A 4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 871 Waren anzubieten. „Eben die ökonomische Notlage, in welche die Handwerker geraten, weil der lokale Absatz stockt, zwingt sie, ihre Ware an den Kaufmann zu übergeben und von diesem Augenblick an bedarf es nur eines Schrittes, um von vornherein auf Bestellung für den Kaufmann zu arbeiten“ . Sombart hat gemeint, „daß das Arbeitsmaterial des aufkommenden Verlagssystems sich aus der im langsamen Verlauf organischen Wachstums sich ergebenden Über- schußbevölkerung rekrutierte“®), In diesen Worten liegt eine durch- aus richtige Erkenntnis. Die Quellen, aus denen eine solche Überschußbevölkerung her- kommen konnte, sind sehr verschieden: verarmte Handwerker, Zu- wanderer vom Lande, Frauen, denen sich nun in der Verlagsarbeit ein neues Betätigungsfeld eröffnete. Hören wir doch vielfach aus jener Zeit nicht nur von einer Verschlechterung in der Lage des Handwerkers, vielmehr auch von einer Verschlechterung in der Lage des Bauern und im Zusammenhang damit von einer Abwanderung der Landleute in die Städte. „In manchen altdeutschen Gegenden, so im Mosellande und am Niederrhein, staute sich die Landbe- völkerung schon an; die bäuerlichen Güter wurden infolge von Teilungen übermäßig verkleinert; es wuchs die Zahl derer, die kaum zur Nahrung genügenden Landbesitz hatten oder völlig besitzlos waren. Wieder in anderen Teilen Deutschlands, zumal in den dem Verkehr zugänglichen großen Stromebenen, zeigten sich Erschei- nungen der Landflucht, massenhafte Abwanderung des Landvolkes in die Stadt. Hier wie da zog eine Zeit sich verschärfender Agrar- krisis herauf“®), Es sei hier nicht auf die noch keineswegs geklärte Frage weiter eingegangen, ob und in welchem Umfange sich die Lage des Bauernstandes in dieser Zeit verschlechtert und ob diese Verschlechterung auch mit zu den Bauernaufständen beigetragen hat. Sei dem, wie ihm wolle, seitdem die Abflußmöglichkeit nach dem Osten zu Ende gegangen war, mußten die Bauerngüter durch Erbteilung bei Zunahme der Bevölkerung kleiner werden und eine Abwanderung nach den städischen Gewerben stattfinden. Lam- precht“) hat hervorgehoben, daß schon im 15. Jahrhundert in stark 1!) W. Stieda, Die Entstehung d. deutschen Handwerks. Schr. d. V. £. Sp. Bd, 39, 1881, S. 126. %) Art. „Hausindustrie*‘, Handwörterb. d. Staatsw., 4. Aufl., S. 182. 3 Kötzschke, Grundzüge, a. a. O., S. 185. *) Deutsche Geschichte, a, a. O,, Bd. 5, I. Teil, 2. Aufl,, S. 79. — Vgl. dazu zuch P. Haustein, Wirtschaftl, Lage u. soziale Bewegungen im Kurfürstentum Trier während des Jahres 1525, Diss, 1907, Diehl-Mombert, Grundrisse. Bd. ı5.