohr
zuckererzeügung
links) und Rüben
zuckererzeugung
(rechts) 1927/28.

| Yordeuropa
Mitteleuropa

=: Südeuropa

x Osteuropa
E_] Westeuropa

Ss

5x8 x
Ss &amp; S
157

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7" w

x
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Kg
-60
50
Arm
40 76. dJährlicher Zucker-
verbrauch auf den Kopf
der Bevölkerung in den
wichtigsten Verbraucher
ländern.

30

20

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        <pb n="106" />
        102 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

Hundertteile der Welterzeugung gestiegen. Im Erntejahre 1927/28 betrug sie
rund 37% der auf 25,3 Mill. t berechneten Weltzuckerernte. Doch wird sie
voraussichtlich ihren alten Vorrang niemals wiedergewinnen,

Alle Zucker bauenden Länder haben einen starken Eigenverbrauch,
und nur die Großerzeuger vermögen erhebliche Mengen zu exportieren.
Die Hauptausfuhrländer für Rohrzucker sind Kuba und die übrigen
Antillen, Hawaii, die Philippinen und Java mit Madura, während das
dichtbevölkerte Indien noch erhebliche Mengen einführen muß. Von
den Rübenländern hatte vor dem Kriege Deutschland die größte Aus-
fuhr, namentlich nach England, aufzuweisen; ihm folgten Österreich-
Ungarn und Rußland. Jetzt steht die Tschechoslowakei sehr erheblich
vor den Niederlanden, Frankreich, Polen und Deutschland. — Be-
merkenswert sind die Unterschiede im Verbrauch des Zuckers bei
den verschiedenen Völkern. Engländer und N. ordamerikaner, sodann die
nordeuropäischen Völker sind die stärksten Zuckeresser (vgl. Abb. 76).
Die Vorliebe für süße Speisen und Getränke mag die Ursache dafür sein.
Daraus erklärt sich, daß die Union und England weitaus die
wichtigsten Zuckereinfuhrländer sind. Auffallend ist andrerseits
der geringe Zuckerverbrauch zum Beispiel in den südeuropäischen Län-
dern, deren Bewohner in der Fülle stark zuckerhaltiger Früchte einen
Ersatz für den künstlich bereiteten Zucker finden (Italiener rund 8 kg).
TABAK
Ein Reizmittel, das sich seit dem Entdeckungszeitalter die ganze
Welt erobert hat, ist der Tabak, eine jener wenigen Kulturpflanzen,
die von Amerika aus in der Richtung nach Osten die Reise um die
Welt vollendeten. — Auch der Tabak ist ursprünglich eine tro-
pische Höhenpflanze. Er hat aber unter allen Tropengewächsen
neben der Kartoffel die größte Anpassungsfähigkeit bewiesen,
denn er wird in Skandinavien bis über 60° hinaus gebaut. Ja, mehr
als die Hälfte der Welternte (im Mittel etwa 1,5 Mill. t) wird heute in
den wärmeren Ländern der gemäßigten Zone erzeugt. Allerdings ist
die Güte des Tabaks wie bei kaum einer anderen Pflanze je nach
den Klima- und den Bodenverhältnissen sehr verschieden. Die besten
Sorten gedeihen in der heißen Zone. Dort liegen die westindischen
und ostindischen Inseln, die die feinsten Tabaksorten liefern. Die
Blätter Kubas (Vuelta da Abajo südwestlich von Habana), Mexikos
und der Nordostküste von Sumatra werden am meisten geschätzt,
‚In bezug auf
die Menge steht
heute die Union
obenan, die vor
allem in den mitt-
leren Oststaaten
$,mehrals ein Drittel
der Welternte, er-
heblich mehr als
das gesamte Euro-
pa, hervorbringt.

SS TbaKanbau
1LUCKEFPORNFENÖR
77. Tabak- und Zuckerrohranbau in Westkuba.
(Nach V. Dubat.)
        <pb n="107" />
        V. DIE PLANTAGENLÄNDER DER ERDE

103

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es

NE
e 5 Millionen kg
78. Tabakanbaugebiete der Vereinigten Staaten und Erzeugung im Jahre 1926.

E
Z
E=
ES
| 509

Die Hauptgebiete liegen einmal im mittleren und unteren Ohiobecken
auf dem Sandsteinboden des Staates Kentucky, und sodann östlich der
Appalachen im südlichen Virginia und nördlichen Nord-Carolina.
Hauptzentren des Anbaus und Handels sind im Westen Louisville,
der erste Tabakmarkt der Welt, im Osten Richmond (Virg.). Die
besten Sorten liefern das Tal des Connecticut, die Gegend am unteren
Susquehanna und Nord-Florida. — Mexiko baut namentlich im Umkreis
der Campeche-Bai im Bereich der Tierra caliente Tabak; in Mittel-
amerika kommen außer Kuba besonders die Dominikanische Republik
und Portorico für den Tabakanbau in Betracht. — Von den süd-
amerikanischen Ländern liefert Brasilien die größte Ernte, wo in
allen Staaten, besonders aber in Bahia, Pernambuco und Rio Grande
do Sul, weniger in Minas Geraes und Säo Paulo Tabak gebaut wird.
Die Bahiaernten werden zum Teil in den Fabriken von Säo Felix ver-
arbeitet, daher die Bezeichnung „Felix-Brasil“-Tabake.

In Asien bauen seit alter Zeit namentlich Vorderindien, aber
auch die Monsunländer des Ostens erhebliche Tabakmengen. Vorderindien
ist nach der Union der größte Tabakerzeuger, verraucht aber fast seine
gesamte Ernte selbst. In der Malaiischen Inselwelt sind außer
Sumatra besonders Java und die Philippineninsel Luzon (Manilatabake)
als Lieferanten hochwertiger Tabake zu nennen.

Vorderasien liefert zusammen mit dem pontischen Rußland, Ungarn
und den Balkanländern die zarten, stark narkotischen Levantetabake,
die zur Zigarettenfabrikation verwendet werden, Die hochwertigsten
Erzeugnisse liefert das jetzt griechische Mazedonien aus der Um-
        <pb n="108" />
        104 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
gegend von Kawala, Xanthi, Drama und Seres. In Euro pa ist demnach
der Südosten für den Tabakbau besonders wichtig. Auch Italien hat
eine hohe Produktion. Deutschlands Anbaufläche war in den letzten
vierzig Jahren stark zurückgegangen, hat sich infolge der Preiserhöhung
für Tabak während des Krieges erheblich vergrößert und ist dann schnell
wieder gesunken, und zwar noch weit unter den Vorkriegsstand. Sie
liegt hauptsächlich in der Oberrheinischen Tiefebene (Baden, Rheinpfalz,
[Elsaß], in Unterfranken und in der Uckermark. Die Hauptmengen
und besten Qualitäten liefern Baden und die Pfalz (zusammen fast
zwei Drittel der deutschen Ernte). Deutschlands Tabakernte entspricht
nur einem knappen Viertel des Verbrauchs, während sie vor zwanzig
Jahren noch 40% von diesem ausmachte. Insbesondere ist Deutschland
für alle Tabake hoher Qualität und für alle Zigarettentabake auf das
Ausland angewiesen. Von unserer Gesamteinfuhr stammt dem Werte
und der Menge nach etwa ein Drittel aus Niederländisch-Indien, das
Zigarrentabake liefert. Zigarettentabake werden namentlich aus Griechen-
land, Kau- und Schnupftabake aus den Vereinigten Staaten bezogen.
Der Tabakverbrauch der einzelnen Länder ergibt sich aus der
Zahl ihrer Einwohner und aus deren größerer oder geringerer Ge-
wohnheit des Rauchens. Die stärksten Raucher unter den Kultur-
völkern sind die Niederländer und die Amerikaner, Schweizer und
Belgier, ihnen folgen die Deutschen. Das Deutsche Reich war
vor dem Kriege das erste Tabakeinfuhrland der Welt. Auch
die übrigen Industriestaaten Europas, namentlich Großbritannien, führen
große Mengen ein, und die Verarbeitung des einheimischen und fremden
Rohtabaks bildet einen wichtigen europäischen Industriezweig, der sich
in Deutschland von den Hansastädten aus in das Innere verbreitete.
— Die bedeutendsten Tabakausfuhrländer sind die Union, Nieder-
ländisch-Indien, das vor allem berühmte Deckblätter für Zigarren liefert,
und Griechenland, das die Welt mit den feinsten Zigarettentabaken
versorgt. Kubas Ausfuhr ist wegen seiner hervorragenden Zigarren
(„Importen“) und Zigarrentabake wichtig. Die Einfuhr nach dem
europäischen Festland geschieht in erster Linie über die deutschen
Plätze Bremen und Hamburg und über die niederländischen Häfen
Rotterdam und Amsterdam.

PALMÖL UND ANDERE PFLANZENÖLE

Wir sahen bereits, daß die wichtigste Charakterpflanze des Ur-
waldes die Palme ist, die in zahlreichen verschiedenen Arten vor-
kommt und ähnlich wie die Bambusen Südostasiens bei den Ein-
geborenen eine überaus vielseitige Verwendung findet. Sie liefert ihnen
Speise und Trank, Rohstoff für Kleidung und Hüttenbau und Material
zur Herstellung zahlreicher Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Das
für den Welthandel wichtigste Palmenerzeugnis ist das Palmöl. Es
wird in der Hauptsache aus den Früchten zweier Palmenarten ge-
wonnen, der Kokospalme und der Ölpalme. Im Ausmaß ihrer geo-
graphischen Verbreitung verhalten sich beide ursprünglich ähnlich zuein-
ander wie Roggen und Weizen. Während nämlich die aus dem pazifisch-
indischen Inselmeer stammende Kokospalme seit alters in allen Tropen-
        <pb n="109" />
        V. DIE PLANTAGENLÄNDER DER ERDE
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mm, Grenze d. 14°
\NM Mauptgebier
WO Verbreitung
Ur Houptgebiete |”

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=56 km =

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"79, Aubaugebiete der Ölpalme und Olive in Afrika,
ländern und wärmeren Subtropen rings um die ganze Erde wächst,
hatte die Ölpalme bis vor kurzem ihr weitaus wichtigstes Verbreitungs-
gebiet in einem viel engeren Bezirk in der Region des westafri:
kanischen Urwaldes. Doch ist sie nicht ein eigentlicher Urwaldbaum,
sondern gedeiht am besten in dem gelichteten Wald und an den Rän-
dern des Urwaldes. Die größten Bestände finden sich auf den
Küstenterrassen der Ober- und Niederguineaküste. Erst neuer-
dings hat man ihre Anpflanzung auch in anderen Tropengebieten, in
Ostafrika, in Mittelamerika, auf den Malaiischen Inseln begonnen. In
Westafrika ist die Ölpalme infolge ihrer leichten Pflege und ihres
hohen Ertrages ein wichtiges Mittel in der Erziehung des Negers zur
Arbeit geworden. Das Palmöl wird gewonnen durch Auspressen des
Fleisches der pflaumenartigen Früchte und durch Zerquetschen der
Kerne. Sowohl Öl als auch Palmkerne gelangen zur Ausfuhr. Der
wichtigste Ausfuhrhafen ist heute Lagos, an der Küste von Englisch-
Nigeria, Aber auch in der Ausfuhr‘ aller anderen Kolonialgebiete der
Guineaküste spielen Palmöl und Palmkerne eine wichtige, vielfach die
erste Rolle. Neuerdings erhielt der englisch-westafrikanische Ölhandel
eine gefährliche Konkurrenz in der Ölausfuhr des Kongostaates und
Niederländisch-Indiens, namentlich Sumatras, das Palmöl schon in Tank-
schiffen exportiert.

Die Kokospalme liefert dem Welthandel die Kopra — so heißen
die in Stücke geschnittenen und getrockneten Kerne der Kokosnuß.
        <pb n="110" />
        106 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

Mehr als drei Viertel der Kopra liefern Südostasien, vor allem Hinter-
indien, Niederländisch-Indien und die Philippinen; außerdem ist sie für
viele ozeanische Inseln das Hauptausfuhrgut. — Kopra und Palmkerne
werden in den europäischen Fabriken zu Öl verarbeitet. Die feinsten
Sorten kommen als Speiseöl in den Handel, der größere Teil aber wird
zu vorzüglichen Speisefetten (Palmin) und in der Seifen-, Kerzen- und
Parfümindustrie verwandt. Frankreich und Deutschland brauchten
bisher den größten Teil des Rohmaterials. Während des Krieges hat
3ich auch die Ölindustrie Englands stark vergrößert.

Das Palmöl, daneben auch das Öl der Erdnuß, für die ebenfalls
die Guineaküste ein Hauptexportgebiet ist, haben das Olivenöl auf
dem Weltmarkt sehr stark zurückgedrängt. Dieses wird aus den
Früchten des Ölbaums gewonnen, der für alle küstennahen Länder
des Mittelländischen Meeres eine Charakterpflanze ist. Der Markt der
südeuropäischen Länder wurde noch mehr eingeengt, seitdem der Oliven-
anbau in den mit mediterranem Klima ausgestatteten Staaten der Union.
in Kalifornien und Arizona, große Ausdehnung angenommen hat.
KAUTSCHUK

Der Kautschuk verdankt seine Bedeutung besonders der Ent-
wicklung des modernen Verkehrs; denn die schnelle Steigerung seines
Bedarfs hängt vor allem zusammen mit der zunehmenden Verwendung
des Fahrrades und des Automobils und mit der Ausbreitung des Kabel-
und Telegraphennetzes über die Erde.

Kautschuk ist der durch Eindickung erstarrte Milchsaft verschiedener
Pflanzen, namentlich kommen baumartige Wolismilchgewächse, verschiedene Fei-
genarten und einige Schlinggewächse (Gummilianen) für die Gewinnung in Be-
bracht. Alle sind echte Bewohner der Tropen. Man gewinnt den Saft durch
Einschnitte in die Rinde der Pflanzen. Der an den Wunden ausquellende
Milchsaft fließt in das am unteren Ende des Schnittes angebrachte Gefäß,
Sind die Schnitte nicht zu tief und zu lang, so vernarben sie wieder, und der
Baum kann nach einiger Zeit von neuem angezapft werden. Die in den Ur-
wäldern Brasiliens arbeitenden Kautschuksammler haben aber häufig, um mög-
lichst viel Kautschuk in kurzer Zeit zu gewinnen, so starke Schnitte angebracht,
daß die Bäume eingingen; oft wurden auch die Bäume zur bequemeren Aus-
beute ganz umgeschlagen.

Die Folge der rücksichtslosen Raubwirtschaft war ein schneller
Rückgang der wildwachsenden Kautschukbestände in den von dem
Sammelbetrieb erreichbaren Gebieten. Da aber gleichzeitig der Welt-
bedarf ganz außerordentlich stieg, ist man schon früh zur Anlegung
von Kautschukpflanzungen geschritten. Zuerst (schon 1864) be-
gannen damit die Niederländer auf Java, Borneo und Sumatra. In
großzügiger Weise wurde darauf die Kautschukkultur von den Eng-
ländern in Angriff genommen, die heute ungeheure Pflanzungen auf
der Halbinsel Malakka, im südlichen Vorderindien und auf Ceylon
besitzen. Den unmittelbaren Anlaß dazu boten neben dem steigenden
Bedarf an Gummi die Schwierigkeiten, in die zahlreiche Tee- und
Kaffeepflanzer dieser Gebiete infolge der die Plantagen häufig befallen-
den Blattkrankheiten und infolge der aufkommenden Konkurrenz des
billigen brasilianischen Kaffees gerieten. Auch in den Kolonien des
        <pb n="111" />
        V. DIE PLANTAGENLÄNDER DER ERDE

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' ERZEUGUNG SLHISUSCH DICHTER,

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80. Kautschukerzeugung und -einfuhr der Welt 1927
Diagramm der Gesamtkautschukerzeugung der Welt. 1900—1927

Übr Länder 11%
1903 1913 19923
. Brasilien
Brasilien 36%
554% .
Tertänder 7} Übr.Lande?
rLänder 0%.
26% an Ne
Bant K

" Hantagen- Ka
Kautschuk
81. Anteil Brasiliens an der Welt-Kautschukgewinnung
(1903: 56000 t. 1913: 108000 t und 1923: 394000 t.)

500 -—

Gesamterzeugun”

davon
Vildkautschu

MilLK
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PA

Zahlen -
82, Kautschukgewinnung der ost.
indischen Anbaugebiete 1926.
Die Zahlen für 1927 sind: Malayische Staaten
245,9; Niederländisch-Indien 233,2; Borneo 7,1;
Sarawak 11.2: Indochina 7.6.

200

„100

—
83. Wild- und Pflanzungskautschuk
1900—1927.
4. {}

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        <pb n="112" />
        [108 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

tropischen Afrika, in Mexiko, Mittel- und Südamerika, ist man zur Er-
zeugung von Pflanzungskautschuk übergegangen. Mit dem Heranreifen
der Plantagen kamen erst langsam, dann schneller und schließlich
lawinenartig anwachsend, immer größere Mengen auf den Weltmarkt.
Damit haben sich gleichzeitig in den letzten Jahrzehnten die Produk-
tionsverhältnisse vollständig verschoben. Während noch im Jahre 1905
fast die gesamte Kautschukerzeugung aus „wildem“ Sammelkautschuk
bestand, betrug der Anteil des Plantagenkautschuks an der Welterzeugung
im Jahre 1912 fast ein Drittel, 1914 schon mehr als die Hälfte und
im Jahre 1927 reichlich neun Zehntel (93,9 %). Damit hat sich auch
die Bedeutung der einzelnen Produktionsländer völlig geändert. War
noch in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts Brasilien
das wichtigste Erzeugungsland, das aus seinen Urwäldern im Amazonas-
gebiet die Hälfte der Welternte lieferte, so sind jetzt die südostasiatischen
Länder, die Malakkahalbinsel, Ceylon und Niederländisch-In-
dien, an seine Stelle als Haupterzeuger getreten, und Brasilien war
1927 nur noch mit etwa 4,5% an der Welternte beteiligt.

Die beste Kautschuksorte ist aber immer noch der im Mündungsgebiet des
Amazonas erzeugte Parakautschuk, der nach seinem Hauptausfuhrhafen
genannt ist. Der Schwerpunkt der brasilianischen Erzeugung liegt aber heute
weiter im Innern und hat seinen Handelsmittelpunkt in Manaos, wohin auch
der Kautschuk von Peru über Iquitos und der von Ecuador gebracht wird. Von
Manaos bringen englische Dampfer das wertvolle Gummiprodukt in direkter
Fahrt nach Europa. Neben einigen anderen Landschaften Brasiliens (nament-
lich Ceara und Minas Geraes) erzeugen auch Mittelamerika und die tropischen
Tieflandsgebiete Mexikos wilden und neuerdings auch Pflanzungskautschuk.

In Afrika liegen die Hauptgebiete in den äquatorialen Urwäldern des
Westens (Kongostaat, Französisch-Guinea, Kamerun, Nigeria, Togo usw.) und
in ehemalig Deutsch-Ostafrika, das — bei schneller Steigerung in den letzten
Jahren vor dem Kriege — fast die Hälfte der afrikanischen Erzeugung lieferte.
Heute wird es von den Guinea- und Kongoländern übertroffen.

Die gesamte jährliche Welterzeugung an Kautschuk ist entsprechend
dem steigenden Verbrauch von rund 50000 t i. J. 1900 auf 160000 t
1. J. 1915 und auf rund 650000 t im Jahre 1926 gestiegen. Im folgenden
Jahre sank die Produktion etwas, auf 623000 t. Da die brasilianische
Erzeugung seit 1910 ständig zurückgegangen ist und erst neuerdings
wieder eine ganz leichte Aufwärtsbewegung zeigt, entfällt die ge-
samte Zunahme auf die südostasiatischen Pflanzungsgebiete.
In den letzten Jahren hat die Erzeugung so stark zugenommen, daß sie
den Bedarf wesentlich übersteigt. Durch gesetzliche Einschränkung
des Anbaus suchten die Engländer die gesunkenen Preise wieder zu
heben. Die Maßnahmen scheiterten aber einmal daran, daß die nieder-
ländischen Produzenten ihre Erzeugung erhöhten, und sodann an dem
Widerstand des Hauptkonsumenten, der Vereinigten Staaten, die außer
mit anderen Gegenmaßregeln mit dem Anbau in ihren eigenen tropischen
Gebieten drohten, auch im Negerfreistaat Liberia mit der Anlage großer
Plantagen begannen.

Fast die gesamte Welterzeugung geht in die Industrieländer der
gemäßigten Zone. Weitaus obenan unter den Verbrauchern stehen die
Vereinigten Staaten, die im Mittel der Jahre 1919—1927 etwa
        <pb n="113" />
        V. DIE PLANTAGENLÄNDER DER ERDE 109
zwei Drittel der Welternte insbesondere für ihre gewaltige Automobil-
industrie kauften und fast ausschließlich über New York einführten.
In der Union kamen 1924 an Kautschukverbrauch 3,06 kg auf den Kopf
gegen 0,37 kg in Deutschland. In Europa sind Großbritannien, Frank-
reich und Deutschland die Hauptabnehmer. Ihre wichtigsten HEin-
fuhrhäfen für Kautschuk sind London, Le Havre und Marseille, Hamburg.

Die 1910 zum ersten Male gelungene synthetische Herstellung des künst-
lichen Kautschuks, die während des Krieges für uns wichtig war, ist vor-
läufig noch so teuer, daß sie bei dem starken Angebot des Naturproduktes als
Wettbewerb auf dem Weltmarkt nicht in Betracht kommt.
BAUMWOLLE

Die Baumwollfaser ist die Königin unter den Gespinstfasern und
nach dem Getreide der wichtigste Bedarfsartikel und das bedeutendste
Handelsgut der Weltwirtschaft.

Die Baumwollkultur ist in Indien und in den Ländern Ostasiens uralt.
Von dort kamen baumwollene Stoffe schon zur Zeit Alexanders des Großen
auch nach Europa. Sie blieben aber hier ein Luxusgegenstand und gegenüber
Stoffen aus Tierwolle von untergeordneter Bedeutung bis zur Mitte des 18. Jahr-
hunderts, Der Massenverbrauch beginnt erst mit dem gewaltigen Aufschwung des
Baumwollanbaus in den Vereinigten Staaten, der seinerseits mit der Erfindung
wichtiger Bearbeitungsmaschinen für Baumwolle zusammenhängt (Spinnmaschinen
verschiedener Systeme, Kraftwebstuhl, Entkernungsmaschine). Heute werden
Stoffe aus der leicht und dauerhaft gefärbten Baumwollfaser zur Bekleidung der
Menschen auf der ganzen Erde begehrt, so daß ‚man unser Zeitalter mit Recht
als das „baumwollene“ bezeichnet hat — Cotton is King!

Die Baumwolle ist eine subtropisch-tropische Pflanze, die zwischen
dem 40.° N und 30.° S gedeiht. Die für den Welthandel in Betracht
kommenden Mengen werden aber ausschließlich auf der nördlichen
Halbkugel erzeugt. Die Baumwolle verlangt beträchtliche Wärme und
Feuchtigkeit während der Zeit ihres Wachstums, aber möglichste Trocken-
heit für die Zeit der Reife und Ernte. In bezug auf Temperatur und
Niederschläge sind 200 ununterbrochen frostfreie Tage und 50—70 cm
Jahresregen die Mindestbedingungen ihres Wachstums (vgl. Abb. 85, S. 111).
Den geschilderten Anforderungen entsprechen am besten die
feuchten Teile der subtropischen Zone und diejenigen Ge-
biete der Tropen, die eine ausgesprochene Trockenzeit haben.
Die Pflanze, die auf den verschiedensten Böden angebaut wird, kommt
in fünf Hauptarten vor, von denen drei in Amerika und je eine in
Indien und in Afrika heimisch sind.

Erzeugung. Die Welternte der Baumwolle betrug in dem Ernte-
jahre 1926/27 rund 29 Mill. Ballen (6,6 Mill. t). Davon entfielen auf
die Vereinigten Staaten allein fast zwei Drittel (65%). Diese sind
damit der weitaus wichtigste Erzeuger. Früher waren sie das in noch
höherem Maße und lieferten zeitweilig drei Viertel des Weltbedarfs.,
Als aber infolge des amerikanischen Bürgerkrieges (1861/65) die Baum-
wollzufuhr nach Europa plötzlich aufhörte und dadurch eine schwere
wirtschaftliche Krise in England ausbrach, lernte man den Nachteil
solcher Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten kennen. Daher setzten
die Engländer seit dieser Zeit alles daran, andere Länder, namentlich
        <pb n="114" />
        110 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
ihre Kolonien, dem Baumwollanbau zu erschließen. So wurden Britisch-
Indien (1926/27: 14%) und Ägypten (6 %) die beiden nächstwich-
tigen Erzeugungsländer. Chinas Erzeugung, die etwa der Ägyptens
gleichkommt, spielt im Welthandel nur eine geringe Rolle. Andere
europäische Kolonialstaaten folgten dem Beispiele Englands, so auch
Deutschland, das in Ostafrika, Togo und Neuguinea Baumwollpflanzungen
anlegte.
Trotzdem wird die Union ihr Übergewicht immer behalten, denn
von ihrem für Baumwollanbau geeigneten Gebiete ist bisher erst etwa
der zwanzigste Teil unter Kultur genommen. Der amerikanische Baum-
wollgürtel liegt im allgemeinen südlich des 37. Breitenkreises und östlich
des 100. Längenkreises!, umfaßt also die Südoststaaten der Union, in
denen die Neger- und Mulattenbevölkerung einen sehr beträchtlichen
Anteil der Gesamtbevölkerung ausmacht. Die Neger stellen nicht nur
bei weitem die Hauptmasse der Arbeiter in den Baumwollfeldern, son-
dern sind auch in großer Zahl als Eigentümer und besonders als Pächter
der Baumwollfarmen. beteiligt. Nur in Texas sind auch viele Weiße
im Baumwollanbau beschäftigt. Die amerikanische Baumwollerzeugung
breitete sich im Laufe des 19. Jahrhunderts von den atlantischen Ost-
staaten immer mehr westwärts aus. Ihre drei Hauptgebiete liegen heute
in den Landschaften südlich und südöstlich der Ap palachen (Carolina,
Georgia, Alabama), in der Mississippiniederung und in der „schwarzen
Prärie“ von Texas und Süd-Oklahoma, die gegenwärtig ein reich-
liches Drittel der amerikanischen Ernte erzeugt. Galveston ist daher
der wichtigste Ausfuhrhafen für amerikanische Baumwolle, neben ihm
New Orleans für das mittlere, Savannah und Norfolk für das
östliche Gebiet. Houston, eine kurze Strecke landein von Galveston
gelegen, wurde als Sammel- und Hauptdurchgangspunkt für den ameri-
kanischen Baumwollhandel der erste binnenländische Baumwollmarkt der
Erde, neben dem Memphis und St. Louis wichtige Zentralmärkte sind.
Seit kurzem hat Houston durch einen Seekanal eigene Verbindung zum
Meere und tritt damit auch als KExporthafen in den Wettbewerb ein.

Bei weitem der größte Teil der in den Vereinigten Staaten erzeugten
Baumwolle gehört der sogenannten „Upland“-Baumwolle an, die beste
Qualität aber liefert die „Sea Islan d“-Baumwolle, die an den süd-
östlichen Küsten und auf den vorliegenden Inseln gezogen wurde,
deren Kultur aber. jetzt durch die Verwüstungen des Baumwollkäfers
ganz vernichtet zu sein scheint. In Arizona und Südkalifornien werden
neuerdings unter Zuhilfenahme künstlicher Bewässerung kleine Mengen
ägyptischer Baumwolle gebaut.

Der amerikanische Baumwollanbau verlangt jetzt in den durch die langjährige
„Monokultur“ erschöpften östlichen Gebieten schon starke künstliche Düngung
(Deutsches Kali!). Er ist mancherlei Gefahren durch Wetterschäden, Krankheiten
der Pflanzen und tierische Schädlinge ausgesetzt. Der gefährlichste Feind ist
seit einigen Jahrzehnten der Baumwoll-Rüsselkäfer („Cotton Boll Weevill“), der
in den neunziger Jahren von Mexiko einwanderte und gegenwärtig fast über
den ganzen Baumwollgürtel verbreitet ist. Besonders verheerend war der Ein-
bruch des Schädlings in die Sea-Island-Baumwollbezirke des Südostens. Neuer-
1 Westlich von diesem genügt die Jahresregenmenge nicht mehr (vgl. Abb. 85).
        <pb n="115" />
        /. DIE PLANTAGENLÄNDER DER ERDE

84. Die wichtigsten Baumwollanbaugebiete der Welt.

(L

6}

unter Y-uber 50cm Niederschlag
m a a a
——
==&gt;

85. Hauptgebiete der

Baumwollerzeugung in den Vereinigten Staaten.
/Nach Whitbecek-Finch.}

Grenze der. £ uns
00 vem td u“

86. Die Ausbreitung des Baumwoll-Rüsselkäfers in der Union.
(Nach Finch-Baker.)
        <pb n="116" />
        ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
=—— Erenze Brit Indiens _ VErwaltungsbezirke

EI Musste Tharr F77Z Basaltboden

Anbau in gkm: #@ = 1000 ghm
Ausfuhr in Tonnen: ” 3 - 50000 Tonnen
Zahlen in 1000 Tonnen
Regengebiete:
unter 50 cm (Anbau meist mit künst/ BeHWäSSerung
"UT SO 500m FA über 10cm

a
7. Baumwollanbau und -ausfuhr Indiens im Jahre 1924.
(Regurboden nach Holdich.)

Ye wichtigsten Anbaugebiel.

1000 km
88, Die Baumwollanbaugebiete Afrikas.
Der schwarze Kreissektor zeigt den Anteil Ägyptens an der Gesamterzeugung Afrikas im Jahre 1926/27.
        <pb n="117" />
        V. DIE PLANTAGENLÄNDER DER ERDE 113
dings sucht man die Sea-Island-Baumwolle durch eine ihr fast gleichwertige,
aber weevillbeständige neugezüchtete Sorte, die „Meade Cotton“, zu ersetzen.
Auch hat man allmählich wirksame Mittel zur Bekämpfung des Schädlings
gefunden, dessen völlige Unterdrückung aber noch nicht gelungen ist.

Die Baumwolländer Britisch-Indiens finden sich vornehmlich auf
dem „Regur“-Boden* in den mittleren, östlich von Bombay gelegenen
Teilen des Hochlandes von Dekan und auf der Halbinsel Gudscherat.
Kleinere Mengen werden im Nordwesten Vorderindiens und im eben-
falls trocknen Innerbirma gewonnen. Die geringwertige indische Baum-
wolle wird zu einem
Drittel in und um Bom-
bay verarbeitet, die
Ausfuhr geht vornehm-
lich über Bombay und
eiwE zur Hälfte nach
Japan.

Das älteste und die
feinste Faser liefernde
Baumwolland der Erde
ist Ägypten, das im
Delta und Niltal den
besten Baumwollboden
der Welt besitzt. Nach
und nach haben die
Briten den Anbau der
hochwertigen ägypti-
schen Makowolle auf
Kosten des Getreide-
baussowie durch künst-
liche Erweiterung und
Sicherstellung der Nil-

überschwemmung

(Staudamm von Assuan)

immer mehr vergrö-

Bert, so daß er heute

fast ein Viertel des

bebauten Landes ein-

nimmt. Neuerdings er-

hielten auch der eng-

lische Sudan, Britisch-Zentralafrika (Uganda), Nigeria und die Südafrika-
nische Union größere Bedeutung für den Baumwollbau. Namentlich
wird die Erzeugung des Sudan in den nächsten Jahren eine starke
Zunahme erfahren, nachdem die Engländer durch den Bau des Stau-
damms von Sennar am Blauen Nil die zwischen Blauem und Weißem
Nil liegende Ebene von Gesire für künstliche Bewässerung vorbereitet
und teilweise schon der Bebauung zugänglich gemacht haben. —

Nach dem Kriege ist der Erbauer des Assuanstaudammes, Wilcox, mit
der Untersuchung des Euphrat-Tigris-Systems beauftragt worden, da sich

5

1 Ein durch Humusbeimischung schwärzlicher basaltischer Verwitterungsboden.
Reinhard, Erdkunde, 8
        <pb n="118" />
        114 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
England in Mesopotamien ein weiteres Rohstoffgebiet für seine Textil-
industrie schaffen will. Seit 1921 haben sich Anbaufläche und Krtrag
dort verfünffacht. Von den zahlreichen anderen Baumwolle bauenden
Ländern sind besonders noch China (Jangtse- und Hoanghotal),
Russisch-Asien (Ferghana) und Ostbrasilien hervorzuheben.

So sehen wir bei einer Rückschau auf die Entwicklung der Baum-
wollkultur seit dem Beginn unsres Jahrhunderts trotz mancher Schwan-
kungen im ganzen eine stetige Zunahme der Anbauflächen und
Erzeugung sich vollziehen. Die letztere stieg von 15 Millionen Ballen
um 1900 auf 26 Mill. im Jahre 1914. Dieser Steigerung ging parallel
eine solche des Verbrauchs, dessen jährliche Zunahme vor dem Kriege
mit einer halben Million Ballen zu veranschlagen ist. Der Weltkrieg
und die ihm folgenden Jahre brachten einen Rückschlag in der Er-
zeugung. KErst das Erntejahr 1924/25 mit seiner gegenüber dem Vor-
jahre sprunghaften Steigerung führte wieder zu der Ertragshöhe der
Vorkriegszeit, die seitdem erheblich überschritten wurde.

Verbrauch. Die in den verschiedenen Baumwolländern geernteten
Fasern wurden ursprünglich zum weitaus größten Teil in den Industrie-
staaten der gemäßigten Zone, namentlich denen Europas, verarbeitet.
Doch vollzog sich während der letzten Jahrzehnte in der Welt-Baum-
wollindustrie eine bedeutsame Änderung. Zwar blieb nach wie vor
West- und Mitteleuropa das erste Baumwollindustriegebiet der Erde, aber
seit langer Zeit suchten die außereuropäischen Baumwolle erzeugenden
Staaten ihre Ernte mehr und mehr in der eigenen Industrie zu ver-
arbeiten, um den Eigenbedarf an Baumwollstoffen selbst zu befriedigen
und die Ausfuhr von Rohbaumwolle durch die gewinnbringendere von
Fabrikaten zu ersetzen. Durch den Weltkrieg erlitt nun die gesamte
guropäische Baumwollindustrie infolge der ausbleibenden oder völlig
ungenügenden Zufuhr von Rohstoff einen schweren Schlag. Dagegen
vergrößerten in dieser Zeit die Vereinigten Staaten, Britisch-
Indien, Japan und selbst China, die andauernd über genügend
Rohstoffe verfügten, ihre Industrien wesentlich. Denn zu überaus
günstigen natürlichen Bedingungen, unter die für die asiatischen Staaten
auch das Vorhandensein zahlreicher und billiger Arbeitskräfte zu rech-
nen ist, trat nunmehr die Ausschaltung oder wesentliche Herabmin-
derung der europäischen Konkurrenz. Für die genannten vier Länder
zeigt die Statistik im Vergleich der Jahre 1913 und 1923 ein gewaltiges
Anwachsen der Spindelzahl und des Baumwollverbrauchs. Während

die Union von der Ernte 1910/11 nur ein reichliches Drittel im Lande
behielt, verarbeitete sie von der Ernte der Jahre 1915—1920 durch-
schnittlich die Hälfte. Die indische und chinesische Baumwolle wurde
nicht nur in steigendem Maße im eigenen Lande aufgearbeitet —
China hat von 1914 bis 1927 seine Spindelzahl auf das reichlich Drei-
einhalbfache erhöht, Britisch-Indien um die Hälfte —, sondern auch
in immer wachsenden Mengen von Japan eingeführt, dessen jährlicher
Baumwollverbrauch in der Zeit von 1913 bis 1927 von 1,6 Mill. Ballen
auf 2,9 Mill. stieg. Diese ganze Entwicklung hatte zur Folge, daß
immer weniger Rohbaumwolle für die europäische Industrie übrigblieb.
Im Jahre 1913 verbrauchte Westeuropa von der Baumwollernte der
        <pb n="119" />
        V. DIE PLANTAGENLÄNDER DER ERDE
Eurooa 3.6 Mi

“
%

NOT

7

' ORIOB8 Frkr36 Vbr Europa 25 9Mil
Amerika im ganzen 41,3 Mill.
VER IGHNEN ;
as, Asien 783 Mill.
Indien dep. CFina
87 60 30Mill. I
90. Zahl der Baumwollspindeln der Welt 1927.

Welt 41%, 1926 nur noch 34%, in derselben Zeit stieg Nordame-
rikas Verbrauchsanteil von 25 auf 27,6%, der Asiens von 21 auf 26,9%.

Diese Entwicklung aber ließ bei den europäischen Baumwollspinnern
die Sorge um ihren Rohstoff erneut, wie zur Zeit des Sezessionskrieges,
lebendig werden, und die Kolonialmächte, namentlich England, aber
auch Frankreich, Belgien, die Niederlande, betrieben mit allen Mitteln
und auch mit gutem Erfolg die Steigerung des Baumwollanbaus in
ihren dafür geeigneten überseeischen Ländern. Inzwischen brachten
die ungewöhnlich reichen Ernten der letzten Jahre sogar ein Über-
angebot und Absatzkrisen auf dem Baumwollweltmarkt. Damit hat
die Baumwollfrage wieder ein anderes Gesicht bekommen. Für die
Vorrangstellung der Union ist vor allem die schnelle Steigerung in
der Gewinnung der erstklassigen afrikanischen Faser bedrohlich, daher
auch die Versuche, ägyptische Sorten in ihren westlichen Baumwoll-
gebieten anzubauen. In neuester Zeit wurde die gesamte Lage noch
dadurch beeinflußt, daß der Baumwolle in der enorm raschen Zunahme
der Verarbeitung von Kunstseide zu allerlei Bekleidungsgegenständen
ein gefährlicher Nebenbuhler erstand. Allerdings wurde diese Gefahr
später wieder dadurch vermindert, daß die Kunstseidenfabrikation jetzt
den künstlichen Seidenfäden Baumwollfasern beimischt. Jedenfalls ist
die Welt wenigstens für.die nächste Zeit von der Sorge um die Be-
schaffung der wichtigsten Spinnfaser befreit. Freilich werden auch
weiterhin alle die europäischen Länder, die keine Kolonien besitzen —
so auch Deutschland —, für die Beschaffung der Rohbaumwolle er-
hebliche Summen den glücklichen Besitzern zahlen müssen. Für Deutsch-
land betrug diese Summe 1927 weit mehr als drei viertel Milliarden A
— 13. pro Kopf der Bevölkerung.

Die Baumwollindustrie der Vereinigten Staaten war zuerst in Neu-
England zu Hause, wo sie Überfluß an Wasserkräften und einen für die Her
stellung feiner Gewebe günstigen hohen Feuchtigkeitsgehalt der Luft vorfand,
während die Nachbarschaft des Meeres den Versand erleichterte. Dort, nament-
lich im Staate Massachusetts, lag bis vor kurzem der Schwerpunkt der Cotton-
industrie, und auch heute noch steht dieser Staat hinsichtlich des Verbrauchs
an Rohbaumwolle an zweiter Stelle unter den Staaten der Union. Aber all-
mählich verbreitete sich die Baumwollindustrie längs der ganzen Ostabdachung
der Appalachen immer weiter südwärte. Und heute liegt ihr Schwerpunkt in
den baumwollerzeugenden Südstaaten, auf die von den rund 37 Millionen
Spindeln der Vereinigten Staaten fast zwei Drittel entfallen. Immer mehr wird

Qu
        <pb n="120" />
        --6

Die Karte zeigt di«
überragende Be:
deutung Bremens
für die deutsche
Baumwolleinfuhr
und sodann die Tat-
sache, daß die Ver-
teilung innerhalk
Deutschlands weit-
aus überwiegend
durch die Eisen-
bahn geschieht,
Also von den Was:
serwegen unab
hängig ist. (Ver-
gleiche damit die
Karte S. 130.)

ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
— a

“3

zn

Über
Bremen Hamburg
insBinnen: ZurBälfte auf
Tandnurmit Ü Wasserwegen
Bahnltransport| 1n5 Binnenländ

nach Rühl
91. Die Verteilung der deutschen Baumwolleinfuhr im Jahre 1913. (Nach A. Rühl,
also die amerikanische Baumwolle am Ort der Urerzeugung verarbeitet und
damit die Baumwollindustrie der Union in zunehmendem Maße bodenständig.
Die Ursache dieser Verschiebung liegt keineswegs nur in dem Bestreben nach
Frachtersparnis, sondern hat noch andere Gründe, unter denen das reichliche
Vorhandensein geeigneter Arbeitskräfte im Süden voranstehen dürfte.
In Europa ist weitaus der erste Baumwoll-Industriestaat En gland, das
57 Millionen Spindeln, mehr als ein Drittel des gesamten Weltbestandes, besitzt
und seine Rohstoffe zu zwei Dritteln aus der Union, den Rest vorwiegend aus
Ägypten und nur einen sehr kleinen Teil aus Indien bezieht. Für die geo-
graphische Verbreitung kennzeichnend ist die fast ausschließliche Konzentration
in der Grafschaft Lancashire (Manchester — Liverpool!) und den unmittelbar
benachbarten Gebieten. In dem Hintergrund des Firth of Clyde (Glasgow)
ist ein zweiter, kleinerer Bezirk entstanden. — Im Gegensatz dazu ist in Deutsch-
land, das mit 12 Millionen Spindeln vor dem Kriege, mit annähernd 11 Mil-
lionen i. J. 1927 an zweiter Stelle in Europa steht, die Webindustrie überall
entwickelt, wo Kohlenlager, leichte Kohlenzufuhr oder Wasserkräfte sie be-
günstigen, Hauptzentren sind das rheinisch-westfälische mit Köln, Duis-
burg, Elberfeld-Barmen, München-Gladbach, das mittelfränkische, südwest-
bayrische und württembergische mit Forchheim, Erlangen, Augsburg,
Kempten, Stuttgart und Göppingen, das nordostbayrisch-sächsisch-
thüringische mit Hof, Plauen, Chemnitz, Zwickau, Mühlhausen, Apolda usw.,
das ostwärts Vorposten besitzt in dem Lausitzer (Zittau) und mittelschlesi-
schen Bezirk (Langenbielau, Reichenbach u. E.)*. Vor dem Kriege führte
Deutschland im Jahresdurchschnitt 500 Millionen kg Rohbaumwolle ein, im
Jahresdurchschnitt 1921—23 nur noch drei Fünftel dieser Menge; 1927 wurde
der Betrag von 1913 zum ersten Male wieder überschritten.‘ Allerdings leiteten
wir im gleichen Jahre eine beträchtliche Menge davon wieder weiter, nament-
lich an die Tschechoslowakei, an Polen und die Niederlande, Nach wie vor
ist die Union allein mit rund vier Fünfteln der Menge an unserer Einfuhr be-
teiligt. Deutschlands wichtigster Einfuhrhafen für Baumwolle ist Bremen,
erst in weitem Abstand folgt Hamburg. — Auch in Frankreich, Rußland,
Norditalien, in der Tschechoslowakei, in Belgien und Spanien, in
der Schweiz und Polen spielt die Baumwollindustrie eine wichtige Rolle,
und alle diese Länder beziehen ihr Rohmaterial in erster Linie von der Union.
) Ein viertes Hauptgebiet war das oberelsässische mit Mülhausen und Gebweiler.
        <pb n="121" />
        VI. DIE BERGWERKE DER ERDE
VI. DIE BERGWERKE DER ERDE

Von der großen Zahl der Nutzmineralien, die in der Weltwirtschaft
eine Rolle spielen, stehen an Bedeutung voran die Brennstoffe Kohle
und Petroleum, das Eisen, das Kupfer, die Edelmetalle und die Kali
salze. Ohne diese Mineralien wäre der heutige Zustand unsrer Lebens-
haltung und unsrer Zivilisation nicht denkbar. Nur diese Bergbau:
erzeugnisse sollen hier behandelt werden. Aber es darf nicht vergessen
werden, daß auch die sogenannten „kleinen Metalle“ — Blei, Zink, Zinn,
Aluminium, Quecksilber — sowie zahlreiche andere Mineralien, wie
Schwefel, Graphit, Asphalt, Steinsalz, Kaolin, Kalke, Tone, uns heute
unentbehrlich geworden sind.

KOHLE
Die weltwirtschaftliche Bedeutung der Kohle beruht nicht so sehr
auf ihrer Verwertung im Hausbrand als vielmehr auf ihrer Verwen-
dung als Kraftquelle in Industrie und Verkehr, seitdem diese sich unter
dem Zeichen der Dampfmaschine entwickelt haben. Wenn auch heute
die durch Wasserkraft erzeugte Elektrizität und das Petroleum ale
Quellen von Antriebskräften immer größere Bedeutung gewinnen, so
wird. doch die Kohle noch lange Zeit die Hauptgrundlage für Industrie
und Verkehr und damit ein weltwirtschaftlicher Faktor allerersten
Ranges bleiben.

Gesamterzeugung. Die wirtschaftlich wertvollsten Formen der
Kohle sind die Steinkohle und die Braunkohle. Von beiden
ist die erstere ihrer weiteren Verbreitung und ihres viel höheren
Brennstoffgehaltes wegen die für die Weltwirtschaft bedeutsamere.

Kohlenflöze finden sich in den Schichten aller geologischen Zeit-
alter seit dem Kambrium, hauptsächlich aber in denen der Karbon:
(Steinkohle) und der Tertiärperiode (Braunkohle). Für die geogra
phische Verbreitung beider Arten ist bezeichnend ihre auffallende
Anhäufung in der nördlich gemäßigten Zone und ihr äußerst
geringes Vorkommen in den tropischen Ländern und auf der südlicher
Halbkugel. Die wirtschaftliche und kulturelle Überlegenheit der Nord.
erdteile, besonders Europas und Nordamerikas, gegenüber den Süd-
kontinenten ist zu einem nicht geringen Teil auf die geographische
Verbreitung jenes wertvollen Brennstoffes zurückzuführen. Die Er-
klärung für diese Verteilung ist in der Tatsache zu sehen, daß die
Bildung der Kohle als eines organogenen, in diesem Falle aus pflanz-
lichen Grundstoffen entstandenen Minerals von den klimatischen Ver-
hältnissen in den jeweiligen Entstehungsperioden abhängig war.

Wenn auch in Deutschland und England die Kohle schon seit einer
Reihe von Jahrhunderten örtliche Verwendung fand, so setzte doch eine
Förderung in großem Maßstabe erst im 19. Jahrhundert mit dem Zeit-
alter der Maschine ein. Im Jahre 1840 betrug die gesamte Kohlen:
förderung 45 Mill. t, gegenwärtig hat sie den Betrag von 1000 Mill. t
bereits erheblich überschritten (1927: 1,3 Milliarden t).

In der Steinkohlenerzeugung stand bis in die neunziger Jahre
des 19. Jahrhunderts England an der Spitze der Produktion. Heute
haben die Vereinigten Staaten, deren Ausbeute bis 1876 sogar
        <pb n="122" />
        118 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
unter der Deutschlands stand, die unbestrittene Führung, sie lieferten

von der Gesamterzeugung im Jahre 1927 allein 42,5%. An zweiter Stelle

stehen England mit 20,6% und Deutschland mit 11%. Erst in

weitem Abstand folgen den drei Großproduzenten Frankreich (4%),

Polen (2,4 %), Belgien, Rußland, die Tschechoslowakei und andere Staaten,

In Asien sind Japan, Britisch-Indien und China die Haupterzeuger

der Steinkohle. Den Reichtum der Kohlenlager Nordchinas scheint
man nach neueren Forschungen früher etwas überschätzt zu haben.
Aber doch dürften sie künftig zusammen mit denen in der Mandschurei
zu den wichtigsten Kohlenförderstätten der Erde zählen. Auch Kanada,
dessen Anteil an der Ge-

samterzeugung vorläufig ver- aaa —

schwindend klein ist (weni- %°%- - i

ger als 1%), birgt noch un- 550

geheuere Schätze.

Für die Braunkohlen- *“

, erzeugung, die ein knappes **
- Sechstel der Weltsteinkohlen-

förderung ausmacht, kommt

gegenwärtig fast ausschließ-

lich der europäische Kon-

tinent in Betracht. Außer

ihm liefern nur Nordamerika

und Neuseeland ganz un-

beträchtliche Mengen. War

Deutschland schon vor dem

Kriege der erste Erzeuger an

Braunkohle, so mußte es nach

diesem die Förderung dieser

Kohle noch wesentlich stei-

gern (Abb. 98), um die durch

die Bestimmungen des Ver-

sailler Vertrages erlittenen Verluste an Steinkohle einigermaßen aus-
zugleichen. Auch nachdem die Steinkohlenförderung wieder erheb-
liche Fortschritte gemacht hatte, steigerte sich die Gewinnung an
Braunkohle weiter, denn ihre wirtschaftliche Bedeutung, die nicht
nur auf der Verwendung als Brennmaterial, sondern auch auf der viel-
seitigen Verarbeitung in der chemischen Industrie beruht, ist in stän-
diger Zunahme begriffen. So förderten wir 1927 mehr als drei Viertel
(79%) der gesamten Weltausbeute an Braunkohle. Seitdem es mittels
des Wechselstromes möglich ist, die elektrische Kraft auf beinahe be-
liebige Entfernungen ohne wesentliche Verluste zu übertragen, wurden
in der Nähe der Braunkohlenlager vielfach große elektrische Kraft-
anlagen erbaut, die in Fernleitungen Stadt und Land, Haus und
Fabrik mit Licht und Kraft versorgen. Nachdem die Verflüssigung
der Kohle gelungen ist, erschließt sich gerade der Braunkohle ein
neues Verwendungsfeld von weittragender Bedeutung. Sie ist damit
berufen, viele ölarme Länder aus ihrer Abhängigkeit von den großen
Petroleumerzeugern zu befreien.
        <pb n="123" />
        VI. DIE BERGWERKE DER ERDE 119
4Frika 007 Y% Australien 135%, ‚Afrika 0,95
ASIen 5 83%
1900 1927

Australien 112
Asien -—
282%

"arm

93/94. Anteil der
Erdteile an der
Welterzeugung
von Kohle 1900
und 1927.

Ir

m
96. Englands Kohlen-
lager und ihre Bedeu-
tung für die Ausfuhr.

SE
“bork
95. Kohlenfelder, Kohlenvorräte und Erzlagerstätten
der Vereinigten Stasten. (1 short t = 907.2 kg.)

Nord-S‘

Ta

Bun”

zw Mr

Te
„iowakei

Braunkohle
‚Steinkohle
‚Eisenerze
97. Kohlen- und Erzlager Mitteleuropas.
        <pb n="124" />
        [20 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
Der zweitwichtigste Braunkohlenlieferant ist die Tschechoslowakei,
deren reiche Gruben in Nordböhmen ein Zehntel der Weltausbeute liefern.
Auch die Union besitzt in Norddakota und Montana, sowie in der
Golfregion große Lager, die aber noch der Verwertung harren.

Die Großerzeuger. Die großen heute im Abbau befindlichen

Steinkohlenfelder der Vereinigten Staaten liegen in deren
Ööstlichem Teile, aber das Vorland und Randgebiet der Felsengebirgs-
region. bergen noch ungeheure, bis jetzt kaum angegriffene Reserven.
(Abb. 95.) Den größten Teil der amerikanischen Förderung liefern
zwei Gebiete des Ostens: 1. Das kleinere, aber durch die hohe
Qualität seiner Kohle wichtige Anthrazitbecken von Pennsylvanien,
mit dem Mittelpunkt Scranton. 2. Das Große Appalachische Lager,
das sich an der Westseite des Gebirges von Nordpennsylvanien bis
nach Alabama erstreckt und durch die günstigen Abbauverhältnisse
seiner Flöze und die erleichterten Transportbedingungen, die zahlreiche
Flüsse und ihre Täler bieten, ausgezeichnet ist. Von geringerer Bedeu-
tung sind die vier inneren Becken: das östliche (Minoisbecken)}
zwischen dem Michigansee und dem Mississippi, das westliche zwischen
Mississippi und Missouri und über diesen südwärts bis nach Oklahoma
und Arkansas reichend, das südliche in Texas und das nördliche
zwischen dem Michigan- und Huronsee. — Die Kohlenlager Eng-
lands sind das schottische im Tiefland zwischen Firth of Clyde
und Firth of Forth, das nordenglische von Northumberland und
Durham, der große mittelenglische Kohlenring von Lancashire.
Yorkshire und Staffordshire und endlich die Anthrazitlager von Süd-
Wales. Dieses und das nordenglische Becken sind für die Ausfuhr be-
sonders wichtig, Cardiff und Newcastle: mit seinen Vorhäfen sind die be-
deutendsten Ausfuhrplätze (Abb. 96). Dagegen wird die Kohle des mittel-
englischen Kohlenlagers ganz, die des schottischen zum weitaus größten
Teil in der eigenen Industrie verbraucht. Daß gerade in England zu-
erst die Kohle im großen ausgebeutet wurde, erklärt sich daraus, daß
hier zahlreiche Flöze dicht unter der Erdoberfläche liegen und zum
Teil zutage ausstreichen.

Die Kohlenlager Nordfrankreichs, Belgiens (Sambre- und Maas-
tal) und der Niederlande (Limburg), das rheinisch-westfälische und
oberschlesische Deutschlands gehören ihrer geographischen Lage nach
insofern zusammen, als sie mit Ausnahme des Saarbeckens am Nord-
rand des Mittelgebirges gelegen sind. Hier entstanden sie aus den den
nordamerikanischen Swamps (s. S. 81) vergleichbaren Wäldern der
Sümpfe. und Lagunen, die die Küsten des nahen Meeres umsäumten.
Dagegen sind das Saarbecken, die sächsischen, böhmischen, nieder-
schlesischen u. a. Vorkommen weiter binnenwärts, in größerer Entfer-
nung vom Meere entstanden.

Das wichtigste aller deutschen Vorkommen ist das rheinisch-west-
fälische Kohlenbecken, oft auch Ruhrkohlenbecken genannt. Es liefert
nach dem Verlust Oberschlesiens mehr als drei Viertel der gesamten
Steinkohlenförderung Deutschlands (1926: 77,5%) und gehört zu den
bedeutendsten Revieren der Welt. Es steht in geologischem Zusammen-
hang mit dem Aachener Becken und durch dieses mit den belgischen
        <pb n="125" />
        VI. DIE BERGWERKE DER ERDE

121

—&gt;

tz;

=

5 aunkohle:

Mill + Steinkohle
'. Braunkohle
1408
153.6
872
1505
Zahlen in Mill. + 1927
98. Die Förderung der deutschen Kohlenbezirke im Jahre 1926. Im Diagramm:
Vergleich der Färderung von 1913 und 1927 unter Zugrundelegung des heutigen Gehietsumfanges.
— a

£

nach Ber

200 km
EL
. Sraunkohlengebiete
iraftwerke über 100000 kW
“m unfen m nn
Teils Wärme, Feils Wasserkraft
ber 100000 Volt-Leitung
Infep un er Fi
über nm m ” im Bau
Unter nn „" uw
Ya. He Großkraftleitungen im Deutschen Reich, März 1927.
        <pb n="126" />
        [22 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

100. Der rheinisch.
westfälische Stein:
kohlenbezirk.
Das untenstehende Pro:
fil zeigt entlang des
Schnittes A-—B der
Karte die Muldenbil
dung der produktiven
Steinkohlenschichten
(schwarz), die nord:
wärts immer tiefer
sinken. Daraus folgt
die Gliederung des Ge-
bietes in eine Schacht-
zone (I), eine Bohr-
lochzone (II) und eine
noch unaufgeschlossene
Zone (IID).

10:
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u. Aukuk 1612
Witlener Sso

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und nordfranzösischen Lagern. Von ihm erhalten West- und Mittel-
deutschland und ein großer Teil Süddeutschlands ihre Kohle. Auf der
Ruhrkohle ist eines der gewaltigsten Industriezentren der Welt, nament-
lich für Textilindustrie und Kisenverarbeitung, erwachsen, ein Gebiet
von ungeheurer Bevölkerungsanhäufung und Verkehrsentwicklung. Da
die Kohlenflöze im Süden des Gebietes verhältnismäßig wenig tief
liegen, nach Norden sich aber senken, begann der Abbau im Süden
und schritt allmählich nach Norden fort, damit auch die Industriali-
sierung, die Bevölkerungs- und Verkehrsdichte. Heute sind nur noch
wenig Schächte südlich der Ruhr in Betrieb, dagegen liegt jetzt der
Schwerpunkt nördlich dieses Flusses, und die nördlichsten Schächte
sind gegenwärtig bis nahe an die Lippelinie vorgedrungen.

Das zweitwichtigste Kohlenlager Deutschlands ist das oberschle-
sische, das auch nach Polen, Mähren und Galizien übergreift, auf
deutschem Boden vor dem Kriege fast ein Viertel unserer Produktion
hervorbrachte und Ostdeutschland einschließlich Berlins mit Kohle ver-
sorgt. Sein Anteil an der deutschen Steinkohlenförderung beläuft sich
heute nur noch auf etwa 12%. An dritter Stelle steht das Saar-
becken, das südlichste der deutschen Steinkohlenlager, mit gegen-
wärtig reichlich 8%: der deutschen Gesamtförderung. Durch den Ver-
sailler Vertrag haben wir das Saarbecken für fünfzehn Jahre (bis 1932)
ganz, das oberschlesische zum größten Teil eingebüßt, von 61 Steinkohlen-
gruben fielen dort 491 an Polen'. Das bedeutete eine Gesamt-
verminderung der deutschen Jahresförderung um reichlich
28%. Weniger wichtig für die Gesamterzeugung, aber oft von großer

! Polen, das schon vor der Teilung Oberschlesiens vom gesamten Kohlenbezirk die reich-
liche Hälfte besaß, erhielt in den Kreisen Rybnik und Pleß gerade den noch reichsten, bisher
am wenigsten abgebauten Anteil des deutschen Bezirkes, so daß es gegenwärtig über einen Vorrat
von mehr als 200 Millarden t Kohle verfügt.
        <pb n="127" />
        VI. DIE BERGWERKE DER ERDE 123
örtlicher Bedeutung sind die kleineren Becken: das Waldenburger, das
erzgebirgische von Zwickau, Lugau und Ölsnitz, die Vorkommnisse
im Weserbergland.

Auch die deutschen Braunkohlengebiete liegen in der Haupt-
sache im Berührungsgebiet von Tiefland und Mittelgebirge, in einem
breiten Streifen, der vom Rhein bis zur polnischen Grenze reicht. In
diesem sind der niederrheinische, in der Ville, der thüringisch-
sächsische (Halle, Leipzig) und der Niederlausitzer (Senftenberg)
die wichtigsten Bezirke. Sie liefern zusammen mehr als acht Zehntel
der deutschen Braunkohlenförderung (1926: 85,8 %). Die stärksten; mehr
als 100 m Mächtigkeit erreichenden Flöze finden sich in ‚der Ville und
im Geiseltal bei Halle. Nur etwa ein Drittel der geförderten Kohle
gelangt als Rohkohle zur Verfeuerung, der größere Teil wird zu Bri-
ketten, Preßkohle und zu allerlei chemischen Erzeugnissen verarbeitet.
Von den deutschen Braunkohlenrevieren hat besonders das Sächsisch-
Thüringische in Mitteldeutschland zu einer Konzentration großer In-
dustrieunternehmungen um Leipzig und Halle (Leunawerk) geführt.

Kohlenausfuhr. Weitaus die größte Menge der geförderten Kohle
wird im Erzeugungslande selbst verbraucht. Für die Versorgung der
zahlreichen kohlenarmen oder kohlenlosen Länder kommt von den
Großproduzenten in erster Linie England in Frage. Denn die Aus-
fuhr eines so schweren Massengutes hat die Möglichkeit, ausschließlich
oder vorwiegend Wasserwege zu benutzen, zur Voraussetzung. Diese
ist gegeben in der günstigen Lage zweier englischer Kohlenbecken,
die sich fast in unmittelbarer Nähe der Küste befinden. Ganze Flottillen
verlassen alljährlich die großen Ausfuhrhäfen an der Küste Nordost-
englands und an der Südküste von Wales, um die zahlreichen eng-
lischen Kohlenstationen, die Kolonien des britischen Weltreiches und
andere Länder mit Brennstoff zu versorgen. Dabei sind die Kohlen
oft wichtig als Füllsel oder Ballast von Schiffen, deren Raum von
einer anderen hochwertigen Fracht nicht ganz ausgefüllt werden kann.
England führt im Durchschnitt ein reichliches Viertel seiner Jahres-
förderung an Kohle aus. — Den amerikanischen Becken dagegen ist
durch ihre binnenländische Lage und durch die die Küste absperrende
Gebirgsschranke die Ausfuhr von Natur erschwert. Ihre Erzeugung
wird daher fast völlig im eigenen Bedarf verbraucht. Vorübergehend
führte die durch den Krieg verursachte allgemeine Kohlenknappheit
in Europa zu einer bedeutenden Auslandsverschiffung amerikanischer
Kohle. Daraus ergab sich in der Nachkriegszeit ein scharfer Konkurrenz-
kampf Englands und der Union auf dem internationalen Kohlenmarkt.
Der Absatz beider Länder wurde zudem sehr ungünstig beeinflußt durch
die zu deutschen Inlandspreisen erfolgenden Zwangslieferungen Deutsch-
lands an Frankreich, Belgien, Italien und Luxemburg*. Die Entwick-
lung der neuesten Zeit hat ’aber dazu geführt, daß England auf Grund
seiner natürlichen Vorteile seine alte Stellung als erster und weitaus
wichtigster Kohlenversorger der Welt wiedergewann. — Deutsch-

1 Die deutschen Lieferungen betrugen beispielsweise: 1920: 15,6 Mill. t; 1921: 18,0 Mill, t;
1923: 6,5 Mill. t (Ruhrbesetzung !); 1926: 19,2 Mill. t; 1927: 15,1 Mill. t. Hauptempfänger waren
Belgien, Frankreich mit seinen nordafrikanischen Kolonien und Italien.
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        ‘24 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

3

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® = 05MiIlt englische Kor

500km
„0 km_
101. Die englische Kohlenausfuhr im Jahre 1927,
lands beide wichtigsten Kohlenbezirke, der rheinisch-westfälische und
der oberschlesische, sind für die Ausfuhr und die Verteilung der Kohle
im Lande sehr verschieden ausgestattet. Dem ersteren steht der Rhein
als vollwertiger Großschiffahrtsweg zur Verfügung, und Duisburg-
Ruhrort wurde lediglich durch seinen gewaltigen Kohlenumschlag zu
dem verkehrsreichsten Flußhafen der ganzen Welt (vgl. Karte S. 183).
Dagegen sind die Oder und der Klodnitzkanal für die Kohlenabfuhr
Oberschlesiens nur von untergeordneter Bedeutung. Wie vor dem
Kriege tritt Deutschland jetzt wieder als wichtiger Wettbewerber auf
dem internationalen Kohlenmarkt auf. Im Jahre 1927 konnte es ein
Viertel seiner Förderung im Ausland unterbringen. Mit rund 40 Mill. t
stand es unter den kohlenausführenden Ländern der Welt an zweiter
Stelle nach England (72 Mill. t) und vor der Union (19 Mill. t).

Von dieser Ausfuhr entfallen rund drei Achtel auf Reparationskohle für
die obengenannten Ententeländer, Im übrigen sind Deutschlands beste Ab-
nehmer die Niederlande, Schweden, die Schweiz und Österreich. Aber der
wichtige holländische Markt geht stark zurück, seitdem die neuentdeckten Lager
in Limburg immer stärker in Abbau genommen werden und Hollands Stein-
kohlenförderung von 2 Mill. t vor dem Krieg auf 12 Mill. t im Jahre 1928 ge-
stiegen ist. Holländische Kohle drängt auf dem Rhein sogar nach Deutschland
hinein und macht zusammen mit der englischen der Ruhrkohle in Süddeutsch-
land scharfe Konkurrenz.
        <pb n="129" />
        YI. DIE BERGWERKE DER ERDE
PETROLEUM (ERDÖL)

Die weltwirtschaftliche Bedeutung des Petroleums beruht auf seiner
Verwendung zu Leucht-, Heiz- und Schmierzwecken und wurde durch
die zunehmende Einbürgerung der Ölfeuerung für Verkehrs- und In-
dustriemaschinen in den letzten Jahren ganz außerordentlich gesteigert
(vgl. S. 194). Daraus erklärt sich auch die schnelle Zunahme der
Petroleum-Weltproduktion, die sich seit 1900 reichlich versechsfacht
hat und seit 1923 auf mehr als 1 Milliarde Barrels? gestiegen ist. Für
1927 wird die Weltproduktion mit 173,7 Mill. t angegeben.

Wie die Kohle, ist das Erdöl ein Mineral organischen Ursprungs. Die heute
allgemein geltende Ansicht geht dahin, daß es aus den Fettresten einer unter.
gegangenen Tierwelt durch Destillation infolge der natürlichen Erdwärme in Ver
bindung mit dem in der Tiefe herrschenden Druck entstanden ist. In manchen
Fällen dürften auch fetthaltige Pflanzen, namentlich Wasserpflanzen, das Material
geliefert haben.

Petroleum tritt ähnlich wie die Kohle sowohl in jungen wie in alten
Gesteinsschichten auf. Die jüngeren, meist dem Tertiär, aber auch der
Kreide angehörigen Lager finden sich vor allem in den schwach ge-
falteten Vorländern der jungen Faltengebirge. Sowohl der meridionale
Faltenzug der Neuen Welt, wie der westöstliche Eurasiens sind reich
an Petroleumvorkommnissen (westliche Union, Mexiko, Südamerika —
karpatische, kaukasische, persische, indische Lager). Neben diese „Falten:
lager“ treten die an Zahl geringen, aber an Ausdehnung und Bedeutung
großen „Tafellager“ in nahezu ungestörten geologischen Schichten
des Altertums der Erde. Ihnen gehören die riesigen Lager im Öst-
lichen und mittleren Teile der Vereinigten Staaten an. — Die Träger
des Erdöls sind in der Regel stark durchlässige, also leicht durchdring-
bare Gesteine, wie Sande, Sandsteine, gewisse Kalke usw.

Vielenorts tritt das Petroleum in reichfließenden natürlichen Quellen
zutage, so im Bakugebiet, in Texas und an anderen Stellen der Union,
in Mexiko. Meist. aber wird es durch Brunnen gewonnen, deren An-
lage in manchen Feldern ganze Wälder von Bohrtürmen entstehen
ließen. Die mit den Petroleumlagern verknüpften Gase entweichen
dem Boden stellenweise in großer Masse, so auf der Halbinsel]
Apscheron am Kaspisee, im Ohiobecken und im Staate Oklahoma
(U. 8. A.). Dort stellen sie als Lieferanten von Heiz-, Koch- und
Leuchtgas eine wichtige Bezugsquelle für die Industriefeuerung sowie
für die Haushaltung und die Gasversorgung zahlreicher Städte dar.
Bei ihrer leichten Entzündbarkeit erzeugen die Gasquellen häufig die
bekannten natürlichen Feuer. Ein solches soll bei Baku bereits seit
dem 10. Jahrhundert brennen.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war Rußland als Erdölproduzent
führend. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts traten: an seine Stelle die
Vereinigten Staaten mit rasch steigenden Förderziffern, die gegen-
wärtig fast drei Viertel der Weltförderung darstellen. Bis 1917 be-
hauptete Rußland den zweiten Platz, stand aber bereits in scharfem
Wettbewerb mit dem neuerschienenen Ölstaat Mexiko, der nach dem
Zusammenbruch des Russischen Staates dessen Ölproduktion schnell

1 Barrel = 1,59 hl. 1 Millarde Barrels = etwa 140000 t.
        <pb n="130" />
        ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

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ZU
z— Gl
Paltern-

102. Verbreitung der Petroleumfelder und ihr Zusammenhang. mit den
geologischen Verhältnissen.

Brit Indien Peru, 2
79 73 Argentina 9

7927

Britindien 29%, ,Übr. Länder 14%
Galizien? DE
Holl-Osbind 29%

Yan
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530 Vereinigte
n Yen Staaten
&gt; 634%

Insges. Vereinigte
Rußland 57% 773,7Mill.\ Staaten
Tonnen 7 8%

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103. Erdölgewinnung der Welt 1913 und 1927.
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7900
' Ostfelder

7905 7970 7915
Mid Continent-Felder L_ Kalifornien
EZ] übrige (GolFKüste Rocky Mountains)

LE
{
\&amp;
7925

104. Anteil der Petroleumfelder der Union an der Gesamterzeugung
1895— 1925,
        <pb n="131" />
        VI. DIE BERGWERKE DER ERDE

Mill. Barreis
7200 ——-
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we00s| AUSSER

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[A
7906
106. Ölerzeugung Mexikos
1906 — 1927,

“105. Erdölgewinnung der
führenden Staaten 1910
bis 1927 und prozentualer
Anteil der Hauptstaaten
an der Erzeugung 1927.
@ Rußland (5,8) b Mexiko (5,5)
so Venezuela (4,9) d Persien (2,9)

e übrige Länder (8.4).

« Barreis 1926
„am fEIder
„rdolleitungen

FM

107. Ölfelder, Ölerzeugung und „Pipelines“ in den Vereinigten Staaten.
Die Zahlen in der Unterschrift geben die Ausbeute der Felder im Jahre 1927 in Mill. Barrels an.
1 Appalachenfeld (30,5) 2 Lima-Indianafeld (1,8) 3 Illionis und S.W.-Indianafeld (7,8) 4 Mid Con-
tinent (Zentral) - Feld (543,3) 5 Golfküstenfeld (49,7) 6 Felsengebirgsfeld (30,2) 7 Californiafeld (230.8)
        <pb n="132" />
        28 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
überholte und 1921 mit einem reichlichen Viertel der Welterzeugung
unbestritten an zweiter Stelle stand. Seitdem ist aber seine Förderung
schnell wieder zurückgegangen, sowohl absolut wie relativ; sie betrug 1927
nur noch 5,5% der Welterzeugung und ist damit wieder unter Rußlands
in letzter Zeit erneut schnell steigende Produktion gesunken. In den
allerletzten Jahren sind auch Persien und Venezuela in die Reihe
der größeren Produzenten eingetreten, neben denen sich Rumänien,
Britisch-und Niederländisch-Indien, Galizien als alte Ölländer be-
haupten und mehrere südamerikanische Staaten als neue geltend machen.

Die ältesten amerikanischen Ölfelder liegen im Osten der Union,

wo die Staaten Pennsylvanien, Ohio und West-Virginien mit
den benachbarten Teilen einiger anderer Staaten durch vierzig Jahre
bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts die Führung hatten. Noch 1901
lieferte der Osten mehr als acht Zehntel der amerikanischen Ausbeute.
Während aber diese alten appalachischen Ölgebiete schon seit
den neunziger Jahren einen starken Rückgang zeigten und die zeit-
weise sehr reichlich fließenden Quellen im Südosten von Texas sowie
die kleineren, am Golf von Mexiko gelegenen Felder in ihren Erträgen
stark wechseln, gewannen die großen Ölfelder Kaliforniens (nördlich
von Los Angeles) und die sogenannten Mid Continent-Felder der
Staaten Oklahoma, Kansas und Illinois immer mehr an Bedeu-
bung, und heute liefern Kalifornien und Oklahoma allein nahezu drei
Viertel der vereinsstaatlichen Ausbeute. Ganze Wälder mit Hunderten
von Bohrtürmen geben diesen Gegenden ihr Gepräge, und die Ein-
wohnerzahl von Los Angeles stieg von 100000 im Jahre 1900 auf
1260000 im Jahre 1925.

