<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Bevölkerungslehre</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Paul</forname>
            <surname>Mombert</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>181333546X</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        EIGENTUM
DES
\MSTITUTS
FOR
MELT EU SCHAFT
A
BREI TGMEK

u 5370

VS
SO
        <pb n="2" />
        GRUNDRISSE ZUM
STUDIUM DER NATIONALÖKONOMIE

HERAUSGEGEBEN VON
PROF. Dr. K. DIEHL UND PROF. Dr. P. MOMBERT
FREIBURG I. BR. GIESSEN
BAND 15

BEVÖLKERUNGSLEHRE

VON

Dr. PAUL MOMBERT
O. Ö. PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT GIESSEN

JENA
VERLAG VON GUSTAV FISCHER
19929
        <pb n="3" />
        Grundrisse
zum Studium der Nationalökonomie
Herausgegeben von
Prof. Dr. K. Diehl und Prof. Dr. P. Mombert
Freiburg i. Br. Gießen

Verlag von Gustav Fischer in Jena

Mit dieser Sammlung von Grundrissen zum Studium der Nationalökonomie wollen
Jie Herausgeber in erster Linie den Studierenden der Nationalökonomie ein Hilfsmittel
zur Vertiefung ihres Studiums neben den Vorlesungen bieten,
Zwar gibt es schon ausgezeichnete Grundrisse für die großen Hauptgebiete der
Nationalökonomie, für die theoretische Nationalökonomie, die praktische Nationalökonomie
and die Finanzwissenschaft, Es fehlt aber an solchen Lehrbüchern für die übrigen
Spezialgebiete jenes Faches,
Maßgebend für die Auswahl der Mitarbeiter war, nur solche Fachvertreter heranzuziehen,
 die auf dem betreffenden Spezialgebiet sich als wissenschaftliche Forscher bewährt
 baben, Die Behandlung der verschiedenen Materien geschieht so, daß die einzelnen
Bände nicht nur für Studierende bestimmt sind, sondern sich auch an weite Kreise der
im Erwerbsleben stehenden Nichtakademiker wenden, die sich durch Selbststudium in die
Grundbegriffe der Nationalökonomie oder einzelner Spezialgebiete einarbeiten wollen.

Außer dem vorlieyenden Band 15 sind bis Herbst 1929 erschienen:
Ba. 2: Geschichte der Nationalökonomie. von Prof. Dr. P. Mombert,
SHeßen. IX, 557 8. gr. 8° 1927 Rmk 22,—, geb. 24.—
Inhalt: Einleitung. Die Aufgabe, — Erster Teil. Entstehung und Vorstufen
 des ökonomischen Denkens. I. Das Altertum. II, Das Mittelalter. IM. Der
Uebergang zur Neuzeit. IV. Die staatswirtschaftliche Richtung des ökonomischen Denkens,
— Zweiter Teil, Die Nationalökonomie als Wissenschaft, I. Der Uebergang
zur naturrechtlich-individualistischen Auffassung. II. Das System des ökonomischen
Liberalismus. IIl. Die Gegner des ökonomischen Liberalismus.

Bd. 10: Agrarpolitik. Von Dr. Hermann Schullern-Schrattenhofen, 0. 5. Prof.
an der Universität Innsbruck, IX, 448 8, gr. 8° 1924 Rmk 12.—, geb. 14.—
Inhalt: Einleitung: Begriff und Wesen der Agrarpolitik. — IL Buch, Agrarverfassung.
 1. Begriff der Agrarverfassung und ihr heutiger Stand, 2. Die Jandwirtschaftlichen
 Besitzverhältnisse, a) Das Bodeneigentum. b) Beurteilung der heutigen
Zustände in der Bodenverteilung. c) Reformbestrebungen auf dem Gebiete der Besitzverteilung,
 d) Reformbestrebungen auf dem Gebiete der Besitzkonfiguration, €) Reformdestrebungen
 auf dem Gebiete der Bodenverbesserung. f} Reformbestrebungen auf
anderen Gebieten, g) Die Bodenreform als solche {im engeren Sinne), h) Eigenbetrieb
 und Pacht, i) Bodenkredit. k) Andere den Grundbesitz belastende Tatsachen,
|) Das Erbrecht im Verhältnis zum Grundbesitze, 3. Agrarkrisen, 4. Agrar- und Industriestaat.
 5. Abriß der Agrargeschichte, — Il. Buch. Soziale Probleme der Agrarpolitik,
 — IM. Buch. Der agrarische Betrieb, Einleitung. 1ı, Agrarische Be-(Fortsetzung
 siehe 3. Umschlagseite)
        <pb n="4" />
        GRUNDRISSE ZUM
STUDIUM DER NATIONALÖKONOMIE
PROF. Dr. „K. DIEHL UND PROF. Dr. P. MOMBERT
BAND 15

BEVÖLKERUNGSLEHRE

£

Dr. PAUL, MOMBERT
O0, Ö. PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT GIESSEN

JENA
VERLAG VON GUSTAV FISCHER
19929
        <pb n="5" />
        Alle Rechte vorbehalten
Printed in Germany

an

2
D
CC
=
        <pb n="6" />
        Inhaltsverzeichnis.

Seite

» Einleitung ..... x
Gegenstand und Stellung der Bevölkerungslehre ..
Erster geschichtlicher Teil. . ..
Die Entwicklung von Bevölkerung, Wirtschaft und Gesellschaft
 im Zusammenhang mit den Anschauungen und Lehren
darüber .... ..
Erstes Kapitel. Das Problem . +... .
Zweites Kapitel. Die primitiven Stufen .
Drittes Kapitel. Das Altertum . 2020000000000 .
Viertes Kapitel. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen
Geschichte ı . 0000000000000
{. Bis zum Beginn der Neuzeit . . . . . 5% om * 2% &amp;amp;
2. Vom Beginn der Neuzeit bis etwa zum Ausgang des 18. Jahrhunderts
3. Die Ergebnisse der älteren Bevölkerungsstatistik . . . . . . 1.
a) Die Volkszahl der deutschen Städte . . .
b) Die Gliederung der Bevölkerung .
c) Die Eheschließungen , . .
d) Die Geburten. . . .
e) Die Sterblichkeit . .
f) Der Geburtenüberschuß A
Die Anschauungen über die Bevölkerung bis zum Auftreten von
R, Malthus +... 0000 RR RR RR MR a 132
Fünftes Kapitel. Wirtschaftliche und soziale Zustände am Ausgang des 18. Jahrhunderts
 und die Bevölkerungslehre v. R. Malthus . . . 2.0.0.0... 153
Sechstes Kapitel, Wirtschaft und Bevölkerung vom Beginn des 19. Jahrhunderts
bis zur Gegenwart . 2. 00
Siebentes Kapitel. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus
bis zur Gegenwart . . 2. 0200000000000
1. Die Vertreter einer pessimistischen Anschauung
2. Die Vertreter einer optimistischen Anschauung .
a) Die liberale Gruppe, .....
b) Die entwicklungsgeschichtliche Betrachtung. .
c) Die Ansichten der Sozialreformer und Sozialisten
d) Die biologischen Gegner von Malthus

1.

170

195
196
205
205
214
221
23R
        <pb n="7" />
        Inhaltsverzeichnis

Seite
Zweiter systematisch-theoretischer Teil . . . 239
Volkszahl, Volkswachstum und Nahrungsspielraum . . 239
Erstes Kapitel. Das gegenseitige Größenverhältnis von Bevölkerung und
Nahrungsspielraum . . .
i. Vorbemerkung . . . .
2. Das Bevölkerungsoptimum .
3. Die Untervölkerung . . .
4. Die Übervölkerung . , .
Zweites Kapitel. Volkszahl und Volkswachstum
I. Die Stärke des Volkswachstums. .
Wege und Formen des Volkswachstums
a) Die Wandlungen in der Sterblichkeit. . ; ;
b) Die Beziehungen zwischen der Höhe der Sterbe- und Geburtenhäufigkeit
 . . . . . „2.300
c) Die Fruchtbarkeit der Bevölkerung . . . u x = = =» 307
x d) Die Ökonomie des Volkswachstums und Bevölkerungswechsels. . 336
Drittes Kapitel. Der Nahrungsspielraum . . . . 344
I. Begriff und Wesen des Nahrungsspielraumes . 344
/2. Die Proportionalität der Produktionsfaktoren 345
3. Die Ertragsgesetze der Wirtschaft . . . . . 355
4. Der innenbedingte Teil des Nahrungsspielraumes ‚ 373
5. Der außenbedingte Teil des Nahrungsspielraumes . 389
5. Imperialismus und Nahrungsspielraum . . . 410
7. Die Freisetzung von Arbeitern durch die Fortschritte der Technik . . 420
Viertes Kapitel. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang mit
der gesellschaftlichen Entwicklung . . . . .
I. Allgemeine Beziehungen - .
z. Der Nahrungsspielraum im sozialen Sinne
3. Nahrungsspielraum und Wirtschaftssystem
Fünftes Kapitel. Die Maximalbevölkerung der Erd:

- 435
435
443
453
464

Dritter Teil
Ergebnisse

470
470
479
485

Namensverzeichnis
Sachverzeichnis .
        <pb n="8" />
        Einleitung.

Gegenstand und Stellung der Bevölkerungslehre.

Unter Bevölkerung versteht man die Gesamtheit der Menschen
auf der ganzen Erde oder in einem bestimmten wirtschaftlich oder
politisch abgegrenzten Gebiet, z. B. einem Staate. Im Gegensatze
zu dem Begriff von Volk und Nation, der es nur mit den Angehörigen
 eines Volksstammes zu tun hat, schließt man bei der Bevölkerung
 alle in dem betreffenden Gebiete wohnenden Menschen,
also z. B. auch die darin lebenden Ausländer ein.
Die Bevölkerung in diesem Sinne führt ihr eigenes Leben sie
entsteht und vergeht, sie nimmt an Zahl zu und sie nimmt an Zahl
ab, und sie kann sich auch in ihrem Aufbau und in ihrer Zusammensetzung
 ändern. Ihr Verhältnis zur äußeren Natur kann sich im
Laufe der Entwicklung wesentlich. anders gestalten und das Gleiche
kann auch von den Beziehungen der Fall sein, in denen die einzelnen
Glieder der Bevölkerung zueinander stehen. All diese Vorgänge
und Wandlungen sind in irgendeiner Weise kausal bedingt. Sie
stehen auch miteinander in den engsten Wechselbeziehungen, so
daß man in gewissem Sinne von einer inneren Ordnung sprechen
kann, die in dem „Leben der Personen in ihrer Gesamtheit“ herrscht.
Denn wo von Bevölkerung die Rede ist, da werden die in einem
bestimmten Gebiete lebenden Personen als kollektives Ganzes aufgefaßt
 und betrachtet. Hierbei verschwinden die Individuen hinter
dem Ganzen der Bevölkerung als solchem.
Die Tatsachen aufzuzeigen und darzustellen, in denen das Leben,
das Werden und Vergehen einer Bevölkerung zum Ausdruck kommt,
der inneren Ordnung nachzuspüren, nach der sich dieser ganze
Prozeß abspielt — das ist die Aufgabe der Bevölkerungslehre.
Diese Aufgabe ist eine sehr umfassende und vielgestaltige.
Das gilt sowohl von der Gliederung des Stoffes, wie auch von den
Problemen, die dabei zu behandeln sind.
Diehl-Mombert, Grundrisse. Bd. ıs.
        <pb n="9" />
        Einleitung

Man pflegt die Bevölkerungslehre als die Wissenschaft von der
Bevölkerung im allgemeinen einzuteilen in: Bevölkerungsstatistik,
Bevölkerungstheorie und Bevölkerungspolitik.
Die Bevölkerungsstatistik hat es dabei in erster Linie
mit den Tatsachen der Bevölkerung in ihrer Gesamtheit zu tun.
Die Feststellung der Volkszahl und ihrer Entwicklung, der Aufbau,
die Siedelung und die Gliederung der Bevölkerung nach Alter, Geschlecht,
 Familienstand und Beruf, der Gang der Bevölkerung, wie
er in Geburten, Sterbefällen, Eheschließungen und Wanderungen
zum Ausdruck kommt, bildet den Inhalt der Bevölkerungsstatistik.
Dabei geht jedoch ihre Aufgabe über die einfache Feststellung und
Beschreibung der Tatsachen und Erscheinungen hinaus. Denn es
gilt auch, namentlich durch entsprechende zahlenmäßige Kombination,
die inneren Beziehungen dieser Reihen aufzuzeigen und damit zu
ihrer Erklärung beizutragen. Aber schon die erfolgreiche Lösung
dieser Aufgabe der Bevölkerungsstatistik verlangt eine gewisse
Kenntnis der allgemeinen Zusammenhänge, die für den Gang und
den Aufbau der Bevölkerung maßgebend sind, also derjenigen Tatsachen
 und Erscheinungen, die recht eigentlich in das Gebiet der
Bevölkerungstheorie fallen, in dasjenige Gebiet, das im Mittelpunkt
der Bevölkerungslehre steht.
Man hat deshalb auch schon die Bevölkerungstheorie als Bevölkerungslehre
 im engeren Sinne bezeichnet. Jedenfalls steht diese
Bevölkerungstheorie in engster Beziehung zu der Bevölkerungsstatistik.
Sie baut einmal auf deren Ergebnissen auf, sie gibt aber auch der
Bevölkerungsstatistik wichtige Fingerzeige, in welcher Richtung sie
zu arbeiten und vorzugehen hat. Denn keine empirische und deskriptive
 Forschung darf wahl- und systemlos vorgehen; die Einzeluntersuchung
 muß eine bestimmte Bedeutung, einen bestimmten
Sinn haben und das ist nur dort möglich, wo dafür allgemeine Gesichtspunkte
 richtunggebend sind, wie sie für das Gebiet der Bevölkerung
 allein die Bevölkerungstheorie geben kann.
Bevölkerungstheorie in diesem allgemeinen Sinne — als
wichtigster Bestandteil der Bevölkerungslehre — hat nicht die Darstellung,
 sondern die Erklärung der Bevölkerungserscheinungen zum
Gegenstand. Dazu dienen ihr zwar auch im hohem Umfange die
Ergebnisse der Bevölkerungsstatistik. Aber vom Standpunkt der
Bevölkerungslehre aus ist die Bevölkerungsstatistik nur Methode, nur
Hilfsmittel der Forschung, neben der dann Ergebnisse und Folgerungen,
 die durch historische Forschung oder durch rein logisches
Denken gefunden worden sind, eine durchaus ebenbürtige Rolle
        <pb n="10" />
        Gegenstand und Stellung der Bevölkerungslehre 3
spielen. Unter Erklärung als wesentlichem Bestandteil wissenschaftlich-theoretischer
 Forschung, ist hier mit Jevons!) verstanden, daß
eine Tatsache mit einer anderen oder mit einem Gesetz in Einklang
gebracht wird: die betreffende Erscheinung wird zu anderen in Beziehung
 gesetzt oder auf bereits anerkannte Grundsätze und Erkenntnisse
 zurückgeführt. Für den ersteren Fall, daß zwei Erscheinungen
 miteinander in innere Beziehungen gebracht werden,
diene als Beispiel, daß man vielleicht die Zusammenhänge feststellen
will, die in einem Lande zwischen Volkswachstum und Lohnentwicklung
 oder zwischen Wanderbewegung und Grundbesitzverteilung
vorhanden sind. Für den zweiten Fall, der Zurückführung einer Erscheinung
 auf bereits anerkannte Grundsätze und Erkenntnisse, sei
auf den Versuch hingewiesen, den neuzeitlichen Geburtenrückgang
auf das von H. Spencer aufgestellte Gesetz zurückzuführen, daß
Individuation und Fortpflanzung notwendig gegensätzliche Vorgänge
seien.

Demgegenüber hat es die Bevölkerungspolitik, die in gewissem
 Sinne angewandte Bevölkerungstheorie ist, mit all denjenigen
Maßnahmen zu tun, die geeignet sind, den Stand und die Entwicklung
 der Bevölkerung in einem gewissen Sinne zu beeinflussen.
Wie vielerlei Maßnahmen wirtschaftlicher und sozialpolitischer Natur
zu diesem Gebiet der Bevölkerungspolitik gehören, werden wir
später noch sehen, wenn auch dieser Frage kein besonderer Abschnitt
gewidmet ist.
Wenn in der eben dargelegten Weise die Bevölkerungslehre,
rein äußerlich gesehen, in die drei Teile: Bevölkerungsstatistik, Bevölkerungstheorie
 und Bevölkerungspolitik zerfällt, so sind diese drei
Teile, wie schon G. Rümelin hervorgehoben hat ?), keineswegs
einander koordiniert. Vor allem die Bevölkerungsstatistik
ist, wie schon betont, in diesem Rahmen durchaus als Hilfswissen-Schaft
 zu betrachten, „die das Material für die ganze Untersuchung
bietet, ähnlich wie die Quellenforschung der Geschichtsschreibung
nicht gleich, sondern untergeordnet ist, aber freilich nur so untergeordnet,
 wie die Dienerin, die mit der Fakel voranleuchtet ohne
deren Hilfe kein sicherer Tritt zu machen wäre“.
Für die Bevölkerungslehre als einer erklärenden Wissenschaft
ist also die Bevölkerungsstatistik ebenso nur methodisches Hilfsmittel,
wie es die geschichtliche Betrachtung dabei ist. Das ist auch der

') Jevons, Leitfaden der Logik, 1906, S. 277.
?) Bevölkerungslehre. Im Handbuch der Politischen Ökonomie, herausgegeben
von Schönberg, 4. Aufl. 1896, S. 82a.
        <pb n="11" />
        Einleitung

wesentlichste Grund, warum trotz der eben dargelegten Dreiteilung
in Bevölkerungsstatistik, Bevölkerungstheorie und Bevölkerunpspolitik
die folgende Darstellung nicht auf dieser Dreiteilung aufbaut. Bevölkerungstheorie
 und Bevölkerungsstatistik hängen allzu eng miteinander
 zusammen, sie durchdringen sich zu sehr, als daß es möglich wäre,
beide in der Darstellung vollkommen auseinander zu halten. Es
wäre vielleicht zweckmäßig, eine Bevölkerungslehre mit einem einleitenden
 Abschnitt zu beginnen, der lediglich die Tatsachen der
Bevölkerung darstellt, also vor allem das zu geben, was wir den
Forschungen der Bevölkerungsstatistik zu verdanken haben. Es
wäre das deshalb zweckmäßig, weil eine solch zusammenhängende
Darstellung der Tatsachen dem Leser ein geschlossenes Bild von der
Gliederung und dem Gang der Bevölkerung geben würde. Einem
solchen Vorgehen stünde jedoch das schwere Bedenken gegenüber,
daß dann in dem eigentlich theoretischen Teil, in dem in erster
Linie die Bevölkerungserscheinungen in ihren Beziehungen zu anderen
Faktoren, vor allem zu Wirtschaft und Gesellschaft, darzustellen und
damit zu erklären sind, stete Wiederholungen unvermeidlich wären.
Aus diesem Grunde können Bevölkerungstheorie und Bevölkerungsstatistik
 nicht voneinander getrennt behandelt werden.
Bei dem bis jetzt Besprochenen hat es sich lediglich darum
gehandelt, zu zeigen, in welche Teile sich eine Bevölkerungslehre
äußerlich gliedert. Will man jedoch — was die Aufgabe dieses einleitenden
 Abschnittes ist — Gegenstand und Wesen der Bevölkerungslehre
 bestimmen, dann ist es auch erforderlich, ihren Inhalt sachlich
zu umschreiben und so die Bevölkerungslehre anderen Wissensgebieten
gegenüber abzugrenzen.
Will man möglichst allgemein und umfassend das Arbeitsgebiet
 der Bevölkerungslehre inhaltlich beschreiben, so kann
man von drei Aufgabenkreisen derselben sprechen: einem. biologischen,
 einem öÖkonomischen und einem soziologischen.
Die biologische Seite der Bevölkerungslehre hat es vor
allem mit denjenigen Erklärungen und Zusammenhängen der Bevölkerungsvorgänge
 zu tun, die einen biologisch-anthropologischen
Charakter tragen. Hierher gehören z. B. Fragen über die Sexualproportion
 der Geborenen oder die bereits erwähnte Lehre Spencets
 über den Einfluß der geistigen Entwicklung auf die Fortpflanzungsfähigkeit.
 Man würde weiter hierher vielleicht die Einwirkungen
 der Auslese auf die Beschaffenheit der Menschen, also
Fragen des qualitativen Bevölkerungsproblems, rechnen können.
So gibt es mancherlei Erscheinungen der Bevölkerung, die mehr
        <pb n="12" />
        5
oder weniger stark biologisch bedingt oder biologisch relevant
sind. .
Die ökonomische Bevölkerungslehre, wohl der
wichtigste Teil derselben, hat es mit den Beziehungen zwischen
Wirtschaft und Bevölkerung zu tun. Zwischen beiden bestehen die
innigsten Wechselwirkungen. Es handelt sich dabei einmal darum,
den wirtschaftlichen Hintergrund darzustellen, auf dem sich die Bevölkerungsvorgänge
 abspielen und durch den sie mehr oder weniger
ursächlich bedingt sind. Es wäre z. B. darzulegen, welchen Einfluß
die Größe und die Art der Gütererzeugung oder aber das zeitliche
Auf und Ab im Wirtschaftsleben, also die Schwankungen der
Konjunkturen, auf die Bevölkerung nach allen Seiten hin ausüben
und wie ohne das stete Zurückgehen auf diesen wirtschaftlichen
Hintergrund uns viele Vorgänge innerhalb der Bevölkerung unverständlich
 und die Daten der Bevölkerungsstatistik nur zu oft leere
Zahlen ohne tieferen Sinn und Inhalt wären.
Aber auch der umgekehrte Zusammenhang ist nicht weniger
bedeutsam. Es handelt sich hier um den Einfluß, den die Bevölkerung
selbst durch ihre Größe, durch ihre Gliederung, durch ihr Wachstum
 und die Art desselben auf den Gang und die Entwicklung der
Wirtschaft eines Landes ausübt. Wir werden später sehen, wie
zahlreiche ökonomische Erscheinungen als Ursache und Wirkung
mit der Bevölkerung und ihrer Entwicklung im allerengsten Zusammenhang
 stehen. Freilich handelt es sich dabei keineswegs allein
um die einseitigen Beziehungen von Ursache und Wirkung, sondern
vielfach um Wechselbeziehungen in einem ähnlichen Sinne, wie wir
sie bei dem Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft
beobachten können. So wie beide sich immer gegenseitig beein-Aussen
 und in einer solchen Abhängigkeit voneinander stehen, daß
man schon häufig darüber gestritten hat, ob das Individuum oder
ob die Gesellschaft zuerst dagewesen sei, so gilt das in ähnlicher
 Weise in mancher Hinsicht auch von den Beziehungen
zwischen Bevölkerung und Wirtschaft. Wir werden diese Wechselwirkungen
 vornehmlich dort kennen lernen, wo von den Beziehungen
zwischen Volkswachstum und wirtschaftlicher Entwicklung die Rede ist.
Mit bestimmten Beziehungen zwischen Wirtschaft und Bevölkerung
 beschäftigt sich auch die Geographie, besonders deren
jüngster Zweig, die Anthropogeographie. Jedoch hat diese
es in allererster Linie mit den unmittelbaren Wirkungen von Natur,
Raum und Raumverteilung auf die Bevölkerung zu tun. Nach
einem Worte Ratzels: „Die Anthropogeographie hat es immer

Gegenstand und Stellung der Bevölkerungslehre
        <pb n="13" />
        Einleitung

mit den Völkern innerhalb ihrer Schranken zu tun, sie sieht sie immer
nur auf ihrem Boden?)“. Das scheidet die Anthropogeographie in
wesentlicher Hinsicht von der wirtschaftlichen Betrachtung, wenngleich
 dann doch wieder zwischen beiden Beziehungen bestehen;
denn‘ die wirtschaftliche Tätigkeit des Menschen ist ja auch in
hohem Grade an natürliche und räumliche Voraussetzungen gebunden
und durch sie bestimmt.
Es bestehen aber nicht nur solch enge Beziehungen zwischen
Bevölkerung und Wirtschaft, sondern auch solche zwischen Bevölkerung
 und Gesellschaft, und zwar auch in der eben bereits
 für die Wirtschaft dargelegten Weise. Zahlreiche gesellschaftliche
 Tatsachen — wie Eigentum und Arbeitsteilung — aber auch
die ganze soziale Organisation und Gliederung eines Volkes, auch
Sitte und Recht, stehen als Ursache und Wirkung in engem Zusammenhang
 mit der Größe und der Entwicklung der Bevölkerung
eines Landes. Der notwendige Zusammenhang zwischen Bevölkerung
und Gesellschaft wird klar, wenn wir daran denken, welch enge Beziehungen
 zwischen Wirtschaft und Bevölkerung vorhanden sind und
in welch engem Zusammenhang dann doch wieder die erstere zu
der gesellschaftlichen Entwicklung und der gesellschaftlichen Organisation
 steht. Darin liegt auch der Grund, weshalb im folgenden
die Zusammenhänge zwischen Bevölkerung und Wirtschaft auf der
einen und Bevölkerung und Gesellschaft auf der anderen Seite nicht
immer voneinander getrennt behandelt werden konnten. Dafür
sind die Beziehungen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft viel
zu Eng.
je nachdem man mehr die Beziehungen der Bevölkerung zur
Wirtschaft oder die zur Gesellschaft betont, kann man von einer
ökonomischen oder von einer soziologischen Bevölkerungslehre
sprechen. Beide Betrachtungsweisen, die im folgenden im Vordergrund
 stehen sollen, kann man dann im Gegensatz zu der biologischnaturwissenschaftlichen
 Betrachtung als eine sozialwissenschaftlich
orientierte Bevölkerungslehre bezeichnen. In einer so aufgefaßten
Bevölkerungslehre haben dann naturwissenschaftlich-biologische Fragen
nur insoweit Platz, als sie in irgendeiner Weise wirtschaftlich oder
soziologisch relevant sind. In der bisherigen Literatur, namentlich
in der deutschen und englischen, sind fast nur die Beziehungen
zwischen Wirtschaft und Bevölkerung behandelt worden, während
diejenigen zwischen Gesellschaft und Bevölkerung stark vernachlässigt

') Anthropogeographie, I. Teil, 2. Aufl, 1899, S. 101.
        <pb n="14" />
        Gegenstand und Stellung der Bevölkerungslehre 7

worden sind. Nur in Italien und Frankreich sind für diese soziologischen
 Zusammenhänge gewisse Vorarbeiten geleistet worden 2).
Eine Bevölkerungslehre in dem eben dargelegten Sinne ist so
umfassend, daß sie aus dem Rahmen der Volkswirtschaftslehre herausfällt.
 Schon Adolf Wagner hat hervorgehoben, daß die. Bevölkerungslehre
 kein Zweig und Bestandteil der Volkswirtschaftslehre,
 „sondern ein ihr koordiniertes Glied der Gesellschaftswissenschaften
 sei“. Er hat auch die Meinung vertreten, daß die Bevölkerungslehre
 Anspruch darauf habe, neben der politischen Ökonomie als
selbständige Gesellschaftswissenschaft zu gelten ?).
Dem widerspricht es natürlich nicht, daß eine ganze Reihe von
Fragen der Bevölkerungslehre wichtige Bestandteile der National-Ökonomie
 sind und in deren Rahmen eine wichtige Rolle spielen.
Man kann freilich beobachten, daß in der Stellung, welche die Fragen
der Bevölkerungslehre in den Systemen der Nationalökonomie einnehmen,
 wenig Einheitlichkeit vorhanden ist. Das hängt hauptsächlich
 auch damit zusammen, daß über Objekt und Abgrenzung
der Nationalökonomie sehr starke Meinungsverschiedenheiten vorhanden
 sind. Es ist für die vorliegende Frage ein wesentlicher
Unterschied, ob man die Aufgabe der allgemeinen Nationalökonomie
darin sieht, „den Mechanismus des Tauschverkehrs“ zu erklären, oder
ob man als ihren Gegenstand „die auf Befriedigung ihrer Bedürfnisse
gerichtete Tätigkeit des Menschen“ bezeichnet. Je breiter und umfassender
 das Gebiet der Volkswirtschaftslehre aufgefaßt wird, umso
eher lassen sich in ihr wichtige Fragen der Bevölkerungslehre mitbehandeln.

Man kann beobachten, daß entweder — wie z.B. bei Roscher
oder A. Wagner — der Lehre von der Bevölkerung ein eigener,
von den anderen Problemen auch äußerlich abgegrenzter Abschnitt
angewiesen wird oder daß die Behandlung der mit der Bevölkerung
Ausammenhängenden Fragen in das ganze System hineinverwoben
wird. In dem ersteren Falle gelangen in der Regel die Zusammen-')

 Vgl. dazu J. Vanni, Saggi Critici sulla teoria sociologica della Popolazione.
Castello 1886, — A, Loria, La legge di popolazione e il sisteme sociale. 2, ed.
Padua 1897. — Fr. S. Nitti, La population et le systeme social. Aus d. Ital.,
Paris 1897. — A. Coste, Le Facteur Population dans Vl’&amp;amp;volution sociale. Extrait
de la Revue Internationale de Sociologie, Paris 1901. — H. F. S6cretan, La
Population et les Moeurs. Lausanne-Paris 1913. — Von deutscher Literatur vergleiche
F. Müller-Lyer, Die Zähmung der Noraen, 1. Teil: Soziologie der Zuchtwahl
und des Bevölkerungswesens, München 1918.
3) A. Wagner, Grundlegung der politischen Ökonomie, 3. Aufl. 1892, ı. Teil,
1. Halbband, 5. 448.
        <pb n="15" />
        Einleitung

hänge zwischen Bevölkerung und Wirtschaft nur in recht unvollkommener
 Weise zur Darstellung, und man kann sich mitunter des
Eindrucks nicht erwehren, daß ein solch besonderer Abschnitt über
die Bevölkerung doch eine Art von Fremdkörper in dem Ganzen
ist, den man nur in Ermangelung eines anderen, eines besseren
Platzes, an dieser und an keiner anderen Stelle untergebracht hat.
Demgegenüber scheint es zweckmäßiger zu sein, die Fragen der
| Bevölkerung an den Stellen in das System einzugliedern, an denen sie
eine wirtschaftlich oder gesellschaftlich relevante Rolle spielen... Das
kann einmal bei der Behandlung bestimmter ökonomischer Theorien,
wie z. B. bei der Lehre von der Einkommensverteilung, der Lehre
vom Lohn oder der Grundrente, der Fall sein, wobei ja unter Umständen
 der Volkszahl und dem Volkswachstum eine ziemliche Bedeutung
 zukommt. Das kann auch dort der Eall sein, wo in der
Regel einleitend von den Grundlagen und den Bedingungen der
Volkswirtschaft gesprochen wird, zu denen ja auch die Bevölkerung
gehört. Das gilt ferner auch von der Lehre von der Produktion,
wobei die Bevölkerung als Arbeitskraft mit ihrem ganzen Aufbau
und ihrer Gliederung eine wesentliche Rolle spielt. Es sei nur an
die Beziehungen erinnert, die zwischen Arbeitsteilung und Volksdichte
 in einem Lande bestehen. Schließlich sei noch auf das
Problem der quantitativen Beziehungen zwischen Produktion und Konsumtion
 hingewiesen. Hierher gehört nicht nur in gewissem Sinne
die Frage der Wirtschaftskrisen, auch das quantitative Bevölkerungsproblem
 hat in diesem Zusammenhang seine richtige Stellung. Handelt
es sich ja doch dabei um das Gleichgewichtsverhältnis zwischen
Volkszahl und Nahrungsspielraum, d.h. um Veränderungen, die sich
in den Größenverhältnissen zwischen Gütererzeugung und Güterverbrauch
 zeigen oder doch anbahnen.
Diese Bemerkungen sollten nur kurz dartun, wie etwa die Fragen
der Bevölkerung zwanglos in ein System der Volkswirtschaftslehre
eingegliedert werden könnten?). Freilich ist dies dann immer nur
in kurzer Form oder mehr nebenbei möglich. Denn darin ist — wie
schon betont — A. Wagner und Rümelin zuzustimmen, daß die
Bevölkerungslehre kein Bestandteil der Volkswirtschaftslehre, sondern
ein ihr koordiniertes Glied der Gesellschaftswissenschaft ist. Schon
aus systematischen Gründen wird die Volkswirtschaftslehre nie im-1)

 Eingehender darüber P, Mombert, Das Gebiet der Bevölkerungslehre und
ihre Stellung im Rahmen der Sozialwissenschaften, Jahrbücher f. Nat. u. Stat,,
Bd. I14, 1020.
        <pb n="16" />
        Gegenstand und Stellung der Bevölkerungslehre 9

stande sein, die Fragen der Bevölkerungslehre auch nur einigermaßen
ausreichend zu behandeln, auch dann nicht, wenn man ihr Arbeitsgebiet
 noch so weit zieht.
Die Bevölkerungslehre verlangt also eine gesonderte Behandlung
für sich. Um welche Fragen es dabei geht, ist oben bereits dargelegt
 worden: um die Beziehungen zwischen Bevölkerung, Wirtschaft
 und Gesellschaft, die sich in ihrer Entwicklung gegenseitig
beeinflussen und bedingen. Diese Beziehungen lassen sich in doppelter
Weise feststellen und untersuchen: einmal in geschichtlicher, dann
in theoretisch-systematischer Weise. Wenn es gegenseitige Beziehungen
 zwischen Bevölkerung und Wirtschaft gibt, wenn die Entwicklung
 der ersteren auf den Gang der Wirtschaft eines Landes
einen bestimmten Einfluß ausübt und wenn auch das Umgekehrte
der Fall ist, dann muß es möglich sein, solche Beziehungen in der
Geschichte der einzelnen Völker und Länder aufzuweisen. Wir
werden sehen, daß sich auf allen Stufen der menschlichen Entwicklung
 derartige Beziehungen nachweisen lassen und daß daraus dann
auch immer wieder bestimmte Maßnahmen der allerverschiedensten
Art erwachsen sind, die vor allem den Zweck hatten, den Folgen,
die sich aus diesen Beziehungen zwischen Wirtschaft und Bevölkerung
ergaben, in einer. bestimmten Weise zu begegnen. Freilich, erst von
einer bestimmten Stufe der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Entwicklung ab haben diese Maßnahmen eine Form und einen Umfang
 angenommen, daß man sie als bevölkerungspolitisch bezeichnen
kann. Das war erst dort und war erst dann möglich, als mit einer wenn
auch noch so einfachen staatlichen Organisation eine Zentralgewalt_
entstanden war, die solche Maßnahmen festsetzte und durchführte.
Im Zusammenhang mit solchen Problemen hat dann auch schon
frühe ein Nachdenken über diese Zusammenhänge zwischen Wirtschaft
 und Bevölkerung eingesetzt, jedenfalls schon weit früher, als
die ältesten gedruckten Überlieferungen zeigen, die auf uns gekommen
sind. Denn was für die meisten Wissenschaften gilt, das hat auch
volle Geltung für die Bevölkerungslehre, daß die theoretische Überlegung
 und Betrachtung aus den konkreten Fragen des Tages, wie
sie das Leben stellte, erwachsen ist. Lange, ehe man von einer
Bevölkerungstheorie auch nur in bescheidenstem Maße sprechen
konnte, gab es bereits eine Bevölkerungspolitik, die vielfach
tief in das ganze Leben der damaligen Menschheit eingegriffen hat.
Gerade auf dem Gebiet der Bevölkerungslehre ist dieser Zusammenhang
 zwischen Theorie und Praxis ein ganz besonders enger. Nicht
nur, daß die theoretische Betrachtung aus den Erfordernissen des
        <pb n="17" />
        zn

Einleitung

wirklichen Lebens heraus erwachsen ist, noch mehr — bis hinein
in unsere Tage ist die Art und Weise, wie man allenthalben zu dem
quantitativen Bevölkerungsproblem, dem Kernpunkt der Beziehungen
von Wirtschaft und Bevölkerung, Stellung genommen hat, in ganz
besonders hohem Maße aus der politischen und wirtschaftlichen Umwelt,
 aus den politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen heraus,
zu erklären, in denen diese Lehre entstanden ist. Man kann diesen
Zusammenhang von der Antike bis hinein in unsere Tage deutlich
wahrnehmen.
Will man deshalb die Entwicklung von Bevölkerungslehre und
Bevölkerungstheorie darstellen und erklären, so ist das in fruchtbringender
 Weise nur in engem Zusammenhang mit den Beziehungen
möglich, die sich im Lauf der Geschichte selbst in so verschiedenartiger
 Weise zwischen Wirtschaft und Bevölkerung herausgebildet
haben. Darin liegt der Grund, warum in der folgenden Darstellung
die Entwicklung der Bevölkerungslehre in enger Verbindung mit
dem geschichtlichen Ablauf der Beziehungen von Wirtschaft und
Bevölkerung dargestellt wird. Aus einer solch historischen Betrachtung
 heraus ergeben sich dann zwanglos die Probleme, die in einem
zweiten, systematischen Teil behandelt werden müssen.
        <pb n="18" />
        Erster geschichtlicher Teil.

Die Entwicklung von Bevölkerung, Wirtschaft und
Gesellschaft im Zusammenhang mit den Anschauungen
und Lehren darüber.

Erstes Kapitel

Das Problem.

„Die Vermehrung der Bewohner eines Landes verändert deren
Raumverhältnis; indem ihre Zahl zunimmt, nimmt der Raum ab,
den jeder einzelne beanspruchen kann und damit ändern sich auch
alle anderen Lebensbedingungen. Jedes Volk hat diese Entwicklung
lurchgemacht und hat in ihrem Verlaufe gleiche Beziehungen zu
seinem Wohnraum erfahren. Ebenso hat auch die Menschheit, die
Summe aller Völker, diese Entwicklung durchmachen und als Folge
lavon die dadurch gegebenen Veränderungen erfahren müssen.
Dadurch werden die Änderungen der Raumverhältnisse wichtige
5ymptome der Völker- und Menschheitsentwicklung“ !). Mit diesen
Worten hat F. Ratzel auf die allgemeinsten Beziehungen hingewiesen,
 die für die Entwicklung zwischen Bevölkerung und Wirtschaft
 in ihrem geschichtlichen Ablauf maßgebend gewesen sind.
Denn wenn auch die Geographie und speziell die Anthropogeographie
es vor allem mit dem Verhältnis des Lebens zum Raume auf der
Erde zu tun hat, so ist doch auch der Raum in hohem Maße bestimmend
 für das, was Natur und Boden den Menschen als Voraussetzung
 ihres Lebens und ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit bieten.
Auf der einen Seite ist der Mensch in hohem Grade von dem abhängig,
 welche Gaben Natur und Boden ihm zur Verfügung stellen
— auf der anderen Seite sucht er sich jedoch dieser Abhängigkeit
immer wieder zu entziehen. Bedeutet doch produzieren in seinem

) Ratzel a. a. O,, S. 220/20.
        <pb n="19" />
        Erster geschichtlicher Teil

allgemeinsten Sinne nichts anderes als, daß der Mensch der Natur
mehr an Gaben abzuringen sucht, als sie ihm freiwillig darbietet.
Freilich genügt es für unsere Zwecke nicht, nur zu wissen, daß aus
dem Widerstreit zwischen Boden und Menschenzahl für die Menschheit
 Veränderungen erwachsen. Soll die folgende historische Darstellung
 ihrer Aufgabe gerecht werden, die Zusammenhänge zwischen
Wirtschaft, Gesellschaft und Bevölkerung in ihrem geschichtlichen
Verlauf aufzuzeigen, so ist es notwendig, daß wir vorher bereits
einige der Hauptgesichtspunkte kennen lernen, auf die es dabei in
erster Linie ankommt.
Die geschichtliche Entwicklung hat infolge des Volkswachstums
zu einer immer stärkeren Verdichtung der Menschheit geführt; die
Wirkung mußte sein, daß die freiwillig von der Natur gebotenen
Gaben immer knapper wurden. Dies konnte verschiedene Folgen haben.
Wo das eintrat, konnten die Menschen entweder versuchen, das
erforderliche Gleichgewicht zwischen Volkszahl und Nahrungsspielraum
 dadurch wieder herzustellen, daß sie nach Mitteln gegen eine
zu starke Volksvermehrung griffen, oder daß sie den Versuch machten,
neuen Nahrungsspielraum zu gewinnen oder den vorhandenen zu
vergrößern. Bei dem ersten Weg handelt es sich entweder um die
Maßnahmen zur Beschränkung der Geburtenzahl oder um die Abwanderung
 der überschüssigen Bevölkerung; im zweiten Falle dagegen
 um die Schaffung neuen Nahrungsspielraumes durch Gewinnung
 neuer Wohngebiete oder um die Erweiterung des vorhandenen
 durch intensivere wirtschaftliche Tätigkeit. Müssen wir
doch alle wirtschaftliche Arbeit darauf zurückführen, daß der Vorrat,
den die Natur von selbst an Mitteln zum Leben freiwillig zur Verfügung
 stellt, mit steigendem Bedarf in ein Mißverhältnis gerät, wie
es vor allem dort der Fall ist, wo die Menschenzahl zunimmt. Denn
alles Wirtschaften bezieht sich ja nur auf Dinge, die in beschränktem
Umfang vorhanden sind. Freien Gütern gegenüber, d. h. solchen,
die in beliebiger Menge vorhanden sind, wirtschaftet der Mensch
nicht. Cassel hat ja dieses Prinzip der Knappheit zur Grundlage
seines ganzen ökonomischen Systems gemacht.
Wenn man sich diese Zusammenhänge klar macht, dann erkennt
man die Bedeutung, die das Volkswachstum für die Entwicklung der
Menschheit in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht haben
kann. Allerdings begegnet man hier durchaus verschiedenen Auffassungen.
 Die eine sieht in dem Wachstum der Bevölkerung
schlechthin den Hebel und die Ursache alles wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Fortschritts.
        <pb n="20" />
        13
Kowalewsky‘*) schreibt der Bevölkerung bezüglich der Aufeinanderfolge
 der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse
„die hauptsächlichste Bedeutung“ zu. F. v. Raumer®) bezeichnet
als die wichtigste der tatsächlich treibenden Kräfte „das Steigen der
Bevölkerung und das Drängen nach erhöhter Produktion“. W.
Schmidt?) hebt mit Nachdruck den gleichen Zusammenhang hervor,
wenn er schreibt: „Wohin man also blicken mag, von allen Seiten
her offenbart sich die ungeheuere Wichtigkeit der steigenden Volkszahl
 für die Steigerung des Kulturfortschritts“. „Alle Umstände,
welche den Zusammenschluß größerer Menschenmassen verhindern,
sind darum auch ein Hindernis für höhere Kulturentwicklung.“ Bei
H. Schurtz“) lesen wir: „Man kann es ohne weiteres aussprechen,
daß einer der Hauptgründe, der die tiefer stehenden Völker* von
jedem Aufschwung abhält, die geringe Zahl ihrer Mitglieder ist, die
wieder unmittelbar aus der geringen Intensität der Bodennutzung
folgt“. „Innerhalb des Volkes wieder ermöglicht die Menge der
Individuen eine immer ausgiebigere Teilung der Arbeit. Mit dieser
Arbeitsteilung parallel geht die Entstehung höherer gesellschaftlicher
Schichten, die dank dem Umstande, daß sie von ermüdender und
körperlicher Arbeit entlastet sind, nunmehr sich dem eigentlichen
geistigen Fortschritt zu widmen vermögen und gleichzeitig die
Pflege feiner sozialer Instinkte übernehmen ..... Mit der wachsenden
Zahl ändert sich auch naturgemäß die gesellschaftliche Struktur des
Volkes, das Hordenwesen und die Clanverfassung machen dem
Staate Platz, der sich num wieder aus der ihm zur Verfügung
stehenden Menschenmenge seine Organe bildet. Und wenn die
große Volkszahl die notwendige Grundlage der Kultur ist, so.ist ihr
beständiges Anwachsen gleichzeitig ein Ansporn zu weiterem Fortschritt.“
 Vierkandt®) hat darauf hingewiesen, daß sich bei bestimmten
 Völkern, wie bei den Eskimos und den Melanesiern, deutlich
 beobachten lasse, daß der durch die Übervölkerung entstehende
Druck bestimmte wichtige Fortschritte erzwungen habe. Bei den
ersteren haben unter diesem Druck die nautischen Leistungen einen

1. Kap. Das Problem

') Die ökonomische Entwicklung Europas bis zum Beginn der kapitalistischen
Wirtschaftsform, Bd. ı, 1901, S. 50.
3 Fo Raumer, Die Insel Wollin und das Seebad Misdroy 1851. — Zit.
aach G. v. Below, Die deutsche Geschichtsschreibung' von den Befreiungskriegen bis
zur Gegenwart, 2. Aufl., 1924, S. 163.
3 Schmidt u. Koppers, Der Mensch aller Zeiten. 3. Bd., ı. Teil, Gesellschaft
 und Wirtschaft der Völker, 1924, S. 54ff.
*) Urgeschichte der Kultur, 1900, S. 40/41.
5) Die Stetigkeit im Kulturwandel, 1908, S. 34.
        <pb n="21" />
        4

Erster geschichtlicher Teil

erheblichen Aufschwung erfahren. Von Fahlbeck*) rührt der
Satz her: „Die Bevölkerungszunahme, obwohl in älteren Zeiten durch
Krankheiten und Kriege stark zurückgehalten, ist die stärkste Triebfeder
 in der Geschichte der Menschheit gewesen“.
Andere drücken diesen Zusammenhang etwas vorsichtiger aus.
So meint Sombart?), daß die Bevölkerungsvermehrung immer nur
die „Veranlassung“ zu entscheidenden Handlungen sein kann. Die
Bevölkerungsvermehrung kann wohl zur Ersinnung neuer Wirtschaftsweisen
 führen und dadurch einen wesentlichen Einfluß auf den Gang
der Geschichte ausüben. Sie kann aber auch ohne jede solche
Wirkung bleiben, wie Sombart im Hinblick auf China und Indien
meint, „wo die Bevölkerungszunahme nichts als Überfüllung und
Elend erzeugt hat“ Für Penck®) ist die natürliche Vermehrung
der Menschen die Ursache, die zur Verkleinerung der Nährfläche
und damit zur Kulturarbeit drängt und dort zur Verdichtung führt,
wo die durch die geographische Lage bedingte Gunst der klimatischen
 Verhältnisse es gestattet. Schumpeter*) dagegen hat dem
Volkswachstum für die gesellschaftliche Entwicklung nur die „Natur
siner Zwischenursache“ zuerkennen wollen.
Eine besonders große Rolle dagegen spielt für die ganze Entwicklung
 das Moment der Bevölkerung bei den Vertretern der
Sozialbiologie. „Zunehmende Volksdichtigkeit hingegen zwingt zur
Anspannung der gegebenen Kräfte und wirkt so als Fortschrittsferment.
 Es gibt nichts, was für das Aufkommen, Sichbehaupten
und Niedergehen der Völker von so großem Belang ist, wie jene
Anschauungen und Sitten, von denen das Maß der Volksvermehrung
abhängt“ ®).
Eine etwas andere Form nehmen diese Zusammenhänge bei
jenen an, die in dem Volkswachstum nicht die alleintreibende Ursache,
 sondern die unentbehrliche Voraussetzung des wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Fortschritts sehen, und dann auf dieser Grundlage
 die Beziehungen zwischen Volkszahl, Volkswachstum und wirtschaftlicher
 Entwicklung untersuchen. Es ist auch ein ganz wesentlicher Unterschied,
 ob man in einer Erscheinung die Ursache oder nur die Bedingung
 dafür erblickt, daß sich eine bestimmte Entwicklung voll-1)

 Die Klassen und die Gesellschaft, 1922, S. 115.
?) Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus, ı. Halbbd., 1927, S. 8.
°) Klima, Boden und Mensch. Schmollers Jahrbuch, Jahrg. 31, 1907, S. 148.
‘) G. v. Schmoller und die Probleme von heute. Schmollers Jahrbuch,
fahrg. 50, S. 386.
5) Schallmayer, Vererbung und Auslese, 3. Aufl,, 1918, S. 213.
        <pb n="22" />
        I. Kap. Das Problem

15

zieht. Schon bei Sismondi?) finden sich dazu starke Ansätze, die
dann vornehmlich durch Dühring®?) weiter ausgebaut worden sind.
Dühring vertritt die Meinung, daß die Kräfte der Menschen
proportional stärker steigen, als ihrer Zunahme entspricht, weil mit
dem Volkswachstum sich die Organisation der menschlichen Kräfte
anders gestalte. „Dieses Grundgesetz hat demnach die Tendenz,
die Lage der Bevölkerung in dem Grade zu verbessern, als die
Dichtigkeit derselben eine wirksamere Kraftentwicklung gestattet.“
Der vereinzelte Mensch ist am schwächsten und die Stärke einer
Menschengruppe beruht auf der durch ihre Anzahl und Nähe ernöglichten
 Organisation. Ähnliche Anschauungen hat zuvor bezeits
 Carey?) vertreten, wenn er meinte, daß im Jugendalter der
Gesellschaft, in dem die Menschen gering an Zahl, arm und schwach
sind, sie wenig befähigt sind, Forderungen an die Natur zu stellen,
die ihnen deshalb nur geringe und unsichere Vorräte an Nahrung‘
liefert. „Wenn ihre Zahl aber wächst, werden sie instand gesetzt,
zusammenzuwirken und so eine bedeutende Zunahme an Kraft zu
gewinnen.“
Allerdings begegnen wir dann auch wieder ganz anderen Anschauungen.
 Max Weber“*) hat einmal gesagt: „Eine riesige Volksvermehrung
 antwortet auf diese stetige Expansion des Nahrungs-Spielraums
 (so, nicht umgekehrt ist natürlich, wie im gleichen Fall
immer, das Kausalverhältnis)‘“. Von der neueren Entwicklung dieser
Zusammenhänge hat L. Pohle®) einmal gemeint: „Einmal ist es
zrundverkehrt, die Sache so darzustellen, als ob zuerst der Bevölkerungszuwachs
 dagewesen sei und es sich dann darum gehandelt
habe, ihn irgendwie unterzubringen und zu beschäftigen. Gerade
umgekehrt verhält sich die Sache: weil es möglich war, eine vermehrte
 Bevölkerung zu ernähren, deshalb hat sich der stete Bevölkerungszuwachs
 eingestellt“. Auch Dietzel®) vertritt einen
analogen Standpunkt, wenn er ausführt: „Die rasche Zunahme der

') Neue Grundsätze der politischen Ökonomie, 2. Bd., 1902, Buch 7.
*% Cursus. der National- und Sozialökonomie, 3. Aufl,, 1892, S. 100.
*) Lehrbuch der Volkswirtschaft und Sozialwissenschaft, 1866, Kap. 38.
') Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 3, Aufl., Artikel 8: Agrargeschichte,
5. 159.
5) Deutschland am Scheidewege, 1902, S. 85.
3) Weltwirtschaft uud Volkswirtschaft, 1900, S. 118. — Dagegen nimmt gemäß
seiner materialistischen Geschichtsauffassung der Sozialismus eine ganz andere Haltung
ein. Er lehnt die Bedeutung des Volkswachstums als treibendes Element der wirtschaftlichen
 Entwicklung ab. Vergl. dazu M. Beer, Zur Bevölkerungslehre. Neue
Zeit. 25. Jahrg., Bd. I, 1907, S. 567 ff.
        <pb n="23" />
        Erster geschichtlicher Teil

Produktivität ist die Ursache der raschen Volkszunahme in einigen
Au, Hal - Ländern gewesen. Nimmt künftig die Produktivität ab, so wird
fu re  auch die Volkszunahme abnehmen“. Freilich vernachlässigt er auch
#itieiters die andere Seite des Zusammanhangs nicht, wenn er meint, daß
vi nftig die Nahrungsquellen reichlicher fließen werden, „reichlicher
fließen, nicht trotz, sondern wegen weiteren Volkszuwachses“.
Es soll an dieser Stelle nicht darauf eingegangen. werden,
welche der hier wiedergegebenen Meinungen zutreffend sind. Es
sollte sich — wie bereits betont — nur darum handeln, zu zeigen,
welche Gesichtspunkte vor allem bei den nun folgenden historischen
Darlegungen in Frage kommen. Es mag durchaus sein — soviel
sei einstweilen vorausgeschickt — daß die Zusammenhänge auf den
einzelnen Stufen der menschlichen Wirtschaft in der genannten
Hinsicht verschiedene sind.

Zweites Kapitel.
Die primitiven Stufen.
„Für jede Erdstelle liegt durch die ihr eigenen Naturverhältnisse
der Einwirkung des Menschen (der Wirtschaft) gegenüber ein
„Naturzwang“ vor; an jeder Erdstelle sind mit der sogenannten
„natürlichen Ausstattung“ Naturstoffe und -kräfte an ganz bestimmten
Orten und zu bestimmten Zeiten, in ganz bestimmten Mengen und
Qualitäten gegeben. Mit diesem Naturzwang hat sich der Mensch
in irgendeiner Art abzufinden; entweder kann er ihn passiv hinnehmen
 und seine Bedürfnisse entsprechend, örtlich, zeitlich, quantitativ
 oder qualitativ begrenzen oder er kann dagegen reagieren, seine
Bedürfnisbefriedigung von ihm zu befreien suchen“ ... „Wenn der
Mensch seine Bedürfnisbefriedigung nicht vor dem Naturzwang befreit,
 wird die Zahl der Menschen, der Ort ihres Vorkommens, die
Art ihrer Bedürfnisbefriedigung und deren Zeit streng durch den
Naturzwang oder die natürliche Ausstattung des betreffenden Erdraumes
 reguliert. Wo die Natur ungünstig ist, können dann nur
wenige Menschen sich aufhalten, und ihre Zahl hat ihre festen
Schranken, sie schwankt auch mit der Gunst der Natur der verschiedenen
 Jahreszeiten *).
Auf den untersten Stufen stehen die Menschen vollkommen
unter diesem Naturzwang. Sie erhalten nur das an Nahrung, was

1 E. Friedrich, Allgemeine und spezielle Wirtschaftsgeographie, 4. Aufl.
1926, 5. 73/74 u. 77.
        <pb n="24" />
        2, Kap. Die primitiven Stufen 17

ihnen die Natur freiwillig bietet. Sie selbst können in dieser Hinsicht
 noch keinen Einfluß ausüben, der Natur mehr abnehmen, als
sie freiwillig gibt, sie verstehen es noch nicht, deren Widerstand zu
überwinden. Unter solchen Voraussetzungen ist der Nahrungsspielraum
 eines bestimmten Gebietes keiner Erweiterung fähig. Diese
Stufe, auf der die niedrigsten uns bekannten Völkerschaften stehen, bezeichnet
 man als diejenige der individuellen Nahrungssuche;
man spricht auch von Sammelwirtschaft, wobei es an dieser
Stelle dahingestellt sein soll, ob man auf jener Stufe bereits von
einer wirtschaftlichen Tätigkeit sprechen darf. Hier besteht die
Tätigkeit der Menschen lediglich darin, das zu sammeln und zu verzehren,
 was die Natur freiwillig an Gaben bietet. Auf dieser Stufe,
die wir wohl heute nirgends mehr in voller Reinheit antreffen, spielt
der Mensch der Natur gegenüber eine durchaus passive Rolle. Das
ist auch noch dort der Fall, wo der Mensch einfache Werkzeuge
benutzt, wie Keule, Speer oder Bogen, um damit seine Nahrungsmittel
 besser gewinnen zu können. Zwar haben wir es bei diesen
sogenannten „niederen Jägern“ schon mit einer etwas höheren
Wirtschaftsform zu tun; aber die starke Gebundenheit an die Natur,
daß der Mensch nur das nimmt, was sie ihm darbietet, ist auch
hier im wesentlichen noch vorhanden. Der Mensch kann hier noch
keinen stärkeren Einfluß auf die Größe seines Nahrungsspielraumes
ausüben. „Die früheste Wirtschaftstätigkeit besteht nicht schon im
eigentlichen Erzeugen der Lebensunterhaltsmittel, sondern im Einsammeln,
 im Ergreifen der von der Natur dargebotenen Gaben.
Auch das Erlegen von Jagdtieren ist zunächst nur ein Ergreifen,
allerdings nicht mehr ein Ergreifen mit der bloßen Hand, sondern
unter Anwendung einiger Arbeitswerkzeuge!). Man hat deshalb
schon eine Aneignungs- oder Raubwirtschaft von der
heutigen Produktionswirschaft — wobei diese letztere natürich
 einen verschiedenen Grad von Intensität annehmen kann —
unterschieden, Auf dieser Stufe, auf der der Mensch eigentlich gar
keinen Einfluß auf die Größe seines Lebens- und Nahrungsspiel-‘aUM€eS
 ausüben kann, spielt das Verhältnis zwischen diesem und
ler Zahl der Menschen eine so einschneidende Rolle, wie auf
keiner anderen Stufe.

” H. Cunow, Allgemeine Wirtschaftsgeschichte. ı. Bd.: Die Wirtschaft der
Natur- und Halbkulturvölker, 1926, S, 77. — Vgl. dazu weiter Moszkowski, Vom
Wirtschaftsleben der primitiven Völker, 1911. — E. Grosse, Die Formen der Familie
ınd der menschlichen Wirtschaft, 1896. — Ferner Schmidt und Koppers, a. a. O.
Diehl-Mombert, Grundrisse. Ba. 15.
        <pb n="25" />
        Erster geschichtlicher Teil

Das zeigt sich in einer doppelten Weise, einmal in den Maßnahmen,
 die sich auf die Fürsorge für die Nahrung beziehen und
dann in den Maßnahmen, bei denen es sich um die Verhinderung
eines zu starken Volkswachstums handelt. Beides steht dabei in
engstem Zusammenhang. Die Tatsache, daß es sich auf dieser
Stufe nur um eine Aneignung von Naturgaben handelt, bewirkt,
daß nach einiger Zeit die Wohngebiete an Lebensmitteln lerschöpft
sein müssen. Davon hängt es in erster Linie ab, ob die betreffenden
Menschen längere oder kürzere Zeit an dem gleichen Orte wohnen
können oder ob sie gezwungen sind, immer wieder andere Gebiete
aufzusuchen, in denen ihnen die Natur wieder die Gaben bietet,
derer sie zum Leben bedürfen. Damit hängt die nomadisierende
Lebensweise dieser Völkerschaften zusammen, die Tatsache, daß sie
zum Zweck der Nahrungssuche ständig umherwandern. Nur, wo
die Nahrungsmittel in einzelnen Gebieten reichlicher vorhanden sind,
da kann man auch eine größere Stetigkeit in den Wohnsitzen und eine
größere Seßhaftigkeit beobachten. Wenn der Nahrungsspielraum,
den ein bestimmtes Gebiet gewährt, erschöpft ist, wird ein neues
Gebiet aufgesucht. Freilich ist das Wandern zu diesem Zweck in
der Regel auf einen relativ engen Raum beschränkt.
Aus diesem Verhältnis zwischen Volkszahl und Wirtschaft ergeben
 sich zwangsläufig ganz bestimmte gesellschaftliche Wirkungen,
KRatzel hat davon einmal gesagt: „Eine dünne Bevölkerung, die
einen weiten Boden, wenn auch in bestimmten Grenzen, nötig hat,
erzeugt den Nomadenstaat, der wegen des Schutzes des weiten
Raumes durch seine wenigen Bewohner immer eine militärische
Organisation und Spitze haben wird. Bindet sich die Gesellschaft
durch den Ackerbau fester an den Boden, so erteilt sie dem Staat
Merkmale, die von der Zuteilung des Bodens an die Familie abhängen“
 ”). In welchem Maße die gesellschaftliche, oder wenn man
so will, die staatliche Organisation von den Verhältnissen des Menschen
zum Nahrungsspielraum abhängt, kann man gerade bei diesen
niederen Jägern auf das deutlichste beobachten. Denn dort, wo die
Menschen immer gezwungen sind, zur Gewinnung ihrer Nahrung
ihr Gebiet dauernd zu durchwandern und wo dieses Gebiet, wie so
häufig, nur den dürftigsten Lebensunterhalt bietet, da können sich
keine größeren politischen Einheiten herausbilden. Wir begegnen
hier als der ursprünglichsten Form der gesellschaftlichen Gliederung
der menschlichen Horde, die man schon als Parallelerscheinung zur

‘Ja. a. OO, S. 73.
        <pb n="26" />
        2. Kap. Die primitiven Stufen 19
tierischen Herde bezeichnet hat!) Diese Horden sind lose organisierte
 Gebilde, bestehend aus einigen Großfamilien, deren Zahl uns
im allgemeinen mit 30 bis höchstens 200 angegeben wird ?). Größere
gesellschaftliche Gebilde sind unter diesen knappen Lebensverhältnissen,
 die zum steten Umherwandern zwingen, unmöglich. „Alle
wirtschaftlichen Zustände und Veränderungen wirken tief auf die
gesellschaftlichen Verhältnisse und damit auf die ganze Beschaffenheit
 der Kultur ein. So kann z. B. weder bei den unsteten Völkern
(Sammlern), noch bei den Nomaden der stoffliche Kulturbesitz einen
großen Umfang annehmen, da jedes Besitztum wertlos ist, das nicht
auf den beständigen Wanderungen mitgeführt werden kann“ 5.
Aber nicht nur, daß solche wirtschaftliche Faktoren für die Art
der gesellschaftlichen Organisation eine maßgebende Rolle spielen,
auch die Größe dieser Horden wird in entscheidender Weise davon
beeinflußt, wie sich das Verhältnis zwischen Volkszahl und Nahrungsspielraum
 gestaltet. Knabenhans sagt von den australischen
Eingeborenen: „Entsprechend der im allgemeinen dürftigen Aus-Stattung
 des australischen Kontinents und einer damit zusammenhängenden
 ganz ungewöhnlichen Auflockerung seiner eingeborenen
Bevölkerung sind hier die als autonome politische Gemeinwesen
funktionierenden Körperschaften in der Regel noch sehr klein und
vereinigen im Durchschnitt kaum ein volles Hundert Menschen auf
sich. Hiervon gibt es jedoch eine Reihe bemerkenswerter Ausnahmen.
[In verschiedenen, von der Natur begünstigten geographischen Bezirken,
 insbesondere in Küstengebieten, die der nötigen Bewässerung
nicht entbehren und wo neben einem ausreichenden Vorrat an
genießbaren Vegetabilien auch die Jagd und der Fischfang reichlichere
 und konstantere Erträgnisse liefern, müssen meist die Eingeborenen
 in viel dichteren Beständen und numerisch stärkeren Verbänden
 zusammengelebt haben“ %),
Koppers faßt die Ergebnisse zahlreicher Forschungen in die
Worte zusammen: „Man sieht, die Mitgliederzahl einer Gruppe ist
dort am kleinsten, wo die Ernährungsverhältnisse die prekärsten sind
(Tasmanien, Australien, wozu besonders noch das Eskimopgebiet

1 R .
) W. Wundt, Völkerpsychologie, Bd. 7. Die Gesellschaft, ı. Teil, 1917,
S. 87/88 u. 228ff.
. 2) Vgl. die bei A. Knabenhans „Die politische Organisation bei den australischen
 Eingeborenen“, 1919, S. 37 ff, gemachten Angaben,
%) H. Schurz, Völkerkunde, 1903, S. 63. — Vgl. auch dessen „Urgeschichte
der Kultur, 1900, S. 40ff.
4) a. a. O., S. 45.
        <pb n="27" />
        ZU

Erster geschichtlicher Teil

sich stellt). Überall sonst pflegen zumeist auch die niederen Jäger
schon in größeren Gruppen zu erscheinen und zwar ganz deutlich
auf Grund besserer Vorbedingungen für den notwendigen Lebensunterhalt“
 *). Auch innerhalb dieser Horden gibt es eine Art von
Häuptling. „Zu seinen Obliegenheiten gehört die Regelung der
Wanderungen. Er achtet darauf, daß die nämlichen Bezirke nicht
zu oft überwandert werden und dadurch Nahrungsmangel entsteht“ 2).
Wir haben es hier also mit einer Art von primitiver Bevölkerungspolitik
 zu tun.
Daß auch das Umherwandern, das stete Aufsuchen immer wieder
neuer Jagdgründe, auf dieser Stufe nicht vor der schlimmsten Not
schützt, dafür gibt es unzählige Belege. Eylmann schreibt über die
Eingeborenen Südaustraliens: „Bevor ich zum zweiten Abschnitt dieses
Kapitels übergehe, möchte ich nachdrücklich vor einer zu günstigen
Beurteilung der Ernährung der Binnenlandstämme warnen. Die besprochenen
 Nahrungsmittel, die in Frage kommen, bilden allerdings
eine stattliche Reihe, obwohl nicht einmal die Mehrzahl der Vegetabilien
 berücksichtigt ist, die von Bedeutung sind. Es kann zwar
nicht in Abrede gestellt werden, daß auch der Bewohner des Inneren
zuweilen im Überfluß schwelgt. Die Zeiten erlebt er aber nicht oft,
wo alle Wasserlöcher gefüllt sind, das rote und gelbe Erdreich ein
grüner Pflanzenteppich deckt und an Wildfrüchten und Wurzeln aller
Art kein Mangel ist. Dagegen muß er während der häufigen Dürren
Ditter Not leiden, wenn das Wild größtenteils zugrunde gegangen
oder ausgewandert ist und die Nahrungspflanzen nur eine schlechte
Ernte liefern“®), Von den Buschleuten der Kalahari schreibt
Passarge: „Das Leben des Buschmanns ist hart genug, aber er ist
froh, wenn er immerhin imstande ist, unter Entbehrungen, hungernd
und durstend, sein Leben zu fristen. Es gibt aber auch viel schlimmere
Zeiten für ihn. Nehmen wir einmal an — und das ist nicht
selten der Fall — daß die Regen am Ende des Jahres ausbleiben.
Die Melonen sind zu Ende, die Knollen geschrumpft, saftlos, der
S5augbrunnen versagt. Was tun? Drei, vier, fünf stramme Marschtage
 trennen die Familie von jedem Wasser. Aber selbst der Buschmann
 kann nicht mehr aushalten. Schon sind sie alle erschöpft. Es
gibt nur die eine Möglichkeit, Tod oder Durchbruch zum nächsten
Wasser, Man läßt alles irgendwie entbehrliche zurück, Hausgeräte,
Felle und vorwärts geht es, so schnell jeder kann ..... Vielleicht
N Koppers, a. a. O., S. 419.
') Knabenbans, a. a. O., S. 116.
’) Die Eingeborenen der Kolonie Südaustralien 1908.
        <pb n="28" />
        2. Kap. Die primitiven Stufen 21

rettet der Fund eines Nestes mit Straußeneiern der Familie das
Leben. Wehe dem Kind, wehe dem Greis, wehe dem Kranken, die
aus Hunger und Durst und Schwäche zurückbleiben. Niemand
zümmert sich um sie, rettungslos sind sie verloren“ ».
Es handelt sich aber unter solchen Verhältnissen nicht allein
um ein Umherwandern, um neue „Jagdgründe“ aufzusuchen, wenn
der Inhalt der alten gewissermaßen aufgezehrt ist. Dieser Wanderbewegung
 liegt auch häufig eine gewisse Regelmäßigkeit zugrunde,
indem der Nahrungsgewinnung wegen das Wohngebiet einem bestimmten
 jahreszeitlichen Wechsel unterliegt. Die Buschleute der
Kalahari haben entsprechend dem Wechsel von Regen- und Trockenzeit
 zwei verschiedene Bezirke, in denen sie leben. Das gilt aber
auch von Stufen, deren Lebensweise eine wesentlich höhere ist. Von
den Indianern Nordwestbrasiliens erzählt Koch-Grünberg: „Der
obere Rio Negro und seine großen Nebenflüsse .. . sind außerordentlich
 reich an Fischen, die das ganze Jahr hindurch in beständiger
 Wanderung begriffen sind und dadurch manche ansässigen
Stämme zu einem zeitweiligen Nomadenleben zwingen. Zur Zeit
des niedrigen Wasserstandes, in den Monaten Dezember bis März,
wenn die kleineren Zuflüsse fast austrocknen, ziehen sich die Fische
in den Hauptfluß zurück. ... Dann verlassen die Indianer ihre für
die trockene Jahreszeit weniger günstig gelegenen Dörfer und begeben
 sich mit ihrem ganzen Haushalt, mit Kindern und Hunden, an
diese fischreichen Plätze, um auf verschiedene Weise der willkommenen
Beute nachzustellen. . .. Ist der Platz ausgebeutet, so zieht die ganze
Bande weiter, Durchschnittlich bleiben die Indianer drei Monate
auf der Wanderschaft“ ?), Ähnliches hören wir von den Polarvölkern,
Von den Mongolen berichtet Ratzel, daß jeder Stamm seine jahreszeitliche
 Bewegung habe. „Im Winter erlaubt der größere Wasserreichtum
 den Gruppen, sich in geschützten Tälern zu vereinigen,
der trockene Sommer zwingt sie dann, sich über einen möglichst
weiten Raum zu zerstreuen, um alle Wasserstellen und Grasplätze
auszunutzen“. ,. . „Innerhalb der bestimmten Grenzer hängen die
Wanderungen über einen Strich Landes von 500—1000 Quadratkilometern
 immer ab von der Temperatur, der Weide und den
Wasservorräten“ 3),
Diese kurzen Bemerkungen müssen hier genügen um darzutun,
auf welche Weise auf diesen primitiven Stufen die Menschen bestrebt

1) S. Passarge, Die Buschmänner der Kalahari, 1907, S. 73—974.
* Koch-Grünberg, Zwei Jahre unter den Indianern, 1910, 2. Bd., S. 27, 28.
3) a. a. O., S. 1490.
        <pb n="29" />
        WS

Erster geschichtlicher Teil

sind, sich den erforderlichen Nahrungsspielraum zu beschaffen und wie
davon ihre ganze Lebensweise auf das stärkste beeinflußt wird.
Freilich liegt darin nur die eine Seite dieser primitiven Bevölkerungspolitik.
 Wir begegnen jedoch gerade als Folge dieser
zwangsläufigen und harten Beziehungen zwischen Wirtschaft und
Bevölkerung auf dieser Stufe tief einschneidenden Mitteln, um die
Volkszahl selbst zu beeinflussen und der Größe des Nahrungsspielfaumes
 anzupassen.
Bei der Fortpflanzung und dem Wachstum der primitiven
Völkerschaften ist jedoch zweierlei scharf zu scheiden. Auf der
einen Seite ist häufig beobachtet worden, daß zahlreiche dieser
Völkerschaften, vor allem auch in den Kolonien, in starker Abnahme
und vielfach im Aussterben begriffen sind !). Das hat — wie neuere
Forschungen gezeigt haben — mannigfache Ursachen. In vielfacher
Hinsicht hat zunächst die Berührung mit den Europäern einen sehr
ungünstigen Einfluß ausgeübt. Es handelt sich namentlich um die
Einschleppung von Krankheiten, um den Mißbrauch von Alkohol,
aber auch um die Zerstörung alter gesellschaftlicher Einrichtungen.
„Die höhere Kultur lähmt vielfach die Schaffenslust der auf ganz
anderen wirtschaftlichen Grundlagen stehenden Naturvölker.“ Auch
die Einschränkung ihres Wanderbereichs und das Abschießen des
Wildes durch die Europäer mußte die Lebensweise dieser Völkerschaften
 ungünstig beeinflussen. Dazu kommen noch die äußerst
schlechten hygienischen Zustände, die eine hohe Sterblichkeit, vornehmlich
 auch im Kindesalter, zur Folge haben. Auch die ungünstigen
 äußeren Lebensverhältnisse, die wir bereits kennen gelernt
haben, sind als Hindernis eines Wachstums dieser Völkerschaften
zu betrachten. Hierher gehören die immer wieder ‚auftretenden
Hungersnöte; auch dort, wo bereits ein primitiver Ackerbau besteht,
üben Wetter und Mißernten auf die Lebenslage einen wesentlich
stärkeren Einfluß aus als bei uns, weil der primitive Mensch vielmehr
von der Hand in den Mund lebt und für die Zukunft keine Vorsorge
 trifft. +
Dazu treten aber dann noch die mannigfachen Bestrebungen,

*) Vgl. zu dieser Seite der Frage: W. H. R. Rivers, Essays on the depopulalion.
 of Melanasia. Cambridge 1922. — H. Blum, Das Bevölkerungsproblem im
stillen Weltmeer, 1922. — H. Fehlinger, Die Fortpflanzung der Natur- und Kulturvölker,
 1921. — O. Peiper, Der Bevölkerungsrückgang in den tropischen Kolonien
Afrikas und der Südsee, 1920. — Derselbe, Geburtenhäufigkeit, Säuglings- und
Kindersterblichkeit und Säuglingsernährung in dem früheren Deutsch-Ostafrika, 10920, —
E. Gerland, Über das Aussterben der Naturvölker, 1868.
        <pb n="30" />
        2. Kap. Die primitiven Stufen 23
die Volkszahl künstlich klein zu halten und sie so in Einklang mit
den ungünstigen äußeren wirtschaftlichen Verhältnissen zu bringen.
Carr-Saunders!) hat neuerdings diese Seite der Frage, die Regulierung
 der Volkszahl auf den primitiven Stufen, besonders eingehend
 behandelt. Vor allem im Zusammenhang mit der so häufig
und so regelmäßig auf diesen Stufen auftretenden Not und den
kümmerlichen Voraussetzungen alles Lebens, begegnen wir immer
wieder Maßnahmen, um ein starkes Anwachsen der Volkszahl zu
begrenzen, wie hauptsächlich der Fruchtabtreibung und der Kindertötung.
 Von den Buschleuten berichtet Passarge: „Das Ernähren
und das Aufziehen eines Kindes erfolgt nur dann, wenn die Mutter
genügend Nahrung hat, also selbst in genügendem Ernährungszustand
sich befindet und wenn das letzte Kind bereits so weit entwickelt
ist, daß es sich selbst Wurzeln und Knollen graben, Melonen usw.
sammeln kann. Ist das nicht der Fall, so wird das Neugeborene
lebendig begraben. Denn bei der Härte des Lebens und dem Kampf
ums Dasein ist es der Buschmannfrau nicht möglich, zwei Kinder
auf einmal aufzuziehen. Stirbt eine Frau infolge der Entbindung,
so wird das Kind mit ihr beerdigt“?). Damit und mit der großen
Kindersterblichkeit hängt dann die geringe Zahl von Kindern zusammen,
 der wir im allgemeinen auf diesen Stufen begegnen.
Allerdings — es sei nur auf die eben genannten Arbeiten
von Peiper hingewiesen — spielen auch noch manche andere
Faktoren dabei eine Rolle, aber in der Hauptsache muß man doch
in der geringen Kinderzahl auf diesen Stufen ein Mittel sehen, um
die Volkszahl dem vorhandenen Nahrungsspielraum anzupassen,
J., Wolf hat mit Recht hervorgehoben, daß gerade auf diesen
primitiven Stufen das Malthussche Bevölkerungsgesetz, daß
die Zahl der Menschen ständig gegen den Nahrungsspielraum preßt
ünd von nichts anderem, als von dessen Größe abhängt, volle Geltung
besitzt. Hier preßt die Natur mit voller Stärke gegen die Volkszahl
und der Mensch ist noch nicht imstande, der Natur mehr an Gaben
abzunehmen, als sie ihm freiwillig darbietet.
Freilich begegnen wir schon auf diesen einfachen Stufen noch
anderen Mitteln und Wegen, den Gefahren, die aus einer un-‘)

 Carr-Saunders, The population problem, Oxford 1922. — Vgl. dazu auch!
J. v. Koch, Der Zusammenhang zwischen Natur, Wirtschaft und Bevölkerung bei den!
Eingeborenen des australischen Festlandes. Diss., Freiburg 1921. — Külz, Zur
Biologie und Pathologie des Nachwuchses bei den Naturvölkern, 1919. — M, Schmidt,
Grundriß der ethnologischen Volkswirtschaftslehre, 2. Bd., 1921, S. 60ff.
2 Passarge a. a. O.
        <pb n="31" />
        ZA

Erster geschichtlicher Teil

günstigeren Gestaltung des Nahrungsspielraumes drohen können, zu
entgehen, Es handelt sich um den Nahrungsausgleich zwischen
mehr oder weniger ergiebigeren Jahreszeiten. Wir hören mitunter,
daß diese Völkerschaften Nahrungsmittel für die weniger ergiebige
Jahreszeit, namentlich durch Räuchern, konservieren.
Es ist eine heiß umstrittene Frage, in welcher Weise sich aus
diesen einfachen Verhältnissen heraus eine höhere wirtschaftliche
Kultur, vor allem Seßhaftigkeit und Ackerbau, also die Voraussetzungen
 einer größeren Volksdichte, und eines stärkeren Volkswachstums,
 ausgebildet haben. Auf der einen Seite finden wir häufig
betont, welch große Bedeutung für den wirtschaftlichen Fortschritt
der Not und dem äußeren Zwang zukommt, wie sehr der Fortschritt
davon abhängt, daß die steigende Volksdichte zu intensiverer Arbeit
und besserer Ausnutzung des Bodens gezwungen hat. Wir werden
diesem Zusammenhang, der einen sehr richtigen und wichtigen Kern
enthält, später noch öfters begegnen. Für den etsten Aufstieg aus
den primitiven Zuständen trifft jedoch dieser Zusammenhang nicht
zu. Es wäre sonst auch nicht zu erklären, daß und warum so zahlreiche
 Völkerschaften bis hinein in unsere Tage auf dieser Stufe
der Sammelwirtschaft und der niederen Jäger stehen geblieben sind.
Müller-Lyer hat einmal gesagt, daß es leichter zu begreifen sei,
„daß das Neue aus dem Überfluß hervorquillt, als daß es aus dem
verschrumpfenden Mangel entspringen sollte. Denn die Notdurft läßt
das geistige Leben verkümmern und die erfinderische Tätigkeit ist
deshalb bei primitiven Völkern, denen es an Not wahrlich nicht
gebricht, auf ein Minimum reduziert, während sie bei den reichsten
Nationen ihre höchsten Triumphe feiert!) B. Kohn?) meint, daß
die bessere, gesichertere wirtschaftliche Basis zunächst eine größere
Anreicherung der Bevölkerung gestattete und eine erhöhte Bevölkerungszahl
 und -dichte schuf. Es waren stets bestimmte natürliche
 Voraussetzungen erforderlich, die z. B. in Ozeanien fehlten,
um eine größere Verdichtung der Bevölkerung zu ermöglichen.
Müller-Lyer hat darauf hingewiesen ®), daß zuerst in den fruchtbaren
 chinesischen Flußebenen des Jang-tse-Kiang und des Hoang-ho,
im babylonischen Zweistromland, im Nilland Ägypten und dem
Gangesland der östlichen Inder die Zivilisation aufgeblüht sei.
Auch Cunow hat nachdrücklich hervorgehoben, daß ein reines

‘) Phasen der Kultur, 1908, S. 306.
’) Weltgeschichte von L. M. Hartmann, ı. Bd., 1910. — E. Kohn, Urgeschichtliche
 Einleitung, S. 18.
3) a. a. O,, S. 260.
        <pb n="32" />
        2. Kap. Die primitiven Stufen 25

Jägervolk erst seßhaft werden muß und dann erst zur Stufe des Ackerbaues
 übergehen kann. Seßhaftigkeit ist jedoch erst möglich, wo
eine bestimmte Stufe des Nahrungserwerbs zuvor erreicht ist. „Der
Ackerbau ist nicht Vorbedingung der Seßhaftigkeit, sondern eine gewisse
 Seßhaftigkeit. d. h. die Niederlassung in festen Siedelungen
ist Vorbedingung des Übergangs zum Ackerbau. Erst müssen die
Jägervölker zu festen Niederlassungen und zur Möglichkeit der Anhäufung
 von Lebensmittelvorräten gelangt sein, ehe sie zum Anbau
 überzugehen vermögen. Jägervölker jener Entwicklungsstufe,
auf der die Australier stehen, können gar nicht ohne weiteres zum
Anbau übergehen, da sie — ganz abgesehen von ihrem Wandertrieb
 — von der Hand in den Mund leben und irgendwelche nennenswerten
 Nahrungsvorräte nicht besitzen. Sie würden daher in der
Zeit von der Bodenbestellung bis zur Fruchtreife verhungern, denn
der Jagdbetrieb von festen Siedelungen aus sichert ihnen infolge
der Minderwertigkeit ihrer Jagdtechnik keine ausreichende Versorgung
 !).“ Von den Aruaken berichtet M. Schmidt%), daß ein
Grund ihrer Seßhaftigkeit in der Anhäufung von Vorräten für
die ungünstige Jahreszeit liege, daß aber dann mit immer mehr zunehmender
 Seßhaftigkeit sich die Bedürfnisse des inneren Haushalts
steigerten und daß deren Befriedigung einen immer größeren Arbeitsaufwand
 erforderlich mache.
Man kann also für die Verhältnisse auf diesen primitiven Stufen
keineswegs sagen, daß das Volkswachstum allein die entscheidende
Ursache für die Ausweitung des Nahrungsspielraumes ist, Erst
wenn derselbe so ergiebig ist, daß er eine seßhafte Lebensweise gestattet,
 ist damit auch die Möglichkeit weiterer wirtschaftlicher Fortschritte
 und der Übergang zum Ackerbau gegeben. Wenn dann
sine solche Entwicklung einsetzt, kann auch die Bevölkerung stärker
wachsen und zu einer größeren Dichte gelangen. Wenn man demnach
 für den ersten Aufstieg aus der Stufe der niederen Jäger die
grundlegenden Voraussetzungen durchaus bei den natürlichen Gaben
des bewohnten Gebietes suchen muß und wenn man nicht das
Volkswachstum rein mechanisch als treibenden Faktor hinstellen
darf, so widerspricht es dem keineswegs, daß vielleicht auf höheren
Stufen dem Volkswachstum für den weiteren Gang der wirtschaftlichen
 Entwicklung eine wesentlich stärkere Rolle zukommt. Es
widerspricht auch nicht dem Gesagten. wenn man bereits betont

!) aa. O., S. 119,
?) M. Schmidt, Die Aruaken, 1917, S. 30—31.
        <pb n="33" />
        6

Erster geschichtlicher Teil

hat, daß ein Volk dort am schnellsten zu wirtschaftlichen Fortschritten
 gelangt, wo der Mensch Kopf und Hand anstrengen muß,
um sich seinen Lebenswandel zu beschaffen und daß dies nicht dort
der Fall ist, wo ein Volk in einer üppig wuchernden, reiche
Nahrungsmittel darbietenden Naturumgebung wohnt!). Denn auch
dafür, daß der Mensch Kopf und Hand mit Erfolg anspannen kann,
Nüssen gewisse natürliche Voraussetzungen vorhanden sein.
Es handelt sich bei diesen Zusammenhängen um enge Wechselwirkungen.
 Nicht nur, daß günstige äußere Lebensbedingungen
eine seßhafte Lebensweise und damit den Übergang zum Ackerbau
und so eine größere, dichtere Bevölkerung ermöglichen, eine gewisse
 dichtere Bevölkerung ist vielmehr auch die unerläßliche Bedingung
 einer bestimmten wirtschaftlichen Stufe und Entwicklung.
Wir können beobachten, daß dort, wo die natürlichen Voraussetzungen
 eine gewisse Volksdichte einmal möglich gemacht haben,
ein Volk nicht auf dieser Stufe stehen bleibt, sondern auf dem
einmal eingeschlagenen Wege des wirtschaftlichen Fortschritts — dann
aber vielfach in engem Zusammenhang mit dem weiteren Volkswachstum
 — fortschreitet.
Wo solche Völkerschaften seßhaft werden und zum Ackerbau
übergegangen sind, da kann man dann wieder den Einfluß des
weiteren Volkswachstums auf die gesellschaftlichen Einrichtungen
feststellen. Ein Sondereigentum an Grund und Boden gibt es nämlich
auf diesen ersten Stufen der wirtschaftlichen Entwicklung noch nicht.
Ein Eigentum bestand nur an den Gütern, die man durch eigene
Arbeit geschaffen hatte, wie an Waffen und Schmuckgegenständen.
Der Boden ist Gemein- oder Gruppeneigentum; er hat auf dieser
Stufe noch keinen Wert. Das sind Verhältnisse, wie man sie bei
manchen Völkerschaften noch bis hinein in unsere Tage antreffen
kann und wie wir sie auch bei den Germanen bei ihrem Eintritt in
die Geschichte vorfinden. Es gibt nur Besitz, also nur ein Nutzungsrecht,
 wie es z. B. Brun von den Maori auf Neuseeland beschreibt,
wenn er sagt: „Hatte er ein Stück Land urbar gemacht, so konnte
er es lebenslänglich oder solange es. ihm beliebte, benutzen und
wohl seine Nachkommen auch“?%. Für die neuere Zeit schreibt
Keußler über gewisse Gebiete Rußlands: „Bei unermeßlichem
Landreichtum und dünner Bevölkerung hat der Grund und Boden
in jenen nördlichen Landstrichen fast keinen höheren Wert ale die

u Cunow a. a, O., S. 122/23.
?* W. v. Brun, Die Wirtschaftsorganisation der Maori auf Neuseeland, 1012,

A
re
        <pb n="34" />
        3. Kap. Das Altertum

27

auf die Bestellung verwandte Arbeit. Das ausgedehnte Land lag
bei dünner Bevölkerung einem Jeden zur freien Okkupation offen“ !).
Es ist leicht einzusehen, daß sich diese Verhältnisse ändern
müssen, wenn mit der Zunahme der Bevölkerung der verfügbare
Boden knapper wird. „Je mehr die Bevölkerung wächst, um so mehr
dehnt sich der Ackerbau aus und nimmt der Vorrat an noch wüstem
Land oder ungerodetem Land ab. Dadurch gewinnt auch dieses
einen Wert und so entsteht das Grundeigentum, d. h. ein Recht
auf an noch ungerodetem Land oder ein Recht an dem Grund und
Boden als solchem, ganz unabhängig von jeder darauf verwandten
Arbeit“), Mögen bei der Entstehung und Ausbildung des Sondereigentums
 an Grund und Boden auch manche anderen Faktoren
mitgespielt haben, wie z. B. die Aussonderung der Familien als
selbständige wirtschaftliche Einheiten aus der Menschenhorde 3), so
ist es doch zweifellos, daß dabei auch das Knapperwerden des Bodens,
d. h. die Größenverhältnisse zwischen Nahrungsspielraum und Volkszahl,
 eine wesentliche Rolle mitgespielt haben. Freilich handelt
es sich bei diesen gesellschaftlichen Auswirkungen des Volkswachstums
um eine Entwicklung, die sich vielfach erst auf höheren Stufen der
wirtschaftlichen Kultur abgespielt hat.

Drittes Kapitel.

Das Altertum,
Die Entstehung des Ackerbaues und des Sondereigentums kann
als der Abschluß der untersten Wirtschaftsstufe angesehen werden 4).
Das ist damn der wirtschaftliche Zustand, dem wir im allgemeinen
im Altertum begegnen. Was wir für diese Zeit über die Volkszahl
wissen, ist bei Griechenland und Rom nicht unerheblich, wenngleich
doch zahlreichen dieser Ergebnisse nur ein geringer Grad von Zuverlässigkeit
 zukommt.
In älterer Zeit hatte man über die Verhältnisse der Bevölkerung
der Staaten des Altertums recht falsche Vorstellungen, die zum Teil
aus den Angaben antiker Schriftsteller herrühren. Diodor, der in
der Zeit des Kaisers Augustus schrieb. vertrat die Meinungs, daß die

1) v. Keußler, Zur Geschichte und Kritik des bäuerlichen Gemeinbesitzes in
Rußland, Bd. ı, 1876. Cit. nach R., Hildebrand, „Recht und Sitte auf den primiiveren
 wirtschaftlichen Kulturstufen‘“, 2, Aufl. 1007, S. 46/47.
% Hildebrand a. a. O,, S, 134.
3) Diesen Zusammenhang betont besonders P. E. Fahlbeck a. a. 0.
) M. Moszkowski, a. a. 0... 8. 10.
        <pb n="35" />
        28

Erster geschichtlicher Teil

Bevölkerung in der Urzeit Griechenlands weit zahlreicher gewesen
sei, als zu seiner Zeit. Zahlreiche Schriftsteller haben dann in der
Neuzeit ähnliche Meinungen geäußert. Justi hat in seiner Staatswirtschaft
 gesagt, daß vor der Sündflut die Zahl der Menschen
zwanzigmal größer gewesen sei als jetzt und Montesquieu hatte
in den „Lettres Persanes“ gemeint, daß in seiner Zeit die Welt kaum
ein Fünfzigstel der Bewohnerzahl habe, wie zu den Zeiten Cäsars.
Erst David Hume hat diese Auffassung als irrig bekämpft und
die Gründe für seine Auffassung dargelegt, weshalb das Altertum
unmöglich die gleiche Volkszahl gehabt haben könne, wie die zivilisierten
 Staaten seiner Zeit ?).
Für die Berechnung der Volkszahlen des Altertums stehen die
vielfach recht unsicheren Heereszahlen und Angaben in Bürgerlisten
zu Gebote, während für die Zahl der Sklaven, Hörigen und ortsansässigen
 Fremden nur wenig Brauchbares zur Verfügung steht 2).
Man hat die Bevölkerung Attikas zu Beginn des peloponnesischen
Krieges mit 250—300000 Köpfen angenommen, was einer Volksdichte
 von etwa 60—80 Menschen auf den Quadratkilometer entspricht.
 Für die benachbarten Stadtstaaten kommt Beloch zu einer
ähnlichen Dichte. Freilich beruht diese recht erhebliche Dichte der
Bevölkerung in erster Linie darauf, daß in diesen Gebieten bereits
Gewerbe und Handel eine relativ erhebliche Rolle spielten, während
die Dichte in den hauptsächlich ackerbautreibenden Gebieten natürlich
beträchtlich geringer war. Für den Peloponnes hat Beloch eine
Volkszahl von 1,05—1,15 Millionen, also eine Dichte von 47—52
Einwohner auf den Quadratkilometer berechnet. Die Bevölkerung
des römischen Gebiets in Italien nimmt der gleiche Historiker, ein-1)

 Nationalökonomische Abhandlungen, Deutsch 1877, Über die Bevölkerung der
antiken Staaten.
2} Vgl. zu dieser Frage die Berechnung der Volkszahl von Juda und Israel bei
M. Lurje, Studien zur Geschichte der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im
israelitisch-jüdischen Reiche, 1927, — Ferner U. Kahrstedt, Die Bevölkerung des
Altertums, Im Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Audl., 1924. — J. Beloch,
Die Bevölkerung der griechisch-römischen Welt, 1886. — H. Delbrück, Geschichte
der Kriegskunst, 3. Aufl., 1920, 1. Bd.: Das Altertum, 1. Buch, Kap. 1. — J. K. Hansen,
Über die Bevölkerungsdichtigkeit Attikas und ihre politische Bedeutung im Altertum,
1885. — G. Busolt, Griechische Staatskunde, 3. Aufl., 1920, ı. Hauptteil. —
E. Cavaignac, Population et capital dans le monde m&amp;amp;dite&amp;amp;rangen antique, Straßburg
1923. — J. Beloch, Griechische Geschichte, 2, Aufl., 1914, 2. Bd., ı. Abteilung,
3. Abschnitt. — Derselbe, Die Bevölkerung des Altertums, Z. für Sozialwissenschaft,
 Bd. 2, 1899. — Derselbe, Die Methoden der bevölkerungsgeschichtlichen
Forschung, Jahrbücher für Nat. u. Stat., 3. Folge, Bd, 13. — E, Meyer, Forschungen
zur alten Geschichte, 2. Bd., 1899, 3. Abschnitt.
        <pb n="36" />
        3. Kap. Das Altertum “29

schließlich Sklaven und Fremden in dem Zeitalter Hannibals auf etwa
ı Million an, was einer Dichte von ungefähr 40 Einwohnern auf den
Quadratkilometer entspricht. Es handel£ sich hier um eine so erhebliche
 Dichte der Bevölkerung in dieser Zeit, daß man bei der so
wenig ausgebildeten landwirtschaftlichen Technik des Altertums darauf
schließen kann, daß sich die Bevölkerung in manchen dieser Staaten
bereits nicht mehr aus den Erträgen des eigenen Bodens ernähren konnte.
Denn wir haben es hier mit einer Dichte der Bevölkerung zu tun, die
nicht viel hinter derjenigen mancher heutigen Kulturstaaten zurücksteht.
So wichtig solche Berechnungen der Volkszahl auch für den
Historiker sind, so sehr sie auch manche Anhaltspunkte zur Beurteilung
 der damaligen Beziehungen zwischen Wirtschaft und Bevölkerung
 liefern, so genügen sie natürlich doch nicht, um ein
genaueres Bild von diesen Zusammenhängen zu erhalten. Denn
solche Zahlenangaben liegen im allgemeinen nur für einige wenige
Zeitpunkte vor und wir können uns daraus kein Bild von der Entwicklung
 der Volkszahl selbst machen. Immerhin gibt es andere
Möglichkeiten und Wege, um Genaueres über den Gang dieser Beziehungem
 zwischen Wirtschaft und Bevölkerung zu erfahren.
Es gibt mancherlei wichtige Symptome, die in voller Deutlichkeit
 zeigen, daß diese Beziehungen zwischen Wirtschaft und Bevölkerung
 im Altertum schwerwiegende Probleme in sich enthielten.
Von den entsprechenden Vorgängen im Orient, vor allem bei den
semitischen Völkern, wissen wir recht wenig. Nur jene gewaltigen
Wanderbewegungen, von denen wir in der Frühgeschichte dieser
Völker hören, lassen auf solche Probleme schließen. Denn alle diese
Völkerbewegungen sind — wenn auch keineswegs ausschließlich —
so doch in hohem Maße dadurch zustande gekommen, daß sich die
Menschenzahl über die vorhandene Ernährungsmöglichkeit hinaus
vermehrte und daß viele Völkerschaften deshalb gezwungen waren,
entweder ganz oder in einzelnen Teilen sich neue Wohngebiete zu
suchen.

Für die indogermanische Wanderbewegung hat bereits
R.v.Ihering diese Zusammenhänge betont und hervorgehoben, daß
immer wieder die überschüssigen Teile des Volkes abgewandert sind.
„Die Urgeschichte der Semiten trifft also in bezug auf die Völker-&amp;lt;rennung
 ganz mit der der Arier zusammen und auch das Motiv
dafür wird mutmaßlich ganz dasselbe gewesen sein: Mangel an austeichender
 Nahrung für die stark angewachsene Bevölkerung“. Von
den Ursachen des Auszugs bei den Ariern sagt Ihering: „Mit einer,
meines Erachtens an Gewißheit grenzenden Wahrscheinlichkeit können
        <pb n="37" />
        jo

Erster geschichtlicher Teil

wir antworten: die Überfüllung. Nur sie erklärt, warum nur ein
Teil des Volkes, d. i. der überschüssige, für den die Ernährung nicht
mehr ausreichte, den heimatlichen Boden verließ“. „Der Hunger hat
die Indoeuropäer aus ihrer asiatischen Heimat nach Europa getrieben,
der Hunger ist der Hebel gewesen, dessen sich die Geschichte bedient
 hat, um sie ihrer geschichtlichen Mission entgegenzuführen.
Jahrtausendelang hat er ihre Bewegung im Fluß gehalten. Von
der zweiten Heimat hat er sie von neuem aufgescheucht, als der
Boden bei dem höchst unvollkommenen Betrieb der Landwirtschaft
nicht mehr ausreichte, sie zu ernähren, und auch als sie eine dritte
Heimat erlangt hatten, hat er ihnen keine Ruhe gelassen. Noch bis
tief in die historische Zeit hinein*greifen Kelten und Germanen zur
Auswanderung, überall ist es der Ruf nach Land, den sie ertönen
lassen, sie sind bereit, die Waffen niederzulegen, wenn ihnen diese
Forderung bewilligt wird“?). Auf die geistvolle Begründung, die
lhering für diese Auffassung gibt, kann freilich an dieser Stelle
aicht eingegangen werden.
Was wir aus jenen alten Wanderzügen nur ganz im allgemeinen
feststellen können, das Vorhandensein eines quantitativen Bevölkerungsproblems,
 das tritt uns in der Frühgeschichte Griechenlands,
dessen Verhältnissen wir uns nun zuwenden wollen, ganz deutlich
vor. Augen. Schon von der Ausbreitung der Griechen über das
ägäische Meer, die man um das Jahr 1400 v. Chr. ansetzt, hat Beloch
gesagt: „Gerade die öÖstlichsten Landschaften Griechenlands, Attika
und die Argolis, sind zum großen Teil unfruchtbar und mußten also
schon früh für die wachsende Menge des Volkes zu eng werden“ ?),
Mit dem Beginn des 8. und während des ganzen 7. Jahrhunderts
setzte die große griechische Kolonisation an den Ufern des Mittelmeers
 ein. „Ein Gebirgsland, wie die griechische Halbinsel, mußte
schon früh auf den Punkt gelangen, wo die Bodenproduktion zum
Unterhalt der Bevölkerung nicht mehr genügt und da an einen
Import von Getreide noch nicht zu denken war, blieb nichts übrig
als eine gewaltsame Beschränkung des Anwachsens der Bevölkerung,
durch Aussetzen der Kinder, die man nicht ernähren zu können
glaubte. Die Sagen von Ödipus, von Atalante und zahlreiche andere
beweisen, daß sie bereits in der Zeit geübt wurde. als diese Mythen

! R. v. Iher ng, Vorgeschichte der Indoeuropäer, 1894, S. 104 und S. 319,
Ferner Th. Arldt, Germanische Völkerwellen und die Besiedelung Europas, 1917.
2?) Beloch, Griechische Geschichte, ı. Bd., ı. Abteilung, 1912, 2. Aufl., S. 127.
— Vgl. dazu auch J. Hasebroek, Staat und Handel im alten (jriechenland, 1028.
S. 102 ff.
        <pb n="38" />
        3. Kap. Das Altertum

31

sich bildeten. ... Immerhin dürfen wir uns von der Verbreitung
dieser Sitte keine übertriebene Vorstellung machen; denn die Bevölkerung
 Griechenlands ist bis ins 3. Jahrhundert in beständigem
Wachsen geblieben. So galt es denn, die Ackerscholle, welche die
Heimat nicht bot, jenseits des Meeres zu suchen“!). Diese ersten
Kolonien sind deshalb auch ausgesprochene Siedlungs- und Ackerbaukolonien
 gewesen, aus denen sich dann erst in späterer Zeit
Handelskolonien entwickelt haben.
Allerdings bieten sich unter solchen Verhältnissen noch andere
Wege, den Gefahren einer Übervölkerung zu begegnen. Schon von
primitiven Völkerschaften hören wir, daß sie mit zunehmendem
Wachstum dazu übergehen, sich einer primitiven, einheimischen Hausindustrie
 und dem Handel zu widmen, um ihren Bedarf an Lebensmitteln
 von anderen Stämmen einzutauschen ?). Solchen Wandlungen
im Wirtschaftsleben begegnen wir auch vom 7. Jahrhundert ab in
Griechenland. Jetzt entwickeln sich in steigendem Maße Gewerbe
und Handel und im Austausch gegen gewerbliche Erzeugnisse kam
Getreide aus den Kolonien nach dem Mutterland. Einen anderen
Weg gab es nicht, die wachsende Bevölkerung zu ernähren. „Auch
das Verbot, Getreide zu exportieren, schützte nicht vor dem Hunger
der Mißjahre. Gebieterisch erhob sich die Notwendigkeit, der Übervölkerung
 durch den Erwerb neuen Ackers in der Ferne zu steuern
und daneben Waren zu erzeugen, deren Austausch die Zufuhr fremden
Brotkornes gestattete“*®). Damit hing es auch zusammen, daß bereits
S5olon ein unbedingtes Ausfuhrverbot für das in Attika gebaute
Getreide erlassen hat*). E. Meyer schreibt, daß Athen im 5. und
4. Jahrhundert etwa in demselben Maße auf überseeisches Getreide
angewiesen war, wie England in der Gegenwart und daß deshalb
die Herrschaft über die hellespontische Handelsstraße von elementarer
Bedeutung für seine Existenz war. Nur ein Drittel des eingeführten
Getreides durfte weiter verschifft werden. zwei Drittel mußten in
die Stadt gebracht werden °).
Es standen Athen vor allem zwei Wege offen, um sich die
zur Ernährung seiner Bevölkerung erforderlichen Nahrungsmittel zu
beschaffen: ‚einmal die Ausfuhr gewerblicher Erzeugnisse, um auf

' Beloch, Geschichte, a. a. O., Bd. ı, S. 220.
2 Cunow a. a, O,, S. 316.
3) U. v. Wilamowitz-Möllendorf, Staat und Gesellschaft der Griechen,
in „Die Kultur der Gegenwart“, 1910, S. 400.
4) Beloch, Die Bevölkerung, a. a. O,, S. 90.
5) E. Meyer, Die wirtschaftliche Entwicklung des Altertums, 1895, S. 20.
        <pb n="39" />
        y m

Erster geschichtlicher Teil

dieser Grundlage Nahrungsmittel einführen zu können, daneben aber
auch die Tributzahlungen seiner Bundesgenossen. Auch hier liegen
gewisse Analogien mit den Industriestaaten der Gegenwart, namentlich
 mit England vor, dessen Kapitalanlagen im Ausland eine ganz
besonders wichtige Quelle bilden, aus der die notwendigen Einfuhren
an Rohstoffen und Nahrungsmitteln bezahlt werden können. „Athen
mußte in einem weiteren Gebiete, im Auslande, eine ergiebigere
Einnahmequelle suchen, wenn es seine zunehmende Bevölkerung ernähren
 und Mittel für größere Unternehmungen haben wollte. Diese
ergiebigere Einnahmequelle fand es in den Beiträgen der Bundesgenossen,
 die ursprünglich als eine Beisteuer für die gegenseitige
Verteidigung entstanden waren und dann in einen Untertanentribut
für das Protektorat Athens verwandelt wurden“ *!).
Besonders einschneidend für die ganze folgende Entwicklung,
aber auch bezeichnend für die zwangsläufigen Beziehungen von
Wirtschaft und Bevölkerung, war der Gang, den die wirtschaftliche
Struktur Athens im Zusammenhang mit dem Vordringen von Gewerbe,
 Handel und Geldwirtschaft nahm. Mit der Ausbreitung
der letzteren vor allem wurde die attische Landwirschaft immer
mehr in die Verkehrswirtschaft einbezogen, was für sie umso verhängnisvoller
 sein mußte, als sie infolge des Volkswachstums bereits
stark unter den Folgen der Bodenzersplitterung zu leiden hatte 2).
Trotzdem auch der attische Bauernstand in erheblichem Umfange
Menschen für die Kolonisation gestellt hatte, konnte E. Meyer
die Zunahme der großbäuerlichen Bevölkerung damals im Verlauf
zweier Menschenalter mit fast 50%, annehmen ®). Die Kolonien
konnten ja nur einen verhältnismäßig kleinen Teil des Überschusses
der ländlichen Bevölkerung aufnehmen. „Und da nach dem Recht
der meisten griechischen Staaten das Erbe beim Tode des Vaters
zu gleichen Teilen unter die Söhne verteilt wurde, der Grundbesitz
nicht minder als die bewegliche Habe, so war eine immer weiter
fortschreitende Zersplitterung des ländlichen Grundeigentums unvermeidlich.
 Die Besitzer solcher Zwergwirtschaften mochten in
gewöhnlichen Zeiten sich kümmerlich genug durchschlagen, bei
jedem Mißwachs pochte die gleiche Not an die Türe %.“ Wenn
auch im Zusammenhang mit dem Volkswachstum eine bessere Aus-')

 E. Ciccotti, Griechische Geschichte. (Hartmann, Weltgeschichte, Bd. 2,
:920, S. 116/117,
*) P. Guiraud, La propriete fonciere en Grece, Paris 1893, S. 391/94-3
 Forschungen zur alten Geschichte, 1892, Bd. 2. S. 179 ff.
') Beloch., Geschichte, Bd. 1, S. 206.
        <pb n="40" />
        3. Kap. Das Altertum

33

nutzung des Bodens Hand in Hand ging, wenn auch die Bergabhänge
durch Terrassenbauten kulturfähig gemacht und sumpfige Talebenen
durch Entwässerungsarbeiten trocken gelegt wurden !), so konnten
doch auf die Dauer solche Mittel keine genügende Abhilfe schaffen.
Die Gesetzgebung Solons hatte die Aufgabe, dem Bauernstand,
der auf diese Weise immer mehr verschuldete, zu helfen.
Diese Entwicklung auf dem Lande, die sich in erster Linie aus
dem Volkswachstum ergab, mußte auch ihre Wirkung in den Städten
ausüben. „Der kleine Parzellenbesitzer, Pächter, Landarbeiter, der
sich den Nahrungsspielraum in der Landwirtschaft beengt sah, zog
sich in die Städte, um hier lohnenden Erwerb zu suchen. Eine
Hoffnung, die nur allzu oft getäuscht ward. Denn dieser Zuzug
vom Lande vermehrte das Angebot von Arbeitskräften und drückte
auf die Löhne ... Er vermehrte die arbeitsfähige Armut in den
Städten, die Masse des unbeschäftigten Proletariats, das zur Verschärfung
 der sozialen und politischen Gegensätze so gewaltig beigetragen
 hat”).“ Dabei entstand diesen freien Arbeitern in den
vom siebenten Jahrhundert ab an Zahl immer mehr zunehmenden
Sklaven eine deren Lebenshaltung schwer beeinträchtigende Konkurrenz.,
 Es ist auch eine Zeit steigender Lebensmittelpreise, was
die ungünstige Lage der freien Arbeiterschaft, denen es auch gegenüber
 der Sklavenkonkurrenz an genügender Arbeitsgelegenheit fehlte,
ıoch verschlimmern mußte.
Als Ventil für diesen Menschenüberfluß entstanden um die
Mitte des fünften Jahrhunderts die Kleruchien; ganze Gruppen
von Bürgern wurden in fremde Gebiete verpflanzt — eine Art von
zwangsweiser Auswanderung — in denen vielfach, um Raum zu
schaffen, die eingeborene Bevölkerung vertrieben wurde. Bei Plutarch
 lesen wir von Perikles: „Überdies schickte er 1000 Bürger
als Kolonisten nach der Chersones, 500 nach Naxus, halb so viel
nach Andrus, 1000 nach Thrakien ... und noch andere nach Italien...
Seine Absicht dabei war, die Stadt von einem arbeitslosen und
deswegen untuhigen Gesindel zu entledigen, der Not des Volkes
abzuhelfen ®)“ .,, Isokrates spricht davon, daß denen Wohnsitze
gegeben werden müßten, „welche jetzt aus Mangel an den täglichen
Bedürfnissen umherirren und was ihnen aufstößt, zugfunde richten.
Denn wenn wir ihrer Anhäufung nicht ein Ziel setzen. indem wir
1) Beloch, Geschichte, Bd, 1, S. 303.
2) R. v. Pöhlmann, Geschichte der sozialen Frage und des Sozialismus in
der antiken Welt, 2. Aufl., 1912, Bd. ı, S. 261/62,
%“ Plutarch, Perikles, 11. Reklam-Ausgabe,
Diehl-Mombert. Grundrisse. Bd. ıs.
        <pb n="41" />
        34

Erster geschichtlicher Teil

ihnen hinlänglichen Lebensunterhalt verschaffen, so werden sie, ohne
daß wir es merken, so zahlreich werden, daß sie den Griechen nicht
weniger furchtbar sind, als den Barbaren ?)“.
Es war vornehmlich Athen, das sich zur Industrie und Handelsstadt
 entwickelt hat. Unter dem Preisdruck der fremden Korneinfuhr
 hatte die heimische Landwirtschaft schwer zu leiden. Wenn
Xenophon in seiner Schrift von den Staatseinkünften der Athener
davon spricht, daß, wenn die Früchte wohlfeil werden und der Landbau
 keinen Gewinn bringt, viele den Landbau aufgeben und sich
dem Handel und den Gewerben zuwenden ®), so schildert er dabei
nur die Zustände, die sich damals in Attika abgespielt haben. Nach
den Angaben Beloch ss lebten zu Anfang des peloponnesischen Krieges
in Attika auf den Quadratkilometer etwa 80 Menschen, in Athen
auf dem Gebiet, das von den Befestigungen und dem Hafen eingeschlossen
 wurde, sogar 180 Menschen auf den Hektar. Wir begegnen
also hier einer Dichte der Bevölkerung, die hinter der der modernen
Großstädte in nichts zurückbleibt. Von der Zeit des peloponnesischen
 Krieges wird gesagt: „Man verwandelte vielfach Getreidepflanzungen
 in Olivenwälder oder verlegte sich auf den Gemüsebau“ 3),
Nach dem peloponnesischen Kriege, der viele Bauern ruiniert hatte,
griff das mobile Kapital aus den Städten auf das Land über und es
begann jetzt wieder auf Kosten des Bauernstandes ein ausgedehnter
Großgrundbesitz zu entstehen.
Unter solchen Verhältnissen mußte die Zuwanderung nach den
Städten eine große Rolle spielen, die Zuwanderer führten eine proletarierhafte
 Existenz und Mangel an ’genügendem Erwerb hat viele
von ihnen damals genötigt, Söldner zu werden. „Diese Notlage ist
in manchen Landschaften zum guten Teil auf die Volksvermehrung
zurückzuführen. Einst strömte die Bevölkerung nach den Kolonien,
aun wandte sie sich der Söldnerei zu ... Aber auch nach Abzug
aller Übertreibungen bleibt so viel übrig, daß man nicht daran
zweifeln darf, daß trotz der Genügsamkeit des Südländers und der
großen Bescheidenheit der Lebenshaltung in vielen Städten zahlreiche
Bürger unter bitterer Armut litten und mit der Sorge um ihr tägliches
 Brot zu kämpfen hatten. Die Not steigerte sich, wenn Kriege
längere Zeit gedauert hatten oder wenn im Winter nicht nur Kälte
herrschte, sondern auch die Getreidevorräte auf die Neige gingen.

1) Isokrates, Philippus. Übersetzt von Osiander und Schwab, 1832
5. 291.
2) Osiander und Schwab, 1828, S. 1545/46.
3) G. Busolt, Griechische Staatskunde, 1. Bd., S, 179.
        <pb n="42" />
        35
Um die Mitte des vierten Jahrhunderts war in Athen die Frage der
Ernährung des Demos, die Frage, wie es anzustellen wäre, daß alle
Bürger genügenden Lebensunterhalt hätten, zu einem brennenden
und vielerörterten Problem geworden“ V). Im „Perikles“ hebt Plutarch
hervor, daß dessen große Bauten vor allem auch dazu dienen sollten,
dem Volke Arbeit zu verschaffen und es vor dem Müßiggang zu
bewahren.

3: Kap Das Altertum

Auf diesem Boden haben sich dann jene Partei- und sozialen
Gegensätze entwickelt, von denen wir in jener Zeit allenthalben in
Griechenland hören”). Der immer mehr zunehmende Gegensatz
zwischen Reich und Arm führte zu Forderungen, die auf eine Aufteilung‘
 des Besitzes hinzielten. Aus diesen Problemen und Gegensätzen
 heraus sind dann jene staatswissenschaftlichen Theorien und
Gedankengebäude entstanden, die vor allem an die Namen von
Platon und Aristoteles anknüpfen und in denen, wenn auch
z. T. nur mittelbar, zu den Zusammenhängen von Bevölkerung und
Wirtschaft Stellung genommen worden ist.
In seiner „Politeia“ hat Platon den nach seiner Meinung besten
Staat, in seinen „Gesetzen“, einem späteren Werke, das einen wesentlich
realistischeren Charakter trägt, einen zweitbesten Staat dargestellt.
Es ist hier nicht der Ort, eingehender auf Sinn und Bedeutung dieser
Werke einzugehen ®)., Platon kam es im wesentlichen darauf an,
von allgemein gesellschaftlichen und ethischen Gesichtspunkten aus,
die für jene Zeit untrennbar miteinander verbunden waren, ein
ideales Staatsgebilde aufzustellen, das im Gegensatz zu dem, was in
seiner Zeit bestand, eine innere Harmonie verkörperte. Damit diese
Zeit nicht einer inneren Auflösung zerfällt, soll eine bestimmte
Agrargesetzgebung den Familien die Grundlage ihrer Existenz sichern,
und deshalb wird auch die Zahl der Familien nach obenhin begrenzt.
Erbe des väterlichen Gutes darf immer nur ein Sohn werden. Andere
Söhne Sollen kinderlosen Vätern zugeteilt oder — wenn sich ein
Überschuß ergibt — in die Kolonien entsandt werden. Wird dagegen
 die festgesetzte Zahl an Söhnen nicht erreicht, so soll ihre
Zahl durch Fremde auf die erforderliche Höhe gebracht werden.
Es ergibt sich aus den Darlegungen Platons, daß er sich durchaus

') Busolt, a. a. O., S. 207 ff,
?) Vgl. dazu die genannten Werke von Busoldt und Pöhlmann, ferner
J. Sundwall, Epigraphische Beiträge zur sozialpolitischen Geschichte Athens“ im
Zeitalter des Demosthenes, Klio, 4. Beiheft, 1906.
®) Vgl. dazu vor allem: Wilamowitz-Möllendorf, Platon, 1920 und
E. Salin, Platon und die griechische Utopie, 1021.
        <pb n="43" />
        36
bewußt war, eine zu statke Zunahme der Bevölkerung müsse die
Grundlagen seines Staates sprengen.
Wesentlich eingehender hat sich Aristoteles mit solchen
Fragen befaßt. Schon Malthus hat die beiden griechischen Philosophen
 für seine Lehre in Anspruch nehmen wollen ?), aber er ist
dabei doch, wie Bortkiewicz gezeigt hat”), in mancher Hinsicht
zu weit gegangen. Doch auch Aristoteles hat die Bedeutung
des Volkswachstums für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung
 deutlich erkannt. Er hat Platons Staatsideal kritisiert, weil
dieser dem Volkswachstum nicht die genügende Beachtung geschenkt
habe. Zwar hat er darin Platon Unrecht getan, er hat aber doch
mit wesentlich größerem Nachdruck als Platon hervorgehoben, daß
eine Stabilität im Besitze nur möglich sei, wenn die Bevölkerung an
Zahl gleich bleibe. „Es ist auch“, so sagt er einmal, „verkehrt, wenn
der, welcher die Besitztümer gleich macht, über die Menge der Bürger
keine Einrichtungen trifft, sondern das Kindererzeugen der Willkür
überläßt. Wird aber hierüber nichts bestimmt, wie dies in den
meisten gegenwärtigen Staaten der Fall ist, so muß dies ... zur
Armut der Bürger führen und die Armut treibt zu Aufständen und
bösen Taten‘“%). Deshalb fordert Aristoteles, daß derjenige, der
für die Größe des Einzelbesitzes ein bestimmtes Maß aufstellen will,
auch die Größe der Kinderzahl gesetzlich festlegen müsse. In der
Wahl seiner Mittel geht der griechische Philosoph sehr weit, indem
er sogar die Aussetzung bei körperlicher Unzulänglichkeit gutheißt.
Es handelt sich aber keineswegs nur um den Zusammenhang
zwischen Volkswachstum und Besitzverteilung. Schon Platon hatte,
als er in seiner „Politeia“*) von der Entstehung und dem Wachstum
der Staaten sprach, dargelegt, daß das Land, das ursprünglich noch
genügt habe, um alle Bürger zu ernähren, nun zu klein werden
müsse. Er läßt den Glaukos die Frage des Sokrates „also sind wir
gezwungen, unseren Nachbarn ein Stück Land abzuschneiden, wenn
wir genügend Weide und Ackerland haben wollen?“, bejahen. Die
weitgehende Bekämpfung des Volkswachstums durch Aristoteles
verstehen wir, wenn wir im Auge haben, daß für ihn die Autarkie
des Staates oberstes Ideal war, wobei die Herrschaft in den Händen
des Mittelstandes liegen sollte. Sicherlich haben bei ihm dabei die

Erster geschichtlicher Teil

') Versuch über das Bevölkerungsgesetz, 1. Buch, Kap. 13.
2) War Aristoteles Malthusianer? Z. f. d. ges. Staatswissenschaft, 62. Jahrgang,
1906. — Ferner R. Gonnard, Histoire des doctrines de la population, Paris 1923.
3) Politik. Übers. v. Kirchmann, 1880, 2, Buch, Kapitel 6.
1) Übersetzung von K. Preisendanz, 1910, S. 71,
        <pb n="44" />
        3. Kap. Das Altertum 37
Zustände seiner eigenen Zeit eine wesentliche Rolle gespielt, die
dem realistischen Beobachter deutlich zeigten, in welchem Umfang
das Wachstum von Industrie und Handel die sozialen und politischen
Mißstände mit hervorgerufen hat, die er persönlich miterleben mußte.
Auch haben ihm bei seinem Ideal ältere und — seiner Meinung
nach — bessere Zustände vorgeschwebt!). Aber er hat es deutlich
ausgesprochen, daß sich ein solches Ideal nur bei begrenzter Volkszahl
 durchführen und aufrecht erhalten lasse. „Denn ein großer
Staat ist nicht dasselbe wie ein volkreicher Staat. Überdies lehrt
die Erfahrung, daß es schwer, ja vielleicht unmöglich ist, für einen
stark bevölkerten Staat gute Gesetze herzustellen. So ist auch von
den Staaten, die als mit einer guten Verfassung ausgestattet gelten,
keiner zu finden, der in bezug auf die Volksmenge nicht eine Schranke
kennt“?). „Der griechische Idealstaat schaltete den Begriff der Entwicklung
 aus, er bildete eine Gemeinschaft, die sich in ewiger Ruhe
auf sich selbst beschränkt. Geradezu systematisch ist Aristoteles auf
‚Erhaltungsmittel“ (owrngiaı) bedacht, welche die Bewegung (zd
kLvELV) hemmen“ 3),
Gegenüber den politisch und sozial so verhängnisvollen Zu-Ständen,
 denen wir vor allem in Athen begegnen und die in mancher
Minsicht den Hintergrund der Staatsideale der beiden genannten
Philosophen bildeten, erschien damals sehr Vielen Verfassung und
Aufbau des spartanischen Staates vorbildlich*). Der spartanische
 Staat hatte es verstanden, sich die alte ständische Verfassung
in hohem Umfange zu bewahren. Es ist in diesem Zusammenhang
von Bevölkerung und Wirtschaft von Interesse, zu sehen, wie dies
möglich gewesen ist. Warum hat in Sparta nicht das Volkswachstum
die alten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Organisationsformen
zesprengt, wie es in den meisten anderen griechischen Staaten der
all gewesen ist? An dieser Stelle interessiert uns weniger die
MOnNarchisch-aristokratische Verfassung, als die in Sparta herrschende
zesellschaftliche Ordnung. Die Herren waren die der Zahl nach
vegrenzten Spartiaten, von denen jeder ein Stück Land erhielt, das
er nicht veräußern durfte. Handwerk und Handel zu treiben, war
ihnen verboten. Der Einzelne ging ganz im Staate auf, dessen Grund-*)

 Vgl. dazu Kinkel, Die sozialökonomischen Grundlagen der Staats- und
Wirtschaftslehren des Aristoteles, 1911,
?) Politik, a. a. O., Buch 4, Kapitel 4.
% M. Mühl, Die antike Menschheitsidee in ihrer geschichtlichen Entwicklung,
‚928, S. 28.
*) Beloch, Geschichte, 2, Bd,, ı. Teil, S. 281 ff.
        <pb n="45" />
        38
lagen stark naturalwirtschaftlich waren. Vom Tage seiner Geburt
an, kann man sagen, wurde der Spartaner bereits dem Staate dienstbar
gemacht. Eine zielbewußte Kolonisation kannte man nicht, die Auswanderung
 war mit dem Tode bedroht. Nur zwei Wege gab es,
um eine solche Verfassung aufrecht erhalten zu können: die gewaltsame
 Schaffung und Vergrößerung des Nahrungsspielraumes und die
Kleinhaltung der Volkszahl. Das erstere geschah durch die Unterwerfung
 der Nachbarstaaten. In den messenischen Kriegen wurde
die Panisosebene in Ackerlose zerschlagen und unter die Spartiaten
aufgeteilt, die Messenier aber wurden zu Heloten gemacht, die —
wie die stammesverwandten Leidensgenossen in Lakonien — als
Hörige die Hufen ihrer Grundherren zu bebauen und die Hälfte des
Ertrages abzuliefern hatten*!). Das gleiche geschah später wieder
um die Mitte des siebenten Jahrhunderts in dem zweiten messenischen
Kriege. Der gesellschaftliche Aufbau des spartanischen Staates beruhte
 also in seinen wirtschaftlichen Grundlagen auf dem Ackerbau
seiner unterworfenen Nachbarn. Innerhalb der Spartiaten, der Herrenkaste
 selbst, deren Zahl nach oben auf wenige Tausend begrenzt
war, konnte ein Bevölkerungsproblem nicht aufkommen. Denn infolge
 der starken Kriegsverluste und der geringen Fruchtbarkeit der
spartanischen Ehen war es nicht einmal möglich, die Zahl der Spartiaten
 auf der vorgesehenen Höhe zu halten. Die Bürgerzahl ging
erheblich zurück. „Zu ihrer Erklärung hat man verschiedene Momente
in Betracht zu ziehen, die offenbar in Sparta zusammen gewirkt
haben: neben Fällen natürlicher Unfruchtbarkeit, absichtliche Verhinderung
 der Geburten, teils aus Abneigung gegen die Mutterpflichten,
 teils aus wirtschaftlichen Gründen. Das Ein- und Zweikindersystem
 war offenbar weit verbreitet. Dazu kamen päderastische
 Neigungen und Degenerationen durch Inzucht, die mit der
Verminderung der Bürgerschaft umso weiter um sich griff, als die
begüterten Spartiaten sich mehr und mehr untereinander verschwägerten.
 Die Gesetzgebuug suchte die Erzeugung von Kindern
über die Zweizahl hinaus zu fördern. Väter von drei Söhnen
waren vom Kriegsdienst befreit; vier Söhne befreiten von allen
bürgerlichen‘ Lasten. Die verhängnisvolle Entwicklung ließ sich
durch solche Prämien nicht aufhalten ?). Aristoteles berichtet
von Sparta: „Während daher das Land sonst 1500 Reiter ernähren
und 3000 Schwerbewaffnete stellen konnte. betrug deren Zahl nicht

Erster geschichtlicher Teil

‘) U. Wilcken, Griechische Geschichte, 1924, S. 75.
’) Busolt, a. a. O., 2. Hälfte, S. 702.
        <pb n="46" />
        3. Kap. Das Altertum

39

1000“ ,.. Der Staat hat nicht eine Niederlage (Leuktra) ertragen
können und ging durch seine geringe Volksmenge zugrunde“ 1).
Unter solchen Voraussetzungen konnten in Sparta nicht jene
Störungen im Gleichgewicht zwischen Wirtschaft und Bevölkerung
aufkommen, wie in anderen griechischen Staaten und damit war es
auch möglich, diese alte Ordnung so lange aufrecht zu erhalten.
Wesentlich anders war es, wie wir gesehen haben, in den übrigen
Teilen Griechenlands. Im Jahre 380 hatte Isokrates nicht nur
aus nationalen, sondern auch aus „wirtschaftlichen und sozialen
Gründen“ einen Feldzug gegen die Perser gefordert und sich deshalb
 in einem Schreiben an Philipp von Mazedonien gewendet. Er
riet ihm, das persische Großkönigtum zu beseitigen oder doch
wenigstens soviel Land von ihm abzutrennen, um neue Städte zu
gründen und in ihnen diejenigen anzusiedeln, „die jetzt aus Mangel
an Lebensunterhalt umherirren und ausplündern, wem sie begegnen“ 2).
Hier werden uns, sagt Wilcken, die entsetzlichen wirtschaftlichen
und sozialen Zustände Griechenlands enthüllt, die die Gewinnung
neuen Koloniallandes gebieterisch fordern. Die zahlreichen Städtegründungen
 Alexanders. des Großen haben eine Periode großer
Kolonisation eingeleitet. „Durch sie wurde für jene überschüssigen
Kräfte Griechenlands das lange gesuchte Ventil geöffnet.“
Im Zeitalter der Diadochen hören wir von einem Stocken
der Volksvermehrung in Griechenland und vom 2. Jahrhundert ab
von einer Abnahme der Bevölkerung. Zahlreiche Gründe haben
dabei mitgespielt. Da war nicht nur die große Pest, die damals
nach den Berichten Ammians die ganze Mittelmeerwelt verheerte,
 es war auch die zunehmende Sklavenwirtschaft, welche die
Lebensmöglichkeiten der freien Bevölkerung immer mehr einengte.
„Eine Konkurrenz mit der billigen Sklavenarbeit war für den freien
Arbeiter unmöglich. Er mochte froh sein, wenn es ihm gelang, sein
eigenes Leben zu fristen; wie hätte er daran denken können, eine
Familie zu begründen und Kinder aufzuziehen“ 5). Das sind die Zustände,
 wie sie Polybius in seinen vielzitierten Worten geschildert
hat: „Zu meiner Zeit litt ganz Griechenland an Kinderlosigkeit und
überhaupt an Menschenmangel, wodurch die Städte sich entleerten
und das Land keine Früchte mehr trug, obgleich weder ununterbrochene
 Kriege, noch Seuchen uns betroffen hatten. Denn die

!) Politeia, 2. Buch, 2, Kapitel.
? U. Wilcken, Alexander d. Große u. die hellenistische Wirtschaft. Schmollers
Jahrbuch, 45. Jahrg., S. 351.
3) Beloch, Die Bevölkerung, a. a. O., S. 408 £.
        <pb n="47" />
        10
Menschen hatten sich dem eitlen Schein der Geldgier und der Trägheit
 zugewandt; sie wollten nicht mehr heiraten, oder wenn sie es
taten, doch nicht alle ihre Kinder aufziehen, sondern höchstens eines
oder zwei, um diese reich zu hinterlassen und üppig groß zu ziehen.
So mehrte sich unvermerkt das Übel schnell. Denn wenn nur eines
oder zwei vorhanden waren, so konnten diese leicht durch Krieg
oder Krankheit hinweggerafft werden und natürlich mußten dann
die Häuser leer bleiben“ ?).
Freilich lagen in dem damaligen Vordringen der Sklavenarbeit
nicht die einzigen Gründe, die ungünstig auf den Nahrungsspielraum
der freien Bevölkerung gewirkt haben. Auf zweierlei sei hier noch
hingewiesen. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der hellenistischen
Residenzen, Alexandria, Antiochia und Seleukia, verschob sich das
Schwergewicht des Handelsverkehrs nach dem Orient, eine Entwicklung,
 unter der namentlich Athen zu leiden hatte. Wilcken
hat diese Wandlungen mit jenen verglichen, die sich in Europa nach
dem Zeitalter der Entdeckungen vollzogen haben, als mit der Entdeckung
 des Seewegs nach Ostindien statt Genua und Venedig nunmehr
 Lissabon, Antwerpen und London an die erste Stelle im Welthandel
 traten. Das Mutterland verlor seine Stellung im geographischen.
 Zentrum der griechischen Welt in demselben Maße, wie
die Hellenisierung der neuen Erwerbungen fortschritt. Dazu trat die
Ungunst der politischen Verhältnisse; während die griechische Halbinsel
 von Alexanders Tode bis zur Begründung der römischen Vorherrschaft
 von fast beständigen Kriegen und inneren Umwälzungen erschüttert
 wurde, herrschte in Ägypten während des ganzen 3. Jahrhunderts
 fast ununterbrochen der tiefste Friede und dasselbe gilt für
die Kernländer des Seleukidenreiches von Kilikien und Syrien bis
nach Medien hin. Unter diesen Umständen vermochte das Mutterland
 nicht mehr mit den neuen Kolonialgebieten erfolgreich zu konkonkurrieren;
 Handel und Industrie begannen zurückzugehen und
die Folge war, daß Tausende, die in der alten Heimat kein Fortkommen
 mehr fanden, Jahr für Jahr nach dem Osten zogen, sei es
als Kaufleute oder als Gewerbetreibende, oder auch einfach als Ansiedler
 in den neuen Gebieten. Und natürlich waren es gerade die
tatkräftigsten Elemente der Bevölkerung, welche die Hauptmasse der
Ausgewanderten bildeten und die damit dem Mutterlande verloren
gingen. Eine eigentliche Abnahme der Volkszahl trat allerdings

Erster geschichtlicher Teil

*) Zit. nach Seeck, Der Untergang der antiken Welt, 3. Aufl., 10920, Bd. I,
S. 350,
        <pb n="48" />
        3. Kap. Das Altertum

41

noch kaum ein, oder doch höchstens in einzelnen Landschaften.
Die Verluste, welche die Auswanderung, Kriege, Epidemien, herbeiführten,
 wurden noch ersetzt, aber die Vermehrung der Bevölkerung
kam doch jetzt zum Stillstand“ '. Es waren also „strukturelle“ Veränderungen
 im Welthandel, die in dieser Zeit den Nahrungsspielraum
 Griechenlands ungünstig beeinflußten.
Aber noch ein weiteres kam hinzu. Schon J. von Liebig
hatte die Meinung vertreten, daß die Verödung und der Untergang
alter Kulturländer sich vor allem deshalb vollzogen habe, weil der
Boden, durch Raubbau ausgesogen, nicht mehr genügende Ernten
lieferte, um eine gleich zahlreiche Bevölkerung zu ernähren ?). Liebig
hat in seiner Zeit mit dieser Lehre einer dauernden Bodenverarmung
entschiedene Gegner gefunden ®). Neuerdings scheint jedoch seine
Auffassung wieder etwas an Boden zu gewinnen *). In einer der
neuesten Arbeiten zur alten Geschichte heißt es über den Zusammenbruch
 der antiken Wirtschaft mit besonderer Beziehung auf römische
Zustände: „An die Stelle intensiver Wirtschaft ist immer stärker
allenthalben ein extensiver Betrieb getreten. Die Erschöpfung des
Bodens hat sich fühlbar gemacht, und es hat an den nötigen Mitteln
gefehlt, das große, landwirtschaftlich noch unentwickelte Gebiet,
über das ein Riesenreich, wie das römische verfügte, zu erschließen“ °).
Treffen diese Worte für die Verhältnisse des römischen Reiches zu,
So wird man den Gedanken an eine Erschöpfung des Bodens in
Griechenland und seinen Versorgungsgebieten keineswegs ohne
weiteres ablehnen dürfen. Freilich handelt es sich hierbei um ein
Problem, das an dieser Stelle nur aufgeworfen werden kann.
Nicht so stark und ausgeprägt wie in Griechenland, aber doch
deutlich erkennbar, treten auch im Verlauf der politischen und wirtschaftlichen
 Entwicklung des römischen Reiches die Beziehungen
zwischen Wirtschaft und Bevölkerung hervor. Auch hier erkennen
wir vor allem in der Frühzeit der römischen Geschichte die immer
wiederkehrenden Versuche, den Nahrungsspielraum der wachsenden

') Beloch, Geschichte, 3. Bd., 1. Abteilung, S. 288.
*) J- v. Liebig, Die Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologie,
 9. Aufl,, 1876,
%) Vgl. dazu J. Conrad, Liebigs Ansicht von der Bodenerschöpfung, 1864. —
j. Au, v. Liebigs Lehre von der Bodenerschöpfung und die nationalökonomischen
Bevölkerungstheorien, 1869,
4) G. Sigwart, Die Fruchtbarkeit des Bodens als historischer Faktor.
Schmollers Jahrbuch, Jahrg. 39, 1915,
5) W. Otto: Kulturgeschichte des Altertums, 1025, S. 153.
        <pb n="49" />
        12

Erster geschichtlicher Teil

Volkszahl anzupassen. Seeck hat diese Zusammenhänge mit den
folgenden Worten dargestellt: „Die Krankheit der gesunden Nationen
heißt Übervölkerung; sie hat auch in Rom die Form der Bodenbenutzung
 bestimmt, welche sich in unserer Überlieferung als die
älteste darstellt. Mit Menschenkräften wird Verschwendung getrieben,
um dem Acker durch die intensivste Benutzung so viel Nahrungsmittel
 zu entlocken, wie er irgend hergeben kann. ... Doch bald
reicht auch bei der größten Anstrengung der schmale Boden der
Heimat nicht mehr aus und Kriege werden zur wirtschaftlichen
Notwendigkeit. Man muß immer mehr Feinde ausrotten, immer
mehr Land erobern, um Raum für die zahlreichen Kolonien zu finden,
mit denen Rom nach und nach ganz Italien überzieht. Die Lücken,
welche die steten Kämpfe reißen, werden schnell durch den jungen
Nachwuchs ausgefüllt. Die Bürgerzahl steigt immerfort; ob auch
die Bevölkerung Italiens, ist nicht sicher, aber doch wahrscheinlich;
zwar mußten die alten Bewohner Platz machen, wo die Römer sich
niederließen; es trat also nur ein Stamm an Stelle eines anderen.
Aber da die Ansiedler den intensiven Ackerbau, dessen sie zu Hause
gewohnt waren, in die neuen Sitze verpflanzten, vermehrten sie
wohl auch hier den Ertrag der Felder und schufen so die Bedingungen
für ein stärkeres Anwachsen der Volkszahl ?).“
Im vierten und dritten Jahrhundert werden auf dem eroberten
Land neue Bauernstellen geschaffen, um den Nahrungsspielraum
entsprechend dem Volkswachstum zu vergrößern. E. Meyer hat
für die damalige Zeit von einer agrarischen Expansionspolitik Roms
gesprochen ®). Als Arbeitskräfte dienten vorwiegend Sklaven, die
durch die zahlreichen Kriege erbracht worden waren. „In diesen
Landzuweisungen und Kolonien findet jetzt der Nachwuchs der
römischen Bauernschaft: die cives proletari, Landversorgung: dafür
kämpft das Hoplitenheer“*%), Es entspricht dies durchaus etwa dem
was Athen mit seinen Kleruchien erreichen wollte. Eine wesentliche
 Wandlung in dem bis jetzt durchaus befriedigenden Verhältnis
zwischen Nahrungsspielraum und Volkszahl trat ein, als — um mit
M. Weber zu reden — „nach dem Eindringen der Kaufsklaverei
ein unerhörter agratischer Kapitalismus“, der auf dem Gegensatz
zwischen freier und unfreier Arbeit zurückzuführen war, um sich
griff. Als die entscheidenden Züge dafür hat Pöhlmann bezeichnet:
' Seeck, a. a. O., Bd. ı, 1897, S. 360/61.
% Kleine Schriften, S. 262.
3) M. Weber, Art. Agrargeschichte, Handwörterbuch d. Staatswissenschaften,
3. Aufl., S. 1509,
        <pb n="50" />
        3. Kap. Das Altertum 43
„Die zunehmende Aufsaugung der Bodenrente von seiten des
Kapitals durch Auswucherung bäuerlichen Klein- und Mittelbesitzes,
das Legen zahlloser Bauernstellen durch Auskauf oder Austreibung
und das unaufhaltsame Umsichgreifen des rein kapitalistischen Betriebs
 der Bodenwirtschaft, der großen Weidegüter und Plantagen,
die systematische Verdrängung freier Tagelöhner und Pächter und
als notwendige Folgeerscheinung die Entstehung eines zahlreichen
ländlichen Proletariats, für das es meist keine andere Hoffnung,
mehr gab, als die Verwertung seines Bürgerrechts in Rom, das aber
freilich durch seine Masseneinwanderung nur dazu beitrug, die auch
hier ohnehin schon schwer genug fühlbare Störung des sozialen
und ökonomischen Gleichgewichts auf das Empfindlichste . zu
steigern *)“. Wir haben es hier mit einem Beispiel dafür zu tun,
daß das Gleichgewicht zwischen Wirtschaft und Bevölkerung auch
durch gesellschaftliche Faktoren Störungen erleiden kann.
So kamen hier die schroffen Gegensätze zwischen Reich und
Arm auf und diese Zustände waren es, denen die Gracchen mit ihren
Reformen abhelfen wollten, Pläne, die aber an dem Widerstand
der Senats- und Adelspartei scheiterten. Die enteigneten kleinen
Grundbesitzer fanden gegenüber der Konkurrenz der massenhaft
vorhandenen Sklaven auf dem Lande keine Arbeit, sie wanderten in
die Stadt, um in das Proletariat zu versinken. „Im Altertum zog
man in die Städte, nicht um Arbeit, sondern um Almosen zu suchen,
im Gegensatz zu heute, wo die Industrie ruft“?), Hier vor allem in
Rom begegnen wir nun dem Elend, wie es uns hauptsächlich Pöhlmann
 dargestellt hat %).
Von besonderem Interesse sind die staatlichen Versuche, die
großstädtische Übervölkerung zu bekämpfen. Wir begegnen
in Rom öfters dem Versuch, die nahrunglosen Individuen der Hauptstadt
 durch Ansetzungen in Ackerbaukolonien zu versorgen. Man
lese die Symptome der damaligen Armut, die Friedländer zusammengestellt
 hat*). Dazu kamen als typische Erscheinungen
temporärer Übervölkerung immer wieder Teuerungen, da die
überfüllte Stadt auf den Ertrag überseeischer Ernten angewiesen
war. Man war beständig im Angesicht einer Teuerung und nicht
selten in Hungersnot, schreibt Mommsen in seiner „Römischen

*) Pöhlmann, a. a. O., Bd. 2, S. 435.
?) J. Salvioli, Der Kapitalismus im Altertum, Deutsch 1912, S. 135.
3) R. Pöhlmann, Die Übervölkerung der antiken Großstädte, 1884.
4) L. Friedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms, 9. Aufl.,
(919, Bd. I, S. 158.
        <pb n="51" />
        4

Erster geschichtlicher Teil

Geschichte“. Hunderttausende waren auf Almosen und öffentliche
Getreidespenden angewiesen, um nur ihr Leben dürftig fristen zu
können. Bei der Begründung von Cäsars Alleinherrschaft gab es
in Rom 220000 Getreideempfänger ?).
Aber das Bevölkerungsproblem des damaligen Rom bestand
nicht nur in der Abwanderung vom Lande und in dem gewaltigen
Wachstum eines arbeitslosen Proletariats in der Hauptstadt. Auch
in der Zusammensetzung der Bevölkerung hatten sich wesentliche
Wandlungen vollzogen. Die Zahlen des römischen Zensus liegen
zwar nur bis zum Jahre 115 v. Chr. in statistisch verwertbarer Form
vor; denn für die späteren Zeiten beruht die Erhöhung der Zensuszahlen
 bereits auf den Ackerverteilungen an Mittellose und auf der
Verteilung des Bürgerrechtes an Fremde. Wir wissen aber auch
aus anderen Quellen, daß trotz dieses Zuflusses die eigentliche
Bürgerschaft schon etwa von den Zeiten Cäsars ab einen Rückgang
erfuhr. Damit hingen die bevölkerungspolitischen Gesetze des
Augustus, vor allem die lex Julia et Pappia Poppaea, zusammen
 ?). Beide Gesetze schrieben die Eheschließung und Kindererzeugung
 vor. Diejenigen, die keine Ehe eingegangen waren,
konnten durch Testament nicht Erbe werden und konnten keine
Vermächtnisse erlangen; wo dagegen Kinder in der von dem Gesetz
 geforderten Zahl fehlten, verloren die Eltern die Hälfte der
Erbschaften und Vermächtnisse, die ihnen zugefallen waren. Bei
kinderlosen Ehen konnte der überlebende Ehegatte nur ein Zehntel
des vorhandenen Vermögens erhalten. Junggesellen waren von der
Teilnahme an öffentlichen Festen und Theateraufführungen ausgeschlossen.
 Dagegen hatten die Verheirateten und Kinderreichen
eine ganze Reihe wichtiger Vorrechte, namentlich bei der Besetzung
öffentlicher Amter. Freilich galt dieser Mangel an Menschen, dem
diese Gesetzgebung abhelfen sollte, nur für bestimmte soziale
Schichten; in der Gesamtheit gesehen konnte man trotzdem damals
durchaus von Übervölkerungserscheinungen sprechen.
Bei der Übervölkerung Roms, die oben besprochen worden ist,
handelte es sich aber keineswegs um eine Erscheinung, die ihre

1) Kahrstedt, a. a, O., S. 669.
?) Vgl. dazu die eingehenden Angaben bei Ferrero, Größe und Niedergang
Roms, Deutsch Bd. 5, 1909. — Ferner Elster, Artikel „Bevölkerungswesen‘“, a. a. O.,
S, 737 ff. — Bouche-Leclerqg, Les lois d&amp;amp;mographiques d’Auguste. Revue historique,
 1895, Bd. 57. — Y. Ferlet, L’abaissement de la natalit&amp;amp; 4 Rome et la depopulation
 des campagnes, Les reformes d’Auguste, Paris 1902. — Secretan, La
depopulation de l’empire romain, Lausanne 19008.
        <pb n="52" />
        3. Kap. Das Altertum

45

Ursache nur in einem zu starken Wachstum der Bevölkerung gehabt
hätte. An Stelle der freien Bauern waren in der späteren Kaiserzeit
die Kolonen getreten, Kleinpächter, die ihr Land gegen eine Abgabe
an den Großgrundbesitzer bebauten. Infolge der hohen Pachten, zu
denen auch noch Frohndienste kamen, war ihre Lage so elend, daß
sich immer weniger Pächter fanden. Gerade diese Art der Agrarververfassung
 hat zur Entvölkerung des flachen Landes und der Übervölkerung
 der Hauptstadt besonders stark beigetragen. „Da nun
aber das Angebot der freien Arbeiter, welche Kleinpächter werden
wollten, immer geringer wurde, und das Bedürfnis nach gewerblicher
Produktion noch auf einer so niedrigen Stufe stand, daß diese einen
Bevölkerungsüberschuß nicht versorgen konnte, der auf dem von
den Grundbesitzern monopolisierten Lande nicht unterkam und
weder im Kriege durch Sold und Beute, noch sonst vom Staate
sich ernähren konnte, ermöglichte die Landflucht nicht, wie im Zeitalter
 der Industrie, ein Anwachsen der industriellen Produktion,
sondern ein Zurückgehen der Gesamtproduktion und wirkte dadurch
auf die Bevölkerungszahl zurück. Die Volkszahl innerhalb des
römischen Reiches nahm in erschreckendem Maße ab. So überfüllt
die Großstädte waren von Leuten, die von allen Seiten zusammenkamen,
 um sich auf Kosten des Staates ernähren zu lassen, so leer
wurde das Land und die Bevölkerung hatte nicht mehr die Kraft,
die Katastrophen, welche sie seit der zweiten Hälfte des 2. und
namentlich im 3. Jahrhundert trafen, wie Pest und Krieg, durch
größere Vermehrung wettzumachen“ Ve
Die eben erwähnte Gesetzgebung des Kaisers Augustus hat
ihr Ziel nicht erreichen können. Das alteingesessene römische
Bürgertum ging an Zahl immer mehr zurück; an seine Stelle traten
mehr und mehr die Nachkommen von Sklaven und fremde An-Siedler.
 Dabei sei es dahingestellt, ob nach der Meinung Seecks
in diesem Prozeß die Hauptursache des Untergangs der Antike zu
suchen sei. Mag dieser Faktor auch noch so bedeutsam gewesen
SEIN, SO dürfen wir zur Erklärung historischer Wandlungen nicht
nur auf einen Faktor als Ursache zurückgehen. Wir dürfen namentlich
 nicht außer acht lassen, daß sich in der Geschichte Spätroms,
ähnlich wie im Ausgang der griechischen Geschichte, tiefgreifende
wirtschaftliche Wandlungen vollzogen haben, die den Nahrungsspielraum
 des römischen Italien ungünstig beeinflussen mußten. Aller-')

 L. M. Hartmann, Der Untergang der antiken Welt, Weltgeschichte a. a, O.,
3. Bd., Römische Geschichte, 1919, S, 21€,
        <pb n="53" />
        4

Erster geschichtlicher ‚Teil

dings handelt es sich hier um Zusammenhänge, die im einzelnen
noch einer genaueren Untersuchung harren.
Das römische Italien war zur Ernährung seiner Bevölkerung in
großem Umfang auf die Versorgung vom Ausland her angewiesen.
Die Münzverschlechterungen, mit denen man in der späteren Kaiserzeit
 den schlechten Finanzen aufhelfen wollte, ließen die Preise
allenthalben steigen. Die im Jahre 301 erlassene Preisordnung
Diokletians sucht dem vergeblich Einhalt zu tun. Mußte schon
diese Entwicklung das Wirtschaftsleben störend beeinflussen, so
scheinen zwei andere Faktoren noch wesentlich ungünstiger auf den
Nahrungsspielraum Italiens gewirkt zu haben.
Der eine war der Verfall der Landwirtschaft und zwar nicht
nur der italienischen, sondern auch derjenige wichtiger Versorgungsgebiete,
 vor allem von Ägypten. „Die bäuerliche Hörigkeit hat
die Arbeitsfreudigkeit und das Verantwortungsgefühl ertötet. An
die Stelle intensiver Wirtschaft ist allenthalben immer stärker ein
extensiver Betrieb getreten. Die Erschöpfung des Bodens hat sich
fühlbar gemacht und es hat an den nötigen Mitteln gefehlt, das
große landwirtschaftlich noch unentwickelte Gebiet, ‚über das ein
Riesenreich, wie das römische verfügte, zu erschließen. Waren doch
die Produktivkräfte der wirtschaftlich hoch entwickelten Reichsteile
schon nicht einmal mehr ausreichend für die Deckung der vielen
unproduktiven Ausgaben des Riesenreiches; dazu mußte die wirtschaftliche
 Lage immer ungünstiger werden, je weniger sich diese Ausgaben,
 alle die hochgespannten Ansprüche eines Kulturstaates, zurückschrauben
 ließen. Die gefährlichen Mittel, die der Staat, um sich
zu halten, angewandt hat, Verschärfung des Steuerdruckes und Verschlechterung
 des Geldes, haben auch hier die Zerstörung nur beschleunigt,
 zumal die Golddecke ohnehin schon unzureichend war
und die Menge der im Verkehr befindlichen Edelmetallvorräte sich
durch Thesaurierung im Inland und durch Abfluß nach dem Auslande
 infolge der ungünstigen Außenhandelsbilanz ständig verminderte‘“
 *). In diesen letzten Worten Ottos ist wohl einer der
wichtigsten Punkte angedeutet, der für die damalige ungünstige Gestaltung
 des Nahrungsspielraums in Italien mit herangezogen
werden muß.
Rom war in seiner Blütezeit ausgesprochener Erobererstaat.
Was wir’ oben bei Athen in schwächerem Ausmaße kennen gelernt
haben, daß es sich durch die Beiträge der Bundesgenossen einen

) Otto, a, a. OS. 153.
        <pb n="54" />
        3. Kap. Das Altertum

47

Teil der Mittel verschaffte, seine Zahlungsbilanz aktiv zu erhalten, das
sehen wir im römischen Reich in seiner Blütezeit in viel gewaltigerem
Maße. Nicht nur eine große Menge von Sklaven strömt hier als
willkommene Beute siegreicher Feldzüge zusammen, auch Kostbarkeiten,
 Edelmetalle, Schätze aller Art fließen aus aller Welt dahin.
Unter solchen Verhältnissen fehlt es nicht an den Mitteln, sich die
gewaltigen Einfuhren zu beschaffen, die notwendig sind. Das ändert
sich, als mit dem Niedergang des römischen Imperiums diese beuteteichen
 Feldzüge langsam aufhören. Die Politik der späteren
römischen Kaiser war vor allem darauf bedacht, das Erworbene zu
bewahren und die Kämpfe gegen die Germanen und gegen die
Parther zeigen, daß dies immer weniger gelungen ist. Die Wirkungen
dieser Entwicklung mußten sich besonders nach zwei Seiten hin
zeigen. Es begann zunächst ein Mangel an Sklaven aufzutreten.
Das setzte bereits zu Beginn des Kaiserreiches ein und verschärfte
sich in der Folgezeit erheblich. Für die Nahrungsversorgung mußte
dies umso verhängnisvoller werden, als sich die große Wanderung
vom Lande nach der Stadt vollzog und die Vermehrung der alteingesessenen
 Bevölkerung immer mehr zurückging. „Es liegt deutlich
 vor Augen, wie die Bevölkerung nicht mehr ausreichte, um
gleichzeitig die Felder zu bestellen und die notwendigen Heerdienste
zu leisten; das ergibt sich aus der Geschichte der neueingeführten
Rekrutierung. Ursprünglich hatte allgemein jeder Grundbesitzer
nach Bedarf so und so viel Rekruten abzuliefern. . .. Die Arbeitskraft
 war so wertvoll, weil man sie infolge des Bevölkerungsmangels
nicht leicht ersetzen konnte. ... In einer Provinz nach der anderen
brachten es die Grundbesitzer durch ihren Einfluß zustande, daß sie
Statt Kolonen Geld zahlen durften. ... Und das hatte nun die ungeheuer
 wichtige Folge, daß die Lücken im Heer entweder nicht
mehr ausgefüllt wurden ... oder daß man zu dem Mittel griff, das
kein Heilmittel, sondern Gift war für das römische Reich, daß man
durch Werbung und Inkorporierung von Feinden des römischen
Reiches das römische Heer ergänzte !).“
Dieser Arbeitermangel war einer der Gründe, warum die Landwirtschaft
 in spätrömischer Zeit immer extensiver betrieben wurde
und die Weidewirtschaft immer mehr zunahm. Aber nicht nur, daß
mit dem Aufhören der Eroberungskriege die Sklavenzufuhr zu Ende
ging, das gleiche galt auch von der sonstigen Beute und den
Tributen in der Form von Edelmetallen und Naturalleistungen,

) Hartmann, a, 2, O., S, 227 und Seeck, a. a. O., 3. Aufl, Bd. 1, S. 375.
        <pb n="55" />
        Erster geschichtlicher Teil

welche die unterworfenen Gebiete zu liefern hatten. Damit mußten
die Quellen versiegen, aus denen bis dahin die Mittel zur Bezahlung
des Einfuhrbedarfs geflossen waren. Die römische Zahlungsbilanz
mußte passiv werden, was in der Ausfuhr des römischen Goldbestandes
 zum Ausdruck kam. Eine bekannte Stelle aus Plinius (n. h.
XI 84) weist auf die Zusammenhänge hin und die gleiche Tatsache
einer passiven Zahlungsbilanz mit einem Goldabfluß können wir aus
zahlreichen Funden römischer Goldmünzen in den verschiedensten
Gebieten erschließen *). In dieser Entwicklung lag einer der Gründe
des wirtschaftlichen Niedergangs des Reiches und des allmählichen
Übergangs zur Naturalwirtschaft. Denn solche Zahlungen waren
nicht nur als Entgelt für die Einfuhr an Lebensmitteln und Luxusgegenständen,
 sondern auch als Soldzahlung für die in der Fremde
stehenden römischen Heere, oft auch als versteckter Tribut an die
Barbaren notwendig. Daß eine solche Entwicklung auf die Dauer
die Quelle des Nahrungsspielraumes an der Wurzel treffen mußte,
liegt auf der Hand. So vollziehen sich am Ausgang der römischen
Geschichte grundlegende Wandlungen im Verhältnis von Wirtschaft
und Bevölkerung, die dann die großen politischen Erfolge erleichtern
halfen, welche die germanischen Völkerscharen bei ihrem Einbruch
in Italien errungen haben.
Wir sehen also, daß in der alten Geschichte Volkszahl und
Volkswachstum wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch gewaltige
Wirkungen ausgeübt haben. Wir sehen aber auch, wie die Wandlungen
 in der letztgenannten Hinsicht ihrerseits wieder mächtig auf
die Volkszahl und ihr Wachstum einwirkten. Es handelt sich dabei
um Zusammenhänge, die grundsätzlich von denen, die wir in neuerer
Zeit in der gleichen Hinsicht beobachten können, keineswegs verschieden
 sind. Ausbildung von Gewerbe und Handel, industriestaatliche
 Entwicklung bei zunehmender Volkszahl, Versuche, die
Grundlagen der heimischen Wirtschaft durch Angliederung fremder
Gebiete zu erweitern — wirtschaftlicher Imperialismus —
dann aber auch auf der anderen Seite sowohl in Griechenland wie
in Rom wichtige politische und wirtschaftliche Strukturwandlungen,
die dahin wirksam gewesen sind, den vorhandenen Nahrungsspielraum
zu verkleinern.

4 Vgl. dazu K. Regling, Münzkunde. Einleitung in die Altertumswissenschaft
von Gerke und Norden, Bd, 2, 10922, S. 110.
        <pb n="56" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 49

Viertes Kapitel.

Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen
Geschichte.

ı. Bis zum Beginn der Neuzeit.
Man kann sagen, daß die Wanderbewegungen den Hauptinhalt
der germanischen Frühgeschichte gebildet haben. Schon im dritten
vorchristlichen Jahrhundert haben germanische Scharen den Rhein
überschritten und um die Mitte des zweiten Jahrhunderts haben die
Cimbern und Teutonen ihre nordische Heimat verlassen. Sie
waren die ersten germanischen Völkerschaften, die mit den Römern
in kriegerische Berührung kamen. In den Schlachten bei Aquä
Sextiä und auf den raudischen Feldern bei Vercellä sind sie den
römischen Heeren unter der Führung des Marius unterlegen.
Einige Jahrhunderte hindurch hören wir nun fortdauernd von germanischen
 Wanderungen, die vor allem den Rhein und Gallien zum
Ziele hatten, um sich dann in späterer Zeit über Italien. Spanien und
den Balkan, ja, bis Afrika auszubreiten.
So mannigfaltig im einzelnen auch die Motive und die treibenden
Kräfte dieser Wanderungen gewesen sein mögen, so herrscht doch
Übereinstimmung darüber, daß ihnen bestimmte Spannungsverhältnisse
zwischen Wirtschaft und Bevölkerung zugrunde gelegen haben.
Das brauchte dabei keineswegs von allen germanischen Stämmen
in gleicher Weise zu gelten. Denn auch hierfür gelten die Worte
Ratzels: „Jede Bewegung eines Volkes in einem bevölkerten Land
drückt auf ein anderes Volk und wenn dieses, dem Drucke nachgebend,
 sich bewegt, erteilt es einem Dritten Bewegungsstöße“ !).
Denn jede Bewegung in einem lebenserfüllten Raume ist Verdrängung.
So sagt z. B. L, Schmidt, daß die Wanderung und Ausbreitung
der Goten um das Jahr 100 nach Chr. in erster Linie die Burgunder
 betroffen habe, daß diese hinwiederum auf die Semnonen
und Lugier drückten, daß diese nun ebenfalls in Bewegung gerieten
und damit ihre Südnachbarn, die Markomannen, Quaden und Jazygen
in Aufruhr versetzen ?). Während man früher allgemein — einer
Mitteilung Strabos folgend — der Meinung gewesen war, daß die
Abwanderung der Cimbern und Teutonen aus ihren alten Sitzen
in Skandinavien auf eine Sturmflut zurückzuführen sei, neigt die

!) Ratzel, a. a. O., S. 141.
2) L. Schmidt, Geschichte der germanischen Frühzeit, 1925 S. 178.
Diehl-Mombert, Grundrisse, Ba. 16. 1
        <pb n="57" />
        56

Erster geschichtlicher Teil

neuere Forschung doch dazu, weniger Seenot als Landnot zur Erklärung
 heranzuziehen, eine Auffassung, die auch durch Zeugnisse
aus dem Altertum unterstützt wird und auf welche vor allem
Norden hingewiesen hat 3.
Es handelt sich also hierbei um die gleichen Triebkräfte, die
wir bereits bei den Kolonisations- und Ausdehnungsbestrebungen in
Griechenland und Rom kennen gelernt haben. L. Schmidt sagt
von der wirtschaftlichen Verfassung bei den Germanen, daß das von
einem Stamme okkupierte Land auf die Dauer nicht zum Unterhalt
Aller ausreichen konnte, wenn die Bevölkerung sich vermehrte.
„Den so entstehenden Nahrungssorgen zu entgehen, gab es drei
Auswege: Auswanderung, Übergang zu einer höheren Stufe des
Ackerbaues, Erwerbung von Knechten und Hörigen, denen die Aufgabe
 intensiverer Bodenbenutzung zur Ernährung ihrer Gebieter zufallen
 sollte. Gegen die Anwendung des zweiten Mittels haben sich
die Germanen besonders lange gesträubt, da es dem Krieger unbequem
 war und unwürdig erschien, selbst, wie es nunmehr nötig
gewesen wäre, Hand an den Pflug zu legen; eine Vermehrung des
Kulturlandes innerhalb der Stammesgrenzen durch Roden der Wälder
und Austrocknen der Sümpfe war aber ausgeschlossen, da es in jener
frühen Zeit an geeigneten Werkzeugen gänzlich gebrach. Es waren
in der Regel nur einzelne Gaue einer Völkerschaft, die auf Grund
seines Volksbeschlusses das Stammesgebiet verließen, um den Daheimbleibenden
 Raum für die Fortführung ihrer Wirtschaft in der hergebrachten
 Weise zu schaffen“ 2).
Gerade diese stoßweise Wanderung weist deutlich auf die dafür
maßgebenden Triebkräfte hin: „Daraus ergeben sich nahezu dreißigjährige
 Perioden für das Vordringen solcher Auszüge aus dem Inneren
Deutschlands, Sie sind durch die Kleinheit des Gebiets und das
den Römern wohlbekannte Anwachsen der Bevölkerung völlig erklärt“®%).
 In Prokops „Vandalenkrieg“ heißt es: „Als die Vandalen
einst, von Hunger getrieben, ihr Heimatland verlassen wollten, blieb
ein Teil von ihnen ... in den alten Sitzen. Mit der Zeit hatten
die Zurückgebliebenen reichlichere Ernten ... Jene freuten sich,
daß für sie nun das Land hinlänglich Nahrung bot“ 4).

