2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 295 Es handelt sich zunächst darum, daß vornehmlich ein Rück- gang der Sterblichkeit in jugendlichem Alter eingetreten ist, Etwa bis zum fünfzehnten Lebensjahre ist der Mensch nur Konsu- ment, nur passives Glied der Volkswirtschaft. Er verursacht hier nur Kosten für die Gesamtheit und ist erst in späteren Lebensjahren in der Lage, der Gesamtheit durch seine Arbeitsleistungen die Kosten wieder zu ersetzen, die seine Erziehung und Ausbildung verursachen. Eine indische Fabel erzählt: Ein Schulmeister kaufte täglich sechs Brote. Da fragte ihn einmal ein Bekannter: „Sage mir, lieber Freund, was brauchst Du denn immer sechs Brote? Der Schulmeister ant- wortete: „Eines für mich selbst, ein anderes werfe ich weg, aber es kommt wieder; zwei leihe ich her und mit den übrigbleibenden zweien bezahle ich meine Schulden“. „Erkläre dich deutlicher“, entgegnete der®* andere, „ich verstehe dich nicht“. Nun sagte der Schullehrer: „Ein Brot esse ich, eines gebe ich meiner Schwieger- mutter, zwei meinen Kindern, zwei meinen Eltern“. E. Engel hat von einer Erziehungsschuld der bis zu fünfzehn Jahre Alten an die Gesamtheit gesprochen!), und es ist einleuchtend, daß es rein wirtschaftlich gesehen ein Gewinn für die Gesamtheit sein muß, wenn der Tod nicht schon im jugendlichen Alter eintritt und wenn demnach diese Schuld abgetragen werden kann. Unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten bedeutet also der Rückgang der Sterblichkeit in jugendlichem Alter einen Gewinn für die Gesamtheit. Man kann jedoch auch unter anderen Gesichtspunkten diese wirtschaftlich positive Seite des Rückgangs der Sterblichkeit be- trachten, wenn man dabei die allgemeine Zunahme der Lebens- dauer ins Auge faßt und berücksichtigt, daß damit die produktiven Jahre der Bevölkerung eine Zunahme erfahren. Eine solche Be- rechnung ist im Jahre 1913 von der Reichsstatistik durchgeführt worden. Es heißt hier: „Auch die Zeit, welche während der pro- duktiven Jahre vom Anfang des 16. bis zum Schlusse des 60. Alters- jahres durchlebt wird, ist durch die Besserung der Sterblichkeits- verhältnisse verlängert worden. Würde in diesem Lebensabschnitte Niemand sterben, so würden alle, die das 16. Lebensjahr erreichen, bis zum vollendeten 60. Lebensjahre 45 Jahre durchleben. Da aber der Tod einen Teil von ihnen vor dem 60, Jahre dahinrafft, so wird die durchschnittliche Zahl der produktiven Jahre geringer sein, als N E. Engel, Der Preis d. Arbeit. 2. Aufl., 1872, S. 39. — Ders. Der Wert des Menschen, 1883.