Der Schwerpunkt der amerikanischen Ölgewinnung rückte also allmählich
vom Osten nach den Präriestaaten und dem äußersten Westen. Das Petroleum des
Ostens liefert vornehmlich Leichtöl, Gasolin und Paraffin, während sich das des
Westens mehr zur Herstellung von Schmierölen und zuHeizzwecken eignet. Das
ist für den kohlenarmen Westen der Vereinigten Staaten von Bedeutung. Dort
sind nicht nur Lokomotiven und Dampfer auf Ölfeuerung eingerichtet, sondern
auch die Industrie geht immer mehr von der Kohlen- zur Ölfeuerung über.

Auf der Eisenbahn und in Rohrleitungen („pipe lines“) von vielen
tausend Kilometern Länge geht das Petroleum und zum Teil ‚auch
das Naturgas von den Erzeugungsstätten direkt in die Feueranlagen
der Industriezentren im Nordosten und Süden der Union und in die
Ausfuhrhäfen der Küste.

Die Hauptgebiete der seit dem Jahre 1910, wie erwähnt, sprung-
haft gestiegenen, bald aber ebenso sprunghaft wieder gesunkenen mexi-
kanischen Ölausbeute liegen in der Küstentiefebene des Golfs. Die
nördliche Region bei Tampico-Tuxpam, das 60 km lange „Goldene
Band“, liefert Schweröle, das südliche Feld bei Tehuantepec Leichtöle.

Neuerdings hat die Erschließung der großen Ölzone im ganzen öst-
lichen Vorland der Anden von Kolumbien bis Patagonien große Fort-
schritte gemacht. Namentlich hat Venezuela die Ausbeutung seiner
Lager am Ufer der Maracaibobucht so stark gesteigert, daß es heute
unter den Welterzeugern die vierte Stelle nach den Vereinigten
Staaten, Rußland und Mexiko einnimmt. Aber auch Kolumbien,
        <pb n="133" />
        VI. DIE BERGWERKE DER ERDE 129
Peru und Argentinien traten in die Reihe wichtiger Erzeuger ein
Durch den neuerschlossenen Reichtum Mittel- und Südamerikas
ist der Anteil der
Neuen Welt an der
Weltölerzeugung auf
rund 85 Hundertteile
gestiegen. Mexiko, Ve-
nezuela und Kolum-
bien helfen den rie-
sigen Ölbedarf der
Union decken, der
die eigene große Er-
zeugung gegenwärtig
noch übersteigt.
Von den russi-
schenÖlvorkomm-
nissen, die vor allem
längs des Nord- und
Ostabhanges des Kau-
kasus liegen, sind die
weitaus wichtigsten
die bei Baku auf der
Halbinsel Apsche-
ron. Überall ver-
rät sich hier das Öl
in so reichem Maße,
daß es dem gan-
zen. Landschaftsbilde
durch Erdgasausbrü-
che, Schlammrvulkane
und dergleichen ein
eigenartiges Gepräge
gibt. Ein Wald von
Bohrtürmen vervoll-
ständigt das Bild. Die
etwa über 60 km sich
erstreckenden Naph-
thalager werden seit
1872 im großen aus-
gebeutet. Während
des Weltkrieges hörte
die Ausbeute zeit-
weise ganz auf. Noch
im Herbst 1924 la-
gen 2000 Bohrtürme
brach. Aber allmäh-
lich stieg die jetzt
vom Staate betriebe-
ne Förderung wieder.
Reinhard, Erdkunde,

Bsdt
— 7000

800

O0

400

200

; A la a ‘—_
400 “05 “7 DB 2 es nl
109, Steigerung der Ölproduktion Südamerikas.
        <pb n="134" />
        130 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
und die Ausbeute von 1927 (71000 Barrels) hat die der Vorkriegszeit
bereits wieder überschritten. Die Ausfuhr geht vor allem westwärts.
Eisenbahnen und Rohrlinien bringen das Öl nach dem Hafen Batum
am Schwarzen Meer. — Die Ölzone von Apscheron setzt sich jenseits
des Kaspisees, aber auch an seinem Südufer auf persischem Staats-
gebiet fort. Wichtiger als diese nordpersischen sind aber die von den
Engländern in Angriff genommenen überaus reichen südpersischen
Lager, die sich längs der persisch-mesopotamischen Grenze und dem
Persischen Golf von Mosul bis Bender Abbas erstrecken, und deren Er-
zeugnisse für die Versorgung der indischen Flotte und Eisenbahnen
von höchster Bedeutung sind. Die zunächst erschlossenen Quellen
liegen im Bereich des Karunflusses östlich von Schuschter. Das dort
gewonnene Öl
gelangt durch
Rohrleitungen
in die Raffine-
rien der im
Delta des
Schat el Aral
gelegenen
Insel Abadar,
und von dort
zur Ausfuhr. —-
Außer den ge-
nannten sind
in Asien nocb
Britisch-
Hinterin-
dien(Birma)
derIndische
Archipel
(Borneo und
Sumatra) als
wichtige Ölre-
gionen zunen-
nen. Von ge-
ringerer Bedeutung sind die Öllager Japan-Formosas und die von China.
Unter den europäischen Ölfeldern sind die bedeutsamsten
die am Außenrand der Karpaten auf rumänischem (Distrikte Pra-
hova und Dambovitza) und galizischem Boden gelegenen, die
von besonderer Bedeutung für die Versorgung Mitteleuropas sind. Die
galizische Ölzone erstreckt sich längs der Ostabdachung der Karpaten
von Neu-Sandez bis zur Bukowina. Der wichtigste Bezirk ist der
von Borislaw-Tustanowice, andere sind die von Schodnica, Jaslo
und Stanislau. Die kleinen deutschen Lager im Bereich der so-
genannten Allerlinie bei Peine-Ölheim und Celle-Wietze, neuer-
dings bei Nienhagen (Provinz Hannover), am Tegernsee und in dem
jetzt französischen Bezirk Pechelbronn-Merkweiler im Elsaß konnten
immer nur einen verschwindend kleinen Teil unseres Bedarfs decken.

-
        <pb n="135" />
        VI. DIE BERGWERKE DER ERDE 131
Mit der steigenden Bedeutung des Erdöls als Betriebsstoff für Automobile,
Luftfahrzeuge und U-Boote und der zunehmenden Verwendung in der Industrie
gewinnt die Herrschaft über sein Vorkommen weltpolitische Bedeutung.
Darum hat sich in den letzten Jahrzehnten ein reger Wettkampf um die
Erdölquellen, anschließend an den alten Wettkampf um die Kohlenlager, ent-
sponnen. Er spielt sich vor allem ab zwischen den Vereinigten Staaten und
England, das bemüht ist, durch emsigste Anstrengungen in allen Weltteilen
Ölfundstätten in seine Hände zu bringen und dadurch der bisherigen, in ge:
wissem Grade monopolistischen Vorrangstellung der Union auf dem Weltölmarkt
entgegenzuarbeiten. Andrerseits ist auch die Union bestrebt, einen möglichst
großen Anteil an nichtamerikanischen Feldern sich zu verschaffen, um die
eigenen, durch die riesenhafte Ausbeute der letzten Jahrzehnte stark vermin-
derten Vorräte möglichst zu schonen. Die Werkzeuge, deren sich beide
Staaten im Konkurrenzkampfe bedienen, sind die großen Öltrusts, von denen
die Standard Oil Co. die amerikanischen, der Royal-Dutch-Shell-Kon-
zern die englischen Interessen vertritt, Jeder dieser Konzerne umfaßt viele
Hunderte größerer und kleinerer Tochtergesellschaften. Einige andere, nach
außen hin noch selbständige Gesellschaften, stehen doch in gewissen Beziehungen
zu einem der beiden großen Konzerne.

Die Heftigkeit des Kampfes um den Besitz der Petroleumfelder erklärt
sich aus der Tatsache, daß die vermutlich noch in der Erde ruhenden Ölvorräte
in den einzelnen Staaten vielfach in keinem Verhältnis zur gegenwärtigen För-
derung und besonders zum gegenwärtigen Verbrauch der betreffenden Staaten
stehen. Der Aggregatzustand des Petroleums
läßt nur eine sehr unsichere Bestimmung des
vorhandenen Weltvorrates zu. Immerhin ist
man auf verschiedenen Wegen zu einer Schätzung
von rund 6,5 Milliarden t als noch vorhandenem
Vorrat an Petroleum gekommen. Seine Ver
teilung auf die einzelnen Länder ergibt folgendes
Bild: .

Verein. Staaten 20° Nordafrika . . 1,9%
Kanada. . . Rußland . . . 15,0%
Mexiko . . Übriges Europa 2,4%
. . E
Südamerika Japan .... 26% Kanada 2,1%
China... 00004 + 0.4 440000000 2,9% 112. Geschätzte Ölvorräte
Britisch- und Niederländisch-Indien , . . 9,9% der Welt in Hundertteilen.
Persien und Mesopotamien , ... 12,8% Vegl. dazu Abb. 103, S. 126.

Bedenkt man, daß die Vereinigten Staaten bei der fast hundertprozentigen
Motorisierung ihrer Wirtschaft gegenwärtig 70—80% der Weltölförderung ver-
brauchen, dabei aber nur über 20% der noch vorhandenen Vorräte verfügen, so
kann man bei der weltwirtschaftlichen und machtpolitischen Bedeutung des
flüssigen Brennstoffes die Sorgen amerikanischer Staatsmänner um die Er
schöpfung ihrer Ölbrunnen wohl verstehen.

EISEN

Das Eisen ist nicht nur das wichtigste, sondern auch das am meisten
verbreitete Metall, es ist geradezu allgegenwärtig auf der Erde; aber
abgesehen von dem Meteoriteisen kommt es nirgends in der Natur
„gediegen“, d. h. in reinem Zustand vor, sondern stets in Verbindung
mit anderen Stoffen, als Mineral in der Form des Eisenerzes. Die
für die Verwendung in der Eisenindustrie wichtigsten Eisenerze sind
Magneteisenstein, Roteisenstein, Brauneisenstein, Eisenspat und neuer:

Me

a
        <pb n="136" />
        ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

Jeinere Fundorte Zahlen = Milinarr-
113. Vorrat der wichtigsten bekannten Eisenerzlager der Welt in Milliarden t.
Vergleiche damit die gegenwärtige Förderung nach Abb. 114. Beachte dabei die Unterschiede im
Maßstab der Kreise beider Karten.
dings auch Eisenkies. Im allgemeinen gilt ein Erz dann als praktisch
verwertbar, wenn es mindestens 20—30% Kisengehalt aufweist. Doch
kommen bei der Frage, ob sich der Abbau eines Lagers lohnt, die
örtlichen Verhältnisse, namentlich die größere oder geringere Möglich-
keit der Verhüttung an Ort und Stelle und der bequemen Abfuhr,
stark in Betracht. Da außerdem die Gewinnung und Weiterverarbeitung
des Eisenerzes bisher noch in hohem Maße an die Verwendung der
Kohle gebunden ist, so ist der Eisenerzabbau in den kohlenreichen
Ländern im allgemeinen am weitesten fortgeschritten.

Verbreitung. Sicherlich sind längst nicht alle abbauwürdigen Eisen-
erzlager der Welt bekannt!, aber auch von den bekannten werden aus
den angeführten Gründen fast nur die der nördlich gemäßigten Zone
ausgebeutet.

So kommt es, daß die geographische Verbreitung der bekannten
Eisenerzlager und die Reihe der wichtigsten Förderstaaten sich keines-
wegs vollständig decken (vgl. Abb. 118 und 114). Mehr als 80% der
bekannten Eisenerzlager entfallen auf Brasilien, die Vereini gten
Staaten, Frankreich, Neufundland und Kuba. Dagegen liefern
— der Menge ihrer Erzeugung nach geordnet — die Vereinigten
Staaten, Frankreich, England, Schweden, Luxemburg und
Deutschland reichlich acht Zehntel der gegenwärtigen Welterzeugung
(130 bis 140 Mill. t). Ihnen folgen als nächstwichtige Förderstaaten
Rußland, Spanien und Algier. Im ganzen gruppieren sich
die Hauptzentren der Eisengewinnung in den Randgebieten
des Atlantischen Ozeans, so daß dessen wirtschaftliches Über-
gewicht über die anderen Weltmeere auch dadurch gesichert wird.

Förderung. Allen voran steht die Union, deren Förderung gegen-
wärtig mehr als ein Drittel der Welterzeugung ausmacht. Die älteren
Abbaubezirke liegen im Bereich der Appalachen, wo Pittsbur g im
Norden, Birmingham (Alabama) und Bessemer im Süden Mittel-
punkte der Verhüttung und Verarbeitung sind. Viel größer aber sind
1 Die bekannten und zum Teil in der Ausbeutung befindlichen Eisenerzlager der Welt werden
gegenwärtig auf 824 Milliarden t und die außerdem wahrscheinlich vorhandenen auf 98 Milliarden t
geschätzt.
        <pb n="137" />
        VI. DIE BERGWERKE DER ERDE

“3°

m HH
X
114. Eisenerzförderung der Welt um 1927 in Tausend Tonnen.

PMÜH.t
E37

_—-

Luxem bg

Em

A.
71852

A
115. Eisenerzgewinnung wichtiger Erzeuger 1892—1927.

Das Diagramm veranschaulicht die starken Schwankungen der

amerikanischen Erzeugung und den Übergang der deutsch-lothringi-
schen Minettelager in französischen Besitz.

Bezirk
Oberer See

——_ —
BO Millt
Sirmingharn

116. Lothringisches
Minettegebiet,.
(Mit alter Grenze.)
Die Zahlen bedeuten die
Anzahl der Hochöfen in
der Umgebung der ge
nannten Orte.

D. Oth. = Deutsch-Oth.
FF. = Fentsch.

Gr. M. = Groß-Mövern.
bb. = Rombach.
New York

Rest

. Mittel 1908/1910)
DE Mi c0e1 1921/23
EN

BMI

Can
117. Eisenerzförderung in
den Hauptlagerstätten der
Vereinigten Staaten,
        <pb n="138" />
        134 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
die Erzmengen, die heute in den Landschaften südlich und besonders
in denen nordwestlich vom Oberen See gefördert werden. Hier liefert
die Mesabikette, in der hochwertige Eisenerze im Tagebau gewonnen
werden, mehr als die Hälfte der ganzen Produktion der Union, —
das gesamte Gebiet am Oberen See aber 85%. Ein in der Welt einzig
dastehender Verbindungsweg zwischen den Eisenerzlagern am Oberen
See und. den Kohlengruben Pennsylvaniens hat unter Anwendung
der vollkommensten Gewinnungs- und Transportmethoden am Süd-
ufer des Erie- und des Michigansees ein weiteres bedeutendes Eisen-
industriezentrum entstehen lassen, dessen Mittelpunkte Buffalo, Cleve-
land und Toledo, Chicago und sein südöstlicher Industrievorort,
die neuentstandene Eisenstadt Gary, wurden. Das ganze Dreieck
zwischen Pittsburg, Buffalo und Chicago füllt sich jetzt mit Orten,
die Eisen und
Stahl erzeu-
gen und in
die mannig
faltigsten For
men verarbei
ten. Ander-
seits wandert
neuerdings
auch pennsyl
vanische Koh:
le zu den Erz-
lagern des Up-
per Lake-Di-
striktes und
hat in Du-
luth— Two
Harborsund 118, Die Wege der Eisenerze aus dem Gebiet des Oberen Sees,
an anderenOr-
ten die jüngste, bodenständige Eisenindustrie der Vereinigten Staaten
hervorgerufen, Duluth wurde durch seine riesigen Erzverschiffungen
der weitaus größte Binnenhafen der Welt (siehe 8. 186, Anm. 1).
Frankreichs und Deutschlands Erzförderung beruhte bis zum
Kriege vor allem auf ihrem Anteil an dem größten mitteleuropäischen
Eisenerzlager, an dem lothringischen Minettegebiet in den Jura-
schichten beiderseits der alten lothringischen Westgrenze nördlich Metz.
Die Erze dieses Lagers, an dem im Norden auch Luxemburg und in
geringem Umfang Belgien beteiligt sind, wurden wegen ihres großen
Phosphorreichtums und ihres geringen Eisengehaltes (28 — 31%), der ihnen
den Namen „Minette“, d. i. kleine Erze, eintrug, früher nur wenig ge-
schätzt. Mit der Einführung des Thomasverfahrens blühte aber die
Förderung und damit die Verhüttung in Lothringen so gewaltig auf,
daß dies vor dem Kriege 80% der französischen wie der deutschen
Gesamteisenerzförderung lieferte. Mittelpunkte wurden auf französischer
Seite das Becken von Briey und Longwy, auf deutscher ein Bezirk im
Norden (Deutsch-Oth), vor allem aber die Gebiete an der Fentsch
        <pb n="139" />
        135
(Mitte) und Orne (Süden), Mit Hilfe von Kohle aus dem Ruhrbezirk
entstand in diesen Zentren in beispiellos schneller Entwicklung eine
blühende Schwerindustrie, die mit ihren Leistungen in den letzten
Vorkriegsjahren denen des Ruhrgebiets nahe kam.

Mit der Gewinnung auch des deutschen Anteils wurde Frankreich
der erste Eisenerzproduzent ganz Europas, der zweite der Welt,
während Deutschland von der zweiten an die sechste Stelle in der
Welterzeugung treten mußte. Die Verhältnisse liegen hier ähnlich wie
hinsichtlich der Gewinnung der oberschlesischen Kohlenfelder durch
Polen. Frankreich, das schon vor dem Erwerb Deutsch-Lothringens
den größeren Anteil des Minettebezirks besaß und einen beträcht-
lichen Teil der gewon-
nenen KErze ausführte,
verfügt jetzt über einen
derartigen Überfluß, daß
es ihn nur durch eine
starke Steigerung der
Ausfuhr nutzbar machen
kann*!. In den letzten
Jahren führte es ein
knappes Drittel seiner
Erzförderung nament-
lich nach Belgien-Luxem-
burg, aber auch nach
Deutschland und den
Niederlanden aus. In
diesem Zusammenhange
erhält das immer wie-
der hervorgetretene Be-
mühen Frankreichs, auch
in den Besitz der größ-
ten Eisenverarbeitungs-
stätte des festländischen,

Europas, des rheinisch-

westfälischen Industriebezirkes, zu gelangen, eine besonders ernste Be-
deutung (Ruhrbesetzung). Deutschland aber, das für seine hochentwickelte
KEisenindustrie schon vor dem Kriege etwa zwei Fünftel der benötigten
Roherze einführen mußte, ist jetzt darin noch mehr vom Auslande
abhängig. Im Jahre 1927 führten wir fast drei Viertel unseres Erz-
bedarfes vor allem aus Schweden, Spanien und Frankreich, aber auch
aus Französisch-Nordafrika, Neufundland und vielen anderen Ländern ein.

Die Deutschland verbliebenen 16 Eisenerzbezirke, die nur ein Fünftel
der früheren Gesamtförderung liefern, liegen alle im Westen Deutsch-
lands, zum größten Teil im Bereich der Mitteldeutschen Gebirgsschwelle.
Dort finden sich auch die drei wichtigsten Vorkommnisse: die Spat-
eisensteinlager des Siegerlandes (1926: 34,4% der Gesamtgewinnung).

VI. DIE BERGWERKE DER ERDE

1 Außerdem verfügt Frankreich noch über gewaltige Eisenerzvorräte in anderen Teilen des
Landes, namentlich in der Normandie, deren riesige Lager bisher nur verschwindend in An-
spruch genommen wurden.
        <pb n="140" />
        36 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
die oberhessisch-nassauischen Rot. und Brauneisensteine an Lahn
und Dill, die dadurch bemerkenswert sind, daß sie die höchstprozen-
tigen (im Durchschnitt 40%) Erze Deutschlands liefern (11,2%) und
lie Brauneisensteinlager von Peine-Salzgitter südöstlich Hannover,
die heute am stärksten ausgebeuteten deutschen Lager (27,2%). Die
übrigen Vorkommnisse sind nur geringfügiger Natur, wenn auch. wie
im Harz, oft von großer örtlicher Bedeutung.

In England fallen die Eisenerzlager günstigerweise fast überall
mit den Kohlengebieten zusammen. Zudem erfreuen sich die meisten
anglischen Eisen:
industriebezirke
durch ihre küsten-
nahe Lage der gün-
stigsten Bedingun-
gen für die Zufuhr
überseeischer,skan-
linavischer und
spanischer, Erze.

Von den ge-
nannten Haupter-
zeugern vermögen
nur Frankreich
und Schweden

beträchtliche

Mengen von Ei-

3enerzen auszu-

führen, dagegen

müssen die ande-

ren Staaten noch

Erze für ihre Eisen-

industrie einfüh-

'en, auch die Ver-

ainigten Staaten

trotz ihrer Riesen-

Öörderung.

Schweden ge-

hört zu den erz- . a nn -
seichsten Ländern 120. Kohle, Eisen und Eisenindustrie in England.

der Welt, und seine Förderung ist in raschem Wachsen begriffen. Die
älteren Abbaustätten im mittleren Schweden bei Grä ngesberg, Danne-
mora und anderen Orten werden gegenwärtig weit übertroffen durch die
lappländischen Lager von Kirunavara-Luossavara und von Gelli-
vare. Das Erzlager von Kirunavara ist das größte bisher bekannte Eisen-
erzvorkommen der Welt. Es bildet in einer Mächtigkeit von 45 bis fast
300 m einen 3% km langen Gebirgsrücken, an dem in zahlreichen Stufen
das wertvolle Erz im Tagebau gewonnen wird. Der Abbau nahm
schnell. zu, nachdem durch den Bau einer der nördlichsten Bahnlinien
der Welt von Kirunavara nach dem norwegischen Hafen Narvik
‘Ofotenbahn) die Möglichkeit der Ausfuhr während des ganzen Jahres
        <pb n="141" />
        VI. DIE BERGWERKE DER ERDE 137
geschaffen worden war. In den Sommermonaten werden die Erze
außerdem über den nur von Mai bis Mitte November offenen Ostsee-
hafen Luleä verschifft. Obgleich die schwedische Eisenindustrie unter
zunehmender Ausnutzung der vorhandenen reichen Wasserkräfte, der
„weißen Kohle“, immer größere Mengen der geförderten Eisenerze auf-
zunehmen vermag und außerdem in ihrem Holzkohleneisen eine ganz
vorzügliche Qualität erzeugt, wird doch weitaus der größte Teil der nord-
schwedischen Eisenerzausbeute ausgeführt, und zwar in der Hauptsache
nach Deutschland.
Der Rest geht nach
England, Belgien,
Frankreich und so-
gar nach den Ver-
einigten Staaten.
Der hohe Wert der
schwedischen Erze
liegt in ihrem
großen, 55—70%
betragendenKisen-
gehalt.
Neben Frank-
reich und Schwe-
den tritt nur noch
Spanien als wich-
tiger KEisenerzex-
porteur auf dem
Weltmarkt auf. Die
spanischen Erze
aaben fast den
gleich hohen Eisen-
gehalt wie die
schwedischen. Sie
werden gegenwär-
tig vor allem am
Nordabhang des :
asturisch-kantabri- 5— . Sr N -
schen Randgebir- 121. Die schwedischen Erzlager und ihre Förderung 1927.
ges, vornehmlich in den Bezirken von Bilbao und Santander, gewonnen
und über diese beiden Häfen ausgeführt. Die unmittelbare Nachbarschaft
des Meeres begünstigt die zum größten Teil nach England, zum kleineren
nach Deutschland gehende Ausfuhr. Die allmähliche Erschöpfung der
ostkantabrischen Lager wird zu stärkerer Ausbeute der westkantabri-
schen (Oviedo, Lugo) sowie der Lager in der Sierra Menera (Teruel), der
Sierra Morena (Huelva) und an der Südostküste (Almeria u. a.) führen.
KEisenindustrie. Aus den Eisenerzen wird Roheisen und Stahl gewonnen.
Für die Erzeugung dieser Stoffe ist gegenwärtig noch die Kohle das wesent-
lichste Hilfsmittel. Wo solche fehlt oder nur in ungenügenden Mengen vor-
handen ist, wie in Schweden, in Spanien und Rußland, in den lothringischen
MWinettelagern, wandert im allgemeinen das Erz als der wertvollere Rohstoff
        <pb n="142" />
        138 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
zur Kohle*, Somit ist die Eisenindustrie nicht überall bodenständig, aber doch
sind bei dem hohen Gewicht der Eisenerze die Bedingungen für die Entwick-
lung der Eisenindustrie in denjenigen Ländern am günstigsten, in denen Kohle
und Eisen gemeinsam in größeren Mengen vorkommen, Gegenwärtig sind die
Union, Deutschland, Frankreich und England die wichtigsten Erzeuger
von Eisen und Stahl. Aber auch Belgien und Luxemburg, Kanada, Japan
und die Tschechoslowakei zeichnen sich in der Herstellung von Eisenwaren
und Maschinen aus. Für die Stellung, die die Industriestaaten im weltwirt-
schaftlichen Konkurrenzkampf einnehmen, bedeutet die Leistungsfähigkeit ihrer
schweren Eisenindustrie einen der wichtigsten Prüfsteine. In den letzten Jahr-
zehnten vor dem Kriege haben besonders die Union und Deutschland ihre
Eisen- und Stahlerzeugung außerordentlich stark vermehrt. Von Deutschlands
Eisen- und Stahlerzeugung entfallen etwa vier Fünftel auf das rheinisch-west-
fälische Industriegebiet.
Eisenerzeugung der wichtigsten Länder
1913, 1922, 1925, 1926, 1927 in 1000 t.
7ereinigte
Staaten

‚913 31 476
1922 27 300
1925 37 280
1926 40 000
1927 27 09292

Deutsches
Reich

Frankreich! England

Belgien

ı Luxemburg

19 312 9000 10 428 2484 2544
8 400 5124 4 980 1608 1680
10.177 8494 6336 2541 2344
9 500 | 9400 2 500 3400 2500
12 104 9288 7416 | 3756 2716
Auch die Stahlproduktion zeigt ein ähnliches Verhältnis der Wettbewerber.
Fügen wir noch die Zahl der in den wichtigsten Ländern vorhandenen Hoch-
öfen und ihre Leistungsfähigkeit — Produktionskapazität — in Hundertteilen der
möglichen Weltleistungen aller Eisen; und Stahlindustrien bei, so erhalten wir
ein vergleichbares Bild der vier großen Eisenindustriestaaten.

Stahlerzeugung (1913 ,
in 1000 € 11927 ,

Zahl der Hochöfen 1928

Produktionskapa- { Roh-
zität in % der
Weltleistungs- |
Bhigkeit Stahl *

1 1096

Vereinigte
Staaten

21812
14 479
371%
53,1
56,1 |

| England

Deutsches
Reich

| Frankreich

7788
9254
4821

18 266
16267 |
185

4688
8275
219
12,2 12,2 11,1
11,4 | 13,3 9,5
KUPFER

Kupfer ist in gediegenem Zustande in größeren Mengen auf der
Erde vorhanden als irgendein anderes Metall. Daher war es schon dem
Menschen der Urzeit bekannt und wurde von ihm besonders in der
Verbindung mit Zinn als Bronze verarbeitet. In Nordamerika hat man
am Oberen See gediegene Kupferklumpen bis zu 400 cbm Inhalt ge:
funden. Aber das meiste Kupfer wird doch aus Erzen der verschie-
densten Art gewonnen. Der Verbrauch an Kupfer und damit dessen
Erzeugung hat in dem letzten Halbjahrhundert vor allem durch die
rasch zunehmende Elektroindustrie eine gewaltige Steigerung erfahren.

1 Daß gelegentlich aber auch der umgekehrte Fall eintritt, sahen wir oben S, 1384 und 135
        <pb n="143" />
        /1. DIE BERGWERKE DER ERDE

ve Lande.

Zahlen &gt; 1000 1
122. Weltkupfergewinnung 1927.

Die Welterzeugung und der Weltverbrauch an Rohkupfer
beträgt im Durchschnitt der letzten Jahre mehr als 1 Million t, 1927:
1,5 Mill. t. Davon lieferten die Vereinigten Staaten, auf die im
Jahre 1850 nur 1% der Weltkupfererzeugung entfiel, im “Mittel der
Jahre 1911 — 1913: 58%, im Mittel der Jahre 1922 — 1926 aber 65%.
Ihnen folgen als nächstwichtige Erzeuger, aber in weitem Abstand,
Chile, der Kongostaat, Deutschland, Kanada, Japan und
Mexiko. Viele dieser Staaten verhütten nicht nur die heimischen Erze,
sondern auch von anderen Ländern eingeführte, so die Union, Deutsch-
land, Japan u. a., während umgekehrt Spanien, das in der Erzgewinnung
an dritter Stelle steht, in der Rohkupfererzeugung nur eine ganz unter-
geordnete Rolle spielt. Ähnlich liegen die Verhältnisse bei Italien,
Südslawien, Kuba und in anderen Ländern.

In den Vereinigten Staaten war ursprünglich der führende Kupfer-
staat Michigan, wo in den eiszeitlichen Schuttmassen der Halbinsel
Keewenaw am Oberen See riesige Blöcke gediegenen Kupfers sich
fanden. Nach deren Ausbeute holte man die Kupferblöcke und die Erze
reicher Gänge aus der Tiefe, in die man schließlich bis 2000 m eindrang.
Die zunehmende Erschöpfung dieser Gruben führte dazu, daß gegen
Ende des 19. Jahrhunderts Michigan von Montana überholt wurde, das
bei Butte City und bei Great Falls am Madison-Missouri gewaltige
Erzlager besitzt. Die ganze Stadt Butte liegt auf Kupferbergwerken,
und um die Pflanzenwelt der Umgebung vor weiterer Verwüstung durch
die bei der Kupferausschmelzung entstehenden schwefligen Dämpfe zu
schützen, schuf man abseits der Stadt in den Anaconda-Werken die
größte Kupferschmelze der Welt, die die giftigen Dämpfe durch riesige
Essen in gewaltige Höhen führt, wo sie durch Luftströmungen weit
weggetragen werden. In der weiteren Entwicklung mußte auch Mon-
tana die Führung wieder an einen anderen Weststaat abgeben. Seit
1910 übertrifft Arizona mit der Ausbeute seiner Lager im Westen
des Colorado-Plateaus (Bisbee, Globe, Jerome, Morenci) bei weitem alle
anderen amerikanischen Gebiete, aber auch Utah und Nevada sind
mit neuentdeckten Lagern in die Reihe der Großerzeuger eingetreten,
Demnach liegt das Schwergewicht der vereinsstaatlichen Kupferproduk-
        <pb n="144" />
        40 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜFERLEHRE

500 '

4/98:

gr

123. Kupfererzeugung der Vereinigten Staaten

"en in 1000
ofererzlagersislten
A
tion heute ganz überwiegend in den Weststaaten, deren einzelne An-
teile das obenstehende Kärtchen angibt. Für viele Ortschaften des
Westens bilden die Kupfergruben die einzige Existenzgrundlage, und
wenn diese erschöpft sind, gehen auch die Siedelungen wieder ein.

Trotz ihrer riesigen EKigenförderung führt die Union große Kupfererz-
mengen aus anderen amerikanischen und aus europäischen Gewinnungsgebieten
ein. Die Schiffe bringen die Erze vielfach als Ballast auf der Rückfahrt in die
Schmelzhütten von New York, Baltimore und Norfolk, von wo ein großer Teil
des gewonnenen Kupfers wieder ausgeführt wird. Indessen nimmt der Eigen-
verbrauch der Vereinigten Staaten immer mehr zu; während i. J. 1913 nur die
Hälfte des gewonnenen Kupfers im eigenen Lande weiterverarbeitet wurde.
sind es gegenwärtig etwa drei Viertel.

Die Lager von Arizona setzen sich auf mexikanischem Boden in
der Landschaft Sonora fort. Doch hat Mexiko außerdem bedeutende
Kupfererzschätze im Süden der Halbinsel Nieder-Kalifornien, wo
Beleo der Mittelpunkt der Erzeugung ist. In Südamerika ist Chile
der bei weitem wichtigste Kupferstaat, der in seinen mittleren und
nördlichen Provinzen reiche Lager besitzt. Der alte, aber zeitweise
infolge geringer Rentabilität stark zurückgegangene Abbau hat sich
neuerdings mit Einführung besserer Arbeitsmethoden wieder wesentlich
gehoben, so daß seit 1920 Chile an zweiter Stelle unter den Kupfer-
produzenten der Welt steht. Fast der gesamte Kupferbergbau Chiles
ist in den Händen nordamerikanischer Gesellschaften. Nach der Union
geht auch der weitaus größte Teil der Ausbeute. — In Afrika hat
sich der Kongostaat durch die Minen von Katanga zum drittgrößten
Kupferlieferanten der Welt entwickelt. Abgebaut werden die großen
        <pb n="145" />
        VI. DIE BERGWERKE DER ERDE 141
Lager Östlich des Lualaba, wo die grünen und blauen kobaltreichen

Erze in großen Tagebaugruben gewonnen werden, während der west-

lich des Stromes liegende Teil noch der Erschließung im großen harrt.

Die Hauptschwierigkeit der Ausbeute besteht in den riesigen Ent-

fernungen, die alle zur Gewinnung benötigten Maschinen und Mate-

rialien nach Katanga und die Erze von Katanga zurücklegen müssen.

Die Ausfuhr geht im wesentlichen den 2700 km langen Weg über die

rhodesischen Bahnen nach dem portugiesischen Hafen Beira, während

der Kongoweg mit seinen vielen Umladungen nicht in Betracht kommt.
In Europa, das nur einen kleinen Bruchteil (5 — 6 %) der Weltkupfer-

ausbeute liefert, aber fast die Hälfte von dieser verbraucht, sind die

wichtigsten Förderstaaten Deutschland und Spanien. Deutschland

gewinnt neben geringen Mengen in Schlesien sein gesamtes Kupfer an

den Rändern des Harzes aus den schon seit fast tausend Jahren in Ab-

bau begriffenen Kupferkieslagern am Rammelsberg bei Goslar und

besonders aus den Kupferschiefer- Husirafam Ei

flözen bei Mansfeld. Während es Afrika08%

bei seiner hochentwickelten Indu-

strie das Vielfache seiner Kigen-

erzeugung an Kupfer einführen muß,

vermag Spanien einen großen Teil

seiner Ausbeute, die zu zwei Drittel

den Minen von Rio Tinto am

Südabfall der Sierra Morena ent-

stammt, auszuführen. — Dasselbe

gilt von Australien, dessen ge-

ringe Vorräte allerdings schnell der

Erschöpfung entgegengehen. Da-

gegen ist Japan trotz zahlreicher

Kupfervorkommnisse, von denen das wichtigste im zentralen Teil von

Nippon (Mine von Ashio) gelegen ist, noch auf Einfuhr angewiesen.
In zahlreichen Ländern sind noch Kupferlager nachgewiesen, die für eine

künftige Weltversorgung in Betracht kommen können, so in Transvaal, in

Kolumbien und Argentinfen, ferner in Alaska, China, Persien und Kaukasien.
Auch die Kupfererzeugung und der Kupferhandel werden beherrscht von

einem großen Trust, der „Copper Export Trading Co“, die etwa neun Zehntel

der Weltkupfererzeugung kontrolliert. Ihr gehören fast alle amerikanischen

Gesellschaften, die Katangaminen, die australischen Erzeuger und die dentsche

„Metallgesellschaft“ an.

%
$
Belgien 13%
k— Oesterreich 11%
"Rußland 0,9%
= Ybr Europa % 7 Y%

124. Kupfer-Weltverbrauch 1926.

GOLD UND SILBER

Gold und Silber, die von allen Metallen den Menschen am frühe-
sten bekannt wurden, pflegen wir als Edelmetalle zu bezeichnen.
Diese Benennung verdienen sie wegen ihrer schönen Farbe, ihres
Glanzes und — das gilt namentlich vom Gold — wegen ihrer Wider-
standsfähigkeit gegen atmosphärische Einflüsse. Sie werden in der
Schmuckindustrie und in der Technik mannigfach verwendet. Ihre
weltbewegende Bedeutung aber verdanken sie ihrer nach der Ver-
drängung der Naturalwirtschaft durch die Geldwirtschaft allgemein
gewordenen Verwendung als Zahlungsmittel. — Die jährliche Welt-
        <pb n="146" />
        142 ; ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
erzeugung beider Metalle verhielt sich im Durchschnitt der beiden
ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts der Menge nach etwa wie 1:10.
Seitdem verschob sich das Verhältnis stark zuungunsten des Goldes. Im
Jahre 1926 wurden rund 600000 kg Gold und 7,9 Mill. kg Silber gefördert.
Das Wertverhältnis von Gold und Silber war bis in die siebziger Jahre das
von 15:1, d. h. 1 kg Gold hatte den Wert von 15kg Silber. Später änderte sich
das Verhältnis dauernd zuungunsten des Silbers, und im Mittel der Jahre
1911—1915 entsprach der Wert von 1 kg Gold dem von 36kg Silber. Nach
vorübergehender Erhöhung des Silberwertes in den Nachkriegsjahren ist das
Wertverhältnis gegenwärtig mit 1:33 wieder etwa bei dem alten Stand angelangt.
Damit hat aber das Silber die Rolle eines internationalen Zahlungsmittels
immer mehr verloren und diese Stellung dem Gold allein überlassen müssen.
Das Gold.
Im Zeitalter der
Entdeckungen hat
das Gold wesent-
lich zur Erweite-

rung unserer
Kenntnisse vonder zor
Erdoberfläche bei-
getragen; denn die
Hoffnung, reiche
Goldfunde zu ma-
chen, war eine

Haupttriebfeder

für die Unterneh-

mungen des Ko-

lumbus und be-

sonders für die

seiner zahlreichen

Nachfolger (Konquistadoren!. Wo die Spuren der Goldlager auf-
hörten, erlahmte auch der Eifer der spanischen Entdecker.

Gold tritt in Gängen, namentlich in Quarzadern vulkanischer und
anderer Gesteine, als Berggold oder Ganggold auf. Bei der Zer-
störung goldführender Gebirge durch die Verwitterung gelangt es in
den Schutt solcher Gebirge und in die aus ihnen führenden Flüsse
und Bäche. In solchen Flußsandlagern oder „Seifen“ findet es sich
in Form von Staub, Körnchen, Nüssen („nuggets“) und Klumpen bis
zu Zentnerschwere, wird durch einen Waschprozeß gewonnen und heißt
darum „Waschgold“. Werden goldhaltige Schuttmassen durch ein Binde-
mittel verkittet und durch andere Schichten wieder überlagert, so
entstehen flözartig auftretende Goldlager, wie die Konglomerate des
Witwatersrandes in Transvaal. — Die großen Waschgoldlager sind heute
mit Ausnahme der Seifen von Alaska und Sibirien stark ausgebeutet,
und bei weitem die größte Menge des jetzt erzeugten Goldes wird
bergmännisch gewonnen.

Nachdem im 19. Jahrhundert schnell hintereinander die großen
Goldfelder von Kalifornien (1848), Australien (1851), Transvaal
(1885) und Alaska (1895) aufgefunden wurden, hat die Goldgewinnung

—300

-_ je

O7

100
        <pb n="147" />
        VI. DIE BERGWERKE DER ERDE

143

10 km
EEE
ıhannesburg . /

7% Hauptgebiet des Goldbergoaues

— Ausstrich Gold führender Schichten

wu Ungefährer Verlauf des Wilwatersrandes
126. Das Goldbergbaugebiet des Witwatersrandes. (Nach Jaeger-Sievers, Afrika.)
eine gewaltige Steigerung erfahren, die in erster Linie auf den reichen
Funden in Südafrika beruht. Afrika ist denn auch heute mit großem
Vorsprung der führende Goldproduzent.

Die zahlreichen kleinen Vorkommnisse im Osten, Westen und Norder
des Erdteils treten jetzt völlig zurück gegen die Fundstätten in Britisch:
Südafrika. Dort sind die älteren Abbaugebiete die Goldlager unc
Goldquarzgänge der Drakensberge. Im Jahre 1886 aber nahm man
die goldhaltigen Quarzitschichten des Witwatersrandes in Abbau, einer
Schichtstufe, die in 1800 m Meereshöhe die Wasserscheide gegen den
Vaal und Oranje trägt. Die Minen an der Südabdachung des
„Randes“ machten in kurzer Zeit Transvaal zum ersten Gold:
land der Erde, brachten freilich auch dem Lande die Unterwerfung
unter die Engländer. Nach dem Burenkrieg, der naturgemäß einen
starken Rückschlag der Golderzeugung zur Folge hatte, stieg die Pro-
duktion Transvaals schnell und erreichte im Jahre 1916 den Betrag von
289,2 t, um dann mit dem Sinken des Goldpreises, wie in fast allen
Erzeugungsländern, wieder etwas nachzulassen. Die letzten Jahre
brachten eine erneute Steigerung der Förderung, die sich 1927 auil
315000 kg belief, Der Witwatersrand wird in zahlreichen und großen
Bergwerken ausgebeutet. „Die weißen Abraumberge von zermahlenem
und vom Gold befreifem Quarzit und die Schachttürme und Fabrik-
anlagen an ihrem Fuße bestimmen auf 100 km das Aussehen der
Landschaft“ (Jaeger). Die meisten Minen liegen in der Umgebung
der Stadt Johannesburg, die, erst 1886 gegründet, heute 300000 E
zählt. Der durchgängig geringe Goldgehalt des Muttergesteins (im
Durchschnitt 11,7 g in einer Tonne) macht einen rentablen Abbau nur
durch Verwendung billiger Arbeitskräfte (Eingeborenenarbeit) und durch
äußerste Verteinerung der Extraktionsmethoden möglich. Die Zahl der
im Goldbergbau von Transvaal beschäftigten Beamten und Arbeiter be-
trägt gegen 200000. Günstig für den Abbau ist die Nachbarschaft von
ergiebigen Kohlenlagern (z. B. östlich von Johannesburg), die den Be-
triebsstoff für die bergbaulichen Maschinen liefern. Von Transvaal griff
die Goldgewinnung neuerdings auch nach Rhodesia über.

Der zweitwichtigste Goldproduzent ist die Union, die aber
noch nicht den vierten Teil der afrikanischen Förderung liefert. Hier
war zuerst der Staat Kalifornien durch seine Goldfelder am West-

ni
zn
        <pb n="148" />
        414

ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

DEN

_4SCBINASEL -

A
/
127, Die Golderzeugung der Welt in Tonnen 1927.
hange der Sierra Nevada im Goldabbau führend, später wurde er durch
die Goldreviere von Nevada (Comstock Lode) und Colorado über-
holt, unter denen namentlich das Revier von Cripple Creek in der
Nähe von Denver eine längere Reihe von Jahren hindurch der ertrag-
reichste nordamerikanische Goldbezirk gewesen ist. In den neunziger
Jahren begann die Ausbeute der Goldseifen und -gänge von Alaska,
wo die auf der Seward-Insel beim Kap Nome, die von Fairbanks am
Tanana River und die des Klondikebezirks die bekanntesten sind. Ihr
Ertrag nimmt aber mit der zunehmenden Erschöpfung der Lager und
Gänge schnell ab. — Der weitaus größere Teil der Goldfelder von
Klondike am Yukon liegt auf englisch-kanadischem Gebiet. Der
Abbau wird hier durch die mangelhaften Verkehrsverhältnisse stark
erschwert und ist im Rückgang begriffen. Die älteren Goldbergbau-
bezirke Kanadas liegen in den Felsengebirgsländern von Britisch-
Columbia. Die gegenwärtig wichtigsten Goldfelder des Dominion finden
sich in der Provinz Ontario. Von den dortigen weit verstreuten Vor-
kommen ist der Porcupine-Distrikt am wichtigsten geworden.

Von den übrigen amerikanischen Staaten liefern namentlich Mexiko,
ebenfalls aus der westlichen Kordillere, Kolumbien und Brasilien
Minas Geraes) nennenswerte Mengen von Gold.

In Australien hatte der Goldbergbau ursprünglich seinen Haupt-
sitz im östlichen Randgebirge. Im Staate Victoria wurden zu An-
fang gewaltige Klumpen gediegenen Goldes gefunden, als riesigster der
2520 Unzen schwere „Welcome Stranger“, später trat Queensland
durch die großen Lagerstätten des Mount Morgan bei Rockhampton
an erste Stelle. Dann aber wurde die Gesamtproduktion des Ostens
weit überholt durch die zahlreichen Goldfelder Westaustraliens, wo
namentlich die in der Umgebung von Coolgardie und Kalgoorlie
gelegenen die Hauptausbeute erbringen. Man gewinnt hier Ganggold in
bergmännischem Abbau, und die Schächte sind zum Teil schon bis weit
unter den Meeresspiegel in das Erdinnere hineingetrieben. Das deutet
darauf hin, daß auch hier die Goldschätze der Erschöpfung sich nähern.
Seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts ging die Gesamtausbeute Austra-
Jliens beträchtlich zurück (vgl. Abb. 125) und betrug i. J. 1927 nur noch
etwa 16 t gegen fast das Achtfache im Durchschnitt der Jahre 1901 —10.
        <pb n="149" />
        VI. DIE BERGWERKE DER ERDE 145
Asien und Europa sind an der Golderzeugung nur in geringem Maße
beteiligt. Die wichtigsten Gebiete Asiens liegen im Süden Vorderindiens und
in Sibirien. Dort haben einst deutsche Bergleute im Dienste der russischen
Krone den Goldbergbau eröffnet. Später wurden reiche Goldseifen entdeckt.
Gleichzeitig wanderte der Abbau ostwärts. Heute kommt der Hauptanteil der
Erzeugung aus dem Gebiet der Olekma (r. Zufluß der Lena), des Amur und
des Jenissei. — Europas heute noch erwähnenswerte Goldvorkommnisse liegen
im Ungarischen Erzgebirge (Schemnitz und Kremnitz), im westlichen Sieben-
bürgen und am östlichen Abhang des mittleren Ural, In Deutschland wird
Gold nur in ganz geringer Menge als Nebenprodukt bei der Ausschmelzung
goldhaltiger fremder Erze gewonnen. Wir decken daher fast unseren. gesamten
Bedarf durch Einfuhr fremden Goldes in Barren oder Münze,

Wie die Karte S. 144 zeigt, liegen für das goldbedürftige Europa
die reichen Goldschätze der Erde an den äußersten Rändern der Welt
im fernsten Westen, Süden und Osten.

Silber.

Das Silber findet sich niemals in Seifen, sondern entweder ge-
diegen in Gängen und Silberadern oder als Silbererz. Ganz reines
Silber ist sehr selten; fast immer enthält es fremde Metalle, häufig
Gold in beträchtlicher Menge.

Im Altertum und Mittelalter wurde der Silberbedarf der abendländischen
Kulturwelt durch die Gruben Europas gedeckt. Griechen und Römer holten
das weiße Metall namentlich aus Spanien. Im Mittelalter erlangten die Fund:
stätten des späteren Österreich Berühmtheit: das Ungarische Erzgebirge,
Böhmen, Südtirol und Salzburg. Dazu kamen noch Freiberg, Schneeberg und
Joachimsthal im Sächsischen Erzgebirge, der Rammelsberg bei Goslar und
die Umgebung von St. Andreasberg im Harz. Nach dem Dreißigjährigen Kriege
wurden die Gruben von Kongsberg in Norwegen erschlossen, wo Klumpen
bis zu 500 kg Gewicht gefunden wurden, Inzwischen aber trat immer mehr der
ungeheure Silberreichtum der Neuen Welt in Erscheinung, und heute liefert
die Kordillerenkette Amerikas mehr als acht Zehntel der gesamten
Silberausbeute der Welt.

Vom Ende des 17. Jahrhunderts bis 1913 war Mexiko unbestritten
der erste Silberproduzent der Welt. Dort wurde schon unmittelbar
nach der Eroberung der, Spanier der Silberbergbau in Angriff ge-
nommen, und Anfang des 19. Jahrhunderts zählte man bereits 500
mexikanische Bergbaumittelpunkte mit nicht weniger als 5000 Gruben.
Neben zahlreichen neuen sind viele alte Gruben noch oder wieder in
Betrieb, namentlich in der Umgebung der Hauptstadt Mexiko und
nordwestlich davon in den Bezirken von Zacatecas, Durango u. a.

Die gewaltige Steigerung der Silberproduktion Mexikos im 19, Jahrhundert,
die die Einführung moderner Förderungs- und Verarbeitungsmethoden mit sich
brachte, führte zu einem starken Sinken des Silberpreises, einer seltenen Er-
scheinung in einer Zeit, da sich die Preise wichtiger Welthandelsgüter in
ständiger Aufwärtsbewegung befanden. — Während der Weltkriegsjahre zeigte
die mexikanische Silbererzeugung infolge innerer Unruhen eine starke Verringe-
rung und wurde von der der Union zum Teil sehr beträchtlich übertroffen. Erst
seit dem Jahre 1919 behauptet Mexiko wieder unbestritten den ersten Platz in
der Welterzeugung.

An der Silberproduktion der Union sind alle Kordillerenstaaten
beteiligt, vor allem Utah, Montana, Nevada mit dem berühmten,
auch Gold liefernden Comstockgang am Ostabhang der Sierra Nevada,

Reinhard, Erdkunde. Tß
        <pb n="150" />
        146 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
ferner Idaho, Arizona, Kalifornien und Colorado. Aber auch
in den übrigen Kordillerengebieten, namentlich im Südosten Britisch-
Columbias, in Peru, Bolivia und Chile (Bezirk Copiapö) ist die
Silbergewinnung bis zum heutigen Tage beträchtlich. Kanada hat
außer im Felsengebirge vor allem wichtige Silberfundstätten im Cobalt-
bezirk des östlichen Ontario. Kanada und Peru gehören heute neben
Mexiko und der Union zu den Großerzeugern.

Gegenüber den Fundorten der Neuen Welt sind die Lagerstätten
der übrigen Kontinente von weit geringerer Bedeutung. Auffallend
arm an Silber sind Asien, wo nur Britisch-Indien und Japan
nennenswerte Mengen liefern, und Afrika, wo Silber nur im Zusammen-
hang mit der Goldgewinnung Transvaals
erzeugt wird. In Europa haben nur das
südöstliche Spanien und Deutschland,
letzteres mit seinen alten Gruben am
Harz und mehr noch mit dem als Ne-
benprodukt des Mansfelder Kupferbaus
gewonnenen Silber, einige Bedeutung
Australiens Silbererzeugung wird zum
weitaus größten Teil aus den Fundstätten
von Brokenhill in Neusüdwales, nächst-
dem aus tasmanischen Gruben gedeckt.

Die Silberproduktion Europas und Austra-

liens geht infolge zunehmender Erschöp- 128, Silbergewinnung der Welt

fung der Lager allmählich zurück. 1926: 7,9 Mill. kg.
KALISALZ UND CHILESALPETER

Den bisher behandelten Brennstoffen und Metallen reiht sich ein
Mineral von besonders hohem wirtschaftlichen Wert an, das Kalisalz.
Unter diesem Namen faßt man eine Reihe von Salzen zusammen, die
sich durch ihren hohen Kaligehalt auszeichnen... Sie kommen stets in
Verbindung mit Steinsalzlagern vor, und zwar bilden sie deren oberste
Schichten. Da sie früher beim Abbau des Steinsalzes als wertloses
Material „abgeräumt“ wurden, so nennt man sie auch Abraumsalze.
Sie liefern der Landwirtschaft ein vielbegehrtes künstliches Dünge-
mittel und haben außerdem vielen Zweigen der chemischen Industrie
einen mächtigen Antrieb zur Fortentwicklung und Neuentfaltung ge-
geben. Zu Düngezwecken werden die Abraumsalze teils im natürlichen
Zustand verwendet, wie Hartsalz, Sylvinit und besonders der Kainitit
(im Handel „Kainit“), teils werden sie vorher „aufgeschlossen“, d. h. durch
Weiterverarbeitung zu hochprozentigen künstlichen Kalidüngesalzen
umgewandelt. — Hinsichtlich der geographischen Verbreitung der Kali-
salze war es bisher als ein besonderes Glück für unsere Volkswirtschaft
zu bezeichnen, daß sich ihr Vorkommen nach unserer bisherigen Kennt-
nis fast ausschließlich auf Deutschland beschränkte. Diese
Monopolstellung unseres Vaterlandes ist durch den Verlust der ober-
elsässischen Kalilager an Frankreich gebrochen. Zwar tauchten des
öfteren vor dem Kriege und während desselben Nachrichten über
Kalifunde in Kalifornien, England und anderen Ländern auf, aber

r-
        <pb n="151" />
        VI. DIE BERGWERKE DER ERDE 147
immer erwiesen sich diese Meldungen als falsch oder stark übertrieben.
Nur Spanien, Polen und die Vereinigten Staaten haben mit der Aus-
beute kleiner Lager begonnen, die aber vorläufig den Weltmarkt nicht
beeinflussen. Außerdem scheint ein neuerdings gemeldetes großes Lager
in Rußland bei Solikamsk tatsächlich gefunden worden zu sein.

Die deutschen Kalilagerstätten finden sich im wesentlichen in
Mitteldeutschland, und zwar in den Landschaften zwischen Weser
und Elbe, Aller und Saale, im Bereich der Ablagerungen des alten Zech-
steinmeeres. Drei Zonen
treten besonders hervor‘
das Gebiet nördlich des
Harzes mit einer Anhäu-
fung der Schächte um
Staßfurt-Leopolds-
hall und Schönebeck
bei Magdeburg, das Ge:
biet südlich vom Harz
längs der Unstrut, Wip
per und Leine und der
Bezirk am Werraknie
zwischen Salzungen und
Berka. Die preußischen
Provinzen Hannover und
Sachsen, die etwa drei
Viertel der Gesamtge
winnung liefern, ferner
Anhalt, Braunschweig
und Thüringen sind vor
allem an der Ausbeute
dieser Zonen beteiligt. —

Im Jahre 1904 wurden
beim Suchen nach Pe-
troleum reiche Kalilager
im Oberelsaß, nord-
westlich von Mülhausen,
entdeckt und bald dar-
aufin Angriff genommen.

Der deutsche Kalibergbau begann im Jahre 1861 mit 2300 t Jahres-
förderung, zehn Jahre später wurde schon das Hundertfache (230000 t)
gefördert. Diese gewaltige Steigerung hielt an bis zum Krieg, und
im Jahre 1913 erreichte die Ausbeute den Betrag von annähernd
12 Mill. t Rohsalzen. Während der Kriegsjahre ging die Förderung
mit dem Aufhören des Absatzes im Ausland beträchtlich zurück, um
aber in der Nachkriegszeit, wenn auch zunächst unter großen Schwan-
kungen, die alte Höhe bald wieder zu erreichen und sogar zu über-
schreiten (1925). "Trotz des Verlustes der elsässischen Lager betrug
die Rohsalzgewinnung im Jahre 1927 rund 11 Mill. t.

Der starken Zunahme der Kalierzeugung entsprach zunächst auch ein rasch
wachsender Absatz. Zwar gewöhnte sich die deutsche Landwirtschaft nur

ra

3 WECKR IM Beier
        <pb n="152" />
        148 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

langsam an die Kalidüngung; dafür aber zeigte das Ausland von vornherein
eine starke und stetig steigende Nachfrage, Der wichtigste Käufer wurde die
Union, die, nachdem sich eine Abnahme des Ertrages ihrer Getreide- und
Baumwollfelder bemerkbar machte, zur künstlichen Düngung überging und
zuzeiten fast die Hälfte der deutschen Kalisalze und -fabrikate verbrauchte.
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts aber trat doch eine immer fühlbarer werdende
Überproduktion ein. Sie führte zu einem Sinken der Preise und zu einer Krise
auf dem Kalimarkt, die das Eingreifen der Regierung nötig machte (Kaligesetz
von 1910). Während des Krieges hörte die Kaliausfuhr ganz auf; dafür aber
zeigte die deutsche Landwirtschaft eine

rasch wachsende Aufnahmefähigkeit. Man-

cher deutsche Landwirt hat erst im Kriege

den Wert der Kalidüngung kennen und

schätzen gelernt.

Auch nach dem Kriege wurde
zunächst der weitaus größte Teil der
deutschen Kalierzeugung vom deut
schen Markt, und zwar ganz vor
wiegend von der Landwirtschaft, auf
genommen, während der Absatz in
das Ausland erst ganz allmählich sich
wieder anbahnte, obwohl die großen
überseeischen Landwirtschaftsstaaten
geradezu unter Kalihunger litten. Es
ist wahrscheinlich, daß die schlech-
ten amerikanischen Ernten während
der letzten Kriegsjahre zum Teil
durch den Mangel an Kali verursacht
wurden. : Dazu kam der Wettbewerb
der elsässischen Kalierzeugung, der
sich gerade auf dem amerikanischen
Markt fühlbar machte. Während noch
1919 die Kalieinfuhr der Union sich
auf Deutschland und Elsaß wie 93:7
verteilte, war das Verhältnis 1923 wie
70:30. Der Kampf um den Absatz, 730 Salpeterfelder in Chile.
der für beide Teile Verluste bedeu- (Nach H. Steffen)
tete, führte schließlich zu einer Eini-
gung über Preisregulierung und Absatzmengen in einem im Frühjahr
1926 für zehn Jahre geschlossenen deutsch-französischen Kaliabkommen,
das allerdings für Deutschland nicht allzu günstig ist.

Bei der Verteilung der bis heute bekannten Kalivorkommen, bei
den günstigen Ausbeutungsverhältnissen der mitteldeutschen Lager in
einem an Arbeitskräften überreichen Gebiete wird jedoch auch künftig
Deutschland der Hauptlieferant für den Weltbedarf an Kali
bleiben. In den letzten Jahren konnte es bereits wieder fast zwei
Fünftel (1927: 37%) seiner Förderung an das Ausland absetzen.

Während also Deutschland einen großen Teil der Welt mit Kali
versorgt, war es in einem anderen wichtigen Düngemittel, dem Sal-
peter, bis zum Kriege ganz von der fremden Zufuhr abhängig.
        <pb n="153" />
        VII. DIE STÄTTEN DER INDUSTRIE 149
Alle irdischen Vorräte dieser natürlichen Natriumverbindung treten
in den Hintergrund gegen die Lager des nördlichen Chile. Nur
0,5—3 m unter der Oberfläche liegt hier das sogenannte Caliche, das
Muttergestein des Chilesalpeters, in der praktisch fast regenlosen Wüste
Atacama. Nur diese extreme Trockenheit konnte eine Anhäufung von
ursprünglich mindestens 500 Mill. t des wertvollen Minerals ermöglichen.
Es wird seit etwa 100 Jahren abgebaut und über die Häfen Pisagua.
Iquique, Tocopilla, Mejillones, Antofagasta und 'Taltal ausgeführt.
Chilesalpeter ist ein wichtiges Frachtgut der Segelschiffahrt.

Die Salpeterausfuhr, in der Chile eine Monopolstellung einnahm, war
der wichtigste Posten im chilenischen Staatshaushalt. Nunmehr ist ihm
ein gefährlicher Rivale in dem aus der Luft hergestellten Kunsts alpeter
erstanden, der zuerst in Deutschland (Badische Anilin- und Sodafabrik,
Piesteritz bei Wittenberg, Leunawerk, Chorzow in Ost-Oberschlesien),
jetzt auch in sehr vielen anderen Ländern in großem Umfang erzeugt
wird. Mit Deutschland hat Chile seinen besten früheren Abnehmer.
der etwa ein Viertel der ganzen Ausfuhr aufnahm, verloren.
VIL DIE STÄTTEN DER INDUSTRIE
DIE GEOGRAPHISCHEN GRUNDLAGEN DER INDUSTRIE

Nur wenige von den Urerzeugnissen der Weltwirtschaft werden
so, wie sie sind, verbraucht. Die meisten müssen einer mehr oder
minder weitgehenden Verarbeitung unterzogen werden, ehe sie dem
Menschen als Nahrungsmittel oder Gebrauchsgegenstand dienen können
Früher geschah diese Verarbeitung im handwerksmäßigen Kleinbetrieb.
Seit der Erindung der Dampfmaschine und zahlreicher Arbeitsmaschinen
hat die „Rohstoffveredelung“ ganz andere Formen angenommen. Sie
ist zum fabrikmäßigen Großbetrieb übergegangen, auf den wir die Be-
zeichnung „Industrie“ im engeren Sinne anzuwenden pflegen. Auch
diese Form der menschlichen Wirtschaft ist von geographischen Be-
dingungen in weitgehender Weise abhängig.

Zunächst bedarf die Industrie des zu verarbeitenden Rohstoffes.
Daher entwickeln sich unter sonst günstigen Bedingungen
gewisse Industrien am Orte der Urerzeugung. So wurden die
Eisengebiete Englands, Deutschlands und der Union die ersten Sitze
der Eisen- und Maschinenindustrie, die Länder des nördlichen Wald:
gürtels Gebiete der Papier-, Streichholz-, Spielwaren- und sonstigen
Holzindustrie, die Hopfen- und Gerstenanbauländer Süddeutschlands
und Böhmens, Südenglands und der nördlichen Zentralstaaten der
Union Sitze der Bierbrauerei. Die Zahl dieser rohstoffgebundenen
und damit bodenständigen Industrien ließe sich leicht vermehren. Sie
war früher noch viel größer, als noch nicht ein hochentwickelter Ver-
kehr die Bewegung großer Rohstoffmengen auf weite Entfernungen er-
möglichte.

Sodann braucht die Industrie eine Antriebskraft für ihre
Arbeitsmaschinen. Das wichtigste Betriebsmittel der modernen In-
dustrie ist die Dampfmaschine und deren Antriebsmittel im allge-
meinen die Kohle. Daher sind überall, wo sich abbauwürdige Lager
        <pb n="154" />
        ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE

Nord-und,
Mittel-
amerik‘

ra

\

Zahlen in 1000 PS
zZ gesamte Wasserkrät,

\stary
N
_69000 _

nn

s.rale:
I
20

ausgenutzte Wasserkräfte
131. Die Wasserkräfte der Frde

dieses Minerals finden, mannigfaltige Industrien entstanden. Es ist kein
Zufall, daß die kohlenreichsten Länder der Erde, die Vereinigten Staaten,
England, Deutschland, Belgien u. a., eine hochentwickelte Industrie haben
und daß diese im Bereich der Kohlenlager dieser Länder ihre Kerngebiete
hat. Man denke nur an das rheinisch-westfälische und oberschlesische
Industriegebiet, an das belgische im Maastal, an das mittelenglische,
an das nordappalachische der Union. Sie alle liegen in der Haupt-
3ache auf ausgebreiteten Kohlenfeldern. Neben der Kohle wird als
Antrieb für die eigentliche Arbeitsmaschine von jeher auch die Wasser-
kraft mit Hilfe von Wasserrädern und Turbinen verwendet. Die Be-
leutung und Verwendung dieser Kraftquelle steigerte sich wesentlich,
aachdem es der Technik gelungen war, sie in elektrische Energie um-
zusetzen und sie durch Fernleitung aus ihrer örtlichen Gebundenheit
zu befreien. Wasserfälle, Stromschnellen, künstlich in die Flußbetten
singebaute Stufen bedeuten Kraftquellen enormer Größe. Für viele
Länder brachte die „weiße Kohle“ vollen Ersatz für fehlende Kohle
&gt;der sonstige Kraftstoffe. Die meisten Flußregulierungen geschehen
heute nicht mehr allein im Interesse der Schiffahrt, sondern sehen
gleichzeitig die Anlage von Kraftwerken für die Industrie vor. Manche
Industrien, wie die Aluminiumerzeugung, die große Mengen elektrischer
Kraft bedürfen, sind. erst durch die Nutzbarmachung des Wassers als
Kraftquelle zur Bedeutung gelangt. Trotzdem harren, wie die oben-
stehende Karte zeigt, 'in allen Erdteilen noch gewaltige Mengen nutz-
barer Wasserkräfte der Verwendung im Dienste des Menschen.

Über Wasserkräfte verfügen. naturgemäß am meisten nieder-
3chlagsreiche Gebirgsländer. Die industrielle Entwicklung der
Alpenländer, insbesondere der Schweiz, Frankreichs und Norditaliens,
ferner die Schwedens, fußt zu einem nicht geringen Teil auf jener
Naturkraft. Beträchtliche Gebiete Bayerns werden künftig durch die
am Rande der Alpen im Walchenseewerk gewonnene Energie in Ver-
bindung mit anderen Kraftwerken ihre Beleuchtung und motorische Kraft
für Bahnen und gewerbliche Zwecke erhalten. Auch in den mittel-
        <pb n="155" />
        VII. DIE STÄTTEN DER INDUSTRIE ) 151
deutschen Gebirgsländern werden zahlreiche Wasserkräfte zu indu-
striellen Zwecken ausgenützt und immer neue durch Anlage von
Stauweihern und Talsperren erschlossen. Ganz besonders reich an
natürlichen Wasserkräften sind die Vereinigten Staaten. Die berühmte
„Fallinie“, die die Grenze zwischen dem Appalachenvorland einer-
seits, der atlantischen Niederung und Golfniederung anderseits bildet,
ist zugleich eine Linie blühender Industriestädte und namentlich
großer Baumwollspinnereien geworden. Afrika, für dessen große, ihre
Wassermengen aus den Tropen erhaltende Ströme der Reichtum an
Katarakten kennzeichnend ist, hat noch einen ungeheuren Vorrat un-
genützter Wasserkräfte.

Für die auf ununterbrochene Regelmäßigkeit der Arbeit eingestellte Indu-
strie ist es wichtig, daß die als Antrieb benutzte Wasserkraft das ganze Jahr
möglichst in gleicher Stärke zur Verfü-
gung steht. Daher sind die Flüsse der
Tropen, der Subtropen, der Monsun- und
Mittelmeerländer mit ihren gewaltigen
jahreszeitlichen Schwankungen von Haus
zus für die Erzeugung industrieller Kraft
weniger geeignet als die Flüsse der ge-
mäßigten Zone, namentlich ihrer ozeani-
schen. Bezirke'. Indessen die moderne
Technik hat jenen Mangel beseitigt, in-
dem sie durch Einbau großer Sammel-
vecken in den Zeiten hohen Wasser-
standes die Wasserkraft gleichsam auf-
speichert für die trockene Periode des
Jahres.

Trotz der vielfachen und noch
immer zunehmenden Verwendung
der Maschine hat die moderne In-
dustrie große Menschenmassen
nötig, teils zur Bedienung der Ma-
schinen, teils zu Hilfstätigkeiten, die
maschinell noch nicht oder nur in
anvollkommener Weise ausgeführt
werden können. Daher vermögen
sich dünnbevölkerte Staaten auch
unter sonst günstigen Bedingungen nicht zu Industrieländern zu ent-
wickeln. Dafür bieten Länder wie Australien, Südsibirien, Brasilien u. a.
Beispiele. Allerdings wird mit der zunehmenden Mechanisierung der
Industriearbeit der Bedarf an Arbeitskräften immer geringer. Jeden-
falls bietet aber eine dichte Bevölkerung meist billigere Arbeitskräfte

13%.

1 Doch gibt es auch Ausnahmen von dieser Regel. Der Kongo verläuft ost-westwärts der-
artig in der Nachbarschaft des Äquators, daß die mit dem Hochstand der Sonne verbundenen
Hauptregenmengen im Gang des Jahres fortlaufend seine südlichen, dann seine östlichen und
schließlich seine nördlichen Zuflüsse und darauf wieder bei umgekehrter Reihenfolge die östlichen
ınd südlichen in ununterbrochener Folge speisen. Daraus ergibt sich für den Hauptstrom eine große
Regelmäßigkeit der Wasserführung. Da er außerdem reich an Katarakten und Stromschnellen ist,
st er geradezu das Ideal eines kraftspendenden Flusses, wenn "auch andere Umstände diesen Vor-
zug bis jetzt noch nicht in Erscheinung treten ließen.
        <pb n="156" />
        152 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
und damit günstigere Bedingungen für die industrielle Entwicklung.
Denn die Höhe der Arbeitslöhne spielt in der Frage der Rentabilität
einer Industrie, ihrer Wettbewerbsfähigkeit mit gleichen Industrie-
zweigen anderer Länder und damit hinsichtlich der Exportfähigkeit eine
große Rolle, Aber nicht nur die Menge der Bevölkerung, sondern auch
deren Art und Leistungsfähigkeit kommen für die Industrie in Be-
tracht. Für die Eignung bestimmter Rassen und Stämme zu industrieller
Arbeit wurden in dem einleitenden Kapitel Beispiele gegeben. Die
Kompliziertheit zahlreicher neuzeitlicher Maschinen, die Sorgfalt und
Genauigkeit, die viele Verarbeitungsvorgänge voraussetzen, stellen hohe
Anforderungen an Pflichtbewußtsein, Schulung und Intelligenz der Ar-
beiter. Daher wird sich die Industrie unter sonst gleichen Bedingungen
zur höchsten Blüte entwickeln in Ländern, deren Bewohner auf
einer hohen Kulturstufe stehen. Ein Vergleich zwischen Europa
und dem noch dichter bevölkerten Ost- und Südasien zeigt das. Eine
gewisse kulturelle Erstarrung der Bewohner jener Länder hat lange Zeit
verhindert, daß die seit Jahrhunderten betriebenen handwerksmäßigen
Gewerbe sich zur modernen Fabrikindustrie entwickelten. Die jetzigen
Anfänge einer solchen sind auf den Einfluß europäischen Geistes zurück-
zuführen, ja, in China und Indien stehen die industriellem Unter-
nehmungen bis zum heutigen Tag nicht selten unter der unmittel-
baren Leitung von Europäern. Andererseits vermögen Fleiß und In-
telligenz der Bewohner eines Landes unter Umständen selbst da blühende
Industrien hervorzurufen, wo die Natur alle Bedingungen dazu versagt
hat, wie z. B. am Nordrande der Rauhen Alb, wo weder Wasserkräfte,
noch Kohlen, noch Rohstoffe, noch günstige Bedingungen für deren
Herbeischaffung gegeben sind,

{m Zusammenhang mit der Kulturentwicklung der Bevölkerung eines Lan-
des steht auch der Stand des politischen und sozialen Lebens, der
ebenfalls für die Entwicklung der Industrie nicht gleichgültig ist. Geordnete
staatliche Verhältnisse, eine Regierung, die durch günstige Handelsverträge die
Wege für. die Zufuhr der Rohstoffe und den Absatz der Fabrikwaren offen-
hält, eine Gesetzgebung, die Rechte und Pflichten der Arbeitnehmer und Ar-
beitgeber gewissenhaft abwägt, alles das kommt der Industrie unmittelbar zugute,
Deutschlands beispiellose industrielle Entwicklung wurde durch die politische
Einigung und Machtentfaltung unseres Vaterlandes nach 1871 und durch ge-
setzliche Maßnahmen, wie die Einführung der Gewerbefreiheit, den Schutz der
Erfindungen und des geistigen Eigentums, die Arbeiterschutz- und Arbeiter-
fürsorgegesetze, nicht unwesentlich unterstützt.