') E. Norden, Die germanische Urgeschichte in Tacitus’ Germania, 10923,
S, 468/60.
?) L. Schmidt, Allgemeine Geschichte der germanischen Völker, 1909, S. 25.
% A. Meitzen, Siedelung und Agrarwesen der Westgermanen und Ostgermanen.
Bd. ı, 1895, S. 386,
*) Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit, Lief, 73, 1885, S. 46.
        <pb n="58" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 51

Über die wirtschaftlichen Verhältnisse bei den alten Germanen
in dieser Zeit, vor allem über die Agrarverfassung, herrschen
beträchtliche Meinungsverschiedenheiten !), Es sind das Fragen, auf
die an dieser Stelle nicht genauer eingegangen werden kann. Für
die uns hier interessierende Frage ist allein wesentlich — worin
auch Übereinstimmung herrscht — daß zur Zeit Cäsars die Viehzucht
 noch das Übergewicht hatte. Wenn auch damals die Germanen
keine Nomaden mehr waren, so hatten sie jedenfalls erst eine geringe
Bodenbeständigkeit. Die uns überlieferten Nachrichten, daß das bewirtschaftete
 Land einem jährlichen Wechsel unterliege, zeigt jedenfalls,
 daß der Ackerbau damals noch keine große Rolle spielte und
in recht extensiver Form betrieben wurde. Etwa 150 Jahre später
hat uns Tacitus ebenfalls die wirtschaftlichen Zustände bei den
Germanen beschrieben. In dieser Zeit hat jedenfalls schon Sondereigentum
 am Boden bestanden, während das für die Periode, die
Cäsar beschreibt, zweifelhaft ist. Auch der Ackerbau hat an Bedeutung
 zugenommen und die Bevölkerung ist in dieser Zeit seßhafter
 geworden. Man darf mit Recht annehmen, daß die Ausbildung
 des Sondereigentums am Boden die Folge dieser größeren
Seßhaftigkeit gewesen ist?). Von Osten drängten immer andere
Völkerschaften nach, im Westen zog die römische Macht Grenzen,
die immer schwerer zu durchbrechen waren, da blieb bei steigender
Volkszahl, wenn man dem Hunger entgehen wollte, nichts anderes
übrig, als seßhaft zu werden und dem Ackerbau mehr Sorgfalt und
Arbeit zu widmen. „Denn so weit wir die Geschichte verfolgen,
können wir bei keinem Stamm nachweisen, daß er freiwillig den
Übergang von der relativ bequemen Viehzucht zum anstrengenden
Ackerbau vollzogen hat. Aber die Zeit kam auch für die Germanen
und zwar, als die Römer mit jener eisernen Kette die Grenzen verhängten
 und es den Germanen, die bis dahin in einer Vorwärtsbewegung
 nach Westen begriffen waren, verwehrten, den Rhein zu
überschreiten“ ®, „Die Landnot der Germanen“ *, so hat F. Dahn
eine kleine Schrift genannt, in der er diese Wanderungen behandelt
hat. „Der Hunger, der Mangel an Nahrungsmitteln, herbeigeführt

1) Vgl. dazu die Zusammenfassung bei R. Kötzschke, Allgemeine Wirtschaftsgeschichte
 des Mittelalters, 1924, S. 65
2?) Vgl. dazu S. Riezler, Die Landnahme der Bajuvaren, Sitzungsberichte der
bayrischen Akademie der Wissenschaften, Jahrg. 1920, 1921, S. 43.
3 Hartmann, Der Untergang der antiken Welt. Weltgeschichte a. a. O..
S. 260,
%) Leipzig 1889, S. 9 u. 23,
        <pb n="59" />
        )j&amp;amp;

Erster geschichtlicher Teil

durch Übervölkerung“, so faßt Dahn in der genannten Schrift die
Ursachen der Wanderbewegung zusammen. „Aber auch acht Legionen
waren nicht imstande, auf die Dauer die treibende Kraft abzuwehren,
welche immer und immer wieder die Germanen zu Ausbreitungsbewegungen
 drängte, die Not, die Landnot, die Kornnot, der Hunger.“
Paulus Diaconus in seiner Langobardengeschichte und Jordanes
in seiner Geschichte der Goten haben ebenfalls diesen Zusammenhang
 hervorgehoben. Wo die Germanen mit den Römern zusammenkommen,
 haben sie gar keinen anderen Wunsch, als Land zu erhalten,
um sich ansiedeln zu können. Es sind das Zusammenhänge zwischen
Wirtschaft und Bevölkerung, die als wichtigste Triebkraft dieser
großen Wanderbewegungen einwandfrei feststehen.
Soweit die Ausbildung des Sondereigentums am Boden in dieser
Zeit in Beziehung zu der durch die Verengerung des Nahrungsspielraums
 erzwungenen Seßhaftigkeit steht, haben wir es auch hier mit
einer sehr wichtigen gesellschaftlichen Auswirkung des Volkswachstums
 zu tun. Auch für die Anhänger des Islam wird von Sachkennern
 der gleiche Zusammenhang hervorgehoben, daß ihre große
Wanderbewegung und ihre Eroberungszüge letzten Endes darauf
beruhten, daß der Nahrungsspielraum in den alten Sitzen zu eng
geworden war *).
Dafür, wie groß die Zahl der Germanen gewesen ist, wie zahlreich
 ihre Stämme waren, gibt es nur rohe Schätzungen, die mit
großer Vorsicht aufgenommen sein wollen. Denn aus zeitgenössischen
Quellen sind uns nur wenig brauchbare Angaben erhalten.?). Bekannt
 ist vor allem die Zählung, die Geiserich im Jahre 429 bei
den Vandalen vornehmen ließ und die 80000 Köpfe ergab ®).
G. Schmoller hat die Zahl der Germanen zur Zeit Caesars für
den Umfang des deutschen Reiches auf 2—3 Millionen angenommen *).
H. Delbrück®) ist auf Grund sehr interessanter Konjekturen zu
dem Ergebnis gekommen, daß ein germanischer Stamm etwa 25000
Köpfe gezählt habe. Das entspräche einer Volksdichte von 4 bis
« Köpfen auf den Quadratkilometer. Freilich darf man solche älteren

' C. H. Becker, Islamstudien, 1924 S, 5/9 u. S. 68,
?) Zusammengestellt bei L. Schmidt, Allgemeine Geschichte, a. a. O., S. 47/48.
Vgl. auch R. A. Müller, Die Zahl der Teilnehmer am Helvetierfeldzug, Klio,
Bd. 9, 1909,
3) L. Schmidt, Zur Frage der Volkszahl der Vandalen, Byzantinische Z,
Bd. 15, 1906.
4) Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, Bd. ı, 1900, S. 171.
5) Geschichte der Kriegskunst, Bd. 2.
        <pb n="60" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 53
Dichtigkeitszahlen nicht mit neueren vergleichen. Denn man muß,
was ganz besonders für die damaligen Verhältnisse Germaniens gilt,
berücksichtigen, daß ein weit größerer Teil des Landes mit Wald
überzogen und mit Sumpf und Mooren bedeckt war, als das heute
der Fall ist. Da wir nun gar nichts Genaueres über die Größe
und Beschaffenheit des damals besiedelten Gebietes wissen, so können
wir auch für die vorliegenden Zusammenhänge mit solchen Zahlen,
wie den eben gegeben, sehr wenig anfangen.
Der Wunsch der germanischen Völkerschaften, von den Römern
Land zur Siedlung angewiesen zu erhalten, ist in späterer Zeit, wenn
auch vielfach unter dem Drucke der germanischen Invasion, erfüllt
worden. Zum Teil hat es sich auch dabei um Gebiete gehandelt — es
sei nur an die Ansiedelung der Goten auf dem Balkan erinnert —
die damals stark an Entvölkerung litten. Ein großer Teil der eindringenden
 Germanen hatte auch in den römischen Heeren Waffendienst
 genommen und damit die Unterwerfung des Römerreiches
unter die nach Italien vordringenden Stämme der Goten, Alanen
und Vandalen vorbereitet. Wenn diese Unterwerfung gelang, so
hing das in erster Linie auch damit zusammen, daß den Römern
die Leute fehlten, um den eindringenden Germanen mit Erfolg entgegentreten
 zu können. So groß auch die Zahl der nach Italien eindringenden
 Germanen war, so konnten sie doch dem dort herrschenden
 Menschenmangel mit seinen wirtschaftlichen Folgen nicht abhelfen.
 Sie rückten ja nicht an die Stelle der arbeitenden Kolonen,
sondern an die der Großgrundbesitzer, denen ein Teil ihres Bodens
abgenommen wurde. Es kam noch hinzu, daß die Menschenverluste
in den Gotenkriegen gewaltig groß waren. Hartmann hat sie
nach Millionen berechnet ?).
Tacitus hatte den damaligen germanischen Ackerbau mit den
Worten gekennzeichnet: „Et superest ager“. Daraus geht hervor,
daß nicht das ganze zur Verfügung stehende Land regelmäßig angebaut
 worden ist. Ob es sich dabei, wie man früher annahm, um
eine rohe Feld-Graswirtschaft gehandelt oder ob der Ackerbau
nicht schon einen geregelteren Charakter getragen hat, sei nicht
weiter erörtert?) Es steht nur fest daß es sich jedenfalls hierbei
um eine recht extensive und verschwenderische Art der Bodenbestellung
 gehandelt hat.

') L. M. Hartmann, Geschichte Italiens im Mittelalter, Bd. 1, 1897, S. 353/55.
*) Vgl. dazu die Darlegungen bei Dopsch, Wirtschaftliche und soziale Grundlagen,
 a. a. O., Bd. 1, S. 68ff.
        <pb n="61" />
        Erster geschichtlicher Teil

Die Zahl des Volkes war am Schlusse der Völkerwanderung
jedenfalls sehr gering. Man darf wohl annehmen, daß die starken
Wanderungen und die blutigen Kriege in den ersten nachchristlichen
Jahrhunderten zunächst wohl zu einer Abnahme der Bevölkerung
geführt haben. Es fehlt jede Möglichkeit, uns ein genaueres Bild
von dem Volkswachstum in Deutschland in den ersten Jahrhunderten
nach Abschluß der Völkerwanderung zu machen. Was an Quellen
und Beobachtungen für diese Zeit vorliegt, kann uns für die damaligen
Bevölkerungsverhältnisse nur ganz dürftige Anhaltspunkte geben.
Für das Moselgebiet hat Lamprecht!) auf Grund der in den erhaltenen
 Urkunden erwähnten Ortschaften für die Zeit um etwa
800 eine Schätzung der Volkszahl und ihres Wachstums versucht,
Er kam zu einer Volksdichte, von 1,5 auf einen Quadratkilometer
und für die nächsten Jahrhunderte zu einer Zunahme in diesem Gebiet,
 wie sie sich in der folgenden Zahlenreihe wiederspiegelt. Es
betrug das Wachstum in Prozent im Jahresdurchschnitt

800— 900 Ay1
900—1000 0,3
LO00—1050 0,47
1050—1100 0.7
1100—1150 9,5
1150-—1200 0,4
[200—1237 0,35

Freilich handelt es sich hier um Feststellungen, deren Grundlagen
 so unsicher sind, daß sie nicht mehr als ganz grobe Anhaltspunkte
 geben können. Denn es hängt natürlich durchaus vom
Zufall der Überlieferung ab, wann ein Ort in den Urkunden zuerst
Erwähnung gefunden hat. Schon allein die geringe, von Lamprecht
 für dieses Gebiet gefundene Dichte der Bevölkerung muß
zur allergrößten Vorsicht mahnen. Auf Grund von dem Vorkommen
von Namen in St. Galler Urkunden kommt G. Caro?) für die Gebiete
 des großen Thurgaus, der heute etwa die siebzigfache Einwohnerzahl
 birgt, auf eine solche von 10000 Personen für die damalige
 Zeit. Für Frankreich steht uns in dem Polyptychon des
Abtes Irmino ein Verzeichnis der Güter eines Pariser Klosters etwa
aus dem Anfang des 9. Jahrhunderts zur Verfügung und man ist
für die Besitzungen dieses Klosters, die einen Flächenraum von
370 akm umfaßten, zu einer Bevölkerungsdichte von 30 Menschen

1) Deutsches Wirtschaftsleben im Mittelalter, ı, 1886, 3. Abschnitt.
2?) G. Caro, Zur Bevölkerungsstatistik der Karolingerzeit, In „Beiträge zur
älteren deutschen Wirtschafts- und Verfassungsgeschichte‘*‘, 1905.
        <pb n="62" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 55

auf einen Quadratkilometer gekommen !). Für England liegt in dem
„Doomsdaybook“ der großen Landesaufnahme Wilhelm des
Eroberers eine Quelle vor, die man ebenfalls bereits zu Feststellungen
 für die Volkszahl benutzt hat. Man kam zu einer Gesamtsumme
 von 283242 wirtschaftlich selbständigen Männern?) und
Beloch“®) hat auf dieser Grundlage für diese Zeit die Bevölkerung
Englands ohne Wales auf ı,5 Millionen geschätzt, was einer Dichte
von 11,4 auf einen Quadratkilometer entsprechen würde.
In dem Dargelegten liegt das einzige, was sich über die Verhältnisse
 der europäischen Bevölkerung für jene ältere Zeit an Überlieferungen
 vorfindet. Jede direkte brauchbare Zahlenangabe fehlt
und was wir in der eben dargelegten Weise annähernd berechnen
können, bezieht sich im allgemeinen nur auf kleinere Gebietsteile,
Wir müssen uns natürlich hüten, derartige Zahlen — auch wenn sie
vielleicht für die betreffenden kleineren Gebiete zutreffen — irgendwie
 auf größere Länder zu übertragen. Besonders irreführend ist
dabei die Berechnung der Volksdichte. Zunächst fehlen uns alle
Anhaltspunkte dafür, ob und in welchem Umfang wir berechtigt
sind, eine solche Übertragung von kleineren auf größere Gebiete
vorzunehmen. Es genügt zur Begründung, darauf hinzuweisen, welch
große Dichtigkeitsunterschiede wir z. B. heute in den einzelnen
deutschen Gebietsteilen wahrnehmen. Aber selbst wenn man zu
dem einwandfreien Ergebnis käme, daß in dieser älteren Zeit die
Bevölkerungsdichte auf dem heutigen Reichsgebiet z. B. 10 auf den
Quadratkilometer betragen habe, so könnten wir unter wirtschaftlichen
Gesichtspunkten damit nicht allzuviel anfangen; denn es fehlt uns
jede Vergleichsmöglichkeit zu der Größe des Nahrungsspielraums.
Das ist auch dann der Fall, wenn man ganz von der Ausbildung
von Gewerbe und Handel in der späteren Zeit, die ja den Nahrungsspielraum
 stark vergrößert hat, absieht. Es handelt sich vielmehr
darum, worauf bereits einmal hingewiesen worden ist, daß in diesen
älteren Zeiten ein wesentlich größerer Teil des Landes mit Wald,
Sumpf und Mooren bedeckt war, also für die Besiedelung gar nicht
in Frage kommen konnte. Es ist durchaus möglich, daß im Hinblick
auf die Größe des Nahrungsspielraumes damals die Volksdichte eine
relativ größere gewesen ist als in den späteren Zeiten. Denn in
bezug auf die Beziehungen von Wirtschaft und Bevölkerung hat

1!) E. Levasseur, La population frangaise, Bd. ı, S. 124ff., Paris 1889.
*) Gneist, Englisches Verwaltungsrecht, Bd. ı, 1867, S. 118ff.
%) J. Beloch, Die Bevölkerung Europas im Mittelalter, Z. f, Sozialwissenschaft,
Bd. 3, 1900.
        <pb n="63" />
        1
Ju

Erster geschichtlicher Teil

der Begriff der Volksdichte nur dann einen Sinn, wenn man ihn in
irgendeine zahlenmäßige Beziehung zu den wirtschaftlichen Voraussetzungen
 der betreffenden Zeit bringen kann. Es ist dies ein Zusammenhang,
 von dem noch eingehender die Rede sein wird. Wenn
wir also aus diesen Zahlen, vor allem auch deshalb, weil sie uns
kein Bild von dem Wachstum der Bevölkerung geben, nichts über
die damaligen Beziehungen von Volkszahl und Wirtschaft erkennen
können, so gibt es doch manche anderen Mittel und Wege, um uns
ein leidliches Bild von den Wandlungen zu machen, welche sich in
dieser älteren Zeit in der betreffenden Hinsicht vollzogen haben.
Mit dem Ausgang der Völkerwanderung hatten sich in Deutschland
 dauerhafte Siedelungsverhältnisse entwickelt und etwa mit
dem Ausgang des 6. Jahrhunderts war die Landnahme und Ansiedelung
 der deutschen Stänme zum Abschluß gekommen *). Es
folgte nun die Zeit des sog. Landesausbaues in extensiver und
in intensiver Hinsicht. Darunter ist nichts anderes verstanden als
die Erweiterung des Nahrungsspielraums. Zwei Wege werden dazu
eingeschlagen.
Für die Zeit vom 4. bis 6. Jahrhundert hat man schon für
Deutschland von einer jüngeren Kolonisationsperiode gesprochen °).
Dem Wald wird neues Ackerland abgewonnen, eine Entwicklung,
die sich dann durch Jahrhunderte hindurch fortsetzt. Wir können
aus dieser Tatsache auf ein erhebliches Volkswachstum schließen,
da allein ein solches die Veranlassung zu einem derartigen Neubruch
sein konnte. Der sich verengernde Nahrungsspielraum zwang zu
einem solchen Vorgehen. Man hat dabei schon zwei Perioden unterschieden.
 Zunächst eine Periode der Besiedelung, die etwa bis zum
Ende der Karolingerzeit, und die des Ausbaues, die bis zum Ende
der Stauferzeit reicht. „In der ersten Periode handelt es sich um den
elementaren Kampf mit der Urnatur des Landes; weniger intensiv,
vor allem extensiv, sucht man der segnenden Kräfte des Bodens
Herr zu werden. Kein feinerer Ausbau der einmal errungenen Fluren
ist die Aufgabe, sondern die Bezwingung des Waldes in neuer Aufwinnung
 und ihr entsprechender Besiedelung. So dauerte die Anlage
 großer Rodflächen in Waldestiefe bis in das zehnte Jahrhundert“ ®).
Die Entwicklung schuf bestimmte Rechtsformen, um solche Ge-1)

 Vgl. dazu vor allem R. Kötzschke, Deutsche Wirtschaftsgeschichte bis zum
17. Jahrhundert, 3. Aufl., 1023.
2?) Dopsch, a. a. O., Bd. I, S. 259.
3) Lamprecht, a. a, O0, Bd. ı, S. 147.
        <pb n="64" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 57

winnung von neuem Land durch den Einzelnen im Walde zu erleichtern.
 Der einzelne Markgenosse war befugt, in der gemeinen
Mark „Land einzufangen“. Dieser „Beifang“ wurde Sondereigentum
des Betreffenden. (Bifangsrecht). Freilich ist dann daraus im Laufe
der Zeit eine Verstärkung der sozialen Unterschiede entstanden, weil
der Reichere, der über eine größere Anzahl von Eigenleuten und
Zugvieh gebot, sein Besitztum auf diese Weise stärker ausdehnen
konnte ?!), Für die Siedler kam noch als besonders günstige Form
der Landleihe die sog. Waldsiedeleihe auf neu zu rodendem Waldgrund
in Übung ?). Diese Rodungen haben sich während der ganzen
Karolingerzeit und auch noch später in beträchtlichem Ausmaß {fortgesetzt.

Die Gewinnung von Neuland hat sich zunächst in kleinerem
Maßstab innerhalb der Grenzen der Markgenossenschaft selbst vollzogen,
 dann aber auch in späterer Zeit und in größerem Umfang
auch auf anderem Wege. „Nunmehr aber wird das Geschäft der
Rodung und Kolonisation von den großen sozialen Mächten, welche
sich allmählich aus den veränderten politischen und wirtschaftlichen
Verhältnissen herausbildeten, in die Hand genommen; und damit
erhalten der Ausbau und die Ansiedelungen in kurzer Zeit auf weiten
Gebieten einen ganz veränderten Charakter“®). Die Träger dieser
großangelegten inneren Kolonisation sind vor allem die weltlichen
Grundherrschaften und die Klöster, dann aber auch die Fürsten, In
dem capitulare de villis hat Karl der Große bestimmt: „Wo sich
in den kaiserlichen Forsten geeignete Plätze zur Rodung finden,
sollen diese gerodet werden, und es soll dem Überwuchern des
Feldes durch den benachbarten Wald stets Einhalt getan werden“ *).
Nicht weniger groß waren auf diesem Gebiete die Leistungen der
Klöster ®). Sie wurden vielfach gegründet mit der Aufgabe, kolonisatorisch
 tätig zu sein und man hat schon gemeint, daß gerade in
ältesten Zeiten die Klosterwirtschaft grundsätzlich auf Rodung und
Gewinnung neuen Ackerlandes abgestellt gewesen sei®. Besondere
Verdienste haben sich in dieser Hinsicht. namentlich in der späteren

lH. Brunner, Deutsche Rechtsgeschichte, 2. Aufl., Bd. ı, 1906, S. 206/07.
2) Kötzschke, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, a. a. O., S. 48 u. O. Bethge,
„Über Bifänge‘‘, Vierteljahrsschrift f. Sozial- u. Wirtschaftsgeschichte, Bd. 20, S. 139 ff.
3 Inama-Sternegg, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, 2. Aufl.. Bd. ı. 1900,
S. 274/75-4)
 Inama-Sternegg, a. a. O., S. 276 ff.
5) M. Fastlinger, Die wirtschaftliche Bedeutung der bayrischen Klöster in der
Zeit der Agilufinger, 1903.
9) Inama-Sternegg, a. a. O., S. 285/86.
        <pb n="65" />
        58

Erster geschichtlicher Teil

Zeit, die Zisterzienserklöster erworben ?). „Seit der Einwanderung
 der Bajuvaren bis zum 8. Jahrhundert war für die Vermehrung
 des anbaufähigen Bodens nichts Durchgreifendes geschehen.
Große Landstriche lagen wüst und waldbedeckt. Bevor man daran
denken konnte, veredelten Bodenbau in breiterem Umfang zu betreiben,
 galt es, Sümpfe auszutrocknen und Wälder zu roden, um
neues Ackerland zu gewinnen und Platz für neue Siedelungen. Nur
eine im Mönchstum großartig organisierte Arbeitskraft konnte damals
mit Aussicht auf raschen Erfolg die Kultivierung ganzer Länderstriche
wagen“ 2).

Freilich haben damals keineswegs allein die Klöster diese segensteiche
 Tätigkeit ausgeübt, den Nahrungsspielraum zu erweitern. Vor
allem Dopsch hat darauf hingewiesen ®), welche Rolle in dieser
Hinsicht auch den weltlichen Grundherrschaften zugefallen ist *), und
welche gesellschaftlichen Auswirkungen diese Kolonisationstätigkeit
gehabt hat. Denn es waren auch Arbeitskräfte nötig, um diese
Tätigkeit auszuüben. „Es gab aber ein Mittel, die vorhandenen
Arbeitskräfte wirksamer auszunutzen und deren Leistungskraft ganz
bedeutend zu steigern. Wenn man den Unfreien freiließ, ihm seine
Habe schenkte, war er durch das Interesse am eigenen Gewinn zur
Übernahme weiteren Herrschaftslandes und dessen Bebauung wohl
stets zu haben“. Damit erklärt Dopsch die große Masse von Freilassungen,
 der wir in dieser Zeit begegnen und soweit das zutrifft,
haben wir es mit wichtigen gesellschaftlichen Auswirkungen des
Volkswachstums zu tun. Denn wir können uns die gewaltige
Rodungstätigkeit dieser Epoche nicht vorstellen, ohne daß als Folge
eines starken Volkswachstums ein steigender Bedarf nach Land vorhanden
 gewesen wäre. Auch Lamprecht hat darauf hingewiesen,
daß der Ausbau und die wachsende Intensität der Landeskultur
damals gesellschaftliche Auswirkungen hatte, indem sie gegen

N F. R. Winter, Die Zisterzienser des nordöstlichen Deutschland, 1869/71. —
H. Muggentaler, Kolonisatorische und wirtschaftliche Tätigkeit eines deutschen
Zisterzienserklosters im 12. u. 13. Jahrhundert, 1924. — Vgl. auch das Material bei
K. Kretschmar, Historische Geographie von Mitteleuropa, 1904 u. Kmiotek,
Siedelung und Waldwirtschaft im Salzforst, 1900 u. O. Schlüter, Wald, Sumpf und
Siedelungsland in Altpreußen vor der Ordenszeit, 1921.
2%) Fastlinger, a. a. O., S. 2. Die in diesen Worten liegende Übertreibung
ist von F. Gutmann, „Die soziale Gliederung der Bayern zur Zeit des Volksrechts‘,
1906, S. 179ff. auf das richtige Maß zurückgeführt worden.
3) a. a. O., Bd. 2, S. 180ff.
%) Dopsch, Die Wirtschaftsentwicklung, a. a. O., Bd. ı, S. 247 u. Bd. 2, S, 49.
        <pb n="66" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 59
Verfassung und Ausdehnung der alten Wirtschaftsverbände andrängten
 ?).
Diese Rodungstätigkeit freilich war nicht der einzige Weg,
den Nahrungsspielraum der wachsenden Volkszahl entsprechend zu
vergrößern. Auch die Intensität des Ackerbaus hat in dieser Zeit
Fortschritte gemacht, wenngleich die Meinungen über den Stand der
deutschen Bodenkultur in dieser Zeit noch ziemlich auseinandergehen.
 Es handelt sich um das Eindringen ’der Dreifelderwirtschaft
 an Stelle der Feld-Graswirtschaft. Die neuere Forschung
ist zwar zu dem Ergebnis gekommen, daß die Germanen schon vereinzelt
 vor der Völkerwanderung die Dreifelderwirtschaft gekannt
haben, daß aber erst im Zeitalter der Karolinger dieses Ackerbausystem
 neben anderen Verbesserungen der Landeskultur allgemeinere
Verbreitung gewonnen hat. Auch hier waren es die großen Grundherrschaften,
 die in dieser Hinsicht bahnbrechend und wegweisend
vorgegangen sind. Es ist jedenfalls eine Zeit, in der wir einer
größeren Regelmäßigkeit im Betrieb und in der Feldbenutzung begegnen.
 Wir hören auch von Fortschritten in der Viehzucht und
von der Einführung neuer Methoden. Below hat über diese Zusammenhänge
 gesagt: „Mit dem Aufkommen der Dreifelderwirtschaft,
 einer der Körnerwirtschaften, gelangt die größere Schätzung
des Ackerbaues zum Ausdruck, die wir als eine Folge der inzwischen
eingetretenen Zunahme der Bevölkerung ansehen dürfen ?).“ Es liegen
hier jene oben erwähnten engen Wechselwirkungen zwischen Wirt-Schaft
 und Volkszahl vor. Auf der einen Seite haben wir in dem
starken Volkswachstums jener Periode eine der treibenden Kräfte zu erblicken,
 die damals zu der Neugewinnung von Land geführt haben.
Auf der anderen Seite haben aber dieser Landesausbau und die
sonstigen Fortschritte in der Landwirtschaft eine Erweiterung des
Nahrungsspielraumes bewirkt und damit den Boden für ein weiteres
Volkswachstum bereitet. Es handelt sich hierbei immer um so enge
Wechselwirkungen, daß man keineswegs sagen kann. auf welcher
Seite die primären Kräfte lagen.
Auch in diesen ganzen Zeiten haben sich jedoch immer wieder
Spannungsverhältnisse zwischen Volkszahl und Nahrungsspielraum
gezeigt. Das war nicht nur in der Form der Fall, daß die Entwicklung
 des letzteren mit dem Wachstum der Volkszahl nicht
immer Schritt gehalten hat, die geringe Beherrschung der Natur, die

3 Lamprecht, a. a. O., 5. 271.
2?) G. v. Below, Probleme der Wirtschaftsgeschichte, 1920, S. 40.
        <pb n="67" />
        50

Erster geschichtlicher Teil

primitive Bestellung des Bodens, die geringe Ausbildung von Verkehr
 und Handel, mußten die Größe des Nahrungsspielraumes viel
abhängiger von den elementaren Ereignissen der Natur werden
lassen, als das heute der Fall ist. Es handelt sich hierbei in erster
Linie um Mißernten als Folge ungünstiger Witterungsverhältnisse,
um den Einfluß von Überschwemmungen und von Kriegen auf den
Ertrag des Bodens. Die Folgen solcher Ereignisse waren Hungersnöte,
 die sich häufig über mehrere Jahre erstreckten. Für die
längere Dauer entscheidend war die damit verbundene allgemeine
Depression, die noch lange auf die Wirtschaft nachwirkte. „Der
Ackerbau lag ganz darnieder, oft wurde in der Not das Saatgetreide
ganz oder zum Teile verzehrt, am schlimmsten aber mußte es wirken,
daß regelmäßig, von furchtbarer Panik ergriffen, die Landbevölkerung
den Acker überhaupt im Stiche ließ und so die ganze Getreideproduktion
 ins Stocken geriet *).“ Für das Moselland hat Lamprecht
für das 8. und 9. Jahrhundert fünfzehn große Hungersnöte festgestellt.
„Die Preise schnellen in den Hungersnöten des frühen Mittelalters
zumeist in ganz exorbitanter Weise in die Höhe, das Sechs- und
Siebenfache, ja das Zwanzigfache der Normalpreise für die gangbarsten
Nahrungsmittel, wie Roggen, Spelz, Wein, ist nichts Ungewöhnliches.“
„Daneben starben viele Hungers; die Straßen auch großer Städte,
wie etwa Lüttichs, liegen voll Sterbenden und verzweifelt Ächzenden,
denen christliche Milde nur noch im frühesten Morgen Spenden
auszuteilen wagt, ganze Dörfer sterben aus; und die Spuren einer
Hungersnot sind noch auf ein Jahrzehnt hinaus sichtbar *).“
Für die Periode von 1202—1291 hat Lamprecht den Mindestpreis
 für Roggen mit 32, den Höchstpreis mit 102 festgestellt ®).
In solchen Zeiten war die Sterblichkeit deshalb auch eine ungemein
 große, weil im Gefolge der Hungersnöte regelmäßig Krankheiten
 und Epidemien auftraten, die. furchtbar in der Bevölkerung
h4austen %).

Unter dem Gesichtspunkte der Zusammenhänge von Bevölkerung
und Wirtschaft betrachtet, haben diese Hungersnöte eine doppelte
Bedeutung. Sie lassen einmal erkennen, wie groß die allgemeine

1) F, Curschmann, Hungersnöte im Mittelalter, 1900, S. 27. — Für diese
Zusammenhänge bringt auch wertvolles Material A, Maurizio, Die Geschichte
unserer Pflanzennahrung, 1928, Kap. 12. Überreste des Sammelns in Zeiten der Not
und Teuerung,
?) Lamprecht, a, a. O., S. 59/92.
3) Lamprecht, a. a. O., S. 599.
N) Curschmann, a. a. O., S. 6off,
        <pb n="68" />
        4- Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 61

Sterblichkeit in jener älteren Zeit gewesen sein muß und welche
Kräfte damit einem zu starken Volkswachstum entgegenwirkten.
Wir sehen aber auch, wie unsicher bei dem damaligen Stand der
Wirtschaft der vorhandene Nahrungsspielraum gewesen sein muß,
wenn solche, immer wieder auftretenden elementaren Ereignisse alles
mühsam Erreichte so sehr in Frage stellen konnten. Wenn die doch
immer nur lokal auftretenden Hungersnöte eine solch verheerende
Wirkung ausüben konnten, so hängt dies vor allem damit zusammen,
daß bei den damaligen mangelhaften Straßen- und Verkehrsverhältnissen
 die Zufuhr von Getreide aus Gegenden, die von dem Mißwachs
 verschont geblieben waren, nicht möglich war. Das beginnt
sich erst im späteren Mittelalter zu ändern; erst hier sehen wir, daß
Mißernten nicht mehr die schlimmen Wirkungen ausüben, wie zuvor,
weil jetzt der Nahrungsmittelbezug aus entfernteren Gegenden möglich
 geworden ist. Freilich begegnen wir bei den damals sehr hohen
Transportkosten erheblichen Preissteigerungen und damit auch
schweren Notständen, aber es handelt sich doch nicht mehr um
Hungersnöte in dem Ausmaße wie einige Jahrhunderte zuvor. Gerade
der Ausbildung des Straßen- und Verkehrswesens ist für
die Größe und die Sicherheit des Nahrungsspielraumes eine sehr
große Bedeutung zuzumessen, eine Tatsache, die man bis hinein in
unsere Tage beobachten kann. Denn ein ausgedehnterer Handel
kann erst dort entstehen, wo die Verkehrsmöglichkeiten dazu die
Voraussetzung geben. Weil gerade in diesen älteren Zeiten ein
regionaler Ausgleich in den Ernteerträgnissen noch nicht durch den
Handel herbeigeführt werden konnte, so wurden die Menschen damals
noch vielfach zum Verlassen der Heimat gezwungen, um Gebiete
aufzusuchen, in denen sie bei Hungersnöten Nahrung zu finden hofften Y.
Die Ansichten darüber gehen auseinander, in welchem Umfang
in dem Zeitalter der Karolinger Handel, Verkehr und Geldwirtschaft
ausgebildet waren. Gegenüber älteren Anschauungen, die für die
damalige Zeit einen ganz überwiegend naturalwirtschaftlichen Charakter
der deutchen Volkswirtschaft betonten, hat Dopsch die Meinung ?)
vertreten, daß damals Verkehr und Geldwirtschaft doch eine wesentlich
 größere Rolle gespielt haben. Sei dem, wie ihm wolle. Man
wird jedenfalls mit aller Bestimmtheit sagen können, daß unter dem
Gesichtspunkt der Größe und der Sicherheit des Nahrungsspielraumes
betrachtet, die damaligen Grundlagen der deutschen Volkswirtschaft

‘) Curschmann, a. a. O,, S. 62 ff.
’) Wirtschaftliche und sosiale Grundlagen, a. a. O.
        <pb n="69" />
        52

Erster geschichtlicher Teil

naturalwirtschaftlich waren, weil Handel und Verkehr jedenfalls noch
nicht die Rolle spielten, um damit irgendeinen stärkeren Einfluß auf
die Größe des Nahrungsspielraumes auszuüben. Stärkere Änderungen
in dieser Hinsicht begannen sich erst etwa von der Mitte des 13. Jahrhunderts
 ab zu zeigen.
Solche Hungersnöte mit der Wirkung einer temporären
Übervölkerung finden sich ganz allgemein dort, wo in Ermangelung
 eines ausreichenden Getreidehandels, ein regionaler Ausgleich
 zwischen getreidearmen und getreidereichen Gebieten noch
nicht möglich ist. Es ist dies eine für einfachere Wirtschaftsverhältnisse
 typische Form der Übervölkerung. Wo die Verhältnisse ähnlich
 gelagert sind, begegnen wir deshalb noch in der Gegenwart
genau den gleichen Erscheinungen. Das war noch in neuerer Zeit
in Rußland der Fall®, und es ist bekannt, welche Rolle die
Hungersnöte heute noch immer wieder in Indien spielen?). Aber
trotz dieser gewaltigen, immer wieder einsetzenden Einbußen, ist die
deutsche Volkszahl sicherlich in dieser ganzen Periode erheblich gestiegen.
 Zwar fehlen alle brauchbaren Anhaltspunkte, um sich davon
irgendwie ein genaueres zahlenmäßiges Bild zu machen, aber es gibt
doch zahlreiche Symptome, die dafür sprechen. Ein so guter Kenner
jener Verhältnisse, wie Kötzschke, hat diese Entwicklung mit den
folgenden Worten charakterisiert: „Außer Zweifel steht das Anwachsen
 der Bevölkerung Deutschlands in den Zeiten des mittelalterlichen
 Landesausbaues von der Karolingerzeit bis in die Stauferzeit
 hinein. In den westlichen und südlichen, frühe der Kultur erschlossenen
 Landschaften trat diese Volkszunahme schon früher ein,
als weiter im Nordosten; auch Unterschiede in der Stärke des Volkswachstums
 zeigten sich; aber nur in Gegenden, die von der Natur
ungünstig ausgestattet waren, blieb die aufsteigende Bevölkerungsbewegung
 aus. Auch periodische Rückschläge fehlten nicht. Durch
verheerende Seuchen und Kriege wurde, zeitlich und örtlich, eine
sehr verschiedene Abnahme der Bevölkerung herbeigeführt. Da man
sich noch nicht durch Güteraustausch zwischen verschiedenen
Gegenden vor dem Mangel an Brotfrucht bei Mißwachs zu schützen
vermochte, so trat in mittelalterlichen Zeiten recht häufig, wenn
auch in örtlich beschränkter Ausdehnung, Hungersnot und infolgedessen
 Sterben ein. ... Indes steht die Gesamterscheinung des Bevölkerungswachstums
 im frühen Mittelalter fest ®).“ WennKötzschke

') Vgl. dazu Lehmann und Parvus, Das hungernde Rußland, 1900.
°) B. Narain, The population of India, Lahore 1925.
3) Kötzschke, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, a, a, O., S. 0.
        <pb n="70" />
        4: Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 63

für die spätkarolingische Zeit die Volkszahl des ostfränkischen Reiches
auf 2'/,—3 Millionen, unter den Saliern auf 3—3'/, Millionen schätzt,
so können solche Zahlen der Natur der Sache nach nicht mehr als
Anhaltspunkte sein, die aber doch sicher im großen und ganzen die
aufsteigende Bewegung richtig wiederspiegeln.
Auch in der Folgezeit hat die Rodung und die Neugewinnung
von Land noch eine große Rolle gespielt. Man hat hier der ersten
Besiedelungsperiode gegenüber eine zweite unterschieden, die etwa
vom 9.—11. Jahrhundert reicht. Freilich beginnen sich jetzt bereits
Tendenzen zu zeigen, daß man in der Urbarmachung des Waldes
mitunter zu weit gegangen ist. Zahlreiche, damals begründete Ortschaften
 sind in der Folgezeit, weil auf. unfruchtbarem Boden und
unwirtschaftlich angelegt, wieder zugrunde gegangen. Aber auch
manche anderen Symptome sprechen dafür, daß man in dieser
Siedlungstätigkeit als Voraussetzung einer Erweiterung des Nahrungsspielraumes
 an gewisse Grenzen kam. „Hatte man noch in der
Karolingerzeit Wald und Land als unerschöpfliches Gut der Nation
betrachtet, wie Sonne, Luft und Wasser; jetzt zeigte sich immer
deutlicher die Begrenztheit der geographischen Grundlage des
nationalen Lebens. Der agrarische Nahrungsspielraum, einst unermeßlich,
 verengte sich, zumeist und zuerst am Rhein, in Schwaben
und Franken ... Es galt, sich auf begrenztem Raume zurechtzufinden.
Noch mehr als bisher erschien der Boden als wirtschaftlicher Wert;
unablässig steigerte sich deshalb sein Preis“ *).
Es ist dies aber auch die Zeit, in der sich Ansätze zeigen von
zwei anderen Seiten her in Deutschland, das Verhältnis von Nahrungsspielraum
 und Volkszahl weitgehend zu beeinflussen. Die Kolonisation
 des Ostens ist es, die dafür eine wichtige Rolle zu
spielen beginnt. Schon vom Jahre 1100 etwa ab werden in den Gebieten
 von Weser und Elbe Kolonistendörfer angelegt. Die meisten
Ansiedler kamen aus dem Innern des Reichs, z. T. auch aus Holland.
„Die in allen europäischen Ländern bemerkbare Übervölkerung bewog
 sie zur Auswanderung und zwar nicht einzeln, sondern in geschlossenen
 Scharen“?), Auch die Besitzverhältnisse und sozialen
Zustände auf dem Lande spielten dabei eine wesentliche Rolle.
„Wenn die Freilassung in der Heimat mit augenblicklicher Ansetzung
zu Erbzinsrecht verbunden gewesen wäre, so hätte sich kein niedersächsischer
 oder westphälischer Bauer einfallen lassen, auszuwandern.
5) Lamprecht, Deutsche Geschichte, Bd. 3, 4. Aufl., 1913, S. 58.
23 S. Hellmann, Das Mittelalter bis zum Ausgang der Kreuzzüge. Weltgeschichte
 von Hartmann, Bd. 4, 1920, S. 2303/04.
        <pb n="71" />
        54

Erster geschichtlicher Teil

Nicht Wanderlust, sondern Not bewegte damals die Massen zum
wandern und weil er als Late nicht mehr sitzen konnte und zu der
jeichtlöslichen und drückenden Zeitpacht nicht mehr sitzen wollte,
deshalb zog der sächsische Bauer einer ungewissen und mühreichen
Zukunft im fernen Slavenlande entgegen !).“ Besondere Unternehmer
traten auf, welche diese ganze Auswanderung und Neusiedelung in
die Wege leiteten ®).
Nach den Darlegungen Lam prechts hat noch in anderer Weise
die damalige Art der deutschen Agrarverfassung viel zu dieser Auswanderung
 beigetragen. Der allerorts herrschende Flurzwang gestattete
 den Bauern nicht, nach eigenem Ermessen zu bauen und zu
wirtschaften 3). Demgegenüber boten die neuangelegten Kolonistendörfer
 wesentliche Vorzüge. Die Bauerngüter waren dort nicht nur
wesentlich größer angelegt wie in der Heimat, in der Regel lagen
auch die den Ansiedlern zugeteilten Hufen als große Anbauflächen
beieinander. Zuerst vollzog sich diese Kolonisation auf dem deutschen
 Mutterboden selbst. Es sind vor allem Niederländer, die im
deutschen Nordwesten die Moore kultivieren helfen und bald
folgte die Kolonisation der ostelbischen, slavischen Gebiete, die mit
der Germanisierung derselben Hand in Hand ging. Bis nach Böhmen,
Mähren und Ungarn hinein hat sich diese Kolonisationsbewegung
erstreckt. Von ihrem zahlenmäßigen Umfang kann man sich ein Bild
machen, wenn man hört, daß nach den Angaben Lamprechts in
der Mark Brandenburg im Laufe zweier Generationen an 100 Städte
und Städtchen entstanden sind und daß bis zum Jahre 1260 in
Schlesien etwa 1500 deutsche Bauerndörfer gegründet wurden und
etwa 150—180000 Deutsche einwanderten. Auf Einzelheiten dieser
großen Bewegung kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden.
Sie mußte nur berührt werden, um zu zeigen, welch gewaltige Entlastung
 an Menschen damals die deutsche Heimat auf diese Weise

ı W, Wittich, Die Entstehung des Meierrechts u. die Auflösung d. Villikationen
 in Niedersachsen u. Westfalen. Z. f. Sozial- u. Wirtschaftsgeschichte, Bd. 2,
1894, S. 61.
2?) R. Kötzschke, Das Unternehmertum in d. ostdeutschen Kolonisation des
Mittelalters. Diss., Leipzig 1904. — Derselbe, Quellensammlung z. Geschichte d.
ostdeutschen Kolonisation im 12.—14. Jahrhundert, 1912. — A, v. Wersebe, Über
d. niederländischen Kolonien, welche im nördlichen Teutschlande im 12. Jahrhundert
gestiftet worden, 1815. — E. O. Schulze, Die Kolonisierung u. Germanisierung d,
Gebiete zwischen Saale und Elbe, 1896. — Th. Rudolph, Die niederländischen
Kolonien der Altmark, 1889. — M. Beheim-Schwarzbach, Die Besiedelung von
Ostdeutschland durch d. zweite germanische Völkerwanderung, 1582.
3\ Deutsche Geschichte, a..a. O., S. 264/65.
        <pb n="72" />
        4
4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 65

erfahren hat und woher es kommt, daß wir trotz des starken Volkswachstums
 in dieser Zeit kaum von Symptomen der Übervölkerung
hören, trotzdem gerade in dieser Periode die Waldrodungen in der
Heimat zu Ende gehen. Aus den gewaltigen Menschenmengen, die
Deutschland damals abgegeben hat, können wir jedenfalls schließen,
daß in dieser Zeit die wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeit in
der alten Heimat gewisse Einschränkungen erfahren hat. Es scheinen
damals in Deutschland auch gesellschaftliche und politische Momente
gewesen zu Sein, die im Gegensatz zu der vorangegangenen Zeit
die Gewinnung von Neuland erschwert haben. Wir werden später
noch häufiger auf die Frage stoßen, ob die Verengerung des
Nahrungsspielraumes in einer bestimmten Zeit auf rein wirtschaftlichen
 oder gesellschaftlichen Tatsachen beruht, also ein Produktionsproblem
 oder die Folge einer bestimmten politischen und gesellschaftlichen
 Organisation ist.

Jedenfalls haben in dem Zeitalter der ostdeutschen Kolonisation
für die Größe des Nahrungspielraumes in der Heimat gesellschaftliche
 Faktoren eine wesentliche Rolle gespielt. Während in der
älteren Zeit für den Landesaufbau die Grundherrschaften eine stark
aktive Rolle gespielt haben, begann sich das vom 12. Jahrhundert
ab zu ändern. Das war vor allem deshalb der Fall, weil von gewissen
 Ausnahmen abgesehen, die großen Grundherrschaften ihre alte
wirtschaftliche Betätigung beim Landesausbau aufgaben. Sie werden
immer mehr Rentengut. „Immer mehr begnügen sie sich mit den
fixierten Leistungen der Meier, den Zinsen der bäuerlichen Klasse . . .“
„Von einem ökonomischen Großbetrieb im Rahmen der alten Entwicklung
 ist nicht mehr die Rede“?). Es kam noch hinzu, daß bereits
von dieser Zeit ab die Forsten zum Teil als Reichsgut erklärt wurden
oder in die Hände großer Grundherren übergingen und damit der
Besiedelung durch die Bevölkerung entzogen wurden. Auch die
Aufteilung des Grundbesitzes beim Erbgang war unter dem Einfluß
 der Grundherrschaft nicht mehr in dem Maße möglich wie zuvor.
 Man hat auch schon geglaubt, zwischen der ostdeutschen
Kolonisation und den Hungersnöten im Westen einen Zusammenhang
 herstellen zu können. „Die Wahrscheinlichkeit, daß eine solche
Verbindung vorliegt, wächst, wenn wir sehen, daß das zwölfte Jahrhundert,
 in dem die Kolonisation begann, mehr als alle anderen von
Hungersnöten heimgesucht wurde und daß gerade die Niederlande,

') Lamprecht, Deutsche Geschichte, a. a. O., S. 69/71.
Diehl-Mombert. Grundrisse. Bd. 15.
        <pb n="73" />
        56

Erster geschichtlicher Teil

von denen die Kolonistenzüge ausgingen, wieder am häufigsten und
schwersten unter den Hungersnöten litten“ ?).
Es war jedoch nicht nur die ostdeutsche Kolonisation, die wir
als Ventil auffassen müssen, das sich damals bei enger werdendem
Nahrungsspielraum der stark anwachsenden Bevölkerung öffnete,
auch die Kreuzzüge, die ja etwa in die gleiche Zeit fielen, wollen
unter ähnlichen Gesichtspunkten betrachtet sein. Kötzschke hat
sie als eine große Wanderbewegung mit nachfolgender Kolonisation
bezeichnet und gemeint: „Wenn die Beobachtung richtig ist, daß
die großen Züge jeweils im Abstand eines Generationenwechsels und
der Klimaperioden erfolgt sind, so deutet dies auf den Einfluß allgemeiner
 fühlbarer Notstände in der Ernährungslage“ ... „Auf den
ersten Ruf erhoben sich in unübersehbarer Menge Arme und Besitzlose
 aus Stadt und Land; nach Jahren des Mißwachses und der
Hungersnot trug dieser Aufbruch geradezu unheimliche Züge wirtschaftlich-sozialen
 Charakters; er lichtete die Bevölkerungsmenge
bäuerlicher oder kleinbäuerlicher Art daheim und führte lawinenartig
anschwellende Massen hinaus, freilich ohne neuen Wohnsitz und
Nahrungsspielraum zu bieten, denn die meisten gingen auf regelloser
 Fahrt zugrunde“ ?). Mit dem Beginn des vierzehnten Jahrhunderts
 war das Ende der ostdeutschen Kolonisation erreicht; es
traten sogar gewisse Rückschläge ein; der letzte Kreuzzug hatte im
Jahre 1291 stattgefunden. Damit waren die Möglichkeiten zu Ende,
das Gleichgewicht zwischen Volkszahl und Nahrungsspielraum durch
so starke Abwanderungen aufrecht zu erhalten. Es ist eine altbekannte
 Erfahrung, daß nach solchen Perioden großer Bevölkerungsverluste,
 wie sie in der Heimat durch diese Kolonisation und die
Kreuzzüge entstanden waren, das Volkswachstum stark zunimmt.
Auch nach verlustreichen Kriegen kann man ähnliches beobachten.
Für die Zurückbleibenden steigt damit der vorhandene Nahrungsspielraum,
 die Lebensmöglichkeiten bessern sich und das muß namentlich
 steigernd auf die Heiratshäufigkeit und mindernd auf die Sterblichkeit
 einwirken. Diese Wirkung ist damals nicht nur in Deutschland,
 sondern auch in dem übrigen Europa ausgeblieben. Es trat jetzt
nämlich eine Erscheinung auf, die zunächst nicht nur jedes weitere
Wachstum der Bevölkerung verhindert hat, die vielmehr mit Bestimmtheit
 für den Verlauf einiger Jahrzehnte ihre Zahl bedeutend
herabsetzte.

) Curschmann, a. a, O,, S. 66/67.
?) Kötzschke, Allgemeine Wirtschaftsgeschichte, a. a. O., S. 498/500,
        <pb n="74" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte €7

Um die Mitte des 14. Jahrhunderts, vornehmlich in den Jahren
1348/49, trat eine furchtbare Pestepidemie, der schwarze Tod,
auf, der sich in seinen Wirkungen auf fast alle europäischen Staaten
erstreckte *), eine Epidemie, der sich dann in den folgenden Jahrzehnten
 noch manche anderen angeschlossen haben. Eine genauere
Ermittlung der damals eingetretenen Menschenverluste ist natürlich
unmöglich. Nur für kleinere Gebiete stehen leidlich brauchbare Angaben
 zur Verfügung und man kann sich dann auf dieser Grundlage
 ein einigermaßen annäherndes Bild der gesamten Menschenverluste
 machen. Hecker hat diesen Verlust für Europa auf den
vierten Teil der Bevölkerung veranschlagt, während Kowalewsky
meint, daß der Teil der Bevölkerung, der der Pest erlegen sei, ebensogut
 ein Drittel, die Hälfte oder auch zwei Drittel der Einwohnerschaft
 gewesen sein könne. Jedenfalls war der Bevölkerungsverlust
ein ganz gewaltiger und man muß sich davor hüten, seine wirtschaftlichen
 und sozialen Folgen irgendwie zu unterschätzen. Für England
hat man die Bevölkerungsverluste durch die Pest auf die Hälfte der
Bevölkerung geschätzt. „Für die Grundherren ist die Situation vollkommen
 auf den Kopf gestellt. Vorher ein Überschuß an Arbeitskräften,
 den das Land gar nicht mehr voll aufzusaugen vermag,
jetzt eine erschreckende, plötzliche, gar nicht vorauszusehende Minderung
 des Arbeiterangebots“?). Mit diesen Wandlungen auf dem
Arbeitsmarkt konnte die Nachfrage nach Arbeitskraft nicht mehr
befriedigt werden, überhohe Lohnforderungen waren die Folge, denen
die Regierung — wenn auch erfolglos — durch die Festsetzung von
Höchstlöhnen zu begegnen suchte. „An manchen Orten“, so schreibt
Steffen, „mußte das reife Korn auf dem Felde verfaulen, weil es
an Schnittern fehlte; Rinder und Schafe gingen in den Wäldern
zugrunde, weil sie keine Hirten hatten; ein Teil des urbaren Bodens
ging einstweilen für den Anbau verloren, weil keiner da war, der
ihn hätte bestellen können“?®). Weitgehend war der Einfluß dieser

1) Vgl. dazu R. Hoeniger, Der schwarze Tod in Deutschland, 1882. —
K. Lechner, Das große Sterben in Deutschland in den Jahren 1348/1351, 1884. —
M. Kowalewsky, Die ökonomische Entwicklung Europas, 1911, Bd. 5, Kap. 5—12.
— J. F. Hecker, Die großen Volkskrankheiten des Mittelalters, 1865. — Creighton,
 History of epidemies in Britain. 1801. — F. A. Gasquet, The black death,
London 1908,
?) G. Brodnitz, Englische Wirtschaftsgeschichte, Bd. ı, 1918, S. 75. — Vgl.
dazu auch W. Cunningham, Entwicklung der Industrie u. des Handels in England,
Deutsch 1912, S. 376ff. u. G. F. Steffen, Studien zur Geschichte der englischen
Lohnarbeiter, 1901, 5. 305 ff,
3) Steffen, a. a. OO, S. 312.
        <pb n="75" />
        58

Erster geschichtlicher Teil

Volksabnahme auf die Entwicklung der englischen Agrarverfassung.
Aus Mangel an Arbeitskräften mußten die großen Güter anders bewirtschaftet
 werden und die Weidewirtschaft begann sich auf Kosten
des Ackerbaues auszudehnen. Die geringere Volkszahl genügte nicht
mehr, um den Nahrungsspielraum in seinem alten Umfange aufrecht
zu erhalten !). Auch aus Deutschland hören wir damals ähnliche
Klagen. Auch hier werden infolge des Arbeitermangels vielfach
Höchstlöhne festgesetzt, auch hier leidet vor allem die Landwirtschaft
unter dem Mangel an Arbeitskräften, Freilich waren die Wirkungen
hier etwas andere als in England, weil dieses damals bereits eine
höhere Stufe in seiner Wirtschaft erreicht hatte.
Neben den Hungersnöten, die auch in dieser ganzen Zeit, abgesehen
 von den Seuchen, grassierten, haben wir es hierbei im Sinne
von Malthus mit repressiven Hemmnissen des Volkswachstums zu
tun. Auch nach dem Erlöschen des schwarzen Todes sind immer
wieder — noch Jahrhunderte hindurch — Pestepidemien aufgetreten.
Man hat schon häufig hervorgehoben — das haben vor allem Süßmilch?)
 und Malthus®) getan — daß nach solchen Seuchen immer
wieder eine Periode schneller Volksvermehrung erfolgt ist. Das gilt
auch für die damalige Zeit. Lechner hat in seinem genannten
Buch eine ganze Reihe von Belegen dafür beigebracht. Ih. Rogers
sagt von England: „Gleichzeitige Berichterstatter teilen uns mit, und
in dieser Beziehung können wir ihnen Glauben schenken, daß nach
den Verheerungen durch die Pest eine schnelle Vermehrung der
Bevölkerung eintrat, Zwillings- und Drillingsgeburten erfolgten, wie
es heißt, damals häufig, die Ehen waren merkwürdig fruchtbar und
in kurzer Zeit war von den durch die Pest gerissenen Lücken nichts
mehr zu spüren. Das Hindernis einer raschen Volksvermehrung,
das in einer hohen Lebenshaltung liegt, wurde beseitigt durch die
Leichtigkeit, mit der die Überlebenden zu einer solchen Lebenshaltung
 gelangten“ %).
Mit dieser Zeit des schwarzen Todes, der Mitte des 14. Jahraunderts,
 sind wir jedoch auch für Deutschland bereits in einer Zeit
angelangt, in welcher der alte agrar-naturalwirtschaftliche Charakter
der Volkswirtschaft immer mehr zurücktritt, Gewerbe und Handel

1y Vgl. dazu W. v. Ochenowski, Englands wirtschaftliche Entwicklung am
Ausgang des Mittelalters, 1879, S. 38.
2) J. P. Süßmilch, Die göttliche Ordnung in den Veränderungen d. menschlichen
 Geschlechts, 3. Aufl., 1765, 1. Bd, Tabelle zı, S. 87.
?) Versuch über d, Bevölkerungsgesetz. Übers. v. Stöpel, 1879, S. 398 ff.
Y Th. Rogers, Die Geschichte d. engl. Arbeit. Deutsch 1896, S. 173.
        <pb n="76" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 69

an Bedeutung zunehmen und Geldwirtschaft und städtisches Leben
immer mehr hervortreten. Damit mußte ganz allgemein ein günstiger
Einfluß auf die Gütererzeugung ausgeübt werden, denn die aufkommende
 Geldwirtschaft mußte viele Bindungen in der Produktion
lösen, den Tausch und Verkehr erleichtern, die Arbeitsteilung und
damit die Produktivität der Wirtschaft fördern 1. Zwar liegen sowohl
die geistigen wie die wirtschaftlichen Ansätze zu diesen Wandlungen
schon erheblich früher, aber für die uns hier interessierenden Probleme
der Wandlungen im Nahrungsspielraum kommt es nicht auf den
Anfang dieser Entwicklung, sondern auf ihre stärkere Entfaltung an.
Die Gründung von Städten und ihr Wachstum hatte bereits vom
[1. Jahrhundert ab stark eingesetzt. In diesen Städten begannen
sich Gewerbe und Handel in steigendem Maße zu entwickeln. Es
ist bekannt, in welchem Umfang im I4. und 15. Jahrhundert das
wirtschaftliche Leben in den Städten aufblühte und welche Entwicklung
 in dieser Zeit Binnen- und Fernhandel genommen haben.
Man hat auch schon die Meinung vertreten, daß die Abwanderung
nach dem Osten auch deshalb zum Stillstand kam, weil die Städte
den Geburtenüberschuß des flachen Landes aufzusaugen begannen.
Denn das 13. und die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts sind ja in
Altdeutschland eine Zeit der Neugründung zahlreicher Städte und
des Anwachsens der Handelszentren. „Der damit unzweifelhaft verbundene
 Menschenverbrauch hat sicher die Bauernabwanderung nach
dem Osten unterbunden“ ?). Auch als Folge der Wanderbewegung
selbst mag wohl eine Besserung in der Lage der Zurückgebliebenen
eingetreten sein. So sagt Kulischer, daß ähnlich, wie in England
durch den schwarzen Tod, so auch in Deutschland diese Kolonisierung
 neuer Gebiete und die Abwanderung in die Städte die Lage
der Bauernbevölkerung günstig beeinflußt hat. „Wurde ja der Grundherr
 beständig daran erinnert, daß der von ihm übermäßig bedrängte
Bauer die Scholle verlassen und einen anderen Grundherrn, die Stadt
oder den Wald aufsuchen konnte“%). Wenn auch in dieser ganzen
Zeit des allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs Deutschland in
mancher Hinsicht hinter Holland, Italien und England zurückstand,
so ist das doch ein Zeitalter einer wirtschaftlichen Blüte, wie wir
ihm in dieser Form zum erstenmal in der deutschen Geschichte
begegnen. Es braucht ja nur an den großen Handelsverkehr der

1 Th. Mayer, Deutsche Wirtschaftsgeschichte d. Mittelalters, 1928, S. 59.
2?) C. Krollmann, Die Besiedelung Ostpreußens durch den deutschen Orden.
V. f. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Bd. 21, S. 295.
3) Kulischer, Allg. Wirtschaftsgeschichte, Bd. ı, 1928, 5, 133/24.
        <pb n="77" />
        70

Erster geschichtlicher Teil

oberdeutschen Städte mit Italien oder an die große wirtschaftliche
und politische Machtstellung der Hansa im Norden erinnert zu
werden. Mit dieser Entwicklung war eine ganz neue Situation für
die Beziehungen zwischen Wirtschaft und .Bevölkerung entstanden.
Sie beginnen sich gewissermaßen auf einer ganz neuen Ebene abzuspielen.
 L. M. Hartmann hat diese Zusammenhänge einmal in
ganz ausgezeichneter Weise in die folgenden Worte gefaßt: „Auch
die Bevölkerungszahl ist nicht von den natürlichen Bedingungen
eines Landes allein abhängig; denn zu verschiedenen Zeiten und
Kulturstufen sind auch verschiedene natürliche Gaben des Landes
der Volksvermehrung günstig; die Fruchtbarkeit des Bodens zu einer
Zeit, in welcher jedes Volk nur selbstgesäte Frucht verzehrt; die
Leichtigkeit der Verbindungen, wenn die Völker ihre Produkte zu
tauschen gelernt haben; der Reichtum an Kohle und ähnliche Umstände
 im Zeitalter der Maschinen und der Industrie. Wenn die
Kulturentwicklung der Bewohner mit den natürlichen Hilfsquellen
übereinstimmt, wenn die Organisation der Bevölkerung auf die Ausbeutung
 dieser Hilfsquellen gerichtet ist, so ist eine Volksvermehrung
wahrscheinlich und die Summe der menschlichen Kräfte kann anwachsen
 und dies bedeutet wieder eine Vermehrung der geleisteten
Arbeit“ 1). Solche Wandlungen lassen sich jetzt in Deutschland im
14. und 15. Jahrhundert deutlich beobachten,
Nicht nur, daß in solchen Zeiten zunehmenden Handels und
Verkehrs temporäre Übervölkerungserscheinungen als Folge von
Hungersnöten nicht mehr in dem Ausmaße vorkommen können,
wie in den Zeiten des frühen Mittelalters, auch in anderer Hinsicht
lassen sich wichtige Wandlungen feststellen. Als in den Jahren
1433—38 in manchen Teilen Deutschlands große Hungersnöte eintraten,
 da hatten bereits die größeren Städte durch ihre Vorratshäuser
 die Möglichkeit, einer zu starken Not vorbeugen zu können
und damals gelang es bereits, von auswärts, wo die Ernten besser
waren, Getreidezufuhren herbeizuschaffen. Damals haben bereits
Augsburg, Nürnberg und Nördlingen große Kornankäufe in Österreich
getätigt). Die Zunahme von Handel und Verkehr machte jetzt,
Sn ) Hartmann, Geschichte Italiens, a. a. O., Bd. ı, S. 6.
2) Vgl. dazu P. Meyer, Studien über d. Teuerungsepochen von 1433—1438,
‚.. Diss, Erlangen 1914. — L. Klaiber, Beiträge z. Wirtschaftspolitik d. oberschwäbischen
 Reichsstädte im ausgehenden Mittelalter, 1927. — Ferner die zahlreichen,
hier genannten, aus der Schule Belo ws hervorgegangenen Dissertationen über diesen
Gegenstand. Außerdem :W. Naude, Die Getreidehandelspolitik der europäischen
Staaten vom 13. bis zum 18, Jahrhundert, 1896. — Derselbe, Deutsche städtische
Getreidehandelspolitik. Schmollers Forschungen. Bd. 8. 1889.
        <pb n="78" />
        EEE

4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 71

vor allem in den Städten, eine ganz andere Teuerungspolitik
möglich, als zuvor. Freilich waren trotzdem solche Notstände nicht
ganz zu vermeiden, sie lasteten noch schwer genug auf der Bevölkerung;
 nur, daß man jetzt weniger von Hungersnöten, als von
Teuerungen reden kann, weil jetzt das Wesentliche in den gewaltigen
Preissteigerungen und Preisschwankungen, namentlich beim Korn,
lag. In den Jahren 1433—1437 schwankten in Nürnberg die Preise
für einen Sümmer Korn zwischen 15 und 35 Pfund, in Würzburg
im Jahre 1437 zwischen 5 und 18 Pfund %. Freilich fehlen dann
bei solch hohen Preisen der Bevölkerung in der Regel die Mittel,
das‘ Getreide zu kaufen. „Gelangten Kornvorräte in das von der
Hungersnot heimgesuchte Gebiet, so geschah dies in der Regel erst,
wenn sie bereits einen derartigen Umfang angenommen hatte und
die Getreidepreise derart gestiegen waren, daß die Bevölkerung
außerstande war, das angelangte Korn zu erwerben ?. Erst mit der
Vervollkommnung des Straßen- und Verkehtswesens ist es, wie wir
noch sehen werden, gelungen, derartige verheerende Preisschwankungen
 zu bekämpfen.

Wichtiger jedoch für die Beziehungen zwischen Volkszahl und
Nahrungsspielraum als diese Milderung vorübergehender Notstände
war die Tatsache, daß die Entwicklung von Gewerbe und Handel
und das Wachstum der Städte den Nahrungsspielraum der deutschen
Volkswirtschaft erweitern mußte. Zwar fehlen auch für diese Zeit
alle brauchbaren Möglichkeiten, uns ein zahlenmäßiges Bild von
dem damaligen Wachstum der Bevölkerung zu machen, aber es
gibt doch immerhin wichtige Symptome, aus denen wir auf ein
solches Wachstum der Bevölkerung schließen können. Erst vom
Ausgange des 17. Jahrhunderts ab liegen für einzelne deutsche
Staaten leidlich brauchbare Zählungen vor. Während Kötzschke
die Einwohnerzahl des Reiches einschließlich der östlichen Kolonisationsgebiete
 für die Mitte des ıı. Jahrhunderts noch mit 5
bis 6 Millionen und für die Mitte des ı2. Jahrhunderts mit 7 bis
8 Millionen angenommen hatte, wird die Volkszahl von ihm für das
Jahr 1500 mit mehr als ız Millionen angenommen. Das würde
etwa einer Dichte von 20 Einwohnern auf den Quadratkilometer
entsprechen ®), Häpke hat dazu bemerkt: „Will man nicht überhaupt
 ziffernmäßige Vorstellungen ablehnen, so wird man etwa auf

) P. Meyer, a. a. O,, S. 30/31.
? Kulischer, a. a. O., S. 162.
3) Deutsche Wirtschaftsgeschichte, a. a. O.
        <pb n="79" />
        72
Kötzschkes Schätzungen gelangen !).“ Jedenfalls steht eine starke
Volkszunahme für das 13. und 14. Jahrhundert und auch noch für
die folgende Zeit fest. Aber doch war die Bevölkerungszunahme in
dieser älteren Zeit äußerst geringfügig, verglichen mit derjenigen der
letzten Menschenalter. Gley gibt das Volkswachstum der Mittelmark
 in der Periode von 1150—1624. von 25000—26000 auf etwa
160000 an und empfindet das für die damalige Zeit als mit Recht
sehr erheblich ?). In den Jahren 1841—45 betrug nach dem damaligen
 Volkswachstum in Deutschland die Verdoppelungsperiode
der Bevölkerung rund 66 Jahre. An diesem Maßstab gemessen hätte
sich in der Zeit von 1150—1624 die Bevölkerung der Mittelmark "auf
3,2 Mill. Köpfe erhöhen müssen. Man erkennt hieran deutlich den
Gegensatz in der Stärke des Volkswachstums in älterer und neuerer Zeit,
Von manchen Seiten hat man für das 14. Jahrhundert für eine
Reihe von Städten, namentlich für süddeutsche, einen Rückgang in
der Volkszahl festgestellt und daraus auf einen Rückgang des deutschen
Wirtschaftslebens in dieser Zeit geschlossen ®). Eine genau entgegengesetzte
 Anschauung hat Below vertreten, wenn er vom 14. Jahrhundert
 sagt: „Tatsächlich entwickeln die deutschen Städte jetzt eine
außerordentliche Lebenskraft. Der Mauerring wächst, die Bevölkerung
hat die Mittel, herrliche Kirchen, Rathäuser, Patrizierhäuser zu bauen“ *).
Man darf natürlich nicht, wie es von einzelnen Seiten geschehen ist,
aus der Entwicklung der Einwohnerzahl in einzelnen Städten ein
allgemeines Urteil über die Lage der deutschen Volkswirtschaft in
1) Vgl. dazu Art. „Bevölkerungswesen“ (Geschichte d. Bevölkerungsbewegung)
im Handwörterbuch d, Staatswissenschaften, 4. Aufl., S. 670ff. — Vergleichbare Angaben
 für einzelne Städte finden sich bei G. Strakosch-Grassmann, Die Volkszahl
 der deutschen Städte in Vergangenheit u. Gegenwart, 1907. — J. Beloch,
Antike u, moderne Großstädte, Z. f. Sozialwissenschaft, Bd. 1, 1898. — Sombart,
Der moderne Kapitalismus, 1916, Bd. ı, S. 214ff. — G. Schmoller, Deutsches
Städtewesen in älterer Zeit, 1022, S. 6off. — H. Pirenne, Geschichte Belgiens,
1907, Bd. 3, 5. 357 ff. — Auf d. Reichstage zu Augsburg wurde der Plan einer allgemeinen
 Volkszählung gefaßt. Für ein zu bildendes Reichsheer sollte auf je 400 Einwohner
 I Mann ausgerüstet werden. Kaiser Maximilian glaubte, auf diese Weise
30000 Mann zu erhalten; man schätzte demnach die Bevölkerung des Reiches damals
auf ı2 Millionen. Nach Beloch, Die Bevölkerung Europas zur Zeit der Renaissance,
Z. f. Sozialwissenschaft, Bd. 3, 1900.
?) Gley, Die Besiedelung d. Mittelmark von d. slavischen Einwanderung bis
1624, 1926, S. 120.
3) Vgl. dazu vor allem H. Flamm, Der wirtschaftliche Niedergang Freiburgs
u. d, Lage d, städtischen Grundeigentums im 14. u. 15. Jahrhundert, 1905. — Ferner
E. Gothein, Wirtschaftsgeschichte d. Schwarzwalds, ı. Bd., 1892, S. 249, 335, 374
u. 661.
1) Below, a. a, O., 5. 454 Anmerk.

Erster geschichtlicher Teil
        <pb n="80" />
        4: Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 73

jener Zeit fällen wollen. Dafür können in diesen Städten besondere
Gründe — wie z. B. besonders starke Nachwirkungen der Pest oder
wirtschaftliche Ursachen — vorgelegen haben. Jedenfalls läßt sich
in der wirtschaftlichen Entwicklung des 14. Jahrhunderts kein Faktor
finden, der für einen allgemeinen Rückgang der Bevölkerung in den
Städten sprechen würde. Denn die Entwicklung stärkerer sozialer
Unterschiede und die Herausbildung eines größeren Gegensatzes
von Arm und Reich, die sich im 14. Jahrhundert vollzieht und auf
die besonders Lamprecht hingewiesen hat, können einen wirtschaftlichen
 Niedergang in den Städten und eine Abnahme der
Volkszahl in ihnen nicht erklären !). Freilich sind auch Lam prechts
Darlegungen keineswegs widerspruchslos. Daß die Zahl der Bettler
und Vaganten in den Städten des 14. Jahrhunderts sehr groß war,
steht fest. Das war aber keine Erscheinung, die allein für diese
Zeit charakteristisch gewesen wäre. Wie dem aber auch sei — es
ist kein Zweifel, daß zu dem Wachstum der Städte in dieser Zeit
in erster Linie die vom flachen Lande Zugewanderten beigetragen
haben.“ Leider ist die Tatsache, daß diese Einwanderung stattgefunden
 hat und daß sie verhältnismäßig stark gewesen ist, so
ungefähr alles, was wir von ihr wissen“ ?. Immerhin läßt sich doch
einiges an Tatsachen darüber feststellen.
Wir wissen zunächst ganz allgemein von einem starken Wandertrieb
 in jener Periode, auch in der Zeit, als die ostdeutsche Kolonisation
 schon lange abgeschlossen war. Es sei dafür nur auf die
zahlreichen deutschen Handwerker in Italien ®), auf die starke niederländische
 Einwanderung nach Deutschland *) oder auf die Untersuchungen
 Keysers über die Herkunft der Bevölkerung Danzigs )
verwiesen, In Anknüpfung an seine Untersuchungen über die
häufigen und weitreichenden Wanderungen der Studenten in jener
Zeit hat sogar Eulenburg nicht mit Unrecht gemeint: „Das

*) Deutsche Geschichte, Bd. 5, I. u. 2. Aufl., S. 49.
3 Sombart, Der moderne Kapitalismus, Bd. 1, a. a. O., S. 176.
®) A. Doren, Deutsche Handwerker und Handwerkerbruderschaften im mittel-Aalterlichen
 Italien, 1903, — F, Noak, Deutsche Gewerbe in Rom. YV.f. Sozial- und
Wirtschaftsgeschichte, Bd, 19, 1926.
*) E. Witzel, Gewerbegeschichtliche Studien zur niederländischen Einwanderung
in Deutschland im 16. Jahrhundert. Westdeutsche Zeitschrift f. Geschichte u. Kunst,
Bd. 29, 1910.
°) E. Keyser, Die Bevölkerung Danzigs u. ihre Herkunft im 13. u. 14. Jahrhundert.
 Pfingstblätter des hansischen Geschichtsvereins, 1924. Vgl. dazu auch
W. Cunningham, Die Einwanderung von Ausländern nach England im ı2. Jahrhundert.
 Z. f. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Bd. 23, 1895.
        <pb n="81" />
        74

Erster geschichtlicher Teil

19. Jahrhundert ist überhaupt seßhafter als das 15. und 16. und es
ist ein Irrtum, etwa das Umgekehrte anzunehmen“ !). Es liegen auch
eine ganze Reihe anderer Arbeiten vor, die den Umfang dieser
Wanderbewegung nach den Städten in der damaligen Zeit
quellenmäßig belegen ?). Von besonderem Interesse sind die Angaben,
 die z. B. Doren über die städtische und ländliche Herkunft
der Mitglieder der Kölner Kaufmannsgilde macht, die in ganz erheblichem
 Umfang vom Lande stammten ®). Püschel*) hebt die beträchtliche
 Verschiebung hervor, die sich damals in Deutschland vollzogen
 hat und meint dazu, daß der gewaltige Überfluß an Menschen,
den die ostdeutsche Kolonisation voraussetzt, sich jetzt im Innern
Deutschlands in einem starken Anwachsen der Städte gezeigt habe.
„Wo diese dünn gesät waren, wurden neue gegründet, die bereits
bestehenden wurden oft in ganz kurzer Zeit um ein erhebliches erweitert,
 so stark meist, daß sie dann mehrere Jahrhunderte durch in
ihrer äußeren Entwicklung stillstanden.“‘ Below meint zu dieser
Frage: „Die Städte jener Zeit haben eine starke Einwanderung;
jeden Augenblick erscheinen neue Personen in der Stadt .. . allerdings
 war in jener Periode des schnellen Wachstums der Bevölkerung
die Vervollständigung durch Einwanderer etwas ganz selbstverständliches,
 von den Zunftmitgliedern hatten viele ihren Geburtsort auswärts
 5).

Es lagen ja auch genug Gründe vor, solch starke Einwanderung
herbeizuführen. Daß wir trotz der Pest im 14. und 15. Jahrhundert
mit einer erheblichen Zunahme der Bevölkerung auf dem Lande
rechnen müssen, ist bereits hervorgehoben worden. Wanderungen
vom Lande nach der Stadt bedeuteten zunächst für den Hörigen
die Erringung persönlicher Freiheit.“ „Stadtluft macht frei.“ Der
Zuwanderer verbesserte also seine soziale Stellung. Wir müssen
auch daran denken, daß mit wachsender Volkszahl sich auf dem

') E. Eulenburg, Die Frequenz d. deutschen Universitäten, 1904, S. 42.
?) Vgl. dazu A. Knieke, Die Einwanderung i. d. westfälischen Städten bis
1400, 1893. — C. Schu6, Einwanderung in Emmerich, vornehmlich im 15. Jahrhundert.
 Festgabe f, Finke, 1904. — H. Bungers, Beiträge z, mittelalterlichen
Topographie, Rechtsgeschichte u. Sozialstatistik d. Stadt Köln, 1897. — E. Otto,
Die Bevölkerung d. Stadt Butzbach während d. Mittelalters, 1893. — K. Bücher.
Die Bevölkerung d. Stadt Frankfurt a. M. im 14. u. IS. Jahrhundert, 1886.
3) Doren, Untersuchungen z. Geschichte d. Kaufmannsgilden d. Mittelalters,
1893, Anhang 3.
4) A. Püschel, Das Anwachsen d. deutschen Städte i. d. Zeit d. mittelalterlichen
 Kolonialbewegung, 1910, S. 9.
5) Below, Probleme, a. a. O., S. 283.
        <pb n="82" />
        4- Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 75

Lande der Nahrungsspielraum verengern mußte, als man in die Zeit
hineinkam, in der kein neuer Ackerboden mehr gewonnen werden
konnte. So groß waren die Fortschritte in der Landwirtschaft damals
 nicht, daß man den Boden im Erbgang entsprechend der Zahl
der Söhne immer wieder hätte teilen können, ganz abgesehen davon,
daß bereits in dieser Zeit die Grundherren sich einer solchen Teilung
zu widersetzen begannen. Nachdem die Grundhetrschaft Rentenquelle
 geworden war, mußten die Grundherren darauf bedacht sein,
die zinspflichtigen Bauerngüter im Interesse ihrer Leistungsfähigkeit
nicht zu klein werden zu lassen. Schon zuvor waren auch die
Nutzungen an der gemeinsamen Mark von den Markgenossen selbst,
dann aber auch zu ihren Gunsten von den Grundherren eingeschränkt
worden. „Man machte die einfache Beobachtung, daß der vorhandene
 Vorrat, so der Wald mit seinen Schätzen, infolge der Zunahme
 der Bevölkerung sich zu verringern drohte“ 1),
Wenn wir auch keine ausreichenden Angaben über die zahlenmäßige
 Entwicklung der Bevölkerung der deutschen Städte besitzen,
so wissen wir doch, daß in dieser Zeit in ihnen ein beträchtliches
Wachstum stattgefunden hat. Das ist aber in einem solchen Umfange
 nur möglich gewesen, weil eine starke Zuwanderung vom
Lande zu Hilfe kam. Es handelt sich hier um Verhältnisse, wie wir
ihnen ähnlich auch im 19. Jahrhundert begegnen. Wissen wir doch
auch für diese spätere Zeit, für die uns brauchbare Angaben vorliegen,
 daß das Wachstum der Städte in hohem Maße auf der Einwanderung
 vom Lande beruhte. Bei der hohen Sterblichkeit, die
damals herrschte — es waren dafür noch Zahlen gegeben worden —
konnten die Städte unmöglich aus eigener Kraft in diesem Maße
zunehmen. Für das 17. Jahrhundert hatte J. Graunt für London
festgestellt ?), daß es mehr Sterbefälle als Geburten aufweise und
daß sein Wachstum allein von der Zuwanderung vom Lande herrühren
 könne. Die damalige Blüte der deutschen Volkswirtschaft,
der Aufschwung von Gewerbe und Handel und das Wachstum der
Städte, mußten aber dem Nahrungsspielraum auf dem flachen Lande
wieder zugute kommen. „Wir nehmen einen Aufschwung der Landwirtschaft,
 eine Zunahme des ländlichen Wohlstands (insbesondere
der Bauern) wahr und haben ihn zum beträchtlichen Teil auf die
Städte als willkommene Kunden des Landbaues zurückzuführen 8),

!') Below, a. a. O., S. 67.
*) Natural and political observations , . . Dritte Aufl., London 1665.
X Below, a. a. OS. 88,
        <pb n="83" />
        Pi

- Erster geschichtlicher Teil

Die Entwicklung von Bevölkerung und Wirtschaft, wie wir sie
bis jetzt für Deutschland kennen gelernt haben, beruhte in hohem
Grade auf den besonderen geographischen und klimatischen Voraussetzungen
 des Landes. Wo diese anders waren, mußte auch die
Entwicklung einen anderen Gang nehmen. Es sei hier nur auf die
besonderen Verhältnisse Hollands hingewiesen. Holland war nicht
wie Deutschland in der Lage, in seiner Nachbarschaft über Gebiete
zu verfügen, die von tiefer stehenden Völkerschaften bewohnt waren.
„So findet nur ein kleiner Teil der landlosen Bevölkerung als Siedler
auf deutschem und englischem Kolonisationsboden Unterkunft; zumeist
 aber kommen die überschüssigen Kräfte den Gewerben zugute.
Wer sich auf dem Hofe oder der Kate seines Vaters beengt fühlte,
wandert in die Städte, um sein Brot in Tuchindustrie oder im Handel
zu suchen ?!).“ Darin liegt neben anderen Ursachen einer der Gründe,
weshalb in Holland so früh städtisches Leben, Gewerbe und Handel
aufgeblüht sind.

2. Vom Beginn der Neuzeit bis etwa zum Ausgang
des 18. Jahrhunderts.
Wenn man das Mittelalter nach oben vielfach durch die Entdeckung
Amerikas im Jahre 1492 oder durch die Reformation abschließt und
dann die Neuzeit beginnen läßt, so hat diese Einteilung nicht für
alle Problemstellungen den gleichen Erkenntniswert. Er ist verschieden,
 je nachdem man auf die Entwicklung der staatlichen Verfassung
 oder auf die wirtschaftlichen Zustände oder vielleicht auf
den Gang der geistigen Entwicklung abhebt”). Während jedoch
die Anfänge zu einer Umwandlung in den geistigen Anschauungen
z. T. wesentlich früher liegen, kann man sagen, daß wirklich etwa
um die genannte Zeit in Deutschland — in anderen Ländern lagen
diese Verhältnisse anders — sich ein starker Wandel in den wirtschaftlichen
 Verhältnissen anzubahnen beginnt, der den Nahrungsspielraum
 der Volkswirschaft erheblich beeinträchtigte. Es ist schon
davon die Rede gewesen, daß bereits in der zweiten Hälfte des
(4. Jahrhunderts die Bevölkerungszahl mancher Städte zurückgegangen
 ist und ihre wirtschaftliche Lage sich verschlechtert hat.
Soweit dies zutrifft, mag es sein, daß wir es hier mit dem Beginn
einer Entwicklung zu tun haben, die dann vor allem im 16. Jahrhundert
 wesentlich stärker auftritt. Dabei sei jedoch hervorgehoben.

') Häpke, Brügges Entwicklung zum mittelalterlichen Weltmarkt, 1908, S. 4/5.
3 Vgl. dazu Mombert, Geschichte d. Nationalökonomie, 10927, S. saff.
        <pb n="84" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 77

eine Erscheinung, der wir auch in späteren Zeiten immer wieder
begegnen, z. B. in dem Zeitalter nach den napoleonischen Kriegen
oder in den Jahren nach dem Weltkriege, daß eine Verengerung des
Nahrungsspielraumes sich keineswegs immer in einem Rückgang
der Bevölkerung auswirken muß. Jedenfalls hören wir noch im
16. Jahrhundert von einer starken Zunahme der städtischen Einwohnerzahl.
 Von diesen Zusammenhängen wird später bei den
Erörterungen über das Wesen der Übervölkerung noch eingehender
zu sprechen sein.
Die Ursachen, auf denen der Umschwung der damaligen deutschen
 Wirtschaftslage nach der ungünstigen Seite hin beruht, sind
verschiedenartig und können an dieser Stelle nur ganz kurz angedeutet
 werden. Die Eroberung Konstantinopels durch die Türken
im Jahre 1453, die Entdeckung des Seewegs nach Ostindien durch
Vasco de Gama im Jahre 1498, haben dem Handel, besonders
der oberdeutschen Städte nach Italien und nach dem Orient, wesentlichen
 Abbruch getan. An Stelle der italienischen und deutschen
Kaufleute traten im Laufe des 16. Jahrhunderts Engländer, Spanier
und Portugiesen und von da ab datiert der Aufschwung der Länder,
die am atlantischen Ozean lagen; Lissabon und Antwerpen werden
jetzt die Hauptzentren des sich in ganz anderen Bahnen entwickelnden
 Handels mit dem Orient. Auch die Handelsmacht der
in der Hansa zusammengeschlossenen Städte begann zurückzugehen,
als mit dem politischen und wirtschaftlichen Erstarken andere
Völker an den Gestaden der Nord- und Ostsee der Hansa eine
mächtige Konkurrrenz entstand. Es kam noch hinzu, daß in dieser
Zeit auch die deutschen Edelmetallager langsam zu versiegen begannen,
 Sombart hat diese Entwicklung in folgenden Worten
geschildert: „Als Hauptursache des Rückgangs der deutschen wirtschaftlichen
 Verhältnisse jener Zeit, soweit sich ein solcher beobachten
läßt, dürften folgende Tatsachen zu nennen sein. Die Länder der
Nord- und Ostsee machen sich von der hansischen Vorherrschaft
frei. Der holländische und der englische Handel gehen sogar dazu
über, ihren Fuß auf deutsches Gebiet zu setzen. Den unteren Rhein
beherrschen zunächst die Spanier, dann die vereinigten Provinzen:
diese Beherrschung der Rheinmündungen durch fremde Mächte drückt
auf den ganzen Rheinhandel. Die niederländisch-spanischen Kämpfe
greifen auf das benachbarte deutsche Gebiet über: am Niederrhein
schen wir in diesen Jahren ein Vorspiel des 30jährigen Krieges, wie
in vielen Beziehungen, so auch in der Störung des Handels. Die
oberdeutschen Handelshäuser erleiden ihren Hauptverlust durch den
        <pb n="85" />
        78
Bankerott auswärtiger Staaten. Die neuen Entdeckungen bringen
vorerst dem deutschen Handel keineswegs Schaden, gaben ihm
vielmehr mancherlei Anregung und sogar positive Förderung. Wenn
später die Deutschen von ihnen keinen Nutzen haben, so ist der
Grund dafür nicht etwa ein Mangel an Unternehmungsgeist — diesen
haben sie tatsächlich besessen und bekundet —, entscheidend war
vielmehr, daß Deutschland politisch nichts in die Wagschale zu werfen
hatte“). Indem nun dem deutschen Handel überall engere Grenzen
gezogen wurden, verschlechterten sich die Absatzverhältnisse.
Während Below für diese Zeit ebenfalls von einem wirtschaft
lichen Rückgang spricht ?), haben andere eine z. T. entgegengesetzte
Auffassung vertreten. Bezold spricht z. B. von einer wirtschaftlichen
 Renaissance, „die für die soziale und kulturelle Gestaltung
im 16. Jahrhundert die unentbehrliche Grundlage bildet“®%. Es ist
auch eine bis heute keineswegs vollkommen geklärte Frage, in
welchem Maße bereits vor dem 30jährigen Kriege ein Rückgang
der deutschen Wirtschaft eingetreten ist. Freilich ist zwischen einem
wirtschaftlichen Rückgang und dem, was Bezold als wirtschaftliche
Renaissance bezeichnet, kein so unlösbarer Widerspruch vorhanden,
wie es vielleicht auf den ersten Blick den Anschein hat. Denn
Bezold denkt hier in erster Linie am die Tatsache, daß im
16. Jahrhundert neue und treibende Kräfte im Wirtschaftsleben erstanden,
 daß ein gesteigerter Unternehmungsgeist aufkam und daß
Geld und Kredit eine zunehmende Rolle zu spielen begannen, Es
sind das Erscheinungen, die den Übergang zum Kapitalismus verstärken
 halfen, die Periode, welche Sombart als diejenige des
Frühkapitalismus im engeren Sinne bezeichnet hat*). Im
Gegensatz zu den Verhältnissen des Mittelalters begann jetzt das
wirtschaftliche Leben viel wandlungsreicher und unruhiger zu werden,
der wirtschaftliche Geist im eigentlichen Sinne beginnt erst jetzt zu
antstehen und sich stärker nach der rationalen Seite hin auszubilden 5.

Erster geschichtlicher Teil

1) Sombart, Kapitalismus, a. a. O,, Bd. II. — Vgl. dazu ferner: R. Ehrenberg,
 Hamburg u. England im Zeitalter d. Königin Elisabeth, 1896, S. 34ff
?) Below, Die Frage des Rückgangs d. wirtschaftl. Verhältnisse in Deutschland
vor d. 30jährigen Kriege. V, f. Sozial- u. Wirtschaftsgeschichte,. Bd. 7. 1900,
5. 164/65.
3) Staat u. Gesellschaft d. neueren Zeit in: „Die Kultur der Gegenwart‘,
:908, S. 80.

4) Sombart, a. a. O., Bd. 2, 5. 10ff.
$) Vgl. dazu Strieder, Studien z. Geschichte d. kapitalistischen Organisationsformen,
 2. Aufl., 1025, passim.
        <pb n="86" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 79

Daß dabei auch Wandlungen in den Beziehungen zwischen Bevölkerung
 und Wirtschaft mitgespielt haben, hat Häpke betont,
wenn er das große Beharrungsvermögen der mittelalterlichen Wirtschaft
 namentlich darauf zurückführte, daß damals der Nahrungsspielraum
 über manche Mängel, z. B. Hungersnöte und sonstige
Härten, hinweghalf, „da die Betroffenen durch Neusiedelungen sich
ihnen entziehen konnten“!). An sich besteht, wie leicht einzusehen
ist, kein Widerspruch darin, daß in einer Zeit, in der sich in einem
Lande die wirtschaftlichen Verhältnisse verschlechtern, in denen das
wirtschaftliche Leben allenthalben schwieriger wird, Unternehmungsgeist
 und.wirtschaftlich rationales Denken eine Verstärkung erfahren.
Konnten wir doch auch in der Nachkriegszeit der Gegenwart ähnliche
 Beobachtungen machen. Das Gesagte wird vor allem deutlich,
wenn wir nachher sehen werden, nach welchen Richtungen hin sich
dieser steigende Unternehmungsgeist und Erwerbssinn ausgewirkt
hat. Aus der zahlenmäßigen Entwicklung der Bevölkerung in dieser
Periode läßt sich kein Schluß auf die Entwicklung des Nahrungsspielraumes
 ziehen. Einmal kann — wie bereits hervorgehoben —
auch bei sinkendem Nahrungsspielraum die Volkszahl steigen und
dann können wir uns kein genaueres Bild davon machen, in
welchem Ausmaße die Volkszahl im 16. Jahrhundert gestiegen ist.
Es spricht sehr vieles dafür, daß dies in großem Umfange der Fall
war, da wir gerade in dieser Zeit von einem beträchtlichen Wachsum
 der städtischen Bevölkerung hören. Wenn aber die Volkszahl
wirklich stark gestiegen ist, so muß eine eingetretene Verschlechterung
 in den wirtschaftlichen Verhältnissen den Nahrungsspielraum
der Bevölkerung noch mehr eingeengt haben. Wir kommen damit
zu der keineswegs einfachen Frage, welche Symptome sich in dieser
Zeit für eine Verengerung des Nahrungsspielraumes feststellen lassen,
Wir wissen zunächst, daß in dieser Zeit aus Deutschland ein
ziemlich großer Kapitalexport stattgefunden hat. Es sei z. B.
an die großen Anleihen erinnert, die in dieser Periode die großen
deutschen Kaufhäuser an die Könige von Spanien, Portugal und
Frankreich gegeben haben. Ein solcher Kapitalexport in einem
derartigen Ausmaß findet aber nicht statt, wenn das wirtschaftliche
Leben des eigenen Landes sich entsprechend nach oben entwickelt.
Man müßte denn gerade annehmen, daß in dieser Zeit — wofür
aber gar keine Anhaltspunkte vorliegen — die Kapitalbildung in
Deutschland so groß gewesen sei, daß das vorhandene und neu-)

 Häpke, Wirtschaftsgeschichte, 1924, S. 40.
        <pb n="87" />
        so]

Erster geschichtlicher Teil

gebildete Kapital selbst bei einer günstigen Entwicklung des deutschen
Wirtschaftslebens keine genügende Anlagemöglichkeit hätte finden
können. Davon konnte aber gar keine Rede sein. Ehrenberg
hat durchaus Recht, wenn er darüber sagt: „In Wahrheit litt Deutschland
 damals gar nicht an einem Überfluß von Kapital, sondern nur
daran, daß zu viel flüssiges, verfügbares Kapital da wart, weil die
Möglichkeit, es im eigenen Lande produktiv zu verwenden, abnahm
und weil ferner auch die Neigung zu solcher Verwendung sich erheblich
 verringerte“ 1). Der Kapitalexport läßt also für die damalige
Zeit auf verminderte Anlagen und Verwendungsmöglichkeiten in
Deutschland, damit aber auch auf eine schlechtere Gestaltung der
Arbeits- und Beschäftigungsverhältnisse schließen ?).
Es erhebt sich die Frage, ob sich für diese letztere Entwicklung
genauere Anhaltspunkte finden lassen. Sie liegen vor allem in den
Wandlungen, die in dieser Zeit das Zunftwesen zu nehmen beginnt
und in der Ausbreitung, die in diesem Jahrhundert das Verlagssystem
über ältere Anfänge hinaus nimmt. Das 16. Jahrhundert ist vornehmlich
 von seiner zweiten Hälfte ab bereits die Zeit, in der die
glänzende Periode des Zunftwesens den Höhepunkt überschritt
und wo sich schon, auch wenn man noch nicht von einem Verfall desselben
 sprechen kann, deutliche Anzeichen dafür zeigen, daß die
Voraussetzungen, aus denen die Zunftblüte im 13. und 14. Jahrhundert
 zu erklären war, sich zu wandeln beginnen. Schon im
I6. Jahrhundert hören wir, daß sich Zünfte abschließen, man versucht
fremde Elemente auf die verschiedenste Weise fernzuhalten und es
ist wohl schon mit Recht darauf hingewiesen worden, daß darin eine
Folge einer Znuahme des Arbeitsangebots und ein Symptom der
Übervölkerung zu erblicken sei 3). Auch der jetzt beginnende Kampf
gegen das Handwerk auf dem Lande deutet wohl darauf hin, daß
sich die Lage für das städtische Handwerk langsam zu verschlechtern
begann. Aus der Mitte des 16. Jahrhunderts wird uns z. B. aus
Straßburg berichtet, daß der lokale Absatz der Weber zu wünschen
übrig ließ und daß sie zu den Kaufleuten ins Haus kamen, ihre

!) Ehrenberg, Hamburg u. England, a. a. O., S. 35.
2?) Ich kann mich deshalb auch nicht der Meinung von Kulischer anschließen
a. a. O., Bd. 2, S. 249), daß die Verluste der oberdeutschen Handlungshäuser bei ihren
ausländischen Kapitalanlagen den Verfall der oberdeutschen Handelsemporien bewirkt
haben. Unstreitig haben diese Verluste erheblich zu jenem Niedergang beigetragen,
die Tendenzen zu ihm lagen jedoch schon früher und auf anderen Gebieten.
3) K. Kaser, Politische u. soziale Bewegungen im deutschen Bürgertum zu
Beginn d. 16. Jahrhunderts, 180090, S. 8.
        <pb n="88" />
        A

4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 871

Waren anzubieten. „Eben die ökonomische Notlage, in welche die
Handwerker geraten, weil der lokale Absatz stockt, zwingt sie, ihre
Ware an den Kaufmann zu übergeben und von diesem Augenblick
an bedarf es nur eines Schrittes, um von vornherein auf Bestellung
für den Kaufmann zu arbeiten“ . Sombart hat gemeint, „daß das
Arbeitsmaterial des aufkommenden Verlagssystems sich aus der im
langsamen Verlauf organischen Wachstums sich ergebenden Überschußbevölkerung
 rekrutierte“®), In diesen Worten liegt eine durchaus
 richtige Erkenntnis.
Die Quellen, aus denen eine solche Überschußbevölkerung herkommen
 konnte, sind sehr verschieden: verarmte Handwerker, Zuwanderer
 vom Lande, Frauen, denen sich nun in der Verlagsarbeit
ein neues Betätigungsfeld eröffnete. Hören wir doch vielfach aus
jener Zeit nicht nur von einer Verschlechterung in der Lage des
Handwerkers, vielmehr auch von einer Verschlechterung in der Lage
des Bauern und im Zusammenhang damit von einer Abwanderung
der Landleute in die Städte. „In manchen altdeutschen Gegenden,
so im Mosellande und am Niederrhein, staute sich die Landbevölkerung
 schon an; die bäuerlichen Güter wurden infolge von
Teilungen übermäßig verkleinert; es wuchs die Zahl derer, die kaum
zur Nahrung genügenden Landbesitz hatten oder völlig besitzlos
waren. Wieder in anderen Teilen Deutschlands, zumal in den dem
Verkehr zugänglichen großen Stromebenen, zeigten sich Erscheinungen
 der Landflucht, massenhafte Abwanderung des Landvolkes
in die Stadt. Hier wie da zog eine Zeit sich verschärfender Agrarkrisis
 herauf“®), Es sei hier nicht auf die noch keineswegs geklärte
Frage weiter eingegangen, ob und in welchem Umfange sich die
Lage des Bauernstandes in dieser Zeit verschlechtert und ob diese
Verschlechterung auch mit zu den Bauernaufständen beigetragen
hat. Sei dem, wie ihm wolle, seitdem die Abflußmöglichkeit nach
dem Osten zu Ende gegangen war, mußten die Bauerngüter durch
Erbteilung bei Zunahme der Bevölkerung kleiner werden und eine
Abwanderung nach den städischen Gewerben stattfinden. Lamprecht“)
 hat hervorgehoben, daß schon im 15. Jahrhundert in stark

1!) W. Stieda, Die Entstehung d. deutschen Handwerks. Schr. d. V. £. Sp.
Bd, 39, 1881, S. 126.
%) Art. „Hausindustrie*‘, Handwörterb. d. Staatsw., 4. Aufl., S. 182.
3 Kötzschke, Grundzüge, a. a. O., S. 185.
*) Deutsche Geschichte, a, a. O,, Bd. 5, I. Teil, 2. Aufl,, S. 79. — Vgl. dazu
zuch P. Haustein, Wirtschaftl, Lage u. soziale Bewegungen im Kurfürstentum Trier
während des Jahres 1525, Diss, 1907,
Diehl-Mombert, Grundrisse. Bd. ı5.
        <pb n="89" />
        32

Erster geschichtlicher Teil

bevölkerten Gegenden die Viertelhufe zum bäuerlichen Durchschnittsgut
 geworden war und hat dazu vom Bauern gemeint: „Jetzt
schleppte er [sich auf der Viertelshufe seiner Ahnen dahin, knapp,
kümmerlich schlecht und recht. Und die Allmende bot ihm in
böser Zeit nicht mehr die alte Stütze. Durch die Zersplitterung
der Hufen, durch die Entwicklung eines kleinen Häuslertums, waren
der Kostgänger um ihre Gaben zu viele geworden“. Dazu kam,
daß die Preise der ländlichen Erzeugnisse in dieser Zeit nicht mit
der Steigerung der anderen Warenpreise in Schritt hielten. Denn
das 16. Jahrhundert ist die Zeit der allgemeinen Preisrevolution, in
erster Linie als Folge der Edelmetalleinfuhr?aus den neuentdeckten
Gebieten 2).
Wenn wir einander gegenüber halten, daß das doch etwa die
gleiche Zeit ist, in der sich auch die Lage für das deutsche Gewerbe
und den deutschen Handel verschlechtert, in welcher der Zudrang von
dem Lande nach den Städten nicht geringer ist als zuvor, wahrscheinlich
 sogar noch größer geworden war, so verstehen wir es,
warum wir gerade in dieser Zeit auch in so vielen Städten von
einer Zunahme der Not und der Armut hören ?). In einer neueren,
zusammenfassenden sozialstatistischen Arbeit kommt der Verfasser
zu dem Ergebnis, daß in den Städten mit größerer Bevölkerung in
dieser Zeit die Differenzierung der Vermögen noch weiter fortgeschritten
 sei und die unterste Schicht der Bevölkerung zugenommen
habe®). Wir besitzen zahlenmäßige Unterlagen für das Sinken des
Reallohnes im 16. Jahrhundert *). Wir hören auch vielfach von einer
Zunahme des eigentlichen Proletariats, der fluktuierenden Bevölkerung
und der Armen in dieser Zeit in den Städten. Um die Mitte des
16. Jahrhunderts wurde in Augsburg bestimmt, daß kein Bürgerssohn
 unterstützt werden solle, der zu jung und zu leichtfertig geheiratet
 habe °).
Diesen Wandlungen nach der ungünstigen Seite hin widerspricht
es keineswegs, wenn wir in der gleichen Zeit, vor allem im Kauf-‘)

 G. Wiebe, Zur Geschichte d, Preisrevolntion d. 16. u, 17. Jahrhunderts, 1895.
* S. dazu J. Hartung, Die Augsburgische Vermögenssteuer u. d. Entwicklung
a. Besitzverhältnisse im 16. Jahrhundert. Schmollers Jahrb, 19. Jahrg., 1895.
3) H. Jecht, Studien z. gesellschaftl. Struktur d. mittelalterlichen Städte. V. f.
Sozial- u. Wirtschaftsgeschichte, Bd, 19, S. 61.
1) G. Schmoller, Die soziale Frage, 1918, S. 261.
©) M. Bisle, Die öffentl. Armenpflege d, Reichsstadt Augsburg, 1904, S. 28/209.
— Ferner 0' Winkelmann, Das Fürsorgewesen d. Stadt Straßburg vor u. nach d.
Reformation bis zum Ausgang d. 16, Jahrhunderts, 1922. — u. A. O. Meyer, Studien
zur Vorgeschichte d. Reformation, 1902.
        <pb n="90" />
        en

4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 83

mannsstand, von wachsendem Reichtum und von einer ganz gewaltigen
 Zunahme der Geld- und Kreditgeschäfte hören. Der Handel
erfährt jetzt eine starke Zunahme, wir begegnen Ringbildungen,
Monopolisierungsversuchen in ganz beträchtlichem Umfang. Aber
diese Entwicklung im Handel ist in hohem Maße von zwei Faktoren
 begleitet, die für den vorliegenden Zusammenhang zu denken
geben.
Die Zeit ist voll von Klagen über die Aufkäufer, über den
Wucher der Kaufleute und mag auch zu diesen Klagen vor allem
die damalige Preissteigerung, deren Zusammenhang mit der Edelmetallvermehrung
 jene Zeit noch nicht erkannt hat, viel beigetragen
haben, so dürfen wir doch deshalb nicht all das, was wir aus jener
Zeit über Wucher und Preistreiberei hören, achtlos beiseite schieben.
Soweit das aber zutrifft, muß eine solche Entwicklung unvermeidlich
zu einer Senkung der Reallöhne und einer Verminderung des
Nahrungsspielraumes, namentlich für die mittleren und unteren
Schichten der Bevölkerung, beigetragen haben. Das zweite jedoch,
das bei diesem Wachstum des Handels in Frage kommt, ist dies,
daß er im Gegensatz zu früher in weit höherem Maße an ausländischen
Geschäften beteiligt ist. Schon oben wurde davon gesprochen, daß
der Kapitalexport, wie er damals stattfand, das deutliche Anzeichen
für die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage ist. Es ist genau
das gleiche, wenn wir jetzt davon hören, daß in dieser Zeit des
Frühkapitalismus sich die großen deutschen Kaufleute an Unternehmungen
 im Ausland — es sei nur an diejenige der Welser in
Venezuela erinnert — beteiligen. Daß dort, wo, wie in dieser Zeit,
Handels-, Geld- und Kreditgeschäfte an Umfang zunehmen, auch
Not und Armut bei anderen Schichten der Bevölkerung gestiegen
‚st, bedeutet also keinen Widerspruch.
Um zusammenzufassen, kann man also für diese Zeit auf Grund
zahlreicher Symptome auf eine Verengerung des Nahrungsspielraumes
 in Deutschland schließen. Es waren in hohem Umfange
 „strukturelle“ Veränderungen, die nach dieser Richtung hin
wirksam gewesen sind. Diese Wandlungen nach der ungünstigen
Seite hin waren in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts noch relativ
schwach, um aber von da ab ganz erheblich an Stärke zuzunehmen.
Bei Ausbruch des 30 jährigen Krieges kann man also bereits von
siner erheblichen Verschlechterung in der Lage der deutschen Volkswirtschaft
 sprechen. Freilich war dieser Rückgang des deutschen
Wirtschaftslebens, darauf muß man achten, in den verschiedenen
deutschen Gebieten keineswegs gleichmäßig. Er zeigte sich stärker
6
        <pb n="91" />
        4
im Süden und im Westen als in den östlichen Gebieten Deutschlands.
Es ist die Zeit, in der wir in vielen Gegenden von Wüstungen,
von eingegangenen Ansiedelungen und verödeten Landgemeinden
hören !). Dabei handelt es sich um eine Entwicklung, die z. T.
schon früher eingesetzt hat und sich auch noch auf die folgenden
Jahrhunderte erstreckt. Selten waren kriegerische Ereignisse an
diesen Wüstungen schuld, in der überwiegenden Regel hat es sich
vielmehr darum gehandelt, daß zahlreiche Ortschaften infolge wirtschaftlicher
 Ungunst eingegangen sind, „weil sie auf unfruchtbarem
Boden lagen oder unter einem schlechten Klima zu leiden hatten,
so daß der Ertrag der Hände Arbeit nicht lohnte und die Bewohner
gezwungen waren, die Heimat zu verlassen und anderswo ihr Glück
zu suchen“?). Auch solche Vorgänge sind nicht anders denkbar,
als daß sich lokale Wandlungen in der Größe des Nahrungsspielraumes,
 vielleicht gegenüber einer steigenden Volksdichte, vollzogen
haben, die zur Aufgabe alter, nicht genügend ertragreicher Siedelungen
 zwangen. Die von Grund vertretene Ansicht, als ob die
Wüstungen im Wiener Wald und Wiener Becken auf eine schwere
Wirtschaftskrise am Ausgang des Mittelalters entstanden seien, hat
keinen Anklang gefunden ®). Umso wichtiger sind jedoch die von
ihm mitgeteilten Tatsachen.
Man hat schon darauf hingewiesen *), daß auch wohl die
Städte einen Einfluß auf dieses Eingehen ländlicher Siedelungen ausgeübt
 haben; denn man könne beobachten, daß die Zeit des Eingehens
 solcher Dörfer gleichzeitig eine Zeit ist, in der die Städte
zunehmen. Es würde sich also dabei wenigstens teilweise um
Wanderungserscheinungen handeln. „Es scheinen also“ — so hat
man schon gemeint — „in der Bevölkerungsgeschichte Mitteleuropas
gleich mächtigen Atemzügen Zeiten miteinander abzuwechseln, in
denen die Bevölkerung die Tendenz hat, sich in möglichst großer
Zahl über das ganze Land zu verbreiten und dieses möglichst in
Kultur zu nehmen und solche, in denen sie von dem Streben beherrscht
 wird, sich auf wenige Linien und Punkte anzuhäufen,
während das Land in seiner Bevölkerungszahl abnimmt oder verhältnismäßig
 langsam zunimmt °).“
1) Aus d. großen Literatur sei vor allem hervorgehoben J. Lappe, Die
Wüstungen d, Provinz Westfalen, Bd. 1. Die Rechtssgeschichte d, wüsten Marken, 1916,
2) Lappe, a. a. O., 5. 15.
3) A, Grund, Die Veränderungen d. Topographie im Wiener Wald u. Wiener
Becken, 1901.
4) Schlüter, Die Siedelungen im nordöstl. Thüringen, 1903.
5) Schlüter, a. a. O., S. 209.

Erster geschichtlicher Teil
        <pb n="92" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 85

Es liegt an dem Mangel an Quellen, daß wir uns kein genaues
Bild von dem Einfluß machen können, den die dargelegten Wandlungen
 in der Größe des Nahrungsspielraums, die sich doch auch
stark auf den Arbeitsmarkt auswirken mußten, auf die Volkszahl
selbst gehabt haben. Nur für Zürich liegen, wenn auch für ältere
Zeiten, derartige Untersuchungen vor, die uns ein Bild solcher Zusammenhänge
 geben können‘). Wenn diese Untersuchungen sich
auch auf die Mitte des 14. Jahrhunderts beziehen, so geben sie doch ein
deutliches Bild davon, in welcher Weise sich damals der Nahrungsspielraum
 ändern konnte und wie derartige Wandlungen auf die
Volkszahl wirkten. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts ging der
Absatz der für das Ausland arbeitenden Züricher Gewerbe stark zurück.
Die Wirkung davon ist recht bald eine Abnahme der Bevölkerung
in der Stadt Zürich. Der seit dem Ende des 16. Jahrhunderts wieder
eintretende große Bevölkerungszuwachs ist dann vor allem die Auswirkung
 der jetzt mächtig aufblühenden Textilgewerbe. Die engen
Beziehungen, die wir in dieser Stadt während zweier Jahrhunderte
zwischen Volkszahl und Nahrungsspielraum beobachten können, erlauben
 den Schluß, daß die Verhältnisse in anderen Städten in dieser
Zeit analog gewesen sind und daß auch hier durch Ab- und Zuwanderung
 die Volkszahl in hohem Maße auf Veränderungen im
Nahrungsspielraum und in der Beschäftigungsmöglichkeit reagierte.
Es ist freilich bekannt, daß für die Stärke der Wanderbewegung
sowohl die Lage des Ab- wie die des Zuwanderungsgebietes in die
Wagschale fällt. Bei der Lage des deutschen Wirtschaftslebens
während des 16. Jahrhunderts erscheint es nun nicht wahrscheinlich,
namentlich wenn wir die Lage auf dem Lande im Auge haben, daß
eine stärkere Abwanderung aus den Städten möglich war, wenn
sich dort die wirtschaftlichen Verhältnisse verschlechterten. Wir
dürfen vielmehr — in erster Linie aus der Menge der Armen, von
denen uns in dieser Zeit berichtet wird — darauf schließen, daß
gerade in den Städten sich nicht allzu selten Stauungen von Beschäftigungslosen
 vollzogen haben.
Pöhlmann”?) hat einmal gemeint, daß sich in Griechenland
aus den „sozialen und ökonomischen Übelständen im engen Raum“
„der Widerstand gegen eine ungünstige oder unbillige Raumyverteilung“
und die Entstehung bodenreformerischer und agrarsozialistischer
Tendenzen mit psychologischer Notwendigkeit ergeben habe. Ähnlı

 W. Schnyder, Die Bevölkerung d. Stadt u. Landschaft Zürich vom 14. bis
zum 17. Jahrhundert. Studien, Bd. 14, 1925, S. 103,
*) Geschichte d. sozialen Frage, a. a. O0. Bd. ı, S. 49.
        <pb n="93" />
        36

Erster geschichtlicher Teil

liches können wir auch in Deutschland im 16. Jahrhundert beobachten.
 Mögen bei dem Bauernkrieg und bei den mannigfachen
anderen sozialen Unruhen in dieser Zeit auch kirchliche und religiöse
Momente keine kleine Rolle gespielt haben, so wissen wir doch auch,
daß die allgemeine Notlage als ursächlicher Faktor dabei nicht unterschätzt
 werden darf“ !).
Es ist bereits betont worden, daß die Verhältnisse sich gegen
Ausgang des 16. Jahrhunderts noch ungünstiger gestaltet haben,
Ältere Anschauungen haben die verhängnisvollen Wirkungen des
3ojährigen Krieges für die deutsche Volkswirtschaft wohl zu
schwarz dargestellt und übersehen, daß schon vorher ein starker
Rückgang des Wirtschaftslebens eingetreten war. Man hat Deutschland
 nach dem Kriege mit einer Wüstenei verglichen, „in welcher
das Auge kaum einen glücklichen Ruhepunkt, kaum eine Oase zu
entdecken vermag“ ?). Der Verfall der deutschen Volkswirtschaft hat
schon im 16. Jahrhundert begonnen und die Wirkungen des
30jährigen Krieges auf die deutsche Wirtschaft waren keineswegs
30 schlimm, wie man vielfach gemeint hat. Vor allem zeigen sich
in dieser Hinsicht regional starke Verschiedenheiten ®). Man kann
zusammenfassend wohl sagen, daß der große Krieg den Verfall der
deutschen Volkswirtschaft nicht verursacht, sondern verstärkt hat
and daß sich diese weitere Verschlechterung vornehmlich im Vergleich
 zu den Nachbarn Deutschlands im Westen und Norden gezeigt
hat. Allerdings war diese Verschlimmerung schon weittragend genug
für das ganze deutsche Wirtschaftsleben. Zunächst hat der Krieg
gewaltige Bevölkerungsverluste verursacht, über deren Umfang man
sich natürlich kein genaueres zahlenmäßiges Bild machen kann.

!) Vgl. dazu E. Gothein, Politische u. religiöse Volksbewegungen v. d. Reformation,
 1878 u. H. Kaser, Politische u. soziale Bewegungen im deutschen Bürgertum
zu Beginn d. 16. Jahrhunderts, 1899.
2) Inama-Sternegg, Die volkswirtschaftlichen Folgen d. 30jährigen Krieges
tür Deutschland. Histor. Taschenbuch, Bd. 5, 1864.
$) Siehe dazu vor allem F. Kaphan, Die wirtschaftl. Folgen d. 30 jährigen
Krieges f, d. Altmark, 1911. — Below, Die Frage d. Rückgangs .,., a. a O. —
”. Beyhoff, Stadt u. Festung Gießen im Zeitalter d. 30jährigen Krieges. Mitt. d.
oberhess. Geschichtsvereins, N. F., Bd. 22, 1915. — E. Schwanneke, Die Wirkungen
d. 30jährigen Krieges im Erzstift Magdeburg, Diss., Halle 1913. — O. Kius, Stat.
Nachrichten aus Thüringen, Jahrb. f. Nat. u, Stat., Bd, 14. — O0, Behre, Geschichte
il. Statistik in Brandenburg-Preußen, 1905, S. 59ff. — J. Schultze, Die Herrschaft
Ruppin u. ihre Bevölkerung nach d. 30jährigen Kriege, 1925. — O0, Ismer, Der
30 jährige Krieg als Ursache d. wirtschaftl. Niedergangs u. d. Verschuldung d. Stadt
£ssen, Diss., Heidelberg 1915. — W. Maesser, Die Bevölkerung d. Kreises
Schleußingen, 1915.
        <pb n="94" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 87

Inama-Sternegg hatte seinerzeit von einer Entvölkerung
Deutschlands gesprochen und dafür eine Reihe zeitgenössischer
Belege beigebracht. Gewiß muß man mit solch älteren Angaben,
die doch immer nur auf Schätzungen beruhen, recht vorsichtig sein.
Man darf auch nicht übersehen, daß solche Angaben nur für kleinere
Gebietsteile vorliegen und daß deren Bevölkerungsverlust z. T. auch
auf Abwanderung nach anderen deutschen Gebietsteilen beruhte.
Man kann also aus den Angaben für einzelne Gebiete nicht auf das
zanze Reich schließen. Daß die Bevölkerungsverluste groß waren,
unterliegt jedenfalls keinem Zweifel. Denn es waren nicht nur die
blutigen Verluste als Folge der Kriegshandlungen, die hier in Frage
kamen, auch Seuchen und Hungersnöte haben in dieser Zeit zu der
weiteren Verminderung der Volkszahl beitragen helfen . Kaphan
hat festgestellt, daß die altmärkischen Städte in dieser Zeit mehr als
die Hälfte ihrer Einwohnerzahl verloren haben und daß auf dem
Lande in der Altmark der Verlust 20—30 % betragen habe 2).
Schwannecke hat für Teile des Erzstiftes Magdeburg, das
bekanntlich besonders stark unter dem Kriege gelitten hat, für das
flache Land einen durchschnittlichen Rückgang von um 46,2%, für
eine Reihe von Städten dieses Gebiets einen Rückgang von 55 bis
50% festgestellt. Leidlich brauchbare Angaben, die auf Zählungen
beruhen, liegen für Württemberg vor. Es betrug hier die Volkszahl
n den Jahren 3)

1622 444 552
1634 414 536
:639 97 258
1645 121 106
1652 (60114
669 218 455
1673 251 835
797 347 900
'720 472 000

Strakosch-Graßmann kommt — wenn auch auf etwas
gewundenen Wegen — für ganz Deutschland zu einem Bevölkerungsverlust
 von etwa 71. Mill. Menschen. also etwa einem Drittel der

1) Vgl. dazu G. Lammert, Geschichte d. Seuchen, Hungers- u. Kriegsnot
z. Z. d. 30jährigen Krieges, 1890.
*) Kaphan, a. a. O., Zu größeren Verlusten kommt W. Zahn, Die Altmark
im 30jährigen Kriege, 1904.
3) Inama-Sternegg, Art, „Bevölkerungswesen‘“, Handw. d, Staatsw., 3. Aufl,
SS RK
        <pb n="95" />
        38

Erster geschichtlicher Teil

Bevölkerung *). Er nimmt als mutmaßliche Volksdichte in Deutsch-‚and
 an in den Jahren

1475 32,67
1600— 1620 38,76
1650 24,59
1816 44,88

Nach den Berechnungen von Kius hatten sich in den folgenden
Jahren in 13 thüringischen Ämtern die Zahl der Häuser und Familien
in der nachstehenden Weise entwickelt:

Jahr Familien Wohnhäuser
1631 12627 10660
1649 3264 3505
1659 5775 5916
Es hat keinen Sinn, für die Zwecke der vorliegenden Untersuchung
 derartige Angaben noch weiter zu häufen. Dabei würde
sich dem bisher bereits Gesagten gegenüber nichts neues ergeben.
Es ist auch einleuchtend, daß die Bevölkerungsverluste in den einzelnen
 Gebieten Deutschlands verschieden groß waren und es ist
begreiflich, daß sich exaktere Untersuchungen dabei in erster Linie
den Gebieten zugewendet haben, die am meisten vom Kriege betroffen
 worden sind. So wenig also für das ganze Reich zuverlässige
Berechnungen möglich sind, so glaube ich doch, daß die Schätzungen
von Strakosch-Graßmann mit einem Verlust von etwa einem
Drittel der Bevölkerung sich nicht allzu viel von der Wahrheit entfernen
 können, wenn wir sehen, daß der Verlust in den besonders
vom Kriege betroffenen Gebieten vielfach die Hälfte der Bevölkerung
und mehr betragen hat. Wir hören auch immer wieder auf Grund
von Untersuchungen, die an der Hand von Taufregistern vorgenommen
wurden ”), daß während der Kriegsjahre, aber auch noch nach Beendigung
 des Krieges die Geburtenhäufigkeit geringer als sonst gewesen
 ist. Der Krieg hat eben vor allem auch in den zeugungsfähigen
 Altersklassen seine Opfer gefordert. Es war auch eine Zeit,
in der die Bevölkerung besonders stark fluktuierte und weniger von
den Kriegshandlungen berührte Gebiete aufsuchte. Viele Menschen
haben während des Krieges ihre alten Wohnsitze verlassen und wir
hören noch eine ganze Reihe von Jahren nach Kriegsende von zahlveichen
 Zuwanderungen, besonders in die Städte.
Angesichts dieser großen Bevölkerungsverluste liegt der Vergleich
 mit den Verhältnissen in Deutschland während des schwarzen

') Die Volkszahl, a. a. O.
?) Vgl. dazu Kaphan u. Schwanneke, a. a. O0.
        <pb n="96" />
        4. Kap, Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 89

Todes um die Mitte des 14. Jahrhunderts nahe. Denn man wird nicht
sehr daneben greifen, wenn man annimmt, daß in beiden Perioden
ich die Bevölkerungsverluste Deutschlands nicht sehr voneinander
in ihrer Höhe unterschieden haben. Und trotzdem besteht ein großer
Unterschied. Die Bevölkerungsverluste durch den schwarzen Tod
fielen in eine Zeit aufsteigenden Wirtschaftslebens in Deutschland,
während nach dem 30jährigen Kriege, schon durch die Entwicklung
der vorangegangenen Jahrzehnte vorbereitet, die Wirtschaft sich
keineswegs so schnell erholen konnte.
In verschiedener Hinsicht können wir den durch den Krieg bewirkten
 Rückgang der deutschen Volkswirtschaft beobachten. Um
einen rein äußeren Maßstab dafür zu gewinnen, sind in der folgenden
 Tabelle die sogenannte „Renthey-Einnahmen“, der Staatskasse
in Preußen, zusammengestellt !)., Sie betrugen in Thalern in den
Jahren.

L612
L613
:614
L615
1616
1617

163 510 1645
226 597 6
207 695 16:7
391 739 1648
273 558 1649
129 501 1650

36 878
36 355
38 930
37 890
71471
63 009

Auf dem Lande bewirkten die Bevölkerungsverluste, daß in
manchen Landesteilen die Menschen nicht ausreichten, um den
Boden in dem früheren Umfange wieder zu bestellen. Daß der
Viehstand durch den Krieg einen ganz gewaltigen Rückgang erfahren
 hatte, bedarf keines besonderen Nachweises. Man hat auch
den starken Preissturz in Getreide nach dem Kriege zum Teil damit
erklären wollen, daß bei dem großen Verlust an Menschen keine
genügende Nachfrage nach Brotfrucht vorhanden gewesen sei 2)
Es war das auch eine Zeit, in der die Rittergutsbesitzer ihr Land
auf Kosten des unbebaut daliegenden oder stark verschuldeten
bäuerlichen Besitzes stark vergrößern konnten. Aber dieser Mangel
an Mensch und Vieh konnte schließlich innerhalb einer nicht allzu
langen Zeit wieder ausgeglichen werden.
Von viel stärkerer und länger andauernder Wirkung waren
jedoch wohl die Kapitalverluste und die Störungen in den
Kreditverhältnissen, die durch den Krieg eingetreten waren.
Hierdurch mußte das Wirtschaftsleben auch nach Beendigung des
Krieges noch lange Jahre hindurch höchst ungünstig beeinflußt

') Nach Behre, a. a. O,, S. 77.
?) Kaphan, a. a. 0.
        <pb n="97" />
        30

Erster geschichtlicher Teil

werden. Von zeitgenössischen Quellen sei hierfür auf das von Gothein
wieder herausgegebene „Neu: Nutzlich und Lustigs Colloquium“
und seine äußerst lehrreiche Einleitung über die deutschen Kreditverhältnisse
 und der 30 jährige Krieg verwiesen !), Von Wichtigkeit
für die damalige Zeit ist auch die breite und z. T. recht unklare,
im Jahre 1664 erschienene Schrift von Gottlieb Warmund „Geldmangel
 in Teutschlande und desselben gründliche Ursachen“ ?). In
der letzteren Schrift wird besonders auf die in Deutschland gemachte
Beute, die vielfach in fremde Länder ausgeführt worden sel, hingewiesen.
 Mayer.hat hervorgehoben, daß Erfurt im ganzen Kriege
weder erobert noch zerstört worden sei, daß aber alle großen
Vermögen, die gerade den Kaufleuten gehört hatten, zugrunde gegangen
 seien ®
Die öffenlichen Schulden hatten in gewaltigem Ausmaße
zugenommen, bei Städten und Landesherrn, Das gleiche gilt auch
von der privaten Verschuldung. Zu alldem kam ‚noch die starke
Geldverschlechterung in dieser ausgesprochensten Kipper- und Wipperzeit
 hinzu. „Denn bei der wachsenden Geldunsicherheit kündigten
viele ängstliche Gläubiger ihre Kapitalien und die Schuldner
mußten bei dem rapid ansteigenden Tauschwert des guten Geldes,
um ihren Verpflichtungen nachkommen zu können, bei weitem höhere
Summen als die einstmals empfangenen, sich borgen*). Viele
Länder haben nach Beendigung des Krieges die rückständigen
Zinsen niedergeschlagen, andere haben ihre Schuldkapitalien vermindert.
Darunter mußten auch die Privaten leiden, so daß der Kapitalmangel
 jener Zeit eine der Hauptursachen war, weshalb sich das
deutsche Wirtschaftsleben solange nicht erholen konnte. Damit
ning es auch zusammen, wenn wir damals von einer Zunahme des
Passivhandels in Deutschland, aber auch von einer Vermehrung der
{remdländischen Hausierer und Kleinhändler hören. „Friauler,
Franzosen, Burgunder, Lothringer, schweiften als Butten- und Kraxenträger,
 manche aber auf höherem Fuße mit 1—3 Rossen im Lande
umher . . . Manche ließen sich auch in Städten und Märkten nieder 9).
Man kann sagen, daß damals eine gewisse Überfremdung der deutschen
 Volkswirtschaft eintrat, wenngleich sie sich bei dem damals noch

‘) Sammlung älterer u. neuerer staatsw. Schriften, Nr. 3, 1893.
? Bayreuth, 1664.
*) Deutsche Wirtschaftsgeschichte d. Nenzeit, 1928, S. 46.
‘) F, Kaphan, Der Zusammenbruch d. deutschen Kreditwirtschaft im 17. Jahrhundert
 u. d. 30jährige Krieg, Deutsche Geschichtsblätter, Bd. 13, 1912.
5) S. Riezler, Geschichte Bayerns, Bd. 8, 1914, S. 538.
        <pb n="98" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 91

relativ geringfügig entwickelten internationalen Kreditverkehr in
engen Grenzen hielt. Ein starkes Herabsinken der Volkszahl und
eine starke Verengerung des Nahrungsspielraumes waren jedenfalls
die wirschaftlichen Ergebnisse des Krieges für Deutschland gewesen.
Es ist nicht möglich an dieser Stelle — denn es soll ja hier keine
deutsche Wirtschafts- und Sozialgeschichte gegeben werden — genauere
 Belege dafür beizubringen, wie diese Wandlungen damals
im einzelnen gewirkt haben.. Es ist nur die Aufgabe dieser Darlegungen,
 in großen Zügen zu zeigen, welche Wandlungen im
Laufe der Geschichte in den Beziehungen von Bevölkerung und
Wirtschaft eingetreten sind.
Die Zeit nach dem 30 jährigen Krieg ist vornehmlich dadurch
gekennzeichnet, daß die erstarkenden Territorialstaaten sich
mit allen Mitteln um die Hebung der wirtschaftlichen Lage ihrer
Länder bemühen. Wir kommen jetzt auch in Deutschland in die
Zeit hinein, in der die Fragen der Bevölkerung Gegenstand wissenschaftlicher
 Überlegungen werden, in der auch im Zusammenhang
mit der territorialen Wirtschaftspolitik in manchen Staaten Volkszählungen
 stattfinden, so daß wir jetzt nach und nach ein besseres
Bild von dem Volkswachstum erhalten, als für ältere Zeiten. Diese
beiden Fragen von Bevölkerungslehre und Bevölkerungsstatistik in
jener Zeit werden in den folgenden beiden Abschnitten eine besondere
 Behandlung erfahren.
Zunächst wollen wir in großen Zügen bis zum Ausgang des
18. Jahrhunderts ein Bild von der weiteren Entwicklung der Beziehungen
 von Wirtschaft und Bevölkerung in Deutschland zu gewinnen
 versuchen. Wenn auch für das ganze Reich keine Zahlen
vorliegen, so kann man doch im allgemeinen sagen, daß zu diesem
eben genannten Zeitpunkt das Wachstum der Bevölkerung in
Deutschland ohne Unterbrechung fortgeschritten ist. Nach den Berechnungen
 von Behre hat die Bevölkerung in Brandenburg-Preußen
 im Jahre 1688 1, 114, im Jahre 1713 ı, 672 und im Jahre
1740 2, 328 Mill. Köpfe betragen. Ein verblüffend starkes Wachstum,
wenn man diese Zahlen als zuverlässig erachtet. Nur noch einmal
hat die Zunahme der Bevölkerung eine starke Unterbrechung er-‘ahren,
 als in den Jahren 1663—84 von neuem eine große Pestepidemie,
 die letzte große in Europa, ausbrach. Eine weitere, aber
mehr örtlich begrenzte, hat noch einmal in den Jahren 1708—1710
stattgefunden 1}.

1} G. Sticker, Abhandlungen aus d. Seuchengeschichte u. Seuchenlehre, Bd. II,
        <pb n="99" />
        Erster geschichtlicher Teil

Diese Pest am Ausgang des 18. Jahrhunderts hat noch einmal
gewaltige Menschenopfer gekostet. Sie hat aber auch sehr störend
auf das Wirtschaftsleben in Stadt und Land gewirkt. Alle Beziehungen
 zu den verseuchten Orten wurden gelöst; als die Pest in
Polen im Jahre 1708 ausgebrochen war, wurden von Preußen aus
alle dahinführenden Brücken auf den Landstraßen abgebrochen, man
sperrte die Wege mit spanischen Reitern und Schlagbäumen und
als die Pest auch in Königsberg ihren Einzug hielt, da wurde nicht nur
Jen Krämern und Handwerkern der Besuch aller auswärtigen Märkte
und Messen verboten, jeder Verkehr nach außen war auch von
Truppen, welche die Straßen besetzt hielten, unmöglich gemacht.
Damals hat die Stadt ein Viertel ihrer Einwohner durch die Seuche
verloren. Mitte November 1709 „wurde Königsberg mit doppelten,
hölzernen Schranken, an denen die Landmiliz Posten faßte, rings
umzogen. Niemand durfte ein-, noch auspassieren. Den Land-(euten
 wurden die zum Verkauf gebrachten Produkte abgenommen
und auf über die Schranken gelegten Brettern den Städtern zugeschoben,
 die auf eben diese Waren ... feilbieten mußten“ !).
Das sei nur ein Anhaltspunkt dafür, wie ungünstig auch in dieser
Zeit noch die Seuchen das Volkswachtum und die ganze wirtschaftliche
 Lage beeinflußt haben.
Aber neben den Seuchen haben auch noch während des ganzen
18. Jahrhunderts Mißernten schwerster Art immer wieder Not
und temporäre Übervölkerungserscheinungen hervorgerufen.
Zwar hatte der Getreidehandel und Getreideverkehr große Fortschritte
 gemacht, auch die territoriale und städtische Kornmagazinpolitik
 hatte in dieser Hinsicht vieles gebessert. Schon Friedrich
Wilhelm LI hatte in Preußen 21 Getreidemagazine angelegt,
lie eine Million Scheffel Roggen fassen konnten. Aber all das war
dei den damaligen Verkehrsverhältnissen noch nicht genügend, die
schlimmen Wirkungen von Mißernten auszugleichen. Es genügt, die
Preisschwankungen dieser Zeit zu beobachten, um das Gesagte ohne
weiteres einzusehen, am 27. Juli 1658 kostete ein Dresdener
Scheffel Roggen 2,10 M., am 6. Februar 1660 4,76, am 21. Juni 1662
10,92, um dann langsam bis zur Mitte des Jahres 1664 wieder
auf 2,94 M. zurückzugehen ?). In Breslau bewegten sich bei den

Die Pest, 1908, S. 175f. — H. Schrohe, Kurmainz i. d, Pestjahren 1666/67. —
W. Sahm, Geschichte d. Pest in Ostpreußen, 1905,
') Naude, Die Getreidehandelspolitik ..., 1901, S. 181/82.
3 Nach O. Dittmann, Die Getreidepreise d. Stadt Leipzig im 17., 18. u.
‚9. Jahrhundert. Mittl. d. stat. Amts d. Stadt Leipzig, H. 21, 1889. — Vgl. ferner
        <pb n="100" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 93
großen Mißernten um die Mitte des 18. Jahrhunderts die Preise für
Roggen in der folgenden Weise 1):

Jahre | Thaler | Ser. | Pfg.

‚730
73%
732
733
734
735
‚736
737
738
739
‚740

Jahre

1760
[761
‘762
763
764
765
766
767
768
769
770
MI

Thaler | Sgr. ! Pfg.

&amp;gt;
3

Man erkennt aus diesen Zahlen, daß auch die staatliche Teuerungspolitik
 jener Tage nur Unvollkommenes erreichen konnte.
Müller”) teilt mit, daß in Schlesien in dem Notjahre 1737 infolge
der schlechten Ernährung mehr als 50000 Menschen über die Normalzahl
 hinaus gestorben seien. Von den Hungersjahren 1770—1774
berichtet er: „Außer in Preußen hatte man kaum irgendwie an
Kornaufspeicherungen gedacht. Jetzt wußten sich die kleinen
deutschen Staaten nicht anders als durch gegenseitige Sperren zu
helfen; sie überboten sich in der Erfindung von Zwangsmaßregeln,
und steigerten die Teuerung dadurch zur Hungersnot. Sachsen verlor
über 100000 Einwohner, teils durch Auswanderung, teils durch
Hungertod, Böhmen zum mindesten: 180000 Seelen; 40000 Bauern
aus Sachsen und Böhmen flüchteten sich nach Preußen, wo sie gastfreundlich
 aufgenommen wurden“. Diese Magazinpolitik, wie sie im
Mittelalter von den Städten begonnen und dann von den Territorial-'
staaten, namentlich von Preußen, weiter ausgebaut worden war, ist
in besonders hohem Maße ausgesprochene Bevölkerungspolitik
gewesen, um solch temporären Übervölkerungserscheinungen bei
Vißernten vorzubeugen. Wir werden sehen, daß solche Notstände

F, Haas-Zumbühl, Die Kernenpreise u. Brotpreise in Luzern von 1601—1900,
“. £, schweiz. Stat., 39. Jahrg., 1903. — Ferner dazu W. Naude, Die Getreidehandelspolitik
 u. Kriegsmagazinverwaltung Brandenburgs-Preußens bis 1740, Acta
Borussica 1901. — W, Müller, Die Getreidepolitik, d. Getreideverkehr u. d. Gereidepreise
 in Schlesien während d. ı8. Jahrhunderts, 1897.
') Ein Thaler ist = 30 Silbergroschen zu ı2 Pfg.
) Müller, a. a. O0, S. 15.
        <pb n="101" />
        Je

Erster geschichtlicher Teil

bei uns noch bis zur Mitte des 10. Jahrhunderts aufgetreten sind.
Freilich waren in Preußen, vor allem unter Friedrich d. Großen,
für diese Teuerungspolitik auch gewerbepolitische Gesichtspunkte
maßgebend; denn ein Steigen der Getreidepreise hätte die heranwachsende
 Industrie durch ihren Einfluß auf die Arbeitslöhne schwer
schädigen können.
Solche Seuchen und Hungersnöte, die im 17. und 18. Jahrhundert
 immer wieder auftraten, mußten an der Bevölkerung zehren
und wenn auch die Bevölkerungszahl zweifellos in jener Zeit gestiegen
 ist, so konnte das Wachstum doch nicht allzu stark sein,
wenn man diese dauernden Unterbrechungen durch Seuchen und
Hungersnöte in Betracht zieht. In dem schon mehrfach genannten
Buch von Behre*) finden sich Angaben über die Bevölkerungsentwicklung
 Preußens in jener Zeit. Allerdings können solche Zahlen
nicht mehr wie dürftige Anhaltspunkte geben. Wir werden später
noch sehen, daß die älteren Volkszählungen sehr unzuverlässig gewesen
 sind und daß die starke Zunahme ‚der Bevölkerung, die sich
aus ihnen für jene Zeit ergibt, doch auch z. T. darauf beruht, daß
es gelang, im Laufe der Zeit die Einwohnerzahl statistisch vollkommener
 zu erfassen. Aber diese Kritik bezieht sich nur auf das
Maß, keineswegs auf die Tatsache der zunehmenden Volkszahl.
Auch wenn keinerlei Zahlen zur Verfügung stünden, so könnten
wir doch aus dem Gang der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung
 auf eine beträchtliche Verdichtung der Bevölkerung in jener
Zeit schließen. Denn es handelt sich doch um eine Periode im 17.
und 18. Jahrhundert, in der, vor allem auch als Folge der zielbewußten
 Wirtschaftspolitik der territorialen Gewalten, der Nahrungsspielraum
 in Deutschland ein ziemlich großes Wachstum erfahren
hat. In Frage kommen dabei besonders zwei Tatsachen: die innere
Kolonisation und — eng damit verbunden — eine weitgehende
Fürsorge für die Verbesserung in der Landwirtschaft, daneben auch
die ziemlich starke Zunahme von Gewerbe und Handel.
Bei der inneren Kolonisation handelt es.sich um ein
Doppeltes: Einmal darum, den Nahrungsspielraum des Landes durch
große Meliorationen, durch Eindeichungen und Entwässerungen, zu
erweitern. Berühmt ist die Kolonisationstätigkeit des Prinzen von
Anhalt-Dessau in Pommern in den Jahren 1747—54 ®). Im Oderbruch
 wurden in jener Zeit 108000 Morgen, in den Warthebrüchen

a. a. O,, S. 408,
?) Vgl. die gleichnamige Diss. von Hesse, 1910,
        <pb n="102" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 95

95201 Morgen neues Land gewonnen. Wenn man all das, was
damals in Preußen auf diesem Gebiete geschehen ist, zusammenzählt,
 so kommt man auf etwa 700000 Morgen neugewonnenen
Landes ?).
Neben anderem verfügbaren Land, wie wüsten Hufen, diente
der neugewonnene Boden in erster Linie dazu, Einwanderern, die
ins Land kamen, zugeteilt zu werden. Es waren das vor allem die
wegen ihrer Religion vertriebenen Salzburger, aber auch aus Schwaben,
der Pfalz, aus Holland und der Schweiz kamen damals Vertriebene
nach Preußen”). Nach den Feststellungen von Beheim-Schwarzbach
wurden allein in den Jahren 1740—1786 — also während der Regierungszeit
 Friedrichs d. Großen — in Preußen 197000 ländliche
und 112000 städtische Kolonisten angesetzt. Auch in anderen
deutschen Landesteilen, wie vor allem in Württemberg und Hessen,
begegnen wir in jener Zeit einer derartigen Einwanderung ®). Für
diese Ansiedelung kamen neben gewerbepolitischen Erwägungen
hauptsächlich auch populationistische Gründe in Frage. Es war die
Zeit, in der man, um mit Friedrich d. Großen zu reden,
Menschen für den größten Reichtum des Staates ansah. In einem
der folgenden Kapitel werden wir die Bevölkerungsanschauungen
dieser Zeit in ihren allgemeinen Beweggründen genauer kennen
lernen. Jedenfalls waren die ganzen Bestrebungen im 17. und 18.
Jahrhundert, nicht nur in Deutschland sondern auch in anderen
Ländern, auf eine Vermehrung der Volkszahl gerichtet. Man begünstigte
 die Eheschließungen und die Fruchtbarkeit der Ehen, man
unterstützte die Einwanderung und suchte mit allen Mitteln die Auswanderung
 zu verhindern *).
Diese populationistischen Bestrebungen standen, besonders
 auch in Deutschland, in engstem Zusammenhang mit den
gewerbepolitischen Bestrebungen jener Zeit, mit den Versuchen, eine

') Schmoller, Die preußische Einwanderung u. ländl. Kolonisation d. 17. u.
18. Jahrhunderts, Umrisse a. a. O.
?*) C. Fr. Arnold, Die Vertreibung d. Salzburger Protestanten u. ihre Aufnahme
bei d. Glaubensgenossen, 1900, — M. Beheim-Schwarzbach, Hohenzollerische
Kolonisation, 1874. — A. Dettow, Die Besiedelung d. Oderbruches durch Friedrich
d. Großen, Forsch,, Bd. 16, 1903.
3) Vgl. dazu H. Tollin, Geschichte d. französischen Kolonie von Magdeburg,
3. Bd., 1886/94. — C, F. Köhler, Die Refugies u. ihre Kolonien in Preußen u.
Hessen, 1867. — G. Schanz, Zur Geschichte der Kolonisation u. Industrie in
Franken, 1884.
*) Eingehender darüber Elster, Art. „Bevölkerungswesen‘‘, Handw. d. Staatswissensch.,
 4. Aufl.
        <pb n="103" />
        96

Erster geschichtlicher Teil

eigene Industrie ins Leben zu rufen, um sich in dieser Hinsicht
möglichst unabhängig von der Versorgung aus anderen Staaten zu
machen. Das geschah nicht nur mit den üblichen Mitteln der
Handelspolitik, indem man die Einfuhr durch Zölle erschwerte oder
gar verbot, sondern auch dadurch, daß man Industrien künstlich
ins Leben rief und sie mit staatlichen Mitteln unterstützte. Eine
wichtige Voraussetzung für das Entstehen und das Gedeihen solcher
Industrien war aber das Vorhandensein genügend zahlreicher und
gelernter Arbeitskräfte. Diesem Ziel diente auch die Einwanderungspolitik
 *) und ihm dienten auch die Maßnahmen, die einer zu starken
Steigerung der Getreidepreise entgegenwirken sollten. Diese gewerbliche
 Entwicklung ist für die Ausweitung des Nahrungsspielraumes
 in Deutschland im 18. Jahrhundert bereits von großer Bedeutung
 geworden. An dieser Stelle kann das nur mit ganz wenigen
Beispielen belegt werden. In Frage kommen dabei vor allem die
Angaben über das Volkswachstum, die aber nach dem oben darüber
Gesagten, mit großer Vorsicht aufgenommen sein wollen.
Im 18. Jahrhundert sehen wir, im Gegensatz zum 17, ein besonders
 starkes Anwachsen der Einwohnerzahlen. In Preußen ist
die Zahl der Einwohner in der folgenden Weise gestiegen 2): Sie
betrug in den Jahren
1748 3,472 Mill. 1780 5,015 Mill.
1764 32,616 ,, 1790 5,642
1770 4.189 1800 6,221 ,,

Für die alten Provinzen Preußens hat Süßmilch von 1700
bis 1750 eine Volkszunahme von 67,78 % errechnet ?®). Nach den
Zusammenstellungen Schmollers betrug die Volksdichte, auf die
Quadratmeile berechnet, in den Jahren %)\

1700
In Kursachsen 2077
Hannover 1367
Schleswig-Holstein 1225
Württemberg 2272
Böhmen 1590

3

1800
2774
1567
1840
3955
2102

Es handelt sich hier um eine ganz gewaltige Zunahme, die besonders
 bei der hohen Sterblichkeit dieser Zeit einigermaßen über-1

 S. dazu R. Frei, Die Bedeutung d. niederländischen Einwanderer für d,
wirtschaftl. Entwicklung d. Stadt Hanau, Diss., Gießen 1926.
? Behre, a. a. O.,, S. 62 u. Schmoller, Umrisse, S. 575 ff.
%3 Süßmilch, a. a. O., S. 254.
*) Schmoller, Umrisse, 580.
        <pb n="104" />
        4: Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 97

rascht, die aber doch, nach dem was über die Zuverlässigkeit älterer
Zählungen gesagt worden ist, geringer sein wird, als sich aus diesen
Tabellen ergibt. Von dem Bevölkerungswachstum in Österreich soll
die folgende Zahlenreihe ein Bild geben!). Hier betrug die Einwohnerzahl
 in den Jahren

1754
1762
1784
18oo

6,135 Mill.
4,890
7937 »
8,511

Eine so starke Zunahme der Bevölkerung war nur möglich,
wenn der Nahrungsspielraum in der gleichen Zeit, wie es damals
durch das Wachstum von Industrie und Handel der Fall war, selbst
stark zugenommen hatte. In Schlesien wurden im Jahre 1724 noch
48725 Stück Tuch angefertigt, eine Zahl, die bis zum Jahre 1798
auf 171301 stieg”). Welche Fortschritte die Landwirtschaft gemacht
hatte, können wir daraus erkennen, daß aus Schlesien in den Jahren
1747 —48 112000, in den Jahren 1769—70 144000 und in den
Jahren 1799—1800 257000 Scheffel Getreide ausgeführt wurden.
Dementsprechend hat auch die Einfuhr nach dieser Provinz abgenommen.
 Für die Kurmark läßt sich nach den Angaben
Schmollers die folgende Entwicklung feststellen 3).

1746 1804
Dörfer I 934 2026
Bauern und Fischer 16 646 18 097
Kossäten und kleine Ackerleute 12 709 21 045
Hausleute, Handwerker, Spinner 18 456 33 228
Davon sind Tagelöhner und Instleute . 13 303 20 533
Summa der Untertanen "34 851 47 811 72 370
Es ist aber bekannt, daß vor allem auch in Deutschland
die staatliche Wirtschaftspolitik in dieser Zeit keineswegs — wie
z. B. in Frankreich — nur vorwiegend die Gewerbe begünstigt hat,
sie war vielmehr allgemein auf die Hebung der ganzen Landeskultur,
also auch der Landwirtschaft, gerichtet *). Damit im Zusammenhang

*) Nach H. Rauchberg, Die Bevölkerung Österreichs, 1895. — Bei d. Angaben
 für d. Jahr 1762 fehlen die Zahlen für Tirol u. Vorarlberg. Vgl. dazu auch
A. Gürtler, Die Volkszählungen Maria Theresias u. Tosefs d. Zweiten, 1753—1790,
1909, Tab. 1.
?) Müller, Die Getreidepolitik, a, a. O., 5. 86. — Behre, a. a. 0, 5. 355.
3) Schmoller, Umrisse, S. 623. .
') R. Stadelmann, Preußens Könige u. ihre Tätigkeit für d, Landeskultur,
1878—1887. — Derselbe, Friedrich d. Gr. in seiner Tätigkeit für den Landbau
Preußens, 1876. — Naude, a. a. O., Bd. 2, S. 209£.
Diehl-Mombert, Grundrisse, Bd. ıs.
        <pb n="105" />
        98

Erster geschichtlicher Teil

hat auch im 18. Jahrhundert die Ertragssteigerung in der Landwirtschaft
 erhebliche Fortschritte gemacht. Die Land wirtschaftswissenschaft
 gewann an Bedeutung und man hat deshalb die
zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts auch schon als die Zeit des
Übergangs von der empirischen zur rationellen Landwirtschaft bezeichnet").
 Auf die steigende Getreideausfuhr aus Schlesien ist
bereits hingewiesen worden. Der Landbau hatte in dieser Zeit
allenthalben große Fortschritte gemacht und der Kleebau war zu
größerer Verbreitung gelangt. Die Bodendüngung war besser geworden
 und man hatte den Anbau von Lupinen und Kartoffeln in
Angriff genommen. Die Zeit vorher hat der Geschichtsschreiber der
deutschen Landwirtschaft v. d. Goltz mit folgenden Worten charakterisiert:
 „Der Acker wurde höchst mangelhaft bearbeitet und gedüngt;
 dabei einseitig und fast ausschließlich zur Körnerproduktion
benutzt; auf die Pflege der Wiesen und Weiden wurde nur eine ganz
geringe Sorgfalt verwendet. Die Folge von beiden Tatsachen war eine
unzureichende Futterproduktion, die dann wieder die Unmöglichkeit
bedingte, viel Vieh, namentlich Rindvieh, zu halten und dies gut zu
ernähren. Hieraus ergab sich die Unmöglichkeit, viel Dünger zu
produzieren und dem Acker die zu reichlichen Ernten erforderlichen
Stoffe zuzuführen. ... Es war ein verhängnisvoller Kreislauf, in dem
der damalige Betrieb der Landwirtschaft sich bewegte“ 2).
Von der Mitte des 18. Jahrhunderts ab begann sich alles dies
zu bessern. Schon von Friedrich Wilhelm I hatte Naude gesagt,
daß er Dörfer zu Städten erhob, sie erweiterte, mit Handwerkern
und Garnisonen besetzte, um so die Zahl der konsumierenden und
nichtackerbautreibenden Bevölkerung zu vermehren, daß er Flüsse
schiffbar machen und neue Wege anlegen ließ, um den Vertrieb
der Bodenprodukte zu erleichtern ®). In Schlesien war vom Jahre 1721
bis 1798 die Ackerfläche um 800000 Morgen gestiegen 4. Zur
günstigeren Gestaltung in der Lage der Landwirtschaft kam noch
— nach Sombart — hinzu”), daß es in dieser Zeit gelang, durch
Einführung des Spinnens der bäuerlichen Bevölkerung einen Nebenerwerb
 zu beschaffen. Es spricht nicht nur vieles dafür, daß ganz
allgemein in dieser Zeit mehr gearbeitet wird, Sombart hat auch
mit Recht darauf hingewiesen, daß es von der zweiten Hälfte des
I !) Th. v. d. Goltz, Geschichte d. deutschen Landwirtschaft, 1902/03, Bd. 1.
3, Abschnitt.
2) vd. Goltz, a. a. O., Bd. I, S, 287/88.
3a. a. O., Bd. 2, S. 212.
*) Müller, a. a. O,, S. 86.
5) Sombart, Kapitalismus, Bd. 2, 2. Teil, S. 1061 ff,
        <pb n="106" />
        4: Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 99
18. Jahrhunderts ab, gelungen sei, die Zahl der. Arbeitskräfte über
den durch die Bevölkerungszunahme geschaffenen Spielraum
hinaus zu vermehren!). Im Zusammenhang mit dieser Entwicklung
 hat auch dieses Zeitalter den Versuch gemacht, brachliegende
 Arbeitskräfte zu verwerten. Es waren das Bestrebungen,
die z. T. schon früher eingesetzt hatten. Die Einführung von Arbeitszwang
 und die Schaffung von Arbeits- und Waisenhäusern sollte
diesem Ziele dienen.
So ist also das 18. Jahrhundert eine Zeit steigender Ergiebigkeit
der Wirtschaft und steigenden Nahrungsspielraumes. Freilich war
das nicht allgemein und ohne Unterbrechungen der Fall. Wir hören
immer wieder von Mißernten und Viehseuchen. In den Jahren
1775—77 gingen in sechs preußischen Gebietsteilen 118000 Stück
Hornvieh an einer Seuche zugrunde ?). Was wir aus dieser Zeit
noch von Armut und Elend hören, ist trotz dieser Fortschritte noch
ganz beträchtlich. Denn trotz aller Fortschritte war die Landwirtschaft,
 an heutigen Maßstäben gemessen, noch in einem kümmerlichen
 Zustand. „Mit der Liebe zur Ordnung und zur Landwirtschaft,
die Dich beherrscht“, so schreibt der Freiherr vom Stein im
Jahre 1781 an seine Mutter, „würdest Du nicht befriedigt sein von
einem Lande, wo Unwissenheit, Mangel an Arbeitskräften und Trägheit
 bewirken, daß die Landwirtschaft ganz und gar vernachlässigt
wird“%). Hier in Westpreußen, auf das sich diese Worte beziehen,
wurden die Äcker nur alle 12, ja in fruchtbaren Jahren nur alle
20 Jahre gedüngt. So viel auch vor allem in der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts von oben her zur Hebung der Landwirtschaft
geschah, so dürfen wir uns, besonders bei der bäuerlichen Bevölkerung,
die Erfolge nicht allzu groß vorstellen *). Schlimm lagen die Verhältnisse
 hauptsächlich dort, wo infolge der Erbteilung die Güter
immer kleiner wurden. Von Baden berichtet Ludwig: „Dieweil
daher das Land alle Symptome von Übervölkerung aufwies, und ein
armseliges Bauernproletariat mühsam um seine Existenz rang oder
bisweilen in Scharen der Heimat den Rücken wandte, die lauten
Klagen über Mangel an tauglichen Arbeitskräften“?)! In Gebieten
mit so agrartem Charakter und einer so zahlreichen bäuerlichen Bevölkerung,
 wie sie damals die Markgrafschaft Baden hatte, hing die

1) Kapitalismus, a. a, O., S. 1060.
?) Behre, a. a. O,, S. 293.
3) M. Lehmann, Freiherr v. Stein, ı. Teil, 1902, S. 41, 42.
*) Naude, Getreidehandelspolitik, Bd. 3, 1910, S. 41.
}) Th. Ludwig, Der Badische Bauer im 18. Jahrhundert, 1896, S. 94.
X
        <pb n="107" />
        00
Ausweitung des Nahrungsspielraums von ganz anderen Bedingungen
ab wie in Preußen und war wesentlich schwerer durchzuführen.
Das galt auch von anderen wirtschaftlich ähnlich beschaffenen Gebieten
 des deutschen Südens, Damit hing es zusammen, daß wir
in diesen Ländern schon im 18. Jahrhundert einer ziemlich starken
Auswanderung begegnen. Württemberger wurden nicht nur von
Friedrich d. Großen in Westpreußen angesiedelt !), wir hören auch
von einer schwäbischen Auswanderung nach Rußland und vor allem
auch nach Amerika ?).
Es kann an dieser Stelle auch auf die entsprechenden Verhältnisse
 in der Schweiz hingewiesen werden, die ja wirtschaftlich mit
den süddeutschen Staaten manches gemeinsam hat und bei der man
ebenfalls — besonders in dieser Zeit — deutliche Übervölkerungserscheinungen
 feststellen kann. Nur durch eine starke Auswanderung
konnte immer wieder das erforderliche Gleichgewicht zwischen Volkszahl
 und Nahrungsspielraum aufrecht erhalten werden. „Den Gewinn
 an Menschenleben konnte die Schweiz nicht im eigenen Lande
verwenden. Der bis in das 18. Jahrhundert primitiv betriebene Feldbau
 genügte schon damals dem einfachen Bedarf von etwas über
einer Million Köpfe nicht“®. Nach den Angaben Wylers sind in
dem Zeitraum von 1474—1792 920000 Schweizer als Söldner (Reisläufer)
 in fremde Dienste gegangen. Wenn auch zahlreiche Leute
davon wieder zurückkamen, so hat das doch eine große Entlastung
für das Land bedeutet. Für die Zeit von 1700—1798 nimmt Wyler
den Wanderungsverlust der Schweiz mit 600000 Köpfen an.
Mit diesen besonderen Verhältnissen hing es auch zusammen,
daß wir im deutschen Süden keineswegs überall den gleichen populationistischen
 Bestrebungen begegnen wie in Preußen, Schon am
Ausgange des 18. Jahrhunderts werden die badischen Amtmänner
angewiesen, dafür zu sorgen, daß kein Teil des Landes durch Übervölkerung
 zu leiden habe. In seinem ersten Brief an Mirabeau
hat der MarkgrafKarl Friedrich von den Gefahren gesprochen,
welche die durch die zu große Zahl der Einwohner bedingte, allzu
weitgehende Güterzerstückelung für den Wohlstand des Landes
bedeute #*. Deshalb hat auch Baden keine Auswanderungsverbote

Erster geschichtlicher Teil

‘ij Beheim-Schwarzbach, a. a. 0.
?) F. Kapp, Geschichte d. deutschen Einwanderung nach Amerika, 1868. —
D. Häberle, Auswanderung u. Koloniengründung d. Pfälzer im 18. Jahrhundert, 1909,
3 J. Wyler, Das Übervölkerungsproblem d. Schweiz, 1923, S. 9.
4 Nach W. Windelband, Die Verwaltung d. Markgrafschaft Baden z, Z.
Karl Friedrichs, 1916, S. 108.
        <pb n="108" />
        4. Kap, Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 7101

gekannt. In Bayern begegnen wir schon in der ersten Hälfte des
17. Jahrhunderts Bestrebungen, die auf eine Beschränkung des Volkswachstums
 hinwirken *). Im 18. Jahrhundert treffen wir in Österreich
ähnliche Maßnahmen an. In Wien wurde im Jahre 1757 den Gesellen
 nur dann die Heirat gestattet, wenn zuvor der Magistrat nach
Vernehmung der Zunftvorsteher und nach Prüfung der Einkommensverhältnisse
 dem Kandidaten seine Einwilligung erteilt hatte ?). Auch
in Preußen begegnen wir in dieser Zeit Anschauungen, die zeigen,
daß man dem Volkswachstum etwas skeptisch gegenüberstand, wenn
auch nur demjenigen in der Hauptstadt. Behre®) hat eine Kabinettsordre
 des Königs aus dem Jahre 1798 veröffentlicht in der es von
Berlin heißt: „Von einer fortschreitenden Zunahme der Bevölkerung
aber besorge ich die nachteiligsten Folgen“. Ein Berliner Stadtarzt
hatte in der gleichen Zeit angenommen, daß sich in Berlin dauernd
8000 ganz entbehrliche Menschen aufhalten. Es lagen also auch in
Deutschland die Verhältnisse keineswegs gleichartig. Die natürlichen
Voraussetzungen eines bestimmten Gebietes, seine ganze wirtschaftliche
 Struktur und Agrarverfassung mußten auf das Verhältnis von
Bevölkerung und Wirtschaft einen starken Einfluß ausüben. Welche
Bedeutung dafür die Art der Agrarverfassung und damit gesellschaftliche
 Faktoren hatten, erkennt man an den gleichzeitigen
Verhältnissen in Frankreich, wo man auf dem Lande trotz
einer gewissen Entvölkerung, bei der bäuerlichen Bevölkerung
immer wieder temporäre Übervölkerungserscheinungen feststellen
konnte %).

