70 Erster geschichtlicher Teil oberdeutschen Städte mit Italien oder an die große wirtschaftliche und politische Machtstellung der Hansa im Norden erinnert zu werden. Mit dieser Entwicklung war eine ganz neue Situation für die Beziehungen zwischen Wirtschaft und .Bevölkerung entstanden. Sie beginnen sich gewissermaßen auf einer ganz neuen Ebene abzuspielen. L. M. Hartmann hat diese Zusammenhänge einmal in ganz ausgezeichneter Weise in die folgenden Worte gefaßt: „Auch die Bevölkerungszahl ist nicht von den natürlichen Bedingungen eines Landes allein abhängig; denn zu verschiedenen Zeiten und Kulturstufen sind auch verschiedene natürliche Gaben des Landes der Volksvermehrung günstig; die Fruchtbarkeit des Bodens zu einer Zeit, in welcher jedes Volk nur selbstgesäte Frucht verzehrt; die Leichtigkeit der Verbindungen, wenn die Völker ihre Produkte zu tauschen gelernt haben; der Reichtum an Kohle und ähnliche Umstände im Zeitalter der Maschinen und der Industrie. Wenn die Kulturentwicklung der Bewohner mit den natürlichen Hilfsquellen übereinstimmt, wenn die Organisation der Bevölkerung auf die Ausbeutung dieser Hilfsquellen gerichtet ist, so ist eine Volksvermehrung wahrscheinlich und die Summe der menschlichen Kräfte kann anwachsen und dies bedeutet wieder eine Vermehrung der geleisteten Arbeit“ 1). Solche Wandlungen lassen sich jetzt in Deutschland im 14. und 15. Jahrhundert deutlich beobachten, Nicht nur, daß in solchen Zeiten zunehmenden Handels und Verkehrs temporäre Übervölkerungserscheinungen als Folge von Hungersnöten nicht mehr in dem Ausmaße vorkommen können, wie in den Zeiten des frühen Mittelalters, auch in anderer Hinsicht lassen sich wichtige Wandlungen feststellen. Als in den Jahren 1433—38 in manchen Teilen Deutschlands große Hungersnöte eintraten, da hatten bereits die größeren Städte durch ihre Vorratshäuser die Möglichkeit, einer zu starken Not vorbeugen zu können und damals gelang es bereits, von auswärts, wo die Ernten besser waren, Getreidezufuhren herbeizuschaffen. Damals haben bereits Augsburg, Nürnberg und Nördlingen große Kornankäufe in Österreich getätigt). Die Zunahme von Handel und Verkehr machte jetzt, Sn ) Hartmann, Geschichte Italiens, a. a. O., Bd. ı, S. 6. 2) Vgl. dazu P. Meyer, Studien über d. Teuerungsepochen von 1433—1438, ‚.. Diss, Erlangen 1914. — L. Klaiber, Beiträge z. Wirtschaftspolitik d. oberschwäbischen Reichsstädte im ausgehenden Mittelalter, 1927. — Ferner die zahlreichen, hier genannten, aus der Schule Belo ws hervorgegangenen Dissertationen über diesen Gegenstand. Außerdem :W. Naude, Die Getreidehandelspolitik der europäischen Staaten vom 13. bis zum 18, Jahrhundert, 1896. — Derselbe, Deutsche städtische Getreidehandelspolitik. Schmollers Forschungen. Bd. 8. 1889.