Endlich kommt auch das Klima für die industrielle Tätigkeit
fördernd oder hemmend in Betracht. Zu niedrige Temperaturen machen
die Erzeugung von Rohstoffen unmöglich, erschweren die Benutzung
von Wasserstraßen und Wasserkräften und die Anlage von Eisenbahnen.
Das heißfeuchte tropische Klima versagt dem Menschen jene Spann-
kraft, die gerade die anstrengende industrielle Tätigkeit fordert, weil
sie größere Unterbrechungen oder zeitweise Arbeitsverminderung, wie
sie z. B. die Landwirtschaft kennt, nicht zuläßt. Demgegenüber ist
das gemäßigte Klima mit seinem erfrischenden Wechsel von Sommer
und Winter bei Vermeidung extremer Temperaturen der industriellen
Entwicklung besonders günstig.
        <pb n="157" />
        V1L. DIE STÄTTEN DER INDUSTRIE 153

Die mannigfaltige Industrie im Sächsischen Erzgebirge, die vielfach auf der
Ausnutzung von‘ Wasserkräften beruht, leidet bei großer Trockenheit häufig
unter Wassermangel, im Frühjahr unter zu langer Eisbindung der Wasserkräfte,
Die Bedeutung der Luftfeuchtigkeit für die Textilindustrie, der winterlichen
Schneedecke für die Holz- und Papierindustrie wurde schon früher (S. 9,
84 und 115) erwähnt.

Da vielfach an den Orten der Erzeugung von industriell wertvollen
Rohstoffen die übrigen Bedingungen der Industrie fehlen, so wan-
dern jene nach solchen Gebieten, in denen die Bedingungen
günstig sind. In den früheren Zeiten geringer Verkehrsentwicklung
geschah das viel seltener als heute. Die weitaus meisten der da-
maligen Gewerbe waren bodenständig, d. h. sie verarbeiteten
die gewonnenen Rohstoffe am Orte ihrer Erzeugung. / Umgekehrt
sind die heutigen Großindustrien zum größten Teil nicht
bodenständig. Sie benutzen alle die zahlreichen Einrichtungen des
modernen Verkehrs, um Rohstoffe oder Brennmaterialien oder beides
herbeizuführen. Zuerst geschah das mit wertvollen Produkten, die
eine Verteuerung durch die Fracht leicht ertragen konnten, wie Edel.
erzen, Edelsteinen, Pelzwerk, hochwertigen Kolonialwaren, dann auch
mit leichteren Massengütern, wie Tabakblättern, allerlei Gespinstfasern,
tierischer Wolle u. dgl. Infolge der zunehmenden Verbilligung der
Frachten lohnte es sich schließlich, selbst schwere Massengüter vor
ihrer Verarbeitung weit zu transportieren: Holz zum Schiffbau, Eisen
und andere Erze, Kohle wandern heute in großen Mengen zu den
Zentren des industriellen Lebens.

Freilich machen sich die Unterschiede im „Transportwiderstand“ der ein
zelnen Roh- oder Kraftstoffe auch heute noch geltend. Während Steinkohle
und Koks als hochwertige Brennstoffe zu den wichtigsten Massengütern des
Weltverkehrs gehören, ist die Braunkohle wegen ihres hohen Wassergehaltes
und ihres geringen Heizwertes kein Gegenstand des Fernhandels. Von der
Erzeugung des Mitteldeutschen Braunkohlensyndikats wurden im Jahre
1921/22 fast 50% im Bereich von 50 km: Entfernung, mehr als 82% im Um
kreis von 100 km verbraucht, und noch nicht 4% überschritt die 300-km
Grenze. — Die höhere Exportfähigkeit der schwedischen und spanischen Eisen
erze gegenüber solchen anderer Länder beruht auf ihrem hohen Metallgehalt
Dieser macht es noch lohnend, Erze von Narvik nach Amerika zu trans
portieren. .

Andererseits muß für die große Menge der erzeugten Industriewaren
auch das Absatzfeld ein ausgedehntes sein. Wiederum bedient sich
die Industrie dazu des Verkehrs. Auch die in den Industriestätten
nötigen Menschenmassen werden vielfach durch die Eisenbahn herbei:
geführt und nach der Arbeit wieder an ihre oft weit entfernt liegenden
Wohnstätten gebracht. Ebenso setzt die Herbeischaffung von Lebens:
mitteln und Gebrauchsgegenständen aller Art für die in den Industrie-
gebieten angehäufte Bevölkerung entwickelte Verkehrseinrichtungen
voraus. So bildet auch der moderne Verkehr eine wichtige
Grundlage der Industrie. Daher sind die Brennpunkte des Kisen:
bahn-, des Fluß- oder Seeverkehrs zugleich meist Sitze der verschieden:
artigsten Industrien,
        <pb n="158" />
        DIE GEOGRAPHISCHE VERBREITUNG DER
‚INDUSTRIEGEBIETE

Alle die genannten Vorbedingungen für eine günstige Entwicklung
der Industrie finden sich am häufigsten und am zahlreichsten ver-
einigt in den Ländern der nördlich gemäßigten Zone, insbeson-
dere in den Gegenden zu beiden Seiten des Atlantischen Ozeans, d. i.
in der östlichen Union nebst den angrenzenden Gebieten von
Kanada einerseits, in West- und Mitteleuropa andrerseits. Hier
vereinigen sich mit dem Reichtum an wichtigen Rohstoffen der mannig-
'achsten Art, wie Baumwolle, Flachs, Wolle, Erzen, ein gewaltiger
Vorrat an Brennstoffen, vielfache Gelegenheit zur Ausnutzung von
Wasserkräften, ein engmaschiges Verkehrsnetz und eine dichte, auf
höchster Kulturstufe stehende, durch Fleiß und Arbeitskraft, Intelligenz
und Unternehmungsgeist sich auszeichnende Bevölkerung; und jede
dieser Vorbedingungen wird durch ein günstiges Klima in ihrer Wir-
zung verstärkt. In den Ländern der gemäßigten Zone werden nicht
aur die heimischen Nährpflanzen und industriellen Rohstoffe verar-
beitet, sondern auch die meisten Nahrungs- und Genußmittel, Gespinst-
;asern, Kautschuk- und Ölprodukte und selbst zahlreiche mineralische
Erzeugnisse der tropischen und subtropischen Zone. Am deutlichsten
zeigt das industrielle Übergewicht der Kulturstaaten der nördlich ge-
mäßigten Zone die Verbreitung einer der wichtigsten Industrien, die
der Baumwolle. Obgleich die kühlgemäßigten Länder diese Pflanze über-
aaupt nicht erzeugen, entfällt auf sie auch heute noch der größte
Teil aller Baumwollspindeln, die auf der Erde tätig sind. — Die Länder
der gemäßigten Zone erzeugen eine den heimischen Bedarf weit über-
steigende Menge von Fabrikaten, mit denen sie alle industriell nicht
oder wenig entwickelten Gebiete der Erde versorgen.

Es ist allerdings fraglich, ob dieser Zustand in vollem Umfange noch lange
anhalten wird, Mit dem zunehmenden Eindringen europäischer Kultur- und
Wirtschaftsformen werden zumal einige subtropische Länder in hohem Maße
zu industrieller Tätigkeit befähigt. Schon treten die Südstaaten der Union,
Indien, die Staaten Ostasiens als Konkurrenten in der Baumwoll-, Jute- und
Seidenindustrie, Japan, selbst China auch in zahlreichen anderen Industrie-
zweigen den alten Industriestaaten entgegen, und auch sonst noch zeigt
die Industrie die Neigung, in neue Wirtschaftsgebiete einzudrin-
zen. Haben diese erst eine geeignete Arbeiterbevölkerung und befähigte Leiter,
30 besitzen sie gegenüber den heutigen Großindustriestaaten vielfach den Vor-
teil reicher Rohstofferzeugung und billiger Arbeitskräfte. In den tropischen Ge-
bieten würde dazu noch ein Übermaß von verfügbaren Wasserkräften kommen.
[mmerhin ist heute noch nicht zu entscheiden, ob die gelbe und die schwarze
Rasse befähigt sind, eine weitgehende industrielle Entwicklung ihrer Länder
3elbst herbeizuführen. Für geraume. Zeit werden jedenfalls die nordatlantischen
Staaten noch die Warenerzeugung der Welt in ausschlaggebender Weise be-
üerrschen. Besonders gilt dies für die Vereinigten Staaten, wo ein ungeheurer
Reichtum an Rohstoff- und Kraftquellen mit den Mitteln einer hochstehenden
Technik und einer ins einzeln6 gehenden Organisation nutzbar gemacht wird.
Gegenüber der Union und anderen, im Aufstieg begriffenen Wettbewerbern auf
dem Industriemarkt wird sich der alte west- und mitteleuropäische Wirtschafts-
körper nur durch hochwertige Qualitätsarbeit und verfeinerten Geschmack be-
haupten können.

54

ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
        <pb n="159" />
        VIL. DIE STÄTTEN DER INDUSTRIE

E37
DIE WICHTIGSTEN INDUSTRIESTAATEN

Welche Staaten nach Menge und Wert die meisten Fabrikate er-
zeugen, ist nicht leicht zu entscheiden, weil statistische Angaben über
die Erzeugung von Industriewaren und deren Verbrauch im Erzeugungs-
lande meist fehlen. Einen gewissen Anhalt geben nur die Ausfuhr-
werte der Industriewaren. Nach ihnen sind England, Deutsch-
land, Frankreich und die Vereinigten Staaten an erster Stelle zu
nennen. Leichter ist zu erkennen, welche Bedeutung der Industrie
in dem KErwerbsleben eines einzelnen Landes zukommt. Sie ergibt
sich aus demjenigen Teil der arbeitenden Bevölkerung, der an der
industriellen Tätigkeit teilnimmt. Die untenstehende Tabelle gibt für
einige Staaten eine vergleichende Zusammenstellung der in der Land-
wirtschaft und in der Industrie beschäftigten Erwerbstätigen. Nach
ihr haben das Gepräge von Industriestaaten vor allem Groß-
britannien, die Schweiz, Belgien, Deutschland und die Niederlande,
Auch in den Vereinigten Staaten überwiegt, zum ersten Male bei der
letzten Zählung, zwar die industrielle Bevölkerung, aber die in land-
wirtschaftlichen Berufen tätige kommt ihr an Zahl sehr nahe. In allen
anderen Staaten tritt die Industrie hinter der Landwirtschaft mehr
oder weniger zurück, auch in der Tschechoslowakei, in Österreich
und Frankreich, also in Staaten, in denen die Industrialisierung
achon bedeutende Fortschritte gemacht hat, wie überhaupt festzu-
stellen ist, daß sehr viele Staaten bei zunehmender Bevölkerung sich
in dieser Richtung bewegen. Die größten Arbeitermassen stellen na-
turgemäß die volkreichen Großstaaten: die Union, Deutschland, Eng-
land. Frankreich und Rußland.

Staat

Großbritannien und Nord-

irland. .........4
Belgien .......0..44
Schweiz. ..........
Deutsches { (alter Umfang)

Reich | (jetz. Umfang)
Niederlande .......-.
Tschechoslowakei. ....
Vereinigte Staaten ....
Österreich ..... .
Schweden ... .
Frankreich . .
Norwegen . .
Dänemark . :
Italien ..... We
Polen 2 ...0.0.0000400 4
Rußland ..

Zäh-
lungs-
iahr

1921
1920
1920
1907
1925
1920
1921
920
1923
‚920
i921
1920
1921
1921
(921
1998

Von den Erwerbstätigen
gehörten an in %
| der Industrie
u. d. Bergbau

der Land- u. Forst-
yirtschaft, Fischerei

51,6
49,1
44,3
10
41,4
38,0
36,8
33,4
33,2
31,1
30,7
29,4
27,8
24,7
9,4
7.9

7,7
L6,0
26,0
35,2
30,5
23,6
10,8
26,8
39,9
40,7
41,5
36,8
35,2
55,7
76,2
30,5

Runde Zahl
der Indu-
striearbeiter

9919 000
1491 000
824 000
11 256 000
13 239 000
1 035 000
2424 000
13 909 000
1438 000
808 000

5 662 000
314 700
367 600

4 560 000
1 266 000
5 946 000
        <pb n="160" />
        ‚56 ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
Unter den verschiedenen Arten der Industrie sind heute die weit-
aus wichtigsten die Textil- oder Webindustrie und die Metall-
industrie im weitesten Sinne. Beide versorgen nicht nur die gesamte
Kulturmenschheit mit ihren Erzeugnissen, sondern finden auch bei
vielen noch auf niedrigerer Kulturstufe stehenden Völkern beträchtlichen
Absatz. Unter den Webindustrien ist besonders wieder die Erzeugung
von Baumwollwaren, unter den Metallindustrien die Gewinnung
und Verarbeitung des Eisens von hervorragender Bedeutung. Baum-
wollene Kleidungsstücke, eiserne Maschinen und Gebrauchsgegenstände
haben heute eine derartige Verbreitung, daß man unser Zeitalter mit
Recht das „baumwollene“ und zugleich das „eiserne“ genannt hat. Eng-
land, Deutschland, die Union und die meisten anderen Industriestaaten
verdanken gerade diesen beiden Zweigen gewerblicher Tätigkeit ihr
Übergewicht auf dem Industriemarkte.

Neben den genannten Industrien sind von besonderer Wichtigkeit
noch die chemische Industrie, in der Deutschland auch heute noch
die unbestrittene Führung hat, die Zuckerindustrie, die Herstellung
von Papier-, Leder-, Ton- und Glaswaren, die Müllerei und
Ölbereitung, die Holz-, die Tabakindustrie und die Bier-
brauerei. Alle haben ihre Hauptverbreitung in den Ländern der
gemäßigten Zone. — Von Wichtigkeit sind auch die Industrieerzeug-
nisse, die der Geistesbildung dienen, Bücher, Zeitschriften und
Zeitungen. Die meisten und bedeutsamsten Bücher und. Zeitschriften
liefert bisher Deutschland, als Zeitungsland stehen die Vereinigten
Staaten obenan.
        <pb n="161" />
        ZWEITER TEIL
DER VERKEHR

DIE WESENTLICHEN MERKMALE DES GEGENWÄRTIGEN
GROSSVERKEHRS

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eroberte der Verkehr nach und
nach die gesamten bewohnten Erdräume und die dazwischenliegenden
Meeresflächen. Er wurde zum Weltverkehr. Diese Entwicklung
stützte sich auf die Ausgestaltung und Vervollkommnung der modernen
Verkehrsmittel, die bei ihrer großen Geschwindigkeit auch die weitesten
Entfernungen zu überwinden vermögen. Eisenbahn, Dampfschiff
und elektrischer Draht, in neuester Zeit auch Auto und Flug-
zeug, sind die Träger des neuzeitlichen Großverkehrs, und nur als
Zubringer zu dessen Bahnen haben in manchen Ländern noch Träger,
Last- und Zugtiere eine gewisse Bedeutung. Zugleich zeichnen sich
jene Verkehrsmittel im Vergleich zu denen alter Zeit durch die Fähig-
keit aus, Güter, Personen und Nachrichten in großem Umfange zu
befördern. So ist der heutige Verkehr ein Welt-, Schnell- und
Massenverkehr. In der Eroberung des Luftmeeres durch den Flug-
verkehr ist das Anfangsstadium bereits überwunden, indem heute
schon große Teile der Erdoberfläche von regelmäßig beflogenen Per:
sonen- und Postfluglinien überspannt sind.
IL. DER LANDVERKEHR
MITTEL DES LANDVERKEHRS AUSSER DEN
EISENBAHNEN

Besonders in den wirtschaftlich wenig entwickelten Erdräumen
herrschen vielfach noch Verkehrsmittel ursprünglicher Art vor.
In den subpolaren Ländern Europas, Asiens und Amerikas ist der
Schlittenverkehr üblich. Hunde und Renntiere sind die Zugtiere.
Manchenorts dient ais Verkehrsmittel der Karawanenwagen. Eı
wird in Südafrika und Südamerika, auch in Vorderindien mit Ochsen
bespannt, im nördlichen China dagegen wie im südlichen Sibirien,
in Rußland und Nordamerika von Pferden gezogen. Für den Wagen-
verkehr werden in Italien Pferde, Maultiere oder (so in Süditalien)
schnelle Rinder benutzt. In China, Japan, auch an der Ostküste
Afrikas bedient man sich leichter zweirädriger, von Kulis gezogeneı
Wagen, sogenannter Rikschas. Die ursprüngliche Heimat dieses von
Menschen bewegten Gefährts bilden bezeichnenderweise die dicht-
bevölkerten Länder mit einem Überfluß an menschlicher Arbeitskraft
bei verhältnismäßigem Mangel an Zug- und Tragtieren. — Für Ge-
birgsländer ohne Kunststraßen ist der Verkehr durch „Saumtiere“*
wichtig. Maultiere, Maulesel, Esel und Pferde tragen hier die Lasten.
Gleiche Dienste leistet in Wüstengegenden das mit 150 bis 200 kg be-
lastbare Kamel, das in einer Stunde etwa 4 bis 5 km zurücklegt. In
Tibet wird es durch den Jak, in den südamerikanischen Anden durch

1 Saum =— Last (nicht etwa schmaler Weg).
        <pb n="162" />
        8
5

ZWEITER TEIL: DER VERKEHR
das Lama ersetzt. In Indien ist der gezähmte Elefant ein wich-
tiges Arbeitstier. — In den Tropen Afrikas befördern da, wo Bahnen
und Fußwege fehlen, Träger die Erzeugnisse des Inneren nach der
Küste, Die Belastungsfähigkeit eines solchen beträgt 25 bis 30 kg
bei einer Marschgeschwindigkeit von 3 bis 4 km in der Stunde. Alle
diese mehr oder weniger primitiven Verkehrsmittel werden als Zu-
bringer auf kurze Strecken immer ihre Bedeutung behalten. Für
größere Entfernungen werden sie aber in steigendem Maße ersetzt
durch den Kraftwagen für Personen- und Lastenbeförderung, der in un-
entwickelten Ländern Pionierarbeit für die nachrückende Eisenbahn leistet
und in wirtschaftlich entwickelten Ländern einen Teil des Schnell-
transportes hochwertiger Güter übernimmt. Vermittels besonderer Kon-
struktionen dringt er neuerdings auch in wegelose Gegenden und Gebirgs-
länder erobernd vor. In letzteren ersetzen häufig auch elektrische Auf-
züge und Drahtseilbahnen den kostspieligen Träger- und Saumtierverkehr.
DIE EISENBAHNEN
EINIGES ÜBER ENTWICKLUNG UND BETRIEB DER
EISENBAHNEN

Durch kein anderes Landverkehrsmittel werden die Stätten der Ur-
erzeugung und der Verarbeitung so rasch und innig in Verbindung gebracht,
Fülle und Mangel 80 leicht Tausend Km
ausgeglichen, wie durch die 6507r— ——m— ———
Eisenbahnen. Wirtschaft- 1
liche Entwicklung und Aus- 600 = ---- Amen ka
gestaltung des KEisenbahn- van DEE

v 550— m... Asien

wesens stehen daher in so ____ Afrike
enger Beziehung zueinan- _._.. Australien
der, daß man von der Dichte
und Leistungsfähigkeit des 45
Eisenbahnnetzes auf den all-
gemeinen wirtschaftlichen *%
Zustand eines Landes schlie-
ßen kann. Zu der wirtschaft-
lichen Wichtigkeit der Eisen- 207
bahnen kommt ihre außer-
ordentliche politische und 25
strategische Bedeutung (vgl.
S. 271£.). 201

Die erste größere Strecke „..
mit Lokomotivbetrieb wur-
de 1830 zwischen Liverpool 70;
und Manchester}, die erste
deutsche Eisenbahn
1835 zwischen Nürnberg ” a __ q
und Fürth eröffnet. Das Jahr 60 70 80 90 7900 10 208
1830 brachte auch den Ver- 133, Entwicklung der Eisenbahnen in den einzelnen
einigten Staaten die beiden Erdteilen.

' Die erste Strecke überhaupt 1825 zwischen Stocktun und Darlington.
        <pb n="163" />
        I. DER LANDVERKEHR

159
ersten Eisenbahnen mit Dampfbetrieb (Baltimore-Ohio-Bahn und Süd-
Carolina-Bahn). Bis in die fünfziger Jahre waren die Eisenbahnen auf
Europa und Amerika beschränkt, dann hielten sie auch in den übrigen
Erdteilen ihren Einzug, zuletzt (1856) in Afrika.‘ Die Entwicklung der
Eisenbahnen in den einzelnen Erd-
teilen zeigt Abb. 133. Die Ausdehnung zuseng["
des Schienennetzes der ganzen Erde “7
betrug 1925 erheblich mehr als 1 Mill.
km (rund 1230000 km), also mehr als
die dreißigfache Länge des Erdäqua-
tors oder die dreifache Entfernung des
Mondes von unserem Planeten.
Am dichtesten ist das KEisen-

bahnnetz an zwei Stellen der Erde:

im mittleren und westlichen
Europa und im mittleren Osten

von Nordamerika, also besonders

in den hafenreichsten Randländern

des verkehrsreichsten Ozeans. Das
engmaschigste Eisenbahnnetz,

d. h. die größte Gesamtschienenlänge

im Verhältnis zur Ausdehnung des Lan-

des, besitzt Belgien. Dann folgen Lu-
xemburg, Großbritannien, die Schweiz

und das Deutsche Reich, die Nieder-

lande. In der Bahnlänge stehen

die Vereinigten Staaten mit 404000

km (1925) weitaus an erster Stelle.

Sie besitzen allein mehr Eisenbahnen

als alle europäischen Länder zusam-

men genommen. ; Ihnen folgen im

Jahre 1925 der Nachbarstaat Ka-

nada mit 64500 kin, das nur 35

der Fläche der Union einnehmende
Deutschland mit 58000 km und
Rußland mit 57500 km (dazu Asia-
tisch-Rußland mit 17000 km). Kin
Vergleich der Erdteile in bezug auf

das Alter des Eisenbahnbaus und auf

die heutige Streckenlänge und Eisen-
bahndichte ergibt folgendes Bild:

“nf

An

ON

&amp;”
©
— 200
=
oO
+
5
700

10
134. Länge des Weltbahnnetzes am
Ende des Jahres 1925 im Vergleich zur
Mondentfernung und zur Äaquatorlänge.

Frdteile

Eröffnungsjahr
der ersten
Eisenbahn

825
1830
1853
1856
1854

Strecken- ,
länge

Eisenbahnlänge auf je
100 qkm | 10000 Einw.
Irm km

Europa ...
Amerika. ....
Asien. ...
Afrika. .. ..
Australien. . .

|

384 420 4,5 8,1
601 136 1,5 | 28,0
135 590 0,3 1,3
60 320 0,2 | 5,4
48 457 0,6 62,7
        <pb n="164" />
        „ A

ZWEITER TEIL: DER VERKEHR
Unter den einzelnen Linien des Weltbahnnetzes sind für den
Großverkehr diejenigen am wichtigsten, die über große Strecken
in mehr oder weniger gerader Richtung führen, insbesondere die-
jenigen, die quer über die Kontinente hinweg deren gegenüber-
liegende Ränder verknüpfen und in ihren Enden wieder die Anfangs-
punkte der großen Schiffahrtslinien bilden. Nur Europa und Amerika
haben mehrere solcher Überland- oder Kontinentalbahnen.
Asien und ganz neuerdings Australien besitzen deren eine, Afrika
noch keine.

Als Betriebsstoff dient für die meisten Länder die Kohle. Nur in
kohlenarmen, aber waldreichen Ländern, wie: in Schweden, Finnland, Nord-
:ußland, vielen tropischen Gebieten, werden die Lokomotiven mit Holz geheizt.
Das Betriebsmittel der südrussischen und vorderindischen Bahnen ist Petro-
leum oder Massut. Die auf allen Gebieten der Industrie und des Verkehrs
schnell zunehmende Verwendung der elektrischen Kraft hat dazu geführt, daß
heute viele an Wasserkräften reiche Länder, wie Bayern, Österreich, Italien
and die Schweiz, in steigendem Maße zur Elektrifizierung ihrer Schienenwege
übergehen, In der Schweiz werden bereits 80%, aller Bahnen, in Österreich
8,7%» in Schweden 7,5%, in Italien 6,6 % in Deutschland, England und Frank-
reich ungefähr 2% elektrisch betrieben.

Die Fahrgeschwindigkeit der Züge steigert sich von Jahr zu Jahr. In
Großbritannien und Frankreich legen die schnellsten Eisenbahnzüge durchschnitt-
lich 90 bis 100 km, in Deutschland 88,5 km in der Stunde zurück. Die mittlere
Stundengeschwindigkeit der Schnellzüge ist aber in allen Ländern viel geringer
ınd betrug im Jahre 1925 in Deutschland 58,1 km. In England und Frankreich ist
sie um wenige Kilometer größer, Rußland und Spanien dagegen haben eine
Schnellzugsgeschwindigkeit von nur 35 bis 45 km, d. i. etwa die Geschwindigkeit
ınserer beschleunigten Personenzüge. Die Vereinigten Staaten besitzen einige
„Paradezüge‘“ mit Durchschnittsgeschwindigkeiten von 109, 111 und 115 km;
im übrigen aber bleiben dort die Geschwindigkeiten beträchtlich unter denen der

mittel- und westeuropäischen Bahnen. — Die höchsten Eisenbahnen der
Welt liegen in Bolivien und Peru, wo mehrere Adhäsionsbahnen Montblanc-
Höhe erreichen, ja überschreiten. Die nördlichsten Bahnlinien der Erde
sind die Ofotenbahn (vgl. S. 136) und die während des Weltkrieges von
deutschen und österreichischen Kriegsgefangenen erbaute Murmanbahn, die
Rußland nach Sperrung der Zugänge im Schwarzen Meer und in der Ostsee
für die Proviant- und Munitionszufuhr aus den Ländern seiner westlichen Ver-
bündeten brauchte.

Eigentümer der Eisenbahnen ist in den meisten Ländern der Staat,
so in Deutschland, Österreich, Rußland, Bulgarien, Belgien, in der Schweiz,
in Italien und Portugal, in Ägypten, Algier, Mexiko, Brasilien, China, Japan,
in den meisten englischen Kolonien u. v.a. Dagegen sind in England, Frank-
reich, Argentinien, Chile, Abessinien u. a. die Bahnen ganz oder zum größten
Teil im Besitz von Privatgesellschaften. In Dänemark, Schweden, den
Niederlanden und Niederländisch-Indien, Spanien und Griechenland gehören
die Bahnen etwa zu gleichen Teilen dem Staat und Privatunternehmungen.
Kanada und andere Länder haben neben reinen Staatsbahnen und f reinen
Privatbahnen das gemischte System: Privatgesellschaften, an denen der

Staat mit starken Subventionen und entsprechenden Aufsichts- und Betriebs-
rechten beteiligt ist. Selbstverständlich aber verfügt der Staat in allen Ländern
aus wirtschaftlichen, sozialen und nicht zuletzt aus militärischen Gründen über
weitgehende Einflüsse und Aufsichtsrechte gegenüber den privaten Eisenbahn-
gesellschaften.
        <pb n="165" />
        I. DER LANDVERKEHR

‚Si
DIE SCHIENENNETZE DER ERDTEILE

Das Eisenbahnnetz Europas. Die geographischen Verhältnisse
waren dem Bahnbau in Europa durchweg recht günstig, da die Be-
schaffenheit des Geländes nirgendwo unüberwindliche Schwierigkeiten
bereitete. Förderlich wirkten besonders die Mannigfaltigkeit der natür-
lichen Ausstattung und der wirtschaftlichen Erzeugnisse des Konti-
nents sowie die hohe geistige und materielle Kulturstufe seiner Völker.
Daher ist Europa heute nach allen Richtungen bis über den Polar-
kreis hinaus, wenn auch in den verschiedenen Ländern unterschiedlich
dicht, von Schienenwegen durchzogen. Nachdem im‘ Kriege die Ver-
knüpfung des schwedischen mit dem finnisch-russischen Bahnsystem
bei Haparanda hergestellt wurde, hängt das europäische Bahnnetz in
allen seinen Teilen zusammen. Eisenbahnfähren, sogenannte Tra-
jekte, über die Ostsee und seit 1924 auch über den Kanal (Linie:
Zeebrügge — Harwich) stellen den Zusammenhang des Bahnnetzes von
Rumpfeuropa mit den Schienensträngen der durch Meeresgebiete ab-
getrennten Teile Nord- und Westeuropas her. Diese Einheit des
gesamten Bahnnetzes ist ein Vorzug, den Europa vor allen Erd-
teilen voraus hat. Er wird noch dadurch erhöht, daß die Schienen-
wege aller europäischen Länder, abgesehen von Rußland, in den Haupt-
bahnen die gleiche Spurweite besitzen. Erst diese Tatsache ermög-
licht den über weite Strecken des Erdteils laufenden überstaatlichen
Durchgangsverkehr für die Personen- und Güterbeförderung. Im Per-
sonenverkehr bildeten sich zahlreiche große Überlandlinien heraus,
auf denen internationale Expreßzüge eingerichtet wurden. Die
großen Überlandrouten durchqueren den Kontinent in meridionaler Rich-
tung, in der Diagonale NW —SO und als west-östliche Querverbindung.
Viele dieser Linien kreuzen sich im mittleren Europa, und so wurden
Berlin, Paris und Wien die bedeutendsten Eisenbahnknoten-
punkte des Erdteils. Von ihnen hat nur Wien in der Nachkriegs-
zeit an Verkehrsbedeutung eingebüßt.

Die Änderung der politischen Grenzen, die Zerschlagung alter, die
Entstehung neuer Staaten haben zwangsläufig auch zu Umstellungen
des Eisenbahnverkehrs, namentlich im Osten und Südosten Europas
geführt. Alte zusammenhängende Systeme, internationale Durchgangs-
linien wurden durch die neuerrichteten Grenzschranken zerrissen. Die
neuentstandenen Staatengebilde suchten den internationalen Verkehr
vielfach zu ihren Gunsten abzulenken und in die innerhalb ihrer
Grenzen getroffene Neuorientierung des Bahnverkehrs einzugliedern.
Nur wenige Beispiele seien genannt. Der alte „Ostmarkenzug“, die
Schnellzugsverbindung Königsberg — Dirschau — Bromberg — Posen —
Breslau, ist unmöglich geworden, die Verbindung der nordöstlichen
und der südöstlichen Mark, Ostpreußens und Schlesiens ist aufgehoben.
— Die große Durchgangsstrecke Berlin — Petersburg, früher im Besitz
zweier Staaten, führt jetzt durch sieben Länder: Deutschland, Polen,
Danzig, wieder Deutschland, Litauen, Polen, Lettland, Rußland. Früher
überschritt die Linie eine Staatsgrenze, heute ist sie mit ihren sieben
doppelten Grenzbahnhöfen keine Durchgangslinie mehr. — Der Verkehr
durch Böhmen war früher hauptsächlich in meridionaler Richtung nach

Reinhard, Erdkunde. IT
        <pb n="166" />
        62

ZWEITER TEIL: DER VERKEHR
Wien hin orientiert. Die vorwiegend west-östliche Erstreckung der
Tschechoslowakei und zugleich das Bestreben, Prag auf Kosten Wiens
zu begünstigen, führte zu einer mehr west-östlichen Einstellung der
Durchgangslinien, für die aber die Verbindungen zu einem guten
Teil erst noch geschaffen werden müssen. — Die neue Schnellzug-
verbindung Prag — Bukarest führte man nicht auf dem direkten Weg
quer durch Ungarn, sondern ließ sie diesen Staat fast angesichts der
Grenze in einem großen Bogen umgehen. — Der Streit um verkehrs-
wichtige Grenzorte führte zu den kuriosesten, jeder vernünftigen Ver-
kehrsregelung hohnsprechenden Bestimmungen. Monschau an der bel-
gischen Grenze blieb bei Preußen und Gmünd an der tschechischen
vei Österreich. Ihre Bahnhöfe aber fielen den Siegerstaaten zu. —
Die Ortschaft Walk wurde, da man sich nicht einigen konnte, unter
Lettland und Estland, Teschen unter Polen und die Tschechoslowakei
aufgeteilt. Dadurch, daß die rein deutschen Grenzorte Bentschen, Konitz,
Lissa, weil sie für Polen strategisch wichtig sind, zu diesem Lande
geschlagen wurden, fielen aus dem deutschen Verkehrsnetz Bahnstrecken
und Knotenpunkte heraus, die wichtige Verbindungen des innerdeutschen
Verkehrs darstellen und deren Verlust zu vielfachen Umwegen, Zeit-
verlusten und Verteuerungen im grenznahen Verkehr zwingt.

In derselben Richtung liegen das Bestreben und die vielfachen
Versuche, vornehmlich unserer westlichen Nachbarn, nach dem Kriege
den internationalen Westost- und Nordwestsüdostverkehr um Deutsch-
land herumzuleiten. Aber diese Versuche sind mit wenigen Ausnahmen
gescheitert, weil die Umwege zu groß oder die gewählten Strecken
für den Schnellverkehr nicht geeignet waren. Deutschlands wichtige
Lage für den internationalen europäischen Durchgangsverkehr, die es
zum Träger der kürzesten Verbindung zwischen Nordsee und Mittel-
meer wie zwischen West- und Osteuropa macht, läßt sich eben nicht
aus der Welt schaffen. Allmählich fing man an, auch vom Westen
her wieder internationale Durchgangszüge durch Deutschland zu leiten,
und heute sind nicht nur die Verbindungen der Vorkriegszeit wieder
hergestellt, sondern stellenweise weit über das damalige Maß hinaus
ausgestaltet worden. Außerdem haben viele der europäischen Expreß-
linien Anschluß an die Durchgangslinien Asiens erhalten. So stehen
Nord-, West- und Mitteleuropa über Riga, Warschau und Moskau in
direkter Verbindung mit Wladiwostok und Tokio, der Simplon-Orient-
Expreß (Londor— Konstantinopel) hat in Konstantinopel Anschluß nach
\ngora und Aleppo und damit an die Hedschas- und Bagdadbahn.

Die großen internationalen Luxuszüge, die mit durchgehenden
Wagen, Speise- und Schlafwagen den europäischen Kontinent mehr
&gt;der weniger vollständig durchqueren, lassen sich nach ihren Ausgangs-
und Endpunkten .in gewisse Gruppen zusammenfassen.

U. In meridionaler Richtung verlaufen:

a) zur Verbindung Nordsee— Schweiz: derEdelweiß-Expreß: Antwerpen—
Brüssel — Straßburg — Basel; der Rheingold-Expreß: Hoek van Holland
and Amsterdam—Köln—Karlsruhe—Basel—Luzern: der Engadin-Expreß:
London— Paris —Basel-— Chur — St. Moritz und der Oberland-Expreß: Lon-
don—Belfort—Biel—Bern— Luzern.
        <pb n="167" />
        I. DER LANDVERKEHR

16.
;

135. Die europäischen Expnreßlinien.

b) zur Verbindung Nordsee—Südwesteuropa: Der Mittelmeer-Expreß:
London—Paris—Lyon—Marseille—Nizza— Ventimiglia; der Bombay-Expreß:
London—Paris—Lyon—Marseille mit Anschluß der Dampfer der „P. and O0“
Linie (Peninsular and Orient-Line) nach Indien und der Süd-Fxpreß: Paris—
Biarritz—Madrid—Lissabon.

c) zur Verbindung Mitteleuropa--Italien: Der Rom-Expreß: London—
Paris — Chambery — Mt. Cenis —Turin—Genua-—Livorno—Rom(—Neapel—Brin:
disi); der Gotthard-Pullman-Expreß: (Berlin, Amsterdam, Brüssel, London,
Paris) —Basel— Luzern — St. Gotthard — Bellinzona—Lugano—Mailand und der
alte Nord-Süd-Expreß!: Berlin— Leipzig —München—Kufstein— Innsbruck —
Brenner — Verona— Florenz —Rom.

2. In diagonaler, Nordwest-Südost-Richtung verlaufen:

der Orient-Expreß: London -— Paris— Straßburg — Stuttgart —München —
Wien — Budapest—Arad— Bukarest und: Ostende— Brüssel — Aachen-— Köln-—
Frankfurt — Nürnberg — Passau — Wien (dazu MNebenlinie über Prag); deı
Simplon-Orient-Expreß: London -— Paris — Lausanne — Brig - Simplon —
Mailand—V enedig— Triest— Agram—Orsowa—Bukarest und Agram-— Belgrad -
Saloniki—Athen und Belgrad— Sofia— Konstantinopel.

' Jetzt ohne besonderen Namen.
        <pb n="168" />
        ‚54

ZWEITER TEIL: DER VERKEHR
3. In west-Östlicher Richtung und umgekehrt verlaufen:

derNord-Expreß: London—Köln—Berlin— Warschau; der Wien-Nizza-
Expreß (Semmering-Expreß): Wien—Semmering-— Klagenfurt—Villach—
Verona — Mailand — Nizza — Cannes; der Schweiz-Arlberg-Wien-Expreß:
‘London, Paris) — Basel —Zürich—Bludenz—Innsbruck—Salzburg—Wien.

Die aufgeführten Expreßzüge sind nur ein Teil der vorhandenen,
auf weite Strecken durchlaufenden Linien, die übrigens durch Schaffung
neuer Anschluß- und Querverbindungen sich dauernd verändern und
im ganzen vermehren. Insbesondere hat der Verkehr von Berlin aus
direkte Anschlüsse nach allen Hauptplätzen der nordischen und baltischen
Staaten.

Durch die zwischen der längsten europäischen Überland-
strecke (Lissabon — Paris — Berlin — Warschau) und der Sibirischen
Bahn bestehende unmittelbare Gleisverbindung über Moskau und
Tscheljabinsk hat Europa Anteil an dem längsten Schienenwege
der Erde, der Interkontinentalbahn (weil zwei Kontinente ver-
bindend) Lissabon — Moskau — Tschelijabinsk — Irkutsk — Wladiwostok
13500 km).

Das Herzstück und als solches den wichtigsten Teil des euro-
päischen Bahnnetzes bildet das deutsche Bahnnetz, das auch noch
nach seiner Verkleinerung in seiner Gesamtlänge die Netze aller anderen
europäischen Länder übertrifft. Seine Bedeutung für den europäischen
Gesamtverkehr kommt zum Ausdruck durch die große Zahl seiner
internationalen Durchgangslinien und seiner Anschlüsse an die Bahn-
linien der Nachbarländer. Im alten Deutschland kam längs der West-
und Südgrenze auf je 40 bis 60km, längs der Ostgrenze auf je 182km
Grenzlänge ein Bahnübergang‘.

Teils mit der oben geschilderten europäischen Stellung des deutschen
Netzes, teils auch mit dem Umstand, daß in den Einzelstaaten des
Deutschen Reiches die Eisenbahnen sich lange Zeit hindurch selb-
ständig entwickelten, hängt es zusammen, daß dem deutschen Bahn-
netz ein alles beherrschender Mittelpunkt fehlt. Vielmehr haben sich
mehrere große Brennpunkte herausgebildet. Die wichtigsten sind
Berlin, der Mittelpunkt des norddeutschen, und Köln, der Haupt-
knotenpunkt des überaus dichten niederrheinischen Netzes. Andere
sind auf der nebenstehenden Eisenbahnkarte leicht zu erkennen?. Der
Verlust der uns durch den Versailler Vertrag entrissenen Landgebiete
bedeutet nicht nur die gleichzeitige Einbuße von rund 7000 km Eisen-
bahnlinien, sondern auch eine Zerreißung unseres Eisenbahnnetzes
durch den Polnischen Korridor, deren wirtschaftliche und politische
Nachteile durch die uns vertragsmäßig zugestandenen „Korridorzüge“
nur in sehr geringem Maße gemildert werden. Daß auch im einzelnen
viele Maßnahmen getroffen wurden, die eine schwere Beeinträchtigung

1 Darin kamen die Unterschiede in der Stärke der wirtschaftlichen und kulturellen Be-
ziehungen zu unseren Grenznachbarn deutlich zum Ausdruck. Heute ist diese Abgeschlossenheit
nach Osten fast noch größer, nachdem von 29 ehemaligen Bahnanschlüssen an der Ostgrenze in
den polnisch gewordenen Gebieten 15 ganz weggefallen und der Zugverkehr auf den polnisch
zewordenen Strecken stark vermindert worden ist.

2 Vergleiche im Gegensatz dazu das Bahnnetz Frankreichs, in dessen Mittelpunkt, wie die
Spinne im Netz, Paris liegt.
        <pb n="169" />
        [. DER LANDVERKEHNR

65

47

136. Das Eisenbahnnetz Deutschlands.
Die Hauptknotennunkte sind durch Punkte gekennzeichnet,

des deutschen Eisenbahnverkehrs, namentlich in dem Netz östlich von
Berlin, bedeuten, wurde an einigen Beispielen oben schon dargetan.
Der weitaus größte Teil der deutschen Bahnen, nämlich 53200 von
rund 58 000 km oder 92%, sind Staatsbahnen. Neuerdings hat man
begonnen, einzelne Strecken zu elektrisieren. Ende 1926 waren es
1050 km oder nahezu 2% des ganzen Netzes.

Mit dem 1. April 1920 wurden die bis dahin bestehenden KEisen-
bahnbetriebe einzelner Länder oder Ländergruppen zur Reichseisen-
bahn vereinigt, eine Maßnahme, die einen wichtigen Schritt auf dem
Wege zur Vereinheitlichung des Reiches bedeutet und das größte ein-
heitliche Verkehrsunternehmen der Welt schuf. Dieses wurde am
L. April 1924 im Zusammenhang mit den Bestimmungen der Londoner
Konferenz (Dawesplan) in eine Art Privatunternehmen, die „Deutsche
Reichsbahngesellschaft“ umgewandelt, in deren Verwaltungsrat neben
den von der Reichsregierung ernannten Vertretern auch Ausländer
sitzen.

Über die Leistungen der deutschen Eisenbahn in bezug auf den
Personen- und Güterverkehr und über den Anteil der einzelnen Güter-
arten am gesamten Frachtverkehr geben die Diagramme der Abb. 137,
138 und 149 Aufschluß.
        <pb n="170" />
        ZWEITER TEIL: DER VERKEHR

3,

137/138. Deutscher
Eisenbahnverkehr.
137. Personen:
beförderung der voll-
spurigen Bahnen
nach Klassen 1926
Gesamtzahl
1819,4 Millionen.
138, Anteil der —
Hauptwarengruppen
am Gesamtgüterver-
kehr 1927,
Gesamtmenge 467,3 Mill.t

|
j

ma 1

©. SOPSÖgE.
x GElEP 65%

#$

In welch vollkommener Weise die Technik des Eisenbahnbaus alle
natürlichen Hindernisse des Geländes und des Klimas allmählich zu
überwinden vermochte, zeigt besonders deutlich der Fortschritt des
Kisenbahnwesens in den Gebirgsländern Europas, vor allem in Skan-
dinavien und in den Alpenländern. Da die Alpen die natürliche
Schranke zwischen Mitteleuropa und den Mittelmeerländern bilden,
sind von den zahlreichen Bahnen innerhalb ihres Gebietes sieben von
internationaler Bedeutung. Davon liegen vier, die Semmering-,
Tauern-, Brenner- und Arlbergbahn, in Österreich, zwei, die
Simplon- und die jetzt elektrisierte Gotthardbahn, in der Schweiz,
und eine, die Mont-Cenis-Bahn, in Frankreich. Österreich ist in-
folge der Notwendigkeit, seine Länder mit der Adria zu verbinden,
im Bau großer Alpenbahnen vorangegangen und vielfach vorbildlich
gewesen. Die 1853 vollendete Semmeringbahn war die erste und
lange Zeit einzige durchgehende Alpenlinie.

Während die meisten Alpenbahnen die Haupterhebung innerhalb ihres
Zuges in einem „Scheiteltunnel“ durchqueren, überwindet die Brennerbahn als
einzige die Paßhöhe (1370 m) ohne einen solchen! Neuerdings legt man die
Durchtunnelung der höchsten Erhebungen tiefer, mehr nach deren Basis zu
und spricht dann von „Basistunneln“. So benützt z.B. die Simplonbahn, die
den Hauptgebirgsstock in nur 700 m hoher Lage quert, einen echten Basis-
tunnel. Dieser ist naturgemäß länger als Tunnelanlagen in größerer Höhe
und mit nahezu 20 km Länge der längste Tunnel der Welt®*, Dafür fällt indes
die Überwindung der hohen Steigungen beim Auf- und Abstieg fort, und
der Kampf gegen Schneeverwehungen, Lawinen und Steinfälle ist viel leichter
‚Hassert). Auch der Gotthard- (Abb. 140) und der Tauerntunnel sind solche
Basistunnel. — Die im Bau der europäischen Gebirgsbahnen erworbenen Kennt-
nisse und Erfahrungen bildeten auch die Grundlage für ähnliche Unterneh-
nungen in anderen Erdteilen, namentlich in Amerika.

Nordamerika. Während in Europa die Bahnen die Frucht einer
uralten Kultur und das letzte Glied einer vorangegangenen langen
Verkehrsentwicklung darstellen, eilen in allen anderen Erdteilen die
Bahnen der Kulturentwicklung weit voraus und sind das hauptsäch-
lichste Mittel, neue Gebiete der Erdoberfläche der menschlichen Wirt-
1 Erwägungen, auch für diese Bahn einen Scheiteltunnel in der Höhe von Gossensaß (1100 m)
zu schaffen, sind im Gange.

? Im Dezember 1921 wurde der Durchschlag eines zweiten Paralleltunnels vollendet, der sich
zur Bewältigung des gewaltig gestiegenen Verkehrs nötig machte.
        <pb n="171" />
        a

f/
Zirtack

Il. DER LANDVERKEHR

167

7b
war
SS

&lt;«-139.Ausschnittaus
der Bahnlinie Walds
hut a. Rhein—Tutt
lingen a. d. Donau.
Die Bahn, die die Wasser
scheide zwischen Rhein
und Donau üÜberschrei:
Set, zeigt, wie selbst
Mittelgebirgsbahnen die
Geländehindernisse oft
durch kühne Bauten,
ı große Schleifen, Tunnel
und Kehrtunnel (südl. der
| Höhe 640) überwinden
müssen.
]
| 140. Der Gotthard-
tunnel. —&gt;
‚Da der Tunnel den Ge-
birgsstock in gerader “
Linie und in einer Höhe von 1108—1179 m, also rund
1000 m unter dem Scheitelpunkt der Gotthardstraße
JAurchsetzt. ist er als Basis tunnel anzusprechen.

mn
ba
{Tu

3

schaft und Zivilisation zu erschließen. Das gilt auch von Amerika.
Dasjenige Land, das sich dort dieses Kulturbringers zuerst. und in
großzügigster Weise bediente, ist die Union. Das Bahnnetz der Ver-
einigten Staaten ist heute nicht nur das größte Amerikas, sondern
der ganzen Welt, es übertrifft an Dichte mit 4,3 km auf 100 qkm das
gsuropäische (3,5 km). Dabei ist naturgemäß die Dichte im alten, wirt-
schaftlich viel weiter entwickelten Osten um ein Vielfaches größer als
im jungen Westen. Die umstehende Karte läßt deutlich erkennen, wie
etwa der 100. Längenkreis, der auch in bezug auf die natürlichen und
wirtschaftlichen Verhältnisse der Union eine wichtige Grenzlinie ist, die
beiden Eisenbahngebiete scharf voneinander scheidet. Sie zeigt ferner,
wie das östliche Bahnnetz im Bereich der Großen Seen durch den
natürlichen Reichtum ihrer Uferländer und durch die vielfachen Mög-
lichkeiten der Verbindung des Landverkehrs mit dem Wassertransport
eines großartigen Binnenschiffahrtsgebietes (vgl. auch 5. 189ff.) eine
auffallende Verdichtäng erfährt, innerhalb deren Chicago das größte
Eisenbahnzentrum nicht nur der Vereinigten Staaten, sondern viel-
‚eicht der Erde ist.

Wenn die Gesamtlänge des Bahnnetzes der Union in den letzten Jahren
dieselbe geblieben oder sogar zeitweise wenig zurückgegangen ist, so erklärt sich
Jas daraus, daß infolge des Zusammenschlusses einzelner Eisenbahngesellschaften
der Gruppen von solchen die im Wettbewerb parallellaufenden Doppellinien
nach der Vereinigung zum Teil beseitigt wurden.

Die Hauptlinien des vereinsstaatlichen Bahnnetzes sind
die großen ostwestlichen Durchgangslinien der Pazifikbahnen.
Sie versinnbildlichen am deutlichsten das rastlose Vordringen der Besie-
delung und der wirtschaftlichen Entwicklung nach dem fernen Westen
und kennzeichnen den ostwestlichen Verlauf der Hauptver-
kehrsachse der Union, der sich aus dem Bedürfnis erklärt, die
Ränder beider Ozeane miteinander zu verbinden. Dieses Bedürfnis
hat bis heute neun solcher Transkontinentalbahnen entstehen lassen,
lie namentlich im Osten vielfach untereinander verbunden sind. Ihre
        <pb n="172" />
        ZWEITER TEIL: DER VERKEHR

141. Das Eisenbahnnetz der Vereinigten Staaten una Kanadas. (N ach Russel Smith).

Länge beträgt je 5000— 6000 km, die Fahrzeit 4—6 Tage. Ihre
östlichen Ausgangspunkte sind die atlantischen und Golfhäfen, nament-
lich New York, ihre westlichen Endpunkte vor allem Los Angeles,
San Francisco und Seattle. Die älteste amerikanische Überland-
bahn ist-die 1869 mit silberner Schiene und goldenem Nagel voll-
endete Union- und Zentral-Pazifik-Bahn, die erste große Über-
landbahn der Welt, die von New York über Chicago — nach einer
späteren Verlegung mitten durch den Großen Salzsee — nach San Fran-
cisco führt. . Neben ihr sind die wichtigsten die Santa F6-Pazifik-
Bahn, die New York über Kansas City mit Los Angeles, die Süd-
Pazifik-Bahn, die New Orleans mit dem gleichen Ort verbindet,
und die Nord-Pazifik-Bahn zwischen Duluth und Seattle, die die
großartigen Wald-, Weizen- und Erzgebiete in den Nordstaaten der
Union erschließt. — Auch Kanada, dessen wirtschaftliche Erschlie-
Bung und staatliche Festigung aufs engste mit der Entwicklung seines
Bahnnetzes verbunden sind, hat jetzt drei Pazifikbahnen, für die
Halifax, Quebec und Montreal die östlichen Ausgangspunkte,
Winnipeg und Edmonton die Schnittpunkte im Innern, Vancouver
und Prinz Rupert die Endpunkte im Westen sind. Die jüngste von
ihnen, die Grand-Trunk-Pacifie, die aus der ältesten, ursprünglich
nur im Osten Kanadas verbreiteten Grand-Trunk-Gesellschaft hervor-
ging, bildet ein Glied der britischen „Erdball-Linie“ (AN Red-Route),
jener Linie, die eine Umfahrung des ganzen Erdballs nur durch eng-
lisches Gebiet, über englische Häfen und auf englischen Schiffen er-

möglicht. Einen neuen Ausgang nach Osten wird die nahezu vollendete

Hudson Bay-Bahn mit dem Endpunkt Fort Churchill schaffen. —
        <pb n="173" />
        1. DER LANDVERKEHR

169
Mexiko und die mittelamerikanische Landbrücke haben entsprechend
kürzere Überlandbahnen (Tehuantepec-, Panamabahn u. a.), doch sind
für Mexiko die nordsüdlich gerichteten Durchgangsstrecken wichtiger,
die den Anschluß an das vereinsstaatliche Bahnnetz bei El Paso und
Laredo vermitteln.

Südamerika. Auch in Südamerika strebt der Bahnbau danach,
dem ostwestlich gerichteten Verkehr die Wege über die sehr unwegsamen
Anden zu Öffnen. Bis vor kurzem bestand nur eine transandine
Bahn, die von Buenos Aires in verschiedenen Spurweiten unter Be-
nutzung‘ eines Tunnels unter dem 3900 m hohen Cumbrepaß den
Pazifischen Ozean bei Valpa-
raiso erreicht. Eine zweite
Kordillerenbahn im Norden,
die von der von Buenos Aires
nach der bolivianischen Grenze
führenden Linie bei Salta ab-
zweigt und in Antofagasta
endet, wurde vor kurzem voll-
endet. Eine dritte, die im Sü-
den Bahia Blanca mit Valdivia
verbinden soll, ist zur Zeit im
Bau. Bezeichnenderweise ge-
hen alle diese transandinen
Bahnen von Argentinien
aus, das als einziger - süd-
amerikanischer Staat ein ein-
heitliches, aber auch nur in
der Ackerbauzone um Buenos
Aires dichteres und flächen-
haft entwickeltes Bahnnetz
von rund 38000 km besitzt.

Im ganzen sind die Eisen-
bahnen Südamerikas, entspre-
chend den noch weniger entwickel-
ben wirtschaftlichen. Verhältnissen
seiner Staaten und infolge der man-
cherlei Schwierigkeiten, die das
tropische Klima, im Westen auch
das Hochgebirge, dem Bahnbau bereitet, nur stellenweise stärker ausgebaut. Bra-
silien verfügt im Hinterlande der Hauptstadt und in den Kaffeebezirken über
3in größeres, aber wenig einheitliches Verkehrsnetz. Im übrigen hat das Riesen-
-eich Einzelnetze und Stichbahnen („Ausfuhrbahnen“) zur Erschließung be-
sonders wertvoller Gebiete des Innern. Die einzelnen Teile des langgestreckten
Chile werden durch die im chilenischen Längstal führende Hauptbahn mit-
ainander verbunden, die nach Osten und Westen kurze Zweigbahnen entsendet,
Den kühnen Gebirgsbahnen, die vom Pazifischen Ozean aus in Ecuador (Guaya-
quil), Peru (Callao und Mollendo) und Nordchile (Arica und Antofa-
zasta) die Hochplateaus des Gebirges ersteigen, fehlt die Fortsetzung nach
den an schiffbaren Strömen reichen Niederungen des Ostens, Der Plan,
New York und Buenos Aires durch einen ununterbrochenen Schienenweg,
3ine „panamerikanische“ Bahn, zu verbinden, harrt noch seiner Verwirklichung.
        <pb n="174" />
        [U

ZWEITER TEIL: DER VERKEHR
Asien. Die verkehrshemmende Eigenart der Oberflächengestaltung
— zahlreiche hochliegende Plateauländer mit hohen Randgebirgen und
ausgedehnte Wüstengebiete — sowie die niedrige Kulturstufe vieler
Völker Asiens ließen es in diesem Erdteile nur zu einer sehr lang-
samen Entwicklung des Bahnbaus kommen.

Zum Zwecke wirtschaftlicher Ausbeutung und militärischer Be-
herrschung erhielt Britisch-Indien durch die Engländer ein plan-
volles Bahnnetz. Es nimmt mit 62000 km fast die Hälfte der ge-
samten asiatischen Bahnlänge ein und hat seine größte Dichte im
nördlichen Tiefland Vorderindiens, die geringste in Birma‘ und im
inneren Dekan. Die längste indische Bahn verbindet Kalkutta über
Allahabad und Delhi mit Karatschi. Strategisch besonders wichtig
ist der Schienenweg von Kalkutta nach Peschawar am Ausgang des
Khaiberpasses. Auch Java und Japan haben ein weitverzweigtes,
alle Teile des Landes erreichendes Bahnsystem. In China hat der
Bahnbau, nachdem ihm lange Zeit Volk und Regierung heftigen Wider-
stand geleistet hatten, in den letzten Jahrzehnten durch ausländische
Gesellschaften starke Förderung erfahren. Die wichtigsten Linien sind
die Nord-Süd-Bahn: Peking — Hankou— Kanton, die aber südlich
des Jangtsekiang erst in Teilstrecken vollendet ist, und die Parallel-
strecke Tientsin— Nanking—$Schanghai. Von letzterer zweigt bei Tsinan
am Hoangho die Schantung-Eisenbahn nach Kiautschou ab. — Das
Bahnnetz des eigentlichen China ist bei Mukden mit dem Mandschu-
rischen Netz verknüpft, das seinerseits nach Südosten die korea-
nische Längsbahn nach dem Hafen Fusan entsendet und bei Charbin
an die Große Sibirische Bahn anschließt.

Die 1903 vollendete Transsibirische Bahn ist mit 6550 km
der längste einheitliche Schienenweg Asiens und ein Gegenstück zu
den amerikanischen Pazifikbahnen, indem sie Europa unmittelbar mit
dem Stillen Ozean verbindet. Ihrer Verbindung mit europäischen
Durchgangslinien zur westeuropäisch-ostasiatischen Interkontinental-
bahn wurde bereits gedacht. Die Fahrzeit Berlin—Wladiwostok be-
trägt bei normalem Betrieb nur 12—13 Tage. Daher hat die Bahn
für den Schnellverkehr nach den ostasiatischen Ländern besondere
Wichtigkeit. Dazu kommt ihre Bedeutung für die wirtschaftliche
Erschließung Südsibiriens und für etwaige militärische Verwicklungen
Rußlands im Fernen Osten (Russisch-Japanischer Krieg!)l. Durch die
unweit Tschita von der Transsibirischen Bahn abzweigende, während des
Weltkrieges vollendete Amurbahn schuf sich Rußland einen Zugang

auf eigenem Boden zu Wladiwostok, seinem stärksten, wenn auch unter
Vereisung leidenden Stützpunkt am Stillen Ozean. — Zwei andere
wichtige Bahnen erbaute sich Rußland in Zentralasien, die Trans-
kaspische Bahn vom Kaspischen Meer nach Andischan und Tasch-
kent mit Abzweigungen von Merw und Buchara gegen die afghanische
Grenze, und die Orenburg-Taschkenter Bahn, die sich unmittelbar
an das europäische Netz Rußlands anschließt. Beide Bahnen sind
zur militärischen Sicherung und wirtschaftlichen Erschließung der
turkmenischen Außenländer Rußlands erbaut und waren wohl früher
auch als Aufmarschlinien gedacht bei einer Auseinandersetzung mit
        <pb n="175" />
        A

I. DER LANDVERKEHR

N

43. Bedeutung der Transsibirischen Bahn für die russische Kolonisation
in Sibirien. (Aus dem E. v. Sevdlitzschen Handbuch der Geographie.)

England über Persien und indische Gebiete. Gegenwärtig sind sie
für das föderative Verhältnis der turkestanischen Republik zu Sowjet-
Rußland das wichtigste Bindeglied. Durch eine künftige Verbindung
mit dem indischen Bahnnetz würden sie von hervorragender Wichtig-
keit für den europäisch-südasiatischen Durchgangsverkehr werden.

In Vorderasien hat sich in den letzten Jahren vor dem Krieg
und während desselben ein Bahnnetz zusammengeschlossen, dessen
arsprünglich getrennte Teile die Anatolische Bahn in Kleinasien,
die Bagdadbahn in Mesopotamien und die Pilger- oder Hedschas-
bahn in Syrien und Westarabien sind. Die nördlichen Ausgangs-
punkte dieses Netzes sind Skutari (Haidar Pascha) und Smyrna für
die Anatolische, Beirut und Haifa für die Hedschasbahn, die südlichen
Endpunkte Mekka! im Hedschas und Basra, der Hafen am Schat el Arab
und dem Persischen Golf. Nach Vollendung der Bagdadbahn würde
sich der Weg London — Bombay von 14 Tagen auf 9 Tage verkürzen.
indessen scheint England die Lücke Nisibin — Tekrit, die den tür-
kischen und mesopotamischen Teil der Bagdadbahn noch trennt, vor-
läufig — wohl aus politischen Gründen — nicht schließen zu wollen.
Doch soll durch Einlegen einer Kraftwagenlinie die Lücke provisorisch
beseitigt werden. Der wichtigste Bahnknotenpunkt im Innern Vorder-
asiens ist Konia, der Endpunkt der eigentlichen anatolischen Strecke
and der Linie von Smyrna, der Anfangspunkt der Bagdadbahn. Die
größte technische Leistung des vorderasiatischen Bahnbaus, an dem
deutsches Kapital und deutscher Unternehmungsgeist hervorragend

1 Die Endstrecke Medina-— Mekka fehlt noch.
        <pb n="176" />
        72

ZWEITER TEIL: DER VERKEHR
beteiligt waren, ist die Überquerung und Durchtunnelung des
Taurus in der Cilieischen Pforte, Der Krieg hat auch den Ausbau
zahlreicher Nebenlinien, namentlich im Westjordanland, gefördert
und eine Verbindung Vorderasiens mit dem ägyptischen Bahn-
netz über die Sinaihalbinsel entstehen lassen. Von Kairo aus ist Haifa
über Kantara, der Brückenstation am Sueskanal, im Kairoexpreß bereits
in 24 Stunden bei täglicher Verbindung zu erreichen. Haifa, das über
Derat Verbindung mit der Hedschasbahn hat und nordwärts nach
Beirut Anschluß erhalten wird, das auch als Ausgangspunkt einer
direkten Linie nach dem Irak gedacht ist, erhält zunehmende Be-
deutung als Kno-

tenpunkt des syri-

schen Bahnnetzes,

Als Hafenplatz hat

es heute Jaffa be-

reits überflügelt,

obgleich ein groß-

zügiger Ausbau

seiner Landungs-

stelle erst bevor

steht.
Eine bemerkens-
werte Verkehrs-
lücke im vorder-
asiatischen Bahnnetz
bildendie Länderdes
Iran, die wegen ihres
geringen natürlichen
Reichtums, wegen
der niedrigen Stufe
ihrer kulturellen Ent-
wicklung und wohl
auch wegen ihrer
politischen Stellung
als Pufferstaaten so
gut wie eisenbahn-
los sind, trotzdem
sie als Bindeglieder zwischen den mittelmeerischen und indischen Ländern eine
überaus wichtige Verkehrslage besitzen. Doch schon zeigen die Landkarten
die Linien projektierter Bahnen, die, längs des Süd- oder Nordrandes des Tran
verlaufend, jene Lücke schließen und die Kap-Kairo-Linie in der Kairo-Kal-
kutta-Bahn fortsetzen sollen. Als erste Nord-Südbahn ist eine Linie Kas-
pisee—Teheran—Basra geplant.

Ein noch weit größerer eisenbahnloser Raum liegt zwischen dem mandschu-
risch-chinesischen Bahnnetz im Osten und den russisch-zentralasiatischen und
indischen Systemen im Westen. Es ist das weite Gebiet der nordchinesischen
Außenländer. Dieser Raum ist wie das Iranhochland im wesentlichen dünn
bevölkertes Steppenland und politisches Randgebiet, daher sind in ihm die
gleichen wirtschaftlichen und politischen Ursachen wie dort für das Fehlen der
Eisenbahn verantwortlich zu machen.

‚Der dritte schienenlose Großraum Asiens umfaßt den nördlichen Teil des
Erdteils nördlich der Transsibirischen Bahn.

500
— SE _

ZZ Agtnieh ; .

144, Die Eisenbahnen des Nahen Orients und die iranische
Verkehrslücke.
        <pb n="177" />
        J. DER LANDVERKEHR

173
Während in Nordasien die großen Stromsysteme einen gewissen Ersatz für
die fehlende Eisenbahn bieten, schickt sich die Neuzeit an, Inner- und Vorder-
asiens Verkehrslücken durch mehr oder weniger regelmäßigen Automobilverkehr
und durch Fluglinien zu überbrücken, um so die Länder an ihren Rändern in
bessere Verbindung miteinander zu bringen,

Afrika. Im Verhältnis zu seiner riesigen Größe hat Afrika von
allen Erdteilen die geringste Entwicklung des KEisenbahnbaus auf-
zuweisen, der erst in der neuesten Zeit schnellere Fortschritte macht.
Das erklärt sich zum großen Teil aus seinen natürlichen Verhältnissen.
Das ganze Innere ist von mächtigen Hochländern erfüllt, die die von
der Küste her eindringenden Verkehrslinien schon in kurzer Entfernung
zu schwierigen Anstiegen zwingen. Weite Gebiete im Norden und Süden
des Erdteils werden von den an Menschen und Erzeugnissen armen
Wüsten- und Steppenländern eingenommen. Die Urwaldgebiete der Mitte
aber stellen dem Bahnbau nicht nur durch die Überfülle ihres Pflanzen-
wuchses, sondern mehr noch durch die von zahllosen Wasserläufen
verursachte unglaubliche Zertalung des Geländes die schwersten Hinder-
nisse entgegen. Zu alledem kommt der niedrige Kulturstand der
singeborenen Bevölkerung. Und doch ist bei der plumpen Gestalt
and dem Mangel an gut schiffbaren Strömen die wirtschaftliche Er-
schließung Afrikas in hohem Grade von dem Bau der Eisenbahnen
abhängig. Daher sind auch in den ältesten europäischen Kolonial-
gebieten des Erdteils die Bahnverhältnisse am günstigsten.

Im allgemeinen lassen sich die afrikanischen Bahnunternehmungen
ihrem Entwicklungsgrad und ihren Aufgaben nach in drei Gruppen
teilen: in Bahnnetze, Stichbahnen und „Flußbahnen“. Bahn-
netze haben das französische Nordafrika: Algerien — Tunesien, ferner
Ägypten, der englische Sudan und vor allem Südafrika, Allerdings
sind diese vier Systeme von sehr verschiedener Größe und Dichte.
Das weitaus am besten entwickelte ist das englisch-südafrikanische,
das mit rund 19000 km (1925) fast ein Drittel der gesamten afrika-
nischen Bahnen ausmacht und sich von der Südspitze Afrikas her
bis nach Bukama &amp;m: oberen Kongo in die erzreiche Landschaft
Katanga vorgeschoben hat. Durch die während des Feldzugs von den
Briten erbaute Strecke Seeheim — Prieska wurde es auch mit den Linien
ehemalig Deutsch-Südwestafrikas verbunden. — Von den zahlreichen
Stichbahnen, die namentlich im tropischen Afrika von der Ost- und
Westküste her zur Erschließung wirtschaftlich wichtiger Innenbezirke
gebaut wurden, seien nur die Stichbahnen der Ober-Cuineaküste und
die Benguellabahn im Westen, die englische Ugandabahn und die
ehemals Deutsch-Ostafrikanische Zentralbahn mit neuerbauter
Abzweigung nach Muansa am Viktoriasee im Osten genannt. — Die beiden
letzteren, die das innerafrikanische Seengebiet mit der Küste ver-
binden, bilden schon eine Übergangsform zu der dritten Art, den „Fluß-
bahnen‘. Diese verbinden durch Umgehung von Stromschnellen ent-
weder die schiffbaren Flußteile untereinander, wie die inneren Kongo-
bahnen, oder sie verknüpfen diese Stromabschnitte unmittelbar mit
der Küste, wie die Kongo-Mündungsbahn, die Bahnen vom englischen
Lagos zum unteren und vom französischen Dakar zum oberen Niger
        <pb n="178" />
        ZWEITER TEIL: DER VERKEHR

Anyator

ÄC

— Eisenbahn Hr...
=» u geplant
„.. Aufostraße
== Schiffbarer Fluß
—— Nicht schiffbarer Flu
—— Kabel

a Funksfahon

145. Eisenbahnen und Schiffahrtsstraßen Afrikas.

=

1000 km

und zum Senegal. — Im ganzen ist der Bahnbau im Osten des Erdteils
am weitesten fortgeschritten. Hier tauchte auch zuerst der Gedanke
auf, die vorhandenen Linien zu einer nord-südlichen Überlandbahn,
der englischen Kap-Kairo-Linie, zu verknüpfen. Von dieser ins-
gesamt rund 8000 km messenden Strecke ist ein beträchlicher Teil
fertig. Vorläufig müssen aber noch große Lücken durch den Wasser-
verkehr ausgefüllt werden. Jedoch auch bei Fertigstellung des ge-
samten Schienen-

weges würde der

häufige Wechsel

in der Spurweite

überaus störend

bleiben. Die Bahn

dürfte daher ge-

genüber dem nicht

viel längeren, aber

beträchtlich billi-

geren und beque-

meren Seeweg für

den nordsüdlichen

Durchgangsver-

kehr kaum jemals

146, Westafrikanische „Flußbahnen“ und Stichbahnen.
(Senegal-, Volta- und Nigermündungsbahnen,
Senegal—Niger-Verbindungsbahn.}
        <pb n="179" />
        I. DER LANDVERKEHR

z

nn [E70 ECHO
--_. geplant

1090 km

147. Die Kap-Kairo-Linie.

eine größere Bedeutung erlangen, wohl“aber die wirtschaftliche Ent-
wicklung der innerostafrikanischen Länder in bedeutsamer Weise för-
dern und ihren politischen Zusammenhang festigen. Den jetzigen
Zustand des Kap-Kairo-Verkehrssystemes gibt die obenstehende
Karte wieder.

Die Franzosen planen eine zweite Längsverbindung durch eine Trans-
saharische Bahn, die ihre nordaffikanischen und westsudanischen Kolonien
miteinander verbinden soll. — Von deutscher Seite ist früher gelegentlich der
Gedanke ausgesprochen worden, durch Verlängerung einer der westafrikanischen
Stichbahnen bis zum Tanganjikasee und durch Herstellung des Anschlusses an
die Deutsch-Ostafrikanische Zentralbahn neben den beiden Längsbahnen eine
transafrikanische Querbahn zu schaffen. Diese Projekte lassen erkennen,
in welch großzügiger Weise sich vermutlich die künftige Entwicklung des afri-
kanischen Eisenbahnwesens vollziehen wird. Übrigens besteht bereits eine aus
Wasser- und Landwegen gemischte Querverbindung durch den Erdteil in der
Linie Kongomündung-—Daressalam, die unter Benutzung der schiffbaren
Strecken des Kongo, der Kongoumgehungsbahnen, der Strecke Kongo—Tan-
ganjikasee (Buli-Albertville) und der Deutsch-Ostafrikanischen Zentralbahn in
W-O-Richtung in 39, in 0-W-Richtung sogar in 32 Tagen zurückgelegt werden
kann (vgl. zu dem ganzen Abschnitt Abb. 145).