In dieser Periode hören wir auch allenthalben in Deutschland
von einer Erscheinung, die damals als bedrohlich für die weitere
Entwicklung des Nahrungsspielraumes aufgefaßt wurde. Man hat in
neuerer Zeit schon öfters die Frage aufgeworfen, auf wie lange Zeit
hinaus noch. die Kohlenvorräte der Erde oder einzelner Länder
für den menschlichen Bedarf ausreichen. Denn daß von diesen Vorräten
 — von den Zukunftsaussichten der weißen Kohle abgesehen —
im Zeitalter der industriellen Entwicklung die Ausweitung des
Nahrungsspielraumes in hohem Maße abhängt, ist schon oft dar-')

 H. Platzer, Geschichte d. ländl. Arbeitsverhältnisse in Bayern. Altbayrische
Forschungen, Bd. 2/3, 1904, S. ı60ff,
?) K. Pribram, Geschichte d. österreichischen Gewerbepolitik von 1740—1860,
1907, S. 591.
3 a, a. O., S. 205.
*) S. dazu F, Wolters, Studien über Agrarzustände u. Agrarprobleme in Frankreich
 von 1700—1790, 1905,
        <pb n="109" />
        102

Erster geschichtlicher Teil

gelegt worden ?). Vor ähnlichen Problemen stand auch das 18. Jahrhundert.
 Nur, daß es sich damals nicht um Kohle, sondern um die
Erschöpfung der Holzvorräte gehandelt hat. In einer Zeit
aufblühender Industrie und des Wachstums der Städte, vor allem
auch im Zusammenhang mit dem gewaltigen Holzverbrauch der Gruben
und Hüttenwerke, mußte der damals allenthalben auftretende Holzmangel
 zu einer Gefahr für den weiteren Gang des Wirtschaftslebens
werden ?). Sombart hat das Kapitel, dem diese Frage gewidmet
ist, überschrieben: „Das drohende Ende des Kapitalismus“ ®%), Wir
können uns heute kaum eine Vorstellung davon machen, welche
Bedeutung diese Frage damals gehabt hat und wie oft sie erörtert
worden ist*). Um die schlesische Textilindustrie beim Bleichen zur
Verwendung von Torf und Kohle, statt Holz, zu erziehen, wurde
im Jahre 1764 für die mit Torf und Kohle gebleichte Leinwand der
Ausfuhrzoll um die Hälfte ermäßigt und als das nichts nutzte, setzte
man im Jahre 1770 eine Prämie von 200 Talern für die Fabrikanten
aus, die eine Kohlenbleiche anlegten®). In der Markgrafschaft Baden
wurde sogar bestimmt, daß zur Abhilfe gegen den Holzmangel ein
jeder Bürger vor seiner Heirat einige Eichen pflanzen müsse ®),.
Wenn trotz des herrschenden Holzmangels die Kohle so wenig Eingang
 fand, so hing dies mit der Schwierigkeit des Transports zusammen,
 der die Kohle bis zum Bestimmungsort häufig so verteuerte,
 daß ihre Verwendung unlohnend war. Wir hören, daß der
Transport mitunter das Vierfache dessen ausmachte, was die Kohle
am Gewinnungsort kostete. Nicht nur bei Mißernten spielt zum
regionalen Ausgleich das Verkehrswesen eine wichtige Rolle,

‘') W. St. Jevons, The coal-question, 3. ed., London 1906.
’) Für einen Hochofen i. d. Neumark waren im Zeitalter Friedrich d. Gr.
20361 Zentner Holzkohlen erforderlich, um aus 48000 Zentnern Raseneisenstein
9000 Zentner Gußeisen oder 5625 Zentner Schmiedeeisen zu gewinnen. Man brauchte
also für einen Zentner Schmiedeeisen 8—09 Zentner Holzkohlen. Behre, a. a. O,,
S. 321.
3) Kapitalismus, a, a. O., Bd, 2, 2. Teil, S, 1137.
‘) Vgl. dazu weiter die eingehenden Darlegungen von E, M. „Abhandlung von
dem allerorten eingerissenen Holzmangel, dessen Ursachen und denen dagegen dienlichen
 Mitteln“. In: „Der schweizerischen Gesellschaft in Bern Abhandlungen von
landwirtschaftlichen Dingen‘, 1760/61, 1. u. 2. Teil. — Infolge Holzmangels hat man
in dieser Zeit in England sogar Eisenwerke eingehen lassen, (Kulischer, 2a. a. O.,
Bd. 2, S. 179.)
5) A. Zimmermann, Blüte u. Verfall d. Leinengewerbes in Schlesien, 1885,
S. 122 u. 152.
%) Ludwig, a. a. O., S. 93/94. — Vgl. dazu auch L. Jacobi, Ländl. Zustände
in Schlesien während d. vorigen Jahrhunderts, 1884, S, 78/81.
        <pb n="110" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 103

um temporären Übervölkerungserscheinungen entgegen zu wirken,
wir sehen auch aus dem eben Gesagten, daß seine Bedeutung für
die Ausweitung und Sicherheit des Nahrungsspielraumes noch weit
bedeutsamer war. Ist es doch in erster Linie der Ausbildung und
Verbilligung des Verkehrs zu verdanken gewesen, wenn im 109. Jahrhundert
 die Steinkohle fast ganz die Holzkohle bei der gewerblichen
 Produktion verdrängen konnte.
Wenn auch das 18, Jahrhundert mit einer beträchtlichen Steigerung
 des Nahrungsspielraumes abgeschlossen hatte, so kann man
doch nicht sagen, ob diese Steigerung mit dem Wachstum der
Volkszahl Schritt gehalten hat. Jedenfalls war es nicht überall so
leicht, vor allem auf dem Lande nicht, für den Unterhalt der zunehmenden
 Bevölkerung zu sorgen. Damit hängt es zusammen, daß
auf dem Lande die Hausindustrie schon früh Wurzel gefaßt hat
und daß wir dann wieder davon hören, daß nach dem Aufhören
dieses Nebenerwerbs die Volkszahl wieder abnahm!). Auch aus
Frankreich hören wir das gleiche, daß innerhalb der ländlichen Bevölkerung
 in manchen Gegenden die Hausindustrie den Hauptverdienst
 bildete. Sombart hat, wie schon einmal hervorgehoben,
betont, daß sich das Arbeitermaterial der ländlichen Hausindustrien
aus der im langsamen Verlauf organischen Wachstums sich ergebenden
 Überschußbevölkerung rekrutiert habe®). Man wird doch annehmen
 dürfen, daß nicht überall in dieser Zeit die Ausbreitung
des Nahrungsspielraumes mit der Volksvermehrung Schritt gehalten
hat. Nicht nur, daß wir immer wieder auch in dieser Zeit von einer
sehr großen Zahl von Armen und Bettler hören, so weit sich darüber
überhaupt ein allgemeines Urteil fällen läßt, gehen die Meinungen
übereinstimmend dahin, daß im 18. Jahrhundert die Reallöhne der
Arbeiter gesunken sind. Troeltsch hat die wachsende Disharmonie
zwischen Preisen und Löhnen als wirtschaftliches Symptom des
18, Jahrhunderts erklärt‘). Auch für Frankreich und das Elsaß hat
man den gleichen Nachweis erbracht 5. Für England hören wir,
daß in der Periode von 1760—1830 infolge der großen Preissteigerung

') Mayer, Deutsche Wirtschaftsgeschichte im Mittelalter, S. 97/98.
?) Kulischer, a. a. O., Bd. 2, 5. 122.
3) Art. „Hausindustrie‘, Handwörterb. d. Staatsw., 4. Aufl., S. 182.
“ W. Troeltsch, Die Calwer Zeughandlungskompagnie u. ihre Arbeiter, 1897,

5. 244.
5) Levasseur, Histoire des classes ouvrieres, 2. ed., Paris 1900/1901, Bd. ı,
S. 22. — Ferner Hanauer, Etudes Economiques sur l’Alsace, Paris 1876, Bd: 2,
S. 468, 488, 536, 554.
        <pb n="111" />
        194

Erster geschichtlicher Teil

die Reallöhne gesunken, dagegen in den vorhergehenden Jahrzehnten
gestiegen seien"), Steffen hat besonders auf die große Steigerung
der Mietpreise in dieser Zeit hingewiesen und für Deutschland hat
schon Biedermann auf die gleiche Erscheinung aufmerksam gemacht”).
 Zu den gleichen Ergebnissen ist Beissel bei seinen
Untersuchungen über den Ausbau der Kirche des hl. Victor gekommen
 ®). Wir sehen auch in Deutschland tatsächlich in dieser
Zeit eine erhebliche Preissteigerung, die durch die folgende kleine
Zahlenreihe veranschaulicht werden soll 4):
Es kosteten im Durchschnitt in Leipzig der
Dresdener Scheffel
Roggen
436
599
5,42
5,22
6,77
6,82
5,17
7,81
5,45
48

Weizen

Daß es in erster Linie die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts
gewesen ist, in der die Preise so sehr gestiegen sind, geht auch aus
anderen Quellen hervor. Die folgende Tabelle, die sich auf die Stadt
Luzern bezieht, soll dies veranschaulichen °):
Es kosteten im Durchschnitt der nebenstehenden Jahre in Franc und Rappen.
100 kg I kg Im Durchschnitt ı &amp;amp;, Ochsen- 101 ı
in. den Jahren Korn Weißbrot der Jahre fleisch Milch Butter
20,74 Fr. 24,6 1701 — 10 19 R. 533 R. 30,47 R.
22,58 »” 31,2 1711— 20 9 5 3 309,47 »
[6 %# 18,9 721 — 30 an 5:53 » 26,8 „
15,50 Io P3l— LU , 533 » 32,94
22,74 » el — 533 36,45 ”
26,46 1—-€ 5,09 , 36,7
20 »” a 5,49 » 44:13 »1
29 zn —% 8,00 „„ 50,17
22,98 +9” 7 9,90 „ 55,29 ”
32 9,90 „” 79,04 LE
43,96

2 G.
S, 3off.
?) K, Biedermann, Deutschlands politische, materielle u. soziale Zustände im
18. Jahrhundert, 1854, S. 387 ff.
%) St, Beissel, Geldwert u, Arbeitslohn beim Ausbau d. Kirche d. Hl. Victor,
1884.
*) Dittmann, Die Getreidepreise, a. a. O,
5) Zusammengestellt nach d. versch. Arbeiten von Haas zumBühl i. d. Zeitschr.
£f. schweiz. Stat., 1903 u. 1904.
        <pb n="112" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 105
Es ist schon hervorgehoben worden, daß der Preisrückgang zu
Beginn des 18. Jahrhunderts auf eine Reihe besonders guter Ernten
und die Preissteigerung in der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts
auf die Kriege in dieser Zeit zurückzuführen sei’). Sicherlich haben
auch solche Faktoren mitgespielt; sie scheinen jedoch nicht zu genügen,
 um die großen Unterschiede ganz zu erklären. Es mögen
hierbei wohl auch klimatische Veränderungen mitgewirkt haben.
Dopsch”) hat einmal darauf hingewiesen, daß es gelungen sei, bei
den Klimaschwankungen eine bestimmte Periodizität nachzuweisen
und daß es möglich sei, damit die immer wieder auftretenden Jahre
der Dürre, des Mißwachses und der Hungersnot in Beziehung zu
bringen. So hat man auch für das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts
auf starke Regenfälle als die Ursache der schlechten Ernten hingewiesen
 ®). Daß dann bei steigenden Getreidepreisen die Nachfrage
nach anderen Gütern des Lebens zurückgehen mußte und daß damit
eine ungünstige Wirkung auf den Lohn in den Gewerben ausgeübt
wurde, hat bereits Roscher betont“). Es ist wohl möglich, daß
derartige Faktoren damals eine Senkung der Reallöhne und damit
einen Rückgang der Lebenshaltung bewirkt haben. Daß aber in
derartigen Wandlungen Symptome einer Verengerung des Nahrungsspielraumes
 und einer Übervölkerung liegen, werden wir später sehen.
Freilich mag es auch sein, daß bei dem Rückgang der Reallöhne
 in dieser Zeit auch ein direkter Lohndruck, also gesellschaftliche
 Momente, eine gewisse Rolle gespielt haben. Es war
dies ein Zeitalter, in dem sich starke Wandlungen in der Technik
und in den Betriebsformen vollzogen haben, Zeiten, von denen
Schmoller einmal gesagt hat, daß in ihnen die führenden Kräfte
an Wohlstand zunehmen, während die ausführenden Kräfte in eine
sozial ungünstigere Lage kommen ®). Vor allem hat in dieser Zeit
auch die lohndrückende Frauen- und Kinderarbeit an Umfang zugenommen.
 Für die ungünstige Lage der Arbeiter in Württemberg
hat Troeltsch auf den Druck hingewiesen, den das Verlagssystem
als solches damals ausübte. „Man wird“, so führt er aus, „keinen
Augenblick im Zweifel sein können, daß die armseligyen Zustände,

3 Sommerlad, Art. „Preise“, Handw. d. Staatsw., 4. Aufl., S. 1051.
*) Wirtschaftliche u. soziale Grundlagen, a. a. O., 1. Teil, S. 93.
°) Vgl. dazu E. Brückner, Klimaschwankungen seit 1700, Wien 1890. —
Derselbe, Klimaschwankungen u. Völkerwanderungen, 1912.
*) W. Roscher, Über Kornhandel u. Teuerungspolitik, 3. Aufl, 1852, 5. 63 ff.
5) G. Schmoller, Die Einkommensverteilung in alter und neuer Zeit,
Schmollers Jahrb., Jahrg. 19, S. 1090.
        <pb n="113" />
        06

Erster geschichtlicher Teil

mit deren Schilderung sich die letzten Kapitel beschäftigt hatten, in
der Hauptsache dem Verlagssystem zur Last fallen“. Er zitiert den
Ausspruch eines württembergischen Oberamtsmannes aus jener Zeit:
„Ob es recht sei, daß etliche 100 Familien im Land zugrunde gehen
müssen, damit etliche dadurch reicher werden können“ !). Es spricht
auch nicht für einen wirtschaftlichen Aufschwung, wenn wir sehen,
daß in Berlin im Jahre 1730 auf einen Selbständigen 1,166 beschäftigte
 Angestellte entfielen und daß unter manchen Schwankungen
bis zum Jahre 1784 diese Zahl auf 1,017 zurückging ?). Zu alledem
kommt noch die große Zahl von Armen und Bettlern hinzu, über
die uns aus jener Zeit berichtet wird. Es sei auf die Zahlen verwiesen,
 die Troeltsch für Württemberg gibt, auf die Untersuchungen
 Schönfeldts für Hamburg ®%), oder auf die Angaben
Biedermanns in seinem bereits genannten Buche. Auch bei
5ombart finden sich darüber eine ganze Reihe von Angaben. Er
teilt mit, daß man in den geistlichen Territorien in Deutschland im
58. Jahrhundert auf 1000 Einwohner 260 Bettler gerechnet habe *).
Für Köln berichtet für den Ausgang des 18. Jahrhunderts Kuske
von einem ausgesprochenen Menschenüberschuß und daß dort im
Jahre 1790 unter 10000 Einwohnern 2000 Arme gewesen seien 5).
Über Augsburg wird uns aus einer zeitgenössischen Quelle aus dem
Jahre 1781 berichtet: „Es betteln Alte und Junge, Eltern und
Kinder ,.. Die Armut nimmt von Tag zu Tag überhand. Die
Leute verehelichen sich ohne zuverlässige Nahrung, deplumieren sich
schon beim Antritt ihres Hausstandes. Die Handwerker vermehren
sich besonders durch Gnadendispositionen so stark, daß auf einen
Schneider oder Schuhmacher das ganze Jahr hindurch kaum ein Paar
Hosen oder Schuhe trifft“ %).
Es hat keinen Sinn, derartige Angaben noch zu häufen. Hier
handelt es sich um Fragen, die Spezialuntersuchungen vorbehalten
bleiben müssen. Mit den letzten Darlegungen sollte nur darauf
hingewiesen werden. daß es doch recht problematisch ist. ob das

‘) Troeltsch, a. a. O., S. 214 u, 318,
?* O. Wiedfeld, Statistische Studien z. Entwicklungsgeschichte d. Berliner
Industrie von 1720—1890, 1898, S. 55.
3 G. Schönfeldt, Beiträge z. Geschichte d. Pauperismus u. d. Prostitution in
Hamburg, 1897.
*) Kapitalismus, a. a. O., Bd, 1, S. 790 ff. — Ferner die Belege bei H. Schorer,
Das Bettlertum in Kurbayern, Forsch, z. Geschichte Bayerns, Bd. 12, 1904.
°) B. Kuske, Die städtischen Handels- u. Verkehrsarbeiter u. d. Anfänge d.
städtischen Sozialpolitik in Köln bis zum Ende d, ı8, Jahrhunderts, 1914.
$) M. Bisle, a. a. O., S. 77/98.
        <pb n="114" />
        —  ndasan

4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 107

18. Jahrhundert eine wesentliche Besserung in dem Verhältnis zwischen
Volkszahl und Nahrungsspielraum — vor allem in seinen letzten
Jahrzehnten — gebracht hat. Wenn das vielleicht gar nicht oder
aur in geringem Maße der Fall war, so hing dies jedenfalls auch in
Deutschland mit den damaligen politischen Zuständen, hauptsächlich
mit der unseligen Kleinstaaterei, zusammen, J. F. v. Pfeiffer hat
in seinem in den Jahren 1777—78 erschienenen Buche „Grundriß
der wahren und falschen Staatskunst“ ein besonderes Kapitel, das
die Überschrift trägt: „Gebrechen des Nahrungsstandes, die aus der
Natur der Staatsverfassung Deutschlands entspringen“ !). Es fehlt
zu viel daran, meint er, „daß die Häupter des deutschen Staatskörpers
 einerlei Geist haben und nach einerlei Plan die Glückseligkeit
des Vaterlandes bearbeiten sollten. Jeder sorget für sich, so gut er
kann oder er es versteht“. Er zählt eingehend die traurigen Folgen
auf, „so Deutschland der Vielheit seiner Regenten zu verdanken
habe“. „Jeder große und kleine Fürst will Manufakturen haben.
Kaum hat er eine desgleichen eingerichtet, oder vielleicht durch ein
Monopolium errichten lassen, so werden schon alle fremden Waren
dieser Art verboten. Die Manufaktur wird folglich eine neue Koniribution
 für das Land und kommt auch selten empor, obgleich der
Untertan geringe Waren zu hohen Preisen nehmen muß. Jeder
deutsche Fürst lebt also mit anderen deutschen Fürsten in Art eines
beständigen Krieges; die Waren der Nachbarn werden entweder mit
hohem Import belegt oder gar verboten“. „Ist aber nicht die Vielheit
 der Regenten eine der vorzüglichsten Ursachen der Armut und
des Elends der Untertanen?“
Entspricht es. nicht durchaus diesen Darlegungen Pfeiffers,
wenn Kuske für die damalige Zeit die Übervölkerung Kölns darauf
zurückführt, daß die Stadt in der Entwicklung von Gewerbe und
Handel und damit in der Schaffung neuer Arbeitsgelegenheit dadurch
gehemmt war, daß sie ein selbständiger Staat ohne ein größeres
Gebiet war und nach außen hin auf die Aus- und Einfuhrverbote
oder mindestens hohe Fabrikatzölle der Nachbarstaaten stieß? Wenn
man die Faktoren in Rechnung zieht, die das Größenverhältnis
zwischen Volkszahl und Nahrungsspielraum in einem Lande beein-Aussen,
 so darf man auch solche Erscheinungen nicht außer acht
lassen. N
Mit derartigen Tendenzen, wie wir sie auf den letzten Seiten
kennen lernten, hing es dann jedenfalls auch zusammen, daß wir

1) 2. Bd., S. 163£f.
        <pb n="115" />
        [08

Erster geschichtlicher Teil

gerade in dieser Zeit auch in Deutschland Stimmen begegnen, die
dem unbedingten Volkswachstum nicht mehr so freundlich gegenüberstanden,
 wie zuvor. Von den Verhältnissen in Berlin war schon
oben die Rede. In dem 26. Stücke der Carlsruher Sammlungen !}
wurde ein Preisausschreiben veröffentlicht, das mit den Worten begann:
 „An vielen Orten klaget man über die Menge derer Menschen
und hält dieselbe vor eine Ursache des sich fast allenthalben äußernden
 Mangels der Nahrung“. Wenige Jahre später hat Schlözer
geschrieben: „Vor 20 Jahren schrie alles: Bevölkerung! Der Erfolg
hat gelehrt, daß auch dieser Satz, wie alle Sätze der Staatslehre
seine Einschränkung habe. Anders in ganzen oder halben
Wüsteneien, anders in Gegenden, die schon ein etwas volles Maß
von Bewohnern haben. Für Brot und Menschen muß immer gesorgt
 werden, und zwar von der Regierung. Brot macht immer
Menschen, aber nicht umgekehrt“?). Von dieser Auffassung wird
später noch einmal zu sprechen sein.

3. Die Ergebnisse der älteren Bevölkerungsstatistik.
Von den Ergebnissen der älteren Bevölkerungsstatistik wurde
bis jetzt nur insoweit Gebrauch gemacht, als es erforderlich war,
in knappen Zügen ein Bild von der zahlenmäßigen Entwicklung
der Bevölkerung zu geben. Es ist die Aufgabe des folgenden Abschnittes,
 aus zahlreichen Einzelarbeiten über diese Frage das herauszuarbeiten,
 was wir über die Zusammensetzung der Bevölkerung,
über Verteilung nach Geschlecht, Alter und Famlienstand und über
ihre Bewegung, also über Ehen-, Geburten- und Sterbehäufigkeit und
über Wanderungen wissen. Dabei ist keineswegs beabsichtigt, das
große vorhandene Material irgendwie vollständig vorzuführen. Es
handelt sich vielmehr in der Hauptsache nur darum, des Typische
herauszuholen. Dabei werden wir uns auch immer wieder auf die
Darlegungen der früheren Abschnitte besinnen müssen; denn die
Eigentümlichkeiten der Bevölkerungsgliederung und Bevölkerungsbewegung
 in älterer Zeit sind in erster Linie aus deren wirtschaftlichen
 Zuständen heraus zu verstehen.
Bei der Benutzung älterer Zählungen ist sehr große Vorsicht
und sehr großes Mißtrauen, vor allem gegenüber überlieferten Zahlen
am Platze. Mit zeitgenössischen Mitteilungen ist hier nichts anzufangen.
 Denn die ältere Zeit konnte sich kaum genauere zahlen-1)

 Carlsruhe, 1758,
?) A. L. Schlözer, Briefwechsel, Teil 10, Heft 46, S. 93, 1781.
        <pb n="116" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 100

mäßige Vorstellungen von größeren Massen bilden. Das gilt für das ganze
Altertum, für das ganze Mittelalter bis tief hinein in unsere Tage. Dieses
Mißtrauen ist aber auch dort am Platze, wo es sich um ältere Zählungen
handelt. Auch hier fehlte die nötige Erfahrung, mitunter auch die
nötige Gewissenhaftigkeit, um diesen Zählungen einen gewissen
Grad von Zuverlässigkeit zu geben. Zur Gewinnung einer einfachen
statistischen Übersicht, wieviel Morgen Landes, wieviel Untertanen,
wieviele Mühlen im Jahre 1648 in Preußen im Amte Lenzen vor*
handen waren, wurde ein aus einem Geheimen Rate und mehreren
Amtsräten bestehende Kommission eingesetzt, die aber trotzdem ihre
Aufgabe nicht lösen konnte !). Von älteren württembergischen Volkszählungen
 berichtet Strakosch-Grassmann: „Am 13. Juli 1598
wollte der Herzog von Württemberg wissen, wie viele Bürger und
[nwohner es in jedem Orte seines Landes gäbe, und wie viele Höfe
und Mühlen sein Land habe. Heuzutage ist bekanntlich eine Volkszählung
 eine mühsame Arbeit, die ein ganzes Heer. von Beamten
und zahllose Additionsmaschinen in Anspruch nimmt. Bis zum
Bekanntwerden der ersten rohen Summen vergehen mehrere Monate.
Das alles benötigten die württembergischen Amtleute nicht. Der
Amtmann von Herrenberg ist mit seiner Antwort schon am
15. Juli da, der Schultheiß von Hoheneck antwortet am 18, Juli.
Sie haben nämlich ihrem Herrn einfach Abschriften von alten
Registern gesandt. Der Amtmann von Herrenberg nimmt ein
solches von 1741 oder 1525 her, wo von 290 Einwohnern seines
Gebiets die Rede war und liest es für 209 und sendet so seine
Listen ein. Der Amtmann von Neuenburg liest in einem Register
von 1741 92 Untertanen und schreibt falsch ab und stellt für
Neuenburg 42 Untertanen fest ”?).“ Noch im Jahre 1839 schreibt
]J. G. Hoffmann, der damalige Direktor des statistischen Bureaus
in Berlin anläßlich eines Vergleichs der beiden Volkszählungen in
den Jahren 1816 und 1834, daß bei der ersteren Leute, die im Staate
lebten, nicht mitgezählt wurden: „Einerseits haben nicht bloß einzelne
Menschen mancherlei Veranlassung, ihr Dasein der Kenntnis der
Obrigkeit zu entziehen, sondern es besteht auch wohl in den Orts-1)

 K. Breysig, Geschichte d. brandenburgischen Finanzen, 1640—1695, 1. Bd.,
1895, S. 201, zit. nach Behre, a. a. O. S. 75.
2) Strakosch-Graßmann, Die Zahl d. Landbevölkerung in Deutschland im
Mittelalter. Deutsche Geschichtsblätter, Bd. 14, 1913. — Vgl. auch die Entgegnung
desselben auf d. Darlegungen von Fabricius, ebenda Bd. 15, 1914. — Vgl. auch
lie starke Kritik bei G. Mehring, Württemberg. Volkszählungen im 17. Jahrh.,
Württemb. Jahrbücher f. Stat. u. Landesk,, Jahrg. 1918/20, S. 313 ff.
        <pb n="117" />
        ‚LO

Erster geschichtlicher Teil

gemeinden selbst eine Neigung, die Zahl der Ortseinwohner zu gering
 anzugeben, um an Leistungen, welche nach der Einwohnerzahl
berechnet werden, zu sparen. Die Zählungen vervollkommnen sich
unverkennbar fortschreitend in dieser Beziehung“ ?)., Kamen derartige
Zustände noch im 19. Jahrhundert vor, so muß man derartige
Fehlerquellen erst recht und in noch größerem Ausmaße für die
Zählungen des 17. und 18. Jahrhunderts annehmen.‘ Wenn das
aber zutrifft und wenn sich die Fehlerquellen im Laufe der Zeit
verringert haben, dann ergibt sich daraus, daß das Volkswachstum
in Wirklichkeit geringer gewesen ist, als wie es bei Benutzung
älterer Zählungen zum Ausdruck kommt.
a. Die Volkszahl der deutschen Städte. Für eine
Reihe von deutschen Städten hat man im letzten Menschenalter die
Volkszahl zu rekonstruieren versucht,?). Die erste Zählung in einer
deutschen Stadt hat im Jahre 1449 in Nürnberg stattgefunden. Nach
den Zusammenstellungen von Häpke. bei welchen auch die
Quellen angegeben sind, ergibt sich für eine Reihe deutscher Städte
das folgende Bild:

Augsburg
Butzbach i, W.

37
Dresden
»”
Frankfurt a. M.
»”
Freiberg i. S,
Heidelberg
Leipzig
Lübeck

Hl
Mainz
Meißen
Rostock

»
Überlingen
Ulm

Jahr
1475
[421
1462
1474
1491
1387
1440
ca. 1474
1439
1474
Ende d. 14. Jh.
»” 15, „
‘5. Jh.
1481
1387
1410
1444
1427
1489

Einwohnerzahl
18 300
2.235
1810
3 190
5 000
Ca. 10000
ca. 9000
ca. 5000
ca. 5200
ca, 4000
22 300
23 672
5767
ca, 2000
10.785
13 935
ca. 4800
ca. 20000
Ca. 20 000

'.J. G. Hoffmann, Die Bevölkerung d. preußischen Staates nach d. Ergebnissen
 d, zu Ende d. Jahres 1837 amtlich aufgenommenen Nachrichten, 1839, S. ı8.
% Solche Zusammenfassungen gibt es z. B. bei Inama-Sternegg, Deutsche
Wirtschaftsgeschichte, Bd. ı, bei Schmoller, Deutsches Städtewesen, a. a. O.,,
Häpke, Art. „Bevölkerungswesen“, a. a. O. — J. Jastrow, Die Volkszahl d,
deutschen Städte zu Ende d. Mittelalters u. zu Beginn d. Neuzeit, 1886. — W. Reisner.
        <pb n="118" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte III

Diese Zahlen stützen sich nur zum Teil auf genaue Zählungen
{in den meisten Fällen liegen ihnen andere Quellen, Bürger- und
Eidbücher, Kopfsteuer- und andere Steuerregister, Musterrollen und
Mannschaftsverzeichnisse u. dgl. zugrunde. Auch die Angaben in
Kirchenbüchern hat man schon für diese Zwecke benutzt !), Man
erkennt leicht, daß je nach den verwendeten Unterlagen den Ergebnissen
 eine recht verschiedene Bedeutung zukommt und es ist
deshalb auch schon mitunter über die Volkszahl einzelner Städte
im Mittelalter zu recht großen Meinungsverschiedenheiten gekommen.
Es ist jedoch schon hervorgehoben worden, daß für die uns
interessierenden Zusammenhänge diese Volkszahlen mittelalterlicher
Städte, ob sie nun stimmen oder nicht, eine recht geringe Bedeutung
 haben. Denn für unsere Zwecke kommt es mehr auf die
Entwicklung der Volkszahl an und nur für ganz wenige Städte
liegen brauchbare Angaben für eine längere Periode vor. Wo das
jedoch der Fall ist, kann man daraus keine allgemeineren Schlüsse
ziehen, da eben die Volkszahl einer einzelnen Stadt durch besondere
Momente günstig oder ungünstig beeinflußt werden kann, Momente,
die für andere Gebiete keine Rolle zu spielen brauchen.
Nur nach einer ganz bestimmten Richtung hin haben diese
Zahlen für unsere Fragestellung eine größere Bedeutung. Man hat
früher die Volkszahl der deutschen Städte im Mittelalter erheblich
überschätzt. So hat Arnold für das 13. Jahrhundert die Bevölkerung
der Stadt Worms mit 60000, die von Köln sogar mit 120000 Köpfen
angenommen?). Die oben gegebenen Zahlen zeigen, daß diese
Ziffern sicher viel zu hoch gegriffen sind. Am Ausgang des Mittelalters
 hatten die meisten deutschen Städte etwa 5000, die größeren

Die Einwohnerzahl d. deutschen Städte in früheren Jahrhunderten, 1903. — Strakosch-Graßmann,
 a. a. O. — Siehe ferner dazu Inama-Sternegg, Die Quellen
d. historischen Bevölkerungsstatistik, Stat. Monatsschrift, Jahrg. ı2.
') Von besonders wichtigen Einzeluntersuchungen seien hier hervorgehoben
K. Bücher, Die Bevölkerung von Frankfurt a. M. im 14. u. 15. Jahrh., 1886. —
A, Helbock, Die Bevölkerung d. Stadt Bregenz vom 14. bis zum Beginn des
18. Jahrhunderts, 1912. — A, Vetter, Bevölkerungsverhältnisse Mühlhausens i. Th,
im 15. u. 16, Jahrh, — C, Ott, Bevölkerungsstat. in d. Stadt u. Landschaft Nürnberg
i. d, ersten Hälfte d. 15. Jahrh., 1907. — F. Buomberger, Bevölkerungs- u. Vermögensstat,
 in d. Stadt u. Landschaft Freiburg i. Ü. um d. Mitte d. ı 5. Jahrh., 1900.
— W. Schnyder, a. a. 0. — F, Lethmathe, Die Bevölkerung Münsters i. W,
id. 2. Hälfte d. 16. Jahrh., 1912. — H. Heidemann, Bevölkerungszahl u. berufl.
Gliederung Münsters i., W. am Ende d. 17. Jahrh., 1917. — K. Roller, Die Einwohnerzahl
 d. Stadt Durlach i. 18. Jahrh., 1907. — Weitere Literatur bei Kulischer,
a, a, O., S. 164/165.
* W. Arnold, Geschichte d. deutschen Freistädte, 1854.
        <pb n="119" />
        112

Erster geschichtlicher Teil

etwa 10000 und die allergrößten etwa 20000 Einwohner. Daß die
Zahlen nicht größer waren, hängt in erster Linie mit den wirtschaftlichen
 Verhältnissen dieser Zeit zusammen. Sander hat darauf
hingewiesen, daß sich die antiken Städte zu Großstädten entwickeln
konnten, weil sich ihre Getreideversorgung auf die Produktion ganzer
Länder und z. T. weit entlegener Gegenden gründete. Das war
bei den antiken Großstädten möglich, weil ihnen als Seestädten die
Versorgung aus fremden Gebieten leicht gemacht war. Bei den
modernen Großstädten ist das möglich, weil die Entwicklung der
Verkehrsmittel heute Massentransporte über weite Entfernungen hin
ermöglicht.
Ganz anders lagen die Verhältnisse im Mittelalter. Hier war
die deutsche Stadt ihrer eigenen Kraft überlassen. „Die wirtschaftliche
 Kraft der deutschen Stadt im Mittelalter reichte im allgemeinen
 nur aus, ihre nähere Umgebung für ihre Naturalverpflegung
sich dienstbar zu machen, indem sie im Austausch dafür die
darin angesessenen Bauern mit allerlei Handelswaren und Gewerbeerzeugnissen
 versorgte. So bildete die mittelalterliche Stadt
mit dem sie umgebenden Landbezirk einen Wirtschaftsbezirk, in
dem sie im wesentlichen ihr Auskommen finden mußte. Darin
unterscheidet sie sich durchaus von der modernen Großstadt, die
für die ganze Welt arbeitet und sich von der ganzen Welt dafür
bedienen läßt, so daß ihrem Wachstum kaum noch Schranken gesetzt
erscheinen“ *). Die entscheidende Rolle für das wirtschaftlich mögliche
 Wachstum der Städte spielten also damals hauptsächlich die
Verkehrsverhältnisse. Je billiger der Transport ist, von um
so größerer Entfernung her sind Getreidezufuhren möglich, um so
mehr wächst der Nahrungsspielraum der Städte. Das sind Zusammenhänge,
 die man noch bis tief hinein in unsere Zeit beobachten
konnte. Noch Thünen hat im Jahre 1825 berechnet, daß die
Frachtkosten ‚bereits bei 50 Meilen Entfernung den ganzen Wert
des Getreides aufzehren?). Auch G. Schmoller hat diesen Zusammenhängen
 große Aufmerksamkeit geschenkt: „Erwägen wir all
das“, so führt er aus, „so ist es begreiflich, daß schon die Entstehung
 einer Stadt von 800—5000 Seelen ein politisches, rechtliches
und wirtschaftliches Kunstwerk war, das auf der Schwierigkeit beruhte,
10—20 Dörfer an den städtischen Markt zu gewöhnen, die Konkurrenz
mit den nächsten Städten auszuhalten, die Wege offen zu halten,
von Zöllen und Fehden nicht allzusehr behelligt zu werden. Nur
ur 9) P. Sander, Geschichte d. deutschen Städtewesens, 1922, S. 61 u. 127.
3 Schmoller, Umrisse, S. 635.
        <pb n="120" />
        4. Kap, Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 11 3

wenn diese zahlreichen Bedingungen erfüllt waren, erfolgte die Ausbildung
 der Stadt zu dem Marktmittelpunkt einiger Quadratmeilen.
Wenn sie wegfielen, gestört wurden, wenn zu viele Märkte und
Kleinstädte sich zu nahe kamen, konnte auch sie ein Rückgang
leicht treffen“*). Noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts rechnete
man, daß der Transport von 5000 Wispel Roggen, die in Stettin
einen Wert von 9000 Talern hatten, bis Breslau 3000 Taler und von
da nach Glatz 4000 Taler kostete, so daß also die Verteuerung 80 %
ausmachte 2).
b) Die Gliederung der Bevölkerung. Im folgenden soll
nicht von der sozialen Struktur der mittelalterlichen Stadt, über die
wir eine reiche Literatur besitzen, die Rede sein®), Es handelt sich
vielmehr allein um den Altersaufbau, die Gliederung nach Geschlechtern
 und nach dem Familienstand. Über den ersteren wissen
wir sehr wenig; wir kennen nur für einige Städte die Verteilung
zwischen Erwachsenen und Kindern und können daraus einiges
wenige entnehmen. Direkte Zahlen für den Altersaufbau sind
nur selten vorhanden, Ich kenne: nur solche für wenige Städte und
es wäre mehr als bedenklich, aus diesen Verhältnissen allgemeinere
Schlüsse ziehen zu wollen. Immerhin mag es gerade bei der Seltenheit
 dieser Angaben von Interesse sein, etwas näher darauf einzugehen.
 Auf 1000 männliche, bzw. weibliche Einwohner im Alter
von über 15 Jahren kamen in Durlach solche unter 15 Jahren *):
männlich weiblich

[701—10
i711—20
721—30
731—40
"41—50
751—60
761—70
-71—80
781—90
(791—1800

528,
Ed
53509,0
180,0
;08,2
556,1
523,9
528,0
615,
Seen

522,6
568,4
528,0
444,8
422,3
459;2
4554
431,0
477:4
22,0

!) Schmoller, Deutsches Städtewesen, a. a. O., S. 62.
®) Acta Borussica, Die Getreidehandelspolitik, Bd. 3, 1910, S. 211.
’) F. Eulenburg, Städtische Berufs- u, Gewerbestat. im 16. Jahrh., Zeitschr.
f. Geschichte d. Oberrheins, Bd, XI. — A. Loffing, Die soziale u, wirtschaftl. Gliederung
 d, Bevölkerung Erfurts i. d. 2. Hälfte d. 16, Jahrh., Diss. 1911. — H. Aufmwasser,
 Sozialstat. Studien von Wesel im 14. u. 15. Jahrh., Diss. Münster, 1912. —
K, Lamprecht, Zur Sozialstat, deutscher Städte im Mittelalter, Archiv f, soziale
Gesetzgebung, Bd. 1, 1888. — H. Bungers, a. a. O. — J. Greving, Wohnungsa,
 Besitzverhältnisse d. einzelnen Bevölkerungsklassen im Kölner Kirchspiel St. Columba
vom 13.—16, Jahrh., 1904.
4) Roller, a, a. O., S. 108ff. u. K. Bücher, Die Frauenfrage im Mittelalter
2. Aufl., 1910.
Diehl-Mombert, Grundrisse. Bd. 15.
        <pb n="121" />
        Erster geschichtlicher Teil

Nach den Angaben von Daszynska kamen im Jahre 1637
in Zürich auf 1000 Personen solche unter 16 Jahren !)

männlich 385
In der St
5 der Stadt { weiblich 385
in den Außengemeinden { Een vw.

Zum Vergleich diene, daß im Jahre 1880 im Kanton Zürich
der Anteil dieser Altersklassen bei der männlichen Bevölkerung 322
und bei der weiblichen Bevölkerung 305 auf 1000 Einwohner betragen
 hat. Im deutschen Reich standen vom 1000 der männlichen
Bevölkerung im Jahre 1900 355 und bei der weiblichen 342 im Alter
von unter 15 Jahren. Für die Stadt Zürich erhalten wir für das
Jahr 1649/50 einen Anteil der Bevölkerung im Alter von unter
15 Jahren in der Höhe von 43,1%”). Es ergibt sich also im ganzen
trotz mancher Ausnahmen, von denen wir auch hören, eine beträchtlich
 stärkere Besetzung der jugendlichen Altersklassen, als heute,
was nur mit den besonderen Verhältnissen von Geburten- und Sterbehäufigkeit
 in jener Zeit zusammenhängen kann. Daß bei diesem
Anteil der Jugendlichen starke Schwankungen vorkamen, ist bei der
starken Wanderbewegung und den besonders starken Schwankungen
der Sterblichkeit in jener Zeit nicht verwunderlich. Die sich in
manchen Arbeiten vorfindenden Angaben über die Zahl der Kinder
sind für die Erkenntnis des Altersaufbaues nicht brauchbar, da bei
ihrer Feststellung keine Rücksicht auf das Alter der Kinder genommen
 worden ist. Man kann diese Angaben vielmehr nur benutzen,
 um ein annäherndes Bild der ehelichen Fruchtbarkeit in
jener Zeit zu geben.
Wesentlich eingehender sind die Angaben, die sich für die Verteilung
 nach dem Geschlecht für jene Zeit vorfinden. Schon im
Jahre 1882 konnte K. Bücher feststellen ®), daß allgemein ein
starker Frauenüberschuß vorhanden gewesen sei und neuere Untersuchungen
 haben diese Tatsache vollkommen bestätigt, wie die
folgende Aufstellung für einige Städte zeigt. Es kamen auf 1000
Personen männlichen Geschlechts Personen weiblichen

1) Daszynska, Zürichs Bevölkerung im 17. Jahrh., Zeitschr. für schweiz,
Stat., 1880.
3 Daszynska, a. a. O., S. 58.
3) K. Bücher, Die Frauenfrage im Mittelalter, 2. Aufl., 1910. — Vgl. dazu
auch Hartwig, Die Frauenfrage im mittelalterl. Lübeck, Hans. Geschichtsbl., 1908.
        <pb n="122" />
        4, Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 1} 5

Nürnberg (1449)
Rostock (1594-—95)
Münster (II. H. d, 16. Jahrh.)
Basel (1452)
Freiburg i. Schl. (1447/48)
Durlach { Dora
Zürich 1637
Nach den Angaben Bothes!) waren zu Beginn des 16. Jahrhunderts
 in Frankfurt a. M. von 0947 erwachsenen Steuerzahlern
223 Frauen, neben 645 männlichen Haushaltungsvorständen gab es
145 weibliche Haushaltungsvorstände. Beides läßt auf einen sehr erheblichen
 Frauenüberschuß schließen. Man wird mit Bücher vor
allem die größere Sterblichkeit des männlichen Geschlechts im
Mittelalter zur Erklärung dieser Unterschiede heranziehen müssen.
Sie beruhte nach Bücher namentlich auf den zahlreichen Fehden,
den blutigen Bürgerzwisten, den gefahrvollen Handlungsreisen, aber
auch auf der Unmäßigkeit der Männer bei jeder Art von Genuß.
Auch in der Gegenwart haben viele Kulturstaaten einen beträchtlichen
 Frauenüberschuß, der jedoch nur zum geringeren Teil auf der
größeren Sterblichkeit des männlichen Geschlechts, als vielmehr darauf
beruht, daß es sich hier um Auswanderungsstaaten handelt und daß die
Männer in größerem Umfange als die Frauen an den Wanderungen
beteiligt sind. Da im Mittelalter, nach dem vorhandenen Material
zu schließen ?), bei der Zuwanderung in die Städte die männliche
Bevölkerung überwog, so hätte die Wanderung in der Richtung
eines Männerüberschusses wirken müssen. Um so stärker müssen
dann die anderen Faktoren wirksam gewesen sein, welche das Verhältnis
 umgekehrt haben. Daß sich aus diesem großen Frauenüberschuß
 eine Frauenfrage in dieser Zeit ergeben mußte, hat
man schon öfter hervorgehoben. Denn es kam noch hinzu, daß das
Cölibat eine große Zahl von Geistlichen der Ehe entzog und daß
die Zünfte vielfach ihren Gesellen das Heiraten verboten oder erschwert
 haben. Zahlreiche Frauenklöster und Beguinenanstalten
bildeten damals die Zuflucht für jene Frauen, die zu keinem eigenen
Heim gelangen konnten. Was wir aus jener Zeit über den Familienstand
 wissen, ist so dürftig, daß an dieser Stelle nicht besonders
darauf eingegangen zu werden braucht. So weit sich etwas darüber

1) F. Bothe, Beitr. z. Wirtschafts.- u. Sozialgesch. d. Reichsstadt Frankfurt a. M.,
1906, S. 55.
?*) Nach Roller, a, a. O., S. 23, sind nach Durlach in d. Zeitraum von 1700
bis 1800 rund 19%. mehr Männer als Frauen eingewandert.
        <pb n="123" />
        ‚16

Erster geschichtlicher Teil

sagen läßt, wird bei Betrachtung der Eheschließungen davon die
Rede sein.
c) Die Eheschließungen. Wesentlich mehr als über die
Gliederung der Bevölkerung in dieser älteren Zeit wissen wir über
die Bewegung der Bevölkerung, vor allem über Eheschließungen,
über Geburten und Sterbefälle. Es handelt sich hier um Erscheinungen,
 die in ihrer damaligen Eigenart. ganz besonders aus den
hygienischen und wirtschaftlichen Verhältnissen jener Zeit heraus
erklärt sein wollen. Wie auch bei den anderen Formen der Bevölkerungsbewegung,
 um das zunächst ganz allgemein vorauszuschicken,
 beobachten wir auch bei der Ehehäufigkeit in älterer
Zeit eine starke Unregelmäßigkeit, ein jähes Auf und Ab, je nachdem
 wirtschaftliche oder politische Ereignisse günstig oder ungünstig
auf die Bevölkerung eingewirkt haben. Nur wenn man größere
Perioden zusammenfaßt, kann man vielleicht gewisse Regelmäßigkeiten
 beobachten. KRelativzahlen, wie das Verhältnis der Eheschließungen
 zur Zahl der Einwohner, stehen für die ältere Zeit so
gut wie nicht zur Verfügung. Es sind mir solche nur für zwei
kleinere badische Städte für die Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts
bekannt geworden. Hier schwankten, auf den Durchschnitt von
Jahrzehnten berechnet, die allgemeinen Heiratsziffern von 1600 bis
1700 zwischen 7,0 und 16,3, in dem Jahrhundert von 1700—1800
zwischen 6,3 und 14,9 auf 1000 Einwohner !). Für Durlach schwankten
die entsprechenden Zahlen in den Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts
zwischen 8,38 und 10,37.
Daneben stehen noch für einige wenige Städte Angaben für
den Anteil der Verheirateten unter der gesamten oder der im Heiratsalter
 befindlichen Bevölkerung und noch seltener Angaben über das
eiratsalter und den Familienstand der Heiratenden zur Verfügung.
Man muß sich natürlich auch hier hüten, derartige, für einzelne
zleinere Städte vorliegende Angaben, irgendwie verallgemeinern zu
wollen. Immerhin sei einiges wenige hervorgehoben, das der allgemeinen
 Beachtung wert erscheint. Es kamen in Freiburg i. Ü.?)
auf 1000 der erwachsenen Bevölkerung
männlich weiblich
1447/48 1888 1447/48 1888
iedige 260 320 310 360
verheiratete 720 610 610 4650
verwitwete 20 »o Ra 180

1) R. Berger, Die Bevölkerungsbewegung einer Kaiserstühler Kleinstadt von
1600—1869. — Diss., Freiburg 1921. *
2) Buomberger, a. a. O0... 5. 62.
        <pb n="124" />
        4. Kap, Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 117
In Zürich?) kamen auf 1000 der über 16 Jahre alten
Männer ; Frauen
Jahr ledige verheiratete verwitwete ledige verheiratete verwitwete
1637 485 502 13 474 375 151
1880 410 539 51 418 449 133
An diesen Zahlen, die jedoch keineswegs auf gleichartige Weise
zustande gekommen, auch nicht auf gleichartigen Grundlagen berechnet
 sind, fällt zunächst die Tatsache ins Auge, daß der Anteil
der verheirateten Frauen in Zürich ein wesentlich geringerer, der
Anteil der verwitweten ein größerer ist als heute. Dagegen
ist der Anteil der verwitweten Männer in der Vergangenheit
geringer als heute, was wohl vor allem mit dem Rückgang
der Sterblichkeit zusammenhängt. Denn je geringer die Lebensdauer
 ist, um so größer ist der Wunsch, aber auch die Möglichkeit
für den Verwitweten, wieder eine neue Ehe einzugehen. Damit
hängt es zusammen, daß wir in diesen älteren Zeiten von viel mehr
Zweit- und Drittheiraten hören, als heute. In dem Zeitraum von
1700—1800 — ältere Zahlen stehen leider nicht zur Verfügung —
betrug in Durlach?) der Anteil der Erstheiraten an allen Eheschließungen
 bei den Frauen 88,2%, bei den Männern 709,30 %.
In Offenburg betrug im Jahrhundert von 1700—1800 der betreffende
Anteil bei der männlichen Bevölkerung 78%, und bei der weiblichen
82% ®%). Für Preußen lauten die entsprechenden Zahlen für den
Zeitraum von 1875—1900 bei beiden Geschlechtern 83,3%. Über
die Dauer der Ehen ist allein der Untersuchung Rollers für Durlach
 Positives zu entnehmen. Sie betrug in den Jahren
1701—1720 19,88 Jahre
1721—1750 21,75
1751—1780 22,59
:781— 1800 2267

Man erkennt eine deutliche Zunahme, die jedenfalls auch mit
der günstigeren Gestaltung der Sterblichkeitsverhältnisse zusammennängt.
 Zum Vergleich sei hervorgehoben, daß in Preußen die Ehedauer
 in den Jahren 1896—1900 beim Tode des Mannes 25,4, beim
Tode der Frau 24,1 Jahr betrug *). Bei den Ledigen in Durlach
betrug das durchschnittliche Heiratsalter in den Jahren.

1) Daszynska, a. a. O.
?) Roller, a. a, O., S. 271.
3 F, Kempf, Bevölkerungsbewegung d. Stadt Offenburg im 17. u. 18. Jahrh.,
Diss., Freiburg 1921.
4) Mombert, Studien z, Bevölkerungsbewegung in Deutschland 1007, S. 58.
        <pb n="125" />
        Erster geschichtlicher Teil

1701—20
i721—50
L751—80
#871 — 1800

männlich
28,66
27:39
27,65
26,61

weiblich
26,53
25,44
25,64
25,13

Dagegen betrug es z. B. in Bayern in den Jahren 1896—07
bei den Männern 27,4 und bei den Frauen 24,9 Jahre. Hier ist
kein nennenswerter Unterschied festzustellen. Freilich muß nochmals
hervorgehoben werden, daß man nicht aus solchen Feststellungen
für eine einzelne kleinere Stadt allgemeinere Schlüsse für die ganze
Zeit ziehen darf. Vor allem spielt das Moment der Wanderbewegung
in seinem Einfluß auf die Eheverhältnisse eine ganz wesentliche
Rolle. Was wir also über diese Frage wissen, ist recht wenig ergiebig.
 Wir hören nur noch ganz allgemein, daß — genau wie in
unseren Tagen — bei günstigen wirschaftlichen Verhältnissen die
Ehehäufigkeit zunimmt, daß also die Bevölkerung in dieser Weise
unmittelbar auf die Entwicklung des Nahrungspielraumes reagiert.
d) Die Geburten. Für die Geburtenzahl und Geburtenhäufigkeit
 liegt bereits eine ältere, zusammenfassende Arbeit vor ?).
Die allgemein herrschende Ansicht geht dahin, daß im Mittelalter
die eheliche Fruchtbarkeit recht groß gewesen ist, daß aber eine
weit größere Zahl der Geborenen als heute einen frühen Tod fand,
so daß „oft von einem Dutzend nur einzelne zur Mannbarkeit“ gelangten
 ?). Man muß demnach in der Lage sein, soweit das vorhandene
 Material darüber Auskunft gibt, eine beträchtliche Zahl
von Geburten, dagegen nur eine relativ geringe Zahl lebender
Kinder festzustellen. Das Material für die Geburtenhäufigkeit ist
fast immer aus den Aufzeichnungen in den Kirchenbüchern
gewonnen worden. Allerdings läßt sich daraus nur die absolute
Zahl der Geborenen feststellen, während fast immer die Möglickeit
fehlt, sie auf die Volkszahl der betreffenden Zeit zu reduzieren. Man
muß deshalb zu anderen Hilfsmitteln greifen, z. B. die Zahl der
Geborenen zur Zahl der Gestorbenen oder der Heiratenden des betreffenden
 Jahres in ein bestimmtes Verhältnis bringen. Die Reduktionsmöglichkeiten
 werden um so besser, je mehr wir uns der

N) J. Wernicke, Das Verhältnis zwischen Geborenen u. Gestorbenen in histor.
Entwickl., 1896. — Für Frankreich vgl. zu diesen Fragen E. Levasseur, La population
 francaise, 3 Bde., Paris 1889—01 u. für d. allgem. Zusammenhänge L. Schöne,
Histoire de la population francaise, Paris 1893. — Für England J. Brownlee, The
history of the birth and death rates in England and Wales, Taken as a whole from
1570 to the present time. In „Public Health“, vol. 29, 1916.
2) Bücher, a. a. O.. 5. 45.
        <pb n="126" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 119

Neuzeit nähern, da dann hie und da, wenn auch mit großer Vorsicht
 zu gebrauchende Volkszählungen vorliegen. Wo, wie für
manche Städte auch für das Mittelalter Zählungen oder nachträgliche
Feststellungen auf irgend einer Grundlage vorhanden sind, da sind
sie doch in der Regel zu unsicher, um darauf derartige Verhältnisberechnungen
 aufbauen zu dürfen !). Die wenigen allgemeinen
Geburtenziffern, die wir aus jener älteren Zeit kennen, liegen
zwischen 37 und 40 auf 1000 Einwohner, tragen also durchaus den
Charakter des Richtigen an sich, zumal wenn man noch berücksichtigt,
 daß sicherlich nicht alle Geburten in den Kirchenbüchern
zur Aufzeichnng gelangt sind.
Diesen Geburtenziffern gegenüber sind dagegen die Kinderzahlen,
 von denen wir aus der älteren Zeit hören, äußerst gering.
Für Nürnberg wurden für das 15. Jahrhunder auf 1000 Einwohner
351, für Freiburg i. U. 413 Kinder berechnet. Die von Buom-Derger
 für Freiburg gegebenen Aufstellungen ermöglichen sogar
einen noch etwas tieferen Einblick. Es kamen damals auf eine
Ehe innerhalb der Gesamtbevölkerung 1,89 Kinder. Bei der zugezogenen
 Landbevölkerung war die Zahl etwas höher. Der Anteil
der kinderlosen Ehen betrug 30,63 % %. Für spätere Zeiten stehen
dann zahlreichere Angaben auf Grund der Überlieferungen in den
Kirchenregistern zur Verfügung. Freilich fehlen dabei die Totgeburten,
 sowie diejenigen Kinder, die vor der Taufe gestorben sind.
Trotzdem handelt es sich hier um die brauchbarste Grundlage, um
für ältere Zeiten die Zahl der Geburten festzustellen ®). Behre hat in
seinem schon mehrfach genannten Werke unter Benutzung der Berechnung
 von Süßmilch und auf Grund anderer Quellen für den
Zeitraum von 1688—1805 derartige Zahlen zusammengestellt. Es
ergibt sich daraus das folgende Bild für den preußisehen Staat:

In den Jahren
1688—1756
1787— 180€

100 Gestorbene
Geborene

Es kamen auf
100 Ehen
Kinder

{31
120

394
4166

Die folgende Zusammenstellung soll für einige deutsche Gediete
 ein Bild von der Geburtenhäufigkeit geben:

‘) Vgl. dazu die zutreffende Kritik bei Jastrow, a. a. O., S. 85.
?) Vgl. auch die Angaben bei Bungers, a. a. O.
3} Über d. ältesten Kirchenhücher s. Behre, a. a. OS. 134.
        <pb n="127" />
        ZA

Erster geschichtlicher Teil

Es kamen in Offenburg
auf 100 Trauungen Taufen !
1631— 1650 230
1651—1700 240
[701— 1750 490

Es kamen in Durlach
auf 100 Ehepaare Geburten *)
1700—1710 251 1751—1760 206
I1711—1720 231 1761—1770 214
1721—1730 187 1771—1780 212
{731—1740 181 1781—1790 213
L741—1750 210 1791—1800 242
Es kamen in Durlach auf eine
Familie Kinder ®)
1700—1725 411
1726—1750 5,00
1751—1775 438
1776-—1800 5,82
Es kamen auf I Trauung Taufen ®) in
Freiberg 1617—1717 3,70
Dresden J 1620—1653 3,46
1 1630—1703 3,29
(1571—1622 3,70
) 1623—1645 3,00
| 1646—1703 2,68
[1525—1009 2,80
| 1617—1642 2,05

Es kamen in Zürich
auf 100 Trauungen Geburten ®)
1554—1613 360
L614—1700 340
1876—1886 (Stadt) 330

Es kamen in München (unter Außerachtlassung
 der anormalen Jahre)
auf 100 Trauungen Geburten 3)
1600—1630
1636—1645
1647—1650
1651— 1670
L671—1700

Diese Zahlen sind keineswegs gleichartig aufgebaut und in sich
kaum vergleichbar. Denn es ist natürlich ein großer Unterschied,
ob man die Zahl der Geburten auf Taufen, auf Ehepaare oder auf
Trauungen berechnet. Aber immerhin sind die dadurch bewirkten
Differenzen nicht groß genug, als daß man diese Zahlen nicht doch
nebeneinander stellen könnte. Allerdings sind diese Methoden der
Messung so verschiedenartig, daß man daraus kein brauchbares Bild
der Geburtenhäufigkeit überhaupt erhalten kann. Um jedoch diese
Zahlen in etwas würdigen zu können, muß man sie mit der Gegenwart
 vergleichen. Es kamen im deutschen Reich auf 1000 Eheschließungen
 Geburten ohne Totgeborene im Durchschnitt der
Jahrzehnte

1881—1890
1891—1900
10071-—1010

471
441
413

) Kempf, a. a. O0, S, 113.
% Daszynska, a. a. O., S, 397.
3 Rost, Bevölkerungs- u. Gewerbestatistik Münchens im 17. Jahrh., Diss.,
München 1902.
%) Roller, a. a, O,
5) Roller, a, a. O,, S. 216.
5) Wernicke, a, a. O., S. 236.
        <pb n="128" />
        4» Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 7121

Wenn wir auch wissen, daß die mittelalterlichen Städte infolge
der hohen Kindersterblichkeit, von der noch zu sprechen sein wird,
techt kinderarm waren, so hat man doch bisher allgemein eine
ziemlich hohe Fruchtbarkeit angenommen. Aber es zeigt sich, daß
in ganz Preußen im 18. Jahrhundert nicht mehr Geborene auf 1000
Eheschließungen entfielen, als im Deutschen Reich im letzten Menschenalter
 des vorigen Jahrhunderts. Das ist ein Ergebnis, das merkwürdig
ist und nach einer Erklärung verlangt. Es mag sein, daß wir die
älteren Angaben als sehr lückenhaft betrachten müssen. Gehen wir
zunächst einmal zu anderen Maßstäben über. Für Burckheim stehen
allgemeine Geburtenziffern zur Verfügung !). Es entfielen hier an
Geburten auf 1000 Einwohner im Durchschnitt der folgenden Perioden

1600— 1629
1630—1649
1650—1699
i700—1739
'"740— 1770

42
52
15
10
38

Für Württemberg hat Troeltsch ebenfalls allgemeine Geburtenziffern
 berechnet. Danach kamen Geburten auf 1000 der Bevölkerung
 in den TlTahren Z\

1747/48
1751/55
(757/61
mA

37:4 1780 43,1
39,6 1780/86 42—42,5
41,0 1794/99 41,2
41,0

Dagegen hat Hermberg für das Kirchspiel Münsterdorf für
den Zeitraum von 1707—1802 auf 1000 Einwohner ohne Totgeborene
36,4 und mit Totgeborenen 38,2 Geburten errechnet?). Die entsprechenden
 Zahlen für die Periode von 1906—10 betragen dagegen
38,0, bezw. 38,8 — sind also höher. Für Tirol hat Platter für den
Durchschnitt "der Jahre 1751, 1759 und 1763 auf 1000 Einwohner
204 (rjeburten berechnet *).
Vach einer neueren familiengeschichtlichen Untersuchung, die
sich ebenfalls auf Württemberg bezieht und der 620 Fälle zugrunde

‘) Berger, a. a. O., S. 29.
*) Troeltsch, a. a. O., S. 415. — Vgl. dazu weiter M. Flinzer, Die Bewegung
 d. Bevölkerung in Chemnitz 1730—1870, 1870. — G. F. Knapp, Ältere
Nachrichten über d. Leipziger Bevölk. 150x—1840. Mitt. d. stat. Bureaus d. Stadt
Leipzig, Heft 6, 1872,
% P. Hermberg, Die Bevölkerung d. Kirchspiels Münsterdorf, Diss,, Kiel 1913.
4) J. Platter, Trauungen u. Geburten in Tirol u. Vorarlberg in d. Jahren
i751—1874, Stat. Monatsschr. 1876,
        <pb n="129" />
        122

Erster geschichtlicher Teil

liegen !), ergibt sich eine recht hohe Geburtenzahl pro Familie,
Freilich ist auch noch heute Württemberg ein ziemlich geburtenreiches
 Land. Alle Familien haben im 16. und 17. Jahrhundert
zwischen 5 und 6 Kinder, während sich dann im 18. Jahrhundert
eine deutliche Abnahme zeigt. Aber immerhin beträgt der Durchschnitt
 in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch 6,1 und in
der zweiten Hälfte desselben 4,5 Kinder. Betrachtet man nur die
fruchtbaren Ehen, so erhöhen sich noch diese Zahlen. Bothe hat
für Frankfurt a./M. für die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts
5,6 Kinder auf eine fruchtbare Ehe berechnet und ist auf dieser Grundlage
 zu einer allgemeinen Geburtenziffer von 39 auf 1000 Einwohner
gekommen, wobei freilich ein Teil der Unehelichen und die vor
der Taufe Gestorbenen fehlen, so daß die allgemeine Geburtenziffer
 etwas höher gewesen ist. Aber auch bei einer so starken
Fruchtbarkeit der Ehen kommt Bothe infolge der hohen Sterblichkeit
 zu einer recht geringen Zahl der auf jede Ehe entfallenden
Kinder. Bei 313 Ehen betrug diese Zahl im Durchschnitt damals
nur 2,31, im 17. Jahrhundert 2,44 und im Jahre 1799 2,0%).
Wenn man den Versuch macht, aus dem Dargelegten ein gemeinsames
 Ergebnis zu finden, so stößt man auf ganz beträchtliche
Schwierigkeiten. Dabei soll die Entwicklung der Geburtenhäufigkeit
 selbst außer acht bleiben. Man hat vielfach für den Lauf
des 18. Jahrhunderts eine gewisse Verminderung feststellen wollen.
Ebensowenig soll hier genauer darauf abgehoben werden, daß als
Folge von Kriegen und Seuchen und ihrem Einfluß auf die Ehehäufigkeit
 in der älteren Zeit die Fruchtbarkeit ganz erheblichen
Schwankungen unterlag. Wesentlich wichtiger ist der Vergleich der
Geburtenhäufigkeit in älterer Zeit und derjenigen in der Gegenwart.
Nach dieser Richtung hin ist das vorhandene Material keineswegs
gleichartig und keineswegs schlüssig. Dabei soll nicht verkannt
werden, daß sich die älteren Angaben auf Gebiete von wirtschaftlich
ganz verschiedener Beschaffenheit, auch zeitlich auf recht verschiedene
Perioden beziehen. Das Verhältnis zwischen Trauungen und Taufen
ist kaum höher als in der Gegenwart, z. T. niedriger. Allerdings
muß man hierbei daran denken, daß das ältere Material sehr lückenhaft
 ist und daß trotz der größten Gewissenhaftiekeit der Bearbeiter

1 E. Rümelin, Heiratsalter u. Fruchtbarkeit d. Ehen in ihrer Entwickl, seit
1500, Württemb. Jahrb. f. Stat. u. Landeskunde, 1923-—1924.
?) Bothe, a. a. O., S. 63—66. — Für die Schwankungen in d. Geburtenhäufigkeit
 vgl. auch W. Hanauer, Histor.-stat. Untersuchungen über d. unehelichen
Geburten, Zeitschr. f. Hygiene u. Infektionskrankheiten, Bd. 108, 1028.
        <pb n="130" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 1 23
hier Fehlerquellen vorliegen, die man nicht unterschätzen darf, Es
handelt ‘sich zunächst darum, daß alle vor der Taufe gestorbenen
Kinder fehlen und deren Zahl mag bei der damaligen hohen Kindersterblichkeit
 keineswegs gering gewesen sein. Wenn wir z. B. sehen,
daß im deutschen Reiche im Jahre 1913 von 1000 Neugeborenen
50 im I. Lebensmonat gestorben sind, so müssen wir jedenfalls für
ältere Zeiten einen wesentlich höheren Satz, mindestens das Doppelte,
vielleicht auch das Dreifache, annehmen. Hinzu kommt noch, daß
in älterer Zeit weit mehr Zweit- und Drittheiraten als heute stattfanden,
 daß also viel mehr Ehen zustande kamen, deren Fruchtbarkeit
geringer war, als die von Erstheiraten. Schon allein die Tatsache,
daß die Witwen von Handwerkern in der Regel ihr Gewerbe nicht
allein fortsetzen durften und daß im späterer Zeit ein Geselle nur
dann in die Zunft aufgenommen wurde, wenn er die Tochter oder
Witwe eines Meisters geheiratet hatte, mußte auf eine Zunahme der
Zweit- und Drittheiraten hinwirken. Bei A. Schulte lesen wir:
„Wir kennen viele Beispiele von Wiederverheiratung, von drei, ja
vier Ehen desselben Mannes oder derselben Frau, wir haben sehr
viele Beweise für außerordentliche Fruchtbarkeit der Ehen“*). Er
hebt auch hervor, daß im Mittelalter eine Kinderfrequenz von 4 Köpfen
pro Ehe nicht im entferntesten ausgereicht haben würde, den damaligen
 Bevölkerungsstand bei der in jener Zeit herrschenden hohen
Sterblichkeit aufrecht zu erhalten. Burckhardt teilt auf Grund
seines Materials ebenfalls mit, daß Männer, die vier- und fünfmal
geheiratet hätten, nichts seltenes gewesen seien”), Fahlbeck teilt
mit, daß von 825 Ehen ausgestorbener Adelsgeschlechter 17,7 %
Wiederheiraten gewesen seien, also wesentlich mehr als in der Gegenwart®).
 Auch im Laufe des 10. Jahrhunderts kann man feststellen,
daß die Wiederheiraten in neuerer Zeit. sich vermindert haben. In
der Schweiz waren von 1000 Heiraten erste Heiraten in den
Jahren

1811— 1820
1851—1860
1881— 1800

weiblich
831 871
836 933
Sa8 954

männlich

1) A. Schulte, Der Adel u. d. deutsche Kirche i. Mittelalter, 1910 S. 259.
2) A. Burckhardt, Demographie u. Epidemologie d. Stadt Basel während d
letzten 3 Jahrhunderte, 1908, S. 15. — Freilich sind die von ihm mitgeteilten Geburtenziffern
 unwahrscheinlich niedrig.
3) P. E. Fahlbeck, Der Adel Schwedens, 1003, 5. 227.
        <pb n="131" />
        Erster geschichtlicher Teil

Den Arbeiten von Kemmerich ist zu entnehmen, daß unter
den deutschen Kaisern durchschnittlich auf jeden Ehemann 1,5 Ehefrauen
 gekommen sind *).
Es ist einleuchtend, daß die Zahl der Geborenen, auf die Zahl
der Eheschließungen berechnet, umso höher sein muß, je größer
der Anteil der Erstheiraten unter allen Eheschließungen ist. Demgegenüber
 ist hervorzuheben, daß die auf anderen Grundlagen berechnete
 Geburtenhäufigkeit, vor allem die allgemeine Geburtenziffer,
nicht unerheblich höhere Zahlen ergeben hat. Man wird dieser Berechnung
 also eine größere Beweiskraft für die ältere Zeit zuerkennen
müssen als dem zahlenmäßigen Verhältnis der Geborenen und Eheschließungen.
 Man hat auch schon gemeint, — ob mit Recht oder
Unrecht, sei an dieser Stelle nicht entschieden — daß die geringe
mittelalterliche Kinderzahl nur etwas scheinbares sei und daß dies
damit zusammenhinge, daß ein Teil der Knaben schon in recht
jugendlichem Alter in den Haushalt des Lehrmeisters überträte und
dann eben in den Listen nicht mehr unter der Rubrik „Kind“,
sondern als Lehrling, Knecht u. dgl. erscheine. Säuglinge seien
oft zu den Ammen auf das Land gekommen, wo sie bis zum 5. oder
6. Jahr geblieben seien %. Ganz gleichviel, in welchem Maße diese
Argumente zutreffen, so handelt es sich hierbei jedenfalls um eine
Tatsache, welche die Unsicherheit der älteren Angaben über diese
Frage nur noch verstärkt.
e) Die Sterblichkeit. Es gibt nur eine Meinung darüber,
daß im Mittelalter, aber auch noch bis zum Ausgang des 18, Jahrhunderts,
 die Sterblichkeit allenthalben sehr groß und sehr beträchtlichen
 Schwankungen unterworfen gewesen ist. Statistisches Material
ist dafür in großem Ausmaße vorhanden und ist auch bereits in
einwandfreier Form verarbeitet ?). Diese hohe Sterblichkeit beruhte
nicht nur auf den schlechten hygienischen Zuständen der früheren
Jahrhunderte, sie beruhte auch auf den zahlreichen, immer wiederkehrenden
 Kriegen und Fehden und der häufigen Wiederkehr von
Seuchen und Hungersnöten. So hat man den schlechten Gesundheits-1!)

 Kemmerich, Die Lebensdauer u. d. Todesursachen innerhalb d. deutschen
Kaiser- u. Königsfamilien in A. v. Lindheim, Saluti senectutis, 1909, S. 1093.
% A. Doren, Besprechung von Buomberger, Histor, Viert., Bd. 4, S. 413.
% Wernicke, a. a. 0. — Dazu ferner H. Westergaard, Die Lehre v. d.
Mortalität und Morbidität, 1901, S. 253f. — F. Prinzing, Handbuch d. med,
Statistik, 1906. — Derselbe, Die Sterblichkeit in d. bürgerl. Bevölkerung Deutschlands
 seit den Zeiten d. Karolinger, In „Saluti senectutis‘‘, a. a. O. — Ferner
M. Kemmerich, a. a. 0.
        <pb n="132" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 125
zustand Lübecks in älterer Zeit darauf zurückgeführt, daß die Stadt
von hohen Wällen und Mauern derart umgeben war und die Ausgänge
 der abwärtsführenden Straßen mit Türmen so verschlossen
waren, daß nur die hochgelegenen Häuser genügend frische Luft
erhalten konnten. „Auf den Höhen hinter den Häusern lagen seichte
Brunnen ganz in der Nähe von tiefen Kloaken für die menschlichen
Exkremente, die oft ein Jahrhundert nicht gereinigt wurden. Das
Wasser dieser Brunnen, welches durchaus gesundheitsschädlich war,
„ . . diente neben dem Wasser der Wakenitz allgemein zum
Trinken“ 1.

Auf die älteren Angaben über die Sterblichkeit ist wenig Verlaß.
Was uns aus zeitgenössischen Quellen über das Sterben bei Pest
und Hungersnot mitgeteilt wird, beruht vielfach auf sehr unzuver-Jlässigen
 Schätzungen; Berechnungen auf Grund der Angaben in
Kirchenbüchern, wie sie neuerdings viel gemacht werden, müssen
dagegen alle die Fälle unberücksichtigt lassen, in denen ein Sterbefall
nicht zur amtlichen Kenntnis gelangte. Daß das vor allem bei
kriegerischen Ereignissen, oder bei Seuchen und Hungersnöten
häufiger vorgekommen ist, bedarf keiner besonderen Begründung.
Wir müssen also die aus den Totenregistern berechneten Sterbeziffern
 als Minimalzahlen auffassen. Es ist dabei zu beachten, daß
die Sterblichkeit in ruhigeren Zeiten vielleicht keineswegs außergewöhnlich
 hoch waren, daß sie vielmehr nur durch immer wieder
auftretende Kriege, Seuchen und Hungersnöte sehr in die Höhe geschraubt
 wurde. Im Gegensatz zu den Verhältnissen in neuerer
Zeit war also in den früheren Jahrhunderten die Sterblichkeit starken
periodischen Schwankungen unterworfen. Die ältesten, uns über
die Höhe der Sterblichkeit zu Gebote stehenden Ziffern sind die
Angaben über die Lebensdauer der deutschen Kaiser, wie sie
Kemmerich zusammengestellt hat. Diese Ergebnisse hat Prinzing
in die folgende Form zusammengefaßt:

Lebensalter

10—20 Jahre
20—-40 »
40-——60 ”
über 60

Karolingisches u. sächsisches Kaiserhaus Salier, Hohenstaufen u. Welfen
(46 Personen) (34 Personen)
Gestorhen auf 160 Lehende Gestorben auf 100 Lebende

6 1,4
a 2,6
16 5,8
7 16,23

43
3:4
5,8
12,0

1) Reisner, a. a. O., S. 119/20. — Vgl. dazu die zusammenfassende Schilderung
 bei Kulischer, a. a. O. Bd, ı, S. 174.
        <pb n="133" />
        „FE

Erster geschichtlicher Teil

Demgegenüber waren in Preußen in dem Jahrzehnt 1891—1900
die Sterbekoeffizienten für die vier betrachteten Altersklassen 0,36,
0,70, 1,84 und 7,39. Man sieht, die Sterblichkeit der deutschen
Kaiserhäuser war im Mittelalter ganz gewaltig hoch, etwa 3 mal so
hoch wie bei der gesamten preußischen Bevölkerung in dem genannten
 Jahrzehnt. Allerdings sind die Grundzahlen recht gering,
aber Prinzing hat wohl mit Recht darauf hingewiesen, daß
für die annähernde Brauchbarkeit dieser Ziffern doch die Tatsache
spricht, daß die Unterschiede in der Sterblichkeit bei beiden Gruppen
sehr gering sind. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, daß die
Angehörigen der Kaiserhäuser gegenüber der übrigen Bevölkerung
damals unter besonders günstigen allgemeinen und hygienischen
Lebensbedingungen standen. Auch für die folgenden Jahrhunderte,
für die sich bei Kemmerich und Prinzing das Material wiedergegeben
 findet *), ist die Sterblichkeit in den deutschen Kaiserhäusern
noch sehr hoch, wenngleich sich eine gewisse Besserung feststellen
läßt. Für das eigentliche Mittelalter stehen über das Gesagte hinaus
so gut wie keine allgemeinen Sterbeziffern zur Verfügung.
Burckhardt?) hat die Familienregister einer schweizerischen
Familie veröffentlicht. Es ergibt sich auf Grund der Verhältnisse in
313 Hausständen, daß von 1000 Geborenen vor Erreichung des
t6. Lebensjahres gestorben sind:
im 16. Jahrhundert 29,0
» 474 » 32,0
= 38. » 35,0
3» 19 5 18,0
Mit dem bereits erwähnten starken periodischen Wechsel in der
Höhe der Sterblichkeit steht auch das unregelmäßige Wachstum
der städtischen Bevölkerung in engem Zusammenhang. Das eine
Jahr übersteigt die Zahl der Todesfälle ganz erheblich die Zahl der
Geburten, das andere Jahr ist das umgekehrte der Fall. In Frankfurt
 a. M.?) betrug die Zahl der
in dem Jahre Geborenen Gestorbenen in dem Jahre Geborenen Gestorbenen
1603 830 726 1608 So2 524
1604 789 589 1609 787 639
1606 758 1195 1610 716 906
1607 84 1008 1617 »406 1126

N Prinzing u Kemmerich, a. a. O. u. ferner Roller. Die Lebensdauer
d. Geschlechter des ausgehenden Mittelalters in Deutschland, Klinik f. psycholog. u.
nervöse Krankheiten, Bd. 7, 1912.
?) A. Burckhardt, Über Kinderzahl u, jugendliche Sterblichkeit in früheren
Zeiten, Zeitschr. f. schweiz. Stat., Bd. 2.
3) Bothe, a. a. O., S. 146.
        <pb n="134" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 127

Nach den Angaben Knapps*) starben in Leipzig in den
Jahren

1626 1283 Personen 1630
1627 535 » 1632
1628 408 ” 1633
Es starben in Lübeck®) in den Jahren:

881 Personen
2789 »

1667 1543 Personen
1668 2221
1669 1433
L670 1552
L671 1182

1672 1088 Personen
1673 922 ”
1674 1007 ”
1675 1691 -

Erst für eine etwas spätere Zeit lassen sich allgemeine Sterbeziffern
 berechnen, die sich einigermaßen mit den Verhältnissen der
Gegenwart vergleichen lassen, Denn da zu einer Berechnung der
allgemeinen Sterbeziffer die Zahl der Sterbefälle und die Zahl der
Bevölkerung bekannt sein muß, so dürfen wir nicht vergessen, daß
uns bis in das 18. Jahrhundert hinein die Voraussetzungen fehlen,
um eine solche Berechnung in einwandfreier Weise vorzunehmen.
Mit diesen Einschränkungen wollen auch die folgenden Zahlen betrachtet
 sein. Daszynska®) kam für Zürich zu den folgenden
allgemeinen Sterbeziffern:
im Jahre 1637 39:5
„1671 44,0
; » 1880 26,0
Für Schweden ist Sundbärg*) zu entnehmen, daß hier Sterbefälle
 auf 1000 der mittleren Bevölkerung kamen in den Jahren:

1701—1750 30,40
1751—1800 27,35
1801—1850 23,90
1850—1900 18,48
Für Schweden können wir auch vergleichen, in welchen Altersklassen
 sich der Rückgang in der Sterblichkeit vollzogen hat. Wie
die folgende Tabelle zeigt”), ist das vor allem in den jugendlichen
Altersklassen der Fall gewesen. Es kamen nämlich in Schweden
auf 1000 Lebende jeder Altersklasse Gestorbene desselben Alters in
den Jahren

1) Knapp, a. a OO, S. 12.
?) Reisner, a. a. O,, S. 151.
3) a. a. O., S. 399.
*) G. Sundbärg, Bevölkerungsstatistik Schwedens (1750—1900), Stockholm
1907, S. 76.
. 5) Nach L. Vacher, La mortalit&amp;amp; au 18. siecle. Internationaler Kongreß für
Hygiene u. Demographie, Bd. 7, 1806,
        <pb n="135" />
        Erster geschichtlicher Teil

Altersklassen
D—

I—10
L1—20
21—30
31—40
41—50
51—60
61—70
71—80
81-—90
90 u. mehr

[758-—1760

228,0
22,8
6,3
9,3
12,5
18,0
29,0
41,0
105,0
200,0
2391,00

1880—1882
122,0
16,0

4:4
6,1
73
9,9
15,4
32,3
76,5
172,0
451,0

Für Königsberg i. P. hat Kisskalt!) für die Periode von
1782—1802 eine durchschnittliche allgemeine Sterbeziffer von 32,8
festgestellt, die jedoch in den einzelnen Jahren dieses Zeitraumes
mitunter beträchtlich höher gewesen ist. Sie betrug im’ Jahre 1772
46,5, im Jahre 1775 50,0, im Jahre 1776 46,0 und im Jahre 1795
44,3. Typhus, Pocken und Masern, aber auch Hungerjahre, haben
zu dieser Steigerung beigetragen. Da für ältere Zeiten aus Unkenntnis
 der Bevölkerungszahl sich nur selten allgemeine Sterbeziffern
berechnen lassen, so hat man häufig — wie es auch schon Süßmilch
 getan hat — den Ausweg gewählt, ein zahlenmäßiges Verhältnis
 zwischen der Zahl der Geborenen und der der Gestorbenen
zu bilden. An diesem Maßstab gemessen, kamen in Preußen auf
1000 Gestorbene in den Jahren 1688—1705 1310 und in den Jahren
1757—1805 1300 Geborene. Bei Wernicke sind eine ganze Reihe
derartiger Reduktionszahlen zusammengestellt. Man hat zu diesem
Hilfsmittel hauptsächlich in einer Zeit und für Gebiete gegriffen, für
die man die Größe der Bevölkerung nicht kannte, Aber man sieht
leicht, daß eine solche Art der Berechnung ein ungeeignetes Mittel
ist, um die Größe der Sterblichkeit und ihre Wandlungen kennen
zu lernen. Eine solche Berechnung gibt nämlich nur ein Bild von
dem Größenverhältnis von Geburten- und Sterbefällen und das Ergebnis
 hängt auch von den Wandlungen in der Geburtenhäufigkeit
ab. Freilich ist diese Berechnung deshalb geeignet, ein Bild von
der Höhe des Geburtenüberschusses und damit von den Tendenzen
des Volkswachstums zu geben. Es wird darauf noch zurückzukommen
 sein.

1) Über Sterblichkeit in Königsberg 1770—1800, Zeitschr. f. Hygiene u. Infektionskrankheiten,
 Bd. 93, 1921. — Zahlreiche von Kisskalt veranlaßte Königsberger Diss,
haben sich mit den gleichen Fragen beschäftigt.
        <pb n="136" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 129

Ganz besonders hoch war in älterer Zeit die Kindersterblichkeit’).
 Es war davon schon die Rede, als der Gegensatz
von Fruchtbarkeit und Kinderzahl besprochen wurde. Nach den
Berechnungen Kempfs starben in Offenburg von 1000 Lebendgeborenen
 im ersten Lebensjahr in den Jahren:

1751—1760
1761—1770
1771—1780
1781—1790
[791—1800

265
322
337
8

Nach den Berechnungen Rollers?) standen von 1000 Gestorbenen
 in Durlach in der Altersstufe bis einschließlich 10 Jahre
in der Periode von 1701—1750 575, in der Periode von 1751—1800
564. In dem Jahrzehnt 1701—1710 hatte der Anteil dieser Altersklasse
 sogar 679 betragen. Zum Vergleich diene, daß im deutschen
Reiche im Jahre 1912 von 1000 Gestorbenen dieser Altersklasse
beim männlichen Geschlecht 389 und beim weiblichen 345 angehörten.
 Den Untersuchungen Daszynskas für Zürich ist die
folgende Aufstellung entnommen. Es waren von 100 Gestorbenen
Kinder in den folgenden Perioden ®):

1613—1644
1669—1676
1712—1721
1731—1740
(751—1760

59
59
59
58
49

Nach den Angaben Schnyders*®) hat der Anteil der Kinder von
100 Gestorbenen in der Landschaft Zürich im Durchschnitt der Jahre
1729—1751 55 betragen. In Leipzig starben von 1000 Lebendveborenen
 im I. Lebensjahre 5)

1751—1760
1761—1770
1771—1780
1781—1790
1791—1800
1861 — 18570

355
2366
317
328
375
222

1) Vgl. dazu A. Gottstein, Beiträge z. Geschichte d. Kindersterblichkeit.
Verhandl. d. Gesellschaft f. soziale Medizin, Heft 12, 1905.
2) a. a. O., S. 103.
3) a. a. O., S. 398.
%) a. a, O., S. 108.
5) Nach Westergaard, a. a. O., S. 288.
„Die Sterblichkeit in d. deutschen Fürstenhäusern‘‘.
Diehl-Mombert, Grundrisse. Bd. ıs.
        <pb n="137" />
        Erster geschichtlicher Teil

Es waren in jener Zeit besonders die Infektionskrankheiten,
denen zahlreiche Kinder zum Opfer fielen!). Schloßmaann’)
hat bei den deutschen Fürstenhärsern im 19. Jahrhundert folgende
Kindersterblichkeit festgestellt. Von 1000 der betreffenden Altersstufe
 starben in den nebenstehenden Jahren im Alter von:

| Jim |

1800-—1809 133
1850-—1859 . 66
1800—1899 20

(— 14

241
171
26

Aus dem starken Rückgang, den die Kindersterblichkeit in diesen
Kreisen erfahren hat, in denen den Kindern schon aus rein äußeren
Gründen die beste Pflege und Fürsorge zuteil werden konnte, kann
man ermessen, wie hoch die Kindersterblichkeit in früheren Jahrhunderten
 im Durchschnitt der Bevölkerung gewesen sein muß. Wir
werden sehen, daß diese Verhältnisse sich zwar im 19. Jahrhundert
erheblich gebessert haben, daß sie aber noch in der ganzen
ersten Hälfte desselben sehr ungünstig gewesen sind. Ganz besonders
 günstig hat auf die Sterblichkeit die Jennersche Kuhpockenimpfung
 eingewirkt. Wie günstig die Wirkung derselben
war, ergibt sich daraus, daß in Schweden von 1000 Todesfällen, die
durch Pocken als Todesursache bedingt waren “®), in den Jahren
[751—70 132, 1771—1800 80 und 1801—1850 12 entfielen.
In welchem Umfange in früheren Jahrhunderten die Menschen
immer wieder durch bestimmte Seuchen hinweggerafft worden sind,
sei an dem Beispiel Durlachs, das für jene Zeit durchaus typisch
ist, dargelegt. Hier traten epidemisch auf im Jahre 1702 ein hitziges
Fieber (Typhus), 1712 Fleckfieber und rote Flecken (Masern), 1715
rote Flecken, 1735 Fleckfieber, 1736 Blattern, 1738 Blattern, rote
Flecken und Ruhr, 1750 und 1753 Blattern, 1768 Ruhr, 1796 Faulund
 Nervenfieber und Blattern, 1797 Blattern, Faul- und Fleckfieber,
1800 Blattern. Die Jahre 1709, 1770—72, 1787, 1790—091 und 1793
waren ausgesprochene Teuerungsjahre. Von Burkheim berichtet
Berger*): 1611—12 Seuche, 1629—30 Pest, 1704 hitziges Fieber,
1718 und 1724 Kinderblattern, 1726 Diysenterie, 1729 hitziges
Fieber, 1730 Kinderblattern, 1766 hitziges Fieber, 1786 Fleckfieber.
1793 Ruhr, 1798 Pocken.

1) Vgl. dazu Kisskalt, a. a. O0,
2) A. Schloßmann, Die Kindersterblichkeit in d. deutschen Fürstenhäusern im
19, Jahrhundert, Jahrb. f. Nat. u. Stat., Bd. 105, 1915.
%) Prinzing, Handbuch, a. a. O., S. 526.
4) Berger, a. a. O., S. so.
        <pb n="138" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 131

f. Der Geburtenüberschuß. Schon aus den bisherigen
Darlegungen ergab sich, daß in den früheren Jahrhunderten von
einem regelmäßigen Geburtenüberschuß wie in der Neuzeit keine
Rede sein konnte. In der großen Linie hat zwar die Volkszahl zuc
genommen, aber diese Zunahme war höchst unregelmäßig. Das
wird dann anders, je mehr wir uns der Neuzeit nähern. Für größere
Gebiete liegen jedoch die Volkszählungen zu selten vor, auch nur
in zu großen Zeitabständen, um uns noch für das ı8. Jahrhundert
ein genaues zahlenmäßiges Bild machen zu können. Jedoch geben
immerhin die Verhältniszahlen zwischen Geborenen und Gestorbenen,
wie sie sich z. B. bei Süßmilch vorfinden, ein brauchbares Bild
davon !). Diese Unregelmäßigkeit im Geburtenüberschuß und damit
im Volkswachstum zeigt sich besonders deutlich bei kleineren Gebietsteilen,
 wie z. B. bei Städten, weil dann vor allem Seuchen
zahlenmäßig besonders stark ins Gewicht fallen. In Frankfurt a. M.
sind in den Jahren 1596 und ı 597 678 Personen mehr gestorben
als getauft wurden, während in den Jahren 1598—1604 nur ein
jährlicher Geburtenüberschuß von 95 zu verzeichnen war. „Dann
folgte wieder ein jährliches Defizit von 475 drei Jahre lang, dann
wieder zweimal 169 Gewinn, von 1610—13 aber wieder je 295 Personen
Unterbilanz?).“
Man kann also über die Bevölkerungsbewegung des Mittelalters
und zu Beginn der Neuzeit bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts
sagen, daß sie ungeheuer unregelmäßig gewesen ist. Das gilt vielleicht
in etwas geringerem Grade von der Häufigkeit von Eheschließungen
und Geburten, als besonders von der Sterblichkeit und von der
Höhe des Geburtenüberschusses. Wir beobachten in dieser ganzen
Zeit, wenn auch keineswegs überall gleichmäßig, ausgesprochene
Übervölkerungssymptome, nicht nur solche temporärer Natur als
Folge von Hungersnöten, sondern auch für längere Zeit infolge einer
Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse. Wenn derartige
Erscheinungen sich damals nicht stärker auswirkten, so hing dies
in erster Linie auch damit zusammen, daß die Volkszunahme infolge
der hohen Sterblichkeit im Vergleich zu den heutigen Verhältnissen
doch nur eine sehr langsame gewesen ist. Allerdings herrschte in
dieser Hinsicht regional keine Gleichmäßigkeit. Auf dem flachen
Lande lagen die Verhältnisse häufig anders. So schreibt Schayder
von der Landschaft Zürich: „Die Kindersterblichkeit und der Reislauf
 sind bie beiden Faktoren, welche die infolge der übergroßen
’) Behre, a. a. O., S. 254,
2) Bothe, a. a. O., 5. 66.
        <pb n="139" />
        132
Geburtenzahl drohende Gefahr einer Übervölkerung und die sich
daraus ergebenden Folgeerscheinungen Hungersnot und Armut, wenn
auch nicht beseitigen, so doch erheblich zu mildern vermochten“ ?).
Es liegt ja auch auf der Hand, daß da, wo nicht beträchtliche Fortschritte
 im Ackerbau gemacht werden und wo dem ländlichen Geburtenüberschuß
 nicht die Einwanderung in die Städte reibungslos
die Gründung einer neuen Existenz ermöglicht, solche Schwierigkeiten
 auftauchen müssen. Denn schon die Teilung der ländlichen
Güter im Erbgang muß sich im Hinblick auf die dadurch verursachte
 schwierige Lebenslage der bäuerlichen Bevölkerung als
Übervölkerungserscheinung auswirken. Wir werden auch noch
sehen, daß deshalb dieses Zeitalter keineswegs so restlos sein Ideal
in einer schrankenlosen Volksvermehrung gesehen hat, wie man
vielfach anzunehmen pflegt.

Erster geschichtlicher Teil

4. Die Anschauungen über die Bevölkerung bis zum
Auftreten von Robert Malthus.
Die Äußerungen, die uns im Mittelalter über die Fragen von
Bevölkerung und Wirtschaft begegnen, sind äußerst dürftig und
keineswegs gleichartig. Einige Äußerungen liegen von Kirchenvätern
 und Kirchenlehrern vor. Tertullian (160 bis ca. 220)
schreibt in seinem Werke „De anima“: „Der Erdkreis wird mit
jedem Jahre angebauter und: kultivierter als vorher. Schon ist alles
wegsam, alles erforscht, alles geschäftig; früher berüchtigte Einöden
 sind durch anmutige Landgüter verdrängt, Wälder durch Saatfelder
 gebändigt, das Wild durch Herden ersetzt, Felsen geebnet,
Sümpfe ausgetrocknet, so viel Städte, wie einst nicht Hütten. Schon
liegen die Inseln nicht mehr wüst und die Klippen schrecken nicht;
überall Häuser, überall ein Volk, überall ein Staat, überall Leben!
Am deutlichsten spricht die Menge der Menschen. Wir überlasten
die Welt; kaum genügen uns die Elemente; die Bedürfnisse pressen
uns und die Klagen bei allen, weil uns die Natur schon nicht mehr
erhalten kann. Wahrhaftig, man muß Pest und Hungersnot, Kriege
und Erdbeben für Heilmittel halten, gleichsam für ein Beschneiden
der ins Kraut schießenden Menschheit“ ®. Cyprianus (ca 200 bis

% Schnyder, a. a. O., S. 111.
2) Nach d. Übersetzung von Seeck, „Untergang“, a. a, O., Bd. 1, 1897, S. 411.
— Es besteht dabei eine Meinungsverschiedenheit, ob sich diese Stelle auf d. ganzen
Erdkreis oder nur auf Tertullians afrikanische Heimat bezieht. Vgl. dazu Th. Sommerlad.
 Das Wirtschaftsprogramm d. Kirche im Mittelalter, 1903, S. 53ff.
        <pb n="140" />
        4- Kap, Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 133

257) schreibt in seinem Werke „De habitu virginum“: „Solange
die Welt noch wüst und leer ist, mögen wir in fruchtbarer Zeugung
die Volkszahl fortpflanzen und zur Vermehrung des Menschengeschlechtes
 heranwachsen; nun aber der Erdkreis bevölkert ist und
die Welt überfüllt ist, kastrieren sich die für das Himmelreich, die
die Enthaltsamkeit fassen können“ 1).
Zum Verständnis solcher Anschauungen wird man daran denken
müssen, daß die beiden Kirchenväter in der Zeit des ausgehenden
Römerreiches gelebt und gewirkt haben, jener Zeit, in der, wie wir
gesehen haben, die Voraussetzungen seiner wirtschaftlichen Macht
und Stärke in Fortfall gekommen waren und sich bereits deutliche
Anzeichen des wirtschaftlichen Verfalls bemerkbar machten.
Ratherius von Verona (etwa 890 bis 974) bringt die Armut
 in Verbindung mit dem großen Kinderreichtum und fordert,
daß der Dürftige sich lieber der Ehe enthalten solle, um nicht durch
allzu großen Kinderreichtum genötigt zu sein, fremde Liebestätigkeit
 in Anspruch zu nehmen. Er meint, daß jeder Arbeitswillige
Gelegenheit habe, sich das Nötige zum Leben durch Arbeit zu beschaffen
 und er kennt nur zwei berechtigte Ursachen zum Bettel:
Krankheit und großen Kinderreichtum ?. Weiteren Äußerungen
über die Fragen der Bevölkerung begegnen wir erst wieder auf
der Höhe des Mittelalters. Es ist Thomas von Aquin (1225 bis
1274), der unter dem Einfluß von Aristoteles, zu dessen Politik
er auch einen Kommentar geschrieben hat, in einem grundsätzlich
ähnlichen Sinne wie dieser zu den Zusammenhängen von Wirtschaft
und Bevölkerung Stellung genommen hat%. Auch Thomas stellt
den Gedanken der wirtschaftlichen Autarkie in den Vordergrund
 und hebt hervor; daß die Nahrung der menschlichen
Existenz vorangehen müsse. Otto von Bamberg hat in seiner
„Vita Ottonis“ zum Klosterleben gemahnt, weil die Menschen sich
ins Zahllose vermehrt hätten‘). Auch Franciscus Patricius.
der seit 1460 Bischof von Siena war, kennt diese Zusammenhänge.
In seiner Schrift „De institutione rei publicae“ betont er mit Nachdruck
 die Gefahr einer Übervölkerung, wenn er schreibt: „incolarum
multitudo periculosa est in populis“. -Er hat auch die verschiedene

1) Nach Sommerlad, a. a. 0. 5. 55.
?) A. Adam, Arbeit u. Besitz nach Ratherius v. Verona, 1927, S. 225, 233, 255.
3) Vgl. zu folgendem B, Kaiser-Delisle, Beitrag zur Vor-Malthusischen Bevölkerungslehre
 in Italien, Diss,, Gießen 1924.
*) Zit. nach E. Schulze, Die Kolonisierung u. Germanisierung d. Gebiete
zwischen Saale u. Elbe, 1806. S. 126 Anm.
        <pb n="141" />
        134
Bevölkerungskapazität der verschiedenen Wirtschaftsstufen gekannt
und hervorgehoben, daß die Teuerung auf der unzureichenden Ausdehnung
 des verfügbaren Bodens beruhe.
Wenn wir im Mittelalter so wenig Äußerungen über diese Zusammenhänge
 begegnen, so hängt dies in hohem Maße damit zusammen,
 daß wir es bei diesen Fragen mit dynamischen Faktoren,
mit solchen der Entwicklung und des Wachstums zu tun haben.
Derartigen Erscheinungen stand das Mittelalter noch ohne richtiges
Verständnis gegenüber. Es fehlte „die Anschauung, daß eine kontinuierliche
 Veränderung in allen menschlichen Verhältnissen vor sich
geht“. „Erst die große Umwandlung im Denken und in der ganzen
Anschauungsweise der Menschen, welche sich seit dem 15. Jahrhundert
 in Europa vollzog, schuf allmählich die Vorbedingungen,
welche zur Ausbildung der genetischen Geschichtsauffassung erforderlich
 sind“ 7).
Mit dem Beginn der Neuzeit und den Wandlungen in der
wirtschaftlichen Verfassung beginnen die Ansichten, die über die
Fragen der Bevölkerung geäußert werden, häufiger zu werden. Sie
beginnen jetzt auch, sich nach der optimistischen Seite zu entwickeln.
 Freilich, bei Macchiavelli, mit dem in gewissem Sinne
eine neue Zeit anhebt, ist davon noch nicht die ‚Rede. Er war ein
viel zu realistischer Beobachter, um nicht die Zusammenhänge
zwischen Wirtschaft und Bevölkerung in ihrer vollen Bedeutung zu
sehen. Es finden sich in seinen „Discorsi“ zahlreiche Bemerkungen,
die von ernstem Nachdenken über diese Fragen Zeugnis ablegen °).
Zwischen der Entwicklung der Wirtschaft und dem Wachstum der
Bevölkerung besteht für ihn ein enges Verhältnis; wenn die letztere
zu sehr ansteigt, so muß eine Auswanderung eintreten. Er kennt
auch die Kolonisation als Abhilfe gegen die Übervölkerung. „Geschieht
 aber dieses nicht, oder kann es nicht mehr helfen, dann
kommen Naturereignisse, Pesten und Hungersnöte, was dann ebenso
notwendig wie vernünftig ist. Wie sich im einfachen Körper, wenn
sich viele überflüssige Stoffe angesammelt haben, die Natur oftmals
selbst hilft, in Bewegung setzt und eine Reinigung vornimmt, welche
dem Körper heilsam ist, ebenso greift sie bei den zusammengesetzten
Körpern des Menschengeschlechts ein. Wenn alle Landesteile mit
Bewohnern so überfüllt sind, daß sie sich nicht mehr ernähren

Erster geschichtlicher Teil

N E. Bernheim, Lehrbuch d. histor. Methode u. d. Geschichtsphilosophie,
4. Aufl., 1903, S. 30ff.
*) K. Knies, N. Machiavelli als volkswirtschaftl. Schriftsteller, Zeitschr. f. d.
yesamte Staatswissenschaft, Bd. 8, 1852.
        <pb n="142" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 1 35

können, weil alle Plätze besetzt sind, so muß notwendig die Erde
sich selbst reinigen, damit sich die Menschen nach Verminderung
ihrer Zahl bequemer ernähren können!). Auch Campanella hat
dem Bevölkerungsproblem eine beträchtliche Bedeutung beigemessen.
Freilich lebte er unter dem Einflusse der damaligen Verhältnisse in
Spanien und hat demgemäß vor allem den dortigen Rückgang an
Volkszahl und Ackerbau betont 3).
In dem deutschen Reformationszeitalter begegnen wir
nur wenigen Äußerungen über diese Frage. Luther hat über das
Volkswachstum sehr optimistisch gedacht und das gleiche gilt auch
von Eberlin von Günzburg. Sie haben beide die Ehe in jungen
Jahren empfohlen, ohne die Frage zu erörtern, ob bei den damaligen
wirtschaftlichen Zuständen ein zu starkes Volkswachstum nicht gewisse
 Schäden nach sich ziehen könne. Jolles hat dazu bemerkt:
„Während man auf der katholischen Seite den ethischen Radikalismus
 und die Askese mit allen nur möglichen Gründen verteidigte,
ewige Keuschheit, Fasten und Sichkasteien als erstrebenswürdige
Tugenden, ja die Ehe selbst gewissermaßen als Sünde hinstellte,
sehen wir die gegnerische Partei ebenfalls aus theologischen Gründen
das Cölibat als physiologisch und ethisch verwerflich bekämpfen“ 3.
Freilich hat in dieser Zeit bereits ein anderer deutscher Schriftsteller,
Sebastian Franck (1500—1545), in seiner „Germaniae chronicon“
Sätze ausgesprochen, die auf einen ganz anderen Ton gestimmt
waren, Man kann aus ihnen erkennen, wie dicht relativ damals
Deutschland schon bevölkert gewesen sein muß. Es heißt bei ihm:
„Die lender geben aller welt volck gnüg /und ist dannoch allzeit
mit solchem überfluß besetzt / das dörffer und stett zerrinnen wöllen /
und die gütter und herberg in ein Sollch aufschlag kommen / das
kaum höher mag/das ich halte/wo nit Got den Krieg scheidet /
und ein sterbend drein kompt/des wir wider einmal /wie vor etwa
durch loß oder ander weg außgemustert / wie die Zigeuner andere
Land zu suchen müssen auß ziehen / und glaub sicher hundert mal
tausent man / mit samt iren weib / kind und anhang / wolten wir
Teutschen wol gerathen / und gantz Ungerland /so es uns Gott gebe /

N) Discorsi, II 5.
2?) Vgl. dazu F. Meinecke, Die Idee der Staatsräson i. d. neueren Geschichte,
1924, S. 133 ff.
%) O. Jolles, Die Ansichten d, deutschen nationalökonomischen Schriftsteller
d. 16, u. 17. Jahrhunderts über Bevölkerungswesen, Jahrb. f. Nat. u. Stat., N. F.,
Bd. ı3.
        <pb n="143" />
        136

Erster geschichtlicher Teil

mit teutschem Volck besetzen / solts dannoch Teutschland kaum
ansehen *).“
Aber damit sind die Schriftsteller zu Ende, die in jener Zeit
sich über die Zusammenhänge von Bevölkerung und Wirtschaft
überhaupt geäußert haben und wir kommen nun in das Zeitalter
des sogenannten Merkantilismus, in eine sehr bevölkerungsfrohe
Periode hinein. Noch Sebastian Franck hatte als Symptom für
die große Bevölkerung darauf hingewiesen, daß die Preise allenthalben
 erheblich gestiegen seien. In der gleichen Zeit erscheinen
jedoch die drei Albertinisch-Ernestinischen Münzschriften, bekanntlich
 die erste deutsche nationalökonomische Schrift überhaupt,
aus der uns ein ganz anderer Geist entgegenweht. In ihr heißt es
u. a.: „Dadurch mehrte sich auch die Bevölkerung hierzulande merklich
 und der Wert der Güter und das Einkommen des Adels stieg
zusehends. Denn wo viele Menschen da sind, da findet sich Absatz
für die Waren, da kann der Adel aus seiner Viehzucht Gewinn
ziehen, die Fische aus seinen Teichen verwerten, Weizen, Korn,
Gerste und Hafer zu befriedigendem Preise verkaufen, da bekommt
sein Holz, Stroh und Heu rechten Wert. Der Bürger kann sein Bier
verschenken, kann sein Tuch, seine Röcke und Schuhe ... an den
Mann bringen für gutes Geld. Es können auch Bäcker und Fleischer
ihr Gewerbe mit größerem Vorteil betreiben und der Bauer seinen
Acker mit Erfolg nutzen.“ „All diesen Segen verdanken wir der
Menge der Menschen, welche um des Handels und des Bergbaues
willen, in Anbetracht des hier herrschenden Friedens und der guten
Münzzustände in diese Lande strömen“ ?).
In diesen Worten haben wir bereits eine wesentliche Begründung
für die bevölkerungsfreundlichen Anschauungen dieses Zeitalters, die
sich dann noch im 17. und 18. Jahrhundert wesentlich verstärkt
haben. Das war vor allem in Deutschland der Fall, wo ja durch
den 30jährigen Krieg so große Bevölkerungsverluste eingetreten
waren. Allerdings auch in anderen Staaten, in denen dies nicht
der Fall war, begegnen wir in dieser Zeit allgemein solch populationistischen
 Anschauungen, Im großen und ganzen waren dafür
namentlich drei Gesichtspunkte maßgebend. Man glaubte einmal vielfach,
 daß die Bevölkerung gegenüber der Vergangenheit in der Abnahme
 begriffen sei. Außerdem sah man in einer großen Volkszahl
die Voraussetzung politischer Machtstellung und daneben — nicht

!) Jolles, a. a. O., 5. 4.
*) Die 3 Flugschriften über d. Münzstreit d. sächsischen Albertiner u. Ernestiner
um 1530. Herausgegeben von W. Lotz, 18093.
        <pb n="144" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 137
weniger wichtig — die Voraussetzung einer Stärkung der Wirtschaft,
weil wachsende Volkszahl für jene Zeit wachsende Verfügung über
Arbeitskraft und eine Steigerung der Kaufkraft im Lande bedeutete.
Wir haben oben schon gesehen, daß Montesquieu in seinen
„Lettres persanes“ !) die Meinung aussprach, in seiner Zeit habe die
Welt kaum ein Fünfzigstel der Bewohnerzahl wie zu den Zeiten
Cäsars. Es heißt hier: „Vielleicht hast Du Deine Aufmerksamkeit
noch nicht auf eine Erscheinung gerichtet, über die ich mich alle
Tage verwundere. Wie kommt es, daß die Welt im Vergleich zu
früheren Zeiten jetzt soviel weniger bevölkert ist? Wie kam es,
daß die Natur jene erstaunliche Fruchtbarkeit der Vorzeit verlieren
konnte? Sollte sie schon altersschwach sein und langsam dahinsterben?“
 Der Italiener Genovesi?) glaubte ebenfalls an eine solche
Abnahme der Bevölkerung und von den deutschen Schriftstellern
hat Justi®) die gleiche Auffassung vertreten. In England hatte
sich R. Wallace*) in einem ungemein einflußreichen Buche auf
den gleichen Standpunkt gestellt.
Bei der machtpolitischen Bedeutung steigender Volkszahl handelt
es sich um einen einfachen Zusammenhang, über den nicht viele
Worte zu verlieren sind, Schon eine der ersten Staatsregeln Bechers
hatte gelautet: „Je volkreicher eine Stadt, um so mächtiger ist sie
auch.“ Wenn Fürst, Städte oder Länder arm an Volk sind, dann
können sie sich aus Mangel an Menschen nicht verteidigen und
„werden dero halber zur Beute Jedem, der da kommt und sie anfeindet“®).
 Es war vor allem auch Bodinus, der diese Seite des
Volkswachstums stark betonte. In den gleichen Zusammenhang gehört
 es auch, wenn in jener Zeit so häufig gesagt wird — wie z. B.
besonders bei Conring — daß mit der Menge der Bürger auch
die Eingänge für den Staatsschatz steigen müßten. Hat doch gerade
in jener Zeit die finanzielle Lage eines Landes und die Größe des
Staatsschatzes einen wichtigen Einfluß auf seine militärische Schlagfertigkeit
 ausgeübt.

!) Montesquieu, Lettres persanes, 113. Brief, zit. n. d. deutsch, Ausg.
v, Bertz, Reklam,
2) A. Genovesi, Lezioni di economia civile, in Scrittori classici ... von
Custodi, 1803, Kap. 5, 8 ı9.
3) Staatswirtschaft, 2, Aufl., 1758, ı. Bd. S. 2. — Vgl. dazu auch Wolters.
Studien, a. a. O0, S, 178ff.
*) Dissertations on the numbers of mankind in ancient and modern times,
Edingburgh 1753.
5) J. J. Bechers politischer Diskurs, 4. Aufl., 1721, S. 2.
        <pb n="145" />
        Erster geschichtlicher Teil

Nicht weniger wichtig für den vorliegenden Zusammenhang,
wenn auch keineswegs so einfach, sind die wirtschaftlichen
Zusammenhänge, die für die bevölkerungsfreundliche Haltung
dieser Zeit maßgebend waren. Hier herrscht keineswegs Gileichmäßigkeit
 in den Anschauungen und Begründungen. Wohl gibt es
unter den Schriftstellern jener Zeit eine ganze Reihe, die einfach
ohne tieferes Nachdenken das Ideal in einem möglichst starken
Volkswachstum gesehen haben und die sich darüber keinerlei Gedanken
 machten, von was die Menschen auch leben sollen. Es ist
bekannt, daß das gleiche in jener Zeit auch von der Auffassung
mancher Schriftsteller hinsichtlich des Zusammenhanges von Reichtum
 und Geld gilt, daß wir hier ebenfalls sehr primitiven Anschauungen
 begegnen. Manche von ihnen haben Reichtum und
Geld ohne weiteres einander gleichgesetzt, aber für die besseren
Köpfe unter ihnen war doch der Zusammenhang ein anderer. Für
sie war das Geld nicht Selbstzweck, nicht gleichbedeutend mit
Reichtum; seine Bedeutung .lag vielmehr in seiner Eigenschaft als
Zirkulationsmittel, um den Verbrauch und die Produktion anzuregen.
Ähnlich steht es auch mit der Stellung dieser Schriftsteller zur Frage
des Volkswachstums. Die besseren unter ihnen haben dabei
immer mit Nachdruck das Moment der Wirtschaft betont. Dabei
spielte hauptsächlich auch in Frankreich und England das reiche
aufblühende Holland mit seiner dichten Bevölkerung, die man nachahmen
 wollte, eine ganz wesentliche Rolle. So hat schon Becher
hervorgehoben: „Es ist aber nicht genug die POPULIRUNG und
Volckreichmachung einer Stadt oder Landes, wann die Nahrung
nicht darbey ist; dann damit eine volckreiche Versammlung
bestehen könne, muß sie zu leben haben, ja eben diß letztere,
ist ein Anfang des ersten: die Nahrung, sag ich, ist eine Angel
oder Hamen, wodurch man die Leute herzu locket, dann wann
sie wissen, wo sie zu leben haben, da lauffen sie hin, und ie
mehr hinlauffen, ie mehr können auch von einander leben;
und das ist die andere FUNDAMENTAL Staats-Regul, nemlich
um ein Land POPULÖS zu machen, demselben gute Verdienste
 und Nahrung zu verschaffen“. „Allein gleichwie zu einem
Schiff Segel und Ruder gehören, also muß, wie bereits offt erwehnt
 zu der POPULIRUNG, da falls sie soll fortgehen auch ein
Segel seyn, nemlich Nahrung, daß also lautet das andere Wort in
der DEFINITION, nemlich VOLCKREICHE, NAHRHAFFTE, dann
viel Leute in einem Lande und keine Nahrung darzu, ist demselben
mehr schädlich als nützlich, es macht Müßiggänger, Diebe, Mörder,
        <pb n="146" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 139

Rebellen, Bettler“ *). In einer späteren Schrift hat er sogar bereits
an die Möglichkeit einer Übervölkerung !gedacht. „Der Menschen
seynd bereits zu viel, ohnerachtet einer so großen Menge, so in dem
Krieg erschlagen wird“?). Bei einem anderen deutschen Cameralisten,
 bei Leib, lesen wir: „Denn ist im Lande Nahrung und Geld,
so folgen die übrigen Professionen und Unterthanen von selbsten
und kann durch dieses Mittel ein Land in wenig Jahren volkreicher
als sonsten nicht in vielen gemacht werden. Nachdem aber bei
Vermehrung derer Untertanen nicht unbillig die erste Sorge seyn
muß, wie dieselben sich niederlassen, zu erhalten und womöglich
ihr Gewerbe daraus fortzusetzen, Bequemlichkeit finden mögen“ %,
Bei Justi lesen wir: „Die Vermehrung der Einwohner vergrößert
 das Vermögen eines Landes, sowohl, weil sie zum Theil
Güter mit in das Land bringen, als weil der Umtrieb des Geldes
damit gefördert wird“ Justi wirft die Frage auf, ob die Klagen
derer berechtigt sind, die meinen, „daß der Menschen zu viel werden
und daß sie einander in ihrer Nahrung und Aufkommen beschwerlich
fallen“. Ich glaube, so meint er, „daß ein Land in der Tat niemals
zu viel Einwohner haben kann, wenn nämlich Commerzien, Manufakturen
 und Gewerbe darin blühen“. Justi betont ausdrücklich,
daß der Ackerbau noch sehr unvollkommen sei, „und wir lassen
viele Plätze und Gegenden wüste liegen, die wir urbar machen und
zum Getreidebau benutzen könnten ... Man kann gewiß behaupten,
daß Europa sechsmal mehr Menschen ernähren könnte, als jetzt
darin lebten“%. Hertzberg, ein Schriftsteller aus dem Kreise der
Männer um Friedrich den Großen, hat über diese Zusammenhänge
geäußert: „Man ist itzt fast allgemein darüber einverstanden, daß
eine große Bevölkerung eines Staats den Hauptgrund des Glücks
und der Macht desselben ausmache, wenn eine weise Regierung
dieselbe zu nutzen und den Untertanen Beschäftigung und den
nötigen Unterhalt zu verschaffen weiß. Dieses vorausgesetzt, kann
in unseren Zeiten kein Staat mehr mit Einwohnern zu sehr überladen
 sein“. Chr. Wolff führt einen ähnlichen Gedanken aus:

l, Becher, a. a. O., S, 2 u. S. 310.
?) Psychosophie, Nr. 141, zit. nach Roscher, Geschichte d. Nationalökonomik,
1874, 5. 289.
3) J. G. Leibs, „Erste Probe, wie ein Regent Land und Leute verbessern ...
soll“, 1708, S. 12,
*) Justi, a. a. O., I. Teil, $&amp;amp; 135 ff,
6) E. F. v. Hertzberg, Abhandlung über d. Bevölkerung d. Staaten überhaupt
and besonders des preußischen. In „Acht Abhandlungen“, 1789, 5. 3.
        <pb n="147" />
        [40
„Man habe dafür zu sorgen, daß Volk genug in einem gemeinen
Wesen und auch in einem Staate sey, nicht zu viel und nicht zu
wenig. Nehmlich es sind ihrer zu viel, wenn sie nicht im Lande
ihren nötigen Unterhalt finden können; hingegen zu wenig, wenn
man noch mehreren Unterhalt verschaffen könnte, oder auch die
Untertanen zu schwach sind, der Macht auswärtiger Feinde genugsam
zu widerstehen. Und also hat man in Bevölkerung des Staates
nicht allein darauf zu sehen, daß man die Anzahl der Untertanen
mehret, sondern man muß auch darauf bedacht sein, ob durch gute
Anstalten allen nöthiger Unterhalt kann verschafft werden“ ”. Ein
anderer Schriftsteller dieses Zeitalters, Bergius, schreibt: „Denn es
ist eine unleugbare Wahrheit, daß die wahre Stärke eines Staats in
der Menge der Einwohner besteht. Das Land wird immer mehr
kultiviert, es werden mehr Landswaren und Produkte gewonnen,
Diese ziehen die Unternehmung der Gewerbe, der Manufakturen
und Fabriken nach sich, welche die Kommerzien vergrößern, den
Umlauf des Geldes befördern und den Reichtum des Landes vermehren“
 2).
Nach diesen Beispielen, die sich noch leicht vermehren ließen,
kann man wirklich nicht von einer blinden Schwärmerei dieser
Schriftsteller für das Volkswachstum sprechen. Sie alle betonen
mit Nachdruck auch die Seite des Nahrungsspielraums und wissen,
daß im Verhältnis zu dessen Größe die Volkszahl auch zu sehr zunehmen
 kann. Alle diese Auffassungen decken sich etwa mit der
einfachen Antwort, die ein Schriftsteller in der, oben erwähnten
Preisarbeit in den Carlsruher Sammlungen gegeben hat, wenn er
sagte: „Ein Land kann nicht zu viel bevölkert werden, wenn es alle
seine Einwohner genügend ernähren kann“*), Bei all diesen Schriftstellern
 besteht ein ganz besonders enger Zusammenhang zwischen
Bevölkerung und Wirtschaft. Das Ideal ist eine „volkreiche Nahrung“;
wie es L. Sommer zutreffend ausgedrückt hat: „Es ist dies die
Forderung einer Produktionsstufe mit möglichst großer Bevölkerungskapazität“
 *)., Man lese, wie eingehend z,. B. Hörnigk auf die Erweiterungsmöglichkeiten
 des Nahrungsspielraumes hingewiesen hat »
1) Ch. Freiherrn von Wolff, Vernünftige Gedanken von dem gesellschaftlichen
Leben der Menschen, 6. Aufl., 1747, $ 274.
2%) Bolizey- und Cameralmagazin, 1767—1774, Bd. ı, S. 293.
sy’ Gedanken von d. Bevölkerung, Carlsruhe 1759, — Vgl. auch zu dieser ganzen
Zeit H. Eschenhagen, Bevölkerungspolitik un. Bevölkerungstheorie in Deutschland
in d. Mitte d, 18. Jahrhunderts, Diss., Freiburg 1921.
4) L. Sommer, Die österreichischen Kameralisten, Bd. 2, 1925, S. 46.
5) „Oesterreich über alles, wann es nur will“, Leipzig 1707. Vör allem 16. Abschn.

Erster geschichtlicher Teil
        <pb n="148" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte I41

Auch Justi hat diese Zusammenhänge sehr häufig betont: „Fast
alle guten Mittel“, sagt er, „zur Wohlfahrt des Staates unterstützen
und befördern einander wechselweise. Sie sind wie Magnete, die
einander wechselseitig anziehen. Ein blühender Nahrungsstand befördert
 die Bevölkerung, weil sich die Menschen dahin wenden, wo
es leicht ist, durch Arbeitsamkeit die Bequemlichkeiten des Lebens
zu gewinnen. Ebenso befördert die Bevölkerung wieder einen
blühenden Nahrungsstand. Denn je mehr Menschen beyeinander
wohnen, desto stärker ist die Consumtion aller Waren und desto
lebhafter die Cirkulation. Desto mehrere werden auch Waren zur
Ausfuhr und mithin zu den Commerzien und zur Bereicherung des
Landes gewonnen“ 1).
» Für diese Männer bedeutet die wachsende Volkszahl, wirtschaftlich
gesehen, nicht Reichtum, sondern steigende Reichtumsmöglichkeit;
sie sahen vor allem an dem Beispiel Hollands und Englands, daß
Wohlstand und Volkszahl noch ganz erheblich steigen können, wenn
sich Gewerbe und Handel noch mehr entwickeln, sie wissen aber
auch, daß das ohne steigende Volkszahl nicht möglich ist. Nicht
nur deshalb, weil sonst die erforderlichen Arbeitskräfte fehlen,
sondern weil sonst die Bevölkerung nicht dicht genug ist, um den
nötigen Verkehr zu erzeugen, der die unerläßliche Voraussetzung
einer Weiterbildung der Wirtschaft ist. Daß dann aber solche wirtschaftlichen
 Wandlungen selbst wieder neue Nahrung schaffen, d. h.
die Bevölkerungskapazität des Landes erhöhen, das war dieser Zeit
in Fleisch und Blut übergegangen. Es erschien den ökonomischen
Schriftstellern dieses Zeitalters als ein mangelhafter Zustand, wenn
ein Land weniger an Bevölkerung habe, als es bei Ausnutzung seiner
Gaben und Fähigkeiten ernähren könne. Einige von ihnen haben
deshalb in diesem Falle sogar von Entvölkerung gesprochen.
Chr. Wolff schreibt, daß in einem Lande zu wenig Menschen seien,
wenn man einer größeren Anzahl Unterhalt beschaffen könnte ?).
Bei Genovesi ist zu lesen: „Fin Land, welches seinem Umfange
nach, dem Klima, der Güte seiner Ländereien, der Lage und dem
Verstande der Einwohner nach, 5 Millionen Menschen ernähren kann
und nur dritthalbe nährt, ist halb entvölkert; ernähret es eine, so
ist es um vier Fünftheile entvölkert; enthält es deren dreie, So ist
es um zwei Fünftheile entvölkert; hätte es aber sechse oder sieben,
so würde es über seine Kräfte bevölkert sein“ 3). Dabei steht, wie
lv. Justi, Grundsätze d, Polizeywissenschaft, 2. Aufl., 1759, S. 66.
2) a. a. O., S. 209.
3) a. a. O., S. 64.
        <pb n="149" />
        Erster geschichtlicher Teil

schon hervorgehoben, immer wieder die Entwicklung von Fabriken
und Commerzien im Vordergrund, da zwischen deren Wachstum
und demjenigen der Bevölkerung die engsten Beziehungen vorhanden
 sind *).
So sehr aus den dargelegten Gründen dieses ganze Zeitalter
auf eine Vermehrung der Bevölkerung bedacht war, so sollte diese
Vermehrung doch nicht wahllos vonstatten gehen. Zwar hat jene
Zeit die ‘allerverschiedensten bevölkerungspolitischen Mittel erdacht,
Begünstigung der Eheschließungen und der Fruchtbarkeit, Unterstützung
 der Ein- und Erschwerung der Auswanderung ”), wir sehen
aber, daß man auch damals zwischen Volkszuwachs und Volkszuwachs
 recht wohl zu unterscheiden wußte. Es handelt sich bei
der Einwanderung vor allem darum, fremde Handwerker und Künstler
in das Land zu bekommen und es ist bekannt genug, daß die damalige
 Einwanderungspolitik vor allem auf die Einwanderung solcher
Personen abgestellt war. Wenn man auch da und dort aus absolutem
Menschenmangel auch Bettler als Einwanderer willkommen hieß, so
war das doch keineswegs die Regel.
Schon im Jahre 1680 ‚hatte in Bayern ein Erlaß des Regenten
gesagt, daß seit einiger‘ Zeit auf dem Lande die leichtsinnig geschlossenen
 Ehen zunehmen. „Durch die tägliche Vermehrung dieses
heillosen Gesindels aber entstehen dem gemeinen Wesen solche Beschwerden,
 daß man fast nicht mehr wisse, woher man den Unterhalt
für diese unnützen Leute und ihre Kinder nehmen solle,“ Heiratskonsense
 sollten nur gegeben werden, wo genügende Nahrungsmittel
nachgewiesen werden könnten ?®). Im Spessart begegnen wir im
ı8. Jahrhundert ebenfalls Maßnahmen, welche die Aufgabe haben,
die Heiraten einzuschränken und die Auswanderung zu begünstigen *).
Die Bischöfe von Würzburg und Bamberg hielten an einer ziemlich
hohen Heiratssumme fest, weil sich „das Land nicht mit Bettlern
vevölkern sollte“. Auch im Bistum Speyer durfte nur geheiratet
werden, wenn ein bestimmtes Vermögen vorgewiesen werden konnte.
Ausländer durften nur dann als Bürger aufgenommen werden, wenn
se nachweisen konnten, daß sie imstande seien, sich von ihrem

1) Vgl. dazu z. B. Struensee, Abhandlungen über wichtige Gegenstände d.
Staatswirtschaft, Bd. 3, 1800, S. 540 ff,
2) Vgl. dazu die Aufzählung bei Elster, a. a. O. und ferner L. v. Hess,
Freymütige Gedanken über Staatssachen. 1. Versuch über die Mittel zur Be»
völkerung, 1775.
% S. Riezler, Geschichte Bayerns, Bd. 8, 1914, S. 513.
U H, Wolff, Der Spessart, 1905, S. 206 u. 224£.
        <pb n="150" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 1 43
Handwerk oder Gewerbe zu ernähren ?). Im Salzburgischen . er-Schwerte
 der Erzbischof ebenfalls die Eheschließungen im Jahre 1727,
„damit der Bettler weniger würden“?). Das gleiche galt von der
Markgrafschaft Baden ®. Als man damals in Baden den Vorschlag
machte, regelmäßige Volkszählungen einzuführen, da geschah das,
um festzustellen, ob „gedeihliches Wachstum oder ein schädlicher
Mangel sich ereigne“. Denn es sollte dafür Sorge getragen werden,
daß kein Teil des Landes durch Übervölkerung zu leiden habe,
Freilich hat es sich in all diesen Fällen um kleinere Gebiete gehandelt,
in denen damals die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in
vieler Hinsicht andere waren, als in Preußen. Hat doch mit einem
gewissen Recht ein Schriftsteller dieser Zeit auch gesagt: „Man
ahmte Preußen in der Volksvermehrung nach, ohne Preußens Bedürfnisse
 zu haben und ohne seine Nahrungsunterstützung dabei
anzuwenden“ *).
Freilich muß man bei den ganzen Maßnahmen in diesem
Zeitalter beachten, daß es sich dabei keineswegs allein um ein
zahlenmäßiges Mißverhältnis zwischen Volkszahl und Nahrungsspielraum
 gehandelt hat. Darauf hat vor allem Hinze in seinem genannten
 Buche hingewiesen. Das Bettlerunwesen als eine Folge
des damaligen Kriegswesens, Nachwirkungen des dreißigjährigen
Krieges, aber auch der allgemeine Mangel an Arbeitslust, spielten
dabei eine wichtige Rolle. Der Müßiggang entsprach im 17. und
[8 Jahrhundert vielfach der ganzen Grundeinstellung des Menschen.
Hinze (S. 42) hat gemeint: „Wir finden in Brandenburg-Preußen
ins 17. und noch weit mehr ins 18, Jahrhundert hinein den „mittelalterlichen‘“
 Menschen als allgemeinen Typus, d. h. den Menschen,
der noch immer und zwar vollauf von der Idee der „Nahrung“ beherrscht
 wurde“. Not und Elend brauchen ja keineswegs immer
eine Folge mangelnden Nahrungsspielraumes zu sein. Sie können auch
daher rühren, daß die vorhandenen Unterhaltsmöglichkeiten infolge
mangelnder Arbeitskraft und Arbeitslust nur ungenügend ausgenutzt
werden. Denn ein Mangel. an Arbeitskraft den vorhandenen wirt-|

 1 K. Wild, Staat und Wirtschaft in d. Bistümern Würzburg u. Bamberg, 1906
5. 188. — G. Banholzer, Die Wirtschaftspolitik Augusts Grafen v. Limburg-Stirum
Diss... Gießen 1926.
* Arnold, Die Vertreibung d. Salzburger, a. a. O., S. 41.
. 5 W. Windelband, Die Verwaltung d. Markgrafschaft Baden z. Z. Karl
Friedrichs, 1906, S. 107 ff. — Vgl. dazu auch K. Hinze, Die Arbeiterfrage zu Beginn
il. werdenden Kapitalismus in Brandenburg-Preußen, 1927.
4) Deutscher Merkur, herausgegeben v. Wieland, „Nachteile d, Bevölkerung“,
1794, zit. nach Eschenhagen, a. a. O0.
        <pb n="151" />
        144
schaftlichen Möglichkeiten gegenüber kann sowohl auf. einem Zuwenig
 an Menschen, wie auch auf einem Mangel an Arbeitslust und
Arbeitsenergie beruhen. Damit hängt es dann auch zusammen, daß
wir nicht nur dem Streben begegnen, die Volkszahl im Lande zu
mehren, sondern auch z. T. durch Zwang die Menschen zur Arbeit
zu erziehen und dazu anzuhalten. Darauf beruht es dann auch,
daß die Bevölkerungspolitik jener Zeit scheinbar eine so
widerspruchsvolle ist: Einmal Mittel, die auf eine Vermehrung
der Volkszahl hinzielen, dann wieder solche, welche erschwerend auf
die Heiraten einwirken. Nicht nur, daß es keineswegs immer die
gleichen Länder waren, in denen diese Maßnahmen getroffen wurden,
30 liegt es doch auch auf der Hand, daß es im Hinblick auf die wirtschaftlichen
 Ziele, welche ja dieses Zeitalter durch die Förderung
der Volkszahl erreichen wollte, auch darauf ankam, ob dieser
Zuwachs an Menschen produktiver Arbeit zugeführt werden konnte
oder vielleicht in hohem Maße nur eine passive-parasitäre Rolle im
Wirtschaftsleben spielte.
Allerdings hat es auch in dieser Zeit manche Schriftsteller gegeben,
 die blind für die Volkszunahme schwärmten und sich über
die wirtschaftlichen Voraussetzungen des Volkswachstums wenig Gedanken
 machten. Hierher gehört z. B. Philippi*. Eine ganz
desondere Stellung nimmt unter diesen Schriftstellern Sonnenfels
ein”). Für ihn ist die Bevölkerung die Quelle aller Werte und
Güter und keiner hat stärker wie er auf die Bedeutung der Volkszahl
 für die Entwicklung der Güterproduktion hingewiesen. „Je
mehrere Menschen, desto mehrere Bedürfnisse, desto vervielfältigter
die Absatzwege von ihnen. Je mehrere Hände, desto vervielfältigter
die Nahrungswege von ihnen. Je mehrere Hände, je häufiger die
Erzeugnisse des Erdbaues und Fleißes, der Stoff zu äußerer Versauschung.
 ... Zehen Menschen haben zehen Bedürfnisse; das Bedürfnis
 des Einen ist für den Anderen Beschäftigung; Mittel der Erwerbung,
 Mittel des Unterhalts; zehen Menschen verschaffen also
zehen die Erwerbung; zehen hinzukommende Menschen mehr bringen
zwar zehen an Bedürfnisse, zugleich aber zehen an Erwerbung mit.“
Im Gegensatz zu den älteren Merkantilisten, bei denen dabei auch
politische Gesichtspunkte noch eine wesentliche Rolle spielen, gibt
Sonnenfels nur eine wirtschaftliche Begründung des Volkswachstums.
 Man kann ihn als den Systematiker der Populationistik be-Erster

 geschichtlicher Teil

‘) J. A. Philippi, Der vergrößerte Staat, 1759,
*’) Grundsätze d. Polizey, Handlung u. Finanz, 5. Aufl., 1787.
        <pb n="152" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 1] 45

zeichnen *). Gewiß kennt auch er Grenzen des Volkswachstums.
Wir lesen bei ihm: „Diese Volksmenge hat indessen ebenfalls ihre
Grenzen, oder ein sogenanntes Maximum: und diese Grenzen sind
von der Natur der Staaten, von der politischen und physikalischen
Lage und den Umständen vorgezeichnet“ 2).
Allerdings nimmt Sonnenfels in seinen späteren Darlegungen
auf diese Erkenntnis keine Rücksicht mehr. Spitzer®) hat mit Recht
hervorgehoben, daß sein der Handlungswissenschaft entnommener
Satz, „die Bedürfnisse des einen geben dem anderen Beschäftigung“,
einen logischen Fehler enthalte, daß über dem Gedanken, daß sich
die Menschen selbst Unterhalt geben, die sachliche Grundlage alles
Wirtschaftens, die Verfügung über Nahrungsmittel und Rohstoffe,
ganz in den Hintergrund träte. Wohl kann auf diese Weise, wenn
neue Menschen kaufkräftig hinzukommen, die Frage des Absatzes
auf dem inneren Markt befriedigend gelöst werden. Ob aber die
immer neu hinzukommenden Menschen auch eine kaufkräftige Nachfrage
 entwickeln ‚können, hängt keineswegs allein von ihren Bedürfnissen,
 auch nicht von ihrer Arbeitskraft ab, sondern davon, ob in
dem betreffenden Lande auch die sachlichen Voraussetzungen vorhanden
 sind, auf Grund deren sich die neuhinzukommende Arbeitskraft
 mit Erfolg betätigen kann. Arbeitsgelegenheit entsteht nicht
allein durch das Hinzutreten neuer Menschen und neuer Bedürfnisse,
Sonnenfels hat auch Gedanken ausgebaut, die bereits bei älteren
Schriftstellern, vor allem bei englischen, angedeutet sind; er hat
auch die Handelsbilanz unter populationistischen Gesichtspunkten
betrachtet. Es kommt ihm nicht mehr auf die Ausgleichung der
Werte bei der Ein- und Ausfuhr an, sondern der Vorteil für ein
Land hängt davon ab, „auf welcher Seite eine größere Menge von
Menschen beschäftigt werden können“. So wird aus der Handelsbilanz
 bei ihm eine Beschäftigungsbilanz.
Man gewinnt den Eindruck, daß sich Sonnenfels bei dieser
populationistischen Einstellung auch von deistischen Ideen leiten
‘jeß, die später bei den Vertretern des ökonomischen Liberalismus
ine noch stärkere Rolle spielten. Verbinden ihn doch mit diesen
mancherlei Fäden; denn gegen den Schluß seiner 40 Sätze über die
Bevölkerung meint er von denjenigen, welche in Pest, Kriegen und
Hungersnöten ein Mittel sehen, um ein Übermaß von Bevölkerung

1) Vgl. dazu Sommer, a. a, O., 5, 344 u, F. Spitzer, J. v. Sonnenfels,
Diss., Bern 1906.
% Sonnenfels, a. a. O., S. 29.
3) Spitzer, a. a, O., 5, 20.
Diehl-Mombert, Grundrisse. Bd, ı5.
        <pb n="153" />
        zu verhüten: „Überhaupt tritt diese Meinung der Weisheit eines allgemeinen
 Planes zu nahe, gleich als hätte sie der Fruchtbarkeit des
Menschen nicht diejenigen Schranken anzuweisen gewußt, die den
übrigen Umständen, worein das menschliche Geschlecht versetzt ist,
angemessen sind *).“
Freilich neben denjenigen, welchen im 17. und 18. Jahrhundert
ein starkes Volkswachstum Voraussetzung und Triebkraft der wirtschaftlichen
 Entwicklung war und die deswegen die Volkszunahme
begünstigt sehen wollten, kamen auch schon früh Schriftsteller auf,
die der Zunahme der Bevölkerung wesentlich pessimistischer
gegenüberstanden. Von einigen derartigen Äußerungen ist schon
die Rede gewesen und wir haben hier auch an zahlreichen Beispielen
 gesehen, daß die eigentlichen Merkantilisten keine so
bedingungslosen Anhänger des Volkswachstums waren, wie gemeinhin
 angenommen wird.
Als einen der ersten, der dem Bevölkerungswachstum gegenüber
 Bedenken äußerte, pflegt man für jene Zeit den italienischen
Schriftsteller G. Botero zu bezeichnen ?. Er hat die Frage aufgeworfen,
 woher es komme, daß die Zunahme der Bevölkerung in
den Städten nicht weiter fortschreite, sondern von einem gewissen
Punkt ab stehen bleibe. Er führt diese Tatsache auf den Mangel
an Unterhaltsmitteln zurück. Auch die Zunahme des Menschengeschlechts
 habe aufgehört: „Weil nämlich die Früchte der Erde
und die Menge der Nahrungsmittel keine größere Anzahl von
Menschen ernähren können“. Es ist wohl kein Zufall, daß solche
Ansichten zuerst in Italien aufgekommen sind. Hat doch schon
Strabo gesagt, daß Italien das Land der Städte sei und mußte
sich doch — wie wir oben gesehen haben — bei den schlechten
Verkehrsverhältnissen dieser Zeit die Lebensmittelversorgung der
Städte recht schwierig gestalten. Botero hat bald in den verschiedensten
 Ländern Nachfolger gefunden. In England waren das
besonders W. Raleigh (1552—1618)®, M. Hale (1609—1676) *)
und J. Child (1630—1606)°). In Italien sind bald nach Botero

146

Erster geschichtlicher Teil

N Sonnenfels, Ges. Schriften, Bd. 10, 1787, S. 415.
2) G. Botero, Delle cause della grandezza e magnificenza della citta, Venedig
1589. Z. T. übers. bei Diehl-Mombert, „Auspgew, Lesestücke‘“, Bd. 6, „Bevölkerungslehre‘‘,
 2. Aufl., 1920,
9) The history of the world, 1614.
*) The primitive origination of Mankind, London 1677.
5) A new discourse of trade, 1696. — Vgl. zu diesen Vorläufern von Malthus
vor allem Elster, a. a. O., Gonnard, Histoire des doctrines de 1a population,
        <pb n="154" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 147

zahlreiche Schriftsteller aufgetreten, die ebenfalls dem Volkswachstum
mit gewissen Bedenken gegenüberstanden !). Neben P- M. Doria?)
sind hier vor allem A. Genovesi (1712—1769), C. Beccaria
(1735—1793) und G. Ortes (1723—1790) zu nennen. Genovesi
meint, daß die Minister nicht nur an die Größe und die Macht ihrer
Nation, sondern auch nicht weniger an das verwickelte Problem zu
denken haben, „was ist zu tun, wenn das Volk in einem Staate zu
zahlreich zu werden anfängt“?®)? Wo Kolonien, Gewerbe, Handel
und Seeschiffahrt sind, da ist die Gefahr einer Übervölkerung nicht
groß. Anders ist es, wo diese fehlen. Die Frage, ob einem Volke,
welches wegen der außerordentlichen Menge in einem Lande nicht
mehr zu leben findet, gestattet sei, sich neue Sitze zu suchen und
sich leerer Ländereien zu bemächtigen, wird von Genovesi unbedingt
 bejaht. Beccaria hat dargelegt, daß zwar die Volksmenge
die Arbeit vermehre, weil die darin liegende Notwendigkeit der
Nahrung eine starke Macht bedeute, aber mit mehr Recht könne
man auch umgekehrt sagen, „daß die Menge der Arbeit die Bevölkerung
 vermehrt, weil die größte Menge der Arbeit die größte
Menge Nahrungsmittel darstellt und die Bevölkerung immer im Verhältnis
 zur Nahrung steht“ *). Dieser Gedanke, daß die Bevölkerung
die Wirkung und nicht allein die Ursache des Volkswohlstandes ist,
wird in jener Zeit nicht nur von ihm mit allem Nachdruck betont.
Ortes, den man als den bedeutendsten italienischen National-Ökonomen
 des 18. Jahrhunderts bezeichnen kann, hat sich besonders
eingehend auch mit den Fragen der Bevölkerung beschäftigt®). Er
hat sich auch sehr gründlich über die Art und die Formen der
Übervölkerung ausgesprochen und dabei seinen Ausgangspunkt von
der Notlage der Massen genommen. Man hat ihn schon häufig als
Vorläufer von Malthus bezeichnet; in mancherlei Hinsicht trifft das
auch zu. Es besteht jedoch ein wesentlicher Unterschied. Bei
Malthus handelt es sich, wie wir noch sehen werden, bei den Be-Paris

 1924. — Stangeland, Premalthusian doctrines of population, New-York 1904.
-— Renaud, La theorie de la population en Italie du 16, au 18. siecle, Paris 1904.
Puvilland, Les doctrines de la population en France au 18. siecle, Paris 1908.
— Hasbach, Sir M, Hale u, J. Bruckner mit einer Geschichte d. vormalthusischen
Bevölkerungstheorie, Festgaben f. A. Wagner, 1905.
1) Vgl. dazu Kaiser-Deslisle, a, a. O.
?) La vita civile, 1710.
3) a. a. O., S. 91—93. ,
4) Elementi di economia publica, Bd, ı, S. 55# — Scrittori, a, a, 0.
Bd. 11, 1804.
5) G. Ortes, Riflessioni sulla popolazione . .., 1790,
        <pb n="155" />
        ‚48

Erster geschichtlicher Teil

ziehungen von Wirtschaft und Bevölkerung um naturgesetzliche Zusammenhänge,
 bei Ortes, wie bei zahlreichen anderen italienischen
Nationalökonomen dieser Zeit, vor allem auch um ein gesellschaftiches
 Problem. Diese Schriftsteller haben deshalb auch der Gesetzzebung
 für diese Frage eine beträchtliche Bedeutung beigemessen.
50 schreibt z. B. Filangieri: „In jedem Staate also, wo sich ohne
sine außerordentliche Lage des Himmels die Bevölkerung nicht vermehrt
 oder nur langsam zunimmt, d. h., nicht nach Proportion der
menschlichen Fruchtbarkeit, da darf man sicher annehmen, daß ein
Fehler der Staatskunst daran Ursache sei“ !).
Unter den englischen Schriftstellern in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts sind in diesem Zusammenhange Wallace?),
B. Franklin®) und J. Steuart*) zu nennen. Wallace vor allem
hat hervorgehoben, daß für das Volkswachstum gewisse Grenzen
vorhanden seien und Franklin hat darauf hingewiesen, daß ein
Teil Europas mit Landleuten und Fabrikanten usw. völlig besetzt
sei und daß keine weitere Zunahme der Bevölkerung zu erwarten
wäre. Es mag sein, daß Friedrich d. Große unter dem Einfluß
der ihm bekannten Schriften Franklins stand, als er schrieb:
„Wan noch alles kan bewohnet werden, nachgesucht und angesetzt
wird, so können die Creisser und Städte von den Departement (der
Kurmark) bis 700/m. Menschen gebracht werden, aber weiter wird
es nicht gehen‘“®)., Noch viel eingehender und systematischer hat
Steuart seine Ansicht ausgesprochen: „So gleicht die Zeugungskraft
 einer mit einem Gewicht beschwerten Feder, die ihre Kraft
ımmer im Verhältnis zur Verminderung des Widerstandes äußert;
wenn die Nahrung sich eine Zeitlang weder vermehrt, noch vermindert
 hat, . wird die Zeugung es auf die höchstmögliche Zahl
dringen; vermindert sich dann die Nahrung, so wird die Feder überwältigt,
 ihre Kraft wird geringer als Null. Die Einwohner werden
sich, wenigstens im Verhältnis zur Überlastung, vermindern. Wenn
sich andererseits die Nahrung vermehrt, so wird die Feder, die auf
Null stand, ihre Kraft im Verhältnis zu dem verminderten Widerstand
 äußern; die Leute werden sich besser ernähren; sie werden
sich vermehren und in demselben Verhältnis, wie ihre Zahl zunimmt,

*) System d. Gesetzgebung, Deutsch 1788, Bd. II, S. 43.
? a. a. O0
3 Über d. Zunahme d. Bevölkerung. „Leben u. Schriften‘, Deutsche Ausgabe,
‚829, 3. Teil, S. 85.
*) An inquiry into the principles of political economy, 1767.
5 Behre, a. a. O., S. 204.
        <pb n="156" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 1 49

wird ihre Nahrung wieder spärlich werden.“ Schärfer kann man
kaum den engen Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Bevölkerung
betonen und zeigen, daß der Zunahme der Bevölkerung von seiten
der Wirtschaft bestimmte Grenzen gesetzt sind. Alle bis jetzt
besprochenen Schriftsteller gehören dem Gedankenkreise des Merkantilismus
 an. Trotzdem diese Richtung in der Entwicklung von
Handel und Industrie eine wichtige Voraussetzung des weiteren
Volkswachstums gesehen hat, waren doch auch zahlreiche Männer
aus diesem Gedankenkreise, wie wir sahen, zu der Auffassung gekommen,
 daß auch diesen Entwicklungsmöglichkeiten bestimmte
Grenzen gezogen seien.
Eine solche mehr pessimistische Auffassung mußte aber eigentlich
 denjenigen am nächsten liegen, welche sich der Anschauung,
daß Gewerbe und Handel Reichtum erzeugen könnten und zur
Schaffung von Volkseinkommen beitrügen, am schärfsten widersetzt
haben, den Physiokraten. In Frankreich hatte bereits Can tillon”)
auf die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Bevölkerung hingewiesen
 und hervorgehoben, daß zwar für das Volkswachstum der
Ertrag des Bodens maßgebend sei, ob aber eine Vermehrung innerhalb
 dieser Grenzen auch einträte, hinge in erster Linie davon ab,
wie die Grundeigentümer den Boden ausnützten. Unter seinem
Einfluß hatte der ältere Mirabeau gestanden. Er hat selbst von
3zich gesagt, daß er, der Meinung dieses ganzen Zeitalters entsprechend,
 den Weg zur Wohlfahrt in folgendem gesehen habe:
ı. Vermehrung der Menschen, dadurch 2. Vermehrung der produktiven
 Arbeit, dadurch 3. Vermehrung des Reichtums?). Mirabeau
kam in Berührung mit Quesnay, dem Begründer der Physiokratie,
der diesem Gedankengang gegenüber bemerkte, daß man den
Menschen die gleiche Ehre antun müsse, wie den Schafen, wo man,
um die Herde zu vermehren, mit der Vermehrung der Weiden beginnen
 müsse. Davon abgesehen, daß Cantillon eine solche Anschauung,
 wie sie Mirabeau bei ihm gefunden haben will, gar nicht
hatte, erkennen wir in diesem Gedanken Quesnays den Kern der
physiokratischen Wirtschaftslehre. Zwar finden wir bei
den Physiokraten keine zusammenhängende Bevölkerungslehre ®), aber
es ist doch aus ihren Äußerungen eine bestimmte Stellung zu den
Fragen des Volkswachstums zu erkennen.

1) R. Cantillon, Essai sur la nature du commerce en generale 1755.
?) Nach A, Oncken, Die Geschichte d. Nationalökonomie, 1902, S. 318 ff,
5) Vgl. dazu Marg. Merg, Die Bevölkerungslehre d. Physiokraten, Diss.,
Freiburg 1921.
        <pb n="157" />
        Erster geschichtlicher Teil

Wir müssen dabei im Auge haben, daß wir in der Physiokratie
eine große Reformbewegung zu sehen haben, die von der kläglichen
 Lage des französischen Landbaus und der französischen
Bauernbewegung ihren Ausgang nahm %). Der Ertrag des Landbaus
 ging im Zusammenhang mit der französischen Wirtschaftspolitik,
 die zu einseitig Gewerbe und Handel begünstigte, zurück, die
ländliche Bevölkerung, die in großem Elend lebte, begann in die
Städte zu wandern. In seinem Artikel „Hommes“?) in der großen
Enzyklopädie hat Quesnay darüber gesagt: „Hat man denn noch
nie bemerkt, daß alle diese Übelstände lediglich Folgen der Verordnungen
 sind, welche den Handel und die Produktionstätigkeit
des Landmannes hindern? Um dem Mangel an Lebensmitteln vorzubeugen,
 ... gibt man Gesetze, welche sich der Produktionsfülle
und der Bevölkerung entgegensetzen“. Die entscheidende Rolle für
das Volkswachstum spielt also die Wirtschaft eines Landes. „Die
Bevölkerung eines Landes nimmt zu oder ab in dem Maße, als
seine Einkünfte steigen oder sinken.“ Der Mensch ist abhängig
von der Natur, von den Gaben des Bodens, so daß eine Volkszunahme
 an sich gar keine Vermehrung des Wohlstandes bedeutet.
Wenn sich die Bevölkerung stärker vermehrt als der Ertrag der Landwirtschaft,
 dann müssen die Preise steigen und die Lebenshaltung muß
sinken. Ähnliche Anschauungen finden wir auch bei den deutschen
 Physiokraten. Schlettwein hält die Volkszunahme
für gut, aber nur dort, wo Freiheit herrscht. „Wo es an dieser
fehlt, da kann die größere Volksmenge sehr oft mit vermindertem
Nahrungsstande zugleich seyn“%). Dabei weiß Quesnay, daß die
Bevölkerung die Tendenz hat, stärker zu wachsen, als der Ertrag
des Bodens. „Die Bevölkerung“, so führt er aus, „übersteigt immer
die Reichtümer, sowohl in gut, wie in schlecht regierten Staaten,
weil die Fortpflanzung keine Grenzen hat, als die des‘ Unterhalts
und weil sie immer die Tendenz besitzt, über diesen hinauszuwachsen“*).
 Freilich steht dieser Satz im Widerspruch zu den
optimistischen Grundanschauungen der Physiokratie und es finden

1) Vgl. dazu vor allem O. Thiele, Frangois Quesnay u. d. Agrarkrise im
ancien regime. V. f. Sozial- u. Wirtschaftsgeschichte, Bd. 4, 1906. — Werner Mom -
bert, Geschichte d. Nationalökonomie, 1927, 5. 215ff.
?) Wieder abgedruckt in der Revue d’histoire des doctrines &amp;amp;conomiques et
sociales, Bd. ı, Paris 1908, S. 3.
3) J. A. Schlettwein, Gutachten . .. über die Aufnahme neuer Unterthanen
zur Beförderung der Population und Landeskultur, Neues Archiv für d. Menschen u,
Bürger, Bd. 2, 1785, 5. 76, 77
4) Oeuvres de F, Quesnay, Ausg. Oncken, 1888, S. 635.
        <pb n="158" />
        4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte I5I1

sich deshalb auch Äußerungen physiokratischer Schriftsteller, die
ganz anders lauten. Mercier della Riviere*) vertritt z. B. den
Standpunkt, daß Idie Vermehrung der Menschen auch ihr Glück
vermehre. Das ist auch nur die Konsequenz der von den Physiokraten
 vertretenen Meinung, daß die Zunahme der Produktion dem
Wachstum der Bevölkerung voraus gehe.
Hatten die Physiokraten der Entwicklung von Gewerbe und
Handel für die Bevölkerungskapazität eines Landes nur eine ganz
untergeordnete Rolle zuerkannt, so kommt bei ihrem großen Gegner,
dem Abbe Galiani, die alte Auffassung des Merkantilismus
noch einmal zu beredtem Ausdruck: „Da nun das Ziel einer jeden
vernünftigen Regierung die Bevölkerungsvermehrung ist, so muß sie
also bestrebt sein, die Manufakturen zu vermehren, die mit der
Menschenmenge steigen, gleichsam ins Unermeßliche gesteigert
werden können; sie muß mit Vergnügen die Abnahme der Lebensmittelausfuhr
 bemerken. Ja, man kann schließlich so’ weit kommen,
daß dieser Handel vollständig aufhört, wenn die Bevölkerung sich
so vermehrt hat, daß sie den ganzen Bodenertrag konsumiert ...
und endlich kann man auch diese Grenze überschreiten und es zu
einer solchen Übervölkerung bringen, daß man genötigt ist, von
entvölkerten Ländern aus dem Ertrag der Manufakturen die Nahrungsmittel
 zu kaufen, welche man für den Menschenüberschuß braucht“ %).
Freilich bedeutet dieser optimistische Ausklang nicht nur den Höhepunkt,
 sondern auch zunächst wenigstens das Ende einer solchen
Auffassung,
Zwar haben sich auch in Deutschland am Ausgang des 18. Jahrhunderts
 da und dort dem Volkswachstum gegenüber pessimistische
Stimmen gezeigt. Aber sie waren doch mehr sporadisch und
weniger durchdacht als in anderen Ländern. Es sind auch in dieser
Zeit in Deutschland mancherlei besondere Arbeiten über diesen
Gegenstand erschienen *). Ohne in dem Volkswachstum eine unmittelbare
 Gefahr zu erblicken, kennt man doch seinen Zusammenhang
 mit der Wirtschaft und betont nicht selten — wie wir bereits
gesehen haben — daß auch das Volkswachstum zu stark sein könne,
Typisch dafür ist wielleicht der Artikel „Bevölkerung“ in der

1) L’ordre naturel, 1767. Neue Ausg., Paris 1910, S. 21,
2) Galianis Dialoge über den Getreidehandel. Herausgegeben von F, Blei,
1895, S. 115.
3) Vgl. die Aufzählung der Literatur bei C, G. Rössig, Lehrbuch d. Polizeywissenschaft,
 1786, S. 45ff. Ebenso hei Krünitz, Ökonomische Enzyklopädie, Art.
Bevölkerung.
        <pb n="159" />
        {52 Erster geschichtlicher Teil
Krünitzchen Enzyklopädie, in welcher der Satz aus den
„Gedanken von der Bevölkerung“ in den Carlsruher Abhandlungen
als durchaus zutreffend zitiert wird: „Ein Land kann nicht zu viel
bevölkert werden, wenn es alle seine Einwohner bequemlich ernähren
 kann; es sey von demjenigen, so das Land selbst an seinen
natürlichen Gaben hergibt, oder von dem, so durch den Fleiß der
Einwohner bey Handlung und Fabriken von den fremden gewonnen
wird.“ Rössig hält die Bevölkerung für die vorteihafteste, „wenn
das Land die Volkszahl besitzt, welche es durch seinen möglichen
Ertrag mittelbar und unmittelbar ernähren kann“!). Wenn eine
Bevölkerung diesen Grad übersteigt, so ist das Land übervölkert,
In Bayern glaubte in dieser Zeit Westenrieder von einem Zuviel
 an Menschen sprechen zu dürfen ?). Die Tatsache, daß die
Landeskultur in Bayern damals sehr rückständig war und daß das
Bettler- und Vagantenwesen einen großen‘ Umfang angenommen
hatte, mußte auf eine solche Auffassung hindrängen?). J. J. Reinhardt
 hat damals dargelegt, es sei gewiß, „daß ein Land überhaupt
 zu viele Einwohner haben kann, ein anderes aber, dem man
einen solchen schädlichen Überfluß nicht anmerke, gleichwohl bei
dieser oder jener Nahrungsart, zu viele und bei der anderen zu
wenig Menschen zählet“ 4).
Es ist nicht leicht, das Gemeinsame dieser späteren deutschen
Anschauungen gegenüber den älteren herauszuheben. Man wird vielleicht
 sagen können, daß die älteren deutschen Schriftsteller, soweit
sie solche Zusammenhänge überhaupt beachtet haben, der Ansicht
gewesen sind, daß ein Steigen der Volkszahl als Vermehrung der
Arbeitskraft so sehr wirtschaftsfördernd wirke, daß schon deshalb
ein Land nie zu viele Menschen haben könne. Die Bevölkerung
wurde hier als die Voraussetzung einer steigenden Bevölkerungskapazität
 des Landes betrachtet, eine Auffassung, die in. einer Zeit
einen guten Sinn hatte, in der für die Gewerbe und Kommerzien,
die man zu fördern gedachte, die notwendigen Arbeitskräfte fehlten.
Die weitere Entwicklung ging dahin, wie wir es auch ähnlich im
Ausland, besonders bei den Physiokraten, beobachten können, daß
aa 0, S. 49/50. — Vgl. dazu auch L. v. Hartmann. Abhandl. v. d.
blühenden Zustande d. Staaten, 1785,
?) Vgl. dazu die bei K. Einhorn „Wirtschaftliche Reformliteratur in Bayern
vor Montgelas‘‘, Diss., Erlangen 1909, besprochene Literatur.
% H. Schmelzle, Der Staatshaushalt d, Herzogtums Bayern im 18. Jahrhundert,
1900, 5, 35 ff.
*) J./ J. Reinhardt, Von dem Maße d. Bevölkerung überhaupt... Verm,
Schriften, 1765, ı. Stück, S. 3/4,
        <pb n="160" />
        Br Bier

4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 153

der Zusammenhang mehr oder weniger umgekehrt wurde. Man
hob entweder hervor, daß zwischen Wirtschaft und Bevölkerung eine
Wechselwirkung vorhanden sei oder man ging noch einen Schritt
weiter, indem man der Entwicklung der Wirtschaft für die Möglichkeit
 des Volkswachstums die entscheidende Rolle zuwies. Man führte
entweder aus, daß die Volkszahl dort zunehme, wo eine „gute Regierung
 und gute Gesetze“ für steigende Arbeitsgelegenheit sorgten,
dder man ging noch weiter, wie es Schlözer getan hat, als er
sagte: „Für Brot und Menschen muß immer gesorgt werden, und
zwar von einer guten Regierung. Brot macht immer Menschen,
aber nicht umgekehrt“.
Von einer solchen Auffassung war aber dann kein weiter Weg
zu der Anschauung, daß auch den wirtschaftlichen Möglichkeiten
eines Landes gegenüber die Volkszahl zu groß sein könne. Unter
denjenigen, die diese Auffassung zuerst in Deutschland vertraten,
wird besonders immer J. Möser genannt. Die Tatsache trifft zu.
Aber Hasbach hat mit Recht darauf hingewiesen !), daß man diese
Äußerungen nicht überschätzen dürfe. Es sind nur gelegentliche
Bemerkungen, die vor allem auf der romantischen Grundeinstellung
Mösers, dem die Vergangenheit in so vielfältiger Hinsicht als Ideal
vorschwebte, beruhten?). „Allein die Bevölkerung will es wahrlich
nicht ausmachen. Wir ziehen Bettler und Diebe damit an; das ist
alles. Die Voll- und Halberben bleiben in der Last stecken und das
Vieh der vielen Neubauern nimmt ihrem Viehe die beste Weide vor
dem Maule weg. Die Weideländer sind klüger als wir Schlucker.
In Ostfriesland werden mehr Kälber geboren als Kinder, und sie
stehen sich wohl dabei.“ Das Volkswachstum muß eben auf die
Dauer die alte Agrarverfassung sprengen, wenn der Zuwachs nicht
in Stadt und Industrie Unterkommen finden kann. Freilich haben
sich die Romantiker weder mit der einen noch mit der anderen
Wirkung des Volkswachstums befreunden können.

