12 Erster geschichtlicher Teil Volkszahl anzupassen. Seeck hat diese Zusammenhänge mit den folgenden Worten dargestellt: „Die Krankheit der gesunden Nationen heißt Übervölkerung; sie hat auch in Rom die Form der Boden- benutzung bestimmt, welche sich in unserer Überlieferung als die älteste darstellt. Mit Menschenkräften wird Verschwendung getrieben, um dem Acker durch die intensivste Benutzung so viel Nahrungs- mittel zu entlocken, wie er irgend hergeben kann. ... Doch bald reicht auch bei der größten Anstrengung der schmale Boden der Heimat nicht mehr aus und Kriege werden zur wirtschaftlichen Notwendigkeit. Man muß immer mehr Feinde ausrotten, immer mehr Land erobern, um Raum für die zahlreichen Kolonien zu finden, mit denen Rom nach und nach ganz Italien überzieht. Die Lücken, welche die steten Kämpfe reißen, werden schnell durch den jungen Nachwuchs ausgefüllt. Die Bürgerzahl steigt immerfort; ob auch die Bevölkerung Italiens, ist nicht sicher, aber doch wahrscheinlich; zwar mußten die alten Bewohner Platz machen, wo die Römer sich niederließen; es trat also nur ein Stamm an Stelle eines anderen. Aber da die Ansiedler den intensiven Ackerbau, dessen sie zu Hause gewohnt waren, in die neuen Sitze verpflanzten, vermehrten sie wohl auch hier den Ertrag der Felder und schufen so die Bedingungen für ein stärkeres Anwachsen der Volkszahl ?).“ Im vierten und dritten Jahrhundert werden auf dem eroberten Land neue Bauernstellen geschaffen, um den Nahrungsspielraum entsprechend dem Volkswachstum zu vergrößern. E. Meyer hat für die damalige Zeit von einer agrarischen Expansionspolitik Roms gesprochen ®). Als Arbeitskräfte dienten vorwiegend Sklaven, die durch die zahlreichen Kriege erbracht worden waren. „In diesen Landzuweisungen und Kolonien findet jetzt der Nachwuchs der römischen Bauernschaft: die cives proletari, Landversorgung: dafür kämpft das Hoplitenheer“*%), Es entspricht dies durchaus etwa dem was Athen mit seinen Kleruchien erreichen wollte. Eine wesent- liche Wandlung in dem bis jetzt durchaus befriedigenden Verhältnis zwischen Nahrungsspielraum und Volkszahl trat ein, als — um mit M. Weber zu reden — „nach dem Eindringen der Kaufsklaverei ein unerhörter agratischer Kapitalismus“, der auf dem Gegensatz zwischen freier und unfreier Arbeit zurückzuführen war, um sich griff. Als die entscheidenden Züge dafür hat Pöhlmann bezeichnet: ' Seeck, a. a. O., Bd. ı, 1897, S. 360/61. % Kleine Schriften, S. 262. 3) M. Weber, Art. Agrargeschichte, Handwörterbuch d. Staatswissenschaften, 3. Aufl., S. 1509,