134 Bevölkerungskapazität der verschiedenen Wirtschaftsstufen gekannt und hervorgehoben, daß die Teuerung auf der unzureichenden Ausdehnung des verfügbaren Bodens beruhe. Wenn wir im Mittelalter so wenig Äußerungen über diese Zusammenhänge begegnen, so hängt dies in hohem Maße damit zusammen, daß wir es bei diesen Fragen mit dynamischen Faktoren, mit solchen der Entwicklung und des Wachstums zu tun haben. Derartigen Erscheinungen stand das Mittelalter noch ohne richtiges Verständnis gegenüber. Es fehlte „die Anschauung, daß eine kontinuierliche Veränderung in allen menschlichen Verhältnissen vor sich geht“. „Erst die große Umwandlung im Denken und in der ganzen Anschauungsweise der Menschen, welche sich seit dem 15. Jahrhundert in Europa vollzog, schuf allmählich die Vorbedingungen, welche zur Ausbildung der genetischen Geschichtsauffassung erforderlich sind“ 7). Mit dem Beginn der Neuzeit und den Wandlungen in der wirtschaftlichen Verfassung beginnen die Ansichten, die über die Fragen der Bevölkerung geäußert werden, häufiger zu werden. Sie beginnen jetzt auch, sich nach der optimistischen Seite zu entwickeln. Freilich, bei Macchiavelli, mit dem in gewissem Sinne eine neue Zeit anhebt, ist davon noch nicht die ‚Rede. Er war ein viel zu realistischer Beobachter, um nicht die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Bevölkerung in ihrer vollen Bedeutung zu sehen. Es finden sich in seinen „Discorsi“ zahlreiche Bemerkungen, die von ernstem Nachdenken über diese Fragen Zeugnis ablegen °). Zwischen der Entwicklung der Wirtschaft und dem Wachstum der Bevölkerung besteht für ihn ein enges Verhältnis; wenn die letztere zu sehr ansteigt, so muß eine Auswanderung eintreten. Er kennt auch die Kolonisation als Abhilfe gegen die Übervölkerung. „Geschieht aber dieses nicht, oder kann es nicht mehr helfen, dann kommen Naturereignisse, Pesten und Hungersnöte, was dann ebenso notwendig wie vernünftig ist. Wie sich im einfachen Körper, wenn sich viele überflüssige Stoffe angesammelt haben, die Natur oftmals selbst hilft, in Bewegung setzt und eine Reinigung vornimmt, welche dem Körper heilsam ist, ebenso greift sie bei den zusammengesetzten Körpern des Menschengeschlechts ein. Wenn alle Landesteile mit Bewohnern so überfüllt sind, daß sie sich nicht mehr ernähren Erster geschichtlicher Teil N E. Bernheim, Lehrbuch d. histor. Methode u. d. Geschichtsphilosophie, 4. Aufl., 1903, S. 30ff. *) K. Knies, N. Machiavelli als volkswirtschaftl. Schriftsteller, Zeitschr. f. d. yesamte Staatswissenschaft, Bd. 8, 1852.