Fünftes Kapitel
Wirtschaftliche und soziale Zustände am Ausgang des 18. Jahrhunderts
 und die Bevölkerungslehre von Robert Malthus.
Wir haben gesehen, daß sich vor allem schon in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts die Stimmen gemehrt haben, die dem
Volkswachstum mit gewissen Bedenken gegenüberstanden, wir haben
') Hasbach, S. M. Hale a, a. O,, S. 66/67. .
2) In Frage kommt vor allem Mösers Abhandlung „Klagen eines Edelmannes
im Stifte Osnabrück‘. Werke, N. Ausg., 1858, Bd. ı, S. 292.
        <pb n="161" />
        154

Erster geschichtlicher Teil

auch gesehen, daß die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse
dieser Zeit durchaus dazu angetan waren, eine mehr pessimistische
Auffassung in dieser Hinsicht aufkommen zu lassen. Vor allem
hatten sich auch in Frankreich und England die Verhältnisse nach
der ungünstigen Seite hin gestaltet. In dem ersteren Lande hatte
sich unter dem gewaltigen Steuerdruck und der einseitig Gewerbe
und Handel begünstigenden Wirtschaftspolitik die Lage der bäuerlichen
 Bevölkerung erheblich verschlechtert; Teuerung, Hungersnöte
und Seuchen waren an der Tagesordnung. In dem Zeitraum von
1700—1789 sollen 30 Jahre solche mit Hungersnöten gewesen sein *).
Die Folge war eine Abnahme der ländlichen Bevölkerung, die in die
Städte wanderte und dort das Proletariat vergrößern half, Aus
diesen Verhältnissen heraus sind vor allem auch die oben berührten
Reformideen der französischen Physiokraten zu erklären. Mit
diesem Rückgang in der Lage der französischen Volkswirtschaft hing
auch die damals in Frankreich weitverbreitete Meinung von einem
allgemeinen Rückgang der Bevölkerung zusammen. Hatte doch auch
Quesnay noch die Meinung vertreten, daß die französische Bevölkerung
 in hundert Jahren um vier Millionen Köpfe abgenommen
habe. Man wird jedenfalls für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts
in Frankreich von einer Verengerung des Nahrungsspielraumes
sprechen dürfen, die in entscheidendem Maße auf der damaligen
Agrarverfassung, dem gewaltigen Steuerdruck und der französischen
Wirtschaftspolitik beruhte. Aus solchen Zuständen heraus war die
Lehre der Physiokraten durchaus zu verstehen, daß einer Vermehrung
der Volkszahl erst eine Beäserung der wirtschaftlichen Verhältnisse,
eine Erweiterung des Nahrungsspielraumes, vorausgehen müsse. Denn
wenn damals wirklich, wie Quesnay meinte, die Volkszahl abgenommen
 hat, so war das in erster Linie auf eine Verengerung
des Nahrungsspielraumes zurückzuführen. Man kann auch deshalb
die ungünstige Lage der breiten Massen im damaligen Frankreich
als Übervölkerungssymptom auffassen.
Die Physiokraten hatten also die Ursachen dieser Erscheinung
in gesellschaftlichen Tatsachen erblickt. Denn ihre Forderungen,
die auf eine Freiheit des Landbaues und des Getreidehandels hinzielten,
 wollten das Übel durch Änderung der vorhandenen Wirtschaftspolitik
 heilen. Diese Entwicklung ging aber noch nach der

'ı Renard-Dulac, L’evolution industrielle et agricole depuis 50 ans, Paris
1912, S. 261. — Zit. nach H. Girsberger, Der utopische Sozialismus u. d. 18. Jahrhundert
 . .., 1924, 8. 9I.
        <pb n="162" />
        5. Kap. Wirtschaftliche und soziale Zustände am Ausgang des 18. Jahrb. 155

gleichen Richtung hin weiter. Wie wir es schon für ältere Zeiten
kennen gelernt haben, sind auch damals in Frankreich aus diesen
Zuständen heraus radikale Reformvorschläge erwachsen; es entstand
 der naturrechtliche Sozialismus, der an die Verhältnisse
 der damaligen Agrarverfassung anknüpfend, durch eine
Überführung des Grundeigentums in Gemeinbesitz die sozialen
Schäden bekämpfen wollten. Einer der Hauptvertreter dieser Richtung,
 Morelly, hat ausgeführt: „Aus diesem Grunde hat die Natur
die Kräfte der Menschheit zu verschiedenen Teilen unter allen Individuen
 der Art verteilt, aber sie hat das Eigentum am Boden, der
ihre Gaben hervorbringt, ungeteilt gelassen, damit alle und Jeder
aus ihrer Freigiebigkeit Nutzen ziehen können. Die Welt ist eine
Tafel, die für alle Tischgenossen genügend gedeckt ist, deren Speisen
bald Allen gehören, weil sie Hunger haben, bald nur Einigen, weil
die Andern gesättigt sind. Keiner ist darüber Alleinherr, Keiner
hat das Recht, ein solches Verlangen zu stellen“ *). Die Notlage ist
also nur die Folge der vorhandenen gesellschaftlichen Ordnung.
Man muß nur diese ändern, dann werden für alle Menschen genügend
 Unterhaltsmittel vorhanden sein. Zahlreiche andere französische
 Schriftsteller haben in dieser Zeit eine ähnliche Auffassung
vertreten ?).
Auch in England hatten sich in mancher Hinsicht die Verhältnisse
 in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach der ungünstigen
 Seite hin gewandelt. Die Volkswirtschaft als Ganzes nahm
zwar einen großen Aufschwung, aber dessen Erfolge teilten sich
nicht allen Kreisen der Bevölkerung in der gleichen Weise mit.
Die Ursachen dieser Erscheinung waren verschieden. Sie hingen
z. T. mit den Wandlungen in der englischen Agrarverfassung zusammen,
 besonders auch mit den Einhegungen, die zwar schon viel
früher begonnen hatten, sich aber bis tief hinein in das 18. Jahrhundert
 fortsetzten. Die Bauern wurden in großem Umfange gelegt
und ihr Land wurde zur Arrondierung des Großgrundbesitzes benutzt.
 Der Bauer, der seines Landes verlustig ging, verkaufte auch
sein Vieh, er hatte aber von dem Gelde keinen Nutzen, da ihm
dafür die Anlagemöglichkeit fehlte. „Das ist so ziemlich der letzte
Akt in dem Drama der Proletarisierung der unteren Klassen auf
dem Lande; nachdem ihr vielhundertjähriger Zusammenhang mit
dem Grund und Boden gelöst ist, folgt der Verlust des besten Teiles

1) Morelli, Code de la nature, 1755, Ausg., Paris 1910, S. 13.
2) Vgl. dazu Girsberger, a, a. O.
        <pb n="163" />
        [ 56 Erster geschichtlicher Teil

ihres durch mühselige Arbeit und peinliche Sparsamkeit erworbenen
Kapitals“ *. Wir sehen aber in England in dieser Zeit nicht nur
eine Proletarisierung des Bauernstandes, auch in den Städten können
wir einen ähnlichen Vorgang beobachten. Der immer mehr zunehmende
 fabrikmäßige Großbetrieb, eng verbunden mit den Umwälzungen
 in der Produktionstechnik, hat auf die Lage des gewerblichen
 Mittelstandes in jener Zeit einen verhängnisvollen Einfluß
ausgeübt. Unter der Konkurrenz des anwachsenden Großbetriebs
gehen Handwerk und Hausindustrie — die letztere in besonders
hohem Maße auf dem Lande, wo sie als Nebenerwerb diente —
zurück, Damit werden die Lebensbedingungen der hierin beschäftigten
 Bevölkerung auf das Schwerste beeinträchtigt. Die auf diese
Weise ihrer Unterhaltsmöglichkeit Beraubten zogen in die Städte,
in denen sich damals bereits durch die vordringende Maschinenarbeit,
die so vielfach die Ersetzung von Männerarbeit durch Frauen- und
Kinderarbeit bedeutete, die Lage der Arbeiterbevölkerung zu verschlechtern
 begann. Dabei war auch die ganze Zeit von beträchtlichen
 Preissteigerungen begleitet. Steffen hat von einer verhängnisvollen
 Disharmonie zwischen den Veränderungen der Löhne,
der Landarbeiter und denen der Lebensmittelpreise gesprochen, und
er schreibt von der damaligen Lage der Fabrik- und Heimarbeiter:
„Eine derartige Erhöhung der Ausgaben für die Wohnung, während
gleichzeitig die Lebensmittelpreise in starkem Steigen begriffen waren,
macht es erklärlich, weshalb die Löhne männlicher Fabrikarbeiter
auch da, wo sie sich der Stufe niederer Handwerker näherten, so
oft als unzureichend zur Bestreitung des Unterhalts einer Familie
bezeichnet wurden‘ ?). Aber mit dem Aufkommen des Großbetriebs
zeigte sich damals auch vielfach ein Mangel an Arbeitsgelegenheit.
 Steffen hat für diese Periode des primitiven
Fabriksystems von zwei Arten von Arbeitslosen oder unständigen
Arbeitern gesprochen. Die Folgen dieser Zustände, die hier nur
mit knappen Strichen gezeichnet werden konnten, war eine gewaltige
Zunahme von Elend und Armut, die uns das Wachstum der
Armensteuern und Armenunterstützung am deutlichsten zu Bewußtsein
 bringt: Es betrugen:

' W. Hasbach, Die engl. Landarbeiter Schr, d. V. f. Soz., Bd. 59, 1804,
S. ı11

®) G. F, Steffen, Studien z. Geschichte d, engl. Lohnarbeiter, Bd. 2, 1904,
S. 31f.. — Ferner Th. Rogers, a. a, O., Kap. 17. — u. A, Held, Zwei Bücher
z. sozialen Geschichte Englands, 1881.
        <pb n="164" />
        5. Kap. Wirtschaftliche und soziale Zustände am Ausgang des 18. Jahrh. 157
Jahr

Volkszahl in England Ausgaben für die Unterstützung
u. Wales in 1000 Ortsarmer in 1000 £
689
965
1306
1774
2567
3861
5497
7800

1750
1760
1770
1780
L790
1800
1810
RR

Dabei erhielten — ein Zeichen für die damals zum Leben völlig
unzureichenden Löhne — auch die Arbeiter, die Arbeit hatten,
Zuschüsse aus der Armenkasse. Es war das sogenannte Allowance-System,
 das dem Arbeiter auch dann Zuschüsse aus der Armenkasse
 gewährte, wenn sein Lohn eine bestimmte Höhe nicht erreichte.
Diese Zuschüsse richteten sich nach dem Stand der Brotpreise und
stiegen mit der Größe der Familie. Ein solches System mußte
nicht nur die Löhne und die soziale Lage der Arbeiter selbst
herabdrücken; da die Zuschüsse mit steigender Kopfzahl der Familie
stiegen, so mußte dies auch die Schließung früher und unüberlegter
Heiraten begünstigen. Im Hinblick auf diese Zustände hat man auch
für England am Ausgang des 18, Jahrhunderts von Übervölkerungserscheinungen
 gesprochen !). Im Zusammenhang mit diesen Zuständen,
 hauptsächlich aber mit der schlimmen Lage der ländlichen
Bevölkerung und den Einhegungen, sind in England damals ebenfalls
Männer aufgetreten, die das Heilmittel dagegen in einer Änderung
der gesellschaftlichen Ordnung, besonders im Hinblick auf die Besitzverteilung
 beim Boden, erblickten. Th. Spence (1750—1814) und
W. Ogilvie (1736—1819) haben von naturrechtlichen Gesichtspunkten
 aus eine Gesellschaftsreform. auf der Grundlage eines
Gemeineigentums am Boden vorgeschlagen und die Meinung vertreten,
 daß alsdann kein Mangel an Unterhaltsmitteln mehr eintreten
könne. Nur so lange der kulturfähige Grund und Boden durch ein
Monopol der allgemeinen Benutzung verschlossen ist, so meint
Ogilvie, „muß jeder beträchtliche Bevölkerungszuwachs in einem
einzelnen Staate, trotzdem er die Stärke der Gesamtheit zu vermehren
 scheint, einen verderblichen Einfluß auf die Interessen der
Gesellschaft und die Wohlfahrt der Mehrzahl haben“ 2).
Es war oben bereits von der ersten Schrift von Wallace
gesprochen worden. Er hatte in ihr die Meinung vertreten, es sei

3 H. Wright, Bevölkerung, Aus d, Engl., 1924, S. 37.
2) W. Ogilvie, Das Recht auf Grundeigentum. Deutsch 1906, S. 52.
        <pb n="165" />
        [58

Erster ‚geschichtlicher Teil

nicht der Mangel an Fortpflanzungsfähigkeit, sondern die Lage der
Menschheit, die es bewirke, daß die Menschen an Zahl nicht
stärker zunehmen. Zu diesen Hinderungsgründen hat er auch die
Einhegungen gerechnet, weil sie der Entwicklung der Landwirtschaft im
Wege stehen. Eine zweite im Jahre 1761 erschienene Schrift „Various
prospects of mankind, nature and providence“, trägt dagegen einen ganz
anderen Charakter. Mit dieser Schrift hebt ein Gegensatz in der
Beurteilung der Beziehungen von Wirtschaft und Bevölkerung an,
der noch bis heute kein endgültiges Ende gefunden hat. Wallace
nimmt in diesem Buche zu den zahlreichen, bis dahin erschienenen
Vorschlägen Stellung, die auf eine Neugestaltung der Gesellschaft
auf der Grundlage des Gemeineigentums hinzielen. Er steht diesen
Vorschlägen freundlich gegenüber, er verwirft das Gemeineigentum
am Boden und Ähnliches keineswegs als ideales Gesellschaftssystem,
aber er sieht in einer solchen Änderung der gesellschaftlichen
Ordnung kein Mittel, das soziale Elend zu beseitigen. Denn es
wäre auf diese Weise nicht möglich, den notwendigen Zwiespalt
zwischen Volksvermehrung und Menge der Nahrungsmittel aus der
Welt zu schaffen; vielmehr würde gerade unter solch neuen Verhältnissen
 das Volkswachstum noch mehr zunehmen und zwar in
einem solchen Ausmaße, daß schließlich ein Mangel an Lebensmitteln
 einträte, der alle sozialen Reformen illusorisch machen würde.
Für Wallace ist also das Volkswachstum ein ausschlaggebendes
Argument gegen die Bestrebungen des Sozialismus, die Lage
unter den Menschen zu verbessern. Mit diesen Überlegungen beginnt
 der Streit, ob man es bei der Bevölkerungsfrage mit einem
wirtschaftlichen oder mit einem gesellschaftlichen Problem zu tun
habe, ob es im tiefsten Grunde auf der Produktions-, oder auf der
Verteilungsseite beruhe.
Von zwei Seiten namentlich ist in den folgenden Jahren dieser
Auffassung von Wallace entgegengetreten worden. Im Jahre ı 793
erschien W. Godwins großes Werk „Inquiry concerning political
justice and its influence on general virtue and happiness“. In diesem
Buche, das die Grundlage des Anarchismus geworden ist, vertritt
Godwin, wie alle Gesellschaftsreformer, die Meinung, daß eine
andere, auf Freiheit beruhende Gesellschaftsordnung unbedingt die
menschliche Wohlfahrt verbürge. In diesem Buche hat sich Go/d win
auch mit den Anschauungen von Wallace auseinandergesetzt,
Er führte dagegen aus, daß dreiviertel der bewohnten Erde noch
unbenützt dalägen. „Die schon besiedelten Teile sind imstande“,
so meint er, „noch ungezählte Menschen aufzunehmen. Mryriaden
        <pb n="166" />
        5. Kap. Wirtschaftliche und soziale Zustände am Ausgang des 18, Jahrh. 150

von Jahrhunderten mit stetig wachsender Bevölkerung können noch
darüber hingehen und die Erde wird immer noch imstande sein,
ihre Bewohner zu ernähren“ !). Zwei Jahre später erscheen Condorcets
 berühmtes Werk „Esquisse d’un tableau historique des progres
de Vesprit humain“, in welchem ähnlich optimistische Auffassungen
ausgesprochen waren. Wie Godwin, so hat auch Condorcet
den optimistischen Gedanken einer dauernden Vervollkommnung
des Menschengeschlechtes vertreten und ihn ebenfalls auf das Bevölkerungsproblem
 übertragen. Er hat die Frage aufgeworfen, ob
nicht der Tag kommen werde, an dem die Zahl der Menschen so
angewachsen sei, daß alle Unterhaltsmittel für sie nicht mehr ausreichten;
 das könne wohl sein, aber das könne der menschlichen
Wohlfahrt keinen Abbruch tun. Denn bis dahin werde entweder
die Wissenschaft so weit sein, die Nahrungsmittel beliebig vermehren
zu können, oder die menschliche Vernunft werde dafür sorgen, daß
die Zahl der Menschen nicht weiter ansteige ?).
Im Jahre 1798 erschien in London ein kleines Buch von einem
ungenannten Verfasser „An essay on the principle of” population,
as it affects the future improvement of society, with remarks on
the speculations of Mr. Godwin, M. Condorcet, and other writers‘“ %).
In dem Vorwort sagt R. Malthus, der Verfasser dieser Schrift,
daß sie ihren Ursprung der Unterhaltung mit einem Freunde über
das Werk Godwins verdanke. Die Schrift ist dazu bestimmt,
die optimistischen Auffassungen Godwins über die Zukunft der
menschlichen Gesellschaft zu widerlegen. Im Jahre 1803 erschien
eine neue, vollkommen umgearbeitete Auflage, von der Malthus
selbst sagt, sie sei als ein vollkommen neues Werk zu betrachten.
Das Neue liegt nicht nur in der starken Erweiterung und umfassenderen
 Begründung seiner Anschauungen, sondern in erster
Linie in einem wesentlichen Wandel derselben. Die neue Auflage
atmet einen viel optimistischeren und zuversichtlicheren Geist. Malthus
sagt selbst von ihr: „Prinzipiell habe ich mich in der jetzigen Ausgabe
 von der früheren insoweit entfernt, daß ich die Wirksamkeit
eines weiteren Hemmnisses der Volksvermehrung, das nicht unter
die Rubrik Laster und Elend gehört, annehme und in den späteren
Teilen habe ich manche der herbsten Folgerungen des ersten Versuchs
 zu mildern versucht“. Man hat schon häufig darauf hinn

 W. Godwin, Das Eigentum. Deutsch 1904, S. 72.
?) Esquisse ,.., Nouv. edition, Paris 1797, S. 291 ff.
3) Ein Neudruck mit Anmerkungen von ]. Bonar ist in London im Jahre 1926
erschienen.
        <pb n="167" />
        160

Erster geschichtlicher Teil

gewiesen, daß die Malthussche Lehre in ihren Grundgedanken nichts
weniger als neu und originell sei. Das trifft in wesentlicher Hinsicht
zu. Wir haben bereits oben eine ganze Reihe seiner Vorläufer
kennen gelernt und Malthus hat selbst in der zweiten Auflage
seines Werkes auf sie hingewiesen. Aber Malthus hat doch mehr
geleistet, als bereits Vorhandenes noch einmal zu sagen und zu
wiederholen. Er hat als erster das Problem systematisch behandelt
 und er war auch der erste, der die Bedeutung des Volkswachstums
 für die soziale Frage seiner Zeit zu erkennen glaubte.
Dietzel hat durchaus zutreffend die Leistung von Malthus mit
den Worten charakterisiert: „Die verschiedenen Gedankenrichtungen
faßt dann Malthus nicht eklektisch, sondern schöpferisch und mit
schärfster Betonung der sozialpolitischen Konsequenzen zusammen“ ?).
Bei Malthus findet sich auch als ganz wesentlicher Bestandteil
seiner Bevölkerungslehre zum. erstenmal das Gesetz. vom abnehmenden
 Bodenertrag. Das gilt allerdings noch nicht von
der ersten Auflage, die ja lediglich Kampfschrift war, aber in‘ den
folgenden Auflagen ist deutlich davon die Rede. Schon der Italiener
Serra, auch Steuärt, Ortes und Turgo t haben dieses Gesetz
gekannt, aber sie haben es noch nicht in Zusammenhang mit dem
Bevölkerungsproblem gebracht ?). Auch Malthus hat den Namen
dieses Gesetzes noch nicht ausdrücklich gebraucht, aber seine
Äußerungen zeigen deutlich, daß ihm die Zusammenhänge bekannt
waren, die das Gesetz enthält und daß er auf ihnen aufgebaut hat.
So sagt er einmal im Hinblick auf England: „Wenn man zugibt,
daß die durchschnittliche Produktion der Insel bei der bestmöglichen
Politik und der größten Förderung der Landwirtschaft in den ersten
25 Jahren sich verdoppeln ließe, so wird man wahrscheinlich eine
größere Zunahme voraussetzen, als mit Recht erwartet werden
kann. In den folgenden 25 Jahren läßt sich unmöglich eine vervielfachte
 Produktion annehmen; dies würde unserer Kenntnis von
den Eigenschaften des Bodens vollkommen widersprechen. Die
Kultur unfruchtbarer Gegenden würde Zeit und Arbeit erfordern
und wer nur im entferntesten mit landwirtschaftlichen Gegenständen
vertraut ist, dem muß klar sein, daß in dem Verhältnis, wie die
Kultur sich ausdehnt, die Zunahme der früheren Durchschnittsproduktion
 allmählich und regelmäßig abnehmen muß“. An anderer

!) H, Dietzel, Der Streit um Malthus’ Lehre. Festgaben f. A. Wagner,
1905, S. 87.
2) Vgl. dazu H, Black, Das Gesetz d. abnehmenden Ertrages bis J. St. Mill.
Annalen d. Deutschen Reiches, 1904, S. 146 ff.
        <pb n="168" />
        5. Kap. Wirtschaftliche und soziale Zustände am Ausgang des 18. Jahrh. 7161

Stelle schrieb er: „Tausend Millionen (Menschen) können sich ebenso
leicht alle 25 Jahre verdoppeln, wie tausend; aber die Nahrung für
die‘ größere Zahl ist keineswegs ebenso leicht zu gewinnen. Der
Mensch ist notwendig im Raume begrenzt. Wenn aber Acker zu
Acker gefügt wird, bis alles fruchtbare Land angebaut ist, muß
die jährliche Zunahme der Nahrungsmittel von der Verbesserung
des zuletzt angebauten Landes abhängen. Dies ist eine Quelle,
welche entsprechend der Natur des Bodens, statt reichlicher zu
fließen, immer mehr versiegen muß“ ?).
Die Lehren, wie sie Malthus aufgestellt hat, haben sich in
erster Linie gegen die damalige Armengesetzgebung Englands, die
in gewissem Sinne sogar ein Recht auf Existenz anerkannte, ge.
wandt. England hat in dieser Zeit ein solches Recht gekannt, das
auf naturrechtliche Ideen von Locke zurückging. Noch W. Pitt
hat in einer Bill vom Jahre 1796 dieses Recht der Armen auf Unterhalt
 auszubauen versucht. In der Zeit des Merkantilismus hatte man
in England vor allem die Ansicht vertreten, daß die Armut aus der
Arbeit hervorgehe, ihre unvermeidliche Begleiterscheinung sei. Von
den Äußerungen Pettys darüber hat Kostanecki gesagt: „Man
kann den Gedanken, daß die Arbeit die Armut veranlasse, nicht
bestimmter gestalten, als wenn man sagt, daß jene Arbeit programmmäßig
 —— also insofern wieder notwendig — ein Minus an Löhnen
involviere und daß, um dieses Minus zu decken, sich als einzig gangbarer
 Weg — also insofern wieder notwendig — die Armenpflege
darbiete“?). Paley z. B. hat noch gemeint: „Daß es eine Sstillschweigende
 Voraussetzung bei der Errichtung des Eigentums gewesen
 sei, daß diejenigen, welche in der Zukunft Not leiden würden,
weil sie ihren ursprünglichen Anteil an dem gemeinsamen Schatze
aufgegeben hätten, der freiwilligen Güte derjenigen überlassen sein
sollten, die mit dieser Not bekannt und zur Hilfe fähig seien“ ®).
Dieser ganzen Anschauung nach war die Armut also lediglich eine
Folge der vorhandenen Vermögens- und Einkommensverteilung.
Demgegenüber hat Malthus die Armut als reines Produktionsproblem
 aufgefaßt und sie damit in enge Beziehung zum Volkswachstum
 bringen können. Freilich war er auch darin nicht ganz
originell gewesen. Im Jahre 1786 hatte ]J. Towsend bereits in

1) Übersetzung von Stöpel, 1879, S. 6.
2 A Kostanecki, Armut und Armut, 1909, S. 68.
3) W. Paley, The principles of moral and political philosophy, zit, nach d.
21. Aufl., 1818, Bd. 1, S. 243.
Diehl-Mombert, Grundrisse. Bd. 15.
        <pb n="169" />
        ‚62

Erster geschichtlicher Teil

einer anonym erschienenen Schrift!) darauf hingewiesen, daß die
englische Armengesetzgebung die Schuld an der starken Volkszunahme
 trage, und daß dies auf die Dauer ungünstige Folgen haben
müsse: „Wenn das Anwachsen der Bevölkerung in dieser unnatürlichen
 und künstlichen Weise vonstatten geht, wenn sie nur anwächst
als Folge des Gemeinbesitzes an Gütern, dann werden daraus Armut
und Elend entstehen“. Diesen Gedanken hat Malthus vertieft und
weiter ausgebaut. Er sieht die Armut und die Armengesetzgebung
ganz allein unter bevölkerungspolitischen Gesichtspunkten. Um
diesen Zusammenhang zu verstehen, müssen wir zunächst seine Bevölkerungslehre
 genauer kennen lernen. Malthus geht mit Franklin
von der Tatsache aus, daß in allem animalischen Leben die Tendenz
bestehe, sich über die dafür vorhandenen Unterhaltsmittel hinaus zu
vermehren. Das gilt auch grundsätzlich für den Menschen. In den
Mittelpunkt seines Werkes hat Malthus auch demgemäß den Satz
gestellt, daß die Bevölkerung die beständige Tendenz habe, sich
über die Menge der Unterhaltsmittel hinaus zu vermehren. Aus
diesem Kernpunkt seiner Lehre ergeben sich für ihn dann die drei
folgenden Thesen: 1. Die Bevölkerung ist notwendig durch die
Subsistenzmittel begrenzt. 2. Die Bevölkerung wächst unwandelbar
da, wo sich die Subsistenzmittel vermehren, es sei denn, daß sie durch
einige sehr mächtige und offenkundige Hemmnisse daran verhindert
wird. 3. Diese Hemmnisse und jene, welche die übermächtige Bevölkerungskraft
 zurückdrängen und auf dem Niveau des Nahrungsspielraumes
 festhalten, lassen sich alle in sittliche Enthaltsamkeit,
Laster und Elend auflösen.
Was die Bedeutung des Wortes „Tendenz“ bei Malthus anlangt,
 so ist zunächst Oppenheimer darin durchaus zuzustimmen,
daß Malthus dabei eine fortdauernd wirksame Kraft im Auge
hat, daß man seine Anschauungen verkennt, wenn man sie im Sinne
eines „prophetischen Malthusianismus“ so auslegt, daß in
Zukunft vielleicht einmal die Ausweitung des Nahrungsspielraumes.
mit dem Volkswachstum nicht mehr Schritt halten könne 2. Malthus

1) J. Towsend, A dissertation on the poor laws, London 1786.
2?) Von neuerer Literatur über Malthus vgl. vor allem J. Bonar, Malthus and
his work, 2. ed., London 1924. — G. Talbot Griffith, Population problems of
the age of Malthus, Cambridge 1926. — Th, Marshall, The population problem
during the industrial revolution. The Economic Journal, Economic History Series,
Nr. 4, 1929. — L. Brentano, Bevölkerungslehre. In: Konkrete Grundbedingungen
der Volkswirtschaft, 1924. — S. Budge, Das Malthus’sche Bevölkerungsgesetz u, d.
theoretische Nationalökonomie der letzten Jahrzehnte. 1012, — Dietzel, a, a. 0. —
        <pb n="170" />
        5. Kap. Wirtschaftliche und soziale Zustände am Ausgang des 18. Jahrh. 163

hat an keinerlei Zukunftsmöglichkeiten dabei gedacht, sondern daran,
daß dauernd ein solches Spannungsverhältnis zwischen Nahrungsspielraum
 und Volkszahl in der Tendenz besteht, Denn er war der
Meinung, daß die Bevölkerung unwandelbar da wachse, wo die
Subsistenzmittel sich vermehren, wenn dem nicht bestimmte Hemmnisse
 entgegenwirken. Er hat also die Auffassung vertreten, daß in
der Tendenz jede Erweiterung des Nahrungsspielraumes zu einer
Volkszunahme führen werde; dieser Punkt gehört zu den wichtigsten
Bestandteilen seiner Lehre. Er hat zwar hie und da auch betont,
daß auch das Wachstum der Bevölkerung wirtschaftsfördernd wirken
könne, er hat jedoch diesem Zusammenhang und damit der engen
Wechselwirkung zwischen Nahrungsspielraum und Volkszahl nur
eine relativ geringe Bedeutung beigemessen, Der Satz von Malthus,
daß die Bevölkerung die dauernde Tendenz habe, sich über die
Menge der Subsistenzmittel hinaus zu vermehren, hat jedoch bei
ihm nur bedingte Geltung. Er baut zunächt dabei auf zwei
Naturtatsachen auf, einmal auf der Geschlechtsliebe und dann auf
dem Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag, die beide gewissermaßen
 als Konstante auf das Verhältnis von Nahrungsspielraum und
Volkszahl einwirken. Aber dem seiner Meinung nach konstant
wirkenden Einfluß der Geschlechtsliebe auf das Volkswachstum
stehen die oben dargelegten Hemmnisse entgegen. Wo sie wirksam
sind, treten damit der beständigen Tendenz des Volkswachstums,
den Nahrungsspielraum auszufüllen, Gegenwirkungen entgegen. Diese
stete Tendenz zur Volkszunahme über die Unterhaltsmittel hinaus
ist also nur bedingt. In einem Briefe an Senior hat Malthus
von dem Ausdruck „Tendenz“ gesagt: „Was ich mit dem von Ihnen
beanstandeten Ausdruck sagen wollte, war, daß die Bevölkerung
stets bereit und dazu geneigt ist, sich schneller zu vermehren, als
die Nahrungsmittel es tun, so bald die sie zurückdrängenden Hemmnisse
 beseitigt sind“ ?).
Malthus vertrat die Meinung, daß diese Vermehrungstendenz

A. Flatow, Die Entwicklung u. Wandlungen d. Malthus’schen Ansichten i. d. sechs
Auflagen seines Essays, Diss., Frankfurt a. M., 1924. — W. Köhler, Die sozialwissenschaftliche
 Grundlage und Struktur der Malthus’schen Bevölkerungslehre,
Schmollers Jahrb., Jahrg, 46, ı922. — Oppenheimer, Zum Malthusproblem,
Arch. f. Soz., Bd. 35, 1012. — K, Seutemann, Die Wechselwirkung zwischen
wirtschaftlicher u. Bevölkerungsentfaltung nach Malthus, Schmoll. Jahrb., Jahrg. 43. —
H. Nebelung, Die Malthus’sche Revölkerungslehre. Versuch einer Interpretation.
Diss., Gießen 1928.
N, W. Senior, Two lectures on population ... To which is added a
corresnondance between the author and the Rev. T. R. Malthus, London 1828.

„ww Sie
        <pb n="171" />
        ‘KA

Erster geschichtlicher Teil

der Bevölkerung dahin wirksam sei, daß sich die Zahl der Menschen
alle 25 Jahre verdoppele, also in geometrischer Progression zunehme,
wenn keine Hemmnisse in Wirksamkeit träten. Demgegenüber sei
die Möglichkeit, die Produktion an Nahrungsmitteln zu steigern, eine
viel geringere, sie könne sich unter den günstigsten Voraussetzungen
aur in arithmetischer Progression vermehren. Rümelin hat gezeigt”),
daß die statistische Begründung welche Malthus dafür beigebracht
hat, falsch ist; denn wir dürfen bei der Vermehrungsmöglichkeit des
Menschen nicht von der ganzen Bevölkerung, sondern nur von der
Zahl der in fruchtbarem Alter stehenden Frauen ausgehen. Tut
man dies, dann beträgt nach den Berechnungen Rümelins bei
einer Zahl von 4 Kindern pro Ehe die Verdoppelungsperiode der
Bevölkerung nicht 25 Jahre, wie Malthus meinte, sondern
{39 Jahre. Dieser Einwand ist durchaus richtig, hier hat Malthus
einen Fehler begangen. Freilich ist dieser Irrtum für die prinzipielle
Geltung und Bedeutung seiner Lehre unwesentlich; denn diese
Gegenüberstellung, zu der Malthus mit dieser Vermehrungstendenz
der Bevölkerung und der Vermehrungsmöglichkeit der Nahrungsmittel
 kommt, hat nur mehr illustrative Bedeutung, um den Gegensatz
 besonders deutlich hervortreten zu lassen. Jedenfalls wird dadurch
 der Grundgedanke seiner Lehre, daß die Volkszahl die beständige
 Tendenz habe, stärker zu wachsen, als die Menge der
Nahrungsmittel, ebensowenig aufgehoben, wie die Folgerungen, die
ar daraus gezogen hat. Nach Malthus sind diese Hemmnisse
dauernd wirksam und deshalb ist für ihn eine dauernde Übervölkerung
 etwas und@nkbares; denn diese Hemmnisse sind stark
genug, die Volkszahl immer wieder der Größe des Nahrungsspielraums
 anzupassen. Für die weitere Entwicklung hat Malthus,
was so oft übersehen wird, mit einem Stillstand der Bevölkerung
 gerechnet. In dem 10. Kap. des III. Buches spricht
er von den praktischen Grenzen der Volksvermehrung, die hinter
der äußersten Fähigkeit der Erde, Nahrungsmittel zu erzeugen, zurückbleiben
 müsse. Er fügt noch hinzu, daß es jedoch von großer
Wichtigkeit sei, sich daran zu erinnern, daß lange bevor diese
praktische Grenze in einem Lande erreicht sei, das Zunahmeverhältnis
der Bevölkerung sich allmählich verringern werde.
Malthus hat sein Bevölkerungsgesetz als ein Naturgesetz
hingestellt. „Seit Beginn der Welt“, sagt er einmal. „sind die Ur-’)

 G. Rümelin, Über die Malthus’schen Lehren. Reden u. Aufsätze, 1875
3. 305 ff.
        <pb n="172" />
        5. Kap. Wirtschaftliche und soziale Zustände am Ausgang des 18. Jahrh. 165
zachen der Volksvermehrung und Entvölkerung vermutlich ebenso
peständig gewesen, wie diejenigen der Naturgesetze, mit denen wir
bekannt sind.“ Zu Beginn des 4. Buches heißt es bei ihm: „Da es
scheint, daß in dem dermaligen Zustande aller Völker, die wir
unserer Betrachtung unterzogen haben, der natürliche Fortschritt
der Bevölkerung beständig und mächtig gehemmt wird, und daß
keine verbesserte Regierungsform, keine Auswanderung, keine Anstalten
 der Wohltätigkeit und kein Grad nationalen Fleißes die fortdauernde
 Tätigkeit eines großen Hindernisses der Volksvermehrung
in der oder jener Gestalt verhüten kann, so folgt, daß wir dieser
Erscheinung als einem unvermeidlichen Naturgesetz unterworfen
sind“ !). Gerade auch unter den Anhängern von Malthus hat man
diese naturgesetzliche Formulierung bekämpft und hat darauf hinyewiesen,
 daß durch die von Malthus selbst betonte Wirkung der
präventiven Hemmnisse auf das Volkswachstum seine Theorie den
naturgesetzlichen Charakter verliere und sich in ein soziales Gesetz
verwandle. Denn diese präventiven Hemmnisse beruhen ja auf
moralischen und geistigen Faktoren und diese sind imstande, den
Wirkungen des Bevölkerungsgesetzes erfolgreich entgegen zu arbeiten.
Dies alles zugegeben, so muß man doch Nebelung beistimmen,
Jie mit Recht betont hat, daß sich die Wirksamkeit dieser Faktoren
nicht auf die konstante Ursache der Vermehrungstendenz, sondern
nur auf die Hemmnisse dagegen erstrecke. Es ist auch etwas ganz
anderes, ob wir heute noch geneigt sind, solchen Zusammenhängen
gegenüber von einem Naturgesetz zu sprechen; Malthus hat jedenfalls
 seine Lehre in diesem Sinne aufgefaßt. Diejenigen haben also
in gewissem Sinne recht, die auf den gesellschaftlich-historischen
Charakter der Malt hus’schen Lehre hingewiesen haben. Nur trifft
diese Charakterisierung nicht zu für die Vermehrungstendenz als
solche, die bei Malthus ein durchaus naturalistisches Gepräge trägt.
Dieser gesellschaftlich-historische Charakter seiner Darlegungen
Ändet sich vor allem auch bei seinen Ausführungen über die Größe
des Nahrungsspielraumes. Malthus hat durchaus gesehen,
daß hierfür auch die gesellschaftliche Organisation eine wesentliche
Rolle spielt. Er hat häufig genug betont, daß dafür auch die in
einem Lande herrschende Art der Güterverteilung in Frage kommt.
„Es ist nicht genug“, sagt er einmal, „daß ein Land Nahrung in
Hülle und Fülle hervorbringen kann, sondern der Zustand des Volkes
muß auch ein solcher sein, daß er die Mittel der geeigneten Ver-Ya,

 a. O., Übers, von Stöpel, S. 619.
        <pb n="173" />
        :66

Erster geschichtlicher Teil

teilung gewährt“ !). Als erstes Haupterfordernis für die Herrschaft
vorsichtiger Gewohnheiten als Hemmnis gegen die Tendenz zur
Volksvermehrung sieht Malthus nicht nur die völlige Sicherheit
des Eigentums an, sondern auch „das Ansehen und die Wichtigkeit,
welche den niederen Volksklassen durch gerechte Gesetze und durch
den Besitz einigen Einflusses auf die Gesetzgebung erteilt wird“ ?).
Freilich geht er bei Betrachtung dieser Zusammenhänge nicht sehr
in die Tiefe, er hat ihnen auch zu wenig Bedeutung beigemessen;
man muß aber, wenn man objektiv urteilen will, dabei berücksichtigen,
 daß sein Buch als Streitschrift gegen die entstanden ist,
welche alle Heilung von Not und Armut allein von einer Änderung
der gesellschaftlichen Organisation erwarteten. Malthus hat selbst
betont, daß er vielleicht deshalb den Bogen zu sehr nach der anderen
Seite hin gespannt habe. Die Tatsache, daß Malthus trotz der
durchaus naturalistischen Grundlage seiner ganzen Lehre recht wohl
auch die Bedeutung der gesellschaftlichen Verfassung eines Landes,
besonders auch für die Größe des Nahrungsspielraumes, erkannt hat,
bringt es mit sich, daß er der sozialen Notlage keineswegs so verständnis-
 und gefühllos gegenüberstand, wie das So oft von seinen
Gegnern behauptet worden ist.
Das gilt nicht nur davon, daß die soziale Notlage den Ausgangspunkt
 seiner ganzen Betrachtungen bildete, daß er gerade die Herrschaft
 der präventiven Hemmnisse herbeiwünschte, um auf diese
Weise Not und Elend auf die Dauer mit Erfolg zu bekämpfen, er
war gerade auch aus sozialpolitischen Gründen — mag er dabei
Recht gehabt haben oder nicht — ein so entschiedener Gegner der
damaligen Armengesetzgebung. Denn es ist ihre klare Tendenz,
 so meint er, „die Volksmenge zu vermehren, ohne die zu
deren Unterhalt notwendigen Nahrungsmittel zu vermehren, Ein
Armer kann heiraten, wenn er noch so wenig oder gar keine Aussichten
 hat, seine Familie ohne Kirchspielunterstützung ernähren zu
können. Man kann daher sagen, daß die Armengesetze die Armen,
die sie ernähren, schaffen; und da die Lebensmittel des Landes infolge
 der vermehrten Bevölkerung in kleineren Anteilen verteilt
werden müssen, so können offenbar diejenigen, welche kein Almosen
empfangen, für ihren Arbeitsverdienst nicht mehr so viel Lebensmittel
 kaufen als früher und es werden mithin mehr von ihnen ‚gezwungen,
 auch um Almosen zu bitten“ ... „Die englischen Armena.

 a. O., S. 129.
3) a. a, O,, S. 677.
        <pb n="174" />
        5. Kap. Wirtschaftliche und soziale Zustände am Ausgang des 18. Jahrh. 167

gesetze haben offenbar dazu beigetragen, den Preis der Lebensmittel
zu erhöhen und den Warenpreis der Arbeit herabzusetzen. Sie haben
also zur Verarmung derjenigen Klasse von Menschen beigetragen,
deren einziger Besitz die Arbeit ist.“ „Die englischen Armengesetze
wurden unzweifelhaft in der wohlwollendsten Absicht gegeben, aber
sie haben ihren Zweck offenbar verfehlt“ ?).
Malthus stand auch der Möglichkeit, die Lage der Arbeiterklasse
 zu bessern, ebenso wie der Möglichkeit eines weiteren Volkswachstums
 keineswegs skeptisch gegenüber, Über die erstere Tatsache
 hat er gesagt: „Die Aufgabe Derjenigen, welche die Lage der
unteren Klassen aufrichtig zu verbessern wünschen, besteht darin,
das Verhältnis zwischen dem Arbeitslohn und den Preisen der
Lebensmittel so zu steigern, daß der Arbeiter imstande ist, sich
einen größeren Anteil an den Notwendigkeiten und Annehmlichkeiten
 des Lebens zu verschaffen. Bisher hat man dieses Ziel hauptsächlich
 durch Unterstützung der verheirateten Armen zu erreichen
gesucht, mithin durch Vermehrung der Arbeitskraft, durch Überüllung
 des Marktes mit einer Ware, die man gleichwohl, wie man
versichert, teurer wünscht“ ?). Daß Malthus sogar ein Freund eines
weiteren Volkswachstums war und ein solches für durchaus möglich
hielt, geht aus zahlreichen Stellen seiner Werke hervor. Hat er doch
selbst einmal gesagt: „Es ist eine ganz irrige Auffassung meines
Arguments, zu schließen, daß ich ein Feind der Volksvermehrung
sei. Ich bin lediglich ein Feind des Lasters und des Elends und
mithin der ungünstigen Verhältnisse zwischen der Bevölkerung und
den Nahrungsmitteln, welche diese Übelstände hervorbringt. Dieses
ungünstige Verhältnis hat aber keinen notwendigen Zusammenhang
mit der absoluten Menge der Bevölkerung, welche ein Land enthalten
 kann. Im Gegenteil, es wird häufiger in dünn bevölkerten
Ländern gefunden, als in dicht bevölkerten‘“*%. Die Fähigkeit der
Erde, Nahrungsmittel hervorzubringen, ist aber für Malthus nicht
unbegrenzt, sondern nur unbestimmbar, „und vielleicht kommt die
Zeit niemals, wo man sagen kann, daß keine fernere Arbeit oder
Geistesanstrengung der Menschen eine weitere Produktion erzielen
könne“. Er hält also das Volkswachstum für erstrebenswert, nur
muß es sich innerhalb der Grenzen halten, welche das Wachstum
des Nahrungsspielraumes zieht. Diese Tatsache hat er besonders
deutlich in seinem Briefwechsel mit Senior ausgesprochen. Gerade

1) a, a O., S. 476/79.
? a. a, O., S. 648.
Ya. u OO, S. 775.
        <pb n="175" />
        168

Erster geschichtlicher Teil

im . Interesse der Lage der Arbeiterschaft hält er eben nicht jedes
Volkswachstum für erstrebenswert. In dem letzten Brief an Senior
sagt er darüber: „Eine Bevölkerungsvermehrung ist an sich ein ausgesprochener
 Vorteil, wenn sie nicht mit einem vermehrten Prozentsatz
 von Laster und Elend verbunden ist“,
Wenn Malthus von der Wirksamkeit präventiver Hemmnisse
zur Verminderung des Volkswachstums gesprochen hat, so hat er
dabei nur die Vorsicht bei Eingehung einer Ehe im Auge gehabt.
An die Mittel für künstliche Kleinhaltung der Familie, wie sie später
die Neomalthusianer empfohlen haben, hat er dabei nicht gedacht.
 Man kann also auch nicht sagen, daß der neuzeitliche
Geburtenrückgang im Sinne von Malthus lag und in seinem
Sinne als präventives Hemmnis aufzufassen ist. Er hat sich vielmehr
mit aller Entschiedenheit gegen die Anwendung solcher Mittel zur
Kleinhaltung der Familie gewandt. „In der Tat werde ich stets alle
künstlichen Mittel, die Bevölkerung zu hemmen, verwerfen, sowohl
wegen ihrer Unsittlichkeit, als auch wegen ihrer Tendenz, dem Fleiß
den notwendigen Sporn zu entziehen. Wenn jedes Ehepaar die Zahl
seiner Kinder nach Wunsch beschränken könnte, so wäre sicherlich
zu befürchten, daß die Indolenz des Menschengeschlechts sehr stark
zunehmen und weder die Bevölkerung einzelner Länder, noch der
ganzen Erde jemals ihren natürlichen und richtigen Umfang erreichen
 würde“ 2).
Malthus hat niemals verkannt — auch das muß mit Nachdruck
hervorgehoben werden — daß auch gesellschaftliche Faktoren auf
die Lage der Menschen einen Einfluß ausüben können. Er hat einmal
 gesagt: „Allein die Wahrheit ist, daß die menschlichen Einrichtungen
 zwar die offenbaren und die sich aufdrängenden Ursachen
vieler Übelstände der Gesellschaft zu sein scheinen und oft wirklich
sind, daß sie aber in der Tat im Vergleich zu jenen tieferliegenden
Ursachen des Übels, welche aus den Gesetzen der Natur und den
Leidenschaften der Menschen entspringen, nur leicht und oberflächlich
sind“?), Er meint deshalb auch, daß ein Gesellschaftssystem, wie
das von God win vorgeschlagene, in kaum 30 Jahren durch das
Bevölkerungsgesetz unterhöhlt werden würde. Malthus hat also
nur den Tatsachen der Natur gegenüber die gesellschaftlichen Faktoren
 in ihrer Bedeutung für die Lage der Menschen zu gering eingeschätzt.
 Man kann ihm auch nicht vorwerfen. daß seine Lehre

a. a O0, S. 816.
2a a OO, Sı 424.
        <pb n="176" />
        5. Kap. Wirtschaftliche und soziale Zustände am Ausgang des 18. Jahrh. 169

von nichts anderem, als dem düstersten Pessimismus getragen Sei.
Das gilt wohl von der ersten Auflage seines Buches, die nichts
anderes als eine Kampfschrift war und sein wollte, aber nicht von
den späteren Auflagen, in denen eine immer zuversichtlichere
Stimmung zum Ausdruck gekommen ist. Er hat selbst darauf hingewiesen,
 daß man deutliche Symptome für eine Besserung in der
Lage der Bevölkerung beobachten könne. „Wenn also im ganzen
unsere Aussichten für die Zukunft, die aus dem Bevölkerungsgesetz
entstehenden Übelstände mildern zu können, nicht so glänzend sind,
wie wir es wünschen möchten, so sind sie durchaus nicht so gänzlich
entmutigend und schließen keineswegs jene allmähliche und progressive
 Hebung der sozialen Verhältnisse aus, die vor den jüngsten
wilden Spekulationen über diesen Gegenstand das Ziel rationaler
Erwartungen war. Eine genaue Erforschung des Bevölkerungsgesetzes
 nötigt uns zu schließen, daß wir niemals imstande sein
werden, die Leiter wegzuwerfen, auf welcher wir diese Höhe erreicht
haben. Aber sie beweist keineswegs, daß wir nicht durch dieselben
Mittel weiter kommen können“?!). In einem Briefe afı Senior aus
dem Jahre 1829 heißt es darüber: „Ich glaube an die Möglichkeit,
ja selbst an die Wahrscheinlichkeit, daß die arbeitenden Klassen
dereinst im großen und ganzen besser als jetzt gestellt sein werden
‚.. Es ist jedoch klar, daß ein solcher Fortschritt sich niemals
durch Versuche, die Mittel zum Unterhalt zu vermehren, erzielen
läßt, sondern nur durch Selbstbeherrschung, welche allein einigermaßen
 das Elend und das Laster, die steten Begleiterscheinungen
jener Tendenz der Bevölkerung, an die Nahrungsmittel anzudrängen,
einzudämmen vermögen“. Gerade aus der Wirksamkeit des vorbauenden
 Hemmnisses erwartet Malthus eine Besserung in der
Lage der Arbeiterklasse: „Die Wirksamkeit des vorbauenden Hemmnisses“,
 so führt er aus, würde auf diese Weise die Bevölkerung beständig
 innerhalb der Grenzen der Subsistenzmittel halten und daher
den steigenden Lohn und dem vor der Ehe ersparten einen ganz
anderen Sachwert geben, als jene forcierten Erhöhungen des Lohnes
oder die willkürlichen Kirchspielunterstützungen, die nach ihrer Größe
und Ausdehnung notwendig von einem Steigen der Lebensmittelpreise
 begleitet sein müssen“ ?).
Es ist nicht einfach und leicht, sich immer ein deutliches Bild
dessen zu machen, was Malthus eigentlich gewollt und gemeint

Ya. a O., S. 770/71.
2) a. a. O., S. 634.
        <pb n="177" />
        ‘70

Erster geschichtlicher Teil

hat; denn er war ein recht unklarer Schriftsteller und vor allem
sein Buch über das Bevölkerungsgesetz ist nicht frei von Widersprüchen.
 Damit hängt es auch zusammen, daß seine Lehren so
verschiedenartige Deutungen und Auslegungen erfahren haben. Es
ist aber im höchsten Grade ungerecht, wenn man — wie es Marx
getan hat — sein Werk als ein schülerhaftes, oberflächliches und
pfäffisch vordeklamiertes Plagiat, oder — wie Oppenheimer es
getan hat — als das Plädoyer eines Klassenadvokaten bezeichnet.
Derartige Anwürfe, die nichts anderes sind, als der Ausdruck einer
alle Objektivität entbehrenden, andersartigen politischen und gesellschaftlichen
 Einstellung, stehen in scharfem Widerspruch zu dem,
was Malthus wirklich gelehrt und gewollt hat. „Klassenadvokaten“
pflegen die sozialen Zustände ihrer Zeit nicht so grau in grau zu
malen, wie Malthus es getan hat, sie pflegen vielmehr diese Mißstände
 abzuleugnen oder wenigstens zu beschönigen. Das hat wahrlich
 Malthus nicht getan, denn die Not und das Elend seiner Zeit
haben gerade für ihn den Ausgangs- und Mittelpunkt seiner ganzen
Untersuchungen gebildet.

Sechstes Kapitel.
Wirtschaft und Bevölkerung vom Beginn des ı9. Jahrhunderts
bis zur Gegenwart.
Die Lehren von Malthus waren in erster Linie aus der ungünstigen
 wirtschaftlichen und sozialen Lage seiner Zeit heraus zu
verstehen. Die Fortdauer dieser ungünstigen Verhältnisse bewirkte
es auch, daß seine Lehren in den nächsten Jahrzehnten noch einen
so gewaltigen Einfluß ausgeübt haben und daß sich auch vielfach
die staatliche Politik nach den von ihm betonten Grundsätzen getichtet
 hat.
Es sind zahlreiche Ursachen, aus denen die Fortdauer dieser
ungünstigen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse zu erklären
ist. Zunächst sind die gleichen Faktoren dabei wirksam gewesen,
die wir auch für das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts kennen gelernt
 haben. Die Umwälzungen in den Produktionsverhältnissen
dauerten fort; die Frauen- und Kinderarbeit nahm auch noch vielerorts
 in den ersten Jahrzehnten des 10. Jahrhunderts weiterhin zu,
die Arbeitszeit war überaus lang, die Löhne waren sehr niedet, es
gab noch keinen staatlichen Arbeiterschutz, es gab noch keine Gewerkvereine,
 die günstig auf die Arbeitsverhältnisse einzuwirken imstande
 gewesen wären. Dazu kamen die zahlreichen schweren
        <pb n="178" />
        6. Kap. Wirtschaft und Bevölkerung v. Beginn d. 19. Jahrh. bis z. Gegenwart ]171

Wirtschaftskrisen, die in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts
vor allem auch das englische Wirtschaftsleben auf das schwerste
erschüttert haben. Nach der gleichen Richtung hin mußte die starke
Preissteigerung wirken, die in England infolge der Kontinentalsperre
eingetreten war, Nach den Zusammenstellungen von Steffen‘)
betrug in England

In den Tahren

(761—1770
L771—1780
1781—1790
1791—1800
[So1— 1810
1811—1820
i821—1820

Der Preis für die Weizen- Der volle Feldarbeiter-Fleischtageskost
 für eine Familie tageslohn
13,45
14,5
I5
16
24
28
'm

12,78
13,95
15,10
19,90
25,52
26,94
19,01

Nicht günstiger als bei den Landarbeitern lagen die Verhältnisse
in der Industrie. Man kann also in dieser Zeit eine verhängnisvolle
Disharmonie zwischen den Veränderungen der Löhne und der Entwicklung
 der Lebensmittelpreise feststellen. Von einer Abnahme
der Armut konnte unter diesen Verhältnissen in England keine
Rede sein. Vom Jahre 1810—1822 sind auch in England die
Armenabgaben von 5,4 auf 7,04 Millionen Pfund gestiegen. Bei
einer Volkszahl von 10150615 Köpfen gab es in England im Jahre
1813 1426065 aus öffentlichen Mitteln unterstützte Arme; das waren
also 14%, der Bevölkerung ?). Im ersten Quartal des Jahres 1844
gab es in den englischen ‘Arbeitshäusern unter 50114 Personen
22585 im Alter von unter I5 und I5641I im Alter von 15 bis 50
Jahren.

In den ‚anderen europäischen Staaten lagen die Verhältnisse
keineswegs günstiger. In Bayern gab es in der Periode 1835/36
bis 1859/60 auf 1000 Einwohner 171 Bettler und Vaganten *®). Eine
große Literatur, die damals über die Armut entstanden ist, zeigt,
wie schlimm die Verhältnisse in dieser Hinsicht damals in Deutschland
 waren), Was die sozialen Zustände im damaligen Deutschland
 besonders ungünstig gestaltete. waren die zahlreichen Mißernten,

1) Steffen, a, a. O., Bd, 2, 1904, S. 190.
% C. Th. Kleinschrod, Der Pauperismus in England, 1845, S. 220.
®) G. Mayr, Statistik der Bettler u. Vaganten im Königreich Bayern, Diss,
München 1875, S. 10.
, 4) Vgl. dazu die Aufzählung bei Mombert, Aus d. Literatur über d. soziale
Frage u. über d. Arbeiterbewegung in Deutschland in d. ı. Hälfte d. 19, Jahrhunderts.
Arch. f. Gesch. d. Soz. u. d. Arbeiterbewegung, Bd. II, 1921.
        <pb n="179" />
        [72

Erster geschichtlicher Teil

die mit ihren Preissteigerungen die Lage der Bevölkerung höchst
ungünstig beeinflußt haben. Solche Teuerungsjahre gab es
in Preußen in den Jahren 1816, 1817, 1818, 1831, 1832, 1830, 1840,
1842, 1843, 1846 und 1847 1). Näheres ergibt sich aus der folgenden
Tabelle ®),

Es betrug in Preußen in Silbergroschen der Preis eines Scheffels
Jahr Weizen Roggen Jahr Weizen Roggen
1316 91,11 65,7 1832 65,3 48,1
1817 122,0 R5,8 1833 Af,0 34:5
1818 94,10 65,1 1834 32,4
[819 67,11 50,0 1835 +17 34:7
1820 56,4 37,6 1836 4.8 29,5
1821 55,8 32,4 1837 48 32,11
1822 54,10 36,8 1838 62.5 45:3
1823 52,11 41,2 1839 75:3 46,1
1824 37:9 21,7 1840 79:4 43,9
1825 34,9 20,8 1841 65,9 49,5
1826 38,1 29,1 1842 73,1 45,8
1827 48,2 42,0 1843 62,5 50,5
1828 5711 43:1 1844 57:5 40,6
1829 66,8 38,1 1845 65,1 51,0
830 63,6 41,1 1846 86,8 70,1)
837 38,9 45,4 1847 110,23 82.2

In anderen europäischen Staaten waren die Verhältnisse in
dieser Hinsicht keineswegs günstiger. Man betrachte nur die gewaltigen
 Schwankungen, die sich in der Korneinfuhr nach Frankreich
 gezeigt haben. Es wurden hier an Hektoliter Weizen eingeführt
 in den Jahren 83)

1815—19
1820—24
1825—209
1830—34
1835—309
1840——44

5 480 648
1 356 975
28 003 497
7 204 173
1 955 834
” 205 762

Es waren aber keineswegs allein Teuerungen und Hungersnöte
und die Umwälzungen im gewerblichen Produktionsprozeß, die in
jener Zeit die ganzen Verhältnisse in Europa so ungünstig gestaltet
haben. Es kamen auch noch lange Jahre hindurch die sich immer
noch bemerkbar machenden Nachwirkungen der napoleonischen

') Fircks, Rückblick auf d. Bewegung d. Bevölkerung im oreußischen Staate,
Preuß. Stat., Bd. XLVIII, A. 1879,
?) B. Földes, Die Getreidepreise im 10, Jahrhundert, Jahrb. f. Nat, u. Stat.,
3, F., Bd, 29, 1905.
3) Nach Roscher, Über d. Kornhandel. a. a. O., 8. a2.
        <pb n="180" />
        6. Kap. Wirtschaft und Bevölkerung v. Beginn d. 19. Jahrh. bis z. Gegenwart 173

Kriege hinzu, Nachwirkungen, die man heute noch keineswegs in
ihrer vollen Bedeutung erkannt hat. Auch in ihrem Gefolge waren
— um einen Ausdruck aus den ökonomischen Nachwirkungen des
Weltkrieges zu gebrauchen — tief in das Wirtschaftsleben eindringende
 strukturelle Veränderungen eingetreten, auch damals
hatten gewaltige Verluste an Kapital und Menschen stattgefunden,
Verluste, die erst nach vielen Jahrzehnten überwunden werden konnten.
Ein zeitgenössischer Schriftsteller schreibt darüber: „Europa glich
während der 23 Kriegsjahre, die der gegenwärtigen Periode vorausgingen,
 einem Verschwender, der nicht nur sein Einkommen verzehrt,
 sondern der sein Kapitalvermögen angreift, und an Wucherer
seine unbewegliche Habe verpfändet“!), Der gleiche Schriftsteller
spricht weiter davon, daß man die Quellen des Wohlstandes selbst
zur Deckung der Kriegskosten angreifen, den Baum fällen mußte,
um seine Früchte zu pflücken. „Allein nicht nur der Wert des
Grundeigentums ist verzehrt worden“, so führt . er weiter aus,
„sondern auch die in den Gewerben angelegten Kapitalien sind
spurlos verschwunden“. Der hessisch-darmstädtische Staatsminister
du Thil, der jene Jahre miterlebt hat, schrieb darüber: „Die
Wunden, die Deutschland geschlagen worden sind, sind namenlos
und wenn nicht die ganze Nation zur Bettlerin ward, so zeigt das
nur, weicher solide Wohlstand ehedem geherrscht haben muß,
weich große innere Hilfsmittel die Länder besitzen mußten und
welche Betriebsamkeit den Privaten beiwohnte, um solche Scharten
einigermaßen wieder auszuwetzen, Dennoch sind die Folgen heute
(1852—57) noch fühlbar“%. K. H. Rau hat damals diese Zustände
mit den folgenden Worten beschrieben: „Viele Hauswesen, die bisher
 dem Mittelstand angehörend, behaglich in manchen Genüssen
lebten, finden sich nun auf das Nötigste beschränkt. Der Verbrauch
einer Menge von Gütern hat sich sehr vermindert, Entbehrung, die
strengste Erzieherin, ist zur Herrschaft gekommen. Der Luxus der
teicher Gewordenen konnte diese Abnahme der Verzehrung nicht
ersetzen, weil er nicht auf die nämlichen Gegenstände fiel“ 3). Mit
2 L. F. v. Meseritz, Über d. gegenwärtige Volksnot in Deutschland. 1822,
S. 11.
2) Denkwürdigkeiten aus d. Dienstleben d. hessisch-darmstädtischen Staatsministers
 Freiherrn du Thil, 1921, S. 127.
3) Malthus u. Say, Über die Ursachen d. jetzigen Handelsstockung. Mit
einem Anhange von K. H. Rau, 1821, S. 278. — Vgl. zu diesen Fragen ferner
C. O. Trieb, Wirtschaft u. Bevölkerung in Deutschland während d, ersten Hälfte d.
19. Jahrhunderts. In ihren Wechselwirkungen dargestellt an Württemberg, Sachsen u.
dA. Provinz Preußen. Diss., Gießen 1925. — Reiches Material für diese Frage bietet
        <pb n="181" />
        74

Erster geschichtlicher Teil

diesen Nachwirkungen der Kriegsjahre hing es also in besonders
hohem Maße zusammen, daß wir vor allem auch in Deutschland
in diesen Jahrzehnten eine so ungünstige wirtschaftliche Lage vorfinden.

In England hatte unter den Einwirkungen der Kontinentalsperre
 der Getreidebau gewaltig zugenommen; als diese nun in
Fortfall kam, begann man die englische Landwirtschaft vor der
fremden Konkurrenz durch hohe Einfuhrzölle zu schützen. Darunter
litt hauptsächlich auch die preußische Landwirtschaft, die auf die Ausfuhr
nach England angewiesen war. Ein Bericht aus dieser Zeit besagt für
Preußen: „Verschwunden sind seit Jahren die Spekulanten in Getreide,
welche ehemals die größten Quantitäten zur Ausfuhr nach dem Auslande
oder zur Aufschüttung für die Zeit höherer Preise zusammenkauften.
Nach den Aussichten, welche der Stand der Preise und der flaue
Gang des Getreidehandels in allen Gegenden des nahen und fernen
Auslandes darbieten, wagt niemand mehr die geringste Summe
Geldes dem Getreidehandel zu widmen“!). Es kam noch hinzu,
daß auf die Teuerungsjahre 1817 ‚und 1818 in dem nächsten Jahrzehnt
 ausgezeichnete Ernten folgten, die einen solchen Preissturz
für Getreide zur Folge hatten, daß damals in Norddeutschland eine
schwere Agrarkrisis eintrat; von ihr mußte natürlich auch Gewerbe
und Handel in ihrem Absatz ungünstig beeinflußt werden. Diese
Agrarkrise hat 10 Jahre gedauert. „Die Krise ging vom Land
auf die Städte über. Der Groß- und Kleinhandel war gelähmt.
Bankerotte der Kaufleute, Ausfall der Hypothekenzinsen und Kapitale
städtischer Gläubiger, Unsicherheit des Geschäftes wurden die allgemeine
 Klage. Wo der Großbetrieb aussetzte, oder die Steuerexekution
 die Bauern austrieb, gab es Arbeitslose, die in den Städten
als Bettler vagabundierten, Die neuen Landbesitzer, die, um ihre
Forderungen zu retten, die Güter übernommen hatten, konnten
den Arbeitslosen keine fortdauernde Beschäftigung geben, da sie
bald wieder anderen Besitzern Platz machen mußten“ 2).
Gewerbe und Handel waren in dieser Zeit in Deutschland noch
zu wenig ausgebildet, ihre Lage war auch selbst zu wenig günstig,
als daß sie.imstande gewesen wären, denjenigen, die in der Landauch

 Fr. Neumann, Zur Lehre v. d. Lohugesetzen, Jahrb, f. Nat. u. Stat, 3. F.,
Bd. 4 u. 5 u. J. Rudhardt, Über d. Zustand d. Königreichs Bayern, 1825.
') Zit. nach A. Ucke, Die Agrarkrisis in Preußen während d. zwanziger Jahre
dieses Jahrhunderts, 1838, S. 33.
?) Sartorius v. Waltershausen, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, 1815—1914,
1920, S. 40.
        <pb n="182" />
        6. Kap. Wirtschaft und Bevölkerung v. Beginn d. 19. Jahrh. bis z. Gegenwart
p g g 175

wirtschaft nicht mehr ihr Fortkommen fanden, in dem Ausmaße
Arbeitsgelegenheit zu gewähren, wie es einige Menschenalter später
bei uns der Fall war. Es bedarf an dieser Stelle keines besonderen
Hinweises, daß auch die innerpolitischen Zustände in Deutschland,
vor allem die klägliche Vielstaaterei, jeden stärkeren Aufschwung von
Gewerbe und Handel verhindern mußten. Es sei nur auf das genannte
 Buch von Meseritz oder auf die bekannten Schriften von
Nebenius und F. List verwiesen.
Zweierlei Folgen ergeben sich aus dieser Lage. Wir hören
einmal in ‘dieser Zeit von einer starken Zunahme der Auswanderung
 aus Deutschland. Sie war besonders groß in den Jahren
1816/17, sie nahm dann ab, um von den dreißiger Jahren ab wieder erheblich
 zuzunehmen. Es war eine Auswanderung, die aus ausgesprochener
 Not heraus erfolgte. Bekannt ist, daß gerade diese Auswanderung
 aufFr. List in seinen jüngeren Jahren einen überaus großen
Eindruck gemacht hat, als er als württembergischer Beamter bei einigen
hundert Württembergern, die auswandern wollten, den Grund der
Auswanderung festzustellen hatte und es sich ergab, daß dafür nicht
allein die Not in Frage kam, sondern auch — um mit List zu
sprechen — „der jahrelang erduldete Druck der Bürokratie, die Willkür
 und der Polizeigeist, der im Lande herrsche und Bürger und
Bauern mißhandle“!). Die Auswanderung aus Deutschland hat
in den folgenden Jahrzehnten etwa betragen

1820—29 49 600
1830—309 210 200
1840-—49 599 019

Eine weitere Folge der ungünstigen Verhältnisse damals war,
daß der ländliche Geburtenüberschuß in Gewerbe und Handel nur
schwer unterkommen konnte und daß damit die bäuerlichen Besitzungen
 immer mehr zersplittert werden mußten. Hören wir auch
darüber wieder Fr. List: „Je größer num die Summe der dem
Lande zur Verzehrung übrig bleibenden Produkte ist, desto mehr
wirkt sie auf die Vermehrung der ländlichen Bevölkerung und weil
dieser Bevölkerungszuwachs in der Industrie kein Unterkommen
findet, bleibt ihm keine andere Wahl, als da sein Fortkommen zu
suchen, wo er entstanden ist. Die Mittel, es zu finden, heißen:
weitere Güterzerstückelung weitere Entbehrung aller teuren Fabrikate
and aller Kolonialprodukte; Selbstverfertigung des Unentbehrlichsten
und Notdürftigsten: weitere Entbehrung aller kräftigen und kost-!)

 K. Goeser, Der junge F. List, 1914, S. 36.
        <pb n="183" />
        spieligen Nahrung; zuletzt Kartoffeln ohne Salz und abgeschöpfte
Milch“!). Es sind das Zusammenhänge, der Einfluß des Volkswachstums
 auf die Güterzerstückelung, welche in dieser Zeit
immer und immer wieder als deutliches Übervölkerungssymptom
 besprochen werden. „Jeder Vater“, so schreibt R. von
Mohl in jener Zeit, „teilt das für ihn kaum noch hinreichende Gut
unter seine Kinder, eine geringe Ersparnis reicht zur Erwerbung
einiger Stückchen Feldes hin, und so entsteht eine Unzahl von
Familien, deren einzige Beschäftigung die Landwirtschaft ist, die aber
nur durch gartenmäßige Kultur das notdürftigste zu erwerben imstande
 sind und selbst zu Lohnarbeiten nur selten Gelegenheit
finden“ ?). Du Thil schreibt in seinen Denkwürdigkeiten, die in den
Jahren 1852—57 abgefaßt sind: „Ich habe zu meiner Zeit drei ganze
Gemeinden im Großherzogtum sich auflösen, ihr ganzes Besitztum
verkaufen und auswandern sehen; aus Baden sind mir ähnliche Beispiele
 bekannt. Ich kenne mehrere Gemeinden, die mit eigenen
Mitteln ihre Proletarier über den Ozean schafften. Ganz in der
Nähe befindet sich eine Gemeinde (Großzimmern), die vor etwa
I0 Jahren auf ihre Kosten mit einem Aufwand von 6000—8000 Gulden,
die sie durch Anleihe aufbrachte, 167 Köpfe nach Amerika schaffte;
zu welcher Höhe muß nicht das Übel gestiegen sein, um eine
Bauerngemeinde zu einem solchen Entschluß zu führen“ 3)?
Man hat deshalb in jener Zeit vielfach sich gegen die Teilbarkeit
 der ländlichen Güter gewendet, vor allem deshalb,weil man meinte,
sie erleichtere die Ansässigmachung und Verehelichung und trage
damit zur Übervölkerung bei. „Wie der zwanzigjährige Irländer sich
nicht bedenkt, zu heiraten, sobald er zum Besitze einer zu einem
Schweinestalle tauglichen Hütte und eines armseligen Kartoffelgartens
 gelangt ist, so läßt sich auch der gebildetere und verständigere
 Deutsche nicht abhalten, an einem Orte, wo die Gewerbefreiheit
 es ihm erlaubt, sich . . . auf ein längst mit Konkurrenten
überfülltes Handwerk zu setzen, oder wo er Teilung des väterlichen
Gutes erlangen kann, eine eigene Wirtschaft auf einem Viertel Morgen
Landes zu begründen, von welchem er nach kurzer Zeit von seinem
Gläubiger vertrieben wird“*). Auf der anderen Seite hat man damals

[176

Erster geschichtlicher Teil

!) F. List, Die Ackerverfassung, die Zwergwirtschaft u. d. Auswanderung (1842).
Ausg. von L. Häusser, 1850, 2. Teil, S, 165. — Vgl. dazu auch F. List Werke,
Bd. 5, 1928, S. 664.
*) R. v. Mohl, Polizeiwissenschaft, 1832—1834, 2. Bd., S 27.
3 Du Thil, a. a, O., S. 535.
*) Kosegarten, Betrachtungen über die Veräußerlichkeit u. Teilbarkeit d.
Landbesitzes, 1842, S. 45.
        <pb n="184" />
        6. Kap. Wirtschaft und Bevölkerung v. Beginn d. 19. Jahrh. bis z. Gegenwart 177

— gerade auch unter bevölkerungspolitischen Gründen .— wieder
die Freiteilbarkeit der Güter befürwortet, weil man gerade davon
große Fortschritte im Anbau erhoffte: „Betrachtet man die Produktenmasse
 des Landbaues mit der gesamten Bevölkerung eines Landes,
so ist bei der Unteilbarkeit der Güter umso eher eine Übervölkeruug
möglich, als der Anbau des Bodens nicht in dem Maße mit
der Bevölkerung vorrückt, als dies bei der Möglichkeit der Verteilung
 der Güter der Fall ist“!). Aber ganz gleichgültig, ob die
eine oder ob die andere Auffassung zutrifft, so müssen wir für diese
Zeit jedenfalls als Folge der starken Volkszunahme eine Verkleinerung
 der ländlichen Besitzungen feststellen, die natürlich die
Lage der ländlichen Bevölkerung ungünstig beeinflussen mußte,
Denn größere Fortschritte sind damals im Landbau bei der bäuerlichen
 Bevölkerung kaum eingetreten.
Wenn man all das berücksichtigt und an die damals so geringfügigen
 Fortschritte von Gewerbe und Handel in Deutschland denkt,
so kann man für diese Zeit für Deutschland unbedingt von Übervölkerungserscheinungen
 sprechen. War doch die Volkszahl in
Deutschland von 1816—1835 von 24,83 auf 30,94 Millionen gestiegen.
Damit hängt es auch zusammen, daß in dieser ganzen Zeit in Deutschland
 zahlreiche Schriften erschienen, die sich mit den Fragen von
Armut und Bevölkerung befaßten ?). Im Jahre 1836 erließ z. B. die
k. Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt ein Preisausschreiben:
 „Ist die Klage über zunehmende Verarmung und
Nahrungslosigkeit in Deutschland gegründet, welche Ursachen hat
das Übel und welche Mittel bieten sich zur Abhilfe dar“ ®)?
Hatten wir es bis jetzt mehr mit allgemeinen Gründen von Not
und Armut zu tun, so beginnt um die Mitte der vierziger Jahre

N C.W. Ch. Schüz, Über den Einfluß d. Verteilung des Grundeigentums auf das
Volks- und Staatswesen, 1836, S. 89. — Vgl. weiter dazu die eingehenden Darlegungen
bei P. Reichensperger, Die Agrarfrage. Das freie Agrarsystem in Beziehung auf
Bevölkerung u. Pauperismus, 1847. — Ferner E. Cronbach, Das landwirtschaftl.
Betriebsproblem i. d, deutschen Nationalökonomie bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts,
 1907.
2? Mombert, Aus d. Literatur, a. a. 0. — Ferner Sombart, Hochkapitalismus,
/, Halbbd., S. 377 ff.
3) Vgl. dazu die gleichnamige Preisarbeit von F. Baur, 1838. — Recht aufschlußreich
 für d. Umfang d. damaligen Armut ist das Buch von F. Schmidt, Untersuchungen
 über Bevölkerung, Arbeitslohn u. Pauperismus in ihrem gegenseitigen Zusammenhang,
 1836. — Manches wertvolle für diese Frage bietet auch G. Leibbrandt,
 Die Auswanderung aus Schwaben nach Rußland, 1816—1823, 1928,
S. 7—27.
Diehl-Mombert, Grundrisse, Bd. 15.
        <pb n="185" />
        ‚78

Erster geschichtlicher Teil

eine erneute Teuerungsperiode, die in ihren Einwirkungen erst
etwa mit dem Jahre 1855 zu Ende geht. Daß die politischen Untuhen
 dieser Zeit ebenfalls der Entwicklung des Wirtschaftlebens
nicht günstig waren, bedarf keines besonderen Hinweises. Für die
Tatsachen der Teuerung sei auf die Tabelle Seite 172 verwiesen.
Gegenüber den entsprechenden Verhältnissen um die zwanziger Jahre
stiegen die Getreidepreise bis 1847 um mehr als das Dreifache.
Zwar hatten sich gegenüber den entsprechenden Zuständen der
früheren Jahrhunderte die Verhältnisse auch dadurch gebessert; daß
die Kartoffel immer mehr neben dem Brotgetreide Volksnahrungsmittel
 wurde. Hat {man |doch schon mit Recht gemeint, daß die
Kartoffel ein kräftigerer Bekämpfer von Notstand und Hungersnot sei,
als die sorgsamste Getreidehandelsmagazinpolitik 1. Aber das konnte
nur helfen in Zeiten, in denen der Mißwachs ein gewisses Maß nicht
überschritt und in denen nicht auch der Kartoffelbau davon miterfaßt
 wurde. Wir machen uns heute kaum mehr ein Bild von dem
Elend jener Tage, das durchaus im Sinne von Malthus als
tepressives Hemmnis in der schärfsten Form gewirkt hat.
Virchow, !der im Jahre 1852 eine‘ Studienreise in den Spessart
unternommen hatte, berichtet, daß die ganze Existenz der dortigen
Bevölkerung auf dem Kartoffelanbau beruhe. „Die Kartoffelkrankheit
hat alle Illusionen zerstreut und alle Gefahren zurückgeführt, welche
das Menschengeschlecht überwunden zu haben glaubte.“ Die Schweine
mußten verkauft werden, weil keine Ernährungsmöglichkeit für sie
bestand und die Bewohner waren gezwungen, das anzugreifen, was
an Kartoffeln und Getreide zur nächsten Aussaat bereit lag. Virchow
berichtet von einem bestimmten, häufig auftretenden Hungerzustand.
In ihm „fanden wir die Leute schwach, arbeitsunfähig, abgeklärt,
hohläugig“*). Es stehen für jene Zeit keine Zahlen zur Verfügung,
aus denen wir das Maß von Erwerbslosigkeit erkennen können, wie
es uns die Statistik für die neuere Zeit liefert. Immerhin können
wir dafür die Zunahme der Bettler und Vaganten, deren Zahl sich,
wie die folgende Tabelle für Bayern zeigt, durchaus parallel mit der
Entwicklung der Lebensmittelpreise bewegt, als ausreichenden Ersatz
betrachten 3).

') Die Getreidehandelspolitik, Bd. 3, a. a. O., 1910, S. 56.
”) R. Virchow, Die Not im Spessart, 1852.
?) G. Mayr, Statistik, a. a. 0. S. 48.
        <pb n="186" />
        6. Kap. Wirtschaft und Bevölkerung v. Beginn d. 19. Jahrh. bis z. Gegenwart 170

Zahl der aufgegriffenen
Jahrgang
Bettler u. Vaganten

Preise für die bayrischen
Scheffel

Roggen
fl. Kr.
843/44 75 427 14 1
844/45 71 446 15 15
845/46 88 890 19 53
846/47 ‘14056 21 36
847/48 76 925 10 12
848/49 69 653 34
1849/50 75 501 7
1850/51 82 344 20
1851/52 (20715 7 53
:852/53 18 301 '7 39
1853/54 137 997 23 38
1854/55 14511 23 19
1855/56 10218 17 45
‚856/57 89 204 15 26
85m /58 69 172 12 SI

Kartoffeln
fl. Kr.
3 39
55
34
39

34
33
30
36
33
27
7

&amp;gt;

in Schlesien war eine ausgesprochene Hungerpest ausgebrochen *)
und auch in anderen deutschen Staaten herrschte in jener Zeit die
bitterste Not. In Baden?) kosteten in den Jahren
Kartoffeln Korn
Sester Malter
1837 10 Kreuzer 10 fl. 18 Kreuzer
1847 311% 20 fl. 53 »

Diese furchtbare Notlage hat sich in jener Zeit in einer gewaltigen
 Zunahme der deutschen Auswanderung Luft gemacht.
Es betrug die Zahl der Auswanderer nach Übersee aus Deutschland
in den Perioden 3)

1840—1844 120 000
1845—1849 305 200
1850—1855 689 000

Weit stärker als im Durchschnitt von ganz Deutschland war
die Auswanderung in einigen süddeutschen Staaten. In den Jahren
von 1850—52 hatte Württemberg einen Wanderungsverlust von
39599 und in den Jahren 1853—955 einen solchen von 73 726 Köpfen *).
Die Not war so groß, daß man die Auswanderung als nationale
Angelegenheit betrachtete und sie vielfach mit staatlichen Mitteln

1} Die Hungerpest in Oberschlesien, 1848.
?) G. Fleischmann, Die Agrarkrisis von 1845—1855. Mit bes. Berücksichtigung
 von Baden. Diss,, Heidelberg 1902.
3) Nach Mönckmeier, Die deutsche überseeische Auswanderung, 1912, S. 16.
+) Weitere Angaben bei Mombert, Studien, a. a. O., S. 107 ff,
A
        <pb n="187" />
        180

Erster geschichtlicher Teil

unterstützte. Im Großherzogtum Baden hat die Staatskasse in den
Jahren 1850—55 213781 fl. an Unterstützungen an Auswanderer
gezahlt 1). Allerdings hat man damals auch schon auf manchen Seiten
einen anderen Standpunkt eingenommen, auf die wirtschaftlichen
Schäden der Auswanderung hingewiesen und betont, daß erfahrungsgemäß
 die arbeitsfähigen Altersklassen auswandern und daß es deshalb
 besser sei, der überschüssigen Bevölkerung auf dem Wege der
inneren Kolonisation die erforderliche Unterhaltsmöglichkeit in der
Heimat zu beschaffen ®).
Aber nicht nur auf dem Wege staatlich unterstützter
Auswanderung wurde damals der Versuch gemacht, die Übervölkerungserscheinungen
 zu bekämpfen, wir sehen vielmehr, daß man damals unter
dem Einfluß der Malthus’schen Lehren auch zu anderen Mitteln
zriff, um einem zu starken Wachstum der Bevölkerung vorzubeugen.
Hatte man im 18. Jahrhundert durch die Errichtung von Brautkassen
und auf manch anderen Wegen die Eheschließungen zu erleichtern
gesucht, so beschritt man jetzt vielfach den Weg der Eheerschwerungen.
 Ein Hauptgrund dazu lag in der Verpflichtung
der Gemeinden, ihre Angehörigen im Falle der Verarmung aus
öffentlichen Mitteln zu unterstützen. Zum Teil waren Ehen unter
einem gewissen Alter überhaupt verboten, zum Teil auch noch in
späteren Altersjahren an gewisse Bedingungen geknüpft. In Sachsen
sollten nach einem Gesetz von 1826 Gesellen nur dann zur Eheschließung
 zugelassen werden, wenn sie ein behördliches Zeugnis
vorlegen konnten, daß sie „dem gemeinen Wesen nicht zur Last
fallen werden“. In Bayern war eine Eheschließung nur statthaft,
wenn eine obrigkeitliche Heiratsbewilligung vorlag, die einen sicheren
Nahrungsstand des Betreffenden verbürgte. In Baden war eine Eheschließung
 an die gleichen Bedingungen geknüpft und ähnlich lagen
die Verhältnisse auch in vielen anderen deutschen Staaten®. Eng
zusammenhängend damit und auf den gleichen Motiven beruhend,
war auch das Recht der Ansässigmachung und damit die Frei-1)

 Fleischmann, a. a. O., S. 105. — Vgl. dazu auch: Auswanderung u.
Auswanderungspolitik in Deutschland. Schr. d. V. f, Soz., Bd. 52, 1892. — Ferner:
Vorschlag z. zweckmäßigen Staatsunterstützung d. Auswanderung, 1848.
2?) Über Auswanderung u. innere Kolonisation mit besonderer Beziehung auf
Preußen, 1848.
3) Vgl. zu dieser Frage L. Stein, Die Verwaltungslehre, 2. Teil, 1866. — Das
Bevölkerungswesen u. sein Verwaltungsrecht, — F, Bitzer, Das Recht auf Armenunterstützung
 u. d. Freizügigkeit, 1863. — K. Braun, Das Zwangszölibat f. Mittellose
in Deutschland. V. f. Volkswirtschaft u. Kulturgesch., Bd. 4, 1867. — Schüz, Über
das Verehelichungs- und Übersiedelungsrecht. Z. f. d. ges. Staatswissenschaft, 1848.
        <pb n="188" />
        6. Kap. Wirtschaft und Bevölkerung v. Beginn d. 19, Jahrh. bis z. Gegenwart ]181

zügigkeit geordnet; denn die Erlaubnis zur ersteren war auch in
der Regel von dem Nachweis eines geordneten Nahrungszustandes
abhängig gemacht. Freilich hat man nicht ohne Grund gegen solche
Ehebeschränkungen angeführt, daß sie ein recht ungeeignetes Mittel
seien, ein zu starkes Wachstum der Bevölkerung zu verhindern,
denn die Zahl der unehelichen Kinder werde in demselben Maße
zunehmen, in dem die Heiraten erschwert würden. Das wird auch
deutlich, wenn man in dieser Hinsicht die Rheinpfalz, in der keine
Ehebeschränkungen bestanden, mit den übrigen Gebieten Bayerns,
in denen es der Fall war, vergleicht *!).

Zeitraum
1817—25
1826—34
835—42
;843—51 8
[852—57 9

Von 100 Geburten waren unehelich
in der Rheinpfalz im übrigen Bayern

21

22
23
23
24

Auch in England stand die Gesetzgebung durchaus unter dem
Einfluß der Lehren von Malthus. Das galt von der Auswanderungsgesetzgebung,
 mit der sich eine besondere Kommission in den Jahren
1826 und 1827 befaßt hat?). Als um die Mitte der zwanziger Jahre,
im Zusammenhang mit den Bestrebungen der Großgrundbesitzer, die
kleinen Pachtgüter zusammenzulegen, „In Irland zahllose kleine Pächter
auf die Straße geworfen wurden, hatte man für alle Notschreie und
Klagen nur die Antwort, daß das Vorgehen der Grundbesitzer das
Wohl des irischen Volkes anstrebe, das durch diesen zwar bedauernswerten,
 aber notwendigen Prozeß auf das Maß seiner Ernährungsnöglichkeit
 zurückgeführt werde“. Von den Anhängern der Malthus’-schen
 Lehre wurde damals die Auswanderung dieser von ihrem
Besitz Vertriebenen bekämpft, weil dies einen zu großen Anreiz zu
arneuter Bevölkerungszunahme bedeuten würde. ‚Man war nur
dann in diesen Kreisen mit einer Auswanderung einverstanden „wenn
alle so geräumten Hütten eingerissen und die Armenpflege aufgehoben
 oder mindestens stark eingeschränkt würde, um ein erneutes
Volkswachstum zu verhüten“ 3).
Mit diesen Betrachtungen sind wir auch in eine Zeit hineinyekommen,
 für die in ganz anderem Ausmaße zuverlässiges Material]

!) Nach Braun, a. a, O., S. 69.
2) Vgl. dazu J. Marburg, Die sozialökonomischen Grundlagen d,. engl. Armensolitik
 im ı. Drittel des 19. Jahrhunderts, 1912, S. 84.
3) Marburg, a. a O., 5. 93.
        <pb n="189" />
        ‚82

Erster geschichtlicher Teil

zur Verfügung steht, um die bisher nur allgemein dargelegten Beziehungen
 zwischen Wirtschaft und Bevölkerung zahlenmäßig zu beleuchten.
 Neben dem Einfluß der wirtschaftlichen und sozialen Zustände
 auf die Wanderbewegung, von dem schon die Rede gewesen
ist, kommen ist erster Linie deren Einwirkungen auf die Eheschließungen
 und Sterbefälle in Frage. In dem Maß, in dem solche
Einflüsse stattinden, werden damit auch Wirkungen auf das Wachstum
 der Bevölkerung ausgeübt. Gerade auch in der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts hat man immer wieder den Zusammenhang
zwischen der Höhe der Sterblichkeit und der Höhe der Getreidepreise
 untersucht und gezeigt, welch enge Zusammenhänge hier vorhanden
 sind. Die folgende Tabelle, die Wappäus entnommen *)
ist, zeigt diesen Zusammenhang für Preußen.

Jahr

Auf einen
I Sterbefall kamen
Finwohner

Mittlerer Preis
für einen Scheffel
Roggen in Sgr.

1844 1:38,85 40%2
1845 1:36,73 51
1846 I: 34,05 70112
1847 ] 1:31,59 | 86% 12
1848 1:30,12 738%, a

Tahr

1849
1850
1851
1852
1853

Auf einen
Sterbefall kamen
Einwohner

Mittlerer Preis
für einen Scheffel
Roggen in Sgr.

1:32,74 3182
1:36,31 36% 12
1:37,82 49112
1:30,39 61% 2
1:32,76 | 68

Wappäus bemerkt dazu: „Dieser Zusammenhang zeigt deutlich
 die Abhängigkeit des Sterblichkeitsverhältnisses von den Preisen
der wichtigsten Nahrungsmittel“. Er betont auch, „daß die Wirkung
einer Steigerung der Preise sich nicht unmittelbar zeigen kann, indem
nicht. in dem Augenblick, wo das Brot teurer wird, auch die vermehrte
 Sterblichkeit bei den dadurch in Not kommenden eintritt,
sondern erst infolge von Krankheiten und aller Art Entbehrungen,
welche die große Masse der Bevölkerung in Zeiten des Mangels sich
auferlegen muß und deren Wirkung um so langsamer eintritt, je
mehr Ersparnisse unter diesen Klassen der Bevölkerung vorhanden
sind, nach Aufzehrung derselben aber auch um so intensiver sich
zeigt“. Den Einfluß einer solchen Zunahme der Sterblichkeit auf
das Volkswachstum erkennt man besonders deutlich, wenn man die
absoluten Zahlen betrachtet. Allerdings war es in diesen Jahren
nicht allein die Teuerung, welche die Steigerung der Sterblichkeit
bewirkt hat, auch zahlreiche Epidemien, z. T. durch die Notlage

') Nach J. E. Wappäus, Allgemeine Bevölkerungsstatistik, Bd. ı, 1859, S. 196.
— Vgl. dazu auch B. Weiß, Der Einfluß von teuren u. billigen Zeiten auf die
Sterblichkeit, 1880.
        <pb n="190" />
        5. Kap. Wirtschaft und Bevölkerung v. Beginn d. 19. Jahrh. bis z. Gegenwart 183
verursacht, wirkten in der gleichen Richtung. So starben in Preußen
an der Cholera in den Jahren

1831
{837
848
849
350
(852
855

32 647 Personen
13 325
26 151
45 315
14 899
41 238
20 04

Die Wirkungen der ungünstigen wirtschaftlichen Lage in diesen
Jahren zeigte sich aber auch deutlich bei den Eheschließungen.
Um auch dafür einige Zahlen zu geben, so kamen auf 1000 KEinwohner
 eheschließende Personen in

‚544
845
‚846
‚847
848
849
‚850
‚851
{852
:853
1854
Sur

Preußen

18,2
18,0
17:4
5
5,5
7.4
„1
8,5
‘=;
172
15,8
15,4

Württemberg

Baden

{15,4

15,2
14:3 14,6
13,1 13:4
[3,1 13,2
‘3:6 13,0
14,7 14,0
‘2,6 12,4
10,3 10,2
0,2 10,2
8,7 9,8
10,0 11,0

Es kam noch hinzu, daß durch die erhöhte Sterblichkeit mehr
Ehen als sonst durch den Tod gelöst wurden und daß sich auch
anter den zahlreichen Auswanderern viele Eheleute in jugendlichem

5) Preußische Statistik, Bd. 48 A, 1879: Rückblick auf die Bewegung d. Bevölkerung,
 S. 49. — Von älteren Bearbeitungen d, Bevölkerungsbewegung sei vor
allem verwiesen auf: A, Tellkampf, Die Verhältnisse der Bevölkerung u. d. Lebensjauer
 im Königreich Hannover, 1846. — Bickes, Die Bewegung d. Bevölkerung
mehrerer europäischer Staaten, 1833. — G. v. Hirschfeld, ‘Geschichte u. Statistik
da. Fruchtbarkeit u. Sterblichkeit ... in Rheinland u. Westfalen ... seit 1816,
Korr.-Bl. d. niederrh. V. f, öffentl. Gesundheitspflege, Bd. 3, 1875. — F. A. Stelzig,
Resultate d. Geburts- u. Sterbeverhältnisse vor u. nach Einführung d. Schutzpocken,
Prag 1830. — L. Moser, Die Gesetze d. Lebensdauer, 1839. — J. A. Hülse, Die
Sterblichkeitsverhältnisse in Leipzig, 1839. — Escherich, Volksbewegung, Fruchtbarkeit
 und Sterblichkeit in Preußen 1816/1871, u. Bayern 1826/1871, 1876. — H. Losch,
Die Bewegung d. Bevölkerung Württembergs im 19. Jahrhundert, Württ. Jahrb. a. a. O.,
1901. — Brauchbares Material f. d. ältere Zeit bieten auch die von F.J. Neumann
herausgegebenen Beiträge z. Geschichte d. Bevölkerung in Deutschland, Bd. 1—7,
1883/1903.
        <pb n="191" />
        184

Erster geschichtlicher Teil

Alter befanden. So ist es nicht weiter verwunderlich, wenn wir
in dieser Zeit auch einem beträchtlichen Geburtenrückgang begegnen.
 Es kamen im Deutschen Reich auf 1000 Einwohner Ge-Jurten

In den Jahren

541

842
:843
844
845
‚346
847
848
‚840

37,94
39,12
37,50
37,34
38,85
37:42
34,61
34,71
20,68

n den Jahren
1850
[851
1852
1853
:854
:855
1856
180m

38,75
38,22
36,93
36,00
35,38
33,50
34,90
30,52

Um die Jahre 1847/48 und 1853/55 gehen Eheschließungen und
Geburtenzahlen in gleicher Weise zurück, wie damals die Auswanderung
 und die Sterblichkeit zunimmt ?). Darin lag eine starke
Hemmung des bis dahin in Deutschland ziemlich beträchtlichen
Volkswachstums. Es betrug die Volkszunahme im Deutschen Reich
in den Perioden 2)

1841—43 925 682 1850—52 783 707
1844—46 999 452 1853—855 191 933
1847—49 401 317 1856—58 861 220

Man sieht, wie stark in dieser Zeit repressive Hemmnisse
ein stärkeres Volkswachstum verhindert haben. Auch in anderen
suropäischen Staaten waren in dieser Zeit die wirtschaftlichen und
sozialen Verhältnisse höchst unerfreulich. England war in den
Jahren 1819, 1825, 1836, 1830, 1847 und 1857 durch schwere Wirtschaftskrisen
 heimgesucht worden, welche die Lage der Bevölkerung
höchst ungünstig beeinflußt haben. Tugan-Baranowsky hat
gezeigt, daß die englische Bevölkerungsbewegung in dieser Zeit
davon ganz erheblich beeinflußt worden ist®). Im Jahre 1834 hatte
man in England unter dem Einfluß der Malthus’schen Lehren eine
strenge Reform des Armengesetzes durchgeführt, das vor
allem die Unterbringung der Armen in Werkhäusern, um sie zur
Arbeit anzuhalten, vorsah. Arbeiter, die keine Mittel zum Unterhalt
hatten, mußten mit ihren Familien ins Arbeitshaus wandern. Die
Folge war damals eine ganz erhebliche Abnahme der Eheschließungen,
ein Triumph für die Anhänger von Malthus. Zwar besserte sich

‘) Weitere Angaben darüber bei Mo mbert, Studien, a. a. O., S. 107 ff,
’) Nach: Stat. d. Deutschen Reiches, N. F,, Bd. 44, 1892.
’) Studien z. Theorie u. Geschichte d. Handelskrisen in England, 1901, 5. 288 ff,
        <pb n="192" />
        5. Kap. Wirtschaft und Bevölkerung v. Beginn d. 19. Jahrh. bis z. Gegenwart 135

ın den folgenden Jahren die Lage der Arbeiter in England, hauptsächlich
 deshalb, weil die Kaufkraft der Löhne zunahm, aber diese
Besserung‘ wurde infolge der Krisen immer wieder durch starke Rückschläge
 unterbrochen. Tugan-Baranowsky zitiert aus dem engiischen
 Report „On the Hand-Loom Weavers“ aus dem Jahre 1841
den Satz eines Sachverständigen: „In keinem einzigen Zweige der
Weberei Schottlands finden die Arbeiter ständige Arbeit; alle leiden
stark unter den periodisch wiederkehrenden Geschäftsstockungen . . .;
in der Tat ist die häufige Wiederkehr der Geschäftsstockungen ein
wichtiger, wenn auch nicht der einzige Grund ‘des Elends der
Hausweber“1), So weit für jene ältere Zeit Zahlen für die Arbeitslosigkeit
 in England zur Verfügung stehen, sehen wir, daß sie gerade
in den Krisenjahren einen beträchtlichen Umfang angenommen hat.
Je nach der wirtschaftlichen Struktur eines Landes
kann eben eine Verengerung des Nahrungsspielraumes recht verschiedene
 Ursachen haben und auch in recht verschiedenen Formen
auftreten. Im 17. und 18. Jahrhundert und vorher waren das besonders
 Hungersnöte und Teuerungen und noch um die Mitte des
19. Jahrhunderts mußten solche bei der damals überwiegend agraren
Struktur Deutschlands und den wenig ausgebildeten Verkehrsverhältnissen
 nach der. gleichen Richtung hin wirksam sein. Industrie,
Handel und Verkehr waren damals noch nicht genügend ausgebildet,
um hier einen Ausgleich herbeizuführen. Es fehlte hauptsächlich
ein ausgebildeterer Fernhandel und die Höhe des Absatzes von Industrie
 und Handel hing zu jener Zeit noch in weit stärkerem Maße
als heute von der Kaufkraft der ländlichen Bevölkerung ab. Ganz
anders lagen die Verhältnisse in England, in dem die immer wiederkehrenden
 Wirtschaftskrisen und die Lage der Wirtschaft überhaupt
weniger von der Kaufkraft der Landwirtschaft und von den Ernteergebnissen,
 als von den Wandlungen im Außenhandel abhingen.
Für die Gestaltung des Nahrungsspielraumes in England in jener
Zeit ist ebenfalls die besondere Höhe der Auswanderung bezeichnend.
Auch sie wurde damals vielfach staatlich unterstützt. Es betrug hier
die Zahl der Auswanderer in den Perioden:
1831—1836 444 944 darunter staatlich unterstützte 7 849
i837—1842 505 142 » » » 71674
:8423-—1846 351 250 x . # 8423

a. a. O., S. 274. — Vgl. dazu auch J. Lipowski, Die Frage d, Arbeits-‚osigkeit
 in d. klassischen Nationalökonomie, Z. f. d. ges. Staatswissenschaft, Bd. 68,
1912,
        <pb n="193" />
        Erster geschichtlicher Teil

„Was bis zur Mitte der vierziger Jahre“, sagt Rathgen, „an
staatlicher Unterstützung der Auswanderung nach Australien geschehen
 war, so wichtig es war für jene Kolonien, bedeutete doch
wenig im Verhältnis zur ganzen Auswanderung, wenig gegenüber
dem Massenelend in Irland, in den schottischen Hochlanden und
den englischen Fabrikbezirken“ !). Wenn man sieht, in welchem Umfange
 gerade in jenen schlimmen Jahren die Einwanderung nach
den Vereinigten Staaten, die ja so gut wie ganz aus Europa stammte,
zunahm, so gewinnt man damit auch ein Bild von den wirtschaftlichen
 und sozialen Zuständen in einer Reihe europäischer Gebiete.
Es wanderten nach den Vereinigten Staaten Personen ein in den
Jahren ?}

(841—43
;844—46
1847 —49
1850—352
853—855
1856—58
(850— 61

247 350
347 402
758 519
120 949
997 355
665 303
258 579

Die deutlichste Sprache spricht die folgende Tabelle, die nach
den Angaben Sundbärgs die Bevölkerungsbewegung in jener Zeit
für ganz Europa wiedergibt. Es betrug in 1000 die Zahl der
Jahre Eheschließungen Lebendgeburten Todesfälle Geburtenüberschuß
1841—45 10 599 49 124 37 380 11744
1846 —50 10.987 49 202 43 149 6053
L851—55 10 623 50 208 42 281 7927
:856—60 II 898 53 291 41 373 11918

Erst von der Mitte der 50er Jahre ab begannen sich die wirtschaftlichen
 und sozialen Verhältnisse in Europa erheblich zu bessern,
und diese Wandlungen kommen dann auch in der Stärke des Volkswachstums
 zum Ausdruck. Nach den Berechnungen Sundbärgs nahm
die Bevölkerung Europas in den folgenden Perioden im Jahresdurchschnitt
 zu, um

1821—30
1831—40
1841—50
1851—60
1861—70

9,54 00
7:94 »
5,92 2»
6,09 ,,
7,63 ..

') Englische Auswanderung u. Auswanderungspolitik im 19. Jahrhundert, Schr.
d. V, f. Soz., Bd. 72, 1896, S. 27.
?) Nach G. Sundbärg, Apercus statistiques internationaux, 11. Jahrg., Stocknaolm
 1908, S. 108,
        <pb n="194" />
        6. Kap. Wirtschaft und Bevölkerung v. Beginn d. 19. Jahrh. bis z. Gegenwart 187

Erst von dieser Zeit ab begannen die wirtschaftlichen Verhältnisse
 sich wesentlich zu bessern, was besonders in einer Abnahme
der Auswanderung und der Sterblichkeit und in einer Zunahme der
Eheschließungen seinen zahlenmäßigen Ausdruck fand. Das zweite
Viertel des 19. Jahrhunderts wies in dieser Hinsicht noch recht ungünstige
 Verhältnisse auf, während man in dem Jahrzehnt von 1845
bis 1855 von einer ausgesprochenen Übervölkerung sprechen konnte,
die auch in den vorhergehenden Menschenaltern zeitweilig, wenn auch
in schwächerer Form, vorhanden war.
Mit guten Gründen kann man für die Beziehungen zwischen
Bevölkerung und Wirtschaft in Europa und ganz besonders für
Deutschland um die Mitte des 19. Jahrhunderts — genauer etwa im
Jahre 1855 — einen Schnitt machen. Man hat den deutlichen Eindruck,
 daß jetzt. auch etwa erst die wirtschaftlichen Nachwirkungen
der napoleonischen Kriege vollständig überwunden sind. Zwar
zeigten sich auch in der folgenden Periode noch wirtschaftliche
Störungen. Es traten auch Teuerungen auf, die sich in dem Gang
and dem Wachstum der Bevölkerung bemerkbar machten. Aber
beides trat in wesentlich geringerem Ausmaße auf, wie in früheren
Zeiten und das ganze Wirtschaftsleben begann sich doch jetzt
so sehr nach oben zu entwickeln, daß solche Störungen nicht
mehr in dem Maße verengernd auf den Nahrungsspielraum einwirkten
and sich in dem Maße als repressive Hemmnisse geltend machen
konnten, wie das noch in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts der
Fall war. Es waren eine ganze Reihe von Faktoren, die nach dieser
Richtung hin zusammenwirkten.
Eine besonders wichtige Rolle spielte dabei die Ausgestaltung
and Besserung der Verkehrsverhältnisse; sie ermöglichte einen
vollkommeneren und schnelleren Ausgleich von Angebot und Nach-{rage
 bei der Lebensmittelversorgung und im Zusammenhang damit
begann auch der Getreidehandel, vor allem auch aus entfernteren
Gebieten, zuzunehmen. Bei der Teuerung am Ende der vierziger
Jahre war der Getreidehandel noch so wenig ausgebildet, daß ein
hoher badischer Beamter nach Antwerpen gesandt werden mußte,
um dort die nötigen Einkäufe zu tätigen !). Im Jahre 1817 kostete
die Fracht von Hagen nach Lippstadt für einen Zentner Roggen
5,57 M., im Jahre 1902 24 Pfg.?). In Deutschland betrug zu Beginn
der Eisenbahnzeit die Fracht auf der Achse für einen Tonnenkilo-3]

 Fleischmann, a. a. O., S. 25.
7 Nach L. Berger, Der alte Harkort, 1902, S. 47.
        <pb n="195" />
        88

Erster geschichtlicher Teil “8

meter 30—40 Pfg., die Fracht auf der Bahn 13—14 Pfg.; bis zum
Jahre 1913 sank der letztere Satz auf 3,58 Pfg., um für einzelne
Güter, die tarifarisch besonders günstig behandelt wurden, bis auf
zwei Pfennige und noch darunter zu sinken. Auf den deutschen
Wasserstraßen ging der Frachtsatz für einen Tonnenkilometer auf
0,5 Pfg. zurück. Noch stärker war z. T. die Ermäßigung der Seefrachten.
 Nach den Angaben von Sax’), dem auch die obigen
Angaben entnommen sind, betrug die Fracht für einen Tonnenkilometer
 von Newyork nach England, wozu ‚freilich noch die Versicherungskosten
 kamen, in den Jahren 1871/75 0,504 und im Jahre
1912 0,204 Pfg. Die Fracht für einen Quarter Weizen per Dampfer
von Newyork nach Liverpool kostete in den Jahren ®)

1868
1878
1888
1892
[002

4sh. 71% dQ.
ssh. ı d.
ısh. 9 dd.
2zsh. 2% d.
osh,. 111% d.

Die Frachtrate ist also in 34 Jahren auf fast !/, gesunken, und
die Seefrachten beliefen sich z. T. auf !,—!/ 2 der jeweiligen Eisenbahntarife.
 Mit dieser Herabsetzung der Transportkosten werden
die Güter verkehrsfähiger, wobei es nicht nur auf die Höhe der
Transportkosten allein, sondern auch auf die Schnelligkeit des Verkehrs
 ankommt. Damit werden die örtlichen Preisunterschiede mehr
oder weniger ausgeglichen; denn grundsätzlich können in einem
bestimmten Absatzgebiete, in einem Staate oder auch auf der ganzen
Erde, die Preise nur um die Höhe der Transportkosten voneinander
abweichen, wenn man von der Einwirkung von Einfuhrzöllen absieht.
Man hat berechnet, daß — wenn der Erzeugungspreis des Weizens
120 M. für die Tonne beträgt und wenn die Tonne zu 240 M. verkauft
 wird — er, bis sein eigener Wert durch die Transportkosten
aufgezehrt wird, transportiert werden kann
auf schlechten Straßen bis 100 km,
auf guten Kunststraßen bis 400 km,
auf den früheren Bahnen mit hohen Tarifen bis 1500 km,
auf den heutigen amerikanischen Bahnen bis 4500 km,
auf dem Meer bis 25000 km}®).
1) E. Sax, Die Verkehrsmittel in Volks- u. Staatswirtschaft, 2. Aufl., Bd. 1,
1918, S. 18,
?) Nach Philippovich, Grundriß d. politischen Ökonomie, Bd. 2, 4. Aufl.,
(912, S. 21.
%) Nach Sombart, Das Wirtschaftsleben i. Zeitalter d. Hochkapitalismus, Bd. ı,
S. 270.
        <pb n="196" />
        6. Kap. Wirtschaft und Bevölkerung v. Beginn d. 19. Jahrh. bis z. Gegenwart 189
Bei Sombart!) findet sich auch reiches Material, aus dem die
hohen Frachtkosten in früheren Zeiten ersichtlich werden. Diese
Fortschritte im Transportwesen haben jedoch nicht nur einen Ört-'ichen
 und zeitlichen Preisausgleich auf den verschiedenen Märkten
ermöglicht, sie haben auch gleichzeitig mächtig zur Erweiterung des
Nahrungsspielraumes : der europäischen Staaten beigetragen. Diese
Fortschritte im Transportwesen haben einmal neue Ackerbaugebiete
mit jungfräulichem Boden erschlossen und damit herabdrückend auf
die Höhe der Lebenskosten gewirkt. Es kostete in England ein
Quarter Weizen in Shilling 2

1821—30
[331—40
1841—50
i851—60
:861—70
1871—80
:881—90
1891—00
i901—10
1Q011—14

59:5
56,9
53:7
54,6
52,1
51,0
35:4
28,3
29,11
33,3

In Amerika konnten Böden unter den Pflug genommen werden,
bei denen zunächst das Gesetz vom sinkenden Bodenertrag nicht in
die Erscheinung trat, bei denen also der Rohertrag mit der Steigerung
der Kapital- und Arbeitsaufwendungen mindestens Schritt hielt, wenn
er nicht noch stärker wuchs als diese. Es ist kein Zufall, daß die
optimistische Betrachtung den Zusammenhängen von Bevölkerung
und Wirtschaft gegenüber und damit die schärfste Bekämpfung der
Malthus’schen Lehre von einem amerikanischen Nationalökonomen,
von Carey, ausgegangen ist.
In dieser Verbilligung der Transportkosten und der dadurch
bewirkten zeitlichen und örtlichen stärkeren Ausgleichung der Preise
lag jedoch nicht die einzige Bedeutung dieser Wandlungen für die
Größe des Nahrungspielraumes. Mit der wirtschaftlichen Erschließung
neuer Gebiete, die rasch durch europäische Auswanderer besiedelt
wurden, sind die Absatzmöglichheiten der europäischen Industrie
erheblich erweitert und damit erst die Voraussetzungen geschaffen
worden, daß in den folgenden Jahrzehnten in den meisten europäischen
 Staaten der Bevölkerungszuwachs reibungslos und zu
günstigen: Bedingungen Arbeitsgelegenheit in Handel und Industrie

1) Der moderne Kapitalismus, Bd. 2, S. 341 ff.
7 Handwörterbuch, d. Staatsw., 4. Aufl., Art. Getreidepreise.
        <pb n="197" />
        :90

Erster geschichtlicher Teil

finden konnte. Nach der Berufszählung des Jahres 1907 stammten
in Deutschland von allen in den Städten lebenden Erwerbstätigen
in der Industrie 2,809 Millionen oder 48,5%, und im Handel
1,104 Millionen oder 19,1 % vom Lande. Der Übergang zur Industrie,
in der — wie wir später noch genauer sehen werden -— kein so
düsteres Ertragsgesetz herrscht, wie in der Landwirtschaft, in der
vielmehr unter gewissen Voraussetzungen und innerhalb gewisser
Grenzen der Mehrverwendung von Kapital und Arbeit steigende
Erträge entsprechen, hat damit den Nahrungsspielraum der europäischen
 Volkswirtschaften stark erweitern helfen. Zwar ist auch
diese günstige Entwicklung immer wieder durch Ausnahmen unterbrochen
 worden, die vor allem in Deutschland durch schwere Wirtschaftskrisen
 in erster Linie verursacht waren. Das war z. B. in
Deutschland als Folge der schweren Wirtschaftskrise in der Mitte
der siebziger Jahre fast noch das ganze Jahrzehnt 1880/90 der Fall.
Erst von da ab begann das deutsche Wirtschaftsleben — und ähnliches
 gilt auch von den anderen europäischen Staaten — den großen
Aufschwung zu nehmen, der hauptsächlich in der Abnahme der Auswanderung
 und der starken Zunahme des Volkszuwachses zum Ausdruck
 kommt. Es betrug in Deutschland im Durchschnitt der Jahre
Der Geburtenäberschuß

320 458
326 130
408 333
511034
351308
730 365
366 2238

Man sieht, in welchem Maße der Nahrungsspielraum der deutschen
Volkswirtschaft vornehmlich in den zwei letzten Jahrzehnten vor dem
Weltkrieg gestiegen sein muß. Dabei war das Volkswachstum in
Deutschland durchaus progressiv. Es betrug in den folgenden
Perioden

1865—1880 5,58 Mill.
1881—1895 294
1896—1910 12,8

Die progressive Zunahme gilt jedoch nicht für Deutschland
allein, sie gilt auch für ganz Europa. Es betrug das Wachstum der
europäischen Bevölkerung im Jahresdurchschnitt der folgenden
Perioden
        <pb n="198" />
        6. Kap. Wirtschaft und Bevölkerung v. Beginn d. 19. Jahrh, bis z. Gegenwart IOI
1,6665 Mill.
2,2506
2,6346
3,1157
3,7675
3,550
4.1890

Auf der gleichen Bodenfläche fand also eine progressiv steigende
Volkszahl ihren Lebensunterhalt. Dabei hat sich in der neueren
Zeit das Volkswachstum in einer ganz anderen Weise vollzogen, als
in früheren Jahren. Die folgende Tabelle soll dies für einige europäische
 Staaten zeigen. Die Kriegsjahre mit ihren in dieser Hinsicht
 ganz anormalen Verhältnissen mußten natürlich dabei ganz
außer acht gelassen werden. Es kamen auf 1000 Einwohner
Geburten Sterbefälle Geburtenüberschuß
In den Deutsches England Schwe- Deutsches England Schwe- Deutsches England Schwe-Jahren
 Reich u.Wales den Reich u,Wales den Peich u.Wales den
1841—50 361 326 zT &amp;gt;? . 205 .7 70,2 10,5
1851-—60 353 ww 11,1
1861—70 2372 11,2
1871—80 391 N 12,2
:881—090 2368 3 12,2
1891—00 2361 = 8 10,7
[901—10 339 3 107 53 49 4,2 ‚8 10,9
£{Q911—13 290 240 236 168 139 138 12,2 612 9,9
1920—24 231 213 203 139 122 124 9,2 9,1 7,9
1925-—26 202 182 175) 118 119 117) 8,3 6,2 5,81)
‘) 1025

Die Geburtenhäufigkeit und die Sterbehäufigkeit sind etwa seit
dem Jahre 1890 wesentlich zurückgegangen. Zunächst die Sterblichkeit
 noch stärker als die Geburtenzahl, so daß sich steigende Geburtenüberschüsse
 ergaben. Dann begann: der Rückgang der Geburtenhäufigkeit,
 vor allem seit Kriegsende, denjenigen der Sterblichkeit
zu überholen, so daß jetzt die Geburtenüberschüsse zurückzugehen
begannen. Auf die Ursachen und die Bedeutung dieser Wandlung
ist später genauer einzugehen. Hier sind einstweilen nur die Tatsachen
 darzustellen. Wenn man, was an dieser Stelle aus Raumgründen
 nicht geschehen kann, die Entwicklung der Sterblichkeit
 in den einzelnen Jahren für sich betrachtet, dann erkennt man
deutlich, daß der Rückgang fast ununterbrochen gewesen ist und
daß nicht wie in früheren Zeiten als Folge von Epidemien und Hungersnöten
 die Sterblichkeit wieder zeitweilig stark in die Höhe ging. Die
Zunahme des Wohlstandes, die Fortschritte von Hygiene und Medizin,
die starke Besserung der Verkehrsverhältnisse, haben es bewirkt, daß
        <pb n="199" />
        :92 Erster geschichtlicher Teil
diese „repressiven Hemmnisse“ in den Kulturstaaten ihre Bedeutung
 so gut wie ganz verloren haben.
Allerdings ist das nur dort der Fall, wo die eben dargelegten
Voraussetzungen voll wirksam sein können. In Ländern, in denen
das nicht zutrifft, finden wir auch noch heute ähnliche Schwankungen
in der Sterblichkeit wie in früheren Jahrzenten in den heutigen
suropäischen Kulturstaaten. Die folgende Tabelle, die sich auf die
Verhältnisse, Ostindiens bezieht, soll das Gesagte mit einigen Zahlen
belegen. Es kamen hier auf 1000 Einwohner !)

Jahr

:885—90
‚391—00
.901—05
:906— 10
iQ11—15
‘016—20

Geburten

35,83
35:43
38,59
37,79
38,87
35,01

Sterbefälle

27,44
31,31
33:04
34,84
20,08
38,20

Es kamen in Indien auf 1000 Einwohner Todesfälle in dem
Jahre 1917 32,72, im Jahre 1918 62,46, im Jahre 1919 35,87 und im
Jahre 1920 30,80. Wenn man das liest, was Narain über die Hungersnöte
 und Epidemien als Ursachen der Sterblichkeit in Indien schreibt,
dann wird man an die Verhältnisse europäischer Staaten in früheren
Jahrhunderten erinnert und der genannte Schriftsteller hat durchaus
recht, wenn er für Indien von Übervölkerungserscheinungen spricht
und dabei auf die Bevölkerungslehre von Malthus zurückgreift.
Die vorhin dargelegte Entwicklung rückläufiger Auswanderung
und Sterblichkeit, ebenso wie die Erweiterung des Nahrungsspielraumes,
 sind in Europa heineswegs ohne Unterbrechung
verlaufen. Es war bereits davon die Rede, daß im Gefolge der
Wirtschaftskrise der siebziger Jahre, besonders auch in Deutschland
sin lang andauernder wirtschaftlicher Tiefstand eintrat und daß sich
das deutsche Wirtschaftsleben erst etwa vom Beginn der neunziger
Jahre ab zu erholen imstande war; dazu kam noch, daß in den
achtziger Jahren in Frankreich, in Süd- und Mittelamerika Krisen
auftraten und daß davon auch andere Länder in Mitleidenschaft
gezogen wurden. Die Wirkungen dieses wirtschaftlichen Tiefstandes
Jassen sich deutlich an dem Gang der Bevölkerung beobachten.
Die Heiratshäufigkeit, die bekanntlich sehr stark auf Veränderungen
 in der wirtschaftlichen Lage reagiert, war in diesen Jahren
recht gering ?). Die Auswanderung aus Deutschland hat in den

‘) Narain, The population of India, a. a. O., S. 22.
’) Genauer darüber Mombert, Einführung in d. Studium d. Konjunktur, 2. Aufl.,
‚925, S. 117.
        <pb n="200" />
        5. Kap. Wirtschaft und Bevölkerung v. Beginn d. 19. Jahrh. bis z. Gegenwart 193
folgenden Perioden folgenden Gang genommen: es wanderten aus
Deutschland aus
:871—75 319 750 Köpfe 1880—85 280 215 Köpfe
:875—80 381181 1885-—090 23229110

Man kann die wirtschaftliche Stagnation in jener Periode an
den verschiedensten Maßstäben messen. Es sei hier nur auf die
Entwicklung des Außenhandels in dieser Zeit hingewiesen. Er hat
in dieser ganzen Periode nur geringe Fortschritte gemacht. Das
gilt nicht nur für Deutschland, das gilt auch für den ganzen Welthandel
 überhaupt. Nach den Berechnungen Sundbärgs betrug die
Ein- und Ausfuhr aller Länder zusammen in Millionen Frances in
den Jahren

1880
‚883
886
889
1892
895

78,867
33,861
72,963
34,513
84,337
86.8362

Erst von da an begann der Umfang des Welthandels stark
zuzunehmen. In dem Jahrzehnt 1895 bis 1904 stieg er dem Werte
nach von 86,862 auf 136,5 Millionen Francs. Von da ab war der
wirtschaftliche Aufstieg in Deutschland so stark, daß Deutschland
in dem Jahrzehnt 1895—1905 zum erstenmal einen nicht unerheblichen
 Wandergewinn hatte. Die vom Lande nach der Stadt
strömenden Arbeiter fanden ohne weiteres lohnende Arbeitsgelegenaeit
 in Industrie und Handel und der Geburtenüberschuß genügte
nicht einmal, den Arbeiterbedarf der Industrie zu decken. Im Jahre
[913 gab es in der deutschen Landwirtschaft 397768 und in der
deutschen Industrie 356225 ausländische Arbeiter?) Mit dieser
Entwicklung hing es auch zusammen, daß die Auswanderung aus
den Staaten, die auf Grund ihrer natürlichen Voraussetzungen eine
eigene exportfähige Industrie entwickeln konnte, sehr stark abnahm,
während diejenige aus romanischen und slavischen Ländern, für die
das nicht in gleichem Maße galt, eine beträchtliche Steigerung er-“uhr.
 Von der Gesamteinwanderung nach den Vereinigten Staaten
stammten nämlich in folgenden Jahrzehnten aus den nebenstehenden
 Ländern ?).

') Nach F. Faas, Die ausländischen Wanderarbeiter i. d. deutschen Landwirtschaft.
 Berichte über Landwirtschaft, N. F., Bd. 6, 1927, S. 148.
2) Sartorius v, Waltershausen, Art. Auswanderung, Handw. d. Staatsw.,
4. Aufl., S. 69.
Diehl-Mombert, Grundrisse. Bd. ıs5.
        <pb n="201" />
        Zrster geschichtlicher Teil

:881—0900
Österreich-Ungarn 353 719
[talien 307 309
Rußland u. Polen 265 088
Deutschland 1 452 970
Großbritannien 1 462 829

L901-—10
2 145 266
2 045 877
I 597 306
341 438
865 015

Die Zunahme des Außenhandels, die besonders nach der
arbeitsintensiven Seite hin ging, mußte steigende Arbeitsgelegenheit
im eigenen Lande schaffen. Man kann diesen Zusammenhang erkennen,
 wenn man, wie es in der folgenden Tabelle geschieht, die
Ausfuhr an Fertigfabrikaten mit der Volkszahl vergleicht. Es betrug in
Deutschland diese Ausfuhr in Mark auf den Kopf der mittleren
Volkszahl berechnet in den folgenden Perioden

1880—85
886—90
:891—95
1896—00
[901—05
L906—10
[Q11— 12

2

0
47
7
73
37

Die Ergebnisse der Berufszählungen, die Verdichtung der Bevölkeung,
 vor allem die starke Zunahme der in den Städten Wohnenden
zeigen, welche starke Wandlungen sich in den Grundlagen des Nahrungspielraums
 der deutschen Volkswirtschaft vollzogen haben. Es war das
eine Zeit, in der man von irgendwelchen Übervölkerungserscheinungen
in Deutschland nicht sprechen konnte. Keinerlei Symptome waren
dafür vorhanden, wenn man die Lebenshaltung als Maßstab dafür
nimmt. Bei steigender Lebenshaltung konnte eine stark steigende
Volkszahl im eigenen Lande Unterhalt und Arbeitsgelegenheit finden.
Allerdings lagen nicht in allen Länder die Verhältnisse gleich günstig.
Vor allem Italien und Japan hatten auch in dieser Zeit besondere
Schwierigkeiten,‘ dem Volkswachstum im eigenen Lande die erforderlichen
 Lebensmöglichkeiten zu beschaffen. Aber im großen
und ganzen wird man doch sagen dürfen, daß in den beiden
letzten Jahrzehnten vor dem Kriege so ziemlich überall der Nahrungsspielraum
 stärker als die Volkszahl zugenommen hat. Freilich
zeigten sich schon vor dem Weltkriege gewisse Ansätze, die dem
aufmerksamen Beobachter andeuteten, daß sich in dieser Hinsicht
ungünstige Tendenzen anbahnten. Diese Ansätze sind jedoch bis
zum Weltkrieg noch nicht zum offensichtlichen Durchbruch gekommen.
 Womit diese Tendenzen zusammenhingen, wird noch an
anderer Stelle zu besprechen sein.
        <pb n="202" />
        7- Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 195

Der. Weltkrieg hat mit seinen Nachwirkungen diese zunächst
günstige Entwicklung jäh unterbrochen und hauptsächlich Europa
stark in seiner wirtschaftlichen Entwicklung zurückgeworfen. Es
handelt sich hier um eine Entwicklung, die nach manchen Richtungen
hin wenigstens Ähnlichkeiten mit den Zuständen nach den napoleonischen
 Kriegen aufweist. Der Rückgang der Lebenshaltung, die
großen Arbeitslosenzahlen, sind die deutlichsten Symptome dafür.
Gleichgewichtsstörungen zwischen Volkszahl und Nahrungsspielraum
können nicht nur eintreten, wenn die erstere schneller steigt als der
letztere, die gleichen Spannungsverhältnisse zwischen den beiden
Größen können auch dann entstehen, wenn bei gleichbleibender
Volkszahl der Nahrungsspielraum eines Landes zurückgeht oder bei
sinkender Volkszahl dieser eine noch stärkere Abnahme erfährt DV.

Siebentes Kapitel.
Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus
bis zur Gegenwart.
Wir haben oben gesehen, in welchem Maße man die so düstere
Bevölkerungslehre von Malthus aus den besonderen sozialen und
wirtschaftlichen Zuständen seiner Zeit heraus erklären und verstehen
 muß. Das gleiche gilt auch in hohem Maße für. die Anschauungen,
 denen wir in der Folgezeit begegnen. Darin liegt auch
der Grund, weshalb es zweckmäßig erschien, vor der Darstellung
dieser Anschauungen die Gestaltung der Beziehungen zwischen
Wirtschaft und Bevölkerung im 19. Jahrhundert selbst kennen zu
lernen. Denn auch in dieser Zeit waren die Anschauungen, wie
nicht anders denkbar, in hohem Maße durch die Tatsachen beeinflußt.
 Freilich ist das keineswegs immer und überall der Fall
gewesen. Daß es geborene Optimisten und geborene Pessimisten
gibt, zeigt sich vielleicht nirgends so deutlich, als angesichts des
Bevölkerungsproblemes. Auch hier gilt der Ausspruch Nietzsches:
„Der Mensch findet zuletzt in den Dingen nichts wieder, als was
er selbst in sie hineingesteckt hat.“ Aber auch damit sind
keineswegs alle Gegensätze erklärt, denen wir in den Anschauungen
über dieses Problem begegnen. Wir werden sehen, daß man auch
von ganz verschiedenen Gesichtspunkten aus an das Bevölkerungs-1)

 Genauer darüber Mombert, Übervölkerungserscheinungen in Westeuropa,
Schr. f. Ver. f. Sp., Bd. 172, 1926. — Derselbe, Bevölkerungsproblem u. Bevölkerungstheorie
 im Lichte d. Weltkriegs, in: Die Wirtschaftswissenschaft nach d.
Kriege, Festgabe f. L. Brentano, 1925, Bd. 2.
        <pb n="203" />
        ‚96

Erster geschichtlicher Teil

problem herangetreten ist. Es hängt das besonders damit zusammen,
daß die Faktoren, die auf die Größenverhältnisse, von Bevölkerung und
Wirtschaft einwirken, selbst verschiedenartig sind. Neben einer rein
aaturalistischen Betrachtung ist auch eine gesellschaftliche Betrachtung
möglich, um nur einstweilen auf diese Gegensätze hinzuweisen.
Il. Die Vertreter einer pessimistischen Anschauung.

Zunächst hat die Lehre von Malthus allenthalben warme Anhänger
 gefunden. Wir haben auch gesehen, in welchem Maße
seine Lehren in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts die Gesetzgebung
 beeinflußt haben. Freilich besteht unter den Anhängern der
Malthus’schen Lehre keine Gleichartigkeit in den Anschauungen über
den Grundcharakter des Problems selbst. Es ist oben schon auf
die Unterscheidung hingewiesen worden, die Oppenheimer hervorgehoben
 hat, daß „heute etwas als Malthus’sche Theorie gilt, was
ihr nur äußerlich ähnlich, im Kern aber ihr entgegengesetzt ist“ 2).
Der Grundgedanke von Malthus ist ja der, daß die Bevölkerung
die beständige Tendenz hat, sich über die Menge der Nahrungsmittel
hinaus zu vermehren und daß es allein die repressiven Hemmnisse
sind, welche diese Tendenz nicht zur Geltung kommen lassen.
Nach seiner Lehre hat das Bevölkerungsgesetz dauernde Geltung
für die ganze menschliche Geschichte. Sein Werk beginnt auch
mit den Sätzen, daß es seine Aufgabe sei 1. die Ursachen zu erforschen,
 die bisher den Fortschritt des Menschengeschlechts zum
Glück verhindert haben und 2. die Wahrscheinlichkeit der gänzlichen
 oder teilweisen Entfernung dieser Ursachen für ‘die Zukunft
zu prüfen. Der gleiche Gedanke wird von Malthus immer und
immer wieder ausgesprochen ?)., „Diese Tendenz hat beständig die
Wirkung, die niederen Gesellschaftsklassen der Not zu unterwerfen
und eine große dauernde Verbesserung ihrer Lage zu verhindern.“
„Die beständige Tendenz zur Bevölkerungsvermehrung ... vermehrt
die Volkszahl, bevor die Unterhaltsmittel vermehrt sind“ 3). In seiner
Polemik gegen Condorcet sagt Malthus, „wenn das Verhältnis
zwischen der natürlichen Zunahme der Bevölkerung und der
Nahrungsmittel . .. irgendwie der Wahrheit nahekommt, so scheint
im Gegenteil die Periode, wo die Zahl der Menschen ihre Mittel zu
bequemer Subsistenz überschreitet, schon seit langer Zeit eingetreten
zu sein; und diese notwendige Schwankung, diese stets vorhandene

') F. Oppenheimer, Das Bevölkerungsgesetz, a. a. O., S. 66 ff.
? Malthus, a. a O,, S. I.
3 Malthus, a. a. OS. 16.
        <pb n="204" />
        7- Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 197

Ursache periodischen Elends hat in den meisten Ländern bestanden,
solange wir die Geschichte des Menschengeschlechts zurückverfolgen
können und besteht noch heutigen Tages“ ?).
Oppenheimer hat demnach vollkommen recht, wenn er
hervorgehoben hat, es könne kein Zweifel darüber bestehen, „daß
Malthus sein Bevölkerungsgesetz nicht als solches aufgefaßt haben
wollte, welches in irgendeiner nahen oder fernen Zukunft in Wirksamkeit
 treten würde, sondern als ein solches, welches das soziale
Zusammenleben der Menschheit auf jeder ihrer Stufen beherrscht
und beherrschen wird; daß es sich nicht um eine historische Kategotie,
 sondern um ein immanentes soziales Gesetz handelt oder noch
besser, um jedes Mißverständnis auszuschließen, um ein Naturgesetz“ ?).
Wenn Malthus davon spricht, daß die Volkszahl die Tendenz habe,
über die Menge der vorhandenen Lebensmittel hinauszuwachsen, so
meint er damit nicht, daß beide Größen sich in einer Richtung entwickeln,
 daß dieses Mißverhältnis in einer mehr oder weniger fernen
Zukunft einmal eintreten würde, sondern er gebraucht das Wort
„Tendenz“ in dem Sinne, daß er damit eine dauernd wirksame
Kraft bezeichnet und ‚hiermit die Tatsache ausdrückt, daß die Volkszahl
 dauernd bestrebt ist, über die Menge der vorhandenen
Nahrungsmittel hinauszuwachsen.
Freilich finden sich auch Stellen bei Malthus, der bekanntlich
nichts weniger als ein scharfer Denker war, die mit dieser Auffassung
 in Widerspruch stehen. Das gilt nicht nur von seinem
„Bevölkerungsgesetz“, sondern auch von seinen anderen Schriften.
In seinen „Grundsätzen der politischen Ükonomie“ wies er einmal
darauf hin, daß in der Zeit von 1720—1750 die Weizenpreise ge-‘allen
 und die Löhne gestiegen seien,. ohne daß eine Volksvermehrung
stattgefunden hätte: „Diese große Zunahme der Fähigkeit, das Hauptnahrungsmittel
 zu kaufen, führte trotzdem nicht zu einer entsprechenden
 Volksvermehrung. Die. englische Bevölkerung lebte damals
unter einer guten Regierung und genoß alle Segnungen der bürgerlichen
 und politischen Freiheit in ungewöhnlichem Maße. Die niederen
Volksschichten sahen sich sowohl von den Gesetzen geschützt, als
von den höheren Klassen geachtet und hatten daher gelernt, sich
selbst zu achten. Die Folge davon war, daß der erhöhte Getreidelohn,
 anstatt ausschließlich eine Zunahme der Bevölkerung zu beı)

 Malthus, a. a, O., S. 413.
? Oppenheimer, a. a, O,, 5. 8,
        <pb n="205" />
        198

Erster geschichtlicher Teil

wirken, zu einer entschiedenen Hebung der Lebenshaltung verwendet
 wurde“ 7).
Man hat schon früh trotz dieser Widersprüche diese stringente
Form des Malthus’schen Bevölkerungsgesetzes erkannt, und zahlreiche
Männer haben sich nach Malthus auf den gleichen Standpunkt
gestellt. Andere haben jedoch — und das war wohl die Mehrzahl
— diese strenge naturgesetzliche Formulierung abgelehnt und die
Meinung vertreten, daß kein dauernder Druck der Volkszahl auf
den Nahrungsspielraum vorhanden sei, sondern daß es sich bei dem
Bevölkerungsproblem nur um eine zukünftige Gefahr handle.
Freilich haben sie dabei den wesentlichen Inhalt des Bevölkerungsgesetzes
 von Malthus aufgegeben. Das gilt allerdings nicht von
allen. J. St. Mill z. B. hat sich restlos auf den Boden dieser Lehre
gestellt, als er ausführte: „Welche Ursachen es auch immer sein
mögen, wodurch die Bevölkerung irgendwie auf einem verhältnismäßig
 niedrigen Maß der Zunahme gehalten wird, es bleibt dahinter
stets eine ungeheure Kraft zurück, bereit, in Wirksamkeit zu treten,
sobald der Druck, der sie hemmt, abgenommen hat. Verbesserungen
in der Lage der arbeitenden Klassen tun selten mehr, als daß sie
einen temporären Spielraum verschaffen, der jedoch durch ein Anwachsen
 ihrer Zahl schnell wieder ausgefüllt wird ?).
Schon vor Mill hat sich Ricardo vollkommen auf den Boden
der Malthus’schen Lehren gestellt und sie zur Grundlage seines ganzen
Systems gemacht. Zn Beginn des 32. Kapitels seiner „Grundsätze“
sagt er: „Ich bin so glücklich, eine Gelegenheit zu haben, um meine
Bewunderung über Malthus’ Versuch über Bevölkerung auszudrücken.
Die Angriffe der Gegner dieses großen Werkes haben bloß dazu
zedient, seine Tüchtigkeit zu beweisen; und ich bin überzeugt, daß
sein gerechter Ruhm mit der Ausbildung der Wissenschaft wachsen
wird, für welche es eine ausnehmende Zierde ist‘. Auch Ricardo
hat die Armengesetze bekämpft und hat betont, daß jeder, der
2s mit den Armen gut meine, die Abschaffung dieser Gesetze sehnlichst
 herbeiwünschen müsse: „Es ist eine Wahrheit, welche über
jeden Zweifel erhaben ist, daß Behagen und Wohlergehen der Armen
auf die Dauer nicht gesichert werden können, wenn sie nicht aus
eigenem Antriebe oder unter dem Druck der Gesetzgebung das
Anwachsen der Zahlen regulieren und frühe und unüberlegte Heiraten
untereinander vermeiden. Das System der Armengesetze hat dem

x

i) Grundsätze der politischen Ökonomie, Deutsch 1910, 5. 310. .
®) Grundsätze der politischen Ökonomie. Übers. von Soetbeer, 1869, Bd, ı
167.
        <pb n="206" />
        ; rn
7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 199

gerade entgegengewirkt“!). Baut sich doch auch Ricardos so
düstere Verteilungslehre auf diesem Bevölkerungsgesetz auf.
Zunächst entwickelt sich auf dieser Grundlage seine Rententheorie;
denn wenn die Volkszahl zunimmt, so müssen, in der langen Linie
gesehen, nach dem Bodengesetz die Produktionskosten beim Landbau
steigen. Damit muß der Profit zurückgehen und mit fortschreitender
Entwicklung kann man die erforderliche größere Menge an Nahrungsmitteln
 nur durch Hingabe von immer mehr Arbeit erlangen. Bei
einer Bevölkerung jedoch, „die gegen die Subsistenzmittel preßt, liegt
das einzige Heilmittel entweder in einer Volksverminderung oder in
einer schnelleren Kapitalansammlung“. „In dem Maße, wie solche
Länder an Bevölkerung zunehmen und Böden von geringerer Qualität
bebaut werden, nimmt die Tendenz der Kapitalvermehrung ab.
Denn der Ertragsüberschuß, welcher nach Befriedigung der Bedürfnisse
 der vorhandenen Bevölkerung übrig bleibt, muß notwendigerweise
 im Verhältnis zur Leichtigkeit der Produktion, 'd. h. zur kleineren
Anzahl der bei der Produktion beschäftigten Personen stehen. Obgleich
 es also wahrscheinlich ist, daß die Produktivität unter den
günstigsten Verhältnissen immer noch größer ist als die Bevölkerungsvermehrung,
 so wird das doch nicht lange so bleiben. Denn da
der Boden an Qualität beschränkt ist, so wird bei jeder weiteren,
auf ihn verwandten Kapitalquote eine geringere Produktenmasse
erzeugt werden, während die Intensität des Bevölkerungszuwachses
stets dieselbe bleibt“ 2).
Die späteren sogenannten Anhänger von Malthus, vor
allem auch in Deutschland, haben seine Lehre in der Regel in einem
anderen Sinne aufgefaßt. Der für Malthus wesentliche Gedanke
sines steten Pressens der Bevölkerung gegen den Nahrungsspielraum
verschwindet hinter der Auffassung, daß man es bei dem Problem
der Übervölkerung nur mit einer kommenden, einer späterhin drohenden
 Gefahr zu tun habe: „prophetischer Malthusianismus“,
wie Oppenheimer diese Spielart genannt hat. Vielfach hat man
dabei gar nicht gesehen, daß es sich hierbei um ein ganz anderes
Problem handelt, als wie es Malthus vorschwebte.
Schon in J. G. Hoffmanns berühmter Abhandlung „Über die
Besorgnis, welche die Zunahme der Bevölkerung erregt“, begegnen
wir dieser unrichtigen Auffassung der Malthus’schen Lehre, wenn er
meint: „Bei den von Malthus angenommenen Verhältnissen zwischen

I) Grundsätze d. Volkswirtschaft u. Besteuerung, Deutsch 1905, S. 96,
3) Ricardo, a. a, O., S. 87/89.
        <pb n="207" />
        200
der Zunahme der Bevölkerung und den Unterhaltsmitteln müßte
hiernach notwendig in einer nicht sehr fernen Zeit ein Zustand eintreten,
 worin der Erwerb des unentbehrlichen Unterhalts immer
schwerer und der Mangel so drückend würde, daß ...“*) R.ıvon
Mohl spricht zwar von einem „Naturgesetz der Bevölkerung“ und
scheint sich damit durchaus auf dem Boden der Malthus’schen Lehre
zu bewegen, er faßt aber dann doch die Ergebnisse ‚seiner Überlegungen
 in den Satz zusammen: „Allein so viel kann mit der größten
Bestimmtheit behauptet werden, daß für jedes dichtbevölkerte Land
eine Zeit kommt, in welcher eine weitere Steigerung der Lebensmittelmasse
 gar nicht mehr, oder nur in sehr unbedeutendem Maße,
d. h. also in sehr langen Zeitabschnitten möglich ist“?). Er hat
Malthus durchaus mißverstanden, wenn er meint, daß sich als
Ergebnis „der natürlichen Gesetze“ herausstellt, daß zwar in einigen
Ausnahmefällen „ein Mißverhältnis von Menschenmenge und Lebensmitteln
 nicht besteht und zunächst auch nicht droht; dagegen aber
in der Regel ... die Bevölkerung eine Neigung zur Übervölkerung
hat“. W. Roscher scheint zwar zunächst auch auf dem gleichen
Boden wie Malthus zu stehen, wenn er schreibt: „Daß eine Vermehrung
 der Unterhaltsmittel regelmäßig eine Volksvermehrung
nach sich zieht“ 3), Er bewegt sich dagegen auf einem ganz anderen
Boden und widerspricht sich, wenn er sagt, daß Übervölkerung in
der Regel heilbar sei „durch Erweiterung des Unterhaltsspielraumes
auf dem Wege, entweder des Kulturfortschrittes im Innern oder aber
der Auswanderung. Es ist namentlich ein überaus fernliegender
Gedanke, wie der Erdkreis im ganzen je unheilbar übervölkert sein
könnte‘“*). Nicht nur, daß Roscher hier von der künftigen Gefahr
einer Übervölkerung spricht, es ist auch nicht ganz folgerichtig, wenn
er sagt, daß eine Vermehrung der Unterhaltsmittel regelmäßig eine
Volksvermehrung nach sich zieht, daß jedoch die Klagen über Übervölkerung
 nur ein Ausdruck der Trägheit seien, „welche den Druck
der Volksvermehrung empfindet, ohne sich dadurch zur Vermehrung
der Unterhaltsmittel spornen und helfen zu lassen“ ®). Auch A. Schäffle
hat das Problem nur in einer kommenden Übervölkerungsgefahr erblickt
 ®, wenn sich bei ihm doch wieder, obgleich nicht immer

Erster geschichtlicher Teil

') Sammlung kleinerer Schriften, 1843, S. 42.
?) R. v. Mohl, Die Polizeiwissenschaft, 3. Aufl,, Bd. I, S. 111/112.
9) Grundlagen d. Nationalökonomie, 17. Aufl., 1883, S. 621.
*) a. a. O,, S. 679.
5) a. a. O,, S. 678.
?) Das gesellschaftliche System d. menschlichen Wirtschaft, 3. Aufl., 1873, S. 566.
        <pb n="208" />
        7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 201

konsequent, starke Anklänge an die Form des Bevölkerungsgesetzes
vorfinden, wie es Malthus vertreten hat. „So lange überhaupt ein
Mißverhältnis zwischen der Bevölkerungsbewegung und der fruchtbaren
 Entwicklung der sozialen Produktion vorhanden ist oder immer
aufs Neue sich einstellt — so lange ist soziale Reform unmöglich,
so lange muß im Gesellschaftsverein ein Vernichtungskampf zwischen
den Menschen, ähnlich demjenigen im Naturverein zwischen den
Tieren und den Pflanzen geführt werden . . .“*).
Derjenige deutsche Schriftsteller, der in dieser Zeit in bevölkerungst*heoretischer
 Hinsicht in Deutschland den stärksten Einfluß ausgeübt
hat, war G. Rümelin. In seinem einflußreichen Aufsatz „Über die
Malthus’schen Lehren“?) hat er von den Sätzen von Malthus gesagt,
 sie seien „ebenso anfechtbar in ihrer statistischen und psychologischen
 Begründung im Einzelnen, als unumstößlich und von einleuchtendster
 Wahrheit im Ganzen“. Das wesentlichste Verdienst
dieser Arbeit besteht in dem Nachweis, daß Malthus einem statistischen
 Irrtum zum Opfer gefallen ist, als er die Verdoppelungsperiode
 einer Volkszahl mit 25 Jahren angenommen hat. Rümelin
hat durchaus gesehen, was Malthus gewollt hat. Hat er doch von
dessen Lehre gesagt: „daß die Gesellschaft die Tendenz habe, jede
Steigerung ihrer wirtschaftlichen Mittel mit einer entsprechenden
Vermehrung der Bevölkerung zu begleiten“. Rümelin hat jedoch
nicht gesehen, daß es etwas ganz anderes bedeutet, wenn er selbst
meinte, daß auch bei dem mäßigen Jahreszuwachs von 1% die
Volkszahl Deutschlands in zwei Jahrhunderten so sehr anwachsen
werde, daß damit ganz unmögliche Verhältnisse entstehen müßten.
In einer anderen Abhandlung „Zur Übervölkerungsfrage“?) die in
den Jahren 1878—81 erschienen ist, steht Rümelin durchaus unter
dem Einfluß der ungünstigen wirtschaftlichen Lage in Deutschland,
die damals vornehmlich als Folge der großen Wirtschaftskrise herrschte,
Zuständen, von denen oben bereits die Rede gewesen ist. „Ich
habe“, so sagt er, „die Überzeugung, daß Deutschland sich in diesem
Stadium der Übervölkerung befindet, daß es keine schwerer wiegende,
in-alle politischen und sozialen Verhältnisse der Gegenwart und Zukunft
 eingreifende Tatsache gibt, daß fast alle Klagen und Bestrebungen,
 die uns jetzt beschäftigen, ein ganz anderes Aussehen gewinnen,
 wenn sie unter diesen Gesichtspunkt gestellt werden“. Rümelin
 geht von dem damaligen Darniederliegen der deutschen

1) A. Schäffle, Kapitalismus u. Sozialismus, 1870, S. 706.
2).„Reden und Aufsätze“, 1875.
3} „Reden und Aufsätze“, N. F., 1881.
        <pb n="209" />
        202
Volkswirtschaft, von der damaligen Übersetzung einzelner Berufe und
Erwerbszweige aus, um diese Erscheinungen auf eine vorhandene
Übervölkefung zurückzuführen. Er lehnt es ab, dafür eine vorhandene
Krise oder Depression zur Erklärung heranzuziehen. Ganz abgesehen
davon, daß darin, wie die Entwicklung der folgenden Jahre zeigte,
ein schwerer Irrtum lag, hat man Rümelin gegenüber auch schon
mit Recht hervorgehoben, er habe den Beweis dafür nicht erbracht,
daß die von ihm dargelegten ungünstigen wirtschaftlichen Zustände
 ihre Ursache in einer besonders starken Zunahme der Bevölkerung
 gehabt haben.
Bei Rümelin finden sich bereits starke Ansätze zu einer Anschauung,
 die später noch zu größerer Bedeutung gelangen sollte,
daß Deutschland immer weniger imstande sei, seinen Nahrungsmittelbedarf
 aus eigenem Boden zu gewinnen, und in seiner Versorgung
in steigendem Maße auf Zufuhren aus dem Ausland angewiesen sei.
Der Austausch von Rohstoffen gegen Fabrikate, die ausgeführt
werden, der aufsteigende Gegensatz von Agrar- und Industriestaat,
 wird von Rümelin gerade unter dem Gesichtspunkt von
Volkszahl und Nahrungsspielraum höchst ungünstig beurteilt. „Das
Nahrungsmittel exportierende Land wird selbst dichter bevölkert
werden und geringere Überschüsse für Fremde haben, während bei
diesem der Bedarf stetig anwachsen muß; ebenso wird es im gleichen
Verhältnis allmählig seine eigene Industrie weiter entwickeln und
damit den Import von Fabrikaten stetig mehr einschränken. Es
müssen durchaus unsichere, gespannte, im ewigen Wechsel begriffene
von fremdem Tun und Lassen abhängige Zustände entstehen“).
Einen ähnlichen Standpunkt wie Rümelin.nimmt A. Wagner
ein. Ihm haben wir in dieser Zeit die eingehendsten und gründlichsten
 Darlegungen über die Zusammenhänge von Bevölkerung
und Wirtschaft zu verdanken ?). Auch er stellt sich zunächst durchaus
 auf den gleichen Standpunkt wie Malthus, wenn er schreibt:
„Die große bleibende Bedeutung von Malthus liegt darin, daß er
jenen optimistischen Ansichten über den unbedingten Segen der
Volksvermehrung entgegentrat, die Kehrseite aufdeckte, den notwendigen
 Zusammenhang zwischen Volkszahl, Dichtigkeit, Vermehrung
 und Unterhalts-, speziell Nahrungsmitteln und deren Beschaffenheit
 und Vermehrung nachwies, die Gefahren aufzeigte,
welche notwendig aus einer Überholung der Nahrungsmittelver-Erster

 geschichtlicher Teil

* a. a. O., N. F., S. 589,
?) Grundlegung d. politischen Ökonomie, 3. Aufl., ı. Teil, 2. Halbbd., 1893,
4. Buch: Bevölkerung u. Volkswirtschaft, Agrar- u. Industriestaat, 2. Aufl., 1902.
        <pb n="210" />
        7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 203

mehrung durch die Bevölkerungsvermehrung hervorgehen müßten. . . .“
Diese Sätze sind in ihrem Kerne, der das sogenannte MalthuSs’-sche
 Bevölkerungsgesetz bildet, und in dem wahren Sinn, welchen
sie bei Malthus selbst haben, unumstößlich und von einleuchtendster,
in der Tat auch erfahrungsgemäß bestätigter Wahrheit“ ?). Freilich
hat A. Wagner schon in diesen Worten die rein naturalistische
Grundlage der Malthus’schen Lehre verlassen. Gerade aus diesem
Grunde ist ja für Malthus die Übervölkerung gewissermaßen ein
dauernder Zustand. Wagner wirft Malthus vor, daß er zu sehr
verallgemeinert habe und hebt ihm gegenüber vor allem hervor,
daß die Vermehrungstendenzen weit stärkeren örtlichen und zeitlichen
 Schwankungen unterliegen, als er angenommen hatte. Noch
weiter entfernt sich Wagner von der eigentlichen Malthus’schen
Bevölkerungslehre in späteren Arbeiten. Er hebt hier zwar hervor,
daß man bei günstigen Erwerbsverhältnissen eine stärkere Tendenz
der natürlichen Bevölkerungsvermehrung beobachten könne und er
betont noch ausdrücklich, „daß jede erhebliche Verbesserung der
Lebensverhältnisse sofort wieder der Volksvermehrung Vorschub
leiste“ %), Er entfernt sich dagegen von der eigentlichen MalthuSs’-schen
 Lehre, wenn er in der gleichen Schrift z. B. sagt: „Jedenfalls
vergegenwärtige ich mir... die Gefahr einer Übervölkerung‘ bei
so rascher Volksvermehrung“®). Noch deutlicher spricht er diesen
Gedanken einer künftigen drohenden Übervölkerung mit den folgenden
Worten aus: „Es sind mit einem Worte, eben auf einem gegebenen
Gebiete über kurz oder lang endgültige Grenzen für Volkszahl und
Dichtigkeit vorhanden“ 4). In seinem letzten Werke, seiner theoretischen
Sozialökonomik, hat er weiter ausgeführt: „Wird dieser Fassungs--aum
 und Dichte überschritten, so tritt auf dieser Stufe Übervölkerung
ein, eventuell auch bei sehr geringer Dichte“®). Es ist hier immer
von einer Gefahr der weiteren Volksvermehrung die Rede.
Noch viel ausgesprochener findet sich diese Abweichung von
der eigentlichen Malthus’schen Lehre bei G. Schmoller. Dieser
hebt hervor, daß das Verdienst von Malthus darin bestehe,
„daß er mit Nachdruck ünd wissenschaftlichen Beweisen den Zusammenhang
 der Menschenzahl mit der Ernährungsmöglichkeit betont
und die vorhandenen Grenzen der letzteren erläutert habe; aber

!) Grundlegung, a. a. O., S. 453-?)
 Agrar- und Industriestaat, S. 55.
3) a. a, O., S. 65.
4‘) a. a O0. S. 82.
5) Theoretische Sozialökonomik, ı. Abt., 1907, S. 8.
        <pb n="211" />
        204

Erster geschichtlicher Teil

seine Zahlenformeln sind falsch; und er stellt die sicher vorhandene
Vermehrungstendenz zu sehr als natürliche, absolute, stets vorhandene
hin, unterscheidet nicht genug die verschiedenen Wirtschaftszustände
und Möglichkeiten des Unterhalts und des Ausweges; er sieht, wie
viele seiner pessimistischen Anhänger, auch Zustände als Übervölkerung
 an, die mehr Folge von schlechter Einrichtung der Produktion
 und Verteilung der Güter, von technischer Rückständigkeit,
als zu großer Menschenzahl sind“*). Für Schmoller handelt es
sich bei dem Bevölkerungsproblem vor allem immer nur um die
Frage, wie die Bevölkerung stets wieder in Einklang zu bringen sei
mit den wirtschaftlichen Lebensbedingungen und er hat in sehr
lesenswerten Darlegungen gezeigt, daß es dieser Frage gegenüber
keine ein für allemal gültige Lösung gibt, daß vielmehr das Verhältnis
 von Volkszahl und Nahrungsspielraum im geschichtlichen
Entwicklungsprozeß der Völker immer wieder andere Formen angenommen
 hat und daß dementsprechend auch die Wünsche und
Ansichten über das Volkswachstum starken Schwankungen unterworfen
 gewesen sind.
Mit den bisherigen Darlegungen sollte kein erschöpfender Beitrag
 zur Geschichte der bevölkerungstheoretischen Anschauungen
zegeben werden. Es handelte sich lediglich darum, an einigen Beispielen
 zu zeigen, daß die pessimistischen Anschauungen dem
Bevölkerungsproblem gegenüber in einer doppelten Form aufgetreten
sind. Einmal die eigentlich Malthus’sche Theorie, die für alle
Stufen der menschlichen Wirtschaft gelten soll und dann „der prophetische
 Malthusianismus“ „Er unterscheidet sich aber“,
um mit Oppenheimer zu reden, „von der eigentlichen Malthus’-schen
 Theorie dadurch, daß dieses Mißverhältnis nicht die Regel
jeder Wirtschaftsgemeinschaft sein, sondern erst in irgendeiner Zukunft
zintreten soll?) Es ist ohne weiteres klar, daß zwischen beiden
Auffassungen ein ganz wesentlicher Unterschied vorhanden ist. Zum
Teil haben die Vertreter des prophetischen Malthusianismus diesen
Gegensatz überhaupt nicht erkannt oder doch nicht voll gewürdigt,
zum Teil haben sie ihn — wie Schmoller — deutlich gesehen
und haben bewußt die Malthus’sche Lehre nach dieser Richtung
hin zu korrigieren versucht. Man hat schon frühzeitig nicht nur
anter den Gegnern des Malthus, sondern auch in den Kreisen
derjenigen, die im Volkswachstum eine nicht abzuleuenende Gefahr

') G.-Schmoller, Grundriß d. allgemeinen Volkswirtschaftslehre, 1900, 5. 175,
23) Oppenheimer, a. a. O., S. 164, 168,
        <pb n="212" />
        7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 205

erblickten, vor allem an der naturalistischen, unhistorischen Formulierung
 des Malthus’schen Gesetzes Anstoß genommen und hat
auf die Faktoren hingewiesen, die — wie z. B. technischer Fortschritt
 oder gesellschaftliche Organisation — imstande seien, die
Wirkung des Bevölkerungsgesetzes zeitweilig aufzuheben oder hinauszuschieben.
 Damit näherte sich diese Auffassung in mancher Hinsicht
 schon derjenigen, die überhaupt den starken Einfluß des Naturmomentes
 auf das Verhältnis von Volkszahl und Nahrungsspielraum
ableugnete und die Meinung vertrat, daß es sich dabei um nichts
anderes als um eine Frage der sozialen Ordnung handle. Schon
A. Wagner hatte betont, „daß alle Fragen der volkswirtschaftlichen
Organisation und Rechtsordnung, insbesondere daher auch diejenigen
der Grundbesitz- und Kapitalverteilung, sowie der Einkommens- und
Vermögensverteilung überhaupt zugleich mit aus dem Gesichtspunkte
 des Bevölkerungswesens zu behandeln sind“?). Hier sei eine
ınbestreitbare Lücke in der Malthus’schen Bevölkerungslehre, auf
welche die sozialistische Kritik mit Recht hingewiesen habe. Aus
diesem Lager sind auch Malthus die schärfsten Gegner erwachsen.
Freilich waren es nicht die einzigen. Wir müssen uns zuvor der
Richtung zuwenden, die nicht aus einer Kritik der vorhandenen
Wirtschaftsordnung, sondern aus den ursprünglichen Gedankengängen
des Liberalismus heraus sich gegen die Malthus’sche Lehre
gewendet hat.
2. Die Vertreter einer optimistischen Anschauung.
a) Die liberale Gruppe. — Der ökonomische Liberalismus,
zu dessen Vertretern ja auch Malthus gehörte, war von Hause
aus, es sei nur auf A. Smith verwiesen, durchaus optimistisch gestimmt.
 Von teleologischen Gesichtspunkten ausgehend, nahmen
die Vertreter dieser Richtung an, daß eine göttliche Ordnung die
ganze Welt leite und daß in einer So planvollen Weltordnung alles
zur harmonischen Gestaltung kommen müsse, wenn nur die Menschen
in ihrem wirtschaftlichen Handeln frei seien. Mit der Lehre von
Malthus war in diesen Anschauungskreis ein durch und durch
pessimistischer Grundgedanke hineingetragen worden, den dann
Ricardo zur Grundlage seines ganzen Systems gemacht hat. Mit
seinem System war die Problemstellung, die ganz aus den Zeitverhältnissen
 zu erklären ist, eine ganz andersartige geworden. An
die Stelle des Produktionsproblems, der Frage, wie der Gesamtwohlstand
 am meisten gefördert werden könne, trat mit Ricardo das

1) Grundlegung, a. a. O., S. 461.
        <pb n="213" />
        206 ‘ Erster geschichtlicher Teil

Problem, von welchen Gesetzen die Güterverteilung in einem Lande
bestimmt werde. Die Ergebnisse, zu denen Malthus und Ricardo
gekommen waren, widersprachen durchaus dem Gedanken an eine
prästabilierte Harmonie, der zu: den wesentlichen Bestandteilen
 der liberalen Auffassung gehörte. Es zeigten sich jedoch bald
Kräfte, die an diesem alten Grundgedanken festhielten und sich von
da aus gegen die Malthus’sche Lehre wendeten; denn ehe diese
Lehre mit Erfolg bekämpft war, konnte der alte Gedanke des
Liberalismus, daß sich bei wirtschaftlicher Freiheit eine volle Harmonie
im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben entwickeln müsse,
nicht mit Erfolg vertreten werden.
Wenn diese Gegner von Malthus, wie wir noch sehen
werden, an der alten naturalistischen Grundlage des Öökonomischen
 Liberalismus, die ja auch ein wesentliches Merkmal der
Malthus’schen Lehre war, festhielten, so mußten sich gegen: diese
Grundlage diejenigen Richtungen wenden, die man trotz aller dabei
vorhandenen Gegensätze mit einem zusammenfassenden Ausdruck
als Sozialreformer bezeichnen kann. Denn sie hatten alle —
wenn auch in verschiedenem Ausmaße — die Anschauung gemein,
daß Not und Elend ihre Ursachen in Fehlern der vorhandenen
gesellschaftlichen Ordnung’ hätten und daß man nur diese ändern
müsse, wenn man die Mißstände beseitigen wolle... War doch schon
aus diesem Gegensatz heraus der Meinungsstreit zwischen Godwin
und Malthus hervorgegangen. Wenn Malthus Recht hat, wenn
Naturtatsachen, die Knappheit der Bodenerträge, letzten Endes die
Schuld ‚an der sozialen Notlage ‚tragen, dann kann man diese nicht
mit Erfolg durch eine Änderung in der sozialen Organisation bekämpfen.
 Aus diesem Grunde heraus mußten die meisten Sozialreformer,
 die ihr Ziel in einer Änderung der gesellschaftlichen Ordnung
erblickten, zu grundsätzlichen Gegnern der Malthus’schen Lehre
werden. Manche von ihnen haben sich dabei eingehend und zielbewußt
 mit Malthus auseinandergesetzt. Andere‘ sind jedoch
— wie hauptsächlich die Romantiker — anidem von Malthus
aufgeworfenen Problem mehr oder weniger achtlos vorübergegangen.
Die Anschauung einer dritten Gruppe von Gegnern trägt einen
mehr historisch-relativistischen Charakter. Die Anhänger dieser Gruppe
gehen weniger von grundsätzlichen Gesichtspunkten, als. von der
Beobachtung der tatsächlichen Entwicklung aus; sie bekämpfen in erster
Linie den naturalistischen, naturgesetzlichen Charakter der Malthus’-schen
 Lehre. Sie wenden sich vor allem auch’deshalb gegen Malthus
ınd haben das mit manchen Vertretern der liberalen Auffassung
        <pb n="214" />
        7- Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 207

gemeinsam, weil gerade die Volkszunahme eine starke Triebfeder
alles wirtschaftlichen Fortschrittes sei und weil die Geschichte zeige,
daß es der Menschheit auf diesem Wege immer wieder gelungen
sei, den Nahrungsspielraum der gestiegenen Volkszahl anzupassen.
Im folgenden sind diese verschiedenen Richtungen etwas eingehender
zu betrachten.
Man bezeichnet die Gegner der Malthu s’schen Lehre, besonders
diejenigen, die aus dem liberalen Lager stammen, als die Optimisten?),
 Diese Bezeichnung ist durchaus zutreffend, nur darf
man dabei nicht übersehen, daß dieser Optimismus keineswegs bei
allen Vertretern dieser Richtung gleichmäßig begründet ist, sondern
techt verschiedene Ausgangspunkte hat. Die Heimat der optimistischen
 Richtung ist England. Die meisten der hier zuerst auftretenden
 Gegner von Malthus gehen von den primitiven, individualistischen
 Ideen des 18. Jahrhunderts aus, wobei sich aber doch
bei manchen von ihnen recht beachtenswerte Einblicke in die Zusammenhänge
 von Bevölkerung und Wirtschaft zeigen.
Schon der erste der hierher gehörigen Schriftsteller, J. Grahame ?),
geht von dem Gedanken einer prästabilierten Harmonie aus. Er
betont immer wieder, daß das Volkswachstum die treibende Kraft
für die wirtschaftliche Entwicklung sei. „Aber es ist nicht die
Nahrung, welche diejenigen schafft, welche sie konsumieren sollen, es
sind vielmehr die Konsumenten, welche diese schaffen oder doch
wenigstens bei ihrer Hervorbringung mitwirken“?%). „Je mehr die
Zahl der Arbeiter anwächst, desto mehr wird die Arbeitsteilung
und Arbeitsverbesserung gefördert, wird der Wettbewerb angeregt,
Qualitätsarbeit erreicht und werden vorhandene Möglichkeiten erweitert“
 4). Dieser Gedanke, daß das Volkswachstum die Güterproduktion
 entsprechend fördert, daß es also kein Zuviel an Menschen
geben kann, ist der Kernpunkt fast aller der Auffassungen, die gegen
Malthus jetzt ins Feld geführt werden und die .an einem
harmonischen Zustand der Verhältnisse von Bevölkerung und Wirtschaft
 festhalten, Schon vor Grahame hatte G. Gray einen
analogen Standpunkt vertreten®). Einem Zuwachs an Menschen
1) Vgl. dazu Elster, a. a. O., S. 781. — Gonnard, a. a. O. — R. v. Mohl,
Die Geschichte u. Literatur d. Staatswissenschaften, 1858, Bd. 3, S. 490ff0. — ' Ferner
U. Schian,: Die englischen Ootimisten in ihren Bevölkerungstheorien, Diss,,
Gießen 1926,
?) An inquiry into the principle of population, Edinburgh 1816. ;
3) a. a, O., S. 276
+) aa. O., S. 277.
&amp;gt;) G. Gray, The happiness of states... 1815. — Seine späteren Schriften
        <pb n="215" />
        208 Erster geschichtlicher Teil ;

entspreche auch immer eine Zunahme der Güterproduktion. Wenn
auch bei Weyland!) der gleiche Gedanke im Mittelpunkt seines
umfangreichen Werkes steht, so ist doch bei ihm die Begründung
etwas tiefer. Bei ihm findet sich der für diese ganze optimistische
Richtung besonders wichtige Glaube an den steten Fortschritt der
Menschheit, der hauptsächlich auf moralischem Gebiet zur Geltung
kommen müsse. Es ist kein Zweifel, daß gerade dieser z. T. tief
religiös fundamentierte Glaube an den steten Fortschritt der Menschen
bei all diesen Männern den Ausgangspunkt ihres Optimismus gebildet
 hat. Auch A. H. Everett”*) betont immer wieder, daß das
Volkswachstum den menschlichen Fortschritt beschleunige; er hat
in erster Linie der gesellschaftlichen Organisation für das Bevölkerungsproblem
 eine große Bedeutung zuerkannt. Er dringt wesentlich
tiefer in die Zusammenhänge ein als die eben behandelten Schriftsteller.
 Er erkennt auch das Gesetz vom sinkenden Bodenertrag
als richtig an. Er mißt ihm freilich keine ausschlaggebende Bedeutung
 zu, weil er meint, daß die Wirkung dieses Gesetzes immer
wieder durch technische und wirtschaftliche Fortschritte überkompensiert
 werde. Damit hat er bereits einen Gedanken angeschnitten,
 der später noch zu weit größerer Bedeutung gelangen
sollte. Der bekannteste Gegner der Malthus’schen Bevölkerungslehre
 dieser Richtung war damals wohl M. Th. Sadler®, der sich
in einem sehr umfangreichen, aber keineswegs klaren Werke mit
Malthus auseinandergesetzt hat. Er geht dabei durchaus empirisch
vor und sein Hauptargument gegen Malthus gipfelt in dem Satze, daß
die Fruchtbarkeit des menschlichen Geschlechts um so geringer
werde, je mehr die Zahl der Menschen zunehme und ihre Dichte
größer werde. Er sucht das vor allem mit den Hinweis darauf zu
belegen, daß in den Städten die Fruchtbarkeit geringer sei als auf
dem Lande und daß mit steigender Volkszahl die Stadtbewohner
zu- und die Landbewohner abnehmen müßten.
Bei den folgenden Vertretern dieser Richtung findet sich eine
wesentlich vertieftere Betrachtung. A. Alison*) steht den Zuüber
 diese Fragen sind unter dem Pseudonym G. Purvus erschienen. Vgl. vor allem
Gray versus Malthus: The principles of population and production, London 1818.
‘) The principles of population and production ... London 1816.
* New ideas on population with remarks on the theories of Malthus and
Godwin, Boston 1823.
3) The law of population, London, 2 Bde., 1830.
*) The principles of population and their connection with human happiness,
London 1840.
        <pb n="216" />
        7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 209

sammenhängen viel realistischer gegenüber und vertritt Anschauungen,
 die sich in hohem Maße mit der neueren Gestaltung des
Volkswachstums decken. Er weist nämlich mit allem Nachdruck
darauf hin, daß mit fortschreitender Zivilisation immer mehr rationale
Erwägungen für die Geburtenhäufigkeit bestimmend würden und
deshalb damit zu rechnen sei, daß in Zukunft die Fruchtbarkeit viel
geringer sein werde. Er hat auch bereits darauf aufmerksam gemacht,
 daß für diese Beschränkung der Kinderzahl der Wunsch, auf
der sozialen Stufenleiter emporzusteigen, eine wesentliche. Rolle
spiele. Er hat auch noch auf zahlreiche andere Momente hingewiesen,
 die in Zukunft nach der gleichen Richtung hin wirksam
sein würden. Eine ähnliche Auffassung vertrat auch Senior; wenn
er die Möglichkeit einer Übervölkerung aus dem Grunde ausscheidet,
weil mit fortschreitender Zivilisation rationale Momente wirksam
würden, die einer zu starken Vermehrung der Bevölkerung entgegenwirken
 müßten *).
Die stärkste Ausprägung haben diese optimistischen Anschauungen
 bei dem Ametikaner H. Ch. Carey und dem Franzosen
F. Bastiat erfahren. Hier finden sich auch z. T. neue Argumente
gegenüber Malthus. Es sind bei Carey namentlich zwei Gedankenreihen,
 die ihn zu einem der schärfsten Gegner der Malthus’-schen
 Lehre gemacht haben. Einmal handelt es sich um seine
religiös deistische Einstellung, um den Glauben an eine prästabilierte
Harmonie, den er mit den eben besprochenen Schriftstellern gemein-3am
 hat. Er hat seinem Hauptwerk?) als Motto die Worte Keplers
vorausgehen lassen: „Das Weltgebäude ist ein harmonisches Ganze
und Gott ist dessen Seele, Er ist die höchste Harmonie und allen
Seelen hat er eine eigene innere Harmonie als sein Bild aufgedrückt.
Die Zahlen, die Figuren, die Gestirne, die Natur überhaupt, harmonieren
 mit den Geheimnissen der heiligen Religion.“ Mit einer
solchen Anschauung konnte sich freilich eine so pessimistische
Lehre, wie sie Malthus aufstellte, nicht vertragen. Aber abgesehen
davon müssen wir bei der. Beurteilung von Carey auch daran
denken, daß er damals in Amerika in Verhältnissen lebte, unter
denen eine Volksvermehrung die unentbehrliche Voraussetzung jedes
wirtschaftlichen Fortschrittes war, unter denen jeder neu hinzukommende
 Mensch eine relativ stärkere Ausnützung der natürlichen

') Two lectures on population, a, a, O,
?) Die Grundlagen der Sozialwissenschaft, 3 Bde., Deutsch 1863. — Vgl. dazu
auch J. Hanstein, Das Bevölkerungsproblem bei H. C. Carey, Fr. Bastiat u. F. List,
Diss., Gießen 1927.
Diehl-Mombert. Grundrisse. Bd. ıs.
        <pb n="217" />
        210

Erster geschichtlicher Teil

Kräfte des Landes ermöglichte. War doch A. Hamilton, der
große amerikanische Staatsmann am Ausgang des 18. Jahrhunderts,
vor allem auch deshalb für die Schaffung einer eigenen amerikanischen
 Industrie eingetreten, weil allein auf einer solchen Grundlage
 eine stärkere Einwanderung möglich war, die bei der damals
sehr dünnen Besiedelung des Bodens als besonders wichtig erschien.
Seine Hauptargumente gegen Malthus schöpft Carey aus
folgenden Überlegungen. Die Menschen besitzen verschiedene
Gaben und Fähigkeiten, sie ergänzen sich deshalb gegenseitig und
können einander helfen. Wenn aber diese „Associationskraft“, der
Carey eine besonders große Bedeutung beimißt, zu ihrer vollem
Entfaltung und Wirksamkeit kommen soll, dann müssen die Menschen
an Zahl zunehmen. Es kommt an dieser Stelle nicht darauf an,
genauer zu zeigen, in welcher Weise Carey Malthus mißverstanden,
auch seine Lehre entstellt hat. Das ist ja häufig genug von seiten
der Gegner der Malthus’schen Lehre geschehen. Es handelt sich vielmehr
 darum, den Kern der Carey’schen Lehre genauer kennen zu
lernen. Er überträgt seine deistische Auffassung von der Welt,
daß nach dem Willen des Schöpfers überall ein harmonischer Zustand
 herrschen solle, auch auf die Lehre von der Bevölkerung.
„Ist es möglich‘, sagt er, „daß der Schöpfer so sehr mit sich selbst
in Widerspruch geriet? Ist es möglich, daß er, nachdem er in der
ganzen materiellen Welt ein System eingerichtet hatte, dessen Teile
in der vollkommensten Harmonie untereinander stehen, daß er dann
den Menschen, den Herrn von Allem, Gesetzen unterworfen hat,
die eine allgemeine Disharmonie erzeugen müssen? Ist es möglich,
daß er, nachdem er den Menschen alle Eigenschaften verliehen hat,
die zur Ergreifung der Herrschaft über die Natur notwendig sind,
es auch in seinem Plane gelegen war, denselben Menschen Gesetzen
zu unterwerfen, kraft deren er Sklave der Natur werden muß“?!)
Aus zwei Erwägungen heraus verneint Carey diese Frage.
Das eine ist der Gedanke, der später noch in anderem Zusammenhang
 zu besprechen sein wird, daß der Grad der menschlichen
Fruchtbarkeit im umgekehrten Verhältnis zur Entwicklung des
Nervensystems variire. Die Reproduktionskraft der Menschen vermindert
 sich, „wenn seine verschiedenen Fähigkeiten zur Tätigkeit
angespornt, wenn die Beschäftigungen vervielfältigt werden, wenn
die Aktion der Gesellschaft rascher wird. wenn der Grund und

#4) Lehrbuch der Volkswirtschaft u. Sozialwissenschaft, Deutsch v. C. Adler,
‚8366, S. 590,
        <pb n="218" />
        * a » » © \
7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 211

Boden geteilt und der Mensch selbst freier wird“ *). Dieser Faktor‘
den Carey als das selbstregulierende Bevölkerungsgesetz bezeichnet,
muß immer wieder auf die Herstellung eines Gleichgewichts hinwirken.
 Wenn die Menschen sich vermehren sollen, so muß sich
auch ihr Nahrungsvorrat vermehren. „Soll sich aber der letztere vermehren,
 so müssen umgekehrt auch die Menschen an Zahl zunehmen;
denn nur durch die Mittel der Kombinationskraft wird der Mensch instand
gesetzt, die Kräfte der Erde zu beherrschen und zu leiten, und aus der
Lage eines Sklaven der Natur zu der ihres Gebieters überzugehen. Die
Bevölkerung bewirkt, daß man Nahrungsmittel von den fruchtbareren
Ländereien nimmt, unter steter Erhöhung der Arbeitserträge“ 2). Diese
Auffassung beruht auf seiner Anschauung, mit der er vor allem die
Ricardo’sche Differentialgrundrententheorie bekämpft, daß die
Menchen zuerst die schlechten, leichter bestellbaren Böden bebaut hätten
und dann erst mit wachsender Associationskraft zu den besseren
schwerer bestellbaren Böden übergegangen seien. „Je vollkommener
die Leichtigkeit der Association ist, desto größer ist ihre Kraft,
Forderungen an die Schatzkammer der Natur zu stellen und desto
größer ist die Quantität von Nahrungsmitteln und anderen Rohmaterialien,
 die für eine gegebene Arbeitsquantität gewonnen wird“ ®).
Für Carey bedeutet steigende Bevölkerung unter allen Umständen
eine entsprechende Vergrößerung des Nahrungsspielraumes. Als
eine Theorie des ewigen Fortschritts hat A. Held diese Bevölkerungslehre
 bezeichnet *).
Ähnliche Grundlagen wie die Bevölkerungslehre Careys hat
diejenige Bastiats, des geistigen Führers des Manchestertums,
der ja auch in einer gewissen Abhängigkeit zu Carey stand. Die
Manchesterschule ist diejenige Richtung des ökonomischen Denkens ®),
die wieder an die optimistischen Anschauungen von A. Smith anknüpft
 und die auch deshalb sich mit allem Nachdruck gegen das
Malthus’sche Bevölkerungsgesetz wendet. Bastiat, dessen Anschauungen
 über das Bevölkerungsproblem nicht ganz gleichartig sind,
will die Menschen auf ein trostreicheres Gesetz verweisen: „Unter
sonst gleichen Verhältnissen ist die wachsende Dichtigkeit der Bevölkerung
 gleichbedeutend mit einer zunehmenden Leichtigkeit der

1) Lehrbuch a, a, O., S. 612.
Na. a. OO, S. 617.
3 aa O0, S. 627.
') A. Held, Careys Sozialwissenschaft u. d. Merkantilsystem, 1866, S, 1.
”) Eingehender darüber Mombert, Geschichte der Nationalökonomie, S. 3309 ff

a
        <pb n="219" />
        Erster geschichtlicher Teil
Produktion“ *). Auch er erblickt im Volkswachstum ein wesentliches
Element allen Fortschritts. „Die Dichtigkeit der Bevölkerung bewirkt
 nicht allein, daß man aus dem Tauschzubehör mehr Nutzen
zieht, sie erleichtert auch dessen Erweiterung und Vervollkommnung.
Manche Verbesserung, die bei einer dichten Bevölkerung vorteilhaft
ist, weil sie da mehr Anstrengungen erspart, als erfordert, ist bei
einer dünnen Bevölkerung unausführbar, weil sie mehr Anstrengung
erfordern, als ersparen würde‘“?). Auch bei Bastiat findet sich der
Glaube an einen immerwährenden Fortschritt, ebenfalls auf durchaus
deistischer Grundlage mit stark naturalistischem Einschlag. Als
Resultat seiner Untersuchungen findet er: „Beständige Annäherung
aller Menschen an ein immerfort sich erhöhendes Niveau — mit
anderen Worten: Vervollkommnanung und Ausgleich — mit einem
Wort Harmonie“. „Das ist das schließliche Resultat der großen
Naturgesetze, wenn sie ungehindert walten, ohne auf Störungen zu
achten, welche sie durch den Irrtum und die Gewalt erleiden.
Beim Anblick dieser Harmonie können wir wohl, wie der Astronom
beim Anblick der Weltkörper oder der Physiologe bei der Betrachtung
 der menschlichen Organe, ausrufen: Hier ist der Finger
Gottes“ 3).
Aber nicht nur von der Seite des Nahrungsspielraumes, dessen
Ausdehnung für ihn durch das Volkswachstum bedingt ist, wendet
sich Bastiat gegen Malthus, er tut dies auch von der Seite des
Volkswachstums selbst aus. Er legt den vorbeugenden Hemmnissen
eine ganz. andere Bedeutung bei als Malthus dies getan hat.
Bastiat meint nämlich, daß die Menschen als intelligente Wesen
imstande seien, das Volkswachstum den Existenzmitteln anzupassen.
Schon J. B. Say, unter dessen starkem Einfluß Bastiat bekanntlich
stand, hatte gemeint: „Unter allen lebenden Wesen sieht allein der
Mensch die Folgen einer unüberlegten Vermehrung seiner Familie
vorher: er setzt ihr vorbeugend Grenzen“ *), Diese Ansicht vertritt
auch Bastiat, wenn er betont, daß für das Eintreten der vorbeugenden
 Hemmnisse nicht nur sittliche, sondern — weit wirkungsvoller
 — auch wirtschaftliche Motive maßgebend seien ®). Dies ist

212

1) Volkswirtschaftliche Harmonien, Deutsch 1850, S. 14. — Vgl. dazu auch
Leesen, F. Bastiat, 1904, 5. 127. u. Lourie€, Das Verhältnis der Manchesterrichtung
 zur klassischen Nationalökonomie, 1924, 5. 50ff.
?%) Harmonien, a. a. O., S. 110.
3) Harmonien, a. a. O,, S. 336.
4) Ausführliche Darstellung der Nationalökonomie, Deutsch v. Morstadt, 1830,
Bd. 2, S. 464.
5) Bastiat. Oeuvres, 4. ed. Paris 1860, Bd. 6, S. 466£.,
        <pb n="220" />
        7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 213

der gleiche Gedanke, den damals wohl am deutlichsten Thornton
ausgesprochen hat, wenn er meinte, daß bei der arbeitenden Klasse
durch eine Steigerung des Wohlstandes eine unüberwindliche Scheu
vor dem Hinabsteigen in schlechtere Verhältnisse entwickelt werden
müsse ?). Deshalb wendet sich Bastiat vor allem gegen Malthus,
weil dieser den positiven Hemmnissen gegenüber den vorbeugenden
eine viel zu große Bedeutung beigelegt habe.
Auch die übrigen Vertreter der Manchesterschule, hauptsächlich
auch in Deutschland, haben eine ähnliche Auffassung gehabt. M. Wirth?)
war der Meinung, daß der eine Faktor der Gütererzeugung „die Natur
mit ihren Stoffen und Kräften, den Boden eingerechnet, in unbegrenzter
 Fülle vorhanden“ sei. Hierbei läge also kein Problem vor.
„Die Arbeit“, so führt er weiter aus, „oder vielmehr die Arbeitskraft
vergrößert sich vollkommen in demselben Maße, wie die Bevölkerung.
Es fragt sich nur noch, ob das Kapital sich ebenso in geometrischer
Progression vermehren kann. Wenn dies der Fall ist, dann ist die
Möglichkeit gegeben, die Lebensmittel in der gleichen Weise zu
vervielfachen, wie die Menschen. Nun kann das Kapital bei dem
gegenwärtigen Standpunkt der Produktion der zivilisierten Länder
in zehn bis fünfundzwanzig Jahren leicht verdoppelt werden.“ Wirth
hat darin recht — es wird davon später noch eingehender die Rede
sein —, daß dem Kapitalvorrat und dem Umfang der Kapitalbildung
 eine wesentliche Rolle für die Größe des Nahrungsspielraumes
 zukommt. Er hat jedoch viel zu wenig Rücksicht darauf
genommen, daß die Gaben des Bodens wirtschaftlich nicht in beliebiger
 Menge zur Verfügung stehen und daß von dem Ertrag des
Bodens auch die Ergiebigkeit der menschlichen Arbeit und das Maß
der Kapitalneubildung in hohem Maße abhängt. Auf diesen Fehler
hat schon F. A. Lange hingewiesen, als er Wirth gegenüber bemerkte:
 „In der Tat könnte es keinem Vernünftigen einfallen, die
Vermehrung des Kapitals durch Zins und Zinseszins wirklich als
Maßstab der Vermehrung der Subsistenzmittel hinzustellen ... Daß
aber der Kapitalzins und die Vermehrung der Subsistenzmittel eines
Volkes ganz verschiedene Dinge sind, bedarf eigentlich nur einer
Erinnerung und keines Nachweises“ 3),
Hatte Malthus das Schwergewicht seiner Betrachtungen nur
auf die Gaben der Natur gelegt und darüber nicht genügend be-!