Australien. Da Australien aus denselben Gründen wie Afrika für
die Erschließung seiner inneren Landschaften auf die Eisenbahnen
angewiesen ist und seine wirtschaftliche Entwicklung durch die angel-
        <pb n="180" />
        7

ZWEITER TEIL: DER VERKEHR
Gebiete mit Sp

ie

Tur0a,
nn ww
ZT. einfach Üben
Zoppelt | Yberlandru Unterseetelegre
Co km_

„Eis bahn

*
A
IS815
a
z

148. Eisenbahnnetz und wichtige Telegraphenlinien Australiens.
Die in der linken oberen Ecke beigegebene Karte zeigt die Benachteiligung des australischen
Hisenbahnnetzes durch die verschiedenen Snpurweiten.

sächsische Rasse tatkräftig gefördert wurde, so hat hier der Bahnbau
schnellere Fortschritte gemacht. Die Gesamtlänge der australischen
Bahnen bleibt nur um ein Fünftel hinter der des viermal größeren
Afrika zurück. Am dichtesten ist das Netz naturgemäß in den zuerst
kolonisierten und dichter besiedelten Oststaaten. Hier hat sich,
allerdings nur in der Nachbarschaft der Küste, ein Bahnnetz ent-
wickelt, dessen Rückgrat die Küstenrandbahn Brisbane — Sydney —
Melbourne — Adelaide — Port Augusta (Entfernung Paris— Moskau) ist.
Von ihr gehen Seitenzweige nach der Küste und nach dem Inneren,
dort meist blind endend. Die das östliche Randgebirge übersteigen-
den Bahnen, die die Weidegründe des westlichen Tieflandes mit dem
Meere verbinden, erinnern mit ihren kühnen Steigungen, Schleifen,
Brücken und Tunnels an unsere Alpenbahnen. — Nach Entdeckung
der Goldfelder Westaustraliens entwickelte sich dort ein zweites
Netz, das die südwestlichen Küstenstädte verbindet und bis in die
Goldbezirke von Kalgoorlie binnenwärts vordrang. Als nächstes Ziel
ergab sich die Verbindung beider Netze, die im November 1917 durch
Vollendung der 1700 km messenden Strecke Port Augusta-—BKal-
goorlie hergestellt wurde. Damit erhielt Australien seine erste
Überlandbahn.
        <pb n="181" />
        II. DER WASSERVERKEHR 177
Eine zweite Überlandbahn ist längst geplant, hat aber wenig Aussicht auf
baldige Vollendung. Sie soll auf der Strecke des Überlandtelegraphen
von Adelaide nach Port Darwin den Erdteil in meridionaler Richtung durch-
queren. Bis jetzt sind nur kurze Strecken im Norden und Süden fertiggestellt,
zu deren Verbindung die menschenleeren Wüsten des Inneren bisher nicht
genügend Anreiz gaben. Neuerdings wird eine weiter östlich liegende Route
viel erörtert, die Port Darwin mit Bourke am Darling verbinden soll. Sie
würde zwar etwas länger sein als die andere Linie, aber durch wirtschaftlich
wertvollere Gebiete führen und mehrfache Möglichkeiten der Verknüpfung mit
dem ostaustralischen Bahnnetz bieten.
IL. DER WASSERVERKEHR
DIE BINNENSCHIFFAHRT

Binnenschiffahrt und Eisenbahnverkehr. Die Wege der Binnen-
schiffahrt sind Flüsse, Seen und Kanäle. Von alters her werden diese
vom Menschen zur Beförderung von Gütern und Personen benutzt.
Bei Einführung der Eisenbahnen glaubte man eine Zeitlang, daß durch
sie der Flußverkehr seine Bedeutung verlieren würde. In der Tat
ging dieser in manchen Ländern, so namentlich in der Union und Eng-
land, zurück, aber bald erkannte man, daß beide Verkehrsarten ein-
ander nicht ausschließen, sondern sich vielmehr in glücklichster Weise
ergänzen. Während die Hauptbedeutung des Eisenbahnverkehrs in
seiner Schnelligkeit liegt, hat die Flußschiffahrt den Vorzug der
Billigkeit für sich. Außerdem vermag sie noch größere Mengen an
Gütern zu bewältigen als jener. So wurde denn‘ der Flußverkehr
die Hauptverkehrsart für billige und schwere Massengüter, die
keine großen Frachtunkosten vertragen, bei denen aber andrerseits die
Schnelligkeit der Beförderung keine Rolle spielt. Solche sind z. B.
Kohlen, Petroleum, Erze, Holz, Düngemittel, Baustoffe, Getreide u. v. a.
In welchem Maße dieser Art Güter im Binnenschiffahrtsverkehr vorherr-
schen, zeigt der Verkehr auf den deutschen Wasserstraßen in Abb. 150.

Vorbedingungen der Flußschiffahrt. Nicht alle Binnengewässer sind für
die Schiffahrt brauchbar, und auch die von ihr benutzten eignen sich in sehr
verschiedenem Maße für den Verkehr. Die wichtigste Voraussetzung ist eine
ausreichende, keinen allzu großen und plötzlichen Schwankungen ausgesetzte
Wassertiefe. Daher scheiden sehr kleine Flüsse und Seen von vornherein
aus. — Ferner darf das Gefälle nicht zu groß und zu unregelmäßig sein, da
sonst die Bergfahrt unmöglich ist oder unverhältnismäßig große Betriebskraft
erfordert. Die großen und zum Teil auch tiefen Ströme Skandinaviens, der
Alpen, Japans sind wegen ihres raschen Laufes wenig brauchbar. Bei vielen
Flüssen. Afrikas ist der Reichtum an Katarakten für die Schiffahrt störend. —
Die klimatischen Verhältnisse sind insofern von Bedeutung, als von ihnen
die größere oder geringere Behinderung der Schiffahrt durch wechselnde Wasser-
stände oder Eisbedeckung abhängt. Daher ist das wärmere und ozeanische
Klima mit seinen reichlichen Niederschlägen und seinem milden Winter dem
Flußverkehr günstiger als polares und kontinentales Klima. In Europa nimmt
z. B. die Zahl der Eistage für die Flüsse in der Richtung von West nach Ost
schnell zu. So braucht die englische Binnenschiffahrt überhaupt nicht mit Eis-
behinderung zu rechnen, dagegen ist der mittlere Rhein durchschnittlich 18 Tage,
die mittlere Elbe schon 45, die Weichsel bei Warschau 60, der Ural 155, die
obere Lena 203 Tage durch Eis gesperrt. Auf Elbe und Oder muß die Schiff-

Reinhard, Erdkunde.

.
        <pb n="182" />
        ZWEITER TEIL: DER VERKEHR
DOM 450 400 350 300 20 200 %0_ 00 50

0
a

9
Zn

50 M0MMAt
1973

1925

1926
; 7

71927
Korn cukrden EisenuStabl Holz Gemüse Di. inet Getreide SonstigeGüler
149/150. Mengen und Anteile der Hauptwarengruppen am Gesamtgüterverkehr
a) auf den deutschen Eisenbahnen (Abb. 149), b) auf den Binnenschiffahrtswegen
des Deutschen Reiches (Abb. 150) 1913, 1925, 1926 und 1927.
fahrt in jedem Sommer einige Wochen wegen zu niedrigen Wasserstandes ein-
gestellt werden. — Auch der Verlauf der Flußlinie und die Ausbildung
des ganzen Stromsystems sind nicht gleichgültig. Flüsse mit starken Windungen
und nur kleinen oder parallel laufenden Nebenflüssen sind für die Schiffahrt
weniger nutzbringend als mehr geradlinig verlaufende Ströme mit weit aus-
holenden Zuflüssen. Man vergleiche die untere Seine und den Rio Grande del
Norte mit dem Mississippi und den sibirischen Strömen. Die Leichtigkeit der
Verbindung zweier Stromsysteme hängt ab von der größeren oder geringeren
Breite und Höhe der wasserscheidenden Gebiete. Tieflandströme, deren
Nebenflüsse oder obere Stromteile sich stark nähern, sind in dieser Beziehung
am günstigsten. Ein Beispiel dafür bieten die Ströme des Europäischen Ruß-
land, — Dichtbesiedelte Länder mit hoher wirtschaftlicher Entwicklung, nament-
lich reicher Gütererzeugung oder großem Güterverbrauch, beleben die
Schiffahrt eines Stromes ganz anders als Gebiete schwacher Bevölkerungsdichte
und geringer wirtschaftlicher Entfaltung. Rhein und Amazonas mögen als gegen-
sätzliche Beispiele für beide Fälle dienen. — Endlich ist von besonderer Be-
deutung die Lage der Mündung eines Stromes, Mündet er in einen offenen,
vom Weltverkehr berührten Meeresteil, so wird er für die Warenein- und -aus-
fuhr der von ihm durchflossenen Länder von höchster Bedeutung sein. Endet
er dagegen in einem dem großen Verkehr verschlossenen Binnenmeere oder in
einem aus klimatischen Gründen vom Verkehr gemiedenen Meere, so ist seine
Bedeutung: als Schiffahrtsstraße viel geringer. Das erkennen wir recht deutlich
bei einem Vergleich zwischen Rhein und Donau, Elbe und Oder, Düna und Dwina.

Stromregulierung und Kanäle. Die von Natur mangelhaften Schiff-
fahrtsverhältnisse eines Stromes können durch künstliche Eingriffe und
Bauten verbessert werden. Durch Baggerung sowie Einbau von Längs-
dämmen (Leitdämmen) und Buhnen in den Strom wird die Wasser-
tiefe vergrößert, durch Sprengungen werden Stromschnellen beseitigt,
durch Durchstiche und „Begradigungen“ stark gewundene Flußläufe
gestreckt. Talsperrenanlagen ermöglichen eine Regulierung der Wasser-
führung. Häufig werden heute Kraftanlagen mit solchen Strom-
regulierungen verbunden, um dadurch eine Verzinsung der Baukosten
zu erleichtern. Das wichtigste künstliche Mittel aber, um die Schiffahrts-
verhältnisse eines Landes günstiger zu gestalten, sind die Kanäle.
        <pb n="183" />
        MN. DER WASSERVERKEHR 179
Wir unterscheiden zwei Hauptarten: Scheitel- oder Verbindungs-
kanäle und Seitenkanäle. Die ersteren überschreiten die Wasser-
scheide zwischen zwei Stromgebieten und verbinden die Hauptströme
entweder unmittelbar, wie der Rhein-Ems-Kanal, oder durch ihre Neben-
flüsse miteinander, wie der Bromberger und der Ludwigskanal. Auch
der Wellandkanal, der Erie- und OÖntariosee unmittelbar verbindet,
gehört hierher. Seitenkanäle gehen längs eines Stromes zur Um-
gehung von Wasserfällen, Stromschnellen oder sonstigen nicht schiff-
baren Strecken eines Wasserlaufes. Solche sind der Klodnitzkanal, die
Seitenkanäle zahlreicher französischer Flüsse und die sieben Umgehungs-
kanäle des Lorenzstromes. Eine besondere Art der Verbindungskanäle
sind die Mündungskanäle, die einen Strom zum zweiten Male mit dem
Meere verbinden. Die Elbe erhält durch den Elbe-Trave-Kanal und den
Kaiser Wilhelm-Kanal eine Ostseemündung, der Rhein durch den Rhein-
Ems-Kanal eine deutsche Mündung. In beiden Fällen steht allerdings
die künstliche Mündung der natürlichen an Verkehrswert nach.

Binnenschiffahrtsnetze. Flüsse, Seen und Kanäle bilden das
Binnenschiffahrtsnetz eines Landes, seine Dichte ist sehr ver-
schieden und läßt sich gleich der des Eisenbahnnetzes zahlenmäßig
ausdrücken. Nach der untenstehenden Übersicht haben die Nieder-
Jlande, Belgien, England und Deutschland die dichtesten Wasserstraßen-
netze. Doch ist nicht allein die Dichte, sondern meist mehr noch die
Beschaffenheit, namentlich die Wassertiefe und durchschnittliche Breite
der fahrbaren Gewässer, für die Beurteilung der Schiffahrtsverhältnisse
eines Landes maßgebend.

Länge der schiffbaren Wasserstraßen einiger Länder.
Länge der
Wasserstraßen

km

auf
1000
akm

Staaten
insge-
samt
km

davon
Kanäle
km

Niederlande ..ı) 48%0
A
England ....| 1176)
Deutsches Reich | 12 151

3200 140

798 56
8400 38
2186 26

Länge der
Wasserstraßen
davon
Kanäle
km

Staaten

| km
auf
1000
qkm

ınsge-
samt
km
Frankreich .., 12 033
'Sowjetrußland! 90 045
Finnland ...| 5500
[Verein Staaten 52 388

5252 ı 22
3986 | 22

| 57 | 15
2813 6,7

' Einschließlich der nur flößbaren Strecken
Ein Überblick über die Erde lehrt uns, daß: die Binnenschiffahrt
in sechs Gebieten von besonderer Bedeutung ist. Diese sind: das mitt-
lere und nördliche China, Sibirien, Europa mit Ausnahme der
Mittelmeer- und Alpenländer, Nordamerika, Südamerika und das
tropische Afrika. Diese Gebiete liegen also in der gemäßigten, der
tropischen und der feuchten subtropischen Zone (Monsunländer), dagegen
spielt in den polaren Ländern und in den trocknen Subtropen die
Binnenschiffahrt naturgemäß keine Rolle. Auch die Hochgebirgsländer
scheiden wegen des starken Gefälles ihrer Flüsse für die Schiffahrt aus.
Von den genannten Gebieten sind besonders wichtig die europäischen
und die nordamerikanischen Binnenschiffahrtsgebiete.,
        <pb n="184" />
        Qu

ZWEITER TEIL: DER VERKEHR
Das Binnenschiffahrtsnetz Europas. Die Gesamtlänge der schiff-
baren Flüsse und Kanäle Europas beträgt reichlich 100000 km (ohne
die nur flößbaren Flußstrecken). Nach dem Verlauf der europäischen
Hauptwasserscheide zerfallen sie in eine atlantische, eine mittel-
meerische und eine pontisch-kaspische Gruppe. Die größte Be-
deutung haben die Flüsse der atlantischen Abdachung, zumal soweit
sie unmittelbar in den Atlantischen Ozean oder in die Nordsee münden.
Diese haben auch den Vorteil geringer Eisbedeckung und hoher wirt-
schaftlicher Entwicklung ihrer Einzugsgebiete. Die Flüsse der pontisch-
kaspischen Gruppe zeichnen sich entsprechend der Weiträumigkeit Ost-
3uropas und dem Vorherrschen des Tieflandes durch gewaltige Größe
und geringes Gefälle aus. Aber
sie münden in geschlossene Meere
und leiden unter langer winter-
ücher Vereisung, zum Teil auch
anter sehr niedrigen Wasserstän-
den im Sommer. Die geringste
Bedeutung haben aus nahe:
üegenden Gründen die mittel-
meerischen Flüsse und die der
lberischen Halbinsel.

Die größte Gesamtlänge an
schiffbaren Wasserläufen weist
Osteuropa, das alte Rußland.
auf. Mit 43300 km?! umfaßt das
altrussische Netz fast die Hälfte
des europäischen. Dazu kommen
noch etwa 50000 km flößbarer
Strecken. Doch darf man nicht
übersehen, daß diese Wasser-
straßen sich über eine ungeheure
Fläche verteilen und daß Ruß-
land hinsichtlich der Dichte sei-

168 Wassernetzes hinter vielen

suropäischen Staaten zurücksteht. Dazu kommt die ungünstige Wir-
kung der langen Winter. Auf den südwestrussischen Strömen ist die
Schiffahrt durchschnittlich 3 bis 4 Monate, auf den nordostrussischen
aber 6 bis 7 Monate im Jahre unterbrochen. Andrerseits sind die russi-
schen Wasserstraßen mächtige Tieflandströme mit geringem Gefälle
and, von einigen wenigen abgesehen, ohne Stromschnellen. Ihre An-
ardnung ist so, daß sich die einzelnen Flußsysteme in ihrem Oberlauf
und außerdem durch ihre Nebenflüsse stark annähern, so daß zu ihrer
Verbindung nur ganz kurze Kanäle nötig sind. Diese sind auch viel-
lach gebaut worden, so daß fast alle großen Ströme miteinander in
Verbindung stehen und durchgehende Wasserwege vom Schwarzen Meer
und Kaspisee zur Ostsee und zum Weißen Meer vorhanden sind. Aller-
dings sind diese Kanäle alle nur für Fahrzeuge von kleineren Ab-

— Davon entfallen auf die Ukraine etwa 7000 km, auf chemals Russisch-Polen 4-——5000 km.
        <pb n="185" />
        II. DER WASSERVERKEHR

181

messungen passierbar. Bei der noch verhältnismäßig geringen Ent-
wicklung des Eisenbahnwesens in Rußland spielt der Wasserverkehr in
diesem Lande indessen eine größere Rolle als in irgendeinem anderen
Staate Europas. Namentlich sind die russischen Flüsse und Kanäle
für den Transport von Holz, Getreide und Petroleum wichtig.

Der weitaus wichtigste Schiffahrtsstrom Rußlands und Osteuropas ist die
Wolga, die von der Mündung aufwärts bis Nishnij Nowgorod, also auf einer
Strecke von 2200 km, Schiffe und Barken von 2—3000 t trägt. Sie bewältigt
etwa die Hälfte des gesamten russischen Binnenwasserverkehrs, Die Herstellung
siner Verbindung der unteren Wolga mit dem Don, die schon oft und lange
arwogen, soll demnächst endlich in Angriff genommen werden.

Die Wasserstraßen Deutschlands, von denen Rhein, Elbe und
Oder die wichtigsten sind, wiesen vor dem Kriege eine Gesamtlänge
von 14700 km auf, nicht gerechnet 6000 km flößbare Gewässer. Sie
gehören mit Ausnahme der Donau der atlantischen Abdachung an, der
sie im allgemeinen in nordwestlicher Richtung folgen. Damit hat unser
Wasserverkehr die Hauptrichtung auf die Nordsee, das große Ausgangs-
tor für Deutschland zum Weltverkehr. Die Bedeutung der deutschen
Ströme für die Binnenschiffahrt ist besonders groß im Bereich des Nord-
Jeutschen Tieflandes, aber sie greifen mit ihren schiffbaren Strecken
und Kanälen in zahlreichen natürlichen Becken und Senken durch die
Mitteldeutsche Gebirgsschwelle hindurch, so daß sie fast ganz Mittel-
europa nördlich der Alpen erschließen. Im allgemeinen günstige Ge-
fällsverhältnisse, in mäßigen Grenzen bleibende Wasserstandsschwan-
kungen und eine lange jährliche Schiffahrtsdauer (vgl. S. 177) machen
sie zu einem wichtigen Mittel unseres Binnenverkehrs. Zwar kommen
sie seit der Entwicklung des Eisenbahnnetzes für den Personenverkehr,
abgesehen von den landschaftlich schönen Strecken des Rheins im Rhei-
nischen Schiefergebirge, der Elbe im Elbsandsteingebirge und der Havel-
seen, kaum noch in Betracht, aber von der gesamten deutschen Güter-
bewegung bewältigen sie etwa ein Viertel und insbesondere einen großen
Teil des Schwergüterverkehrs. Allerdings sind sie zu dieser Leistung
erst durch zahlreiche künstliche Eingriffe und Erweiterungen befähigt
worden.

In der Regulierung seiner Ströme und dem Ausbau von Kanälen
bat Deutschland bis in die neueste Zeit Großes geleistet. Unsere
heutigen deutschen Wasserwege sind fast durchweg Kunst-
straßen. Aus der Richtung der deutschen Ströme ergaben sich für
den Ausbau des Kanalnetzes zwei Hauptaufgaben: einmal die Ver-
bindung der einander parallel laufenden norddeutschen Ströme unter sich
durch eine ostwestlich verlaufende Querverbindung und sodann die Ver-
knüpfung der großen nach Nordwesten fließenden Adern mit der Donau.
Die erste Aufgabe wird mit der in etwa sieben Jahren zu erwarten-
den Vollendung des Mittellandkanals, von dem gegenwärtig der
letzte Abschnitt zwischen Hannover und der Elbe in Bau ist, gelöst sein,
Es wird dann eine durchgehende Wasserstraße vom Rhein bis zur
Weichsel, die selbst aber jetzt der deutschen Schiffahrt durch Polen
verschlossen ist, einen Güteraustausch zwischen allen norddeutschen
I3römen. zwischen dem industriellen Westen und dem agrarischen Osten,
        <pb n="186" />
        ‚82 ZWEITER TEIL: DER VERKELUR

7 * gr

unter 100€
00-200t
200 -500F$
00-1000 €
000-3000 E
über 3000 £
Seeschiffe

152. Die deutschen Binnenschiffahrtswege und ihre Nutzungsmöglichkeit. (Nach
äympher.) Kanäle: ı Masurischer, 2 Königsberger, 3 Oberländischer, 4 Bromberger, 5 Finow,
5 Oder-Spree, 7 Friedrich-Wilhelms, 8 Ruppin-Rhin, 9 Havelländischer, 10 Teltow, 11 Plauer, 12 Ber-
in-Stettin, 13 Elbe-Trave, 14 Nordostsee (Kaiser Wilhelm), 15 Klodnitz, 16 Ems-Jade, 17 Hunte-Ems,
‚8 Dortmund-Ems, 19a Mittelland, 19 b Rhein-Herne, 19c Hansa, 20 Lippe-Seiten, 21 Nord, 22 Rhein-
Marne, 283 Saarkohlen, 24 Rhein-Rhöne, 25 Ludwigs, 25a Weser-Main, 25b Neuer Main-Donau.

ermöglichen. Nicht nur wird für das Hinterland der Ostsee ein Zugang
zur Nordsee, für das der Nordsee ein solcher zur Ostsee geschaffen
sein, sondern auch eine durchgehende Binnenschiffahrtslinie von den
französischen Stromgebieten bis tief hinein nach Rußland Europa
durchziehen. In Ostelbien wurde die Herstellung dieser Querverbin-
dung erleichtert durch die Benutzung großer ostwestlich verlaufender
Nebenflüsse und Urstromtäler.. Hier wurden denn auch die ersten
Kanalverbindungen schon im 17. und 18. Jahrhundert hergestellt,
während in Westdeutschland der Rhein-Ems-Kanal (s. unten) und der
Mittellandkanal erst in der neuesten Zeit entstanden. — Die zweite
Aufgabe ist von ihrer Lösung noch weit entfernt. Zwar hat der Rhein
außer seinen Verbindungen mit dem französischen Kanalnetz von Straß-
burg aus durch den in seiner Baugeschichte bis auf Karl den Großen
zurückreichenden, aber erst im neunzehnten Jahrhundert geschaffenen
Ludwigskanal über Main und Altmühl eine Verbindung mit der
Donau. Allein die zahlreichen Schleusen und geringen Abmessungen
Jieses Wasserweges entsprechen in keiner Weise den Bedürfnissen der
        <pb n="187" />
        II. DER WASSERVERKEHR 183

Niederrhein-Ruhrgebier 7 Bremen

Duisburg 3 Hannover
Dortmund 9Niedereibe

'Oln u. Umgebung 10 Magdeburg,
tessische Häfen 11 Berliner Häfen
Mannheim -Ludwigshfn.12 SteltHin

Imden 13 Kosel |
tafen mit mehr als 100000 F Güterverkehr1927
Eingang u. Abgang)

153. Verkehr in den wichtigen Binnenhäfen der deutschen Wasserstraßen 1927,

Zu 1 gehören die Häfen des Niederrheingebietes unterhalb Köln bis einschließlich Wesel, ferner

die Häfen des Lippe-Seitenkanals und des Rhein-Hernekanals. Der bedeutendste Hafen dieses

Gebietes ist Duisburg-Ruhrort, veranschaulicht durch 18. Zu 4 zählen die Häfen des unteren

Main und des Rheingaues bis Bingen. — Bei allen Häfen, die zugleich Seeverkehr haben, beziehen
sich die angegebenen Werte nur auf den Binnenverkehr.

neuzeitlichen Großschiffahrt. Daher ist zu deren Befriedigung die Schaf-
fung eines Rhein-Main-Donäu-Großschiffahrtsweges, der etwa
der Strecke des alten Ludwigskanals folgen wird, in Angriff genommen
worden und zunächst mit Kanalisierungsbauten im Main und der
deutschen Donau (Kachletschnelle vier Kilometer oberhalb Passau und
Strecke Vilshofen — Regensburg) begonnen worden. — Verbindungen
der Donau aber mit der Elbe durch die Moldau und mit der Oder
and Weichsel durch die March sind über deu Zustand von Projekten
noch nicht hinaus.

Eine dritte wichtige Forderung, die Verbindung des Rheinisch-Westfälischen
[ndustriegebietes mit den großen Nordseehäfen, soll durch eine vom Mittelland-
kanal bei Barenaue östlich Bramsche abzweigende, in nordöstlicher Richtung
nach Bremen und Hamburg, vielleicht sogar bis Lübeck. führende Wasserstraße,
den sogenannten Hansakanal, erfüllt werden. Sein Ausbau ist schon wegen
der bedrohlichen Konkurrenz der belgischen und holländischen Häfen Antwerpen
and Rotterdam nötig. Eine Verbindung zwischen Ruhrgebiet und Nordsee be-
steht bisher nur im Rhein-Dortmund-Ems-Kanal. Aber diese nur für 600 t-
Schiffe fahrbare Wasserstraße hat sich als ungenügend erwiesen, nachdem Emden
        <pb n="188" />
        184 ZWEITER TEIL: DER VERKEHR
ein wichtiger Einfuhrplatz für die von der Ruhr-Industrie benötigten schwedischen
Eisenerze geworden ist. Es ist deshalb beabsichtigt, den Weg Rhein—Emden
für Schiffe von 1800 t Tragfähigkeit auszubauen.

Die weitaus wichtigste Wasserstraße Deutschlands und Europas, viel-
leicht der verkehrsreichste Strom der Welt, ist der Rhein. Er hat
neben geringer Vereisung und verhältnismäßig gleichmäßigem Wasser-
stand — Vorzügen, die mit seiner ozeanischen Lage und seiner Speisung
durch Hochgebirgs- und Mittelgebirgsflüsse zusammenhängen — den
weiteren Vorteil, von der Quelle bis zur Mündung durch dichtbesiedelte,
wirtschaftlich hochentwickelte Länder (Schweizer Mittelland, Oberrhein-
ebene, Rheinisch-Westfälisches Industriegebiet, Niederlande) zu fließen.
Ein großer Nachteil für Deutschland liegt allerdings darin, daß sein
Oberlauf und vor allem seine Mündung in fremden Staatsgebieten liegen.

Von vier europäischen Uferstaaten beschattet, mit etwa 50 Fluß-
häfen an seinem Lauf und bedeutenden Seehäfen in seinem Delta, trägt
er jährlich allein auf deutschen Schiffen mehr als 80 Mill. t Güter auf
seinem Rücken. Seine Wassertiefe hat unter der beständigen Strom-
pflege der Uferstaaten, besonders des Deutschen Reiches, ständig zu-
genommen und beträgt gegenwärtig bei mittlerem Niedrigwasserstand:

von der holländischen Grenze bis Köln 3,00 m

von Köln bist St. Goar. ... . . . 2,50 »

von St. Goar bis Straßburg. ... . .200,
so daß bis Köln sogar kleine Seeschiffe, bis Mannheim — 600 km von
der Mündung — Schiffe von 3000 t Tragfähigkeit verkehren können.
Bis Straßburg und Aschaffenburg am Main können während des größten
Teiles des Jahres die in der Rheingroßschiffahrt am meisten verwen-
deten Fahrzeuge von 1000—1500 t Trägfähigkeit gelangen. Basel ist
gegenwärtig nur bei Hochwasser von der Rheinschiffahrt erreichbar. Es
ist aber Aussicht vorhanden, daß unter Zurückstellung der französischen
Sonderpläne, die einen Seitenkanal durch das Elsaß von Straßburg bis
Kembs wünschen, die von der Zentralkommission für die Rheinschiff-
fahrt vorgeschlagene Schaffung eines Großschiffahrtsweges (mit min-
destens 2 m Tiefe während 10% Monaten im Jahr) von Straßburg bis
Istein bei Basel zur Ausführung gelangt.

Bereits im Gange sind Bauarbeiten seitens der Schweiz und Badens,
die auch den Hochrhein, die Strecke von Basel bis Konstanz (168 km)
für Kähne von mehr als 1000 t Tragfähigkeit schiffbar machen, somit
diese Strecke der Rheingroßschiffahrt eröffnen werden. Dabei wird
die Stufe des Rheinfalls (26,7 m) durch zwei Gruppen von je zwei und
drei Schleusen überwunden werden. Durch die Neuregulierung werden
gleichzeitig jährlich rund 500000 PS oder 3 Milliarden KW- Stunden
elektrische Kraft in 14 Kraftwerken gewonnen, und außerdem werden
die Hochwasserschäden, die die sommerlichen Ausuferungen des Boden-
sees verursachen, künftig wesentlich geringeren Umfang haben.

Die überragende Bedeutung des Rheins als deutsche Schiffahrts-
straße erhellt aus der Tatsache, daß von dem gesamten deutschen
Binnenwasserverkehr im Jahre 1927 auf den Rhein mehr als die Hälfte,
nämlich rund 52%, von der tonnenkilometrischen Leistung im Jahre
1926 sogar rund 55% entfielen.
        <pb n="189" />
        1. DER WASSERVERKEHR 185
Die deutsche Rheinflotte umfaßte Ende 1926 im ganzen 3533 Schiffe
mit 2,3 Mill. t Tragfähigkeit, davon 488 Schlepper mit nahezu 200000 PS und
89 andere eigenbewegte Schiffe mit 29000 PS. Damit ist hinsichtlich der Trag-
fähigkeit und Schleppkraft der Stand von 1912 wieder erreicht. Die gesamte
Rheinflotte wird für 1926 mit 5,5 Mill. t Kahnraum und 400000 PS Schlepp-
kraft angegeben. Ihre prozentuale Verteilung auf die beteiligten Schiffahrts-
staaten ergibt folgendes Bild:
Anteil der Uferstaaten an der Rheinflotte in Hundertteilen
des Gesamtbestandes.
Staaten Kahnraum | Schleppkraft
Frankreich. . , 7,0 9,0
Schweiz ,... 1,5 1,5
Sonstige Staaten 2,0 B—

Deutsches Reich.
Niederlande . . |
Belgien . .. 1
Nach dem Kriege ist die Beteiligung der fremden Schiffahrt auch
in den deutschen Rheinhäfen bedeutend gestiegen. Betrug doch im
Jahre 1924 der Anteil der fremden Flaggen an den Ein- und Aus-
ladungen in den wichtigeren deutschen Plätzen 45,4%.

Der Rhein bewältigt auch den Auslandsverkehr der deutschen
Ströme, der sich 1927 auf 39% (gegen 27,5% im Jahre 1913) des ge-
samten Stromverkehrs belief, mit 94% Anteil fast allein. Welches Ge-
präge hinsichtlich der aus- oder eingeführten Waren dieser Stromaus-
landsverkehr hat, 1äßt die folgende Übersicht erkennen:
Durchgangsverkehr an der holländischen Grenze bei Emmerich 1925,
- Einfuhr "

a Ausfuhr
Brennstoffe .......17 Mil.t'
Eisen und Stahlwaren .. 238  »
Düngemittel. ...... 0,75 „
Drogen und Chemikalien . 0,40 x

Erze ........ . 9,2Milt
Getreide, .......21 „ »
Holz 2a: 02 DS n

Nur ein reichliches Fünftel des deutschen Binnenschiffahrtsverkehrs
entfiel auf die Elbe (einschließlich der märkischen Wasserstraßen), deren
schiffbare Länge von der Mündung bis zur Einmündung der Moldau
rund 800 km beträgt. Ihre Bedeutung beruht vor allem auf der Tatsache,
daß sie die Zugangsstraße zu Deutschlands erstem Seehafen ist, an den
sie durch die märkischen Wasserstraßen auch Berlin und durch die Ver-
bindungen mit der Oder auch große Teile Ostdeutschlands anschließt. Die
Elbe ist auch für die Tschechoslowakei der Zugangsweg nach Hamburg,
dessen Hafen dieser Staat nach Zusprechung einer eigenen Freihafenzone
(s. unten) für die Ausfuhr ihrer Güter neuerdings gegen das italienische,
nur auf dem Landweg erreichbare Triest zu bevorzugen scheint. —
Die natürliche Wasserstraße des Ostseehinterlandes ist die Oder, die
durch Regulierung und Kanäle bis ins oberschlesische Bergbau- und
Industriegebiet schiffbar ist und deren Mündungshafen Stettin durch
den für 1000 t-Schiffe zugänglichen Berlin-Stettiner Großschiff-
fahrtsweg zum Vorhafen Berlins an der Ostsee wurde. Berlin hat
auch über die Spree Kanalverbindung zur Oder. Allerdings hat die
Schiffahrt namentlich auf der mittleren Oder vielfach mit zu niedrigem
Wasserstand zu kämpfen. Ein Ausbau der gesamten Strecke auf 1,40 m
Tiefe ist deshalb vorgesehen.
        <pb n="190" />
        ZWEITER TEIL: DER VERKEHR

su

Unter den durch die deutsche Binnenschiffahrt in Berg- und Tal-
fahrt bewegten Gütern stehen weitaus an erster Stelle die Steinkohlen
1927 mit 35,8 Mill. t), ihnen folgen Eisenerze (16,9 Mill. t), Erden, Tone,
Kiese, Sande, Steine usw. (13,9 Mill. t), Getreide, besonders Weizen und
Mehl (8,5 Mill. t), Hölzer aller Art und Holzmasse (3,9 Mill. t), Braun-
kohlenbriketts und Braunkohlen (2,5 Mill t). (Vgl. Abb. 150.)

Von den deutschen Binnenschiffahrtshäfen sind die größten: Duis-
burg-Ruhrort, Hamburg (Oberelbe-Verkehr), Mannheim-Ludwigs-
hafen, die Häfen Berlins und Hamborn. Auf diese fünf Häfen
entfielen im Jahre 1927 von der Gesamtgüterbewegung auf deutschen
Wasserstraßen in Höhe von 160,6 Mill. t* fast zwei Fünftel (39 %), ein
volles Sechstel (17%) allein auf Duisburg-Ruhrort, das damit dem Ver-
kehr nach der größte eigentliche Flußumschlagshafen der Welt ist2
Von den rund 161 Mill. t des Gesamtverkehrs im Jahre 1927 kamen
auf die größeren Häfen folgende Anteile:

Duisburg-Ruhrort . . . . 26,9 Mill. t | Hamborn. . . .
Mannheim-Ludwigshafen . 10,7 „ „ * Dortmund
Berliner Häfen. .... . 95 „ „ Essen. ,
Hamburg (Oberelbeverkehr) 9,0 ‚ „ Emden
Ankunft

&gt;

Mannheim
A LUOWAHEN.
763%

154,
Anteil der wich-
tigsten deutschen
Binnenhäfen an
dem Gesamtver-
kehr deutscher

Binnenhäfen
nach Ankunft
(links) und Ab-
gang (rechts) im

Jahre 1927.

A
/ Deich WE:

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ST

X

MP
"%

den
In

A Dorim 12 6

‚Berlin 15%
Mannheims
LU 36 Yo

Wie verschieden sich bei den großen Häfen der Verkehr auf Ein-
zang und Ausgang der Güter verteilt, zeigen die beiden Kreisdiagramme.

Die deutsche Binnenschiffahrt hat, abgesehen von der erzwungenen
Ablieferung beträchtlicher Mengen von Flußfahrzeugen an unsere Feinde®,
durch die im Versailler Vertrag vorgesehene „Internationalisierung“
aller großen deutschen Ströme außer der Weser einen schweren Schlag
erlitten. Die betreffenden Bestimmungen des Versailler Vertrages
(Art. 321 bis 364), die sich bei genauerem Zusehen als reichlich unklar
und unkonsequent erweisen, um so deutlicher aber den rein macht-
politischen Standpunkt ihrer Verfasser erkennen lassen, bedeuten für

1 Der Inlandverkehr ist zweimal (als Versand und Empfang) gezählt. Bei einmaliger
Zählung beträgt der Gesamtverkehr 111,4 Mill. t.

2 Größeren Umschlag hatten 1927 nur der amerikanische Platz Duluth am Oberen See und
Rotterdam, das aber für die Güter der Rheinschiffahrt nur Durchgangs- und Umladeplatz ist.

3 Der gesamte deutsche Bestand an Binnenschiffahrtszeugen umfaßte 1912 rund 29500 Schiffs-
gefäße mit 7,4 Mill. t Tragfähigkeit. Für 1926 sind die entsprechenden Zahlen 28400 Schiffe mit
7,0 Mill. t Tragfähigkeit. Von dem Schiffsbestand der Oder haben wir an die Tschechoslowakei
33700 t Lastkähne und 5340 t Dampfer, an Polen 40800 t und 4660 t, zusammen also rund 74000 t
Lastkähne und 10000 t Dampfer bester Beschaffenheit abgeben müssen. Von der österreichischen
und deutschen Elbflotte erhielt die Tschechoslowakei rund 140000 t Kahnraum und 16000 PS
Schleppkraft, dazu wertvolle Umschlagsanlagen und schwimmende Hilfsmittel. Auf dem Rhein
3ind 254000 t Kahnraum und 24000 PS Schleppkraft in den Besitz der Ententeländer übergegangen.
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        England 8 Jtalien
Z7 CO yjedetlande
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Ja. DER WASSERVERKEHR

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85

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Frankreich @Y *
@-
155. 7
u“ Schwei.
155—157. Zur „Internationalisierung‘“ der deutschen Ströme: Die Verwaltung

des Rheins wird von 4 Deutschen (Vertretern der einzelnen deutschen Rhein-

ıferstaaten) und 14 Nichtdeutschen, die der Elbe von 4D. und 6 Nd., die der
Oder von 3 D. und 6 Nd. geführt.

das Reich eine Einbuße an Hoheitsrechten! und an Einnahmen aus
Frachtgebühren und Abgaben, aber auch eine große Gefahr für die
Instandhaltung und den Weiterausbau unseres Binnenschiffahrtsnetzes.
Denn die internationalen Kommissionen, denen die. Verwaltung der
großen . deutschen Ströme anvertraut ist und in denen die deutschen
Vertreter gegenüber denen der früheren Feindstaaten stets in der Minder-
zahl sind (vgl. Abb. 155 — 157), werden nicht in erster Linie das Interesse
des deutschen Binnenverkehrs wahrnehmen ?, zumal vielfach politische
Erwägungen die sachliche Arbeit stören.

Die Donau, von Ulm an für größere Kähne, von Regensburg für
Dampfschiffe fahrbar, steht, obgleich ihre schiffbare Strecke mit 2600 km
viel länger und wasserreicher ist als die des Rheins und der Elbe,
hinter diesen beiden an Verkehrsbedeutung stark zurück. Die Ursachen
3ind der Mangel an weithin schiffbaren Nebenflüssen, die Behinderung
des Fahrwassers durch Stromschnellen in engen Durchbruchstälern
(Eisernes Tor), die geringere, meist nur nach der landwirtschaftlichen
Seite hin liegende Entwicklung der von ihr durchflossenen Länder,
die geringe Tiefe ihrer Deltamündungsarme und ganz besonders die
Mündung in ein verschlossenes, vom großen Weltverkehr abseits liegen-
des Meer. Allerdings wird die Donau immer eine nicht geringe Be-
deutung für den Güteraustausch zwischen Mitteleuropa und den süd-

1 Mußten doch sogar der Tschechoslowakei in Stettin und Hamburg cigene Pachtgebiete für
3inen Zeitraum von 99 Jahren als Freizonen für die besonderen Zwecke dieses Staates eingeräumt
werden. (Art. 363 und 364 des Versailler Vertrages.)

2 Auch mit dem Nordostseekanal, einem in seiner ganzen Länge durch deutsches Gebiet führen-
den Seekanal, beschäftigt sich der Versailler Vertrag in mehreren Artikeln (380—886), die der
iremden. Schiffahrt genau die gleichen Röchte einräumen wie der deutschen, und den Völkerbund
bei allen strittigen Kanalfragen zur obersten Instanz bestimmen. Ebenso ist für den künftigen
RXhein-Donau-Kanal die Internationalisierung schon festgelegt.

3 Die Behinderung der Schiffahrt durch die Stromschnellen des Eisernen Tores wurde durch
3inen Umgehungskanal nur unvollkommen beseitigt.
        <pb n="192" />
        88

ZWEITER TEIL: DER VERKEHR
osteuropäischen Ländern haben, daher auch ihre Wichtigkeit für das
ehemalige Österreich-Ungarn, für das sie als einigendes Band der ein-
zelnen Staatenteile auch von hoher politischer Bedeutung war. Durch
Ausführung der obenerwähnten Verbindungen mit den norddeutschen
Strömen und des geplanten Donau-Theiß-Kanals zwischen Budapest und
Csongrad an der Theiß würde die Donau an Verkehrsbedeutung beträcht-
lich gewinnen.

Der deutsche Donauverkehr liegt in den Händen der „Bayrischen Lloyd
A.-G.“, die mit zwei österreichischen und einer ungarischen Schiffahrtsgesell-
schaft seit 1927 eine Betriebsgemeinschaft eingegangen ist. Auch die Donau
ist „internationalisiert“ und wird sogar von zwei Kommissionen betreut, der
„Europäischen Donau-Kommission“ für die sogenannte „See-Donau“ (Braila bis
Mündung) und der „Internationalen Kommission“ für die Strecke Braila-—
Ulm. Infolge der politischen Zersplitterung Mitteleuropas ist der Güterverkehr
auf der Donau erheblich zurückgegangen, betrug er doch 1927 nur 60% der
Vorkriegszeit. Das versteht man, wenn man bedenkt, daß z. B. zwischen Passau
und Orsowa jetzt fünf Staatengrenzen zu passieren sind, wo früher keinerlei
Grenzformalitäten bestanden, und daß bei den verschiedenen auf dem Flusse
tätigen Schiffahrtsgesellschaften nicht weniger als acht Geldwährungen in
Anwendung kommen.

Unter den Ländern Westeuropas haben die Niederlande ein be-
sonders dichtes Netz von Wasserstraßen, die alle Hauptorte unter-
einander, mit den zahlreichen Armen der Rheinmündung und mit dem
Meere verbinden. Hier übertreffen — wie außerdem nur in England —
zuch die Kunstbauten mit 3200 km an Länge die natürlichen Wasser-
straßen (s. Tabelle S. 179) beträchtÄch, und die Gesamtlänge des Wasser-
netzes ist um ein Drittel größer als die des Eisenbahnnetzes. — Frank-
reich und England haben kurz vor dem Aufkommen der Eisenbahnen
ihre Schiffahrtsnetze trefflich ausgebaut, seit dieser Zeit aber deren Zu-
stand unter dem Einfluß des rasch aufblühenden Ausbaus der Eisen-
bahnen nur wenig vervollkommnet, so daß ihre Wasserstraßen dem
heutigen Großverkehr nicht mehr genügen. Seit der Wiedergewinnung
des Elsaß strebt allerdings Frankreich mit allen Mitteln danach, Straß-
burg zu einem großen Kopf- und Durchgangshafen zu machen, über
den es den Rheinverkehr mittels eines Rhein-Seitenkanals und des Rhein-
Marne-Kanals dem französischen Wassernetz zuzuleiten gedenkt. Auch
eine Kanalisierung der Mosel für 1200 t-Schiffe ist geplant. In Eng-
‚and hat, abgesehen von der obenerwähnten Ursache, der Binnenwasser-
verkehr gegenüber dem Seeverkehr wegen der geringen Meerferne aller
Binnenlandschaften verhältnismäßig wenig Bedeutung.

Die Nordamerikanische Binnenschiffahrt. Der Hauptschauplatz der
Binnenschiffahrt Nordamerikas ist die große Tieflandsmulde zwischen
dem Hochgebirgsland des Westens und der appalachischen Gebirgskette
des Ostens. Das wirtschaftliche Übergewicht des Ostens des Erdteils
gegenüber dem Westen wird mitbedingt durch die beiden riesigen
Binnenwassersysteme des Mississippi und der Kanadischen Seen mit
dem St. Lorenzstrom.

Der Mississippi, der ein Drittel der Landfläche der Union entwässert,
weist mit seinen fünfzig schiffbaren Nebenflüssen, von denen der Tennessee
und der Ohio die für die Binnenschiffahrt wichtigsten sind. eine dem Verkehr
        <pb n="193" />
        Il. DER WASSERVERKEHR

189
nutzbare Lauflänge von 22000 km auf, das ist mehr als die Hälfte der gesamten
schiffbaren Flußlänge in der Union (42500 km). Trotzdem hat der Riese für
Jen vereinsstaatlichen Binnenverkehr bei weitem nicht die Bedeutung, die man
nach seiner Größe ‚erwarten sollte. Das hängt vor allem damit zusammen, daß
seine Laufrichtung senkrecht zur ostwestlich gerichteten Hauptverkehrsachse
der Union liegt. Ferner ist der Mississippi ein unbändiger Geselle, der bei
seinen. zahlreichen gewaltigen Hochwassern den Zustand der Fahrrinne fort-
während beträchtlich verändert und der Befahrung immer neue Hindernisse in
len Weg legt. Das schnelle Wachstum seines Deltas ist der Schiffahrt äußerst
ungünstig, und nur, mit großer Mühe kann der mittlere Arm, der „Südpaß“,
lem Seeverkehr bis New Orleans, dem Mündungshafen des Stromes, offen.
gehalten werden. Alle diese Hindernisse könnten freilich durch Kunstbauten be-
seitigt werden. Zu solchen ist es aber unter dem mächtigen Einfluß der Eisen-
bahngesellschaften, die die Konkurrenz der Binnenschiffahrt zurückzudrängen
suchen, bisher nicht gekommen. Ob dem Mississippi künftig mit der Weiter-
entwicklung des Panamaverkehrs als Zubringer zu diesem eine große Rolle be
schieden sein wird, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen. Vorläufig ist jeden-
falls die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten zur Aufbringung von
Geldern für eine großzügige Regulierung des Mississippisystems noch nicht zu
gewınnen.

Eine viel bedeutendere Stellung im amerikanischen Verkehrsleben
nimmt das Schiffahrtsgebiet der Großen Seen und des Lorenz-
stromes ein. Die fünf Großen Seen bilden die größte Binnenwasser-
ansammlung der Erde, die in ihrer Gesamtfläche 285000 qkm, das ist
erheblich mehr als die Hälfte des Deutschen Reiches, umfaßt. Sie liegen
an der Grenze zweier mächtiger Staatswesen mit einer gewaltigen, noch
immer steigenden wirtschaftlichen Entwicklung. Die ungeheuren Lager
von Eisenerzen, Kupfererzen und Kohle, die riesigen Getreideflächen und
Viehweiden, die ausgedehnten Waldgebiete ihrer Küstenländer liefern der
Seenschiffahrt riesige Massen von Schwergütern. Stark verkehrsfördernd
ist die Tatsache, daß die größte Erstreckung der Seen in westöstlicher
Richtung liegt, also in der Richtung des Ausgleichsbedürfnisses zwischen
dem Eisen und landwirtschaftliche Erzeugnisse produzierenden Westen
und dem kohlenreichen, dichtbevölkerten und industriell entwickelten
Osten. Dazu kommt, daß die Seenhäfen die denkbar vollkommensten
Einrichtungen für Ladung und “Entladung besitzen. Diese Tatsache,
ferner die Größe der Ladungen und der Entfernungen verbilligen den
Verkehr derart, daß beispielsweise zur Zeit die Fracht für eine Tonne
Eisenerz auf 1000 englische Meilen nur etwa 2 Mark beträgt.

Zwar sind die die Seen unter sich und mit dem Meere verbindenden
Flußstrecken reich an Wasserfällen und Stromschnellen, von denen die
Niagarafälle nur die größten und bekanntesten sind. Aber alle diese
Störungen der Schiffahrt wurden unschädlich gemacht durch Regulie-
rungen und Kanalbauten, deren Anfänge schon in den Beginn des
19. Jahrhunderts fallen. Sie haben durch allmähliche Verbesserung,
namentlich in den letzten Jahrzehnten, solche Abmessungen erhalten,
daß das Seengebiet von Schiffen befahren werden kann, die mittleren
Ozeandampfern an Größe gleichkommen. Die „lake navigation“, die
Seenschiffahrt, rechnet im ganzen Gebiet der vier oberen Seen mit
18—20 Fuß, also rund 6 m Tiefgang. Die Seen wurden auf diese
Weise kultur- und wirtschaftsgeographisch zum Rang von wirklichen
        <pb n="194" />
        m Pe

WEITER TEIL: DER VERKEHR
hhr tg

Yan

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ı vanadian-

‚Never- a

wo. Schiffskanal mit Schleusen

10km
158/159. Die Sault-Ste.-Marie-Kanäle (mit Lageplan).

Meeren erhoben, und für die Schiffahrt auf ihnen gilt denn auch das
amerikanische Seerecht. Während 1890 die größten Fahrzeuge des
Seengebietes eine Tragfähigkeit von 4000 t hatten, haben sie heute
eine solche von 14000 t und mehr erreicht. Der einzige, allerdings
schwerwiegende Nachteil dieses großartigsten Binnenschiffahrtsgebietes
der Welt ist der Umstand, daß es trotz der vergleichsweise niedrigen
Breitenlage, die etwa der von Oberitalien entspricht, 4—5 Monate im
Jahre durch Eis gesperrt ist.

Die wichtigsten der erwähnten Wasserbauten sind diejenigen, die die
Gefällstufe der Sault-Ste.-Marie-Kanäle, des „Soo“ der Amerikaner,
zwischen Oberem und Huronensee unschädlich machen. Ein kanadischer
und zwei amerikanische Kanäle mit Schleusen von 7,6 m Tiefe stellen die
Verbindung der beiden Seen her. — Westlich des Niagara verbindet
der 1871 vollendete Welland-Kanal Erie- und Ontariosee. Bisher
nur für Schiffe von 14 Fuß (4,3 m) Tiefgang passierbar, wird er gegen-
wärtig als Welland-Ship-Kanal umgebaut. Nach Vollendung der
Arbeiten (1930) wird er durchschnittlich 25 Fuß (7,7 m) Tiefe besitzen
und damit auch den Ontariosee an die „Seenschiffahrt“ anschließen.
Die zahlreichen Stromschnellen des St. Lorenz-Stromes werden durch
sechs kurze Umgehungskanäle überwunden, die Fahrzeugen bis 14 Fuß
'4,3 m) Tiefgang den Zugang zu Montreal, Kanadas bedeutendstem Ozean-
hafen, gestatten. Der Gedanke, auch diese Kanäle noch auf die Normal-
tiefe von 25 Fuß zu bringen, also mittleren Ozeanschiffen den Zugang
zum gesamten Gebiet zu öffnen und damit dessen Schiffahrt einen
neuen gewaltigen Impuls zu geben, liegt nahe und wird gegenwärtig
von der öffentlichen Meinung der Vereinigten Staaten und Kanadas
(ebhäft erörtert.

Eine Vorstellung von der Bedeutung, die schon jetzt die Seenschiff-
fahrt im Verkehrsleben der Union einnimmt, gibt die Tatsache, daß
der Durchgangsverkehr in den Sault-Ste.-Marie-Kanälen der Menge nach
1920 viermal so groß wie der Verkehr im Sueskanal und wesentlich
größer als der gesamte Seeverkehr der deutschen Häfen war.
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        Zrie-Sep;
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wasser 176,78
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II. DER WASSERVERKEHR

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Ontarig-
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Schleuse T

40 km

N
WE
Antario-—
Waller
A
See—

160/161. Der Welland-Ship-Kanal.
Die Brennpunkte des gesamten Seenverkehrs sind namentlich die
Hafenplätze des südlichen und westlichen Gestades, allen voran Duluth-
Superior mit seinen riesigen Erzverschiffungen, dann Buffalo und Cleve-
land, im Westen noch Fort William, Chicago, Gary und Milwaukee. Wieviel
bedeutender der Seenverkehr gegenüber dem Verkehr auf dem Mississippi-
system ist, erhellt auch aus der Tatsache, daß im Jahre 1927 der Schiffs-
bestand auf den Seen 2,8 Mill. t, auf den „Western Rivers“, das sind vor-
aehmlich der Mississippi und seine Nebenflüsse, aber nur 168 000 t betrug.

Durch zahlreiche Kanäle ist das Seengebiet mit andern großen
Schiffahrtssystemen verbunden, so der Michigansee mit dem Mississippi
Jurch den Illinoiskanal, der Eriesee mit dem Ohio durch mehrere
Wasserstraßen. Während aber diese älteren Kanäle durch die Kon-
kurrenz der Eisenbahnen sehr an Bedeutung verloren haben, gilt dies
nicht von dem die
Tiefenrinne des Mo-
hawktales benutzen-
den Eriekanal, der
den Eriesee mit dem
Hudson verbindet,
seit 1918 als New
York State Barge
Canal für 3000 t-

Schiffe und 12 Fuß
{3,7 m) Tiefgang ausge-
baut wurde und dem
Seengebiet gleichsam
eine zweite atlanti-
sche Mündung gibt. —
Das Hudson-Mo-
hawksyvystem., das

km

162. Die Kanäle der östlichen Vereinigten Staaten,

/iele der einst gebauten Kanäle sind heute aufgegeben, da sie im
Wetthewerb mit den Kisenbahnen unterlagen.
        <pb n="196" />
        L92

ZWEITER TEIL: DER VERKEHR
durch das allerdings wenig benutzte Champlainkanalsystem auch
direkt mit dem Lorenzstrom verknüpft ist, hat unter allen Fluß-
verkehrsstraßen der Union eine weit überragende Bedeutung, weil es
die vollkommenste Verbindung zwischen dem Inneren und der atlan-
tischen Küste darstellt. Gegenüber den weiter nördlich gelegenen
Küstenflüssen und dem Lorenzstrom hat es den Vorzug viel geringerer
Vereisungsdauer, gegenüber den südlicheren Küstenflüssen den, daß es
die Schranke der Appalachen in einer viel tieferen, für den Wasser- und
Eisenbahnverkehr bequemeren Furche durchbricht als jene. Die Wasser-
scheide gegen den

Champlainsee liegt

nur 45m und die

gegen den Ontario-

see nur 131m über

dem Meeresspiegel.

Deshalb wurde deı

Hudson der ver

kehrsreichste Strom

des Erdteils, der in

dieserBeziehung nu!

mit dem Rhein unc

dem Jangtsekiang

zu vergleichen ist

unddeshalberwuchs

an seiner Mündung

New York zur be-

deutendsten Stadt

Amerikas, zur größ-

ten der Welt.

GUL

163. Die Lage New Yorks.
DIE SEESCHIFFAHRT

Der Welthandel, d. i. der Gesamtaußenhandel aller Staaten, spielt
sich zu etwa vier Fünftel als Seeverkehr ab. Dieser hat also im
Welthandel eine wesentlich größere Bedeutung als der Kisenbahn-
und Binnenschiffahrtsverkehr. Von den im Außenhandel beförderten
Waren des Deutschen Reiches werden etwa zwei Drittel zur See
befördert. Ein ähnliches Verhältnis besteht im Außenhandel Frank-
reichs und Rußlands, während in den Vereinigten Staaten über
90%, in Japan und England 100% des Außenhandels Seehandel
sind. Das Mittel des Seeverkehrs ist die Welthandelsflotte, sein
Schauplatz das Weltmeer.
DIE WELTHANDELSFLOTTE
Berechnung und Größe der Welthandelsflotte. Die Welthandels-
flotte ist die Gesamtheit der Handelsflotten aller seefahrenden Nationen.
Die Größe einer Handelsflotte ist weniger nach der Zahl der Schiffe
als nach der Größe ihres Tonnengehalts zu bemessen. Der
Tonnengehalt oder die Tragfähigkeit eines Schiffes wird gewöhnlich
        <pb n="197" />
        I. DER WASSERVERKEHR

2
192
nach britischen‘ Registertons! (Reg.-T.) angegeben, einem Raummaße,
das die meisten Seestaaten (seit 1895 auch das Deutsche Reich) an-
genommen haben. Nettotonnen gelten für den nutzbaren Lade-
raum, Bruttotonnen für den gesamten Rauminhalt eines Schiffes
einschließlich der Maschinen-, Kohlen-, Mannschafts- und Verwaltungs-
räume. Da aber die Dampfer infolge ihrer größeren Geschwindigkeit
und ihrer geringeren Abhängigkeit von Wind, Wetter und Strömungen
im Laufe eines Jahres den drei- bis vierfachen Weg der Segler zu-
rücklegen können, so ist die Dampfertonne dem reichlich Dreifachen
einer Seglertonne gleichzusetzen. Wir erhalten daher die Leistungs:
fähigkeit einer Handelsflotte, indem wir zu dem drei- bis
vierfachen Nettogehalt der Dampfer das Einfache der Segler-
tonnen addieren.

Anfang 1913 betrug die Gesamtseglertonnage der Erde rund
3,9 Mill, die Gesamtdampfertonnage rund 26,5 Mill. Netto-Register-
tonnen. Demnach belief sich die Gesamtleistungsfähigkeit der Welt-
handelsflotte zu dieser Zeit auf rund 97 Mill. Netto-Registertonnen,
und die Leistungsfähigkeit der Seglerflotte verhielt sich zu der der
Dampferflotte etwa wie 1:24°. Die Segelschiffahrt, die in der
Zeit von 1840 bis 1870 ihre höchste Blüte erlebte, stellte 1850 noch
96% des Gesamttonnengehalts der Welthandelsflotte, 1913 nur noch
knapp 13% (3,9 Mill. Reg.-T. von 30,4 Mill. Reg.-T.) und beträgt gegen-
wärtig knapp 3%.

Übrigens hängt die Leistungsfähigkeit eines Schiffes und damit der Han-
delsflotte eines Landes nicht nur von seiner Größe und Geschwindigkeit, son
dern auch von der technischen Vollkommenheit seiner Lösch- und Ladevor-
richtungen, sowie von der Beschaffenheit und den technischen Einrichtungen
der von ihm besuchten Häfen ab; ein kurzer Aufenthalt in den Häfen ver-
mindert die Reisezeit und erhöht damit die Ausnützbarkeit eines Schiffes,
Welche Fortschritte die moderne Technik in dieser Beziehung gebracht hat, sei
an zwei Beispielen aus dem amerikanischen Seeverkehr gezeigt. In Baltimore
brauchte man früher für eine Kohlenladung von 7000 t 75 Mann bei einer
Arbeitszeit von 74 Stunden, jetzt dagegen 12 Mann und 3—31 Stunden. Ein
Dampfer nahm in Two Harbors (Minnesota) eine Eisenerzladung von 12382t
in 34 Stunden ein, d. i. 1000 t in 16} Minuten. Derselbe Dampfer hat dieselbe
Ladung in Conneant (Ohio) in 3% Stunden gelöscht, Beide Zahlen steller
Weltrekordleistungen dar.

Die Größe der Welthandelsflotte ist mit der Zunahme des Welt-
handels ständig gewachsen. Diese Entwicklung konnten auch die
großen Verluste im Weltkrieg, die auf 5900 Schiffe und 13,3 Mill.
Brutto Reg -T. geschätzt werden, nicht hemmen. Denn die ungeheuer ge:
steigerte Bautätigkeit privater und staatlicher Werften der Vereinigten
Staaten füllten die entstandenen Lücken schnell aus. Neben der Union,
die ihre Handelsflotte während des Krieges um fast 240% vergrößert
hat?, hat auch Japan den Raumgehalt seiner Flotte durch Neubauten
ı Eine britische Registertonne = 2,83 cbm. Die Größenangabe der Kriegsschiffe und der
Fahrzeuge der Binnenschiffahrt erfolgt nach Gewichtstonnen (t), und zwar die der Kriegsschiffe
nach Eigengewicht (Wasserverdrängung), die der Binnenfahrzeuge nach Ladefähigkeit.

2 Schiffe unter 100 Reg.-'T. netto wurden in die Berechnung nicht einbezogen.

3 Die Zahlen für die Union schließen auch die Binnenschiffe, rund 2,5 Mill. RT., ein. Berück-
sichtigt man nur die Flotte der Ozeanschiffahrt, so ergibt sieh für diese sogar cine Vergrößerung
um ctwa 500 %.

Reinhard, Erdkunde.
        <pb n="198" />
        ZWEITER TEIL: DER VERKEHR
um rund 75% vermehrt. So war die Welthandelsflotte, die 1913 rund
47 Mill. B.-R.-T. umfaßte, 1920 auf 57,3 Mill. gestiegen. Da nach dem
Kriege viele europäische Staaten, auch Japan, weiter eifrig den Bau
von Handelsschiffen betrieben, wuchs die Welthandelsflotte bis 1. Juli
1928 auf 67,0 Mill. B.-R.-T. an, d. h. sie hat sich im letzten Viertel-
jahrhundert genau verdoppelt.
Die großen Handelsflotten im Jahre 1914, 1920 und 1928
(ohne Dampfer unter 100 Br.-Reg.-T.).

Länder

|30. Juni 1914 | 30. Juni 1920 '
1000 1%, der
[nA RAn.| Welt-
ohne ‘handels
Segler | flotte

1000 f %o der
BARA-T.] Welt-
Ohne ıhandels-
Segler | flotte

Unterschied
gegen 1914

1000
B.-R.-T.

in %, des

Bestan-

des von
1914

30. Juni 1928

1000 B.-R.-L.} % der
Dampf-, | Welt-
Motorschiffe }handels-
und Segler | flotte
England u. Kol. 20844 45,2

DeutschesReich 5135 11,3

Union . .. 53674 9,4

Norwegen .. 1957| 4,38

Frankreich. .. 1922°

Japan . .. F4A8

Holland . .. 2

Italien . .. 43C

Weltflotte . .|47000]100 5700 [100 |+10000 |+ 21,8 ı 67000 1100

ı Einschließlich der Flotte auf den fünf Großen Seen. ? Ohne die Seenflotte.

Bei einer Scheidung der Schiffsgattungen nach ihrer Antriebskraft zeigt
sich gegenüber der Vorkriegszeit ein weiterer Rückgang der Seglertonnage und
als neue Erscheinung ein schnelles Vordringen der ölfeuernden und der
Motorschiffe bei einem entsprechenden prozentualen Rückgang der Dampfer.

Prozentualer Anteil der Schiffsgattungen an der Welthandels-
flotte nach ihrer Antriebskraft.
* = 1914

1921

Dampfer . . .. W
Segler . ..0.... 4
Ölbrenner .. . ..
Motorschiffe . . . . .ı

88,84 % 72,30 %
7,84% 5,05 %
2,1% | 20,85 %
01% 2.00 %

FO1 11

7921

1924 | 1928
66,20%
3,62%
26,79 %
3,09 %

60,72%
2,69 %
28,48%
8.11%
70785

ZZ] Dempfer Motorschiffe _Oelbrenner Segler
164. Die Umstellung der Antriebsarten der Welthandelsflotte.
        <pb n="199" />
        1. DER WASSERVERKEHR 195

Mit der aus der Tabelle ersichtlichen Verschiebung hängt auch die bedeutende
Zunahme der Tankschifftonnage zusammen, die nach Hassert von 1,5M ill, B.-R.-T.
im Jahre 1914 auf 5,7 Mill. B.-R.-T. und damit auf 8,1% der gesamten Welthandels-
flotte im Jahre 1926 gestiegen ist. Sie erklärt sich aus dem Umfang, den der
Petroleumtransport und die Umwandlung von Kohlenstationen in Ölbunker-
stationen angenommen hat. Auch für den Transport pflanzlicher Öle wird das
Tankschiff schon angewendet. Den Hauptanteil an der Tankdampferfloite be-
sitzen England und die Vereinigten Staaten.

Der Anteil der einzelnen seefahrenden Nationen an der Weltflotte
hat im Laufe der Zeit sich mannigfaltig verschoben. Seit langem stand
an der Spitze aller Handelsflotten die englische, sie ist auch heute noch
die bei weitem größte. Jedoch geht ihr prozentualer Anteil an der Welt-
handelstonnage seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts langsam zurück,
und während er im Jahre 1914 noch 45%, also fast die Hälfte, betrug,
ist er heute auf 34% gesunken.‘ Allerdings hat die englische Flotte
diesen Platz seit einer Reihe von Jahren behauptet, urid für die künf-
tigen Jahre ist vielleicht wieder ein kleiner Anstieg in ihrem Anteil
am Weltflottenraume zu erwarten, denn von den in den letzten fünf
Jahren von Stapel gelassenen Schiffen fahren fast 50% unter britischer

J0Juni 1914 30 Juni 1321 TJuli 1928
5 2 DB 20Millt f 10 15 20Millt P Fe N 15 20Mille

GrBrit u Kol. 20.844
Ver St.5,367
vit Holted.gr.Seen
2) Reich &amp;*

A
Gr Brit 4.Kol. 2, 8
a A VErSt 146.
mitFlotte d.gr. Seen
„A Ver 54.721
ohne Flotte d. gr. Seen
Y/apan 47
&gt;. Deutsches R.3,8
en 3,4
WW rankreich 33
WE Norwegen 3,0
Y Niederlande 2,8
Y Schweden 14
d Griechen! 1,2
Yspanien 12

SR )
Mocan 35
Y Jtalien.

A Norwegen £
|NMedeH &amp;
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Däneme,

‚D. Reich

YGriechen! 05

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Ver SE. 3015
ohne Flotte d.gr. Se?”
Vorweqgen
£-ankr
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VWeG-
_ Jtalter
Y dest. Una:
1 Schwede,
l Spanien
Griechen! u,

Dänemark 0,7
165. Veränderungen der Welthandelsflotte 1914—1928.

Dänemark 11

N
        <pb n="200" />
        196

ZWEITER TEIL: DER VERKEHR
Flagge. — Der Anteil der Flotte der Vereinigten Staaten ist während
des Krieges von 9,4% (1914) auf 27% (1920) gestiegen, aber seitdem
wieder auf rund 18% gesunken. Die Ursache liegt in einer tatsächlichen
Wiederabnahme der Schiffszahl. Denn es zeigte sich, daß man in der
Union zu einer Überproduktion an Fahrzeugen gelangt war und daß
bei dem nach dem Kriege eintretenden scharfen Wettbewerb im See-
verkehr eine große Zahl von Schiffen nicht zu beschäftigen war. Was
von der staatlichen Flotte nicht durch private Reedereien übernommen
wurde, mußte „auf Wrackung‘“ verkauft werden oder verfault buch-
3stäblich in den Häfen.

Immerhin wird die Flotte der Vereinigten Staaten den zweiten
Platz nach der englischen künftig behaupten und die vor dem Kriege
zu mehr als neun Zehnteln fremden Schiffen überlassene Ausfuhr ameri-
kanischer Güter zu einem beträchtlichen Teil selbst besorgen.

Die deutsche Handelsflotte hatte sich in den letzten Jahrzehnten
vor dem Kriege glänzend entwickelt. Ihre Transportfähigkeit war
von 1871 bis 1913 um etwa 600% gestiegen, und hinsichtlich ihres
Tonnengehaltes nahm sie 1914 mit 5,1 Mill. R. T. unter den Handels-
flotten der Erde nach der englischen und vor der amerikanischen die
zweite Stelle ein. Der Weltkrieg vernichtete das stolze Werk fast
ganz. Soweit unsere Handelsflotte nicht schon während des Krieges
durch Kaperung, Beschlagnahme und Versenkung um die Hälfte ver-
ringert worden war, wurde sie nach Friedensschluß bis auf einen kleinen
Rest an unsere Gegner aufgeteilt — den Löwenanteil sicherte sich
England mit 2,24 Mill. B.-R.-T. Nicht mehr als 419000 R.-T. ver-
blieben uns; dabei waren dies ausnahmslos kleine Schiffe unter 1600 R.-T.,
die für die große Überseefahrt nicht zu verwenden waren. Überdies
verpflichtete man Deutschland, wohl in der Sorge, daß es zu schnell
eine neue Flotte bauen könnte, in den dem Friedensschluß folgenden
fünf Jahren Neubauten in einem Gesamtgehalt von 1 Mill. B.-R.-T.
an die Entente abzuliefern.

Die deutsche Flotte konnten unsere Gegner vernichten, nicht aber
die zähe Tatkraft und den Unternehmungsmut deutscher Reeder. Es
muß als eine ganz hervorragende Leistung gewertet werden, wenn
unsere Handelsflotte durch Neubau namentlich von Schiffen kleinerer
und mittlerer Abmessung auf den 29 uns verbliebenen Werften und
durch Rückkauf vom Ausland erbeuteter deutscher Schiffe wieder auf
einen Bestand von 3,8 Mill. B.-R.-T. gebracht wurde. Sie ist damit
nicht nur wieder zu ansehnlicher Größe gelangt, sondern genießt auch

den Vorzug, die jüngste und modernste Handelsflotte zu sein, bei deren
Bau alle Erfahrungen und Errungenschaften neuzeitlicher Technik zur
Anwendung gebracht werden konnten, ein Umstand, der für den
Wettbewerb im Seeverkehr schwer ins Gewicht fällt. Daß unser ge-
samter Überseehandel und ein Teil desjenigen anderer Länder wieder
auf unseren eigenen Schiffen geschehen kann, ist für die Wieder-
gewinnung der Weltgeltung unseres Vaterlandes, für das Ansehen der
Deutschen im Ausland und nicht zuletzt für die Erfüllung der uns
aus dem Versailler Vertrag erwachsenen Verpflichtungen von nicht
zu überschätzender Tragweite.
        <pb n="201" />
        [L. DER WASSERVERKEHR

197
Von den kleineren Ländern besitzen die Niederlande und Nor-
wegen verhältnismäßig große Handelsflotten. Darin kommt der aus-
geprägte ozeanische Charakter beider Länder zum Ausdruck. Auch
übernehmen die Schiffe beider Flotten vielfach den UÜberseeverkehr
anderer Länder, besonders gilt das von der Frachtschiffahrt der Nor-
weger, die man deshalb nicht mit Unrecht die „Fuhrleute des Welt-
meers“ genannt hat.

Die Welthandelsflotte ist gegenüber dem Vorkriegsstand um bei-
nahe die Hälfte an Tonnengehalt gewachsen, der Weltseeverkehr
aber hat erst in dem letzten Jahre seine alte Höhe wieder erreicht,
Daraus erklärt sich die schwere Krisis, in die der Weltfrachtenmarkt
in den Nachkriegsjahren geriet und die auch heute noch nicht ganz
überwunden ist.

{m Jahre 1922 waren etwa 12 Mill. B.-R.-T. „aufgelegt“, d.h. außer Fahrt
gesetzt und in Gefahr, in den Häfen zu verrosten und zu verfaulen. Die Schiffe
mußten abgewrackt oder gar verbrannt werden, da oft nicht einmal das Abwracken
sich lohnte. Außerdem war ein mindestens ebenso großer Schiffsraum der in
Dienst befindlichen Handelsflotte ohne Beschäftigung. Heute hat sich die
Lage etwas gebessert, aber die Abwrackung geht weiter, noch warten rund
4 Mill. R.-T. der Vernichtung, drei Viertel davon in den amerikanischen Häfen,

Schiffahrtsgesellschaften. Die Unterhaltung des Verkehrs zur
See liegt im Gegensatz zur Eisenbahn, die in vielen Ländern vom
Staate betrieben oder wenigstens beaufsichtigt wird, in der Hand
großer Aktien-Unternehmungen. Sie betreiben den Seeverkehr
mit ihren Flotten entweder auf bestimmten Routen nach regelmäßigen,
genau bestimmten und pünktlich eingehaltenen Fahrplänen als „Linien-
schiffahrt“, oder sie lassen sie nach Maßgabe bestimmter Frachten-
aufträge in Trampschiffahrt beliebige Reisen unternehmen. Im
Gesamtverkehr kommt die weitaus größere Bedeutung der Linien-
schiffahrt zu, die bei der Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit ihrer
Fahrten den gesamten Personen- und Stückgutverkehr und einen
großen Teil des eigentlichen Frachtenverkehrs zur See erledigt. Im
Jahre 1924 liefen 72% der Weltschiffahrtstonnage im Linienverkehr
und nur 28% in Trampschiffahrt.

Die Zahl der Schiffahrtsgesellschaften oder Reedereien war vor dem
Kriege viel größer als heute. In den letzten Jahren setzte auch im
Schiffahrtswesen ein Zusammenschluß der Reedereien, eine Konzern-
bildung großen Maßstabes ein, teils um der Schwierigkeiten im See-
verkehr während der kritischen Nachkriegszeit Herr zu werden, teils
wohl in Angleichung an die im gesamten Wirtschaftsleben zu beobach-
tende Erscheinung. Dabei übernahmen naturgemäß die großen Gesell-
schaften die Führung.

