452 Zweiter systematisch-theoretischer Teil als drängender Faktor mitgewirkt hätte. Mit dem Gesagten hängt es dann auch zusammen, wenn sich hier der Nahrungsspielraum so viel schneller vergrößert hat als die Volkszahl. Mit dieser Tatsache, daß heute ganz allgemein der wirtschaft- liche und technische Fortschritt, also die mögliche Ausweitung des Nahrungsspielraumes, nicht mehr in dem gleichen engen Zusammen- hang mit dem Volkswachstum steht als in älteren Zeiten, müssen wir also auch für die Zukunft rechnen. Deshalb mag es auch sein, das war auch der Ausgangspunkt dieser Betrachtungen, daß ein geringeres Volkswachstum oder gar eine Stagnation der Bevölkerung, keineswegs unter allen Umständen ein Hemmnis für Fortschritte in technischer und wirtschaftlicher Hinsicht zu sein brauchen. Es mag auch sein — das sind Zusammenhänge, die sich heute noch kaum übersehen lassen — daß bei einem geringeren Volkswachstum die Kapitalbildung relativ stärker ist und schon deshalb ein fruchtbarer Einfluß auf den Fortgang der Wirtschaft ausgeübt werden kann. Je weniger aber mit einer. derartigen Gefahr zu rechnen ist, eine um so größere Bedeutung für die Zusammenhänge von Wirtschaft und Bevölkerung muß dann die Tatsache gewinnen, daß heute bereits das Volkswachstum in so starkem Maße willensfähig beein- flußt wird, ohne daß eine Verengerung des Nahrungsspielraums im objektiven Sinne stattgefunden hätte. In dieser Entwicklung liegen Tendenzen, die das Anwachsen der Volkszahl hinter der Ausweitung des Nahrungsspielraumes zurückhalten. Das ist eine Entwicklung, die Malthus nicht gekannt hat und nicht kennen konnte. Aller- dings hat man nach ihm schon häufig diese Zusammenhänge hervor- gehoben; es sei nur auf die zahlreichen Schriften aus dem Kreise der Neo-Malthusianer verwiesen. Es besteht auch kein Zweifel darüber, daß die neuere Entwicklung der Bevölkerung in den Kultur- staaten sich durchaus im Sinne dieser Richtung vollzieht. Hier handelt es sich um den Gegensatz zwischen einer natura- Jistischen und voluntaristischen Bevölkerungslehre, wie es F. Fetter!) ausgedrückt hat, um den gleichen Gegensatz, den schon Sismondi gegenüber Malthus in die Worte kleidete, daß man bei der menschlichen Fortpflanzung nicht die Fähigkeit mit dem Willen verwechseln dürfe. Jedenfalls haben wir es bei dieser neuesten Gestaltung des Volkswachstums in den Kulturstaaten mit besonderen Wirkungen von Faktoren zu tun, die auf das engste mit dem Gang unserer kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung zusammenhängen. 1) Fetter, Versuch einer Bevölkerungslehre, 1894.