 W. Th. Thornton, Over-Population and its remedy, London 1846,
S. 384 ff.
?) Grundsätze der Nationalökonomie, 5. Aufl., 1881, 1. Bd., S, 503ff.
?) Die Arbeiterfrage, Neue Ausg., Berlin 1910, S. 56/57.
        <pb n="221" />
        214

Erster geschichtlicher Teil

achtet, daß die menschliche Arbeit, vor allem im Zusammenhang
mit den Fortschritten der Technik, imstande ist, die Menge der verfügbaren
 Subsistenzmittel immer wieder zu vergrößern, so verfällt
die liberale Schule in die entgegengesetzte Einseitigkeit, indem sie
die Bedeutung des Naturfaktors so gut wie ganz zurücktreten läßt
und allein Arbeit und- Kapital als Voraussetzungen der Erweiterung
des Nahrungsspielraumes ansieht.
b) Die entwicklungsgeschichtliche Betrachtung. —
Schon bei den verschiedenen Gegnern von Malthus, die wir bis
jetzt kennen gelernt haben, fand sich häufiger der Gedanke ausgesprochen,
 daß die Volkszunahme selbst eine Bedingung des wirtschaftlichen
 Fortschrittes sei. Auch Malthus hatte schon gesehen,
daß für ein einzelnes Land das Bevölkerungsproblem verschiedene
Formen annehmen kann, je nach der Wirtschaftsstufe, auf der sich
das betreffende Land befindet. In dem dritten Buche hat er die
Beziehungen zwischen Wirtschaft und Bevölkerung für die Stufe des
Agrikultursystems, des Handelssystems und für diejenigen‘ Länder
dargelegt, in denen Ackerbau und Gewerbe gleichzeitig blühen. Er
hat darauf hingewiesen, daß ein handeltreibendes Land eine immer
steigende Menge Getreide von anderen Völkern ‚kaufen und so eine
rasch zunehmende Bevölkerung ernähren kann, bis bei allen Völkern,
mit denen es Handel treibt, aller Grund und Boden kultiviert ist.
Er hat auch bereits hervorgehoben, daß ein solches Land hinsichtlich
des Wohlstandes seiner Bevölkerung fast ganz von dem zunehmenden
Wohlstand und Bedarf der Länder abhängig ist, mit denen es Handel
treibt und daß diese Grundlagen seines Wohlstandes gefährdet sind,
wenn die Länder, mit denen es Handel treibt, wegen des natürlichen
Fortschrittes sich eine eigene Industrie zu schaffen beginnen. Gesicherter
 sind seiner Lehre nach diejenigen Länder, die große Bodenhilfsquellen
 mit einem blühenden Zustand von Industrie und Handel
vereinigen. Aber auch hier ist der Fortschritt nicht unbegrenzt.
Malthus sagt darüber: „Es scheint danach, daß die Combination
des Agrikultur- und Handelssystems die größte Nationalwohlfahrt
hervorbringt; daß ein Land mit einem ausgedehnten und reichen
Gebiete, dessen Kultur durch Fortschritte in der Landwirtschaft, der
Industrie und dem Außenhandel stimuliert wird, so verschiedene
und so reiche Hilfsquellen hat, daß man äußerst schwer sagen kann,
wo ihre Grenze sein wird, daß aber eine Grenze vorhanden ist, die,
wenn das Kapital und die Bevölkerung eines Landes fortdauernd
zunehmen, schließlich erreicht werden muß und nicht überschritten
werden kann und .daß diese Grenze beim Bestehen des Privat-
        <pb n="222" />
        7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 215

eigentums weit hinter der äußersten Erdproduktivität zurückbleiben
muß“ 2).
Man sieht zunächst aus diesen Ausführungen, daß Malthus
keineswegs konsequent in dem Bevölkerungsgesetz eine dauernd wirksame
 Kraft gesehen hat, daß auch bei ihm mitunter von einem
„prophetischen Malthusianismus“ gesprochen werden kann. Aber das
nur nebenbei. Die wiedergegebene Stelle sollte vor allem zeigen,
daß Malthus wußte, daß je nach der wirtschaftlichen Entwicklungsstufe
 eines Volkes die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Bevölkerung
 andere werden und daß damit das Bevölkerungsproblem
auch in verschiedenen Formen auftreten kann. Was sich hier bereits
bei Malthus schon in deutlichen Anfängen vorfindet, das haben
dann namentlich zwei deutsche Schriftsteller in den folgenden Jahrzehnten
 wesentlich ausgebaut und vertieft: F. List und E. Dühring.
Zwar hat List Malthus — worauf schon Roscher hingewiesen
 hat?) — mißverstanden, wenn er von ihm meint, daß er
die Volksvermehrung beschränken wolle. Die Beschränkung des
Volkswachstums ist nicht das Ziel von Malthus, vielmehr nur die
Folge seines Bevölkerungsgesetzes. Aber davon abgesehen, wendet
sich List mit aller Energie gegen die pessimistischen Grundgedanken
der Malthus’schen Lehren: „Es ist nicht wahr“, sagt er, „daß die Bevölkerung
 in einem größeren Maßstabe zunimmt, als die Produktion
der Subsistenzmittel, wenigstens ist es Torheit, ein solches Mißverhältnis
 anzunehmen oder durch künftige Berechnungen und
sophistische Argumente nachweisen zu wollen, solange noch auf dem
Erdball eine Masse von Naturkräften tot liegt, wodurch zehn und
vielleicht hundertmal mehr Menschen, als jetzt leben, ernährt werden
können“%). Wenn List sich so entschieden gegen Malthus und
seine Anhänger wendet, so hängt das vor allem mit seiner durchaus
dynamischen Betrachtungsweise, die von der Entwicklung der Produktivkräfte
 ausgeht, zusammen. Er betrachtet die Wirtschaft als
fortdauernd im Fluß begriffen, wobei es sich für ihn in erster Linie
um die Fortentwicklung der Produktion handelt. Man müsse vor
allem die in einem Volke und Lande schlummernden Produktivkräfte
entwickeln und zur vollen Auswirkung kommen lassen. Zu den
produktiven Kräften gehört vornehmlich das, was die Arme und
Hände zur Produktion veranlaßt. also der Geist. der die Individuen

Ya, a, O., S. 543/44-*)
 Roscher, Das nationale System von F, List, Gött, gelehrte Anz,, Bd. 2,
8342, S. 1214. -
3) Nationales System, Ausg. v. Eheberg, 1883, S. 116 £.
        <pb n="223" />
        216 ; Erster geschichtlicher Teil

bewegt, die gesellschaftliche Ordnung, welche die Tätigkeit befruchtet,
die Naturkräfte, die zu Gebote stehen, aber auch die Entwicklung
der Gesetze der Religiosität, Moral und Intelligenz, die Sicherheit
der Person und des Eigentums,
Von diesem Standpunkt aus kann List mit Recht sagen: „Es
ist Beschränktheit, das gegenwärtige Vermögen der produktiven
Kräfte überhaupt zum Maßstab dafür zu nehmen, wieviele Menschen
auf einer gegebenen Strecke Landes sich ernähren können“. Er
führt aus, wie schon bisher die Fortschritte der Produktion den Ertrag
des Bodens um ein Vielfaches vermehrt hätten. „Und welche Kräfte
mögen noch in den Eingeweiden der Erde verschlossen sein? Man
setze nur den Fall, durch eine neue Entdeckung werde man in den
Stand gesetzt, ohne Hülfe der jetzt bekannten Brennmaterialien, überall
auf wohlfeile Weise Wärme zu erzeugen; welche Strecken Landes
würden dadurch der Kultur gegeben und in welch unberechenbarer
Weise könnte die Produktionsfähigkeit einer gegebenen Strecke
Landes gesteigert werden.“ „Wenn in einer Nation die Bevölkerung
höher steigt als die Produktion von Lebensmitteln, wenn die Kapitale
sich am Ende so anhäufen, daß sie in der Nation kein Unterkommen
mehr finden, wenn die Maschinen eine Menge Menschen außer Tätigkeit
 setzen und die Fabrikate sich bis zum Übermaß anhäufen, so
ist dies nur ein Beweis, daß die Natur nicht haben will, daß Industrie,
Zivilisation, Reichtum und Macht einer einzigen Nation ausschließlich
zuteil werden, daß ein großer Teil der kulturfähigen Erde nur von
Tieren bewohnt sei und daß der größte Teil des menschlichen Geschlechts
 in Roheit, Unwissenheit und Armut versunken bleibe.“
Allerdings nähert sich List in diesem letzten Satze doch wieder
etwas den Lehren von Malthus; aber sein Verdienst liegt doch
darin, in konkreter Weise ihm gegenüber auf die gewaltigen Produktionsmöglichkeiten
 hingewiesen zu haben, die zukünftig zu erwarten
 sind. Er kann also von seinem Standpunkt aus mit einem
gewissen Recht die Tendenz der Malthus’schen Lehre als eine
beschränkte bezeichnen, wenngleich er ihren wesentlichen Kern nicht
erkannt hat. In einer späteren Schrift „Gewerbe und Bevölkerung“ ?)
ist List etwas skeptischer. Er hebt hier hervor, daß zwar nach
den Betrachtungen der letzten 50 Jahre die Volksvermehrung im
Verhältnis zur Vermehrung der Subsistenzmittel vor sich gegangen

‘) Fr. Lists kleinere Schriften, herausgegeben v. F, Lenz, 1926, S. 601ff. —
Auch bei Ch, Schüz, Grundsätze der Nationalökonomie, 1843, finden sich ähnliche
Anschauungen (S. 135 ff.). Er war auch einer der ersten, der in tiefgehender Weise
ron der Wechselwirkung zwischen Produktion und Bevölkerung gesprochen hat.
        <pb n="224" />
        7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 217.

sei, „daß sie aber nur in denjenigen Volksklassen und Verhältnissen
in bemerkbarer Weise stattfindet, bei welchen der frühen Errichtung
eines Haushalts und der künftigen Versörgung der Kinder keine
oder nur wenige Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten entgegenstehen“.
 Allerdings wird dadurch der Kern seiner Anschauungen,
daß jeder Wirtschaftsstufe ein besonderer Grad von Bevölkerungskapazität
 zukomme und daß die Entwicklung immer zu Wirtschaftsstufen
 mit höherer Kapazität führe, nicht berührt. Er hat vor
allem darauf hingewiesen, wie sehr die Bevölkerungskapazität mit
gewerblicher Entwicklung ansteige: „Die produktiven Kräfte der
Agrikultur sind über die ganze Oberfläche eines Landes zerstreut;
in den Manufakturen dagegen sammeln und vereinigen sie Sich,
häufen sich an einzelnen Punkten. und. diese Konföderation ‚und
dieses Zusammenwirken münden in ein Wachstum der produktiven
 Kräfte, das eher in geometrischer als in arithmetischer Progression
 zunimmt“ !). Freilich hat auch er gesehen, daß die Produktionsieistungen
 eines Landes gewisse Grenzen haben und daß die Bevölkerung
 eines Landes darüber hinaus ansteigen kann. Schrankenloser
 Optimusmus liegt ihm durchaus fern. In diesem Falle schwebt
ihm als Aushilfsmittel die Auswanderung vor, die er auch für die
Macht des Staates und der Nation für förderlich hält?). Es handelt
sich dabei für ihn um eine Auswanderung „aus dem Lande, wo die
Arbeit wenig, der Boden aber viel Wert, in das Land, wo die Arbeit
viel, der Boden aber wenig Wert hat“®). Jedenfalls steht List diesen
ganzen Zusammenhängen wesentlich realistischer gegenüber als es
die liberale Schule getan hatte. . Die Zusammenhänge zwischen Bevölkerung
 und Wirtschaft sind für ihn historisch bedingt und
hängen von der Wirtschaftsstufe ab, die das Land erreicht hat.
irgendwelche absolute Lösungen nach der günstigen oder ungünstigen
Seite hin liegen ihm bei seiner Betrachtung durchaus fern.
Hatte List mit diesen Darlegungen gewisse Ansätze weiter
ausgebaut, die sich bereits bei Malthus finden, ohne daß dieser
jedoch daraus die richtigen Folgerungen gezogen hätte, so war es
E. Dühring, der diese Betrachtungsweise dem Bevölkerungsproblem
gegenüber noch weiter vertieft hat. Er hat selbst die Leistungen
von List auf diesem Gebiet rühmend hervorgehoben: „Eine der
genialsten Ideen“, sagt er, „durch welche List den Grund zu einem

') Werke, Akademie-Ausgabe 1927, Bd. 4, S. 372.
?) Die Ackerverfassung, die Zwergwirtschaft u. d, Auswanderung. Kleinere
Schriften, a. a, O., S. 459.
3) Die Ackerverfassung, a, a, O., S. 514,
        <pb n="225" />
        218

Erster geschichtlicher Teil

Verständnis der natürlichen Wirtschaftspolitik gelegt hat, ist diejenige,
 welche wir als das Gesetz der Bevölkerungskapazität entwickeln
 wollten. Dieser glänzende Gedanke, welcher unvergleichlich
weiter trägt, als alle Bemühungen malthusianischer Art, läßt sich
sehr einfach ausdrücken. Jeder Wirtschaftszustand hat eine bestimmte
Fassungskraft für die Bevölkerung. Geht er in eine höhere Form
über, so wird diese Fassungskraft gesteigert“ !).
In seinen eigenen, positiven Darlegungen darüber geht auch
Dühring von der Lehre von den produktiven Kräften aus: „Die
Vermehrung der Bevölkerung ist eine Steigerung der produktiven
Kräfte. Dieser Satz gilt allgemein, und nur die besondere Voraussetzung,
 daß die Unzulänglichkeit der natürlichen Hilfsquellen die
Menschenarbeit unproduktiv werden läßt, kann zu Einschränkungen
desselben .durch andere, neben ihm bestehende und ihn kreuzende
Gesetze führen“?). Dühring sieht jedoch zunächst von dieser
möglichen, aber doch ungemein wichtigen Einschränkung ab und
kommt so — wohl unter dem Einfluß von Carey — zu dem Ergebnis,
 daß bei einem Wachsen der Menschenzahl die Bedürfnisse
aur summiert, aber die produktiven Kräfte durch die gegenseitige
Unterstützung der Menschen weit mehr gesteigert werden. Er spricht
hier von einem Grundgesetz, das die Tendenz habe, „die Lage der
Bevölkerung in dem Grade zu verbessern, als die Dichtigkeit derselben
 eine größere Kraftentfaltung gestattet“. Die organisatorische
Kraft ist auch für Dühring die Hauptwirkung steigender Volkszahl.
 Das tritt besonders deutlich dann hervor, wenn es sich um
den Übergang zu einer volkswirtschaftlichen Verbesserung handelt;
denn die Ausdehnung der Bevölkerungskapazität stößt innerhalb
einer bestimmten wirtschaftlichen Verfassung trotz noch so großer
Fortschritte der Technik auf bestimmte Grenzen und dann ist eine
Erweiterung der Kapazität nur möglich, wenn die volkswirtschaftliche
 Verfassung selbst wieder in eine neue Form überführt wird.
„Unsere Idee besteht also darin, daß eine jede ökonomische Verfassungsart
 eine gewisse Fassungskraft für Bevölkerung mit sich
bringe, und daß diese Bevölkerungskapazität nicht erheblich erweitert
werden könne, ohne-die wirtschaftliche Verfassung selbst in eine
neue Form zu überführen“. „Die wirtschaftliche und soziale Verlassung
 wird wie ein System von Kanälen zu betrachten sein, gegen
deren Wandungen das elastische Medium der Bevölkerung ernstlich

l) E. Dühring, Kritische Geschichte d. Nationalökonomie u. d. Sozialismus,
3. Aufl., 1879, S. 353/54.
2) Kursus d. National- und Sozialökonomie, 3. Aufl., 1892, S. 98/99,
        <pb n="226" />
        a

7; Kap, Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 219

zu drücken beginnt, sobald die bisher vorgeschriebenen Wege der
Existenzbeschaffung nicht mehr zu den neuen Anforderungen passen
wollen.“ .
Alle diese Erwägungen konnten sich auf geschichtlicher Erfahrung
 aufbauen. Dühring sagt jedoch mit Recht, daß die Lehre
von der Bevölkerungskapazität sehr unvollständig bleiben würde,
wollte man sie nicht auch bis dahin verfolgen, wo die Hauptentscheidung
 erst in der Zukunft liegt. Konnte man bis dahin seinen
Ausführungen restlos beistimmen, so. zeigen sich jetzt doch gewisse
Lücken in seinem Gedankengang. An Stelle der durchaus naturalistischen
 Bevölkerunglehre von Malthus setzt er eine fast rein
gesellschaftliche Theorie. „Die Roheit“, sagt er, „mit welcher an
die mannigfaltig verzweigten und durch die eigene Kräfteorganisation
bestimmbaren Lebensbedingungen ein von der äußeren Natur abhängiger
 Nahrungsvorrat gesetzt wird, kennzeichnet vielleicht am
meisten die volkswirtschaftliche Rückständigkeit der Malthus’schen
Denkweise,“ Dieser Einwand gegen Malthus enthält sehr viel
Richtiges. Freilich verfällt Dühring dann in den entgegengesetzten
Fehler, wie so viele andere Gegner des englischen Schriftstellers.
Wohl meint Dühring, daß es für die Theorie von besonderer
Wichtigkeit sei, die Möglichkeiten in Rechnung zu setzen, daß „die
Naturmittel für die Anwendung von weiterer, hinreichend ergiebiger
Arbeit keine Gelegenheit mehr bieten“. Er zieht auch den Fall in
Rechnung, daß hierbei keine Änderung des Wirtschaftssystems und
keine Verbesserung der technischen Mittel mehr helfen könne. Aber
seine Antwort kann nicht befriedigen; denn er geht diesen gefährlichen
 Möglichkeiten gegenüber nur von der Lage eines einzelnen
Landes aus und meint, daß in einem solchen Falle „die Ablenkung
der Wirtschaftskräfte nach außen das einzige Mittel“ sei, „eine Ökonomische
 Machtsteigerung“ auch ferner zu bewirken.
Darin liegt natürlich nur ein Ausweg vom Standpunkt eines
einzelnen Landes aus betrachtet. Was die gleiche Frage für den
„ganzen Planeten“ anlangt, so sieht hierbei Dühring als einziges
Aushilfsmittel „die bis dahin erprobten Grenzen der Lebensart beizubehalten
 und den Fortschritt nur in denjenigen Richtungen ‘zu
betreiben, deren Verfolgung von den Naturmitteln unabhängig ist“.
Allerdings nimmt er die Frage zu leicht, welches denn die Richtungen
sind, deren Verfolgung von den Naturmitteln unabhängig ist. Es
hängt das damit zusammen, daß er bei diesen Betrachtungen die
Bedeutung des Bodengesetzes völlig außer acht läßt. Darin
hat er Recht, daß die Menschheit am entschiedensten an sich selbst
        <pb n="227" />
        220

Erster geschichtlicher Teil

und ihren Organisationen zu arbeiten genötigt sei, wenn sie in der
genannten Richtung eine Art von Erschöpfung der Möglichkeiten
vor sich sähe oder zu sehen glaubte.
Wo aber Dühring nun wirklich von derjenigen Erschöpfung
spricht, die dahin führe, „daß alle Gelegenheiten zur Anwendung
von Arbeit und Produktionsmitteln bereits besetzt sind“, da spricht
er nur von einer intensiven Erschöpfung des Bodens. Sie besteht
darin, „daß die Methoden versagen, neue immer ergiebigere Produktionsmittel
 in Anwendung zu bringen“ Wenn Dühring den
Ausweg dafür in einer Art von Kolonisation sieht, darin, den Menschen
und seine Arbeitsmittel „auf frischere Kulturstätten“ zu verpflanzen,
so ist damit das Problem keineswegs gelöst, sondern nur hinausgeschoben.
 Daneben denkt er unter dem Einfluß der Liebigschen
 Bodenerschöpfungstheorie?) nur noch an die „Aufbrauchung.
 des Ackerbodens durch bleibende Entfernung seiner
pflanzenernährenden Bestandteile“. So sehr er auch darin Recht hat,
daß bei einer rationellen Gestaltung der Landwirtschaft und einer
intensiveren Ausgestaltung derselben, die Ursachen der Bodenerschöpfung
 von selbst in Wegfall kommen werden, so handelt es
sich gerade deshalb damals und heute um ein relativ untergeordnetes
Problem. Das weit wichtigere Gesetz vom sinkenden Bodenertrag,
 von dessen Geltung die Ergiebigkeit der menschlichen
Arbeit abhängt, wird von ihm in diesem Zusammenhang vollständig
außer Betracht gelassen. Die Lehre Dührings ist so eingehend
dargestellt worden, weil er unter den deutschen Schriftstellern des
19. Jahrhunderts auf diesem Gebiet mit das Bedeutendste geleistet
hat. Malthus hatte eine im wesentlichen naturalistische, Dühring
eine durchaus gesellschaftlich orientierte Bevölkerungslehre
 aufgestellt. Damit hat er mit großem Geschick auf die
Mängel der Malthus’schen Lehre hingewiesen, ohne aber doch in
genügender Weise zu beachten, daß dem naturalistischen Kern bei
Malthus doch auch ein gewisser Wahrheitsgehalt zukomme.
Malthus hat den Menschen und seine Arbeit zu sehr unterschätzt,
Dühring hat sie allein in den Vordergrund gestellt, ohne genügend
darauf zu achten, daß sich die menschliche Arbeit mit Erfolg immer
nur an den Gaben der Natur betätigen kann und daß die Größe
dieses Erfolges in hohem Maße auch davon abhängt, welche Opfer
der Mensch aufwenden muß, um diese Gaben der Natur zu erlangen.

1) Vgl. dazu vor allem J. Conrad, Liebigs Ansicht, a. a. O. und J. v. Liebigs
Ansichten, a. a, O.
        <pb n="228" />
        7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 221

c) Die Ansichten der Sozialreformer und Sozialisten.
 Es ist bereits darauf hingewiesen worden, daß alle diejenigen,
welche die Ursache von Not und Elend in Mängeln der vorhandenen
gesellschaftlichen Ordnung sahen, zu Gegnern des Malthus werden
mußten. An diesem Punkte mußten sich die Geister scheiden.
Für Malthus und seine Anhänger ist die soziale Frage in erster
Linie ein Produktions-, für die große Gruppe der Sozialreformer
und Sozialisten ein gesellschaftliches Problem und kann durch
Änderungen der sozialen Ordnung behoben werden. Dem widerspricht
 es nicht, daß Malthus auch der gesellschaftlichen Ordnung
eine gewisse Rolle zur Erklärung der sozialen Notlage beimaß, es
widerspricht dem Gesagten auch nicht, daß innerhalb der großen
Gruppe der Sozialreformer und Sozialisten sich manche finden, die
mehr oder weniger Anhänger von Malthus sind. Für diejenigen,
die im Prinzip auf diesem Boden stehen, muß sich dann immer
wieder die Frage erheben, ob nicht auch bei einer neuen gesellschaftlichen
 Ordnung solche Spannungsverhältnisse zwischen Volkszahl
 und Nahrungsspielraum auftreten können.
Der erste Sozialreformer großen Stiles, der sich gegen Malthus
wandte, war S. de Sismondi. Auch er stand — genau wie
Malthus — unter dem überwältigenden Eindruck der damaligen
sozialen Notlage; aber er war der Meinung, daß die Menge der
Nahrungsmittel, welche die Erde hervorbringen könne, keine Schranke
für die Vermehrung der Bevölkerung sei. Sismondi gehört, das
verdient besonders hervorgehoben zu werden, zu den wenigen
Gegnern von Malthus, die ihm ohne Voreingenommenheit gegenüberstanden
 und seinen ehrlichen Willen durchaus anerkannt haben.
Er sagt von ihm: „Der englische Philosoph Malthus, der mit einem
hervorragenden Geist ein gewissenhaftes Studium der Tatsachen
verbindet und den eine glühende Menschenliebe zu seinen Untersuchungen
 veranlaßt hat, hat zuerst auf die Mißstände aufmerksam gemacht,
 denen eine überschüssige Bevölkerung ausgesetzt ist, die
mit dem äußersten Elend kämpft“ 1).
Sismondi hat vor allem gegen Malthus eingewendet, sein
Gedanke, die Bevölkerung eines Landes sei durch die Subsistenzmittel
 begrenzt, könne allenfalls für die ganze Erde zutreffen, aber
diese Voraussetzung sei zu abstrakt: „Niemals hat die Bevölkerung
die Grenze der möglichen Unterhaltsmittel erreicht und wird sie
wahrscheinlich niemals erreichen“, „Lange, ehe der Bevölkerung

1) Neue Grundsätze d. politischen Ökonomie, Bd. 2, Buch 7.
        <pb n="229" />
        222

Erster geschichtlicher Teil

eines Landes durch die Unmöglichkeit desselben, mehr Unterhaltsmittel
 hervorzubringen, ein Halt zugerufen wird, geschieht dies
durch die Unmöglichkeit, in der sich die Bevölkerung befindet,
diese Unterhaltsmittel zu kaufen oder zu arbeiten, um zu ihrer Entstehung
 beizutragen.“ „Aber die Unterhaltsmittel oder die Mittel,
sie zu kaufen, fehlen den ärmeren Klassen und dieser Umstand verhindert
 jene reißende Vermehrung, die Malthus als ein Gesetz des
menschlichen Geschlechts ansieht: dagegen mangelt aber die
Nahrung nicht den reichen Klassen.“ Man erkennt aus diesen
Worten bereits deutlich den sozialen Inhalt der Bevölkerungsanschauungen
 Sismondis. Auch er kennt Schranken für die Bevölkerung
 ; sie liegen aber nicht in der Kargheit der Natur, sondern
in der Größe des Einkommens. Darunter versteht er den Teil des
Reichtums, der sich jährlich über die Vorschüsse, die jeder gemacht
hat, hinaus erzeugt und verbraucht werden kann, ohne daß der, der
ihn verbraucht, dadurch ärmer wird. „So ist das Einkommen für
den Einen das Produkt des Bodens nach Abzug des Wertes dieses
Bodens selbst und aller Bestellungskosten, für die Anderen das
Produkt des Umlaufskapitals nach Abzug dieses Kapitals selbst und
einer Vergütung für die Hülfe, die das feststehende Kapital ihm geleistet
hat, für die Dritten diese Vergütung, die dem feststehenden Kapital
gegeben wird, für den Vierten endlich ihre Arbeitskraft, wenn
Nachfrage nach ihr ist“1),
Freilich setzt sich Sismondi auch nicht mit dem Bodengesetz
 auseinander und übersieht infolgedessen, daß bei seiner
Geltung die Vorschüsse größer werden, die Jeder machen muß, um
sein Einkommen zu erzielen, daß die Bestellungskosten des Bodens
dann steigen und daß trotz gleicher Nachfrage nach Arbeit dann
der Reallohn sinken, muß. Dabei sei es hier dahingestellt, ob dieses
Gesetz zu Recht besteht oder nicht. Wer jedoch das Einkommen
als Grenze der Bevölkerung ansieht, darf nicht an der Frage vorübergehen,
 welche Faktoren das Gesamteinkommen eines Landes bestimmen.
 Sismondi hat Recht, wenn er betont, daß die Bevölkerung
 letzten Endes ihr Maß an der Nachfrage nach Arbeit
finde; aber er ist nicht auf die Anschauung derer eingegangen, die,
wie z. B. Ricardo, der Meinung. waren, daß als Folge des Bodengesetzes
 die Nachfrage nach Arbeit zurückgehen müsse. Sismondi
hat die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Bevölkerung zu
sehr nur vom Standpunkt der letzteren aus betrachtet und dabei

) a, a OO, S. 197/98,
        <pb n="230" />
        7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 223

freilich auf wichtige Seiten der Frage hingewiesen. Er hat hervorgehoben,
 daß ein großer Unterschied bei den Menschen vorhanden sei
zwischen der Fähigkeit, sich zu vermehren und dem, was die Wirklichkeit
 hier ergäbe. „Alle Menschen haben nicht das Bedürfnis,
eine Familie zu haben, Alle haben nicht die Mittel, sie aufzuziehen,
Alle verheiraten sich nicht, unter Denen, die es tun, lassen die
Meisten einen guten Teil der Zeit hingehen, in der sie anfangen
könnten, Kinder zu erzeugen, die Meisten hören damit vor dem
Alter auf: in keiner menschlichen Tätigkeit darf man die Fähigkeit
mit Willen verwechseln. Die Vermehrung der Art hängt von ihrem
Willen ab und hat in diesem ihre Grenzen“ 1),
Er hat auch hervorgehoben, daß vor allem die schlechte Lage
der Bevölkerung in erster Linie zu dem Anwachsen der Volkszahl beitrage.
 Wenn wir eben sahen, daß für Sismondi das Bevölkerungsproblem
 in hohem Grade mit der Nachfrage nach Arbeit zusammenhing,
 so mußte er auch dazu kommen, das in seiner Zeit so wichtige
Problem „Arbeiter und Maschine“ unter dem gleichen Gesichtspunkt
 zu betrachten. Er hat dies in einem eingehenden Kapitel
„Von der Bevölkerung, die durch die Erfindung der Maschinen überflüssig
 wird, getan“ ?). Er meint hier, daß die Maschinen lehren, mit
einem großen Kapital das anzufertigen, was früher mit einer großen
Menge an Arbeit gemacht wurde und glaubt, daß man nicht verhindern
 könne, „daß jede neue Erfindung in der angewandten
Mechanik nicht die Arbeiterbevölkerung vermindert“ 8).
Die Zeit, in der Sismondi lebte, ist auch die des aufkommenden
 und sich entwickelnden Sozialismus. Hat man doch auch
vielfach Sismondi zu dieser Richtung gezählt. Die Sozialisten
haben nur z. T. den Zusammenhängen zwischen Wirtschaft und Bevölkerung
 Beachtung geschenkt. R. Owen übergeht sie ganz, ebenso
St. Simon und Cabet, während sich Fourier und Thompson

a, a. OO, S. 104.
a. a. O., Bd. 2, S. 239,
’) Vgl. dazu Ausgewählte Lesestücke z. Studium d. pol. Ökonomie, v. K. Dieh]
au. P. Mombert, Bd. 20, „Arbeiter u, Maschine‘, 1926.
4) Zur Stellung der Sozialisten zum Bevölkerungsproblem vgl. H. Soetbeer,
Die Stellung d. Sozialisten z, Malthus’schen Bevölkerungslehre, 1886. — A. A. Tenney,
Social Democracy and population, New-York 1907. — E. Unshelm, Geburtenbeschränkung
 u. Sozialismus, 1924. — R. Lewinson, Die Stellung d. deutschen
Sozialdemokratie z. Bevölkerungsfrage, Schmollers Jahrb, Jahrg. 46, ı922, Elster;
a, a, O.
        <pb n="231" />
        224

Erster geschichtlicher Teil

zründlicher mit diesen Fragen beschäftigten. Thompson") wendet
gegen Malthus zunächt ein: „Die Menge von gutem Land und
Rohstoffen und die Möglichkeit, Rohstoffe zu beschaffen, ist so groß,
übersteigt so sehr das, was unter den neuen Einrichtungen für die
gegenwärtige Bevölkerung nötig ist, daß es ganz müßig ist, von
natürlichen Hindernissen zu sprechen. Sollten in 100 oder 1000 Jahren
solche Hindernisse sich herausstellen, so wird das Wissen und die
Einsicht der dann vorhandenen Gemeinwesen gewiß imstande sein,
dieses Übel zu bekämpfen“ ?) ...Gewiß liegt in diesen Worten kein
durchschlagendes Argument gegen die Möglichkeit einer Übervölkerung.
 Denn was Thompson in Aussicht stellt, kann, muß
aber nicht eintreten. Dagegen hat auch Thompson betont, die
zunehmende Vernunft sei stark genug, einem zu großen Wachstum
der Bevölkerung vorzubeugen. Wenn es möglich ist, der großen
Masse zur Klugheit zu verhelfen, dann ist, so meint er offenbar der Fehler,
der aus einem Mangel an Klugheit entstehen soll, nicht unheilbar.
Weit entschiedener und auch in anderer Weise haben sich
K. Marx und Fr. Engels gegen Malthus gewendet, Schon
in einer seiner ersten Arbeiten im Jahre 1844 hat das Fr. Engels
getan?) Auch Engels ist, wie jeder, der das Heilmittel gegen
lie soziale Notlage allein in einer anderen und neuen gesellschaftlichen
 Ordnung sieht, von einem schrankenlosen Optimismus erfüllt
 und blind gegen irgendwelche von der Natur herkommenden
Hindernisse für den menschlichen Fortschritt. „Die der Menschheit
zu Gebote stehende Produktionskraft“, sagt er, „ist unermeßlich.
Die Ertragsfähigkeit des Bodens ist durch die Anwendung von
Kapital, Arbeit und Wissenschaft ins Unendliche zu steigern.“ Er
bezeichnet die Malthus’sche Lehre als eine „infame, niederträchtige
Doktrin“, als eine „scheußliche Blasphemie“ gegen die Natur. Aber
er stützt sich gegen Malthus im wesentlichen nur auf die Meinung
Alisons, der Malthus gegenüber darauf hingewiesen hatte, „daß
jeder erwachsene Mensch mehr produzieren kann, als er selbst gebraucht,
 eine Tatsache, ohne die die Menschheit sich nicht vermehren,
 ja nicht einmal bestehen könnte“. Auch Engels hat
darauf hingewiesen, daß die Bildung der Massen die Beschränkung
des Fortpflanzungtriebes herbeiführen könne. Das größte Vertrauen

1) W. Thompson, Untersuchung über d. Grundsätze d. Verteilung des Reich-‚ums.
 Deutsch 1904.
Ya. a, O., Bd. 2, S. 306.
3) Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie (1844). Wieder abgedr, in
d. ges. Schr. von K. Marx u. Fr. Engels, Bd. I, 1902.
        <pb n="232" />
        7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 225

setzt er jedoch in die Wissenschaft. Auch wenn der Boden beschränkt
 ist, auch wenn dessen Ertrag nicht immer im Verhältnis
zur Arbeit zunehme, so bliebe immer noch die Wissenschaft übrig,
„und deren Fortschritt ist ebenso unendlich und wenigstens ebenso
rasch wie die Bevölkerung“. „Die Wissenschaft aber schreitet fort
im Verhältniss zur Masse der Erkenntnis, die ihr von der vorhergehenden
 Generation hinterlassen wurde, also unter den allergewöhnlichsten
 Verhältnissen auch in geometrischer Progression.“
Beiden Argumenten begegnen wir damals auch bei den Vertretern
des ökonomischen Liberalismus.
K. Marx wendet sich zunächst gegen die abstrakte Formulierung,
 die Malthus seiner Theorie gegeben hat; gerade bei
dieser Kritik tritt vor allem die Marx eigentümliche entwicklungsgeschichtliche
 Betrachtungsweise zutage. Er meint, daß es schulmeisterlich
 naiv gewesen sei, „den Produktions- und entsprechenden
Bevölkerungsverhältnissen des 10. Jahrhunderts den Maßstab des
[4. anzulegen“!), Er hebt demgegenüber hervor, „daß jede besondere
 historische Produktionsweise ihre besonderen historisch gültigen
Populationsgesetze habe, daß ein abstraktes Populationsgesetz nur für
Pflanzen und Tiere existiere, so weit der Mensch nicht geschichtlich
eingreife“. Die Zusammenhänge zwischen Bevölkerung und Wirtschaft
sind für Marx also eine historische Kategorie und nehmen in
der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, deren Analyse sich Marx
in seinem „Kapital“ zur Aufgabe gestellt hat, die folgende Form an.
Das Kapital zerfällt in zwei Teile, einen konstanten und einen
variablen. Der letztere ist derjenige, der für die Entlohnung der
Arbeiter verwandt wird, zu dem konstanten Kapital gehört alles
übrige. Mit dem Wachstum der Masse des Rohmaterials, mit der
Zunahme und dem Wachstum der Maschinen steigt der konstante
Teil des Kapitals rascher als der variable. Mit der Abnahme dieses
letzteren, der allein für die Schaffung von Arbeitsgelegenheit in Frage
kommt, muß die Zahl der Arbeitslosen zunehmen; es entsteht eine
relative Übervölkerung, die sogenannte industrielle Reservearmee.
 „Diese mit dem Wachstum des Gesamtkapitals beschleunigte
relative Abnahme seines variablen Bestandteils scheint auf der anderen
Seite umgekehrt stets rascheres absolutes Wachstum der Arbeiterbevölkerung
 als des variablen Kapitals oder ihrer Beschäftigungsmittel.
Die kapitalistische Akkumulation produziert vielmehr .. . beständig

!) Das Kapital, Bd. 1, 4. Aufl., 1890, S. 670. — Für die vorliegende Frage
zommt namentlich das 23. Kap. im ersten Band in Betracht.
Diehl-Mombert, Grundrisse. Bd. ıs.
        <pb n="233" />
        226

Erster geschichtlicher Teil

eine relative, d. h. für die mittleren Verwertungsbedürfnisse des Kapitals
überschüssige, daher überflüssige oder Zuschuß-Arbeiterbevölkerung“ ?).
„Das Gesetz . . . drückt sich darin aus, daß je höher die Produktivkraft
 der Arbeiter, desto größer der Druck der Arbeiter auf ihre
Beschäftigungsmittel, desto prekärer also ihre Existenzbedingungen ...
Rascheres Wachstum der Produktionsmittel und der Produktivität
der Arbeit als der produktiven Bevölkerung drückt sich kapitalistisch
also umgekehrt darin aus, daß die Arbeiterbevölkerung stets rascher
wächst als das Verwertungsbedürfnis des Kapitals“ 2. „Die relative
Übervölkerung existiert in allen möglichen Schattierungen. Jeder
Arbeiter gehört ihr an während der Zeit, wo er halb oder gar nicht
beschäftigt ist. In diesem Zusammenhang erblickt Marx das der
kapitalistischen Produktionsweise eigentümliche Bevölkerungsgesetz.
Man hat jedoch mit Recht gesagt, daß es sich hierbei um gar keine
Bevölkerungstheorie, sondern nur um eine solche der Arbeitslosigkeit
 handle®. Die Problemstellung von K. Marx ist auch
eine ganz andere als bei Malthus. Marx hat die Zusammenhänge
mehr statisch aufgefaßt, indem er den Ursachen nachging, die dafür
maßgebend sind, welcher Teil einer bestimmten Arbeitermasse :beschäftigt
 oder unbeschäftigt ist. Erst der Neomarxismus hat das
Problem wieder dynamisch aufgefaßt. Es wird davon noch die Rede
sein. Jedenfalls hat Marx mit diesen Darlegungen nicht den Beweis
dafür erbracht, daß auch ganz unabhängig von jeder gesellschaftlichen
Ordnung nicht doch eine allgemeine Übervölkerung eintreten kann.
Seine Darlegungen haben es, ganz abgesehen davon vielleicht, daß
sie auch so anfechtbar sind, nur mit Überfüllungserscheinungen in
gewissen Berufen und nicht mit den grundlegenden Zusammenhängen
von Wirtschaft und Bevölkerung zu tun. Das ergibt sich rein äußerlich
schon daraus, daß Marx in diesen Zusammenhängen weder vom
Volkswachstum noch von den Ertragsgesetzen der Wirtschaft gesprochen
 hat. Er hat auch nur auf die relative, nicht auf die absolute
Abnahme des variablen Kapitals hingewiesen. Es wird von diesem
Unterschied noch zu sprechen sein. F. Oppenheimer hat in
seinem „Grundgesetz der Marx’schen Gesellschaftslehre“ weitere beachtenswerte
 Einwendungen gegen Marx gemacht und vor allem
mit Recht darauf hingewiesen, daß wenn „die Produktion einer
Surplusbevölkerung in geradem Verhältnis zur Akkumulation und
dem mit ihr verbundenem Wechsel in der organischen Zusammen;
aa, OÖ, S. 594
2) a. a. O,, 5. 610,
3 Unshelm, a. a. O., Sı 10.
        <pb n="234" />
        7, Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 227

setzung des Kapitals“ erfolgte, daß dann die Industrie einen im Verhältnis
 zu ihrer Kopfzahl viel stärkeren Anteil an der Reservearmee
als die Landwirtschaft bilden müsse.
Auch Rodbertus, der andere große deutsche Sozialist, der
mit Marx vor allem die sozialrechtliche Betrachtungsweise gemeinsam
hat, ist ein Gegner von Malthus. Freilich tritt er ihm weit sachlicher
 und objektiver gegenüber als es Marx getan hat. Im Gegensatz
zu Marx hat Rodbertus auch mit voller Klarheit das Wesen des
Bevölkerungsproblems und die Bedeutung des Gesetzes vom
sinkenden Bodenertrag dafür erkannt. In seinem dritten sozialen
 Brief an von Kirchmann meint er: „Ich sage, daß wenn
Sie darin Recht hätten, daß jeder neue Scheffel Getreide . ... wegen
immer größerer Unfruchtbarkeit des Bodens oder immer unproduktiverer
 landwirtschaftlicher Kapitalanlage immer kostbarer wird...
so gibt es überhaupt kein Mittel, um jenes drohende Elend von dem
Menschengeschlecht abzuwenden“ ?). Träfe dieses Gesetz zu, dann
ließe sich „mit mathematischer Sicherheit zeigen, daß unter allen
Umständen der Zeitpunkt eintreten muß, wo das ganze Menschengeschlecht
 verhungert“. Demgegenüber meint Rodbertus jedoch,
daß die ganze Geschichte der Landwirtschaft diesem Gesetz widerspräche.
 In eingehenden Darlegungen hat er die Geltung dieses
Gesetzes zu bestreiten gesucht. W. Lexis hat gezeigt, daß dieser
Versuch von Rodbertus nicht geglückt ist”). Es ist auch leicht
einzusehen, daß ein Satz, wie der, daß die Schöpfung des Nahrungsstoffes
 ebenso in die Gewalt der Gesellschaft gelegt werden kann,
als es heute in ihrer Macht liege, beliebige Tuchquantitäten zu
liefern, wenn nur die nötigen Wollvorräte dazu da seien ®), den Kern
des Problems vollkommen übersieht, da es eben darauf ankommt,
daß die nötigen Wollquantitäten und zwar nicht zu steigenden
Preisen vorhanden sind. Freilich hat man doch den Eindruck, als
ob es Rodbertus vor seinem eigenen Optimismus etwas bange
geworden sei. Er sagt nämlich selbst in dem gleichen Zusammenhang:
 „Es ist leicht möglich, daß der fruchtbarste Boden, der heute
existiert, nicht noch einmal so fruchtbar werden kann, aber noch
viel leichter ist es möglich, daß aller unfruchtbarere Boden ebenso
fruchtbar gemacht werden kann, als heute der fruchtbarste“. „Übrigens
ist auch die unendliche Vermehrungsfähigkeit der Bevölkerung ebenso

1) Schriften, Bd, 2, Zur Beleuchtung d. sozialen Frage, 1. Teil, 1899, S. 101,
?) Zur Kritik der Rodbertusschen Theorien, Tahrb. für Nat. u. Stat, N. F..
Bd. 9, S. 165.
3) Nach Soetbeer, a. a. O0, S. 71
        <pb n="235" />
        228

Erster geschichtlicher Teil

schwer zu behaupten, als die unendliche Verbesserungsfähigkeit der
landwirtschaftlichen Maschinen“). Man hat mit Recht in diesen
Worten ein gewisses Rückzugsgefecht gesehen,
Mit Unrecht hat Marx Lassalle zu den Anhängern von
Malthus gerechnet®). Vielmehr hat Mehring recht, der ihn zu
dessen Gegnern zählt?). Lassalle hat nämlich die Ansicht bekämpft,
 als ob die Menschen die Tendenz hätten, sich rascher zu
vermehren, als die Nahrungsmittel. Sein sogenanntes ehernes
Lohngesetz baut keineswegs auf Malthus, sondern auf Ricardo
auf und dieses Lohngesetz rührt nicht daher, daß die Menschen
stärker an Zahl zunehmen, als die Menge der verfügbaren Nahrungsmittel,
 sondern es beruht für Lassalle auf der Eigenart der vorhandenen
 Wirtschaftsordnung. Allerdings muß man dann auch
sagen, daß Lassalle zu der Malthus’schen Lehre gar keine positive
Stellung eingenommen hat. Er verweist darauf, daß seit A. Smith
immer wieder der Satz ausgesprochen werde: „Je mehr Menschen,
desto mehr Arbeitshände, desto mehr Reichtum“ und fährt fort:
„Ist das heute doch nicht der Fall, so ist das eben ein tiefer Widerspruch,
 der in unserem ganzen wirtschaftlichen Antagonismus seinen
Grund hat. An diesem muß geändert werden. Dann wird die vermehrte
 Bevölkerung vermehrte Reichtumsquelle“ *).
Der angesehenste Vertreter des Marxismus in Deutschland,
K. Kautsky, hat in dieser Frage seine Meinungen gewechselt. In
einer Jugendschrift ®) hat er sich die Aufgabe gestellt, zu zeigen,
„daß ohne Berücksichtigung des Bevölkerungsgesetzes eine befriedigende
 Lösung der sozialen Frage unmöglich ist“. Kautsky erkennt
in dieser Weise ein Bevölkerungsproblem im Sinne von Malthus
an. „Durch den Übergang zu einer höheren Produktionsweise kann
man es dahin bringen, daß die Lebensmittel für eine gewisse Epoche
nicht nur ebenso schnell, sondern noch schneller wachsen, als die
Bevölkerung. Die Umwandlung des Privateigentums an Grund und
Boden und dessen Bearbeitung durch freie, vernünftig organisierte
Arbeiter ermöglichen einen solchen Übergang zu einem vollkommneren
Betrieb. Durch diesen Übergang kann diese Frage einer Über-N

 Bd. 2 a. a. O., S. 279/80.
2) Zur Kritik des sozialdemokratischen Programms, Neue Zeit, 9. Jahrg., Bd. ı.
S. 570.
*) Geschichte des Sozialismus, 3. Bd., 2. Aufl., 1903, S. 44.
') Reden u, Schriften, Ausg. v. W. Bernstein, 1893, 2. Bd., S. 938.
5) K. Kautsky, Der Einfluß d. Volksvermehrung auf d. Fortschritt d. Gesellschaft,
 1880.
        <pb n="236" />
        7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 229

völkerung hinausgeschoben werden, welche um so drohender wird,
je mehr Glück und Wohlstand man zu verbreiten sucht; ohne ihn
gibt es keine befriedigende Lösung der sozialen Frage“. Aber
„Dieser Übergang kann die Gefahr einer Übervölkerung hinausschieben,
 aber er kann sie nicht beseitigen“). In dieser ersten
Schrift von Kautsky haben wir es mit einer Auffassung zu tun,
die in sehr besonnener Weise zu einer gewissen Synthese zwischen
den naturalistischen und gesellschaftlichen Faktoren zu kommen sucht
und deshalb auch eine gewisse Ähnlichkeit mit den Lehren von
List und Dühring aufweist, aber durch diese Synthese sogar noch
darüber hinausgeht.
In einer Schrift, die gerade ein Menschenalter später erschienen
ist %), kommt Kautsky jedoch zu einer in mancher Hinsicht anderen
Auffassung. Er sagt in dem Vorwort, daß F, A. Lange mit seinem
Vorwurf, dem Sozialismus fehle eine Theorie der Bevölkerung und
daß er dem Malthusianismus keine eigene Theorie entgegenzusetzen
habe, durchaus im Recht sei. Kautsky sagt selbst darüber: „Was
ich in sozialistischen Schriften darüber fand, auch denen von Marx
und Engels, beantwortete zum Teil nicht meine Fragen, zum Teil
schien es mir nicht genügend oder zum Teil falsch“. Das Bodengesetz
 wird auch im Grundgedanken in diesem neuen Buche anerkannt.
 Kautsky erklärt, nicht so kühn zu sein, es ableugnen zu
wollen. „Ich behaupte bloß, daß die besonderen Wirkungen der
kapitalistischen Produktionsweise den technischen Fortschritt in der
Theorie fördern, in der Praxis hemmen, daß sich zwischen beiden
eine immer weitere Kluft auftut, die der Sozialismus überbrücken
wird“. Er hüte sich wohl, zu erklären: „Der Mensch besitzt die
Möglichkeit, seine Nahrungsmittel bis ins Unendliche auszudehnen
und die menschliche Gesellschaft besitzt die Möglichkeit, immer
ihren Bedürfnissen entsprechend Nahrungsmittel zu beschaffen“ ®.
Seine Stellung zu dem Bodengesetz ist also keine ablehnende,
sondern, wie man schon mit Recht gesagt hat, eine solche „der
theoretischen Resignation“ *), Denn er lehnt jede Aussage über die
Entwicklungstendenzen in der Produktivität des Bodens und damit
auch der menschlichen Arbeit ab, wenn er meint, daß Arbeitsaufwand
 und größere Fruchtbarkeit in den verschiedensten Richtungen

Ha, a. O,., S. 165/66.
?) Vermehrung u. Entwicklung in Natur u. Gesellschaft, 1919. -— Ferner
Malthusianismus u. Sozialismus, „Die neue Zeit“, 29. Jahrg., Bd. 1, 1911.
$) Malthusianismus, a. a. O,, S. 684/85.
4) Unshelm, a. a. O., S. 44.
        <pb n="237" />
        230 Erster geschichtlicher Teil

wechseln können. Freilich verkennt er auch das Wesen des Bodengesetzes,
 wenn er meint, daß daraus der Schluß zu ziehen wäre:
„Daß die Zunahme der Bevölkerung stets eine Verringerung der
Produktivität der landwirtschaftlichen Produktionsweise mit sich
bringe“. Wir werden später noch sehen, daß dieses Gesetz nicht
dadurch an Gültigkeit verliert, daß es jahrelang durch mancherlei
Fortschritte außer Wirksamkeit gesetzt ist. Wenn auch einiges
andere bei Kautsky unklar bleibt, vor allem das, was er über den
Nahrungsspielraum sagt, so hält er doch, wenn auch keineswegs so
scharf, an dem Grundgedanken seiner älteren Arbeit fest, daß die
Natur dem Volkswachstum bestimmte Grenzen setze, daß es aber
in erster Linie von der Art der sozialen Organisation abhinge,
wie weit diese Grenzen hinausgeschoben werden. Obgleich
Kautsky in diesem neuen Buche der herkömmlichen sozialistischen
Auffassung in diesen Fragen manche Zugeständnisse macht und
wenn deshalb auch seine Darlegungen mitunter reichlich unbestimmt
und verschwommen sind, so steht er doch dabei hoch über dem
seichten Optimismus, wie ihn andere Sozialisten vertreten haben.
Es sei dafür nur auf die Darlegungen Bebels!) oder diejenigen
Masslows®?) verwiesen, mit denen sich Kautsky ‚deshalb auch
auseinandergesetzt hat.
Auch zahlreiche andere Schriftsteller, die zwar der herrschenden
gesellschaftlichen Ordnung kritisch gegenüberstehen, aber keineswegs
zu den eigentlichen Sozialisten zu rechnen sind, haben auf Grund
dieser Einstellung die Möglichkeit einer Übervölkerung in Abrede
gestellt. So können wir bei Henry George, dem bekanntesten
Führer der Bodenreformer, lesen: „Ich behaupte, daß in jedem
gegebenen Zustande der Zivilisation eine größere Anzahl von Menschen
als Gesamtheit besser versorgt werden kann, als eine kleinere. Ich
behaupte, daß die Ungerechtigkeit der Gesellschaft, nicht die Kargheit
 der Natur, die Ursache des Mangels und Elends sind, welche
die herrschende Theorie der Übervölkerung zuschreibt. Ich behaupte,
 daß je größer die Bevölkerung wird, unter sonst gleichen
Verhältnissen der Wohlstand, den eine gerechte Verteilung der Güter
jedem Einzelnen gewährt, desto höher sein muß. Ich behaupte, daß
in einem Zustande der Gleichheit die natürliche Bevölkerungszunahme
beständig darauf hinwirken würde, jeden Einzelnen reicher und nicht

') Die Frau u. d. Sozialismus, 29. Aufl., 1898, S. 441 ff.
2?) Droht der Menschheit eine Übervölkerung? Neue Zeit, a. a. O., S. 583. —
Derselbe, Die Theorie d. Volkswirtschaft, Leipzig 1912.
        <pb n="238" />
        7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 231

ärmer zu machen“!). Es hat keinen Sinn, auf die Begründung
genauer einzugehen, die H. George diesen Sätzen gegeben hat.
Es genügt dafür der Satz: „Die Fähigkeit, Güter irgendwelcher Art
zu produzieren, ist die Fähigkeit, Unterhaltsmittel zu produzieren“,
um zu erkennen, daß er den Kern des Problems überhaupt nicht
gesehen hat und nicht weiß, daß die Produktion von Nahrungsmitteln
 ökonomisch ganz anderen Gesetzen als diejenige. anderer
Güter unterliegt. Wenn George einmal sagt: „Zwanzig vereint
arbeitende Leute werden auch da, wo die Natur geizt, mehr als
zwanzigmal soviel Güter produzieren als ein Einziger an einem Orte
produzieren kann, wo die Natur überaus freigiebig ist. Je dichter die
Bevölkerung, desto größer die Teilung der Arbeit, desto bedeutender die
Ersparnisse bei der Produktion und bei der Verteilung und somit ist das
genaue Gegenteil der Malthusschen Lehre wahr“ so ist diese Wiederholung
 der bereits von Carey, wenn auch viel geistvoller dargelegtem
Gesichtspunkte nichts weniger als eine Widerlegung der Gedanken,
auf denen die Lehren von Malthus und seiner Anhänger aufbauen.
In gewissen Beziehungen zu den Bodenreformern stehend ist einer
der entschiedensten Gegner der Malthus’schen Lehre F. Oppenheimer.
 Er ist der Vertreter einer Art von liberalem Sozialismus,
 der an der freien Konkurrenz als Triebfeder der Wirtschaft
festhält, aber die Ursachen der sozialen Not in dem privaten Monopol
am Boden erblickt und durch dessen Beseitigung die sozialen Zustände
 bessern will. Es muß die Aussperrung des Grund und Bodens
durch das Großgrundeigentum den Siedelungsbedürftigen gegenüber
beseitigt werden. Deshalb wendet sich auch Oppenheimer gegen
die Malthus’schen Lehren, vor allem gegen deren Grundlage, das
Bodengesetz. Freilich ist er ein viel zu scharfer Kopf, um —
wie so viele andere Sozialreformer — dieses Gesetz einfach abzulehnen.
Er sagt vielmehr: „Die Nahrungsmittelerzeugung unterliegt nämlich
unbedingt und unbestritten dem „Gesetz der sinkenden Erträge“,
dessen Inhalt er durchaus zutreffend in der folgenden Weise umschreibt:
 „Der Ertrag der landwirtschaftlichen Arbeit an Nahrungsmitteln
 wächst von einem gewissen Optimum an, ceteris paribus, in
geringerem Maße als die darauf verwendeten Kosten an Energie und
kostenden Mitteln“?), Das entscheidende Gewicht legt er jedoch
auf das „ceteris paribus“. Denn die Bedingungen, unter denen der

1) Fortschritt u, Armut, Deutsch 1920, S. 115.
?) System d, Soziologie, Bd. 3. Theorie der reinen u. politischen Ökonomie,
5. Aufl., 1923, S. 263. — Vgl. dazu auch J. Wagenbach, Wirtschaft u. Bevölkerung
bei F. Oppenheimer, Diss., Gießen 1026.
        <pb n="239" />
        232 ; Erster geschichtlicher Teil
Mensch an die Bebauung des Bodens geht, werden für ihn immer andere
und günstigere. In Anknüpfung an ähnliche Ideen Careys weist
er darauf hin, daß die gesellschaftliche Kooperation dafür sorge, daß
der Mensch bei seiner Nahrungsbeschaffung mit immer besseren
Kenntnissen und wirksameren Werkzeugen ausgestattet wird, je mehr
die Bevölkerung zunimmt. So wirken zwei Kräfte einander entgegen:
Die günstige Wirkung der gesellschaftlichen Kooperation und das
Gesetz vom sinkenden Bodenertrag: „Bis zu einem gewissen Optimum
überwiegt die erste: aber wann ist dieses Optimum gegeben“?
Er meint hierzu, daß „Jenes heute noch nicht erreicht ist und
auch in, keiner für uns absehbaren Zukunft erreicht werden kann“.
Immerhin meint er, daß dieses Bodengesetz doch ein totes Gewicht
sei, „das den Fortschritt nicht hindert, aber hemmt“!). Den Weg
zur Überkompensation dieses Gesetzes erblickt Oppenheimer
vor allem in der Integrierung und Differenzierung: Auf Grund dieser
Entwicklung, die auf der zunehmenden Verdichtung der Menschheit
beruht, stellt er dann dem Gesetz des sinkenden Ertrags, das er bloß
als ein privatwirtschaftliches Gesetz anerkennen will, sein Gesetz der
Bodenkapazität gegenüber. Dieses beruht „auf einem Vergleiche,
der angestellt ist, zwischen dem Rohertrage desselben Ackers in zwei
sehr verschiedenen Gesellschaften von sehr verschiedener Volksdichtigkeit,
 Arbeitsteilung und Kapitalbewaffnung. Es beruht auf
der Voraussetzung, daß der mechanische Nutzeffekt der Arbeits- und
Kapitaleinheiten in jedem der Fälle sehr verschieden groß ist“ ?).
Oppenheimer zeigt hierdurch nur, daß auf Grund der von ihm
aufgezeigten Entwicklung das Bodengesetz überkompensiert werden
kann. Darin liegt jedoch noch keine Widerlegung seiner prinzipiellen
Geltung. Er sucht auch, das Gesetz induktiv zu widerlegen, indem
er vor allem auf das Steigen der Stadt- gegenüber der Landbevölkerung
hinweist. Daraus folgt — so meint er — „daß jeder Landwirt von
der durchschnittlich kleineren, auf ihn entfallenden Anbaufläche nach
Deckung seines eigenen Bedarfs einen Überschuß erzeugt — und
das ist mit der Malthus’schen Vorstellung unvereinbar“®%) —, Es
soll hier nicht auf die Einwendungen hingewiesen werden, die
namentlich von Dietzel und Budge gegen diese Argumentation
OÖOppenheimers erhoben worden sind. Selbst wenn er mit dem
Gesagten Recht hätte, so würde sich daraus nur ergeben, daß bisher
die Roherträge der Landwirtschaft stärker gestiegen sind, als die
"a. a, O., 5. 266.
*) Das Bevölkerungsgesetz, a. a. O., S. 58,
7) Zum Malthusproblem, Arch. f, Sozialwissenschaft, Bd. 35, S. 538.
        <pb n="240" />
        7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 233
ländliche Bevölkerung zugenommen hat. Es wird später noch auf
diese Zusammenhänge zurückzukommen sein.
Zu der Gruppe der Sozialreformer kann man auch die Vertreter
der politischen Romantik rechnen, die, wenn- auch in verschiedener
 Weise, die sozialen Mißstände durch eine Rückkehr zu
älteren Formen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung
bekämpfen wollten. Bei den Vertretern dieser Richtung, die überhaupt
 nur sehr geringes Verständnis für die wirtschaftlichen Zusammenhänge
 hatten, kann man feststellen, daß sie mehr oder weniger
achtlos an dem Bevölkerungsproblem vorübergegangen sind. Wenn
die Romantiker, wie z. B. A. Müller, ihr Ideal in einem Gleichgewicht
 zwischen ländlicher und städtischer Ökonomie erblicken, so
ist es gerade das Volkswachstum, das schließlich dieses Gleichgewicht
zu ungunsten der ländlichen Ökonomie stören muß. Ähnliche Anschauungen
 finden sich auch bei manchen Vertretern der katholischen
 Richtung in der Nationalökonomie, die eine starke innere
Verwandtschaft mit der Romantik aufweist ?!). Freilich haben dann
wieder andere Schriftsteller, die dieser Richtung nahe standen, gerade
die neuzeitliche Erwerbswirtschaft und freie Konkurrenz eben mit
Rücksicht auf die wachsende Bevölkerung bejaht?). Gegen die
romantischen Ideen Rosenstocks, der zur Lösung der seelischen
Seite der Arbeiterfrage Werkstattaussiedelung oder Werkstattkommandite
 vorgeschlagen hat®), hat Jostock mit Recht darauf hingewiesen,
daß einer solchen Einrichtung aus dem Volkswachstum die größten
Schwierigkeiten erwachsen müßten *). Der englische Gildensozialismus,
 der mit seinem stark romantischen Einschlag eine Gesellschaftsreform
 will, die starke Anklänge an das mittelalterliche Zunftwesen
 zeigt, hilft sich dem Bevölkerungsproblem gegenüber auf
ebenso einfache, wie naive Weise. Einer seiner Hauptvertreter,
A. Penty, hat die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Bevölkerung
 deutlich erkannt; er meint jedoch: „Aus diesem Grunde
ist die Auswanderung in großem Maßstabe ein notwendiger Bestandteil
 jedes Planes für den Neubau der Gesellschaft“ 9). Das ist wenigstens

!) Vgl. dazu z, B. F., Kempel, Göttliches Sittengesetz u. neuzeitliches Erwerbseben,
 1902. — Vgl. dazu auch die durchaus unzureichenden Darlegungen bei F. Keller,
Bevölkerungspolitik und christliche Moral, 1905. — Realistischer steht Pesch in
seinem Lehrbuch d. Nationalökonomie (Bd. 4, 1922, S. 850ff.) diesen Zusammenhängen
gegenüber, wenngleich er auch dabei eine etwas schwankende Haltung einnimmt.
% Wenckstern, Le Play, Schmollers Jahrb., Jahrg. 18, 1894, S. 48.
3) Lebensarbeit i. d. Industrie, 1926,
4) P. Jostock, Der Ausgang des Kapitalismus, 1928, S. 250.
5) Auf d. Wege zu einer christl, Soziologie, Deutsch 1924, S. 207.
        <pb n="241" />
        234

Erster geschichtlicher Teil

ehrlich. Aber natürlich liegt die Frage nahe, wie es dann mit der
Gesellschaftsreform in den Ländern stehen soll, in welche sich diese
Auswanderung ergießt. Solche Ideale sind nur durchführbar, solange
die Bevölkerung stationär bleibt.
Freilich hat es auch unter den Sozialreformern Männer gegeben,
die gerade mit Rücksicht auf das Bevölkerungsproblem bei ihren
Reformideen sehr zurückhaltend waren. Hierher gehört z. B. Marlo.
‘'K. Winkelbech), einer derjenigen deutschen Schriftsteller, die sich
am eingehendsten mit dem Bevölkerungsproblem beschäftigt haben.
Auch er will zu einer Organisation der Arbeit kommen *), die eine
wesentliche Änderung der herrschenden Ordnung bedeuten würde:
Er steht jedoch durchaus auf dem Standpunkt von Malthus und
bekämpft deswegen auch eine kommunistische Ordnung, weil „das
notwendig eintretende Mißverhältnis zwischen Produktion und Bevölkerung
 binnen kurzem das drückendste Elend hervorbringen
muß“?)., Schäffle, der als erster auf Marlos Bedeutung aufmerksam
 gemacht hat, hat die Entschiedenheit gerühmt, mit der
Marlo „alle Volksbeglückung, die den Proletariern Wohlstand auch
ohne den Preis des Gehorsams gegen das Bevölkerungsgesetz. verspreche,
 für Demagogie erklärt“. Marlo ist auch deshalb für Maßnahmen
 eingetreten. die. wie die Beförderung des Cölibats und die
Beschränkung der Heiraten einem zu starken Wachstum entgegenwirken
 können.
Nicht viel anders ist die Stellung von F. A. Lange. Auch er
neigte stark zu dem Ideenkreis des Sozialismus und hat mit warmen
Worten die vorhandene Wirtschaftsordnung verurteilt. Er stand auch
mit seinen Sympathien durchaus auf der Seite der Arbeiterbewegung.
Wenn er trotzdem zu keiner positiven Stellungnahme dem Sozialismus
 gegenüber gekommen ist, so hängt dies damit zusammen, daß
et, auf dem Boden der Malthus’schen Lehre stehend, davon überzeugt
 war, daß es nicht möglich sei, mit rein gesellschaftlichen Maßnahmen
 die soziale Notlage auf die Dauer erfolgreich zu bekämpfen.
Wenn er auch in mancher Hinsicht der Malthus’schen Lehre
kritisch gegenüberstand, so hat er doch hervorgehoben, daß das
Anwachsen der Bevölkerung beständig die Grenze erreiche, die das
Anwachsen der Subsistenzmittel zuläßt®). Das Verhältnis der Pro-1)

 Untersuchungen über d. Organisation d. Arbeit oder System d. Weltökonomie
:850/59.
2) a. a. O., 2. Aufl., 1884, Bd. 2, S. 457.
3) Die Arbeiterfrage, herausgegeben v. F. Mehring, 1910, S. 55.
        <pb n="242" />
        7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 235

duktion von Subsistenzmitteln zu der Bewegung der Bevölkerung
ist für Lange „das wichtigste aller sozialen Probleme“.
Es gibt auch ausgesprochene Sozialisten, die ihren Idealen keineswegs
 die Einsicht in die wirklichen Zusammenhänge zwischen Bevölkerung
 und Wirtschaft zum Opfer gebracht haben und die immer
wieder betonten, daß auch in einer sozialistischen Wirtschaftsordnung
mit Rücksicht auf das Volkswachstum keine Garantie für eine glückliche
 und ausreichende Lage der Bevölkerung gegeben sei. David
z. B. hat das Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag durchaus
 anerkannt. „So oft auch durch eine produktionsvermehrende
Neuerung die Ergiebigkeit des Aufwands verbessert, die Normalstufe
 hinausgeschoben wird, immer wieder ist bald der Punkt erreicht,
 von dem ab eine weitere Steigerung der Produkte und der
Produktivität auf erhöhten äußeren und inneren Wachstumswiderstand
 stößt. Niemals wird das Gesetz dauernd aus dem Wege geräumt
 und der Intensitätssteigerung damit freie Bahn bis zu beliebiger
 Höhe gegeben“?), Auch Muckle hat den Standpunkt ver-:reten,
 daß die Verheißungen des Sozialismus zweifellos denkbar
seien „unter der Voraussetzung, daß die Bevölkerungsvermehrung
nicht die Segnungen wachsender Produktionskraft hintanhält“. „Wächst
die Bevölkerung in dem riesigen Ausmaße der letzten Jahrzehnte
weiter, ohne daß wir dabei weitere Wunder der Wissenschaft und
Technik-erleben,' die die Leistungsfähigkeit der Produktivkräfte des
Kapitalismus um ein vielfaches erhöhen: so kann sich wohl eine
sozialistische Lebensordnung herausbilden, aber sie wird nicht der
strahlende Glücksbau sein, der den Propheten des Sozialismus vorschwebte“
 ?).
d) Diebiologischen Gegner von Malthus. — Wir haben
im Vorangegangenen bereits manche Schriftsteller kennen gelernt,
die ein Heilmittel gegen die drohende Bevölkerungsgefahr darin sahen,
daß die Menschen, vor allem mit zunehmender Kultur und Bildung,
zu einer Beschränkung des Volkswachstums gelangten.
Sismondi hatte ja Malthus den Vorwurf gemacht, daß er bei
der Frage des Volkswachstums die Fähigkeit mit dem Willen verwechselt
 habe. Diese Tatsache wird ohne Unterschied immer wieder
in gleicher Weise von den Sozialisten wie auch von den Anhängern
der liberalen Schule betont. Der englische Nationalökonom Porter
schrieb: „Häufig nimmt fast immer in altbesiedelten Ländern die

1) Sozialismus u. Landwirtschaft, 2. Aufl., 1922, S. 362 u. 302.
2) Muckle, Das Kulturideal des Sozialismus, S. 123 u. 182. — Vgl. auch
R. Wilbrandt, Ökonomie, 1920, S. 66 ff.
        <pb n="243" />
        236

Erster geschichtlicher Teil

Geburtenhäufigkeit mit dem Fortschreiten von Zivilisation und den
Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten des Lebens ab!). Auch
bei Ricardo finden sich ähnliche Darlegungen. Bei Marlo ist
zu lesen: „Wert keine Hoffnung hat, dem fehlt natürlich die nötige
Spannkraft, um einen augenblicklichen Genuß einem entfernteren
Vorteil aufzuopfern; wer keine Zukunft hat, der lebt dem Augenblick;
 und wer lebt, um zu darben, der wird sich blind und rücksichtslos
 jedem erreichbaren Genuß hingeben“?). Ähnliche Gedanken
hat auch Prince-Smith ausgesprochen, daß nur Menschen, die
auf dem tiefsten Boden des Lebens stehen und kein Fallen befürchten,
den Vermehrungsdrang haben, von dem Malthus spricht. Anders,
wenn es sich um Menschen handelt, die kulturell und sozial höher
stehen. „Eine Volksklasse, welche sich zum Bewußtsein ihrer
Menschenwürde erhoben hat, läuft nicht Gefahr, durch eine maßlose
Vermehrung naturgesetzlich ins Elend herabgedrückt zu werden“ 3}.
Bei all diesen Männern handelt es sich hier um einen Zusammenhang,
 bei dem der Rückgang der Geburtenhäufigkeit in irgendeiner
Weise auf dem bewußten Willen der Menschen beruht. Demgegenüber
 sind aber im Verlauf des 19. Jahrhunderts manche Schriftsteller
aufgetreten, welche die Meinung hatten, daß mit fortschreitender
Kultur und Bildung die Fortpflanzungsfähigkeit abnähme,
daß also schon aus biologischen Gründen sich das Volkswachstum
verringern müsse. Schon Sadler hat in dem oben genannten
Werke die Meinung vertreten, daß aus physiologischen Gründen die
Fruchtbarkeit um so größer sei, je anstrengender der Mensch körperlich
 arbeite *). Die bekanntesten Vertreter einer solchen Auffassung
sind unter den älteren Schriftstellern Doubleday, Jarrold und
H. Spencer. Sie haben gemeinsam, daß sie von allgemein physiologischen
 Erwägungen ausgehend, den Menschen nur als Teil der
ganzen organischen Welt betrachten. Der erstgenannte °) hat die
Behauptung aufgestellt, daß wie auch bei Pflanzen und Tieren, so
auch bei Menschen die.Art und die Menge der Nahrung maßgebend
für die Größe der Fortpflanzungsfähigkeit sei. Je knapper die Ernährung,
 um SO stärker diese Fähigkeit, während eine reichliche
Nahrung im gegenteiligen Sinne wirke. Jarrold hat vor allem

') G. R. Porter, The progress of nation, London 1851, S. 21.
*) Zit. nach Unshelm, a. a. O., S. 32.
’) Über die Quellen der Massenarmut, 1861, S. 12.
‘a. a. O., Bd. 2, S. 583.
') Th. Doubleday, The true law of population, 4 ed., 1853.
        <pb n="244" />
        7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 237

darauf hingewiesen !), daß wenn Körper und Geist besonders stark
in Anspruch genommen werden, die Fruchtbarkeit abnehme. Beide
Schriftsteller haben es nicht vermocht, den Nachweis für ihre Behauptungen
 zu erbringen. Aber immerhin leiten die Darlegungen
Jarrolds zu den viel besser und tiefer‘ begründeten Anschauungen
Spencers hinüber, der mit einem ganz anderen Maß biologischer
und physiologischer Kenntnisse an die Frage herangeht.
5pencer stellt zunächst fest ?), daß ein enger Zusammenhang
zwischen der Gefahr der Artzerstörung und der Höhe der Fruchtbarkeit
 vorhanden sei. Je größer diese Gefahr ist, um so höher ist
in der ganzen organischen Welt die Fruchtbarkeit. Je komplizierter
ein Organismus in seinem ganzen Aufbau ist, eine um so größere
Fähigkeit hat er zur Selbsterhaltung, aber auch eine um so geringere
Fortpflanzungsfähigkeit. Bei allen organischen Wesen besteht ein
Antagonismus zwischen Selbsterhaltung und Fortpflanzung. Denn
die letztere — die sogenannte Reproduktion — entzieht dem elterlichen
 Körper Stoffe und Kräfte und ist damit ein Hindernis der
Selbsterhaltung. Wenn der Kampf ums Dasein nachläßt, wenn die
Selbsterhaltung gesicherter wird, so nehmen auch die Nervenzentren
an Kompliziertheit und Energie zu. Mit der Entwicklung der Gehirnmasse
 verzögert sich dann einmal die geschlechtliche Reife und im
Zusammenhang damit mindert die steigende Ausgabe an geistigen
Kräften behufs Aneignung von Bildung die Fortpflanzungsfähigkeit
und den Begattungstrieb. Von da aus kommt Spencer dann zu
bestimmten Gesetzen, denen die Vermehrung der Menschen, ebenso
wie die aller organischen Wesen unterworfen ist. Auch er hebt
hervor, daß die Menschen mit ihrem Vermehrungsverhältnis der
Produktion fortwährend auf den Fersen sein werden und daß damit
eine Zeit kommen werde, „wo jede neue Vermehrung der Nahrung
nur durch eine mehr als verhältnismäßige Arbeit erreicht werden
kann“®%. Aber dieser drohenden Entwicklung würden diese eben
dargelegten Wandlungen der Fruchtbarkeit. mit Erfolg entgegenwirken.
 Das Übermaß der Fruchtbarkeit hat den Zivilisationsprozeß
unvermeidlich gemacht, weil von jeher der Druck der Bevölkerung
die Ursache allen Fortschritts gewesen ist. Dieser Druck hat den

1) Jarrold, Dissertations on man, London 1806.
MA theory of population produced from the general law of animal fertility,
London 1852. — Prinzipien d. Biologie, Bd. 2, Deutsch 1877. — Vgl. dazu auch
Nossig, Über die Bevölkerung. Im Kosmos, Zeitschr. f. d. ges. Entwicklungslehre,
Bd. 2, 1885. — Dazu auch Schian, a. a. O.
3) Prinzipien, a. a. O., $ 374.
        <pb n="245" />
        238

\ Erster geschichtlicher Teil

Antrieb zu fortschreitenden Verbesserungen in der Produktion und
zu stets sich steigernder Geschicklichkeit und Intelligenz gegeben.
Aber damit muß der Druck der Bevölkerung in dem Maße, in dem
er sich der Vollendung seines Wirkens nähert, sich auch selbst zum Abschluß
 bringen und damit auf einen Gleichgewichtszustand zwischen
arterhaltenden und artzerstörenden Kräften, d. h. schließlich zwischen
Wirtschaft und Volkszahl, hindrängen. „Indem der Mensch“, so führt
Spencer aus, „dem Gleichgewicht zwischen seiner Natur und den
stets wechselnden Verhältnissen seiner organischen Umgebung sich
annähert und zugleich einem Gleichgewicht zwischen seiner Natur
ınd sämtlichen Forderungen des sozialen Zustandes fortdauernd
näher kommt, schreitet der Mensch zu gleicher Zeit auch nach jener
niedrigsten Grenze der Fruchtbarkeit vor, an welcher das Gleichgewicht
 der Bevölkerung durch die Hinzufügung so vieler Kinder
erreicht wird, als durch den Tod in späterem Alter beseitigt werden.
Alle diese Veränderungen in der Zahl, in den sozialen und organischen
 Verhältnissen, müssen durch ihre gegenseitige Beeinflussung
unaufhörlich auf einen Zustand der Harmonie hinwirken, auf einen
Zustand, in welchem dann jeder der Faktoren genau seiner Aufgabe
entspricht und dieses denkbar höchste Resultat muß durch denselben
universalen Prozeß herbeigeführt werden, der schon im einfachen
organischen Vorgang wirksam ist“ 1.
So kommt Spencer zu einer durchaus harmonisch optimistischen
Auffassung, die — wenn auch von anderen Grundlagen ausgehend —
sich in mancher Hinsicht mit den Lehren des Manchestertums, dem
auch Spencer in vielen anderen Beziehungen nahe stand, deckte.
Eine ähnliche Auffassung hatten wir auch bei Carey kennen gelernt,
 der den Satz aufstellte, daß der Grad der Fruchtbarkeit in
umgekehrtem Verhältnis zur Entwicklung des Nervensystems stehe.
„Die Kraft, das Leben zu erhalten und die Zeugungskraft stehen
miteinander im Gegensatz und dieser Gegensatz wirkt beständig hin
auf die Herstellung eines Gleichgewichts“ ?. Man hät schon mit
Recht hier Einflüsse Spencers angenommen.

!) Prinzipien, a. a. O., 8 375.
*) Lehrbuch d. Volkswirtschaft, a. a. O., S. 612.
        <pb n="246" />
        Zweiter systematisch-theoretischer Teil.

Volkszahl, Volkswachstum und Nahrungsspielraum.
Erstes Kapitel.
Das gegenseitige Größenverhältnis von Bevölkerung
und Nahrungsspielraum.
1. Vorbemerkung. Die bisherigen Darlegungen haben die
Aufgabe gehabt,. ein Bild von der geschichtlichen Entwicklung der
Beziehungen von Wirtschaft und Bevölkerung und von den Anschauungen
 zu geben, denen wir in der Literatur über diese Frage
begegnen. Diese Darlegungen hatten dabei keineswegs die Aufgabe,
den Gegenstand irgendwie erschöpfend zu behandeln. Dazu wäre
es vielmehr erforderlich gewesen, nicht nur, wie es geschehen ist,
für Mittelalter und Neuzeit die Entwicklung im Rahmen der deutschen
Geschichte darzustellen, dazu hätte man vielmehr auch stärker die
Verhältnisse in anderen Ländern mit einbeziehen müssen. Wenn
dies nicht geschah, so hing es — abgesehen von Raumgründen —
auch damit zusammen, daß es sich hierbei in erster Linie darum
gehandelt hat, die Probleme aufzuzeigen, um die es sich bei den
Beziehungen zwischen Bevölkerung und Wirtschaft handelt, um damit
 die Grundlage für die kommende systematisch-theoretische Betrachtung
 zu gewinnen. Denn wir haben auf Grund der geschichtlichen
 Betrachtung erfahren, wie eng diese Beziehungen sind und in
wie sehr verschiedenen Formen sie auftreten. Ähnlich steht es mit
den Darlegungen über die Geschichte der Bevölkerungsanschauungen.
Auch hier war es nicht die Absicht, eine erschöpfende Geschichte
der Bevölkerungslehre zu geben. Dann hätten noch zahlreiche andere
Schriftsteller der verschiedensten Länder es durchaus verdient, ebenfalls
 mit ihren Lehren zu Worte zu kommen. Es kam vielmehr
auch hierbei nur darauf an, die verschiedenen Typen in den Anschauungen
 über die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Be-
        <pb n="247" />
        240 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

völkerung herauszuarbeiten. Auf diese Weise sollten, genau wie bei
der geschichtlichen Betrachtung, die Probleme herausgearbeitet
werden, mit denen es die wissenschaftliche Behandlung dieser Fragen
zu tun hat und es sollte ferner dargelegt werden, welchen Möglichkeiten
 der Stellungnahme wir diesen Problemen gegenüber in der
Literatur begegnen.
Zahlreiche Erscheinungen, die hierher gehören, sind im Vorangegangenen
 besprochen, mancherlei Begriffe, wie: die der Überund
 Untervölkerung, des Nahrungsspielraumes usw. sind
dabei gebraucht worden, ohne daß dabei bis jetzt eine genauere
Untersuchung und Erklärung dieser Erscheinungen gegeben worden
wäre. Die bisherigen Darlegungen in dieser Hinsicht waren alle
mehr oder weniger referierender Natur; denn eine eigene Stellungnahme
 zu diesen Fragen ist nur möglich, wenn die ganzen Probleme,
die im Vorangegangenen nur mehr aufgerollt worden sind, einer
eingehenden, systematischen Betrachtung unterworfen werden. Das
zu tun, ist die Aufgabe dieses zweiten Teiles. Dabei sind es zunächst
 zwei Faktoren, die bei dem Bevölkerungsproblem einander
gegenüberstehen und die zunächst eingehender untersucht werden
sollen. Einmal die Bevölkerung, bei welcher der Wirtschaft gegenüber
 die Erscheinungen der Über- und Untervölkerung auftreten
können und sodann der Nahrungsspielraum, von dessen Größe und
Entwicklung es abhängt, ob diese Erscheinungen von Über- und
Untervölkerung auftreten. Daß sich dabei beide Betrachtungsweisen
in mancherlei Weise decken müssen, liegt auf der Hand; denn da
es sich um enge Wechselwirkungen beider Erscheinungen handelt,
so wird man häufig zu ähnlichen Problemstellungen kommen, ob
man nun die Beziehungen zwischen Bevölkerung und Nahrungsspielraum
 vom Standpunkt der ersteren oder vom Standpunkt des letzteren
aus betrachtet.
2. Das Bevölkerungsoptimum. — In der Idee und als
wünschenswerten Zustand können wir uns ein Größenverhältnis
zwischen Volkszahl und Nahrungsspielraum vorstellen, bei dem die
erstere genügend groß ist, um mit ihrer Arbeitskraft unter den in einer
bestimmten Zeit gegebenen wirtschaftlichen und technischen Voraussetzungen
 alle Gaben der Natur und des Landes in einem Maße
auszunutzen, daß damit der Ertrag der Arbeit und die Größe des
Nahrungsspielraumes ihren, unter bestimmten Voraussetzungen
höchstmöglichen Ertrag erreichen. Schon Sismondi hatte in dem
Vorwort zu der ersten Auflage seiner neuen Grundsätze der politischen
Ökonomie dieses Problem des Bevölkerungsoptimums aufgeworfen,
        <pb n="248" />
        1. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 241

als er sagte, daß die wahre Aufgabe eines Staatsmannes darin bestände,
 „die Verbindung und das Verhältnis von Bevölkerung und
Reichtum zu finden, das imstande ist, das größtmögliche Glück der
menschlichen Rasse auf einem gegebenen Raume zu gewährleisten“.
Wir können also von einem Optimum der Bevölkerung sprechen.
Dabei ist schon die Wirksamkeit des Gesetzes vom sinkenden Bodenertrag
 eingeschlossen. Denn, wenn man ein solches ablehnt oder, wie
manche es tun, die Meinung vertritt, daß die menschliche Arbeit
um so ergiebiger ist, je dichter eine Bevölkerung lebt, dann muß die
Entwicklung dem Optimum der Volkszahl um so näher kommen, je
mehr diese zunimmt. Teilt man jedoch diesen Standpunkt nicht,
erkennt man vielmehr das Bodengesetz in seiner Wirksamkeit
an, so liegen die Verhältnisse anders. Geht dann die Bevölkerung
über dieses optimale Maß hinaus, so wird infolge des Bodengesetzes
die Ergiebigkeit der menschlichen Arbeit geringer sein, als es diesem
idealen Zustand entsprechen würde, ist die Volkszahl dagegen geringer,
 als es dieser optimale Zustand verlangt, so fehlen die Voraussetzungen,
 um aus den natürlichen Gaben des Landes das herauszuholen,
 was herausgeholt werden kann. Es sind also nach beiden
Seiten hin Abweichungen von diesem Bevölkerungsoptimum denkbar.
Wie Rappard es ausgedrückt hat, daß dieses den Grenzstein darstelle,
 welcher die Untervölkerung von der Übervölkerung scheide 3).
Es stehen hier zwei entgegengesetzte Tendenzen einander gegenüber.
 Wo die Volkszahl bei gegebenen Produktionsmöglichkeiten
zunimmt, da wird die Produktivität der Arbeit sinken, während
demgegenüber gerade wieder das Wachstum der Volkszahl starke
Kräfte in sich birgt, unter bestimmten wirtschaftlichen Voraussetzungen
 erheblich zur Steigerung der Produktivität beizutragen.
„Dort wo gerade diese Tendenzen sich ausgleichen, liegt in der Tat
das wahre Optimum der Bevölkerung. Allerdings dieses Stadium
liegt nicht fest“?). Die Abweichungen von diesem Optimum kann
man ganz allgemein als Über- und Untervölkerung bezeichnen,
Beide Male handelt es sich um Relationsbegriffe, die besagen, daß
die Volkszahl an einer anderen Größe gemessen, zu groß oder zu
klein ist. Diese andere Größe können wir einmal in den wirtschaftlichen
 Entwicklungsmöglichkeiten eines Landes oder in den Lebensmöglichkeiten
 erblicken, die in einem Lande in einer bestimmten

1) W. E. Rappard, De loptimum de population, Zeitschr. f. schweiz. Volkswirtschaft
 u. Stat., 63. Jahrg., 1927, S. 679ff.
2%) K. Wicksell, Das Optimum d. Bevölkerung. In: „Die neue Generation‘,
5. Jahrg., 1910, S. 387.
Diehl-Mombert, Grundrisse, Bd. 15.
        <pb n="249" />
        242 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
Zeit vorhanden sind. Diese Lebensmöglichkeiten pflegt man als
Bevölkerungskapazität. oder als. Nahrungsspielraum zu bezeichnen,
Erscheinungen, die im folgenden noch eingehender zu erörtern
sein werden.
Zunächst wollen wir uns jedoch wieder der Frage des Bevölkerungsoptimums
 zuwenden. Es kann sich bei diesen Begriffen
 immer nur um das Verhältnis zum Nahrungsspielraum in
dem einen oder in dem anderen Sinne handeln, keineswegs darum,
wie man früher schon mitunter gemeint hat, ob ein Land im Hinblick
 äuf seine Bodenfläche dünner oder dichter besiedelt ist. Der
Begriff des Bevölkerungsoptimums hat natürlich nur ideellen Wert.
Wir sind nicht in der Lage, festzustellen, ob ein solches Optimum
in einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Lande vorhanden
 ist; denn wir können uns keine Vorstellung davon machen,
wie sich der Nahrungsspielraum eines Landes, namentlich bei steigender
Volkszahl, weiter zu entwickeln vermag. Denn weder der Nahrungsspielraum
 ‚eines Landes, noch dessen Bevölkerungsoptimum, sind
ein für allemal fest umrissene Größen. Wirtschaftliche Verbesserungen,
 Fortschritte in der Technik, stärkere Verflechtung in
den Weltverkehr, Wandlungen in der gesellschaftlichen Struktur und
Verfassung eines Volkes?), aber auch das Wachstum der Volkszahl
selbst, können den Nahrungsspielraum eines Landes stark erhöhen
und die Geschichte zeigt, daß auch mannigfache Faktoren wirksam
werden können, die imstande sind, den Nahrungsspielraum von einer
gewissen Größe wieder herabzudrücken. . Rappard hat gemeint,
daß in einem Lande das Optimum an Bevölkerung dann vorhanden
sei, wenn eine Vermehrung oder eine Verminderung der Volkszahl
eine Zunahme der mittleren Sterblichkeit zur Folge haben würde,
Diese Lösung scheint mir doch keine so einfache zu sein und den
komplexen Zusammenhängen, um welche es sich hierbei handelt,
nicht gerecht zu werden, Denn Abweichungen von einem solchen
Optimum können sich doch auch in einer Verschlechterung der
Lage auf dem Arbeitsmarkt oder einer solchen in der durchschnittlichen
 Lebenshaltung äußern, ohne daß es deshalb auch nun schon
zu einer ungünstigeren Gestaltung der Sterblichkeit zu kommen
braucht. Es sind das ähnliche Zusammenhänge, wie wir ihnen
wieder bei dem Wesen der Übervölkerung begegnen werden.

?) Vgl. dazu z. B. P, Masslow, Die Agrarfrage in Rußland, Deutsch 1907,

passim,
23) Rappard, a. a. ©.
        <pb n="250" />
        !., Kap, Das gegenseit, Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 243

Im Laufe seiner Geschichte hat das Bevölkerungsoptimum eines
jeden Landes beträchtliche Wandlungen erfahren und diese Entwicklung
 wird auch in derselben Richtung weitergehen. Denn die engsten
Beziehungen zwischen Wirtschaft und Bevölkerung liegen in den
Wechselwirk ungen beider, darin, daß eine bestimmte Volkszahl
Voraussetzung einer bestimmten Stufe der Wirtschaft ist und daß
umgekehrt eine bestimmte Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung
nur dann möglich ist, wenn die Dichte der Bevölkerung ein bestimmtes
 Mindestmaß erreicht hat. Beide Faktoren — Volkszahl
und Nahrungsspielraum — hatten also bisher die Tendenz, sich
dauernd vorwärts, einer höheren Stufe zuzutreiben. Es-’ist eine besondere
 Frage, ob und in welchem Maße diese Tendenz in der
Zukunft noch weiter wirksam sein wird. Mit den dargelegten
Gründen hängt es zusammen, daß auch der Begriff des Bevölkerungsoptimums
 dauernd einem geschichtlichen Wandel unterworfen ist;
das gleiche gilt auch von den Erscheinungen, die man als Überund
 Untervölkerung eines Landes bezeichnet. Die Volkszahl eines
Landes, die in älteren Zeiten für die Lebensmöglichkeiten in diesem
zu groß war, wobei vielleicht bereits gewisse Symptome einer Übervölkerung
 sich bemerkbar machten, mag wohl hundert Jahre später
unter anderen wirtschaftlichen und technischen Voraussetzungen als
so klein erscheinen, daß man dann vielleicht von einer Untervölkerung
zu sprechen berechtigt wäre. Dabei ist es noch eine offene Frage,
ob bestimmte erkennbare Symptome vorhanden sein müssen, wenn
man von Über- oder Untervölkerung spricht, also z. B. Merkmale
und Anzeichen, die vielleicht der Höhe der Lebenshaltung entnommen
 sind oder ob man auch diese beiden Begriffe nur in einem
mehr ideellen Sinne gebrauchen darf. -
Wenn man von einem Bevölkerungsoptimum in dem Sinne
spricht, daß man darunter die Volkszahl versteht, bei der die Gaben
eines Landes mit dem größten Erfolg bei einer bestimmten Stufe
der Wirtschaft ausgenutzt werden können und unter Über- und
Untervölkerung die von diesem Optimum möglichen Abweichungen,
so können diese Abweichungen grundsätzlich zwei Ursachen haben.
Sie können einmal in dem zahlenmäßigen Verhältnis beider Größen,
Volkszahl und Nahrungsspielraum, selbst liegen. Dieses Verhältnis
ist dann ebenso beschaffen, daß die Menschen auf keinem Wege
eine größere Ergiebigkeit ihrer Arbeit erzielen können, das eine Mal
nicht, weil die Volkszahl zu groß, das andere Mal nicht, weil sie den
Gaben der Natur gegenüber zu klein ist. Es kann aber auch sein
— und die Geschichte bietet dafür. mannigfache Beispiele — daß
16%
        <pb n="251" />
        244 Zweiter systemaltisch-theoretischer Teil
bei einem bestimmten Verhältnis von Volkszahl und Wirtschaft in
einem Lande eine größere Ergiebigkeit der Arbeit dadurch erzielt
werden kann, daß Änderungen in der Organisation der Wirtschaft
 und damit der menschlichen Arbeit selbst eintreten. Ein
Land, das bei einer großen Bevölkerungskapazität nur eine geringe
Bevölkerungsdichte aufweist, kann vielleicht durch gut entwickelte
Verkehrsmittel dem Bevölkerungsoptimum näher gebracht werden, als
vielleicht ein dichter besiedeltes Land, in dem unter den gleichen
wirtschaftlichen Voraussetzungen die Verkehrsmittel weniger entwickelt
 sind. Das gleiche gilt sinngemäß auch von den Erscheinungen
 der Über- und Untervölkerung, für die ebenfalls die ganze
gesellschaftliche Ordnung eine wichtige Rolle spielen kann.
Es bedarf keiner besonderen Darlegungen, daß diese gesellschaftliche
Ordnung eine große Rolle dabei spielt, in welchem Umfang die
Arbeitskraft eines Landes für die Ausnutzung von dessen Gaben
autzbar gemacht werden kann und ob die Menschen auch imstande
sind, aus der Natur das heraus zu holen, was heraus geholt werden
kann. Um welche Zusammenhänge es sich dabei im einzelnen
handelt, ist später noch darzustellen. Einstweilen kam es nur darauf
an, diese Probleme aufzurollen.
3. Die Untervölkerung. Als Genovesi, wie wir gesehen
haben, davon sprach, daß ein Land, das 5 Millionen Menschen ernähren
könne, aber nur ı Million ernähre, zu vier Fünftel „entvölkert“ (spopolato)
 sei, hat er unter Entvölkerung das verstanden, was wir heute
vielleicht als Untervölkerung bezeichnen. Immerhin werden wir heute
kaum geneigt sein, diesen Begriff so weit zu fassen, wie er es getan
 hat. Das ist schon deshalb heute unmöglich, weil in dem Zeitalter
 so stark anwachsender Industrie und so sehr zunehmenden
Handels, in einer Zeit so großer wirtschaftlicher und technischer
Fortschritte, es gar nicht möglich ist, zu sagen, ob nicht ein bestimmtes
Land noch mehr Menschen zu ernähren imstande ist — und zwar
auch bei gleicher Lebenshaltung — als im Augenblick in ihm vorhanden
 sind. An einem solchen Maßstab gemessen, müßte man
vielleicht alle Länder der Erde als untervölkert bezeichnet.
Wenn jene ältere Zeit mit einem solchen, für uns heute unbrauchbaren
 Maßstab an die Erscheinung der Untervölkerung heranging,
 so hat das besondere Gründe, die vor allem aus den damaligen
politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen heraus zu erklären sind.
Um zuerst von den letzteren zu reden, so zeigte sich in dieser
älteren Zeit die von Genovesi berührte Erscheinung der Untervölkerung
 darin, daß große Teile des Landes unbebaut da lagen oder
        <pb n="252" />
        1. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 245

daß große Waldungen, die bei einer größeren Zahl von Menschen
hätten gerodet und als Ackerland hätten unter den Pflug genommen
werden können, vorhanden waren; die Erscheinung zeigte sich aber
auch darin, daß sich gerade in jener Zeit aus Mangel an Atbeits-Kräften,
 aber auch z. T. infolge fehlender Arbeitsenergie und Arbeitslust,
 Gewerbe und Handel nur unzureichend entwickeln konnten.
Unter solchen Vorausetzungen ist es begreiflich, daß man damals so
häufig die Frage aufwarf, ‚ob ein Land mehr Menschen ernähren
könne, als es tatsächlich der Fall war. Es kam äber für jene
Zeit noch ein politischer Gesichtspunkt bei .der Erörterung dieser
Frage hinzu. Das Merkantilzeitalter war eine Periode ausgesprochensten
 staatswirtschaftlichen Denkens und Wollens. Nicht
nur, daß die Einzelinteressen dem Ganzen und damit der Leitung
des Staates untergeordnet waren, man hat auch den Zweck der
gesamten Wirtschaft damals in einer möglichsten Unterstützung und
Stärkung der staatlichen Macht gesehen. „Je mehr Untertanen,
desto mehr Steuerzahler, desto mehr Soldaten.“ Von deutschen
Schriftstellern hat vielleicht Conring diesen Zusammenhang mit
am stärksten betont. Unter solch staatlichen Gesichtspunkten mußte
2s natürlich in jener Zeit als ein schwerer Mangel empfunden
werden, wenn ein Land weniger Menschen hatte, als es nach seinen
aatürlichen Bedingungen ernähren konnte.
Unter solchen Verhältnissen hat man auch in neuerer Zeit
immer wieder von Untervölkerung gesprochen. Gerstner, dem wir
neben Bülau wohl die eingehendsten Darlegungen in neuerer
Zeit über diesen Gegenstand verdanken *), wollte überall dort von
Untervölkerung sprechen, wo das Wohl eines Landes mehr Menschen
verträgt und sogar verlangt. Wenn man sich dieser Anschauung anschließt,
 dann erblickt man das Kriterum der Untervölkerung darin,
ob bei größerer Volkszahl nicht der Wohlstand und damit auch die
zanze Kultur des betreffenden Landes und seiner Bewohner zunehmen
 kann. An einem solchen Maßstab gemessen, würde es
lann auch noch heute Länder geben, die man als untervölkert bezeichnen
 kann: Hierher gehörten dann vor allem jene Gebiete ‚die
vor noch nicht allzu langer Zeit noch kolonialartigen Charakter
:rugen, Länder mit großer Fläche, aber noch dünner Bevölkerung,
wie z. B. heute noch Kanada, Argentinien, Mexiko, Brasilien und
manche andere Staaten. „Mexiko ist ein Land von 2000000 akm

!) Die Bevölkerungslehre, 2. Bd., ı. Abt. von „Die Grundlehren d. Staats-‚erwaltung‘“,
 1864, S. 176ff. — F. Bülau, Der Staat u. d. Industrie, 1824, S. 3f.
        <pb n="253" />
        246 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Bodenfläche, hat nur 15 Millionen Menschen zu ernähren und ist
für sein Brotgetreide, Weizen und Mais, doch auf-die Einfuhr angewiesen“
 ?),
In solchen Ländern herrscht Mangel an Arbeitskraft; wir begegnen
 infolgedessen hier, soweit dagegen nicht durch die Fortschritte
im Maschinenwesen ein gewisser Ausgleich geschaffen werden kann,
einer extensiven  Bodennutzung und in der Regel auch hohen
Löhnen. Gewerbe und Handel stehen hier vielfach noch in den
Anfängen, einmal aus Mangel an Arbeitskräften, dann aber auch,
weil infolge der geringen Menschenzahl für die Entwicklung des
Gewerbes noch der genügende innere Markt fehlt. Die Verflechtung
solcher Länder in den Weltmarkt vollzieht sich dann in der Regel
in der Weise, daß sie vornehmlich Nahrungsmittel und Rohstoffe
aus- und hauptsächlich industrielle Fertigwaren-einführen. Es handelt
sich also in gewissem Sinne um einen Austausch von Boden
zegen Arbeit. Die gleichen Länder sind es dann auch, die in
der Regel die Einwanderung auf die verschiedenste Weise unterstützen,
 entweder durch die Gewährung von Land oder durch Bezahlung
 der Reisekosten. Unter solchen Voraussetzungen gelten
eben jene Anschauungen, wie wir sie oben vor allem bei Carey
kennen gelernt haben, der als Amerikas seine Erfahrungen ja
auch aus solchen Verhältnissen schöpfte, daß mit dem Wachstum
der Bevölkerung deren Arbeitskraft noch rascher steigt, daß also
die Steigerung der Produktivkraft eines Volkes noch rascher vor
sich gehen kann, als seinem zahlenmäßigen Wachstum entspricht.
Man wird unter solchen Voraussetzungen vielleicht also in dem
Sinne von einer Untervölkerung sprechen können, als ein stärkeres
Volkswachstum die Voraussetzung einer‘ noch weiteren Steigerung
von Wohlstand und Kultur ist. .
Man darf jedoch freilich unter solchen Verhältnissen, wie wir
sie noch heute an so vielen Stellen der Erde antreffen, mit dem
Gedanken der Untervölkerung nicht etwa die Anschauung von etwas
ungünstigem, also gewissermaßen von einem krankhaften, pathologischen
 Zustand verbinden, wie wir es später bei der Erscheinung
der Übervölkerung noch kennen lernen werden. Bei dieser Form der
Untervölkerung können die Menschen in durchaus behaglicher, zureichender
 Weise leben und Bülau hatte Recht, wenn er im Hin-5Slick
 darauf nicht von einer Untervölkerung, sondern nur von einer
zu geringen Bevölkerung gesprochen hat. Denn eigentlich müßten

) A. Reichwein, Die Rohstoffwirtschaft d. Erde, 1928, S. 152.
        <pb n="254" />
        1. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 247
wir den Begriff der Untervölkerung, wie wir noch sehen werden,
für andere Erscheinungen aufbewahren.
Die. Erscheinung einer solchen Untervölkerung kann auch
unter Voraussetzungen eintreten, bei denen man durchaus betechtigt
 ist, von einem krankhaften Zustand des Volkes oder der
ganzen Wirtschaft des Landes zu sprechen. Das ist nämlich dann
der Fall, wenn es sich nicht um Gebiete mit noch dünner, aber
doch langsam zunehmender Bevölkerung handelt, sondern wenn
zuvor die Bevölkerung eine größere Dichte aufzuweisen hatte, also
die Untervölkerung. die Folge einer Abnahme der Volkszahl ist, man
also von einer Entvölkerung reden kann. Hier handelt es sich
um ganz andere und wesentlich ernstere Fragen. In einem solchen
Fall kann die Abnahme der Bevölkerung ein Abgleiten des Volkes
von einer höheren Stufe wirtschaftlicher Kultur und politischer Bedeutung
 in sich schließen; die Zahl der Menschen genügt dann
vielleicht nicht mehr, um das ganze, vorher unter den Pflug genommene
 Land anzubauen, Dörfer und Höfe können veröden und
es können damit mehr oder weniger die Voraussetzungen in Fortfall
 kommen, die bisher in dem betreffenden Lande die Entwicklung
von Gewerbe und Handel möglich gemacht haben. Das waren
die Zustände, die wir etwa in der späteren Geschichte Griechenlands
 und Roms, in England vorübergehend nach dem schwarzen
Tod und in manchen deutschen Gebieten nach dem dreißigjährigen
Krieg beobachten konnten, Es ist leicht einzusehen, daß und warum
hier die Untervölkerung etwas ganz anderes bedeutet, als in dem
erstgenannten Falle bei aufsteigenden aber zunächst noch dünnbesiedelten
 Ländern. Jedenfalls hing auch die aktive Bevölkerungspolitik
 in Deutschland nach dem dreißigjährigen Kriege mit diesen
Bevölkerungsverlusten zusammen, wenn sie auch keineswegs allein
darauf beruhte. Harmsen hat neuerdings mit einem glücklichen
Ausdruck diese Form der Untervölkerung als Bevölkerungsschwund
 bezeichnet 9.

Es sind das Zusammenhänge, auf die man in letzter Zeit recht
häufig unter dem Eindruck des neuzeitlichen Geburtenrückganges
aingewiesen hat und es handelt sich hier um ein Problem, das
aamentlich für Frankreich eine sehr große Bedeutung besitzt.
Hier lassen sich — wie Harmsen und manche französischen Schriftsteller
 gezeigt haben — bereits die Folgen der Volksabnahme in
gewissen Gebieten feststellen. So haben die Getreideanbauflächen

') A. Harmsen, Bevölkerungsprobleme Frankreichs, 1927, S. s3ff,
        <pb n="255" />
        2 48 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

einen nicht unbeträchtlichen Rückgang erfahren und die starke Einwanderung
 nach Frankreich, vor allem auch von Italienern, die sich
z. T. geschlossen in bestimmten Gebieten ansiedeln, ist eine Folge
dieser Erscheinung. Unter solchen Voraussetzungen ist die Gefahr
einer langsamen Überfremdung nicht ausgeschlossen, eine Entwicklung,
die für die Nationalität und Kultur des betreffenden Landes schon
ihre bedenklichen Seiten. haben kann. Ist doch in Frankreich auch
die ländliche Bevölkerung von den Jahren 1846—1921 von 26,6 auf
20,1 Millionen (einschließlich Elsaß-Lothringen 21,0) zurückgegangen,
Während die französische Bevölkerung im Jahre 1800 noch 14,33 %
der Bevölkerung Europas ausmachte, ging dieser Anteil bis zum
Jahre 1900 auf 9,73, bis zum Jahre 1913 auf 8,4 und bis zum Jahre
1925 einschließlich Elsaß-Lothringen auf 8,0 % zurück). Man hat
für Frankreich als Wirkungen der Entvölkerung vor allem feststellen
können: „Zunehmende Erschwerung der Beschaffung ländlicher Arbeitskräfte,
 Verödung der Kulturlandschaft, Entwertung der Liegenschaften,
 Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion“ %. Caziot®)
berichtet von völliger Unverkäuflichkeit ländlicher Besitzungen in den
Entvölkerungsgebieten und hat für ganz Frankreich für die Periode von
1892—1900 die Entwertungssumme auf 32 Milliarden Fr. geschätzt.
Nach den Mitteilungen Bernhards hängt damit auch die erhebliche
 Einwanderung aus der Schweiz zusammen, weil man sich in
Frankreich mit viel geringeren Mitteln in der Landwirtschaft selbständig
 machen kann.
Es liegt auf der Hand, daß solche Wandlungen auch ihre politischen
 Auswirkungen haben müssen. Gerade in Frankreich hat
man nicht zuletzt diesen Zusammenhang immer wieder betont, aber
auch in anderen Ländern hat man häufig genug auf die politischen
Folgen des Geburtenrückganges hingewiesen, der vielleicht einmal
zu einem Stillstand, wenn nicht zu einer Abnahme der Volkszahl
führen könne. Freilich gehört die Erörterung noch nicht hierher,
ob und in welchem Maße mit einem Stillstand des Volkswachstums
oder einem Rückgang der Volkszahl zu rechnen ist. Soweit das
aber für einzelne Länder zutrifft, gilt jedenfalls der Satz Kjellens:

1) Vgl. dazu M. Paon, L’imigration en France, Paris 1926. — R. Michels,
Prolegomena zum weltpolitischen Bevölkerungsproblem Italien u. Frankreich, Weltwirtschaftl.
 Archiv, Bd. 26, 1927,
% H. Bernhard, Landbauzonen, ländliche Entvölkerung und landwirtschaftl.
Ainwanderung in Frankreich, Bern 1927, S. 72.
3) Caziot, La valeur de la terre en France, Paris 1914, S. 8. Zit. nach
Bernhard, a. a. O0.
        <pb n="256" />
        i. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 249

„Bevor nicht alle Völker angefangen haben, ihr Wachstum zu regulieren
und zwar in gleichem Tempo, wird sich das freiwillig im Wachstum
zurückbleibende Volk selbst zu einer immer größeren Bedeutungslosigkeit
 gegen die anderen verurteilen“ ?). Es sei nur auf den beginnenden
 Gegensatz zwischen Italien und Frankreich über die Verteilung
 des kolonialen Besitzes verwiesen, wobei die starke Volkszunahme
 des einen, das zahlenmäßige Zurückbleiben des anderen
Landes, mit aller Deutlichkeit im Vordergrund steht.
Während die politische Bedeutung einer sich in dieser
Art anbahnenden Entvölkerung eines Landes ziemlich deutlich
erkennbar ist, liegen die wirtschaftlichen und sozialen Folgen einer
derartigen Entwicklung nicht so klar zutage. Ganz ‘allgemein
wird man zunächst nur sagen können, daß diese letzteren Wirkungen
in hohem Grade davon abhängen, auf welcher Stufe der wirtschaftlichen
 Entwicklung das Land steht, bei dem ein solcher Bevölkerungsschwund
 einsetzt. Es wird einen großen Unterschied ausmachen,
ob es sich dabei um ein Land handelt, dessen Wirtschaft noch einen
überwiegend agraren Charakter trägt oder ob es schon in erheblichem
 Ausmaß Industrie und Handel ausgebildet hat und auf dieser
Grundlage in-starkem Umfang in die Weltwirtschaft verflochten ist.
Wenn wir uns im folgenden ein Bild dieser Wirkungen zu machen
versuchen, dann sei ganz bewußt davon abgesehen, was jedoch in
einem solchen Fall sehr wahrscheinlich sein wird, daß fremde Einwanderer,
 in der Regel aus wirtschaftlich und kulturell tiefer stehenden
Gebieten, in das betreffende Land kommen und daß sich damit
wirtschaftlich ein gewisser Ausgleich für den Rückgang der eigenen
Bevölkerung vollzieht, daß aber dann jene nationalen und politischen
Gefahren entstehen, von denen bereits die Rede gewesen ist. In
Frankreich kamen auf 1000 der Bevölkerung Fremde im
Jahre 1851 106, 1901 267, 1911 286 und 1925 698. Mit einer solchen
Einwanderung ist also in der Tendenz durchaus zu rechnen. Man
hat unter solchen Gesichtspunkten auch schon von einem Gesetz
des demographischen Gleichgewichts oder Ausgleichs gesprochen:
„Bleibt ein Land hinter der normalen Bevölkerungsdichtigkeit zurück,
die seine ökonomische Aktivität an sich zulassen würde ... SO entsteht
 zwischen diesem Lande und den Ländern mit übermäßiger
oder dichterer Bevölkerung ein unaufhaltsamer Menschenstrom, der
bestimmt ist, das Gleichgewicht wieder herzustellen“ ?). Von dieser

1‘) Kjellen, Der Staat als Lebensform, 1917, S. 152,
? W. Oualid, Die Einwanderung nach Frankreich u. ihre Probleme, Arch. f.
Soz., Bd. 56, 1926, S. 107.
        <pb n="257" />
        250 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
Möglichkeit wollen wir jedoch absehen und vielmehr annehmen, daß
in einem Lande eine tatsächliche Abnahme der Bevölkerung eintritt,
der keinerlei Ausgleich durch Einwanderung gegenübersteht,
Wenn wir es dabei mit einem Gebiete von rein oder überwiegend
 agrarem Charakter zu tun haben, so wird die Folge einer
Entvölkerung als Wirkung einer Abnahme der Volkszahl ein Übergang
 zu einer extensiveren Betriebsweise im Landbau sein können.
Es stehen weniger Arbeitskräfte zur Verfügung als zuvor, auch der
Bedarf an Nahrung wird geringer werden. Gewisse Anfänge von
Gewerbe und Handel können dabei zum Erliegen kommen, wie wir
es auch nach dem dreißigjährigen Kriege in Deutschland beobachten
konnten. Ein solches Land, das bis dahin durch die Ausfuhr von
Nahrungsmitteln und Rohstoffen in die Weltwirtschaft verflochten
war und dafür industrielle Fertigwaren einführte, wird diesen Austausch
 vielleicht nicht mehr in dem gleichen Umfang fortführen
können, so daß damit auch ein Rückgang der wirtschaftlichen Kultur
eintreten kann. Es ist dagegen unter solchen Voraussetzungen
keineswegs notwendig, daß auch eine Verschlechterung in der unmittelbaren
 Lebenshaltung eintritt, so daß sich damit keine gefahrdrohende
 Verschlechterung der sozialen Lage zu zeigen braucht.
Der Rückgang der Kultur wird sich vielmehr weniger in Änderungen
der unmittelbaren Lebenshaltung, als darin zeigen, daß das betreffende
Land in geringerem Maße als zuvor Erzeugnisse von höherstehenden
Kulturen im Austausch erhalten kann. Allerdings lassen sich derartige
Wirkungen nicht mit Bestimmtheit voraussagen; denn es ist unter
solchen Verhältnissen durchaus möglich, daß ein mehr oder weniger
ausreichender Ersatz für das Fehlen menschlicher Arbeitskräfte dadurch
 stattfindet, daß mehr Maschinenarbeit zur Anwendung gelangt;
dann braucht die Gewinnung von Bodenerzeugnissen keineswegs in
einem Umfang zurückzugehen, wie sie der Abnahme der Volkszahl
entsprechen würde. Mit einer solchen Möglichkeit ist wohl um so
eher zu rechnen, als ein auf diese Weise einsetzender Rückgang
an menschlicher Arbeitskraft lohnsteigernd wirkt und damit die
Anwendung von Maschinen rentabler gestaltet als zuvor.
Ganz anders und wesentlich verwickelter liegen die Verhältnisse
dort, wo es sich um eine Entvölkerung als Folge eines Bevölkerungstückganges
 in einem modernen Industriestaat handelt. Hier liegen
die Möglichkeiten so vielgestaltig und so verwickelt, daß sie im
folgenden gar nicht erschöpft werden können. Es kann sich vielmehr
 nur darum handeln, auf einige der wichtigsten Folgen, die
sich von vornherein vielleicht übersehen lassen, in großen Zügen
        <pb n="258" />
        i. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v, Bevölkerung u. Nahrungsspielraum * 251

hinzuweisen. Diese Wirkungen sind namentlich deshalb so schwer
zu übersehen, weil es hierbei auch auf das Maß des Bevölkerungsrückganges
 und auch darauf ankommt, ob das betreffende Land
nicht vorher gewisse Übervölkerungssymptome aufzuweisen hatte.
Es wird auch ganz wesentlich sein, ob sich der Bevölkerungsrückgang
 in dem betreffenden Lande allein vollzieht, oder ob davon alle
anderen Länder mehr oder weniger ebenfalls betroffen sind. Die
Folgen werden ganz andere sein, wenn die Volksabnahme in einem
Lande eintritt, das bereits über seine Kapazität hinaus besiedelt war
oder in einem Lande, das im Hinblick auf seine Produktionsmöglichkeiten
 nur eine relativ dünne Bevölkerung hatte. Man denke nur
an die Unterschiede zwischen Italien und Frankreich. Da bei den
modernen Industriestaaten jedoch im allgemeinen, wie wir noch
sehen werden, von einer Übervölkerung, wenn auch nur in einem
ganz bestimmten und eingeschränkten Sinne, gesprochen werden
kann, so soll dieser Fall der folgenden Betrachtung zugrundegelegt
werden. Dabei sei von den politischen Auswirkungen eines solchen
Bevölkerungsschwundes im Hinblick auf die Bedeutung des betreffenden
 Volkes anderen Völkern gegenüber ganz abgesehen und
das Schwergewicht der Betrachtung nur auf die wirtschaftlichen und
sozialen Auswirkungen einer solchen Entwicklung gelegt.
Wir müssen dabei vielleicht von der Lage eines Landes ausgehen,
das sich wirtschaftlich etwa in derjenigen Deutschlands befindet, also
davon, daß sich in diesem Lande die Ernährung der Bevölkerung in der
Weise vollzieht, daß im Welthandel Fabrikate gegen Rohstoffe und
Nahrungsmittel eingetauscht werden. Mit rückläufiger Volkszahl
wird die Menge der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte abnehmen.
Setzen wir voraus, daß kein entsprechender Ausgleich durch Mehrverwendung
 von Maschinenarbeit möglich ist, daß auch kein Ersatz
durch Einwanderung stattfindet, so wird ein Mangel an Arbeitskraft
 auftreten, dem aber dann auch ein entsprechender Rückgang
an Absatzgelegenheit auf dem inneren Markt gegenübersteht. Hier
ist es schon unsicher, ob der Mangel an Arbeitskräften sich in der
Industrie oder in der Landwirtschaft stärker zeigen wird. Zwar wird
in einem solchen Falle mit einer verstärkten Einwanderung zu rechnen
sein, so daß damit die oben. dargelegten, ungünstigen Folgen in
nationaler und politischer Hinsicht eintreten können. Aber davon
soll bewußt abgesehen werden, weil bei einem Eindringen fremder
Arbeitskräfte der Bevölkerungsrückgang wirtschaftlich gar nicht
relevant zu werden braucht, also die wirtschaftlichen Wirkungen gar
nicht eintreten würden, auf die hier hingewiesen werden soll. Wenn
        <pb n="259" />
        252

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

nun durch einen solchen Arbeitermangel die Landwirtschaft allein
zu leiden hat, was bei den höheren Löhnen, die in der Industrie
gezahlt werden können, wahrscheinlich ist, so mag es sein, daß in
der Landwirtschaft durch Maschinen ein Ausgleich geschaffen
werden kann, vor allem wenn hier der Preis der Arbeit in die Höhe
geht. Soweit das ökonomisch nicht in vollem Umfang möglich ist,
wird man mit einer Tendenz zur Extensivierung rechnen dürfen.
Damit können die Roherträge der Landwirtschaft eine Verminderung
erfahren, der dann freilich auch bei einem Rückgang der Volkszahl
ein geringerer Bedarf an Nahrungsmitteln gegenübersteht. Je nachdem
 das eine oder das andere überwiegt, kann es unter Umständen
zu einer größeren Unabhängigkeit des betreffenden Landes von fremdländischer
 Versorgung mit Nahrungsmitteln, aber auch mit Rohstoffen,
führen. In welchem Maße das der Fall sein kann, hängt wesentlich
von dem Umfang des Bevölkerungsrückganges, aber auch von der
Lage der Landwirtschaft selbst ab. Es ist für die wirtschaftlichen
 Auswirkungen einer solchen Entwicklung von Wichtigkeit,
ob bis dahin die Produktion auf Land nach dem Gesetz vom sinkenden
Bodenertrag vonstatten gegangen ist. In diesem Falle können bei
einer jetzt vielleicht einsetzenden Extensivierung der ländlichen Betriebe
 die Roherträge zwar absolut sinken, im Verhältnis zu dem
Kostenaufwand aber steigen, so daß sich die Lage der Landwirtschaft
damit keineswegs zu verschlechtern braucht.
Fragen wir nun, wie ein Rückgang der Volkszahl auf die
Industrie des Landes wirken kann. Daß der Absatz auf dem inneren
Markt zurückgehen wird, wenn die Volkszahl sinkt und wenn die
Landwirtschaft extensiver wirtschaften wird, ist wohl sicher. Damit
kann sich die Lage des betreffenden Landes bei der Ausfuhr auf
dem Weltmarkt schwieriger gestalten, weil die Konkurrenzfähigkeit
auf diesem in hohem Maße von der Absatzgröße auf dem inneren
Markte abhängt. Inwieweit eine Abnahme an Zahl der Arbeitskräfte
in der Industrie den Preis der Arbeit erhöhen wird, läßt sich nicht
sagen, da man nicht voraussehen kann, ob nicht ein mehr oder
weniger vollkommener Ausgleich dafür durch die Mehrverwendung
von maschineller Kraft erfolgen kann. Es läßt sich auch gar nicht
übersehen, ob nicht eventuelle Tendenzen zu einer Lohnsteigerung
dadurch ausgeglichen werden, daß mit dem Rückgang des Absatzes auf
dem inneren Markt, auch mit Änderungen in der Ausfuhr, der Arbeiterbedarf
 in der Industrie selbst geringer wird. Man muß eben stets
beachten, daß auch die Größe des Nahrungsspielraumes selbst in
mancher Hinsicht von der Größe der Volkszahl und ihrem
        <pb n="260" />
        1. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 2 53
Wachstum abhängen kann. Man darf nicht etwa annehmen, daß
mit einem Rückgang der Volkszahl ohne weiteres günstige Wirkungen
auf dem Arbeitsmarkte ausgelöst werden müssen; es kann sogar
das Gegenteil der Fall sein. Wir brauchen nur daran zu denken,
daß in der Industrie — wenigstens in der Tendenz — mit zunehmender
Produktion und zunehmendem Absatz die Produktionskosten zu sinken
pflegen, um einzusehen, daß, wenn der Absatz zurückgeht, wenn nicht
mehr alle vorhandenen Anlagen ausgenutzt werden können, die
Produktionskosten zum Steigen tendieren. Damit können ungünstige
Einflüsse für den Absatz auf dem inneren und auf dem äußeren
Markt entstehen, die unter Umständen so stark sein können, daß sie das
angenommene Minderangebot an Arbeitskräften ausgleichen, vielleicht
sogar es überkompensieren. Wir müssen eben immer im Auge
haben, daß die Volkszahl, wie noch genauer zu zeigen sein wird,
auch einen Einfluß auf die Größe des Nahrungsspielraumes ausüben
kann, daß es durchaus möglich ist — wie auch die geschichtliche
Erfahrung zeigt — daß unter bestimmten Voraussetzungen der
Nahrungsspielraum eines Landes stärker steigt als die Volkszahl.
Ebenso kann aber auch unter bestimmten wirtschaftlichen Voraussetzungen
 auch das Umgekehrte eintreten, daß bei rückläufiger
Volkszahl der Nahrungsspielraum stärker als die Volkszahl zurückgeht.
 Ob das eine, ob das andere der Fall ist, hängt von der ganzen
technischen und wirtschaftlichen Situation ab, in der sich die betreffende
 Volkswirtschaft dann befindet, wenn die Volkszahl rückläufig
zu werden beginnt.
Aus dem Gesagten ersieht man, daß die Wirkungen abnehmender
Volkszahl sich nur in den allergröbsten Strichen zeichnen lassen.
Es ist gar nicht möglich, alle die Mannigfaltigkeiten zu erschöpfen,
die sich daraus für die Wirtschaft und das soziale Leben eines Volkes
ergeben können. Z. B. läßt sich gar nicht übersehen, welcher
Einfluß sich dadurch auf den Kapitalbedarf und die Kapitalbildung
 ergeben kann, ob ein solches Land, das bisher dank seines
starken Volkswachstums seinen Kapitalbedarf nur schwer befriedigen
konnte, wie etwa Deutschland schon vor dem Kriege, nun bei
sinkender Volkszahl einen gewissen Kapitalüberfluß im Laufe der
Zeit haben wird und zum Kapitalexport schreiten kann, wie es in
Frankreich z. B. vor dem Kriege der Fall war. Alle diese verschiedenen
 Möglichkeiten und Wirkungen können dann auch in
hohem Maße davon abhängen, ob das betreffende Land Gläubigeroder
 Schuldnerstaat ist, sie werden auch davon bestimmt sein, ob
sich ein solcher Bevölkerungsrückgang in allen Ländern vollzieht,
        <pb n="261" />
        254 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

oder ob nur ein einzelnes Land davon betroffen wird. Fehlen doch
auch für die Wirkungen einer solchen Bevölkerungsabnahme in einem
modernen Industriestaat alle geschichtlichen Erfahrungen.
Mit den bis jetzt erörterten Formen der Untervölkerung — zu
geringe Volkszahl und Bevölkerungsschwund — sind jedoch die
Möglichkeiten keineswegs erschöpft, die hier vorkommen können
und auch schon vorgekommen sind. Es braucht sich bei einer
solchen Erscheinung der Untervölkerung keineswegs nur darum zu
handeln, auch bei der Übervölkerung werden ähnliche Unterschiede
zu machen sein, daß eine solche Untervölkerung in dem einen oder
anderen Sinne sich auf das ganze Land, also auf alle seine Wirtschaftszweige
 erstreckt. Es kann auch der Fall vorkommen, daß trotz zunehmender
 Bevölkerung der Nahrungsspielraum eines Landes und
seine Produktionsmöglichkeiten so wachsen, daß die Zunahme der
Bevölkerung dahinter zurückbleibt und daß ein Mangel an Arbeitskräften
 eintritt. Es sei auf den Arbeitermangel in der deutschen
Landwirtschaft verwiesen oder ganz allgemein auf die Entwicklung
in Deutschland in dem Jahrzehnt von 1896 bis 1905, wie sie sich
in der folgenden kleinen Zahlenreihe wiederspiegelt: ;
Geburtenüberschuß Wanderungsgewinn
absolut auf 1000
1896—00 4 002 152 45 000 0,3
1901—05 4 228 743 68 000 0,2

Auch in den darauf folgenden Jahren zeigte sich in Deutschland
trotz eines recht erheblichen und noch steigenden Geburtenüberschusses
 ein gewisser Arbeitermangel. So wurden z. B. in dem
Jahre 1911/12 in der Industrie 332211, in der Landwirtschaft 397364
Legitimationskarten für Wanderarbeiter ausgestellt, Zahlen, die im
folgenden Jahre 1912/13 auf 355 509 und 411706 stiegen!)., Wenn
es sich dabei auch vielfach darum gehandelt hat, daß man nur für
ganz bestimmte Tätigkeiten auf ausländische Arbeiter zurückgriff, oft
mitunter auch deshalb, weil sie anspruchsloser und billiger waren,
so lag dieser starken Beschäftigung fremdländischer Arbeitskräfte
doch auch ein absoluter Arbeitermangel in der deutschen Wirtschaft
in dieser Zeit zugrunde.
Diese eben besprochene Erscheinung lenkt zu der Frage hinüber,
 woher überhaupt die Wirtschaft eines Landes, insbesondere
die Industrie, bei ihrem Wachstum ihre Arbeitskräfte bezieht. Die

') Vgl. dazu auch B. Bodenstein, Die Beschäftigung ausländischer Arbeiter
i. d. Industrie, 1908.
        <pb n="262" />
        I. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v, Bevölkerung u. Nahrungsspielraum
pP geg g55P 255

eben dargelegten Zahlen zeigen, daß recht wohl der Fall eintreten
kann, daß auch bei sehr starkem eigenen Volkswachstum die Arbeitskräfte
 für den Bedarf der Wirtschaft nicht ausreichen und man
deshalb fremdländische mit heranziehen muß. Ebensogut wie die
Volkszahl eines Landes stärker wachsen kann, als seine Produktion
und Produktionsmöglichkeit, so kann auch zeitweilig das Umgekehrte
eintreten; dann ist es möglich, daß dieses Land trotz starken eigenen
Volkswachstums weniger Menschen hat, als es seiner Bevölkerungskapazität
 entspricht und dann wird man auch in gewissem Sinne von
einer Untervölkerung sprechen können.
In seinem „Kapitalismus“ hat Sombart diesem Problem, woher
die Industrie ihre Arbeiter bezieht, eingehende Erörterungen gewidmet
 !). Zum Teil war es der gewaltige Volkszuwachs selbst, der
imstande war, den großen Bedarf der Industrie nach Arbeitskräften
zu befriedigen; warum er in dieser Zeit so groß war, wird noch
darzulegen sein. Soweit das Volkswachstum auf dem starken Rückgang
 der Sterblichkeit, etwa von der Mitte des 19. Jahrhunderts ab,
beruhte, hing die Volkszunahme mit der Mehrung des Volkswohlstandes
 und der Hygiene zusammen. Insoweit hat Sombart recht,
wenn er meint, daß der Kapitalismus durch die Ausweitung
des Nahrungsspielraumes sich selbst sein Proletariat herbeischaffe,
wenn auch in anderem Sinne, als Marx gemeint hat. So weit aber
der natürliche Überschuß für die Industrie selbst nicht ausreichte,
waren es die zunächst überflüssigen Arbeitskräfte auf dem Lande,
welche die Industrie in der Zeit ihrer Entwicklung und ihres Aufschwungs
 an sich zog und zwar in einem Umfange, daß infolgedessen
 ein Arbeitermangel in der Landwirtschaft eintrat, so daß hier
fremdländische Arbeitskräfte zum Ersatz herangezogen werden
mußten. Die Ausweitung des Nahrungsspielraumes, wie sie namentlich
 durch die Erstarkung und das Wachstum von Industrie und
Kapitalismus erfolgte, war also unweigerlich an die Verfügung über
an Zahl dauernd wachsende Arbeitskräfte gebunden. Man erkennt
aus diesen Überlegungen, worauf ja oben schon hingewiesen worden
ist, daß auch in Ländern mit großem eigenen Geburtenüberschuß
in gewissem Sinne Untervölkerungserscheinungen dann entstehen
können, wenn sich Tendenzen zeigen, die auf eine erneute Ausweitung
 des Nahrungsspielraumes über das Volkswachstum hinaus wirksam
 sind. Unter solchen Voraussetzungen kann dann bei noch so
dichter Bevölkerung die Sachlage ähnlich sein, wie in neuerschlossenen

1) Das Wirtschaftsleben im Zeitalter d. Hochkapitalismus, 1. Halbbd., S, 322 ff
        <pb n="263" />
        256 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
Gebieten mit noch sehr dünner Besiedelung, daß das Fehlen an
Arbeitskräften ein wesentliches Hindernis der Ausweitung des Nahrungsspielraumes
 ist. Das hat sich in der Vergangenheit gezeigt,
das kann auch in der Zukunft wieder einmal auftreten und man hat
gerade neuerdings im Zusammenhang mit dem starken Geburtentrückgang
 auf diese Möglichkeiten hingewiesen.
4. Die Übervölkerung. — Leichter und einfacher als bei der
Untervölkerung lassen sich Formen und Arten bei der Übervölkerung
überblicken. Liegen doch hierfür auch weit zahlreichere Erfahrungen
vor. Freilich gibt es auch hier eine ziemliche Mannigfaltigkeit von
Möglichkeiten, die scharf auseinander gehalten werden müssen. Wir
haben bereits oben gesehen, daß wir es hier mit einem Relationsbegriff
 zu tun haben, daß die Bevölkerung einer anderen Größe,
dem Nahrungsspielraum gegenüber zu groß ist. Es besteht eine
Meinungsverschiedenheit darüber, ob Malthus eine dauernde Übervölkerung
 für möglich gehalten hat. Bortkiewicz‘!)z. B. hat diese
Meinung vertreten, während Budge”) und andere, denen ich beistimmen
 möchte, der Meinung sind, daß davon keine Rede sei.
„Denn es ist ja ein Kernpunkt der Malthus’schen Lehre, daß die
Bevölkerung dauernd auf dem Niveau der Nahrungsmittel festgehalten
 wird, daß sie zwar beständig gegen den Nahrungsspielraum
preßt, das Niveau desselben aber niemals dauernd zu überschreiten
vermag.“ Man kann also im Sinne von Malthus nur von einer
dauernden Tendenz zu einer Übervölkerung sprechen. Budge hat
deshalb auch Recht, wenn er die Meinung Oppenheimers „Bei
Malthus steht die „Übervölkerung“ gegen eine Unterversorgung
mit Nahrungsmitteln, und zwar nicht gegen eine nur zeitweilige,
sondern gegen eine naturgesetzlich dauernde. Es besteht, von gewissen
 Ausnahmefällen abgesehen, immer und überall Übervölkerung“
 ®), als ein geradezu ungeheuerliches Mißverständnis bezeichnet.
Hier ist zunächst auf einen rein äußeren Unterschied hinzuweisen,
 dem jedoch, wie wir noch. sehen werden, auch eine tiefere
Bedeutung zukommt. Unter dem Einfluß von Malthus, der auch
nur immer an diesen Zusammenhang gedacht hatte, war stets
der Fall ins Auge gefaßt worden, daß die Volkszahl stärker zunimmt,
 als der Nahrungsspielraum des betreffenden Landes und daß
sich aus diesem Widerstreit damit als Wirkung des Volkswachstums

1) Bevölkerungstheorie, a. a. O., S. 27.
2) Budge, a. a. O0. S. 150ff,
3) Oppenheimer, Das Bevölkerungsgesetz, S. 68.
        <pb n="264" />
        i., Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 257

bestimmte wirtschaftliche und soziale Spannungsverhältnisse ergeben.
Das waren ja auch die Erscheinungen, die man immer wieder in
der Geschichte beobachten konnte. Es können jedoch genau die
gleichen Spannungsverhältnisse eintreten, wenn bei gleichbleibender
Volkszahl der Nahrungsspielraum eines Landes sinkt oder wenn er
bei sinkender Volkszahl eine stärkere Abnahme erfährt als diese.
Auch dafür bietet die Geschichte mancherlei Beispiele, so am Ausgang
 Roms oder in Deutschland, namentlich nach den napoleonischen
Kriegen oder in einer Reihe von europäischen Staaten nach dem
Weltkriege. Für das Wesen der Übervölkerung kommt es natürlich
nur darauf an, daß dem vorhandenen Nahrungsspielraum gegenüber
die Menschenzahl zu groß ist; ob dabei die Ursache in Größenänderungen
 auf der einen oder auf der anderen Seite liegt, macht
grundsätzlich keinen Unterschied, weder für die Tatsache der Übervölkerung,
 noch für ihre äußeren Symptome. Ich kann deshalb
auch Wyler nicht folgen, der meint: „Erst wenn das Gleichgewicht
zwischen Bevölkerungskapazität und ihrer Größe durch einen KEingriff
 in ihr Wachstum oder ihren Bestand hergestellt werden muß,
dürfen wir von einer Übervölkerung sprechen“!)., Warum sollen
wir aber nicht von einer solchen auch dann reden dürfen, wenn das
fehlende Gleichgewicht zwischen Volkszahl und Nahrungsspielräaum
durch eine entsprechende ‘Ausweitung des letzteren herbeigeführt
werden kann? Auch von anderer Seite hat man diese Meinung
vertreten, daß man als Übervölkerung einen Zustand zu bezeichnen
habe, bei welchem das Verhältnis der Bevölkerung zum Nahrungsspielraum
 im Vergleich zu einer früheren Epoche wesentlich ungünstiger
 geworden sei ?).
Wyler®) begründet-seine Auffassung in einer zunächst durchaus
 einleuchtenden Weise, wenn er meint: „Ubervölkerung ist entweder
 ein überflüssiges Synonym zur Bezeichnung von Erscheinungen,
 die als sogenannte Symptome der Übervölkerung aufgefaßt
werden: wie chronische Arbeitslosigkeit, Abnahme der wirtschaftlichen
Befriedigungsmöglichkeiten, oder ein notwendiger und selbständiger
Begriff. Dann aber handelt es sich um einen Begriff der Bevölkerungslehre,
 dessen Merkmale nur demographische sein können.

1) Wyler, Das Übervölkerungsproblem i. d. Schweiz, 1923, S. 7. — Vgl. dazu
auch F. Vöchting, Die Romagna, 1927, S. 38 ff.
?) P. E. Stein, Das Übervölkerungsproblem mit besonderer Berücksichtigung
d. schweiz. Verhältnisse, Diss.,, Bern 1927, S. ı2.
3) Wyler, Bevölkerungsstatistik. u. Bevölkerungslehre. Krit. Literaturbericht.
Weltwirt. Arch., Bd. 29, 1929, S. 20/2144,
Diehl-Mombert, Grundrisse, Bd. ıs.
        <pb n="265" />
        258

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Aus diesem Grunde und um der begrifflichen Schärfe willen, sprechen
wir erst dort von einer Übervölkerung, wenn das Mißverhältnis
zwischen Bevölkerungsgröße und Nahrungsspielraum durch eine Angleichung
 der Bevölkerung an die Wirtschaftskapazität behoben wird.
(Auswanderung, Beschränkung der Heiraten und Geburten, Erhöhung
der Sterblichkeit). Die Anpassung der Lebenshaltung an die Bevölkerungskapazität
 jedoch — von der Armen- und Arbeitslosenunterstützung
 bis zum heroischen Verzicht auf die Befriedigung
dringlicher Bedürfnisse — bedeutet für uns nur die Abwendung
einer drohenden Übervölkerung“. Ich glaube doch, daß damit der
Begriff der Übervölkerung ein zu enger wird. Sicherlich
kommt man auf diese Weise zu einem eindeutigen Begriff derselben.
Aber wo, wie in den Kulturstaaten die Lebenshaltung so erheblich
über dem Existenzminimum liegt, da können, wie alle Erfahrung
zeigt, Unstimmigkeiten in den Größenverhältnissen von Bevölkerung
und Nahrungsspielraum auftreten, die keineswegs zur Folge zu haben
brauchen, daß das Gleichgewicht nur wieder durch eine Angleichung
der Bevölkerung in der von Wyler dargelegten Weise herbeigeführt.
werden muß. Das kann auch durch einen Rückgang in der Lebenshaltung
 als Folge dieses Mißverhältnisses geschehen. Wir würden
den Begriff der Übervölkerung wertlos machen, wenn wir ihn
nur auf solche Erscheinungen anwenden wollten, wie Wyler vorschlägt.
 Auswanderung und Zunahme der Sterblichkeit sind doch
in diesem Fall ebensogut Symptome wie ein Rückgang in der
Lebenshaltung. Ich möchte deshalb daran festhalten überall dort
auch von Übervölkerung zu sprechen, wo sich aus Wandlungen in
den Größenverhältnissen von Volkszahl und Nahrungsspielraum ein
länger andauernder Rückgang in der Lebenshaltung ergibt, oder, wo
das Gleichgewicht auch durch eine Ausweitung des Nahrungsspieltaumes
 wiederhergestellt werden kann !). Ein Begriff muß auch so weit.
sein, daß er alle Erscheinungen, welche aus in der Sache liegenden
Gründen mit umfaßt werden sollen, mit einschließt,
Nur für die Prognose, wie sich das Spannungsverhältnis
zwischen Bevölkerung und Nahrungsspielraum weiter gestalten wird,
ist ein wesentlicher Unterschied vorhanden. Denn ‘dort, wo die
Übervölkerung darauf beruht, daß die Volkszahl dem Nahrungsspielraum
 gegenüber zu sehr zugenommen hat, wird man jedenfalls mit
größerer Skepsis der Möglichkeit, daß ein solcher Zustand über-!)

 Ebenso K, Keller, Bevölkerung u, Nahrungsspielraum in Deutschland,
Allgem. stat. Arch., Bd. 17, 1926, S. 1—2,
        <pb n="266" />
        1. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 2 59

wunden werden kann, gegenüberstehen, als dort, wo dieses fehlende
Gleichgewicht auf einem Rückgang des Nahrungsspielraumes beruht,
Denn hier hat bereits die Erfahrung gezeigt, daß der Nahrungsspielraum
 so ausgeweitet werden kann, um der Volkszahl eine bestimmte,
 schon vorher vorhanden gewesene Lebenshaltung zu gewährleisten.