So vereinigten sich von‘ den deutschen Seeschiffahrtsgesellschaften unter
der Führung der Hamburg-Amerika-Linie (Hapag) die Deutsche Levante-
linie, die Aktiengesellschaft Hugo Stinnes für Seeschiffahrt und Überseehandel,
die Deutsch-Australische Dampfschiffahrtsgesellschaft und die Deutsche Dampf-
schiffahrtsgesellschaft Kosmos zu einem Konzern mit einem Tonnenbestand
von mehr als 2,&gt; Mill. B.-R.-T. Mit dem Norddeutschen Lloyd und unter
dessen Führung schlossen sich die Roland-Linie A. G., die Hamburg-Bremer
Afrikalinie und die Dampfechiffahrtsgesellschaften „„Argo“ und „Hom“ zu einer
        <pb n="202" />
        198 ZWEITER TEIL: DER VERKEHR

Gruppe. von annähernd 1 Mill. R.-T. zusammen. — In England sind gegen-
wärtig die größten Vereinigungen der „P. and O“.-Konzern, der 14 Gesell-
schaften mit 2,5 Mill. R.-T. unter Führung der Peninsular and Oriental Steam-
Navigation. Co. zusammenfaßt, und der Konzern der Royal Mail Steam
Packet Co. mit 28 Gesellschaften und ebenfalls rund 2,5 Mill. R.-T. Kleinere
englische Vereinigungen sind der Cunard-Konzern (1,25 Mill. R.-T.) und die
Ellerman Lines (über 1 Mill. R.-T). — In Frankreich sind die Compagnie
Generale Transatlantique, die Fabre-Linie und Chargeurs Reunis
die führenden Konzerne. In Japan hat die Nippon-Yuson-Kaishalinie
überragende Bedeutung.

Auch unter sich treten die großen Konzerne vielfach wieder in
Verbindung durch zeitweilige Betriebsgemeinschaften.. auf bestimmten
Linien oder für gewisse Verkehrsgebiete. Solche Abmachungen schließen
auch Gesellschaften verschiedener Länder miteinander ab. So standen
die Hapag und der Norddeutsche Lloyd zeitweise mit amerikanischen
Gesellschaften, die erstere auch mit dem russischen Staate in einem
„Gemeinschaftsdienst“, englische und französische Gesellschaften orga-
nisierten einen gemeinschaftlich betriebenen Verkehr auf atlantischen
Routen.
Schnelligkeit und Größe der Seeschiffe, Der Seeverkehr ist an
Schnelligkeit der Binnenschiffahrt weit überlegen, erreicht aber
andrerseits bei weitem nicht die Geschwindigkeit des Eisenbahnverkehrs.
Selbst die schnellsten Passagierdampfer, die „Windhunde des Ozeans“,
erzielen nur eine Stundengeschwindigkeit von 221—25% Sm oder 41 bis
48 km, das ist also kaum die Schnelligkeit eines beschleunigten Personen-
zuges. Die durchschnittliche Geschwindigkeit der Überseedampfer ist
aber viel geringer und je nach Bauart und Zweck des Schiffes sehr
verschieden. Wie bedeutend allerdings die Zunahme der Geschwindig-
keit im Seeverkehr im Verlauf der Jahrhunderte gewesen ist, läßt die
Tatsache erkennen, daß Kolumbus zur Überquerung des Atlantischen
Ozeans 70 Tage brauchte, und daß der erste Dampfer noch 24 Tage
fuhr, während unsere heutigen Eildampfer die Fahrt von England
nach der Union in durchschnittlich 5—6 Tagen zurücklegen,

Segler fahren, wenn sie genügend Wind haben, nicht langsamer als normale
Frachtdampfer und mittlere Passagierdampfer, und große Segler erreichen bei
zutem Wetter und günstigem Wind Geschwindigkeiten von 17 Sm = 31,5 km.
Allerdings vermindert sich ihre mittlere Geschwindigkeit, wenn sie bei großen
Reisen den Kalmengürtel der Tropen oder die windstillen Gebiete der Roß-
breiten zu durchqueren haben. Andrerseits sind auch die technisch bestaus-
gerüsteten Dampfer nicht ganz unabhängig von den meteorologischen und
Izeanographischen Verhältnissen und erreichen bei widrigem Wind, hohem
Seegang und ungünstigen Meeresströmungen bei weitem nicht ihre Höchst-
geschwindigkeit. Einer beliebigen Steigerung der Geschwindigkeit ist übrigens
namentlich ‘bei den Frachtdampfern dadurch eine Grenze gesetzt, daß sich durch
den Einbau größerer und stärkerer Maschinen der Nutzraum und damit die
Rentabilität des Schiffes entsprechend vermindert, Die schnelle Zunahme der
mit Dieselmotoren angetriebenen Ölbrenner beruht darauf, daß in diesen der
Raum für Maschinen und Betriebsstoff im Verhältnis zum Laderaum viel ge-
einger ist als bei den Dampfern mit Kohlenfeuerung.

Die Größe der Seeschiffe ist im Durchschnitt viel geringer, als
man gewöhnlich annimmt: sie betrug im Jahre 1912 selbst bei den
        <pb n="203" />
        199
Dampfern der Hauptflotten nur 1750 Brutto- und 1080 Netto-Reg.-T.
(nach Barmm). Deutschlands und Englands Kauffahrteischiffe hatten
mit 1370 und 1270 Netto-Reg.-T. die größte, Norwegens Schiffe mit
680 R.-T. die geringste Durchschnittsgröße. Allerdings führte die
Erkenntnis, daß im allgemeinen der wirtschaftliche Nutzen eines
Dampfers mit seiner Größe wächst, zu einer stetigen Zunahme der
Durchschnittsgröße.

Bei einer Trennung der Ozeandampfer in Fracht- und Personenschiffe er-
weisen sich die letzteren bei einer durchschnittlichen Größe von 10—20000 R.-T.
als die weit größeren. Für die Passagierfahrt sind einzelne Dampfer von ganz
ungewöhnlich großen Abmessungen gebaut worden, Sie gerade werden in Wort
und Bild oft dargestellt und haben dadurch die vielfach übertriebene Vorstellung
von der Größe der Ozeanfahrzeuge verursacht. Nachdem schon zu Anfang des
20. Jahrhunderts von einzelnen Dampfern die Größe von 20000 R.-T. über-
schritten wurde, hat der Wettbewerb namentlich zwischen deutschen und eng-
lischen Reedereien in schneller Steigerung zu geradezu riesenhaften Abmessungen
geführt. Den Vogel schoß die Hamburg-Amerika-Linie ab, für die auf deutschen
Werften kurz vor und noch während des Krieges mehrere Schiffe von 50000 R.-T.
und darüber vollendet wurden. Die größten sind die der Imperatorklasse ange-
hörigen Dampfer „Imperator“, „Bismarck“ und „Vaterland“, die bei 56000 Brutto-
R.-T. eine Länge von 290 m, eine Breite von 30 m und einen mittleren
Tiefgang von 11,5 m aufweisen. Ihre Geschwindigkeitshöchstleistung beträgt etwa
24 „Knoten“, d.i. mehr als 43 km in der Stunde. Heute fahren diese stolzen
Riesen des Ozeans in englischen und amerikanischen Diensten, der „Bismarck“
als „Majestic“ (White Star), der „Imperator“ als „Berengaria“ (Cunard) und der
„Vaterland“ als „Leviathan“ (U.S.A., Regierungsflotte). Nachdem man eine Zeit-
lang auch den Bau von Passagierschiffen ausschließlich auf kleinere und mittlere
Abmessungen beschränkt hatte, ist man neuerdings gelegentlich wieder zu ganz
großen Dimensionen — 40000 R.-T. und mehr — übergegangen.

H. DER WASSERVERKEHR

DAS WELTMEER ALS SCHAUPLATZ DES VERKEHRS

Die Wege des Seeverkehrs. Sieben Zehntel der Erdoberfläche
sind vom Wasser bedeckt, und den weitaus größten Teil dieses Ge-
bietes müssen wir zum Herrschaftsbereiche des Menschen rechnen;
denn er wird von zahlreichen, gewisse Linien regelmäßig befahrenden
Schiffen belebt. Diese Schiffahrtslinien binden die Erdteile als die
festen Wohnsitze der Menschen aneinander und vereinigen sie durch
den Güter- und Personenverkehr, der sich über See ununterbrochen
vollzieht, zu einem einheitlichen Weltwirtschaftsgebiet. Wie aber die
Dichte des Eisenbahnnetzes auf dem Lande nicht überall dieselbe ist,
sondern große, durch die verschiedene natürliche Ausstattung der
einzelnen Landräume bedingte Unterschiede aufweist, so zeigt auch
das Netz der Seeschiffahrtslinien nicht überall Maschen gleicher Weite.
Die größere oder geringere Dichte des Seeverkehrs innerhalb ein-
zelner Gebiete des Weltmeeres wird in erster Linie bedingt durch
die geographische Lage der großen Kulturgebiete der Erde; denn
zwischen ihnen, die zugleich auch die dichtestbevölkerten Teile der
Erdoberfläche darstellen, ist naturgemäß das Bedürfnis zum Austausch
von Waren und Personen am stärksten entwickelt. Wir können leicht
vier solcher Kultur- und Dichtezentren ausscheiden: das westeuro-
päische, das nordamerikanische (Osten der Union), das ost-
        <pb n="204" />
        ZWEITER TEIL: DER VERKEHR

asiatische (China und Japan) und das südasiatische (die beiden
indischen Halbinseln und ihre Inselwelt). Zunehmende Bedeutung er-
halten als Ziele der Weltschiffahrt auch Australien, Südafrika und
die ABC-Staaten Südamerikas (Argentinien, Brasilien, Chile). Diese
Gebiete kommen namentlich als Lieferanten von Nahrungsmitteln
und Rohstoffen in immer steigendem Maße in Betracht. Von den
genannten vier Hauptzentren ist durch die Dichte seiner Bevölkerung
und vor allem durch den hohen Grad seiner wirtschaftlichen Ent-
wicklung das westeuropäische das wichtigste, daher ist es auch die
Hauptausstrahlungszone der Weltschiffahrt.

Eine Karte, die die Häufigkeit des Verkehrs auf den verschiedenen
Routen durch entsprechend breite Bänder darstellt, läßt deutlich die
Abhängigkeit der Hauptwege des Seeverkehrs von jenen vier Kultur-
gebieten erkennen. Den dichtesten Verkehr zeigt der Atlantische
Ozean, insbesondere sein nördlicher Teil, der zwischen Europa und
Nordamerika von dem breitesten Verkehrsband überspannt wird. Auf
diese „Nordatlantische Fähre“ entfällt mehr als die Hälfte
des gesamten Seeverkehrs der Erde. Hier laufen die größten,
schnellsten und technisch vollkommensten Schiffe. Die Ausgangspunkte
dieses Weges im Osten sind die Haupthäfen der westeuropäischen Länder,
Der Ärmelkanal ist das große Tor, durch das die Dampfer dieser
Fahrt den freien Ozean gewinnen, sofern sie nicht von den Plätzen
Westenglands oder Irlands ausgehen. Im Westen ist der wichtigste
Brennpunkt des nordatlantischen Verkehrs New York, neben. dem
die anderen atlantischen Häfen der Union und Kanadas nur eine weit
geringere Bedeutung haben (vgl. Abb. 167). — Neben der nordatlan-
tischen Linie treten die anderen atlantischen Wege, auch die viel be-
fahrene Südatlantische Route, zurück; immerhin umfassen sie ins-
gesamt etwa ein Viertel des Seeverkehrs.

An zweiter Stelle hinsichtlich der Verkehrshäufigkeit steht die nach
ihrem wichtigsten Durchgang benannte „Suesroute“, deren Band
sich von der Westküste Europas um dessen Südwestecke, durch das
Mittelmeer und das Rote Meer in den Indischen Ozean und von hier
an Indien vorüber durch die Straße von Malakka nach Ostasien schlingt.
Von ihr zweigt sich ein schmäleres Band im Golf von Aden nach
der ostafrikanischen Küste und bei Ceylon (Colombo) ein solches
nach Australien ab. Sie bewältigt etwa 12% des gesamten Seeverkehrs
und wird ausschließlich von Dampfern benutzt, da die Segler, ab-
gesehen von den hohen Gebühren für die Durchfahrung des Sueskanals,
die Klippen und die häufigen Windstillen des Roten Meeres fürch-
ten. — Die Anordnung der Verkehrsbänder auf dem Pazifischen
Ozean ist derjenigen des Verkehrs im .Atlantischen Becken ähnlich.
Die wichtigsten Linien liegen entsprechend der Bedeutung der Rand-
länder auch hier im nördlichen Abschnitt. Ihre Ausgangspunkte im
Osten sind für die amerikanischen Linien vor allem das „Goldene Tor“
von San Francisco, für die englischen Vancouver, ihre westlichen
Endpunkte bilden die großen Häfen Japans und Chinas. Für die
großen Linien von der Westküste Nordamerikas nach Australien sind
die Hawali-, die Samoa- und die Fidschi-Inseln wichtige Zwischen-

200
        <pb n="205" />
        1927

IL. DER WASSERVERKEILR

201

Die Breite der Verkehrsbänder entspricht der Häufigkeit
das Verkehrs auf der beireffenden Strecke

166. Die Wege der Weltschiffahrt.
(Nach „Geogr. Review“.)
Die Breite der Verkehrsbänder ist errechnet unter Zusammenfassung der Linienschiffahrt und des
"Trampverkehrs (vgl. S, 197) nach den Angaben für das Jahr 1922,

— x

£
167. Verkehr der ozeanischen Häfen der Vereinigten Staaten 1927 in Hundert-
teilen des Gesamtaußenhandels.
Die Karte zeigt deutlich das gewaltige Übergewicht New Yorks. Über drei Viertel (1 des Kreis-
Jiagramms) des Außenhandels der Union geht durch die auf der Karte verzeichneten Häfen, der
Rest (2) teils durch die übrigen Häfen, teils über die Landgrenze.
        <pb n="206" />
        202

ZWEITER TEIL: DER VERKEHR
stationen — Brückenpfeiler für den pazifischen Verkehr. Gegenwärtig
sind die Verkehrsbänder über die weiten Flächen des Großen Ozeans
noch verhältnismäßig schmal, aber der Verkehr auf ihnen ist seit einem
Jahrzehnt in schneller Steigerung begriffen. Einmal haben die Ufer-
staaten dieses Meeres eine zum Teil erhebliche wirtschaftliche Stärkung
erfahren, und sodann hat die Fertigstellung des Panamakanals nicht
nur den Seeverkehr zwischen den Ostküsten und Westküsten der
Neuen Welt, sondern auch den zwischen der Westküste Amerikas und
Europa ganz außerordentlich belebt. Diese Tatsache kommt in den
schnell steigenden Verkehrs-
zahlen des Panamakanals, be-
sonders in der Richtung West—
Ost deutlich zum Ausdruck
Die neuzeitliche Segelschiff.
fahrt ist von den meisten deı
genannten Linien ganz oder fast
ganz verschwunden. Sie befährt
regelmäßig aber noch zwei große
Linien, von denen die eine von
Europa diagonal durch den Atlan-
tischen Ozean um das Kap Hoorn
nach den Häfen an der Westküste
Amerikas, besonders nach den
Salpeterhäfen Chiles, die andere
um das Kap der Guten Hoff.
nung nach Südafrika, Indien und
Australien führt. Auch die Segler
dieser Route folgen von Europa
aus zunächst der Kap-Hoorn-Route
bis Südamerika und zweigen erst
etwa bei 25° S ab. Die Austra-
lienfahrer umsegeln das Kap der
Guten Hoffnung im weiten süd-
lichen Bogen, um in die Zone der
„braven Westwinde“ zu gelangen,
die sie dann schnell ans Ziel
führen. Die Heimreise nehmen
sie in westöstlicher Richtung, also
um das Kap Hoorn wiederum im
Bereich der großen subpolaren Westwind-Drift. Damit ist die Kap-Hoorn-
Route noch die wichtigste Seglerroute der Gegenwart, obgleich auch
ihre Bedeutung nach Eröffnung des Panamakanals zurückgegangen ist. Das
obenstehende Kärtchen nach Schott und A. Merz zeigt deutlich, wie die
Segler in ihren Routen die ihnen günstigen Windbahnen aufsuchen
Verteilung des Gesamtverkehrs auf die Ozeane und Kontinente.
Im ganzen zeigt die Übersicht der Seeverkehrslinien die überragende
Bedeutung des Atlantischen Ozeans. Auf ihn entfielen vor dem Kriege
(nach Barmm) 77% des gesamten Hochseeverkehrs, auf den fast doppelt
so großen Stillen Ozean dagegen nur 15%, auf den Indischen Ozean 8%.
Dieses Verhältnis hat sich gegenwärtig etwas zugunsten des Pazifischen
Ozeans verschoben. Verhielt sich der Verkehr im Großen Ozean zu
        <pb n="207" />
        I], DER WASSERVERKEHR

203

Westküstr
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Wr

Hepindien,
ginseln u.Philiopinen

Ausirafien,
/NEuSEBIaNd ı
Teenie

2
100 Mill.t
+10 * # Zahlen in Mit

169. Weltseeverkehr nach Bezirken 1926.
Dargestellt sind die Mengen des gesamten Güterverkehrs nach den Vierteljahrsheften zur Statistik
des Deutschen Reiches, Ergängungsheit zu 1928, I.

dem der beiden anderen Ozeane vorher wie 10:3, 8o ist das Verhältnis
jetzt wie 10:4. Aber da die Randländer des Atlantischen Ozeans,
namentlich die amerikanischen, auch Afrika und gewisse Gebiete Euro-
pas noch einer bedeutenden Steigerung ihrer wirtschaftlichen Entwick-
lung fähig sind, so kann man annehmen, daß der Atlantische Ozean
seine erhebliche Vorrangstellung auch künftig behaupten wird. — Die
Unterschiede in der Verkehrsbedeutung der drei Ozeane kommen auch
in der Verteilung der für den Seeverkehr wichtigsten Häfen zum Aus-
druck. Von den Riesenverkehrshäfen der Erde mit 10 Mill. Reg.-T.
Güterbewegung und mehr (um 1927) liegen nicht weniger als 24 an
den Küsten des Atlantischen nur 13 an denen des Pazifischen Ozeans
und nur einer, Colombo. im Indischen Ozean.
Die 14 größten Häfen der Welt mit mehr als 20 Mill Reg.-T.
Überseeverkehr (1927).
Rotterdam .

New York .

Antwerpen . ,
London 2.0 ..0000000 4
Hamburg und Cuxhaven. . .
Hongkong (1923) ....-/.
Buenos Aires ,

ı Gesamtverkehr, also auch Küstenverkehr.

41804
41002
40386
38698
37182
35746
30160

Schanghai (1926). .... . 30150*
Liverpool... 26 196
Cherbourg . .....- 21360?
Konstantinopel. ...... 218312
Marseille ......... . 20486
Montevideo (1926) . .. . . 20376
Rio de Janeiro (1926) 200461
2 Davon ein großer Teil Durchgangsverkehr.
Unter den Erdteilen steht das kleine Europa mit rund 43% des
Gesamtverkehrs allen anderen, auch dem amerikanischen Kontinent
mit 25% und Asien mit 21%, weit voran. Bedenkt man, daß die
Küsten unseres Erdteils keineswegs in gleicher Weise für den Welt-
        <pb n="208" />
        ZWEITER TEIL: DER VERKEHR

verkehr in Betracht kommen, sondern daß weitaus am stärksten der-
jenige Teil der Westküste beteiligt ist, an dem die Staatengebiete
Frankreichs, Englands, Belgiens, der Niederlande und Deutschlands
das Meer berühren, so erkennt man, daß dieser Teil des europäischen
Kontinentes das eigentliche Herz des Weltseeverkehrs ist, von
dem aus der Strom des Verkehrs mit kräftigstem Pulsschlag bis in die
entferntesten Adern des weitverzweigten Organismus getrieben wird,
um von ihnen immer wieder nach diesem Herzen zurückzukehren.
Daraus aber, daß der große Krieg gerade in diesem Gebiete seinen
Brennpunkt hatte, erklärt sich außer durch die Gesamtverflechtung des
weltwirtschaftlichen Getriebes die ungeheure Erschütterung, die der
Weltseeverkehr in den hinter uns liegenden Jahren erfahren und bis
heute noch nicht überwunden hat.

Meerengen und Flottenstützpunkte. Im offenen, d. h. küstenfernen
Meere ist die Lage der Schiffahrtsstraßen im wesentlichen bedingt
durch das Streben nach Zeitgewinn, also nach einem möglichst gerad-
linigen Wege. Dieser erfährt nur gelegentlich geringe Abbiegungen
durch die Rücksicht auf notwendige Zwischenstationen bei weiten Ent-
fernungen, auf regelmäßige Winde und Strömungen oder auf gewisse
Gefahren der Schiffahrt, wie sie ihr z. B. im nördlichen Atlantischen
Ozean durch das Auftreten von Eisbergen während des Sommers drohen.
Wo aber wichtige Schiffahrtslinien in der Nähe der Küste oder durch
Nebenmeere verlaufen, sind sie in ihrer Lage natürlich durch die
Gestaltung des benachbarten Festlandes bedingt. Ihre Abhängigkeit
von diesem wird da am stärksten, wo sie auf mehr oder weniger
schmale Wasserflächen, auf Meerengen, angewiesen sind. Hier ver-
einigen sich die Linien, die von allen Richtungen des landfernen,
freien Meeres kommen, zu Bündeln, um in forartig engen Durchfahrten
die benachbarte freie Meeresfläche zu gewinnen. An solchen Durch-
fahrten besitzt die Nordatlantische Route nur eine, die Straße von
Dover, die Sueslinie aber deren viele.

Diese Tore des Seeverkehrs sind also die wichtigsten Sammelstellen
des Verkehrs, und an ihnen liegen deshalb die ältesten, meist auch
heute noch bedeutsamen Seehandelsplätze. Es sei nur an Kopenhagen,
an die Häfen des Ärmelmeeres, an Gibraltar, Konstantinopel und
Singapur erinnert. Sie haben aber auch noch eine andere große
Bedeutung, indem sie ihre Besitzer zugleich zu Herren derjenigen
Meere und Meeresteile machen, zu denen sie den Zugang bilden. Die
Stellung der Hansa und später Dänemarks am Sund machte diese
Mächte zu Beherrschern der Ostsee. England ist durch Gibraltar und
Sues der eigentliche Herr des Mittelmeers. Der Besitzer der Darda-
aellen und des Bosporus beherrscht das nordöstliche Tor des Mittel-
meeres und die Schiffahrt im Schwarzen Meer, daher das jahrhunderte-
lange Ringen um diese Meerengen zwischen der Türkei und Rußland
und zuletzt auf den Konferenzen von Lausanne (1922 und 1923)

zwischen der Türkei und England. Die Bedeutung solcher Seetore
beruht im wesentlichen darauf, daß an diesen Stellen der Seeverkehr
der betreffenden Linie leicht zu überwachen ist. was im offenen Meere

204
        <pb n="209" />
        I. DER WASSERVERKEHR .

205
bei der Raumgröße der Weltmeere und der Schnelligkeit moderner
Handelsfahrzeuge undurchführbar ist. Damit bieten diese engen Durch-
fahrten im Kriegsfalle ihrem Besitzer auch die Möglichkeit, die feind-
liche Schiffahrt zu unterbinden. Daß Deutschlands Zugang zum offenen
Meere durch die Straße von Calais oder durch das zwar breitere, aber
durch schnelle Wachschiffe doch noch zu kontrollierende nördliche Tor
der Nordsee führt, war sein Verhängnis im Weltkrieg. So sind die
Meerengen im Zuge wichtiger Verkehrslinien von außerordentlicher
strategischer Bedeutung. Daher sind ihre Ufer oder etwaige
Inseln in ihnen vom jeweiligen Beherrscher in alter und neuer Zeit
mit Seefestungen und Flottenstützpunkten versehen worden.
Die meisten und wichtigsten dieser Stationen besitzen Großbritannien
und nach ihm die Union. (Vgl. auch S. 269.) Die Schleifung dieser
Festungen und die Übergabe der Meeresstraßen in neutralen oder
internationalen Besitz wären die ersten Vorbedingungen für eine wirk-
liche „Freiheit der Meere“.
Landengen und Seekanäle. Die Hauptverkehrsachse der Welt-
schiffahrt liegt, wie die Abb. 166 zeigt, in der Richtung der Breitenkreise,
die großen Landfesten dagegen erstrecken sich im wesentlichen in
der Richtung der Längenkreise. Daher bilden sie für den Seeverkehr
natürliche Schranken, die ihn häufig zu großen Umwegen zwingen.
Diese Schranken zu durchbrechen, hat der Mensch seit langem geplant
und versucht. Dabei richtete er naturgemäß sein Augenmerk auf
diejenigen Stellen der Kontinente, an denen die von ihnen gebildeten
Schranken am schmalsten und gewöhnlich auch am niedrigsten sind,
auf die Landengen. Die Projekte einer Durchstechung der Landenge
von Sues und der mittelamerikanischen Länderbrücke gehen Jahr-
hunderte weit zurück, Aber erst der neuzeitlichen Technik ist es
gelungen, das Ziel zu erreichen. Neben dem Sueskanal und dem
Panamakanal entstanden andere Seekanäle, der Nordostseekanal, der
Kanal von Korinth, der Kap-Cod-Kanal an der Ostküste der Union.
Die Bedeutung solcher Kanäle für den Weltverkehr ist sehr ver-
schieden; sie beruht im wesertlichen auf der Größe und Verkehrs-
bedeutung der Meeresteile, die der betreffende Kanal verbindet, und
auf der Größe der Zeitersparnis, die seine Benutzung gewährt. In
beiden Beziehungen stehen der Sues- und der Panamakanal, die
die großen Weltmeere in unmittelbare Verbindung bringen und der
Schiffahrt große, zeitraubende Umwege um die Südenden der Kon-
tinente ersparen, den anderen Seekanälen weit voran-
Der Sueskanal durchschneidet die Afrika und Asien verbindende
Landenge zwischen Port Said und Sues in einer Länge von 168 km,
wovon 38 km auf die im Verlauf seiner Linie gelegenen Binnenseen
entfallen. Der Kanal ist ein reiner Niveaukanal, d. h. schleusenfrei,
was die Durchfahrt ungemein erleichtert. Bei einer Spiegelbreite von
80—120 m und einer durchgängigen Tiefe von 10,5 m ist er nur für
Schiffe der allergrößten Abmessungen nicht benutzbar. Doch wird an
seiner weiteren Vertiefung und Verbreiterung noch immer gearbeitet,
Er wurde durch den Franzosen Ferdinand von Lesseps in den Jahren
        <pb n="210" />
        206

ZWEITER TEIL: DER VERKEHR
1859—1869 erbaut.
Geschäftlich ist er ein
Aktienunternehmen,
dessen Anteile aber
zu einem großen Teil
in den Händen des
Englischen Staates
3ind, der durch die
spätere Besetzung
Ägyptens und die Be-
herrschung der Zu-
gänge zum Mittel-
meer und Roten
Meer auch der mili-
bärische Machthaber
des Kanals wurde
Damit wurde übri-
gens die auf dem
Papier vorhandene
Internationalisierung
und Neutralisierung
des Kanals durch die
Sues-Kanal-Akte vom
29. Oktober 1888 il]
lusorisch gemacht.
wie die Vorgänge zu
Beginn des Krieges
zur Genüge gezeigt 170. Der Sueskanal und seine Verbindung mit dem Nildelta.
haben. (Wüste gerastert.)

SE = iz
Ze ZZ

ea

EZ

Dort Sald:

7 a

Entfernung in Sm
Von London nach

Bombay. ....
Colombo. ....
Rangun . ....
Singapore . . .,
Yokohama . . |

durch den Kanal

6130
6550
7750
8060
10920

um das Kap der
Guten Hoffnung

0930
'0 580
1700
1 800
14.520

Wegersparnis durch
den Kanalweg

44%
38%
34%
32%
925 9%
Die Bedeutung des Kanals beruht in erster Linie auf der gewal:
tigen Entfernungsverkürzung im Seeverkehr zwischen Europa und den
Ländern Süd- und Ostasiens, die aus der vorstehenden Tabelle zu
ersehen ist. Fast der gesamte Verkehr zwischen diesen Ländern geht
jetzt durch den Kanal. Die Zahl der ihn benutzenden Schiffe stieg
von 486 im Jahre 1870 auf 5373 im Jahre 1912. Die Gesamt-
Nettotonnenzahl (rund 20 Mill.) der verkehrenden Schiffe hat sich in
dieser Zeit etwa vervierzigfacht. Fast zwei Drittel aller den Kanal
durchlaufenden Schiffe waren englische, an zweiter Stelle stand vor
dem Kriege Deutschland mit 15%. Erst in weitem Abstand folgten
Frankreich, Holland und die anderen Nationen: am geringsten war
        <pb n="211" />
        Jap:

GrOßOrit.
602%"

II. DER WASSERVERKEHR

7973

171.
Anteil der
Nationen am
Durchgangs-
verkehr des
Sueskanals
‚913 und 1927

GrOßOTIE
50%

09

1927
A
“A

A

seine Benutzung durch amerikanische Fahrzeuge. Im Kriege war
natürlich der Verkehr erheblich gesunken. Jetzt hat er der Tonnen-
zahl nach die Vorkriegshöhe überschritten. Im Jahre 1927 benutzten
den Kanal 5422 Schiffe mit 22,7 Mill. Netto-Reg.-T. Die britische
Flagge stand mit 56,8% noch immer weit voran, wenn auch nicht mehr
in dem Maße wie vor dem Kriege. Ihr folgen Holland (11%), Deutschland
9,8%), ferner Frankreich (6,7%), Japan, Italien und andere Länder. Sehr
gering blieb seine Benutzung durch amerikanische Schiffe (2,1%). Auf-
fallend ist der starke Verkehr von Tankschiffen im Kanal (über 14%),
lie zumeist dem Transport persischen Öls dienen. Für England hat
lie durch den Kanal bewirkte Wegverkürzung nicht nur eine kommer-
zielle, sondern im Hinblick auf seine Kolonialbesitzungen in den
Randländern des Indischen Ozeans auch eine überaus große militärische
Bedeutung. Eine bemerkenswerte allgemeine Wirkung dieses See-
kxanals bestand darin, daß er, da die Suesroute für Segler nicht be-
nutzbar ist, den allgemeinen Übergang der Großschiffahrt vom Segel-
zum Dampferbetrieb ganz wesentlich beschleunigte.

Der Panamakanal, der. die Panamalandenge zwischen den Häfen
Colon und Panama in nordwestlich-südöstlicher Richtung durchquert,
ist mit 81 km nur halb so lang wie sein älterer Bruder. Aber sein
Bau hatte viel größere technische Schwierigkeiten zu überwinden und
dauerte daher, allerdings mit größeren Unterbrechungen, 33 Jahre
1882 —1915). Auch konnte der Kanal nicht als Niveaukanal durch-
geführt werden. Durch riesige Schleusenanlagen, die sich in
siniger Entfernung von den Kanalendpunkten befinden, werden die
Schiffe auf die 26 m über dem Meeresspiegel liegende und rund 50 km
lange Scheitelstrecke gehoben und von hier wieder auf Meeresspiegel-
höhe gesenkt. Die Abmessungen des Kanals sind dagegen bei einer
Sohlenbreite von durchschnittlich 200 m und einer Mindesttiefe von
12,5 m für die größten Fahrzeuge genügend. Bei seinem Bau waren zwei
Hauptschwierigkeiten zu überwinden. Die eine bestand in der Über-
wältigung der über 100 m hohen Wasserscheide des Culebra-Rückens,
der aus wechselnden Lagen von hartem Fels und weichem Ton be-
steht und in einem bis zu 80 m tiefen Einschnitt durchquert werden
mußte. Fortwährende Rutschungen der Böschung, die noch nach Er-
öffnung des Kanals den Verkehr zeitweilig sperrten, hielten den Bau
außerordentlich auf. Die zweite große Aufgabe war die Bändigung
        <pb n="212" />
        F

Atlantisch.0z
DZ

+ aaa }

N

ZWEITER TEIL: DER VERKEITR

8 S
un 51 ®
Gatun-Stausee(26mü.M.) K S
AT Dazifisch.0z.
———— =&gt;
TE Mn
be _ HL LE — Nash IT.
* ü 13 25 30 35 40 45 50 5 70 75km
172 Querschnitt durch den Panamakanal. (Stark überhöht.)
des durch seine ungeheuren Wasserstandsschwankungen gefährlichen
Chagresflusses, der im Bereich des Kanalgebiets mündet. Sie wurde
gelöst, indem man durch eine Talsperre den ganzen Unterlauf des
Flusses zu dem riesigen Gatunsee von der doppelten Größe des
Lago Maggiore aufstaute. Begonnen wurde der Bau des Kanals durch
eine ebenfalls von Lesseps gegründete französische Gesellschaft, vollendet
nach deren Bankrotterklärung durch die Vereinigten Staaten. Diese
sind durch den Besitz der in je 8 km Breite zu beiden Seiten des
Kanals verlaufenden „Kanalzone“, durch das vertragsmäßige Recht,
Abgaben zu erheben, und noch mehr durch das Recht, den Kanal
militärisch zu bewachen und zu befestigen. die Eigentümer dieser
wichtigen Durchfahrt.

Die Bedeutung des Panamakanals liegt vor allem in der Abkürzung
des Verkehrs zwischen der atlantischen und pazifischen Küste Amerikas.
Aber auch der Weg zwischen allen Ländern der ostamerikanischen
Küste (etwa nördlich vom südlichen Wendekreis) und den ostasiatischen
Häfen hat eine wesentliche Verkürzung erfahren. Damit erhält aber
namentlich die Union im Verkehr nach den genannten Gebieten einen
beträchtlichen Vorsprung im Wettbewerb mit der europäischen Schiff-
fahrt, für die die Panamaroute im Verkehr mit den pazifischen Ländern
eine weit geringere Wegkürzung bedeutet. Vor der Eröffnung des
Panamakanals waren die Wege von New York und von den europä-
ischen Häfen nach der Westküste Amerikas ungefähr gleich lang, nach
den ostasiatischen Häfen aber für New York länger. Wie die Ver-
hältnisse gegenwärtig liegen, zeigen die Übersichten und das neben-
stehende Kärtchen Abb. 173. Nach allen Orten des Stillen Ozeans,
die östlich von Hongkong gelegen sind, ist der Weg von Hamburg
aus jetzt länger als von New York aus.

Für die Union hat die Panamadurchfahrt zudem eine überaus
große strategische Bedeutung, da sie ihr gestattet, die atlantische
und die pazifische Flotte jederzeit zu vereinigen und ihre Streitmacht
damit an der entscheidenden Stelle zu verdoppeln, eine Möglichkeit,
wie sie in derselben Weise der Nordostseekanal früher der deutschen
Flotte gewährte.

Der Verkehr durch den Panamakanal ist seit der Eröffnung im
August 1915 von jährlich 1088 Schiffen mit 5,0 Mill. Reg.-T. auf 5475
Schiffe mit 21,0 Mill. Reg.-T. i. J. 1926/27 gestiegen. Die amerikanische
Flotte ist am Gesamtverkehr mit mehr als der Hälfte (53 %) beteiligt.
Der Anteil Großbritanniens erreichte 1927 mehr als ein Viertel (26.4 %).
        <pb n="213" />
        I. DER WASSERVERKEHR

209

Von
New York
nach

Entferz"r-x in Sm
durch den
um. das FPanama-
Kap Hoorn kanal

Wegersparnis
durch den
Zanamakanal
Guayaquil
Valparaiso
San Fran-

cisco . .j 13620
Y okobama| 16 200
Hongkong | 17270
Sydney .| 12740

2 850
4 630

72,6%
445%
5290 ı 612%
10.000 | 38,8 %
11580 | 383 %
10150 | 241%

Jetziger
kürzester
Weg nach

Entfernung in Sm Ja weiter en
oder näher(+)
als von
New York
— 3230 Sm
—3230
— 32830
—1730 „
+1420 „ 173. Verkürzung des Seewegs durch
2920 ., den Panamakanal.

Guayaquil
Valparaiso
San Fran-
cisco . . 5290| Eh
Yokohama !0000(5
Hongkong 11 580|[
Sues od.
Sydney ‚| 10 150.

E
8520)
11.730
10 il ®
BB
N
13 070

1975
Ver Staaten
525%

1926/27
Ver Staaten X
448% \
Brose
ZA
09% © HE

174. Anteil der

Nationen am

Durchgangsver-

kehr des Pana-

makanals 1915 Uhr
und 1926/27. \ A

x

TH j
Ca Ü
4 Ed
BD
F

DEUSCHESR._
30%

Y+lantischer
Yzean

Paz.
0ze.

500 km
|
7 Mill t
05» ©
175. Der Panamakanal-Verkehr in beiden Richtungen 1926/27.
Reinhard, Erdkunde.
        <pb n="214" />
        ZWEITER TEIL: DER VERKEHR

Deutschland steht in weitem Abstand (3%) hinter Großbritannien an
vierter Stelle und wird um ein geringes durch die norwegische Flotte
übertroffen, Durch den Panamakanal ist nun auch das ameri-
kanische Mittelmeer neben dem europäischen und dem austral-
asiatischen in die Reihe der großen Durchgangsgebiete ein-
getreten. Damit entstand eine Seeverkehrsstraße rings um
den ganzen Erdball in der Richtung der Breitenkreise ohne
wesentliche Abweichung von der Hauptverkehrsachse.

Bemerkenswert im Panamaver-
kehr ist die Tatsache, daß der Ost-
Westverkehr viel geringer ist als der
West-Ostverkehr und in der Regel
noch nicht die Hälfte von diesem
ausmacht. Unter den Frachten vom
Stillen zum Atlantischen Ozean
stehen an erster Stelle Mineralöle
aus Kalifornien, ihnen folgen Holz,
Getreide, Salpeter und verschiedene
Erze. Im atlantisch-pazifischen Ver-
kehr stehen unter den verfrachteten
Gütern Eisen und Stahl und Er-
zeugnisse daraus voran.

|
176. Anteil des Petroleums am Fracht-
verkehr des Panamakanals.
(Nach P. Denis.)
1NI. DER LUFTVERKEHR

Der jüngste Zweig des Verkehrs ist der Luftverkehr. Seine Ver-
kehrsmittel sind das gasgefüllte Luftschiff (leichter als Luft) und das
Flugzeug (schwerer als Luft). Das langsamere Luftschiff hat den
Vorzug, eine größere Zahl von Menschen, schwerere Lasten, mehr Be-
triebsstoff befördern zu können, während das weniger tragfähige Flug-
zeug jedes andere Verkehrsmittel an Schnelligkeit übertrifft, sind doch
Stundengeschwindigkeiten von 400 km erreicht worden. R. Hennig
hat im Hinblick auf diesen Unterschied in einem treffenden Vergleich
das Luftschiff. die Eisenbahn, das Flugzeug das Automobil der Luft
genannt,

Da bei normalen Windverhältnissen der Luftverkehr im allgemeinen die
gerade Linie zwischen den zu verbindenden Punkten als Weg benutzt, liegt
die Bedeutung des Luftverkehrs vor allem in der Beschleunigung des Ver:
kehrs, in einer Verkürzung der Entfernungen, die in erster Linie für die Per-
sonen-, Brief- und Zeitungsbeförderung überaus bedeutsam ist. Dauert die
Bahnfahrt von New York nach San Francisco 4 Tage, so legt das Flugzeug
die 4350 km lange Strecke in 30 Stunden zurück. Eine geplante künftige Luft-
schiffverbindung zwischen Europa und Ostasien über das Polarbecken hinweg
würde die jetzige 45tägige Dampferfahrt oder 15tägige Bahnfahrt auf etwa
6 Tage verkürzen.

Ein zweiter großer Vorteil des Luftverkehrs besteht darin, daß von ihm
auch für andere Verkehrsmittel schwer oder gar nicht zugängliche Strecken der
Erdoberfläche, Wüsten, Urwälder, Gletscher, Hochgebirge, eisbedeckte Meere
überflogen, erkundet und u. U. mit Nachrichten und Lebensmitteln versorgt
werden können, Für die Erforschung der Polargebiete, die Kartierung von
Hochgebirgs- und Wüstenregionen ist das Luftverkehrszeug von unschätzbarem
        <pb n="215" />
        HI. DER LUFTVERKEHR

211
Wert. Die Entwicklung des Flugzeugwesens hat auch eine intensivere Er-
forschung des Luftmeeres mit sich gebracht, und die Fortschritte der Meteoro-
logie haben zu einer größeren Vervollkommnung des Wetterdienstes und der
Wettervoraussage geführt, deren Zuverlässigkeit erhöht und die Voraussagefrist
verlängert. Was das für den gesamten, auch den erdgebundenen Verkehr be-
3agt, braucht nur angedeutet zu werden.
Am besten ist der Luftverkehr naturgemäß in Europa entwickelt.
Ein immer dichter werdendes Netz von Fluglinien überspannt den
Erdteil und hat mit einzelnen Linien noch Anschluß an benachbarte
Teile Afrikas und Asiens. Deutschland, England, Frankreich, Italien,
die Schweiz, Belgien, Holland, Rußland, Polen und die baltischen Staaten
haben ihren eigenen Luftdienst, selbst Albanien hatte zeitweise regel-
mäßigen Luftverkehr durch italienische Flugzeuge.

Deutschland ist trotz seiner schwierigen wirtschaftlichen und poli-
tischen Verhältnisse und trotz der ihm anfänglich auferlegten Be-
schränkungen im Flugzeugbau
in der Herstellung von reinen
Verkehrsflugzeugen führend ge-
wesen. Zum Teil ist das eine
natürliche Folge seiner Lage im
Herzen Europas und damit im
Zentrum des europäischen Luft-
verkehrs. Die deutsche Luft
fahrt liegt vor allem in den
Händen der „Deutschen Luft-
hansa A.-G.“, die im Januar
1926 aus der Vereinigung der
Junkers-Luftverkehr A.-G. und
der jüngeren Aero Lloyd A.-G.
hervorgegangen ist. Daneben „an
werden vom Nordbayerischen ‚2705 /ugweri‘

Aeroloyd einige Verbindungs- 57 geplante Lafschf.

and pe ba 177. Arktische Flugunternehmungen.
luftverkehrs weist uns unsere geographische und politische Lage vor allem
nach dem Fernen Osten und damit auf eine Weiterführung der Strecke
London — Berlin — Moskau über Irkutsk nach Peking und Schanghai.
Der Vorbereitung dieser Strecke diente die mit Junkers-Großflugzeugen
durchgeführte Ostasienexpedition der Deutschen Lufthansa. Eine andere
Weltluftstraße führt in Südrichtung von Deutschland über die Schweiz
und Marseille nach Madrid und Sevilla, von wo für spätere Zeit an
zinen Transozean-Passagierverkehr nach Südamerika gedacht ist.

Der außereuropäische Luftverkehr Englands und Frankreichs ver-
folgt in erster Linie das Ziel, die großen überseeischen Besitzungen
dieser Länder untereinander und mit dem Mutterlande zu verbinden.
Dementsprechend bereitet die englische Handelsluftfahrt in erster Linie
die Durchführung der Flugstrecke Kairo—Karatschi und weiter bis
Bombay und Kalkutta vor und rüstet sich zugleich zu einer er-
gänzenden Luftschifflinie, die das Mutterland über Kairo und Karatschi

Lam
        <pb n="216" />
        ZWEITER TEIL: DER VERKEHR

00 km
x zn a

178. Das europäische Flugnetz im Sommer 1928.

mit Australien verbinden soll. — Frankreich hat bereits eine gute
Verbindung von Paris über Marseille und Barcelona nach
Tanger und weiter entlang der Westküste Afrikas nach Dakar.
Eine zweite Strecke soll von Tunis über das Tschadseegebiet
ınd Katanga nach Madagaskar und Reunion geführt werden.
Auch nach Französisch-Hinterindien wurden Erkundungsflüge durch-
geführt und bestehen Pläne. — Belgien hat im Kongogebiet eine
Flugverbindung zwischen der Kongomündung und dem Minenbezirk
7zon Katanga eingerichtet.

In den Vereinigten Staaten zeigt der Personenflugverkehr merk-
würdigerweise noch verhältnismäßig geringe Ausdehnung, dagegen ist
der Postverkehr hoch entwickelt und verfügt insbesondere über eine
ausgezeichnete Nachtflugorganisation. — In Südamerika werden große
Strecken an der Ostküste Brasiliens, in Bolivia und in Kolumbien
in regelmäßigem Liniendienst beflogen. Für letzteres Land ist der trans-
andine Flugverkehr mangels einer anderen Verbindung über die Kordil-
ıeren von besonderer Bedeutung. Den südamerikanischen Flugdienst ver-
sehen die Junkersgesellschaft und eine Tochtergesellschaft von dieser. In
den jugendlichen Wirtschaftsgebieten der Tropen und Subtropen, in denen
Eisenbahnen vielfach noch fehlen. bietet neben dem Automobil das
        <pb n="217" />
        IV. DER NACHRICHTEN VERKEHR

21°

nun

179. Das europäische Flugnetz im Winter 1928/1929.

Flugzeug ein um so wichtigeres Mittel der Pionier- und Erschließungs-
sätigkeit, als dort die Regelmäßigkeit der Luftströmungen den Flug-
verkehr erheblich erleichtert und seine Zuverlässigkeit erhöht. Im
yzanzen ist gegenwärtig der Luftverkehr in einer atemraubenden Ent-
wicklung begriffen. Sein Ziel ist die Schaffung großer Handelsluft-
straßen von Kontinent zu Kontinent, die Überwindung Tausender von
Kilometern über die Ozeane hinweg, die technische Entwicklung zu
möglichster Unabhängigkeit von Tages- und Jahreszeiten, von Sturm
und Nebel und die Erreichung höchster Geschwindigkeiten.

IV. DER NACHRICHTENVERKEHR

Eine neue gewaltige Förderung erfuhr der Weltverkehr durch den
elektrischen Telegraphen, der weit entlegene Länder, ja ganze Erd-
eile einander naherückt. Heute ist die Telegraphie in allen Kultur-
staaten eingebürgert. Die Gesamtlänge der Telegraphenlinien der Erde
beträgt gegenwärtig fast 2 Mill. km. Die größte Kilometerzahl erreicht
die Union, deren Leitungen fast alle einer einzigen Gesellschaft an-
gehören. Nächstdem folgen Deutschland, Frankreich, England und
Rußland. Eine noch sehr geringe Ausdehnung haben die Telegraphen-
linien in Südamerika und in Afrika,
        <pb n="218" />
        ZWEITER TEIL: DER VERKEHR
Die Fortsetzung der Landtelegraphenlinien im Meere bilden die
Kabelverbindungen. Der Atlantische Ozean erhielt das erste Kabel
von Westirland (Valencia) nach Neufundland 18661. Jetzt laufen von
Europa nach Amerika 20 Kabel, davon 16 nach Nordamerika.

Das Deutsche Reich hatte sich vor dem Kriege durch
drei transatlantische Kabel einigermaßen unabhängig von den
englischen Linien gemacht. Zwei davon liefen von Borkum über die
Azoren nach New York und eins von Borkum über Tenerifa und
Monrovia nach Pernambuco. Von Monrovia aus wurde auch die Ver-
bindung mit Togo und Kamerun geschaffen, so daß diese Kolonien
durch nationale Kabel direkt mit dem Mutterlande verkehren konnten.
Von unseren Südseebesitzungen waren die Karolinen durch die
Leitungen der Deutsch-Niederländischen Telegraphengesellschaft an das
Weltkabelnetz angeschlossen. Alle diese überseeischen Kabel haben
wir verloren.

Deutschland besaß im Jahre 1913 114 Kabel von 43300 km Länge. Es
nahm mit 8,1% der Weltseekabellänge den dritten Platz nach England und der
Inion ein. Auf Grund des Versailler Diktates haben wir den weitaus größten
Teil unserer Kabel, rund 37000 km, abtreten müssen. Diese Kabel wurden
ınter die alliierten Hauptmächte verteilt, Von den beiden atlantischen Kabeln
ı1ach Nordamerika wird das eine jetzt von England im Verkehr London— Kanada,
las andere von Frankreich in der Verbindung Brest—New York verwendet.
Das deutsche Kabel nach Südamerika dient jetzt in seinem nördlichen Abschnitt
der Verbindung Frankreichs mit seinen westafrikanischen Kolonien. In die
deutschen Kabel des Pazifischen Ozeans teilten sich die Vereinigten Staaten
'Guam— Yap) und Japan (Yap—Schanghai).

Im Jahre 1925 bestand das deutsche Kabelnetz im Bereich der europäischen
Gewässer aus 112 staatlichen Kabeln mit nur 3600 km Länge. Aus dem Besitz
7on Privatgesellschaften sind uns Küstenstücke von zusammen reichlich 4400 km
zerblieben, die aber noch nicht alle neue Verwendung gefunden haben. Im
Herbst 1926 wurde wieder die erste von England unabhängige Verbindung nach
Amerika geschaffen, indem von deutscher Seite ein Kabel Emden-—Horta (Azoren)
gelegt wurde, während die amerikanische „Western Union Telegraph Company“
die Verbindung Horta—New York herstellte. Dieses Kabel ist ein solches
"ür gesteigerten Verkehr, auf dem unter Anwendung einer sinnreichen Erfindung
‘ünf Telegramme gleichzeitig befördert werden können.

Die Länge des gesamten Seekabelnetzes der Welt betrug im Jahre
1925 rund 614000 km, sie war also gegen 1914 um etwa 100000 km
gewachsen. Das längste der neuen Kabel ist das nach dem Weltkrieg
gelegte italienische Kabel Rom— New York mit 7000 km Länge.

Von dem gesamten Kabelnetz sind 288000 km oder 47% in briti-
schem, 26% in amerikanischem und 11% in französischem Besitz. In
diesen Zahlen sind aber auch die Längen der an Küstenstrecken ver-
laufenden und der die kleinen Randmeere, wie Nord- und Ostsee,
zuerenden Linien enthalten. Ein Vergleich der rein überseeischen
Kabel würde die Vorrangstellung Englands noch deutlicher zeigen.
Dazu sind auch von den großen nichtenglischen Kabeln die meisten,
namentlich die amerikanischen, auf dem Boden Englands und seiner
Kolonien gelandet, z. B. von den 17 nordatlantischen Linien 13. Die

1851 wurde das erste Seekabel zwischen Dover und Calais gelegt.
        <pb n="219" />
        [V. DER NACHRICHTEN VERKEHR

180. Karte der Großfunkstationen der Erde 1928.
Die eingezeichneten Großfunkstationen haben alle eine Reichweite von mindestens 2800 km
Sieben von ihnen -— Nauen, Carnavon und Rugby in England, Bordeaux, Rom, Warschau und
Malabar auf Java --— sind mit ihrer Reichweite von 20000 km imstande, die ganze Erde zu um
spannen. Wie die Abb. 166 und 169. zeigt auch die obige Karte die Vorzugsstellung des Atlan
tischen Ozeans.

britischen Hauptlinien dagegen führen sämtlich nur über britischen Be-
sitz. In welcher Weise England durch diese Verhältnisse den gesamten
Nachrichtenverkehr der Welt beherrscht, hat uns der Krieg nur zu
deutlich gelehrt. Dabei hat es überall für einen genügenden militärischen
Schutz seiner Kabelstationen Sorge getragen, während die deutschen
transatlantischen Leitungen schon am Tage der englischen Kriegs-
erklärung von britischen Kabeldampfern zerstört werden konnten.

Einen außerordentlichen Wirkungskreis im Nah- und im Weltverkehr
hat sich neben dem Telegraphen der Fernsprecher erworben, der heute
auf der ganzen Welt in rund 22,4 Mill. Stationen gebraucht wird. In
Europa steht das Deutsche Reich im Fernsprechwesen mit mehr als
2 Müll. (1923: 2242000) Sprechstellen allen Staaten voran. Das sind
freilich noch nicht 15% der 15%} Mill. Sprechstellen in der Union (1923),
deren Fernsprechverkehr mit täglich 56 Mill. Gesprächen von keinem
anderen Lande auch nur annähernd erreicht wird.

Zu ungeahnter Bedeutung hat sich im Kriege die drahtlose Tele-
graphie, der „Funkspruch“, entwickelt. Er ist vor allem ein un-
entbehrliches Hilfsmittel der Seeschiffahrt geworden und hat bei seiner
heute praktisch unbegrenzten Reichweite und Schnelligkeit! im Nach-
richtenfernverkehr eine besondere Wichtigkeit erlangt. So werden jetzt
schon 20% des Nachrichtenverkehrs zwischen Europa und Nordamerika
durch Funkspruch vermittelt. Gegenüber der Draht- und Kabeltelegraphie
hat allerdings der Funkspruchverkehr vorläufig noch den Nachteil, daß
seine Nachrichten nur in beschränktem Maße geheim gegeben werden kön-
nen. Immerhin ist er besonders für solche Staaten, die, wie das Deutsche
Reich u. a., infolge ungünstiger geographischer Lage oder sonstiger Um-
stände nicht über genügend selbständige überseeische Kabelverbindungen

de Die von Nauen am weitesten entfernt liegende Station liegt auf Neuseeland in rund 20000 km
Io 4 Äquatorlänge) Entfernung. Ein Funkzeichen legt diese Entiernung mit der Geschwindigkeit
les Lichtes in A Sekunde zurück.
        <pb n="220" />
        5

. ZWEITER TEIL: DER VERKEHR
verfügen, von größter wirtschaftlicher und politischer Wichtigkeit. Die
Zahl der drahtlosen Telegraphenstationen der Welt belief sich Anfang
1926 auf 1722 Landstationen, darunter 40 Großfunkstellen. Dazu
kommen noch fast 15000 Bordfunkstellen auf Schiffen, die für die Er-
höhung der Sicherheit im Weltseeverkehr von unschätzbarem Wert
sind. — Deutsche Großstationen für Funkentelegraphie bestehen zur
Zeit in Nauen bei Berlin und in Eilvese bei Hannover mit An-
tennentürmen von mehr als 200 m Höhe. Diese Stellen dienen dem
Weltfernverkehr, während die Hauptfunkstelle Königswusterhausen
für den innerdeutschen und europäischen Verkehr bestimmt ist.

Noch einen Schritt weiter als die drahtlose Telegraphie geht der
drahtlose Fernspruch, Radio oder Rundfunk, mit dessen Hilfe jede
einzelne Familie unmittelbar an den Weltnachrichtendienst angeschlossen
werden kann und der zugleich ein Mittel der Volksbelehrung und Volks-
unterhaltung von ungeahnter Wirkung geworden ist. Anfang 1928 wur-
den in der Welt gegen 14 Millionen Rundfunkteilnehmer gezählt, da-
von in den Vereinigten Staaten fast die Hälfte und mehr als je 2 Mil-
jonen in England und Deutschland.

V. INTERNATIONALE VERKEHRSVEREINIGUNGEN

Die Schnelligkeit und Reichweite der modernen Verkehrsmittel,
die vor den Schranken staatlicher Grenzen nicht haltmachen, zwang
bald zu internationalen Besprechungen und Vereinbarungen auf bei-
nahe allen Gebieten des Fernverkehrs. Die wichtigste dieser inter-
nationalen Verkehrsvereinigungen ist der Weltpostverein. Er erwuchs
im Jahre 1878 als „Union postale internationale“ aus der 1874 von
dem damaligen deutschen Generalpostmeister Ste phan zwischen
22 Staaten ins Leben gerufenen „Union postale“. Gegenwärtig umfaßt
der Weltpostverein beinahe alle Kulturstaaten und Kolonien mit etwa
127 Mill, gkm und mehr als 90% der gesamten Menschheit. Die von
ihm vertretenen grundsätzlichen Anschauungen sind: Freiheit und Un-
antgeltlichkeit im Austausch und in der Beförderung der Briefpost-
gegenstände durch jedes Vereinsland und einheitliches, möglichst nied-
‚iges Briefporto ohne Rücksicht auf die Entfernung. Freilich das schon
1885 von Stephan erstrebte einheitliche Weltporto ist auch heute noch
nicht erreicht.

Schon früher (1865) gingen der Deutsch-Österreichische Telegraphen-
verein und der Westeuropäische Telegraphenverein in Paris in dem
zunächst nur von 20 europäischen Staaten geschlossenen Internatio-
nalen Telegraphenverein auf, der heute etwa dieselbe Ausdehnung
wie der Weltpostverein hat. — Für den internationalen Eisenbahn-
verkehr wurde wichtig das 1890 zwischen den Hauptstaaten des fest-
ländischen Europa abgeschlossene Berner Abkommen. — Die jüngste
internationale Verkehrsvereinigung ist die 1925 in Genf gegründete
„Union internationale de Radiophonie“. Alle diese Vereinigungen
regeln von Zeit zu Zeit in Weltkongressen die aus den Fortschritten
der Technik und aus dem Bedürfnis nach Erweiterung und verein-
{achter Abwicklung des Verkehrs sich ergebenden internationalen Fragen.
        <pb n="221" />
        ALLGEMEINE POLITISCHE ERDKUNDE

GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
Geographisch betrachtet ist der Staat eine Vereinigung von Menschen
auf einem bestimmten, fest abgegrenzten Teile der Erdoberfläche. Er
setzt sich demnach aus zwei untrennbar miteinander verbundenen Be-
standteilen zusammen, aus Land und Volk. Ein völlig menschen-
leerer, unbewohnter Raum kann niemals ein selbständiger Staat sein,
höchstens ein Teil eines solchen. Ebensowenig kann aber ein Volk
ohne Land einen Staat bilden, wie uns das Beispiel der Zigeuner
deutlich zeigt. Die Merkmale des Staates lassen sich nach A. Supan
in äußere und innere gruppieren. Die äußeren sind seine Gestalt
und seine Grenzen, seine Größe und seine Lage. Seine inneren
Merkmale ergeben sich aus der Art seiner physikalischen Verhältnisse
(Geländeform, Klima, Bewässerung usw.), aus der Art und Zusammen-
setzung seiner Bevölkerung und aus der Eigenart seines Wirtschafts-
lebens — es sind also physikalische, völkische und wirtschaft-
liche Eigenschaften.

Die Entstehung des Staates als einer Organisation ist immer auf
einen menschlichen Willensakt zurückzuführen. Schöpfer eines Staates
kann u. U. ein einzelner Mensch sein. Die Geschichte bietet genug
Beispiele dafür. Träger des Staates kann aber immer nur eine Masse
von Menschen sein. Deshalb kann die Bildung eines Staates immer
nur von einem Raum mit mehr oder weniger dichter Bevölkerung aus-
gehen. In diesem Zusammenhang erscheint es zweckmäßig, zunächst
einen Blick auf die Gesamtbevölkerung der Erde, die Grenzen ihrer
Ausbreitung und ihre unterschiedliche Dichte in den einzelnen Erd-
räumen zu werfen.

{. DIE BEVÖLKERUNG DER ERDE

Ausbreitung des Menschen und Umfang der bewohnten. Erde.
Durch urgeschichtliche Funde ist nachgewiesen, daß der Mensch zur
Eiszeit bereits ein sehr weites, von Amerika bis Mittelasien reichendes
Wohngebiet innegehabt haben muß. Mit dem allmählichen endgültigen
Rückgang der gewaltigen Eisdecke, die in Nordamerika und Europa
eine Fläche von der zweieinhalbfachen Größe Europas einnahm, er-
öffneten sich dem Menschen neue Ausbreitungsmöglichkeiten. Nach-
dem erst die Pflanzen- und Tierwelt die vom Eise verlassenen Gebiete
erobert hatte, konnte auch er in diese einziehen. So erweiterten sich
die Grenzen der bewohnten Erde ganz allmählich nach Norden hin.
Die weiten Gebiete, die der europäischen Kulturwelt durch die Er-
oberer und Entdecker des Entdeckungszeitalters bekannt wurden, er-
wiesen sich alle als bereits bewohnt, wenn auch auf großen Flächen
nur sehr dünn, so daß also offenbar schon zu Beginn dieses‘ Zeitalters
die bewohnbare Landoberfläche im großen und ganzen im Besitze des
Menschen war. Freilich waren innerhalb dieses Wohnraums noch viel-
fach Lücken. Namentlich die höheren Teile vieler Gebirge und zahl-
        <pb n="222" />
        218

GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
reiche Inseln erhielten erst während der letzten Jahrhunderte dauernde
Besiedlung. Heute sind, abgesehen von Hochgebirgsregionen, nur noch
die bei dem gegenwärtigen Klima unbewohnbare Antarktis und größere
Teile der Nordpolarländer sowie kleine oder sehr landferne Inseln des
Indischen und Großen Ozeans unbewohnt. Rechnet man auch die vom
Verkehr regelmäßig durchzogenen Meere zum Wohnraum der Mensch-
heit, so erhält man ein Gebiet von 450 Mill. qkm, also von fast neun
Zehnteln der gesamten und reichlich neun Zehnteln der bekannten Erd-
&gt;berfläche als Herrschaftsbereich des Menschen.

Dem Ziele, die Erde zu erobern, ist die Menschheit im 19. Jahrhundert
rascheren Schrittes nähergekommen als je zuvor, denn noch nie sind in so
kurzer Zeit so große und bis dahin spärlich oder gar nicht bewohnte Räume
erschlossen oder dichter besiedelt worden, wie in dieser Zeit, die in den Kon-
tinenten der Neuen Welt die Einwohnerzahl um ein Vielfaches sich vermehren
3ah. Zugleich hat die Bevölkerung der alten Kulturländer die Schätze des
Bodens und die Vorteile der geographischen Lage in immer steigendem Maße
ausgenützt, damit ihre Existenzbedingungen wesentlich verbessert und dem-
antsprechend sich schneller vermehrt. In einigen Staaten Europas ist die Be-
rölkerung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts um 40%, in Sachsen um 130,
auf dem Gebiete des alten Deutschen Beiches um 68, in Frankreich nur um
3,6, dagegen in Rußland um 84, in der Union um 360% gewachsen!, Die
esamtbevölkerung Europas ist im Laufe des 19. Jahrhunderts von 200 auf
150 Millionen gestiegen, und das trotz eines Verlustes von etwa 30 Millionen Seelen
Jlurch überseeische Auswanderung. Sie beträgt gegenwärtig rund 484 Millionen.

Volkszahl und Volksdichte der Erde. Die Gesamtzahl aller
Menschen auf der Erde ist heute auf 1800 bis 1900 Millionen zu
schätzen?.. Für die bekannte Landfläche — etwa 132 Mill. qkm —
darf man demnach eine mittlere Volksdichte von 14,5, für die ge-
samte Landoberfläche von 12,9 annehmen?. Aber die Verteilung der
Bevölkerung ist, je nach der Natur der verschiedenen Landgebiete,
aber auch infolge politischer und geschichtlicher Verhältnisse sehr un-
gleich. Die Karte der Volksdichte der Erde zeigt vier Gürtel auf-
fallend dünner Bevölkerung, die sich rings um die ganze Erde
ziehen: den nördlichen Polargürtel (nördliches Amerika, Europa und
Asien), die Wüsten- und Steppengebiete Innerasiens und der
beiden Passatregionen (die große Salzseewüste der Union, Nord-
afrika, Arabien, Persien — die Pampas, die Kalahari, das westliche
Australien), die tropischen Urwaldgebiete (Amazonien, Kongo-

gebiet, Austral-Asiatische Inselwelt). In diesen vier Gürteln, die etwa
100 Millionen qkm umfassen, wohnt noch nicht ein Mensch auf einem
Quadratkilometer, und sie schließen große Gebiete ein, die heute noch
3o gut wie unbewohnt sind. Von ihnen werden die drei zuerst ge-
nannten wegen der großen Ungunst der Naturbedingungen auch künftig

} Um 1850 zählten: das Europäische Rußland 60,3; Frankreich 35,8; Großbritannien und Ir-
land 27,5; Belgien 4,5; die Niederlande 3,3; das Gebiet des ‚heutigen Deutschen Reiches 35,3;
Sachsen 2,04; die Union 23 Mill. Bewohner.

2? Zur richtigen Beurteilung aller Zahlen sei bemerkt, daß wir nur für einen Teil der Mensch-
heit ordnungsgemäße Zählungen zugrunde legen können, für den Rest aber auf Schätzungen an-
gewiesen sind. Die Zahlen für rund 65% der Gesamtbevölkerung der Erde sind auf Grund von
Volkszählungsergebnissen eingesetzt. Das bedeutet einen gewaltigen Fortschritt, wenn man be-
lenkt, daß um 1870 noch 1000 Millionen Menschen oder 66%, der damaligen Erdbevölkerung
durch ordnungsgemäße Zählung nicht erfaßt wurden.

3. Unter Bevölkerungsdichte verstehen wir die Zahl der Einwohner auf 1 akm.
        <pb n="223" />
        I. DIE BEVÖLKERUNG DER ERDE 219
zehr schwach besiedelt bleiben, wenn auch kleinere Areale der Steppen
durch künstliche Bewässerung und intensive Bewirtschaftung zu dich-
terer Besiedlung gelangen werden. Dagegen kann die Tropenzone
durch Kulturarbeit befähigt werden, eine dichte Bevölkerung zu er-
nähren, wie das Beispiel Javas beweist.

Den vier menschenarmen Erdgürteln stehen drei Dichtegebiete
gegenüber, ein südostasiatisches in der Monsunregion, das europäische
und ein nordamerikanisches.

Die Dichtegebiete der Erde.
Erdteile

| Millionen
akm

| Millionen
Einwohner

Dichte

L. Südostasien: von Japans Haupt-
insel über die südliche Mandschu-
rei bis Vorderindien und zur ost-
indischen Inselflur . ......

2. Europa südlich vom 61. Grad , .

3. Der Osten der Vereinigten Staaten
westwärts bis Minnesota, Iowa und
zum unteren Mississippl. .. .

2,7
7.

787,3
407,8

Ö2
38

A
ı 228 | 12792 | 56

Auf etwa dem siebenten Teil der Landoberfläche wohnen demnach
mehr als zwei Drittel der Menschheit. Diese Zusammendrängung des
größten Teils der Menschheit auf wenige bevorzugte Gebiete ist eine
der bedeutungsvollsten Tatsachen sowohl für den Gang der Kultur-
und Wirtschaftsgeschichte wie für den der politischen Ereignisse.

Das asiatische Dichtegebiet ist von hohem Alter und wurde durch sorg-
fältigen Anbau ergiebigen Bodens ermöglicht, ist also auf agrarischer Grund-
lage erwachsen; in Europa setzt eine schnelle Zunahme der Bevölkerungsdichte
erst mit dem Aufschwung der industriellen Entwicklung, namentlich in Mittel-
und Westeuropa, ein, während in der Union die Bewirtschaftung jungfräulichen
Bodens und die industrielle Entwicklung gleicherweise verdichtend wirkten.

Beyölkerung der Erdteile Ende 1928,
(Nach Alois Fischer, Hermann Wagner.)
Erdteile

!

Millionen
qkm

Millionen | Bewohner
Bewohner auf l akm

Europa ....
Asien... .... 0.
Nordamerika. .....
ÄffikA, © x © ER RM
Südamerika . ........ 4
Australien und Ozeanien . . .
Arktisches Gebiet , .
Antarktis . .... i

Der Einfluß der großen Dichtegebiete kommt auch in der Ver-
teilung der Bevölkerungsdichte auf die verschiedenen Kontinente zum
Ausdruck, wie die vorstehende Übersicht zeigt. Europa und Asien er-
scheinen als die dichtbevölkerten Erdteile, während Nordamerika unter
den dünnbevölkerten wenigstens an der Spitze steht.
        <pb n="224" />
        GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE

Fast unberin*
MÄR diehE
Dicht bawı

7 yehp dicht bein

181... Bevölkerungsdichte der Erde.
in Vergleich mit den Weltkarten des Seeverkehrs (Abb. 166 und 169) und den Eisenbahnkarten
der Erdteile zeigt, daß die Dichtegebiete zugleich die Brennpunkte des Weltverkehrs umschließen.
Mehr als 200 Menschen wohnen auf 1 qkm innerhalb einer größeren Fläche im
Gebiet der unteren Themse, in den Industriegegenden Großbritanniens, Belgiens
und Deutschlands, in einigen Teilen Hollands, in drei Landschaften Italiens
(Ligurien, Lombardei, Kampanien), im nördlichen Frankreich, im ägyptischen
Niltal, im Gangestal und am Unterlauf des Hoangho und des Jangtsekiang, im
südlichen Nippon, in Java und Madura, und im kleinen amerikanischen Staate
Rhode Island. Zwischen 100 und 200 Einwohner entfallen auf größere Teile
der west- und mitteleuropäischen Staaten, Italiens, auf einige Gegenden der
Pyrenäen-Halbinsel, auf große Teile Vorderindiens und Chinas, auf Japan und auf
drei der atlantischen Staaten der Union (1925: Conneeticut, Massachusetts,
New Jersey).

Die Tatsache, daß einzelne Gebiete der Erde als extrem dicht besiedelt,
sozusagen als übervölkert gelten, sofern dem einzelnen der Kampf ums Dasein
dadurch außerordentlich erschwert wird, hat die Volkswirtschaftler schon früh
(Rob. Thom. Malthus 1798) die Frage aufwerfen lassen, wieviel Menschen die
Erdkugel bei voller Ausnüt@ung eigentlich zu tragen, d. h. zu ernähren imstande
sei. Man hat berechnet, daß die Erde 84 Mill. qkm anbaufähiges Land, 40 Mill.
Steppen, 13 Mill. Wüsten enthält. Nach anderen Untersuchungen kommen auf
lie größtmögliche Anbaufläche der Erde nur etwa 43 Mill. qkm. Die Zahl Men-
schen, die dieser Raum zu ernähren vermag, die „maximale Tragfähigkeit“ der
Erdoberfläche, wird von den verschiedenen Forschern sehr verschieden hoch
angegeben und schwankt nach R. Hennig zwischen kaum 4 Milliarden und
16 Milliarden. Vermutlich liegt die Zahl der größten Wahrscheinlichkeit in der
Mitte bei 8—10 Milliarden. Die nachstehende Karte nach Alois Fischer nimmt
ıur reichlich 6 Milliarden an (Abb. 182).

