2. Kap. Die primitiven Stufen 25 Jägervolk erst seßhaft werden muß und dann erst zur Stufe des Ackerbaues übergehen kann. Seßhaftigkeit ist jedoch erst möglich, wo eine bestimmte Stufe des Nahrungserwerbs zuvor erreicht ist. „Der Ackerbau ist nicht Vorbedingung der Seßhaftigkeit, sondern eine gewisse Seßhaftigkeit. d. h. die Niederlassung in festen Siedelungen ist Vorbedingung des Übergangs zum Ackerbau. Erst müssen die Jägervölker zu festen Niederlassungen und zur Möglichkeit der Anhäufung von Lebensmittelvorräten gelangt sein, ehe sie zum Anbau überzugehen vermögen. Jägervölker jener Entwicklungsstufe, auf der die Australier stehen, können gar nicht ohne weiteres zum Anbau übergehen, da sie — ganz abgesehen von ihrem Wandertrieb — von der Hand in den Mund leben und irgendwelche nennenswerten Nahrungsvorräte nicht besitzen. Sie würden daher in der Zeit von der Bodenbestellung bis zur Fruchtreife verhungern, denn der Jagdbetrieb von festen Siedelungen aus sichert ihnen infolge der Minderwertigkeit ihrer Jagdtechnik keine ausreichende Versorgung !).“ Von den Aruaken berichtet M. Schmidt%), daß ein Grund ihrer Seßhaftigkeit in der Anhäufung von Vorräten für die ungünstige Jahreszeit liege, daß aber dann mit immer mehr zunehmender Seßhaftigkeit sich die Bedürfnisse des inneren Haushalts steigerten und daß deren Befriedigung einen immer größeren Arbeitsaufwand erforderlich mache. Man kann also für die Verhältnisse auf diesen primitiven Stufen keineswegs sagen, daß das Volkswachstum allein die entscheidende Ursache für die Ausweitung des Nahrungsspielraumes ist, Erst wenn derselbe so ergiebig ist, daß er eine seßhafte Lebensweise gestattet, ist damit auch die Möglichkeit weiterer wirtschaftlicher Fortschritte und der Übergang zum Ackerbau gegeben. Wenn dann sine solche Entwicklung einsetzt, kann auch die Bevölkerung stärker wachsen und zu einer größeren Dichte gelangen. Wenn man demnach für den ersten Aufstieg aus der Stufe der niederen Jäger die grundlegenden Voraussetzungen durchaus bei den natürlichen Gaben des bewohnten Gebietes suchen muß und wenn man nicht das Volkswachstum rein mechanisch als treibenden Faktor hinstellen darf, so widerspricht es dem keineswegs, daß vielleicht auf höheren Stufen dem Volkswachstum für den weiteren Gang der wirtschaftlichen Entwicklung eine wesentlich stärkere Rolle zukommt. Es widerspricht auch nicht dem Gesagten. wenn man bereits betont !) aa. O., S. 119, ?) M. Schmidt, Die Aruaken, 1917, S. 30—31.