Eine weitere wichtige Unterscheidung bei dem Begriff der Übervölkerung
 liegt darin, daß man dabei an ein bestimmtes Gebiet oder
auch an die ganze Erde denken kann. Beide Auffassungen kommen
nebeneinander vor*). und beide Betrachtungsweisen haben auch
nebeneinander durchaus ihre Berechtigung. Die geschichtliche Erfahrung
 zeigt einmal, daß der Zustand der Übervölkerung auf ein
einzelnes, begrenztes Gebiet beschränkt sein kann, während andere,
benachbarte Länder durchaus frei davon sind. Gerade vom Standpunkt
 eines einzelnen Volkes aus wird immer der erstgenannte Ausgangspunkt
 im Vordergrund stehen müssen, während man natürlich
auch durchaus berechtigt ist, unter bestimmten Gesichtspunkten den
Nahrungsspielraum der ganzen Erde mit deren ganzer Volkszahl zu
vergleichen. Es wird auf dieses Problem später genauer einzugehen
sein, wenn die Anschauungen besprochen werden, die über die
mögliche Maximalbevölkerung der Erde geäußert worden sind.
Wenn auch die nationale Betrachtung des Bevölkerungsproblems solange
 eine fundamentale Bedeutung haben wird, als es auf der Erde
politisch selbständige Staaten und Völker nebeneinander gibt, so wird
man doch sagen müssen, daß im Laufe der geschichtlichen, Entwicklung
 die Beziehungen der gesamten Volkszahl der Erde zu deren
gesamtem Nahrungsspielraum an Bedeutung zugenommen haben und
sicher auch noch weiter zunehmen werden. Wenn das der Fall ist,
so hängt. es in erster Linie mit der gewaltigen Entwicklung des
Verkehrswesens und der immer stärkeren Verflechtung aller Länder
in die Weltwirtschaft zusammen. Es ist das eine Entwicklung,
welche die Länder der Erde einander räumlich und wirtschaftlich
immer näher gebracht hat und auch in Zukunft noch näher bringen
wird. So sehr die Versorgung eines Landes mit Nahrungs- und
Rohstoffen aus anderen Teilen der Erde an bestimmte wirtschaftliche
Voraussetzungen gebunden ist, so kann man doch ganz allgemein
für politisch normale Zeiten sagen, daß für die Größe des Nahrungsspielraumes
 eines Landes nicht allein die Gaben des eigenen Bodens,

1) Die erste Betrachtung findet sich z. B. bei Roscher, Grundlagen d. National-Ökonomie,
 22. Aufl., S. 781. — Die letztere bei W. Lexis, Allgem, Volkswirtschaftslehre,
 1910, S. 239.
        <pb n="267" />
        260 Zweiter systematisch-theoretischer Teil ‘

sondern grundsätzlich auch die der ganzen erschlossenen Erde in
Frage kommen. Unter solchen Voraussetzungen also, wo sich der
internationale Warenaustausch ohne Reibungen und Hemmungen
für ein Land vollzieht, da hängt die Größe von dessen Nahrungsspielraum
 auch grundsätzlich von den Versorgungsmöglichkeiten ab,
welche die ganze Erde bietet und damit verliert die nationale Bedeutung
 des Bevölkerungsproblems älteren Zeiten gegenüber an
Bedeutung. Daß aber dabei noch genügend Fragen übrig bleiben,
die vom Standpunkt des betreffenden Staates und Volkes aus betrachtet,
 von erheblicher Bedeutung sind, das wird in einem der
nächsten Abschnitte, der sich besonders mit der Frage des Nahrungsspielraumes
 zu beschäftigen hat, darzulegen sein.
Unter einem nicht unwichtigen Gesichtspunkt ist ein wesentlicher
 Unterschied vorhanden, ob man bei der Betrachtung der Übervölkerung
 von der ganzen Erde oder von einem bestimmten Lande
ausgeht. Es handelt sich um die Mittel, einer ‚solchen Übervölkerung
 erfolgreich entgegenzutreten. Unter diesen Mitteln wird
immer auf die Auswanderung hingewiesen; sie kann natürlich
nur dort als solches betrachtet werden, wo man von der Übervölkerung
 eines einzelnen Landes ausgeht. Man hat auch in der
Wanderbewegung das Mittel gesehen, einen Ausgleich in der Bevölkerungsverteilung
 auf der Erde herbeizuführen. „Wir haben die
Überzeugung, daß eine bessere Verteilung der heute lebenden Bevölkerung
 und ihres Nachwuchses über die der Besiedelung zugänglichen
 Erdräume zur Verbesserung der wirtschaftlichen Wohlfahrt
der Menschheit und ihres friedlichen Auskommens ganz erheblich
beitragen‘ könnte. Heute drängt sich die massenhafte Bevölkerung
hier, warten leere Zonen auf Besiedelung dort“!). Es handelt sich
hier um Ausgleichstendenzen, die früher stärker wirksam waren als
heute, weil ihrer Wirksamkeit die scharfe Einwanderungsgesetzgebung
mancher Länder entgegensteht.
Es war A. Wagner, der neben anderen mit Nachdruck auf
den Unterschied von absoluter und relativer Übervölkerung
hinwies ?), ohne jedoch diese Unterscheidung besonders scharf herauszuarbeiten.
 Schmoller hat unter absoluter Übervölkerung eine Bevölkerung
 verstanden, „die auch bei vollendeter und rasch fortschreitender
 Technik, Kolonisation/Moral und Gesellschaftsverfassung, nicht die
Möglichkeit hätte, auf ihrem Gebiete zu leben“, unter einer relativen

N Bernhard, a, a. O., S. 137.
2) Grundlegung d. pol. Ökonomie, a. a. O., S. 657 ff.
        <pb n="268" />
        1, Kap. . Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 261

Übervölkerung dagegen eine solche Dichtigkeit, „welche gegenüber den
vorhandenen Lebensbedingungen und volkswirtschaftlichen Aussichten
als Druck empfunden“ *) wird. Doch schon Schmoller hat hervorgehoben,
 daß es niemals eine absolute Bevölkerung gegeben hat und
auch heute nicht gibt; man wird ihm darin durchaus beistimmen und
sagen müssen, daß ein solcher Begriff der absoluten Übervölkerung
nur gedanklichen, aber keinen praktischen Wert besitzt. Denn wir
können uns kein Bild von den in der Zukunft noch möglichen technischen
 und wirtschaftlichen Fortschritten der Menschen machen,
wir können also auch in keinem Falle sagen, ob eine Übervölkerung
in diesem absoluten Sinne vorhanden ist. Es erscheint dementsprechend
 nur folgerichtig, diesen Unterschied von absoluter und
relativer Übervölkerung überhaupt fallen zu lassen und aus dem dar
gelegten Grunde heute alle Übervölkerungserscheinungen als tem
poräre Übervölkerung zu bezeichnen,
Freilich enthält auch dieser Begriff der temporären Übervölkerung,
trotzdem er für uns heute allein brauchbar ist, in sich nichts Einheitliches.
 Denn darunter kann ein mehr oder weniger langer Zeitraum
 verstanden werden, während dessen eine Übervölkerung vorhanden
 ist und die in diesem Begriff enthaltene Möglichkeit, den
Zustand der Bevölkerung wieder zu überwinden, kann leichter oder
schwerer sein. Wir haben ja oben bereits gesehen, daß man im
allgemeinen dort eine günstigere Prognose zur Überwindung dieses
Zustandes stellen kann, wo die Ursachen der Übervölkerung in einem
Rückgang des Nahrungsspielraumes und nicht in einem zu starken
Wachstum der Volkszahl selbst liegen. Daß für die Überwindung
eines solchen Zustandes der Übervölkerung die wirtschaftliche Stufe
des betreffenden Volkes wesentlich ist, bedarf nach den früheren
Darlegungen darüber keiner besonderen Begründung. Wenn man
also am besten den Ausdruck einer temporären Übervölkerung in
allen Fällen gebraucht, um damit auszudrückem,.. daß sich keine
Gründe finden lassen, darin eine immerwährende, unüberwind;
bare, also absolute Erscheinung zu sehen, so wäre es doch wohl zu
weit gegangen, dabei auch die Erscheinungen mit einbeziehen zu
wollen, die z. B. als Folge eines Konjunkturrückganges
immer wieder. auftreten und den Näahrungsspielraum einer Volkswirtschaft
 vorübergehend verringern können. Es kommen auch immer
wieder die Fälle vor, bei denen sich der umgekehrte Zustand zeigt,
daß in Zeiten einer aufsteigenden Konjunktur ein allgemeiner Mangel

1) Grundriß, 1900, Bd. ı, S. 186.
        <pb n="269" />
        262 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

an Arbeitskräften auftritt. In beiden Fällen handelt es sich um so
vorübergehende, in der Natur unserer Wirtschaftsverfassung und
Wirtschaftsentwicklung liegende Erscheinungen, daß es die Ausdrücke
Über- und Untervölkerung entwerten hieße, wollte man diese Begriffe
 auch für solche Fälle anwenden.
Freilich brauchen diese Erscheinungen, vor allem die der Übervölkerung,
 nicht immer in einer so umfassenden Form aufzutreten,
daß sie sich auf die ganze Wirtschaft und auf alle Gebiete des
sozialen Lebens erstrecken. Es gibt auch partielle Formen der Überund
 Untervölkerung. Das ist in lokaler aber auch in sachlicher
Hinsicht möglich. Immer wieder kann es vorkommen, daß in einem
Lande bestimmte kleinere Gebiete übervölkert sind, ohne daß ein
schneller Ausgleich durch Abwanderung in andere Gebiete dieses
Landes möglich wäre. Vielleicht sind das arme Gebiete mit starker
Zersplitterung der ländlichen Besitzungen, ohne Industrie, vielleicht
auch Gebiete, in denen infolge von Änderungen in der Technik
oder in den Absatzverhältnissen die bisherigen Erwerbsverhältnisse
einen Rückgang erfahren haben ?).
Wohl wichtiger sind aber die Erscheinungen einer partiellen
Übervölkerung, die sich auf bestimmte Erwerbsarten und Berufe
beziehen und bei denen man dann von einer ausgesprochenen
Berufsüberfüllung sprechen kann. Es sei nur an die vielbesprochene
 Überfüllung der gelehrten Berufe erinnert ®), daran, daß
ein Mißverhältnis zwischen dem objektiven Berufsbedarf und der
Menge an Arbeitskraft vorhanden ist, die in diesen Berufen angeboten
 wird. Es handelt sich hier um eine Erscheinung, die in
recht verschiedenen Formen auftreten kann. Einmal ist es möglich,
daß einem zu großen Angebot an Arbeitskraft in dem einen Berufe
ein zu geringes in einem anderen Berufe gegenübersteht, daß es
sich dabei um sozial und im Hinblick auf die Vorbildung ziemlich
gleichartige Berufe handelt, so daß im Laufe der Zeit unschwer
durch Umschulung und Berufswechsel ein Ausgleich möglich ist.
Das wird z. B. dort der Fall sein, wo innerhalb verschiedener Berufe
zwischen sozial mehr oder weniger gleichstehenden Schichten, wie
zwischen Arbeitern, die einer verschiedenen Tätigkeit nachgehen
oder Bankangestellten und Kaufmannsgehilfen. eine solch ungleiche

1) Vgl. dazu H. Ammann, Die Bevölkerungsentwicklung i. d. italienischen
Schweiz, Zürich 1924.
2?) Boose, Über Begriff, Bedingung u. Wirkungen d. Überfüllung d. akadem.
Berufe, Diss., Freiburg 1921. — vy., Degenfeldt-Schonburg, Geist u. Wirtschaft,
1927, S. 190ff.
        <pb n="270" />
        1. Kap, Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 263
Verteilung vorhanden ist. Es kann aber auch sein, daß sich eine
solche Ausgleichsmöglichkeit nicht durchführen läßt; man denke an’
die Überfüllung in vielen gelehrten Berufen, an die Überfüllung in
vielen Zweigen des Kleinhandels, während demgegenüber vielleicht
zur gleichen Zeit ein Mangel an Landarbeitern herrscht. Wir werden
noch sehen, daß auch bei einer partiellen Übervölkerung ähnliche
 Symptome, wie bei einer allgemeinen Übervölkerung, auftreten
können, weil bei einer solchen Überfüllung in den einzelnen Berufen
vielfach das daraus erzielte Einkommen nicht ausreicht, um eine zureichende
 Lebenshaltung zu gewährleisten. Stolzmann hat mit
Rücksicht auf diese Möglichkeiten den Vorschlag gemacht, eine
„absolute Übervölkerung“, die es „begrifflich mit den Naturgesetzen“
zu tun hat von einer „relativen Übervölkerung“, die mit den „sozialen
Verhältnissen“ in Beziehung steht, zu unterscheiden. In dem letzteren
Falle müßte dann die Übervölkerung „nur aus der Regelung“ herrühren;
 es gäbe dann keine eigentliche Übervölkerung; man könne
vielmehr nur sagen, daß die Bevölkerung nicht richtig „assortiert“ sei.
Stolzmann denkt hierbei an die Fälle, bei denen infolge der „sozialökonomischen“
 Verhältnisse ein Örtliches oder zeitliches Mi£ßverhältnis,
eine partielle Übersättigung oder eine Überfüllung einzelner Berufs- oder
Produktionszweige vorhanden sei?). Freilich irrt er darin, wenn ef
meint, daß es sich hierbei nur immer um einen „Defekt in der
internen Gliederung der Bevölkerung“ handle. Das kann natürlich
der Fall sein und kommt auch häufig vor. Aber eine solch partielle
 Übervölkerung, die sich also nur auf einzelne Berufe erstreckt,
kann einen doppelten Charakter tragen. Die eine Möglichkeit, von
der eben ausgegangen wurde, ist die, daß dem Übermaß an Arbeitskräften
 in einzelnen Berufen ein zu wenig an Arbeitskraft in
anderen Berufen gegenübersteht. Das ist ein Fall, der häufig vorkommt
 und z. T. darauf beruht, daß manche Berufe ein höheres
Ansehen genießen als andere, was namentlich für die gelehrten
Berufe gilt, z. T. aber auch darauf, daß infolge mangelhafter Berufskunde
 und Berufsberatung weiten Kreisen der Bevölkerung die Aussichten
 ganz unbekannt sind, welche die einzelnen Berufe bieten.
Der andere Fall ist jedoch der, daß der Überfüllung in den
einzelnen Berufen kein Mangel an Arbeitskräften in anderen Berufen
gegenübersteht, daß vielmehr diese Überfüllung in einzelnen Berufen
nur Symptom einer allgemeinen Übervölkerung ist. Denn der Beginn
jeder allgemeinen Übervölkerung wird sich darin äußern, daß zu-1)

 R. Stolzmann, Der Zweck i. d. Volkswirtschaft 1909, S. 469.
        <pb n="271" />
        264

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

nächst einzelne Berufe überfüllt werden. Das hat Stolzmann übersehen.

Faßt man zusammen. so kommt man doch zu dem Schlusse,
daß weder in dem einen oder in dem anderen Sinn der Unterscheidung
 in absolute und relative Übervölkerung eine größere Bedeutung
 zukommt. Mit vollem Recht hat Budge hervorgehoben,
daß es sich hierbei um Unterscheidungen handelt, die bisher nur zu
Mißverständnissen und Unklarheiten geführt haben %). Ich möchte
Budge auch darin beistimmen, daß wir nur von einer „temporären“
Übervölkerung sprechen sollen, denn wir können von einer Übervölkerung
 niemals sagen, ob sie dauernd ist. Dabei kann die Ursache
 einer solchen Übervölkerung auf seiten einer ungünstigeren
Gestaltung des Nahrungsspielraumes oder auf seiten des Volkswachstums
 beruhen. Demgegenüber steht dann die einfache Tatsache der
Berufsüberfüllung, die in zwei Formen auftreten kann: Einmal
nur als Folge einer „falschen“ beruflichen Gliederung der Bevölkerung,
dann aber auch als Vorbote und Symptom einer allgemeinen Übervölkerung.
 Im gegebenen Falle ist es nicht allzuschwer festzustellen,
ob das eine oder ob das andere der Fall ist. Es gibt meines Erachtens
nur noch eine Unterscheidung, die einen größeren Erkenntniswert
besitzt: Diejenige in eine Übervölkerung im physiologischen oder
im kulturellem Sinn. Es ist dies eine Unterscheidung, die von
einer bestimmten Lebenshaltung ausgeht. Die Bedeutung dieser
Unterscheidung liegt, wie Winkler*) hervorgehoben hat, darin,
daß dabei der Grad der Übervölkerung betont wird und hervortritt.
Unter diesem Gesichtspunkt ist sie ein gradmäßiger Zustand „dessen
Schärfe durch das Ausmaß der Herabdrückung der Lebenshaltung
unter die geforderte Grenze und durch die Größe der betroffenen
Volksteile“ vor allem bestimmt wird. Es wird von dieser wichtigen
Unterscheidung später noch eingehender zu sprechen sein.
Damit kommen wir zu der Frage nach den Symptomen und
äußeren_Merkmalen einer Übervölkerung. Malthus hatte
eine solche als dauernde Erscheinung nicht für möglich gehalten,
weil die repressiven Hemnisse die Volkszahl immer auf dem Niveau
der vorhandenen Unterhaltsmittel festhielten. Für die Verhältnisse der
Kulturvölker können wir mit der Wirksamkeit dieser repressiven
Hemmnisse nicht mehr rechnen, weil bei uns die allgemeine Lebens:
haltung zu sehr über dem Existenzminimum steht. Man wird des-N)

 Budge, a. &amp;amp;, O, 5. 149.
?) Übervölkerung u. Arbeitslosigkeit, Schr. d. V. f. Sp., Bd. 172, 1926, S. 182.
        <pb n="272" />
        1. Kap. Das gegenseit, Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum * 265
|

halb hier zu zu anderen Merkmalen kommen müssen. Wir müssen
uns dabei daran erinnern, daß es sich um Veränderungen in dem
gegenseitigen Größenverhältnis von Nahrungsspielraum und Volkszahl
 handelt. Da die Entwicklung der letzteren leicht erkennbar
ist, so würde es sich nur noch darum handeln, auch die Veränderungen
 im Nahrungsspielraum zahlenmäßig zu erfassen und so zu
erkennen, in welchen Umfang sich beide Größen geändert haben.
Bei der statistischen Erfassung des Nahrungspielraumes handelt es
sich um eine Aufgabe, zu deren Lösung schon manche beachtenswerten
 Ansätze vorliegen !). Freilich ist das eine Aufgabe, die in
vollkommener Weise nur recht schwer durchzuführen ist, auch eine
solche, die bisher noch für kein Land befriedigend gelöst ist.
In Ermanglung solch unmittelbarer. Unterlagen für die Wandlungen
 in der Größe des Nahrungsspielraumes hat man bisher in
der Regel als Merkmale einer Übervölkerung die Folgen einer
relativen Einengung des Nahrungsspielraumes auf die Lebenshaltung
betrachtet und die Symptome einer Übervölkerung darin erblicken
wollen, daß für längere Zeit Durchschnittseinkommen und Lebenshaltung
 der Bevölkerung einen Rückgang erfahren. Diese
Auffassung haben in Deutschland vor allem A. Wagner und
G. Rümelin vertreten ®). „Ein Land“ so hat der letztere ausgeführt,
„tritt in den Zustand der Übervölkerung‘ ein, went nachhaltig, d. h.
eine Reihe von Jahren hindurch die Einwohnerzahl in rascherer
Progression gestiegen ist als das Volkseinkommen und Volksvermögen,
 wenn infolgedessen für den einzelnen das Durchschnittseinkommen
 sinkt, wenn die volkswirtschaftlich wichtigsten Berufszweige
 so übersetzt und durch die Konkurrenz beengt sind, daß
sie sehr vielen keinen lohnenden Erwerb mehr bieten und jeder
neue Zuwachs das Übel steigert, wenn das Areal des Landes nicht
mehr ausreicht, den Bewohnern die gemeinen und unentbehrlichsten
Unterhaltsmittel zu bieten, der Bezug von außen dabei aber die
Gegenleistung von Tauschmitteln erfordert, deren Beschaffung und
Absatz mit stets wachsenden Schwierigkeiten verknüpft ist, was
dann die Vermehrung des Volksvermögens und Volkseinkommens
allmählich unmöglich macht,“
Freilich sind auch diese Merkmale im einzelnen recht problematischer
 Natur, Bortkiewicz hat darauf hingewiesen daß in

1) K, Keller, a. a. O0. — M. Elsas, Wohlstandsindex u. sozialer Wohlstand,
Arch. f. Sozialw., Bd. 60. — Rogowski, Das deutsche Volkseinkommen, 1926,
?) G. Rümelin, Zur Übervölkerungsfrage. In: Reden u. Aufsätze, N. F., 1881,
S. 569. — A. Wagner, a. a. O., Bd. ı, S. 659,
        <pb n="273" />
        266 Zweiter systematisch-theoretischer Teil '

dem Merkmal, daß der Rückgang der Lebenshaltung einen
„dauernden“ Charakter tragen muß, bereits eine innere Schwierigkeit
 liegt. Es ist auch oben schon darauf hingewiesen worden, daß
Übervölkerungserscheinungen keineswegs allein auf einem zu starken
Wachstum der Volkszahl zu beruhen brauchen, daß vielmehr
die gleichen Erscheinungen mit den gleichen Symptomen
auch. auftreten können, wenn z. B. bei gleichbleibender Volkszahl
 der Nahrungsspielraum eine Einengung erfährt. Die Tatsache
 einer Übervölkerung braucht also keineswegs ihre unmittelbare
 Ursache in einer stattgefundenen Bevölkerungszunahme zu
haben. Allerdings kann man schließlich auch unter diesem
Gesichtspunkt zwei Arten der Übervölkerung unterscheiden, je
nachdem die unmittelbare Ursache in einem zu starken Volkswachstum
 oder in einer zu starken Einengung des Nahrungsspielraumes
 liegt und wenn man will, kann man in dem letzteren Falle
mit. Bortkiewicz von einer Übervölkerung im uneigentlichen
Sinne sprechen. Wenn Rümelin auch darin recht hat — es ist
dast ein Punkt, den er besonders stark hervorhebt —, daß bei der
Erscheinung der Übervölkerung auch die Tatsache eine wichtige
Rolle spielt, ob das betreffende Volk imstande ist, seinen gesamten
Nahrungsbedarf noch aus dem eigenen Boden zu ziehen, oder ob
dazu dessen Ertrag nicht mehr ausreicht, so wird man eine solche
Tatsache doch nicht ohne weiteres unter die Merkmale einer Übervölkerung
 aufnehmen dürfen. Das ist schon deshalb nicht möglich,
weil die Entwicklung der wichtigsten europäischen Kulturstaaten in
den letzten Jahrzehnten zeigt, daß in dem Maße, in dem eine solche
Verflechtung in die Weltwirtschaft stattgefunden hat, in den betreffenden
 Ländern eine beträchtliche Verbesserung der durchschnittlichen
 Lebenshaltung eingetreten ist. Ohne dabei zunächst von
einem kausalen Zusammenhang beider Erscheinungen sprechen zu
wollen, davon wird noch an anderer Stelle zu reden sein, kann man
doch keinesfalls in einer Zeit, in der die allgemeine Lebenshaltung
in einem Lande steigt, in der Volkseinkommen, und Volksvermögen
unstreitig stärker zugenommen haben als die Volkszahl, von einer
Übervölkerung sprechen.
Will man zu positiven Anhaltspunkten für die Frage kommen, ob
in einem Lande eine Übervölkerung vorhanden ‚ist, so muß man
unvermeidlich an die Entwicklung der durchschnittlichen Lebenshaltung
 anknüpfen, wobei zunächst die Tatsache auszuscheiden hat,
ob das Volk noch von dem Ertrag des eigenen Bodens leben kann
oder ob das bereits nicht mehr der Fall ist. Allerdings muß es sich
        <pb n="274" />
        1. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 267

dabei um einen Rückgang der Lebenshaltung handeln, der länger
andauert, wobei unvermeidlich in dem Begriff „länger“ ein unsicheres
Element liegt. Wir sind eben nicht berechtigt, jeden Rückgang in
der Lebenshaltung eines Volkes als Zeichen für eine Übervölkerung
zu betrachten; denn auch bei jedem Rückgang der Konjunktur pflegt
sich in der Regel eine solche Verschlechterung der allgemeinen
Lebenshaltung einzustellen.
Es liegt nahe, auch diesem Problem gegenüber die neuerdings
so häufig vorgenommene Unterscheidung von „konjunkturellen“ und
„strukturellen“ Wandlungen in äer Wirtschaft anzuwenden. Dabei
kann man unter den ersteren alle diejenigen Veränderungen verstehen,
 die sich aus dem Ablauf der Wirtschaft selbst ergeben,
dagegen unter strukturellen Wandlungen diejenigen, welche die
Grundlagen des Wirtschaftslebens und ihre gegenseitige Verhältnismäßigkeit
 betreffen !). Man wird jedenfalls alle Wandlungen“ könjunkturellen
 Charakters für den Übervölkerungsbegriff ausschließen
müssen, auch wenn sie für kürzere Zeit einen: Rückgang der ällgemeinen
 Lebenshaltung zur Folge haben. Für die Übervölkerungserscheinungen
 können nur Wandlungen strukturellen Charakters in
Frage kommen, die imstande sind, den Nahrungsspielraum der Volkswirtschaft
 gegenüber der Volkszahl für längere Zeit einzuengen. Ob dabei
die Volkszahl zugenommen hat oder der Nahrungsspielraum eine
Einengung erfahren hat, macht für die Tatsache, daß es sich hier
um Veränderungen in der ‚gegenseitigen Verhältnismäßigkeit der
Wirtschaftselemente handelt, keinen Unterschied. Worum es sich
dabei im einzelnen handeln kann, wird im Zusammenhang mit den
folgenden Darlegungen über den Nahrungsspielraum noch genauer
 zu erörtern sein.
Wenn man also die Merkmale einer Übervölkerung in den
Wandlungen der durchschnittlichen Lebenshaltung‘ erblicken muß,
so wird doch nicht jeder Rückgang in der Lebenshaltung, auch
wenn er mit konjunkturellen Wandlungen” nichts zu tun hat, als
Übervölkerungssymptom zu deuten sein. Das wird vielmehr nur
dann statthaft sein, wenn es sich dabei um Beziehungen zu Wandlungen
 in dem Größenverhältnis von Volkszahl und Nahrungsspielraum
 handelt, die dann auch besonders nachgewiesen werden
üssen. Bei der Übervölkerung handelt es sich also um einen

N Vgl. dazu B. Harms, Strukturwandlungen d. Weltwirtschaft, Weltwirtschaftl.
Arch,, Bd. 25. — YVı Zwiedeneck-Südenhorst, Beiträge zur Erklärung d.
strukturellen Arbeitslosigkeit, Vierteljahrsh. z. Konjunkturforsch., 10927, Ergänzungsheft
 I.
        <pb n="275" />
        268 BR Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Zustand, bei dem das zahlenmäßige Verhältnis der Volkszahl gegenüber
 dem Nahrungsspielraum im Vergleich zu einer vorangegangenen
Zeit ungünstiger geworden ist. Man hat freilich den Begriff der
Übervölkerung auch schon enger fassen wollen. So wollte Neisser
nur dann von einer Übervölkerung sprechen, „wenn bei aller zu
dieser Zeit denkbaren Verbesserung der sozialen Organisation und
Produktionstechnik Behebung der Produktionsschwierigkeit nicht zu
erwarten wäre?!). Sicherlich hat auch eine solche Betrachtungsweise
des Problems einen bestimmten heuristischen Wert; eine solche
Fassung wird jedoch praktisch deshalb auf Schwierigkeiten stoßen,
weil wir uns, wie schon einmal hervorgehoben, in keinem Zeitpunkt
von den noch möglichen uud nach dieser Richtung hin auch wirksamen
 Wandlungen. in der gesellschaftlichen. Organisation und
Produktivität ein ausreichendes Bild machen können. Es sei nur
einstweilen auf den noch später zu besprechenden Zusammenhang
bestimmter Wirtschaftssysteme mit der Größe des Nahrungsspielfaumes
 verwiesen.

Aus dem zahlenmäßigen Verhältnis von Volkszahl und Nahrungsspielraum
 ;ergeben sich also die Wirkungen, die für die Erscheinung
der Übervölkerung in Frage kommen. Dabei sei es einem folgenden
Abschnitt vorbehalten, die Faktoren zu untersuchen, von denen die
Größe und die Sicherheit des Nahrungsspielraumes, denn
auch auf diese kommt es dabei an, abhängt. Freilich ergeben sich
auch noch andere Schwierigkeiten, wenn man in einer solchen Weise
die Wandlungen in der durchschnittlichen Lebenshaltung als ausschlaggebendes
 Merkmal dafür ansieht, ob man von einer Übervölkerung
sprechen kann oder nicht. Denn man kommt dann ganz unvermeidlich
 dazu, für ein Land mit höherer, aber aus den dargelegten Gründen
rückläufiger Lebenshaltung, von einer Übervölkerung sprechen zu
müssen, während davon bei einem Lande mit niedrigerer, aber aufsteigender
 Lebenshaltung keine Rede sein könnte. Unter Umständen:
käme man sogar dahin, bei einem Lande mit niedrigerer, aber aufsteigender
 Lebenshaltung von einer Untervölkerung, bei einem Lande
mit höherer, aber sich verschlechternder Lebenshaltung, von einer
Übervölkerung sprechen zu müssen. Aber diese doch nur scheinbaren
Widersprüche muß man mit in den Kauf nehmen, wenn man ZU
Symptomen der Übervölkerung kommen will, die unter den heutigen
Verhältnissen einen gewissen Erkenntniswert besitzen sollen. In jeder

1) Neisser, Das Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag u. d. wirtschaftl. Entwicklung,
 Arch. f. Sozialw., Bd. 49. S. 464.
        <pb n="276" />
        i. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v, Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 269

Begriffsbildung liegt der Natur der Sache nach eine gewisse Willkür,
man muß die Begriffe aber so bilden, daß sie den Zuständen und
Fragen gegenüber, auf die sie angewendet werden sollen, ein gewisses
Maß von Brauchbarkeit besitzen. Das ist aber dann der Fall, wenn
man als Symptom der Übervölkerung einen länger andauernden
Rückgang in der allgemeinen Lebenshaltung ansieht, der aus Ändefungen
 in dem Größenverhältnis zwischen Volkszahl und Nahrungsspielraum
 zu erklären ist. .
Aus dem bisher Gesagten ergibt sich bereits, daß sich im Laufe
der geschichtlichen Entwicklung die Übervölkerungserscheinungen
stark gewandelt haben. Wenn das dabei Maßgebende auch immer
diese Änderungen in dem Größenverhältnis zwischen Volkszahl und
Nahrungsspielraum mit ihrem Einfluß auf -die Lebenshaltung gewesen
sind, so haben sich dabei doch im Laufe der Geschichte nicht unwesentliche
 Wandlungen vollzogen. -Das mußte schon deshalb der
Fall sein, weil sich im Laufe der geschichtlichen Entwicklung die
Lebenshaltung der Bevölkerung immer mehr über das physiologische
Existenzminimum hinaus erhoben hat. Es wär schon oben davon
die Rede, daß dort, wo die Bevölkerung, wie auf primitiven Stufen,
in ihrer Lebenshaltung mehr oder weniger auf dem physischen
Existenzminimum steht, man recht wohl mit Malthus das Eintreten
tepressiver Tendenzen als Merkmal einer vorhandenen Übervölkerung
betrachten kann, daß aber dieser Maßstab für die heutigen Kulturvölker
 nicht mehr in Frage kommt.
Aber noch dort, wo wir, wie im Mittelalter und noch tief hinein
bis in unsere Tage, immer wieder sich in kurzen Zeitabständen wiederaolenden
 Hungersnöten und Teuerungen begegnen, haben wir es
mit plötzlichen und starken Einschnürungen des Nahrungsspielraumes
einer vorhandenen Volkszahl gegenüber zu tun; die starke Sterblichkeit,
 die dabei immer einsetzte, zeigt deutlich, daß man sogar bis
in diese Zeiten das Walten repressiver Hemmnisse beobachten kann.
Es war ein unmittelbarer Mangel an Nahrungsmitteln, der sich dabei
noch im 19. Jahrhundert in mehr oder weniger großen Gebieten
unserer Kulturstaaten zeigte und der dann einen unmittelbaren Druck
auf die Lebenshaltung ausübte; das sind Zustände, wie wir sie heute
vor allem in außereuropäischen Staaten — in erster Linie immer
wieder in Indien — beobachten können.
Ganz anders liegen dagegen die Verhältnisse heute in den
modernen Kulturstaaten, denen durch die Verflechtung in den Weltverkehr
 grundsätzlich die Nahrungsmittel der ganzen Erde als Versorgungsquelle
 dienen können, Damit ergeben sich für die äußeren
        <pb n="277" />
        270 Zweiter systematisch-theoretischer Teil .
Formen der Übervölkerung in solchen Ländern andere Verhältnisse,
als dort, wo die einzelnen Länder aus Mangel an Verkehrs- und
Austauschmöglichkeiten in ihrer Versorgung mit Nahrungsmitteln
nur auf die Erträge des eigenen Bodens angewiesen waren und in
Zeiten des Mangels keine Zufuhr von außen kommen konnte. Mit
diesen Wandlungen hängt es in erster Linie zusammen, daß sich
bei den heute in den Weltverkehr verflochtenen Ländern ein Zuviel
an Menschen, d. h. eine Übervölkerung nicht mehr in einem allgemeinen
 Nahrungsmangel, sondern in einem Mangelan Arbeitsgelegenheit
 zeigt. Dort, wo es im Zeitalter der Weltwirtschaft
gelingt, dem Volkszuwachs in dem Maße, wie er in das arbeitsfähige
Alter hineinwächst, genügende und genügend entlohnte Arbeitsgelegenheit
 zu beschaffen, da kann es kein Zuviel an Menschen geben.
Dabei sei es zunächst ganz dahingestellt, ob diese vorhandene und
zusätzliche Arbeitsgelegenheit sich auf einer Beschäftigung für den
inneren oder für den äußeren Markt aufbaut. Dort, wo es in den
modernen Kulturstaaten Leute gibt, die nicht über die notwendigen
Lebensmittel verfügen, kommt dies nicht daher, daß es in dem betreffenden
 Lande überhaupt an Nahrungsmitteln fehlt, sondern daher,
daß diese Leute als Folge mangelnder oder unzureichend entlohnter
Arbeitsgelegenheit nicht die erforderliche Kaufkraft besitzen, sich das
zum Leben Notwendige zu beschaffen. Für solche Länder zeigt sich
demgemäß die Übervölkerung vor allem in einer ungünstigen Lage
auf dem Arbeitsmarkt, in einer großen Zahl von Arbeitslosen. Daß
sich dies dann in einem Rückgang der allgemeinen Lebenshaltung
auswirken muß, selbst dann, wenn die Arbeitslosen aus öffentlichen
Mitteln in irgendeiner Form unterstützt werden, bedarf keines besonderen
 Nachweises,
So tritt die Erscheinung der Übervölkerung, wenn auch geschichtlich
 in verschiedenen Formen, als Folge von Wandlungen
in dem Größenverhältnis von Volkszahl und Nahrungsspielraum auf.
Daraus ergibt sich gewissermaßen von selbst der Gegenstand der
folgenden Betrachtungen: die Untersuchung der Tendenzen, die sich
in dem Wachstum der Bevölkerung zeigen, der Formen, in denen
sich dieses Wachstum vollzieht und der Faktoren, die darauf einen
Einfluß ausüben; demgegenüber dann eine entsprechende Untersuchung
 für das vielgestaltige Problem des Nahrungsspielraums. Allerdings
 hängen beide — Volkswachstum und Nahrungsspielraum —
in ihren Größenverhältnissen und ihren Wandlungen auf das engste
miteinander zusammen; zwischen beiden bestehen, wie schon die geschichtliche
 Betrachtung gezeigt hat, die engsten Wechselbeziehungen.
        <pb n="278" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 271

Es läßt sich aber nicht umgehen, in den folgenden Untersuchungen
zunächst beide Erscheinungen voneinander getrennt zu behandeln,
wobei aber doch immer wieder an den geeigneten Punkten auf diese
inneren Zusammenhänge hingewiesen werden soll.

Volkszahl und Volkswachstum.
. Die Stärke des Volkswachstums. — Malthus hatte
die Behauptung aufgestellt, daß die Bevölkerung die Tendenz habe,
sich in geometrischer Progression zu vermehren. Schon Ludwig
Moser hat wohl als erster auf das grundsätzlich fehlerhafte einer
solchen Betrachtungsweise hingewiesen: „Man gerät in der Tat in
Verlegenheit“, sagte. er, „wenn man ein Urteil über die Hypothese
der jährlichen Volkszunahme in einem geometrischen Verhältnis abgeben
 soll. Wie hat man zu dieser weitverbreiteten Methode gelangen
 können? Ein Kapital vermehrt sich in einem geometrischen
Verhältnis, wenn Zins vom Zins gerechnet wird, weil die Zinsen jedes
Jahres im nächstfolgendem als Kapital wirken und ihrerseits zu
dessen Vermehrung durch Zinsen beitragen. Was hat aber dieser
Fall mit einer Bevölkerung gemein, in welcher ein Überschuß von
Geburten stattfindet? Sollen die in einem Jahre mehr Geborenen
als solche betrachtet werden, die im nächsten Jahre ihrerseits Kinder
erzeugen“ !)? Wohl darauf aufbauend hat dann einige Jahrzehnte
später G. Rümelin genauer dargelegt ®), daß und warum es von
seiten von Malthus ein Irrtum gewesen sei, anzunehmen, daß,
wenn in jeder Ehe vier Kinder geboren werden, sich die Zahl der
Menschen in 25 Jahren verdoppeln werde. Demgegenüber hat er
darauf hingewiesen, daß die menschliche Gesellschaft nur zu etwa
einem Drittel aus Personen im zeugungsfähigen Alter bestehe, Statt
dessen ging Rümelin davon aus, daß für die Fortpflanzung tatsächlich
 .nur 22 Jahresklassen der weiblichen Bevölkerung in Frage
kämen, etwa die Jahresklassen von 19 bis 41 Jahre, das sind 165
auf 1000 der Gesamtbevölkerung. Nimmt man davon 150 als für
die Fortpflanzung geeignet an und rechnet man im günstigsten Falle,
wie es Rümelin unter den damaligen Verhältnissen tun mußte,
mit einer Sterblichkeit von 20 auf 1000, die natürlich mit steigender
Geburtenzahl selbst höher werden muß, so kommt man mit Rümelin

Zweites Kapitel.

!) L. Moser, Die Gesetze der Lebensdauer, 1839.
2) G. Rümelin, Über die Malthus’schen Lehren, a. a. O.
        <pb n="279" />
        272 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

auf das folgende Bild des möglichen Bevölkerungszuwachses, Es
treffen. auf je 1000 Personen der Gesamtbevölkerung:
Bei je Geborene Gestorbene Natürl. Zuwachs Verdoppelungsperiode
3 Geburten auf Tausend der Bevölkerung
für eine Frau
bei 4

N

yo
5

4 &amp;gt;
26 1y
8 20

139 Jahre
69,6 ”
43:3 »
35

al
RR

Der von Malthus zugrunde gelegte Fall, daß auf eine Ehe
4 Kinder kommen, führt also nach den Berechnungen Rümelins
nicht zu einer Verdoppelung der Volkszahl in 25, sondern erst nach
139 Jahren. Dabei handelt es sich auch nur um eine Tendenz, der
techt wohl andere Kräfte entgegenwirken können und werden. Das
wird wohl in um so höherem Maße der Fall sein können, je mehr
die Bevölkerung absolut zunimmt und sich dabei wirtschaftliche
Schwierigkeiten ergeben. Schon Quetelet, der gern seine Gedanken
 in eine strenge mathematische Form zu kleiden suchte, hat dazu
gemeint: „Die Bevölkerung strebt, in einer geometrischen Progression
zuzunehmen. Der Widerstand oder die Summe der Hemmnisse
ihrer Entwicklung verhält sich unter übrigens gleichen Umständen
wie das Quadrat der Schnelligkeit, mit welcher die Bevölkerung zu
wachsen strebt“!). Wenn man auch diese strenge Formulierung
ablehnen muß, so hat Quetelet doch darin Recht, daß mit
wachsender Bevölkerung Faktoren eintreten können, die dahin wirksam
 sein werden, ein schwächeres Volkswachstum herbeizuführen.
Wenn man nun diesen Möglichkeiten gegenüber das Volkswachstum
 in neuerer Zeit, in der wir es im Gegensatz zu älteren
Perioden allein in statistisch einwandfreier Weise erfassen können,
betrachtet, so sieht man zunächst, daß die Volkszunahme in den
letzten Dezennien durchaus progressiv gewesen ist. Es betrug
die Bevölkerung Europas um die Jahre
1800 188 1850 266 1890 363
:810 198 1860 283 1900 401
1820 213 1870 305 1910 448
:830 234 1880 332 1925 505
1840 251

Die Bevölkerung Europas nahm, auf den Jahresdurchschnitt berechnet,
 zu in Millionen in den folgenden Perioden:

3” Quetelet, Über d. Menschen u. d. Entwicklung seiner Fähigkeiten, Deutsch
1838, S. 290.
        <pb n="280" />
        &amp;amp;
A
1,95 21
3 ayliothek =’
\ + 4,16 i a
En in 3 Nez RS
Betrachten wir die entsprechenden Verhältnisse AÄKDeuts he”
Reich, so erhalten wir grundsätzlich das gleiche Bild” es Kea
hier die Volkszunahme in Millionen in den folgenden Perioden”

2, Kap. Volkszahl und Volkswaechstum

SCH
ES
=

1816—1865
:865— 1910
:865—1880
:880—1895
895— 10910

14,8
25,1
5,58
7,94
12,70

In den I5 Jahren von 1895—1910 war das Volkswachstum im
Deutschen Reiche mehr als doppelt so groß wie in der gleich großen
Periode von 1865—1880.
Wir sehen also zunächst im Gegensatz zu älteren Zeiten eine
durchaus regelmäßige Volkszunahme und wir sehen ferner, daß
sie in stark progressiver Weise vor sich gegangen ist. Es beruht
dies auf zwei Ursachen: Einmal darauf, daß — wie wir noch sehen
werden — in diesen Zeiten im allgemeinen sowohl der Geburtenüberschuß,
 als auch die Zuwachsrate, d. h. das relative Verhältnis
des Zuwachses zur vorhandenen Volkszahl, eine Steigerung erfahren
haben. Die andere Ursache des progressiven Wachstums liegt aber
darin, daß sich die Zunahme der Bevölkerung in jedem Jahre auf
einer breiteren Basis, breiter um die Zunahme des Vorjahres, vollzieht.
 Auch bei gleichbleibender Zuwachsrate muß deshalb das absolute
 Wachstum der Bevölkerung eine progressive Form annehmen *).
Für die Beurteilung der Zusammenhänge von Bevölkerung und
Wirtschaft kommt es aber nicht auf die Zuwachsrate, nicht auf das
relative, sondern ganz allein auf das absolute Wachstum der
Bevölkerung an. Handelt es sich doch darum, Volkszahl und Volkswachstum
 mit den Unterhalts- und Ernährungsmöglichkeiten eines
bestimmten Gebietes zu vergleichen. Ob hierbei Störungen eintreten,
hängt, von der Seite der Bevölkerung aus gesehen, nicht davon ab,
ob diese jährlich um ein oder zwei Prozent steigt, sondern ob sie
um eine oder zwei Millionen Köpfe zunimmt.
Das ist schon rein äußerlich daran zu erkennen, daß allein von
dem absoluten Volkswachstum das rein äußere Verhältnis der Volks-1)

 Auf diesen einfachen, häufig übersehenen Zusammenhang hat bereits Dühring
hingewiesen, als er hervorhob, daß die Bevölkerung eine Größe sei, deren Zuwachs
selbst wieder die Ursache eines neuen Zuwachses zu werden strebt. Kursus, a. a. O.,
S. 116.
Diehl-Mombert, Grundrisse, Bd. z5.
        <pb n="281" />
        274

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

zahl zur Fläche, also die sogenannte Dichte der Bevölkerung
abhängt. Während in Europa im Jahre 1800 auf ı qkm Fläche
16,8 Einwohner kamen, betrug diese Volksdichte im Jahre 1925 42,3.
In einzelnen europäischen Staaten war dabei die Zunahme der Volksdichte
 noch wesentlich stärker. Es kamen auf ı qkm an Einwohnern
in den Jahren in den folgenden Ländern
Deutscher England
Reich Wolle

1820
1840
1860
1880 i
1900 104.
1910 120,0
1925 134:3
N 1812

238,0
250,0

26,5

2942
28,8 8,5
er5 {0,1
55,0 12,5
60,4 13,4
62,3 14,4

A n

68,61)

86,7
98,6
100,5
120,9
125,0

Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß das absolute
Wachstum der Bevölkerung sich in stärkerem Ausmaße vollziehen
muß, als es der Entwicklung der Zuwachsrate entspricht. In
welchem Umfang das der Fall ist, ergibt sich aus der folgenden
Tabelle *). Die Bevölkerung Europas vermehrte sich in den folgenden
Perioden

in Millionen
12,538
21,194
17,010
15,256
16,665
22,506
26,346
31,157
37:675
Während die Zuwachsraten in den Jahrzehnten 1821—30 und
1891—1900 etwa gleich groß waren, ist die absolute Zunahme in
dem letzten Jahrzehnt nahezu doppelt so hoch gewesen, wie in dem
erstgenannten. In Europa entsprach im Jahre 1800 eine Zuwachsrate
 von ı°%, einem jährlichen absoluten Wachstum der Bevölkerung
von 1,88, im Jahre 1925 dagegen von 5,05 Millionen Köpfen. Gleichbleibende
 Zuwachsraten bedeuten also ein progressives absolutes
Wachstum der Volkszahl. Est ist demnach leicht einzusehen, daß
die Zuwachsrate einer Bevölkerung, also ihr relatives Wachstum,
natürlich innerhalb gewisser Grenzen, sinken kann, ohne daß deshalb.
!) Nach Sundbärg, Apergus, a. a. O,, 5. 38,
        <pb n="282" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 275
die absolute Zunahme der Bevölkerung einen Rückgang zu erfahren
braucht. |
Nicht nur nach der ungünstigen Seite hin, im Hinblick auf die
Grenzen, die durch den Nahrungsspielraum gezogen sind, kommt
es allein auf das absolute und nicht auf das relative Wachstum an,
das gilt auch von der günstigen Seite des Problems, wenn man
etwa mit Carey oder Oppenheimer in dem Wachstum der Bevölkerung
 die treibende Kraft alles wirtschaftlichen Fortschrittes erblickt.
 Trotzdem kommt es natürlich auch ganz wesentlich auf die
Höhe und die zahlenmäßige Entwicklung der Zuwachsrate an,
wenn man die Tendenzen des Volkswachstums betrachten will. Man
ist auch mit Hilfe der Zuwachsrate imstande, sich ein Bild von dem
zu erwartenden weiteren Volkswachstum zu machen. Man kann
nämlich die Zuwachsrate als gleichbleibend und als dauernden Vermehrungssatz
 annehmen und auf dieser Grundlage mit Hilfe der
Zinseszinsformel die sogenannte Verdoppelungsperiode einer
Bevölkerung berechnen. Schon Rümelin hatte in der oben wiedergegebenen
 Tabelle über die Vermehrungsfähigkeit einer Bevölkerung
von dieser Methode Gebrauch gemacht. Benutzt man nun die tatsächliche
 Vermehrungsquote, so ergibt sich, daß sich in einer ganzen
Reihe von Staaten in den letzten Jahrzehnten die Verdoppelungsperioden
 nicht unerheblich verkürzt haben, Es betrug, berechnet
nach der natürlichen Zuwachsrate in den angegebenen Jahren die
Verdoppelungsperiode in !)

England u. Wales
Deutsches Reich
Niederlande
Belgien
Dänemark
Schweden
Norwegen

S41—1845

62,9
65,8
66,4
74:1
56,4
62,8
52,8

-871—1875 1901— 1905
K 7 57:6
‚1 46,9
65,8 45:6
75:8 65,1
61,7 41
56,2 65,8
54,0 49,5

Eine solche Art der Berechnung macht es deutlich, welche
wirtschaftlichen Probleme in einem solchen Volkswachstum enthalten
öind. Bortkiewicz hat dazu bemerkt, daß ein Vermehrungssatz
von sieben auf Tausend (genauer von 6,96) einer Verdoppelung der
Bevölkerung in 100 Jahren entsprechen würde ?%. Freilich ergeben

1) Zusammengest. nach Brentano, Die Bevölkerungslehre. In .,,Konkrete
Grundbedingungen‘“, a. a. 0. — Vgl. dazu auch Bortkiewicz, Bevölkerungswesen,
1919, S. 8— 11,
%) Bevölkerungswesen, S. 10—11.
        <pb n="283" />
        276 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

sich auf Grund einer solchen Berechnung nur die Tendenzen des
zu erwartenden Volkswachstums; denn daß ein solches einen bestimmten
 Einfluß auf die wirtschaftliche und soziale Lage einer Bevölkerung
 hat, bedarf gar keiner besonderen Begründung. Wenn
aber dieser Einfluß ein ungünstiger ist, wenn mit einem solchen
Volkswachstum gewisse Unterhaltsschwierigkeiten eintreten, dann
werden sich damit auch gewisse Wandlungen in der Höhe der Vermehrungsquote
 selbst zeigen, die auch eine Einwirkung äuf die Länge
der Verdoppelungsperiode haben werden. Es wird davon noch in
anderem Zusammenhang die Rede sein.
Aus der Berechnung solcher Verdoppelungsperioden lernt
man vor allem zweierlei: Einmal, wie gering in früheren Jahren die
Zuwachsrate der Bevölkerung gewesen sein muß. Bortkiewicz
hat berechnet, daß, wenn man von der Bevölkerung Europas im
Jahre 1800 ausgehend, mit einem dauernden Vermehrungssatz von
sieben auf tausend technen wollte, die Bevölkerung Europas im Jahre
1700 94, im Jahre 1600 47, im Jahre 1500 12, im Jahre 1400
6 Millionen und im Jahre 1200 knapp 200000 Einwohner betragen
haben würde, Ein angesehener australischer Statistiker hat berechnet,
daß bei der Wachstumsrate der Jahre 1906—1911 die ganze heutige
Menschheit aus einem Menschenpaar im Jahre 132 n. Ch. hervorgegangen
 sein‘ könnte‘l). Man sieht jedenfalls aus solchen Berechnungen,
 welchen ganz anderen, regelmäßigen und auch wesentlich
stärkeren Charakter das Volkswachstum in neuerer Zeit gegenüber
älteren Zeiten aufzuweisen hat. Mag man auch dem Bevölkerungsproblem
 noch so optimistisch gegenüberstehen, so erkennt man doch
auch wieder aus solchen Berechnungen, daß einem derartigen weiteren
Volkswachstum unbedingt gewisse Grenzen gezogen sein müssen,
mag man auch die weiteren Entwicklungsmöglichkeiten des Nahrungsspielraumes
 für noch so günstig halten. Denn in der Fortführung
solcher Berechnungen kommt man zu ganz unmöglichen Zahlen.
Bei einer Verdoppelungsperiode von 60 Jahren, die Knibbs für
den Durchschnitt einer ganzen Reihe von Staaten für die Periode
1906—1911 festgestellt hat, würde die Bevölkerung der Erde im
Jahre 2165 etwa 30 Milliarden, d. h. etwa das sechszehnfache der
gegenwärtigen Erdbevölkerung betragen, um dann 60 Jahre später
auf die doppelte Höhe anzusteigen. Allerdings können. derartige
Überlegungen nicht mehr als grobe Anhaltspunkte abgeben: denn

') E. Czuber, Mathematische Bevölkerungstheorie auf Grund von G. H. Knibb’s
The mathematical theory of population, Leipzig 1922.
        <pb n="284" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 277
man ist natürlich nicht berechtigt, die besonders hohe Vermehrungsquote
 einer Reihe von Kulturstaaten ohne weiteres auf die Bevölkerung
 der ganzen Erde zu übertragen.
Die Berechnung solcher Zuwachsraten und Verdoppelungsperioden
 gewinnt ein etwas anderes Gesicht, wenn man die Verhältnisse
einzelner Länder betrachtet. Es ergibt sich bereits aus dem oben
darüber Gesagten, daß in Ländern mit mehr oder weniger kolonialartigem
 Charakter die Vermehrungsraten weit größer und die Verdoppelungsperioden
 weit kürzer sein können, ohne daß wirtschaftliche
Schwierigkeiten eintreten, als in den europäischen Kulturstaaten, bei
denen die Bevölkerung schon lange über die Tragfähigkeit des
eigenen Bodens hinausgewachsen ist. Schon Ricardo hat darauf
hingewiesen, daß in jungen Ländern im Gegensatz zu alten es
ebenso leicht sei, die siebente, achte und neunte Million Menschen,
wie die zweite, dritte und vierte Million Menschen zu versorgen.
Diese Unterschiede werden aus der folgenden Tabelle, die dem
Buche von Knibbs entnommen ist, ersichtlich. Auf Grund der
jährlichen Wachstumsrate in dem Zeitraum von 1906—10911 betrug
die Verdoppelungsperiode in

Frankreich
Belgien
[talien
England u. Wales
Japan
Niederlande
Deutschland
Rumänien
Vereinigte Staaten
Australien
Kanada

436 Jahre
101
87
67
64:5
57:2
51:3
47:2
38,4
345
23,6

Es ist oben bereits davon gesprochen worden, daß das Volkswachstum
 je nach der wirtschaftlichen Lage eines Landes und den
hier vorhandenen Entwicklungsmöglichkeiten selbst einen ganz verschiedenen
 Einfluß auf die Größe des Nahrungsspielraumes ausüben
kann. Haben wir doch jedenfalls in dem Volkswachstum eine der
stärksten Triebfedern alles wirtschaftlichen Fortschritts zu erblicken;
die‘ Frage ist nur immer die, ob und in welchem Maße sich diese
Kraft auch immer durchzusetzen vermag. Unter bestimmten wirtschaftlichen
 Voraussetzungen kann eben jede Vermehrung der Arbeitskraft,
 die das Volkswachstum mit sich bringt, auch wirtschaftlich
entsprechend nutzbar gemacht werden, Es ist immer wieder möglich
— dafür gibt die Geschichte zahlreiche Beispiele und diese Wirkung
        <pb n="285" />
        278 . Zweiter systematisch-theoretischer Teil

hat das Volkswachstum in der langen Linie auch bisher immer gehabt
 — daß die Steigerung der Volkszahl zu einer immer stärkeren
und vollkommeneren Ausnutzung der natürlichen Voraussetzungen
eines Landes führt, daß die Produktionskraft der menschlichen
Arbeit stärker zunimmt, als es der Zunahme der Bevölkerung
selbst‘ entspricht. Unter‘ solchen Voraussetzungen müssen sich die
Verhältnisse von Bevölkerung und Wirtschaft ganz anders gestalten
als da, wo solche Erfolge nicht möglich sind. #
Je nachdem aber die Produktionsleistungen mit steigender Volkszahl
 Schritt halten oder sogar noch darüber.hinausgehen oder aber
dahinter zurückbleiben, müssen damit selbst wieder starke Einflüsse
auf den Umfang und die Art des Volkswachstums ‘entstehen. Wir
haben es hierbei, wie schon mehrfach betont, mit den allerengsten
Wechselbeziehungen zu tun. Das sind Zusammenhänge, die noch
deutlicher hervortreten werden, wenn im folgenden die Wege und
Formen des Volkswachstums besprochen werden.
Schon vor dem Weltkriege konnte man in den meisten Kulturstaaten,
 ganz besonders stark aber auch in Europa, gewisse Tendenzen
beobachten, die auf eine gewisse Verminderung der Zuwachsrate
hindeuteten. Diese Tendenzen, die damals noch recht schwach
waren, haben seit dem Ende des Weltkrieges erheblich zugenommen.
Die Wandlungen, die hier in Frage kommen, sind auf eine Verminderung
 des Geburtenüberschusses zurückzuführen. Das wird aus
der folgenden Tabelle für eine Reihe europäischer Staaten ersichtlich.

Es betrug der Geburtenüberschuß auf 1000 Einwohner
im Durchschnitt der folgenden Jahre
:881—900 ' 1891—00 | 1901—10 | 1910—13 | 1920—22 | 1923—26

Deutsches Reich
Frankreich
Italien
England u. Wales
Schottland
Niederlande 4
Dänemark
Belgien
Schweiz
Norwegen ]
Schweden

„1,7
1,8
10,4
13:3
13:1
13,2
13,3
9,6
7:3
13,9
12,2

13,9
0,6
10,8
{1,7
11,7
{4,1
‘2,5
3°

3.X
141
10,7

14:2
1,2
11,1
11,8
11,8
15,3
4:4
2

„Du
13,
10.9

13,0
0,5
12,4
10,1
10,4
15,0
13:4
8,3
9,1
12,5
10,8

[0,2
3:0
12,8
10,3
11,5
15,7
12,0
7:9
71
] 13,2 |
8x

8,1
1,8
I 13
6,3
8,3
14,9
10,3
6,6
6,7
10,1
6.1

In den ersten Jahren nach Beendigung des Weltkrieges ist diese
Tendenz zu einer Abnahme der Geburtenüberschüsse noch
nicht so deutlich und so stark hervorgetreten, wie in der allerjüngsten
        <pb n="286" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 279
Zeit. Denn in den ersten Jahren nach dem Weltkriege kam noch
die Tatsache zur Geltung, daß in diesen ersten Jahren eine starke
Zunahme der Ehehäufigkeit eingetreten ist. Erst seitdem diese
wieder ihren normalen Stand erreicht hat, wird der Rückgang der
Geburtenüberschüsse stärker sichtbar. Mit dieser Entwicklung nähern
wir uns wieder den Geburtenüberschüssen, wie sie in Europa etwa
um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Regel waren *). Freilich ist
ein großer Unterschied vorhanden, auf den oben bereits hingewiesen
wurde. Trotzdem der Geburtenüberschuß etwa wieder die Höhe
hat, wie um die Mitte des 19. Jahrhunderts, ist das absolute Wachstum
 der Bevölkerung wesentlich stärker geworden. Auf diesen
Punkt kann nicht nachdrücklich genug hingewiesen werden. Es
betrug im deutschen Reiche der Überschuß der Geborenen über
die Gestorbenen im Durchschnitt der Jahre
absolut auf 1000 der Bevölkerung
1846—50 283 807 8,1
[923-—26 497 618 8.1

Wir haben bereits gesehen, daß es im Hinblick auf die Beziehungen
 zwischen Wirtschaft und Bevölkerung nicht auf die relative,
sondern auf die absolute Zunahme der Bevölkerung ankommt. Von
den Ursachen des rückläufigen Geburtenüberschusses und der weiteren
Bedeutung dieser Entwicklung wird nachher noch zu sprechen sein.
Diese Tendenz zu einem Rückgang der Geburtenüberschüsse macht
sich in europäischen und außereuropäischen Staaten mit wenigen
Ausnahmen bemerkbar. Es läßt sich freilich heute noch nicht übersehen,
 wie lange und wie stark diese Tendenz noch {fortschreiten
wird, ob sie auf die Dauer stark genug sein wird, worauf es
ja in allererster Linie ankommt, auch in bedrohlicherem Ausmaße
vermindernd auf die absolute Zunahme der Bevölkerung einzuwirken.
Innerhalb gewisser Grenzen kann eben die Zuwachsrate sinken, ohne
daß das absolute Wachstum der Bevölkerung dadurch eine Verminderung
 erfährt. Die Zuwachsrate kann z. B. innerhalb von
24 Jahren um ein Drittel abnehmen, ohne daß dabei die absolute
Zunahme der Bevölkerung geringer wird.
Aus dem Gesagten ergibt sich bereits, daß der für das Wachstum
 eines Volkes maßgebende Faktor der Geburtenüberschuß
ist, der Unterschied zwischen der Zahl der Geburten und der Zahl der
Todesfälle. Für die ganze Erde betrachtet, fällt das Volkswachstum
mit dem Geburtenüberschuß zusammen. Anders liegen die Verhältnisse,
 wenn man einzelne Länder ins Auge faßt. Je nachdem

a nn Mombert, Studien, a. a. O., Tabelle, S. 264.
        <pb n="287" />
        280 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

hier durch die Wanderbewegung ein Verlust oder ein Gewinn an
Menschen entsteht, bleibt das Volkswachstum hinter dem Geburtenüberschuß
 zurück, oder es ist größer als dieser. Dabei kann es zu
beträchtlichen Unterschieden kommen. Die folgende Tabelle zeigt
für das Deutsche Reich, in welchem Maße als Folge der Wanderbewegungen
 über die Landesgrenzen Geburtenüberschuß und Volkswächstum
 in ihrer Größe auseinandergehen können. Es betrug im
Deutschen Reich

1841—50
1851—60
1861—70
1871—75
1875—80
1880—85
1885— 90
1890—95
1895 — 00
1900—05
1905— 10

Die tatsächliche
Bevölkerungszunahme

absolut

auf 1000 der
mittl. Bevölkerung
 jährl.

2635 880
2365 110°
3211 800
1 668 568
2 506 701
1621 643
2572 766
2851 431
4.087 277
4274311
4 284 504

7,69
6,50
8,13
10,0
11,4
7,0
10,7
11,2
15,1
14,6
12,6

Die natürliche
Bevölkerungszunahme
{Geburtenüberschuß)

absolut

auf 1000 de:
mittl. Bevölkerung
 jährl.

3 204 580
3 260 130
4083 330
1 988 318
2887 882
2 601 858
2901 876
3 300 241
3.993 153
‚4221 793
4 444 408

9:35
8,96
10,33
11,9
13:21
113
12,1
13,0
14:7
14:4
14,2

Gewinn (-4-) oder
Verlust (—) durch
Wanderungen

absolut

auf 1000 der
mittl. Bevölkerung
 jährl.

— 568 700
—895 020
—3871 530
—319750
—381 181
— 0980215
—329 110
— 448810
94125
+ 52518
— 180904

— 17
— 2,5
— 2,2
— 1,9
— 1,7
— 4:3
— 1,4
—1,8
Hi
o,1
a

In der ganzen betrachteten Periode von 1841—1910 betrug im
Reich als Folge der Verluste durch Auswanderung die Volkszunahme
um 4,798 Millionen weniger, als es der Höhe des Geburtenüberschusses
in dieser Zeit entsprochen hätte. Wendet man die gleiche Betrachtungsweise
 auf ganz Europa an, so ergibt sich das folgende
Bild. Es betrug in ganz Europa

1841—50
1851—60
1861—70
1871—80
L881—90
RAT

Geburtenüherschuß

17 796 461
19 845 343
26 350 899
29 344 3093
36 931 594
42 154 246

Verlust durch
Wanderungen
? 540 423
5 180011
3845 298
2.9098 747
5774 184
4 479 640

Zunahme der
Bevölkerung
15 256 038
16 665 332
22 505 601
26 345 556
31 157 410
27 674 606

In der betrachteten Periode hat der Wanderungsverlust Europas
rund 22,8 Millionen Köpfe betragen. Umgekehrt lagen die Verhältnisse
 in den Einwanderungsstaaten in jener Zeit. In den Vereinigten
        <pb n="288" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 281

Staaten von Amerika sind in dem betrachteten Zeitraum von 1841
bis 1900 18,7 Millionen Menschen eingewandert. Damit hängt es
dann vor allem zusammen, daß — wie wir oben gesehen haben —
die Zuwachsrate in diesen Zuwanderungsgebieten so groß und die
Verdoppelungsperiode der Bevölkerung so kurz ist. Wenn auch,
wie schon hervorgehoben, für die ganze Erde Geburtenüberschuß
und Volkswachstum zusammenfallen, so gilt das nicht für die einzelnen
 Staaten, für die demgemäß der Wandergewinn’ oder der
Wanderverlust, unter dem Gesichtspunkt des Bevölkerungsproblems
 betrachtet, eine wesentliche Rolle spielen kann. Vergleicht
man das Volkswachstum einzelner Staaten miteinander, so treten
auch neben den rein wirtschaftlichen und sozialen Problemen, die sich
dabei ergeben können, noch solche anderer Natur auf. Je nachdem das
Wachstum eines Volkes demjenigen anderer Völker gegenüber stärker
oder geringer ist, können sich damit in nationaler und politischer
Beziehung beträchtliche Wandlungen für ein Volk ergeben. Schon
vom Beginn des 19. Jahrhunderts ab haben sich hier in Europa
große Änderungen vollzogen, wie die folgende Tabelle dartut. Es
entfielen von 10000 Einwohnern Europas auf die folgenden Länder
in den Jahren: Einwohner !)

Rußland
Deutsches Reich
Großbritannien u.
Irland
Frankreich
Italien
Spanien
Belgien
Niederlande
Schweden
Schweiz
Dänemark
Norwegen

1800 | 1840| 180 | 1860 zöyo 1880 | 1890 | 1900 | 1905 | 1025
2702
1238

2078
12305

2215
1206

2254 | 2208
1329 | 1334

2390
1337

2518
13564

880
1433
966°
639

1084
1331
289
55

1084 | 1042
7211! 1263
898‘ ?87

1048
"204
873
"A530

1068
1131
853
*r '

105611053 1051
1057| 973 | 935
841 gr | 799
489 465 455
. +Er -3

953
806
800
438
134
147
120
78
67
55 | 55

AN

{U

1
=

5.

An

RS

RN

x6

Es ist leicht erklärlich, daß man auch vielfach unter dem Gesichtspunkt
 solcher Wandlungen, in dem zahlenmäßigen Gewicht
der einzelnen Völker, das Volkswachstum und seine Tendenzen betrachtet
 hat, daß man das auch noch heute tut und daß dann auch

1} Bis 1905 die Zahlen nach Sundbärg, a. a. O., von da an neu berechnst.
Dabei sind die älteren Zahlen keineswegs für alle Staaten gleich zuverlässig.
        <pb n="289" />
        282 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

damit bestimmte bevölkerungspolitische Maßnahmen im Zusammenhang
 stehen. In welchem Umfange aus solchen Verschiebungen
Änderungen in der wirtschaftlichen und politischen Kräfteverteilung
auf der Erde hervorgehen können, wird deutlich, wenn man, wie
dies im folgenden geschieht, die Entwicklung der Volkszahl von
Europa mit der Entwicklung derjenigen in den Vereinigten Staaten
von Amerika vergleicht. So stark auch das Volkswachstum in Europa
in den letzten Menschenaltern gewesen ist, so blieb es doch ganz
wesentlich hinter demjenigen der Bevölkerung der Vereinigten Staaten
zurück. Es betrug nämlich in Millionen die Volkzahl in:
Den Vereinigten Auf 1000 Europäer
Staaten von Amerika entfielen Bewohner der
Vereinigten Staaten

1800 - 5,3 28
1850 5 23,2 57
1880 322 50,2 151
1900 401 76,3 190
1910 448 93:3 209
1925 505 116,3 230
Für die Beurteilung des Volkswachstums in den europäischen
Staaten sind aber nicht nur die Änderungen im Geburtenüberschuß,
der sog. natürlichen Velksvermehrung, wesentlich. Wahrend, wie
wir sahen, die tatsächliche Volksvermehrung in früheren Jahrzehnten
 als Folge einer starken Auswanderung beträchtlich geringer
war als die natürliche Volksvermehrung, beginnen sich hier neuerdings
 Wandlungen zu zeigen, die auf eine Verminderung der Auswanderung
 und damit auch der Auswanderungsverluste hindrängen,
Tendenzen, die vor allem durch die amerikanische Einwanderungsgesetzgebung,
 durch welche die Einwanderung kontingentiert worden
ist, hervorgerufen wurden.
Hatte die Auswanderung aus Deutschland, Österreich-Ungarn,
Belgien, den Balkanstaaten, den skandinavischen Staaten, England
und Wales, Italien, den Niederlanden, Portugal, Rußland, Finnland,
der Schweiz und Spanien in. dem Jahresdurchschnitt 1901 bis 1910
1,152 und 1911 bis 1913 1,597 Millionen betragen, so ging diese
Zahl im Durchschnitt der Jahre 1920 bis 1926 auf 668571, also um
über die Hälfte gegenüber den letzten Vorkriegsjahren zurück 2).
Darin liegen gewisse Kräfte, die — wenn sie weiter in dem gleichen
Maße wirksam sein werden — imstande sind, die Wirkungen des
rückläufigen Geburtenüberschusses der europäischen Staaten auf
deren Volkswachstum wenigstens etwas auszugleichen. Es ist an-1)
 Statistik d. Deutschen Reiches. Bd. 226. S. rı2-—113.

Qc
        <pb n="290" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum ; 283
gesichts einer solchen Entwicklung, auf welche eben hingewiesen
worden ist, bedeutsam, ob diese Tendenzen zu einer Abnahme der
Volksvermehrung nur die Antwort auf eine eingetretene Verengerung
 des Nahrungsspielraumes sind, oder ob sich ein solcher
Zusammenhang nicht nachweisen läßt. Erst dann wird man zu
einem Urteil über diese Entwicklung kommen können. Freilich
kann zu dieser Frage erst dann Stellung genommen werden, wenn
das Problem des Nahrungsspielraumes behandelt ist. Zunächst
haben wir uns der Frage zuzuwenden, in welcher Weise das Volkswachstum
 eines Landes zustandekommt, welche Unterschiede sich
hier in zeitlicher und regionaler Hinsicht zeigen und welche Faktoren
von der Bevölkerungsseite her den Geburtenüberschuß eines Landes
beeinflussen.

2. Wege und Formen des Volkswachstums. Wir
haben bereits gesehen, daß für das Volkswachstum eines Landes
der Geburtenüberschuß und die Ergebnisse der Aus- und Einwanderung
 die maßgebende Rolle spielen, wir haben auch gesehen,
daß der Geburtenüberschuß selbst im Laufe der Zeit erhebliche
Änderungen durchgemacht hat. Will’ man diese Wandlungen
würdigen, will man auch Sehen, welche Kräfte vielleicht weiterhin
nach dieser Richtung hin wirksam sind, dann muß man die Elemente,
 aus denen sich der Geburtenüberschuß bildet, Geburten- und
Sterbehäufigkeit, genauer untersuchen. In dieses Problem ‘soll die
folgende Tabelle, welche diese Wandlungen für das Deutsche Reich
darstellt, einführen.

(Tabelle siehe S. 284.)

a) Die Wandlungen in der Sterblichkeit sollen als
das Einfachere zuerst behandelt werden. Die folgende Tabelle
zeigt für Deutschland einen .ganz beträchtlichen Rückgang der
Sterblichkeit. Sie ist im Verlauf von 50 Jahren um mehr als die
Hälfte gesunken. Erinnern wir uns der hohen Sterbeziffern, wie
wir ‚sie oben für ältere Zeiten kennen gelernt haben, so fällt dieser
starke Rückgang noch mehr in die Augen. Der Rückgang der
Sterblichkeit war in den beiden letzten Menschenaltern so groß, daß
trotz der starken Zunahme der Volkszahl die absolute Zahl der
Todesfälle noch beträchtlich abgenommen hat. Aber nicht nur der
starke Rückgang muß gegenüber älteren Zeiten betont werden,
bei einem Vergleich mit diesem fällt vielmehr die größere Gleichmäßigkeit
 und die fast ununterbrochene Abnahme der Sterblichkeit
in neuerer Zeit in die Augen. Das jähe Auf und Ab, dem wir
        <pb n="291" />
        Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Periode

1841—45
1846—50
1851—55
1856—60
1861—65
1866-—70
1871— 75
1876—80
1881—85
1886— 90
1891—95
1896— 1900
1901—05
1906-—10
1911-—13
1914— 18
1919—20
1921—25
1926
1927
:928

Jahresdurchschnitt
Die natürliche Bevölkerungsbewegung im Deutschen Reich seit 1841
Übersch. d. Geborenen
über d. Gestorbenen

Eheschließungen

Zahl

auf 1000
Einwohner


| auf 1000
Zahl ! Einauf

 1000
Zahl | Ein-Zahl



auf 1000
Einwohner


wohner

wohner

276 344
275 575
270 704
208 420
325 287
347 767
392 744
345 439
354 716
380 867
404 338
457 353
470 483
498 819
516 531
335 774
669 659
583 396
482 987
538 525
586 971

8,22
7:89
7:53
8,09
8,38
8,54
9,43
7:54
7709
7:90
7:96
8,40
8,04
7,94
781
5,02
4:45
9,42
7:79
8,50
0,20

1 282 649
' 293 226
ı 203 899
' 386 167
"489 193
575 201
686 514
"801 263
772128
[825 428
906 874
2021 341
I2074252
2.048 713
L915 840
L 052 092 |
1475 499 |
1 410 081
1226342
1 160206 |
1182477 |

38,15
37,93
36,01
37:57
38,40
39,12
40,48
40,86
38,49
37:99
37:52
37,16
35:43
32,61
28,96
18,80
23,69
22,79
19,50
18,40
18.60

925 540 |
1 009 419 |
1 026 533 |
1001 274
1067772
1 179 955
1 242 600 |
1223 109
ı 252 684
1242 256
1 246 774
[220911
1228 703
1 161 586
TILL 206
1436 119
1 001 759
905 749
734 976
757 257
»209 588

27:54
28,02
28,55
27,16
27:53
29,31
29,58
27:74
27,21
25,80
24:54
22,43
20,98
18,49
16,81
21,56
16,06
14,00
11,70
12,0
11.6

357 109
283 807
267 366
384 893
421 421
395 246
443 914
578 154
519 444
583 172
560 100
800 430
845 549
887 127
804 544
384 027
473 740
504 332
491 366
402 949
442 889

10,61
8,12
7:45
10,41
10,87
9,81
10,63
13,12
11,28
12,10
12,98
14:73
14:45
14,12
12,16

7:63
8.76
7,80
6,40
7,00

bei der Sterblichkeit in älteren Zeiten als Folge von Seuchen,
Hungersnöten und Mißernten begegnet sind, verschwindet in neuerer
Zeit vollständig. Dabei sind die Zahlen, wie wir sie eben für Deutschland
 kennen gelernt haben, typisch für alle Kulturstaaten, wie die
folgende Zusammenstellung zeigt. Es kamen in den folgenden
Ländern auf 1000 Einwohner Sterbefälle ohne Totgeborene in den
Jahren.
(Tabelle siehe S. 285.)

Dabei braucht die Frage, auf welche Ursachen im einzelnen
dieser Rückgang zurückzuführen ist, welchen Anteil dabei die Zunahme
 des Wohlstandes oder die Fortschritte von Hygiene, Medizin
und Sozialpolitik gehabt haben, an dieser Stelle nicht genauer erörtert
 zu werden. Wenn auch die Sterblichkeit in Deutschland mit
am. stärksten zurückgegangen ist, so gibt es doch noch manche
        <pb n="292" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 28 5

84111851
bis ' bis
zo 60

(861 1871 1881! 18911 1901
bis bis bis bis bis
9 Sol! oo oo 10

I911
bis
13

/ |
1 1925 lt026 1927
24

Deutsches Reich "26,5 26,4
Frankreich 32,7 30,8
England u. Wales 22,4 22,2
Belgien *24,4 22,6
Niederlande "26,2 ' 25,6
Dänemark 20,4 20,6
Schweden 20,6 21.7
Norwegen 187 74
Spanien
Rußland
Serbien
Schweiz
Italien

26,9 | 27,2 25,1 22,2 18,7 16,0 1391119 '11,7' 12,0
30,3 ' 31,5 29,5 26,6 23,4 |18,3 17,5|17,7 17,5 16,6
22,6 121,4 19,2 18,2 152 100 12,2 |12,2 11,6’ 12,3
ef 20,6 ' 19,1 16,5114,8 13,6 |13,1 13,3 13,0
25,4 24,3 21,0'18,3 15,2'13,0 10,8| 9,6 09,8 10,3
19,9 119,4 18,3 17,4 14,3'13,3 197 110,9 12,01 11,5
20,1 ' 18,2 16,9 16,3 14,8 13.7 12,4Alız,7 171,8
18,0 17,0 17,0 16,1 15,2 13,2 11.” 10,9 9,1|11,2
30,6 — 231,8 29,8 25,3 22,2%, 27,“ 109,4 19,0) 189
571 25,3 33,9 33,0 29,8 — [21,7 123,15
20,9 34,1 25,5 27,0 23,5 21,5% - ; — —
22,7 123,4 20,8 18,8 8103) 120 [122 [167
| it 25 [234 208 068108 19,6 |17,4 116,6 16.8 15,6
I} 1911—1915 2) I1911—1912 3) 1923

a

Länder, die, wenn auch z. T. im Zusammenhang mit einem anderen
Altersaufbau, eine noch geringere Sterblichkeit aufweisen. Auch
innerhalb der europäischen Staaten sind hier noch erhebliche
Unterschiede vorhanden. Dabei hat der Rückgang der Sterblichkeit
in stärkerem Ausmaße eigentlich erst in dem letzten Jahrzehnt des
19. Jahrhunderts eingesetzt, um dann progressiv weiter abzunehmen;
bis dahin konnte man eigentlich nur ein gewisses Schwanken in
der Höhe der Sterblichkeit, das aber doch nach unten tendierte,
beobachten. Allerdings liegen hier die Verhältnisse in den europäischen
 Staaten keineswegs gleichartig.
Man erkennt leicht, daß in einem solch starken Rückgang der
Sterblichkeit ein mächtiger Faktor zur Vergrößerung und Verstärkung
 des Volkswachstums liegt. Es ist wichtig, die wesentlichsten
Ursachen dieses Rückganges kennen zu lernen und damit auch
zugleich der Antwort auf die Frage näher zu kommen, welche
Grenzen einem noch weiteren Rückgang der Sterblichkeit gezogen
 sind. Denn damit müssen sich dann auch manche Anhaltspunkte
 für die weiteren Tendenzen im Volkswachstum ergeben.
 Freilich muß man sich hier vor voreiligen Prophezeihungen
 hüten.
J. G. Hoffmann hat gemeint, daß mit einer Sterblichkeit von
21,5 auf Tausend schon ein ganz besonders günstiger Fall angenommen
 sei und daß eine Sterblichkeit von 20 auf tausend
        <pb n="293" />
        286 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Lebende bereits die Grenze der Wahrscheinlichkeit berühte !). Eine
ähnliche Auffassung hat ein Menschenalter später G. Rümelin
vertreten 2).
Seitdem ist, wie wir gesehen haben, die Sterblichkeit über alle
diese Annahmen hinaus weiter gesunken und dieser Verminderung
haben wir in allererster Linie das gewaltige Wachstum der Bevölkerung
 Europas in neuerer Zeit zu verdanken. Damit erhebt
sich das Problem, welche Grenzen für eine weitere Senkung der
Sterblichkeit gegeben sind. Schon in einer älteren Arbeit über
diesen Gegenstand habe ich darüber gesagt, daß ganz allgemein der
Verminderung der Sterblichkeit um ‚so. größere Schwierigkeiten entgegenstehen,
 je geringer sie ist?), „Durch die Natur sind der Verminderung
 der Sterblichkeit festbestimmte Grenzen gezogen, über
welche hinaus eine weitere Verminderung ausgeschlossen ist. Je
mehr nun die tatsächliche Sterblichkeit sich dieser Grenze nähert,
um so größerer Fortschritte in kultureller und hygienischer Beziehung
bedarf es, um noch eine weitere Verminderung derselben herbeizuführen.“
 Ich vertrat deshalb damals die Meinung, daß sich die
Abnahme der Sterblichkeit in dem Maße verlangsamen müsse, je
mehr sie sich der unterstmöglichen Grenze nähert. Man kann auf
diese Mehraufwendungen, die in kultureller und hygienischer Hinsicht
nötig sind, um eine weitere Senkung der Sterblichkeit
herbeizuführen, vielleicht das gleiche Bild anwenden, mit dem
J. St. Mill die Wirkungen des Gesetzes vom sinkenden Bodenertrag
veranschaulichte: „Die Beschränkung der Produktion“, so meint er,
„wegen der eigentümlichen Verhältnisse des Bodens gleicht nicht
einer entgegenstehenden Wand, welche unbeweglich an einer bestimmten
 Stelle steht und der Bewegung nicht eher ein Hemmnis
darbie‘et, als bis sie dieselbe gänzlich aufhält. Wir können sie eher
mit einem 'sehr elastischen und ausgedehnten Bande vergleichen, das
kaum je so heftig gespannt wird, daß es hicht möglicherweise noch
etwas mehr gespannt werden könnte, obwohl sein Druck lange vorher
 gefühlt wird, ehe die äußerste Grenze erreicht ist und um so
stärker gefühlt wird, je mehr man sich dieser Grenze nähert.“
Man hat auch schon den Versuch gemacht, die unterstmögliche
 Grenze der Sterblichkeit zu berechnen. Bernouilli
 ging dabei davon aus, daß man das natürliche Ziel des

1) J. G. Hoffmann, Sammlung kleinerer Schriften staatswirtschaftlichen Inhalts,
1843, S. 35—37.
?) Reden u. Aufsätze, 1875, a. a. O.
3) Mombert, Studien, a. a. O., S. 12,
        <pb n="294" />
        2, Kap. Volkszahl und Volkswachstum 287

menschlichen Lebens mit 75 Jahren ansetzen könne. Nimmt man
an, daß alle Geborenen dieses Alter erreichen, dann aber sterben,
so würde die Jährliche Sterblichkeit 1:75 betragen ‘oder auf
1000 Lebende 13,3 °). Wenn, wie wir gesehen haben, in manchen
Ländern heute die Sterblichkeit geringer ist, als dieses so berechnete
Mindestmaß, so hat dies seine Ursache darin, daß in den betreffenden
Ländern der Altersaufbau der Bevölkerung so beschaffen ist, daß
die der Sterblichkeit am wenigsten ausgesetzten Altersklassen noch
in ganz besonders großem Ausmaße vertreten sind.
Wo eine Bevölkerung, wie dies in den letzten Jahrzehnten in
den meisten europäischen Staaten der Fall war, an Zahl stark zunimmt,
 wenn also ein erheblicher Geburtenüberschuß vorhanden ist,
da sind die jüngeren Altersklassen den älteren und ältesten gegenüber
 besonders stark vertreten. Wenn auch, wie wir noch sehen
werden, die Sterblichkeit im Säuglingsalter sehr hoch ist, sodann
abnimmt, um in den späteren Lebensjahren wieder anzusteigen, so
führt ein hoher Geburtenüberschuß doch zu einem relativ so geringen
Anteil der höheren, dem Tode am meisten ausgesetzten Altersklassen,
daß damit die Sterblichkeit noch unter das eben berechnete Mindestmaß
 herabgedrückt werden kann. Wie verschieden die Sterblichkeit
in den einzelnen Altersstufen ist, das zeigt für Deutchland die folgende
Tabelle. Es starben hier im Jahre 1924 von 1000 Lebenden der
nebenstehenden Altersstufen

ı bis unter 5 Jahre
3 7 » 10
:o »”„ »»
15 »# #
20 „ x»
25 »
30 La
35 »
40 »”
45 »”
50
55 »”
60
65 »” 33
79 ” 7
75 ” „
80 ”
85

5
60
65
70
Y*.
E
C
» 90
über 00

’

männlich

m

8
45
2 I
3

42
+8
6,2
8,5
12,4
18,9
29,7
46,4
75:0
119,3
188,4
284,3
323,5

weiblich

7:9
1,6
1,4
2,7
3,9
4:3
46.
5,14
6,0
7:6
10,6
15,6
24:8
49:3
67,2
110,9
173,5
270,5
302,8

1) Chr. Bernouilli, Handbuch d, Populationistik, 1841, S. 374 ff
        <pb n="295" />
        288

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Es sind also dabei zwei entgegengesetzte Faktoren am Werke,
von denen sich jedoch — um mit Bortkiewicz zu sprechen — „der
an zweiter Stelle genannte fast ausnahmslos als der stärkere gegenüber
 dem an erster Stelle genannten“ erweist!). Wo die Geburtenzahl
 gering ist und zurückgeht und wo die Sterblichkeit ebenfalls
sinkt, da vollziehen sich jedoch Änderungen im Altersaufbau der
Bevölkerung, die höheren Altersklassen nehmen stärker zu und damit
muß eine ungünstige Wirkung auf die Höhe der Sterblichkeit ausgeübt
 werden. Man erkennt diesen Zusammenhang, wenn man, wie
es in der folgenden Tabelle geschieht, den Altersaufbau zweier
Länder mit verschieden hoher Geburtenhäufigkeit einander gegenüberstellt.
 Von 1000 Personen standen in einem Alter von

Unter 10 Jahren
cO bis unter 20 Jahren
20 ” 7
30 ” +
40 »” 1
509 ba 7
60 ” " % + »
”0 lahren und mehr

»

Deutsches Reich Frankreich
(1010) (1911)
234 173
203 166
P4 157
139 148
105 127
yo 103
77
49

Während im Deutschen Reich von 1000 Personen 155 im Alter
von über 50 Jahren standen, betrug der Anteil dieser Altersklassen
in Frankreich 234. Darin liegt sicher einer der Gründe, weshalb die
Sterblichkeit in Frankreich höher ist, als im Deutschen Reich.
Noch deutlicher werden diese Zusammenhänge, wenn man die
Verhältnisse einer stationären Bevölkerung betrachtet, und
so die ideelle Sterbeziffer berechnet %. Man geht dabei davon aus,
daß man eine Bevölkerung annimmt, bei der unter Ausschluß jeder
Ein- und Auswanderung „eine konstante Geburtendichtigkeit und
eine unveränderte Absterbeordnung“ angenommen wird, d. h., daß
auf gleiche Zeiträume immer eine gleiche Zahl von Geburten entfällt
und daß aus den Neugeborenen jedes beliebigen Zeitraums stets die
gleiche Quote ein bestimmtes Alter lebend erreicht. Diese Methode
hat auch Bernouilli in dem oben gegebenen Beispiel eingeschlagen.
So kommt man zu einer ideellen Sterbeziffer, die dem stationären
Zustand einer Bevölkerung entspricht und die nach den Darlegungen

') Bortkiewicz, Bevölkerungswesen, 5. 37.
2) Bortkiewicz a. a. O0. S. 35.
        <pb n="296" />
        2. Kap. Volkszahl und ‚Volkswachstum 289

von Bortkiewicz nach den neuesten Erfahrungen kaum unter
18 Sterbefälle auf 1000 Einwohner, sinken kann *).
Diese ganzen Ausführungen sollten nur darauf hinweisen, daß, wenn
die Geburtenhäufigkeit in einem. Lande zurückgeht, damit Änderungen
im Altersaufbau der Bevölkerung auftreten müssen, die dahin wirksam
sein werden, einen weiteren Rückgang der Sterblichkeit aufzuhalten,
bis schließlich wieder eine Steigerung der Sterblichkeit eintreten
muß. Bei einigen Ländern, bei denen schon früh ein solcher Rückgang
 der Geburtenhäufigkeit eingetreten ist, kann man heute bereits
derartige Wandlungen im Altersaufbau beobachten. Wenn man
dann diesen Überlegungen gegenüberhält, daß die gewaltige Volkszunahme
 der Neuzeit in erster Linie auf dem starken Rückgang der
Sterblichkeit beruhte, so ergeben sich damit deutlich Kräfte, die
dahin wirksam sind, in Zukunft auf eine Verlangsamung des
Volkswachstums hinzuwirken, Allerdings bezieht sich das eben
Gesagte grundsätzlich zunächst nur auf die relative Höhe des
Geburtenüberschusses. Dieser wird unter den angenommenen Voraussetzungen
 zurückgehen müssen, während das gleiche bei dem
absoluten Geburtenüberschuß aus den bereits dargelegten Gründen
nicht in demselben Umfang der Fall zu sein braucht. In welchem
Ausmaß von einer solchen Entwicklung auch der absolute Geburtenüberschuß
 getroffen wird, das hängt dann in erster Linie davon ab,
in welchem Maß die Rate.des Geburtenüberschusses zurückgeht.
Man hat neuerdings den Versuch gemacht, gerade mit Rücksicht
auf die eben dargelegten Zusammenhänge sich wenigstens für die
nächsten Jahrzehnte ein annäherndes Bild des zu erwartenden Volkswachstums
 zu machen. Die amtliche Statistik des Deutschen Reiches
hat einen derartigen Versuch unter den drei folgenden Voraussetzungen
 unternommen“ ®): x. Die jährliche Zahl der Lebendgeborenen
 bleibt während der Periode 1925—1075 konstant und
gleich der Zahl der im Jahre 1923 Geborenen. 2. Die eheliche
Fruchtbarkeit bleibt in diesem Zeitraum relativ die gleiche. 3. Die
eheliche Fruchtbarkeit nimmt in diesen 50 Jahren um 25% ab.
Dabei wird die Bevölkerung nach einer für die Jahre 1921/23 festgestellten
 Absterbeordnung fortgeschrieben. In dem 'ersten Falle
wächst bis zum Jahre 1975 die Volkszahl von 62,3 auf. 70,4, im
zweiten Falle auf 76,9 und im dritten Falle auf 63,7 Millionen, Dabei
müssen sich aus den dargelegten Gründen beträchtliche Wandlungen

Ya a. 0. S. 97. — Vgl. dazu auch die Darlegungen bei E. M. East, Die
Menschheit am Scheidewege. Deutsch Basel 1926, S. 244 ff.
2%) Bd. 316, Die Bewegung d. Bevölkerung . .. 1926, S. 37
Diehl-Mombert, Grundrisse, Bd. 15.
        <pb n="297" />
        290 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

im Altersaufbau zeigen. Im ersten Falle wird das durchschnittliche
Alter der Bevölkerung um etwa 5, im zweiten um etwa 3,8, im dritten
um 6,8 Jahre steigen. Eine ähnliche Untersuchung hat auch das
Deutsche Institut für Konjunkturforschung aufgemacht !). Beide Male ergibt
 sich unter den genannten Voraussetzungen eine erhebliche relative
Zunahme der höheren Altersstufen. Wie sich nach den Berechnungen
des statistischen Reichsamts Volkszahl und Altersaufbau im Reiche
dann weiter entwickeln würden, zeigt die folgende Tabelle:

Zahl der Lebenden im Alter von... Jahren
(in 1000)

in 9% der Gesamtbevölkerung

fahr

d—15 l

15—65

65 und
darüber

zusammen

0—15 | 15—65

‘65 und
darüber

1925 16 319 42 514
1930 15 252 45 095
1935 16530 | 44910
1945 15117 46 800
1955 14112 | 46906
1965 | 13671 45 482 |
1975 12211 42 201

3480
3878
4351
5442
5066
6854
8264

62 313 26,2 68,2 5,6
64 225 23,8 70,2 6,0
65 791 25,1 68,3 6,6
67359 ! 22,4 69,5 8,1
67 174 21,0 70,0 9,0
66007 | 20,7 68,0 | 10,4
63 676 20,7 66,3 13,0

Bei einer solchen Entwicklung des Altersaufbaues müssen also
starke Tendenzen entstehen, die Entwicklung der Sterblichkeit ungünstig
 zu beeinflussen, wobei es freilich der Natur der Sache nach
unsicher bleibt, in welchem Maße nicht doch auch günstige Momente
 eintreten können, die diese ungünstigen Kräfte zunächst mehr
oder weniger auszugleichen imstande sind.
Der englische Statistiker A. L. Bowley hat ebenfalls eine
solche Schätzung der Bevölkerungsentwicklung für eine Reihe von
Ländern bis zum Jahre 1941 vorgenommen ?). Auch er nimmt an,
daß sich in der betrachteten Periode keine Änderung der Sterblichkeit
 vollzieht und er läßt auch als vollkommen unübersehbar die
Aus- und Einwanderung außer Betracht. Da die weitere Entwicklung
 der Geburtenhäufigkeit sich ebenfalls gar nicht übersehen läßt,
so beschränkt er seine Untersuchung auf die Personen im Alter
von über 15 Jahren, also auf diejenigen, die alle bereits im ersten
Halbjahr 1941, dem Endjahr seiner Untersuchung, geboren sind.
Die Hauptergebnisse seiner Berechnungen sind in der folgenden

') Vierteljahrsh. z. Konjunkturforsch., 3. Jahrg. 1928, Heft ı.
?) A. L. Bowley, Estimates of the working population of certain countries,
in 1931 u. 1941, League of Nations, Genf 1026,
        <pb n="298" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 291
Tabelle zusammengefaßt. Es betrug, bzw. beträgt, die Zahl der im
Alter von 15—70 Jahren stehenden Personen in den Jahren

Schweden (1920)
Dänemark
Belgien (1920)
Großbritannien
Frankreich
Deutsches Reich (1919)
Schweiz (1920)
Vereinigte Staaten von Amerika (1920)
Australien
Japan (1918)

X921 1931 1941
38559 4333 4 690
2 096 2437 2 699
5267 5677 5778
29 353 32.737 34 179
27 823 28 078 27 583
39 780 45 720 47 360
2664 2961 3 102
69 085 81 740 39 863
3561 4 160 4 688
24 046 40 184 43 588

Man erkennt aus diesen Zahlen deutlich die Tendenzen zu einer
Verlangsamung des Volkswachstums. Die Berechnungen
Bowleys spiegeln wohl nicht so. deutlich die zu erwartenden Tendenzen
 im Volkswachstum wieder, wie die Berechnungen des statistischen
 Reichsamtes; denn sie lassen einen vielleicht noch zu
erwartenden weiteren Rückgang der Geburtenhäufigkeit unberücksichtigt.
 Beide Berechnungen geben jedoch brauchbare Anhaltspunkte
 dafür, daß in Zukunft mit einem geringeren Volkswachstum
zu rechnen sein wird. Dabei mag es auch vielleicht sein, daß man
in manchen Ländern in dem betrachteten Zeitraum einen Stillstand,
vielleicht sogar eine Zunahme der Sterblichkeit zu beobachten imstande
 sein wird.

Die zu erwartenden Wandlungen in der Höhe der Sterblichkeit,
die den Ausgangspunkt dieser Betrachtungen bildeten, hängen also
mit der verschiedenen. Sterblichkeit der einzelnen Altersklassen zusammen.
 Es ist oben bereits die Rede davon gewesen, daß die
Sterblichkeit namentlich im Säuglingsalter besonders hoch ist.
Der in diesem Alter eingetretene Rückgang war es auch, auf dem
in der Hauptsache der Rückgang der allgemeinen Sterblichkeit beruhte.
 Es starben im Deutschen Reiche von 1000 Lebendgeborenen
im ersten Lebensjahre bei beiden Geschlechtern
bei den ehelichen bei den unehelichen

jahr
L901
1905
L910
1915
1920
1921
1922
[1023

überhaupt
207
205
162
148
131
134
130
132
1%

{94

194
152
39
9
122
117
120

339
326
257
221
230
235
236
236
        <pb n="299" />
        Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Jahr
1924
[925
1926
1927
10928

bei den ehelichen bei den unehelichen

30
96

"„

ba

g'

überhaupt
109
105
102
97
Ra

Für Preußen läßt sich die Entwicklung noch etwas weiter zurück
verfolgen. Hier starben von 1000 Lebendgeborenen vor Vollendung
des ersten Lebensjahres im Durchschnitt der Jahre
1876—80 1906—10 179
1881—85 LC5 £911— 14 162
1886—90 L95 1915—20 134
1891—05 193 1921—24 125
1896 —00 189 1925 —28 98
1901—05 189

Die unterschiedliche Sterblichkeit in den einzelnen Altersstufen
und die Wandlungen, die sich hierin vollzogen haben, spiegeln sich
am deutlichsten in den sogenannten Sterbetafeln wieder, in
denen die mittlere Lebenserwartung aller Altersklassen auf
Grund der in den betreffenden Perioden herrschenden Sterblichkeitsverhältnisse
 zum Ausdruck kommt. Es betrug im Deutschen Reich
die Zahl der im Durchschnitt noch zu durchlebenden Jahre nach
den Sterbetafeln für die Jahre *)
{Tabelle siehe S. 293.)

Aus dieser Aufstellung erkennt man zunächst die ganz verschiedene
 Sterblichkeit in den einzelnen Altersklassen, man sieht,
daß eine gelative Zunahme der höheren Altersklassen in einer Bevölkerung
 Ihre Gesamtsterblichkeit ungünstig beeinflussen muß. Das
kann der Fall sein, auch wenn die spezifische Sterblichkeit der einzelnen
 Altersstufen, d. h. der Sterbekoeffizient, einen weiteren
Rückgang erfährt. Man sieht aus dieser Zusammenstellung, in
welchem Maße in den einzelnen Altersstufen die Lebenserwartung
zugenommen hat.
Freilich darf man den bisherigen Darlegungen gegenüber nicht
verkennen, daß der Gefahr einer ungüunstigeren Gestaltung der
Sterblichkeit als Folge von Änderungen im Altersaufbau der Bevölkerung
 doch auch manche anderen Faktoren gegenüberstehen,
die nach der günstigen Seite hin wirken können. Das ergibt sich
bereits, wenn man die heutige Verteilung der Sterblichkeit auf die
einzelnen Altersstufen betrachtet. In Preußen standen im Jahre 1025

') Nach „Wirtschaft u. Statistik“, 8. Jahrg., 1928.
        <pb n="300" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 203

Alter ! 1871/72 bis
(Jahre)?! 1880/81

33:58
46,52
48,72
49,38
49,53
49:39
46,51
42,38
38,45
34,96
31,41
27,88
24:40
21,16
17,98
14,96
10 12,11
55 9,55
79 7:34
75 5,51
29 4:10
85 / 3,06
90 2,34
95 1,80
(00 1,36

‘m

1881/1890 | 1891/1900] 1901/10

Männ‘

“her ft)

3717 40,56 |
47,92 51,85
50,15 53,67
50,79 53,89
50,93 53,70
50,76 53,27
4775 49,66
43,54 45:31
39,52 41,23
35,83 37,38
32,11 33:46
28,49 29,59
25,03 25,89
21,67 22,37
18,41 19,00
15,32 :5,81
12,43 12,82
9,82 :Q,12
7,51 7,76
5,60 5,80
11 4:23
2,99 3,05
2,20 2,23
1,67 1,68
1,37 1,20

44,82
55,12
56,39
56,24
55,77
55,15
51,16
46,71
42,56
38,59
34:55
30,53
26,64
22,94
19,43
16,16
13,14
‘0,40
7,99
5,97
4,38
3,18
2,35
1,80
1,50

| 1010/11 | 1024/26

47:41
56,86
57:74
57:44
56,88
56,21
52,08
47:60
43:43
39,39
35:29
31,18
27,18
23:35
19,71
16,30
13,18
10,38
7,90
5,84
425
3:13
2,30
1,76
1,48

55,97
62,24
62,26
61,65
60,90
60,09
55,63
51,00
46,70
42,79
38,56
34,30
30,05
25,99
21,89
18,09
14,60
[1,46
8,74
6,50
4:77
3,50
2,68
2,12
1,15

Weiblichrs Geschlecht.

38,45
48,06
50,30
50,98
51,14
51,01
48,18
4415
40,19
36,53
33:07
29,68
26,32
22,84
19,29
15,88
12,71
9,96
7,60
2P 5,66
Ro 4,22
85 3,14
90 2,37
95 1,81
[00 1,24

40,25
49,67
51,91
52,58
52,73
52,58
49,69
45,63
41,62
37,81
34,21
30,69
27,16
23,57
19,89
16,38
13,14
10,29
7:54
5,87
4:37
3,26
2,49
1,99
1,74

43:97
53,78
55,59
55,81
55,62
55,22
51,71
47:47
43:37
39:43
35,62
31,87
28,14
24,37
20,58
16,96
13,60
10,62
8,10
6,07
4:48
3:32
2,52
| 2,00
1,67

48,33
57,20
58,47
58,33
57,87
57:27
53,35
49:00
44:84
49,84
36,94
33,04
29,16
25,25
21,35
17,64
14:17
11,09
8,45
5,30
4,65
3:40
2,59
2,10
1,87

50,68
58,78
59,64
59,33
58,77
58,10
53:99
49,58
45:35
41,28
37:30
33,32
29,38
25,39
21,45
17,68
14,17
11,03
8,35
6,19
4:52
3,36
2,49
1,91
1,60

58,82
63,89
63,85
63,22
62,44
61,62
57,11
52,47
48,09
43:92
39,76
35,56
31,37
27,20
23,12
19,20
15,51
12,17
9,27
6,87
5,06
3,76
2,92
2,32
1,90
        <pb n="301" />
        204

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

von 1000 Gestorbenen im ersten Lebensjahr 184, im zweiten bis
fünfzehnten Lebensjahr 70. Im Deutschen Reich standen im Jahre
1924 von 1000 Gestorbenen in dem nebenstehenden Alter

Jahre
0—1I 205,5
1—5 49,9
5—10 10,0
10—15 12,7
15—20 26,5
0—20 304,6

männlich

weiblich
158,0
43,7
8,7
12,1
a3, 1
245,6

Daß auch in anderen Ländern der Anteil der Säuglinge an der
Sterbehäufigkeit noch recht hoch ist und daß hierbei das Deutsche
Reich eine keineswegs günstige Stellung einnimmt, daß hier also
noch manche Fortschritte zu erzielen sind, zeigt die folgende Aufstellung.
 Es betrug die Zahl der Sterbefälle im ersten Lebensjahr
in Prozent der Gesamtzahl der Sterbefälle:

Länder

Schweden
Norwegen
Schweiz
Frankreich
England
Schottland
Belgien
Niederlande
Finnland
) Für 1012

3
92
3|ı
191 0

11,8 ' 9,2
12,1 7
15,5 10,0
£1,9 11,0
18,9 11,8
18,1 | 13,9
20,0 | 14,5
20,9 14,9
10,0 ' 16,0

'
2) Für 102)

Länder

Dänemark
Deutsches Reich
Österreich
Spanien
Italien
Ungarn
Bulgarien
Rumänien

| 1913 | 1923
9)

19,2 16,3
27,6 20,0
20,6
21,8
22,6
27:4
29,2?)
33:7

Wenn auch ein gewisser Teil der Neugeborenen und Kinder
aus angeborener Lebensschwäche trotz aller Fortschritte von Hygiene
und Medizin nicht vor einem frühen Tod bewahrt werden kann, so
zeigen diese Zahlen doch, daß es jedenfalls noch erhebliche Möglichkeiten
 gibt, in diesen Altersstufen die Sterblichkeit herabzumindern.
Aber abgesehen von der weiteren Gestaltung der Sterblichkeit liegt
schon in dem bisherigen Rückgang derselben ein Faktor, dem unter
den Gesichtspunkten von Bevölkerung und Wirtschaft eine beträchtliche
 Bedeutung zukommt. Das ist nach der günstigen und, nach
der ungünstigen Seite hin der Fall, wobei nicht ohne weiteres entschieden
 werden kann, welche Tendenz die stärkere ist. Betrachten
wir zunächst die günstigen Auswirkungen.
        <pb n="302" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 295
Es handelt sich zunächst darum, daß vornehmlich ein Rückgang
 der Sterblichkeit in jugendlichem Alter eingetreten ist,
Etwa bis zum fünfzehnten Lebensjahre ist der Mensch nur Konsument,
 nur passives Glied der Volkswirtschaft. Er verursacht hier
nur Kosten für die Gesamtheit und ist erst in späteren Lebensjahren
in der Lage, der Gesamtheit durch seine Arbeitsleistungen die Kosten
wieder zu ersetzen, die seine Erziehung und Ausbildung verursachen.
Eine indische Fabel erzählt: Ein Schulmeister kaufte täglich sechs
Brote. Da fragte ihn einmal ein Bekannter: „Sage mir, lieber Freund,
was brauchst Du denn immer sechs Brote? Der Schulmeister antwortete:
 „Eines für mich selbst, ein anderes werfe ich weg, aber es
kommt wieder; zwei leihe ich her und mit den übrigbleibenden
zweien bezahle ich meine Schulden“. „Erkläre dich deutlicher“,
entgegnete der®* andere, „ich verstehe dich nicht“. Nun sagte der
Schullehrer: „Ein Brot esse ich, eines gebe ich meiner Schwiegermutter,
 zwei meinen Kindern, zwei meinen Eltern“.
E. Engel hat von einer Erziehungsschuld der bis zu
fünfzehn Jahre Alten an die Gesamtheit gesprochen!), und es ist
einleuchtend, daß es rein wirtschaftlich gesehen ein Gewinn für die
Gesamtheit sein muß, wenn der Tod nicht schon im jugendlichen
Alter eintritt und wenn demnach diese Schuld abgetragen werden
kann. Unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten bedeutet also der
Rückgang der Sterblichkeit in jugendlichem Alter einen Gewinn für
die Gesamtheit.

Man kann jedoch auch unter anderen Gesichtspunkten diese
wirtschaftlich positive Seite des Rückgangs der Sterblichkeit betrachten,
 wenn man dabei die allgemeine Zunahme der Lebensdauer
 ins Auge faßt und berücksichtigt, daß damit die produktiven
Jahre der Bevölkerung eine Zunahme erfahren. Eine solche Berechnung
 ist im Jahre 1913 von der Reichsstatistik durchgeführt
worden. Es heißt hier: „Auch die Zeit, welche während der produktiven
 Jahre vom Anfang des 16. bis zum Schlusse des 60. Altersjahres
 durchlebt wird, ist durch die Besserung der Sterblichkeitsverhältnisse
 verlängert worden. Würde in diesem Lebensabschnitte
Niemand sterben, so würden alle, die das 16. Lebensjahr erreichen,
bis zum vollendeten 60. Lebensjahre 45 Jahre durchleben. Da aber
der Tod einen Teil von ihnen vor dem 60, Jahre dahinrafft, so wird
die durchschnittliche Zahl der produktiven Jahre geringer sein, als

N E. Engel, Der Preis d. Arbeit. 2. Aufl., 1872, S. 39. — Ders. Der Wert
des Menschen, 1883.
        <pb n="303" />
        206 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

45, und zwar desto geringer, je ungünstiger die Sterblichkeitsverhältnisse
 sind. Nach der Sterbetafel des Jahrzehnts 1871 —1880
haben nun die männlichen Personen während des produktiven Zeitabschnittes
 36,19 Jahre durchlebt, nach der neuesten Sterbetafel
dagegen (1910—11) 38,72 Jahre. Im ersteren Falle sind also durch
Sterben vor Beendigung des 60. Lebensjahres 8,81, im letzteren
Falle nur 6,28 Jahre verloren gegangen. Die Besserung der Sterblichkeitsverhältnisse
 hat bei jedem Manne die Zeit der Produktivität um
durchschnittlich 2% Jahre verlängert. Da nun jährlich im Deutschen
Reiche etwa 665000 männliche Personen in das 16. Lebensjahr
eintreten, so hat allein durch die Besserung der Sterblichkeitsverhältnisse
 jede Generation ı %, Millionen Arbeitsjahre gewonnen“ ?).
Würde man dieser Berechnung den besonders starken Rückgang
 der Sterblichkeit zugrunde legen, wie er in der Sterbetafel für
die Jahre 1924/26 zum Ausdruck kommt, so würde das positive
wirtschaftliche Ergebnis noch viel größer sein. Betrachtet man unter
diesem Gesichtspunkt die oben wiedergegebene deutsche Sterbetafel,
so sieht man z. B., daß die mittlere Lebenserwartung für Männer
des 30. Lebensjahres in den Jahren 1924/26 noch etwas größer war,
als die mittlere Lebenserwartung für das Alter von 20 Jahren in
dem Jahrzehnt 1871/80; die Lebenserwartung im 40. Lebensjahr war
in den letzten Jahren fast ebenso groß wie damals diejenige im
30. Lebensjahr. Der Rückgang der Sterblichkeit hat also in diesen
Altersklassen zu einem ganz beträchtlichen Gewinn an Lebensjahren
geführt. In den Vereinigten Staaten von Amerika hat man sogar
neuerdings den Versuch gemacht, den Geldwert der Verlängerung
des menschlichen Lebens zu berechnen. Für die Periode von 1901
bis 1924 kam man hier auf Grund der Verminderung der Sterblichkeit
 bei beiden Geschlechtern zu einem Gewinn von 3450 Millianen
 Dollar ?).
Allerdings muß in diesem Zusammenhang auch darauf hingewiesen
 werden, daß eine solch starke Zunahme der mittleren Lebensdauer
 gerade in den arbeitsfähigen Altersklassen das Freiwerden

*) Statistik des Deutschen Reiches, Bd. 246, 1913, S. 11.
’) Dublin u. Lotka, The money value of life and life extension, American
Journal of Public Health, Bd. ı7, 1927, S. 547. — Zit. nach dem Bericht des
Deutschen Stat. Zentralblattes, 19. Jahrg., S. 180/81. — Vgl. dazu ferner A. Niceforo,
Anthropologie der nichtbesitzenden Klassen, Deutsch 1910, S. ı51ff. — A. Elster,
Sozialbiologie, 1923, S. 333ff. — Seiffert, Säuglingssterblichkeit, Volkskonstitution
a. Nationalvermögen, Jena 1905.
        <pb n="304" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 297

neuer Arbeitsstellen für die heranwachsende Generation vermindern
kann; damit können ungünstige Wirkungen auf dem Arbeitsmarkt
eintreten, wenn nicht gleichzeitig die Wirtschaft einen solchen Aufschwung
 nimmt, daß dadurch ein Ausgleich geschaffen wird. Es
sei dafür nur auf das starke Ansteigen der Erwerbsziffer in
Deutschland in der Nachkriegszeit verwiesen. Bei all diesen Überlegungen
 handelt es sich natürlich immer nur um Anhaltspunkte,
um zu erkennen, daß der Verminderung der Sterblichkeit ein wirtschaftlicher
 Wert zukommt. Ob dieser Rückgang der Sterblichkeit
rein wirtschaftlich gesehen diesen Wert auch wirklich hat, hängt
von den Zusammenhängen zwischen Wirtschaft und Bevölkerung in
dem betreffenden Lande, d. h., von der Verwertungsmöglichkeit zusätzlicher
 menschlicher Arbeitskraft ab. Der Wert solcher Arbeitskraft
 wird ein ganz anderer dort sein, wo die Verwendung solcher
Arbeitskraft zu immer günstigeren Produktionserfolgen führt, als
dort, wo vielleicht unter der Herrschaft des Bodengesetzes oder
anderer ungünstiger Einwirkungen das Umgekehrte der Fall ist.
Wir können uns auch im Anschluß an Malthus die Sterblichkeit
als repressives Hemmnis vorstellen, wenn die Bevölkerung eines
Landes zu sehr gegen dessen Nahrungsspielraum preßt und müssen
dann daran denken, daß ein Rückgang der Sterblichkeit das Volkswachstum
 eines Landes vielleicht so beschleunigt, daß, wenn der
Nahrungsspielraum nicht entsprechend zunimmt, ein größerer Teil
der Bevölkerung als zuvor zur Auswanderung gezwungen ist. Unter
solchen Gesichtspunkten betrachtet, wird dann der rein ökonomische
Vorteil bei einer Abnahme der Sterblichkeit für das betreffende Land
geringer sein, als es in solchen Berechnungen zum Ausdruck kommt.
Aber trotzdem wird man derartigen Überlegungen einen gewissen
Erkenntniswert für die Zusammenhänge von Bevölkerung und Wirtschaft
 zuerkennen müssen.
Freilich hat man. auch schon in dem starken Rückgang, besonders
der Säuglingssterblichkeit, eine Erscheinung erblicken wollen,
die keineswegs ohne weiteres als günstig, auch nicht unter wirtschaftlichen
 Gesichtspunkten, beurteilt werden dürfe. Man hat vielmehr
 die Auffassung vertreten, daß eine hohe Säuglingssterblichkeit
im Sinne der Darwinschen Lehre als natürliche Auslese wirke,
daß eine hohe Säuglingssterblichkeit eine geringere Sterblichkeit in
den höheren Lebensaltern zur Folge habe und einen günstigen
Einfluß auf die ganze Leistungsfähigkeit der Überlebenden in
biologischer und wirtschaftlicher Hinsicht ausüben müsse, Um diese
keineswegs einfach zu beantwortende Frage ist ein lebhafter Streit
        <pb n="305" />
        208 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

antstanden. Die Gegner dieser Meinung !), daß eine geringe Säuglingssterblichkeit
 einen ungünstigen Einfluß auf die Wertigkeit der Überlebenden
 ausübe, haben ihre Auffassung namentlich durch den Hinweis
 zu begründen versucht, in den Gebieten mit hoher Säuglingssterblichkeit
 sei auch die Sterblichkeit in den späteren Lebensjahren
hoch; eine hohe Säuglingssterblichkeit bedeute eben nicht, daß nur
schwache und lebensunfähige Kinder fortsterben, auch kräftige und
lebensfähige werden in großer Zahl im ersten Lebensjahre, vor allem
auch infolge der Ungunst äußerer, sozialer Verhältnisse, durch den
Tod hinweggerafft. So viel Richtiges auch diese Anschauung hat,
so wenig man den selektiven Wert der Säuglingssterblichkeit, wie
das schon geschehen ist, übertreiben darf, so möchte ich doch den
besonnenen Darlegungen Schallmayers zustimmen, der trotz aller
dieser z. T. berechtigten Einwände daran festhält, „daß sich unter
den gestorbenen Säuglingen verhältnismäßig mehr schwache Konstitutionen
 befanden, als unter den Überlebenden“ ?), daß also Kindersterblichkeit
 niemals ohne Auslesewirkung zugunsten der widerstandsfähigen
 Konstitutionen „sein kann. Allerdings kann darin niemals
irgendein Einwand gegen alle die Maßnahmen liegen, die Sterblichkeit
 im Säuglings- und Kindesalter weiter zu bekämpfen. Auch
Schallmayer betont, „daß das Interesse für die Rassetüchtigkeit
 unserer künftigen Generation nicht beanspruchen kann, für
unser ganzes Tun und Lassen unbedingt maßgebend zu sein, ohne
jede Rücksicht auf die uns unmittelbar berührenden sozialen und
individuellen Interessen“,
Freilich kann auch eine Abnahme der Sterblichkeit auf die
Dauer ungünstig auf die Arbeitsfähigkeit eines Volkes wirken;
das ist dann der Fall, wenn sie zu einer Zunahme der höberen,
wenig arbeitsfähigen Altersklassen führt. Ein gewisser Ausgleich
kann dagegen dadurch entstehen, daß auch gleichzeitig die Geburtenhäufigkeit
 einen Rückgang erfährt und daß damit der Anteil derer
an der Bevölkerung zurückgeht, die als noch nicht im arbeitsfähigen
Alter befindlich, nur passive Glieder der Gesellschaft sind. Das muß
sich aber im Laufe der Zeit ausgleichen, da bei einer Abnahme der
Geburtenhäufigkeit auch die Zahl derer abnehmen muß, die in das
arbeitsfähige Alter hineinwachsen. Ein deutliches Beispiel dafür hat

1) Siehe dazu S. Kuzuya, Säuglingssterblichkeit u. Wertigkeit der Überlebenden.
Z. f. Säuglingsfürsorge, Bd. 4, 1910. — Prinzing, Handb. d. med. Stat. 1906,
S. 257ff. — Ders. Die angebliche Wirkung hoher Kindersterblichkeit im Sinne Darwinscher
 Auslese. Zentralbl. f. öffentl. Gesundheitspflege, 1913.
?) W. Schallmayer, Vererbung u. Auslese, 3. Aufl., 1918, S. 154ff.
        <pb n="306" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 299

man an den Wirkungen des Geburtenausfalles während des Krieges.
Nach den Berechnungen des Instituts für Konjunkturforschung *) beträgt
 die Zahl der Jugendlichen, die das 15. Lebensjahr vollenden,
also in das arbeitsfähige Alter hineinwachsen, im Deutschen Reiche
in den Jahren

1928
1929
«930
:931
1932
1933
1934
Diese Zusammenhänge werden deutlich, wenn man die Wandiungen
 im Altersaufbau der deutschen Bevölkerung betrachtet,
Änderungen, die unter dem Einfluß der Verschiebungen stehen,
die sich jetzt schon in der Sterbe- und Geburtenhäufigkeit vollzogen
haben. Man erkennt bereits deutlich die Zunahme der älteren
Schichten der Bevölkerung. Es sind das Wandlungen, die sich auch
ohne die Wirkungen des Krieges, wenn auch dann in etwas anderer
Form, vollzogen hätten. Im Deutschen Reich standen von 1000 Einwohnern
 in einem Alter von Jahren

‚ 241 000
226 000
937 900
599 000
624 000
627 000
976 000

[935 1 269 000
1936 1 254.000
1937 1 156 000
638 1 081 000
1939 1 067 000
1940 1 072 000

Jahre 1900
anter 15 348
15—40 395
40—60 179
50 u. mehr 8

in den Jahren
1910 1919
349 285
400 416
181 209
79 90

1925
258
430
220
92

Wenn auch bis jetzt, vornehmlich infolge des andauernden
starken Rückganges der Geburtenhäufigkeit, diese Zunahme des
passiven Teils der Bevölkerung noch nicht sehr stark in die Erscheinung
 getreten ist, so wird das doch deutlich werden, wenn der
Geburtenrückgang eines Tages zum Stillstand gekommen sein’ wird,
Dann wird sich der sogenannte Belastungskoeffizient der
Bevölkerung ®), das zahlenmäßige Verhältnis des passiven zum
aktiven Teil der Bevölkerung, ungünstiger gestalten. Hier handelt
es sich um Wirkungen, die sich heute in ihrem Ausmaße iedoch
kaum genauer übersehen lassen.
Wir haben jedenfalls gesehen, daß die Sterblichkeit in neuerer
Zeit in den Kulturstaaten nicht mehr die Rolle als repressives
Hemmnis des Volkswachstums spielt, wie Malthus noch in seiner

» Vierteljahrh. z. Konjunkturforschung, 3. Jahrg., Heft I, S. 33.
?) Vgl. dazu K. Ballod, Grundriß d. Statistik, 1913, S. 30ff.
        <pb n="307" />
        300 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
Zeit: mit Recht annahm. Das trifft noch für Länder mit primitiven
wirtschaftlichen und hygienischen Zuständen, wie z. B. in Indien,
China und ähnlichen Ländern zu. Bezeichnend für diesen Gegensatz
ist z. B. die Entwicklung der Sterblichkeit im Deutschen Reich und
in Indien. Auf 1000 Einwohner kamen Sterbefälle im Durchschnitt
der Jahre)

1885—90
1891—00
1901— 10
1911—13

Deutsches Reich
24,9
22,2
18,7
16.0

Indien
27,44
31,31
33:94
20,15

Während in Ländern wie Indien, China und anderen, die Bevölkerung
 in der Höhe der Sterblichkeit auf jede Verschlechterung
der Lebensverhältnisse reagiert, läßt sich in den europäischen Staaten
ein solcher Zusammenhang nicht mehr feststellen. Hier kann zwar
durch eine ungünstigere Gestaltung der Lebensverhältnisse der Rückgang
 der Sterblichkeit vorübergehend zum Stillstand kommen, aber
eine solche Zunahme derselben, wie wir sie eben für Indien kennen
gelernt haben, ist dabei nirgends anzutreffen. Das ergibt sich, wenn
man z. B. für Deutschland die EntwicklInng der Sterblichkeit in den
Jahren der Inflation betrachtet, einer Zeit, die doch im allgemeinen
Durchschnitt für die Bevölkerung eine so schwierige Lebenslage,
vor allem auch hinsichtlich der Ernährung, bedeutete. Freilich muß
man hierbei die Wirkung des Geburtenrückganges und der durch
den Krieg bewirkten Änderungen im Altersaufbau ausscheiden, um
zu vergleichbaren Zahlen zu kommen. Es betrug dementsprechend
die Standardsterbeziffer der über einjährigen Bevölkerung auf die Bevölkerung
 im Jahre 1913 bezogen (1913 ist gleich 100) in den
Jahren ?)

1913 100
1920 107
10271 95

1922 100
1923 95

b) Die Beziehungen zwischen der Höhe der Sterbeund
 Geburtenhäufigkeit. Zwischen der Höhe der „Sterblichkeit
 und derjenigen der Geburtenhäufigkeit bestehen enge Beziehungen.
Wir haben bereits oben gesehen, daß im Mittelalter und noch tief
hinein bis in die Neuzeit nach Seuchen, Kriegen u. dgl., wenn viele
Menschen hinweggerafft worden waren, die Tendenz auftrat. den

') Die Zahlen für Indien sind entnommen Narain, The population, a. a. O.,
5. 22. — Vgl. ferner P. R. Wattal, The problem of population of India, Bombay 1916.
2) Stat. d. Deutschen Reiches, Bd. 216. S. 29.
        <pb n="308" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 301

Ausfall durch eine vermehrte Geburtenhäufigkeit wieder einzuholen.
Das hing in erster Linie damit zusammen; daß nach solchen Zeiten
die Ehefrequenz besonders stark zunahm, nicht nur weil dann in
noch jugendlichem Alter bei beiden Geschlechtern viele verwitwete
vorhanden waren, sondern weil auch nach derartigen Bevölkerungsverlusten
 sich häufig genug die Möglichkeit des wirtschaftlichen Fortkommens
 für die Zurückbleibenden bessern mußte. Denn gerade
die Ehehäufigkeit steht in besonders hohem Grade unter dem Einfluß
wirtschaftlicher Tatsachen. In wirtschaftlich günstigen Zeiten pflegt
die Ehehäufigkeit zuzunehmen, in wirtschaftlich ungünstigen pflegt sie
zurückzugehen. An den allerverschiedensten Maßstäben hat man diesen
Zusammenhang, der auch noch in der Gegenwart gilt, nachgewiesen *).
Der Zusammenhang zwischen Sterblichkeit und Geburtenhäufigkeit
 gilt jedoch nicht nur für die allgemeine Sterblichkeit, sondern
in besonderem Maße auch für die Sterblichkeit im Säuglingsund
 Kindesalter. Wenn bei der allgemeinen Sterblichkeit der
Einfluß auf die Geburtenhöhe vor allem über den Umweg einer
Vermehrung der Eheschließungen erfolgt, so ist bei der Säuglingsund
 Kindersterblichkeit die Wirkung auf die Geburtenhäufigkeit
unmittelbarer und in ganz anderer Weise wirksam. Auf diesen Zusammenhang
 hat bereits Wappäus hingewiesen. Er hat hervorgehoben,
 daß bei größerer Kindersterblichkeit auch die Fruchtbarkeit
größer sei und umgekehrt. „Einmal nämlich“, so führt er aus, „wird
schon im allgemeinen eine Mutter, deren Kind tot zur Welt gekommen
 oder bald nach der Geburt gestorben ist, eher wieder ein
Kind zur Welt bringen können, als die, welche ihr lebend gebliebenes
Kind säugt und aufzieht und zweitens ist wohl als Regel anzunehmen,
daß jedes Elternpaar eine gewisse Anzahl von Kindern großzuziehen
wünscht und deshalb, wenn es diese Zahl der Kinder am Leben
hat, nicht mehr so lebhaft den Wunsch zur Vergrößerung der Familie
hegt, als wenn durch das baldige Wiederabsterben der ihnen geborenen
 Kinder die gewünschte Zahl noch nicht erreicht ist“”). Die
gleiche Erscheinung betonte wenige Jahre später Horn®), daß eine
große Kindersterblichkeit in zweifacher Hinsicht auf eine Steigerung
der ehelichen Fruchtbarkeit hinwirke. Er geht davon aus, daß etwa
jedes Ehepaar vier Kinder im Durchschnitt zu haben wünsche. Sind
nun fünf geboren und vier am Leben erhalten geblieben, „so fühlen
1) Eingehender darüber Mombert, Einführung i. d. Studium d. Koniunktur.
2. Aufl, 1925, S. 116,
2? Wappäus, a. a, O., Bd. 2, 5. 323,
3 J. E. Horn, Bevölkerungswissenschaftl. Studien aus Belgien, 1854, S. 256ff.
        <pb n="309" />
        302 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
die Eltern keine weitere Lust zur Vergrößerung ihrer Familie und
der Reproduktionstätigkeit wird in der einen oder anderen Weise
Einhalt getan werden. Ist hingegen die Kindersterblichkeit größer,
so daß von fünf Kindern nur drei lebend geboren oder lebend erhalten
 werden, so wird jene freiwillige Enthaltsamkeit noch nicht in
Anwendung gebracht, vielmehr erst die Ergänzung jener vom Tod
in der Reihe der gewünschten Nachkommenschaft gemachten Lücke
erstrebt und dadurch die Zahl der auf eine Ehe entfallenden Neugeborenen
 vermehrt werden.“
Eine Reihe von Jahren später hat dann A. Geissler auf
Grund eines reichen Zahlenmaterials den statistischen Nachweis für
die Richtigkeit des Zusammenhanges erbracht und seine Untersuchungen
 mit dem Satze geschlossen: „Gelänge es, die Sterblichkeit
 der Säuglinge dadurch zu vermindern, daß man die Mütter in
die Möglichkeit der Selbsternährung ihrer Kinder setzt, so würde
die Anhäufung der Kinderzahl ganz ohne weiteres Zutun von
selbst verschwinden“ !). Diese Zusammenhänge sind namentlich
wichtig, wenn man den neuzeitlichen Geburtenrückgang betrachten
und verstehen will. Unter den ehelichen starben von 1009 Neugeborenen
 im ersten Lebensjahre
in den Jahren Preußen Berlin
1881—85 195 277
1928 89 78
In Sachsen hat sich die Säuglingssterblichkeit in der folgenden
Weise gestaltet %).

Zeitraum

1881—1890
1891 —1900
1901—1905
1906-—1913
1914—1918
1919— 1022
1923
1924
1925
1926
1927
1028

Lebendseborene | im ersten Lebensjahr
Gestorbene

134 150
150 797
150675
133 343
73551
103 716
39 060
33 376
38 265
84 798
78 759
81313

37 852
410977
37 012
25571
11 455
12 026
10 807
8 461
7 922
7537
6928
6 642

Sterbeziffer des ersten
Lehbensiahres

28,22

27:24
24,56
19,18
14,77
12,14
11,77
9,94
9,13
8,78
8,60
8.20

?} A. Geissler, Über d. Einfluß d. Säuglingssterblichkeit auf d. eheliche Fruchtbarkeit
 . . . Zeitschr. d. königl. sächs. stat. Bureaus, Jahrg. 31.
?) Nach Burkhardt, Über d. Rückgang d. Sterblichkeit in d. ersten Lebensjahr,
 Bl. f. Volkswohlfahrtspflege 1924 und Stat. Tahrb. f. d. Freistaat Sachsen, 1927/28.
        <pb n="310" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 303

Betrachtet man diese Zahlen, so erkennt man ohne weiteres
den Einfluß der Säuglingssterblichkeit und ihrer Wandlungen auf
die Höhe der Geburtenhäufigkeit. Bei der Säuglingssterblichkeit
in Berlin in den Jahren 1881/85 mußten im Durchschnitt einer Ehe
5,53 Kinder geboren werden, damit vier das erste Lebensjahr überlebten,
 im Jahre 1928 waren dafür pro Ehe 4,34 Kinder, also mehr
als eine Geburt weniger, erforderlich. Dieser Zusammenhang würde
noch schärfere Formen annehmen, wenn man nicht nur dem Kückgang
 der Säuglingssterblichkeit, sondern auch denjenigen in den
folgenden Jahren des Kindesalters betrachten wollte.
Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang zwischen der
Sterblichkeit im Säuglings- und Kindesalter und der Geburtenhäufigkeit,
 wenn man die sogenannten Aufwuchsziffern betrachtet, die
freilich für das Deutsche Reich nicht bis in die neueste Zeit hinein
zur Verfüguug stehen"). Aus ihnen erkennt man, in welchem
Maße der Rückgang der Sterblichkeit im Säuglings- und Kindesalter
 auf die Zahl der überlebenden Kinder eingewirkt hat. Die
folgende Tabelle gibt ein Bild solcher Aufwuchsziffern für das
Deutsche Reich.

Geburtsjahr


1900
1901
1902
1903
1904
1905
1906
1907
1908
1909
1910
1911
1912
1913
{014

Lebendgeborene

auf 1000
absolut | d. Bevölkerune


1.996 139 '
2032 313
2024 735°
1 983 078 |
2025 847
1987 153)
2022474 |
999 933 |
2015 052
1978 278
1 924 778
1870724
ı 869 636
1 833 750
1 818 za6

35,6
35:7
35,1
33:8
34,0
33,0
33:1
32,3
32,1
31,0
209,8
28,6
28,2
27,5
„6.8

Davon überlebten das ... Lebensiahr

ayrste }

zweite

dritte

vierte

fünfte

1545636 1476 572 1451469’ ı 436 199 | 1 425 731
626481 1557708 1532673 1517798 1507 677
1644 110 1573446 1549433 1535275 1525559
1580514 ' 1 513611 1491070 14770922 1468 460
1 625 096 1569850 1538820 1526029 1516726
1 588 866! ı 528 554 1507935 1495033 I 486 153
165470511 596592 1575728 1563269 1554485
1646 566 1587426 1567668 1555905 I 547073
1662825 1607047 1588104 1576196 1568045
652051 1599854 1580843 1570119 I 562506
L602321 "549422 1532483 1522380 1513016
1531505 1489044 1473767 ı 1 461 478
1595771 1551 200 | 1531 252
1557202 1507 518
I 8122238

Man erkennt zunächst den starken Rückgang der Geburtenhäufigkeit
 an der Entwicklung der allgemeinen Geburtenziffer, eine
1) Statistik d. Deutschen Reiches, Bd, 275, S. 4.
        <pb n="311" />
        304 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Erscheinung, auf die nachher noch genauer einzugehen sein wird.
Die absolute Zahl der Lebendgeborenen ist dagegen in weit geringerem
 Maße gesunken, weil sich die relative Geburtenhäufigkeit
aus einer von Jahr zu Jahr steigenden Volkszahl ergibt. Es gilt
hiervon sinngemäß das gleiche, das oben bereits von der Höhe des
Geburtenüberschusses gesagt worden ist. Während in dem Zeitraum
von 1900—1914 die allgemeine Geburtenziffer um 22,7%, abnahm,
betrug in der gleichen Zeit der absolute Rückgang der Geburten
nur 8,1%. Aber abgesehen davon erkennt man aus dieser Aufstellung
 deutlich, wie stark die Sterblichkeit in diesen jugendlichen
Lebensjahren zurückgegangen ist. Trotz des Geburtenrückganges
in ‘dieser Zeit hat die Zahl derer, die das vierte Lebensjahr überlebten,
 nicht abgenommen und das gleiche gilt von der Zahl derer
die das fünfte Lebensjahr erleben konnten. Freilich war bereits
damals der Ausgleich der rückläufigen Geburtenziffer durch die
Abnahme der Sterblichkeit im jugendlichen Alter schon nicht mehr
für alle Geburtenjahrgänge in gleichem Umfange und vollkommen
möglich. In der Nachkriegszeit war das dann nur noch in wesentlich
 geringerem Ausmaße der Fall, wie die folgende Tabelle zeigt,
in welcher sich die Aufwuchszahlen für den Freistaat Sachsen finden.
Grundsätzlich besteht also die Meinung von Wappäus und Horn
zu Recht, daß die Geburtenhäufigkeit sinken kann, ohne daß die
Zahl der überlebenden Kinder abnimmt, aber eben nur dann, wenn der
Rückgang der Fruchtbarkeit ein bestimmtes Tempo und Maß nicht
überschreitet.

Geburtsjahr


1903
1905
1910
1911
1912
1913
1914
1920
1921
1922
1923
1924
[925 |
1926

Lebendgeborene


148 852
143 509
130 100
25 883
125414
{22 985
117 601
118725
111999
98 364
89 060
33 376
88 265
84 798

erste !

112 346
108 812
[05 869
98 597
106 856
704 005
97 544
105 314
37 905
36 436
79 110
75273
80 338
77 497

Davon überlebten das .., Lebensjahr

zweite |‘ dritte

vierte

107 840 |
[05 491
[03 071
96 461
[04 499
(O1 399
95 009
103 730
96 333
35 088
78 093
74 396
79 467

106 505
104 191
102 123
95 630
103 474
[00 065
93 761
102 019
95 799
84 641
77712
74072

105 658
10 336
101 504
94 898
102 507
99 183
92 792
102 641
95 393
84 355
77 466

fünfte

105 012
102 776
100 969
94 173
{01 804
98 466
91 975
102 352
95 113
84 151
        <pb n="312" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 305

Bei diesem starken Rückgang der Sterblichkeit im Säuglingsund
 Kindesalter haben wir es jedenfalls mit einer Ursache zu
tun, die zur Erklärung des neuzeitlichen Geburtenrückganges mit
herangezogen: werden muß. Freilich ist das nicht die wichtigste
Ursache; denn nach einer Schätzung des statistischen Reichsamts
ist nur etwa ein Drittel der Abnahme der Zweitgeburtenhäufigkeit
auf den Rückgang der Kindersterblichkeit zurückzuführen *).
Schon kurz vor dem Kriege hat Würzburger mit Nachdruck
anf diesen Zusammenhang hingewiesen?) und neuerdings hat
Schloßmann®) auf Grund ganz neuen Materials den einwandfreien
 Nachweis für diesen Zusammenhang erworben. Er betont:
„Zwischen dem Tode des Säuglings und der Geschwindigkeit, mit
der es dann zur nächsten Geburt kommt, besteht ein kausaler Nexus“.
Die Geburtenfolge und damit die Geburtenmenge steht in einem
Verhältnis zu den Säuglingstodesfällen. Mar wird sich also Burkhardt
 anschließen dürfen, der meinte, „daß sehr wahrscheinlich der
Geburtenrückgang seit 1901 zum großen Teil eine natürliche Folge
des erhöhten Rückganges der Säuglingssterblichkeit war“ %).
Wenn in dieser Weise ein unzweifelhafter Einfluß der Sterblichkeit
 im Säuglings- und Kindesalter auf die Fruchtbarkeit einer Bevölkerung
 festzustellen ist, so hat man auch schon häufig und frühzeitig
 auf den umgekehrten Zusammenhang hingewiesen, daß eine
hohe Geburtenziffer auch eine hohe Sterblichkeit zur Folge hat. Das
war bereits Wappäus bekannt und G. v. Mayr hat°) auf Grund
seiner Untersuchungen für Bayern, denen sich auch später Prinzing
angeschlossen hat, folgendes feststellen können: „Je größer die Zahl
der Geburten ist, die auf die gleiche Bevölkerungszahl trifft, um so
höher ist im allgemeinen die Kindersterblichkeit.“ Allerdings kann
dies, wie er darlegt, eine doppelte Ursache haben: einmal die bereits
betonte, daß eine hohe Kindersterblichkeit die Ursache einer großen
Geburtenfrequenz sein kann. Es kann aber auch das Umgekehrte
der Fall sein, daß eine hohe Geburtenhäufigkeit die Ursache einer

1) Beiträge z. deutschen Bevölkerungsproblem, Sonderheft Nr. 5 zu „Wirtschaft
u. Statistik“, 1929, S. 36/37.
2) E. Würzburger, Der Geburtenrückgang u, seine Statistik, Schmollers
Jahrb., Jahrg. 38, 1914.
%) A. Schloßmann, Über d. Zusammenhang zwischen Geburtenhäufigkeit u,
Säuglingssterblichkeit, Jahrb. f. Nat. u. Stat., Bd. 120, 1923, S. 424 ff.
4) Burkhardt, Über den Rückgang, a. a. O.
5) Die Sterblichkeit der Kinder während d. ersten Lebensjahres in Süddeutschland,
 insbes. in Bayern. Zeitschr. des königl, bayr. stat. Bureaus, 2. Jahrg., 1870,
S. 244.
Diehl-Mombert, Grundrisse, Bd, 15.
        <pb n="313" />
        306. Zweiter systematisch-theoretischer ‚Teil

hohen Kindersterblichkeit ist; das gilt besonders dann, wenn Kinder
in kurzen Abständen nacheinander zur Welt kommen. Als Ursache
nennt Prinzing?!) namentlich, daß zahlreiche aufeinanderfolgende
Geburten die Mutter schwächen und daß deshalb die Kinder weniger
lebensfähig sind und den ersten Kindern von seiten der Mutter mehr
Sorgfalt gewidmet werden kann als den späteren, bei denen die
Mutter auch durch die anderen Kinder sehr in Anspruch genommen
ist. Das Letztere wird vornehmlich bei ärmeren Familien zutreffen.
Auf Grund seiner Untersuchungen in sächsischen Bergarbeiterfamilien
kam Geissler zu folgenden Ergebnissen ?). Hier starben von
1000 Geborenen im ersten Lebensjahre in Ehen mit

ı Kindern

207
205
204
228
232
229

über 1%

9 Kindern
{ii

259
257
314
351
423

Der Zusammenhang ist ohne weiteres einleuchtend und auch
späterhin ist er häufig betont worden. In diesem Einfluß der Geburtenhäufigkeit
 auf die Sterblichkeit der Säuglinge haben wir aber auch
wieder eine wichtige Ursache, die uns den neuzeitlichen Rückgang
der Säuglingssterblichkeit mit erklären hilft; denn daß auf. diesen
Rückgang die Abnahme der Geburtenhäufigkeit im letzten Menschenalter
 von starkem Einfluß gewesen ist, unterliegt keinem Zweifel.
Geburtenhäufigkeit und Sterblichkeit im Säuglings- und Kindesalter
stehen also miteinander in enger Wechselwirkung. Die Herabminderung
 der einen hat auch die Tendenz, die andere herabzusetzen..
Auf dieser eben dargelegten Tatsache beruht es, wenn auch
darin freilich «keineswegs die einzige Ursache dafür zu suchen ist,
daß man eine recht weitgehende Parallelität zwischen der Höhe der
Geburtenzahl und der Höhe der Gesamtsterblichkeit in einem Lande
feststellen kann. Um diesen Zusammenhang zu verstehen, braucht
man nur daran zu denken, welche Rolle für die Gesamtsterblichkeit
diejenige im Säuglings- und Kindesalter spielt und welchen Einfluß
darauf die Geburtenhäufigkeit ausübt. Wenn auch für die Höhe der
Sterblichkeit in einem Lande noch zahlreiche andere Faktoren von
Einfluß sind — wie die Beschäftigung der Bevölkerung oder die
ganzen sozialen und hygienischen Zustände — so hat doch darauf
auch die Geburtenhäufigkeit einen nicht zu unterschätzenden Einfluß.

1) Handbuch, a, a. O,, S. 299.
2) Geissler, a. a. O0.
        <pb n="314" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 2307
Gewiß mag es auch sein, daß es darunter Ursachen gibt, die in
gleicher Weise auf die Höhe der Geburtenhäufigkeit und Sterblichkeit
von Einfluß sind. Davon wird noch die Rede sein.
c) Die Fruchtbarkeit der Bevölkerung. — Schon im
Vorangegangenen ist Öfters auf den neuzeitlichen Rückgang der
Geburtenhäufigkeit hingewiesen worden. In dem Rückgang der
Sterblichkeit im Säuglings- und Kindesalter haben wir soeben einen
Faktor kennen gelernt, der jedenfalls als eine Ursache für diesen
Rückgang der Fruchtbarkeit in Rechnung zu setzen ist. Dieser
Rückgang war in vielen Ländern so stark, daß man schon vor dem
Kriege vielfach das Bevölkerungsproblem nicht mehr wie früher in
der Gefahr einer zu starken, sondern in einer zu geringen Zunahme
der Bevölkerung erblickte. Häufig genug hat man bereits damals
Mittel und Wege erwogen, um diesen Rückgang der Fruchtbarkeit
zu bekämpfen. Seit der Beendigung des Weltkrieges hat sich dieser
Rückgang in noch stärkerem Maße in einer ganzen Reihe von Ländern
fortgesetzt. Wir wollen einmal zunächst die Tatsachen kennen lernen.
Die folgende Tabelle gibt ein Bild von dem Geburtenrückgang in
einer Reihe europäischer Staaten seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts.
 Es kamen in ihnen Lebendgeborene auf 1000 Einwohner:

Länder

|

1851
bis
50

1861
bis
»o

1871
bis
Ro

1881
bis
90

1891 |
bis
DO

1901
| bis
1

1911
bis
12

[920
bis

24

England u. Wales F
Schottland |
Dänemark
Deutsches Reich
Niederlande
Belgien
Frankreich
Italien
Schweiz
Schweden
Norwegen
Finnland
Spanien
Europ. Rußland’)
Ungarn
Bulgarien | -
Rumänien . —

341 |
348
325
353
333
303
262

352
350
307
372
358
320
263

354
349
314
391
362
323
754
369
308
305
370
370

325
323
320
368
142
302
239
378
281
290
308
349
364
472
440

299 272
302 284
302 286
361 239
325 305
290 261
222 206
349 327
281 281
272 | 258
303 ‘ 274
322 ı 312
353 | 344
471 439
406 | 370
— 414
400 | 298

240
257
267
290
280
231 |
188
319
269
236 '
254
291?)
317°)
359
4067|
A28

213
243
231
231
265
209
201
299
L99
203
235
238
303
409
309
4095
288

328 |
230
350

314
309
347
:-6

ch

4a

a

407

) Die Zahlen für Rußland sind nicht sehr zuverlässig. % 1911

1028

926 | 1927

183 178 | 167
219 | 213 197
211 205 196
206 195 183
240 | 238 231.
198 190 182
189 188 182
275 | 278 264
:84 182
:75 | 169
200 197
223 217
293 | 299
449 | 442
277 267
370
347

188

286

9) 1911—1912
x
        <pb n="315" />
        398

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Wenn man auch auf Grund der allgemeinen Geburtenziffer
 deutlich die Tatsache und die Stärke des Geburtenrückganges
erkennen kann, so leidet diese Art der Berechnung doch daran, daß
sie darauf keine Rücksicht nimmt, welche Veränderungen sich im
Altersaufbau der Bevölkerung und in der Geschlechterverteilung
vollzogen haben. Auch bei Vergleichen zwischen einzelnen Ländern
muß man natürlich auf die in dieser Hinsicht vorhandenen Unterschiede
 Rücksicht nehmen. Man ist deshalb immer mehr dazu überzegangen,
 um die Höhe und den Gang der Fruchtbarkeit zu messen,
sog. Fruchtbarkeitsziffern, entweder allgemeine oder eheliche,
zu berechnen. Im ersteren‘ Falle handelt es sich um das Verhältnis
aller in einer bestimmten Periode vorgekommenen Geburten zu allen
im gebärfähigen Alter (in der Regel 15—45 Jahre) stehenden
Frauen, in dem letzteren Falle, bei der ehelichen Fruchtbarkeitsziffer,
um das zahlenmäßige Verhältnis aller in einem Jahre vorgekommenen
ehelichen Geburten zu den im gebärfähigen Alter stehenden Ehefrauen.
 Ein solches Bild der Entwicklung der Fruchtbarkeitsziffer
gibt nach den Berechnungen des statistischen Reichsamtes die
folgende Tabelle. Sie gibt im wesentlichen das gleiche Bild, das
man auch auf Grund der allgemeinen Geburtenziffer erkennen kann.
(Tabelle siehe S. 300.)

Nur wird jetzt deutlich, daß es sich bei dem Geburtenrückgang
in erster Linie um eine Abnahme der ehelichen und nicht der unehelichen
 Fruchtbarkeit gehandelt hat. Bei einer Reihe von Ländern
jegann dieser Rückgang schon in dem letzten Jahrzehnt des vorigen
Jahrhunderts, bei anderen setzte er etwas später ein, um aber dann
vor allem seit Beendigung des Weltkrieges in ganz besonders starkem
Ausmaße zuzunehmen. Es sind nur ganz wenige Staaten, wie besonders
 Italien, die Niederlande, schließlich auch noch Norwegen,
bei denen sich dieser Rückgang nur in sehr langsamem Tempo und
in geringem Ausmaße vollzogen hat; bei anderen Staaten hat er dagegen
 ganz erhebliche Dimensionen angenommen. Die geringe eheliche
Fruchtbarkeit, die Frankreich seit Jahrzehnten besitzt, ist noch weiter
im Rückgang begriffen und ganz besonders stark war im letzten
Jahrzehnt der Rückgang der ehelichen Fruchtbarkeit: namentlich in
Deutschland, in England und Wales, aber auch in Schweden und
in der Schweiz.
Gehen wir diesen Zusammenhängen noch etwas tiefer nach, so
sehen wir — eine Ausnahme davon bildet nur Frankreich — daß
der Geburtenrückgang zuerst und am stärksten in den Städten erfolgt
        <pb n="316" />
        1880—81 | 1890—091

| 1900—01 | 1910—11 | 1912—13 | 1920 | 1921

1922

1923 | 1024

Es betrug die Fruchtbarkeit auf 1000

Deutsches Reich
Frankreich
italien
England u, Wales
Schottland
Irland
Schweiz
Bulgarien
Finnland
Schweden
Norwegen
Dänemark
Niederlande
Belgien
Luxemburg
Spanien
Portugal

at
u
u
bn
a
X

Re “ = nn „3
© 2 Ö ©
m 8 | 6 |
' © Oo DE fr A
‚x da 1 12
vo ex 1
®

4 vv
4 3 A 3 „a X
5 o &amp;gt; Oö © ©
EB | 8 | a | 5
Ca oO Oo © “ ©
no | 4 59 a BO “
7 © = © 4
. 3 {

}
=
©
De
=
DE
7

4.00
n o
x
1
10 „5
5

a A BR
a ])8 18318
8 | 8 = )
U © © ©.
*n | 9 5 | a N
ae] © — vu Da
x ® =

166,8 [307,1|162,5 1302,6/157,8 /286,1|128,0 |227,01116,5 |202,3/100,3 [198,2| 97,8 187,2 00 [100 81,4 |150,2 200 [09
115,5 1195,3| 98,9 172,9! 96,5 |158,9| 85,1 1133,5/ 83,9 1131,7 in 87,0 |152,2/ 81,4 Sen 80,4 142,5| 82,2 |140,7
159,5 [276,2 — |— 154,0 |268,5/147,0 1265,1/148,2 /268,0/135,7 1267,4/131,0 [257,8/132,1 /260,7|129,8 | — 1126,3' —
149,1 288,8/129,7. /263,8/114,3 234,3! 98,9 |198,7| 97,6 1195,81106,6 I212,9 89,6 |176,3 Ze 80,1 Be 77,1 1148,4
- — 2 — [121,4 |269,0/107,3 233,3/106,2 231,3|119,2 '258,9 103,7 223,7] 96,8 1209,5/ 94,2 !204,1| 89,9
282,61 99,1 287,1] 97,3 |1291,41103,9 293,8 103,0 291,0 — |— |— |-1-—1—])]—l1— | — —
» 122,9 1265,9/105,7 |220,1/104,0 |216,2| 84,7 198 84,3 1191,6/ 79,6 |181,6| 78,8 1180,0| 76,7 1175,1
-- 199,4 291,8 217,5 |312,7/226,2 /325,3/173,9 1270,2/177,8 1276,41 — |— | — 1— | — —
147,5 292,8 134,6 |276,6 1 31,2 |268,4/108,4 50,2 105,2 240,3/102,6 |235,9|104,9 |241,6| 99,9 [230,3
124,3 (267,1/113,1 |238,0| 110,8 230,7 |103,9 '212,7| 95,7 196,4| 87,6 181,1! 84,6 |176,6| 81,6 170,5
11358 300,8/119,3 279,7 118,7 |268,2|114,0 257,9/106,0 '238,9 103,4 234,8 101,5 231,2] 98,7 I224,7
132,1 |257,1|120,6 |226,0/1 18,9 /222,1/ 102,7 189,0 103,4 '192,0 97,0 |181,2| 98,2 |182,7| 96,0 1181,3
146,4 320,0/127,8 |269,3|131,0 |276,0/122,8 251,9/120,6 1247,4/115,7 |237,8 118,1 243,0/116,0 ‘238,9
‘127,6 250,8/101,0 1186,5/ 99,3 182,9 89,7 168,4| 89,5 '169,0/ 84,2 1159,7| 85,2 1162,3/ 83,9 160,4
140,7 |298,3'131,0 | — 129,4 |235,2/103,7 '192,6/101,4 1190,8| 84,0 165,1 90,2 177,9 88,5 173,9
153,1 |259,4|144,4 |248,9/142,2 |245,4|128,0 1233:0/133,2 an 134,7 |246,2/136,0 |248,4/134,0 : —
133,2 259,8 130,8 252,11153,7 | — 1|142,9 1278,1 138,3 269,8 143,5 | — 145:2 | — 146,6 -

,

+
La

N
Q
        <pb n="317" />
        310 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

ist und daß er erst später und auch langsamer auf dem flachen
Lande vor sich ging. Bis zum Jahre 1914 stehen die Fruchtbarkeitsziffern
 zur Verfügung, um das Gesagte für Preußen zu belegen.
Auf 1000 verheiratete Frauen, die im Alter von 15—45 Jahren
standen, entfielen in Preußen ehelich Lebendgeborene

Im Durchschnitt
der Jahre
i876—1880
1881—1890
1891—1895
:896—1900
!901—1905
i906—1910
1911— 1914

in den
Städten
207,6
3

auf dem in Stadt und Land
Lande zusammen
338,9
324,2
528,8
326,2
315,4
296,0
264,8

La

23,6
213,7
178,9

Für die folgenden Jahre stehen dann für die Betrachtung der
Fruchtbarkeit auf dem Lande nur die allgemeinen Geburtenziffern
zur Verfügung, die jedoch genügen, um zu zeigen, daß der Rückyang
 weiter in erheblichem Umfange angehalten hat. Es entfielen
in Preußen auf je 1000 der Land- bzw. der Stadtbevölkerung:
ın den Jahren Gestorbene Geburtenüberschuß
Stadt Land Stadt Land
15,49 16,01 10,16 16,16
13,01 12,72 5,03 13,07
12,90 12,14 5,86 13,93
12.68 11,78 5,27 11,49

Geborene
Stadt Land
25,6£ 27,16
18,0“ 28.79
18.4 24,17
17,95 23,27

(913
1924
1925
‚926

Aus den verschiedensten Gründen stellt die Landbevölkerung
dem Rückgang der Fruchtbarkeit stärkere Hindernisse entgegen, als
die Stadtbevölkerung. Es sind das z. T. subjektive Momente, z. T.
aber auch rein objektive, die in der Hauptsache mit der Abwanderung
vom Lande nach den Städten zusammenhängen und auf die ich an
anderer Stelle genauer eingegangen bin *).
. Daneben konnte man dann ferner feststellen, daß ein ähnlicher
Gegensatz wie zwischen Stadt und Land auch in der Entwicklung
der Fruchtbarkeit bei den Angehörigen der verschiedenen Konfessionen
 besteht. Am stärksten war der Rückgang bei den
Juden, am wenigsten stark bei den Angehörigen der katholischen
Kirche. Freilich hat auch die katholische Kirche dem Rückgang der
Fruchtbarkeit in ihren Kreisen auf die Dauer keinen erfolgreichen
Widerstand entgegensetzen können. Es läßt sich feststellen, daß
auch in den überwiegend von Katholiken bewohnten Gebietsteilen

 Mombert, Über d. Rückgang der Geburten- u. Sterblichkeitsziffern, Arch. {.
Sozialw., Bd. 34.
        <pb n="318" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 311
die Fruchtbarkeit ebenfalls beträchtlich zurückgegangen ist und daß
der Rückgang in vorwiegend von Katholiken bewohnten Städten
und Industriegebieten stärker gewesen und früher aufgetreten ist,
als innerhalb der protestantischen Bevölkerung auf dem flachen Lande.
Von 1000 Eheschließungen entfielen in den Jahren 1920—1926
eheliche Geburten in Ehen:
evangelischen römisch-kathol. jüdischen
273 169

Preußen
darunter
Provinz Ostpreußen
„ Brandenburg einschl. Berlin
Pommern
Grenzm. Posen-Westpreußen
Provinz Niederschlesien
„Sachsen
N Schleswig-Holstein
Aannover
Westfalen
„  Hessen-Nassau
Rheinprovinz

05

266
128
223
241
222
[91
187
202
221
204
197

375 238
226 52
508 181
317 L50
277 i55
335 219
291 228
325 200
322 179
241 169
243 170

Eine weitere Beobachtung, die man ebenfalls schon seit langem
gemacht hat, ist die, daß die eheliche Fruchtbarkeit in den. wohlhabenden
 Schichten der Bevölkerung geringer war als in den
ärmeren Kreisen und dort auch zuerst und am stärksten zurückzegangen
 ist. Diese Tatsache ist durch mannigfache statistische Beobachtungen
 für die verschiedensten Länder zweifelfrei festgestellt
worden. Auch wenn man gegen einzelne solcher statistischer Aufstellungen
 manche Einwendungen mit mehr oder weniger Recht
erhoben hat — denn allen derartigen Untersuchungen haften unvermeidlich
 gewisse Unvollkommenheiten an — so sind doch diese
Einwände. dem Kern des Problems gegenüber nicht stichhaltig; denn
statistische Untersuchungen, die sich der allerverschiedensten Methoden
bedienten, sind immer wieder zu grundsätzlich dem gleichen Erzebnis
 gekommen *). Dieser Tatsache widerspricht es natürlich nicht,
daß neuerdings der Geburtenrückgang immer mehr alle Schichten
der Bevölkerung, auch die minderbemittelten, umfaßt.
In dem Rückgang der Sterblichkeit im Säuglings- und Kindesalter
 haben wir bereits eine Ursache des Geburtenrückganges kennen
gelernt, allerdings eine Ursache, die zur vollkommenen Erklärung
dieser Erscheinung keineswegs ausreicht. Es liegt nun aber der
Gedanke nah, für die Erklärung des Geburtenrückganges auch an
Wandlungen in der Heiratshäufigkeit und im Heiratsalter
zu denken. Wenn man diesen Zusammenhängen nachgeht, dann

Sn Y Eingehender darüber bei Mombert, Studien, a. a. ©
        <pb n="319" />
        312 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

muß man vor allem zweierlei scharf scheiden: einmal die verschieden
hohe eheliche Fruchtbarkeit in den einzelnen Ländern und zweitens
den Rückgang der ehelichen Fruchtbarkeit, der hier in erster Linie
zur Erörterung steht. Was zunächst den regionalen Vergleich anlangt,
 so haben die eben gegebenen Zusammenstellungen gezeigt,
welch große Unterschiede hier vorhanden sind. Diese Unterschiede
werden noch einmal besonders deutlich in der folgenden Tabelle,
die nach Berechnungen des Statistischen Reichsamtes ein Bild von der
sogenannten Reproduktionsintensität der europäischen Völker gibt 2).

Die Reproduktionsintensität der europäischen Völker »
Zahl der das ı, Lebensjahr vollendenden Kinder

and

Deutsches Reich
Österreich
Schweiz
talien
Rumänien
Bulgarien
Ungarn
Lettland
Finnland
Schweden
Norwegen
Dänemark
Ingland u. Wales
Schottland
Nordirland
[rischer Freistaat
Niederlande
Belgien
Luxemburg )
Frankreich
Spanien

auf 1000 Frauen im
Alter von 15 bis
unter 45 Jahren

1922/23 | 1924/25

74:1 I
30,0
74,0

71,1
78,3
71,9

49,8?)
99,8
30,8
93:8
30,9
97,1
89,4
75:3
86,9

94,9
7915
90,4
75:9
87,7
79,4
80,4

109,6
76,6
77:4
74:0
11ER

(08,9
76,7
80,6
74:2
114,7

Meßziffern
Deutsches Reich
= 100
1922/23 | 1924/25

"00
‚08
100 I
202?)
135
109 |
127
109
131
'21
102
117

100
1I0
101

133
112
127
107

123
99
13

148
103
104
109
156

153
„08
„13
104
161

auf 1000 der über
einjährigen Bevölkerung


1922/23 | 1924/25

19,47 18,71
20,72 20,10
18,56 17,93
26,67 | 25,33
30,35
35,32?)
24:99
20,83
21,81
18,40
22,11
20,88
19,00
21,54
22,28
18,98
24,93
18,90
18,29
17,75
26,78

23,27 |
20,39
20,60
17,09
20,11
17,45
20,00
20,88
19,88
24,08
18,47 '
18,68
17:44
26,285

Meßziffern
Deutsches Reich

m— 1 00

1922/23 ı 1924/25

100
L06
95
137
156
181%
128
107
(12
95
114
107
98
III
114
97
128
97
94
91
138

100
107
96
135
124
109
[10
91
107
93
(07
L1I2
106
129
99
L00
93
L40

;) Die im Tabellenkopf angegebenen Jahre bezeichnen die Geburtsjahre der Kinder.
X Im Jahre 1021.

