2, Kap. Die primitiven Stufen 17 ihnen die Natur freiwillig bietet. Sie selbst können in dieser Hin- sicht noch keinen Einfluß ausüben, der Natur mehr abnehmen, als sie freiwillig gibt, sie verstehen es noch nicht, deren Widerstand zu überwinden. Unter solchen Voraussetzungen ist der Nahrungsspiel- raum eines bestimmten Gebietes keiner Erweiterung fähig. Diese Stufe, auf der die niedrigsten uns bekannten Völkerschaften stehen, be- zeichnet man als diejenige der individuellen Nahrungssuche; man spricht auch von Sammelwirtschaft, wobei es an dieser Stelle dahingestellt sein soll, ob man auf jener Stufe bereits von einer wirtschaftlichen Tätigkeit sprechen darf. Hier besteht die Tätigkeit der Menschen lediglich darin, das zu sammeln und zu ver- zehren, was die Natur freiwillig an Gaben bietet. Auf dieser Stufe, die wir wohl heute nirgends mehr in voller Reinheit antreffen, spielt der Mensch der Natur gegenüber eine durchaus passive Rolle. Das ist auch noch dort der Fall, wo der Mensch einfache Werkzeuge benutzt, wie Keule, Speer oder Bogen, um damit seine Nahrungs- mittel besser gewinnen zu können. Zwar haben wir es bei diesen sogenannten „niederen Jägern“ schon mit einer etwas höheren Wirtschaftsform zu tun; aber die starke Gebundenheit an die Natur, daß der Mensch nur das nimmt, was sie ihm darbietet, ist auch hier im wesentlichen noch vorhanden. Der Mensch kann hier noch keinen stärkeren Einfluß auf die Größe seines Nahrungsspielraumes ausüben. „Die früheste Wirtschaftstätigkeit besteht nicht schon im eigentlichen Erzeugen der Lebensunterhaltsmittel, sondern im Ein- sammeln, im Ergreifen der von der Natur dargebotenen Gaben. Auch das Erlegen von Jagdtieren ist zunächst nur ein Ergreifen, allerdings nicht mehr ein Ergreifen mit der bloßen Hand, sondern unter Anwendung einiger Arbeitswerkzeuge!). Man hat deshalb schon eine Aneignungs- oder Raubwirtschaft von der heutigen Produktionswirschaft — wobei diese letztere natür- ich einen verschiedenen Grad von Intensität annehmen kann — unterschieden, Auf dieser Stufe, auf der der Mensch eigentlich gar keinen Einfluß auf die Größe seines Lebens- und Nahrungsspiel- ‘aUM€eS ausüben kann, spielt das Verhältnis zwischen diesem und ler Zahl der Menschen eine so einschneidende Rolle, wie auf keiner anderen Stufe. ” H. Cunow, Allgemeine Wirtschaftsgeschichte. ı. Bd.: Die Wirtschaft der Natur- und Halbkulturvölker, 1926, S, 77. — Vgl. dazu weiter Moszkowski, Vom Wirtschaftsleben der primitiven Völker, 1911. — E. Grosse, Die Formen der Familie ınd der menschlichen Wirtschaft, 1896. — Ferner Schmidt und Koppers, a. a. O. Diehl-Mombert, Grundrisse. Ba. 15.