Bei der Annahme, daß sich die Erdbevölkerung immer in etwa 120 Jahren
verdoppelt, würde also spätestens im Jahre 2300 einer weiteren Vermehrung der
Menschheit aus Mangel an Lebensmitteln eine Grenze gesetzt sein. Indessen
oraucht uns die Sorge um die künftige Ernährung der Menschheit vorläufig nicht
allzusehr zu bedrücken. Einmal ist kaum anzunehmen, daß die Bevölkerungs-
zunahme in dem Tempo des 19. Jahrhunderts weitergeht. Sodann scheint der
Vermehruug der Bodenerträgnisse durch künstliche Düngung, durch Züchtung
artragreicherer Arten, durch Berieselung großer Wüsten- und Steppengebiete;
durch Gewinnung neuen Landes aus Mooren und anderen Ödländereien, aus
Meeren und Seen noch lange keine Grenze gezogen zu sein, ganz abgesehen
davon, daß wir nicht wissen, welche Fortschritte uns die chemische Wissen-

schaft auf dem Gebiete der Ernährung noch bringen wird.
        <pb n="225" />
        II. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES

fü

Zahlen) 777 Maximale Tragfähigheit ”
Millionen 3 1 _ Anteildgägenwärbig lebenden Bevölkerung
182. Die „maximale Tragfähigkeit“ der Erdteile und ihre bisherige
Bevölkerungsmenge. (Nach Alois Fischer.) .
Die Karte zeigt, welche gewaltigen Menschenmassen die Südkontinente, aber auch Nordamerika
noch aufzunehmen vermögen.

a

Zunächst erscheinen als die großen Reserveräume für eine künftige
Vermehrung und Ausbreitung der Menschen die weiten Urwaldgebiete
der Tropenzone in Südamerika, Afrika, Hinterindien, Indoaustralien und
Nordaustralien. Freilich sind das Räume, die aus klimatischen Gründen
nur oder in der Hauptsache nur für die farbige Bevölkerung günstige
Siedelungsflächen abgeben, während für die Europäer nur die russisch-
sibirischen Steppen, Südaustralien, das gemäßigte Südamerika und Nord-
amerika, dazu kleine Teile Afrikas in Betracht kommen, also Räume von
erheblich geringerer Ausdehnung und im ganzen auch geringerer Ertrag-
fähigkeit. Aber dieser Nachteil verliert an Gewicht angesichts der
Tatsache, daß der heutige Stand der Verkehrsentwicklung eine rasche
und gleichmäßige Verteilung aller lebenswichtigen Güter über die ganze
bewohnte Erde gewährleistet. So braucht die Menschheit nicht in
Sorge um ihre Erhaltung zu sein, vorausgesetzt, daß eine vernünftige
Weltwirtschaft und Weltpolitik den wirklich vorhandenen Raum auch
allen Völkern zur Beschaffung ihrer notwendigen Lebensbedürfnisse in
gerechter Verteilung zur Verfügung stellt. In diesen Anschauungen
die heranwachsenden Generationen aller Kulturländer zu erziehen, ist
wohl die wichtigste Aufgabe der Gegenwart. Nicht Kampf der Menschen
gegeneinander um den Lebensraum, sondern gemeinsame Erschließung
der Ökumene, ihrer Energien und Rohstoffe sollte die Aufgahe einer
neuen Menschheit sein (K. Olbricht).

N. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES
DIE GESTALT DER STAATEN

Einfache und mehrteilige Staaten. Nach ihrer Gestalt kann man
einfache, nur aus einem zusammenhängenden Gebiet bestehende,
und mehrteilige Staaten unterscheiden. Die ersteren sind in reiner
Form recht selten. Die Schweiz, Bolivien, Afghanistan, das neue
Polen sind Beispiele dafür. Wir können dieser Gruppe aber zahlreiche,
das Meer berührende Staaten zurechnen, bei denen zu dem großen
einheitlichen Festlandsgebiet eine Anzahl sehr kleiner und küstennaher,
        <pb n="226" />
        GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
daher politisch und wirtschaftlich unselbständiger Inseln hinzutreten.
Solche sind Norwegen, Rußland, Persien, Siam, Brasilien.

Mehrteilige Staaten bestehen aus mehreren räumlich getrennten
Landgebieten, von denen jedes vermöge seiner Größe und Bedeutung
ne gewisse Selbständigkeit besitzt. Von Natur aus mehrteilig sind
reine Inselstaaten. Solche gibt es, von unbedeutenden Ausnahmen
abgesehen, nicht mehr. Sie waren auch früher selten und von geringer
Bedeutung. Denn jedem Staate ist das Bedürfnis nach räumlicher Er-
weiterung eigen, und eine solche gestattet in größerem Maße nur das
Festland. Gerade die beiden ehemaligen Inselstaaten, die es allein
zur Stellung von Großmächten gebracht haben, England und Japan,
beweisen das aufs deutlichste.

England hat schon in der Mitte des 12. Jahrhunderts auf das europäische
Festland übergegriffen und um seine Besitzansprüche in Frankreich dreihundert
Jahre lang gekämpft. Dann hat es nach und nach in allen Erdteilen große
Gebiete erworben, so daß heute der kontinentale Besitz des englischen Welt-
veiches viel größer ist als der insulare, und während und nach dem Kriege hat
ss mehrfach den Versuch gemacht, sogar in Nordeuropa wieder Fuß zu fassen.
Japan hat den entscheidenden Schritt zur Festlandsmacht durch die Besitz-
aahme von Korea getan, und zum eisernen Bestand seiner gegenwärtigen Außen-
politik gehört das Bestreben, seine Hoheit auch über die Mandschurei und auf
Teile Sibiriens auszudehnen.

Zu den mehrteiligen Staaten gehören auch die meisten Halb-
inselstaaten, wie Dänemark, Griechenland, Italien, ‚die aus einem
lestländischen Hauptteil und mehreren größeren Inseln bestehen.

Die dritte Form der mehrteiligen Staaten bilden diejenigen, bei
denen die einzelnen Teile nicht durch Meer, sondern durch andere
Landteile voneinander getrennt werden, die mehrteili gen Land-
3taaten (Abb. 183, 184, 187). Auch diese verschwinden jedoch wie
die reinen Inselstaaten mehr und mehr. Denn in ihrer Zerstückelung
liegen große Nachteile, die, abgesehen von der Umständlichkeit der
Verwaltung und der Erschwerung des gesamten wirtschaftlichen Ver-
kehrs, vor allem ‚durch die Schwierigkeit der Landesverteidigung
gegeben sind.

Aus der Vergangenheit seien als bekannteste Typen solcher Staaten das
habsburgische Spanien und die zahlreichen Kleinstaaten des früheren Deutsch-
land genannt. Bis in unsere Tage lebte jene Staatsform in gewisser Weise
in den thüringischen Staaten weiter, von denen aber die meisten bei der
Neuordnung nach dem Kriege zu einem einheitlichen Staatswesen, zu einem
sinfachen Staate, sich zusammenschlossen. Preußen hatte bis 1866 im Rhein-
land eine große Exklave und hat nach dem Verlust des Polnischen Korridors
in Ostpreußen wieder eine solche erhalten. Ein bemerkenswertes Beispiel eines
mehrteiligen Kontinentalstaates besteht gegenwärtig noch in den Vereinigten
Staaten, die auf dem amerikanischen Festland außer dem Hauptland noch
las Territorium von Alaska und die kleine mittelamerikanische Exklave der
Danamazone besitzen.

Eine besondere Abart der mehrteiligen Staaten sind die Kolonial-
staaten, d.h. die Staaten mit überseeischem Besitz. Sie unter-
scheiden sich von den anderen dadurch, daß ihre Teile politisch nicht
gleichwertig sind, indem sich die überseeischen Gebiete in Abhängig-
keit vom Stammland befinden. Dies ist das Herrenland, jene die

222
        <pb n="227" />
        fl. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES

223

„PeNZ!
183. Preußen zur Zeit des Deutschen Bundes. 184. Preußen in der Gegenwart.
1838 und 184 Preußen als Exklave-Staat,

Diener. Dies Verhältnis beruht vor allem auf dem Unterschied der
Bevölkerung, die in den Kolonien ursprünglich eine Eingeborenen-
bevölkerung ist. Es besteht heute noch in reiner Ausprägung zwischen
den europäischen Herrenvölkern und ihren tropischen Kolonien in
Afrika oder in der Südsee. Auch Indien ist noch bis zu einem ge-
wissen Grade eine solche Eingeborenenkolonie. Es änderte .sich aber
allmählich in denjenigen Kolonialgebieten, namentlich der gemäßigten
Zone, in die vom weißen Herrenvolk selbst aus dem Mutterlande oder
anderen europäischen Staaten eine starke Einwanderung stattfand.
Die eingewanderten und seßhaft gewordenen Europäer blieben zwar
als Bewohner des Tochterstaates zunächst auch noch in einer gewissen
Abhängigkeit vom Mutterland. Mit dem Anwachsen ihrer Zahl und
der durch eigene Arbeit erzielten zunehmenden wirtschaftlichen Er-
schließung des Landes aber verstärkte sich immer mehr das Streben
nach Selbständigkeit und nach Loslösung vom Mutterland oder wenig-
stens nach Gleichstellung mit ihm.

Die spanischen und portugiesischen Kolonien in Mittel- und Südamerika
sagten sich im Laufe des 19, Jahrhunderts vom Mutterland los und wurden
selbständige Staaten. Die „Vereinigten Staaten‘ entstanden aus den ersten
Kolonien Englands in Nordamerika. Auch in Kanada und in den englischen
Kolonien Australiens und Südafrikas, die sich schon früh zu einer Art von Bundes-
staaten zusammengeschlossen haben?, ist das Streben nach größerer Selbständig-
keit.auch in außenpolitischer Beziehung in den letzten Jahrzehnten unverkenn-
bar hervorgetreten. Ägypten, das während des Weltkrieges zum Schutzstaat
Englands wurde, hat kurz nach dessen Beendigung eine wenigstens formelle
Selbständigkeit wieder erzwungen. England hat in kluger Politik diesen Be-
strebungen seiner Kolonien Rechnung getragen, indem es im Laufe der Zeit
ihnen immer größere Rechte einräumte und sogar der Eingeborenenkolonie
Indien weitgehende Zugeständnisse hinsichtlich der inneren Verwaltung machte.
So vollzog sich in der Struktur des englischen Kolonialreiches eine langsame
Umwandlung, durch die dieses in seinen wesentlichen und größten Teilen zu
ginem neuen, in seinen Gliedern politisch gleichwiegenden neuen Weltreich, zum
britischen „Commonwealth of Nations“ wurde. Seine Einheit trat zum ersten
Male in der gemeinsamen Beteiligung am Weltkrieg offenkundlich hervor. die

1 Kanada erhielt als „Dominion“ schon 1867 Selbständigkeit der inneren Verwaltung, die
australischen Kolonien erreichten dasselbe mit ihrem Zusammenschluß zum „Commonwealth of
Australia“ 1901. Von diesem Zeitpunkt an nennen sich die ehemaligen sechs Kolonien „Original
States“. Die 1910 entstandene „Südafrikanische Union“ erhielt eine ähnliche staatsrechtliche
Stellung, obgleich ihre weiße Bevölkerung erst 22% der Gesamtvolkszahl beträgt.
        <pb n="228" />
        224
Selbständigkeit seiner Glieder in der Art, wie sie am Friedensvertrag beteiligt
waren. Die untergeordnete Stellung echter Kolonien nehmen im Britischen
Weltreich heute nur noch Eingeborenenkolonien des äquatorialen englischen
Afrika und einige ozeanische Besitzungen ein. — Länder wie das ehemalige
Rußland und China, die ihren Herrschaftsbereich durch gewaltige Gebiets-
arweiterungen in unmittelbarem Anschluß an das Stammland auf dem Festland
vergrößerten, bezeichnet man besser nicht als Kolonialmächte, zumal bei ihnen
las Verhältnis der Bewohner von Stammland und Außenland nicht in dem
Maße das von Herren und Dienern ist, wie bei den echten Kolonialmächten.
Umrißformen der Staaten. Die Umrißform eines Staates ist nicht
gleichgültig. Es liegt auf der Hand, daß lange Grenzen für die Ver-
teidigung ungünstiger sind als kurze. Dieser Nachteil wird auch nicht
aufgewogen durch die Vorteile, die lange Grenzlinien für den fried-
lichen Verkehr und wirtschaftlichen Austausch mit den Nachbarländern
bieten. Die kürzeste Um-
randung für eine Fläche von
Jestimmter Größe bildet der
Kreis, Völlig kreisrunde
Staaten gibt es nicht. Aber
China und das neue Rumä-
nien nähern sich der Kreis-
zestalt, das alte Ungarn bil-
dete annähernd einen Halb-
kreis, auch Staaten wie Boli-
vien, Paraguay, die Union,
Frankreich u. a. verfügen über
eine günstige geschlossene
Gestalt.
Dagegen sind Staaten von
zroßerLängserstreckung
und geringer Breite, wie
sie in ausgeprägtester Form
Chile und in ähnlicher Weise
Norwegen besitzen, in ihren
Umrissen ungünstig, weil im
Falle eines Angriffs leicht
»ine Durchstoßung und Ab-
schnürung einzelner Teile eintreten kann. Diese Gefahr besteht auch
bei stark gebuchteten Umrissen und zipfelförmig gestalteten
Staaten. Die Erfahrungen der Nachkriegszeit haben gelehrt, daß alle
Bestrebungen, kriegerische Zusammenstöße der Staaten in Zukunft zum
mindesten zu vermindern, das Streben der Länder nach günstiger
Aestaltung ihrer Flächen aus den politischen Erwägungen nicht aus-
zuschalten vermochten.

Galizien hing am alten Österreich nur mit einem schmalen Halsansatz und
wäre bei einem Konflikt mit Rußland oder Ungarn von diesen Ländern leicht
abgeriegelt worden. — Es ist zu verstehen, wenn das ungünstig gestaltete zwei-
lügelige Rumänien nicht nur aus völkischen Gründen nach einer Abrundung
seiner Gestalt durch den Besitz von Siebenbürgen und Bessarabien strebte. —
Die starken Einbuchtungen, die der polnische und tschechische Keil an der

GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE

185. Günstige und ungünstige Umrißformen.
        <pb n="229" />
        ]I. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES 225
Ostgrenze Deutschlands bilden, sind die ungünstigsten Stellen im ganzen Ver-
lauf‘ der deutschen Grenze. Nicht nur, weil die ihnen entsprechenden lang-
gestreckten Zipfel politische Halbinseln bilden, die unter Umständen von
mehreren Seiten zugleich angegriffen und leicht abgeriegelt werden können,
wie das Beispiel Ostpreußens zeigt, sondern auch, weil jene Keile gegen das
Herz Deutschlands so weit vordringen, daß dessen Hauptstadt von Osten und
Süden her unmittelbar bedroht erscheint. Nach der neuen Grenzziehung im
Osten beträgt die Entfernung zwischen Berlin einerseits, dem westlichsten
Punkt der polnischen und dem nördlichsten Punkt der tschechoslowakischen
Grenze andrerseits nur noch 160 bzw. 180 km. Berlin liegt heute praktisch
unter den polnischen Kanonen.

Aber auch verwaltungs- und verkehrstechnisch bedeuten lang-
gestreckte und stark gebuchtete Grenzen immer gewisse Schwierig-
keiten. Die Entfernung zwischen dem nördlichsten und südlichsten
Punkt Chiles beträgt in der Luftlinie rund 4200 km (Entfernung
Nordkap — Tripolis) bei nur 750000 qkm Fläche. Die Eisenbahn-
verbindung Ostpreußens mit Oberschlesien wurde schon vor der Schaf-
fung des Polnischen Korridors durch die polnische Grenzbucht um ein
Drittel des geraden Weges verlängert.

DIE GRENZEN DER STAATEN

Künstliche Grenzen. Die Grenzen, die zwei Staaten voneinander
trennen, sind in unseren Atlanten durch Linien gekennzeichnet. In
der Natur werden solche Linien durch Grenzsteine, Pfähle und Gräben
festgelegt. Solche auf historischen Geschehnissen und wirtschaftlichen
Verhältnissen beruhende, in zahlreichen Verträgen im Laufe der Jahr-
hunderte entstandene Grenzen sind demnach immer künstliche und
haben meist einen sehr verwickelten Verlauf (Abb. 186 und 187).
Sie sind deshalb in dünnbevölkerten oder schwer zugänglichen Ge-
bieten, die keine ständige Kontrolle erlauben, leicht. verwischbar, was
dann zu Grenzstreitigkeiten führt. Diesen Nachteil schließt eine be-
sondere Art der künstlichen Grenzen aus. Das sind jene mathema-
tischen, oft über-Hunderte und Tausende von Kilometern geradlinig
verlaufenden Grenzen, die die Diplomaten auf der Karte einfach mit
dem Lineal oder in Anlehnung an die Breiten- und Längenkreise ge-
zogen haben. Sie sind in der Natur gar nicht vorhanden und insofern
unsichtbare Grenzen, aber durch Berechnung und Vermessung immer
wieder leicht festzustellen.

Wir kennen derartige Grenzlinien aus unseren Atlanten. von den jungen
Staatengebilden Nordamerikas, Südamerikas und Australiens, auch von den
Grenzlinien mancher Kolonialgebiete in Afrika und Neuguinea. Die berühm-
teste Staategrenze dieser Art ist der Teil des 49. Parallelkreises, der in einer
Ausdehnung von fast genau 2000 km vom Lake of the Woods bis zur Juan
de Fuka-Straße die Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada
bildet (s, Abb. S. 226).

Natürliche Grenzen. In dem Bedürfnis, die Grenzen möglichst
sichtbar und dauerhaft zu gestalten, lehnt man die künstlichen Grenzen
gern an hervortretende Züge der Erdoberfläche, an Bodenerhebungen,
Wasserläufe, Sumpf- oder Waldstreifen an. Diese bilden dann natür-
liche Grenzen. Sind die begrenzenden Flüsse breit oder caNonartig,

Reinhard. Erakunde.
        <pb n="230" />
        GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE

Halle
Bremen
50 km
5 IE

br

‚87. Die Landesteile des Freistaates Braunschweig

FF

186. Die Westgrenze
Sachsens.

Aafıen -

186 und 187, Beispiele in geschichtlicher Entwieck-
"lung entstandener künstlicher Grenzen.

U
—

NürG-
Australien
Kam
1
DS
Fan
Ci
zn

A

CH
nr
«

500%

Zentral-
Australien

_Süd-
Australien

N 20
Queens-
land

N
AUehw
‚painigt!®
SYareeln

Is

188 und 189, Beispiele von mathematischen oder „Lineal‘“-Grenzen
in Australien und Nordamerika.
        <pb n="231" />
        I. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES 227
tief und reißend*, die Gebirge infolge Höhe, Paßarmut oder HEis-
bedeckung schwer überschreitbar, so bilden sie gleichzeitig ein wirk-
sames Hindernis für die weitere Ausbreitung eines Staates: sie sind
Endgrenzen. Solche sind in hohem Maße ausgedehnte‘ Wälder,
große ungangbare Sümpfe und Wüsten. Noch wirksamer ist die Be-
grenzung durch das Meer, und in vollkommenster Weise geschieht sie
durch Inlandeismassen. Sofern sich jenseits solcher Grenzen überhaupt
keine anderen Staatengebilde befinden, sind sie einseitige Grenzen
im Gegensatz zu den doppelseitigen,
rein politischen, an denen zwei oder mehrere
Staatengebilde sich berühren.

Allerdings können von machtvollen, stark nach
Ausbreitung drängenden Staaten selbst solche
Endgrenzen überwunden werden. Schmale Meeres-
straßen werden verhältnismäßig leicht überschritten.

So griff das alte Rußland über die Beringstraße
nach Alaska über, England und Japan faßten Fuß
auf dem gegenüberliegenden Festland. Aber auch
das im Durchschnitt 6000 km entfernte Gegen
gestade des Atlantischen Ozeans wurde von den
europäischen Kolonialstaaten verhältnismäßig früh
erreicht. Ja die Union hat durch den Erwerlt
der Philippinen sogar die gewaltige Fläche des
Großen Ozeans über den Brückenpfeiler der
Hawaii-Inseln überschritten, und Japan hat schon
mehrfach den Versuch gemacht, denselben Schritt
in umgekehrter Richtung zu unternehmen. Frei-
lich ganz verlieren derartige natürliche Grenzen
ihre trennende Wirkung niemals. Es gehören
ein starker Wille und Machtmittel von der Größe
der englischen und vereinsstaatlichen dazu, um
die jenseits solcher Schranken gelegenen Staats-
teile dauernd festzuhalten, Vielfach gelingt es
trotz allem nicht, wie die obenerwähnten Bei-
spiele aus der Koölonialgeschichte zeigen, So
haben Frankreich, Österreich und Deutschland frühere transalpine Besitzungen
in Oberitalien längst wieder eingebüßt.

Natürliche, d. h. gewordene, nicht gemachte Grenzen sind auch die
völkischen Grenzen, die Berührungsstellen zweier Rassen oder
Nationen. Wo diese nicht mit den politischen Grenzlinien zusammen-
fallen, verursachen sie Reibungen, die schließlich zu Grenzveränderungen
führen. Auf Grund solcher Unstimmigkeiten verlangten die Polen Teile
Ostdeutschlands, die Italiener österreichische Gebiete (vgl. auch S. 261ff.).

Grenzsäume und Grenzlinien, Ein wesentlicher Unterschied zwischen
den natürlichen und künstlichen Grenzen besteht auch darin, daß die
ersteren immer flächenhaft ausgebildet sind; selbst Flüsse sind keine
Linien, sondern schmale, langgestreckte Bänder, Natürliche Grenzen
sind demnach immer Grenzsäume, keine Linien, und gerade auf

1 Tieflandströme, überhaupt solche mit flachen Ufern sind meist schlechte Grenzen, nicht
nur, weil sie in der Regel leicht überschreitbar sind, sondern auch, weil natürliche Laufverände-
rungen des Flusses häufige Verschiebungen der Grenze zur Folge haben (vgl, Abb. 190).
        <pb n="232" />
        ‚28 GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
diesem Merkmal beruht in erster Linie ihre trennende und abschließende
Wirkung!. Grenzsäume bilden überhaupt die älteste Form
der Grenzen. Die Wohngebiete der Völker und Stämme wurden
zuerst nicht durch klar bestimmte Linien, sondern durch unbewohnte
Zwischenräume: Wasserflächen, Steppen, Wüsten, Wälder, Gebirge von-
einander getrennt. In einzelnen Fällen haben sich solche leere Grenz-
3äume bis zur Gegenwart erhalten, so in den Anden Südamerikas und
in Skandinavien, wo die schwedisch-norwegische Grenzöde (s. Abb.
S. 250) ein besonders schönes Beispiel darstellt.

Nicht selten wurden solche Grenzsäume, eben weil sie als Grenzen sehr
wirksam sind, künstlich geschaffen. Es sei erinnert an jenen 50 bis 100 km
breiten Ödlandstreifen zwischen China und Korea, in dem jede Ansiedlung bei
Todesstrafe verboten war. In moderner Form sind Grenzsäume wieder auf-
getaucht in der Form von neutralen Staaten, sogenannten Pufferstaaten,
die die unmittelbaren Reibungsflächen benach-
barter Großstaaten und damit die Gefahr von
kriegerischen Verwicklungen zwischen diesen
vermindern sollen. Solche sind zwischen Frank-
reich und Deutschland: die Schweiz, Luxem-.
burg und Belgien. Nach der Niederringung Ruß-
lands versuchte Deutschland an seiner Ostgrenze
zwischen sich und Rußland eine Kette von
zleineren Pufferstaaten ins Leben zu rufen, die
allerdings heute eine wesentlich andere Bedeu-

‚ung gewonnen haben. Auch die „entmilitari-
zierte“ Zone deutschen Landes zu beiden Seiten
des Rheins, die der Versailler Vertrag vor-
schreibt (Abb. 195), sowie der neutrale Streifen
zwischen Litauen und Polen gehören hierher.

An den Küsten der Meere finden wir
die Grenzsäume wieder, und zwar natür-
liche sowohl wie künstliche. Denn ab-
gesehen davon, daß die Berührungsstelle
ron Land und Meer an sich schon,
namentlich an Flachküsten, keine Linie,
sondern einen Saum darstellt, läßt man
nach internationaler Übereinkunft die Hoheit eines Staates nicht
an dieser Berührungsstelle enden, sondern erst in einer Entfernung
von drei Seemeilen (5,6 km). Erst jenseits dieser Grenze liegt das
freie, internationale Meer.

So entsteht ein Saum ‚„territorialer Gewässer“, dessen Breite etwa der
‚rüheren Tragweite der Geschütze entspricht. Da diese heute wesentlich größer
'st, hat man auch schon den Gedanken erwogen, jenen Grenzsaum entsprechend
zu verbreitern. Diese Gewässer sind also somit ein Stück der Staatenober-
fläche, auf dem z. B. von fremden Nationen kein Fischfang betrieben werden
darf. Im Kriege haben sie als Zuflucht verfolgter Schiffe, die der Gefahr der
Kaperung ausgesetzt waren, oft genug eine Rolle gespielt.
1 Nur bei den völkischen Grenzen liegen die Verhältnisse etwas anders. Auch sie sind
Grenzsäume, weil die benachbarten Völker an den Berührungsstellen naturgemäß einander
Jurchdringen. Aber die trennende Wirkung fällt weg, weil der Saum nicht durch Auseinander-
haltung zweier verschiedener Gebiete, sondern gleichsam durch deren teilweise Übereinander-
sehiebung entsteht.
        <pb n="233" />
        11. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES 229
Hat man einerseits künstliche Grenzsäume neu geschaffen, so haben
andrerseits alte natürliche Grenzsäume vielfach mit der zunehmenden wirt-
schaftlichen Entwicklung und dem steigenden Ausbreitungsbedürfnis der
anwohnenden Völker an trennender Wirkung verloren. Fortschritte in
den Methoden der Bodenbebauung, die es ermöglichten, auch den
Steppen, Wüsten und Sümpfen noch Früchte abzuringen, führten dazu,
daß sich die Grenzvölker von beiden Seiten in die trennenden Gebiete
vorschoben. Mineralschätze der Gebirge lockten zu derselben Bewegung.
Diese dauerte fort, bis die benachbarten Völker und Staaten innerhalb
des Grenzsaums aufeinandertrafen, so daß sich nunmehr die Notwendig-
keit herausstellte, eine vertragsmäßige Grenzlinie festzulegen.

Die staatsrechtliche
Grenze zwischen Böh-
men und Deutschland
bilden heute nicht mehr
Böhmer Wald, Erzge-
birge und Sudeten, die
zwischen Spanien und
Frankreich nicht mehr
die Pyrenäen, die zwi-
schen Chile und Argen-
tinien nicht mehr die
Anden, sondern immer
eine Linie innerhalb
dieser Gebirge.

Meist suchte man
bei Bestimmung sol-
cher Linienim Bereich
des Grenzsaums sich
wieder gewissen Leit-
linien der Natur anzu-
passen, z. B. in Gebir-
gen den |Kammli- 192. Die Grenze des Deutschen Reiches im Algäu als
nien oder den Wasser- Beispiel einer Kammgrenze. (Nach Ratzel.)
scheiden zu folgen.

Da aber Kammlinien und Wasserscheiden häufig einen recht verwickelten
Verlauf haben, so ist die Voraussetzung für die Benutzung dieser Linien eine
genaue geographische Erforschung der betreffenden Gebiete. Wo diese fehlt
und dennoch in den Verträgen jene Linien als maßgebende bestimmt sind,
können leicht Grenzstreitigkeiten eintreten. Die Geschichte der Staaten Süd-
amerikas ist aus diesem Grunde erfüllt von Grenzstreitigkeiten. I. Bowman
und R. R. Platt zeichnen in ihre Darstellung der Grenzverhältnisse der süd-
amerikanischen Staaten nicht weniger als zehn strittige Gebiete ein (Abb. 193).
Auch sind Kammpartien vielfach gar nicht als Linien, sondern als Flächen
ausgebildet, und das gilt oft auch von Wasserscheiden, namentlich wo diese in
Niederungen liegen.

Selbst da, wo Wasserflächen die Grenzsäume bildeten, hat man
jetzt Linien gelegt, bei den Flüssen an eines der beiden Ufer oder
öfter in die Mitte, in den Stromstrich.

Die Grenze zwischen Kanada und der Union geht durch vier der Großen
Seen (Abb. 194), die zwischen ehemalig Deutsch- und Englisch-Ostafrika in
        <pb n="234" />
        230 GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
gerader Linie durch den
Viktoriasee. Damit sind
auch diese Wasserflä-
chen zu politischen Flä-
chen geworden. Diese
politische Aufteilung der
Gewässer gewinnt bei
Ausübung der Schiff
fahrtund Fischerei unter
Umständen große prak-
tische Bedeutung. — In
allen den angeführten
Fällen fand also ge-
wissermaßen eine Ent-
wicklungvomGrenz-
saum zur Grenzlinie
statt.

Grenzschutz. Ein
Vorzug der „natur-
entlehnten‘“ Grenzen
gegenüber den künst-
lichen besteht auch
darin, daß sie in vie-
len Fällen als natür-
liche „Sperrlandschaf-
ten“ einen gewissen
Schutz gegen feind-
liche Einfälle bieten,
indem sie die Ver-
teidigung erleichtern. 193. Die wichtigsten strittigen Gebiete in Südamerika.
Nicht wenige Grenzen Nach R. R. Platt)
sind ja gerade vom militärischen Gesichtspunkt aus festgelegt worden.
Nicht selten hat man auch den natürlichen Schutz durch künst-
liche Mittel verstärkt, oder, wo die Natur den künstlichen Grenz-
linien einen Schutz völlig versagte, durch Grenzbefestigungen einen
solchen geschaffen.

Durch ganz Eurasien von Schottland bis nach China zog sich einst eine lose
Kette von Gräben, Wällen und Mauern, die das Römische, Persische, Chine-
sische Reich an besonders gefährdeten Stellen von den nordischen Berg-, Wald-
and Steppenvölkern schied. Re-
ste dieser Grenzbefestigungen
sind die Hadrianswälle in Schott-
land, der Limes zwischen Donau
und Rhein und das Danewerk
zwischen Schlei und Treene ir
Deutschland, die Trajanswälle
in der Dobrudscha und die übe:

2450 km sich erstreckende Chi
nesische Mauer. — In moderner
Form finden wir diese Grenz
sicherungen wieder in den Fe-
stungs- und Fortsgürteln, die an

== z
ZZ
= —UW:
ES N
= =
m
Yun
A
Bien 2 U
MI
=
Umstrittene Gebiete.
schen Peru und Ecuador
vischen Peru und Colombia
‘wischen Colombia und Brasıhen
”” Provinzen Tacna und Arica,
"Fritten von Peru und Chile
EEE Wırd GEGENWÄT
+ amerikan. Schiedsspruckh
"März 1925 durch Volksabstim
+ festgelegt .
1 umstritten von Bolivia und
Argentinien.
VI umstritten v Bolivia u. Fee
"Inseln südl. vom Kanal Beagle,
“trithg zwischen Chile u. Argenhmen
        <pb n="235" />
        I. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES 23

Tanhrm 7 a
"Marburg

E
DER Entmilttarıe,
195. Der französische Festungsgürtel zwischen Ärmelkanal und Jura.
offenen Stellen sich oft zu beiden Seiten der Grenzen hinziehen. Das eindrucks
vollste Beispiel dafür bietet Frankreich, das seine Ostgrenze von der Burgundi:
schen Pforte bis zur Straße von Calais durch einen fast lückenlosen und stellen-
weise mehrfachen Festungsgürtel künstlich glaubt sichern zu müssen.

Wo die Staatsgrenze keinerlei, weder natürlichen noch künstlichen
Schutz genießt, tritt insofern ein umgekehrtes Verhältnis von Staat
und Grenze ein, als die Grenze nicht mehr den Staat sichert, sondern
dieser die Grenze durch sein Ansehen und seine Macht gegen Über-
griffe und Verletzungen schützen muß.

Gute und schlechte Grenzen. Die Beantwortung der Frage, ob
eine Grenze oder ein bestimmter Grenzabschnitt gut oder schlecht ist,
hängt ganz von dem Standpunkt ab, von dem aus man urteilt. Grenzen,
die vom militärischen Standpunkt aus als gut zu bezeichnen sind, wie
hohe Gebirge, Seenplatten, Sümpfe, sind vom verkehrsgeographischen
aus vielleicht schlecht, und umgekehrt. Grenzen, die für den einen
Anlieger gut sind, sind es für den anderen weniger.

Die Seite des Stärkeren, des Siegers im Kriege, wird meist die begünstigte
sein. Freilich nicht immer: die 1871 festgelegte Vogesengrenze zwischen Frank-
reich und Deutschland, die im wesentlichen auf dem Kamm des Gebirges ver-
lief, war infolge der Verschiedenheit des rheinischen und des französischen
Abfalls für Deutschland viel ungünstiger als für Frankreich. Dagegen wurden
durch den Versailler Vertrag die Grenzen Deutschlands im Westen, Norden und
vesonders im Osten in strategischer und verkehrsgeographischer Beziehung
gegenüber dem früheren Zustand wesentlich verschlechtert.

Eine verhältnismäßig sehr gute Grenze ist die Seegrenze, weil sie
einerseits die Abwehr von Angriffen erleichtert, andrerseits dem Ver-
        <pb n="236" />
        GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE£E

kehr keine Schwierigkeiten entgegensetzt. Dasselbe gilt von hohen
Gebirgen mit tiefen und schmalen Paßeinschnitten, die dem Verkehr
bequeme Bahnen bieten, in kriegerischen Zeiten aber leicht verschließ-
bar. sind. Die Alpen, Karpaten und Sudeten sind Beispiele solcher
Gebirge. Eine absolute Schutzgrenze ist das Eis. Das eiserfüllte Meer
an der langen Nordgrenze Rußlands hat zur Folge, daß weite Küsten-
strecken dieses Staates ohne allen künstlichen Schutz eine sichere
Rückendeckung bieten.
DIE GRÖSSE DER STAATEN

Wenn man von der Größe eines Staates spricht, so kann man
damit verschiedene Eigenschaften zum Ausdruck bringen; man kann
dabei an die Größe seiner Landfläche, aber auch an die Größe seiner
Macht, seines Ansehens, seiner politischen Bedeutung denken. Für
geographische Betrachtung empfiehlt es sich, zunächst Raumgröße und
Machtgröße voneinander getrennt zu halten. Beide sind nicht immer
und notwendigerweise miteinander verbunden.

Die Flächengröße der Staaten. Ein Blick auf eine politische Welt-
karte zeigt uns, daß die Staaten der Erde über sehr verschiedene Raum-
größen verfügen. Man pflegt sie nach deren Ausmaß in großräumige
mit mehr als ] Million gkm, in mittelräumige mit mehr als 100.000 qkm
und kleinräumige unter 100000 gkm einzuteilen.

TabelleIl. Großräumige Staaten ohne Kolonialländer
(nach dem Stand von 1928).
* Mill.
qkm

| min
Land | akım
Ver. Staaten .. 9,4
Brasilien. .... 95
China. ...... 6,2
Europ. Rußland. | 5,8

Argentinien ..
Mexiko .....
Persien...

3,0
20
1.6

Bolivien .... 1,5
Peru. ...... 1,1
Kolumbien. .. 1,8
Rechnet man die Kolonien und Außenländer den Stammländern
zu und reiht außerdem diejenigen englischen Kolonialgebiete ein, die
eine gewisse Selbständigkeit erlangt haben, so erhöht sich «die Zahl
der großräumigen politischen Gebiete durch 6 europäische Staaten,
durch Kanada, den Australischen und den Südafrikanischen Staaten-
bund auf 19, die zusammen rund 138 Millionen qkm, also den weit-
aus größten Teil der bewohnten Fläche der Erde einnehmen.
Tabelle IL Großräumige Staaten und Kolonialländer
(nach dem Stand von 1928).
Land

1. Großbritannien .
2, Russ, Sowjetrep.
3. Frankreich ...
4. China ......
5. Ver. Staaten ..
6. Kanada. .....1
7. Brasilien. ....Ä

Mill.
akm
26,4
21,3
Tı

1.9
X

Land

Mill,
akm
8. Austral.Bundes-

staat. ......

9, Argentinien. . .

10. Belgien . .....

„1.Italien. .....

12. Portugal ....
13. Südafrik. Union j 2,1
Gesamtfläche 137,9 akm.

7,7
2,0
5

4
oo

Land

14. Niederlande
15. Mexiko . ..
16. Persien...
17.Bolivien. . .
"8. Peru ....
-9, Kolumbien .

akm

2,1
2,0
1,6
16
ss
1 -
        <pb n="237" />
        11. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES 233

Von den 10 selbständigen großräumigen Staaten der Erde, die in
Tabelle I aufgeführt sind, gehören 7 der Neuen Welt an, nur in Süd-
und Mittelamerika (einschließlich Kuba) hat sie 6 Staaten von mittlerer
und 2 von kleiner Flächenausdehnung. Darin kommt die Größe und
junge Geschichte dieses Erdteils zum Ausdruck.

Auch Asiens Fläche wird zu fast drei Vierteln von 3 großräumigen
politischen Gebieten bedeckt (Russisch-Asien, China, Britisch-Indien),
den Rest nehmen 4 Mittelstaaten (mit Nepal) ein. Einen Kleinstaat
besitzt es nicht, da Bhutan nicht als ein Staatswesen angesprochen
werden kann. Sind so Amerika und Asien die Erdteile vorzugsweise
groß- und mittelräumiger Staaten, so liegen demgegenüber in Europa,
wo der Ausgang des Weltkrieges die Zahl der politischen Gebiete noch
um 9 vermehrt hat, auf einer
Fläche von rund 5 Mill. gkm nicht
weniger als 30 Staaten, wobei die
überseeischen Besitzungen und die
einzelnen Sowjetrepubliken nicht
mitgerechnet sind, Island und Ir-
land als selbständige Staaten an-
genommen wurden und die ganz
kleinen Staaten Andorra, San Mari-
no, Liechtenstein unberücksichtigt
blieben. Europaistdemnach mit
Ausschluß des Ostens der aus-
gesprochene Erdteil mittlerer
und kleiner Staaten, eine Folge
seiner alten und bewegten Geschich-
te, die wieder letzten Endes in der
Lage, der reichen Gliederung und den
sonstigen natürlichen Eigenschaften
des Kontinentes ihre Ursache hat.

Australien und Afrika haben weiträumige politische Gebilde kolo-
nialer Entstehungsweise. Abessinien ist der einzige selbständige Staat
Afrikas, der mit 907000 qkm nahe an die Größenordnung weiträumiger
Staaten herankommt.

162%

Veränderlichkeit der Staatengröße. Die Größe der Staaten ist
im Wandel der Zeiten großen Veränderungen unterworfen. Kleinstaaten
wachsen sich zu großen aus, und diese wieder zerfallen in kleine Staaten.

Von den Großstaaten des Altertums hat sich nur der chinesische erhalten.
Von der Vergänglichkeit großer Staaten in der Neuzeit legen der Verfall der
habsburgischen Weltmacht und das europäische Reich Napoleons Zeugnis ab.
Die Ursachen der räumlichen Rückbildung sind verschieden: Die Losreißung
und Selbständigmachung von Kolonien, der Verlust von Landesteilen nach un-
glücklichen Kriegen, nach denen Teile des besiegten Staates Selbständigkeit
erzielen oder dem Sieger überlassen werden müssen. Der Nennung von Bei-
spielen dafür bedarf es in unserer Zeit nicht.

Freiwillig aber lassen gesunde Staaten niemals eine Verminderung
ihres Gebietes zu. Vielmehr sind sie auf eine Erhaltung ihres Be-
standes eifersüchtig bedacht, ja sie streben darüber hinaus nach mög-
        <pb n="238" />
        234 GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE

lichster Raumerweiterung, und gerade der ganz große Raum sucht
„gleich dem Großkapital sich selbst zu vermehren“ (Dix), England
und Rußland sind treffliche Beispiele dafür. Von den besonderen Ur-
sachen solchen Strebens nach Raumerweiterung ist an erster Stelle
zu nennen das Wachstum der Bevölkerung, dem eine Vergrößerung
des Raumes entsprechen muß, wenn es nicht zur Übervölkerung
mit ihren wirtschaftlichen Nachteilen kommen soll. Verstärkt wird
der Anreiz zur politischen Ausbreitung durch günstige Eigenschaften
der erstrebten Gebiete, Reiche Bodenschätze, fruchtbare Ackerbau-
länder, verkehrsgeogra-

phisch wichtige Land-

schaften, wie die Ein-

zugsgebietegroßerStrö-

me und solche Länder,

die einen Zugang zum

freien Meere eröffnen

oder benachbarte Meere

oder Meeresteile um:

randen, erhöhen den

Drang zur Raumer-

weiterung ebenso wie

das Vorhandensein ei-

ner stammesverwand-:

ten Bevölkerung in den

benachbarten Gebieten

jenseits der Grenzen.

So entstehen gewisse

politischeStoßrich-

tungen oder Kraft-

linien, die in der Ge

schichte der betreffen.

den Staaten sich immer

wieder geltend machen.
Frankreichs Ansprüche
auf Elsaß und Lothringen
sind nicht nur machtpo- ]
litischer Art, sondern ha- 198. Die Umfassung des Indischen Ozeans durch das
ben in den Minettelagern englische Indiameer-Reich.
Lothringens und den Kali-
lagern des Elsaß auch eine rein wirtschaftliche Ursache. Die Unterwerfung der
Burenstaaten durch die Engländer brachte diesen die reichsten Goldlager und
Diamantenfelder der Welt. — Der im Laufe der Geschichte sich immer wieder-
holende Einbruch der nomadischen Gebirgsvölker Innerasiens in die Tief.
länder Ost- und Südasiens wird wenigstens zum Teil durch den Anreiz er-
klärt, den deren verlockende Fruchtbarkeit und klimatische Gunst ausübt. —
Das Streben nach möglichst geschlossener Beherrschung von Stromgebieten
zeigt das Vorgehen der Engländer im Bereich der Nilländer, zeigt die Ab-
grenzung der Kongokolonie und die vollständige Polonisierung der Weichsel
nach dem Weltkrieg. — Das Drängen zum Meere spielt in der politischen Ge-
schichte Rußlands, Polens, der Balkanstaaten, einiger südamerikanischer Repu-
        <pb n="239" />
        II. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES 235

232”

-bap

500 km
a politisch zu U.

ZSchutzstaaten ı

ZZ unter wirtschaftl.n :.
der U.S.A.

WP Panama-Kane!zon:

=N Nicaragua-

£ Flottenstützpun'"
Marine -Funkst

O andere Funkst-

NAunter brik Herrsdi

SA
Mae
* 4

hEd.US. .

„_ britische Flotkenstützpur

“1 selbständige St&gt;:*en
=Leitlinien der Politik der.
on «ww britischen Politik
199. Die Überschneidung nordamerikanischer und englischer Machtbestrebungen
in Mittelamerika. (Nach Drascher, M. Langhans u. a.).
Die ausgezogenen Pfeile zeigen die Richtung des amerikanischen, die gestrichelten die des englischen
Vordringens an.
bliken eine große Rolle. — Das Römische Weltreich umfaßte zur Zeit seiner
größten Ausdehnung alle Randländer des Mittelmeeres. Die britische Umran-
dung des ganzen Indischen Ozeans, die des Japanischen Meeres durch Japan
und die des amerikanischen Mittelmeeres durch die Vereinigten Staaten gehört
zu den großen außenpolitischen Zielen dieser Staaten. Griechenlands Streben
nach Beherrschung der Randländer der Ägäis macht diesen Staat zum natür-
lichen Gegner der Türkei, Italiegs Kampf um das „mare nostro“ zum Feind
jedes Staatswesens an der Ostküste der Adria. — Mit dem Hinweis auf die
stammverwandte Bevölkerung jenseits ihrer Grenzen suchten außer Frankreich
auch Italien, Serbien, Rumänien, Polen ihre Ansprüche auf fremde Staatsgebiete
zu begründen,

Bei mehrteiligen Staaten wird der Wille zur Raumerweiterung
häufig gefördert durch das Streben nach räumlicher Vereinigung der
getrennten Gebiete.

Die Geschichte Preußens, das Zusammenwachsen des nordafrikanischen und
westafrikanischen Kolonialbesitzes Frankreichs, der Zusammenschluß der eng:
lisch-ostafrikanischen Besitzungen (Kap-Kairo-Linie!) seien als Beispiele genannt.
Deutsche Kolonialpolitiker haben oft dargelegt, wie wünschenswert eine Ver-
einigung der westafrikanischen Kolonien des Reiches mit Deutsch-Ostafrika ge-
wesen. wäre. In gewissem Sinne gehört hierher auch, und zwar als großartigstes
Beispiel solchen Zusammenstrebens, das Bemühen Englands, seinen atlantischen
und seinen indischen Herrschaftsbereich durch vollständige Beherrschung des
Mittelmeeres und Vorderasiens zusammenzuschweißen.

Häufig wird der Erwerb neuer Gebiete auch veranlaßt durch das
Bestreben, den alten Besitz und die Zugänge zu ihm zu sichern, Oft
        <pb n="240" />
        GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
handelt es sich dabei nur um kleine, aber durch ihre Lage wertvolle
Inseln oder um die Beherrschung strategischer Punkte an Meerengen,
wichtigen Pässen und dergleichen. Unter Umständen begnügt sich ein
Staat mit der Beherrschung der Durchgangsstraßen durch ein fremdes
Hoheitsgebiet,

Die Geschichte der Entstehung des Britischen Weltreiches gibt dafür eine
Fülle der Beispiele, aus der nur wenige herausgegriffen werden sollen. Dreifach
schon hat sich England die kürzesten Wasser- und Landzugänge, die „nassen“
und die „trockenen“ Wege zu seinem indischen Kolonialreich gesichert durch
die Beherrschung aller Zugänge des Mittelmeeres und Roten Meeres, durch den
Erwerb aller ostafrikanischen Randgebiete und durch die Beaufsichtigung der
durch Vorderasien und den Persischen Golf führenden Route. Der vierte, um
das Kap der Guten Hoffnung führende Weg wurde durch die englische Kette
von Ascension über St. Helena—Südafrika— Mauritius gesichert. Dem Schutze
seines amerikanischen Besitzes
soll die englische Sperrkette von
Halifax über die Bermudas, die
Bahamainseln und Kleinen An-
tillen bis Guayana dienen. Ihr setz
ten aber die Vereinigten Staaten
die Gegenlinie Florida—Key West
—Kuba (mit zwei Stützpunkten ix,

Westen und Osten der Insel) —

Haiti! — Jungfern-Inseln? entge-

gen, die zugleich der Umfassung

des amerikanischen Mittelmeeres

dient (Abb. 199).

Die Schnelligkeit des

Wachstums. Diese ist bei den

einzelnen Staaten verschieden

und hängt von mancherlei Um-

ständen ab. Wo kräftige Nach-

barstaaten die Ausbreitung

hindern, wird sie langsam

geschehen, unter Umständen

ganz steckenbleiben. Wo da-

gegen wüste, nicht oder wenig bewohnte Gebiete für die Erweiterung in
Betracht kommen, geht sie schnell, oft sprungweise vor sich.

Preußen hat sich unter zähen Kämpfen zu einem Staate mittlerer Größe
ausgewachsen in derselben Zeit, in der sich die Vereinigten Staaten ein Millionen:
areal angliederten. Niemand hinderte sie, ihre Grenzen erst bis zum Mississippi,
dann bis zum Felsengebirge, schließlich bis zum Pazifischen Ozean und darüber
hinaus auszudehnen. Unter ähnlich günstigen Bedingungen wuchs Rußland rasch
bis zum Westrand des Großen Ozeans und über die Beringstraße hinweg, bis
es auf den machtvollen englischen Rivalen stieß. Ohne jeden nennenswerten
Widerstand konnte England den ganzen Erdteil Australien in seinen Besitz
bringen, Italien vergrößerte durch den Erwerb von Tripolis mit einem Schlage
3ein Areal um ein Vielfaches des Mutterlandes.

Eine weitere Möglichkeit der Entstehung größerer Staaten ergibt sich
auch aus der freiwilligen Vereinigung mehrerer kleiner politischer Gebiete,

1 Protektoratsvertrag mit den Vereinigten Staaten im November 1915.

? Durch Vertrag vom Dezember 1916 käuflich von Dänemark erworben.
        <pb n="241" />
        HN. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES 237

So entstand das neue Deutsche Reich, so entstand innerhalb seiner Grenzen
in unseren Tagen Großthüringen. Auch der Gedanke, daß sich die Staaten und
Völker des alten Europa gegenüber den in anderen Erdteilen erwachsenen Riesen-
staaten auf die Dauer nur durch engeren Zusammenschluß behaupten können,
der Gedanke der „Vereinigten Staaten von Europa“ ist schon im 18. Jahrhundert,
und zwar von französischer Seite ausgesprochen worden. Neuerdings hat Fr. Nau-
mann die Bildung eines Staatenbundes von „Mitteleuropa“ auf das dringendste
ampfohlen. Freilich würde die Verwirklichung solcher Ideen eine ganz andere
gegenseitige Einstellung unter den europäischen Völkern voraussetzen, als sie
gegenwärtig noch besteht.

Der politische Wert großer Landflächen. Der Wert ausgedehnten
Landbesitzes liegt für einen Staat zunächst in dem Schutz, den der
große Raum an sich gegen Angriffe von außen bildet, namentlich,
wenn sich mit ihm ungünstige klimatische und Bodenverhältnisse
(Wüste, Hochgebirge, Sümpfe, Wälder) und geringe Bevölkerungsdichte
paaren. Sodann wachsen mit der Größe der Landflächen, über die
ein Staat verfügt, im allgemeinen auch seine Hilfsmittel zur Entfal-
tung wirtschaftlicher und politischer Kräfte. In dieser Beziehung sind
auch nichtzusammenhängende Raumgebiete von Bedeutung.

An der Größe des Raumes scheiterte Napoleons russischer Winterfeldzug.
Auch nach dem verlorenen Kriege gegen Japan und dem Zusammenbruch im
Weltkrieg blieb der Russische Staat in seinen wesentlichen Teilen bestehen, und
auch unter den neuen Verhältnissen fühlt er sich als Großmacht. — Die welt-
wirtschaftliche Führerstellung Englands und der Vereinigten Staaten beruht in
erster Linie auf der ungeheuren Menge agrarischer, bergbaulicher und industrieller
Güter, die ihnen ihre großen Landflächen für den Weltmarkt liefern. Wesentlich auf
diese Hilfsmittel ist auch ihr entscheidender Einfluß im Weltkrieg zurückzuführen,
in dem außerdem England und mehr”noch Frankreich die Truppen des Mutter-
landes in erheblichem Maße durch Menschenmaterial aus den Kolonialgebieten
verstärkten.

Daß aber die Größe der Landfläche allein keineswegs die Größe
eines Staates in machtpolitischem Sinne ausmacht, zeigen Staaten
wie Brasilien (8,5 Mill. gkm), China (6,2), Mexiko (2), Persien (1,6) und
andere, die zum Teil zu den weitesträumigen der Erde gehören, ohne
daß ihnen gegenwärtig weltpolitische. Bedeutung zukäme. Ja die große
Landfläche kann unter Umständen sogar ein Schwächemerkmal sein,
sofern weiträumige Staaten, wenn ihnen die einheitliche innere Struktur
fehlt oder ihr Besitzstand in räumlich weit auseinanderliegenden Ge-
bieten besteht, der Gefahr eines Zerfalles von innen heraus am stärksten
ausgesetzt sind. Die Geschichte des Altertums und des Mittelalters
bietet dafür genug Beispiele,

Größe der Bevölkerung. Ein zweiter Maßstab, nach dem wir die
Größe eines Staates beurteilen, ist seine Bevölkerungsmenge; denn
der Zahl der Bevölkerung entspricht bis zu einem gewissen Grade
die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Wehrkraft des betreffenden
Staates. Natürlich ist die Zahl der Bewohner allein ‚nicht ausschlag-
gebend, sondern auch deren körperliche und besonders geistige Eigen-
schaften, ihre Kulturhöhe und ihre Charakterbildung.

Rein der Zahl nach können wir auch hinsichtlich der Bevölke-
rung die Staaten in drei Größenordnungen unterscheiden: Staaten mit
        <pb n="242" />
        238 GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE

100 Millionen Bewohnern und darüber, solche von 10 bis 100 Millionen
und solche unter 10 Millionen. Unsere Tabelle beschränkt sich auf
die beiden ersten Gruppen.
Tabelle IIL Staatengruppierung nach der Größe der Einwohnerzahl
‚(nach dem Stand um 1925).

Gesamt-
bevölkerung

Dichte

| Gesamtbevölkerung | Dichte
des Stammlandes *

1. Großbritannien
(1925). .....
2. China (1925). .. |
3. Russ. Sowjet-
Republiken (1926) ! 6,7 !
Vereinigte Staaten .
(1925). .. 2... ‘2 |
5. Frankreich (1926) 7,2
IL. Größenklasse: 5 Staaten mit rund 1250 Millionen Einwohnern.

180
20
13,5
7a

6, Japan (1925). . .
7. Deutsches Reich
(1925). .....
Niederlande (1925)
Ltalien (1925) . .
Brasilien (1920) .
Polen (1921). . .
Spanien (1920), .
Belgien (1926) . .
Rumänien (1923).
„ Portugal (1920) .
+, Mexiko (1925) , .
17. Türkei (?). . ..
18. Tschechoslowakei
(1921). .....
19. Jugoslawien (1921)
II. Größenklasse: 14 Staaten mit rund 430 Millionen Einwohnern.

34 Mill.

124

60 Mill.

157

211
131
42
56
66

I. u. I. Größenklasse: 19 Staaten mit rund 1700 Millionen Einwohnern.
Tabelle III zeigt also, daß nur fünf Staaten der ersten Bevölkerungs-
Größenklasse angehören; wenn wir die Stammländer für sich betrachten.
sind es sogar nur drei, China, Rußland und die Vereinigten Staaten.

Dagegen finden wir weitaus die meisten Staaten der ersten Flächen-
Größenklasse in der zweiten Bevölkerungs-Größenklasse wieder, doch
fehlen auch einige Staaten, der Tabelle IL (S. 232) infolge ihrer geringen
Bevölkerungsdichte in der IIL Tabelle. .‚Andrerseits tauchen Japan,
das Deutsche Reich, Spanien, die Türkei, Rumänien und drei aus dem
Weltkriege hervorgegangene politische Neubildungen hier auf,

Diese Unterschiede in den Tabellen II und II ergeben sich naturgemäß
aus der verschiedenen Bevölkerungsdichte der einzelnen Staaten. Fassen
wir in Tabelle III die Spalte „Stammland“ ins Auge, so erhellt ohne weiteres,
daß die, weiträumigen Staaten, wie Brasilien, China, die Union und Ruß-
land, im allgemeinen nur eine geringe, die mittleren und kleinen Staaten aber
eine weit größere Bevölkerungsdichte aufweisen. Weiter ist zu bemerken, daß
        <pb n="243" />
        Il. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES 239
die dichtbevölkerten Staaten (Dichte über 50) alle mit Ausnahme Japans dem
Erdteil Europa, die dünnbevölkerten alle außer Rußland den außereuropäischen
Erdteilen angehören. Rußland zeigt sowohl gemäß seines großen Flächenraumes
als auch gemäß seiner geringen Bevölkerungsdichte nicht europäische, sondern
asiatische Wesenszüge.
Veränderung der Bevölkerungsmenge durch natürliche Ver-
mehrung, War schon, wie wir sahen, der Flächeninhalt eines Staates
eine stark veränderliche Größe, so gilt dies erst recht von der Be-
völkerungszahl. In den meisten Fällen besteht diese Veränderung in
einer Zunahme der Bevölkerung, was schon aus der ständig zuneh-
menden Größe der Erdbevölkerung (vgl. S. 218 ff.) hervorgeht. Die Ur-
sache liegt darin, daß bei den Kulturvölkern im allgemeinen die Zahl
der Geburten größer ist als die der Todesfälle, also ein Geburten-
überschuß vorhanden ist. Die Gründe hierfür sind zu suchen in
der höheren wirtschaftlichen Entwicklung der Kulturländer, die Existenz-
bedingungen für eine viel größere Bevölkerung schuf und auch den
minderbemittelten Klassen eine bessere Lebenshaltung gestattete, ferner
in der Besserung der hygienischen Verhältnisse und in der Entwick-
lung der ärztlichen Kunst. Je nachdem diese Ursachen in größerem
oder geringerem Maße wirken, ist die prozentuale Größe des Geburten-
überschusses verschieden. Freilich ist dieser Satz nicht von ganz
allgemeiner Gültigkeit. So haben z. B, die auf niedrigerer Kulturstufe
stehenden Völker Europas im allgemeinen ein größeres natürliches
Wachstum als die höherstehenden. Vielleicht machen sich darin die
Anzeichen einer bereits wieder alternden Kultur (Verweichlichung,
Verschlechterung der gesundheitlichen Verhältnisse infolge Industri-
alisierung) bemerkbar. Die slawischen Staaten stehen mit ihren natür-
lichen Wachstumsziffern allen Staaten Europas voran. Andrerseits ist
der Geburtenüberschuß in den hochentwickelten germanischen Staaten
regelmäßig größer als in den romanischen.

In ganz auffallender Weise bleibt der Geburtenüberschuß Frankreichs hinter
allen Ländern, von denen wir entsprechende statistische Nachweise haben,
zurück. Während es im Mittel d&amp; Jahrfünfts 1906 bis 1910 noch einen ganz
geringen. Geburtenüberschuß aufwies, zeigte es im Jahre 1911 sogar einen Über-
schuß der Todesfälle. In den letzten Jahren vor dem Kriege hatte es aller-
dings wieder einen geringen Geburtenüberschuß aufzuweisen, so auch nach dem
Kriege; wobei aber zu beachten ist, daß stärkerer Geburtenüberschuß unmittel-
bar nach einem Kriege bei allen Völkern in Erscheinung tritt. — Der Welt-
krieg mit seinen gewaltigen Blutopfern hat selbstverständlich die natürliche
Vermehrung der beteiligten Staaten stark gehemmt. Im gleichen Sinne wird
die Bevölkerungsbewegung durch Epidemien und Hungersnöte beeinflußt, die
häufig als Begleiterscheinungen der Kriege auftreten, aber auch sonst gelegent-
lich vorkommen — man denke an die durch das Ausbleiben des Monsuns
verursachten Hungersnöte in Indien. Solche waren in früheren Zeiten, als noch
nicht ein ausgebildeter Weltverkehr eine leichte Verteilung aller Ernteerzeug-
nisse gestattete, auch in Europa viel häufiger als in der Neuzeit. Der Hungers-
not, die infolge der feindlichen Blockade in den Kriegsjahren die Mittelmächte
heimsuchte, fielen allein in Deutschland etwa eine Million Menschenleben zum
Opfer, und die kriegszeitliche Unterernährung großer Teile unseres Volkes
wird auch noch weitere Jahre unsere Bevölkerungsbewegung neben anderen
Ursachen ungünstig beeinflussen.
        <pb n="244" />
        240 GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE

3 EFurona

a

n 9

ur

Mexik

Sünp»&gt;if Inseln
„ZZ ee 3
—— 100
0
Tausend Japaner
MM Für japanische Einwand. ges”

a u. Kuba
“m
3

900 km

201. Hauptziele der japanischen Auswanderung.
Die Zahlen geben die Anzahl der in den betreffenden Ländern im Jahre 1925 lebenden Japaner in
Tausenden an. Sie dürften gegenüber der Wirklichkeit etwas zu niedrig sein.

Veränderung der Bevölkerungsmenge durch Wanderungen. Eine
weitere Beeinflussung der Bevölkerungsbewegung eines Staates ist
bedingt durch etwaige Zu- oder Abwanderung. Die Volksdichte
kann in manchen Ländern so stark werden, daß dadurch die Lebens-
bedingungen für den einzelnen sich immer ungünstiger gestalten und
der Kampf ums Dasein immer schärfere Formen‘ annimmt. Solche
Verhältnisse führen dann zur Auswanderung in noch gar nicht oder
nur dünn besiedelte Gebiete. Neben den wirtschaftlichen Beweg-
gründen sind aber, wie die erste Besiedlung der Union zeigt, vielfach
auch solche anderer Art wirksam, wie religiöse Verfolgungen oder
Unzufriedenheit mit politischen oder gesellschaftlichen Zuständen.
Nachrichten über Wanderungen ganzer Stämme oder einzelner Teile
reichen bis in die frühesten Anfänge der Menschheitsgeschichte zurück.
Die Hauptgebiete der neuzeitlichen Auswanderung sind das
westeuropäische und das ostasiatische Dichtegebiet.

Von Ostasien aus setzten sich die Chinesen und später auch die J apaner
in allen Randländern des Pazifischen Ozeans fest. Freilich verbleiben sie nur
selten im Ausland. Häufig wandern sie nach einer Reihe von Jahren wieder
in die Heimat zurück, während andere ihrer Volksgenossen in der Fremde an
ihre Stelle treten. Aber doch bilden sie ein ständiges Element in den von
der Einwanderung betroffenen Ländern. Am stärksten ging die gelbe Ein-
wanderung seit Jahrzehnten nach den gemäßigten und warmen Gebieten der
Neuen Welt: Hawaii, Vereinigten Staaten, Brasilien. Neuerdings ergießt sich
ein starker Auswanderungsstrom von China nach der Mandschurei, und zwar
handelt es sich hier um eine dauernde Besiedlung des Landes mit chinesischen
Bauern. — Da die Mongolen bei ihrer Arbeitsfähigkeit und Bedürfnislosigkeit
eine gefürchtete Konkurrenz der weißen Bevölkerung bilden, sind manche der
betroffenen Staaten zum Teil schon seit längerer Zeit zu Abwehrmaßnahmen
durch Erschwerung der Einwanderung, durch Beschränkung der Einwanderer-

zahlen oder sogar durch gänzliche Verbote geschritten.

Eine der großartigsten Erscheinungen der Menschheitsgeschichte aber ist
die Ausbreitung der Europäer in den letzten vier Jahrhunderten. Sie
wird nach der Entdeckung der Neuen Welt eingeleitet mit der Besiedlung und
        <pb n="245" />
        I. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES 241
Kolonisation Mittel- und Südamerikas durch die Spanier und Portugiesen, denen
sich später auch andere, namentlich romanische Auswanderer anschließen. Bis
zum Beginn des 17. Jahrhunderts bleibt Südamerika das Hauptziel der euro-
päischen Auswanderung. Dann aber treten an seine Stelle Nordamerika
und seit dem 18. Jahrhundert daneben auch Australien und Südafrika. Holland
und England schaffen sich in dieser Zeit große Kolonialreiche und bevölkern
die neuerworbenen Gebiete mit ihrer Auswanderung, um so schneller, als die
klimatischen Verhältnisse der neuen Erwerbungen zu einem großen Teil auch
dem germanischen Auswanderer für den dauernden Aufenthalt keine Schwierig-
keit bereiten. — Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts schwillt mit der schnellen
Besiedlung der Neuen Welt die europäische Auswanderung, namentlich aus
den germanischen Ländern, ungeheuer an. Großbritannien und danach
Deutschland stellen die Hauptmasse der Auswanderer, Seit den achtziger
Jahren ist indes die deutsche Auswanderung sehr stark zurückgegangen, wäh-
rend die aus Österreich-Ungarn, Rußland, Spanien und Italien bedeutend zu-
genommen hat. Die ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse, die der verlorene
Krieg für Deutschland gebracht hat, ließen die Auswanderung in den letzten Jahren
wieder gewaltig an-
wachsen, und im
Jahre 1923 erreich-
te sie mit rund
116000 Auswande-
rern eine Höhe, die
3ie seit 1892 nicht
wieder gehabt hat-
te. Seitdem hat
die langsame Bes-
serung der Verhält-
nisse die Zahl wie- 2 29
der sinken lassen, Wr ! V
6 bewegt sich in 202. Die Auswanderung aus Deutschland 1871—1927,
den letzten Jahren Sa Ch ram EM in s

Die starke Linie gibt die Einwohnerzahl in Millionen für dieselbe Zeit an.
am 60000 herum.

Den gewaltigen Umfang jener europäischen Abwanderung lehrt die Tat-
sache, daß in der Zeit von 1820 bis 1920 allein in die Vereinigten Staaten
gegen 33.2 Millionen Menschen eingewandert sind.

Ohne diese gewaltigen Zuströme von Einwanderern wäre der wirt-
schaftliche, kulturelle und politische Aufstieg der nordamerikanischen
Länder nicht denkbar gewesen. Im 20. Jahrhundert ist dieser Zustrom
nicht nur wesentlich schwächer geworden, sondern er hat sich auch
in seiner rassenmäßigen Zusammensetzung insofern geändert, als neben
dem germanischen und romanischen Element in immer stärkerem Maße
das slawische in der Einwanderung auftrat, eine Wandlung, die dem
amerikanischen Volke offenbar nicht erwünscht erscheint. Dazu kommt,
daß infolge der starken Eigenvermehrung der Bevölkerung Amerika
heute einer starken Zuwanderung nicht mehr bedarf. So sehen wir
gegenwärtig die Vereinigten Staaten in einer gewissen Abwehrstellung
nicht nur gegenüber der chinesischen und japanischen, sondern auch
gegenüber der europäischen Einwanderung, die sie durch die Festsetzung
bestimmter Einwandererquoten für die einzelnen europäischen Länder
gesetzlich beschränkt und durch genaug Kontrolle der gesundheitlichen
und wirtschaftlichen Verhältnisse der Einwanderer erschwert.

Reinhard. Erdkunde.

®
        <pb n="246" />
        24

GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
Zwei Drittel der Bevölkerung Amerikas und fast die gesamte
Einwohnerschaft Australiens und Neuseelands sind europäischer Ab-
stammung. Dagegen hat Großbritannien, namentlich Irland, im
19. Jahrhundert 8—10 Millionen Menschen verloren, Deutschland 5
bis 6 Millionen. Auch Italien und Spanien verloren bis 1910 ins-
gesamt 6 Millionen Menschen durch Abwanderung. Aber diese Aus-
wanderung bedeutete gleichzeitig eine ungeheure, nie vorhergesehene
Ausbreitung der europäischen Herrschaft. Denn auch da, wo
die Europäer nur in geringer Zahl einwanderten, wußten sie vermöge
ihrer überlegenen Intelligenz und höheren Kulturstufe die Herrschaft
an sich zu reißen. Sie eroberten große Gebiete und machten sie
sich als Kolonialland nutzbar. Der Kolonialbesitz der europäischen
Staaten hat einen Umfang von der siebenfachen Größe unseres Erd-
teils. So stehen denn 80% der bewohnten Erde und 70% ihrer
Bewohner unter der Herrschaft des europäischen Geistes: die Erde
wurde europäisiert.

Allerdings scheint dieser Prozeß gegenwärtig seinen Höhepunkt
erreicht oder vielleicht schon überschritten zu haben. Einmal haben
in den letzten Jahren nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern auch
andere Länder, wie besonders der Australische Staatenbund, durch ge-
setzliche Bestimmung den weiteren Zuzug von Einwanderern auch aus
europäischen Staaten erheblich eingeschränkt. Dann aber ist auch
in der Eingeborenenbevölkerung zahlreicher Länder der Widerstand
gegen die wirtschaftliche und politische Bevormundung seitens der
Europäer stark gewachsen. Die Völker Ostasiens, Indiens und selbst
die Neger Afrikas haben das Wort von der „Selbstbestimmung der
Völker“ wohl vernommen. Der Weltkrieg hat ihnen gezeigt, daß auch
der weiße Mann nicht unbesiegbar ist, und hat sie in dem Bestreben
gestärkt, ihre Geschicke in eigene Hand zu nehmen.

Von ähnlicher Bedeutung wie die überseeische Auswanderung im 18. und
19. Jahrhundert waren in früherer Zeit die Wanderbewegungen, die sich inner
halb des Kontinentes von einem europäischen Staat zum andern vollzogen.
Freilich waren es nicht so große Massen, die dabei in Betracht kamen. Ihre
Zuwanderung hatte nicht so entscheidenden Einfluß auf die Bevölkerungszahl
und -zusammensetzung der betroffenen Länder. Um so größer aber war
der Einfluß auf ihre kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung. Man denke
an die Bedeutung der französischen Emigranten zur Zeit des Großen Kur-
fürsten für die Entwicklung der preußischen Industrie, an den Einfluß der
Nämischen Einwanderung auf den Osten Deutschlands oder an den der deutschen
Kolonisten auf die wirtschaftliche Erschließung Südrußlands und der mittleren
Wolgaländer, Ungarns und Siebenbürgens, nicht zu vergessen der Verdienste
deutscher Bergleute um die Eröffnung des Bergbaus in Nordungarn, im Ural
und in Sibirien, Die zwangsmäßige Auswanderung mohammedanisch-türkischer
Bewohner Griechenlands nach der Türkei und griechischer Bewohner Klein-

? Australien stemmt sich unter dem Einfluß der „Labour Party“ grundsätzlich gegen jede
Kinwanderung, Ob aber 6 Mill. Einwohner ein Land, das’ ein Vielfaches dieser Zahl ernähren
kann, bei der zunehmenden Raumnot benachbarter Völker auf die Dauer werden halten können,
erscheint zweifelhaft. Die gelbe Sturmilut des viel zu eng zusammengepferchten Japaner- und
Chinesentums brandet empor und fordert neues Siedlungsland um jeden Preis. Schon erheben
ernste englische Politiker warnend ihre Stimme und verlangen die Öffnung des fünften Krdteils
für ungehinderte weiße Rinwanderung. In Bondon erschien 1926 ein Buch, das dies brennende
Problem auf die knappe Formel bringt: „Australien — weiß oder gelb?“ (RR. Hennie.)
        <pb n="247" />
        HM. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES

43

1529
Stand vom Jahre 1529 nach den ersten großen Entdeckungen; gestrichelte Linie: Teilungslinie
zwischen spanischem und portugiesischem Besitz (1494)

1789
Stand vom Jahre 1783 (vor der Erhebung der Vereinigten, ätaaten).

1900
Stand vom Jahre 1900; schraifierte Gebiete: ursprüngliche europäische Kolonien, die sich später
selbständig gemacht haben. Kreuzschraffur: Inselgebiete,
203. Die Europäisierung der Erde. (Nach A. Supan.)
CR
        <pb n="248" />
        244

GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
asiens nach Griechenland hat einerseits den Tabakbau Kleinasiens außerordent-
lich belebt, andrerseits in Griechenland in kurzer Zeit eine blühende Teppich-
weberei entstehen lassen,

Neuerdings hat sich eine auffallend starke innereuropäische Wanderbewe-
gung von Italien, und zwar meist von den südlichen Teilen, nach Südfrank-
reich entwickelt, wo die italienischen Einwanderer als Bauern, also als echte
Landsiedler, sich festsetzen. In den beiden letzten Jahren dürften je gegen
100000 Italiener die französische Grenze als Einwanderer überschritten haben.

Wachstum der Bevölkerung. Natür-
liche Vermehrung, Zu- und Abwanderung
zusammengenommen, bedingen das mehr
oder minder große Bevölkerungswachs-
tum eines Staates, wobei aber der natür-
lichen Vermehrung die bei weitem größte
Bedeutung zukommt, was schon aus der
S.218 erwähnten Tatsache erhellt, daß
die Einwohnerzahl Europas in den letzten
100 und namentlich in den letzten 50
Jahren trotz gewaltiger Abwanderung über-
aus stark gestiegen ist. Es gehen eben
lie Zahlen des jährlichen Wachstums im
allgemeinen mit denen dee
Geburtenüberschusses parallel
Wo aber, wie in der Union,
in Kanada, Australien, in der
Südafrikanischen Union, starke
natürliche Vermehrung mit
starker Zuwanderung oder
geringer Abwanderung Zzu-
3ammenfällt, erscheinen die
günstigsten Zuwachszahlen.