Diese starken Unterschiede hängen unzweifelhaft auch mit Verschiedenheiten
 in den Heiratsverhältnissen zusammen, wenn sie auch

1) Statistik d. Deutschen Reiches, Bd. 336. „Die Bewegung d. Bevölkerung im
jahre 1924‘, 1928.
        <pb n="320" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 313

keineswegs allein darauf beruhen. Die folgenden Tabellen zeigen
an einigen Beispielen, welch große Unterschiede in dieser Hinsicht
vorhanden sind 9).
Von 1000 Frauen waren verheiratet
im Alter von Jahren ‚
15—20 20—25 25—30 30—35 35—40 40—45 45—50
Dänemark (1910—11) 18 269 587 718 759 752 733
Niederlande (1908—09)} 11 223 558 726 775 778 762
Bulgarien (1910—11) 119 743 942 958 951 919 892
England (1921) 18 270 568 717 720 751 739

auf 1000 unverheiratete Männer bzw. Frauen
ım nebenstehenden Alter kamen Eheschließende
Deutsches Reis" Nänemark {talien
tn yete

Altersjahre

Bulgarien
1910/11)
m. W.
30,8 75:1
193,7 414,0
216,7 332,3
211,9 50,3 161,6 148,8
26.8 11,8 62,9 26,8

A.
18—20 DE
20—25 58,7
25—36 168,ı
30—40 122,9 65,7 118,
10-—60 142,8 12.1 28.2

52.5
89

Solche Verschiedenheiten können natürlich nicht ohne Einfluß
auf die eheliche Fruchtbarkeit einer Bevölkerung bleiben. Während
z. B. in Dänemark auf 1000 Ehefrauen im Alter von 15—25 Jahren
in dem betrachteten Zeitraum 179 Geburten kamen, betrug diese
Zahl in Bulgarien 314,9. ‚Mit ähnlichen Unterschieden im Altersaufbau
 der Ehefrauen könnte ich seinerzeit auch auf eine wichtige
Ursache hinweisen, warum sich innerhalb der deutschen Landesteile
die eheliche Fruchtbarkeit verschieden entwickelt hat”), Allerdings
liegt in diesen Verschiedenheiten im Heiratsalter nur eine Ursache,
um die Unterschiede in der ehelichen Fruchtbarkeit in den einzelnen
Ländern zu erklären und wohl nicht einmal die entscheidende, Das
ergibt sich schon daraus, daß z. B. die Bevölkerung in den Niederlanden
 bei ihrer hohen ehelichen Fruchtbarkeit ein Heiratsalter aufweist,
 das demjenigen von Deutschland, England und Dänemark,
also Ländern mit einer viel geringeren ehelichen Fruchtbarkeit,
ziemlich ähnlich ist.
Wenn wir also schon bei der regionalen Vergleichung die Unterschiede
 im Heiratsalter nur mit Vorsicht und in eingeschränktem
Maße zur Erklärung heranziehen dürfen, so gilt das noch weit mehr,
wenn man die zeitlichen Wandlungen in der Höhe der Fruchtbarkeit,

U Statistik, Bd. 236, a. a. O., S. 65.
2) Studien, a. a. O., S. 3ı2ff..
        <pb n="321" />
        314 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

also ihren Rückgang, ins Auge faßt. Hier versagt eine solche Erklärung
 fast ganz. So groß auch die Rolle ist, die vor allem das
Heiratsalter der Frau für die Fruchtbarkeit der Ehen spielt, so wenig
kann man, namentlich für die Zeit vor dem Kriege, hierin Änderungen
wahrnehmen, die in dieser Hinsicht ungünstig auf die Fruchtbarkeit
hätten wirken können. Freilich haben sich hierin in der Zeit nach
dem Kriege doch gewisse Wandlungen gezeigt. Während im
Deutschen Reiche im Jahre 1900 von 1000 Ehefrauen 119 im Alter
von unter 25 und 338 im Alter von unter 30 Jahren standen, betrug
der Anteil dieser Altersklassen im Jahre 1925 nur noch 101 bzW. 324.
Wenn man die oben über die Entwicklung der Fruchtbarkeit
gegebenen Zahlen betrachtet, dann erkennt man, daß etwa seit dem
Ende des Weltkrieges die Schnelligkeit und das Maß des Fruchtbarkeitsrückganges
 wesentlich stärker geworden sind. Das rührt
vor allem daher, daß jetzt viel weitere Kreise der Bevölkerung von
dieser Bewegung erfaßt worden sind als früher. Schon im Jahre 1912
konnte Silbergleit für Berlin feststellen, daß unter den Stadtteilen
mit der stärksten Abnahme der ehelichen Fruchtbarkeit die arbeiterreichsten
 besonders hervorgetreten seien *!). Hatte sich dieser Rückgang
 zuerst in den wohlhabenderen Schichten der Bevölkerung gezeigt,
 so hat er nun fast die ganze Bevölkerung ergriffen. Aus
Bremen hören wir sogar, daß die sozialen Schichten, die, wie leitende
Beamte, Ärzte usw., fast durchweg den gehobenen Klassen angehören,
die höchste Geburtenziffer in der gesamten Bevölkerung aufweisen %).
Zweifellos hat sich mit diesen Änderungen das Problem selbst in
mancher Hinsicht gewandelt, einmal im Hinblick auf die Ursachen
dieser Erscheinung, dann aber auch im Hinblick auf die Bedeutung,
die von den verschiedensten Gesichtspunkten aus dem Geburtenrückgang
 zukommt.
Bei meinen ersten Untersuchungen über diese Frage ®) hatte ich
auf den zunehmenden Wohlstand als auf eine wichtige, wenn
auch keineswegs die‘ einzige Ursache des damals einsetzenden Geburtenrückganges
 hingewiesen. Ich führte damals aus: „Erst mit
der Verbesserung seiner wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse
beginnt der Mensch ökonomisch zu denken und für die Zukunft zu
sorgen. Wo Not und Elend herrscht. Unbildung und Unkultur zu

1 Der Geburtenrückgang it Berlin. Groß-Berlin, Stat. Monatsberichte, 3. Jahrg.,
1912, Heft 7.
2 W. Böhmert, Hundert Jahre Geburtenstatistik in Bremen, Mitt. d. Stat.
Landesamts, Nr. 3, 1926, S. 38.
3) Studien, a. a. O., S. 168 £.
        <pb n="322" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 315
Hause sind, der Mensch von der Hand in den Mund lebt, jede
Möglichkeit, sich und die Seinen vorwärts zu bringen, vollkommen
ausgeschlossen sieht, fehlt jeder Antrieb, irgendwie an die eigene
Zukunft oder diejenige der Kinder zu denken. Mit zunehmendem
Wohlstand und steigender Bildung tritt eine Änderung ein. ‚Die
Möglichkeit und der Ehrgeiz, sich und die Seinen heraufzuarbeiten,
beginnt sich zu zeigen und mit dem Steigen der Möglichkeit wächst
das Streben, dieselbe auszunützen. Mit der Mehrung des Wohlstandes
 und der Bildung erweitert sich der Bedürfniskreis des
Menschen und in dem Maße, in dem die Ansprüche über das zum
Leben dringend Notwendige hinausgehen, in dem der Mensch emporkommt,
 wachsen Besonnenheit und Selbstbeherrschung und die eigene
Bequemlichkeit. Damit entsteht das Streben, einer allzugroßen Vermehrung
 der Familie vorzubeugen.“ Freilich darf man nicht meinen,
daß die Zunahme des Wohlstandes unmittelbar geburtenmindernd
wirkt, wie diejenigen geglaubt haben, welche diese Darlegungen
— ohne sie mit genügender Aufmerksamkeit gelesen zu haben —
einfach als Wohlstandstheorie bezeichnet haben. Denn eine
Seite weiter habe ich gesagt, daß es nicht darauf ankomme, „daß der
Wohlstand als solcher steigt, sondern daß mit dem Steigen desselben
auf das Denken und Wollen ein ganz bestimmter Einfluß in dem
genannten Sinne ausgeübt wird. Der Einfluß des Einkommens, oder
allgemeiner des Wohlstandes, ist also ein nur mittelbarer. Nicht
weil gewisse Leute mehr‘ Einkommen haben, als andere, ist bei
diesen die Fruchtbarkeit in der Regel geringer, sondern weil als
Folge des höheren Einkommens und der damit zusammenhängenden
aöheren gesellschaftlichen Stellung in der Regel sich die oben genannten
 wirtschaftlichen Erwägungen Bahn zu brechen pflegen; weil
damit in der Regel der Mensch anspruchsvoller im Leben wird, ein
höheres geistiges und ktllturelles Niveau einnimmt und seine Handlungsweise
 reifer und überlegter zu werden pflegt“.
Wenn ich damals z. B. die Spartätigkeit mit der Höhe und der
Entwicklung der Fruchtbarkeit verglichen habe, so ist es mir natürlich
sicht eingefallen, in der Zunahme jener eine Ursache für den Rückgang
 der Fruchtbarkeit zu sehen. Ich habe damals ausdrücklich
gesagt: „Ich vergleiche nicht die eheliche Fruchtbarkeit mit der
Spartätigkeit, sondern jene mit dem Vorhandensein wirtschaftlicher
Denkweise in einer Bevölkerung und suche diese mittels der Spartätigkeit
 zu messen“. Es liegt ganz im Sinne dieser Anschauungen,
„daß alles, was die Lebenshaltung der Familie und das Aufziehen
der Kinder erschwert und verteuert, diese wirtschaftlich rationalistischen
        <pb n="323" />
        316 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
Erwägungen um so stärker zur Geltung kommen lassen muß“ DV.
Wohlstand und Kultur wurden hier also keineswegs als die unmittelbaten
 Ursachen des Geburtenrückganges hingestellt, sondern nur als
die treibenden Kräfte, die das wirtschaftlich rationale
Denken erzeugen, das dann seinerseits erst diesen Wunsch nach
Kleinhaltung der Familie auslöst.
Mit diesen Überlegungen steht es also keineswegs in Widerspruch
 — darauf habe ich ja damals ausdrücklich hingewiesen —
wenn dann auch Zeiten der Not und des Mangels von sich aus
Kräfte auslösen, die in der Richtung eines Geburtentückganges hin
wirksam sind. Denn die Zunahme von Wohlstand und Bildung
wurde nicht :als die unmittelbare Ursache des Geburtenrückganges
hingestellt, sie hat ihn nur mittelbar bewirkt, indem sie es meiner
Meinung nach wart, die in erster Linie das wirtschaftlich rationale
Denken in der Bevölkerung erzeugt und gefördert hat. „Wo dieses
aber einmal von einer Bevölkerung Besitz ergriffen hat, wo auf ihrer
Grundlage sich sozialer Ehrgeiz, der Wunsch, sich und die Seinen
voranzubringen, entwickelt haben, da wird jede Erschwerung der
Daseinsbedingungen als Hindernis zu diesem Ziele die geburtenmindernden
 Tendenzen jener Denkweise nur noch um so stärker
zur Geltung kommen lassen. Es bedeutet deshalb eine vollkommene
Verkennung dieser Zusammenhänge, wenn man diese Erklärung
gewissermaßen e contrario dadurch widerlegen zu können meint,
daß man darauf hinweist, daß entsprechend der geburtenmindernden
Tendenz steigenden Wohlstandes, sinkendem eine geburtenvermehrende
 Kraft innewohne. Als ob eine Erschwerung ‘der Lebensverhältnisse,
 die einmal in einem Volke entstandenen Anschauungen
ınd Denkgewohnheiten in ihr Gegenteil verkehren müsse“ a
Wenn man also in dem eben dargelegten Sinne auch noch
heute an der Tatsache festhalten muß, daß die Zunahme von Wohlstand
 und Bildung eine wesentliche Rolle für die Entstehung des
wirtschaftlichen und rationalen Denkens in der Bevölkerung gespielt
haben, auf das wir doch in erster Linie den Geburtenrückgang
zurückführen müssen, so widerspricht es dem keineswegs, wenn in
dem weiteren Fortgang der Entwicklung der Geburtenrückgang
immer weitere Kreise erfaßt und wenn dieses wirtschaftlich rationale
Denken sich dann besonders stark äußert, wenn die Lebensverhältnisse
 schwieriger zu werden beginnen. Daß das letztere in der

1) Mombert, Über d. Rückgang, a. a. O., S. 820.
2?) Mombert, Wirtschaft u. Bevölkerung, Im „Grundriß d. Sozialökonomik,
II, 1, 2. Aufl., 19223, S. 68/69.
        <pb n="324" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 317
Nachkriegszeit in besonders hohem Maße der Fall war — man denke
nur an die immer noch vorhandene Wohnungsnot, von der
besonders kinderreiche Familien schwer betroffen werden — bedarf
keiner eingehenden Begründung. Es kommt noch hinzu, daß die
Kenntnis der verschiedenen Mittel der Geburtenverhütung in immer
weitere Kreise gedrungen und immer leichter zugänglich geworden
ist. Mit dieser letztgenannten Tatsache und nicht mit einer Abnahme
 des unehelichen Geschlechtsverkehrs hängt ja auch der nicht
unerhebliche Rückgang der unehelichen Fruchtbarkeit in Deutschland
zusammen. Es kamen im Deutschen Reich Geburten auf 1000 unverheiratete
 Frauen im Alter von 15 bis 45 Jahren

[913
1920
1921
1922
1923
[924

25,6
21,7
20,5
19,1
17,2
17,0

Darauf, daß auch Wandlungen in den Heiratsverhältnissen, ganz
besonders auch im Heiratsalter, bei der Erklärung des starken Geburtenrückganges
 in der allerneuesten Zeit in Frage kommen, hat
Tönnies hingewiesen !). Er zeigte, daß die Ehen der unter 30 Jahre
Alten eine Abnahme erfahren haben. Während das Verhältnis dieser
jungen Ehen allen Ehen gegenüber vor dem Kriege immer etwa
zwei Drittel betrug, beträgt es in der Nachkriegszeit etwa reichlich
die Hälfte derselben. Daß auf die Zunahme des Heiratsalters die
Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse der Nachkriegszeit stark
eingewirkt hat, unterliegt wohl keinem Zweifel. Solche Wandlungen
ergeben sich, wenn man den Familienstand, aber auch unmittelbar
den Altersaufbau der Eheschließenden betrachtet, wie es in der
folgenden Tabelle für das Deutsche Reich geschieht:
(Tabelle siehe S. 318 oben.)

Man erkennt deutlich, daß bei beiden Geschlechtern gegenüber
 der Zeit vor dem Kriege der Anteil der Ledigen unter den
Heiratenden eine Abnahme und das Heiratsalter eine Zunahme erfahren
 haben. Das tritt stärker bei den Frauen als bei den Männern
hervor und beginnt sich jetzt erst wieder langsam auszugleichen.
Es handelt sich heute um eine ganz andere Entwicklung der Heiratsverhältnisse,
 als in der Zeit des Geburtenrückganges vor dem Kriege.
Damals ergab sich, daß in der Zeit des Geburtenrückganges das

1) Die eheliche Fruchtbarkeit in Deutschland, Schmollers Jahrb., 52. Jahrg., 1928.
        <pb n="325" />
        318

In den
Tahren

1913
1921
1922
1923
1924
1925
1926

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Von 1000 aus dem ledigen
Stand Heiratenden

Von 1000 Heiratenden

Männer

Frauen

Männer | Frauen
waren vor der Heirat

standen im Alter von ‚.. Jahren

re]
x |
den
Ss
Sf
-

5 l © | Q al KR)
MO © x mn s
a m DM
HM
Fr bb
un $ &amp;amp; o£ ©
ax 2 a &amp;amp; 8 a
3 = 3 X :B

öß
de] zZ
© | x
x “
a

|

|

be
u
=
DO
ar

kl
A
N |
x }
“

ı 529
493
474
506
407
8 2, 7 44 428  &amp;amp; | * N
28 | 427 ' 215 - 80 | 490 | 430 | 870 | 89 | 41

376
428
*EI

900
88

a35 59
897 77 26
883 94 23
904 67 29
903 65 32
924 | 43 33
. 018 | so | 32

Heiratsalter abnahm und daß damals der Anteil der Verheirateten
innerhalb der Gesamtbevölkerung gestiegen ist!). Jetzt dagegen ist
die Entwicklung ganz anders. Es besteht kein Zweifel, daß auch
in dieser Entwicklung der Heiraten eine der Ursachen zu suchen
ist, warum in den letzten Jahren der Rückgang der ehelichen Fruchtbarkeit
 so besonders stark gewesen ist. Man kann dabei beobachten,
daß diese Wandlungen im Heiratsalter und im Familienstand der
Heiratenden sich ganz besonders stark in den großen Städten gezeigt
 haben, in denen auch der Rückgang der ehelichen Fruchtbarkeit
 am stärksten war. In Berlin waren von 1000 Eheschließenden *)

Männern

{n den
Jahren

Aus dem ledigen
Stand

über 20 Jahre alt

{913 233
1924 329
1925 296
1926 274
1027 | 284

Frauen

ledig )
überhaupt

Aus dem ledigen
Stand
über 20 Jahre alt

861 436
751 524
768 512
779 / 494
720 494

ledig

908
818
846
857
867

Hier hat sich also der Anteil der Ledigen, ebenso wie der
Anteil der jüngeren Altersklassen bei allen Eheschließenden in den
ll Mombert, Studien, a. a. O., S. 52ff.
?) Der Geburtenrückgang in Berlin u. seine Folgen, Berliner Wirtschaftsberichte,
Nr. 26, 1924, u. Mitt. d. Stat, Amtes d. Stadt Berlin, Nr. 9, 1928.
        <pb n="326" />
        2. Kap, Volkszahl und Volkswachstum 319

letzten Jahren in besonders starkem Maße vermindert. Für etwas
längere Zeit zurück gibt die folgende Aufstellung ein Bild von der
Entwicklung der Heiratsverhältnisse in Berlin. Es standen hier von
:000 Heiratenden im Alter bis zu

in den Jahren

1876—79
1880—89
1890—099
L900—09
[910—14
L915—18
[919—23
1924-—27

über 40 Jahre
Mm. We.
83 45
92 50
91 “2
88 54
X ; 154 94 58
590 732 254 175 156 93
534 794 294 209 172 . 87
573 695 250 212 177 93

Wir haben soeben darauf hingewiesen, daß gerade Berlin einen
besonders starken Rückgang der ehelichen Fruchtbarkeit aufzuweisen
 hat, einen Rückgang, der wesentlich stärker ist, als derjenige
im Durchschnitt des ganzen Reiches. Es kamen auf 1000 Ehefrauen
 im gebärfähigen Alter, Lebendgeborene *!).

Jahr oder Jahresdurchschnitt Deutsches Reich

1880/81 307,1
1890/01 302,6
1900/01 286,1
L910/11 227,0
1912/13 202,3
1920 [98,2
921 187,2
(922 166,2
1923 150,2
1924 146,1 59,8
1925 146,3 95,3
1926 [38,1 65
1927 rd, 131 © 58,6
‘) Auf Grund der Zahl der ı5 bis unter 45jährigen Frauen vom 16. VI. 1925.

Berlin
253,5
210,4
169,9
125,6

Wie sich dieser Rückgang in der ehelichen Fruchtbarkeit auf
die Geburtenfolge und die Größe der Kinderzahl in den Familien
auswirkt, ergibt sich aus der folgenden Aufstellung. Es entfielen
auf 1000 ehelich Lebendgeborene in (Alt) Berlin

9 Burgdörfer, Art. „Bevölkerungsstatistik‘“, Handwörterb. der Staatsw.,
Erg.-Bd., 1928.
        <pb n="327" />
        320 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Nach der Ordnungsnummer



Kinder

,
»

5—7
8—10 „
1 u. weitere Kinder |

im Durchschnitt | . h
der Jahre . im Jahre
900/09 1910/14/1915/18| 1919 | 1920 1922 | 1923

37°
u;

475
749
17.2
62
68
30 | 1.
To | 6 |. ©

An

526
a

545
264
96
41
39
+ 15

i A

Freilich bedeuten diese eben dargestellten Änderungen in den
Heiratsverhältnissen nur eine Teilursache bei der Erklärung des
;tarken Geburtenrückganges in der allerneuesten Zeit. Man muß
in diesem Zusammenhang auch an die oben dargestellten Lehren
H. Spencers und anderer denken, daß mit zunehmender Kultur
und geistiger. Entwicklung ein Rückgang in der Fortpflanzungsähigkeit
 der Menschen einträte und daß so der Gang der Verhältnisse
 auf jein, harmonisches Gleichgewicht zwischen Volkszahl und
Größe des Nahrungsspielraumes hinsteuere. Die Mittel der Statistik
genügen nur, um die Tatsache des Geburtenrückganges, nicht seine
Ursachen, in allen Einzelheiten festzustellen. Auch ist unsere
Familienstatistik” im Sinne von Fruchtbarkeitstafeln noch nicht genügend
 ausgebaut, um etwas tiefer in diese Zusammenhänge hinein-5licken
 zu können !). .
In. meiner ‘schon mehrfach erwähnten Arbeit über diesen
Gegenstand hatte ich zu dieser Frage des Rückganges der Fortoflanzungsfähigkeit
 zur Erklärung des Geburtenrückganges
gemeint, daß, so richtig auch vielleicht dieser Gedanke sei, er
doch zur Erklärung von Erscheinungen kaum in Frage kommen
könne, die sich in so kurzen Zeiträumen abspielten, daß vielmehr
dieser Gedanke Spencers nur bei der Betrachtung längerer Zeitperioden
 zur Erklärung herangezogen werden könne. - Grundsätzlich
möchte ich auch heute noch daran festhalten, daß der Rückgang in
der Fortpflanzungsfähigkeit nur eine geringe Rolle bei der Erklärung
des neuzeitlichen Geburtenrückganges spielt, daß es vielmehr hierbei
 in allererster Linie auf die Abnahme des FortpflanzungSwillens
 ankommt. Nur nach zwei Seiten hin möchte ich meine
früher geäußerte Ansicht etwas einschränken und dem Rückgang

! F. Burgdörfer, Das Bevölkerungsproblem, seine Erfassung durch Familienstatistik
 u.‘ Familienpolitik, 1917.
        <pb n="328" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 321

der Fortpflanzungsfähigkeit doch eine größere Bedeutung zuerkennen.
Einmal handelt es sich dabei um die Wirkung in den Wandlungen
des Heiratsalters. Dasselbe hat sich nämlich nicht nur in der oben
dargestellten Weise geändert, vielmehr waren es gerade auch die
höheren Altersklassen, deren Anteil unter allen Eheschließenden
eine besonders starke Zunahme in den letzten Jahren erfahren hat.
Unter 1000 Eheschließenden gab es im Deutschen Reiche solche, in
denen der Mann über 45 oder die Frau über 40 Jahre alt war:

(913 85
1920. 108
1921 117
1922 116

[923 119
1924 117
1925 127
926 112

Es liegt auf der Hand, daß mit der Zunahme des Heiratsalters
die Fortpflanzungsfähigkeit abnehmen muß. Insoweit also der besonders
 starke Geburtenrückgaäng der neuesten Zeit auch mit Änderungen
 im Heiratsalter zusammenhängt, spielt dabei auch die Frage
des Rückganges der Fortpflanzungsfähigkeit eine gewisse Rolle.
Zum Zweiten handelt es sich um das für diese Zusammmenhänge
 sehr wichtige Problem der Geschlechtskrankheiten,
deren Ausbreitung nach den Aussagen Sachverständiger gerade nach
dem Kriege, besonders in den Großstädten, eine beträchtliche Zunahme
 erfahren hat’). Wie sehr die Geschlechtskrankheiten die
Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen und wie sehr dadurch vor
allem auch Fehl- und Frühgeburten befördert werden, ist von
medizinischer Seite häufig genug dargelegt worden ?). Ob noch
darüber hinaus die Tätigkeit in Bestimmten Berufen, die ganze
moderne Entwicklung, das Leben in der Großstadt selbst die Fortpflanzungsfähigkeit
 ungünstig beeinflussen, ist eine Frage, die sich
heute noch nicht beantworten läßt. Jedenfalls aber darf man derartige
 Möglichkeiten nicht außer acht lassen.
Der ganz besonders starke Geburtenrückgang der allerletzten
Jahre muß, wenn die Entwicklung keine andere wird, wichtige
Wirkungen in verschiedener Richtung hin ausüben. Diese Wirkungen
 können die Quantität und die Qualität der Bevölkerung betreffen.


1) Vgl. dazu A. Busch, Geschlechtskrankheiten in deutschen Großstädten, Schr.
d. Verbandes deutscher Städtestatistiker, H. 6, 1918. — H, Haustein, Statistik d.
Syphilis, Zentralbl. f. Haut- u. Geschlechtskrankheiten, Bd. 10, 1924.
2) M. Hirsch, Fruchtabtreibung u, Präventivverkehr im Zusammenhang mit d.
Geburtenrückgang, 1914.
Diaehl-Mombert, Grundrisse, Bd. 15.
        <pb n="329" />
        322 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Was die Quantität anlangt, so ist heute der Einfluß des Geburtenrückganges
 auf das Volkswachstum ein ganz anderer als in
der Zeit vor dem Kriege. Wurde damals noch der Geburtenrückyang
 durch die Abnahme der Sterblichkeit mehr oder weniger ausgeglichen
 und konnte man für die damalige Zeit davon sprechen,
daß die Zahl der Geburten nur relativ, aber nicht absolut zurückging,
 so hat sich das in den allerletzten Jahren vollkommen gewandelt.
 Es ist gerade diesem Problem gegenüber nützlich, auch
einmal die absoluten Ziffern zu betrachten. Auf den jetzigen Gebietsumfang
 des Deutschen Reiches berechnet, betrug die Zahl der
Lebendgeborenen im Durchschnitt der Jahre in 1000:

1905—09 1748
[1910—14 ‚628
1915—19 985
1920 1599
1921 1560
1922 1404

1923 1297
1924 1271
1925 (202
1926 1228
1927 1160
LO28 1182

Der Rückgang zeigt sich also jetzt im stärksten Maße auch in
den absoluten Zahlen. Daß dann dieser Rückgang der Geburten
Jurch seine Wirkung auf den Altersaufbau der Bevölkerung auch
erhöhend auf die Sterblichkeit wirken muß, ist oben bereits eingehend
 begründet worden. Wenn diese Entwicklung nicht anders
wird, dann ist durchaus mit der Gefahr einer Stagnation der
Bevölkerung, ja unter Umständen auch mit einem Rückgang
derselben, zu rechnen. Will man diese Wirkungen abschätzen,
dann darf man nicht einfach Geburten- und Sterbehäufigkeit.
miteinander vergleichen, also nur den derzeitigen Geburtenüberschuß
ins Auge fassen; die Frage muß vielmehr so lauten, wie sie
Kuczynski formuliert hat: „Sind Fruchtbarkeit und Sterblichkeit:
derart, daß eine Generation, die ihnen dauernd unterworfen wäre,
während ihrer Lebenszeit, d. h. bevor sie ausgestorben ist, genügend
Kinder zur Welt bringen wird, um diese Generation zu ersetzen“ !)?
Tausend Neugeborene müssen also während ihres Lebens zusammen
mindestens tausend Kinder erzeugen, wenn die Volkszahl nicht abnehmen
 soll. Solch ungünstige Tendenzen für das weitere zahlenmäßige
Wachstum der Bevölkerung sind heute unstreitig vorhanden. Der
jetzige Geburtenüberschuß beruht auf der besonderen Alterszusammensetzung
 der Bevölkerung, die sich — wie oben gezeigt — als Folge

') „Sterbende Völker“, Finanzpol. Korrespondenz, Jahrg. 9, 1928. — Vgl. dazu
weiter R, Korherr, Der Geburtenrückgang, 2. Aufl., München o. J. (1928). — Ferner
£, Burgdörfer, Der Geburtenrückgang u. seine Bekämpfung, 1029.
        <pb n="330" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 323
des Geburtenrückganges zugunsten der älteren Altersklassen verschieben
 muß. Damit muß, ceteris paribus, die Sterblichkeit steigen und
die Geburtenziffer zurückgehen und damit rückt für eine ganze
Reihe von Staaten die Gefahr einer Volksabnahme in bedrohliche
Nähe. Burgdörfer hat gezeigt, daß schon heute die Geburtenzahl
 in Deutschland nicht mehr ausreicht, um auf die Dauer den
Bestand der Bevölkerung zu erhalten. Es läßt sich heute wenig
darüber aussagen, ob und in welchem Maße die Fruchtbarkeit
weiter sinken oder ob sie vielleicht auf dem jetzigen Stande verharren
 wird. Eine solche Voraussage ist um so weniger leicht möglich,
 als auch dabei Änderungen im Heiratsalter eine Rolle spielen
und man heute keinerlei Anhaltspunkte dafür hat, wie sich das
Heiratsalter weiterhin gestalten wird. Tönnies hat in einer Änderung
 der Eheverhältnisse die einzige Möglichkeit erblickt, die für
eine günstige Prognose der Entwicklung der Volkszahl des Reiches
in Frage käme, wenn nicht die Verminderung der ehelichen Fruchtarkeit
 noch weiter fortschreiten sollte.
Die weitverbreitete Ansicht, als ob eine Zahl von zwei Kindern
pro Ehe genüge, um eine Bevölkerung in ihrem Bestande zu erhalten,
 ist durchaus irrtümlich. Die sog. „Bestandserhaltungsziffer“
 einer Bevölkerung ist vielmehr wesentlich höher?!) Bortkiewicz
 kam zu dem Ergebnis, daß mit Rücksicht auf die Todesfälle,
die vor dem zeugungsfähigen Alter eintreten, jedes Ehepaar 2,86 Kinder
zur Welt bringen müsse, damit eine Bevölkerung an Zahl zunehme.
Dabei ist vorausgesetzt, daß alle Reifgewordenen auch heiraten. Geht
man aber davon aus, daß auch ein Teil von ihnen nicht zur Ehe
schreitet, so kommt man nach Grotjahn zu einer Bestandserhaltungsziffer
 von bereits 3,11. Gehl man noch einen Schritt weiter und
verücksichtigt, daß ein Teil der zustande gekommenen Ehen, z. B.
‚0%, derselben, kinderlos bleibt, so erhöht sich die für die nicht
sterilen Ehen erforderliche Kinderzahl, damit die Volkszahl nicht abnimmt,
 auf 3,46. Grotjahn kommt nach reiflichen Überlegungen
zu dem Ergebnis, daß von jedem Ehepaar 3 Kinder über das fünfte
Lebensjahr hinaus aufgezogen werden müssen, wenn eine Bevölkerung
in ihrem zahlenmäßigen Bestand erhalten werden soll.

1) Genauer darüber A, Grotjahn, Die Hygiene d. menschl, Fortpflanzung,
1926, S. 128 ff. — Ferner Bortkiewicz, „Bevölkerungstheorie‘““ in „Die Entwicklung
der deutschen Volkswirtschaftslehre im 19, Jahrh.‘, Festgabe f. G. Schmoller, Bd. ı,
1908. — F, Oth, Induktives u. Deduktives zum Bevölkerungsproblem, Jahrb. f. Nat.
a. Stat., Bd. 43, 1912. — K. Freudenberg, Die notwendige Kinderzahl, Deutsche
med. Wochenschr., 1924, Nr. 31.
        <pb n="331" />
        324 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
€

Das Problem des Geburtenrückganges findet eine sehr verschiedene
 Beurteilung, je nachdem man dasselbe vom Standpunkt
der Erhaltung des ganzen Volkstums aus oder unter rein ‚sozialpolitischen
 Gesichtspunkten betrachtet. Daß der Geburtenrückgang,
wenn er ein gewisses Maß überschreitet, vom Standpunkt des Volkstums,
 der Erhaltung des eigenen Volkes aus, eine große Gefahr darstellt,
 vor hllem wenn dadurch die Zunahme der eigenen Bevölkerung
in Frage gestellt wird, während benachbarte Völker noch ein großes
Wachstum aufweisen, bedarf keiner weiteren Begründung. Eine
solche Gefahr liegt für Deutschland von diesem Standpunkt aus unstreitig
 in dem so sehr verschieden starken Wachstum seiner eigenen
Bevölkerung im Vergleich zu der Zunahme seiner slavischen Nachbarn.
Es bedeutet unter vielen Gesichtspunkten einen großen Unterschied,
ob ein einzelnes Volk an Zahl stehen bleibt oder ob das vom der
Bevölkerung der ganzen Erde gilt.
Man hat demgegenüber die Einschränkung der Geburtenzahl
namentlich auch im Hinblick auf die soziale Lage und die ganze
Lebenslage der Bevölkerung seit langem befürwortet. Das war auch
die Auffassung, die von jeher der neo-malthusianischen Bewegung
 zugrunde lag. Es ist dies der Gedanke, wie ihn vor
einigen Jahrzehnten ein eifriger deutscher Vertreter dieser Auffassung,
Zacharias, ausgesprochen hat, daß die Übervölkerung „das allerdrückendste
 soziale Übel ist und daß dieses Übel in denjenigen
Familien seinen Ursprung nimmt, wo aus Leichtsinn eine Erzeugung
von mehr Kindern stattfindet, als mit Hülfe der vorhandenen SubsistenzQuellen
 gut ernährt und erhalten werden können“. „Bei der
Mehrzahl der Menschen ist das ganze Leben ein fortdauerndes Rechenexempel;
 manche Eheleute aber würden im allgemeinen weniger zu
rechnen brauchen, wenn sie sich den physiologischen Genüssen, zu
denen die Ehe Veranlassung gibt. mit etwas mehr Vorbedacht hingeben
 wollten“ ?).
Auch in neuester Zeit begegnet man vielfach ähnlichen Argumenten.
 Das gilt z. B. von den zahlreichen Äußerungen, die im
Zusammenhang mit der Agitation für einen Gebärstreik innerhalb
der Arbeiterschaft getan worden sind. Es wird hier immer wieder

1 O, Zacharias, Die Bevölkerungsfrage in ihrer Beziehung zu d. sozialen
Notständen d. Gegenwart, 5. Aufl., 1892, S. 65/67. — Zu derselben Richtung gehören
G. Stille, Der Neo-Malthusianismus als Heilmittel d. Pauperismus, 1880. — Der-3elbe,
 Die Bevölkerungsfrage in ihrer Beziehung zu den sozialen Verhältnissen, 1879,
— H, Ferdy, Sittliche Selbstbeschränkung ..., 1904. — J. Rutgers, Rassenverbesserung,
 Malthusianismus u. Neomalthusianismus. Aus d. Engl., Dresden 10908,
        <pb n="332" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 325
auf die Notlage der kinderreichen Familien, besonders in den unbemittelteren
 Schichten der Bevölkerung, hingewiesen; es kann auch
keinem Zweifel unterliegen, daß diese Notlage nur allzu oft überaus
groß ist, vor allem in den Großstädten, in denen in erster Linie die
Ungunst der Wohnungsverhältnisse die Aufzucht zahlreicher Kinder
zu einer fast unmöglichen Aufgabe macht !). Bereits im Jahre 1913
hieß es u. a. in dem Verwaltungsbericht der Wohnungsinspektorin
der Stadt. Halle über die Wohnungsverhältnisse der kinderreichen
Familien: „Man ist froh, ‚daß es überhaupt noch Zufluchtsstätten gibt,
wo man mit den zahlreichen Kindern unterkriechen kann. Die Anzahl
der Kinderhäuser mit immer denselben Merkmalen: außerordentliche
Verwahrlosung, große Kinderzahl, hohe Mieten, ist in Halle fest bestimmt,
 und es gibt Familien, die immer von einem Kinderhaus zum
anderen ziehen, Ja, die sämtliche vorhandenen durchlaufen haben....
Wird eine vielköpfige Familie in einem solchen Hause einmal äangetroffen,
 so sind die Kinder ganz gewiß darin geboren und der
Wirt wärtet nur auf die erste beste Gelegenheit, diese nun nicht
mehr „ordentlichen Leute“ an die Luft zu setzen“ ?. Hier haben
dann in tausenden von Fällen die tief empfundenen Worte Rilkes
ihre volle Geltung:

„Da leben Menschen, leben schlecht und schwer,
in tiefen Zimmern, bange von Gebärde,
geängstigter, denn eine Erstlingsherde;
und draußen wacht und atmet deine Erde,
sie aber sind und wissen‘ es nicht mehr.
Da wachsen Kinder auf an Fensterstufen,
die immer in demselben Schatten sind, *
und wissen nicht, daß draußen Blumen rufen
zu einem Tag voll Weite, Glück und Wind
ınd müssen Kind sein und sind traurig Kind.“

Wir haben schon oben gesehen, daß hervorragende ökonomische
Schriftsteller ebenfalls in einem starken Volkswachstum eine der
Ursachen der sozialen Not erblickten. Noch A. Wagner sagte

1) Vgl. dazu vor allem: F. Brubpacher, Kindersegen u. kein Ende, o. J.,
München. — C. Hamburger, Über d. Zusammenhang zwischen Konzeptionsziffer u,
Kindersterblichkeit in großstädtischen Arbeiterkreisen, Zeitschr. f. soziale Medizin,
Bd. 3. —)L. Berta, Beiträge z. Problem d. Neomalthusianismus, Arch f. Sozialwissenschaft,
 Bd. 38. — K. Kollwitz u. Crede, Volk in Not, 1927. — E. Höllein,
Gegen den Gebärzwang, 2. Aufl., 1928.
3) Halle, 1912, S. 14.
        <pb n="333" />
        326 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

von diesen Zusammenhängen: „Der Gott, der den Menschen Vernunft
gegeben und Fähigkeit, nach dieser zu handeln, der auch dies als
Pflicht und Gebot ihm aufgestellt hat, hat ihm doch wahrlich
nicht vorgeschrieben, blindlings seinen Trieben Zu folgen und die
physiologisch mögliche Vermehrbarkeit zu verwirklichen, wohl gar,
als ob damit etwas Gott Wohlgefälliges, von ihm Angeordnetes und
Befohlenes geschähe“!). An der gleichen Stelle hat dann Wagner
mit Nachdruck auf die guten Seiten einer beschränkten Kinderzahl
für die Familie und namentlich für die Lage der Frauen hingewiesen,
Allerdings kommt es diesen Fragen gegenüber doch auch in entscheidendem
 Maße auf den Umfang des Geburtenrückganges und
seinen Einfluß auf das Volkswachstum an. Zahlreiche Männer, die
früher aus den verschiedensten Motiven heraus einer Beschränkung
der Geburtenzahl das Wort geredet haben, würden wohl heute eine
andere Auffassung vertreten, da diese Beschränkung so weit geht,
daß damit die Gefahr eines Rückganges der Volkszahl in bedrohliche
Nähe gerückt ist. Innerhalb der Grenzen, in denen diese Beschränkung
 der Geburtenzahl vor dem Kriege wirksam war, lagen eben
die Verhältnisse wesentlich anders als heute. Freilich hat A. Wagner
ausdrücklich hervorgehoben, daß auch eine Stabilität der Bevölkerung
„sogar ihre guten Seiten und Folgen haben“ kann.
Man darf jedoch bei dem Durchdenken dieser Zusammenhänge
nicht übersehen, was nur allzu häufig von den Befürwortern einer
künstlichen Geburteneinschränkung geschieht, daß es sich bei diesem
Problem von Bevölkerung und Wirtschaft um enge Wechselbeziehungen
handelt. Man darf diese Frage doch nicht lediglich als individuelles
Problem behandeln, das sich nur in der betreffenden Familie abspielt,
die nun weniger Kinder hat und nun ohne weiteres annehmen,
daß bei kleinerer Kinderzahl in einem Lande auf jeden Einwohner
eine um so größere Portion an Gütern entfallen müsse. Das mag
freilich zunächst für die einzelnen Familien zutreffen, die nur wenige
Kinder besitzen. Breitet sich jedoch in einem Volke diese Gewohnheit
aus, führt diese Entwicklung zu einer Stagnation, wenn nicht gar zu
einer Abnahme der Volkszahl, dann wird auf die Dauer diese Tatsache
 kaum ohne Einfluß auf den Gang der Wirtschaft und die
Größe des Volkseinkommens bleiben können.
Wir dürfen eben die Menschen den Ergebnissen der Wirtschaft
gegenüber nicht nur als Konsumenten auffassen, wir dürfen vielmehr
 nie aus dem Auge verlieren, daß die menschliche Arbeit eine

1) Agrar- u. Industriestaat, a. a. O., S. 7off.
        <pb n="334" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 327
überaus wichtige Voraussetzung aller Gütererzeugung ist.. Schon
vor Jahren hat F. Eulenburg darüber gesagt: „Erst durch die
außerordentlich starke Volksvermehrung, die dauernd auf den
Nahrungsspielraum drückte, waren wir imstande, die ganze moderne
industrielle Entwicklung durchzusetzen, die eine so große Vermehrung
des Gesamtreichtums, eine so kolossale Vermehrung der Kulturgüter
 herbeigeführt hat. Die Volksvermehrung ist so wenig schuld
an sozialen Mißverhältnissen gewesen, daß erst durch diese Volksvermehrung
 unsere ganze wirtschaftliche Kultur möglich wurde-Unser
 nun einmal auf äußere Kulturgüter aufgebautes Leben ist nur
möglich geworden durch die starke Bevölkerungszunahme, durch
den kolossalen Geburtenüberschuß, den wir erlebt haben. Nur weil
Menschenmaterial vorhanden war, haben wir das alles schaffen können.
Die * dichte Bevölkerung war überhaupt die Bedingung unserer
ganzen modernen Kultur“*)., Sombart hat gezeigt, wie die Entfaltung
 des modernen Kapitalismus, der doch die Vorbedingung
unserer ganzen industriellen Entwicklung war, auf das engste davon
abhing, daß ihm die nötigen Arbeitskräfte zur Verfügung standen %.
Man mag über den Kapitalismus und seine sozialen Schattenseiten
 denken, wie man will, es ist unbestreitbar, daß wir es dieser
Entwicklung zu verdanken haben, wenn in den Kulturstaaten Europas
heute etwa doppelt so viele Menschen ungefähr doppelt so gut
leben als dies vor 100 Jahren der Fall war. So liegen doch die
Dinge nicht, wie Höllein meint, daß die Anhänger eines starken
Volkswachstums „eine ständige große Reservearmee von Hand- und
Kopfarbeitern zur Aufrechterhaltung ihrer auf Ausbeutung und Unterdrückung
 gerichteten Klassendiktatur über das Millionenheer der
Werktätigen“ brauchen und daß den Anhängern eines starken Volkswachstums
 keine andere Idee vorschwebe, als nur die eine, große
Massen zur Ausbeutung zur Verfügung zu haben ®. Später wird noch
einmal auf diesen Zusammenhang zurückzukommen sein.
Wenn man aber den positiven Einfluß steigender Volkszahl auf
den Gang der Wirtschaft und damit auch auf die Steigerung der
durchschnittlichen Lebenshaltung und wirtschaftlichen Kultur unter
bestimmten Voraussetzungen anerkennt, dann muß man sich auch
umgekehrt die Frage vorlegen. wie denn eine Stagnation oder gar

3 F, Eulenburg, Der Geburtenrückgang, Z. f, Sexualwissensch., Bd. 1, 1914,
S. 10.
2) Das Wirtschaftsleben, a. a. O., Kap. 19/25.
3 a. a. O4 S. 8.
        <pb n="335" />
        3 28 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

eine Abnahme der Volkszahl die erreichte Stufe der Wirtschaft und
ihren weiteren Gang beeinflussen kann.
Eine bestimmte Antwort läßt sich auf diese Frage nicht geben,
weil heute niemand wissen kann, welche wirtschaftlichen Möglichkeiten
für die Menscheit oder für ein bestimmtes Volk noch offen stehen und
in welchem Maße die Ausnutzung dieser Möglichkeiten an das Vorhandensein
 einer bestimmten Menschenzahl gebunden ist. Es sei
jedoch daran erinnert, daß Deutschland in der Zeit seines stärksten
Volkswachstums, in der Periode von 1895/1905 einen starken Arbeitermangel
 und infolgedessen eine starke Zuwanderung hatte und daß
sich in diesem Zeitraum für Deutschland ein nicht unerheblicher
Wandergewinn ergab. Gerade in dieser Periode des stärksten
Wandergewinnes war der Aufschwung der deutschen Volkswirtschaft
ganz besonders groß und an ihm haben damals auch die Arbeiter
in erheblichem Umfange teilgenommen.
Zusätzliche Arbeitskraft kann also unter bestimmten Umständen
nicht nur die Voraussetzung einer Besserung der wirtschaftlichen
Lage und damit eine Erhöhung der Lebenshaltung sein, man muß auch
durchaus mit der Möglichkeit rechnen, daß bei einer Abnahme der
Volkszahl die eigene Arbeitskraft im Lande nicht mehr ausreicht,
um die bisherige Stufe der Wirtschaft in Industrie und Landwirtschaft
 zu behaupten. Von diesem Problem ist bereits oben im Zusammenhang
 mit dem Wesen und den Merkmalen der Untervölkerung
die Rede gewesen. Nicht überall und nicht in jedem erforderlichen
Umfang läßt sich Menschenarbeit durch Maschinenarbeit ersetzen.
Man darf bei der Frage des Volkswachstums nicht zu sehr das
Ganze der volkswirtschaftlichen Zusammenhänge aus dem Auge verlieren,
 Zusammenhänge, die in der dargelegten Weise in einer auf
sozialistischer Grundlage aufgebauten Wirtschaftsordnung ebenso gut
auftreten können, wie in der gegenwärtig vorhandenen. Wo dann
Arbeitskräfte fehlen, um einen weiteren wirtschaftlichen Aufstieg zu
ermöglichen, oder um den bisherigen Stand der wirtschaftlichen
Entwicklung behaupten zu können, da ist auch immer mit der
Möglichkeit und unter dem Gesichtspunkt der Lebenshaltung der
Arbeiter mit der Gefahr einer Einwanderung von Arbeitskräften aus
Ländern mit niedriger Kultur und Lebenshaltung zu rechnen. Es
sei daran erinnert, daß gerade aus diesem Grunde im Hinblick auf
die sonst dadurch bedrohte Lebenshaltung die Arbeiterorganisationen
in vielen Ländern sich gegen eine derartige Einwanderung zur Wehr
setzen und daß die strenge Einwanderungsgesetzgebung in den Ver-
        <pb n="336" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 329
einigten Staaten von Amerika darin ihren vornehmsten Grund hat *).
Schon auf dem internationalen Sozialistenkongreß in Stuttgart im
Jahre 1907 kam es deshalb zu lebhaften Auseinandersetzungen, als
bei der Beratung der Ein- und Auswanderung vom Standpunkt der
Arbeiterklasse aus einer der Redner bemerkte, man könne es unmöglich
 zugeben, „daß in Ländern mit hochentwickelter Arbeiterbewegung
 die Errungenschaften jahrzehntelanger politischer und
zewerkschaftlicher Organisation mit einem Schlage illusorisch gemacht
 werden durch Masseneinwanderung fast völlig bedürfnisloser
Arbeiter“. Es handelt sich hierbei für diese Einwanderungsstaaten
darum, daß ihre „Erfolge“, die sie durch die „Selbstkontrolle der
Fortpflanzung“ heute erzielen, nicht durch eine Einwanderung aus
in der Lebenshaltung tiefer stehenden Ländern aufgehoben werden,
Schreibt doch darüber einer der angesehensten amerikanischen
Soziologen: „Was nützt aber alle Fortpflanzungsfürsorge der fortschrittlichen
 Völker, so lange es Völker und Rassen gibt, die sich
blind vermehren und ihre Nachbarn mit ihrer überschüssigen Bevölkerung
 überschwemmen? . .. Soll es, um ein übervölkertes Land
von seinen Arbeitslosen zu entlasten, sich auf einen Wettbewerb auf
Leben und Tod einlassen und alle Aussichten auf eine Besserung
des Loses seiner eigenen Volksmassen aufheben? ... Wir können
uns der Tatsache nicht verschließen, daß die fortgeschrittenen Völker
dadurch behindert würden und mit der Zeit die Bevölkerung der
Erde mehr aus gedankenlosen, denn aus denkenden und aufstrebenden
Menschen bestände“?). Mit einer solchen Einwanderung auch
nach Deutschland kann man in Fällen einer Bevölkerungsabnahme
wohl rechnen, vielleicht aber auch schon dann, wenn das Volkswachstum
 dem Bedarf der Wirtschaft gegenüber zu gering ist. Bei
dem starken Zug zur Stadt und Industrie ist es ziemlich sicher, daß
sich dann ein Mangel an Menschen zuerst auf dem flachen Lande
zeigen wird und daß darunter die ländliche Produktion zurückgehen
kann. Die Entwicklung in Frankreich zeigt, wie schnell bei solchen
Entvölkerungserscheinungen fremde Einwanderer nachfolgen ©).
Man darf sich wohl darüber keinem Zweifel hingeben, daß es
in einem solchen Falle keineswegs allein von der deutschen Einwanderungsgesetzgebung,
 wie heute in den Vereinigten Staaten, ab-1)

 Vgl. dazu J. W. Brown, Das Wanderungsproblem u. d, Arbeiterklasse,
Amsterdam 1926. — W. Schätzel, Internationale Arbeiterwanderungen, 1919.
z\ C. A. Ross, Das Buch d. Gesellschaft, Deutsch 1926, S. 45.
ü Vgl. dazu Paon, a. a OO. — Bernhard, a. a. O0. — H. Harmsen,
"ranzösische Bevölkerungsprobleme, 1927.
        <pb n="337" />
        330 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
hängen wird, ob eine Entwicklung wie die eben angedeutete, auch
wirklich einsetzt. Denn gerade bei der kontinentalen Lage Deutschlands,
 in dessen Nachbarschaft sich dann wohl noch Völker mit
starkem Volkswachstum befinden, mag es dann eine Frage politischer
Machtentfaltung sein, ob wir uns einer derartigen Zuwanderung erwehren
 können. Daß aber die politische Machtstellung eines Landes
auch in großem Umfange von der Größe seiner Volkszahl und ihrem
Wachstum abhängt, bedarf keiner besonderen Begründung.
Auf Möglichkeiten dieser Art muß man doch diejenigen hinweisen,
 die ohne Rücksicht auf solche volkswirtschaftlichen und
politischen Zusammenhänge der Meinung sind, daß die Kleinhaltung
 der Familie ein einfaches Mittel sei, um einem Volke
eine bestimmte Lebenshaltung zu garantieren, die darin Sogar
ein Mittel sehen, diese Lebenshaltung noch zu steigern. Vorübergehend
 mag das der Fall sein. Auf die Dauer kann aber das
Gegenteil des erwünschten Zieles eintreten, namentlich dann, wenn
der Geburtenrückgang ein bestimmtes Maß übersteigt. Auf geschichtlichen
 Erfahrungen aufbauend, hat auch Adolf Weber bei Besprechung
 dieser Erscheinung des Geburtenrückganges darauf hingewiesen,
 daß mit diesen Erscheinungen, deren Ursachen für ihn in
erster Linie auf moralischem Gebiet liegen, regelmäßig die Schaffensenergie
 und die Produktionskraft in einem Volke zurückgeht, „wodurch
 trotz Abnahme der Volksziffer der Nahrungsspielraum sich so
rasch vermindern kann, daß das Verhältnis zwischen Volkszahl und
Nahrungsmitteln trotz der Abnahme der Bevölkerung ungünstiger,
statt günstiger zu werden die Tendenz hat“ 2).
Die qualitativ schädlichen Folgen des Geburtenrückganges
 hat man — um dabei nur das wichtigste hervorzuheben —
darin gesehen, daß, wie Grotjahn sagt, mit den Begabten bei uns
dadurch Raubbau getrieben wird, daß ihre Träger nachkommenärmer
bleiben, als die anderen Glieder der Bevölkerung. Diese Auffassung
geht von der bereits erwähnten Tatsache aus, daß der Rückgang
in der ehelichen Fruchtbarkeit sich in stärkstem Maße in den oberen
sozialen Schichten vollzieht und daß hier der Fortpflanzungswille
und als Folge des höheren Heiratsalters wohl auch die Fortpflanzungsfähigkeit,
 geringer sind als in den unteren sozialen Schichten der
Bevölkerung. Da sich nun dieser Auffassung nach die soziale Klassenbildung
 bei uns in Form einer Auslese der Begabten vollzieht und
diese Begabten es sind, die auf der sozialen Stufenleiter immer wieder

!) Allgem. Volkswirtschaftslehre, 1928, S. 80.
        <pb n="338" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 331
in die Höhe kommen, so muß der Rückgang der Fruchtbarkeit
gerade in diesen Kreisen zur Folge haben, daß die Begabtesten und
Fähigsten eines Volkes immer wieder aussterben und daß damit der
Durchschnittswert der Überlebenden, aus denen sich immer wieder
die führenden Schichten eines Volkes ergänzen müssen, zurückgeht *)
So wichtig dieser Zusammenhang auch ist, so wenig wissen
wir doch heute darüber, in welchem Umfang sich bisher wirklich
bei uns der_soziale Aufstieg in Form einer Begabtenauslese
vollzogen hat und in welchem Maße nicht doch auch einer solchen
Auslese bei uns bisher gesellschaftliche Faktoren als Hindernis entgegenstanden.
 So wenig sich also heute noch etwas Bestimmtes
über diese Zusammenhänge aussagen läßt, so sehr muß man ihnen
doch jedenfalls bei dem starken Geburtenrückgang alle Beachtung
schenken. Freilich ist auch schon darauf hingewiesen worden, daß
die Kleinhaltung der Kinderzahl, deren Pflege und Aufzucht leichter
möglich macht und verbessert und daß dadurch die Beschaffenheit
eines Volkes günstig beeinflußt werde, Dies ist sicherlich zutreffend;
aber darin liegt keine Widerlegung der vom biologischen Standpunkt
aus vorgebrachten Bedenken gegen den Geburtenrückgang. Denn
in den Erbanlagen eines Volkes, auf die es von diesem Standpunkt
aus allein ankommt, kann wohl durch eine bessere Pflege und Aufzucht
 keine Änderung hervorgebracht werden.
Über die Bestrebungen zur Kleinhaltung der Kinderzahl ein
sittliches Urteil fällen zu wollen, wie es schon häufig geschehen
 ist, gehört nicht in den Rahmen dieser Darlegungen, Ein
derartiges allgemeines Urteil ist auch schon deshalb nicht möglich,
weil man eine Handlung nur auf Grund ihrer Motive sittlich werten
kann. Das Streben nach einer Kleinhaltung der Kinderzahl kann
den verschiedenartigsten Motiven entspringen; es kann seinen Grund
in einem nackten Egoismus der Eltern, in dem Wunsche nach einem
eigenen bequemeren Leben, haben — der Grund kann aber auch, um
mit Brentano zu reden, in einer verfeinerten Kindesliebe und
in Einem hoch getriebenen Verantwortungsgefühl für die Zukunft der
sigenen Nachkommenschaft liegen. Es ist keineswegs gesagt, daß eine
große Kinderzahl immer nur Motiven entspringt, die sittlich hoch
zu werten sind. Oft genug mag dabei ein gewisser Leichtsinn der

1) Vgl. zu dieser Frage: Fahlbeck, Der Neo-Malthusianismus in seinen Beziehungen
 Z. Rassenbiologie u. Rassenhygiene, Arch. f, Rassenbiologie, Bd. 9. —
Schallmeyer, Vererbung, a. a. O. — H. W. Siemens, Die biologischen Grundjagen
 d. Rassenhygiene u, Bevölkerungspolitik, 1917. — Grotjahn, Die Hygiene
a. a. O0.
        <pb n="339" />
        332 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Eltern und eine mangelnde Rücksichtnahme auf die bereits vorhandenen
 Kinder und die Frau eine Rolle spielen.
Letzten Endes handelt es sich bei diesem ganzen Problem um
eine durchaus anders geartete und neue Einstellung dem Fortoflanzungsgedanken
 gegenüber, um Wandlungen, die eng mit
unserer ganzen modernen Entwicklung nach allen Seiten zusammenhängen,
 um eine neue Sexualmoral, wie es J. W o1 f vielleicht etwas übertreibend
 ausgedrückt hat!). Das sind Wandlungen, die wie gezeigt,
zuerst wohl von äußeren wirtschaftlichen Änderungen her ihren
Anstoß erhalten haben, die aber dann, verstärkt durch zahlreiche
andere Faktoren, immer weitere Kreise der Bevölkerung ergriffen.
Diese letzteren Faktoren waren dänn in neuerer Zeit so stark und
so wirksam, daß diejenigeh Kräfte, die ursprünglich von der wirtschaftlichen
 Seite ausgingen, immer mehr an Bedeutung dahinter
zurücktraten. Zunächst sind es Sitten und Gebräuche, die von
den oberen sozialen Schichten geübt wurden und dann von den
breiten Massen der Bevölkerung um so leichter nachgeahmt werden
konnten, als ihnen die Mittel zur Geburtenverhütung und -verhinderung
 bekannter und leichter zugänglich geworden sind. Was
noch vor wenigen Jahrzehnten hauptsächlich nur den oberen sozialen
Schichten dabei als Ziel vorschwebte, ergreift immer mehr die
dreiten Massen der Bevölkerung. An anderer Stelle habe ich schon
vor Jahren darüber gesagt: „Diese gesellschaftlichen Tatsachen, die
in die zwei Schlagworte „standesgemäß“ und „Repräsentation“ zusammengefaßt
 worden sind, strahlen in dem Aufbau der gesellschaftlichen
 Klassenbildung von oben nach unten aus, d. h., es ist
der Nachahmungstrieb, der Sitten und Gebräuche von den oberen
auf die unteren Schichten überträgt“). Der damit eng zusammenhängende
 Gedanke an ein eigenes bequemeres und behaglicheres
Leben, der damit in Verbindung stehende Wunsch, den Kindern
eine bessere Erziehung und Ausbildung zu geben, sie wenn möglich
über die soziale Stellung und den Beruf des Vaters hinauskommen
zu lassen, haben in den letzten Jahren stark an Kraft und Einfluß
zugenommen. Kommen ‘doch in der Gegenwart — namentlich in
den Städten — die Gegensätze zwischen Reich und Arm zu immer
stärkerem Ausdruck und werden den Menschen immer mehr bewußt,
 Ist doch auch früheren Zeiten gegenüber das Auf und Ab
auf der sozialen Stufenleiter eine immer häufiger werdende Er-1)

 M, Marcuse, Wandlungen des Fortpflanzungs-Gedankens und Willens, 1918,
— J. Wolf, Die neue Sexualmoral u. d. Geburtenproblem unserer Tage, 1928.
2 Mombert, Bevölkerungspolitik nach d. Kriege, 1916, S. 103.
        <pb n="340" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 333
scheinung. Auf diese, in der Tiefe des menschlichen Wollens
und Strebens liegenden wichtigsten Ursachen des Geburtenrückganges
 muß man sich besinnen, wenn man die Mittel und Wege
zetrachtet, die zu seiner Bekämpfung vorgeschlagen werden.
Es handelt sich dabei keineswegs immer um den Geburtenrückgang
 als solchen, also um die Bekämpfung der Geburtenregelung.
 Diese werden wir heute nicht mehr entbehren können.
Harmsen hat mit Recht gesagt: „Wäre die Geburtenzahl unter
den heutigen hygienischen Bedingungen eine ähnlich hohe wie in
früheren Zeiten, so müßte das Ergebnis schlechterdings ein unabsehbares
 Anwachsen der Bevölkerungsmenge sein. Wir müssen
daher die Tatsache des Geburtenrückganges von diesem Gesichtspunkt
 aus nicht nur als Tatsache, sondern als eine unbedingte Notwendigkeit
 werten“ 1). Die Gefahr liegt vielmehr in dem Ausmaß,
 das der Geburtenrückgang angenommen hat. Diesen Gefahren
gegenüber hat man sich schon lange_ auf Mittel zur Bekämpfung
derselben besonnen und auch in manchen Ländern solche Mittel
zur Durchführung gebracht. Es sei nur auf Frankreich und neuerdings
 auf Italien verwiesen. In Frankreich, wo diese Maßnahmen
 schon am längsten durchgeführt sind, handelt es sich vor
allem um unmittelbare staatliche Geldunterstützungen für kinderreiche
 Familien ohne Rücksicht auf ihre Bedürftigkeit, ferner um
Geburtenprämien für jedes Kind französischer Staatsangehörigkeit
vom dritten Kinde ab, dann in verschiedenen Formen um Steuerliche
 Begünstigungen für- Verheiratete und Familien mit Kindern
und umgekehrt für unverheiratete und kinderlose Familien um eine
zusätzliche steuerliche Belastung. Auch auf anderen Wegen, z. B.
durch Steuererleichterungen für Hausbesitzer, die unter bestimmten
Bedingungen kinderreichen Familien Wohnung gewähren, ferner
durch Erleichterungen beim Militärdienst sucht man in Frankreich
dem Geburtenrückgang entgegenzutreten, Eine Reihe von Industrien
haben für Arbeiter mit kinderreichen Familien Lohnausgleichskassen
eingeführt ”).
Auch für Deutschland hat man seit längerer Zeit ähnliche
Vorschläge gemacht, schon in der Zeit vor dem Welkriege, in
der sich der Geburtenrückgang noch in ruhigeren Bahnen bewegte.

1) Geburtenregelung, Schr. z. Volksgesundung, H. 7, Berlin, 0. J.
% Vgl. dazu Burgdörfer, Bevölkerungsproblem u. Harmsen, Bevölkerungsproblem,
 a a. 0. — Derselbe, Die französische Sozialgesetzgebung im Dienste d.
Bekämpfung d. Geburtenrückganges, 1925, — E. M, Durand, Des mesures prises
nar le legislateur francais pour encourager la natalite, Paris 1923,
        <pb n="341" />
        334
Während der Kriegsjahre handelte es sich vor allem auch um die
Frage, den durch den Krieg entstandenen Menschenausfall wieder
zu ersetzen !), Nach dem Kriege, als der Geburtenrückgang so
starke Formen annahm, sind solche Vorschläge mit noch größerem
Nachdruck vertreten worden. Heißt es doch auch in $ 119 der
neuen Reichsverfassung: „Kinderreiche Familien haben Anspruch
 auf ausgleichende Fürsorge“. Neben Anderen hat besonders
Grotjahn den Gedanken einer wirtschaftlichen Bevorrechtung der
Elternschaft vertreten und den Entwurf eines sogenannten Elternschaftsversicherungsgesetzes
 vorgelegt ?). Der Grundgedanke
dieses Gesetzes, das in unser soziales Versicherungswesen eingegliedert
 werden soll, ist der, daß die Beiträge von den Ledigen,
den kinderlosen oder kinderarmen Verheirateten aufgebracht werden.
Mit der Geburt des dritten Kindes erlischt die Beitragspflicht. Von
der Geburt des vierten Kindes an besteht ein Anspruch auf Bezug
des Kindergeldes, das pro Monat 60 M. beträgt und mit jedem
weiteren Kind pro Monat um 10 M. steigt.
Daß schon ohne bevölkerungspolitische Zwecke rein unter dem
Gesichtspunkt der Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit betrachtet,
Verheiratete und kinderreiche Familien vor Ledigen und kinderlosen
und kinderarmen Familien stärker bevorzugt werden können als
bisher, habe ich schon während des Krieges hervorgehoben ®). Ich
habe auch schon damals betont, daß in ganz anderem Ausmaße als
heute bei der Besoldung öffentlicher Beamter und Angestellter auf
Familienstand und Familiengröße Rücksicht genommen werden
müßte *). Andere Vorschläge gehen darüber wesentlich hinaus, weil
es sich darum handelt, diesen Ausgleich in den Einnahmen für alle
Kreise der Bevölkerung, nicht nur für Öffentliche Beamte und für
Angestellte durchzuführen.
Von zwei Gesichtspunkten aus kann man diesen Vorschlägen
gegenüber Stellung nehmen. Einmal handelt es sich darum, ob mit
solchen Mitteln ein größerer Erfolg erzielt werden kann. In dieser

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

1) Hierher gehören z. B. Mayet: Die Sicherung der Volksvermehrung, 1914: —
Rosenthal, Mutterschaft, 1917. — Zeiler, Gesetzliche Zulagen f, jeden Haushalt,
1916. — Kuczynski u. Mansfeld, Der Pflichtteil des Reiches, 1917.
2) Grotjahn, a. a. O., S, 215ff. — Vgl. dazu auch die vom Reichsbund d.
Kinderreichen Deutschlands 1928 herausgegebene Schrift: „Ausgleich d. Familienlasten
durch staatliche Erziehungsbeihilfen“,
3) Mombert, Die Größe der Familie u. d. steuerliche Belastung nach d,
Leistungsfähigkeit, Schr. d. V. f. Sp., Bd. 156, 1918.
4) Mombert, Bevölkerungspolitik, a. a. O., S. 114ff.
        <pb n="342" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 335

Hinsicht bin ich nach den Erfahrungen, die man in Frankreich mit
der Anwendung ähnlicher Mittel gemacht hat, recht skeptisch. Denn
die Ursachen des Geburtenrückganges liegen heute weder allein,
noch überwiegend auf wirtschaftlichem Gebiete, wenn auch von hier
aus manche Kräfte ausgingen, sie liegen vielmehr auf seelischem und
geistigem Gebiete. Man hat deshalb schon betont, daß es gerade
die Aufgabe sei, zu einer Umstellung im ganzen Denken und Wollen
der Bevölkerung dem Kinde gegenüber zu kommen. Deshalb mag
der Gedanke nahe liegen, die Mittel zur Abhilfe auf ganz anderen
Wegen zu suchen.
Ein anderer Gesichtspunkt, der bei der Erörterung dieser Frage
in Rechnung gesetzt werden muß, ist rein wirtschaftlich. Auch in
dieser Frage darf man das Problem nicht zu mechanisch auffassen
und aus dem Kreis der ganzen volkswirtschaftlichen Zusammenhänge
loslösen. Man muß auch die Wirkung dieser Maßnahmen auf die
Größe des Nahrungsspielraumes in Betracht ziehen. Es ist möglich,
„daß die gleichen Maßnahmen, die man vorschlägt‘ und adwenden
will, die Zahl der Geburten, also das Volkswachstum zu fördern,
unbeabsichtigt, aber mit tödlicher Sicherheit, ungünstig auf den
Nahrungsspielraum einwirken und damit jene anderen Maßnahmen
in ihrer Wirkung genau in ihr Gegenteil umkehren“ *). Denn es
kann unter Umständen der Fall eintreten, daß derartige Maßnahmen
die Kapitalneubildung in einem Lande und die Größe des
Nahrungsspielraumes ungünstig beeinflussen. Eine ähnlich ungünstige
Wirkung auf die Kapitalneubildung wird dann nicht eintreten, wenn
entsprechend den Beträgen, die den kinderreichen Familien zugeführt
werden, der Verbrauch derjenigen zurückgeht, welche die entsprechenden
 Abgaben zu zahlen haben. Dann wird der Teil des
Volkseinkommens, der verbraucht wird, nicht steigen. Mit der
Wahrscheinlichkeit, daß ein solcher Ausgleich eintritt, ist doch innerhalb
 gewisser Grenzen zu rechnen und zwar da, wo Ledige, kinderlose
 und kinderarme Familien mit besonderen Abgaben belegt
werden. Dagegen ist diese Gefahr in ganz besonderem Maße vorhanden,
 wenn man die Mittel für eine Unterstützung der kinderteichen
 Familien, wie das bereits vorgeschlagen worden ist, aus einer
Beteiligung des Reiches aus den Erbschaften gewinnen wollte. Hier-Aurch
 würden unmittelbar Teile des Kapitalfonds der Volkswirtschaft
dem Verbrauch zugeführt.

) Mombert, Bevölkerungspolitik, a. a. O., S. 97
        <pb n="343" />
        136 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Auf solche Zusammenhänge ist bei der Lösung dieser Frage
ganz besonders zu achten. Denn mit einem relativen Rückgang der
Kapitalneubildung wird ein ungünstiger Einfluß auf die Arbeitsgelegenheit
 und auf das Volkseinkommen ausgeübt... Damit können
Faktoren ausgelöst werden, durch welche die Größe des Nahrungsspielraumes
 vermindert wird und die dann durch ihren Einfluß auf
Auswanderung, Sterblichkeit und Ehehäufigkeit das Volkswachstum,
das man gerade fördern wollte, ungünstig beeinflussen. Auf irgendwelche
 Einzelheiten der verschiedenen Vorschläge, die gemacht
worden sind, kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden, Es
konnte sich vielmehr nur um die Aufgabe handeln, die wirtschaftlichen
 Zusammenhänge, auf die es dabei ankommt, zu Ende zu
denken und damit die Richtlinien anzugeben, nach denen ohne
Schaden für das vorgesteckte Ziel solche Maßnahmen getroffen
werden können. Die Mittel für diesen Zweck müssen demnach in
einer Weise aufgebracht werden, daß der Nahrungsspielraum der
Volkswirtschaft- davon nicht ungünstig beeinflußt wird,
Freilich sei dahingestellt, ob mit derartigen "wirtschaftlichen
Mitteln allzuviel erreicht werden kann. Vielleicht ließe. sich auf
diese Weise noch am ehesten ein Einfluß auf Ehehäufigkeit und
Heiratsalter ausüben und damit doch, wenigstens mittelbar die Geburtenhäufigkeit
 in etwas beeinflussen. In der Anwendung ähnlicher
Mittel liegen aber nicht die einzigen Wege, vielleicht nicht einmal
die wirksamsten, zur Bekämpfung des Geburtenrückganges. Denn
wir dürfen — wie schon mehrfach betont — die tieferen, inneren
Ursachen des Rückgangs der Geburten nicht zu sehr außer acht
lassen. Hinter dieser ganzen Entwicklung schlummern heute starke
gesellschaftliche und geistige Mächte, die eine ganz andere seelische
Einstellung des Menschen bewirken. Diese Mächte sind in anderem
und viel stärkerem Maße wirksam in der Stadt und in der Industrie
als auf dem Lande. Man hat deshalb mit vollem Recht auch auf
eine energische innere Kolonisations- und Siedelungsbewegung
 als wichtiges Abhilfsmittel hingewiesen. Dies wäre eine
Entwicklung, die um so erwünschter erscheint, als gerade auch dadurch,
 wie wir im folgenden noch sehen werden, der Nahrung5sspielraum
 der Volkswirtschaft günstig beeinflußt wird, also gleichzeitig
 damit auch die wirtschaftlichen Voraussetzungen steigender
Volkszahl eine Vergrößerung erfahren.
d) Die Ökonomie des Volkswachstums und des Bevölkerungswechsels.
 — Sieht man davon ab, daß der Geburtenrückgang,
 wenn er über ein gewisses Maß hinausgeht, ungünstig auf
        <pb n="344" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 337

die Entwicklung der Sterblichkeit und des Geburtenüberschusses
wirken und somit das Volkswachstum bedrohen kann und legt man
dabei das Schwergewicht auf die rein wirtschaftliche Seite, so ergeben
 sich ebenfalls wichtige Problemstellungen. Die eine betrifft
den Zusammenhang zwischen Geburtenüberschuß und Volkswachstum,
die andere den zwischen Geburten- und Sterbehäufigkeit, d. h., die
verschiedenen Typen, unter welchen ein bestimmter Geburtenüberschuß
 zustande kommen kann.
Schon Malthus kannte diesen letzteren Zusammenhang, als
er sagte: „An vielen Stellen habe ich betont, wie vorteilhaft es sei,
die erforderliche Bevölkerungsmenge eines Landes bei der kleinstmöglichen
 Geburtenziffer aufzuziehen. Ich habe ausdrücklich erklärt,
daß wir vor allen Dingen Abnahme der Sterblichkeit in allen Lebensaltern
 anzustreben haben, und als bestes Kriterium der Wohlfahrt
sines Landes habe ich anstatt der Größe des Geburtsverhältnisses,
wonach man bisher urteilte, die Kleinheit des Prozentsatzes jener
vorgeschlagen, die vor Erreichung des Alters der Geschlechtsreife
sterben“ !)., Wenn wir das Bevölkerungswachstum der älteren Zeiten
mit dem in neuerer Zeit vergleichen, dann wird es besonders deutlich,
in welch verschiedener Weise sich ein gleich großes Wachstum einer
Bevölkerung vollziehen kann. Dieser Gegensatz tritt besonders stark
hervor, wenn wir die Art des Wachstums zu Beginn der Neuzeit
mit demjenigen in der Gegenwart vergleichen. Der Gang der neueren
Entwicklung war der, daß etwa der gleiche Geburtenüberschuß bei
einer immer geringeren Geburtenhäufigkeit möglich wurde, weil die
Sterblichkeit dementsprechend ebenfalls zurückgegangen ist. In den
folgenden 5 Jahren betrug der Geburtenüberschuß im Deutschen
Reiche regelmäßig 13,6 auf Tausend; er kam jedoch auf ganz verschiedene
 Weise zustande, wie die folgende Tabelle zeigt. Es kamen
im Reiche auf 1000 Einwohner

Geb
in den Jahren SDOrEnS

Gestorbene

1877
1891
1894
1900
L910

41,6
38,2
37:1
36,8
30,7

mit Totgeborenen
28,0
24,6
23,5
23,2
17,1

Mehr Geborene
als Gestorbene
13,6
13,6
13,6
13,6
123,6

Den gleichen Gegensatz kann man wahrnehmen, wenn man
‚erschiedene Länder miteinander vergleicht, wie es in der folgenden

!) Eine Abhandlung über d. Bevölkerungsgesetz, Ausg. Waentig, Bd. 2,
3. 396/97.

Diehl-Mombert, Grundrisse, Bd. 15.
        <pb n="345" />
        338 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
Zusammenstellung geschieht. Im Jahre 1910 kamen auf 1000 Einwohner


Gestorbene
ohne Totgeborene
Bulgarien 40,3 26,4
Italien 33,3 19,6
Deutsches Reich 29,8 16,2
Dänemark 27,5 12,9

Mehr Geborene
als Gestorbene

13,9
13,7
13,6
14,56

Das sind Unterschiede in der Art und Weise, wie der gleiche
Geburtenüberschuß zustande kommt, die sich auch noch in der
Gegenwart in voller Stärke vorfinden. Man kann dabei die Beobachtung
 machen, daß zwar ein enger Zusammenhang, aber doch keine
ausnahmslose Parallelität zwischen der Höhe der Geburten- und der
Sterbeziffer besteht. Es sind aber, wie die folgende Tabelle zeigt,
wenn auch mit manchen beachtenswerten Ausnahmen, doch die
Länder mit höchster Geburtenziffer, die auch den höchsten Geburtenüberschuß
 aufweisen. Im Jahre 1925 kamen ohne Totgeborene auf
1000 Einwohner:

Länder

Lebendgeborene Gestorbene

Ägypten
Ukraine
Bulgarien
Rumänien
Japan
Britisch-Indien
Argentinien
Spanien
Ungarn
Italien
Tschechoslowakei
Niederlande
Australien
Dänemark
Deutsches Reich
Österreich
Frankreich
Schweiz
England u. Wales
Schweden

42,5
42,7
37,0
36,2
34:9
33:7
32,6
20,3
28,3
27.8
25,0
24:3
22,0
21,1
20,7
20,6
18,9
18,4
18,3
17,5

26,0
19,2
19,2
21,7
20,3
24,7
14,3
19,7
17,1
16,8
15,2
9,8
9,2
10,9
11,9
14,4
17,5
12,2
12,2
11,7

Mehr Geborene
als Gestorbene

16,8
23,5
17,8
14,5
14,6
9,0
18,3
9,6
11,2
11,0
9,8
14:4
12,8
10,2
8,8
6,2
14
6,2
6,1
5,8

Die Entwicklung ging — von den Verhältnissen der Nachkriegszeit
dabei abgesehen — dahin, daß der Geburtenrückgang durch die
Abnahme der Sterblichkeit ausgeglichen wurde, so daß der gleiche
Geburtenüberschuß mit einer geringeren Zahl von Geburten- und
        <pb n="346" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 339
Sterbefällen erzielt werden konnte. Unter diesem Gesichtspunkt
habe ich deshalb schon früher von einem sparsamen und einem
verschwenderischen Typ des Volkswachstums gesprochen !). Hierbei
handelt es sich in erster Linie um den oben berührten engen Zusammenhang
 zwischen der Höhe der Geburtenhäufigkeit und derjenigen
 der Säuglingssterblichkeit. Für diesen Zusammenhang sind,
weil durch keine neueren gleichwertigen Untersuchungen ersetzt, immer
noch die eingehenden Erhebungen Hamburgers in 1042 Atbeiterfamilien,
 von großer Wichtigkeit ?). Die Hauptergebnisse sind in der
folgenden Tabelle wiedergegeben, Dabei ist unter Aufwuchs die
Erreichung des 15. Lebensjahres verstanden.

Von 34 Kindern aus 1 gebürtiger Ehe erreichten das ı 5. Lebensjahr 76,47%,
142 66,90 ”
279 68,46 ”
4°4 61,14
665 60,00 ,,
672 55,36 ,
714 53:92 „,
736 48,50
693 48,05 »”
520 45,00 „„
473 » al 45,03
396 » 12 » 43:43 »
959 ”„ 13—15 „ 40,04 „
»”„ 574 3 » m. üb. 15 »” 17 2” ; 30,66 ”
Von 7251 Kindern erreichten demnach j+ Lebensjahr 49,36%,

5

Der Aufwuchs — und das gilt besonders für die ärmeren
Familien — nimmt also mit steigender Geburtenzahl ab. Burgdörfer
 hat in diesem Zusammenhang von einem „Gesetz vom abnehmenden
 Geburtenertrag“ gesprochen 3), „Steigt die Geburtenziffer“,
 so führte er aus, „über ihr Optimum hinaus, so steigt in noch
größerem Maße die Kindersterblichkeit, der Aufwuchs aber, also
der Reinertrag, auf den es volkswirtschaftlich allein ankommt, wird
wieder kleiner. Das Optimum ist also keineswegs identisch mit dem
Maximum von Geburten, noch auch mit dem Minimum von Kinder-.

 ‘) Vgl. dazu M, Kahle, Geburten u, Sterblichkeit im Lichte d. Fortpflanzungsökonomie,
 1916. — R. Goldscheid, Höherentwicklung u. Menschenökonomie
1911, Kap. 9. — Oth, Induktives, a. a. O. )
°) Uber d. Zusammenhang, a. a. O0. — Dresel u. U. Fries, Gebürtigkeit u
Sterblichkeit d, Kinder in Heidelberg in verschiedenen sozialen Schichten, Z. £. öff, fl.
Gesundheitspflege, 1922. 1 And SE
3) Burgdörfer, Das Bevölkerungsproblem, a. a. O., S. ıreff.
        <pb n="347" />
        340 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

sterblichkeit, sondern es liegt da, wo die Differenz beider Größen
den höchsten Ertrag an Aufwuchs verspricht.“ Freilich liegt dieser
Zusammenhang zwischen Geburtenhäufigkeit und Kindersterblichkeit
nicht nur so, daß die hohe Kindersterblichkeit nur die Folge einer
großen Kinderzahl ist. Daß auch der umgekehrte Zusammenhang,
wenn auch in wesentlich schwächerem Maße, vorhanden ist, wurde
bereits oben hervorgehoben. Man kann auch von einer gewissen
Parallelität beider Erscheinungen in dem ‘Sinne sprechen, daß eben
aus einem ärmlichen und gedrückten sozialen Milieu heraus Fruchtbarkeit
 und Kindersterblichkeit eine Steigerung erfahren. Trotzdem
aber bleibt der Gedanke eines Optimums der Geburtenzahl
im Hinblick auf die Größe des Volkswachstums durchaus bestehen,
Unsere Betrachtungen über den Geburtenrückgang in den allertetzten
 Jahren haben nun freilich gezeigt, daß dieser optimale Zustand
 unterschritten worden ist, daß der Rückgang der Sterblichkeit
im Säuglings- und Kindesalter, so groß er auch war, nicht genügt
um den Rückgang der Fruchtbarkeit auszugleichen. Nach den Berechnungen
 des statistischen Reichsamtes, denen auch die folgende
Tabelle entnommen ist!), werden im Reiche nur etwa 15% des
gesamten Rückganges der ehelichen Fruchtbarkeit durch die gleichzeitige
 Abnahme der Sterblichkeit ausgeglichen. ” Die folgende Tabelle
zeigt deutlich, daß etwa von der Jahrhundertwende ab der Ausgleich
des Rückganges der Fruchtbarkeit durch die Abnahme der Sterblichkeit
 immer mehr zurückgegangen ist.
Bezogen auf den jetzigen Gebietsstand des Deutschen Reiches

/ahre

1841— 1860
1876—1880
1899— 1901
L909— 1911
1924— 1926
1927 |

von 100000 Lebendzeborenen
 vollendeten
das 20, Lebensjahr

nach der
Sterbetafel
Yäür die Jahre

Zahl

1871/80
1881/90
1901/10
1910/11
1924/26
1024/26

60761
62359
72068
75204
84501
84501

Eheliche
*ruchtbarkeitsziffer


Ertrag der
ehel. Frucht:
barkeit an
20 jährigen

auf 1000 unter
45 jährige Ehefrauen

rd. 280
3097
279.7
224,
142.5
1952

170
191
202
169
121
108

Meßziffern
1899-—1901
— 100 gesetzt

Fruchtbarkeitsziffer


Ertrag an
20 jährigen

100
TI0
7100
Re,
1
216

84
96
100
84
60
3

Wenn man die Volksvermehrung vom Standpunkt des eigenen
Volkstums aus betrachtet, dann kommt es jedoch keineswegs allein
1) Wirtschaft u. Statistik, 1020, Sonderh. 5, S. a.
        <pb n="348" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 341
darauf an, wie der Geburtenüberschuß zustande kommt, dann spielt
vielmehr auch die Frage der Volkszunahme in ihrem Verhältnis zum
Geburtenüberschuß eine wichtige Rolle. Zwischen beiden Größen
steht die Wanderbewegung; betrachtet man das Volkswachstum
eines Landes, z. B. unter nationalem oder politischem Gesichtspunkt,
dann kommt es weniger auf den Geburtenüberschuß, als auf das
Volkswachstum an, das durch Wanderverluste beträchtlich hinter
dem ersteren zurückbleiben kann. Zahlen für diesen Gegensatz sind
bereits oben gegeben worden. Ein Land kann einen recht hohen
Geburtenüberschuß und, als Folge einer starken Auswanderung, eine
wesentlich geringere Volkszunahme haben. Dieser Gegensatz ergibt
sich deutlich aus der Entwicklung des deutschen Volkswachstums.
Im Deutschen Reich betrug im Durchschnitt der Jahre:
Der Geburten- Der Verlust durch Die Volksüberschuß
 Auswanderung zunahme
408 333 86044 321389
511034 77193 433841
551308 131908 419400
730365 37531 692 734
866 338 12127 8x4 2171

In dem Jahrzehnt 1881/1890 ging dem Reiche etwa ein Viertel
seines Geburtenüberschusses wieder durch Auswanderung verloren.
Trotz mancher positiven Funktion, namentlich auch in wirtschaft-'icher
 Hinsicht, welche die Auswanderung für das Mutterland haben
kann, hat sie doch auch ihre wirtschaftlich recht bedenklichen Seiten.
Vor allem handelt es sich dabei um zwei Gesichtspunkte. Einmal
befinden sich unter den Auswanderern vorwiegend Personen, die im
produktiven, also wirtschaftlich wertvollsten Alter stehen. Bei starker
Auswanderung nehmen also in dem Abwanderungslande die jüngeren
und die älteren Altersklassen relativ zu; damit muß die wirtschaftliche
 Leistungsfähigkeit eines Volkes abnehmen und der sogenannte
Belastungskoeffizient der Bevölkerung, d. h. das Verhältnis
des arbeitsfähigen zu.dem noch nicht oder nicht mehr arbeitsfähigen
Teil der Bevölkerung, eine Steigerung erfahren. In Ländern mit
Wanderverlust sind ‚deshalb die arbeitsfähigen Altersschichten besonders
 schwach, in Ländern mit Wanderungsgewinn hesonders
stark vertreten.
Der Verlust an Barvermögen !) in Form der Mittel, welche die
Auswanderer mitnehmen, den man früher schon öfters abzuschätzen
versucht hat, kommt heute bei der Beurteilung der Auswanderung
N Schulte im Hofe, Auswanderung u. Auswanderungspolitik, 1918, S.; zoff.
        <pb n="349" />
        342

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

wohl weniger in Frage, als die schon oben besprochene Tatsache,
daß das Mutterland für die Erziehung und Ausbildung der Auswanderer
 gewisse Ausgaben hatte, während ihm dann der Wert von
deren Arbeitsleistungen verloren geht und anderen Ländern zugute
kommt. Wohl hat man schon mit Recht hervorgehoben, daß die
Arbeitskräfte, die abwandern, deshalb keinen wirtschaftlichen Verlust
für das Mutterland bedeuten können, weil für sie in der Heimat
doch keine richtige Verwendungs- und Ausnutzungsmöglichkeit vorhanden
 sei und sie hier deshalb nicht zur richtigen Entfaltung
kommen können; denn die bloßen Arbeitskräfte an sich hätten noch
gar keinen ökonomischen Wert, ein solcher entstände erst durch
die richtige Art ihrer Verwendung ?!), Wenn man aber auch diese
Tatsache durchaus zugibt, so widerspricht sie doch nicht dem Umstande,
 daß das Mutterland für den Unterhalt und die Erziehung
der Auswanderer große Aufwendungen zu machen hatte, für die
nun die Gegenleistungen fehlen. Damit können ungünstige Einwirkungen
 auf das Maß der Kapitalneubildung und somit auf die
Größe des Nahrungsspielraumes entstehen. Man wird aus diesen
Gründen doch berechtigt sein, ein Volkswachstum, das sehr stark
hinter dem Geburtenüberschuß zurückbleibt, als unwirtschaftlich zu
bezeichnen.
Auch unter nationalen und politischen Gesichtspunkten sind
diese Erwägungen wichtig. Nur der Geburtenüberschuß kommt dem
eigenen Volkswachstum zugute und stärkt seine Kräfte und seinen
Einfluß, der dem Mutterland erhalten bleibt. Von einer Ausnahme
wird man nur dort sprechen können, wo die Auswanderer sich nach
Kolonien begeben und wo damit deren Arbeitleistung und. Kraft
wenigstens mittelbar dem Mutterland politisch und wirtschaftlich
wieder zugute kommen. Schon F. List hat gesagt: „Den Deutschen
innerhalb Amerikas wird es nicht anders ergehen, als den Hugenotten
 in Deutschland und den Franzosen in Louisiana: sie werden
und müssen sich naturgemäß mit der vorhandenen Bevölkerung verschmelzen,
 der eine etwas früher, der andere etwas später, je nachdem
 er mehr oder weniger mit Stammesverwandten zusammenlebt“ °).
Diese Zusammenhänge zwischen Volkswachstum und Wanderbewegung
 sind deshalb wichtig, weil man nicht ohne deren Berücksichtigung
 einen möglichst großen Geburtenüberschuß für das Erstrebenswerteste
 für ein Volk halten darf. Das ist nur in dem Maße

') W. Mönckmeier, a. a. O., S. 182/83.
?) Das nationale System, Ausg. Häusser, S. 208,
        <pb n="350" />
        2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 343
der Fall, in dem dieser Geburtenüberschuß auch der eigenen Heimat
erhalten bleiben kann. Ob das möglich ist, das hängt von der Entwicklungsfähigkeit
 des Nahrungsspielraumes in dem betreffenden
Lande ab. Dabei ist heute die Auswanderung, besonders auch
für Industriestaaten, keineswegs als unbedingt brauchbares Mittel
gegen eine vielleicht vorhandene Übervölkerung zu betrachten. Für
Deutschland hat Berger darauf hingewiesen, daß heute vor allem
gelernte Facharbeiter auswandern und daß ein Mangel an derartigen
Kräften besonders ungünstig auf den heimischen Arbeitsmarkt wirken
kann, weil es sich dabei um ein organisches Gebilde handelt und ein
Mangel an Facharbeitern ungünstig auf die Arbeitsgelegenheit für
ungelernte und angelernte Arbeiter wirken wird). Die Worte, die
vor kurzem ein englischer Nationalökonom über diese wirtschaftlich
vorwiegend negativen Seiten der Auswanderung für einen Industriestaat
 ausgesprochen hat, kann man vollkommen unterschreiben:
„Die Untersuchung ergibt also, daß die Auswanderung alles weniger
als ein vollkommenes Heilmittel gegen Übervölkerung ist. Sie hat
zur Folge, daß eine Anzahl Leute aus den Altersklassen, in denen
sie am meisten leistungsfähig sind, der Heimat entrissen wird, wobei
die Versorgung der Kinder und Greise den anderen überlassen bleibt.
Sie wälzt auf ein Land, das den Druck der Bevölkerung bereits
empfindet, die Last, Menschen bis zum produktiven Alter zu züchten
und sie dann unentgeltlich zu- exportieren. Sie kann im Heimäatlande
 wachsende Geburtenhäufigkeit hervorrufen; und sie wird die
Konkurrenz der Überseeindustrien gegen die des Heimatlandes
fördern und mithin gerade das Übel, das sie heilen soll, verstärken“ 2).
Mit solchen Überlegungen erledigen sich auch die Anschauungen
Cassels, der gemeint hat: „So lange es Weltteile gibt, die halb
oder ganz unbenutzt liegen und wo noch beinahe alles für eine
wirkliche, Kultur zu leisten ist, sollten wir in Europa lieber nicht
von Arbeitslosigkeit sprechen. Die Mittel, die wir zur Unterstützung
der Arbeitslosen ausgeben, könnten zum größten Teil gespart werden,
der Rest würde eine bessere Verwendung im Dienste der Humanität
finden, wenn für die Auswanderung in möglichst rationeller
Weise gesorgt würde ®).“ Abgesehen davon, daß einem derartigen
Vorgehen die Einwanderungsgesetzgebung wichtiger Staaten entgegensteht,
 ist es keineswegs für alle Fälle richtig, so sehr das auch
in mancher ‚ökonomischen Situation zutreffen mag, daß eine Ausı)

 Berger, Auswanderung u. Arbeitsmarkt, Reichsarbeitsbl. 1925, S. 131/36.
3 H. Wright, Bevölkerung, Deutsch, Berlin 1924, S. 126/27.
1% Soziale Praxis, Jahrg. 1927, S. 181.
        <pb n="351" />
        344 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

wanderung von Arbeitslosen in dem Auswanderungslande. zu dem
erstrebten Gleichgewicht zwischen Volkszahl und Wirtschaft führen
muß. So mechanisch, wie es Cassel hier getan hat, kann man
diese Zusammenhänge nicht auffassen. Maßnahmen, die vielleicht
durchaus mit Erfolg als innerstaatliche Wanderung, also innerhalb
eines und desselben Landes, durchgeführt werden können, sind je
nach der wirtschaftlichen Struktur des Auswanderungslandes und
der beruflichen Zusammensetzung der Auswanderer von ganz anderen
Erfolgen‘ begleitet, wenn es sich um zwischenstaatliche Wanderungen,
die Cassel ja im Auge hat, handelt. |
Faßt man zusammen, so sieht man, daß das Problem der Ökonomie
 des Volkswachstums und des Bevölkerungswechsels, besonders
im Zusammenhang mit der Größe und Entwicklungsfähigkeit des
Nahrungsspielraumes steht. Dessen Größe und Entwicklung kann
dadurch ungünstig beeinflußt werden und ein zu geringer Nahrungsspielraum
 ist die Hauptursache davon, daß .durch Auswanderung
dem Mutterlande Teile seines Geburtenüberschusses verloren gehen.
Will man diese Verluste vermeiden, dann gibt es dazu zweierlei
Wege: eine Verminderung des Geburtenüberschusses oder eine Ausweitung
 des Nahrungsspielraumes in eitem Umfange, daß dieser
imstande ist, dem Geburtenüberschuß Unterhalt und Fortkommen in
der eigenen Heimat zu beschaffen. Diesem Problem des Nahrungsspielraumes
 haben wir uns im folgenden zuzuwenden.,

Drittes Kapitel.
Der Nahrungsspielraum.
i“. Begriff und Wesen des Nahrungsspielraums. Es
ist bis jetzt immer von dem Nahrung$spielraum gesprochen worden,
ohne daß genauer erörtert worden wäre, was darunter zu verstehen
ist. Wir wollen darunter im folgenden die zu einer bestimmten
Zeit vorhandene Fähigkeit eines begrenzten Gebietes, eines Landes
oder auch der ganzen Erde, verstehen, bei einer gegebenen Lebenshaltung
 eine bestimmte Volkszahl zu ernähren. Die Größe des
Nahrungsspielraumes fällt also zusammen mit den Lebensmöglichkeiten,
 die ein bestimmter Raum bei einer bestimmten Lebenshaltung
gibt. Man hat hierfür häufig auch schon andere Bezeichnungen
gewählt. A. Wagner hat den Ausdruck „Bevölkerungsspielraum“
gebraucht !). Wyler hat von einem „Wirtschaftsspielraum“ gel)

 Theoretische Sozialökonomik, ı. Abt. S. 78.
        <pb n="352" />
        3 Kap. Der Nahrungsspielraum 345

sprochen *). Man begegnet auch den Ausdrücken „Lebensspielraum“,
„Ernährungskapazität“, „Nahrungsmittelspielraum“ usw. Alle diese
Namen besagen im wesentlichen dasselbe. In dem hier gebrauchten
Sinne wird unter „Nahrungsspielraum“ nur die in einer bestimmten
Zeit vorhandene Fähigkeit eines Landes, eine bestimmte Volkszahl
bei einer bestimmten Lebenshaltung zu ernähren, verstanden. Von
der weiteren Möglichkeit, bei bestimmten ‚Fortschritten eine noch
größere Volkszahl zu ernähren, wird dabei zunächst ganz abgesehen.
Freilich ist mit dieser ganz allgemein gehaltenen Umschreibung das
Problem des Nahrungsspielraumes keineswegs erschöpft. Daß mit
diesem Begriff eine ziemliche Mannigfaltigkeit verbunden ist, werden
wir im folgenden noch sehen. Einstweilen sei nur darauf hingewiesen,
daß es für ein Volk keineswegs allein auf die Größe des Nahrungsspielraumes,
 sondern auch auf dessen Sicherheit und Dauerhaftigkeit
ankommt. Wir werden noch sehen, daß auch bei der gleichen
Größe des Nahrungsspielraumes in dieser Hinsicht recht verschiedene
Fälle möglich sind und auch vorkommen. Zunächst ist jedoch zu
untersuchen, von welchen Faktoren vor allem die Größe des Nahrungsspielraumes
 abhängig ist ?).
2.Die Proportionalität der Produktionsfaktoren. —
Die geschichtliche Betrachtung hat uns gezeigt, daß auf den Anfangsstufen
 der menschlichen Wirtschaft die Größe des Nahrungsspielraumes
 allein von den freiwilligen Gaben abhing, welche die Natur
dem Menschen bot und daß dann in einer langen Entwicklung die
Menschen immer mehr dazu gelangt sind, die Natur zu beherrschen
und einen immer stärkeren Einfluß auf die Gaben auszuüben, welche
die Natur zu liefern imstande ist. Menschliche Arbeit und menschliche
 Erfindungsgabe waren imstande, den Nahrungsspielraum, den
ein Gebiet von bestimmter Größe bot, immer mehr auszuweiten.
Hatte der Mensch ursprünglich nur seiner Hände Arbeit und vielleicht
 nur ganz primitive Werkzeuge zur Verfügung gehabt, um
sich seine Nahrung zu beschaffen, so hat die weitere Entwicklung
diesen Werkzeugen, diesen Produktionsmitteln, einen immer stärkeren
Einfluß auf die Größe des Nahrungsspielraumes eingeräumt. Diese
produzierten Produktionsmittel, selbst das Ergebnis menschlicher
Arbeit, haben für die Bedeutung des Nahrungsspielraumes eine gewaltige
 Bedeutung gewonnen. Die Fortschritte von Technik und
Wirtschaft, die sich in ihrer Anwendung verkörpern, haben die Erträge
 der menschlichen Arbeit immer ergiebiger gestaltet und die
‘1) Das Übervölkerungsproblem, a. a. O., S. 7.
2) Vgl. dazu Mombert, Bevölkerungspolitik, a. a. O., S. 7.
        <pb n="353" />
        346 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

fortdauernde Erfindung und Schaffung besserer und erfolgreicherer
Produktionsmethoden steigert diese Ergiebigkeit noch fortdauernd.
Diese produzierten Produktionsmittel, die man heute gemeinhin als
Kapital zu bezeichnen pflegt, bilden jetzt neben Boden und Arbeit
innerhalb der Gütererzeugung einen Faktor von steigender Bedeutung.
So wirken zur Schaffung und zur Erweiterung des Nahrungsspielraumes
 auf unserer Stufe der Wirtschaft die drei Faktoren Boden,
Arbeit und Kapital in diesem technischen Sinne nebeneinander und
es ist gerade das letztere, dem dafür heute und in Zukunft eine besonders
 große Bedeutung zukommt.
Aus dem Neben- und Ineinanderwirken dieser drei Faktoren
ergeben sich dann sofort wichtige Folgen für die Frage nach der
Größe des Nahrungsspielraums. In der Zusammenarbeit dieser drei
Faktoren haben wir die Grundlagen aller wirtschaftlichen Tätigkeit
zu erblicken und es ist ohne weiteres klar, daß der Nahrungsspielraum
 eines Landes um so größer sein wird, in je vollkommenerer
Weise es gelingt, die Kräfte auszunutzen, die in diesen Produktionsfaktoren
 liegen.
Wenn man zunächst von der gesellschaftlichen Ordnung in
sinem Lande absieht, so wird das Maß, in dem diese Faktoren verwertet
 werden können, in erster Linie auch davon abhängen, in
welchem gegenseitigen Mengenverhältnis sie in einem Lande zur
Verfügung stehen!) Denn von einer bestimmten quantitativen
Verhältnismäßigkeit von Boden, Arbeit und Kapital auf der ganzen
Erde oder in einem bestimmten Lande hängt es vorzugsweise ab,
mit welchem Erfolg diese Faktoren der Vergrößerung des Nahrungsspielraumes
 nutzbar gemacht werden können. Rein als Ideal wird
uns hier ein optimales Verhältnis dieser drei Faktoren vorschweben,
das so beschaffen ist, daß sie alle vollkommen ausgenutzt werden
können. Von diesem optimalen Zustand können Abweichungen
vorkommen; einer der genannten Faktoren, kann in zu geringem
Ausmaß vorhanden sein, als daß die anderen beiden zur vollen
Entfaltung und Ausnutzung kommen könnten. Das Maß, in dem
diese Ausnutzung aller Produktionsfaktoren stattfinden kann, hängt
von der Größe desjenigen Faktors ab, der im Verhältnis zu den
übrigen in dem geringsten Ausmaße vorhanden ist. Es liegt hier
eine gewisse Analogie mit dem Gesetz vom Minimum beim
Pflanzenbau nahe. Von ihm hat Brinckmann gesagt: „Es gibt

1) Diesen Zusammenhängen bin ich zuerst in einem Aufsatz „Die Ökonomie der
Arbeitskraft“, Jahrb. f. Nat. u. Stat., Bd. 108, 1918, nachgegangen, dem auch manche
der folgenden Ausführungen entnommen sind.
        <pb n="354" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 347
ein theoretisches Optimum des Wirkungsverhältnisses aller Ertragsfaktoren,
 das behufs Erzielung des Höchstertrages angestrebt werden
muß; solange es nicht erreicht ist, ist der Ertrag abhängig von
demjenigen Faktor, der im Verhältnis zum Bedarf im Minimum
vorhanden ist. Bleibt nur ein Faktor im Rückstand, so können auch
alle übrigen nicht mehr zur gleichen Wirkung gelangen und müssen
in ihrem Ausmaß beschränkt werden, wenn sie nicht teilweise unausgenutzt
 werden sollen“ *).
Von diesem optimalen Zustand kommen also Abweichungen
vor. Nehmen wir zunächst an, daß in einer Volkswirtschaft Boden
und Kapital in einem Mengenverhältnis vorhanden sind, das ihre
beste gegenseitige Verwertung und Ausnutzung gestattet, also soviel
 an Boden und Bodenerzeugnissen vorhanden ist, daß alle vorhandenen
 Produktionsmittel dabei Verwendung finden können und
soviel an solchen Produktionsmitteln zur Verfügung steht, daß sie
ausreichend sind, um bei einem gegebenen Stande der Technik alle
Gaben des Bodens und der Natur möglichst ergiebig zu gewinnen
und zu verwerten. Setzt man dieses voraus, dann sind bei dem
dritten Produktionsfaktor. der menschlichen Arbeitskraft, drei Fälle
möglich.
Der günstigste Fall ist der, wenn die Arbeitskraft ebenfalls in
einem Ausmaße vorhanden ist, daß sie gerade genügt, um alle
Naturkräfte des Landes und alle Kapitalgüter nutzbringend zu verwerten.
 Da die Volkszahl die ganze Arbeits- und Handlungsfähigkeit
eines Landes verkörpert, so kommen wir damit wieder zu dem oben
besprochenen optimalen Zustand der Volksgröße. Die Verhältnisse
können aber auch anders liegen. Diese Harmonie, diese Ausgeglichenheit
 in den Grundlagen der menschlichen Wirtschaft kann
fehlen; an den anderen Produktionsfaktoren gemessen kann zu viel
oder zu wenig Arbeitskraft in einem Lande vorhanden sein. Wo
es an Arbeitskraft fehlt, wo also den anderen Grundlagen der Wirtschaft
 gegenüber die Bevölkerung zu dünn ist, da genügt sie nicht,
um die Gaben des Bodens und die vielleicht vorhandenen Kapitalgüter
 in vollkommener Weise auszunutzen. Damit kommen wir zu
der früher besprochenen Erscheinung der Untervölkerung, die sich
in der Regel dem verfügbaren Boden und seinen Gaben gegenüber
zeigt, während dies im allgemeinen in solchen Ländern dem Kapital
gegenüber nicht der Fall ist. Unter solchen Verhältnissen können
dann die Gaben der Natur nur in recht extensiver Weise, d. h. recht

1) Brinckmann, Die Ökonomik des landwirtschaftl. Betriebs, Grundr, d
Qozialökonomik, 7. Abt, 1022, S. 50/51.
        <pb n="355" />
        348 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

unvollkommen, ausgenutzt werden. Der Nahrungspielraum genügt
zwar dann für die vorhandene geringe Volkszahl, aber bei einem
Mehr an Menschen, also an Arbeitskraft, wäre es durchaus möglich,
den Nahrungsspielraum des betreffenden Gebietes mindestens proportional,
 vielleicht noch darüber hinaus, auszuweiten. Die Fälle,
in denen die vorhandene Arbeitskraft gegenüber dem vorhandenen
und dem sich neu bildenden Kapital zu gering ist, kommen selten
vor. Man konnte vielleicht eine solche Erscheinung in Frankreich
vor dem Weltkriege beobachten; damit hing dann die starke Kapitalausfuhr
 dieses Landes eng zusammen.
Freilich haben derartige Erscheinungen neuerdings auch andere
Formen angenommen. Es ist schon oben darauf hingewiesen worden,
daß der Mangel an Arbeitskraft in einem Lande einen mehr oder
weniger großen Ausgleich durch Maschinenarbeit finden kann,
Wo das möglich ist, kann die in einem Lande vorhandene Menge an
menschlicher Arbeitskraft für die Frage der Proportionalität der Produktionsfaktoren
 an Bedeutung beträchtlich zurücktreten. Das sind
Erscheinungen, die man in den letzten Jahren wohl am besten in
den Vereinigten Staaten von Amerika feststellen konnte. In diesem
Lande hat der relative Mangel an menschlicher Arbeitskraft gegenüber
den Gaben der Natur zu einer überaus kapitalintensiven Betriebsweise
 in allen Wirtschaftszweigen geführt. Hier ist das Schlagwort
von der „Effizienz“ der Arbeit aufgekommen und hier ist auch die
Ökonomie der Arbeitsverwendung in weit vollkommenerer Weise
durchgeführt als in den europäischen Staaten. Auf diese Weise ist
dort der Mangel an Arbeitskraft mit Erfolg überwunden worden.
Es handelt sich hier um das in der Nationalökonomie so bekannte
Substitutionsprinzip: unter den vorhandenen Produktionsmitteln,
 die zur Gütererzeugung tauglich sind, wird dasjenige gewählt,
das in einem bestimmten Zeitpunkt am billigsten ist. Wo das Angebot
 von menschlicher Arbeitskraft ausreicht, diese also billig ist,
da kann die Maschinenarbeit nur schwer und in geringem Umfang
aufkommen. Wo dagegen umgekehrt es an menschlicher Arbeitskraft
 mangelt und wo deshalb die Löhne hoch sind, da sucht man
die menschliche Arbeitskraft durch Kapital, durch produzierte Produktionsmittel,
 möglichst zu ersetzen. Das ist in den Vereinigten
Staaten bis zu einem Maße gelungen, daß dieses Land imstande war,
durch Kontingentierung der Einwanderung den früher so starken
Zustrom fremder Arbeitskräfte einzudämmen.
Wie liegen die Zusammenhänge in dem zweiten Falle, in dem
das Gleichgewicht der Produktionsfaktoren dadurch gestört ist, daß
        <pb n="356" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 349
Arbeitskraft im Übermaß vorhanden ist? Und zwar in einem Umfang,
 daß die natürlichen Hilfskräfte des Landes oder die vorhandenen
Kapitalgüter, oder beide zusammen, nicht ausreichen, um alle vorhandene
 Arbeitskraft in Bewegung zu setzen, So daß also für einen
Teil der Bevölkerung die Erwerbs- und Unterhaltsmöglichkeiten
fehlen. Unter diesen Voraussetzungen.begegnen wir der Erscheinung,
die man als das Bevölkerungsproblem im eigentlichen Sinne zu bezeichnen
 pflegt. Nur kann diese Erscheinung in verschiedenen
Formen auftreten. In den älteren Zeiten der menschlichen Geschichte
und auch noch heute auf einfacheren Stufen der Wirtschaft, auf
denen das Kapital noch keine oder nur eine sehr geringe Rolle
spielt, da handelt es sich im wesentlichen nur um das fehlende
Gleichgewicht zwischen Boden und Zahl der Menschen. Dagegen
spielt heute auch das Verhältnis von Menschenzahl und Menschenzuwachs
 zu der Menge an vorhandenen oder neu zu Schaffenden
Kapitalgütern eine immer stärkere Rolle; denn auf der heutigen
Stufe der Wirtschaft hängt die Ergiebigkeit der menschlichen Arbeit
in besonders hohem Maße von der Verfügung über die entsprechende
Menge und Beschaffenheit von Kapitalgütern ab. Warum das heute
in besonders hohem Maße der Fall ist, wird in anderem Zusammenhang
 noch genauer darzulegen sein. An dieser Stelle kam es nur
darauf an, zu zeigen, daß es sich bei der Größe des Nahrungsspielraumes
 in ganz besonders hohem Maße auch um das Mengenverhältnis
 zwischen den einzelnen Produktionselementen als den Grundlagen
 aller wirtschaftlichen Tätigkeit handelt.
Allerdings kommt es dafür keineswegs allein auf dieses Mengenverhältnis
 an, nicht allein darauf, ob bei einer Zunahme der Volkszahl,
 d. h. der Arbeitskraft, auch Boden und Kapital in dem entsprechenden
 Ausmaße zur Verfügung stehen, sondern auch darauf,
unter welchen Bedingungen, d. h. mit welchem wirtschaftlichen
Erfolg, bei steigender Volkszahl Boden und Kapital für die Erweiterung
 des Nahrungsspielraumes nutzbar gemacht werden können.
Nicht dann ist nämlich das oben als Ideal hingestellte wirtschaftliche
Optimum vorhanden, wenn die genannten Produktionselemente in
einem Mengenverhältnis vorhanden sind, das ihre restlose gegenseitige
 Ausnutzung gestattet, ohne daß irgendwelche Teile davon
brachliegen müßten; dieses Optimum ist vielmehr dann erst vorhanden,
 wenn das gegenseitige Mengenverhältnis dieser Produktionselemente
 derartig ist, daß die Gütererzeugung unter den geringsten
Kosten vor sich gehen kann. Hier müssen Technik und Wirtschaft
scharf auseinandergehalten werden.
        <pb n="357" />
        350 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

In dem bis jetzt angenommenen Falle, daß den anderen Produktionselementen
 gegenüber Arbeitskraft in zu großem Umfang vorhanden
 ist, genügen dann die vorhandenen Gaben des Bodens und
die vorhandenen Kapitalgüter nicht, um alle zur Verfügung stehende
Arbeitskraft in Bewegung zu setzen. Unter dieser Voraussetzung
ist die Bevölkerungsfrage ein reines Produktionsproblem und hat
ihre Ursache darin, daß die Entwicklung des Produktionsfaktors
Arbeit mengengemäß rascher vor sich gegangen ist, als diejenige von
Boden und Kapital oder von einem dieser beiden. Diese verschiedenen
 Möglichkeiten wollen wir im folgenden gesondert für
sich betrachten.
Die erste Form, in der wir in der Geschichte einem fehlenden
Gleichgewicht zwischen Bevölkerung und Wirtschaft begegnen, war
der Mangel an Boden. Wir haben gesehen, daß solche Spannungen
 unter Verhältnissen auftraten und heute auch noch auftreten,
in denen die Verfügung über Kapitalgüter nur eine ganz geringe
Rolle für die Gütererzeugung spielt und daß derartige Spannungen
in der Vergangenheit die Hauptursache von Kolonisation und Wanderbewegung
 waren. Wenn auch diese Aushilfsmittel immer noch dafür
in Frage kommen, so ist doch ihre Bedeutung älteren Zeiten gegenüber
 stark zurückgetreten. In früheren Zeiten mußte man das Gleichgewicht
 zwischen Boden und Menschenzahl im wesentlichen dadurch
herzustellen suchen, daß die Menschen, die zuviel da waren, aus
ihrer Heimat fortzogen, um sich neuen Boden zu beschaffen. Die
Entwicklung von Verkehr und Handel hat dann namentlich in den
beiden letzten Menschenaltern ganz andere Wege dafür möglich gemacht.
 Die Ausbildung von Weltverkehr und Welthandel hat zu
einem Güteraustausch zwischen den Ländern mit zuviel Boden und zuwenig
 Menschen und denjenigen Ländern mit zuwenig Boden und
zuviel Menschen geführt. Was damit gemeint ist, zeigt für Deutschland
 die folgende Zahlenreihe N.

(Tabelle siehe S. 351 oben.)

Umgekehrt sehen wir dann bei Ländern mit viel Boden und
reichen Naturgaben und mit einer dünnen Bevölkerung, daß bei der
Ausfuhr die Rohstoffe und Nahrungsmittel und bei der Einfuhr die
Fabrikate die Hauptrolle spielen. Ein Beispiel dafür gibt die folgende

1 Die Zugehörigkeit d. einzelnen Waren zu d. verschiedenen Gruppen hat sich
im Lauf des betrachteten Zeitraumes geändert. Dadurch geschieht jedoch dem, was
die Tabelle zeigen soll, kein Abbruch (ohne Edelmetalle).
        <pb n="358" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum

35T

Von 1000 Mark entfielen auf:

Durchschnitt
 der
Jahre |

L381—85
1886—90
1891—05
1896—00
1901—05
1906—10
1911—13
1924—26 |

Einfuhr

Rohstoffe für
Industriezwecke

einschl. Halbfabrikaten


Fabrikate

401
418
408
437
450
554 .
558 | 145
480 154

204
256
206
197
‚8

Nahrungs- u.
Genußmittel
einschl. Vieh

322
206
336
316
210
289
267
zz |

Rohstoffe für
Industriezwecke

einschl. Halbfabrikaten


239
194
209
220
239
248
259
187

Ausfuhr

Fabrikate

547
635
620
613 |
645
658
648
749

Nahrungsu.
 Genußmittel

einschl.
Vieh

197
144
127
120
95
95
97
560

Zahlenreihe, die im Gegensatz zu den Verhältnissen Deutschlands
diejenigen von Chile und Argentinien darstellt:

Es entfielen in Chile im Jahre
1926 von der Ausfuhr in %
auf folgende Gruppen
Lebende Tiere 0,6
Lebensmittel und Getränke 0,2
Rohstoffe und Halbfabrikate 92,2
Fertigwaren 0,4
Gold und Silber 0,6

Es betrug im Jahre 1926 die
Ausfuhr aus Argentinien in
Millionen Goldpesetos an
Erzeugnissen der Viehwirtschaft 347,6
„ Landwirtschaft 410,9
- » Forstwirtschaft 19,2
Sonstiges 14,4

»”„

Unter dem Gesichtspunkt der Zusammenhänge von Wirtschaft
und Bevölkerung kann man hier kurz von einem Austausch von
Boden gegen Arbeit sprechen. Was die wachsende Volkszahl
den europäischen Kulturstaaten gebracht hat, war eine Vermehrung
der Arbeitskraft, mit der keine entsprechende Vermehrung des Bodens
und seiner Erträge Hand in Hand ging. Diese vermehrte Arbeitskraft
 wurde in der Weise nutzbar gemacht, daß die in der Heimat
gewonnenen und aus der Fremde bezogenen Rohstoffe in gebrauchsfertige
 Waren umgewandelt wurden. Durch die so in sie hineingesteckte
 Arbeit erhielten sie einen höheren Wert und dann wurden
diese Fabrikate in der dafür erforderlichen Menge zur Bezahlung
der vom Ausland bezogenen Rohstoffe und Nahrungsmittel in Form
der Ausfuhr wieder an dasselbe abgegeben. Freilich handelt es sich
hierbei nur um einen Ausweg, der gangbar ist, wenn in den einzelnen
Ländern das Mengenverhältnis zwischen Boden und Arbeit in ver-
        <pb n="359" />
        352 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

schiedener Weise gestört ist. Daß auch das Absatzproblem dabei
eine Rolle spielt, werden wir später noch sehen. Für die ganze
Erde als solche kommt ein derartiger Ausweg nicht in Frage und
es ist leicht einzusehen, daß sich auch Schwierigkeiten ergeben
müssen, wenn die Gebiete, die bisher Rohstoffe und Nahrungsmittel
 ausgeführt haben, nun infolge steigender Volkszahl die
Gaben des Bodens selbst unmittelbar gebrauchen. Davon wird
noch an anderer Stelle die Rede sein. Hier kam es nur darauf
an, auf diese Zusammenhänge hinzuweisen, aber noch nicht, sie zu
beurteilen.
Bisher ist immer nur davon die Rede gewesen, daß die Bevölkerung
 dem vorhandenen Boden und seinen Gaben gegenüber
zu stark zugenommen hat und daß sich daraus Störungen zwischen
Volkszahl und Wirtschaft ergeben. Es handelt sich nun noch darum,
auch den dritten Produktionsfaktor, das Kapital, in diesen Zusammenhang
 mit einzubeziehen. Seine Rolle in diesem Zusammenhang
 ergibt sich ohne weiteres dann, wenn wir daran denken, daß
der eben dargelegte Tausch von Arbeit gegen Boden für das Land
mit zuviel Arbeitskraft an den Absatz der eigenen Gewerbeerzeugnisse
auf dem Weltmarkt gebunden ist, ganz abgesehen davon, daß auch
zur Entwicklung und zum weiteren Ausbau der .eigenen Landwirtschaft
 und sonstigen Bodenproduktion genügendes Kapital heute die
unerläßliche Voraussetzung ist. Ob und in welchem Maße die Ausfuhr
 von Fertigwaren nach fremden Ländern möglich ist, hängt eben
in entscheidendem Umfang von der Konkurrenzfähigkeit der Industrie
des betreffenden Landes auf dem Weltmarkt ab: Ein Volk, das sich
vor die Notwendigkeit gestellt sieht, auf dem Weltmarkt mit den
dort konkurrierenden Völkern Schritt zu halten, kann dies mit Erfolg
nur dann tun, wenn es nicht hinter den technischen und wirtschaftlichen
 Fortschritten seiner Konkurrenten zurückbleibt. Daß aber
dazu fortdauernd neue Kapitalaufwendungen und demgemäß neue
Kapitalbildung notwendig sind, bedarf keines besonderen Nachweises,
Ohne die Verfügung über die entsprechende technische Ausrüstung,
d.h. ohne die Verfügung über genügende Mengen an Kapital, wird
ein Land, das zu einem solchen Austausch von Arbeit gegen Boden
gezwungen ist, um seine Bevölkerung ernähren zu können, dazu auf
die Dauer nicht imstande sein. Gewiß kann der Kapitalmangel
eines Landes durch Kapitalwanderung und durch Kredite aus anderen
Ländern behoben werden, daß aber damit in der langen Linie
ungünstige Einflüsse auf die Größe des Nahrungsspielraumes entstehen
können, liegt auf der Hand,
        <pb n="360" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 353
Geht man bei Untersuchung dieser Zusammenhänge von den
Verhältnissen eines einzelnen Landes aus, so vereinfacht sich das
Problem von der Proportionalität der Produktionselemente für die
Länder, die aus Mangel an Boden und Bodenerzeugnissen zu diesem
Güteraustausch im Welthandel gezwungen werden. Der Boden fehlt
hier in dem erforderlichen Ausmaß; aber die vorhandene Arbeitskraft
 kann zum KEintausch von Bodenerzeugnissen nur ‚mit Erfolg
nutzbar gemacht werden, wenn ihr die entsprechende Menge an
Kapital und entsprechend ihrem Wachstum immer neugebildetes
Kapital gegenübersteht. Man kann für Länder in einer solchen
Lage demgemäß davon sprechen, daß eine bestimmte Proportionalität
zwischen Arbeitskraft und Kapital vorhanden sein muß, damit dieser
internationale Güteraustausch sich reibungslos vollziehen kann. Dabei
sei von anderen Hindernissen, die einem derartigen Austausch vielleicht
 im Wege stehen, zunächst abgesehen. Allerdings trägt eine
solche Proportionalität zwischen Arbeitskraft und Kapital einen
anderen Charakter, als jene zwischen Volkszahl, d. h. Arbeitskraft
und Boden. In diesem letzteren Falle handelt es sich lediglich darum,
wenn die Folgen einer Übervölkerung vermieden werden sollen, daß
der Boden an Umfang und Ertrag mindestens mit der Zunahme
des Volkswachstums Schritt hält. Ganz anders liegt es mit der Frage
von Kapital und Kapitalbildung.
Wohl kann man heute ganz allgemein sagen, daß der Nahrungsspielraum
 eines Landes nicht hinter dessen Volkswachstum zurückbleibt,
 wenn die jährliche Bereitstellung neuer Kapitalgüter in
mindestens dem Umfange vor sich geht, der dem bisherigen durchschnittlichen
 Kapitalbetrag pro Kopf der Bevölkerung entspricht.
Es handelt sich hier um einen Zusammenhang, der heute schlechthin
 für jede Wirtschaftsordnung, auch für eine solche auf sozialistischer
 Grundlage, Geltung hat. Aber eine dem Volkswachstum
entsprechende Verfügung über neue Kapitalgüter genügt nicht in
einer Zeit so gewaltigen technischen Fortschritts, wie ihn die
letzten Jahrzehnte aufzuweisen hatten; er genügt vor allem nicht für
Länder, die darauf angewiesen sind, Fertigwaren auf dem Weltmarkt
gegen Bodenerzeugnisse einzutauschen, Dieser Weg, den Nahrungsspielraum
 der wachsenden. Volkszahl anzupassen, macht für das
Fertigwaren exportierende Land die Verfügung über Kapitalgüter
nötig, deren Vermehrung erheblich über das eigene Volkswachstum
hinausgehen muß. Soweit man imstande ist, derartige Vorgänge
zahlenmäßig zu erfassen, bestätigt die statistische Betrachtung das
Gesagte, wie die folgende Aufstellung zeigt. Im Deutschen Reiche
Diehl-Mombert, Grundrisse, Bd. 15,

22
        <pb n="361" />
        354 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

kamen von 1000 der Bevölkerung auf die Erwerbstätigen in der
Industrie der Maschinen, Werkzeuge, Apparate der elektrotechnischen
Industrie, der Feinmechanik und Optik!) in den Jahren:

1882
1895
1907
1925

0,2
7,6
14,6
29,9

Wenn man so für Deutschland die Entwicklung der Produktionsmittelindustrien
 als Maßstab des Kapitalwachstums benutzt, so stehen
für andere Länder andere Maßstäbe dafür zur Verfügung. In den
Vereinigten Staaten von Amerika entfielen auf einen in der Industrie
beschäftigten Arbeiter in dieser Industrie tätiges Kapital in Dollar
in den Jahren ?)

1904
1909
{914
1010

232
279
324
491

Die Kapitalneubildung muß sich also. unter den genannten
Voraussetzungen in stärkerem Ausmaße vollziehen, als die Volkszahl
zunimmt. Der enge Zusammenhang zwischen Volkswachstum und
Kapitalneubildung ist heute allgemein anerkannt. Schon vor vielen
Jahren hat G. Cassel darüber gesagt: „Der Weg zur höheren
Bevölkerungsziffer fordert somit immer von der gegenwärtigen Generation
 den Verzicht auf einen Teil der vollen Frucht ihrer Arbeit.
Zu dieser Einbuße kommt dann die früher erwähnte, die infolge
der bei jedem Bevölkerungszuwachs nötigen Kapitalvermehrung entsteht.
 Erst wenn man diese beiden Opfer zusammenfaßt, bekommt
man eine Vorstellung von dem, was eine Volksvermehrung in der
Tat kostet. Von welcher grundlegenden Bedeutung diese Beobachtung
für ein richtiges Verständnis der Bevölkerungsfrage ist, liegt auf der
Hand“*%,. Daß hierbei Kapital nichts mit dem Begriff des Kapitalismus
 oder der kapitalistischen Wirtschaftsordnung im herkömmlichen
Sinne zu tun hat, braucht wohl nicht besonders hervorgehoben
zu werden. Es ergibt sich jedoch aus dem Gesagten, von welch
fundamentaler Bedeutung für das Bevölkerungsproblem

’) Bis zu d. Zählung 1925 waren alle diese Industrien in eine Gruppe zusammengefaßt;
 seitdem sind die elektrotechnische Industrie, Feinmechanik u. Optik ausgeschieden,
 En
?) Berechnet nach R. Meerwarth, Nationalökonomie u. Statistik, 1925,
Tab. S. 210/11.
3) Das Recht auf d. vollen Arbeitsertrag, 1900, S. 143-
        <pb n="362" />
        355
neute die Voraussetzungen sind, von denen das Maß der Kapitalneubildung
 in einem Lande abhängt.
Das Gesagte gilt jedoch nicht nur, wenn man das Bevölkerungsproblem
 vom Standpunkt eines einzelnen Landes aus betrachtet, es
hat auch volle Geltung, wenn man dabei die ganze Erde in Betracht
 zieht und das Wachstum der Erdbevölkerung mit den
Nahrungs- und Lebensmöglichkeiten vergleicht, die unser Planet
heute bietet und in Zukunft bieten kann. Denn ganz gleichviel, ob
man an diesen Möglichkeiten gemessen, noch ein großes oder ein
geringes Wachstum der Erdbevölkerung für möglich hält, so kann
doch darüber kein Zweifel obwalten, daß die Erschließung immer
neuer Lebens- und Ernährungsmöglichkeiten auf der Erde ohne die
Anwendung immer neuer und größerer Kapitalgütermengen nicht
möglich ist. Von dem Ausmaß und der Leistungsfähigkeit dieser
Kapitalgüter wird es abhängen, in welchem Umfang und mit
welchem Erfolg z. B. bisher unbebaute Gebiete wirtschaftlich neu
arschlossen werden können. Es braucht nur darauf verwiesen zu
werden, welche Bedeutung dafür die Ausgestaltung des Verkehrswesens
 haben wird. Für die hier vorhandenen Aussichten einer
ausreichenden Kapitalneubildung ist dann jedoch auch wieder umgekehrt
 die Größe und die Entwicklung des Nahrungsspielraumes
von entscheidender Bedeutung. Nicht nur, daß sich die Erweiterung
 des Nahrungspielraumes um so langsamer und um so schwerer
vollzieht, je mehr es an Kapitalgütern mangelt, auch der umgekehrte
Zusammenhang ist deutlich erkennbar. Wir müssen nur daran
denken, daß Kapitalbildung nichts anderes bedeutet als einen Verzicht
 auf den Genuß von Gegenwartsgütern. Je enger der Nahrungsspielraum
 ist, je weniger er dem Volkswachstum gegenüber zunimmt,
 um so geringer wird also bei gleicher Lebenshaltung die
Bildung neuen Kapitals sein können. Zwischen der Größe des
Nahrungsspielraumes und dem Maß der Kapitalneubildung bestehen
Jemnach die engsten Wechselbeziehungen.
3. Die Ertragsgesetze der Wirtschaft. — In dem Voranvegangenen
 war häufig von dem Gesetz vom sinkenden Bodenertrag
und seinem engen Zufammenhang mit dem Bevölkerungsproblem
die Rede?!). Das Gesetz besagt, daß wenn für die Wachstumsbedingungen
 der Pflanzen das Optimum vorhanden ist, die
Steigerung der Roherträge hinter den weiteren Aufwendungen an

1) Zur Geschichte dieses Gesetzes vgl. Black, a. a O. u. J. Eßlen, Das
Gesetz d. abnehmenden Bodenertrages seit J, v. Liebig, 1905.

mn
        <pb n="363" />
        356 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
Kapital und Arbeit zurückbleibt. Nach der Ansicht Vieler haben
wir es hier mit einem ausgesprochenen Naturgesetz zu tun, das bewirkt,
 daß „vermehrte Wertaufwendungen von Produktivgütern von
einer gewissen Grenze an fallende Erträge geben. Die Geltung des
Gesetzes in dieser Form kann als evident bezeichnet werden. Gälte
es nicht, wäre es möglich, auf einer gegebenen Bodenfläche durch
vermehrten Kostenaufwand den Ertrag stets verhältnismäßig zu
steigern, so würde ein beliebig großer Bedarf von Bodenprodukten
durch eine beliebig kleine Bodenfläche befriedigt werden können“ 2.
Hätte dieses Gesetz keine Geltung, dann wäre ja auch nicht einzusehen,
 warum es Länder gibt, die einen großen Teil ihres Nahrungsbedarfes
 aus anderen Ländern einführen und warum sie ihn nicht selbst
auf eigenem Boden erzeugen. Dieses Gesetz hat auch in dieser
prinzipiellen Geltung mancherlei Gegner gefunden, auf deren Argumente
 jedoch an dieser Stelle nicht genauer eingegangen zu werden
braucht. Wichtiger dagegen sind die Ansichten derjenigen, die
zwar dieses Gesetz als grundsätzlich richtig anerkennen, jedoch der
Meinung sind, daß es immer möglich sein werde, dieses Gesetz durch
technische und wirtschaftliche Fortschritte zu kompensieren oder
sogar zu überkompensieren.

Wird unter der Wirkung dieses Gesetzes produziert, so bedeutet
das, daß die Produktion unter steigenden Kosten vonstatten geht.
Diese Tatsache kann, privatwirtschaftlich gesehen, zunächst gleichgültig
 sein und braucht den Landwirt, der unter derartigen Bedingungen
 produziert, nicht weiter zu berühren, wenn die Preise
entsprechend steigen. Im Verhältnis zu den aufgewandten Mengen
an Arbeit und Kapital können recht wohl die Roherträge sinken,
während die Preise dabei so in die Höhe gehen können, daß der
geldliche Reinertrag dabei noch höher wird. Volkswirtschaftlich gesehen
 kommt es jedoch ganz allein darauf an, ob die vermehrten
Nahrungsmittel mit sinkenden oder mit steigenden Kosten gewonnen
worden sind oder gewonnen werden können. Nehmen wir einmal
den Fall an, daß keine Kompensation dieses Gesetzes auf irgendeine
Weise möglich sei, so bedeutet dies, daß mit steigender Volkszahl
die zusätzlichen Nahrungsmittel nur mit steigenden Kosten gewonnen
werden können. Vom Standpunkt der Bevölkerung aus gesehen
kann man diesen Zusammenhang auch so ausdrücken, daß unter
der Wirkung dieses Gesetzes bei zunehmender Volkszahl jede neuhinzukommende
 Arbeitsleistung weniger Bodenprodukte erzielt oder

!y F. X. Weiss, Art. „Abnehmender Ertrag‘, Handw. d. Staatsw., 4. Aufl.
        <pb n="364" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 357
von der anderen Seite gesehen, daß fortdauernd mehr Arbeit aufgewendet
 werden muß, um die gleiche Menge an Nahrungsmitteln
zu gewinnen. Wo das der Fall ist, wo ein Volk oder die ganze
Menschheit unter solchen Bedingungen zu leben gezwungen ist, dort
wird in der langen Linie gesehen, die menschliche Arbeit immer
weniger ergiebig werden und dort muß — gleiche Arbeitsleistung
vorausgesetzt — die Lebenshaltung als Folge von Änderungen in
den Größenverhältnissen von Volkszahl und Nahrungsspielraum zurückgehen.
 Wo man diesen Folgen ausweichen will, dort muß dauernd
mehr Arbeit aufgewendet werden, um die gleiche Menge an Nahrungsnitteln
 zu erzielen und wenn man das Gesetz rein prinzipiell auffaßt
 und es sich dauernd in Geltung denkt, muß einmal der Zeitpunkt
kommen, an dem dann den Mehraufwendungen von Arbeit so wenig
an neuen zusätzlichen Nahrungsmitteln gegenübersteht, daß diesen
Mehraufwendungen an Arbeit kein zahlenmäßig mehr in Betracht
kommender Einfluß auf die Vergrößerung des Nahrungsspielraumes
zukommt.
Es ist leicht einzusehen, daß und warum es unter solchen Voraussetzungen
 in dem oben dargelegten Sinne ein.Bevölkerungsoptimum
geben muß. Freilich gilt die eben skizzierte Entwicklung nur dann
und dort, wo diese ungünstigen Tendenzen nicht in irgendeinem Maße
kompensiert oder überkompensiert werden. Der Frage, ob dies
möglich ist und wovon eine solche Möglichkeit abhängt, haben wir uns
nun zuzuwenden. Daß diese Möglichkeit durchaus vorhanden ist,
zeigt bereits die geschichtliche Erfahrung. Diese Kompensation
ist schon innerhalb der ländlichen Produktion unmittelbar möglich.
Das Bodengesetz kann durch Änderungen der Technik, durch den
Übergang zu anderen Anbauarten außer Wirksamkeit gesetzt werden,
um dann freilich wieder unter den neuen Produktionsverhältnissen
von einem bestimmten Punkte ab wieder in Kraft zu treten. „Das
Gesetz stellt eine Tendenz dar, welche allerdings zeitweilig durch
technische Produktionsverbesserungen und durch eine geschickte Ausnützung
 der Bodenkräfte aufgehalten werden kann, welche aber doch
zuletzt unaufhaltsam zur Geltung kommen muß, wenn die Nachfrage
nach Produkten unbegrenzt wächst“!). Auch alle Steigerung der
Bodenproduktivität, die sich in so gewaltigem Ausmaße vor allem
in den letzten Menschenaltern vollzogen hat, ist kein prinzipielles
Argument gegen den Wahrheitsgehalt dieses Gesetzes.
In dieser Form, in seiner prinzipiellen Geltung, ist das Gesetz
auch im allgemeinen nicht bestritten worden. Wo dies doch der
73) A. Ma rshall, Handbuch d. Volkswirtschaftslehre, Deutsch 1905, S. 191.
        <pb n="365" />
        358 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
Fall war, da geschah es in einer Weise und mit Argumenten, die
ein ernsthaftes Eingehen darauf unnötig machen. Aber auch unter
denjenigen, die sonst dem Bevölkerungsproblem durchaus optimistisch
gegenüberstanden, ist — wie wir oben gesehen haben — dieses
Gesetz in seiner prinzipiellen Bedeutung durchaus anerkannt worden.
So sehr sich z. B. Kautsky gegen das Bodengesetz gewandt hat,
so sagt er doch schließlich: „Aber stets gibt es ein Minimum von
Arbeit, ohne das diese Verbesserung überhaupt nicht durchführbar
ist und ein Maximum, über das hinaus jeder weitere Arbeitszusatz
unnütz ist“ !).
Das gleiche gilt auch von Oppenheimer, der, wie wir sahen,
der Ausweitung des Nahrungsspielraumes sehr optimistisch gegenübersteht.
 Meint er doch, daß dort, wo außerökonomische Gewalt
nicht in den Ablauf der Wirtschaft eingreift, „das Land immer wächst
proportional seiner Bevölkerung, Das soll sagen, daß mit wachsender
Bevölkerung eine immer kleinere Fläche pro Kopf ausreicht, um die
Familien immer besser zu ernähren“ ?). Optimistischer kann man
die Aussichten für die Zukunft der Menschheit bei wachsender Volkszahl
 nicht gut darstellen. Und trotzdem erkennt Oppenheimer
in klaren Worten das Gesetz vom sinkenden Bodenertrag an, wenn
er in dem gleichen Werke sagt: „Die Nahrungsmittelerzeugung unterliegt
 nämlich unbedingt und unbestritten dem „Gesetz der sinkenden
Erträge“: Es hat den folgenden Inhalt: „Der Ertrag der landwirtschaftlichen
 Arbeit an Nahrungsmitteln wächst von einem gewissen
Optimum an ceteris paribus in geringerem Maße als die darauf verwendeten
 Kosten an Energie und kostenden Mitteln“. Je mehr Kräfte
an einer landwirtschaftlichen Arbeit kooperieren, desto kleiner wird
ceteris paribus der auf den einzelnen entfallende Ertrag an Nahrungsmitteln“
 ®%. Es handelt sich hier nicht um einen Widerspruch, wie
man zunächst glauben könnte. Vielmehr stellt Oppenheimer
diesem Bodengesetz seine Auffassung gegenüber, daß es nur Geltung
habe, wenn die Menschen mit den gleichen Werkzeugen und Kenntnissen
 tätig sind, daß es also nur unter den Voraussetzungen der
Statik gelte. „Glücklicherweise aber sorgt die gesellschaftliche Kooperation
 dafür, daß der Mensch bei seiner Nahrungsbeschaffung mit
immer besseren Kenntnissen und immer wirksameren Werkzeugen
ausgestattet wird, in dem Maße, wie die Bevölkerung sich verdichtet.“
Es stehen sich also zwei entgegengesetzt wirkende Kräfte gegenüber

!) Vermehrung, a. a. O., 5. 72.
?) System, 1. Bd., a. a. O., S. 883.
3 a. a. O., Bd. 23, S. 263.
        <pb n="366" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 359
einmal diese gesellschaftliche Kooperation und dann das Gesetz der
sinkenden Erträge. „Bis zu einem gewissen Optimum überwiegt die
erste Kraft. Aber wann ist dieses Optimum gegeben?“ Oppenheimer
 vertritt die Meinung !), „daß dieses Optimum heute noch
nicht erreicht ist und auch in keiner für uns absehbaren Zeit erreicht
werden kann“. Das Gesetz der sinkenden Erträge ist „bisher immer
durch das Gesetz der steigenden Erträge der Kooperation überkompensiert
 worden und wird in aller für uns absehbaren Zeit weiter
überkompensiert werden“,
Immerhin ist Oppenheimer seiner Sache doch nicht so ganz
sicher; in dem gleichen Zusammenhang sagt er nämlich: „Jedenfalls
gibt es kraft dieses Gesetzes für jede gegebene Kulturstufe auf
zinem Boden von gegebener natürlicher Ergiebigkeit eine maximale
Kapazität und Dichtigkeit. Ist diese einmal erreicht, dann muß die
menschliche Gesellschaft sich entweder teilen oder den weiteren
Zuwachs künstlich beschränken.“ An dieser Stelle sei jedoch auf
diesen offenkundigen Widerspruch nicht weiter eingegangen. An
einer anderen Stelle?) spricht er im Gegensatz zum Gesetz vom
sinkenden Bodenertrag von dem „Gesetz der Bodenkapazität“,
worunter er versteht, „daß mit wachsender Bevölkerung eine immer
kleinere Fläche pro Kopf ausreicht, um die Familien immer besser
zu ernähren: eine einfache Folge aus dem Hauptgesetz der steigenden
Erträge wachsender volkswirtschaftlicher Arbeitsteilung“.
Diese Gedanken Oppenheimers leiten zu der Frage hinüber,
welche Kräfte vorhanden sind, das Gesetz vom sinkenden Bodenertrag
 zu kompensieren und zu überkompensieren. Aus dem Ergebnis
dieser Überlegungen wird sich auch dann von selbst die Stellungıahme
 zu den dargelegten Anschauungen Oppenheimers ergeben.
Wenn Oppenheimer sagt, daß mit zunehmender Verdichtung
der Bevölkerung die Menschen mit um so besseren Kenntnissen und
mit um so wirksameren Werkzeugen ausgerüstet sind, so liegt darin
zunächst keinerlei Einwand gegen die Geltung des Bodengesetzes.
Denn dies wird natürlich immer nur als innerhalb eines gewissen
Standes der Technik wirksam hingestellt. Bereits J. St. Mill, sonst
doch, wie wir sahen, einer der entschiedensten Anhänger der
Malthus’schen Bevölkerungslehre, hat deutlich genug ausgesprochen“),
 daß Fortschritte in den landwirtschaftlichen Kenntnissen,
 Geschicklichkeit und Erfindungen und verbesserte Betriebs-Na,

 a O0. Bd. 3, S. 266.
N aa On Bd. ı, S. 838,
3 Grundsätze, a. a. O., 1. Buch, S. 188ff.
        <pb n="367" />
        360 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

arten imstande sind, jenem Gesetz der sinkenden Erträge mit Erfolg
entgegenzuwirken. Demgegenüber besagt es wirklich nichts Neues,
wenn Oppenheimer darauf hinweist, daß mit zunehmender Verdichtung
 der Bevölkerung die Kenntnisse besser und die Werkzeuge
wirksamer werden. Mill hat auch auf die starken Kräfte hingewiesen,
die von der Industrie ausgehen und imstande sind, diesem Bodengesetz
 entgegenzuwirken. „Eine bedeutende Verbesserung im Verfahren
 des Eisenschmelzens würde dahin wirken, Ackerbaugeräte
wohlfeiler zu machen, die Kosten von Eisenbahnen, von Wagen und
Karren, von Schiffen und vielleicht Wohnungen zu vermindern; infolge
davon würden auch die Kosten der Produktion von Nahrungsmitteln sich
verringern. Dieselbe Wirkung hat jede Verbesserung bei denjenigen
Behandlungsweisen der Fabrikation, denen die Nahrungsstoffe, nachdem
 sie vom Boden getrennt sind, unterliegen.“ Aber welchen
Schluß zieht Mill daraus für das Gesetz vom sinkenden Bodenertrag ?
„Dieses Gesetz“, sagt er, „kann jedoch hinausgeschoben oder zeitweilig
 eingeschränkt werden durch alles, was im allgemeinen die
Macht des Menschen über die Natur ausdehnt; insbesondere durch
jede weitere Erweiterung seiner Kenntnis und daraus entspringende
Herrschaft über die Eigenschaften und Kräfte der Naturfaktoren“ *!).
In diesen einfachen und klaren Sätzen Mills ist schon die
Hauptsache dessen enthalten, was sich gegen Oppenheimer und
die anderen Optimisten in dieser Frage vorbringen läßt: die Überkompensation
 ist häufig eingetreten, sie kann und wird auch immer
wieder eintreten, aber sie muß nicht immer eintreten. Wer nicht
beweisen kann, daß mit steigender Verdichtung der Bevölkerung
die Überkompensation immer eintreten muß und Oppenheimer
hat den Beweis nicht geführt, der hat auch das Gesetz der
sinkenden Erträge nicht widerlegt.
Auch wenn man mit Rücksicht auf die Elastizität der Produktionsbedingungen
 und mit Rücksicht darauf, daß bei zunehmender
Intensität die Steigerung der Roherträge zunächst eine überproportionale
 sein kann und mit Rücksicht darauf, daß dieses Gesetz
in seiner strengen Form nur für die Statik gilt und in der Dynamik
durch menschliches Handeln zeitweilig außer Wirksamkeit gesetzt
werden kann, in diesem Gesetz kein Naturgesetz, sondern ein Wirtschaftsgesetz
 erblicken will”), so bedeutet das für die Zusammenhänge
 von Volkswachstum und Nahrungsspielraum keine grundsätz-2a

 a O,, S. 193.
?3 W. Weddigen, Theorie des Ertrags, 1927, S. 156 ff.
        <pb n="368" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 361

liche Änderung. Auch Weddigen, der diese strenge naturgesetzliche
Formulierung mit guten Gründen ablehnt und nur von Ertragstendenzen
 spricht, meint von ihnen, „daß unter den Verhältnissen
der heutigen Wirtschaft und abgesehen von den Wertschwankungen
der Kostengüter und Produkte steigende Aufwendungen regelmäßig
in der Landwirtschaft einen relativ abnehmenden ... . Rohertrag
hervorbringen“ ?).
Zweifellos sind auch heute überaus starke Kräfte am Werke,
eine solche Überkompensation herbeizuführen und zweifellos wird
das auch in Zukunft immer wieder der Fall sein können. Will man
diese Kräfte kennen lernen und würdigen, dann darf man nicht die
Landwirtschaft allein betrachten, sondern muß seinen Blick auf die
ganze Gütererzeugung, also auch auf die Gewerbe wenden. Denn
von der Industrie gehen besonders starke Kräfte aus, die auch
günstig auf die Gestaltung der‘ Erträge im Landbau einwirken
können. Es handelt sich hierbei um sehr enge Wechselwirkungen;
denn auch das Gesetz vom sinkenden Bodenertrag kann nicht ohne
Einfluß auf die Ergiebigkeit in der Industrie bleiben.
Nimmt man zunächst einmal an, daß das Bodengesetz bei der
Bodenproduktion Geltung hat, ohne daß auf irgendeinem Wege die
Möglichkeit einer Kompensation oder Überkompensation vorliegt,
so muß damit auch die Ergiebigkeit der Arbeit in den Gewerben
ungünstig beeinflußt werden. Darauf hat schon Mill mit den
folgenden Worten hingewiesen: „Da die Stoffe zur Fabrikation alle
dem Boden abgewonnen werden, so muß das allgemeine Gesetz
der Produktion aus dem Boden, das Gesetz des sich vermindernden
Ertrags, schließlich ebensogut Anwendung finden auf die gewerbliche,
wie auf die landwirtschaftliche Erwerbstätigkeit“. Die Industrie
verarbeitet ja vor allem Erzeugnisse des Bodens und für diese Rohstoffe,
 wie Baumwolle, Wolle, Kohle, Metalle u. dgl. gilt grundsätzlich
das Gesetz der sinkenden Erträge; so weit das der Fall ist, muß
die Tatsache, daß die Rohstoffe, welche die Industrie verarbeitet, in
der langen Linie nur mit steigenden Kosten gewonnen werden
können, auch die Produktionskosten der Industrie in der Tendenz
ungünstig beeinflussen. Soweit vielleicht Gegenkräfte in der Industrie
durch Betriebsvergrößerung entstehen können, muß aber — wie
Schüller mit Recht betont hat?” — die Erzeugung von Bodena.

 a O., S. 229.
2) Schutzzoll u. Freihandel, 1905, S. 34f. — Die Gründe, die Weddigen
a. a, O., 5. 218) gegen diese Darlegungen Schüllers vorbringt, kann ich nicht als
stichhaltig ansehen.
        <pb n="369" />
        36 2 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

produkten vergrößert, also das hierbei geltende Gesetz der sinkenden
Erträge vielleicht wirksam werden. Man kann demnach sagen, daß
sich das Bodengesetz aus diesen Gründen auch auf die Industrie
überträgt. Die gleiche Wirkung muß aber in der Tendenz auch
deshalb eintreten, weil, wenn für die Gewinnung der Nahrungsmittel
 das Gesetz der sinkenden Erträge wirksam ist, in der Industrie
die Löhne steigen müssen, wenn nicht die Lebenshaltung der
Arbeiterschaft zurückgehen soll. Das Bodengesetz muß also in der
Tendenz auch die Industrie beeinflussen. Freilich gehen nun aber
von dieser Industrie sehr starke Gegentendenzen aus, deren Besprechung
 einen etwas allgemeineren Charakter tragen muß.
Man hat in den letzten Jahren, vor allem von Amerika ausgehend,
 häufig die Meinung vertreten, daß im Hinblick auf die Ertragsgesetze
 zwischen Bodenproduktion und weiterverarbeitender
Industrie kein grundsätzlicher Unterschied vorhanden sei, daß vielmehr.
 für die ganze Wirtschaft eines Landes ein einheitliches
Ertragsgesetz gälte. Auch in Deutschland hat diese Auffassung
Anhänger gefunden !). Die Argumentation für diese Auffassung,
auf die natürlich an dieser Stelle nur in großen Zügen eingegangen
werden kann, ist nicht ganz gleichartig. Verschiedene Gruppen von
Erwägungen werden dabei ins Feld geführt. Es handelt sich hierbei
einmal um das sogenannte Gesetz der Proportionalität, das Vogelstein
 mit folgenden Worten umschrieben hat: „Es gibt ein günstiges
Wirkungsverhältnis der Produktionsfaktoren, das wir eben mit Proportionalität
 bezeichnen. Aller zunehmende Ertrag im Verhältnis
zu den aufgewendeten Produktionsmitteln beruht darauf, daß ein
Produktionselement bisher im Überfluß vorhanden war und daher
die Zuführung aller anderen genügt, um die Produktion zu steigern.
Zunehmender Ertrag ist also die Folge einer Annäherung an die
Proportionalität. Aller abnehmende Ertrag geht auf das Gegenteil
zurück, auf steigende Disproportionalität“. Silbe hat dazu bemerkt,
daß diese ungünstige Folge für den Ertrag überall dort einträte, wo

1) Vgl. hierzu vor allem J. B. Clark, The distribution of wealth, New York
1920. — Th, M. Carver, The distribution of wealth, ebenda 1921. — Derselbe,
The universal law of diminishing returns. Quarterly journal of economics, 1903. —
F. W. Taussig, Principles of economics, New York 1923. — Th. Vogelstein,
Das Ertragsgesetz d, Industrie, Arch. f, Sozialwissenschaft, Bd. 34. — H. Neisser,
Das Gesetz, a, a. O0. — C. Silbe, Die Ertragsgestaltung i. d. Industrie, 1926. —
K. Diehl, Gibt es ein allgemeines Ertragsgesetz für alle Zweige des Wirtschaftslebens?
 Jahrb. f. Nat. u. Stat., Bd. 120. — R. Stucken, Gibt es ein allgemeines
Ertragsgesetz f. alle Zweige d. Wirtschaftslebens? ebenda, Bd. 123. — J. Schumpeter,
 Das Rentenprinzip i. d. Verteilungslehre, Schmollers Jahrb., Jahrg. 31.
        <pb n="370" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 363
in der Produktion ein Faktor festgelegt ist. Er formuliert als allgemeines
 Ertragsgesetz: „Jeder Mehraufwand von Produktionsfaktoren,
der eine Annäherung an die durch einen konstanten Faktor bedingte
Proportionalität der Faktoren bedeutet, erzielt zunehmende Erträge,
jeder Aufwand, der von dieser Proportionalität entfernt, bedeutet
sinkende Erträge“ !).
Man erkennt, daß es sich bei diesem sogenannten Proportionalitätsgesetz
 um ähnliche Überlegungen handelt, wie sie weiter oben
im Zusammenhang mit der Frage einer optimalen Bevölkerung ausgesprochen
 worden sind. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß
dieses Gesetz einen sehr wichtigen Zusammenhang ausdrückt und
zutreffende Tendenzen in sich schließt. Unstreitig gibt es eine optimale
 Proportion der Produktionsfaktoren und Abweichungen davon
werden die Erträge in der ganzen Wirtschaft, auch in der Industrie,
ungünstig beeinflussen ?)., So viel Richtiges und Wichtiges diese
Gedanken aber auch enthalten, so reichen sie doch nicht aus, um
ein allgemeines, für alle Produktion gültiges, nach einer bestimmten
 Richtung hin wirksames Ertragsgesetz zu formulieren.
Diesen Versuchen gegenüber hat zunächst Diehl mit Recht darauf
hingewiesen, daß es sich bei dem Bodengesetz um die Roherträge,
bei diesem Proportionalitätsgesetz in der Industrie dagegen um ‘die
Reinerträge handelt. Es ist ihm auch darin zuzustimmen, daß diese
Disproportionalität in der Industrie auftreten kann, dagegen in der
Urproduktion in ganz anderer, zwangsläufiger Weise gegeben ist,
weil hier ein und zwar der wichtigste Produktionsfaktor stets beschränkt
 vorhanden ist. Wenn man von seiten der Vertreter eines
allgemeinen Ertragsgesetzes vor allem auch darauf hingewiesen
 hat, daß ein Fabrikunternehmen, wenn es seine Produktion
vermehren will, unter Umständen gezwungen ist, mehrere Stockwerke
auf die bisherigen Gebäude aufzubauen oder ganz neue Gebäude
zu errichten, daß es also auch an den Boden gebunden ist, so ist das
durchaus zutreffend. Aber schon Vogelstein hat demgegenüber
darauf hingewiesen, daß die Industrie verhältnismäßig so wenig
Grund und Boden brauche, daß in einem großen Lanue in dieser
Hinsicht, vielleicht abgesehen von einigen Hüttenwerken, kein Mangel
an Boden vorkommen kann. Auch der Einwand von Diehl, daß
in der verarbeitenden Industrie der Boden nur räumlicher Standort
bei der Urproduktion dagegen das wichtigste Produktionsmittel sei,

Ya, a. 0. S. 20.
2 Mombert, Die Ökonomie, a, a. O., S. 550.
        <pb n="371" />
        364 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

ist durchaus zutreffend. Dabei handelt es sich doch um wesentlich
mehr als um eine Frage der Definition, wie Stucken gemeint hat,
Auch die Darlegungen, welche sich bei Weddigen über
diese Frage vorfinden, verdienen alle Beachtung. Er will schließlich
ein solches Ertrags- oder Produktivitätsgesetz, wie er es nennt, wohl
für alle statischen Verhältnisse gelten lassen, betont aber dazu. mit
Recht *), daß dieses Ertragsgesetz gar nichts über die Frage aussage:
 „Ob tatsächlich die Mehrheit der empirischen Produktionsvorgänge
 irgend eines Produktionsgebietes sich unter der Herrschaft
des aufsteigenden (bzw. mindestens horizontalen Teils) oder des absteigenden
 Teils der Ertragskurve vollzieht“. Aber gerade auf diese
:atsächliche Gestaltung, auf die Dynamik, nicht auf die Zusammenhänge
 in der Statik, kommt es an, wenn man die Frage
aufwirft, welcher Ausweitung der Nahrungsspielraum bei wachsender
Volkszahl fähig ist. Es handelt sich hier um ein ausgesprochen
dynamisches Problem. Daß in der Industrie nicht restlos das Gesetz
vom steigenden Ertrage herrscht, wie man früher mitunter angenommen
 hat, ist ebenso richtig, wie die Tatsache, daß gewisse
Analogien zu den Verhältnissen innerhalb der Urproduktion dabei
vorhanden sind. Es gibt ein Gesetz der sinkenden Erträge, das in
der Urproduktion herrscht; es können auch Fälle vorkommen, in
denen sich für kürzere oder längere Zeit die Erzeugung hier unter
steigenden Erträgen vollzieht. Das kann in der Urproduktion der
Fall sein und das wird in der weiterverarbeitenden Industrie noch
häufiger auftreten. Man kann aber nicht ohne weiteres sagen, daß
in der Industrie eines dieser Gesetze unbedingt herrsche. Schon in
einer älteren Schrift habe ich darüber ausgeführt: „Es besteht in
der Geltung dieser beiden Ertragsgesetze weder ein grundsätzlicher,
noch ein dauernder Unterschied und Gegensatz zwischen der Landwirtschaft
 und den Gewerben. Auch in diesen kann eine Mehraufwendung
 von Kapital und Arbeit von sinkenden Erträgen begleitet
sein, während in der Landwirtschaft. wenn auch nicht dauernd, so
doch unter Umständen und vorübergehend, eine Mehraufwendung
von Kapital und Arbeit steigende Erträge, also relativ sinkende
Kosten zur Folge haben kann“ 3).
Es ist deswegen viel richtiger, mit Weddigen statt von Gesetzen,
 in diesem Falle von Tendenzen zu sprechen. Man wird dann
unter Tendenzen mit Jevons eine Ursache verstehen. die eine Wira.

 a. O., S. 227.
*) Mombert, Bevölkerungspolitik, a. a. O., S. 3.
        <pb n="372" />
        365
kung hervorruft, wenn nicht entgegenstehende Ursachen vorhanden
sind ?).
In der Industrie liegen die Verhältnisse viel mannigfaltiger als
in der Urproduktion, In der Industrie können auch ganz andere
Faktoren auf die Ertragsgestaltung einwirken, als es hier der Fall ist.
Man würde sich den Blick für diese verschiedenartige Gestaltung
verbauen, wenn man die hier vorhandenen zahlreichen Tendenzen
durch ein allgemeines, für die ganze Produktion geltendes Ertragsgesetz
 nivellieren wollte. Damit ist keineswegs gesagt, daß in der
Industrie unbedingt immer günstige Ertragstendenzen herrschen
müssen; nur Scheint es mir unrichtig und unzweckmäßig zu Sein,
auch auf sie das Gesetz der sinkenden Erträge ohne weiteres anwenden
 zu wollen. Würde ein solch allgemeines, für die ganze
Produktion geltendes Ertragsgesetz im Sinne abnehmender Erträge
vorhanden sein, so wäre die Frage nach den künftigen Erweiterungsmöglichkeiten
 des Nahrungsspielraumes relativ einfach zu beantworten,
Die Antwort würde dann eben lauten müssen, daß der Nahrungsspielraum
 als Ganzes die Tendenz hat, langsamer anzusteigen, als
die Volkszahl zunimmt. Lehnt man jedoch aus den dargelegten
Gründen ein solch allgemeines Ertragsgesetz ab, so ist die
Antwort auf diese Frage zunächst noch unbestimmt und muß in
mancher Hinsicht davon abhängen, welche Ertragstendenzen sich in
der Industrie herausstellen. Das ist die Frage. der wir uns zunächst
zuzuwenden haben.
Wir haben bereits gesehen, daß mittelbar von der Urproduktion
aus Kräfte am Werke sind, welche die Erträge in der Industrie ungünstig
 beeinflussen können. Es handelt sich dabei also darum, daß
sich die Tatsache sinkender Roherträge von der Urproduktion auf
die weiterverarbeitende Industrie überträgt. Wenn, ausgehend von
den Ertragstendenzen in der Urproduktion, die Rohstoffe teurer
werden und als Folge steigender Nahrungsmittelpreise auch die
Löhne in der Industrie in die Höhe gehen müssen, so liegt darin
eine Tendenz, die auch die Ergiebigkeit der Arbeit und Kapitalaufwendungen
 in der Industrie herabdrücken muß. Wenn die Rohstoffe
 teurer werden, so muß sich das auch auf die Fertigwaren
übertragen, So daß zunächst "mit derselben Menge an Arbeit weniger
davon gekauft werden könnte. Nehmen wir an, daß die Nominallöhne
 in einem Ausmaße steigen, daß sich der Reallohn diesen
Preissteigerungen gegenüber gleichbleibt, So kann doch dadurch für

N Jevons, Leitfaden d. Logik, Deutsch, 1906, S. 279.
        <pb n="373" />
        366 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

die Gesamtheit der Bevölkerung kein Ausgleich eintreten, weil auch
diese Steigerung der Nominallöhne preissteigernd wirken muß und
ja auch die Lohn- und Gehaltsempfänger Konsumenten sind. Preissteigerungen
 als Folge naturalbedingter höherer Produktionskosten
können natürlich niemals durch Einkommenserhöhungen in einem
Lande kompensiert werden.
Auf ungünstige Tendenzen in der Ertragsgestaltung der Industrie,
die aber einen ganz anderen Charakter als die eben besprochenen
tragen, hat bereits J. Wolf hingewiesen !). Es ist in erster Linie
das sog. Gesetz der technisch-ökonomischen Entwicklungsgrenze,
das hier in Frage kommt. Der Fortschritt der Vergangenheit soll
demjenigen der Zukunft den Weg versperren, so daß für den künftigen
 Fortschritt ein Entwicklungsspielraum übrig bleibt, der nur
einen geringeren Bruchteil des früheren Fortschrittes ausmacht. Aus
den mannigfachen Beispielen, die Wolf dafür gibt, sei zur Illustration
 nur auf das Folgende hingewiesen: „Die Herstellung einer
Tonne Schmiedeeisen soll in der römischen Kaiserzeit etwa 4000 M.
gekostet haben. Vor dem Kriege betrug der Preis dafür etwa 100 M.
Das war ein Vierzigstel. Ist der Preis aber heute 100, so ist die
maximale Verbilligungsmöglichkeit in der Zukunft weniger als 100“.
Wolf führt selbst eine Reihe von Einwendungen gegen dieses von
ihm aufgestellte Gesetz an; er zeigt aber und wie ich glaube, mit
Recht, daß trotzdem die von ihm aufgestellte Tendenz zu Recht
besteht. Dem von ihm aufgestellten Gesetz des Kapitalentwertungswiderstandes
 als fortschritthemmendes Moment möchte ich dagegen
für das vorliegende Problem nicht die gleiche Bedeutung beimessen.
In diesem Zusammenhang sei auch auf Büchers Gesetz der
Massenproduktion hingewiesen, daß sich auch in den Gewerben
die Kostenminderung langsamer vollzieht, als die Produktionsmasse
steigt und sich um so mehr verlangsamt, je größer die Masse wird ?).
Auch von anderen Gesichtspunkten aus hat man schon auf
manche Faktoren hingewiesen, die auf die künftigen und möglichen
Fortschritte in der Industrie ein keineswegs günstiges Licht werfen.
Man hat dafür namentlich auf technisch-organisatorische Momente
hingewiesen. Vogelstein hat betont, daß bei der Zerlegung der
Arbeit für Menschen und Maschinen ein Punkt vorhanden sei, über
den hinaus sie nicht mehr gesteigert werden könne. Schon Schmoller

1) Nahrungsspielraum u. Menschenzahl, 1917. — Derselbe, Die Volkswirtschafl
d. Gegenwart u. Zukunft, 1912.
*) Das Gesetz d. Massenproduktion, in „Die Entstehung d. Volkswirtschaft,
2. Samml.. 10920.
        <pb n="374" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 367
hat den Fortschritten von Technik und Maschine gegenüber die
Frage aufgeworfen: „Es fragt sich immer, ob der Aufwand dem
größeren und besseren Resultate entspricht, ob nicht die kompliziertere
Methode zu viel Reibung verursacht, ein zu schwieriges, hemmendes
Zusammenwirken vieler Personen zur selben Zeit oder nacheinander
erfordert. Es muß immer die verbesserte technische Methode mit
ganz besonderem Glück und Geschick erfunden sein, wenn sie diese
Hemmnisse überwinden, wenn der Erfolg dem Aufwand entsprechen
soll. ... Überall wird ein Teil des wirtschaftlichen Erfolges der
höheren Technik durch den steigenden schwerfälligen Apparat aufgehoben“
 !). Man hat auch neuerdings öfters darauf hingewiesen,
daß der Zug zum Großbetrieb schon aus organisatorischen Gründen
auf gewisse Grenzen stoße, weil von einer gewissen Betriebsgröße
„b sowohl im Handel wie in der eigentlichen Fabrikation die Unkosten
 zum Steigen tendieren ?).
Wenn hier von der Frage des Großbetriebes die Rede ist,
so geschieht dies deshalb, weil man früher gerade in der Entwicklung
zum Großbetrieb die Kräfte erblicken wollte, mit denen man hier ein
Gesetz vom steigenden Ertrag begründen kann. Noch Philippovich
hat gesagt: „Der Großbetrieb verbilligt die Produktion und daher
stets auch die Produkte, solange ein freier Wettbewerb der Konkurrenten
 besteht“®. Auch Dietzel hat gemeint: „In der Industrie,
im Handel, im Transport — kurz, auf allen übrigen Gebieten der
Arbeit mit Ausnahme der. Rohstoffproduktion — gilt dagegen das
Gesetz des zunehmenden Ertrages“*). Ähnliche Gedanken finden
sich auch bei A. Wagner. Er hat bei der Produktion der beweglichen
 Güter ebenfalls von einem Gesetz vom steigenden Ertrag gesprochen.
 „Dem Bodengesetz entgegengesetztes Benützungsgesetz
für die Träger motorischer Kräfte, besonders der Maschinen: Gesetz
der wachsenden Erträge und abnehmenden Kosten. Daher Tendenz
der sinkenden Kosten der Produktion mit Maschinen usw. mit deren
steigender Größe“ ®. Demgegenüber hat jedoch neuerdings Wiedenfeld
 mit Recht hervorgehoben, daß auch dieser kostensenkenden
Tendenz des Großbetriebs gewisse Grenzen gezogen sind:.„Je größer
ein Gesamtwerk ist. und ie mehr es auf verschiedene Örtlichkeiten

» Schmoller, Grundriß, 1, S. 226.
? Sombart, Das Wirtschaftsleben, z. Halbbd., S. 865 ff. — Ferner v. d. Gab-Lentz,
 Industriebureaukratie, Schmollers Jahrb., Jahrg. 5.
$) Philippovich, Grundriß, a. a, O., S. 220.
») Weltwirtschaft u. Volkswirtschaft, 1900,
5) Theoretische Sozialökonomik, I, S. 226.
        <pb n="375" />
        368 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

sich verteilt, um so schwieriger ist die Einheitlichkeit der zentralen
Leitung und damit der Arbeit festzuhalten. Greift die Zentralstelle
in die Einzelheiten der Betriebsführung hinein, so erhebt sich riesengroß
 die Gefahr der Bureaukratisierung und Unbeweglichkeit bei
den unteren Instanzen, Läßt man aber von oben her den einzelnen
Betriebsleitern größere Freiheiten — meist das weitaus geringere
Übel — so gibt es leicht ein ungeordnetes Nebeneinander und
schließlich Gegeneinander“ ).
Die bisherigen Darlegungen mögen genügen, um zu zeigen, daß
man auch in der Industrie keineswegs unbedingt von einem Gesetz
der steigenden Erträge sprechen kann, daß auch hier Tendenzen
vorhanden sind, die trotz aller Fortschritte von Technik und Wirtschaft
 von einem bestimmten Punkte ab vielleicht einen ungünstigen
Einfluß auf die Ertragsgestaltung ausüben können. Man sieht jedoch
aber aus dem Gesagten, daß diese hierbei wirksamen Kräfte einen
ganz anderen Charakter tragen als diejenigen in der Urproduktion.
Bei dieser sind es weit stärker reine Naturtatsachen, die letzten Endes
entscheidend ins Gewicht fallen. Wohl spielen solche Naturtatsachen
auch mittelbar eine Rolle für die gewerbliche Produktion; daneben
sind es aber doch ganz anders geartete Faktoren, die in ihr sowohl
nach der günstigen wie nach der ungünstigen Seite hin wirksam
sein können. Man verbaut sich den Blick für die hier vorhandene
Mannigfaltigkeit, wenn man von einem einheitlichen Ertragsgesetz
für die ganze Wirtschaft sprechen will.
Es kommt aber noch hinzu, daß im Gegensatz zur Urproduktion
in der eigentlichen Industrie doch noch in ganz anderem Ausmaße
Faktoren wirksam sein können, die imstande sind, die eben dargelegten
 ungünstigen Tendenzen zu kompensieren. Um was es sich
dabei handelt, kann freilich an dieser Stelle nur in großen Zügen
angedeutet werden. Hier kann eben der technische und wirtschaftliche
 Fortschritt ganz andere Formen und ein ganz anderes Ausmaß
annehmen, als das in der Urproduktion möglich ist, hier kann, wie
die Erfahrung zeigt, die menschliche Arbeit viel unabhängiger von
den Gaben und Voraussetzungen der Natur wirksam werden, als es
dort möglich ist. Deshalb hat auch Weddigen mit Recht darauf
hingewiesen ?), daß der industrielle Unternehmer nicht, wie der
Landwirt, den Produktionsapparat gewissermaßen als fertige Gabe
der Natur erhält, daß er ihn vielmehr nach den Weisungen der
Technik selbst zusammensetzt und daß der gewerbliche !nternehmer
1) K. Wiedenfeld, Kartelle u. Konzerne, 1927, S. 31 u. S. 67.
2) a. a. O., S. 228.
        <pb n="376" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 360
auch durch die Technik einen ganz anderen Einblick in die Kausalzusammenhänge
 hat, die den Produktionsapparat beherrschen, als
es beim Landwirt der Fall ist.
In der Industrie können einmal wichtige Wandlungen in den
verwendeten Rohstoffen eintreten. Hier haben es die Fortschritte
der Technik bewirkt, und sie werden es noch weiter bewirken, daß
bei der Gütererzeugung zu immer billigeren und immer ergiebigeren
Rohstoffen übergegangen werden kann. Sombart hat eine ganze
Reihe derartiger neuer Stoffe aufgezählt, die im Laufe der Zeit an
die Stelle teurerer und weniger ergiebigerer und weniger haltbarerer
getreten sind !). Daß in einer Entwicklung dieser Art eine starke
Unabhängigkeit von den. Gaben der Natur und damit auch von
den hier geltenden ungünstigen Ertragstendenzen liegt, ist klar.
Sombart hat zusammenfassend gesagt, seine Zusammenstellung
zeige, „daß auf allen Gebieten, für alle Verwendungsarten, an die
Stelle ehemals organischer, d. h. dem Pflanzen- und Tierreich angehöriger
 Stoffe, jetzt anorganische, dem Mineralreich, der leblosen
Natur entnommene Stoffe, getreten sind“. Er hat in diesem Zusammenhang
 von‘ der Verlegung des Schwergewichts des Wirtschaftslebens
 aus der Sphäre der Land- und Forstwirtschaft in die
Sphäre der mechanisch-anorganischen Produktion gesprochen.
Daneben treten dann immer neue wirksame Kräfte bei der
Gütererzeugung auf, die auch mittelbar oder unmittelbar der Landwirtschaft
 zugute kommen. Es handelt sich hier um die zahlteichen
 neuen Verfahren, die durch die großen Fortschritte in der
Chemie und Mechanik möglich geworden sind. Daß sich auf diesen
Gebieten für die Zukunft noch gewaltige Aussichten eröffnen, unterliegt
 keinem Zweifel. Wir können uns freilich heute noch keine
genaue Vorstellung davon machen, welche Energiequellen in Zukunft
und mit welchem Erfolg nutzbar gemacht werden können. Es
hätte auch nicht viel Sinn, hier irgendwie prophezeihen zu wollen.
Sombart, dem ich auch hier folge, hat auf die Energie der Wasserkräfte,
 auf die Energie von Ebbe und Flut und die Energie der
Sonnenstrahlung als künftige Kraftquellen hingewiesen. , Auch die
möglichen Fortschritte der Atomphysik, durch Zerlegung der Atome
die dabei freiwerdende Energie der menschlichen Arbeit nutzbar
zu machen, seien hier erwähnt?). Von der Voraussage W. Ost-')

 Das Wirtschaftsleben, ı, S. 97 ff.
?) Deutsche Bergwerkszeitung, Jubiläumsausg., Jannar 1925, Energiequellen d.
Zukunft. — Büsselberg, Die Energiequellen des Kosmos u. d. Erde im Dienste d.
Menschheit, Deutsche Rundschau 1924.
Diehl-Mombert, Grundrisse, Bd. 15.
        <pb n="377" />
        370 | Zweiter systematisch-theoretischer Teil

walds: „Als späteres Ziel des Fortschritts wird ... die unmittelbare
Benutzung der Sonnenenergien anzusehen sein, wobei die Erde mit
Apparaten bedeckt sein wird, in denen dies geschieht und in deren
Schatten die Menschen ein bequemes Dasein führen werden“, hat
Sombart gemeint, sie werde gewiß eintreten !)., Daß auch neuerdings
 Stoffquellen aufgedeckt worden sind, die man mit Sombart
als praktisch unerschöpflich bezeichnen kann, wie die Vorräte an
Aluminium, die sich in der Tonerde befinden oder die Stickstoffmengen
 in der Luft, gehört ebenfalls hierher.
Man braucht alle diese wirtschaftlichen und technischen Möglichkeiten
 keineswegs zu überschätzen und sich keinem übertriebenen
Optimismus hinzugeben. Diehl hat durchaus recht, wenn er deshalb
z. B. der Herstellung von Nahrungsmitteln auf synthetischem Wege
skeptisch gegenübersteht °). Während man aber früher häufig darauf
hingewiesen hat, daß bei der Gewinnung von Bergwerkserzeugnissen
kein „Anbau“, sondern ein „Abbau“ stattfinde, daß also hier, wie vor
allem bei der Kohle, in nicht allzu langer Zeit mit der Gefahr einer
Erschöpfung zu rechnen sei, so hat doch diese Befürchtung angesichts
 der neuesten Fortschritte auf dem Gebiete der. Kraftgewinnung
 beinahe alle Bedeutung verloren. Man darf also diese
technischen Möglichkeiten in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung nicht
anterschätzen.
Freilich ist man deshalb noch nicht berechtigt, von einem Gesetz
 des steigenden Ertrags in der Industrie zu sprechen; ebensowenig
 aber darf man hier von den entgegengesetzten Tendenzen
reden. Es wäre doch eine Rechnung mit zu vielen Unbekannten,
wenn man die hier vorhandenen, vielfachen Tendenzen und Möglichkeiten
 in ein bestimmtes eindeutiges Gesetz, so oder so, zusammenfassen
 wollte. Jedenfalls steht es fest, daß in der Industrie weit
stärkere Kräfte am Werke sind, die hier unstreitig vorhandenen ungünstigen
 Tendenzen zu überwinden, als dies in der Urproduktion
der Fall ist. Wir müssen dabei hier immer im Auge haben, daß
Fortschritte, die in der Industrie gemacht werden, ihrerseits wieder
starke Möglichkeiten enthalten, jenem ungünstigen Ertragsgesetz in
der Urproduktion entgegenzuwirken. Es sei nur auf die Anwendung
der elektrischen Kraft in der Landwirtschaft, auf die Bereitstellung
von Kunstdünger oder beispielsweise auf die große Bedeutung hingewiesen,
 welche die Ausgestaltung des Verkehrwesens für die
Kostenentwicklung in der Landwirtschaft hat.
1) Energetische Grundlagen d. Kulturwissenschaft, 1909, S. 47.
?) Theoretische Nationalökonomie, Bd. 2, S. 57ff.
        <pb n="378" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 371

Wir dürfen auch in diesem ganzen Zusammenhang nicht außer
acht lassen, daß dem Volkswachstum selbst in der Tendenz ein
stark wohlstandsförderndes Moment innewohnt. Es ist nicht daran
zu zweifeln, daß die oben dargelegten optimistischen Lehren Careys
und Oppenheimers einen richtigen Kern enthalten. Wie oft konnte
man in der Vergangenheit diesen produktionsfördernden Einfluß des
Volkswachstums wahrnehmen. Sollte das für die Zukunft nie mehr der
Fall sein? Ist doch die Ausbildung der Arbeitsteilung, des Verkehrs,
 überhaupt der ganze Massenabsatz und damit die kostenersparende
 Massenproduktion unweigerlich an eine bestimmte Dichte
der Bevölkerung gebunden. Sicherlich vollziehen sich heute auch
zahlreiche Fortschritte dieser Art ohne entsprechendes Volkswachtum,
vor allem in der Gegenwart, wenn sie aus Gebieten höherer wirtschaftlicher
 Stufe in solche niedrigerer übertragen werden. Mit Recht hat
Wright bedauert, daß wir nicht zwischen den Produktionsersparnissen
 unterscheiden können, die durch das Wachstum der Bevölkerung
bedingt sind und zwischen denjenigen, die auch stattfinden würden,
wenn die Bevölkerung stationär bliebe !. Allerdings liegt in dem
Volkswachstum nur ein treibendes Element, nur die Möglichkeit,
keineswegs die unbedingte Sicherheit einer Entwicklung nach
dieser günstigen Richtung hin, daß der Nahrungsspielraum stärker
zunimmt als die Volkszahl, wie Carey und Oppenheimer doch
zu Unrecht angenommen haben.
Der Zusammenhang zwischen Volkswachstum und technischem
Fortschritt wird vornehmlich dann deutlich, wenn wir an den Zusammenhang
 des technischen Fortschritts mit der wirtschaftlichen
Entwicklung denken. „Hinter der Aktualität der Probleme verborgen,
ist es doch wieder die Wirtschaft und ihre Entwicklung, was selbst
im einzelnen den Fortschritt in Gang hält und ihm bestimmte
Richtungen anweist.“ Wenn auch v. Gottl hervorhebt, daß der
Persönlichkeit dabei eine große Rolle zukomme, so fügt er doch
hinzu: „Die Gesamtbewegung jedoch, der technische Fortschritt,
bleibt den Bedingungen der Wirtschaft und ihrer Entwicklung unterstellt“
 ?). Diese Bedingungen hängen in hohem Maße vom Volkswachstum
 ab und zwar in einem ganz bestimmten Sinne. Wo die
Volkszahl wächst, und zwar, wie wir einmal annehmen wollen, in
»inem Ausmaße, daß die Steigerung des Nahrungsspielraumes daıy

 Bevölkerung, a. a. O., 5. 59.
Vu Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft u. Technik, Grundriß d,. Sozialkonomik,
 2. Aufl., 1923, S. 181,
        <pb n="379" />
        372 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

hinter zurückzubleiben beginnt, da fangen die Preise an zu steigen,
zuerst bei den Erzeugnissen der Urproduktion und besonders bei den
Nahrungsmitteln. In dem Maße, in dem dies jedoch geschieht,
werden hier Mehraufwendungen von Kapital und Arbeit, die zuvor
infolge des Bodengesetzes unrentabel waren, privatwirtschaftlich durchführbar;
 ziehen nun die Preise an, so kann intensiver gewirtschaftet
werden, als dies zuvor möglich war. Damit kann das Angebot an
Nahrungsmitteln zwar zunehmen, aber nur unter größeren Opfern
an menschlicher Arbeit, was dann zunächst trotz der Mehrerzeugung
als Druck auf den Nahrungsspielraum wirken muß. Wenn aber auf
diese Weise, weil jetzt rentabel, in der Landwirtschaft mehr an
Maschinen, Kunstdünger usw. zur Anwendung gelangt, so muß damit
 die Nachfrage nach Erzeugnissen dieser Art in der Industrie
steigen. Hierdurch entstehen Kräfte, die hier wieder auf eine
Senkung der Kosten hin wirksam sein können, Kräfte, die erst
manchen technischen Fortschritt und manche technischen Möglichkeiten
 ökonomisch verwertbar werden lassen, weil erst jetzt genügender
 Absatz vorhanden ist. Damit können gleichzeitig Kräfte
ausgelöst werden, die imstande sind, den gestiegenen Kosten in der
Landwirtschaft entgegen zu wirken.
Wenn man all das Gesagte ins Auge faßt, dann hat es wirklich
keinen Sinn, heute praktisch von einem Gesetz der steigenden Kosten
in der gesamten Wirtschaft sprechen zu wollen. Wohl sind hier
ungünstige Tendenzen vorhanden, namentlich in der Urproduktion
und in schwächerem Maße auch in den Gewerben. Gerade von
diesen jedoch gehen besonders starke Kräfte aus, diese ungünstigen
Tendenzen zu kompensieren. Das war in der Vergangenheit in
hohem Maße der Fall und es liegt kein Grund vor, anzunehmen,
daß das in Zukunft anders sein soll. Freilich widerspricht dies alles
nicht der Tatsache, daß auf der Erde den Erweiterungsmöglichkeiten
des Nahrungsspielraumes bestimmte Grenzen gesetzt sind. Wo diese
Grenzen liegen, das läßt sich heute nicht sagen; praktisch kommen
derartige Grenzen in absehbarer Zeit schon deshalb nicht in Frage,
weil — wie wir sahen — auch das Volkswachstum Tendenzen zeigt,
von sich aus einem zu starken Andrängen der Volkszahl gegen den
Nahrungsspielraum vorzubeugen. Die engen Beziehungen zwischen
diesen Tendenzen und der Größe des Nahrungsspielraumes werden
später noch eingehend besprochen werden. Diese ganzen bisherigen
Darlegungen haben im wesentlichen nur das Problem des Nahrungsspielraumes
 auf der ganzen Erde zum Gegenstand gehabt. Dies
Problem weist natürlich auch ganz andere Seiten auf, wenn man
        <pb n="380" />
        73
es vom Standpunkt eines bestimmten Landes aus betrachtet. Das ist
die Frage, der wir uns nun zuzuwenden haben.
4. Der innenbedingte Teil des Nahrungsspielraumes.
 — Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß das Wesen
des Nahrungsspielraumes noch nicht erschöpft ist, wenn man darunter
lediglich die Fähigkeit eines Landes versteht, in einer bestimmten
Zeit bei einer bestimmten Lebenshaltung eine bestimmte Volkszahl
zu ernähren, daß sich hier vielmehr bei genauerer Betrachtung eine
ziemliche Mannigfaltigkeit ergäbe. Schon vom Standpunkt eines
einzelnen, national und politisch selbständigen Staates aus, nimmt
das Problem andere Formen an, als wenn man es vom Standpunkt
der ganzen Erde aus betrachtet. Hier in diesem letzteren Falle
kommt es in erster Linie darauf an, welche Ernährungsmöglichkeiten
die Erde in der Gegenwart bietet und welche Grenzen hier dem
Einfluß des menschlichen Könnens bei einem weiteren Steigen der
Volkszahl gezogen sind. Hier hat dann auch die Frage ihre Berechtigung,
 welche günstigen oder ungünstigen Tendenzen es dabei
gibt und ob nicht der Ertrag der Arbeit schließlich einmal unvermeidlich
 hinter dem Wachstum der Bevölkerung‘ zurückbleiben muß.
Diese Fragen sind später noch einmal zu berühren, wenn von der
Maximalbevölkerung der Erde, einem neuerdings - viel erörterten
Problem, die Rede sein wird.
Sind auch diese Zusammenhänge für ein einzelnes Land und
Volk keineswegs von geringer Bedeutung, so nimmt dieses Problem
jetzt namentlich deshalb eine andere Form an, weil in einem einzelnen
 Lande Gleichgewichtsstörungen zwischen den einzelnen Produktionselementen
 bereits in einer Zeit auftreten können, in welcher
der Nahrungsspielraum der ganzen Erde noch einer beträchtlichen
Ausdehnung fähig ist. Die Erfahrung zeigt, daß Länder mit einer,
an den Gaben des Landes gemessen, zu großen und zu geringen
Bevölkerung nebeneinander vorkommen. Wo das der Fall ist, dort
tritt dann entweder der oben besprochene Austausch von Boden
gegen Arbeit ein oder wir begegnen zum Ausgleich dieses verschiedenen
 Verhältnisses von Arbeitskraft und Boden in den einzelnen
Ländern einer Wanderbewegung. Auch innerhalb eines einzelnen
 Landes können wir den gleichen Erscheinungen, einem solchen
Austausch und einer solchen Wanderbewegung, begegnen, wenngleich
 diesen Erscheinungen dann nicht die gleiche große Bedeutung
für ein Land und Volk zukommt, als wenn diese Bewegung von
Menschen und Gütern sich zwischen verschiedenen politisch selbständigen
 Staaten abspielt.

