36 bewußt war, eine zu statke Zunahme der Bevölkerung müsse die Grundlagen seines Staates sprengen. Wesentlich eingehender hat sich Aristoteles mit solchen Fragen befaßt. Schon Malthus hat die beiden griechischen Philosophen für seine Lehre in Anspruch nehmen wollen ?), aber er ist dabei doch, wie Bortkiewicz gezeigt hat”), in mancher Hinsicht zu weit gegangen. Doch auch Aristoteles hat die Bedeutung des Volkswachstums für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung deutlich erkannt. Er hat Platons Staatsideal kritisiert, weil dieser dem Volkswachstum nicht die genügende Beachtung geschenkt habe. Zwar hat er darin Platon Unrecht getan, er hat aber doch mit wesentlich größerem Nachdruck als Platon hervorgehoben, daß eine Stabilität im Besitze nur möglich sei, wenn die Bevölkerung an Zahl gleich bleibe. „Es ist auch“, so sagt er einmal, „verkehrt, wenn der, welcher die Besitztümer gleich macht, über die Menge der Bürger keine Einrichtungen trifft, sondern das Kindererzeugen der Willkür überläßt. Wird aber hierüber nichts bestimmt, wie dies in den meisten gegenwärtigen Staaten der Fall ist, so muß dies ... zur Armut der Bürger führen und die Armut treibt zu Aufständen und bösen Taten‘“%). Deshalb fordert Aristoteles, daß derjenige, der für die Größe des Einzelbesitzes ein bestimmtes Maß aufstellen will, auch die Größe der Kinderzahl gesetzlich festlegen müsse. In der Wahl seiner Mittel geht der griechische Philosoph sehr weit, indem er sogar die Aussetzung bei körperlicher Unzulänglichkeit gutheißt. Es handelt sich aber keineswegs nur um den Zusammenhang zwischen Volkswachstum und Besitzverteilung. Schon Platon hatte, als er in seiner „Politeia“*) von der Entstehung und dem Wachstum der Staaten sprach, dargelegt, daß das Land, das ursprünglich noch genügt habe, um alle Bürger zu ernähren, nun zu klein werden müsse. Er läßt den Glaukos die Frage des Sokrates „also sind wir gezwungen, unseren Nachbarn ein Stück Land abzuschneiden, wenn wir genügend Weide und Ackerland haben wollen?“, bejahen. Die weitgehende Bekämpfung des Volkswachstums durch Aristoteles verstehen wir, wenn wir im Auge haben, daß für ihn die Autarkie des Staates oberstes Ideal war, wobei die Herrschaft in den Händen des Mittelstandes liegen sollte. Sicherlich haben bei ihm dabei die Erster geschichtlicher Teil ') Versuch über das Bevölkerungsgesetz, 1. Buch, Kap. 13. 2) War Aristoteles Malthusianer? Z. f. d. ges. Staatswissenschaft, 62. Jahrgang, 1906. — Ferner R. Gonnard, Histoire des doctrines de la population, Paris 1923. 3) Politik. Übers. v. Kirchmann, 1880, 2, Buch, Kapitel 6. 1) Übersetzung von K. Preisendanz, 1910, S. 71,