Rasches Wachstum bedeu-
tet naturgemäß eine Stärkung
des betreffenden Staates, nicht
nur, weil damit seine Wehr-
kraft wächst, sondern auch,
weil immer mehr Kräfte für die wirtschaftliche Entfaltung sich dar-
bieten, was namentlich in dünnbevölkerten Ländern wie in Rußland,
in den jungen amerikanischen Staaten, in Australien von Wichtigkeit
ist. Andrerseits birgt geringes Wachstum oder gar Abnahme der
Bevölkerung für einen Staat stets eine Gefahr in sich. Allzu starke
Verdichtung der Bevölkerung führt allerdings wieder zu Nachteilen.
Die gewaltigen wirtschaftlichen Kämpfe (Streiks!) der Volksgenossen
untereinander und schwere politische Erschütterungen von innen heraus
sind Erscheinungen, die am häufigsten in mehr oder minder über-
völkerten Staaten auftreten.

Die Großmächte. Welche Bedeutung haben Flächengröße und
Volkszahl für die Stellung‘ eines Staates als Großmacht? Vor dem
Kriege pflegte man die in der folgenden Übersicht angeführten acht
Staaten als Großmächte zu betrachten:

{wo mit Els. Loth,
ohne»

a A
        <pb n="249" />
        N. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES

245
Die Tabelle zeigt zu-
nächst, daß die Flächen-
größe allein für die
Stellung eines Staa:
res als Großmacht
nicht maßgebend ist.
Zwar gehören sechs der
hier angeführten Mächte
der ersten Größenklasse
an, für Japan und Öster-
reich-Ungarn aber trifft
das nicht zu. Andrerseits
fehlen die meisten der
auf S. 232 angeführten großräumigen Staaten, und nicht einmal solch
gewaltige Gebilde wie China und Brasilien sind vertreten. — Von
größerer Bedeutung ist offenbar die Bevölkerungsmenge,
denn alle hier angeführten Staaten verfügen über eine ansehnliche Volks-
zahl, wenn auch im einzelnen die Unterschiede sehr groß sind. Italien
besitzt noch nicht den zehnten Teil der Bevölkerung des Britischen Welt-
reiches. Und doch fehlt in der Reihe China mit seiner gewaltigen
Volkszahl von 330 Millionen. Auch die Niederlande haben mit ihren
Kolonialländern mehr Einwohner als Italien. Aber es handelt sich
dabei zu sechs Siebentel um Kolonialbevölkerung. Es kommt eben nicht
nur auf die Zahl der Bevölkerung an, sondern auch auf deren Art.
Das sehen wir an China, das trotz seiner gewaltigen Fläche und seiner
riesigen Bevölkerungsmasse zur Zeit an politischem Gewicht nur einem euro-
päischen Mittelstaat vergleichbar ist. Das sehen wir an Indien, das sich trotz
derselben. Vorbedingungen im Zustand kolonialer Abhängigkeit befindet. Die
Gebundenheit beider Völker an einseitige religiöse und gesellschaftliche An-
schauungen (Kastenwesen), die Erstarrung ihrer einst hochentwickelten Kulturen,
endlich die äußerst geringe Volksbildung*!, das alles schafft eine gewisse Müdig-
keit und Schlaffheit des Volkes, eine Art Dämmerzustand der Volksseele, der
die Gesamtheit des Volkes nicht. zum Bewußtsein der tatsächlichen Stärke
kommen läßt (Wütschke). In diesem Sinne können wir von einem „Erwachen“
jener Völker reden, wenn wir an ihre jetzigen Bemühungen um die Reform des
sozialen Lebens und namentlich um die Hebung der Volksbildung hören.
Das führt uns zum Dritten, das die Großmacht bedingt: Es ist
der Wille eines Staates zur Macht. Dieser kommt in verschie-
dener Weise zum Ausdruck, so in der Schaffung einer großen Wehr-
macht — man denke an die Flotte Englands oder an die stehenden
Heere der alten europäischen Großmächte —, in der Steigerung der
wirtschaftlichen Leistungen, in der Förderung von Bodenbau, Industrie
und Handel, Technik und Wissenschaft, die alle mittelbar die Macht-
entfaltung eines Staates unterstützen, schließlich in einer zielbewußten
Politik, die dem Willen des Volkes einheitliche Richtung und große
Ziele gibt. Daher beruht auch die Stärke einer Großmacht auf sehr
verschiedenen Voraussetzungen: bei der einen auf Erzeugung und
Handel, bei der anderen auf rein militärischen Machtmitteln, bei der
dritten vielleicht auf den Bevölkerungsverhältnissen, der gesellschaft-

Tabelle IV
(Großmächte nach dem Stand von 1914).

Staat

1 Yon den Chinesen können 98%, von den Indern 93°%g nicht lesen und schreiben.
        <pb n="250" />
        246 GEOGRAPHIS"HE STAATENKUNDE
lichen Schichtung oder politischen Leitung (Kjellen). Wo aber einem
Staate der Wille zur Macht fehlt, da wird er trotz aller anderen Vor-
bedingungen nicht zur Großmacht aufsteigen.

Andrerseits verliert der Wille zur Macht seine Bedeutung, wenn ihm die
tatsächlichen Grundlagen fehlen. Die großserbischen und großpolnischen An-
sprüche zeigten zeitweise diese Art unbegründeten Machtwillens. Auch das
Bestreben Frankreichs, neben der Beherrschung und Durchdringung seiner weit-
schichtigen Kolonial- und Interessengebiete in Afrika, Vorderasien, Indien und
Südamerika gleichzeitig eine Hegemoniestellung in Europa einzunehmen, beruht
zweifellos auf einer Überschätzung seiner tatsächlichen Kräfte. Frankreich hat
schon mehrmals im Lauf der Geschichte sich in diesem. Zustand befunden,
wie das Scheitern des großangelegten nordamerikanischen Kolonialunternehmens
and der Zusammenbruch des Napoleonischen Reiches in Europa beweisen.

Die wichtigsten Grundlagen für die Durchsetzung des Willens zur
Macht sind aber doch die Größe des Volkes und als Voraussetzung
für diese die Größe des Landes und die seiner wirtschaftlichen Hilfs-
quellen. Land und Volk bieten die Mittel, um den vorhandenen
Willen zur Macht auch wirklich in die Tat umzusetzen. So kann
man also diejenigen Staaten als Großmächte bezeichnen, die den
Willen zu einer großen Machtentfaltung haben und auch
über die Mittel verfügen, diesen Willen durchzusetzen. Frei-
lich ist auch diese Begrenzung des Begriffes noch ungenau und schließt
allerlei Abstufungen in sich. Letzten Endes bilden die Großmächte
eine Gesellschaft von Staaten, die sich gegenseitig als solche aner-
kennen und miteinander verkehren, und die sich durch Einladung
zur Zusammenarbeit bei großen Unternehmungen zusammenfinden.

Daß Großmächte ebensosehr wie die Mittelmächte und Kleinstaaten
dem Wechsel der Zeiten unterworfen sind, beweist die Geschichte in
zahlreichen Beispielen und zeigt die Gegenwart.

Das Altertum und Mittelalter sah eine Reihe von Weltmächten, die den
jeweiligen gesamten Kulturkreis zu umfassen bestrebt waren, im allgemeinen
nacheinander entstehen und vergehen (Assyrien, Perserreich, Reich Alexanders
des Großen, Römisches Reich, Arabisches Kalifat, Reich Karls des Großen,
das deutsche Kaiserreich des Mittelalters). Mit dem Zeitalter der Entdeckungen,
das den europäischen Völkern Land in verschwenderischer Fülle zur Verfügung
stellt, weitet sich der europäische Ausbreitungsdrang und Machtwillen so ge-
waltig, daß von nun an mehrere Großmächte nebeneinander bestehen, von
denen aber immer wieder die eine oder andere verschwindet, um durch neue
Mächte abgelöst zu werden. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bilden
fünf Mächte „den europäischen Senat“, der sich in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts und um die Jahrhundertwende durch Aufnahme Italiens, der
Vereinigten Staaten und Japans zu einer Achterherrschaft der politischen Welt
erweitert. Aus diesem Achterkreis ist Rußland nach Verlust wirtschaftlich
wichtiger und dichtbevölkerter Landesteile und nach Auflösung der alten staat-
lichen Ordnung vorübergehend ausgeschieden. Auch Deutschland hat durch
die erzwungene Ablieferung seiner Kriegsflotte, die Auflösung seines stehenden
Heeres, den Verlust seiner Kolonien, die Folgen der Novemberrevolution
und durch die ihm auferlegten unerhört schweren Friedensbedingungen vor-
läufig die Stellung als Großmacht eingebüßt. Trotz allem aber besitzen beide
Staaten in der Größe und dem Reichtum des ihnen verbleibenden Landbesitzes,
in der Größe, und Deutschland namentlich auch in der Art seiner Bevölke-
rung und deren kulturellem Hochstand die Vorbedingungen, um künftig wieder
        <pb n="251" />
        I. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES 247
zu einem Großstaat aufzusteigen, sobald sich die Völker ihrer selbst und
der Werte, die in ihrem Boden liegen, wieder bewußt werden. Man hat sie
daher mit Recht als gehemmte Großmächte bezeichnet. In der gegen-
wärtigen Entwicklung Rußlands deuten bereits viele Anzeichen darauf hin, daß
es beginnt, diese Hemmungen wieder zu überwinden. — Anderseits nehmen
Frankreich und Italien, die auf der Seite der Sieger im Weltkriege standen,
gewiß den Titel weltwichtiger Großmächte für sich in Anspruch, und doch
sind sie das in Wirklichkeit nicht. Italiens Mangel an Kohle, die auch durch
den Ausbau, von Wasserkräften nicht ganz ersetzt werden kann, seine geringen
Vorräte an Eisen, der Bedarf an fremdem Getreide für seine verhältnismäßig
dichte Bevölkerung, für deren Überschuß nicht das genügende brauchbare
Kolonialland zur Verfügung steht, bedeuten ebenso viele Hemmungen seiner
Großmachtspolitik. Für Frankreich bildet neben anderen Sorgen die oben ge-
schilderte Bevölkerungsnot einen Schwächepunkt, der das immer wieder hervor-
tretende Bedürfnis nach Anlehnung an andere Mächte, den andauernden Ruf
nach „Sicherheit“ gegenüber der vermeintlichen deutschen Gefahr erklärt. In
die Reihe der Großmächte mit beschränkter Macht ist auch Japan ein-
zufügen, vielleicht nimmt es unter diesen die erste Stelle ein.

Japan hat durch Eindringen in das asiatische Festland einerseits, durch
Ausgreifen auf die Inseln des Großen Ozeans andrerseits ‚seinen Willen zur
Großmachtentwicklung bekundet. Im Weltkrieg am eigentlichen Kampf kaum
beteiligt, benutzte es die Zeit, da seinen großen Nebenbuhlern die Hände ge-
bunden waren, zur kräftigen Entwicklung seiner innerwirtschaftlichen Verhält-
nisse und seiner Außenhandelsbeziehungen, namentlich im Bereich des Großen
Ozeans. Hand’ in Hand damit ging der Ausbau seiner Land- und Seestreit-
kräfte. So erwuchs das Mikadoreich zu einer im Spiel der weltpolitischen
Kräfte stark ins Gewicht fallenden Großmacht, die den bekannten Anspruch
auf den „Raum für die künftigen hundert Millionen Einwohner“ mit Zähigkeit
behauptet. Allerdings vermag es hinsichtlich der Menge und Kulturhöhe seiner
Bewohner und hinsichtlich der Hilfsquellen seines Bodens den Vergleich mit
England und der Union nicht auszuhalten und dürfte dem vereinigten Macht-
willen dieser beiden kaum Widerstand zu bieten imstande sein, zumal durch
die Wiedererstarkung des russischen Nachbars der Grad der Sicherheit seiner
kontinentalen Rückendeckung von seinem Verhältnis zu diesem Nachbar abhängt.

Für immer dürfte die ehemalige Donaumonarchie durch ihren jetzigen
Zerfall aus der Reihe der Großmächte ausgeschieden sein.

So bleiben von den in Tab. IV, S. 245 genannten Staaten nur
zwei als wirkliche Großmächte der Gegenwart übrig, England und
die Vereinigten Staaten. England hat sich im Laufe des 19. Jahr-
hunderts zu einer Weltmacht im wahrsten Sinne des Wortes ent-
wickelt und im Weltkriege durch die Erlangung des Mandats über
Deutsch-Ostafrika und des Protektorats über die arabisch-mesopota-
mischen Länder seinem machtpolitischen Gebäude wichtige Schluß-
steine eingefügt. Das Britische Weltreich ist gegenwärtig in allen
Teilen der bekannten Erde und besonders auch an allen entscheidenden
Stellen durch eignen Besitz machtvoll vertreten. Es stellt räumlich
und machtpolitisch den Typ der reinen „planetarischen“ Großmacht
dar. Freilich ist, wie oben schon erörtert, aus dem ehemaligen
Kolonialreich im Laufe der Entwicklung etwas ganz anderes geworden,
eine Art Staatenbund, ein „British Commonwealth of Nations“. Dieses
neue Gebäude entbehrt trotz seiner äußerlich lockeren Form doch nicht
festester Stützen, die seinen Bestand voraussichtlich noch für lange
        <pb n="252" />
        248

GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
Zeit gewährleisten. Sie bestehen in dem Gefühl der Rassen-, Sprachen-
und Gesittungsgemeinschaft, das, abgesehen von Indien, alle großen
und wichtigen Teile des Weltreiches miteinander verbindet, in einer
Jahrhunderte zurückreichenden Tradition, die einen selbstbewußten
Nationalstolz nährt, und vor allem in dem Bedürfnis des gegenseitigen
Schutzes, den keiner der einzelnen Teile des Reiches zu entbehren
vermag. Die Voraussetzung für die Gewährung dieses gegenseitigen
Schutzes ist aber bei der ozeanischen Struktur des Britischen Im-
periums die Beherrschung des Meeres, sein wichtigstes Instrument
also die englische Kriegsflotte. Aber gerade in diesem wichtigen Punkte
hat sich seit dem Kriege eine wesentliche Änderung ‘vollzogen. Eng-
land hat die frühere absolute Überlegenheit zur See nicht erhalten
können, sondern mußte sie den Vereinigten Staaten gegenüber auf-
geben, indem es diesen im Washingtoner Abkommen die gleiche Stärke
der Kriegsflotte zugestehen mußte. Daraus geht hervor, daß die
Sicherheit des Britischen Weltreiches nicht mehr allein in diesem selbst
ruht, sondern daß sie mit bestimmt wird von dem Grade des guter
Einvernehmens mit dem angelsächsischen Reiche der Neuen Welt.
Wie ernst aber dieses die Bestimmungen des Washingtoner Abkommens
nimmt, hat erst jüngst sein Eingreifen in das Abenteuer des beab-
sichtigten englisch-französischen Militärbündnisses und seine Stellung
zu den gegenwärtigen Erörterungen der Abrüstung zur See mit ge-
nügender Deutlichkeit gezeigt.

In der Tat ist die Union auf dem Wege, Englands Raum- und
Machtbereich wesentlich einzuschränken. Sie hat nicht nur in ihrem,
ein politisches Programm bedeutenden Namen und in der sogenannten
Monroedoktrin (vgl. S. 260) ihre Besitzansprüche auf den ganzen ameri-
kanischen Kontinent angemeldet, sondern auch mit dem Erwerb der
Hawaii-Inseln und der Philippinen den Fuß in den Pazifischen Ozean
hinausgesetzt. Durch Einmischung in den europäischen Krieg hat sie
auch den Atlantischen Ozean schon überschritten, und das so erfolg-
reich, daß sie infolge ihrer unerschöpflichen natürlichen Hilfsquellen
in diesem Kriege zum Schlusse sogar den entscheidenden Einfluß aus-
geübt und die politische Führung an sich gerissen hat. Allerdings
scheint neuerdings die Politik der Vereinigten Staaten wieder das
Hauptgewicht auf die Verfolgung der alten, rein amerikanischen Ziele
zu legen und den Ausbau zu einer „westhemisphärischen Groß-
macht“ zu erstreben. Wie weit ihr das gegenüber Kanada und den
südamerikanischen Staaten gelingt, muß erst die Zeit lehren. Immer-
hin wäre es möglich, daß England dem amerikanischen Druck im Westen
weicht und sich auf die Festigung seines atlantisch-mittelmeerisch-
indischen Machtblocks beschränkt. Es wäre dann seiner Lage nach die
„mittlere Weltgroßmacht“, der man vielleicht Japan als ost-
hemisphärische Großmacht zur Seite stellen könnte.

Neben den gegenwärtigen Großmächten und denen, die sich als solche
fühlen, gibt es eine Reihe politischer Gebilde, die unverkennbar die Keime
künftiger Großmachtstellung in sich tragen. Es handelt sich vor allem um die
südhemisphärischen Länder Australien, die Südafrikanische Union und
die ABC-Staaten Südamerikas, besonders Argentinien. Große, landwirt-
schaftlich und zum Teil auch bergmännisch oder industriell stark entwicklungs
        <pb n="253" />
        Il. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES 249
fähige Landflächen und die schnell zunehmende Dichte der weißen Bevölkerung
bei entschiedener Zurückdrängung der farbigen Eingeborenen deuten auf. eine
machtpolitische Entwicklung hin, für deren Verlauf der Abschluß jener Staaten
gegen die nordhemisphärischen Großmächte durch das politisch unentwickelte
(s. u.), gleichsam als politische Sperrzone wirkende Tropengebiet fördernd ist.
Nur für Kanada, das sich im übrigen der gleichen günstigen Voraussetzungen
erfreut, fällt diese Sperrzone weg; es ist einer Beeinflussung durch die Union
unmittelbar ausgesetzt, die für England nicht ungefährlich ist und der es
namentlich durch seine kanadische Siedlungspolitik entgegenzuwirken sucht.

Ob die Entwicklung der südhemisphärischen Staaten tatsächlich
zur Großmachtstellung führen wird, hängt freilich davon ab, ob diese
den Widerstand der gegenwärtigen Großmächte überwinden werden,
die bei den ihnen innewohnenden imperialistischen Tendenzen den
Selbständigkeits- und Großmachtbestrebungen ihrer jetzigen Außen-
länder und wirtschaftlichen Interessengebiete mit allen Mitteln ent-
gegenarbeiten. Aber die volle Kraftentfaltung bei dieser Arbeit wird
dadurch behindert, daß auch die Großmächte unter sich im Verfolg
ihrer wirtschaftlichen und politischen Ziele sich gegenseitig vielfach
stören und hindern, daß ihre Pläne und Absichten sich kreuzen. Das
ganze Spiel der großen Politik vollzieht sich, einer nie endenden
Schachpartie vergleichbar, in Zug und Gegenzug, wobei der Erfolg
demjenigen Spieler, d. h. demjenigen leitenden Staatsmann zufällt,
der durch Klugheit und Willenskraft die unter den augenblicklich
gegebenen Verhältnissen sich ihm bietenden Vorteile am besten
auszunützen, die seinen Plänen entgegenstehenden Hindernisse am
geschicktesten zu umgehen oder zu beseitigen weiß.

DIE LAGE DER STAATEN

Lage zu den klimatischen Zonen. In dem Abschnitt über die
Bevölkerungsdichte sahen wir, daß die kalten Polarzonen und die ex-
trem trockenen Gebiete der subtropischen Zonen nur eine sehr dünne
und noch dazu nicht oder nur in geringerem Maße seßhafte Bevölke-
rung aufweisen. Da nun die Vorbedingung für einen Staat eine seß-
hafte Bevölkerung von einem gewissen Dichtegrad bildet, so haben
wir in diesen klimatischen Gürteln nur sehr wenige Staaten und nur
solche von geringerer Bedeutung. Die Antarktis ist unbewohnt und
damit staatenlos; im arktischen Gebiet finden wir deren nur vier:
Island, Norwegen, Schweden und Finnland. Dabei zeigt die Dichte-
zunahme ihrer Bevölkerung nach Süden hin und die Lage ihrer Haupt-
städte, daß auch das Schwergewicht dieser Staaten am Rande der
gemäßigten Zone gelegen ist. Ebenso ist die subtropische Zone,
soweit sie extrem trocken ist, der Staatenbildung ungünstig. Wir
finden im nördlichen subtropischen Trockengürtel weder in der Sahara
Afrikas noch in den Wüstenländern Vorder- und Innerasiens nennens-
werte moderne Staatenbildung. Damit soll nicht gesagt sein, daß die
Flächen der genannten Gürtel völlig unpolitische Räume seien; sie
sind vielmehr als Kolonialgebiete, „Außenländer‘“ oder Grenzräume,
sozusagen Anhängsel von Staaten in anderen Klimazonen.
Auch die reinen Tropenländer sind im allgemeinen staatenarm. Der
Urwald, die Hauptvegetationsform der Tropen, ist kulturfeindlich. Er
        <pb n="254" />
        250 GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
bietet der Ausbreitung des Menschen und damit erst recht einer staat-
lichen Organisation Hemmnisse. Wo wir aber in den Tropen selb-
ständige Staaten finden, man denke an Ecuador und Peru, da sind es
solche, die infolge ihrer Höhenlage kein eigentliches Tropen-
klima, sondern ein dem gemäßigten nahekommendes haben. Es ist
bezeichnend, daß in diesem Hochgebirgsklima des tropischen Amerika
schon vor der Einwanderung der Europäer sich hochentwickelte Staats-
wesen gebildet hatten: das Reich der Azteken in Mexiko und das der
Inka in Peru. Ein Gegenstück zu den tropischen Hochgebirgsstaaten
Amerikas bildet Abessinien in Afrika, ,

Diejenigen Teile der subtropischen Zonen, die durch größere Nieder-
schlagsmengen oder durch reichliche Bodenbewässerung klimatisch und
wirtschaftlich besser gestellt sind, lassen
das auch sofort durch größeren Reich-
tum an selbständigen Staaten erkennen.

Das gilt schon von dem südlichen
subtropischen Trockengürtel, in
dem infolge der Zuspitzung der Kon-
tinente nach Süden ein größerer ozeani-
scher Einfluß herrscht, so daß an Stelle
der nördlichen Wüsten hier große Step
pengebiete liegen, die bei sorgfältiger
Bearbeitung und namentlich bei künst
licher Bewässerung eine größere Ver
dichtung der Bevölkerung gestatten
Argentinien, Brasilien, Chile,- die Süd
afrikanische Union und der Staaten
bund von Australien sind schon be
deutsame politische Gebilde. Nocl
günstiger liegen die Verhältnisse ir
den Flußoasen und in den halb-
feuchten und feuchten Subtro-
pen.der nördlichen Halbkugel, in den
Mittelmeerländern und den Mon-
sungebieten. Hier war die Staaten:
bildung schon im Altertum zu hoher Entwicklungsstufe gelangt, und
hier finden wir in Babylonien, Ägypten, China, Griechenland und Italien
die ältesten Staaten überhaupt. Hier liegen aber auch in der Gegen-
wart neben zahlreichen mittleren und kleinen Staaten große Staaten
und Großmächte, wie Italien, China und Japan. Auch die Vereinigten
Staaten gehören mit beträchtlichen Gebieten dieser Breitenlage an.

Die übrigen fünf Großstaaten der Tabelle IV, 5. 245 und
die meisten Staaten überhaupt liegen in der gemäßigten
Zone. Europa als der seinem Klima nach „gemäßigte“ Erdteil hat
seit dem Altertum immer die meisten selbständigen Staaten gehabt.
Die Ursache liegt in den günstigen Daseinsbedingungen, die gerade
diese Zone dem Menschen bietet. Nicht nur birgt sie die meisten der
großen Getreideländer, der wichtigen Kornkammern der Erde, sondern
ihr Klima ist auch der Kulturentwicklung besonders günstig. Dazu
        <pb n="255" />
        N. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES 251
kommt, daß eine Laune der Natur gerade in diesen Ländern auch
die größten Kohlenfelder und Eisenerzlager der Erde, die mächtigsten
Hebel wirtschaftlicher Entwicklung, angehäuft hat.

Zusammenfassend können wir sagen: die polaren Zonen, die
zsubtropischen Trockenländer und die Tropen sind die
staatenarmen, die feuchten Subtropen und die gemäßigten
Zonen die staatenreichen Gebiete der Erde. In den drei erst-
genannten Zonen finden wir nur Staaten von geringer politischer Be-
deutung und Ansätze zu solchen (Negerstaaten Mittelafrikas, Nomaden-
staaten Zentral- und Vorderasiens) in Vorzugsräumen, wie sie in
den Tropen ausgedehnte Hochflächen, in den Trockenräumen umfang-
reiche Oasen, besonders Flußniederungen, darstellen.

Lage der Staaten zum Meere. Hinsichtlich der Lage zum Meere
kann man zwei Hauptformen von Staaten unterscheiden: Seestaaten
und Binnenlandstaaten,
azeanische und kontinen-
tale. Reine Binnenlandstaaten
sind wegen der Vorteile, die das
Meer namentlich in wirtschaft-
licher, aber auch in militärischer
Beziehung bietet, selten. Der
Drang zum Meere ist allen
Staaten eigen. Ebenso selten
sind aber wegen der geringen
Ausdehnungsmöglichkeitsolcher
politischer Gebilde reine See:
staaten, d. h. rings vom Meere
umgebene, also insulare Staa-
ten. Sie streben aus ihrer in-
sularen Enge heraus. Am häu-
figsten treffen wir auf eine
Zwischenform, d. h. auf solche
Staaten, die sowohl eine See-
wie eine Landgrenze haben,
die also an den Rändern der

Kontinente liegen und daher am besten als Randstaaten bezeichnet
werden können.

Ob ein solcher Staat dann mehr der kontinentalen oder mehr der
ozeanischen Gattung zuneigt, hängt zunächst vom Größenverhältnis
der Seegrenze zur Landgrenze ab.

Die Seegrenze Griechenlands (vor 1914) ist mehr als dreizehnmal, die-
jenige Norwegens mehr als zehnmal so lang wie die Festlandsgrenze dieser
Länder, dagegen ist Deutschlands alte Landgrenze doppelt so groß, die der
ehemaligen Donaumonarchie dreimal und die Altrumäniens zehnmal so
zroß wie die zugehörige Seegrenze. Die Randstaaten der ersten Gruppe sind
mehr ozeanischer, die der zweiten mehr kontinentaler Natur.

Von entscheidender Bedeutung ist auch die Beschaffenheit der
begrenzenden Seeküste. Wenn eine Küste so stark gegliedert ist,
mit so viel Buchten tief in das Land eingreift wie die norwegische,

Dr
        <pb n="256" />
        252 GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
hat sie eine ganz andere Wirkung auf die wirtschaftliche und poli-
tische Entwicklung eines Staates als z. B. die im wesentlichen glatt
verlaufende Küste Portugals oder Brasiliens. Eine stark geglie-
derte Küste betont den ozeanischen Charakter eines Landes
stärker als eine glatte.

Die skandinavische Westküste weist Norwegen um so mehr auf die See
hinaus, als der schmale ozeanische Siedlungsstreifen vom Hinterland durch ein
anwirtliches, dem Bodenbau und dem Verkehr die größten Hindernisse ent-
zegensetzendes Hochgebirgsland getrennt ist.

Weiter ist es nicht gleichgültig, an welche Art Meer ein
Staat grenzt.

Rußland grenzt an vier Meere, und seine Seegrenze ist etwa doppelt so
lang wie seine Landgrenze, und doch ist es ein Kontinentalstaat reinster Form.
Denn drei der begrenzenden Meere sind abgeschlossene Binnenmeere, und das
vierfe spielt wegen seiner polaren Lage für die Schiffahrt keine Rolle. Wie
ganz anders liegen die Verhältnisse bei England und den Vereinigten Staaten.
an deren Küsten die Wellen des offenen, verkehrsreichen Atlantischen Ozeans
schlagen. Selbst Deutschland hat vermöge seines kleinen Anteils an der Nord-
see und damit am Atlantischen Meere einen stärker. ausgeprägten ozeanischen
Charakter als seine osteuropäischen Nachbarn. Nach dem gleichen Gesetz ist
Norwegen, auch abgesehen von seiner entwickelten Küste, wegen seiner Lage
am freien Weltmeer ein ozeanischer, das der Ostsee, also dem Binnenmeer zu-
gekehrte Schweden ein mehr kontinentaler Staat. Und für Deutschlands See-
geltung bedeutet die kurze Nordseeküste weit mehr als die doppelt so lange
Ostseeküste.

Die ozeanische Wirkung der Meereslage wird vermindert,
wenn das Gegengestade zu nahe liegt.

Dänemarks Inseln sind nur. durch schmale Meeresarme voneinander und
von den benachbarten Festlandsmassen getrennt, jene wirken so mehr als Flüsse
denn als Meeresteile. Nicht nur das Auge empfindet diesen Staat auf der Karte
fast als ein zusammenhängendes Festlandsstück, er ist auch in der Tat seinem
Klima und seiner zum allergrößten Teil Landwirtschaft treibenden Bevölkerung
nach, trotzdem seine Seeküste reichlich elfmal so lang ist wie die Landgrenze,
mehr ein kontinentaler Staat. — Wie England im Mittelalter, so griff Japan
in der Gegenwart über einen schmalen Meeresarm auf das nahe gelegene Fest-
land über, beide erhielten dadurch in ihrem Staatsleben einen kontinentalen
Zug, der freilich nicht von entscheidender Bedeutung werden konnte, da sie
mit dem anderen Gesicht ihres Januskopfes in das freie große Weltmeer schauen.
Immerhin hat England durch seine mittel-
bare oder unmittelbare Beteiligung an allen
großen europäischen Kriegen seine fest
ländischen Interessen bezeugt.

Meerengen und Landengen. Von
besonderer Bedeutung ist die Lage
eines Staates an solchen Stellen der
Landoberfläche, durch die die natür-
lichen Verbindungsstraßen zwischen
wichtigen Meeren oder Meeresteilen füh-
ren,an Meerengen und Landengen.

Dänemarks Lage am Ausgangstor der
Ostsee ermöglichte dem kleinen Staate
        <pb n="257" />
        Il. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES 253
zuzeiten hohe politische Machtentfaltung. — Das zähe Ringen der Türkei
um den Besitz des Bosporus und der Dardanellen hat seine Ursache in der
machtpolitischen Bedeutung dieses Besitzes. — Spanien würde im Rate der
Völker ein viel stärkeres Gewicht haben, wenn es die Macht zur Beherrschung
der Straße von Gibraltar aufzubringen vermöchte,. — England hat seine 0zea-
nische Stellung und zugleich seine politische Macht wesentlich verstärkt, indem
es nicht nur die Straße von Calais, sondern auch viele andere, für die Siche-
rung seines in aller Welt liegenden Besitzes wichtige Meeresstraßen unter seine
Herrschaft brachte. (Vgl. auch S. 205£ u. 269.)

Der Besitz wichtiger Landengen ist für einen Staat dadurch
vorteilhaft, daß er nicht nur den Landverkehr über diese hinweg über-
wachen kann, sondern auch die Möglichkeit hat, künstliche Wasser-
straßen von weittragender Bedeutung zu schaffen und zu kontrollieren.

Es ist bezeichnend, daß auf die beiden wichtigsten Landengen der Erde,
auf die von Sues und die von Panama, die beiden derzeit mächtigsten
Staaten der Welt die Hand gelegt haben. England eroberte, um den Suesweg
zu beherrschen, Ägypten; die Union erwarb von der unter ihrer Mithilfe erst
entstandenen kleinen Republik Panama die sogenannte „Kanalzone“, die es
durch die allmähliche politische Einkreisung des amerikanischen Mittelmeeres
immer mehr zu sichern sucht.

Auch wo diese Isthmuslage nicht so ausgeprägt vorhanden, ist
die Lage an zwei gegenüberliegenden Meeren namentlich in wirt-
schaftlicher Hinsicht vorteilhaft. Man denke an die Lage Frankreichs
zwischen Atlantischem Ozean und Mittelmeer oder an die der Union,
der Mittelamerikanischen Staaten und Kolumbiens zwischen Atlan-
tischem und Pazifischem Ozean.

Die Lage der Staaten zu anderen Staaten (politische Lage).
Je mehr Nachbarn ein Staat hat, desto größerer Gefahr ist er aus-
gesetzt, solange nicht ein ewiger Völkerfriede diese beseitigt. Staaten
von mehr oder weniger kontinentalem Charakter sind demnach in der
Regel in ungünstigerer Lage als Seestaaten. Freilich kommt es dabei
nicht allein auf die Zahl, sondern auch auf die Größe und die Macht-
mittel der Nachbarstaaten an. Außerdem bestimmen Rassenfragen
und wirtschaftliche Interessen, ob das gegenseitige Verhältnis ein mehr
freundschaftliches oder feindliches ist.

Die Schweiz, Deutschland und Bolivien sind nachbarreiche Staaten, die
Inselstaaten England und Japan haben überhaupt keine unmittelbaren Nach-
barn. Unter Umständen kann Nachbarreichtum ein Schutz sein, indem der
eine Staat darüber wacht, daß der andere den dazwischenliegenden Staat nicht
schädigt. Unter solchem Schutz steht die Schweiz zwischen ihren vielen mäch-
tigen Anliegern, stand bisher Afghanistan zwischen Rußland und England.
Wenn allerdings sich die Nachbarn zur Vernichtung des eingeschlossenen
Staates verbinden, wächst die Gefahr im. Verhältnis zur Zahl der Nachbarn.
So erlag das alte Polen dem Druck dreier benachbarter Großmächte, so Deutsch-
Jand der Einkreisungspolitik seiner Feinde, so drohte Persien eine Zeitlang
die Aufteilung zwischen England und Rußland (englisch-russischer Teilungs-
vertrag von 1907 !}.

Nachbarreiche Staaten stehen gleichsam unter einem dauernden
Druck, und es kommt darauf an, ob sie diesem einen genügenden
Gegendruck entgegensetzen können. Man hat versucht, diesen Zustand
in einem einfachen mathematischen Verhältnis auszudrücken, indem
        <pb n="258" />
        254 GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
man die Summe der Einwohnerzahlen der Nachbarn eines Staates durch
die eigene Einwohnerzahl des Staates teilte.

Der so berechnete „Druckquotient“ betrug vor dem Kriege z. B. bei Groß-
britannien 0, bei den Vereinigten Staaten 0,2, bei Deutschland aber 4,4, bei
dem ehemaligen Österreich-Ungarn 5,7, bei Belgien 14,8, bei Schweden und Ru-
mänien 30,8 und bei der Schweiz 50,9. Natürlich bilden diese für die Vorkriegs-
zeit geltenden Zahlen nur einen ungefähren Ausdruck für die politische Lage
eines Landes, da die Art und Leistungsfähigkeit der Bevölkerung auf beiden
Seiten dabei nicht in Rechnung gezogen ist. Aber doch beruht schließlich
die Größe des Gegendrucks, den ein Staat auszuüben vermag, auf der Größe
seiner Bevölkerung, wiederum ein Hinweis darauf, wie wichtig für ein Land die
Erhaltung eines kräftigen natürlichen Zuwachses ist.

Rückseite und Stirnseite eines Staates. Diejenigen Stellen der
Grenzen eines Staates, an denen er sich mit einem besonders großen
oder mächtigen oder ihm feindselig gesinnten Nachbar berührt, sind
vor allem bedroht. Dorthin muß er sein Hauptaugenmerk richten,
nach dieser Seite hin liegt seine Stirnseite. Im Gegensatz dazu ist
die Seite, von der ihm keine oder nur geringe Gefahr droht, seine
Rückseite. Naturgemäß ist dies gewöhnlich ein Abschnitt mit guten
natürlichen Grenzen. Änderungen in der weltpolitischen Lage können
aber auch einen zeitweiligen Wechsel von Rück- und Stirnseite zur
Folge haben.

Die Rückseite des Russischen Reiches bildet seine lange Eismeerküste, seine
Stirnseite in Asien liegt im Süden und ist gegen England und Japan gerichtet.
Die Stirnseite des Europäischen Rußland war im Verlauf der Geschichte bald
lie Westseite, bald die
Südseite.—Ein Haupt-
ziel der Bismarckschen
Außenpolitik bestand
darin, . Deutschland
durch ein gutes Ver-
hältnis zu Rußland
eine Rückendeckung
zu schaffen für den
Fall eines Angriffes
von der bedrohten
Westseite her. Als
dieses Ziel von seinen
Nachfolgernaußer acht
gelassen wurde, ent-
stand uns auch in deı
Ostgrenze eine Stirn-
seite (s. u.). — Im all-
gemeinen bildet für
Randstaaten das Meeı
die Rückendeckung.

Portugals, Chiles und
Norwegens politische
Stirnseite liegt im
Osten, die Mexikos
im Norden. England
und Japan hatten eine
gute Rückendeckung

208. Die Zwischenlage der Mittelmächte 1914.
        <pb n="259" />
        ]I. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES 255
im freien Ozean, solange die Vereinigten Staaten noch nicht Großmacht waren.
Jetzt müssen sie gegebenenfalls auch mit einer Gefahr von der See her rechnen.
Japan könnte mit Aussicht auf Erfolg sich nur in eine Auseinandersetzung mit Eng-
land oder den Vereinigten Staaten einlassen, wenn es in einem schwachen oder
befreundeten Rußland die Sicherung einer kontinentalen Rückendeckung besäße.

Besonders ungünstig wird die Lage eines Staates, wenn er sich an
zwei oder mehr Seiten unmittelbar mit gefährlichen Nachbarn berührt.
In dieser politischen Zwischenlage oder Mittellage befindet sich
Deutschland und befand sich Österreich-Ungarn. Beider Bezeichnung
als „Mittelmächte“ kennzeichnet diese übereinstimmende Ungunst
ihrer Lage. Sie machte sie im Weltkriege zu natürlichen Bundesgenossen.
Aber auch sonst kommt die Zwischenlage vor. Eine solche hat die
Schweiz, hat Schweden zwischen Norwegen und Rußland, hat Persien
zwischen der Türkei, Rußland und Indien und Afghanistan zwischen
russischen und englischen Einflußgebieten.,

Lage und Politik. Es wurde schon gelegentlich darauf hingewiesen,
wie die geographische und politische Lage eines Staates vielfach
seine politischen Handlungen und Ansprüche beeinflußt. Hier seien
noch einige besonders lehrreiche Beispiele angeführt. Rußlands
Politik ist seit Jahrhunderten gekennzeichnet durch das Streben nach
dem Besitz eisfreier Küsten am Ozean. Den „Drang nach dem warmen
Meere“ hat es bereits nach vier Fronten hin betätigt, nach dem Atlan-
tischen Ozean im Nordwesten, nach dem Stillen im Osten, nach dem In-
dischen im Süden, am stärksten aber in der Richtung auf das Mittelmeer.
Hat es doch gegen die Türkei im Verlaufe von zwei Jahrhunderten
nicht weniger als acht Kriege um den Besitz des Bosporus und der
Dardanellen geführt. — Serbien und Montenegro sahen immer ein
Hauptziel ihrer Politik in der Erreichung eines Zuganges zur Adria.
Serbiens Ausdehnungsbestrebungen gingen gleichzeitig in der Rich-
tung auf das Ägäische Meer. — Der Anspruch Polens auf ein
Stück Meeresküste bedeutete für uns den Verlust der Provinz West-
preußen. — Die ersten Jahrzehnte der Politik der Vereinigten
Staaten zeigen deutlich als Hauptziel die möglichst rasche Kır-
reichung der pazifischen Gegenküste. — Das Wesen der Bismarck-
schen Außenpolitik bestand in dem Bestreben, durch gute Be-
ziehungen zu Rußland die Gefahr der östlichen Stirnseite zu vermin-
dern, das der nachbismarckischen Politik in dem Versuch, durch
Öffnung und Sicherung eines Ausgangs in südöstlicher Richtung sich
der ungünstigen Zentrallage möglichst zu entziehen. — Die Haupt-
sorge Englands war immer, sich von dem Druck der benachbarten
europäischen Kontinentalmächte zu befreien, indem es diese gegen-
einander ausspielte und möglichst keinen von ihnen zu einer aus-
gesprochenen Hegemonie kommen ließ. Und wenn es heute das Be-
streben Frankreichs, eine europäische Vormachtstellung zu erringen,
offenbar begünstigt, so geschieht das wohl, um im freundschaftlichen
Verhältnis zu Frankreich einen Bundesgenossen, eine Rückendeckung
für den Fall einer von Westen her drohenden Gefahr zu haben.

Die Rücksichtnahme auf die geographische Lage übt auch ihren
Einfluß auf den Staatshaushalt aus. Das Meer ist zwar, wie wir sahen,
        <pb n="260" />
        256 GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
kein absoluter Schutz, aber es ist dem reinen Inselstaate möglich, seine
ganze wirtschaftliche und finanzielle Kraft auf die Schaffung einer
großen Flotte zu vereinigen. In dieser glücklichen Lage war Eng-
land bis zum Weltkriege. Seine Eingeborenenkolonien konnten bis-
her immer mit einem Söldnerheer in Schach gehalten werden. Erst
als die Briten tiefer, als sie wohl geglaubt hatten, in den Weltkrieg
verstrickt wurden, mußten sie ein Landherr schaffen und vorüber-
gehend zur Wehrpflicht ihre Zuflucht nehmen. Auch Japan bezeugte
den Anfang seiner kontinentalen Politik durch Einrichtung der all-
gemeinen Wehrpflicht i. J. 1889. Demgegenüber mußte Deutschland
von dem Augenblick an, in dem es seine Randlage zur Beteiligung
am Weltverkehr und an der Weltpolitik ausnutzen wollte, unter Bei-
behaltung des Landheeres auf Schaffung einer tüchtigen Flotte bedacht
sein; wodurch seine Rüstungskosten eine ungeheure Steigerung erfuhren.
— Schließlich läuft alles darauf hinaus, ob ein Land imstande ist, die
Ungunst seiner Lage durch die Summe der geistigen und materiellen
Kräfte seines Volkes und seines Bodens wieder wettzumachen.
II. DIE INNEREN MERKMALE DES STAATES

Neben den erörterten äußeren Merkmalen der Staaten spielen in
seinem politischen Leben auch die inneren Eigenschaften eine
große Rolle, indem sie je nach ihrer Art bald die einigenden, zusam-
menhaltenden, bald aber die auseinanderstrebenden Kräfte des Staates
fördern. Als die inneren Merkmale hatten wir oben die physi-
kalischen, auf der Natur des Landes beruhenden, die völkischen
und die wirtschaftlichen Verhältnisse genannt.
STAAT UND NATÜRLICHE LANDSCHAFT

Natürliche Landschaften. Bei der geographischen Betrachtung
eines Staates suchen wir ein Bild von seiner inneren Gliederung zu
gewinnen durch Einteilung seines Raumes in natürliche Land-
schaften. Eine solche ist gekennzeichnet durch eine gewisse Einheit-
‚ichkeit im geologischen Aufbau des Bodens, in den Geländeformen, in
der Art und Richtung der Wasserläufe, in den klimatischen Verhältnissen,
in den Haupterscheinungsformen des Pflanzenkleides und der Tierwelt.
Namentlich ist die Einheit der Geländeformen und des Klimas
wichtig für die Aussonderung der natürlichen Landschaften.

Gleichartige und ungleichartige physikalische Verhältnisse eines
Staates. Bildet ein Staat eine einzige natürliche Landschaft, so ist
ar ein physikalisch gleichartiger. Solche sind in ganz reiner Ausbildung
nicht vorhanden, Aber doch gibt es Staaten, die in der Hauptsache
einer natürlichen Landschaft angehören.

So sind Rußland und die Niederlande im ganzen genommen Tiefland-
staaten, Norwegen aber, die Schweiz, Chile, Österreich Gebirgsstaaten.
Freilich entbehren auch sie nicht ganz der physikalischen Gliederung. Die Schweiz
zerlegt sich z. B. leicht in das Alpenland, die Schweizer Hochfläche und den
Jura; Rußland gliedert sich nach klimatischen und pflanzengeographischen
Gesichtspunkten in die bekannten fünf, im allgemeinen ostwestlich verlaufen-
den Gürtel.
        <pb n="261" />
        I. DIE INNEREN MERKMALE DES STAATES 257
Viel häufiger sind die Fälle, in denen sich zwei oder mehrere
natürliche Landschaften innerhalb der Grenzen eines Staates
deutlich aussondern lassen.

[talien wird zusammengesetzt aus dem nördlichen Tiefland mit mittel-
zuropäischen Klimaverhältnissen und dem gebirgigen Halbinsel-Italien mit
mittelmeerischem Klima. Ebenso zerfallen Rumänien und die meisten andinen
Staaten Südamerikas in einen Gebirgs- und einen Tieflandsteil.

Wo sich das Gebiet eines Staates deutlich in mehrere natürliche
Landschaften zerlegt, kann deren Lage zueinander wieder eine recht
verschiedene sein. Nicht selten sind sie streifenförmig angeordnet.
So teilt sich die Union in mehrere nordsüdlich gerichtete Längsstreifen:
das östliche Appalachische Gebirgsland, die Mississippi-Tiefebene, die
Prärietafel und das Felsengebirge. Das in der Mitte gelegene Missis-
sippi-Tiefland liegt am niedrigsten, das Ganze bildet eine Mulde. Eine
ähnliche Streifung in südwestlich-nordöstlicher Richtung bei ebenfalls
muldenförmiger Anordnung läßt die Schweiz erkennen. — Bulgarien,
dessen natürliche Landschaftsstreifen ostwestlich gerichtet sind, zeigt
den höchstgelegenen Teil, den Balkan, in der Mitte, während die
Bulgarische Platte im Norden und Ostrumelien (Maritzatiefland) im
Süden tiefer liegen. Der Staat hat also im ganzen einen dachförmigen
Aufbau. — In Deutschland wiederum fallen die Streifen des Alpen-
landes, des Mittelgebirges und des nördlichen Tieflandes stufenförmig
von Süden nach Norden ab. — Der streifenförmigen steht eine haufen-
förmige Anordnung der natürlichen Landschaften gegenüber. Solche
finden wir beispielsweise in Frankreich, in Spanien, in Griechenland,
im alten Österreich. In Spanien gruppieren sich die Randlandschaften
kranzförmig um die beiden zentralen Hochflächen von Alt- und Neu-
kastilien, in Griechenland und Österreich liegen die Einzellandschaften
ohne strengere Gesetzmäßigkeit nebeneinander. Das gilt auch von den
zahlreichen natürlichen Landschaften, in die der deutsche Mittelgebirgs-
streifen wieder zerfällt.

Die politische Bedeutung‘ der natürlichen Gliederung eines
Staates. Diese hat man früher vielfach überschätzt, indem man meinte,
daß weiträumige Staaten nur in einheitlichen natürlichen Landschaften,
besonders Tiefländern, entstünden, während die vielfache Gliederung
eines Landgebietes in verschiedene natürliche Landschaften die einzige
Ursache der Kleinstaaterei sei. Das moderne Rußland und das alte
Griechenland wurden gewöhnlich als Beispiele angeführt. Daß diese
Annahme nicht richtig ist, beweist die Tatsache, daß wir gerade in
großen Staaten selten physikalische Einheit finden, diese vielmehr sich
meist aus verschiedenen natürlichen Landschaften zusammensetzen,
wie die Vereinigten Staaten, China, Deutschland und Frankreich das
zur Genüge dartun. Man weiß heute, daß auch geschichtliche Er-
eignisse, völkische und wirtschaftliche Tatsachen das Werden, Wachsen
und Vergehen der Staaten in hohem Maße bedingen, und die Neu-
ordnung der politischen Verhältnisse Europas durch die verschiedenen
Friedensverträge gibt dafür eindringliche Belege. Andrerseits kann
nicht geleugnet werden, daß starke landschaftliche Gliederung auch
wirtschaftliche Unterschiede der einzelnen Landschaften bedingt, damit

Reinhard, Erdkunde.
        <pb n="262" />
        258 GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE \
wieder die Ausbildung und Betonung von Stammeseigenarten fördert
und somit auseinanderwirkende Kräfte begünstigt. Es ist vielleicht
doch kein Zufall, daß im Norddeutschen Tiefland schon in früheren
Zeiten größere Staaten zur Entwicklung kamen und daß die neuzeit-
liche deutsche Einigung von dort ausging, während sich anderseits
die Kleinstaaterei doch am längsten in dem landschaftlich zerrissenen
deutschen Mittelgebirgsland erhielt.

Ganz besonders kommen die Wirkungen gesonderter natürlicher Landschaften
dann zur Geltung, wenn sich diese nicht gut in die Umrisse eines Staates
sinfügen, sondern mehr als eine ..Art Anhängsel abseits liegen. So vermochten
das mittelalterliche Deutschland und das neuzeitliche Österreich ihre Besitzungen
in Oberitalien trotz aller Anstrengungen auf die Dauer nicht festzuhalten, ebenso
konnte Galizien im Weltkriege nur mit den größten Anstrengungen verteidigt
werden. Finnland hat von allen Teilen des zarischen Rußlands der völligen An-
zliederung am längsten und erfolgreichsten widerstanden. — Umgekehrt können
gesonderte natürliche Landschaften durch natürliche und künstliche Mittel mit-
einander verbunden sein. So band die Donau die Einzellandschaften der alten
„Donaumonarchie“ aneinander. Dieselbe Wirkung übt auch ein gut ausgebautes
Bahnnetz aus. (Vgl. S. 271.)

Wenn natürliche Landschaften verschiedener Ausprägung von dem
sie beherrschenden Staat politisch fest zusammengehalten werden, so
bedeutet der Unterschied dieser Landschaften für das Staatsganze einen
Vorteil. Denn nicht nur ergänzen sich in zweckmäßiger Weise die
verschieden gearteten Erzeugnisse dieser Landschaften, sondern auch
ihre verschieden gearteten und beanlagten Bewohner. Man denke,
um nur das nächstliegende Beispiel zu nennen, an die deutschen Mittel-
gebirgslandschaften mit ihren Bodenschätzen und ihrer industriellen
Entwicklung und das Norddeutsche Tiefland mit seiner starken agra-
rischen Einstellung oder an die verschiedene Rolle, die im Geistes-
leben und in der politischen Entwicklung der neueren deutschen Ge}
schichte oberdeutsche und niederdeutsche Stämme gespielt haben.

STAAT UND VOLK .

Von den beiden Hauptbestandteilen des Staates — Land und. Volk —
haben wir bisher in der Hauptsache das Land betrachtet, das Volk nur
in bezug auf seine Größe. Fast noch bedeutsamer aber als die Größe
ist die Art und Zusammensetzung der Bevölkerung eines Staates für
dessen politisches Leben.

Der Begriff „Nation“. Für das Wort Volk setzt man bei poli-
tischen Erörterungen oft die Bezeichnung „Nation“. Ähnlich wie der
Name „Großmacht“ wird auch der Ausdruck. „Nation“ häufig gebraucht,
ohne daß man sich bewußt ist, wie schwierig der Inhalt dieses Be-
griffes zu bestimmen ist. Früher sah man die Gemeinsamkeit
der Abstammung als das Wesentliche der Nation an. Aber eine
solche ist fast bei keiner Nation vorhanden, da fast alle sich ursprüng-
lich aus verschiedenartigen Bestandteilen gebildet haben.

So sind in der deutschen Nation beispielsweise germanische, slawische,
keltische und vielleicht sogar noch frühere Bestandteile gemischt, was auch in
der verschiedenen Haar- und Augenfarbe und in manchen anderen körperlichen
and geistigen Verschiedenheiten zum Ausdruck kommt. Die Stammeseigenheiten
        <pb n="263" />
        II. DIE INNEREN MERKMALE DES STAATES 259
der einzelnen deutschen Stämme beruhen zum Teil darauf. So müssen wir auch
heute wenigstens die weiße Bevölkerung der Vereinigten Staaten als eine Nation
anerkennen, obgleich diese „Yankeenation“ erst in unserer Zeit aus den Nach-
kommen der verschiedensten europäischen Völker in dem „Schmelztiegel“ der
Union zu einer einheitlichen Masse zusammengewachsen ist. — Andrerseits
müßte die Bevölkerung Deutschlands, der Niederlande und Englands eine
gemeinsame Nation bilden, denn sie ist in ihren Hauptbestandteilen derselben
Abstammung.

Auch die Einheit der Religion oder Konfession macht das Wesen
der Nation nicht aus, denn wir finden in vielen Nationen verschiedene
Glaubensbekenntnisse vertreten. Die religiösen Verhältnisse vermögen
zwar sowohl in trennendem als auch in einigendem Sinne innerhalb
einer Nation zu wirken, aber ausschlaggebend sind sie nicht.

Selbst ein dreißigjähriger Religionskrieg vermochte die Einheit der deutschen

Nation nicht zu zerreißen, wenn auch deren politisches Leben bis zum heutigen
Tage durch den Gegensatz evangeli-
scher und katholischer Weltanschau-
ung manche unerwünschte Belastung
erfährt. Andrerseits war der fast im
gesamten Gebiet der Donaumonarchie
herrschende Katholizismus nicht im-
stande, den verderblichen Völker-
zwist dieses Staates zu unterbinden.
Daß aber die Religion in anderen
Fällen die wirksamste Grundlage na-
tionaler Bindung sein kann, zeigt uns
vor allem das Beispiel alter und ge-
genwärtiger islamitischer Staaten.

Von weitaus größerer Be-
deutung als die Religion er-
scheint für den inneren Zu-
sammenhalt einer Nation
die Gemeinsamkeit der Spra-
che zu sein; denn gleiche Spr&amp;-
che fördert gleiches Denken und
damit auch gleiches Wollen und Handeln. Es gibt infolgedessen auch
heute Politiker, die in der gemeinsamen Sprache geradezu das Wesen
der Nation erblicken. In der Tat finden wir bei fast allen Nationen
eine Einheit der Sprache, oder, wo sie noch nicht vorhanden, bewußt
oder unbewußt das Streben danach.

Die gemeinsame englische Sprache war und ist z, B. das wichtigste Mittel
zur Zusammenschweißung der jungen amerikanischen Union und das festeste
Band, das die über den ganzen Erdball verstreuten Teile des Britischen Welt-
reichs umschlingt.

Und doch ist auch die gemeinsame Sprache noch nicht der Kern
im Wesen der Nation. Dieser scheint vielmehr zu liegen in der ge-
schichtlich erwachsenen geistigen Gemeinschaft und in dem
alle Volksteile durchdringenden Bewußtsein von dieser, das
wieder das Gefühl der Zusammengehörigkeit und den festen

Willen des Zusammenhaltens auslöst. Gemeinsamer Wohnsitz,
gemeinsame oder ähnliche Blutmischung, gemeinsame Sprache, gemein-
FE

m
        <pb n="264" />
        260 GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
sames geistiges Leben, gemeinsamer Staatsverband — alles das können
wichtige und wesentliche Merkmale einer Nation sein, ohne daß jede Nation
zie alle zusammen besitzen müßte, um eine Nation zu sein. (F. Meinecke.)

Soweit sich das Zusammengehörigkeitsgefühl der Nation auf ihren Wohn-
raum bezieht, den das Volk als gemeinsamen unveräußerlichen Besitz empfindet,
kommt diese Empfindung am stärksten zum Ausdruck in der Vaterlands-
liebe, In manchen Fällen wird die Einheit und Tatkraft einer Nation noch
gefördert und angestachelt durch eine bestimmte nationale Idee, ein großes
politisches Ziel, das, in eine geschickte Form gekleidet, sozusagen ein poli-
tisches Schlagwort oder Feldgeschrei abgibt. Ein solches ist z. B. die sogenannte
„Monroedoktrin‘“ der Amerikaner, jener Ausspruch des Präsidenten James
Monroe (1817—1825), der in den Worten: „Amerika den Amerikanern“ sich
jede Einmischung europäischer Staaten in amerikanische Angelegenheiten ver-
bittet und zugleich für «die Union die Stellung eines Schutzherrn auch über
die mittel- und südamerikanischen Staaten beansprucht. — Hierher gehört auch
die alle Klassen des englischen Volkes durchdringende Meinung, daß die Eng-
länder dazu berufen seien, allen anderen Völkern der Erde erst die wahre
Kultur und das rechte Glück unter ihrer Herrschaft zu bringen. — Manchmal
knüpft sich eine solche Staatsidee an ein bestimmtes geographisches Objekt,
so wenn wir den Rhein als den deutschen Strom, als heiliges Gut des deutschen
Volkes verehren, oder wenn die Franzosen den Revanchegedanken mit Hinweis
auf Elsaß-Lothringen mehr als vierzig Jahre hindurch lebendig erhielten. Der
Gedanke an sein Vaterland ist für den Engländer immer verknüpft mit dem
der Beherrschung des Meeres: „Rule Britannia, Britannia rule the waves“.

Nationalstaaten und Nationalitätenstaaten. Hinsichtlich der völ-
kischen Zusammensetzung können wir solche Staaten unterscheiden,
deren Gebiet von einer einzigen Nation bewohnt wird, und solche,
innerhalb deren Grenzen sich zwei oder mehr Nationen befinden. Die
ersteren nennen wir Nationalstaaten, die anderen Nationalitäten-
staaten, wohl auch Territorialstaaten.

Reine Nationalstaaten, d. h. also solche, in denen eine Nation 100%
der Bevölkerung ausmacht, sind verhältnismäßig selten. In Europa
waren es vor 1914 nur die drei nordischen Reiche: Norwegen, Schweden
and Dänemark. Heute dürften auch das Deutsche Reich, die Österrei-
chische Republik, Ungarn, Bulgarien als reine Nationalstaaten anzuspre-
chen sein. Doch rechnen wir auch solche Staaten zu den Nationalstaaten,
von deren Bevölkerung ein stark überwiegender Teil einer
Hauptnation angehört, während andere Nationen nur mit verschwin-
dend kleinen Mengen vertreten und daher politisch ohne Bedeutung sind.

So gehören in Italien und Portugal 99%, in den Niederlanden 98%, in
England und Spanien 97%, in Griechenland und Frankreich 94% der Be-
völkerung der Hauptnation an. Aber auch Rumänien, Estland, Japan, China,
alle amerikanischen Staaten können wir noch als Nationalstaaten bezeichnen.

Dagegen sind die bekanntesten Beispiele für Nationalitätenstaaten
die alte Donaumonarchie und das Königreich Belgien.

Das belgische Volk zerfällt zu nahezu gleichen Hälften: in germanische
Flamen und keltische Wallonen. Der alten Donaumonarchie aber gehörten
nicht weniger als neun Hauptnationen an, von denen die kopfreichste, die
deutsche, immerhin nur 23% der Gesamtbevölkerung ausmachte. Neben ihr
standen mit erheblichen Zahlen vor allem die Ungarn (20%) und Tschechen

1 In Großbritannien und Irland sind von der Gesamtbevölkerung 97%, der Sprache nach,
84% der Abstammung nach Engländer. (Nach letzter Zählung der Nationalitäten: 1891.)
        <pb n="265" />
        1. DIE INNEREN MERKMALE DES STAATES 261
(16,5%). Auch innerhalb Österreichs allein waren die Deutschen nur mit 35%,
die Tschechen aber mit 22,5% und die Polen mit reichlich 17% vertreten,
während innerhalb Ungarns die Magyaren allein wenigstens 48%, also fast die
{Hälfte der Gesamtbevölkerung ausmachten. Von den österreichischen Nach-
olgestaaten blieb die Tschechoslowakei ein typischer Nationalitätenstaat. (Vgl. die
Karte S. 262.) Neben Tschechen mit 47%, der Gesamtbevölkerung 1921 und
Deutschen mit 23% stehen Magyaren, Ruthenen, Juden, Polen, .

Zwischen den National- und Nationalitätenstaaten stehen gleichsam
als eine Misch- oder Übergangsform solche Staaten, in denen wohl
eine Nation die absolute Mehrheit hat, in denen aber gleichzeitig
andere Nationen noch in einer Zahl vorhanden sind, die ihnen doch ein
gewisses Gewicht im politischen Leben des betreffenden Staates verleiht.

Solche Verhältnisse finden wir in der Schweiz und im alten Rußland.
Von der Bevölkerung der Schweiz kommen 1921 der Sprache nach 71% auf
deutsche Einwohner, 21,1% auf französische, 6,2% auf italienische, der Rest
auf Anderssprachige; im ehemaligen Europäischen Rußland war die Haupt-
nation, die großrussische, mit 73% vertreten. Rußland näherte sich damit
sehon mehr dem Nationalstaat. Das gleiche gilt heute von Polen, Finnland,
Lettland, Litauen u. a. Jugoslawien gehört nur hierher, wenn man, der amtlichen
Statistik folgend, Serben und Kroaten als eine Nation auffaßt. In diesem Falle
machen die Serbokroaten rund 75% der Gesamtbevölkerung aus.

Nachteile der Nationalitätenstaaten. Es ist ohne weiteres ein-
zusehen, daß einem Nationalstaat eine größere innere Festigkeit inne-
wohnt als einem Nationalitätenstaat. Denn in jenem deckt sich das
Wohl und das Ansehen des Staates restlos oder fast restlos mit dem
Wohl der Nation. Im Nationalitätenstaat tritt das Wohl des Staates
nur zu oft hinter den Ansprüchen und dem Ehrgeiz der einzelnen
Nationalitäten zurück. Ganz besonders ist das der Fall, wenn die
Hauptmasse dieser Nationalitäten und damit das Schwergewicht ihres
nationalen Denkens und Strebens jenseits der Grenzen in einem
anderen Staate liegt. Das trifft aber für die. meisten Nationalitäten-
staaten mehr oder weniger zu. Es entsteht dann die Neigung, sich
jener Hauptmasse anzuschließen, und da diese Neigung von dem
jenseit der Grenze liegenden nationalen Zentrum aus meist unterstüzt
wird, so wird die Gefahr der Losreißung derartiger Staatsteile immer
größer und ist schließlich nicht mehr zu bannen.

Wie groß schon die Unannehmlichkeiten sind, die selbst kleine fremde
Nationalitätensplitter einem Staate bereiten können, hat die deutsche Regierung
zur Genüge kennengelernt an den Schwierigkeiten, die ihr zuzeiten die noch
nicht 6% Polen und die nur 4% der deutschen Bevölkerung ausmachenden
Dänen bereitet haben. — Viel schlimmer werden aber die Wirkungen dann,
wenn sich verschiedene Nationalitäten in gleicher oder annähernd gleicher
Stärke gegenüberstehen. Man denke an den unaufhörlichen Kampf der Wallonen
und Flamen um den Hauptanteil an der Staatsregierung, und vor allem an den
ewigen Nationalitätenhader der Donaumonarchie, wo nicht nur die Zerstücke-
lung in viele stark abgesonderte natürliche Landschaften und die große Zahl
der Völker, sondern auch der Umstand erschwerend wirkte, daß, wie die um-
stehende Karte erkennen läßt, alle diese Völker, mit Ausnahme der Ungarn und
Tschechen, ihren Schwerpunkt außerhalb der Grenzen Österreich-Ungarns hatten.

Die Heftigkeit der nationalen Kämpfe hängt auch ab von der
Art der betreffenden Nationen. Es gibt Völker, denen ein besonders
hochgespanntes nationales Gefühl eigen ist. Dazu gehören im
        <pb n="266" />
        262

GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
allgemeinen die Romanen und die Südslawen, auch die Polen. Auch
scheint der nationale Ehrgeiz häufig im umgekehrten Verhältnis zur
Kopfzahl der Nation zu stehen, vielleicht, weil in einer kleinen Nation
das Gefühl des Unterdrücktseins, der Vergewaltigung seitens der großen
Nationen besonders leicht entsteht.

Auch zeitlich ändert sich die Heftigkeit und Gefahr innerstaat-
licher Nationalkämpfe. Solange die Hauptnation eines Staates das
Heft fest in den Händen hat, vermag sie alle Sonderbestrebungen der
ihr angegliederten klei-
aen Nationen mit kräf-
tiger Hand niederzuhal-
ten. Wenn aber ihre
Kräfte anderweitig, z. B.
durch äußere Schwierig-
keiten, gebunden sind,
werden oft vorher poli-
tisch belanglose Volks:
teile des Staatsgebie-
tes zu einer plötzlichen
Gefahr.

Um solche Gefahr
innerer Nationalitäten.
kämpfe möglichst zu ver-
mindern, sind die Haupt-
nationen der National-
staaten bemüht, die
Fremdkörper innerhalb
des Staates möglichst
aufzusaugen, sie sich
zelbst gleichartig zu machen und dadurch sich einzuverleiben. Als das
wirksamste Mittel dazu erscheint nach dem oben Gesagten die Aus-
breitung der eigenen Sprache, die Schaffung einer einheitlichen Landes-
sprache für alle Teile des Staates.

Wir erwähnten schon, wie wichtig für die Zusammenschweißung der ameri-
kanischen Nation die alleinige Herrschaft der englischen Sprache im amtlichen
and öffentlichen Leben war. — Die Wallonen hatten vor dem Kriege das Über-
gewicht in Belgien dadurch erreicht, daß sie die Geltung des Französischen
als alleinige Regierungssprache durchgesetzt hatten. — Das wichtigste Mittel
der „Russifizierung‘“ im zarischen Rußland war der zwangsweise alleinige Ge-
brauch der russischen Sprache in Schule und Armee.

Kulturelle Autonomie, Aber bei solchen Bestrebungen der Aufsaugung
iremder Volksbestandteile ist die herrschende Nation leicht geneigt, auf die
„nationalen Minderheiten“ einen unberechtigten Zwang auszuüben. Die großen
deutschen Minderheiten, die die neuen europäischen Staatsgrenzen in Südtirol,
in Polen, Belgien und Frankreich einschließen, haben solchen Zwang im ver-
gangenen Jahrzehnt nur zu oft und zu hart spüren müssen. Es ist zu verstehen,
wenn in solchen Fällen die Minderheiten — im Gegensatz zu dem erstrebten
Ziel -— dem Staate entifremdet und unter Umständen zum Widerstand ver-
anlaßt werden. Es dürfte im besseren Interesse des Staates sein, wenn er bei
aller Währung seiner Autorität der kulturellen Eigenart der fremden Volks-
bestandteile Rechnung trägt, ihnen den Gebrauch ihrer Muttersprache, die Ein-

Sowenen
        <pb n="267" />
        1. DIE INNEREN MERKMALE DES STAATES 263
richtung eigner Schulen und Kirchen, die Schaffung von Vereinen zur Pflege
ihres Volkstums, kurz alles das gewährt, was man heute gewöhnlich als „kul-
turelle Autonomie“ bezeichnet. Er wird auf diese Weise die Andersgearteten
leichter als loyale Staatsbürger gewinnen. Die kulturelle Autonomie ist nicht zu
verwechseln mit der „Selbstbestimmung der Völker“ auf rein politischem Gebiet.

Selbstbestimmung der Völker. Wie mit dem 19, Jahrhundert
in Zeitalter einsetzt, das das Recht der Selbstbestimmung jedes Einzel-
menschen als oberste Forderung ausspricht, so hat auch das Recht
jeder einzelnen, auch der kleinsten Nation, ihre Geschicke unabhängig
von anderen Einflüssen selbst zu bestimmen, allmählich immer größere
Beachtung und Anerkennung gefunden.

So sind von unseren Gegnern im Weltkriege die Vereinigten Staaten unter
wiederholter Betonung der Absicht, dieses Recht der schwächeren Nationen
zu schützen, in den Weltkrieg eingetreten. Wenn der Leiter der amerikani-
schen Politik, W. Wilson, wie es scheint, es mit dieser Absicht ehrlich meinte,
so kann man ihm den Vorwurf nicht ersparen, daß er über die tatsächlichen
Verhältnisse der Bevölkerungsverteilung namentlich an der deutschen Ostgrenze
nicht genügend orientiert war. Nur so könnte man die unter Wilsons Zustim-
mung durch den Versailler Vertrag verfügten Änderungen an dieser Grenze ver-
stehen. Daß die „Selbstbestimmung der Völker“ für die Politik Englands
und Frankreichs gegebenenfalls keine Hemmungen bedeutet, zeigt der bloße
Hinweis auf die irische und die indische Nation und auf Elsaß-Lothringen, das
Frankreich ohne Entscheid durch Volksabstimmung forderte. Wenn aber der
Angriff Italiens auf Österreich und der Vorstoß Polens gegen die deutsche Ost-
grenze als eine Tat zur „Erlösung“ der unter dem fremden Joche schmachten-
den Stammesbrüder hingestellt wird, so erhellt leicht, daß dies in Wirklichkeit
nur ein Vorwand für erstrebte Gebietserweiterungen war, weil Italiener sowohl
wie Polen auch Ansprüche auf Gebiete erhoben, die gar nicht, zum mindesten
nicht überwiegend von ihren Stammesbrüdern bewohnt sind.

Wenn man aber immerhin jetzt dem Selbstbestimmungsrecht der
Völker einen weiteren Spielraum, ja im politischen Leben eine ent-
scheidende Bedeutung zugestehen will, so wird damit das Verhältnis von
Volk und Staat auf eine ganz neue Grundlage gestellt. Nicht sollen
sich künftig die Nationen eines Staates dem Staatswohle unterordnen,
sondern umgekehrt soll die Nation bestimmen, welche Größe und Grenzen
ihr Staat haben soll, und wenn sie selbst auf einen eigenen Staat ver-
zichtet, soll sie frei entscheiden, welchem Staate sie angehören will.

Die Verfechter dieses Rechts der Selbstbestimmung der Völker gehen von
der Ansicht aus, daß mit der Durchführung dieses Grundsatzes die wichtigsten
Ursachen. für Reibungen und Zwistigkeiten zwischen den Staaten und damit
also für kriegerische Verwicklungen aus der Welt geschafft seien. Alle sonstigen
Streitfälle aber glaubt man durch ein Schiedsgericht beseitigen zu können.
Daß ein solch idealer Zustand eines ewigen Völkerfriedens auf Grund eines
zu schließenden allgemeinen Völkerbundes wirkliche Aussicht auf Verwirk-
lichung hat, ist nach den politischen Ereignissen der letzten Vergangenheit und
den bisherigen Erfahrungen, die die Welt mit dem von der Entente gegründeten
Völkerbund gemacht hat, zum mindesten zweifelhaft.

Es sprechen dagegen auch wichtige sachliche Gründe: Zunächst ist der
Grundsatz der Selbstbestimmung der Völker als Grundlage für die Ziehung von
Staatsgrenzen überall da offenbar nicht anwendbar, wo zwei Nationen in so
enger Berührung und Mischung miteinander leben, daß es unmöglich ist, eine
auch nur einigermaßen richtige Sprachgrenze zu ziehen. Das ist in ausgesprochener
Weise z. B. im Osten Deutschlands der Fall, wo sich eine völkische Mischzone
        <pb n="268" />
        264 GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE

ausgebildet hat, innerhalb deren nicht nur jede Stadt und fast jedes Dorf sowohl
deutsche als auch polnische Einwohner hat, sondern in der unter Umständen sogar
innerhalb ein und derselben Familie beide Nationen vertreten sind. Sodann
übersehen die Verfechter jenes Grundsatzes, daß, wie wir sahen, die Grund-
lagen eines Staates nicht nur von dem Volk, der Nation gebildet werden, son-
dern auch vom Land, seiner Größe, Gestalt, Lage, seinem wirtschaftlichen
Wert. Es widerspricht also die Anwendung jenes Grundsatzes dem Wesen des
Staates. Politische Gebilde von der Größe des Stadtstaates Danzig oder des
ehemaligen „Memelgaues“ oder solche von ungenügender wirtschaftlicher Aus-
stattung, wie Estland oder der reine Hochgebirgsstaat Österreich, werden stets
von anderen, größeren Staaten abhängig, d.h. in hohem Grade unselbständig
sein. Ferner ist die Dauerhaftigkeit und Blüte eines Staates nur gewährleistet
bei Berücksichtigung der historischen Entwicklung. Wenn z. B. auf Grund
völkischer Verhältnisse — die übrigens in diesem Falle nicht richtig beurteilt
wurden — durch das als historische Einheit entstandene Industriegebiet Ober-
schlesiens mit seinen hundertfachen wirtschaftlichen Verflechtungen eine trennende
Staatsgrenze gezogen wird, so ist die Gefahr einer verhängnisvollen Verkümmerung
der voneinander gerissenen Teile außerordentlich groß.
STAAT UND WIRTSCHAFTSLEBEN

Verschiedener Grad der wirtschaftlichen Entwicklung. Wie in
physikalischer und völkischer, so weisen die Staaten der Erde auch in
wirtschaftlicher Beziehung große Verschiedenheiten auf, zunächst
schon in dem Grad ihrer wirtschaftlichen Entwicklung.

Naturgemäß muß in allen Staaten das Wirtschaftsleben eine gewisse Höhe
erreicht haben, weil auf niedrigen Wirtschaftsstufen, wie sie die Sammelvölker,
die Jäger- und Fischervölker, die nomadisierenden Viehzüchter einnehmen. eine
eigentliche Staatenbildung überhaupt nicht möglich ist,

Eine Einteilung der Staaten nach der Höhe ihres wirtschaftlichen
Zustandes ist nicht angängig, weil vom höchstentwickelten Kulturstaat
Westeuropas bis zum Neger-Freistaat Liberia oder den Eingeborenen-
staaten Westindiens alle Abstufungen der wirtschaftlichen Entfaltung
vorkommen, ja solche sich auch innerhalb desselben Staates finden
können. Auch ist es nicht leicht, einen ganz zuverlässigen Gradmesser
für diese Abstufung zu finden. Im allgemeinen nennen wir einen
Staat dann wirtschaftlich hoch entwickelt, wenn er eine große Güter-
erzeugung und einen beträchtlichen Anteil am Welthandel
aufzuweisen vermag. Auch der Stand des Verkehrswesens, d. h.
lie Dichte des Eisenbahn- und Wasserstraßennetzes und die Beschaf-
fenheit etwa vorhandener Seehäfen, gilt als Gradmesser der wirtschaft-
lichen Entwicklung. Bei der meist älteren Kultur der europäischen
Völker finden wir im allgemeinen die wirtschaftlich höchstent-
wickelten Staaten in Europa. Doch sind heute auch zahlreiche

außereuropäische Staaten, namentlich solche, die durch europäische
Einwanderung und Kolonisation entstanden oder die nachträglich vom
europäischen Wirtschaftsgeist durchdrungen wurden, wirtschaftlich weit
fortgeschritten. Die Vereinigten Staaten, Kanada, die ABC-Staaten
Südamerikas, Japan seien als Beispiele genannt. Andrerseits gibt es
auch innerhalb der europäischen Staaten erhebliche Unterschiede. Die
ost- und südeuropäischen Staaten stehen im allgemeinen den west-,
mittel- und nordeuropäischen an wirtschaftlicher Entwicklung nach,
        <pb n="269" />
        II. DIE INNEREN MERKMALE DES STAATES 265

Agrar- und Industriestaaten, Rohstofflieferanten. Die durch die
wirtschaftliche Tätigkeit der Menschen erzeugten Güter kann man
in vier Hauptgruppen einteilen, in die dem Pflanzen- und Tierreich
entnommenen Lebensmittel, in die Genußmittel, wie Tabak,
Kaffee, Tee u. a., in die Gruppe der Rohstoffe, die allen drei Natur-
reichen entnommen sein können, und in die durch Verarbeitung der
Rohstoffe erzeugten Industriewaren. Als fünfte Gruppe kann man
noch die Kraftstoffe absondern, wie die Kohle und das Petroleum;
auch das in Kraft umgesetzte bewegte Wasser wäre dann hierher
zu rechnen, Die Waren der ersten beiden Gruppen und auch viele
Rohstoffe, wie die der Web- und Lederindustrie, werden durch Be-
bauung des Bodens und durch Viehzucht, also durch landwirt-
schaftliche Arbeit gewonnen. Und wenn auch viele Lebens- und
Genußmittel, bevor sie in den Handel kommen, noch einer Verarbei-
tung oder Veredelung unterzogen werden, so können wir doch im
allgemeinen hinsichtlich der Erzeugung zwei große Warengruppen
bilden, die landwirtschaftliche und die gewerbliche. Je nach-
dem nun die wirtschaftliche Tätigkeit eines Staates mehr der einen
oder der anderen dieser Erzeugung angehört, können wir von land-
wirtschaftlichen oder Agrarstaaten und gewerblichen oder Industrie-
staaten reden. Von ihnen können wir noch solche Staaten, die
besonders viele Rohstoffe dem Weltmarkt liefern, als Rohstoffliefe-
ranten abtrennen,

Wiederum kommen diese Formen in reiner Ausbildung nicht vor.
Jeder Agrarstaat hat auch etwas Industrie, und ebenso bringt jeder
Industriestaat auch Urerzeugnisse der Landwirtschaft oder des Berg-
baus hervor, aber es genügt für unsere Unterscheidung, wenn die eine
oder die andere Wirtschaftstätigkeit in entscheidender Weise überwiegt.
Das beste Mittel für die Beurteilung gibt die Berufsstatistik; da
uns aber eine solche von vielen Staaten noch fehlt, müssen wir die
Liste der Ausfuhr- und Einfuhrgegenstände mit heranziehen.

In England waren im Jahre 1921 von der Gesamtheit der Erwerbstätigen
51,6 % in Industrie und Bergbau beschäftigt, in der Land- und Forstwirtschaft und
in der Fischerei aber nur 7,7 %, für Belgien sind die entsprechenden Zahlen 1920:
49,1 % und 16,0%, für die Schweiz 44,3% und 26,0%, für das Deutsche Reich
1925: 41,4% und 30,5%; das sind Industriestaaten. Dagegen hatten Finn-
land 1920: 70,4 %, Ungarn 58,3 %, Italien 1921: 55,7 %, Rußland 1926: gar 80,5 %
ihrer‘ Erwerbstätigen im land- und forstwirtschaftlichen Beruf; es sind Agrar-
staaten. — Die Ausfuhrliste Argentiniens nennt (1926) nach dem Werte
geordnet Mais, Weizen, Leinsamen, Häute, Wolle, Fleisch, Hafer, Quebracho,
Fett, Tiere, Mehl, Kleie.usw., eine den Agrarstaat deutlich kennzeichnende
Liste. Dagegen beginnt die Ausfuhrliste des Industriestaates England mit
Baumwollgeweben, Wollgeweben, Eisenwaren und Maschinen. An der Spitze
seiner Einfuhrliste stehen dagegen Getreide, Baumwolle, Fleisch, Holz, Wolle,
Zucker, Butter, Kautschuk, also Lebensmittel und Rohstoffe für die Industrie.
Endlich spiegelt sich in der Ausfuhrliste der Südafrikanischen Zollunion,
die Gold, Wolle, Diamanten, Straußenfedern, Häute und Felle, Kohlen, Angora-
haare, Kupfer nennt, ein Rohstofflieferant in ziemlich reiner Ausbildung
wider (vgl. Abb. 211 u. 212).

Die europäischen Staaten zeigen nach ihrer Wirtschaftstätigkeit eine
deutliche Gruppierung, indem der Osten vorwiegend agrarische, der
        <pb n="270" />
        GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE

A

\
70 4 90

Deutsches Reich 1925 Gr.Britannien 1921 Belgien 1920 Finnland 1920

(ohne Saargebieh (ohne Freistaat Irland) (mit Eupen u. Malmedy}

)tand-uForstw. — /ndustrie u Bergbau 777) Handelu. Verkehr [5] SonstigeBeruft
211. Anteil der Erwerbstätigen an den Hauptberufsgruppen in einigen
europäischen‘ Staaten.

Westen industrielle Staaten aufweist; zur ersten Gruppe gehören nament-
lich Rumänien, Bulgarien, Serbien, Rußland, Polen und auch noch Dänemark.
Dagegen sind vorwiegend industrielle Staaten Großbritannien, Belgien, die
Schweiz und ‚Deutschland. In Deutschland, das auch noch eine bedeutende
Landwirtschaft aufweist, wiederholt sich bezeichnenderweise jene europäische
Zweiteilung im kleinen, indem das ostelbische Deutschland vorwiegend agra-
risch, das westelbische vorwiegend industriell ist. — Das umgekehrte Bild finden
wir in der Union, wo der letzte Census (1920) zum ersten Male ein Über-
wiegen, und zwar ein ziemlich beträchtliches, der industriellen (33,4 %) über die
landwirtschaftliche (26,3 %) Bevölkerung brachte. Hier liegen die industriellen
Staaten im Osten, während sich nach Westen zu das agrarische Gepräge immer
mehr geltend macht. — Die mittel- und südamerikanisohen Staaten
mit ihrer tropischen Plantagenwirtschaft, mit ausgedehntem Ackerbau und großer
Viehzucht in den subtropischen Steppengebieten sind reine Agrarstaaten. Das
gilt auch von China mit seiner intensiven, jeden Fußbreit Erde ausnützenden
Hackbauwirtschaft, während Japan schon mehr zu den Industriestaaten hin-
neigt. — Die in der Hauptsache klimatisch bedingten großen Agrarstaaten oder
vorwiegend agrarischen Staaten sind auch die wichtigsten Rohstoffliefe-
:anten für pflanzliche und tierische Rohstoffe, so Argentinien, Australien und
Südafrika für Wolle; die Union, Ägypten und Indien für Baumwolle; Kanada,
Rußland, Österreich, die Tschechoslowakai für Holz; Argentinien, Rußland,
Kanada, die Union für Leder; Indien und China für Tee, Brasilien und die
mittelamerikanischen Staaten für Kaffee, das englische Westafrika, Ecuador und
Brasilien für Kakao. Dagegen sind natürlich die Lieferanten der mineralischen
Roh- und Kraftstoffe durch die mehr zufällige Verteilung der Nutzminerale
über die Erde bestimmt. Die wichtigsten Rohstofflieferanten nach Menge und
Mannigfaltigkeit der Erzeugnisse dürften gegenwärtig Kanada, die Vereinigten
Staaten und die südhemisphärischen Staaten Australien, Argentinien und die
südafrikanische Union sein.

Auch die wirtschaftlichen Zusände der Staaten sind dem Wandel
der Zeiten unterworfen. Da die Daseinsbedingungen der Menschheit
in erster Linie auf den Erzeugnissen der Pflanzen- und Tierwelt be-
ruhen, sind die Staaten ursprünglich alle mehr oder weniger agra-
rische, Später tritt aber die Industrie dazu, die größere Bevölke-
rungsmengen ernährt und die Möglichkeit reichlicher Gewinne bietet,
namentlich in den Staaten, in denen sie Rohstoffe findet, die an Ort
und Stelle verarbeitet werden können.

Der Übergang vom mehr agrarischen zum mehr industriellen Gepräge hat
sich bei vielen west- und mitteleuropäischen Staaten namentlich seit Erfindung
der Dampfmaschine vollzogen. Auch Deutschland stand bis zum Kriege in
        <pb n="271" />
        1. DIE INNEREN MERKMALE DES STAATES 267
Argentinien 1926 Südafrikan. Union 1925 Gr.Britannien 1926
Sanstige ETZ, SONnSUgE EPZE 48%
47 AST AN
-

, Sonstige
LrZEUGNiSSE
Fleisch und 256% , \
/ ORTE an Getreide u. \ gg Gold uv.Diam.
Produkte439% Mehl 52 % | Foye 52,6% /
36% one 16 +

z A
\ ferligwaren 62,64%

= mx
212. Die Ausfuhrgegenstände eines Agrarstaates, eines Rohstofflieferanten
und eines Industriestaates.

De

dieser Entwicklung. Im Jahre 1882 halten sich die Zahlen der in der Land-
und Forstwirtschaft Erwerbstätigen Deutschlands und die der Industrie-, Berg-
bau- und Handelsbevölkerung noch fast das Gleichgewicht, im Jahre 1907 ist
die letztere um die Hälfte größer als die erstere, 1925 aber fast doppelt so groß.
Die gleiche Tendenz, vom Agrarstaat sich in der Richtung zum Industriestaat
zu entwickeln, lassen in den letzten Jahrzehnten fast alle Staaten erkennen.
Autarkie. Agrarstaaten und Industriestaaten sind aufeinander
angewiesen, voneinander abhängig. Die ackerbautreibenden müssen
von den gewerblichen Staaten Industriewaren aller Art, namentlich
Gegenstände der Bekleidung, Maschinen und andere Metallwaren, be-
ziehen. In noch höherem Maße sind aber die Industriestaaten von
den Agrarländern abhängig, denn sie brauchen in erster Linie Nah-
rungsmittel für ihre meist dichte Bevölkerung und sodann große Roh-
stoffmengen für ihre Fabriken. Die Abhängigkeit eines Staates von
anderen. kann aber zuzeiten äußerst verhängnisvoll werden, wie uns
das Geschick Deutschlands während des Weltkrieges nur zu deutlich
zeigt. Nun ließe sich ein wirtschaftlicher Idealzustand denken, indem
sin Staat alles, was er braucht, sowohl Urerzeugnisse als auch Indu-
striewaren, selbst erzeugt. Man hat diesen Zustand der „Selbstgenüg-
zamkeit‘“ oder „Selbsthinlänglichkeit“ als „Autarkie“! bezeichnet.
In der Tat streben alle Staaten mehr oder weniger diesem Ziele zu, seine
völlige Erreichung ist aber den meisten durch die Natur ihres Landes für immer
versagt. Das ergibt sich schon aus der S. 249f. erörterten verschiedenen Zonen-
lage der einzelnen Staaten. Denn viele Lebensmittel, Genußmittel und Roh-
stoffe, die zu Gegenständen des täglichen Bedarfs geworden sind, können nur
in tropischen oder subtropischen Länderstrichen erzeugt werden; man denke
nur an Kakao, Tee, Kaffee, Baumwolle, Kautschuk u. a. Diese Waren müssen
also von den Staaten der subpolaren und gemäßigten Zone immer eingeführt
werden. — Ferner ist die Verteilung der wichtigsten Nutzminerale keineswegs
zo, daß alle Staaten gleichmäßig damit bedacht sind. Viele Staaten haben keine
oder nur unzulängliche Mengen von Kohlen; das gegenwärtig wichtigste Kunst-
düngemittel, Kali, ward bis zur Abtretung Elsaß-Lothringens nur in Deutsch-
land gefunden. Vielen tropischen und subtropischen Staaten und solchen,
die über keine nennenswerten Kraftstoffe verfügen, fehlen die Grundlagen für
eine großzügige industrielle Entwicklung. Sie werden also immer Bezieher
von ausländischen Industriewaren bleiben. Endlich ist auch in wirtschaftlich
vielseitig ausgestatteten Staaten die Möglichkeit der Autarkie gebunden an eine
nicht zu große Dichte der Bevölkerung. Viele Staaten, die in früheren Jahr-
i Vom griechischen autos = selbst, und arkein = genügen.
        <pb n="272" />
        268 GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE

hunderten wenigstens mit den wichtigsten Bedarfsgegenständen sich selbst ver-
sorgen konnten, sind dazu infolge der zunehmenden Bevölkerungsdichte schon
lange nicht mehr imstande, das trifft z, B. für Deutschland, Italien, Holland u. a, zu.

Gegenwärtig gibtesaus den angeführten Gründen Staaten,
die alle ihre Bedürfnisse selbst befriedigen können, überhaupt nicht
mehr. Allerdings sind einige Staaten in der glücklichen Lage, dem
Zustand der Autarkie nahe zu sein. Das gilt z, B. für China und für
die Vereinigten Staaten.

Aber ganz Selbstversorger sind auch sie nicht. So führt die Union nicht nur
große Mengen von Lebensmitteln und Rohstoffen, wie Kaffee, Kakao, Zucker,
Kautschuk, Seide, Häute usw., sondern auch noch europäische Industriewaren
ein. China braucht neben vielem anderen vor allem fremde Industrieerzeugnisse.

Da die innere Festigkeit eines Staates und die Freiheit seines
politischen Handelns, wie erwähnt, in hohem Maße davon abhängt,
daß er in seinen Bedürfnissen möglichst unabhängig ist vom Ausland,
so strebt jeder Staat danach, wenigstens in möglichst vielen Ge-
brauchsgütern Selbstversorger zu werden, Agrarstaaten suchen zu-
nächst bodenständige Industrien zu schaffen, kohlenlose Länder etwa
vorhandene Wasserkräfte auszubauen. In diesem Zusammenhange
müssen auch die Erfindungen genannt werden, die wichtige natür-
liche Rohstoffe durch künstliche ersetzen. Man denke an die künst-
üiche Herstellung der Stickstoffdüngemittel und an die Verflüssigung der
Kohle, die viele Staaten mit einem Schlage in der Versorgung eines so
überaus wichtigen Rohstoffes, wie es das Petroleum ist, von den großen
Öllieferanten der Welt unabhängig machen wird. Als naheliegendes
Mittel zur Annäherung an die Autarkie wird schon von den Staaten
des Altertums und Mittelalters der Erwerb von Kolonien angewandt,

Selbstversorgung und Kolonialerwerb. — Typen kolonialer Be-
sitzungen. Das Wort Kolonie entstammt der lateinischen Sprache
und bedeutet eigentlich Pflanzstadt. Damit‘ ist schon der ursprüng-
liche Zweck der Kolonie angedeutet. Mit dem Zeitalter der Ent-
deckungen beginnt die große überseeische Kolonisation der europä-
ischen Staaten. Die spanische und portugiesische Kolonialperiode
wird in der Folgezeit abgelöst durch die holländische und englische.
England ist heute noch die größte Kolonialmacht. Aber selbst kleine
europäische Staaten, wie Portugal, Belgien und die Niederlande, besitzen
aoch Kolonialgebiete, deren Fläche die der Mutterländer um ein Viel-
faches übertrifft. Deutschland konnte nach einem wieder aufgegebenen
Versuch zur Zeit des Großen Kurfürsten erst nach der Erreichung seiner

inneren Einheit dieses Ziel wieder verfolgen und trat so erst in den acht-
ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in die Reihe der Kolonialmächte ein.

Je nach der Art ihrer Entstehung, ihrer Beherrschung und Ausnützung, nach
dem Verhältnis des eingewanderten Europäertums zu den Eingeborenenvölkern
lassen sich verschiedene Typen von Kolonien unterscheiden. A. Hettner hat in
ainer feinsinnigen Charakterisierung die Wesensart dieser Typen gekennzeichnet!:

der Wirtschafts- oder Kultivationskolonien — früher Pflanzungskolonien

genannt — des tropischen Afrika und eines Teiles der ostindischen und australi-

schen Inselwelt; der Siedelungs- oder Tochterkolonien in den gemäßigten

Ländern beider Amerika, Australiens und Sibiriens; der Herrschaftskolonien
ı A. Hettner, Der Gang der Kultur über die Erde. 2, Aufl. 1929 8. 102ff.
        <pb n="273" />
        IN. DIE INNEREN MERKMALE DES STAATES 269
vom Typus Britisch- und Niederländisch-Ostindiens und Französisch-Nordafrikas;
endlich der eigentümlichen Misch- oder Assimilationskolonien der alten
spanischen und portugiesischen Kolonialreiche in den heißen Ländern Lateinameri-
kas, So scharf sich aber diese Kolonialtypen auch voneinander scheiden, so ver-
schieden ihr Schicksal im Laufe der Geschichte sich auch gestaltete, allen ist doch
gemeinsam, daß ihre Entstehung sich herleitet aus dem Bestreben der europäischen
Staaten, die wirtschaftlichen Werte, teilweise auch die menschlichen Kräfte
(Kolonialtruppen!) überseeischer Länder der eigenen Volksversorgung und Volks-
erhaltung nutzbar zu machen. Die durch Kolonialbesitz gewährte Erleichterung
der heimischen Volkswirtschaft wurde zu allen Zeiten so hoch veranschlagt, daß
seit dem Entdeckungszeitalter die europäischen Mächte lange und blutige Kriege um
Kolonialbesitz führten. Auch der letzte große Krieg hat mit einem Wechsel in dem
Besitz überseeischer Herrschaftsgebiete geendet. England, Frankreich, Belgien,
Japan haben die blühenden deutschen Kolonien an sich gebracht, wenn auch
unter dem Deckmantel von „Mandaten‘“, Daß es sich aber für einen Staat lohnt,
reiche Kolonialländer sein eigen zu nennen, ergibt sich aus der Rolle, die die
gegenwärtigen Kolonialmächte in bezug auf den Besitz oder die Kontrolle welt-
wichtiger Güter spielen. Am deutlichsten 1äßt sich das am Beispiel Großbritanniens
erkennen. Abgesehen von sehr erheblichen Anteilen an der Weltgetreideernte,
am Weltbestand an Rindern und Schafen, an der Baumwollerzeugung und Pro-
duktion pflanzlicher Öle, verfügte England 1924 nach E. Obst! über 60% der
Weltkakaoernte, über 33% der Teeernte, über fast 100% der Jutegewinnung,
43% der Wollerzeugung, 52% der Kautschukernte und 62 % der Goldgewinnung.
Was das für die Sicherstellung der Ernährung, für die Rohstoffversorgung der
Industrie, für die Belebung des Handels, für die Hebung des. gesamten Wohl-
standes im Mutterlande bedeutet, bedarf keines Beweises. Auch bei den anderen
Kolonialmächten wirkt sich der Außenbesitz als eine wesentliche Stärkung ihrer
wirtschaftlichen und damit auch ihrer politischen Kraft aus.

„Freiheit des Meeres‘. Die Selbstversorgung eines Staates durch Kolonial-
besitz hat natürlich zur Voraussetzung, daß die Verbindung zwischen Kolonie und
Mutterland dauernd gesichert ist. Das ist entweder möglich durch Machtmittel oder
aber durch gegenseitige vertragsmäßige Gewährleistung der Staaten untereinander.
Bis in unsere Tage sind nur Machtmittel imstande gewesen, überseeische Ver-
kehrswege wirksam zu schützen. Wie der heimische Boden eines Staates, so-
lange nicht das Zeitalter des ewigen Friedens wirklich angebrochen ist, schließ-
lich doch nur durch ein starkes Heer geschützt werden kann, so überseeischer
Besitz nur durch eine schlagfertige Flotte. Aber diese allein genügt nicht. Deutsch-
land hat trotz seiner verhältnismäßig starken Flotte die Verbindung mit seinen
Kolonien während des Weltkriegs nicht aufrechterhalten können. Es gehören
dazu militärische Etappen an den wichtigsten Punkten der überseeischen Wege,
d. h. namentlich an den Meerengen und Seekanälen. England hat durch seine
Flotte in Verbindung mit zahlreichen solchen maritimen Stützpunkten die
Zugänge zu seinen Kolonien für alle Fälle gesichert. Es übt aber damit gleich-
zeitig eine Art Kontrolle über das gesamte Weltmeer aus und vermag den anderen
Staaten die Verbindung mit ihren überseeischen Besitzungen abzuschneiden,
d. h. ihnen eine wichtige Voraussetzung für ihre gesicherte Existenz zu nehmen.

Ein solcher Zustand der absoluten Seeherrschaft eines einzelnen ist aber
auf die Dauer unerträglich, und so ist der Ruf nach der „Freiheit des Meeres“
namentlich seitens Deutschlands schon in den letzten Jahren vor dem Kriege
immer lauter erklungen. Die Erfüllung dieser Forderung würde eine beträcht-
liche Abrüstung der englischen Kriegsflotte und eine internationale
Beaufsichtigung der jetzt zumeist von England beherrschten stra-
tegisch wichtigen Meerengen und Seekanäle bedingen. England hat
diesen Ruf bisher geflissentlich überhört, hat ihn auch überhört, als er als zweiter

E. Obst, England, Europa und die Welt. 1926. (Tabellen im Anhang.)
        <pb n="274" />
        270 GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE

Punkt der bekannten vierzehn Wilsonschen Forderungen von neuem erklang.
Es hat im Gegenteil seine seebeherrschende Stellung während des Krieges
in allen drei Weltmeeren erheblich zu verstärken und zu befestigen versucht! —
der Traum der Welt von der „Freiheit des Meeres“ ist auf lange Zeit begraben.
Ob einmal der große Rivale jenseits des Ozeans dazu berufen sein wird, jenen
Traum zu erfüllen, ein neues Zeitalter des freien Weltmeeres heraufzuführen?

Handelsstaaten. Auch die nicht selbstgenügsamen Staaten, ja ge-
rade die, deren Wirtschaft nach der einen oder anderen Richtung ein-
seitig entwickelt ist, haben einen Überschuß an gewissen Waren, die
anderen Staaten fehlen. In diesem Sinne sind fast alle Staaten „Über-
schußstaaten“. Dieser Zustand ist die Grundlage für einen fort-
währenden und heute die ganze Welt umfassenden Warenaustaus ch,
der sich im Handel vollzieht. Demnach sind auch alle Staaten mehr
oder weniger Handelsstaaten. Naturgemäß sind an diesem Handel
diejenigen am meisten beteiligt, die die meisten Güter erzeugen, das
sind aber die wirtschaftlich am höchsten entwickelten und zugleich die
größten Staaten. Großbritannien, die Union, Deutschland, Frank-
reich, Japan und Italien stehen an der Spitze.

Weiter aber werden auch diejenigen Staaten einen bedeutsamen
Handel aufweisen, die in einer für den Warenaustausch beson-
ders günstigen geographischen Lage sind.

Nach den obengenannten Staaten folgen im Gesamtwerte des Außenhandels
Holland und Belgien, die beide sowohl für den überseeischen Verkehr wie
für den Durchgangsverkehr außerordentlich günstig gelegen sind. — Ferner sei
erinnert an die Rolle, die Venedig und die Hansastädte im mittelalterlichen
Handelsleben gespielt haben. Von den Hansastädten haben drei deutsche —
allerdings nur unter dem Schutz des Deutschen Reiches -— ihren Charakter als
Handelsstaaten bis auf den heutigen Tag bewahren können?. Daß dabei die Be-
deutung der Ostseöstadt Lübeck weit hinter der der Nordseestädte Hamburg
und Bremen zurückblieb, zeigt deutlich, welche entscheidende Rolle in ihrer
Handelsstellung die geographische Lage spielt. — Ein weiteres Beispiel ist Nor-
wegen, das vermöge seiner günstigen Küstenentwicklung und seiner Lage am
ffenen Atlantischen Ozean im Welthandel eine Stellung einnimmt, die in gar
keinem Verhältnis zu seiner Größe, seiner Bevölkerungszahl und seiner wirt-
schaftlichen Entwicklung steht. Norwegens Handelsflotte stand vor dem Kriege
an vierter und steht heute an siebenter Stelle unter allen Handelsflotten der Erde
(s. S. 194). — Andrerseits kann eine absichtliche Unterbindung des Handels selbst
in solchen Staaten, deren geographische Lage und wirtschaftliche Verhältnisse
dafür günstig sind, einen merkwürdigen Zustand entstehen lassen. So hatten
bekanntlich bis vor verhältnismäßig kurzer Zeit die drei ostasiatischen Mächte
Japan, China und Korea nur einen Binnenhandel, aber keinen Anteil am Welt-
warenaustausch. China hat seine Häfen erst 1842, Japan 1852 und Korea gar
arst 1876 dem Handelsverkehr mit dem Ausland geöffnet.

Die Verkehrsentwicklung der Staaten. Wie bereits erwähnt, geben
die Verkehrsverhältnisse einen wichtigen Gradmesser für die Beurteilung
der wirtschaftlichen Entwicklung eines Staates ab. Zunächst dienen
Eisenbahnen und schiffbare Wasserstraßen — Flüsse und Kanäle
— dem Austausch und der Verteilung der Güter innerhalb eines Staates.
Sie erhalten das gesamte wirtschaftliche Leben im Gang, und die letzten
! Vgl. R. Reinhard, Das neue Bild der Weltkarte 8. 151,
? Auch der durch Losreißung von Deutschland entstandene neue Stadtstaat Danzig ist in
seiner Existenz im wesentlichen auf den Handel antewiesen.
        <pb n="275" />
        I. DIE INNEREN MERKMALE DES STAATES 271
Jahre haben uns genügend deutlich gezeigt, welch schwere Gefahren
für einen Staat entstehen, wenn diese Verkehrsmittel ganz oder auch
nur zeitweise versagen. Sie führen aber teilweise und gerade in wich-
tigen Strecken über die Grenze des eigenen Staates hinaus und ver-
mitteln so auch einen Teil des internationalen Warenaustausches und
Personenverkehrs. — Diesem dienen in noch höherem Maße die See-
häfen eines Staates. Ihre größere oder geringere Bedeutung hängt
nicht nur von ihrer Lage, sondern auch von ihrer Beschaffenheit ab,
als Tiefe des Fahrwassers, Beschaffenheit des Ankergrundes, tech-
nischen Einrichtungen. Binnenschiffahrt und Eisenbahn sind nicht nur
Helfer der bereits vorhandenen Wirtschaft, sondern sie gehen ihr unter
Umständen auch voran, indem sie die wichtigsten Mittel zur Erschließung
und Förderung bisher wenig entwickelter Gebiete sind.

Man denke an die wirtschaftliche Erschließung Afrikas, des amerikanischen
Westens oder Sibiriens durch Bahnbauten, an die Förderung des oberschlesischen
und rheinischen Bergbaus und der dortigen Industrien durch die Verbesserung
der Oderschiffahrt und durch den Rhein-Ems- und Mittellandkanal,

Ferner festigen namentlich Eisenbahnen, aber auch Wasserstraßen
unmittelbar den inneren Zusammenhalt eines Staates, indem sie
seine Teile wie große Klammern aneinanderbinden. Deshalb streben
ja auch großräumige politische Gebilde mit allem Eifer danach, alle
ihre Glieder an ein in sich zusammenhängendes Bahnnetz anzuschließen.

Alle europäischen Staaten verfügen heute über ein in allen seinen Teilen zu-
sammenhängendes Bahnnetz. Die Vereinigten Staaten haben mit erstaunlicher
Schnelligkeit den Atlantischen Osten mit dem Pazifischen Westen durch eine
große Zahl mächtiger durchgehender Bahnlinien — durch die Pazifikbahnen —
verknüpft. Rußland hat in erster Linie zur festeren Bindung Sibiriens an das
europäische Stammland die Transsibirische Bahn geschaffen. Die Anatolische,
die Hedjas- und die Bagdadbahn sollten die weit auseinanderliegenden Glieder
des Türkischen Staates zusammenketten. Der „Balkanzug“ war der äußere Aus-
druck für den Zusammenschluß der im Weltkriege verbündeten Mittelmächte.
Die chinesische Nord-Süd-Bahn Peking— Kanton soll neben dem Austausch der
Erzeugnisse Nord- und Südchinas auch der politischen Festigung beider Teile
dienen, ebenso wie es der „Kaiserkanal“ in früheren Zeiten tat. Auf demselben
Gedanken beruhen zahlreiche noch nicht ausgeführte große Bahnprojekte (vgl.
S. 1741. über die Kap—Kairo-—Kalkutta-Linie und die Transsaharische Bahn).

Zu der wirtschaftlichen und politischen Rolle der Bahnen kommt
drittens ihre strategische Bedeutung, für deren Vorhandensein nach
einem vierjährigen Kriege kein Beweis mehr erbracht zu werden braucht.
Nur in geringerem Maße kommt eine solche auch den Kanälen zu.

Wirtschaftliche, politische und strategische Bedeutung der
Eisenbahnen machen sie heute zu einem der wichtigsten Machtmittel
eines gesunden Staatswesens, und daher ist es erklärlich, daß die poli-
tisch bedeutsamsten Staaten über die dichtesten und größten Bahn-
netze verfügen.
Wirtschaftliche Verhältnisse und Politik. Je gesunder die wirt-
schaftlichen Verhältnisse eines Staates sind, desto gesicherter ist sein
Bestand. Denn eine günstige Wirtschaftslage ist das beste Vorbeugungs-
mittel gegen innere Erschütterungen des Staates; sie beschleunigt den
natürlichen Bevölkerungszuwachs und gibt bei kriegerischen Verwick-
        <pb n="276" />
        272 GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
lungen nach außen die beste Gewähr für erfolgreiche Durchführung.
Denn abgesehen von der günstigen ideellen Einstellung der Bevölke-
rung eines wirtschaftlich geordneten Staates ist neben der Menge der
zur Verfügung stehenden Kämpfer die wirtschaftliche Rüstung der
kriegführenden Staaten entscheidend. Das wirtschaftlich höher stehende
Volk vermag im allgemeinen seine Truppen besser zu ernähren, besser
mit allen Waffen und technischen Hilfsmitteln auszurüsten und schneller
zu transportieren als der wirtschaftlich zurückgebliebene Staat. — Aber
nicht nur für den Verlauf moderner Kriege sind wirtschaftliche Ver-
hältnisse mitbestimmend, sondern in noch höherem Maße in bezug auf
ihren Anlaß und ihre Ziele. Bei großen Kriegen zivilisierter Nationen
wird das immer der Fall sein, besonders aber dann, wenn die Industri-
alisierung so weit fortgeschritten ist, daß das Volk auf die Erhaltung
der Zufuhren von Lebensmitteln und Rohstoffen angewiesen ist. Der
Strategie kann dadurch möglicherweise eine bestimmte Richtung auf-
gezwungen werden (Groener).

Der Russisch-Japanische Krieg ging um die Frage, ob Rußland oder Japan
an der asiatischen Küste des Pazifischen Ozeans die Vormacht werden und den
Gewinn des von Jahr zu Jahr sich stärker entwickelnden pazifischen Handels
einheimsen sollte, ob Japan oder Rußland durch Eisenbahnen und Bergwerke
die reichen Schätze der Mandschurei und Chinas ausbeuten sollte. — Anlaß und
englisches Ziel des Burenkrieges waren die Gold- und Diamantenfelder der
Burenstaaten. — Daß aber die furchtbaren Opfer des Weltkrieges vor allem aus
wirtschaftlichen Erwägungen gebracht wurden, ist oft genug ausgesprochen und
erwiesen worden. Der Krieg ist namentlich vom britischen Standpunkte aus
nach Aussage englischer Staatsmänner nichts anderes als ein Weltwirtschafts-
krieg, ein „Geschäftskrieg“ um die dauernde Vormachtstellung Englands auf dem
Weltmarkt gewesen. Das englische Ziel war, den unbequemen deutschen Kon-
kurrenten im internationalen Handel, in der Industrie, in der Weltschiffahrt,
auf dem Kapitalmarkt und bei der Jagd nach Kolonien zu verdrängen und durch
Schwächung und Verkleinerung nach Möglichkeit unschädlich zu machen. England
hat dies Kriegsziel erreicht, mußte allerdings erleben, daß ihm dafür ein weit lei-
stungsfähigerer und gefährlicherer Konkurrent in den Vereinigten Staaten entstand,

Endlich ist die Anwendung wirtschaftlicher Kriegsmittel zu
erwähnen. Die Blockade von Küsten und das Abfangen von Handels-
schiffen kennt man aus zahlreichen Beispielen der Geschichte (Kon-
tinentalsperre). Aber noch nie sind die Mittel wirtschaftlicher Ver-
nichtung — Rohstoffsperre und Hungerblockade — den militärischen
Mitteln mit solcher Wucht zur Seite getreten wie im Weltkriege.

Daß künftig, wie manche meinen, Kriege nicht mehr sein werden und
daß ein von allen Staaten der Erde gebildeter Völkerbund wirklich im-
stande sei, alle wirtschaftlichen Streitfragen und politischen Reibungen,
die immer wieder auftauchen werden, auf friedlichem Wege durch Schieds-
gerichte beizulegen, ist schwer zu glauben. Die Erreichung dieses Mensch-
heitszieles würde bei allen Völkern einen Zustand gegenseitigen Verstehens
und eine Anerkennung aller billigen fremden Rechte und Ansprüche, kurz
einen Zustand höchster Friedensliebe voraussetzen, wie er bisher weder
in der Merischheit noch in der Natur überhaupt jemals bestanden hat.
Wohl aber kann man hoffen, daß die Bestrebungen internationaler Völker-
verständigung künftig zu einer Verminderung der Kriege führen werden.
        <pb n="277" />
        LITERATURVERZEICHNIS

Nachstehend seien für weitere Studien einige größer angelegte, zu-
sammenfassende Werke der Wirtschaftsgeographie und Politischen Erdkunde
sowie einschlägige, für die Erreichung statistischen Materials wichtige Atlanten
und periodische Erscheinungen genannt.

Wagner, H.: Lehrbuch der Geographie. I. Bd. III, Teil. Hannover 1923.
Ratzel, Friedrich: Anthropogeographie oder Grundzüge der Anwendung der

Erdkunde auf die Geschichte. I. Teil, 2. Auflage. Stuttgart 1899. IL, Teil.

Stuttgart 1891.

Hettner, A.: Der Gang der Kultur über die Erde. 2. Auflage. Leipzig und

Berlin 1929,

Andree-Heiderich-Sieger: Geographie des Welthandels. 4. Auflage, Frank:
furt a. M. u. Wien 19264£,
Friedrich, E.: Allgemeine und spezielle Wirtschaftsgeographie. 3. Aufl, Leipzig

und Berlin 1926,

— Geographie des Welthandels und Weltverkehrs. Jena 1911.
Eckert, M.: Grundzüge der Handelsgeographie. Leipzig 1904.
Partsch, J.: Geographie des Welthandels. Herausgeg. von R. Reinhard,

Breslau. 1927.

Sapper, K.: Allgemeine Wirtschafts- u. Verkehrsgeographie. Leipzig, Berlin 1925.
Passarge, S.: Die Erde und ihr Wirtschaftsleben. Hamburg und Berlin 1926.
Lütgens, R.: Allgemeine Wirtschaftsgeographie. Breslau 1928.

Schmidt, W.: Geographie der Welthandelsgüter, Sammlung „Jedermanns Bü-

cherei‘“. Breslau 1925.

Eckert, M.: Meer und Weltwirtschaft. Berlin 1928.

Reichwein, A.: Die Rohstoffwirtschaft der Erde. Jena 1928.

Chisholm, G. G.: Handbook of Commercial Geography, 10th Edit. London 1925.
Russel Smith, J.: Industrial and Commercial Geography. 2. Edit. New York 1925.
Dudley Stamp, L.: An Intermediate Commercial Geography. London 1928.
Hassert, K.: Allgemeine Verkehrsgeographie. Berlin u. Leipzig 1913,

—. Der neue Weltverkehr. („Meereskunde“, Bd. XVI, 6.) Berlin 1928.
Hennig, R.: Die Hauptwege des Weltverkehrs. Jena 1913.
Ratzel, Friedrich: Politische Geographie oder die Geographie der Staaten,
des Verkehrs und des Krieges. 3. Auflage. Herausgeg. von E, Oberhummer.
München u. Berlin 1903.

Supan, A.: Leitlinien der allgemeinen politischen Geographie. 2. Aufl. herausg.
von E. Obst. Berlin u. Leipzig 1922.

— Territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien. Gotha 1906.

Maull, O.: Politische Geographie. Berlin 1925,

Dix, A.: Politische Erdkunde. Sammlung „Jedermanns Bücherei“. 2. Aufl,
Breslau 1924.

— Politische Geographie. Weltpolitisches Handbuch. München 1922.

Hennig, R.: Geopolitik. Leipzig und Berlin 1928,

Kjellen, R.: Die Großmächte der Gegenwart. Leipzig u. Berlin 1914—18.

— Die politischen Probleme des Weltkrieges. Leipzig u. Berlin 1918,

— Die Großmächte und die Weltkrise. Leipzig u. Berlin 1921,

Wütschke, J.: Der Kampf um den Erdball. München u, Berlin 1922,
Schultze, E.: Zerrüttung der Weltwirtschaft. 2. Aufl. Stuttgart 1923.
Leutwein, P.: Weltwirtschaftskampf der Nationen. Leipzig 1921.
Herre, P.: Politisches Handwörterbuch, Leipzig 1923.

Reinhard, Erdkunde.
        <pb n="278" />
        f

LITERATURVERZEICHNIS
ATLANTEN
Schmidt, W. u. G. Heise: Welthandelsatlas. Berlin 1927#f.
Bartholomew, J. G.: Atlas of the World’s Commerce. London 1906/07.
Philip, G. and T. Swinborne Sheldrake: The Chambers of Commerce
Atlas. London 1925,
Friedrich, E.: Minerva-Atlas. Leipzig o. J.
Liebers, A.: Westermanns Weltatlas, Braunschweig u. Hamburg 1921.
Lange, F.: Landwirtschaftlich-statistischer Atlas. Berlin 1917.
Finch, V. C. u. O. E. Baker: Geography of the World’s Agriculture. Wa-
shington 1917, ©
Fall, A.B. u. G. 0. Smith, World Atlas of Commercial Geölogy Part I u. II.
Washington 1921.
PERIODISCHE ERSCHEINUNGEN
Deutsche Rundschau für Geographie, herausg. von H., Hassinger. Wien
(nur bis 1915 erschienen).
Erde und Wirtschaft, herausg. von 6. Braun,
Economic Geography. Published by Clark University, Worcester, Mass,
Weltwirtschaftliches Archiv, Zeitschrift für Allgemeine und Spezielle
Weltwirtschaftslehre, herausg. von B. Harms. Jena.
Wirtschaft und Statistik, herausg. vom Statistischen Reichsamt. Berlin.
Wirtschafitsdienst, herausg. vom Hamburgischen Welt-Wirtschafte- Archiv
a. d. Universität Hamburg. ;
Weltwirtschaft, Monatsschrift für Weltwirtschaft und Weltiverkehr, herausg
von der Deutschen Weltwirtsch. Gesellschaft von R. Hennig.
Commerce Yearbook, Washington.
Der Weltmarkt. Zeitschrift. Hannover.
Der Tropenpflanzer. Zeitschrift für tropische Landwirtschaft, herausg. von
0. Warburg und F, Wohltmann.
Deutsches Baumwollhandbuch. Bremen.
Annuaire International de Statistique Agricole. Rom.
Yearbook of the U. S. Department of Agriculture. Washington.
„Jahresbericht über die deutsche Fischerei“, herausg. v. Reichsminist.
f. Ernährung u. Landwirtschaft. Berlin.
Bulletin statistique des peches maritimes des pays du Nord de
l’Europe. Copenhague 1903—1927,
Zeitschrift für praktische Geologie, herausg. v. F. Beyschlag und
O. Krusch. Mit Lagerstättenchronik, Halle.
Intern. Bergwirtschaftl. Zeitschrift, herausg. v. E.Krenkel u. F. Härtel.
Stahl und Eisen. Zeitschrift. Düsseldorf.
Mineral Resources of the U. 8. A., Washington, Geological Survey.
Kali-Handbuch. Magdeburg.
Archiv für Eisenbahnwesen. Berlin.
Zeitschrift für Binnenschiffahrt. Berlin.
Nauticus, Jahrbuch für Deutschlands Seeinteressen. Berlin (ersch. wieder seit 1923).
Schiffahrtszeitung. Organ für See- und Binnenschiffahrt. Hamburg.
Jahrbuch des Norddeutschen Lloyd. Bremen,
Jahrbuch für Luftverkehr. Berlin.
Zeitschrift für Geopolitik, herausg. v. K. Haushofer, E. Obst, H.Leuten-
sach, O0. Maull. Berlin.
Diplomatisches Jahrbuch, Gotha.
Statistisches Jahrbuch des Deutschen Reiches. Berlin.
Hübner-Juraschek, Geographisch-Statistische Tabellen. Frankfurt a. M.
The Statesman’s Yearbook, ed. by J. S. Keltie and M. Epstein. London.
Annuaire General. Paris
        <pb n="279" />
        REGISTER

Die fett gedruckten Ziffern geben die Stelle an, an der der betreffende Gegen:
stand am ausführlichsten behandelt ist.

Ackerbau 9. 13£. 17. 19ff.

155.

Agrarstaaten 265ff.
Agrumen 60. 62ff,
Ägypten:

Anbau 30. 74. 110. 113,

Staatliches 223. 253.

266.
Verkehr 160.
Alaska:

Bergbau 141f, 144.

Fischerei 51. 54f,

Wald 79,

Algerien:
Anbau 35. 38. 64. 69.
73.

Verkehr 160.

Wald 87.
Alpenbahnen 166.
Ananas 60. 68.

Äpfel 60.
Argentinien:
Anbau 21ff. 27. 29f.
33ff. 74,

Bergbau 129. 141.

Staatliches 232, 248.

265£.

Verkehr 160. 169,

Viehzucht 44ff.
Arktische Region 10.
Atlantischer Ozean:

Fischerei 50. 53ff,

Verkehr 200. 202.
Austern 56.

Australien:
Anbau 20. 25. 27. 29.
33ff. 61. 73.

Bergbau 141£. 144.146.

Pelztiere 89.

Staatliches 219. 223.

232f. 236. 242. 248.
266.

Verkehr 158£. 175f.

Viehzucht 13. 41. 44.

464f£.

Wald 78,
Auswanderung 14. 17.

240. 269.

Autarkie 267ff.
Autonomie,
Kulturelle 262.

Bambuswälder 77, 87.
Banane 60. 64f£.
Baumgrenze 75.
Baumwolle 7ff, 109{ff.
Baumwollindustrie 9.
114ff,
Belgien:
Anbau 24. 29, 60. 100.
155. 265.
Bergbau 118. 120.
Bevölkerung 238. 260.
262, .
Fischerei 39,
Industrie 48. 117, 138.
155. 265.
Staatliches 232. 254,
266. 270.
Verkehr 159£. 179, 212,
Viehzucht 39.
Bergbau 11£f. 14ff. 1174,
Bevölkerung 2174f.2374£,
244f.
Bevölkerungsdichte 13f,
151. 218ff. 238.
Bewässerung, Künstliche
8£. 32. 62. 100.
3innenschiffahrt 177{4f.
Birke 77. 79f. 83. 85.
Bolivien:
Bergbau 146.
Staatliches 232.
Verkehr 160. 212,
3rasilien:
Anbau 30. 33. 74. 92ff,
100. 103. 1064, 114.
Bergbau 132. 144,
Staatliches 232, 238.
266.
Verkehr 160. 169. 212,
Viehzucht 44, 46.
Wald 78,
Braunkohle 11. 117.
Buche 77. 80. 85.

Bulgarien:

Anbau 25, 30. 34. 74.

Staatliches 266.

Verkehr 160.

Viehzucht 39.

Wald 85.
Buttererzeugung 46.
Chile:

Anbau 35. 74.

Bergbau 139. 146. 149.

Verkehr 160. 169.

Viehzucht 48.

Wald 78.
hina:

Anbau 13, 25, 32f,

96ff. 110. 114.

Bergbau 118. 130f. 141,

Industrie 115.

Staatliches 232f. 238,

240, 245. 266. 268,

Verkehr 157. 160, 170.

179, 271.
Viehzucht 48.

Dänemark:
Ackerbau 21. 24,
Staatliches 252. 266,
Verkehr 160. 195,
Viehzucht 39. 41. 46.
Wald 86.
Dattelpalme 10. 64.
Neutschland:
Ackerbau 21{ff. 29, 33.
36ff. 100. 265.
Bergbau 118ff. 130.
132ff, 139. 141. 145,
Bevölkerung 238. 241.
244. 266.
Fischerei 53. 56. 58f.
Grenzen 228f.
Industrie 9. 116. 138.
155. 265.
Lage 251. 253ff,
Landverkehr 159{.
164£. 179. 181. 211.
215£,
Pelzhandel 90.
+
        <pb n="280" />
        ‘76

Seeverkehr 1944f,
Staatliches 231. 237.
246£. 270.

Viehzucht 39. 41.

Wald 85.

Weinbau 18, 67f. 70£f.
Doggerbank 50. 52.
Dorsch 53f.

Durra 20. 33.
Ebenholz 87.
Keuador:

Anbau 94, 108.

Eisenbahnen 169.

Staatliches 266,

Edelmetalle 11. 141ff.
Eiche 77, 80f. 85.
Eisen 11. 181{ff.
Kisenbahnen 1584{f,
Eisenindustrie 137£,
England:

Ackerbau 22, 29, 155.

265.
Bergbau 118ff. 132ff
Bevölkerung 238. 2411
244. 260. 266.
Fischerei 50. 52, 56f,
Industrie 115f. 138.
155. 265, 267.
Lage 252ff.
Landverkehr 159f.179.
188,

Pelzhandel 90.

Seeverkehr 194£,

Staatliches 222£, 232,

2351. 247£. 263.
269f. 272.
Viehzucht 39. 41. 48.
Wald 86.
Erdnuß 106.
Erdöl s. Petroleum.
Erle 77. 85.
Esche 77. 80.
Espe 77.
Eukalyptusbaum 78. 87.
Expreßzüge 163.
Farbhölzer 87.
Feigen 64,
Fernsprecher 215.
Fichte 77. 79£, 83. 85,
Finnland:
Ackerbau 22. 265,
Staatliches 266.
Verkehr 179.

REGISTER
Viehzucht 39. 46.
Wald 85,
Fischer-Bänke 50.
Fischerei 10, 15, 18. 49f£.
Flachs 10.
Fleischverbrauch 40.
Fleischversorgung Euro-
pas 44.
Flottenstützpunkte 204f.
269.
Flußschiffahrt 177,
Frankreich:
Ackerbau 22f. 25. 30.
100. 155,
Bergbau 118. 120.
132ff. 146f.
Bevölkerung 238f. 244.
260.
Fischerei 50. 55f.
Industrie 48f. 115. 117
138, 155.
Landverkehr 160. 179
188. 211£.
Pelzhandel 90.
Seeverkehr 194f.
Staatliches 231£, 234f.
237. 247. 253. 263.
270.
Viehzucht 46.
Wald 87.
Wein- und Obstbau
60f, 67£. 73.
Freiheit des Meeres 269
Frischfischfang 54,
Fruchthaine 11. 60{££.

Gabunholz 87.

Galeriewälder 78.

Gebirgswälder 78.

Geistiges Leben und
Wirtschaft 17£,

Gelbe Rasse 14.

Gemäßigte Zone 10. 12.
14. 20. 152. 154. 250,
269,

Gerste 20£,

Getreidegrenzen 19f,

Getreidekammern 11.
19£.

Gewässer und Wirtschaft
9.

Gold 11£. 1414£f.

Griechenland:
Anbau 64. 69, 73. 108£.
Staatliches 242.251.260.

Verkehr 160. 195,
Viehzucht 39.

Großbritannien
8. England.

Großer Ozean:
Fischerei 50ff.
Schiffahrt 200. 202.

Großmächte 245ff,

Güterlehre, Geogr. 7.19ff.
Hafer 20ff,

Handel 16.

Handelsstaaten 270.

Hawali-Inseln 65f. 100.
102,

Heilbutt 55.

Hering 52f. 58.

Hirse 20.

Hochseefischerei 56.

Holland. s, Niederlande.

Holznutzung 10. 79ff.

Indien, Britisch:

Ackerbau 21. 25, 29f,.

832. 35.

Bodenschätze 118, 128.

130f. 146.

Eisenbahnen 170.

Industrie 115,

Plantagenbau 13. 92£,

96ff. 102f, 106. 110
112ff£,

Staatliches 245, 263,

266.

Viehzucht 41. 44, 48.

Wald 87.

Indien, Niederländisch:
Anbau 9, 30. 92ff. 98
102, 104f£f. 108.
Bodenschätze 128.

130£,

Kisenbahnen 160. 170,
Indische Kornkammer 32.
Indischer Ozean:

Fischerei 50,

Schiffahrt 200. 202,
Industrie 12ff, 149ff.

265ff£.
Industriestaaten 265ff,
Irland:

Ackerbau 22,

Fischerei 50.

Staatliches 242, 263.

Viehzucht 39. 46. 48.

Wald 86.
        <pb n="281" />
        Islam 17.
Island 18. 51. 55.
Italien:
Ackerbau 25. 29f. 32
38. 100. 155, 265.
Bevölkerung 238. 244.
260.
Industrie 117. 155,
Obst- und Südfrucht-
bau 60. 62, 64.
Staatliches 232, 235.
247. 263. 270.
Verkehr 157. 160. 194.
Viehzucht 39. 41. 46.
Wald 86.
Weinbau 69. 73.

Japan:
Ackerbau 21. 25. 32.
Bevölkerung 238. 240.
244,
Bodenschätze 118.
130£f. 139. 141. 146.
Fischerei 511f. 56,
Industrie 115. 138.
Landverkehr 157. 160.
170.
Plantagenbau 96f. 114.
Seeverkehr 193ff.
Staatliches 222. 227.
235. 247. 252. 255€.
266. 270. 272,
Wald. 86.
Jarra 87.
Juden 14.
Jugoslawien:
Ackerbau 30.
Staatliches 238. 261.
Viehzucht 39. 41.
Wald 85.
Wein- und Obstbau 61.
70, 74.
Jute 10.
Kabeljau 53f. 58.
Kabelverbindungen 214
Kaffee 8. 10. 14. 91£.
Kakao 8. 10. 14. 9{ff.
Kalisalz 146.
Kanada:
Ackerbau 21ff. 29,
33.
Bodenschätze 118. 131.
139. 144. 146.
Fisenbahnen 159{f.168.

REGISTER

Fischerei 51. 54ff.
Industrie 138. 154.
Obstbau 61,
Pelztiere 88f.,
Staatliches 223. 225f.
232. 266.
Viehzucht 44ff.
Wald 75. 79€,
Kanäle 1784£f.
Kartoffel 7, 10€, 38.
Kautschuk 8. 106f£,
Kiefer 77. 79ff. 83. 85.
Klima:
und Industrie 152,
und Staat 249{f.
und Verkehr 177.
und Wirtschaft 8f. 11f.
Klima- und Produktions-
zonen 10,
Kohle 117£f.
Kokospalme 9. 104f.
Kolonialstaaten 222,
Kolonien 268{ff,
&lt;Zolumbien:
Anbau 65. 93.
Bodenschätze 128{f.
141. 144.
Staatliches 232. 253.
Verkehr 212,
Kongostaat 105. 108.
139€,
Kopra 105f.
Korinthen 69f,
Korkeiche 10. 78. 87.
Kornkammern 19{f,
Kraftwagenverkehr 158,
Kulturelle Autonomie
262.
Kulturvölker 15,
Kupfer 188ff,
Küstenfischerei 56.
Lachs 55.

Landengen 205, 252f

Landverkehr 157.

Lärche 77. 83.

Linde 77. 79.

Löß 7. 25. 67.

Luftverkehr 210£f.

Luxemburg 132f£f. 1388.
159.

Mahagoni 86.

Mais 10. 20, 29£f. 43.

Makrele 55.

27%
Mammutbaum 78. 82.
Mandeln 64,
Meerengen 204f. 252f.
Meeresströmungen 20. 49.
56.
Menhaden 55.
Mensch und Wirtschaft
13£f£.
Metallindustrie 156,
Mexiko:
Anbau 29£. 93. 102f
108.
Bodenschätze 125ff.
129. 131. 139, 144f.
Eisenbahnen 160. 169
Staatliches 223. 238.
Minderheiten, nationale
262.
Mittelamerika :
Anbau 9. 29. 64f. 92£.
100. 103. 105. 108.
Wald 86.
Mittelmeer 55f.
Mittelrussische Korn-
kammer 34.
Molkereierzeugnisse 46f
Monsunländer 10. 32.
”"Gf 96. 103. 9250.

Nachrichtenverkehr
213££,
Nation 258{f.
Nationale Minderheiten
262.
Nationalitätenstaaten
260£f£.
Nationalstaaten 260ff.
Naturvölker 15.
Neufundland 56. 132.
Neufundlandbänke 18.
49ff. 54.
Neuseeland:
Obst- und Weinbau 61
74,
Vichzucht 44. 46f£f,
Wald 78. z
"iederlande:
Ackerbau 24. 100. 155,
Bodenschätze 120,
Fischerei 56.
TLandverkehr 1591.179.
188.
Seeverkehr 194f, 197.
Staatliches 232. 238.
260, 270.
        <pb n="282" />
        278
Viehzucht 39, 41. 46.
Wald 86.
Nordamerikanische
Kornkammer 25ff. 34.
Nördlicher Waldgürtel
76£. 79. 87£.
Nordsee 49f. 55. 57%...
Norwegen:
Ackerbau 19. 22, 155.
Bergbau 145.
Fischerei 18. 51{ff.
Schiffahrt 194£. 197.
Staatliches 252, 270,
Viehzucht 39.
Wald 83f.
Obstban SiIf. 60£f.
Ölfrüchte 10.
Olive 106,
Ölpalme 104f.
Orange 60. 62ff.
Österreich:
Ackerbau 33. 36. 155.
Bergbau 145.
Eisenbahnen 160.
Industrie 49. 155.
Staatliches 266.
Wald 85,
Weinbau 68. 70. 74.
Ostsee 49.
Palmen 77. 104ff,
Panamakanal 207{ff.
Pappel 81. 83.
Paraguaytee 98.
Pazifischer Ozean s. Gro-
Ber Ozean.
Pelztiere 10, 87ff,
Persien 127ff. 141. 282,
Peru:
Anbau 108,
Bodenschätze 129. 146.
Eisenbahnen 160. 169.
Petroleum 11. 125 ff.
Pflanzenöle 104ff,
Pflaumen 60f.
Philippinen 9. 94, 100.
102£,
Pinie 78,
Plantagenländer 11. 15.
IL.
Polen:
Ackerbau 21 ff. 100.155.
Bodenschätze 118. 122,
128 120. 147.

REGISTER

Industrie 117. 155.

Staatliches 238. 253,
255. 263. 266.

Viehzucht 39. 41.
Politische Erdkunde

217.

Pontische Kornkammer

25. 34.

Portugal:

Anbau 30. 63. 69. 73f.

Kisenbahnen 160.

Staatliches 232. 238,

260.

Viehzucht 39,

Wald 87.
Quebrachoholz 87.
Rassen 14. .
Rebengelände 11. 664f.
Reis 10, 20. 32f.
Religionen und Wirt-

schaft 17.
Rinderzucht 10. 16. 39ff,
Robbenfang 10.

Roggen 7. 20. 28{f.

Royal-Dutch-Shell-Kon-
zern 131.

Rumänien:

Ackerbau 21. 25. 29f.

34ff,

Bodenschätze 128. 130.

145,

Staatliches 238. 251.
254. 266.

Viehzucht 39.

Wein- und Obstbau 61.
70. 74.

Zußland:

Ackerbau 21ff. 29f.
34ff. 38. 100. 155.
265.

Bevölkerung 238.261f.

Bodenschätze 118.
125#f. 129. 131. 147.

Industrie 117. 155.

Pelztiere 88,

Staatliches 232, 236f.
244. 246. 252. 254f.
266. 272,

Verkehr 159f£, 179.
271.

Viehzucht 46. 48.

Wald 79. 82f,

Weinbau 72. 74.

|

Salpeter 12, 148f,
Sammelwirtschaft 15.
Sardelle 55,
Sardine 55,
Saumtiere 157.
Savannenwälder 78.
Schafzucht 10. 39ff,
Schellfisch 54£. 58.
Schiffahrtsgesellschaften
197.
Schlittenverkehr 157.
Scholle 55. 58.
Schweden:
Ackerbau 155.
Bodenschätze 132{ff.
Industrie 155.
Staatliches 254.
Verkehr 160. 195.
Viehzucht 39. 46.
Wald 84.
Schweinezucht 17. 30.
89ff.
Schweiz:
Ackerbau 36. 155. 265.
Eisenbahnen 159f,
Industrie 117. 155. 265.
Staatliches 254, 261.
266.
Viehzucht 39. 46,
Weinbau 68. 70. 74,
Seekanäle 205.
Seeschiffahrt 192{£f.
Seidenkultur 10,
Selbstbestimmung der
Völker 263f. .
Sibirien:
Ackerbau 25.
Bodenschätze 145.
Fischerei 55.
Pelztiere. 88 £.
Verkehr 157. 170. 179.
Viehzucht 46.
Wald 75. 79. 83. 88,
Silber 141ff.
Sorghum 20. 33.
Spanien:
Ackerbau 21. 29. 32.
100.
Bodenschätze 141.
145ff.
Industrie 117.
Staatliches 238. 253.
260,
Südfruchtanbau 62, 64.
Verkehr 160. 195.
        <pb n="283" />
        Viehzucht 39. 48.
Wald 86£.
Weinbau 69. 73.

Staat:

Äußere Merkmale
2214f£.

Grenzen 225ff,

Größe 232{ff,

Innere Merkmale
256ff£.

Lage 249£f.

Umrißformen 224,

und Wirtschaftsleben
16f. 264ff.

Staatenkunde 217f£.

Standard. Oil Co. 131.

Steinkohle 11. 117£f. 150.

Steppen 41. 47. 218,

Stiller Ozean s. Großer
Ozean.

Subtropische Zone 10. 12.
20. 29. 32, 73. 77. ST.
91ff. 249£. 269,

Südafrikanische Union:
Anbau 27. 113.
Bodenschätze 142f.
Staatliches 223. 232.

248. 265€.
Verkehr 157. 173.
Viehzucht 44. 47£.
Wald 78,
Wein- und Obstbau 61.
73£,

Südamerikanische Korn-
kammer 27. 34.

Südfrüchte 10. 60. 62ff.

Südliches Waldgebiet 76.

Südslawien s. Jugo-
slawien.

Sueskanal 2054.

Tabak 10f, 102 ff.
Taiga 83.

Tanne 77, 82.

Teakholz 78. 87.

Tee 8f£f. 13£. 96f.
Telegraphie 2134f,
Terpentinkiefer 78.
Textilindustrie 9.153.156.
Thunfisch 55.

REGISTER

Tierwelt 10.
Trägerverkehr 158.
Trockenklima 10.
Tropenzone 10. 12. 14.
20. 29. 32. 52, 641. 76£.
86. 91ff. 218f. 249.
Tschechoslowakei:
Ackerbau 100. 155.
Bodenschätze 118. 120.
145. ;
Industrie 49, 117, 138.
155,
Staatliches 238, 261.
Wald 85.
Wein- und Obstbau 61.
70. 74,
Tunis 35f. 64. 73. 87.
Türkei 74. 238. 242. 253.
Ungarn:
Ackerbau 23£f. 29f.
34ff. 103. 265,
Viehzucht 39. 41. 48.
Weinbau 68. 70. 74
Uruguay 44{ff. 74.
T7rwald 76f. 87. 108. 218.
Venezuela 93f. 127f,
Vereinigte Staaten von

Amerika:

Ackerbau 9, 21{£f, 29£,
33. 35£, 38. 100. 155.

Bevölkerung 2838. 244,
259. 262,

Bodenschätze 117{ff.
125£i£, 131ff. 139f
142ff. 145. 147,

Fischerei 51. 55ff.

Größe 232, 236,

Endustrie 115f£f. 138.
154£.

Landverkehr 159f£,
167f, 179. 188 ff. 212.
215, 271.

Pelzhandel 90.

Plantagenbau 102f.
L06. 109{ff, 114,

Seeverkehr 193ff, 201.

Staatliches 222f, 225f.
230. 235ff, 243, 248.
2592ff. 266. 268 970.

279
Südfrucht- und Obst-
bau 61f£f£.
Viehzucht 43£. 47f.
Wald 79f.
Weinbau 68. 72. 74,
Verkehr 12. 16. 157.
270f.
Verkehrsvereinigungen,
internationale 116.
Viehzucht 10£f. 839{£f.
Völkerbund 263£,
Volk und Staat 2584f£.

Wagenverkehr 157.
Wälder 8. 11. 75f£f.
Walfang 10.
Wasserkräfte 150f. 160.
Wasserverkehr 177{f,
Weinbau 8, 17. 66{ff.
Weiße Rasse 14.
Weizen 10. 19£. 23ff,
Welthandelsflotte 192ff.
Westindische Insel:

Anbau 64£. 93, 98{ff,

102.

Bodenschätze 132.

Wald 86.
Wirtschaft

Grundlagen der 7{ff,

und geistiges Leben

174.

und Gewässer 9.

und Klima Sf£f. 114£,

und Mensch 7ff.

und Politik 271£.

und Staat 16f,
Wirtschaftsformen 14ff.
Wirtschaftsstufen 14ff.
Wolle 47£.
Wollindustrie 48.
Wüstenklima I 12.

Zeder 78. 83.

Zeder, Falsche 87.
Zitrone 60, 62ff.
Zuckerrohr 98{f£,
Zuckerrübe 7ff. 98£f
Zypresse 78. 81.
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        GEOGRAPHIE DES WELTHANDELS

Von Geh. Regierungsrat Dr. Joseph Partsch, weiland o. Professor an der

Universität Leipzig. Herausgegeben von Professor Dr. RudolfReinhard,
Direktor des Museums für Länderkunde in Leipzig.

VI und 358 Seiten. 1927. In Ganzleinen gebunden 22.— RM.

ALLGEMEINE WIRTSCHAFTSGEOGRAPHIE
Einführung und Grundlagen
Von Dr. Rudolf Lütgens, Professor an der Hamburgischen Universität.
Mit 178 Karten und Diagrammen. 1928, VIIT und 215 Seiten.
In Ganzleinen gebunden 8.50 RM.

g. VON SEYDLITZSCHE GEOGRAPHIE
HANDBUCH DER GEOGRAPHIE
HUNDERTJAHR-AUSGABE
Unter Mitwirkung von Wilhelm Volz herausgegeben von Kurt
Krause und Rudolf Reinhard. Mit etwa 3000 Abbildungen, Bildern
und farbigen Tafeln.

I. Band: Deutschland
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Fritz Jaeger, Rudolf Reinhard, Hans Rudolphi. Mit 167 Abbildungen,
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gebunden 16.— RM:
II. Band: Europa (ohne Deutschland)
Bearbeitet von Gustav Braun, Hugo Grothe, F. W. Paul Lehmann,
Fritz Machatschek, Otto Maull, Hans Praesent, Erwin Scheu,
Robert Sieger t, Walter Tuckermann, Georg Weyer. Mit etwa 400 Ab-
sildungen und 350 Bildern und farbigen Tafeln. Erscheint im Sommer 1929.
TIL. Band: Außereuropäische Erdteile
Asien, Afrika, Australien mit Ozeanien, Amerika, Polargebiete, Meere
Bearbeitet von Otto Baschin, Hugo Grothe, Kurt Hassert, FritzJaeger,
Rudolf Lütgens, Fritz Machatschek, Arved Schultz, Arnold Schu-
macher, Hans Steffen, Wilhelm Volz. Mit 569 Abbildungen, 393 Bildern
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IV. Band: Allgemeine Erdkunde der Natur und des Menschen
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ch britischen‘ Registertons! (Reg.-T.) angegeben, einem Raummaße,
’8 die meisten Seestaaten (seit 1895 auch das Deutsche Reich) an-
nommen haben. Nettotonnen gelten für den nutzbaren Lade-
um, Bruttotonnen für den gesamten Rauminhalt eines Schiffes
aschließlich der Maschinen-, Kohlen-, Mannschafts- und Verwaltungs-
„‚ume. Da aber die Dampfer infolge ihrer größeren Geschwindigkeit

Id ihrer geringeren Abhängigkeit von Wind, Wetter und Strömungen

‘ı Laufe eines Jahres den drei- bis vierfachen Weg der Segler zu-
cklegen können, so ist die Dampfertonne dem reichlich Dreifachen
2er Seglertonne gleichzusetzen. Wir erhalten daher die Leistungs-
higkeit einer Handelsflotte, indem wir zu dem drei- bis
‚erfachen Nettogehalt der Dampfer das Einfache der Segler-
nnen addieren.

— Anfang 1913 betrug die Gesamtseglertonnage der Erde rund
5 MilL, die Gesamtdampfertonnage rund 26,5 Mill. Netto-Register-
nnen. Demnach belief sich die Gesamtleistungsfähigkeit der Welt-
indelsflotte zu dieser Zeit auf rund 97 Mill. Netto-Registertonnen,
ıd die Leistungsfähigkeit der Seglerflotte verhielt sich zu. der der
ampferflotte etwa wie 1:24? Die Segelschiffahrt, die in der
Xit von 1840 bis 1870 ihre höchste Blüte erlebte, stellte 1850 noch
3% des Gesamttonnengehalts der Welthandelsflotte, 1913 nur noch
1app 13% (3,9 Mill. Reg.-T. von 30,4 Mill. Reg.-T.) und beträgt gegen-
ärtig knapp 3%.

Übrigens hängt die Leistungsfähigkeit eines Schiffes und damit der Han
‚isflotte eines Landes nicht nur von seiner Größe und Geschwindigkeit, son-
rn auch von der technischen Vollkommenheit seiner Lösch- und Ladevor-
»htungen, sowie von der Beschaffenheit und den technischen Einrichtungen
© von ihm besuchten Häfen ab; ein kurzer Aufenthalt in den Häfen ver-
indert die Reisezeit und erhöht damit die Ausnützbarkeit eines Schiffes,
elche Fortschritte die moderne Technik in dieser Beziehung gebracht hat, sei
- zwei Beispielen aus dem amerikanischen Seeverkehr gezeigt. In Baltimore
auchte man früher für eine Kohlenladung von 7000 t 75 Mann bei eineı
‘beitszeit von 74 Stunden, jetzt dagegen 12 Mann und 3—3% Stunden. Ein
ımpfer nahm in Two Harbors (Minnesota) eine Eisenerzladung von 123821
3} Stunden ein, d. i. 1000 t in 16} Minuten. Derselbe Dampfer hat dieselbe
adung in Conneant (Ohio) in 34 Stunden gelöscht. Beide Zahlen stellen
’eltrekordleistungen dar.

Die Größe der Welthandelsflotte ist mit der Zunahme des Welt-
andels ständig gewachsen. Diese Entwicklung konnten auch die
toßen Verluste im Weltkrieg, die auf 5900 Schiffe und 13,3 Mill.
rutto Reg -T. geschätzt werden, nicht hemmen. Denn die ungeheuer ge-
‚eigerte Bautätigkeit privater und staatlicher Werften der Vereinigten
taaten füllten die entstandenen Lücken schnell aus. Neben der Union,
ie ihre Handelsflotte während des Krieges um fast 240% vergrößert
at*, hat auch Japan den Raumgehalt seiner Flotte durch Neubauten

} Eine britische Registertonne = 2,83 cbm. Die Größenangabe der Kriegsschiffe und der
Aahrzeuge der Binnenschiffahrt erfolgt nach Gewichtstonnen (t), und zwar die der Kriegsschiffe
ıch Eigengewicht (Wasserverdrängung), die der Binnenfahrzeuge nach Ladefähigkeit.

2 Schiffe unter 100 Reg.-T. netto wurden in die Berechnung nicht einbezogen.

r $ Die Zahlen für die Union schließen auch die Binnenschiffe, rund 2,5 Mill, R'T., ein. Berück-
Chtigt man nur die Flotte der Ozeanschiffahrt, so ergibt sich für diese sogar eine Vergrößerung
N etwa 500%.

Reinhard, Erdkunde.

.

pe

3
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