3. Kap. Der Nahrungsspielraum
        <pb n="381" />
        374

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Von diesem Standpunkt eines einzelnen Landes aus gesehen,
gewinnt also das Verhältnis zwischen Volkszahl und Nahrungsspielraum
 eine ganz besondere Gestalt und Bedeutung. Zwei Fälle sind
hier denkbar: einmal kann ein Land imstande sein, auf Grund der
Gaben, die der eigene Boden bietet, zu einem Gleichgewicht der
Produktionselemente, d. h. besonders zu einem Gleichgewicht von
Arbeit und Boden, zu gelangen. Dann bietet dieses Land alles,
was zum Unterhalt seiner Bevölkerung erforderlich ist, unmittelbar
innerhalb seiner eigenen Grenzen. Ein solches Volk ist dann grundsätzlich
 imstande, so lange diese Voraussetzungen erhalten bleiben,
in durchaus autarker Weise, d. h. ohne Tauschverkehr mit anderen
Völkern, zu leben.
Sind diese Voraussetzungen jedoch nicht in dem erforderlichen
Umfang vorhanden, dann muß — soll nicht die Lebenshaltung zurückgehen
 — das fehlende Gleichgewicht in den Produktionselementen
in einer der oben dargelegten Formen herbeigeführt werden.
Die verschiedenen Möglichkeiten kann man vom Standpunkt der
Bevölkerung oder von dem der Wirtschaft aus betrachten. Wyler*) hat
den ersten Ausgangspunkt gewählt und von einer geschlossenen und
einer offenen Bevölkerung gesprochen. Die letztere liegt für ihn dann
vor, wenn ein Bevölkerungsteil Güter für das Ausland erzeugt, um die
fehlenden Bedürfnismittel einzukaufen. Die auf diese Weise vom Ausland
 abhängige Bevölkerung hat er dann als Überschußbevölkerung
bezeichnet. Fischer?) hat unter dem gleichen Gesichtspunkt an die
Wirtschaft angeknüpft und eine außenbedingte von einer innenbedingten
 Tragfähigkeit des Lebensraumes unterschieden, In einer
älteren Schrift?) habe ich dasjenige an Unterhaltsmitteln, was ein
Land seinen Bewohnern unmittelbar zu bieten vermag, als Nahrungsspielraum
 im engeren Sinne bezeichnet und von einem Nahrungsspielraum
 im weiteren Sinne dann gesprochen, wenn man das
an Unterhaltsmitteln hinzunimmt, was vom Ausland auf dem Wege
des Güteraustausches hinzukommt. Ich halte jedoch die oben wiedergegebene
 Terminologie Fischers für die bessere und möchte mich
ihr deshalb im folgenden, aber unter Anknüpfung an den Nahrungsspielraum,
 anschließen. Betrachtet man ihn in seiner Gesamtheit,
so kann man demgemäß von einem innenbedingten und von
einem außenbedingten Teil desselben sprechen. Man kann

1) Wyler, Übervölkerungsproblem, S, 4ff.
?) A, Fischer, Zur Frage d. Tragfähigkeit des Lebensraumes, Zeitschr. f. Geojolitik,
 Jahrg. 2, 1925.
3) Mombert, Bevölkerungspolitik, a. a. O.
        <pb n="382" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 375

auch, wenn man So will, den ersteren als den Nahrungsspielraum
im engeren Sinne und den gesamten — also einschließlich desjenigen
Teiles, der von der Versorgung vom Ausland abhängig ist — als
den Nahrungsspielraum im weiteren Sinne bezeichnen. Mit dieser
Unterscheidung werden diese Ausdrücke im folgenden gebraucht
werden.
Auf dieser Grundlage also gewinnt das Problem des Nahrungsspielraumes
 für ein Land eine besondere Form und Bedeutung.
Denn dann kommt es nicht mehr auf die Größe und die Erweiterungsmöglichkeit
 des ganzen Nahrungsspielraumes an, vielmehr auf die
Art seiner Zusammensetzung und damit auch auf seine Dauer und
seine Sicherheit, die in hohem Maße davon abhängen, in welchen
Größenverhältnissen der innen- und der außenbedingte Teil des
Nahrungsspielraumes zueinander stehen.
Bereits Malthus hat diese Unterschiede gekannt und hat auf
die Gefahren aufmerksam gemacht, die, wenn er auch die hier gebrauchten
 Ausdrücke noch nicht anwandte, bei dem außenbedingten
Teil des Nahrungsspielraumes vorhanden sind. Er hat hervorgehoben,
daß ein Volk, das von anderen Völkern seine Nahrungsmittel und Rohstoffe
 kaufen muß, damit rechnen müsse, daß die Nachfrage nach seinen
eigenen Erzeugnissen einer notwendigen und unvermeidlichen Verminderung
 „wegen des natürlichen Fortschrittes dieser Länder zu eigener
industrieller Entwicklung unterworfen sei“. „Es ist in der Regel eine
zufällige und zeitweilige, nicht eine natürliche und dauernde Arbeitsteilung,
 welche einen Staat zum Fabrikanten und Frachtführer für
andere macht“!). Aus diesem Grunde hat auch Malthus als
[deal schließlich doch eine Art wirtschaftlicher Autarkie vorgeschwebt.
 In diesen möglichen Schwierigkeiten liegt für ihn, vom
Standpunkt eines einzelnen Landes aus betrachtet, die Grenze des
Volkswachstums. Denn er meinte, daß die Grenze der Volkszunahme
 handeltreibender Völker zu der Zeit beginne, wenn sie nach
dem dermaligen Stande der auswärtigen Märkte unfähig werden,
regelmäßig eine zunehmende Menge von Nahrungsmitteln zu imvortieren
 °).
Nach Malthus hat dann vor allem Rümelin die gefahrvollen
Seiten einer solchen Abnahme des innenbedingten Teils des Nahrungsspielraumes
 hervorgehoben: „Ein Volk“, so führte er aus, „das
sein Brot und Fleisch vom Ausland kauft, wird dadurch in eine

1) Übers. von Stöpel, S. 522 ff.
2) a. a. OO S. 536/37.
        <pb n="383" />
        376 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

prekäre, von Konjunkturen und Konkurrenz im Welthandel abhängige
 Lage versetzt . .. Es müssen durchaus unsichere, gespannte,
in. ewigem Wechsel begriffene, von fremdem Tun und Lassen abhängige
 Zustände entstehen“ !), Das sind dann Probleme, die in
der deutschen Wirtschaftsgeschichte des letzten Menschenalters in
der Form des Kampfes um den überwiegenden Industriestaat
eine große Rolle gespielt haben. Gerade unter diesem Gesichtspunkt
 hat A. Wagner eine starke Bevölkerungsvermehrung
als etwas Unerfreuliches bezeichnet ?); denn er wußte, was nicht
alle Gegner der industriestaatlichen Entwicklung damals erkannt
haben, daß auf die Dauer eine starke Volksvermehrung unvermeidlich
 zu einer Abnahme des innenbedingten Teils des Nahrungsspielraumes
 führen muß. Man kann deshalb auch unmöglich
gleichzeitig den Geburtenrückgang und die Entwicklung zum städtereichen
 Industriestaat bekämpfen, wie man es in jener Zeit getan
hat®). „Wer die Entwicklung zum städtereichen Industriestaat als
verderblich bekämpft, wer Maßnahmen verlangt ... um sie zu bekämpfen
 und zu unterbinden, kann nicht in der großen. Volksvermehrung,
 der Ursache, die dazu geführt hat, etwas Wünschenswertes
erblicken und eine Zunahme im gleichen Maße für die Zukunft als
Postulat aufstellen. Wer dagegen umgekehrt auf dem Standpunkt
steht, daß diese Volksvermehrung für unsere nationale Zukunft unentbehrlich
 ist, der kann sich der wirtschaftlichen Entwicklung, die
daraus notwendig hervorgehen muß, gegenüber nicht ablehnend
verhalten“ 4).

In dieser Hinsicht war A. Wagner weit konsequenter, wenn
er sich zur Vermeidung dieser Entwicklung gegen ein zu starkes
Volkswachstum gewendet hat. Der Zusammenhang ist leicht einzusehen.
 Der Boden eines Landes ist unvermehrbar. In Deutschland
 kamen auf den Kopf der Bevölkerung an Land in den
Jahren ®)

1816
1878
1913
1922

2,15 ha
122
0,82
0,76 35

) Rümelin, a. a. O., S. 587/80.
?) Agrar- u. Industriestaat a. a. O., S, 61,
% Oldenberg, Über d. Rückgang der Geburten- u. Sterbeziffer, Arch, f. Sozialw.,
Bd. 31/32 und meine Erwiderung ebenda Bd. 34, vor allem S, 841 ff,
4‘) Mombert, Erwiderung, a. a. O,, S. 845/46.
3) Nach Brentano, Agrarpolitik, 2. Aufl., 1925, S. 13.
        <pb n="384" />
        Auf einen Hektar landwirtschaftlich benutzter Fläche kamen
Einwohner in Deutschland in den Jahren ?!)

3. Kap. Der Nahrungsspielraum

377

1882
1895
1907
1025

143
1,59
Zi ‚95
2,44

Wenn auch in dieser ganzen Zeit die deutsche Landwirtschaft
erhebliche Fortschritte gemacht hat, wenn auch die Erträge auf die
Einheit der benutzten Fläche bezogen, sehr gestiegen sind, so wissen
wir doch auf Grund der früher gegebenen Darlegungen, daß solchen
weiteren Ertragssteigerungen unter bestimmten technischen Voraussetzungen
 aus ökonomischen Gründen Grenzen gezogen sind. Pohle
hat mit guten Gründen den Nachweis versucht, daß auch diese
stattgefundene Produktionssteigerung bei uns nach dem Gesetz der
sinkenden Erträge erfolgt ist, also nur durch ein Ansteigen der
Kosten möglich war?). Dabei sei ganz dahingestellt — was freilich
für mich außer allem Zweifel steht — daß bei einer besseren beruflichen
 Ausbildung des Landwirtes, vielleicht auch bei einer anderen
Art der Besitzverteilung, die Erträge der Landwirtschaft noch
wesentlich stärker hätten steigen können, als es tatsächlich der Fall
war, auch ohne daß dabei mit der Gefahr steigender Kosten zu
rechnen gewesen wäre.
Aber gleichviel, wie man zu diesem Problem von Agrar- und
Industriestaat stehen mag; so kann es keinem Zweifel unterliegen,
daß diese Entwicklung zum Industriestaat hin, wenn sie auch bei
steigender Volkszahl unvermeidlich wird, für ein Volk gewisse Gefahren
 in sich birgt. Einen je größeren Teil seiner Unterhaltsmittel
ein Volk in seinem eigenen Lande erzeugen kann, je weniger es
also bei der Deckung seines Bedarfes auf Bezüge aus dem Ausland
angewiesen ist, um so größer ist das Maß von Sicherheit, das dieses
Volk heute und in Zukunft hat, den einmal vorhandenen Nahrungsspielraum
 auch behaupten zu können. Ein je größerer Teil desselben
 auf den innenbedingten Teil entfällt, um so besser ist es für
ein Volk. Es mag sein, daß unter diesen Gesichtspunkten ein zwar
quantitativ sehr großer Nahrungsspielraum, bei dem aber ein erheblicher
 Teil auf dem Austausch von Arbeit gegen Boden mit dem
Ausland beruht, für ein Volk auf die Dauer ungünstiger ist, als ein
zwar quantitativ kleinerer Nahrungsspielraum, der aber dafür mehr

1) Nach d. jeweiligen Gebietsstand,
2) Deutschland am Scheidewege, 1902, S. 48 ff.
        <pb n="385" />
        378 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

innenbedingt ein größeres Maß von Sicherheit und Beständigkeit
aufweist. Bei der Entscheidung über diese Fragen spielen eben
nicht allein ökonomische Gesichtspunkte eine Rolle, auch solche
politischer Natur fallen hierbei stark ins Gewicht *).
Demgemäß können auch alle Maßnahmen, die der Stärkung und
Sicherung des innenbedingten Teils des Nahrungsspielraumes dienen,
als ebenfalls in den Bereich der Bevölkerungspolitik gehörig
betrachtet werden.
Bei der Frage einer Ausdehnung und Erweiterung des innenbedingten
 Teils des Nahrungsspielraumes handelt es sich in erster
Linie um Aufgaben, die auf dem Gebiete der Agrarpolitik liegen.
Das sind Fragen, die freilich in diesem Zusammenhang nur in aller
Kürze gestreift werden können. Es sei aber nochmals nachdrücklich
hervorgehoben, daß es sich dabei keineswegs nur um technische,
sondern auch um rein wirtschaftliche Aufgaben, sowohl vom Standpunkt
der ganzen Volkswirtschaft, wie von dem des einzelnen Landwirtes
aus handelt. Die Höhe der Aufwendungen für den Landwirt, d. h.
der Grad der Intensivierung in der Landwirtschaft, findet seine Grenze
in der Tatsache, „daß die Ertragszunahme bei steigenden Aufwendungen
 immer geringer wird. Daher ist es für jeden Landwirt
wichtig, die letzte Aufwandseinheit herauszufinden, die”sich im Durchschnitt
 mehrerer Jahre ... eben noch mit Sicherheit bezahlt macht.
Jede Verschiebung der Preisverhältnisse bringt eine Verschiebung
der Grenze des lohnenden Aufwandes naturnotwendig mit sich.
Darüber hinaus verbietet sich eine weitere Steigerung der Aufwendungen
 ganz von selbst“ ®).
Wenn aber auch solche Grenzen für die Steigerung der Erträge
vorhanden sind, so zeigen zahlreiche Äußerungen aus sachverständigen
Kreisen doch, wie vieles auf diesem Gebiete noch geschehen kann,
ohne an diese gefährliche wirtschaftliche Grenze zu stoßen. Es gehören
 hierher einmal alle die Maßnahmen, durch die Anwendung
der modernsten landwirtschaftlichen Technik, durch geeignete Düngemittel
 und gutes Saatgut zu einer Ertragssteigerung zu kommen.
Hier kann auch die Gesetzgebung durch gesetzliche Vorschriften für
den Handel in diesen Waren Erhebliches leisten. Weiter gehören
hierher die Durchführung der Flurbereinigung, die bessere Bearbeitung
des Bodens, die bessere Ausnützung des Stalldüngers, um nur ganz

1) A. Wagner u. Pohle, aa. O0, — Ferner G. Hildebrand, Die Erschütterung
 d. Industrieherrschaft u. d. Industriesozialismus, 1910.
?) Layer-Hohenheim, Steigerungsmöglichkeiten d. Produktion innerhalb d,
deutschen Landwirtschaft. Die Wirtschaftskurve, 1925, S. 19.
        <pb n="386" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 379

weniges hervorzuheben. Eine günstigere Gestaltung der ländlichen
Absatzorganisation — ein bis heute ungemein vernachlässigtes Gebiet
— es sei nur an das Problem der Standardisierung erinnert, kann
die wirtschaftlichen Voraussetzungen mancher Betriebsverbesserungen
schaffen, die sich sonst aus den oben dargelegten Gründen für den
Landwirt nicht bezahlt machen würden. Im Mittelpunkt jedoch all
dieser wichtigen Aufgaben steht der Ausbau des landwirtschaftlichen
 Unterrichts und der landwirtschaftlichen Fortbildung, Dinge,
die bei uns durch Jahrzehnte über Gebühr vernachlässigt worden
sind. „Es genügt heute nicht mehr, sich .damit zufrieden zu geben,
wenn die Besucherzahl der landwirtschaftlichen Bildungsstätten steigt.
Die Entwicklung geht viel zu langsam und verlangt notwendig eine
Beschleunigung. Die steigenden Besuchsziffern dürfen nicht darüber
hinwegtäuschen, daß sich leider noch der größte Teil der Landwirte
den Lehrstätten fernhält .... Dann wissen auch die bäuerlichen
Betriebsleiter vielfach nicht, daß ihnen mehr oder weniger das Wissen
fehlt, welches dazu gehört, um einen Landwirtschaftsbetrieb wirklich
intensiv und rationell zu gestalten .... Im Interesse des Volksganzen
muß der Befähigungsnachweis gefordert werden“ ?). Bei diesen Fragen
der Ertragssteigerung in der Landwirtschaft handelt es sich aber
auch um gesellschaftliche Momente, vor allem um die Frage
der Besitzgröße der ländlichen Güter. Allerdings sind diese Zusammenhänge
 heute noch keineswegs völlig geklärt, es herrscht durchaus
 nicht Einstimmigkeit darüber, welcher Betriebsgröße unter dem
Gesichtspunkt der Marktleistungen und des Rohertrages die größere
Bedeutung zukommt. Wahrscheinlich hängt das doch in erster Linie
von der Produktionsrichtung ab ?). Mag es sich aber dabei auch um
eine Frage handeln, die heute nicht eindeutig beantwortet werden
kann, so gibt es doch darüber keine Meinungsverschiedenheit, daß bei
ganz großen Gütern, namentlich beim Latifundienbesitz, die Ertragsgestaltung
 recht ungünstig ist und daß besonders die Häufung zahlreicher
Güter in einer Hand ein schweres Hindernis für Fortschritte in der
Landwirtschaft bedeutet. Bei zu großen Besitzungen handelt es sich
einmal darum, daß die vom Wirtschaftshofe entfernter liegenden
Teile des Gutes aus bekannten Gründen nicht intensiv bewirtschaftet
werden können und daß vielfach das vorhandene Kapital zu gering

1) M. Mahling, Die Steigerung d, Jandwirtschaftlichen Produktion. In „Volk
a. Raum“. Herausgegeben von Sombart 10928, S. 95/96.
2) Vgl. dazu Z. B. die entgegengesetzten Ansichten von Keup u. Mührer, Die
volkswirtschaftl. Bedeutung von Groß- u. Kleinbetrieb i. d, Landwirtschaft und
M. Hainisch, Die Landflucht, 1924.
        <pb n="387" />
        380 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

ist, um das ganze Gut genügend intensiv zu bewirtschaften. Die
Abstoßung bestimmter Gutsteile kann dem Besitzer die Mittel verschaffen,
 um den Rest des Gutes um so besser bewirtschaften zu
können. „Die Steigerung der. landwirtschaftlichen Produktion, wie
sie zur Ernährung unseres hoffentlich noch recht wachsenden
65 Millionenvolkes erforderlich ist, ist nur dann zu erzielen, wenn
der volkswirtschaftlich, wie national gleich bedeutungsvolle Stand
der östlichen Großgrundbesitzer sich immer mehr darauf einstellt,
je nur ein Rittergut zu besitzen und als Wirtschaftseinheit nach
modernsten Grundsätzen unter Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit
selbst bewirtschaften zu wollen und wenn die freiwerdenden Landflächen
 an intelligente bäuerliche Siedler und Kleinsiedler gegeben
werden. Denn nur unter dem Antrieb einer dichten Besiedelung
im Wettbewerb aller landwirtschaftlichen Betriebsgrößen werden
größte Produktionsleistungen erreicht“ *). Es ist schon häufig betont
worden, daß gerade steuerliche Maßnahmen die Durchführung wirtschaftlicher
 Fortschritte in der Landwirtschaft fördern helfen. Man
hat vor allem schon von einer progressiven Grundsteuer gesprochen,
die nach der Ertragsfähigkeit der Grundstücke abgestuft ‚ist. „Die
progressive Grundsteuer muß die Großgrundbesitzer um so mehr
zur rationellen Wirtschaft zwingen, je größer und fruchtbarer ihre
Besitzungen sind. Gelingt es ihnen aber nicht, sie auf einen hohen
Ertragsstand zu bringen, so werden sie gezwungen, einen Teil ihrer
Besitzungen zu verkaufen, um den steuerlich am höchsten belasteten
Teil los zu werden, Und zwar wird dieser Zwang bei den größten
und am schlechtesten bewirtschafteten Besitzungen am stärksten
sein“ 2).

An sich tendiert eine Zunahme der Volkszahl zu einer Intensivierung
 im Landbau und damit auch zu einer Verkleinerung
der Besitzgrößen. „Je stärker bei fortschreitender Volkswirtschaft
die Intensität der Landwirtschaft steigt, um so kleiner wird bei
gleichbleibender Technik die Fläche, die zweckmäßig von einem
Hofe bewirtschaftet werden kann. Im Maße dieser Intensivierung
sind auch diejenigen Güter veranlaßt, die Außenschläge abzustoßen,
bei denen die Entfernungen zu den einzelnen Ackerschlägen am
größten sind.“ „Ob in diesem Prozesse die Intensivierung bei einer

1) Graf G. v. d. Goltz, Die Umgestaltung d. Besitz- u. Betriebsverhältnisse i.
d. Landwirtschaft. In „Volk u. Raum“, a. a. O., S. 155. — Vgl. dazu auch
Oppenheimer, System, ı. Bd., S. 1005 ff,
% Aereboe, Die Steuerfrage in ihrer Bedeutung für d. Gesundung unserer
Agrarzustände, Jahrb. f, Bodenreform, 1928, S. 5.
        <pb n="388" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 381
Parzellierung in bäuerliche Klein- und Mittelbetriebe Halt macht
oder sich in einer Auflösung in Zwergbetriebe und gartenartige
Wirtschaften fortsetzt, ist von der Bevölkerungskonzentration, der
Intensität des Bevölkerungswachstums, von der Möglichkeit der Aufnahme
 des Geburtenüberschusses in den nichtlandwirtschaftlichen
Erwerbszweigen und endlich von der Gunst der Anbaubedingungen
bestimmt“ 1). Dafür, ob diese Tendenzen sich durchsetzen, wenn
die Volkszahl in einem Lande ansteigt, ist also neben gesellschaftlichen
 Faktoren vor allem auch die Tatsache maßgebend, ob sich
Industrie und Handel so entwickeln, daß sie imstande sind, den ländlichen
 Geburtenüberschuß aufzunehmen. So hat in Deutschland die
Tatsache, daß die Entwicklung der Industrie dem Geburtenüberschuß
des Landes vor dem Kriege reiche Arbeitsgelegenheit bot, unstreitig
diese Entwicklung zum Kleinbetrieb in der Landwirtschaft aufgehalten,
während wir jetzt doch anscheinend in stärkerem Maße dieser Entwicklung
 zusteuern. Denn die Bestrebungen, bei uns zu einer
stärkeren inneren Kolonisation und Kleinsiedelung zu gelangen,
finden neben anderen Ursachen doch auch darin eine starke Stütze,
daß wir in der Industrie mit einer großen Zahl von Erwerbslosen
zu rechnen haben.
Man erblickt vielfach in der Einführung oder in der Erhöhung
der landwirtschaftlichen Zölle, vornehmlich von Zöllen auf Getreide,
ein geeignetes Mittel zur Steigerung der Roherträge in der Landwirtschaft
 und damit der. Vergrößerung des innenbedingten Teiles
des Nahrungsspielraumes. Bestand und besteht doch heute noch
eines der wichtigsten Argumente der Anhänger der landwirtschaftlichen
 Schutzzölle darin, daß Deutschland dadurch instand gesetzt
werden soll, seinen eigenen Getreidebedarf selbst zu decken und
damit unabhängig von der Versorgung vom Ausland zu werden.
Darüber, daß dies technisch möglich ist, kann kaum eine Meinungsverschiedenheit
 herrschen. Ganz anders können die Zusammenhänge
 liegen, wenn man sie unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten
 betrachtet, wenn man also frägt, wie solche Zölle auf den
Nahrungsspielraum eines Landes im ganzen wirken können. Wir
haben gesehen, daß in der Landwirtschaft in der langen Linie das
Gesetz vom sinkenden Bodenertrag herrscht, daß also auf die Dauer
die Roherträge mit den Mehraufwendungen an Kapital und Arbeit
nicht Schritt zu halten vermögen, und daß damit die Kosten pro
Produktionseinheit steigen müssen. Unter dieser Voraussetzung

N Barocka, Grundbesitzverfassung u. Bevölkerungswachstum, 1924, S. 14.
        <pb n="389" />
        382

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

müssen dann bei gleichbleibenden Verkaufspreisen die Reinerträge
für den Landwirt zurückgehen. Der Landwirt kann deshalb unter
der Herrschaft dieses Gesetzes nur dann intensiver wirtschaften, d. h.
dem Boden ohne privatwirtschaftliche Einbuße mehr an Roherträgen
abgewinnen, wenn die Preise entsprechend in die Höhe gehen.
Deshalb ist unter dieser Voraussetzung eine Zollerhöhung die unentbehrliche
 Bedingung einer Intensivierung, d. h. einer Zunahme
der ländlichen Erzeugung.
Diese Überlegung war auch der Hauptgrund, weshalb Malthus
so warm für die Einführung von Getreidezöllen eingetreten ist: Er
hat dargelegt, daß eine Regierung hinlängliche Gründe dafür haben
könne, „daß sie eine solche Versorgung mit Getreide wünscht, die
vom Ausland unabhängig macht, Das ist ein klares Ziel, kann ein
wünschenwertes sein und ist von derselben Art, wie die Schiffsgesetze“.
 Malthus hat gleichzeitig hervorgehoben, „daß es in
Wahrheit für uns unmöglich sei, unseren Getreidebedarf durch die
inländische Produktion zu decken, ohne daß sich der Preis viel höher
stellen müsse, als er durchschnittlich im übrigen Europa ist“. Ein
hoher Einfuhrzoll ist jedoch dahin wirksam, daß der Preis sich
höher stellen wird als in anderen Ländern Europas 9.
Unter den bisher gemachten Voraussetzungen ist es klar — das geht
auch schon aus diesen Malthus’schen Ausführungen hervor — daß
auf diesem Wege der Nahrungspielraum eines Landes als Ganzes
keine Steigerung erfahren kann. Wohl steigen dann die ländlichen
Roherträge und das Land wird unabhängiger von fremden Zufuhren.
Wenn aber, wie angenommen, diese Steigerung der Roherträge
nach dem genannten Bodenertragsgesetz erfolgt, so wird wohl damit
die Kaufkraft der Landwirtschaft steigen, aber diese Zunahme kann
keinen vollen Ausgleich dafür bieten, daß auch die Kaufkraft der
nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung zurückgeht. Denn die Kaufkraft
 der letzteren wird in dem Maße abnehmen, in dem die Preise
für ländliche Erzeugnisse steigen, während die Kaufkraft der Landwirtschaft
 nicht in dem gleichen Ausmaße anwachsen kann, da die Kosten der
Erzeugung eine Erhöhung erfahren haben. In dem Maße, in dem
dies der Fall ist, muß die Kaufkraft auf dem inneren Markte zurückgehen,
 während sich zunächst kein Grund dafür finden läßt, daß die
Absatzmöglichkeiten auf fremden Märkten steigen; man wird hier
sogar im Gegenteil von entgegengesetzten Tendenzen sprechen

‘) Drei Schriften über d. Getreidezölle, Übers. v. Leser, S. 85 u. 109.
        <pb n="390" />
        383
können. Unter den genannten Voraussetzungen tritt also eine Verengerung
 des gesamten Nahrungsspielraumes ein.
Auch Malthus hatte das gleiche im Auge, wenn er im Zusammenhang
 mit seinen Darlegungen über die Kornzölle auf den
Gegensatz von Sicherheit und Reichtum hinwies und hervorhob,
daß mit diesen Zöllen eine gewisse Verschwendung der Hilfsquellen
des Landes verbunden sei, „weil man für die Erlangung der erforderlichen
 Getreidemenge eine größere Kapitalmenge, als nötig
ist, aufwendet“. Er hat weiter hervorgehoben, daß zu den Nachteilen,
 welche die Beschränkung der Einfuhr ausländischen Getreides
immer erzeugt, u. a. auch der folgende gehöre: „Eine Einschränkung
der Volkszahl, weil jener große Getreidevorrat und jener Bedarf an
industriellen Arbeitern, die durch eine vollständig freie Einfuhr sich
ergeben würden, gehindert sind“ 2).
Im Vorangegangenen wurde stets die Wirkung des Gesetzes
vom sinkenden Bodenertrag vorausgesetzt. Es ist natürlich keineswegs
 gesagt, daß diese Voraussetzung stets zutrifft. Immer wieder
können Fortschritte eintreten, die dieses Gesetz für längere oder
kürzere Zeit außer Wirksamkeit setzen. Es handelte sich auch in
dem Vorangegangenen stets nur um rein ökonomische Zusammenhänge
 und Überlegungen. Man kann aber recht wohl von einem
anderen Ausgangspunkte aus, von einem nationalen oder politischen,
eine derartige Entwicklung für erstrebenswert halten, selbst wenn
damit der Nahrungsspielraum als Ganzes eine Verminderung erfährt
und somit vielleicht Kräfte ausgelöst werden, die steigernd auf die
Auswanderung einwirken können. Das war auch der Standpunkt,
den A. Wagner vertreten hat, der deshalb konsequent ein zu
starkes Wachstum als ungünstig ansah. Er hat ausdrücklich hervorgehoben,
 daß es sich bei der Frage der Agrarzölle keineswegs
allein um Ökonomische Gesichtspunkte handle, weil „andere und
schwerer wiegende Gründe für diese Zölle gegenüber stehen“ ?).
Das ist ein Standpunkt, der durchaus folgerichtig gedacht ist.
Anders steht es dagegen mit der Meinung derjenigen, die glauben,
auf solchen Wegen unter allen Umständen den Nahrungsspielraum
eines Landes in seiner Gesamtheit vergrößern zu können und die
deshalb gleichzeitig auch ein starkes Volkswachstum erstreben. Dies
ist eine wissenschaftlich unhaltbare Auffassung. Daß es aber dann,
freilich außer den Zöllen, noch zahlreiche andere Wege geben kann,

3. Kap. Der Nahrungsspielraum

1) a. a O., S, 26.
2) Agrar- u. Industriestaat, S. 03,
        <pb n="391" />
        384 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

die ohne das Inkrafttreten dieses verhängnisvollen Gesetzes imstande
sind, eine Ertragssteigerung zu bewirken, wurde oben hervorgehoben.
Für die Ausweitung des innenbedingten Teils des Nahrungsspielraumes
 können auch starke Kräfte von der Industrie ausgehen.
Nicht nur, daß Fortschritte, die sich hier vollziehen, auch der Landwirtschaft
 zugute kommen und daß ihre Anwendung es hier bewirken
 kann, daß das Bodengesetz in seiner Wirkung außer Kraft
gesetzt wird, es ist auch unmittelbar das gleiche dadurch möglich,
daß Fortschritte, die in der Industrie stattfinden, ein Land in der
Versorgung mit wichtigen Rohstoffen vom Ausland unabhängiger
machen können. Es sei nur als Beispiel auf den künstlichen Indigo,
auf die Gewinnung von Stickstoff aus der Luft oder auf die Gewinnung
 von Benzin aus der Kohle hingewiesen. Hier handelt es
sich, wie Sombart sich ausgedrückt hat, um die Verlegung des
Schwerpunktes des Wirtschaftslebens aus der Sphäre der Land- und
Forstwirtschaft in die Sphäre der mechanisch-organischen Produktion ?).
Es handelt sich hier um eine Entwicklung, wie sie mit dem Ersatz
von Holz und Holzkohle durch die Steinkohle begonnen und sich
dann weiter fortgesetzt hat und sich auch in Zukunft weiter fortsetzen
 wird.

Auch auf anderen Wegen kann eine stärkere Unabhängigkeit
von der Versorgung vom Ausland her erfolgen. Als Beispiel sei
nur auf den Ersatz des Kupfers durch Aluminium verwiesen. Ganz
allgemein kann man sagen, daß es sich hierbei immer darum
handelt, daß sich die Wirtschaft eines Landes von den Gaben der
Natur und der Begrenzung des Bodens unabhängiger macht. Denn
in den genannten und noch zahlreichen anderen Fällen lag das
neue darin, daß entweder anstatt der organischen Gaben des unvermehrbaren
 Bodens Gaben, die sich im Inneren der Erde befinden,
(Holz — Kohle, natürlicher Indigo — synthetischer Indigo usw.) abgebaut
 und nutzbar gemacht wurden, daß also damit die Kargheit des
Bodens und seine Begrenzung in gewissem Sinne aufgehoben oder
in ihrer Bedeutung hinausgeschoben wurden, oder daß es den
Menschen gelang, aus Gaben der Natur, die dem Bedarf gegenüber
unbegrenzt erscheinen, (z. B. Thonerde — Aluminium) durch ihre Arbeit
einen Ersatz für solche Stoffe zu schaffen, die in der Heimat nur
begrenzt oder gar nicht vorhanden sind. Was die menschliche
Erfindungsgabe bisher auf diesen Gebieten geleistet hat, gibt eine
Gewähr dafür, daß diese Wege auch noch weiterhin mit Erfolg be-!)

 Das Wirtschaftsleben, a. a. O., Bd. 2, S. 124.
        <pb n="392" />
        385
schritten werden können, wenn auch der weitere Verlauf dieser
Entwicklung heute noch im Dunkel liegt.
Doch gleichviel, wie sich die Entwicklung im einzelnen gestalten
 wird, wir sehen jedenfalls, daß auf den verschiedensten Gebieten
 erhebliche Möglichkeiten vorhanden sind, auch ohne Steigerung
der Kosten zu einer Ausweitung des innenbedingten Teiles des Nahrungsspielraumes
 zu kommen. Freilich — .das kann nicht nachdrücklich
genug hervorgehoben werden — sind alle derartigen Fortschritte und
Verbesserungen an die Verfügung über bestimmte Mengen an Kapital
geknüpft. Diese Voraussetzung gilt in der gleichen Weise von der
Intensivierung der Landwirtschaft, wie auch von den Fortschritten
auf industriellem Gebiete. Aus diesem Grunde ist die Frage von
Kapitalbildung und Kapitalbeschaffung ein besonders wichtiger
Teil der Bevölkerungspolitik und soweit z. B. die Art der
Besteuerung in einem Lande imstande ist, die Kapitalbildung und
Kapitalbeschaffung günstig oder ungünstig zu beeinflussen, gehört
sie in den gleichen Aufgabenkreis *).
In dem Maße, in dem es auf solchen Wegen gelingt, den
innenbedingten Teil des Nahrungsspielraumes zu vergrößern, ohne
daß dabei die Kosten der Gütererzeugung steigen, erfährt auch der
innere Markt des Landes eine Ausweitung. Wenn bei einer Steigerung
 der ländlichen Produktion mehr Güter in den Kreislauf der
Wirtschaft strömen, so wächst, zunächst gleiche Preise vorausgesetzt,
die Kaufkraft der ländlichen Bevölkerung und damit die Absatzmöglichkeit
 für gewerbliche Erzeugnisse auf dem inneren Markt.
Freilich ist dies nur dann der Fall, wenn diese Ertragssteigerung
sich nicht nach dem Bodengesetz vollzieht ?). Wo das aber nicht
der Fall ist, da tritt eine Stärkung des inneren Marktes ein und
zwar eine solche, die gerade unter dem Gesichtspunkt des Nahrungsspielraumes
 von besonderer Bedeutung ist. Denn eine Entwicklung
von dieser Art, gleichviel ob die Roherträge in der Landwirtschaft
steigen oder ob es der Technik gelingt, das Land von der Rohstoffversorgung
 vom Ausland her unabhängiger zu machen, bedeutet
eine Vergrößerung des innenbedingten Teiles des Nahrungsspielraumes,
 bewirkt also ein größeres Maß von Sicherheit und Unabhängigkeit
 gegenüber dem ‚Ausland. Die steigende Aufnahmefähigkeit
 des inneren Marktes braucht dabei natürlich keineswegs
dem Umfang zu entsprechen, in dem z. B. die Erträge in der Land-3.

 Kap. Der Nahrungsspielraum

1) Eingehender darüber Mombert, Besteuerung u. Volkswirtschaft, 1022.
2) Mombert, Der innere Markt u. d. Beziehungen zwischen Landwirtschaft u.
{ndustrie, Wirtschaftl. Nachrichten f. Rhein u. Ruhr, 1927,
Diehl-Mombert, Grundrisse, Bd. 15,
        <pb n="393" />
        386 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

wirtschaft gestiegen sind. Sie kann größer sein, weil mit steigendem
Rohertrag, auch wenn die Kosten pro Produktionseinheit sich gleichbleiben,
 doch die Kosten absolut etwa in dem Verhältnis der Zunahme
 des Rohertrages steigen werden. Eine solche Zunahme der
Kosten jedoch bedeutet eine verstärkte Kaufkraft gegenüber zahlreichen
 industriellen Erzeugnissen, wie Maschinen, Kunstdünger usw.
Der Absatz auf dem inneren Markt wird jedoch dann in geringerem
Maße zunehmen, als es der gestiegenen Kaufkraft der Landwirtschaft
entspricht, wenn diese zusätzliche Kaufkraft sich zu einem Teil fremdländischen
 Produkten zuwendet.
Welche besondere Bedeutung diese Art der Stärkung des
inneren Marktes, die von einer zusätzlichen Erzeugung von Nahrungsund
 Rohstoffen im Inland ausgeht, gerade für die Beziehungen von
Wirtschaft und Bevölkerung hat, wird deutlich, wenn wir uns andere
Wege vor Augen halten, die ebenfalls zu einer Stärkung des inneren
Marktes führen können, aber unter dem für uns wesentlichen Gesichtspunkt
 einer Ausweitung des innenbedingten Teils des Nahrungsspielraums
 anders zu beurteilen sind.
Auch eine erfolgreiche Rationalisierung in der Wirtschaft,
in Landwirtschaft oder Industrie, führt zu einer Stärkung des inneren
Marktes. Denn wenn sie erfolgreich ist, so führt sie zu einer Senkung
 der Produktionskosten; ob sich nun die Senkung in Form
eines steigenden Unternehmergewinnes, höherer Löhne oder in Form
niedrigerer Preise auswirkt, in dem Maße, in dem das geschieht,
wird die innere Kaufkraft steigen und ein Teil dieser gestiegenen
Kaufkraft wird dem inneren Markte zugute kommen. In einem
solchen Falle steigt das Volkseinkommen und damit der Nahrungsspielraum
 in seiner Gesamtheit. Aber im Gegensatz zu dem erstgenannten
 Falle, steigende Roherträge in der Landwirtschaft oder
Erzeugung von Rohstoffen in der Heimat, die bis dahin aus dem
Ausland bezogen wurden, tritt in diesem Falle der Rationalisierung
keine größere wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Ausland ein, der
innenbedingte Teil des Nahrungsspielraumes braucht dabei keine
Zunahme zu erfahren. Dieser Unterschied muß gemacht werden,
so wertvoll auch unter den allerverschiedensten Gesichtspunkten
eine derartige Herabsetzung der Produktionskosten in der heimischen
Wirtschaft ist. Eine solche Herabsetzung ist unter dem Gesichtspunkt
 der Beziehung von Bevölkerung und Wirtschaft deshalb wertvoll,
 weil sie die Konkurrenzfähigkeit der heimischen Industrie gegenüber
 fremdländischen stärkt und damit günstig auf den Arbeitsmarkt
in der Heimat wirkt. Hierdurch kann der Nahrungsspielraum als
        <pb n="394" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 387
Ganzer eine Verbesserung erfahren. Es ist jedenfalls scharf zu unterscheiden,
 ob nur das letztere der Fall ist oder ob der innenbedingte
Teil des Nahrungsspielraumes eine Vergrößerung erfährt. Das letztere
ist in der Hauptsache nur dann der Fall, wenn es sich um Ändetungen
 in der Produktion handelt, die geeignet sind, die Lebensnotwendigkeiten
 eines Landes in höherem Grade als zuvor aus dem
eigenen Boden zu gewinnen,
Es ist eben gesagt worden, daß Produktionsverbesserungen die
lediglich kostenverbilligend wirken, wohl den Nahrungsspielraum in
seiner Gesamtheit günstig beeinflussen, aber keineswegs zu einer
Stärkung des innenbedingten Teils führen müssen. Dazu. ist eine
Einschränkung zu machen, da unter Umständen auch das letztere
eintreten kann. Das ist dann der Fall, wenn es auf diese Weise
durch technische und wirtschaftliche Verbesserungen gelingt, der
Landwirtschaft billigere Produktionsmittel und billigere Produktionsbedingungen
 zu schaffen. Soweit das der Fall ist, bedeutet dies
einen gewissen Ausgleich gegen das Bodengesetz, weil dann die
Landwirtschaft in der Lage ist, auch ohne Erhöhung der Kosten
die Roherträge zu steigern. Allerdings kann auch gleichzeitig eine
Ausweitung des Innenmarktes, wenn sie nicht vorwiegend auf einer
Mehrerzeugung von Bodenprodukten, sondern auf Verbesserungen
in den weiterverarbeitenden Gewerben beruht, zu einem Anwachsen
und einer Stärkung der Außenwirtschaft, d. h. des außenbedingten
Teiles des Nahrungsspielraumes führen, wie es Eulenburg betont
hat?. Es sind hier die verschiedensten Möglichkeiten vorhanden
und es kommt in erster Linie darauf an, auf welchen Faktoren die
Ausweitung des Innenmarktes beruht.
Wenn es also nach dem Gesagten keinem Zweifel unterliegen
kann, daß z. B. ein Land in der Lage Deutschlands den innenbedingten
 Teil des Nahrungsspielraumes auch unter wirtschaftlichen
Gesichtspunkten auszudehnen imstande ist, so sind dieser Ausdehnung
doch bestimmte Grenzen gezogen. Wie groß aber auch die Fortschritte
 bisher in dieser Hinsicht gewesen sind, und wie groß sie
auch noch in Zukunft sein werden, so sind ihnen doch, vor allem
auch aus wirtschaftlichen Gründen, gewisse Grenzen gezogen. Bei
fortdauernd steigender Volkszahl muß die Bevölkerung immer mehr
über den innenbedingten Teil des Nahrungsspielraumes hinauswachsen,
 ganz gleichgültig, wie die Besitzverteilung in einem Lande

9) Eulenburg, Außenhandel u. Handelspolitik, Grundriß d. Sozialökonomik,
R. Abt. 1020, S. 70/71.
        <pb n="395" />
        388

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

ist, ob Großgrund- oder ob Kleinbesitz vorherrscht. Hier muß ein
Punkt kommen, an dem es mit keinen wirtschaftlich erträglichen
Mitteln mehr gelingt, auf dem heimischen Boden eine Besserung in
dem fehlenden Gleichgewicht zwischen Boden und Arbeit herbeizuführen.

Wo dieses fehlende Gleichgewicht nicht mehr hergestellt werden
kann, da können verschiedene Wirkungen eintreten, in deren Vorkommen
 sich im Laufe der geschichtlichen , Entwicklung wichtige
Wandlungen vollzogen haben. Dem primitivsten Ausweg begegnen
wir bei Völkern niederer Wirtschaftsstufen, wenn es ihnen nicht
gelingt, sich in den Besitz neuen Bodens zu setzen. Auf dieser
Stufe treten dann in schärfster Form die repressiven Hemmnisse von
Malthus ein; Hunger und Not schrauben die Volkszahl auf die
Größe des Nahrungsspielraumes zurück. Der zweite Weg, den wir
in der Vergangenheit so häufig angetroffen haben, namentlich bei
den Griechen und Germanen in der Frühzeit ihrer Geschichte, ist
die Besitznahme neuen Landes, entweder durch den ganzen Stamm
oder durch Teile desselben, für welche die alte Heimat keine Ernährungsmöglichkeiten
 mehr bietet. Einer solchen Besitznahme
begegnen wir bis tief hinein in unsere Tage dort, wo europäische
Staaten Kolonien erworben haben, die zur Siedelung für europäische
Auswanderer geeignet waren und die Möglichkeit boten, einen Teil
des heimischen Volkszuwachses bei sich aufzunehmen. Auch die ganze
Auswanderung als solche, auch in von der Heimat politisch unabhängige
 Gebiete, gehört in den Rahmen dieser Mittel. Der dritte
Weg ist dann der oben geschilderte Austausch von Boden gegen
Arbeit auf dem Wege des internationalen Warenverkehrs. Die ersten
Wege, die man namentlich in älteren Zeiten einschlug, bewirkten
immer wieder, daß die Volkszahl eines Landes nicht über den innenbedingten
 Teil des Nahrungsspielraumes hinauswuchs; der moderne
Austausch von Boden gegen Arbeit, der erst in den letzten Menschenaltern
 einen so großen Umfang annahm, machte es dagegen möglich,
dem Zuwachs an Bevölkerung in der eigenen Heimat Unterhalt und
Fortkommen zu gewähren. Ohne diese besondere Art des internationalen
 Warenaustausches wäre ein solches Wachstum der Volkszahl,
 wie wir es kennen gelernt haben, in den europäischen Staaten
unmöglich gewesen. Die Tatsache, daß somit zu dem innenbedingten
Teil des Nahrungsspielraumes in steigendem Umfang Lebens- und
Unterhaltsmöglichkeiten hinzukamen, die von fremdem Boden und
aus fremden Ländern stammten, hat zu diesem Volkswachstum die
unentbehrliche Voraussetzung gegeben. Allerdings ist mit diesem
        <pb n="396" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 389
Hinweis die Frage und Bedeutung ‚des außenbedingten Teils des
Nahrungsspielraumes für das Volkswachstum nur angeschnitten. Mit
der Zunahme dieses Teils des Nahrungsspielraumes nämlich ergeben
sich eine ganze Reihe von wichtigen und ernsten Fragen für ein
Volk, denen wir uns im folgenden zuzuwenden haben.
5. Der außenbedingte Teil des Nahrungsspielraumes.
 — Wir haben schon oben an der Hand der Entwicklung
des deutschen Außenhandels die äußeren Merkmale dieses Austausches
 zwischen Boden und Arbeit kennen gelernt. Die bereits
oben zitierten Sätze, namentlich von Malthus und Rümelin,
haben auf die unbestreitbaren Schattenseiten einer derartigen Entwicklung
 hingewiesen. Der tiefere Sinn dieses Austausches, unter
dem Gesichtspunkt von Bevölkerung und Wirtschaft betrachtet, ist
dabei der, daß Länder, die dem innenbedingten Teil des Nahrungsspielraumes
 gegenüber zu wenig oder zu viel an Bevölkerung, d. h.
an Arbeitskraft aufweisen, miteinander in Austausch treten. In
beiden Gattungen von Ländern fehlt das erforderliche Gleichgewicht
zwischen den einzelnen Produktionselementen. Die den Gaben des
Bodens gegenüber zu dicht bevölkerten Staaten haben ein Übermaß
an Arbeitskraft. Diese wird in der Weise im Interesse der Ausweitung
 des Nahrungsspielraumes nutzbar gemacht, daß Nahrungsund
 Rohstoffe aus fremden Ländern bezogen und von jenen in
gebrauchsfertige Güter umgewandelt und dann — von anderen
Möglichkeiten des Zahlungsausgleichs abgesehen — zur Bezahlung
der vom Ausland bezogenen Nahrungs- und Rohstoffe wieder an
dasselbe abgegeben werden.
Dieser hier zunächst rein mechanisch dargestellte Austausch
von Boden gegen Arbeit ist keine Erscheinung der neuesten Zeit,
wenn er auch hier an Bedeutung und Umfang gewaltig zugenommen
hat. Auch die antiken Stadtstaaten haben bereits einen Außenhandel
 auf dieser Grundlage gekannt und seine Entwicklung stand
ebenfalls in engem Zusammenhang mit dem Volkswachstum, wenngleich
 in jener Zeit vor allem der Versuch gemacht wurde, „durch
Gewalt, d. h. durch politische Beherrschung anderer, sich alle die
Vorteile eines Volkswohlstandes zu verschaffen, die in einer höheren
Entwicklung aus dem Wohlstand einer nationalen Industrie und, eines
nationalen Handels resultieren würden“ !). Auch die Handelspolitik
des Altertums ist vielfach in den Dienst der Bevölkerungspolitik
gestellt worden, wenngleich der einfache Güteraustausch im Handels-1)

 Hasebroek, Staat u. Handel, a. a. O., S. 108,
        <pb n="397" />
        390 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

verkehr damals keineswegs immer genügte, um dieses Ziel in ausreichendem
 Maße zu erlangen. „Die Versorgung der Polis mit den
elementarsten Existenzgütern ist die prekärste aller Existenzfragen
des Staates überhaupt. Der Handel allein ist in dieser Zeit noch
nicht imstande, die Versorgung mit dem Notwendigsten zu sichern.
Alles beruht auf dem Zufall und Unberechenbaren, alles ist steten
Gefahren ausgesetzt. Die Polis sucht dieser Verhältnisse so gut es
geht, Herr zu werden durch den Abschluß von „Einfuhrverträgen“
mit fremden Staaten“ ?).
Auch im Mittelalter begegnen wir dieser Erscheinung in manchen
Ländern, daß nämlich ein Teil des Nahrungsspielraumes der Bevölkerung
 außenbedingt ist. Die blühende Industrie und die überwiegende
 städtische Kultur von Flandern und von Brabant wären
nicht möglich gewesen ohne die großen Getreidezufuhren, welche
diese Länder in erster Linie aus dem deutschen Osten und den
baltischen Gebieten erhalten haben. „Für die Ernährung seiner
dichten, gewerblichen Bevölkerung war Flandern angewiesen auf die
Kornzufuhren, die der hansische Kaufmann aus den Ostseeländern,
besonders aus Preußen, herbeibrachte“?). Daß aber mit einer derartigen
 wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Ausland schon damals
auch ziemlich große Gefahren für den Nahrungsspielraum der betreffenden
 Länder verbunden waren, zeigt gerade die Geschichte der
Niederlande, als um die Mitte des 14. Jahrhunderts England die
Wollausfuhr nach Flandern und die Tuchausfuhr von dort nach
England verbot. Diese Maßnahme stürzte das Land schnell „in eine
furchtbare wirtschaftliche Krisis, Arbeitslosigkeit und Hungersnot“ ®).
Wenn wir uns nun der neueren Entwicklung und dem in dieser
Zeit starken Wachstum des außenbedingten Teiles des Nahrungsspielraumes
 zuwenden, so sehen wir, daß eine enge Wechselwirkung
zwischen der Zunahme der Bevölkerung und dieser Entwicklung besteht.
 Es handelt sich zunächst einmal um die Frage, ob und inwieweit
 das Volkswachstum selbst die Triebkraft für diese Ausweitung
 der Wirtschaft war und in welchem Umfang der umgekehrte
Zusammenhang Geltung besitzt. Hier handelt es sich um die allerengsten
 Wechselwirkungen, von denen ganz besonders der Ausspruch
von Sismondi gilt, daß in der politischen Ökonomie alles auf das
engste miteinander verknüpft ist, daß man sich beständig im Kreise
dreht, weil die Wirkung ihrerseits zur Ursache wird.

1) Hasebroek, a. a. O., S. 134.
?) E. Daenell, Die Blütezeit d. deutschen Hansa, 1905, ı. Bd., S. 17.
3) Daenell, a. a. O0. S. 18.
        <pb n="398" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 391

Der Zusammenhang mit dieser Ausdehnung des außenbedingten
Teils des Nahrungsspielraumes ist jedenfalls unbestreitbar, wenngleich
sich schwer in allgemeiner Form sagen läßt, wo dabei die Ursache
und wo die Wirkung liegt. Jedenfalls liegt der Zusammenhang
nicht so, daß das Wachstum der Bevölkerung die einfache Ursache
der industriestaatlichen Entwicklung und der Verflechtung in den
Weltmarkt gewesen ist. Wohl wird man sagen können, daß bei
steigender Volkszahl der Zuwachs an Menschen in der Landwirtschlaft
nicht mehr unterkommen und von ihren Erträgen nicht mehr leben
konnte und daß als Folge davon, wie man schon im Mittelalter feststellen
 konnte, ein Teil dieses Volkszuwachses sich den Städten und
der Industrie zuwandte, um hier Arbeitsgelegenheit zu suchen. Aber
damit waren noch keineswegs die Voraussetzungen für die Ausdehnung
 der Industrie und ihre Verflechtung in den Welthandel
gegeben. Denn es gibt noch heute auf der Erde zahlreiche Länder
mit einem nicht weniger starken Volkswachstum als die betreffenden
Staaten Europas, bei denen wir einer solchen wirtschaftlichen Entwicklung
 nicht begegnen. Man wird vielmehr diese Seite des Zusammenhangs
 nur in die Form kleiden dürfen, daß das Volkswachstum
die unerläßliche Voraussetzung dieser Entwicklung der Industrie und
damit der Verflechtung in den Weltmarkt gewesen ist. Dabei sei
an dieser Stelle auf die weiterhin sehr wichtige Frage, ob die Entwicklung
 der heimischen Industrie das Wachstum des internationalen
Handelsverkehrs bewirkt habe oder ob der umgekehrte Zusammenhang
 vorhanden ist, gar nicht weiter eingegangen !). Jedenfalls wäre
diese Entwicklung ohne die große Volkszunahme nicht möglich gewesen.
 Darauf hat vor allem Sombart in seinen Darlegungen
über die Anpassung der Bevölkerung an die Bedürfnisse des Kapitalismus
 hingewiesen ?). Haben wir doch auch gesehen, daß in der
Periode von 1895/1905, einer Zeit besonders großen wirtschaftlichen
Aufschwungs in Deutschland, der eigene Volkszuwachs für den Bedarf
 der Industrie nach Arbeitskräften nicht einmal genügte und
daß damals noch Arbeiter aus fremden Ländern herangezogen werden
mußten. Auf dieser Tatsache, daß ein starkes Volkswachstum die
wesentliche Bedingung der industriellen Entwicklung bildet, beruht es
dann auch zum Teil, daß diese Entwicklung in Frankreich so viel
schwächer war als in Deutschland. Man hat auch schon darauf hingewiesen,
 daß die Tatsache, daß Schweden in erster Linie Rohstoffe

1) K. Hoffmann, Das Ende d, kolonialpolitischen Zeitalters, 1917, S. 48 ff.
?) Das Wirtschaftsleben, 1. Bd,, S. 363 ff.
        <pb n="399" />
        392

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

und Halbfabrikate und nur relativ wenig fertige Waren ausführt, mit
der geringen Volkszahl dieses Landes zusammenhängt ».
Anders liegen jedoch die Zusammenhänge, wenn man das
Problem von der Seite der Einfuhr und den Einfluß des Volkswachstums
 auf die Einfuhr betrachtet. Eine stark wachsende Bevölkerung
 bedeutet bei einer bestimmten Stufe der wirtschaftlichen
Kultur einen vermehrten Bedarf nach Einfuhr. „Hier liegt unverkennbar
 ein entscheidendes Moment für das Auftreten eines Landes auf
dem Weltmarkt, sowie für das Gewicht, das es als Käufer anbieten
kann. . . . Die Frage der Ausweitung des Bedarfs und der Nachfrage
ist ganz wesentlich für den Außenwirtschaftsverkehr“?), Von der
Seite der Einfuhr aus gesehen ist also die Bedeutung wachsender
Volkszahl für die Verflechtung in den Welthandel deutlich zu erkennen.
 Nur wo es durch das Mittel der Unterwerfung oder der
politischen Macht, wie z. B. in der Blütezeit des römischen Reiches
oder in der Frühzeit der europäischen Kolonisation, gelingt, ohne
wirtschaftliche Gegenleistung den notwendigen Bedarf an Nahrungsund
 Rohstoffen aus fremden Ländern zu erhalten, da braucht
dieser steigende Bedarf an der Einfuhr solcher Artikel. weder
zu einer entsprechenden Entwicklung einer eigenen Industrie oder
Ausfuhr zu führen. Heute ist diese Möglichkeit nur noch in dem
Maße vorhanden, als eine Reihe von Staaten in den Zinsansprüchen
aus Anleihen und aus anderen Formen der Kapitalanlage in fremden
Ländern die Mittel besitzen, solche Einfuhren zu erhalten, ohne gezwungen
 zu sein, die Warenausfuhr in entsprechender Höhe zu entwickeln;
 diese Tatsache tritt dann in der passiven Handelsbilanz
solcher Gläubigerstaaten in die Erscheinung. Doch ist der Ausgleich
für die Einfuhr mit solchen Mitteln immer nur ein teilweiser.
Jedenfalls kann man als Regel aufstellen, daß steigende Volkszahl
 steigende Einfuhr an Roh- und Nahrungsstoffen von einem
gewissen Punkte an nötig macht und daß, um sie zu erlangen, das
betreffende Land eine eigene Industrie entwickeln und Waren zur
Bezahlung der Einfuhr ausführen muß. Nach den Berechnungen
Eulenburgs ergibt sich, daß, wenn man nur die Industrien
nimmt, die ganz oder in der Hauptsache fremder Bodenerzeugnisse
bedürfen, in Deutschland etwa ırı Millionen Menschen, d. h. etwa
ein Sechstel der Bevölkerung, in dieser Weise vom Ausland abhängig
 sind.

1) S. Helander, Schwedens Stellung i. d. Weltwirtschaft, 1922, 5. 7-?)
 Eulenburg, Außenhandel, a. a. O., S. 58.
        <pb n="400" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 393
Von der Möglichkeit einer solchen wirtschaftlichen Entwicklung
hängt es dann aber auch ab, ob ein derartiges Land eine steigende
Volkszahl innerhalb seiner eigenen Grenzen erhalten kann oder ob
ein mehr oder weniger großer Teil dieses Zuwachses als Auswanderer
sich in anderen Ländern Unterhalt und Fortkommen suchen muß,
wie es vor allem in früheren Jahrzehnten in Deutschland der Fall
war. Ob eine solche Verflechtung in die Weltwirtschaft, die dann
in der dargelegten Weise auch den außenbedingten Teil des Nahrungsspielraumes
 entsprechend vergrößert, gelingt, das hängt von mancherlei
Faktoren ab: so von der besonderen wirtschaftsgeographischen Lage
eines Landes, dem Vorkommen geeigneter Rohstoffe, die das Entstehen
 bestimmter Industrien begünstigen, wie namentlich Kohle und
Eisen, aber auch von einer bestimmten Veranlagung der Bewohner
des betreffenden Landes, um nur wenige Punkte hervorzuheben.
Während der Einfluß des Volkswachstums auf die Entwicklung
einer Industrie und auf die Verflechtung in den Weltwirtschaftsverkehr
 also keineswegs eindeutig bestimmt werden kann, liegt der
umgekehrte Zusammenhang wesentlich klarer und einfacher. Wo
die Gaben und die Produktivkräfte der eigenen Heimat nicht ausreichen,
 da kann ein Land, gleiche Lebenshaltung vorausgesetzt, eine
steigende Volkszahl nur ernähren, wenn dieser Austausch von Boden
gegen Arbeit im Welthandelsverkehr gelingt. Ohne eine solch internationale
 Arbeitsteilung ist sonst dem Volkswachstum eine bestimmte
Grenze gezogen, wenn nicht der innenbedingte Teil des Nahrungsspielraumes
 eine entsprechende Ausweitung erfahren kann. Wenn
aber in dieser Weise, gewissermaßen zwangsläufig — denn kein
Land und kein Volk hat sich diesen Weg freiwillig gewählt,
sie sind in diese Entwicklung hineingewachsen — der außenbedingte
 Teil des Nahrungsspielraumes eine immer steigende Bedeutung
 für ein Volk gewinnt, so entstehen damit eine Reihe
wichtiger und ernster Fragen für dieses Volk. Dann kommt es nämlich
nicht mehr allein auf die Größe des ganzen Nahrungsspielraumes
eines Landes an, sondern auch auf seine Dauerhaftigkeit und Sicherheit.
 Es handelt sich hier sowohl um wirtschaftliche wie um
politische Gesichtspunkte und ich kann nur wiederholen, was ich
bereits während des Krieges ausgesprochen habe: „Aus Gründen
unserer nationalen und politischen Selbsterhaltung erstreben wir ein
möglichst starkes Volkswachstum; je mehr wir dieses aber erreichen,
um so mehr sind-wir gezwungen, in zunehmendem Maße Rohstoffe
und Nahrungsmittel aus dem Ausland zu ‘beziehen und damit unsere
wirtschaftliche Abhängigkeit von diesem zu vergrößern. ... Was
        <pb n="401" />
        304 Zweiter systematisch-theoretischer Teil ;

also auf der einen Seite, wie die zunehmende Volkskraft unsere
politische Machtstellung‘ stärkt, bewirkt wieder auf der anderen Seite
durch die dadurch hervorgerufene gesteigerte wirtschaftliche Abhängigkeit
 eine Schwächung jener. An dieser Tatsache läßt sich
grundsätzlich nichts ändern“!). Hat doch gerade der Weltkrieg
Deutschland des außenbedingten Teiles des Nahrungsspielraumes
beraubt und es vor die Aufgabe gestellt, bei gleichbleibender Volkszahl
 seinen Unterhalt aus dessen innenbedingtem Teile zu ziehen,
Dagegen bedarf das Maß der wirtschaftlichen Sicherheit des
außenbedingten Teils des Nahrungsspielraumes noch einer etwas
eingehenderen Besprechung um zu erkennen, von welchen Seiten
eine Gefährdung desselben eintreten kann. Man hat vor allem eine
Gefahr darin erblicken wollen, daß diejenigen Länder, die heute die
Abnehmer europäischer Fertigwaren sind, im Laufe der Zeit selbst
eine eigene Industrie entwickeln und daß damit die europäische Fertigwarenausfuhr,
 von der heute dort Dutzende von Millionen Menschen
leben, mehr oder weniger in Fortfall kommt und daß dann die
Voraussetzungen fehlen, die heute eine so große Volkszahl in zahlteichen
 europäischen Staaten erst ermöglicht haben ?).
Diese Auffassung ist schon frühzeitig vertreten worden und sie
schien dann vornehmlich nach dem Weltkriege ihre Bestätigung zu
finden, als für zahlreiche europäische Staaten die Ausfuhr nach
Übersee stark zurückging, weil die bisherigen Empfangsländer europäischer
 Fertigwaren selbst vielfach eine eigene Industrie entwickelt
hatten. Freilich handelt es sich hier um eine Auffassung, die einer
tieferen Prüfung nicht stand zu halten vermag. Schon D. Hume
hat den Satz ausgesprochen: „Offenbar kann die einheimische Industrie
 eines Volkes durch den größten Wohlstand seiner Nachbarn
keinen Schaden leiden; und da der Handel in dieser Beziehung in
einem einigermaßen ausgedehnten Land ohne Zweifel von der größten
Wichtigkeit ist, so fehlt uns wenigstens in bezug hierauf jeder Grund
zur Eifersucht. Allein ich gehe weiter und behaupte, daß überall,
wo unter Nationen ein freier Verkehr herrscht, die einheimische
Industrie einer jeden durch die Fortschritte der anderen Förderung
erfahren muß“ 3).

) Mombert, Bevölkerungspolitik, a. a, O., S. 24.
?) Vgl. zu dieser pessimistischen Auffassung Wagner, Agrar- u. Industriestaat,
a. a. O. — Pohle, Deutschland, a. a. O0. — K. Oldenberg, Über Deutschland
als Industriestaat, 1897.
3) „Von der Handelseifersucht“. Nationalökon. Abhandl., Deutsch. 1877, S. 55.
        <pb n="402" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 395
Wohl können durch die Entwicklung von Industrien in Ländern,
nach denen die europäischen Staaten bisher geliefert haben, manch
schwierige Umstellungen und Wandlungen in der Produktionsrichtung
notwendig werden; wenn aber jene Länder eine eigene Industrie
entwickeln, so steigt damit ihr Wohlstand und damit auch ihre
Kaufkraft für fremdländische Erzeugnisse. Es ist in dieser Hinsicht
durchaus dem zuzustimmen, was neuerdings Eulenburg darüber
gesagt hat: „Nur reiche und aufsteigende Länder sind aufnahmefähig
 und können für die Dauer Absatzmärkte bilden, nicht ausgebeutete
 . . .“ „Das Außenhandelsvolumen jedes Landes kann
darum nur in dem Maße zunehmen, als die fremde Volkswirtschaft
sich entwickelt. Das gilt erst recht von den Agrarstaaten, die gerne
als Lieferanten bestimmter Grundstoffe angesehen werden, denen
man aber gleichzeitig selbständige Entfaltung absprechen möchte.
Die Hebung der Produktivkräfte im eigenen Lande bedeutet jedoch
die stärkere Verflechtung in die Weltwirtschaft . . . Darum
schafft auch die Hebung der produktiven Kräfte in fremden Ländern
Absatzmöglichkeiten und Aufnahmefähigkeit für ‘das eigene. Das
Schauspiel widerholt sich immer von neuem: Deutschland und die
Vereinigten Staaten gegenüber dem früheren England; Rußland, die ostasiatischen
 Länder und die englischen Kolonien gegenüber den bisherigen
 Industriestaaten. Jedesmal erheben sich neue Angstrufe, die
sich sehr bald als gegenstandslos erweisen“ *).
Wenn also von dieser Seite her dem außenbedingten Teil des
Nahrungsspielraumes auf die Dauer keine Gefahr drohen kann, so
ist dies viel eher von der Seite der Einfuhr her möglich. Wir
haben oben gesehen, daß in den bisherigen Agrar- und Rohstoffländern
 das Gleichgewicht der Produktionselemente in dem Sinne
fehlt, als hier die Arbeitskraft nicht genügt, um alle vorhandenen
Gaben des Bodens auszunützen und selbst zu verarbeiten. Das muß
sich natürlich ändern, wenn die Volkszahl in diesen Gebieten zunimmt.
 Denn Industrialisierung der bisherigen Agrarstaaten bedeutet
 nicht nur die Entwicklung einer eigenen Industrie, sondern
auch die wachsende Unmöglichkeit, Roh- und Nahrungsstoffe in dem
bisherigen Ausmaß an andere Länder im Austausch abzugeben.
Wenn eine Entwicklung dieser Art einsetzt, dann kann dadurch
die Versorgung der europäischen Industriestaaten mit Roh- und
Nahrungsstoffen einmal in Frage gestellt werden. Es sei. hier nur
darauf hingewiesen, daß Deutschland bis zur Mitte der siebziger Jahre

8.
/7
77
2
S.
O.,
a.
8.
l,
hande
n.
Be
Au
Es
r
u
b
n
le
u
E
1)
        <pb n="403" />
        306 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

des vorigen Jahrhunderts noch Getreideausfuhrland war und daß
man sich heute in den Vereinigten Staaten recht ernsthafte Gedanken
 über die weitere Entwicklung der Getreideversorgung aus
dem eigenen Boden bei steigender Volkszahl macht. Betont man
doch hier mit allem Nachdruck, daß bereits jetzt sich dort die
Intensivierung im Landbau nach dem Gesetz vom sinkenden Bodenertrag
 vollziehe ?).
Wenn man das Problem von dieser Seite aus betrachtet, dann
rückt es freilich aus dem engen Bereich des Nahrungsspielraumes
eines einzelnen Landes hinaus und erweitert sich zu der Frage,
welche Mengen an Roh- und Nahrungsstoffen die ganze Erde in
Zukunft noch zu bieten imstande sein wird. Immerhin mag es sein,
daß wenn die eben angedeutete Entwicklung sich in den bisherigen
Agrar- und Rohstoffstaaten vollzieht, einmal andere, heute noch unerschlossene
 Gebiete an die Stelle der heutigen Lieferanten von
Roh- und Nahrungsstoffen treten werden. Damit erweitert sich das
Problem zu der Frage nach der möglichen Maximalbevölkerung
der Erde, die noch an anderer Stelle zu erörtern ist. In diesem
Zusammenhang sei daher einstweilen nur das folgende darüber gesagt.
Es unterliegt keinem Zweifel — darüber gibt es auch keine
Meinungsverschiedenheiten —, daß die Menge an Nahrungs- und
Rohstoffen begrenzt ist, daß also auch die eben betonte Arbeitsteilung
 zwischen Agrar- und Industriestaaten bei fortdauerndem
Volkswachstum einmal ihr Ende finden muß. In dieser künftigen
Versorgung der heutigen Industriestaaten mit MNahrungs-2 und
Rohstoffen liegt das Problem der Zukunft und nicht in] der
weiteren Gestaltung der Ausfuhr von Fabrikaten, wenngleich
beides natürlich eng zusammenhängt. Auch von anderen Seiten
hat man neuerdings diese Seite des Problems vor allem betont.
 So meint z. B. Sombart, daß eine Rückbildung in den
Strukturverhältnissen der europäischen Länder in ihrer Volkswirtschaft
 zugunsten der Landwirtschaft stattfinden werde, weil der
Industrieexport der europäischen Staaten sich verlangsamen müsse;
den Grund für diese letztere Entwicklung sieht er jedoch in der
Tatsache, daß die bisherigen Rohstoff- und Agrarstaaten in der
Zukunft keine Gegenwerte für die einzuführenden Industrieerzeugnisse
 zu bieten haben werden, daß also hier die Tendenz einer
Verringerung für die Nahrungs- und Rohstoffexporte eintreten wird ?).
1 East, a. a. O,, S. 1558,
?) Sombart, Die Wandlungen des Kapitalismus, Weltwirtschaftl. Archiv, Bd, 28,
5, 247.
        <pb n="404" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 397
Es ist sicher, daß wenn dies der Fall ist, auch die Stunde für den
Export von Fertigwaren geschlagen haben wird, wenngleich ich
nicht glaube, daß wir schon in naher Zukunft mit einer solchen
Entwicklung zu rechnen haben werden. Ähnliche Anschauungen
finden wir bei Baade, der mit Recht hervorhebt, däß der ganze
Aufschwung der europäischen Wirtschaft nur dadurch möglich gewesen
 sei, daß an einem anderen Punkte der Erde genau die entgegengesetzte
 Entwicklung vor sich ging wie in Europa, nämlich
ein Vorauseilen der landwirtschaftlichen Produktion vor '!der industriellen;
 bereits seit dem Jahre 1900 etwa habe die einseitige
Industrialisierung Europas kein volles Äquivalent mehr in einer
entsprechenden Ausdehnung der agrarischen Überschüsse anderer
Erdteile finden können!). Die Tendenzen, um die es sich in dieser
Hinsicht bei den Agrar- und Rohstoffstaaten handelt, werden aus
der folgenden Zusammenstellung für die Vereinigten Staaten deutlich,
in der die Zunahme der dortigen Bevölkerung mit dem Wachstum
der landwirtschaftlich benutzten Fläche verglichen wird.
Zunahme in %, der

Jahr

1840
1850
1860
870
1880
1890
1900
[910
920

Bevölkerung

25,6
-2,6
30,1
25,5
20,7
21,0
14.0

landwirtschaftlich
genutzten Fläche

7

‚ö
0,7
7,6

„3

Von 1000 Erwerbs;
tätigen waren in der
Landwirtschaft
beschäftigt

775

475

392
357
329
200

Freilich wird auch immer wieder hervorgehoben — und hierbei
handelt es sich um einen recht wichtigen Zusammenhang —, daß
sich eine derartige Entwicklung zunächst in der Form vollziehen
wird, daß die Preise für Agrar- und Rohstoffe steigen
werden. Das wird einmal deshalb der Fall sein, weil sich die Mehrproduktion
 auf die Dauer nur unter steigenden Kosten vollziehen
wird und dann, weil mit einer solchen Entwicklung, die eine Verknappung
 der Weltvorräte an Nahrungs- und Rohstoffen bedeutet,

ıı F. Baade, Entwicklungsmöglichkeiten d. europäischen Landwirtschaft, 1928.
Die folgende Tabelle nach M. Sering, Internationale Preisbewegung u. Lage d.
Landwirtschaft i. d. außertrop. Ländern, 1929.
        <pb n="405" />
        398

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

die Produzenten dieser Güter ihren europäischen Abnehmern gegenüber
 eine Monopolstellung erhalten und sie auch ausnutzen werden.
Schon im Jahre 1914 habe ich auf diese Zusammenhänge hingewiesen
 und gezeigt, daß in dem vorangegangenen Jahrzehnt für
Deutschland die Einfuhrwerte relativ stärker gestiegen sind als die
für die Ausfuhr *). Für eine Reihe von wichtigen Rohstoffen konnte
ich damals bereits zeigen, daß wir auf Grund der Preise des Jahres
1912 für diese bei der Einfuhr nahezu 500 Millionen M. mehr zu
zahlen hatten, als wenn noch die Preise des Jahrzehnts 1899/1900
geherrscht hätten. Eine Entwicklung dieser Art mag verschiedene
Ursachen haben. Schon damals hat Eulenburg darauf hingewiesen ?),
daß gegenüber dem steigenden Bedarf danach die Mehrerzeugung
an diesen Rohstoffen nur zu steigenden Kosten möglich gewesen
sei. Mit einer solchen Entwicklung, die, wie bereits betont, eine
relative Verknappung des Bodens bedeutet, ist jedoch auch eine
wirtschaftlich stärkere Stellung der betreffenden Produktionsländer
verbunden, die dann auch marktmäßig den europäischen Industriestaaten
 gegenüber ausgenützt werden kann. Neuerdings hat Reichwein
 mitgeteilt, daß den amtlichen Baumwollschätzungen in den
Vereinigten Staaten, ebenso wie den Schätzungen der Juteernte in
Indien vorzuwerfen sei, „daß sie mit einer Regelmäßigkeit, die auf
Absicht schließen lasse, zu kurz angegeben würden“. Von der
Baumwolle sagt er, daß sich die starke Machtstellung Amerikas in
dem geradezu „diktatorischen Einfluß“ äußere, den die Eruateschätzungen
 des dortigen Department of Agriculture auf den Markt
ausüben. Die folgende Tabelle soll ein Bild dieses Zusammenhangs
geben ?®).

lahr

1920
1921
1922
1923
1024

Schätzung des Landwirtschafts- Tatsächlicher Ernteertrag
amtes in Ballen in Ballen
5 962 192 7 792 184
4992 609 7392 988
4236 828 5.937 588
9.995 807 8 893 319
8 044 892 8 889 000

Soweit diese Tatsachen zutreffen, bedeuten sie die Gefahr einer
künstlichen Verknappung des Marktes und damit die Tendenz zu
einer Preissteigerung, deren Kosten vorwiegend die europäischen

') Zur Frage von Kapitalbildung u. Kapitalbedarf in Deutschland, Festschr.
L. Brentano, 1916,
?) F. Eulenburg, Die Preissteigerung des letzten Jahrzehnts, 1912, S. 38.
3) A. Reichwein, Die Rohstoffwirtschaft d. Erde, 1928, S. 235 u. 242.
        <pb n="406" />
        399
Industriestaaten zu tragen haben. Soweit eine solche Entwicklung
sich vollzieht, muß sich, sowohl handelspolitisch, wie auch ganz allgemein
 wirtschaftlich, die Stellung dieser Rohstoff- und Agrarstaaten
‘hren europäischen Abnehmern gegenüber verstärken; ihre Lieferungen
 an diese können einen immer mehr monopolistischen Charakter
annehmen und diese Entwicklung kann bis zu dem Punkte gehen, daß
die Stellung jener Staaten wirtschaftlich so stark wird, daß sie auf
ihre Agrar- und Rohstoffe vielleicht sogar Ausfuhrzölle einführen
können, die dann natürlich von den Industriestaaten getragen werden
müssen. In einem solchen Falle ist der verhängnisvolle Einfluß dieser
Entwicklung auf den Nahrungsspielraum dieser Länder in die Augen
springend,
Man wird nämlich auf der anderen Seite nicht annehmen dürfen,
daß die europäischen Industriestaaten in ihrer Ausfuhr an Fertigwaren
 irgendein auch nur einigermaßen ausreichendes Äquivalent
gegenüber diesen Preiserhöhungen haben. Einmal kann hierbei von
ziner monopolistischen Stellung der Produzenten auf fremden Märkten
so gut wie keine Rede sein. Fertigwaren unterliegen auf dem
Weltmarkte der stärksten Konkurrenz und es ist nicht einmal sicher,
ob es dabei gelingen wird, bei der Ausfuhr die Mehraufwendungen
für die Preiserhöhungen bei Nahrungs- und Rohstoffen voll ersetzt
zu erhalten. Soweit jedoch diese letzteren zur Herstellung von
Gütern dienen, die nicht ausgeführt, sondern im Inland verbraucht
werden, und das gilt doch in der Hauptsache, so erhält das be-:reffende
 Land keinen unmittelbaren Ersatz für die erhöhten Herstellungskosten.
 Die Kostenerhöhung geht dann vielmehr zu Lasten
des Volkseinkommens und muß mit Mehraufwendung an Arbeit
bezahlt werden. Insoweit das Gesagte zutrifft, sind steigende Ausfuhrmengen
 an Fertigwaren erforderlich, um die gleiche Menge an
Roh- und Nahrungsstoffen zu erhalten. Die letzteren müssen mit
2inem Mehraufwand an Kapital und Arbeit bezahlt werden, wobei
es ganz gleichgültig ist, ob die Preissteigerung aus den Wirkungen
des Bodengesetzes herrührt oder darin ihre Ursache hat, daß die
Produzenten es verstehen, ihre Monopolstellung auf dem Markte
auszunutzen. Dies ist eine Entwicklung, die — gleiche Lebenshaltung
 vorausgesetzt — auch geringere Teile des Volkseinkommens
zur Kapitalneubildung übrig läßt.
Ein derartiger Einfluß auf die Kapitalneubildung ist aber
nur geeignet, noch weiterhin ungünstig auf den Nahrungsspielraum
der betreffenden Länder einzuwirken und zwar in gleicher Weise
auf den außen- wie auf den innenbedingten Teil. Was den ersteren

3. Kap. Der Nahrungsspielraum
        <pb n="407" />
        400 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

anlangt, so hängt von dem Kapitalvorrat und der Kapitalneubildung
in einem Lande in hohem Maße dessen Konkurrenzfähigkeit auf
dem Weltmarkt ab. Erst wenn ein Land über die entsprechende
Menge an neugebildetem Kapital verfügt, kann es seine Wirtschaft
in technischer Hinsicht so ausrüsten, daß sie nicht auf fremden
Märkten durch einen überlegenen Wettbewerb zurückgedrängt wird.
Von beinahe noch größerer Bedeutung ist jedoch das erforderliche
Maß der Kapitalneubildung für den innenbedingten Teil des Nahrungsspielraumes.
 Das gilt schon allgemein für jedes Land, das an
Volkszahl zunimmt. Hier muß, wenn keine Verschlechterung ia
der Lage der Bevölkerung eintreten soll, die Menge der Produktionsmittel
 und sonstigen dauerhaften Güter eine entsprechende Vermehrung
 erfahren !. Wenn in dieser Weise entsprechend dem
Volkswachstum ein bestimmtes Mindestmaß an Kapitalneubildung
erforderlich ist, so geht für ein Volk, das in die Weltwirtschaft verflochten
 ist, der tatsächliche Bedarf an neuem Kapital über diese
Mindestgrenze wesentlich hinaus, vor allem dann, wenn in der oben
dargelegten Weise der außenbedingte Teil des Nahrungsspielraums
bedroht ist. Denjenigen Kapitalbedarf, der allein durch das Volkswachstum
 bedingt ist, kann man als den extensiven bezeichnen;
daneben gibt es jedoch noch einen weiteren Kapitalbedarf, der nicht
dem Volkszuwachs als solchem, sondern der Notwendigkeit entspringt,
in allen Zweigen der Wirtschaft zu einer intensiveren Gestaltung
der Arbeit zu kommen. Hierher gehört im wesentlichen das, was
K. Marx als die Ersetzung des variablen durch konstantes
Kapital oder Böhm-Bawerk als die Anwendung immer längerer
Produktionsumwege bezeichnet hat. Die Verflechtung in den Weltmarkt,
 d. h. vom Standpunkt der Bevölkerung aus gesehen, die
wachsende Bedeutung des außenbedingten Teiles des Nahrungsspielraumes,
 zwingt ein Volk, in seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit
Schritt zu halten mit anderen Völkern. Ein jedes Volk ist deshalb
gezwungen, auf eine stete Steigerung der Ergiebigkeit seiner Arbeit
hinzuwirken, ein Ziel, das jedoch in der Gegenwart ohne die stete
Einführung neuer Arbeitsmethoden, ohne ständige Verbesserung in
der Technik, ohne periodische Neuausstattung der Betriebe mit
Produktionsmitteln, d. h. ohne fortdauernde neue Kapitalinvestierungen,
 unmöglich ist. Schon aus diesem Grunde muß in einem
solchen Lande die Kapitalneubildung weit stärker sein als das
Volkswachstum. Dürfen wir doch auch in diesem Zusammenhang

') Cassel, Theoretische Sozialökonomie, 1918, S. 187,
        <pb n="408" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 401
bei der Frage des Kapitalbedarfes einer Wirtschaft nicht außer acht
lassen, daß sich bei steigender Volkszahl die Bodenproduktion in
der langen Linie nach dem Gesetz vom sinkenden Bodenertrag vollzieht.
 Wo dies jedoch der Fall ist, da bedeutet es, daß die Kapitalaufwendungen
 progressiv zunehmen müssen, um steigende Roherträge
zu erhalten, daß also auch deshalb der Kapitalbedarf stärker zunimmt,
als es dem Wachstum der Volkszahl entspricht.
Die Notwendigkeit einer relativ stärkeren Kapitalneubildung
nimmt aber noch erheblich zu — das war ja der Ausgangspunkt
dieser ganzen Überlegungen — wenn ein Volk, das auf die Zufuhr
von Nahrungs- und Rohstoffen angewiesen ist, in stärkerer Abhängigkeit
 von deren Produzenten gerät, eine Möglichkeit, die oben bereits
dargelegt worden ist. Es ist in erster Linie die Zufuhr an Rohstoffen,
 die in diesem Zusammenhang für ein solches Land von ganz
besonderer Bedeutung ist. Denn auch der Bedarf an Rohstoffen
wächst stärker als es der Zunahme der Bevölkerung entspricht.
Steigt die Volkszahl, so entsteht zunächst ein entsprechend steigender
Bedarf an fremdländischen Rohstoffen für den Verbrauch der eigenen
Bevölkerung. Diese Bezüge an Rohstoffen müssen jedoch bezahlt
werden. Die Gegenleistungen müssen, abgesehen von Diensten und
anderen Quellen des Ausgleichs, in der Hauptsache aus halb- oder
ganzfertigen Waren bestehen. Um sie jedoch in genügendem
Umfang erzeugen zu können, um sie also auch für die Ausfuhr zur
Verfügung zu haben, ist für ein solches Land eine weitere Einfuhr
an Rohstoffen erforderlich. Die Einfuhr an fremdländischen Rohstoffen
 steigt also nicht nur in dem Maße, in dem der Verbrauch
an ihnen infolge steigender Volkszahl und steigender Lebenshaltung
zunimmt; sie muß vielmehr stärker ansteigen, entsprechend dem
weiteren Bedarf an Rohstoffen, der dadurch entsteht, daß durch
ihre Umwandlung in Fabrikate die Mittel gewonnen werden müssen,
den durch das Volkswachstum nötig gewordenen Bedarf an Rohstoffen
 zu bezahlen. Die Rohstoffeinfuhr hat also die Tendenz,
stärker zu wachsen als die Volkszahl. Diese Erscheinung läßt sich
auch leicht statistisch nachweisen. Es betrug im Deutschen Reiche
Die Zunahme der Einfuhr
In dem Jahrzehnt Das Wachstum Ass an Rohstoffen und an
Bevölkerung Halbfabrikaten
1881—90 8,9 % 3,5 %
1891—00 “13,1% 29,4 "/o
1901—10 14,1 % 60,2 %
Unter diesem Gesichtspunkt muß die Frage der Rohstoffversorgung
 also eine um so größere Bedeutung gewinnen, Die Möglich-Diehl-Mombert,
 Grundrisse, Bd. 15. 26
        <pb n="409" />
        402 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

keiten, sich von der Versorgung vom Ausland darin unabhängiger
zu machen, hängen aber besonders von den Fortschritten der Technik
ab, deren Durchführung ohne ein bestimmtes Maß von Kapitalneubildung
 unmöglich ist. Ob es sich um den Ersatz von Kupfer
durch Aluminium, von Naturseide durch Kunstseide, um die Gewinnung
 von Benzin auf dem Wege der Kohleverflüssigung oder
um die Herstellung von synthetischem Kautschuk und zahlreiche
andere Erfindungen handelt, die uns von der Zukunft gebracht
werden — ohne große neue Kapitalaufwendungen ist ihre Durchführung
 nicht möglich. Demgegenüber aber wirkt, wie wir gesehen
haben, eine Steigerung der Rohstoff- und Nahrungspreise ungünstig
auf die Kapitalneubildung. Zwar wird eine Steigerung der Rohstoffpreise,
 wie wir sie in der langen Linie wohl zu erwarten haben,
insoweit ein gewisses Gegengewicht ausüben, als damit technische
Fortschritte, deren Anwendung heute zu teuer ist, erst wirtschaftlich
ausgenutzt werden können. Aber all das ist nicht möglich, ohne
daß genügende Mengen neuen Kapitals immer wieder zur Verfügung
 stehen. In diesen Tendenzen sehe ich eine gewisse Gefährdung
 des außenbedingten Teiles des Nahrungsspielraumes, eine
Gefährdung, die schon wesentlich früher eintreten wird, als ein
absoluter Mangel an solchen Stoffen dem Bedarf gegenüber. Konnte
man doch schon in der Periode 1900/1913 deutlich die Tendenz
steigender Nahrungs- und Rohstoffpreise beobachten und, wenn jetzt
nach dem Kriege, namentlich bei den ersteren, eine umgekehrte
Tendenz zu beobachten ist, so handelt es sich hier jedenfalls um
eine vorübergehende Erscheinung.
Zwar hat Eulenburg mit Recht darauf hingewiesen !), daß
bei industriellen Erzeugnissen im Gegensatz zu den Erzeugnissen
des Bodens, der Kapitalumschlag ein rascherer ist und öfters im
Jahre erfolgen kann und daß darin für die Industriestaaten eine
wichtige Quelle der Bereicherung liegt. Aber dem steht dann doch,
wie Eulenburg ebenfalls hervorgehoben hat, der „Superprofit“
gegenüber, den die Rohstoffstaaten dank ihrer Monopolstellung
vielfach erhalten können, Er spricht hier von einem Tribut, der an
das Ausland zu entrichten ist. Es handelt sich also nicht um einen
Vorsprung der Industriestaaten, der auf die Dauer jene oben dargelegte
 Gefährdung der Kapitalbildung aufhalten könnte.
{n dieser Weise kann also in einem Lande, das auf den Austausch
 von Arbeit gegen Boden angewiesen ist. die Zunahme des

1) Eulenburg, Außenhandel, a. a. O., S. 297.
        <pb n="410" />
        3. Kap. Der Nahrusgsspielraum 403
Volkseinkommens hinter derjenigen der Volkszahl zurückbleiben.
Es müßte im Inland mehr Arbeit aufgewendet werden, um dem
Boden steigende Erträge abzugewinnen und es muß relativ mehr
an Arbeit aufgewendet werden, um vom Ausland die notwendige
Menge an Nahrungs- und Rohstoffen zu erhalten. Das kann so sein,
das muß aber nicht so sein. Es handelt sich hier um Zusammenhänge,
 die durchaus historisch bedingt sind. Man erkennt aber aus
solchen Überlegungen, wie bedenklich es ist, wenn z. B. in dem
Dawes-Gutachten als Wohlstandssymptom für Deutschland
und als Maßstab seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit auch das
Wachstum der Bevölkerung genannt ist. Es ist keineswegs gesagt,
daß mit zunehmender Volkszahl auch der Wohlstand eines Landes
entsprechend steigt. Auch das Umgekehrte kann der Fall sein %).
Solange jedoch dieser Austausch von Boden gegen Arbeit die
Grundlage für die Größe des Nahrungsspielraumes in einem Lande
bildet, da hängt es, wie man schon früher erkannt hat, in hohem
Maße auch von der Zusammensetzung der Ein- und Ausfuhr
 ab, wie groß der hierdurch außenbedingte Teil des Nahrungsspielraumes
 ist. Schon Sonnenfels, der wie kein anderer in
seinem Zeitalter die Bedeutung des Volkswachstums betont, und die
Erscheinungen der Bevölkerung besonders eingehend untersucht hat
war auch derjenige, der mit ausdrücklicher Betonung den Zusammenhang
 zwischen Volkszahl und Außenhandel hervorgehoben hat. Er
hat im Außenhandel ein Mittel der Volksvermehrung erblickt; er
hat darauf hingewiesen, daß es dabei nicht nur auf die Handelsbilanz
 im üblichen Sinne, die sog. numerische Bilanz, ankomme,
sondern auf die Bilanz des Vorteils, wie er sich ausdrückt. Diese
letztere ist dann auf seiten eines Staates, „wenn die ausgeführte
Ware eine größere Menge von Menschen in der Erzielung und in
der Fracht beschäftigt als die eingeführte. ... Nach dieser Erklärung
 kann die numerische Bilanz auf beiden Seiten gleich und
die Bilanz des Vorteils dennoch für einen Staat sein; die erstere
kann sogar wider eine Nation und dennoch die letzte für sie sein“ %),
Was Sonnenfels hier als die Bilanz des Vorteils bezeichnet, ist
neuerdings mit einem besseren Ausdruck als „Beschäftigungsbilanz“
 bezeichnet worden. Mit diesem Ausdruck ist gesagt, daß
wir auch den Außenhandel eines Landes unter dem Gesichtspunkt
betrachten müssen, welche Menge von Arbeitsgelegenheit er
1) Vgl. dazu die guten Bemerkungen von Mühlenfels, Steuerkraft u. Wohlstandsindex,
 1927, 5. 47 ff.
2) Sonnenfels, Grundsätze, a. a. O., Bd. 2, S. 580/81.
        <pb n="411" />
        4104 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

zu bieten vermag. In dieser Hinsicht wird man zunächst ganz allgemein
 sagen können, daß es für den heimischen Arbeitsmarkt von
besonderer Bedeutung ist, daß die Einfuhr an Waren eine möglichst
atbeitsextensive und die Ausfuhr eine möglichst arbeitsintensive ist.
Sehen wir zunächst unter diesem Gesichtspunkt die Gestaltung des
deutschen Außenhandels an, so wird sofort deutlich, was damit
gemeint ist.

in den
Tahren

Von 1000 Mark entfielen im
Spezialhandel auf fertige Waren
bei der
Einfuhr

Ausfuhr

: Es betrug der Unterschied
 in dem Anteil
der fertigen Waren
bei der Aus- und
Einfuhr

1881—85
1886-—90
:891—95
:896—00
1901-—05
[906—10
L911—13
1924—28
Daß bei diesem Anteil der fertigen Waren bei.der Ausund
 bei der Einfuhr gewisse Schwankungen vorkommen, liegt
auf der Hand. In Zeiten einer günstigen Konjunktur pflegt der
Anteil der fertigen Waren bei der Ausfuhr abzunehmen und bei
der Einfuhr zu steigen und umgekehrt, wenn sich die Konjunkturlage
 nach der ungünstigen Seite hin wendet?). Im allgemeinen
 erkennt man jedoch, daß die Entwicklung der Beschäftigungsbilanz
 für Deutschland, unter dem Gesichtspunkt des
Nahrungsspielraumes betrachtet, günstig gewesen ist. Die letzte
Reihe der Tabelle, der Unterschied in dem Anteil der fertigen Waren
vei der Aus- und Einfuhr, enthält die Zahlen, die für die Größe
der Beschäftigungsbilanz entscheidend sind. Diese Zahlen zeigen an,
in welchem Maße die Arbeitsgelegenheit, die aus der Ausfuhr erwächst,
 gestiegen und der Wettbewerb, den fremde Industrien durch
die Einfuhr fertiger Waren auf dem heimischen Arbeitsmarkt bereiten,
gesunken ist. An einem einfach konstruierten Beispiel kann man
sich den Zusammenhang deutlich machen.
Wir wollen annehmen, daß ein Land jährlich Rohbaumwolle
im Werte von 600 Millionen M. einführt und daß die Bezahlung

1) In dem betrachteten Zeitraum sind auch gewisse Änderungen i. d. statistischen
Begriff d. fertigen Waren erfolgt, Wandlungen, die jedoch die Tendenz, welche die
Tabelle angibt, kaum zu ändern vermögen.
        <pb n="412" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 405
dafür nur durch die Ausfuhr von Textilerzeugnissen geschehen kann.
Es sei ferner angenommen, daß von dieser Einfuhr ein Teil im Werte
von 300 Millionen M. für den inländischen Verbrauch erforderlich
und bestimmt sei. Die Ausfuhr kann dann in mehr oder weniger
arbeitsintensiver Form erfolgen. Dafür seien drei Möglichkeiten gewählt:
 ı. Die Ausfuhr bestehe aus baumwollenen Garnen, 2. sie
bestehe aus baumwollenem Gewebe, 3. sie bestehe aus baumwollenen
Gewändern, Die gleiche Wertmenge an den letzteren enthält also
weniger an Rohstoffen, wie diejenige an Geweben und diese wieder
weniger wie die Ausfuhr an Garnen. Je mehr Produktionsstadien
eine Ware durchschritten hat, um so mehr beruht ihr Wert auf
Arbeit. Diese 3 Fälle sind in der folgenden Übersicht dargestellt:

Menge der Wert des darin | Wert des darin
 eführ an enthaltenen enthaltenen
Rohstoffes Arbeitslohnes

Beides zusammen

I. Garnen 150 Mill. Mk. 50 Mill. Mk. 200 Mill. Mk.
2. Geweben | 100 ” 100 # / 200
3. Kleidern 50 + | 150 » 200 „ ”
zusammen 300 Mill. Mk. | 300 Mill. Mk. | 60oo Mill. Mk,
IL
I. Garnen 210 Mill. Mk. 70 Mill. Mk. 280 Mill. Mk.
2. Geweben 110 » 110 » 220 ”
3. Kleidern | 25 - 75 4 100 nn
zusammen 345 Mill. Mk. | 255 Mill. Mk, | 600 Mill. Mk,
HI.
I. Garnen 249 Mill. Mk. 83 Mill. Mk. 332 Mill. Mk.
2, Geweben 129 5 | 129 ; 258
3. Kleidern 29 x » 88 ” 117 ”
zusammen 407 Mill. Mk. | 300 Mill, Mk, | 707 Mill Mk.

In dem ersten Falle enthält die Ausfuhr 300 Millionen M. an
Baumwolle und die gleiche Menge steht, wie angenommen, für den
.nländischen Bedarf zur Verfügung. Die Ausfuhr enthält dann für
300 Millionen M. an Arbeitslohn, wobei von der Verzinsung des
Kapitals abgesehen werden soll. Nimmt man den Lohn eines
Arbeiters mit 2000 M. im Jahre an, so fänden hierbei 150000 Arbeiter
Beschäftigung. In dem zweiten Falle hat die Ausfuhr eine andere
Zusammensetzung; sie ist nicht mehr so arbeitsintensiv, sie gewährt
weniger Arbeitern Beschäftigung und enthält demnach mehr an Rohstoffen
 wie im ersteren Falle. Es tritt damit in dieser Industrie eine
Verschlechterung auf dem Arbeitsmarkt ein und statt der not
wendigen Menge an Baumwolle im Werte von 300 Millionen M.
        <pb n="413" />
        406 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

steht nur eine Menge von 255 Millionen zur Verfügung. Da jedoch,
wie angenommen, für den heimischen Verbrauch Baumwolle im
Werte von 300 Millionen M. benötigt wird, so muß demnach die
Baumwolleinfuhr entsprechend steigen. Auch diese Mehreinfuhr
muß wieder durch heimische Ausfuhr bezahlt werden. Wie hoch sich
jedoch die Einfuhr gestalten muß, wenn bei dieser arbeitsextensiven
Zusammensetzung der Ausfuhr, wie es im zweiten Beispiel der Fall
ist, genau so viel Arbeiter wie im ersten Falle beschäftigt werden
sollen und wenn die angenommene Menge an Baumwolle für den
heimischen Verbrauch zur Verfügung stehen soll, zeigt der angenommene
 Fall 3 (Zahlen abgerundet). Um beide Ziele zu erreichen,
 muß eben dann die Einfuhr an Baumwolle zunehmen. Man
kann aus diesen Überlegungen zwei Sätze ableiten. 1. Gleiche Menge
an eingeführten Rohstoffen schafft in einem Lande um so mehr Arbeitsgelegenheit,
 je arbeitsintensiver die Ausfuhr ist. 2. Wo die Ausfuhr
sich nach der extensiven Seite hin entwickelt, da muß die Einfuhr
an Rohstoffen zunehmen, um dem Lande das gleiche Maß von
Arbeitsgelegenheit und Rohstoffen zur Befriedigung des eigenen
Bedarfs zu geben. Eine solche Entwicklung vergrößert also die
wirtschaftliche Abhängigkeit vom Ausland.
Wenn also auch durch diesen Austausch von Arbeit gegen Boden
eine unleugbare wirtschaftliche Abhängigkeit der Länder mit Fertigwarenausfuhr
 entsteht, so ist diese Abhängigkeit doch um so geringer,
je arbeitsintensiver diese Ausfuhr ist. Oder anders ausgedrückt:
gleiche Volkszahl und gleiche Lebenshaltung vorausgesetzt, wird der
außenbedingte Teil des Nahrungsspielraumes um so größer sein
müssen, je weniger die Ausfuhr des Industriestaates Arbeitsleistung
enthält, weil damit die Rohstoffeinfuhr zunehmen muß. Deshalb
wird die Erzielung einer arbeitsintensiven Ausfuhr den innenbedingten
 Teil des Nahrungsspielraumes stärken.
Gerade auch mit Rücksicht auf die Gefahren, die dem modernen
Industriestaat aus dieser bei steigender Volkszahl drohenden Verknappung
 der Nahrungs- und Rohstoffe in den bisherigen Bezugsländern
 drohen, hat auch schon früher diese Entwicklung zum
Industriestaat zahlreiche Gegner gefunden. Man hat bereits früher,
namentlich am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts, auf diese
Gefahren hingewiesen. Auch neuerdings mehren sich besonders
unter dem Eindruck der Ein- und Nachwirkungen des Weltkrieges
die Stimmen, die aus Gründen der Sicherheit des Nahrungsspielraumes
auf die Notwendigkeit einer stärkeren Autarkie unserer Volkswirtschaft
hinweisen.
        <pb n="414" />
        497
Sombart z. B. hat gemeint: „Es wird eine Rückbildung der
europäischen Länder in den Strukturverhältnissen ihrer Volkswirtschaften
 stattfinden, die das Verhältnis der landwirtschaftlichen zur
nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung zum Ziele hat, wie es etwa in
Deutschland 1882 bestand: 40°%, landwirtschaftliche Bevölkerung.
Die weltwirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Völkern werden
dadurch noch weiter einschrumpfen“*!), Baade hat darauf hingewiesen,
 daß die derzeitigen europäischen Wirtschaftsschwierigkeiten
auf einer quantitativ ungleichmäßigen Entwicklung der agraren und
industriellen Produktion beruhten, darauf, daß sich in den letzten
vierzig Jahren die industrielle Bevölkerung in Europa etwa verdoppelt
habe, während die landwirtschaftliche Bevölkerung an Zahl etwa
gleich geblieben sei. Der ganze Aufschwung der europäischen Wirt:
schaft war nach der Meinung Baades nur dadurch möglich, daß
an anderen Punkten der Erde die Entwicklung entgegengesetzt war,
indem hier die landwirtschaftliche Tätigkeit der industriellen vorauseilte.
 Seit der Jahrhundertwende etwa zeigte sich darin ein Umschwung,
 da die agraren Überschüsse der außereuropäischen Staaten
mit der Industrialisierung Europas nicht mehr Schritt hielten. Damit
gerate Europa in eine Periode der Lebensmittelteuerung, sinkender
Reallöhne und langandauernder Arbeitslosigkeit. Es müsse, wenn
diese Folgen vermieden werden sollen, eine „Reagrisierung“ Europas
eintreten, um hier das Gleichgewicht zwischen agrarer und industrieller
 Produktion wieder herzustellen ?). Auch Eulenburg hat
neuerdings die Frage aufgeworfen: „Ob etwa eine Rückgängigmachung
dieser weltwirtschaftlichen Verflechtung durch die stärkere Nationalisierung
 der einzelnen Volkswirtschaften zu erwarten ist; ob nicht
aine neue weltwirtschaftliche Struktur sich durchsetzt, in der jene
als selbstverständlich angenommene Produktionsteilung zwischen den
verschiedenen Gebieten der Erde und deren Völkern wieder geändert
wird. ... Das Erwachen der neuen Staaten kann eine Gefährdung
der alten Kulturwelt darstellen, kann eine Rückwärtsbewegung der
alten Volkswirtschaften im Gefolge haben, falls die neuen Staaten
sich dichter besiedeln oder die Ausnutzung der Rohstoffe selbst in
die Hand nehmen“ ®),
Daß solche Möglichkeiten und Gefahren bestehen, ist nicht zu
leugnen; alle, die in der‘ eben dargelegten Weise mit diesen Gefahren
 rechnen, betonen in der einen oder anderen Form, daß die
1) Sombart, Die Wandlungen, a. a, O., 5. 251.
3) Baade, Entwicklungsmöglichkeiten, a. a. O0.
3 Eulenburg, Außenhandel, S. 24.

3. Kap. Der Nahrungsspielraum
        <pb n="415" />
        408

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

agraren Grundlagen der europäischen Wirtschaft wieder gestärkt
werden müßten, um ihr ein größeres Maß von Autarkie zu verleihen.
 Es handelt sich also darum, den innenbedingten Teil des
Nahrungsspielraumes zu erweitern. Daß dazu unstreitig starke
Möglichkeiten vorhanden sind, wurde bereits oben hervorgehoben.
Wenn aber solche Gefahren eintreten, dann kann dies zunächst nur
in der Weise geschehen und dazu zeigten sich ja, wie wir gesehen
haben, bereits vor dem Kriege Tendenzen, daß die Preise der
Nahrungs- und Rohstoffe zu steigen beginnen. Damit bessern sich
aber gleichzeitig die ökönomischen Voraussetzungen, um in den
europäischen Staaten eine Intensivierung des Landbaues durchzuführen
 und die Ausnutzung bestimmter technischer Fortschritte auch
in der Industrie wirtschaftlich möglich zu machen.
Freilich dürfen wir uns keinem Zweifel darüber hingeben, daß
einer solchen Ausweitung des innenbedingten Teiles des Nahrungsspielraumes
 bestimmte und vielleicht gar nicht sehr weitgesteckte
Grenzen gezogen sind. Denn ob in einem Lande deshalb die
Lebensmittel im Preise steigen und ob hier die Reallöhne und
damit die Lebenshaltung sinken, weil wir dem Ausland seine Lieferungen
 an Nahrungs- und Rohstoffen teurer bezahlen müssen oder
ob das deshalb geschieht, weil wir, um diese wirtschaftliche Abhängigkeit
 von fremden Ländern zu mindern, im eigenen Lande
unseren Bedarf mit steigenden Kosten produzieren, macht vom
Standpunkt der Beziehungen von Wirtschaft und Bevölkerung aus
gesehen keinen Unterschied. Politische Gesichtspunkte bleiben
dabei natürlich außer acht.
Diesen verschiedenen Möglichkeiten gegenüber haben die Sätze
noch heute volle Geltung, welche Dietzel vor beinahe einem
Menschenalter anläßlich des damals tobenden Kampfes um den
Gegensatz von Agrar- und Industriestaat ausgesprochen hat: „Incidit
in Scyllam, qui vult vitare Charybdim“. Wenn Deutschland, geschreckt
 durch das Gespenst des möglichen Versiegens der
Nahrungsquellen, die außerhalb seiner Grenzen liegen, sich zurückziehen
 würde aus der Weltwirtschaft, so würde es das Gespenst
des möglichen Versiegens der Nahrungsquellen, die innerhalb seiner
Grenzen liegen, heraufbeschwören .. Die Möglichkeit von Übervölkerung
 und Brotnot —, wenn sie überhaupt besteht — bei Isolierung
 wie bei Verkehr, ob sie in diesem oder jenem Zustand
Wirklichkeit wird — immer muß, so oder so, die Woge der Ziffer
zum Stillstand gebracht werden. Ob dieses Muß sich früher einstellen
 werde, in jenem Zustande oder in diesem, vermag Niemand
        <pb n="416" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 409

zu entscheiden, Die Behauptung, daß Übervölkerung und Brotnot
rascher hereinbreehen würden, wenn die weltwirtschaftliche Entwicklung
 weiter dauerte, als wenn die Völker sie hemmten, aus
dem Netze des Verkehrs ganz oder teilweise sich lösten, wäre eine
willkürliche. Und selbst, wenn sie bewiesen werden könnte, wäre
sie irrelevant — muß jenes Muß kommen, so ist es ganz gleichgültig,
 ob es auf diese oder jene Generation trifft“ ').
Bereits in diesen Worten hat, wie auch an anderen Stellen
seines Buches, Dietzel auf die Bedeutung und Gestaltung der
Volksziffer hingewiesen und die Meinung ausgesprochen, daß wenn
die Zeit kommt, da die Nahrungsquellen schwächer zu fließen beginnen,
 auch die Bevölkerungsflut alsdann schwächer fließen werde.
Dieser Zusammenhang ist sehr wichtig und wird deshalb später
noch an anderer Stelle zu behandeln sein. Aus dem Vorangegangenen
ist ja deutlich geworden, daß man das Wachstum einer Bevölkerung
 nach seiner wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung hin nicht
zu beurteilen vermag, wenn man nicht auch gleichzeitig die
Entwicklung des Nahrungsspielraumes und seine Erweiterungsmöglichkeiten
 in die Betrachtung einbezieht, daß man dann aber auch umgekehrt
 nichts über die Gefahren, aussagen kann die aus der Gestaltung
des Nahrungsspielraumes drohen, wenn man nicht die Wandlungen in
Rechnung zieht, die gleichzeitig damit oder auch als Folge davon
in der Stärke des Volkswachstums eintreten können. Es ist oben
häufig genug betont worden, daß wir es bei diesen Zusammenhängen
 mit den allerengsten Wechselwirkungen zu tun haben.
Wenn aber in dieser Weise für ein Volk aus dem fehlenden
Gleichgewicht zwischen Boden und Arbeit und aus der dadurch bedingten
 Abhängigkeit von anderen Staaten solche Gefahren entstehen
 können, dann ergeben. sich damit auch bestimmte Aufgaben
für die Bevölkerungspolitik. Sie muß dann naturgemäß auf
das Ziel eingestellt sein, diese Gefahr zu vermindern Oder zu vermeiden.
 Damit können sich dann für einen Staat und für ein Volk ganz
bestimmte Aufgaben in der allerverschiedensten Richtung ergeben, wie
die Geschichte aller Zeiten gezeigt hat: nach dem Worte Kjellens,
daß in seiner demischen Seite der freie Wille des Staates auf
mannigfache Weise in der Notwendigkeit verankert ist”) Hier
können sich dann Aufgaben und Handlungen eines Staates ergeben,
die zum Schutze des Nahrungsspielraumes auf das Gebiet der

» Dietzel, Weltwirtschaft, a, a. O0. S. 119.
2) Kjellen, Der Staat, a. a. O. S. 155.
        <pb n="417" />
        410 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

äußeren Politik hinübergreifen und einen wichtigen Bestandteil derjenigen
 Entwicklung bilden, die man mit einem nicht ganz zutreffenden
 Ausdruck als Imperialismus zu bezeichnen pflegt.
6. Imperialismus und Nahrungsspielraum. — Wo
Platon in seiner molıtelae von der Entstehung und dem Wachstum
 der Staaten spricht, berührt er auch den Einfluß, den dieses
Wachstum auf das gegenseitige Verhältnis der Staaten ausübt. Das
Land, das ursprünglich noch genügt hat, um alle Bürger zu ernähren,
 wird zu klein und er läßt den Glaukos die Frage des
Sokrates: „Also sind wir gezwungen, unseren Nachbarn ein Stück
Land abzuschneiden, wenn wir genügend Weide und Ackerland
 haben wollen? Und sie hinwiederum müssen sich von dem
unsrigen hinwegnehmen, falls auch sie den Gelüsten sich unbebegrenzten
 Besitz zu beschaffen, nachgeben und die Grenze des
Notwendigen überschreiten“ !)? bejahen. Die Wahrheit dieser von
Platon ausgesprochenen Tatsache hat die Geschichte an zahlreichen
 Beispielen bestätigt.
In der vorgeschichtlichen Zeit — es sei nur an die ältesten
uns bekannten Wanderungen gedacht — hat dieser Kampf um die
Futterplätze und um den Raum immer wieder zu Zusammenstößen
und Kriegen geführt. Vor allem in der Geschichte der Griechen
können wir diesen Zusammenhang auf das deutlichste wahrnehmen,
wo das Problem des Nahrungsspielraumes so ziemlich alles andere
zurückdrängte. „So wird die „Ernährung“ zum alles beherrschenden
 Prinzip im außenpolitischen Leben der griechischen Staatenwelt.
 Diese Ernährung und Versorgung auf Kosten der Umwelt
zu gestalten, wird zum höchsten Ziel aller Machtpolitik, zum
höchsten Ziel auf außenpolitischem ‘Gebiet auch des radikalen
demokratischen Staatsgedankens.“ „Es ist ein Imperialismus, der
auf der einen Seite den direkten gewaltsamen Erwerb von fremdem
Boden und Ländern zum Ziele nimmt: man sucht sich in den Besitz
 der Versorgungsländer selbst, in erster Linie der Getreide- und
Schiffsbaumaterialländer zu setzen, um sie unmittelbar auszubeuten
oder auch in ihnen nach gewaltsamer Austreibung der bisherigen Bewohner,
 die eigene überschüssige Volksmasse anzusiedeln und auf
diese Weise zu ernähren.“ „Die athenische Thalassokratie steht im
Dienste der „Ernährung“. Sie schafft rein militärische Stützpunkte
zur Behauptung des Herrschaftsgebietes und setzt sich in den Besitz
solcher Punkte. von denen aus sie die Rationierung der Versorgung

1) Nach d. Übersetzung von Preisendanz; 1910, S. 971.
        <pb n="418" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 411

der anderen in der Hand hat; sie schafft tributzahlende und Versorgungsgüter
 liefernde Untertanen, um auf ihre Kosten zu leben“ ?).
Kjellen hat den engen Zusammenhang zwischen Volkswachstum
 und äußerer Politik in die folgenden Worte gekleidet: „Da alle
Völker unter normalen Verhältnissen ihre Räume zunächst anfüllen,
dann ausfüllen und schließlich überfüllen, so kommt zuletzt die Zeit,
da es im Reiche mehr Menschen gibt als in ihm leben können.
Dann muß der Staat seine Politik auf die primitive Aufgabe einstellen,
 „Manna in der Wüste“ für seine überflüssigen Volksmassen zu
finden. Hierin liegt tatsächlich das größte Geheimnis des imperialistischen
 Strebens der Gegenwart, seitdem moderne Technik eine
Aufstapelung der Menschen in den Heimatländern in größerem Maßstab
 ermöglicht hat, als das Land selbst hat entwickeln können. Da
die volkstümliche Verkündigung gar nicht stark genug die Raubpolitik
 der Großmächte verurteilen kann, so sollte man die einfache
Tatsache beachten, daß ihnen zuweilen keine Wahl bleibt; sie stehen
unter dem Gesetz der Notwendigkeit, das ihnen gebietet, außerhalb
ihrer Grenzen für den Unterhalt der ihrigen zu sorgen ?).
Es würde zu weit führen, diese Zusammenhänge zwischen äußerer
Politik und Volkswachstum eingehender in ihrer geschichtlichen Entwicklung
 zu verfolgen oder auch im Zusammenhang mit den tieferen
Ursachen des Weltkrieges zu betrachten. Es kam hier vielmehr nur
darauf an, auf diesen Zusammenhang hinzuweisen und zu zeigen,
wie nicht nur nach der ökonomischen, sondern auch nach der außenpolitischen
 Seite hin im Volkswachstum gewaltige, vorwärtstreibende
Kräfte vorhanden sind. Dabei ist keineswegs gesagt, das sei hervorgehoben,
 um einer Mißdeutung dieser Darlegungen vorzubeugen, daß
im Volkswachstum die einzige Kraft läge, die nach dieser Richtung
des Imperialismus hin wirksam ist. Daneben kann auch, wie die
Erfahrung zeigt, reines Machtstreben eine nicht weniger wichtige
Rolle spielen. Gibt es doch gerade in neuerer Zeit manche Staaten,
deren Politik durchaus imperialistisch ist, ohne daß von einem
Drängen der Volkszahl gegen den Nahrungspielraum irgendwie die
Rede sein könnte ®).
Auch in allerneuester Zeit kann man deutlich solche Zusammenhänge
 feststellen. Es sei vor allem auf die Außenpolitik Japans vor

1) Hasebroek, a. a. O., S. 147—150 u. 157.
2) Kjellen, a. a. O., S. 153/54.
$) Kjellen, a. a. O., S. 154. — Salz, Der Imperialismus d. Vereinigten
Staaten. Arch. f, Sozialw., Bd. 50. — Mombert, Bevölkerungsproblem u. Bevölkerungstheorie,
 a. a. O-
        <pb n="419" />
        412 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

dem Weltkriege verwiesen, besonders auf seine Versuche, auf dem
asiatischen Festland Fuß zu fassen oder an die Gegensätze zwischen
Japan und den Vereinigten Staaten, die zum Teil auch darauf beruhen,
 daß das an Volkszahl so stark anwachsende Japan freien
Zutritt für die Masse seiner Auswanderer, namentlich nach den westlichen
 Gebieten des amerikanischen Kontinents erlangen will. Ähnlich
lagen schon vor dem Kriege die Verhältnisse in Italien, das als überaus
 rohstoffarmes Land nicht mehr in der Lage war, seinem großen
Geburtenüberschuß Unterhalt und Fortkommen in der eigenen
Heimat zu beschaffen, und das deshalb jährlich Hunderttausende als
Auswanderer in fremde Länder ziehen lassen mußte. Schon damals
bestanden deshalb in Italien starke Tendenzen, in fremden Erdteilen
wirtschaftlichen und politischen Einfluß zu gewinnen und nach dem
Weltkriege sind diese Kräfte noch beträchtlich gewachsen. Von der
Zeit vor dem Kriege hat Michels gesagt: „Um den italienischen
Imperialismus zu verstehen, ist zunächst vonnöten, einen Blick auf
die italienische Demographie zu werfen“ !). Nach dem Kriege haben
in Italien diese imperialistischen Bestrebungen unter deutlichster
Berufung. auf das starke Volkswachstum sehr an Umfang zugenommen.
Beruht doch letzten Endes darauf der latente Gegensatz zwischen
Frankreich und Italien, in dem das letztere im Hinblick auf das: so
verschieden starke Volkswachstum in beiden Ländern Ansprüche
auf Kolonien, auch auf Kosten Frankreichs geltend macht ?); wenn
die italienische Regierung mit so viel Erfolg versucht hat, ihre Auswanderer
 auch unter ihrem Einfluß zu behalten und zu verhüten, daß
sie mit ihrer Gesinnung und ihrer Kraft dem Mutterlande. verloren
gehen, so liegt diesem Streben ebenfalls ein durchaus imperialistischer
Gedanke zugrunde.

Unter diesem Gesichtspunkt — Volkswachstum und politisches
und wirtschaftliches Machtstreben — handelt es sich also in gewissem
Sinne um Lebensgesetze der Völker, um Tendenzen von solcher
Kraft, daß sie sich immer wieder trotz aller Hindernisse durchzusetzen
versuchen. Es braucht an dieser Stelle nicht eingehender dargelegt
zu werden, daß auch die Entwicklung, die in erster Linie Deutsch-1)

 Elemente z, Entstehungsgeschichte d. Imperialismus in Italien, Arch. f. Sozialw.,
Bd. 34, S. 58.
?) Michels, Prolegomena zum weltpolitischen Bevölkerungsproblem in Italien
u. Frankreich, Weltwirtschaftl. Archiv, Bd. 26. — Vgl. dazu auch C. Brinckmann,
Imperialismus als Wirtschaftspolitik. In „Die Wirtschaftswissenschaft nach d. Kriege‘‘,
Festgabe f. Brentano, S. 8ı ff.
        <pb n="420" />
        413
land in den Gegensatz zu England gebracht hat, ihre tiefsten Ursachen
 in dem starken deutschen Volkswachstum hatte *).
Beruht in dem eben dargelegten Sinne dieser Imperialismus auf
wirtschaftlichen Notwendigkeiten und kann man ihn deshalb vielleicht
 im Gegensatz zu dem politischen, von reinem Machtstreben
diktierten, als einen ökonomischen Imperialismus bezeichnen, so sind
doch mit den eben dargelegten Zusammenhängen die Deutungsund
 Erklärungsversuche für diese Richtung des Imperialismus nicht
erschöpft. In einer ganz anderen Weise, als es eben geschehen ist,
hat der Neomarxismus den Versuch gemacht, wenn auch gleichfalls
 im Rahmen der Zusammenhänge von Bevölkerung und Wirtschaft,
 die treibenden Kräfte für die neuere Entwicklung des Imperialismus
 aufzufinden, Sie sollen dieser Richtung nach in den
immanenten Tendenzen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung verankert
 sein.

3. Kap. Der Nahrungsspielraum

K. Marx hat in dem siebenten Abschnitt seines Kapitals, in
dem der Akkumulationsprozeß behandelt wird, gesagt: „Die erste
Bedingung der Akkumulation ist, daß der Kapitalist es fertiggebracht
hat, seine Waren zu verkaufen und den größten Teil des so erhaltenen
 Geldes in Kapital zurückzuverwandeln‘“ ?). Das Absatzproblem
steht im Mittelpunkt für die Fortführung der kapitalistischen Produktion.
 Für die Stufe der erweiterten Akkumulation, wo also Teile
des Mehrwerts nicht konsumiert werden, sondern zur Kapitalneubildung
 dienen, ist dieses Problem von besonderer Bedeutung. Denn
auf dieser Stufe kann die Wirtschaft nur ihren ungestörten Fortgang
nehmen, wenn dauernd eine Zunahme der zahlungsfähigen Nachfrage
 auf dem Markte stattfindet. R. Luxemburg und nach ihr
vor allem F. Sternberg, haben nun den Nachweis zu führen unternommen,
 daß in einer solch fortschreitenden Wirtschaft kein genügender
 Absatz für die sich stets erweiternde Produktion vorhanden
sei, daß vielmehr ein solcher Absatz nur in „vorkapitalistischen Gebieten“
 gefunden werden könne ®). Es sei allein auf diese Weise möglich,
 die erforderliche Nachfrage für die zuschüssigen Produkte zu

4) Mombert, Bevölkerungsproblem u, Bevölkerungstheorie, a, a, O., S. 386 ff.
5) „Kapital“, Bd. ı, 1906, S. 527.
8) R. Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag z. ökonomischen
 Erklärung des Imperialismus, 1913. — Dieselbe, Bd.2. Kine Antikritik,
1921. — Fr. Sternberg, Der Imperialismus, 1927. — Derselbe, Reservearmee,
Lohn u. Krisen im.Imperialismus, Arch. f. Sozialw., Bd. 59. — N. Lenin, Der
Imperialismus als jüngste Etappe d. Kapitalismus, Wien 0..J. — N. Bucharin, Der
[Imperialismus u. die Akkumulation des Kapitals, Wien, 0. I
        <pb n="421" />
        414 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

schaffen, die aus dem kapitalistischen Mehrwert entspringen; denn
Kapitalisten und Arbeiter seien gar nicht imstande, das Gesamtprodukt
 zu realisieren. R. Luxemburg betont, daß deshalb der
Kapitalismus auch in seiner vollen Reife auf die gleichzeitige Existenz
nichtkapitalistischer Schichten und Gesellschaften angewiesen sei.
„Dieses Verhältnis erschöpft sich keineswegs durch die nackte Absatzfrage
 für das überschüssige Produkt ... Der Akkumulationsprozeß
des Kapitalismus ist durch alle seine Wertbeziehungen und Sachbeziehungen:
 konstantes Kapital, variables Kapital und Mehrwert,
an nichtkapitalistische Produktionsformen gebunden.“ „Realisierter
Mehrwert, der in England und Deutschland nicht kapitalisiert werden
kann und brachliegt, wird in Argentinien, Australien, Kapland oder
Mesopotamien in Eisenbahnbau, Wasserwerke, Bergwerke usw. gesteckt.
 Maschinen, Material und dergleichen werden aus dem Ursprungslande
 des Kapitals gezogen und mit diesem bezahlt ... Das
Kapital muß selbst seine Produktionselemente kaufen, sich in ihnen
verkörpern, ehe es sich betätigen kann“?). In dieser Entwicklung
sieht R. Luxemburg die ökonomische Wurzel des Imperialismus
und die Erklärung der anderen Tatsachen, die für die neuere Zeit
typisch sind: „Die Hast und Jagd nach entferntesten Absatzmärkten
und die Kapitalausfuhr, d. h., die markantesten Erscheinungen des
heutigen Imperialismus“ ?).
Diese Gedanken hat dann Sternberg auszubauen versucht.
Er hat noch deutlicher als R. Luxemburg auf die letzten Konsequenzen
 dieser Entwicklung, die gerade für die Zusammenhänge
von Bevölkerung und Wirtschaft wichtig sind, hingewiesen. Dabei
sollen an dieser Stelle nur diejenigen Gedanken Sternbergs erörtert
 werden, die im Zusammenhang mit dem Problem des Impenalismus
 stehen, weniger diejenigen, mit denen er in gewisser Anlehnung
 an Oppenheimer die Bevölkerungslehre von Marx, die
Lehre von der industriellen Reservearmee, auszubauen suchte.
Sternberg vertritt die Auffassung: „Daß durch extensive
Ausdehnung des Kapitalismus über seine eigenen Landesgrenzen
hinaus, daß durch den imperialistischen Vorstoß, durch die Durchkapitalisierung
 nichtkapitalistischer Territorien, wie durch das Hinaustragen
 der kapitalistischen Produktionsweise in wenig besiedelte Gebiete,
 die Marx’sche Gesetzlichkeit der industriellen Reservearmee
zeitweilig überkompensiert werden konnte“ ®%. Aber diese Möglich-)

 Luxemburg, Akkumulation, Bd. ı, S. 337 u. 402—403,
*) Akkumulation, Bd. 2, S. 37/38.
’) Reservearmee, a. a. O.. S. 246.
        <pb n="422" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 415
keiten, den Kapitalismus in der bisherigen Weise extensiv auszudehnen,
 werden immer geringer. In den bisherigen Kolonialstaaten
beginnt sich in steigendem Maße eine Industrie auszubilden und die
„Abgabe europäischer Surplusbevölkerung an reine Siedelungsgebiete“
ist lang nicht mehr so groß heute wie in der Vorkriegszeit. Die
Marxsche Bevölkerungstheorie, die Lehre von der industriellen
Reservearmee, besteht also zu Recht, nur daß es Perioden gibt, in
denen sie zeitweilig überkompensiert wird. Wenn aber diese Kompensationsmöglichkeit
 fehlt, dann müßte die industrielle Reservearmee
 mit ihrer vollen Wucht wirksam werden und die Zahl der
unbeschäftigten Arbeiter müßte ganz erheblich zunehmen. Wenn
aber diese „Schonzeit“ des Kapitalismus nur eine historische
Kategorie ist, wenn die industrielle Reservearmee Zur Tatsache
werden wird und wenn dann die Arbeitslöhne auf die Reproduktionskosten
 sinken, dann setzt sich desto mehr die Marxsche Gesetzlichkeit
 durch, „daß auf der einen Seite die Akkumulation des
Kapitals steht, auf der anderen Seite die Akkumulation des Elends“.
Es kann natürlich in diesem Zusammenhang nicht genauer
darauf eingegangen werden, ob die Kritik der Marx’schen Reproduktionskostentheorie,
 wie sie in diesen Darlegungen von Luxe mburg
 und Sternberg enthalten ist, zutrifft oder ob hier erhebliche
 Mißverständnisse obwalten !). Bestehen doch darüber unter
den Vertretern des Sozialismus selbst große Meinungsverschiedenheiten.
 So hat Bucharin gegenüber R. Luxemburg den Nachweis
 zu führen versucht, daß der Kapitalismus nicht, wie sie meinte,
an dem Mangel „dritter Personen“, sondern an seinen eigenen Widersprüchen
 zugrunde gehen müsse *).
Was uns in diesem Zusammenhang von Bevölkerung und Wirtschaft
 an dieser Auffassung vielmehr interessiert, ist die Tatsache,
daß hier aus den Wurzeln des Kapitalismus heraus gewissermaßen
naturnotwendig, wenn auch in ganz anderem Sinne als oben dargelegt,
 die Ausweitung des außenbedingten Teils des Nahrungsspielraumes
 als unerläßlich hingestellt wird. Es ist natürlich zunächst
durchaus irrtümlich, eine derartig vielgestaltige Erscheinung wie den
Imperialismus, aus einer einzigen Ursache heraus erklären zu wollen.
Sombart hat mit Recht darauf hingewiesen, daß z. B. Rußland
und Japan bis zum Kriege gar keinen solchen Finanzkapitalismus,
wie ihn R. Luxemburg und Sternberg immer vor Augen

ı) A.Braun thal, Die Entwicklungstendenzen d, kapitalistischen Wirtschaft, 1927.
2) Bucharin, a, a. O., S. 92 ff. ’
        <pb n="423" />
        416 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

haben, kannten und daß es trotzdem in beiden Ländern einen ganz
ausgesprochenen Imperialismus gab!) Daß hierbei auch rein politische,
 außerökonomische Momente mitwirken können, hat z. B.
Kjellen für Frankreich betont, als er meinte: „Hinter seinem riesenhaften
 Kolonialreich verbirgt sich kein Nationalbedürfnis, keine überschüssige
 Bevölkerung, wenig überströmende Produktion oder überfließendes
 Kapital“ ?).
Wenn auch bei der Schaffung und Gewinnung neuer Märkte
unstreitig kapitalistische Interessen eine wesentliche Rolle spielen,
so handelt es sich bei diesem Einfluß des Finanzkapitals auf die
Expansion der Wirtschaft doch nur um einen Moment neben manchen
anderen, nicht weniger wichtigen und es ist eine Frage für sich, ob
die Vertreter des Neomarxismus darin recht haben, daß auf
anderen Wegen als denen der Gewinnung immer wieder neuer
Märkte die Absatzmöglichkeiten in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung
 fehlen würden. Es wird von dieser Frage nachher noch
die Rede sein. Jedenfalls haben wir es in dieser Auffassung mit
der spezifisch modernen Form der sozialistischen Bevölkerungslehre
 zu tun. Ihr Kern liegt darin, daß der Nahrungsspielraum
 der europäischen Wirtschaften nur genügend erweitert werden
kann, solange diese Gewinnung immer neuer Absatzmärkte gelingt,
daß aber der Zusammenbruch erfolgen muß, wenn diese extensive
Ausdehnung des Kapitalismus nicht mehr möglich ist, weil die bis
dahin vorkapitalistischen Absatzgebiete selbst eine eigene Industrie
auszubilden beginnen. Sobald das der Fall ist, müssen sich in den
europäischen Industriestaaten, die sich bis dahin auf diese Weise
die nötige Arbeitsgelegenheit für ihre Bevölkerung geschaffen haben,
Zeichen der Übervölkerung zeigen.
Es ist allerdings die Frage, ob derartige Übervölkerungserscheinungen
 nicht auch dann unter diesen Voraussetzungen auftreten
müssen, wenn es sich nicht um eine kapitalistische Wirtschaftsordnung,
 sondern um eine solche sozialistischen Gepräges handeln
würde. Steht man einmal auf dem Standpunkt, von dem allein
aus doch die Auffassung des Neomarxismus haltbar ist, daß die bis
dahin vorkapitalistischen Staaten selbst eine Industrie entwickeln,
daß sie dann selbst als Konkurrenten auf dem Weltmarkt auftreten
und daß damit der Absatz und die Arbeitsgelegenheit in den bisherigen
 Industriestaaten bedroht ist, dann müssen die letzteren mit

') Das Wirtschaftsleben, Bd. ı, S. 67.
3a. a OO, S. 154,
        <pb n="424" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 417
der Gefahr einer Abschnürung des außenbedingten Teils des Nahrungsspielraumes
 rechnen, ganz gleichviel, welches Wirtschaftssystem
in ihnen herrscht, ob das des Kapitalismus oder das des Sozialismus.
Denn der Satz Sternbergs „daß ein entscheidender Faktor der
kapitalistischen Produktionsweise von Jahr zu Jahr geringere Bedeutung
 gewinnt, daß er sogar an Bedeutung verliert. Neue Gebiete
 sind nicht mehr zu erwerben, in den alten wächst die nationale
Bewegung“ !), muß doch unter den genannten Voraussetzungen als
Tendenz ganz unabhängig von jeder Wirtschaftsordnung gelten.
Bisher ist immer ausdrücklich betont worden, „unter den genannten
 Voraussetzungen“, weil man gegen sie vor allem zwei Einwendungen
 erheben kann. Die eine ist die, daß keineswegs gesagt
ist, daß mit der Industrialisierung der bisherigen Rohstoffstaaten
nun die Ausfuhr Europas nach ihnen zurückgehen muß. Eine derartige
 Auffassung würde eine zu reichhaltige Gestaltungsmöglichkeit
in ein zu enges und primitives Schema pressen. Demgegenüber
sei nur z. B. auf den sogenannten Balfour-Bericht verwiesen,
in dem diese Entwicklung eigener Industrien im Ausland in ihrer
Wirkung auf die Ausfuhr der europäischen Industriestaaten eingehend
in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit dargestellt wird. Hier ist dann
aber auch darauf hingewiesen, was oben bereits betont wurde, daß
die Entwicklung eigener Industrien in solchen Ländern auch zur
Bildung eines neuen Einfuhrbedarfes führt. Es heißt hier: „Die
eigene gewerbliche Entwicklung des Auslandes hat sich in weitgehendem
 Umfang durchgesetzt und dürfte aller Wahrscheinlichkeit
nach weiter vorwärts schreiten. Hieraus braucht nicht unbedingt
gefolgert zu werden, daß der internationale Handel im ganzen eine
Einschränkung erfahren müßte, aber seine räumliche Verteilung wird
hierdurch notwendigerweise berührt. Gleichzeitig mit der geographischen
 Neuordnung dürfte sich wohl eine anhaltende Entwicklung
 und Verschiebung auf die Einfuhr höherer Qualitäten
oder ausgewählter Warenklassen geltend machen, d. h. also auf
Güter, deren Herstellung von besonderer Geschicklichkeit oder bestimmten
 Landesverhältnissen abhängt“ ?).
Die ganze hier kritisierte Auffassung des Neomarxismus sieht
auch unter dem Einfluß der bekannten Formeln bei der Produktion
auf erweiterter Stufenleiter immer nur starr auf die Ausfuhrgestaltung
der heutigen Industriestaaten. Diese Auffassung übersieht einmal

ı) Reservearmee, a. a. O., 5. 377.
?) Jetzt deutsch, Der britische Enqueteausschuß für Industrie u. Handel (Balfour-Komitee),
 Teil A, 1928, S. 38.
Diehl-Mombert, Grundrisse, Bd. 15.
        <pb n="425" />
        418 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
die eben skizzierten Möglichkeiten, die, soweit sie zutreffen, doch in
der langen Linie zu einer Entwicklung der europäischen Warenausfuhr
 nach der arbeitsintensiven Seite hin führen, also die Lage
auf dem Arbeitsmarkt günstig beeinflussen können. Diese Auffassung
 übersicht ferner, daß die Entwicklung eigener Industrien in
hisher akapitalistischen Staaten eine schon ganz lang andauernde
Erscheinung ist. Sie begann bereits, als sich vor rund 150 Jahren
die nordamerikanischen Staaten von der wirtschaftlichen Vorherrschaft
 des Mutterlandes unabhängig machten und ein weiteres
Stadium dieses Entwicklungsprozesses war es, als Deutschland vom
ersten Drittel des letzten Jahrhunderts ab den Versuch unternahm,
sich von der Versorgung mit englischen Fabrikerzeugnissen unabhängiger
 zu machen. Auch damals hat man in England auf die
Gefahren der Entwicklung einer deutschen Industrie für die eigene
Wirtschaft hingewiesen und hat sich eingehend mit diesen Problemen
beschäftigt ?!). Was die neueste Zeit in dieser Hinsicht gebracht hat,
ist prinzipiell demgegenüber gar nichts neues; was neu an dieser
jüngsten Entwicklung ist, das ist allein dies, daß sich unter den
Einwirkungen des Weltkrieges dieser Übergang vieler Staaten zur
eigenen Industrie viel schneller und nachhaltiger vollzogen hat als
früher und daß sich infolge dieser „strukturellen“ Wandlungen der
Anpassungsprozeß der europäischen Staaten an die veränderte
Marktlage nur langsamer und unter größeren Hindernissen vollziehen
kann als in früheren Zeiten, Man muß sich wohl hüten, in den
ungünstigen Verhältnissen solcher Übergangszeiten, in denen wir
heute noch stehen, unvermeidbare Folgen der vorhandenen Wirtschaftsordnung
 oder den Anfang vom Ende für die Lebensmöglichkeiten
 der europäischen Industriestaaten sehen zu wollen, wie man
es — durch bestimmte Theorien verblendet — häufig getan hat ?).
Daß die wirtschaftliche Lage der Industriestaaten, bei denen ein
großer und steigender Teil der Bevölkerung sein Fortkommen aus
den Arbeitsmöglichkeiten zieht, die der außenbedingte Teil des
Nahrungsspielraumes bietet, nicht ohne Gefahr ist, wurde bereits
oben mehrfach hevorgehoben. Diese Gefahren liegen aber nicht,
wie ebenfalls gezeigt, in einer unmittelbaren Abnahme der Ausfuhr,
sondern in der Möglichkeit einer Verknappung der Rohstoff- und
Nahrungsvorräte der Erde. Daraus können in Zukunft in Form

') Vgl. z. B. den Bericht über d. deutschen Zollverein an Lord Palmerston von
J. Browning, Deutsch, Berlin 1840.
? So z. B. E. Varga, Die Wirtschaft d. Niedergangsperiode d. Kapitalismus,
Hamburg, o. J. (1928).
        <pb n="426" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 419
einer geringeren Ergiebigkeit der Arbeit unstreitig gewisse Gefahren
für den Lebensstandard der europäischen Bevölkerung und damit
gewisse Erscheinungen entstehen, die symptomatisch für eine Übervölkerung
 sind. Wenn hier mit einer Verknappung auch eine Verminderung
 der Ausfuhrmöglichkeiten dieser Staaten an Roh- und
Nahrungsstoffen eintritt, dann muß freilich auch die Ausfuhr
europäischer Industrieprodukte die Tendenz haben, dorthin abzunehmen.
 In dem Balfour-Bericht ist ganz richtig betontworden, „daß
die Aufnahmefähigkeit der Auslandsmärkte für eingeführte Industriewaren
 durch die vorhandenen Möglichkeiten für die Ausfuhr ihrer
eigenen Produktion begrenzt ist“!). Von dieser Seite also können
der europäischen Industrieausfuhr einmal gewisse Gefahren drohen.
Dabei muß es freilich an dieser Stelle unerörtert bleiben, ob auch
die heutigen Rohstoffexportstaaten nicht selbst später eine eigene
Industrieausfuhr entwickeln und dann in einer ähnlichen Weise in
Form einer gewissen Arbeitsteilung, die wir auch heute deutlich
zwischen den Industrieexportstaaten der Welt beobachten können,
selbst dadurch die Kaufkraft erhalten, um damit auch Abnehmer
und vielleicht in steigendem Maße Abnehmer von fertigen Waren
aus anderen Ländern sein zu können,
Das nämlich steht fest, daß auf der Erde ein gewisses Gleichgewicht
 zwischen agrarer und industrieller Produktion vorhanden sein
muß und daß, wenn dieses Gleichgewicht fehlt, wirtschaftliche
Störungen auftreten müssen... Das ist ein Gedanke, der sich bereits
bei A. Smith findet und in neuester Zeit hat besonders Baade
wieder mit Nachdruck auf diesen Punkt hingewiesen”). Er hat dargelegt,
 wie schon einmal betont, daß der große Aufschwung der
europäischen Wirtschaft nur dadurch möglich war, daß in anderen
Teilen der Erde die entgegengesetzte Entwicklung vor sich gegangen
ist, daß hier die landwirtschaftliche der industriellen Produktion
vorauseilte, daß aber etwa seit dem Jahre 1000 die einseitige
Industrialisierung Europas kein volles Äquivalent mehr in einer entsprechenden
 Ausdehnung der agraren Überschüsse anderer Erdteile
findet. Aus dieser Tatsache, von der man freilich nicht sagen kann,
ob sie von Dauer sein oder wieder einmal einer anderen Entwicklung
Platz machen wird, sind dann die oben bereits erwähnten neueren
Bestrebungen zu erklären, durch Förderung der landwirtschaftlichen
Produktion den inneren Markt und damit den innenbedingten Teil

‘äj aa OS. 43:
2) Entwicklungsmöglichkeiten, a. a, O.
        <pb n="427" />
        420 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

des Nahrungsspielraumes zn kräftigen. Wenn Baade sagt: „Unwiderstehlich
 drängt sich der Gedanke auf, daß ein ursächlicher Zusammenhang
 bestehen muß zwischen der eingangs geschilderten
ungünstigen Wohlstandslage Europas, zwischen dem Anschwellen
der industriellen Arbeitslosigkeit und dem Stagnieren des Massenwohlstandes
 auf der einen Seite, der grundlegenden Veränderung
der weltwirtschaftlichen Güterproduktion und des weltwirtschaftlichen
Güteraustausches auf der anderen Seite“, so ist ihm darin in der
Hauptsache zuzustimmen. Es handelt sich hier um Tendenzen, auf
die man schon vor dem Kriege hingewiesen hat, wenn auch unter
anderen Gesichtspunkten. Bereits im Jahre 1914 hatte ich auf die
Verknappung und Teuerung der vom Ausland bezogenen Roh- und
Nahrungsstoffe aufmerksam gemacht und gesagt: „Wir müssen dann
für gleiche Mengen an das Ausland immer höhere Beträge erlegen ...
In dem Maße, in dem dies der Fall ist, wird ein steigender Teil des
Nationaleinkommens, des Ertrages der nationalen Arbeit zur Bezahlung
 dieser Nahrungs- und Rohstoffe in das Ausland fließen und
in dem Maße, in dem dies — wieder ceteris paribus natürlich —
eintritt, wird die jährliche Neubildung von Kapital in dem betreffenden
Lande eine geringere werden müssen“ *). Daß also den europäischen
Industriestaaten bei steigender Volkszahl wirtschaftliche Schwierigkeiten
 erwachsen können, ist nicht abzuleugnen; dafür sprechen die
Tatsachen eine viel zu deutliche Sprache. Diese Schwierigkeiten,
die den Nahrungsspielraum bedrohen, sind aber keineswegs der Aus-Auß
 der in diesen Staaten herrschenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung.
 Die Schwierigkeiten bestehen vielmehr unabhängig von
jeder, gleichviel wie gearteten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Ordnung und gehen weniger von den unmittelbaren Gefahren für
die Ausfuhr als von der Einfuhrseite aus, und können freilich dann
von da aus auch die Warenausfuhr gefährden.
7. Die Freisetzung von Arbeitern durch die Fortschritte
 der Technik. — Wir haben oben gesehen, daß K.Marx
das Bevölkerungsgesetz der kapitalistischen Wirtschaftsordnung in
dem Vorhandensein der sogenannten industriellen Reservearmee
 erblickt hat. Die Ursache derselben sah er in der relativen
Abnahme des variablen Kapitals gegenüber dem konstanten. Entgegen
 der Auffassung zahlreicher Nationalökonomen dieser Zeit bestritt
 er die Richtigkeit der von diesen vertretenen sogenannten
Kompensationstheorie, daß nämlich „alle Maschinerie, die

1) Bevölkerungslehre, a. a. O., 1. Aufl., 1914, S. 78.
        <pb n="428" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 421

Arbeiter verdrängt, gleichzeitig und notwendig ein entsprechendes
Kapital zur Beschäftigung ganz derselben Arbeiter freisetzt“ !). Wohl
hat Marx gesehen, daß auch die Anfertigung der Maschinerie neue
Arbeiter nötig macht; darin kann jedoch seiner Auffassung nach
kein voller Ausgleich für die durch sie freigesetzten Arbeiter liegen.
„Auf jeden Fall beschäftigt ihre Anfertigung weniger Arbeiter als
ihre Anwendung verdrängt.“ Diese Lehre von Marx steht in engem
Zusammenhang mit den soeben dargestellten Anschauungen der
Neomarxisten über die ökonomischen Wurzeln und Triebkräfte des
Imperialismus.
Jahrzehnte hindurch hatte, wie auch von den Neomarxisten zugegeben
 wird, die Kompensationstheorie zu Recht bestanden. „Daß
die industrielle Reservearmee im 10. Jahrhundert nicht zugenommen
hat, im Gegenteil, daß die Zahl der beschäftigten Arbeiter immer
mehr zugenommen hat, dieser empirische Tatbestand ist als solcher
nicht strittig“?®). Freilich hat die ältere Kompensationstheorie in
diesem Ausgleich eine notwendige Erscheinung gesehen, während
die Neomarxisten darin nur eine historische Erscheinung erblicken,
Dieser Ausgleich. war bisher möglich, „weil infolge der Durchkapitalisierung
 nichtkapitalistischer Territorien die Surplusbevölkerung
in einer gewissen historischen Phase des Kapitalismus im Frühkapitalismus
 überkompensiert werden konnte“. Das war aber nur
möglich durch das extensive Wachstum des Kapitalismus, dadurch,
daß die kapitalistische Produktionsweise in Territorien getragen
wurde, die vorkapitalistisch produzierten. Da aber diese Möglichkeit
 aus den oben dargelegten Gründen immer geringer werden
söll, so müssen auch die Faktoren an Bedeutung abnehmen, denen
bisher diese Überproduktion zu danken war; damit muß eines Tages
für die europäischen Staaten die industrielle Reservearmee zur Tatsache
 werden. Deshalb sagt auch Sternberg: „Die Marx’sche
Theorie der industriellen Reservearmee besteht also zu Recht, nur
daß es Perioden gibt, in denen sie zeitweilig überkompensiert wird“ 8).
In diesem Sinne stehen also diese Lehren von der industriellen
Reservearmee und dem „kommenden Niedergang“ des wirtschaftlichen
Imperialismus in engstem Zusammenhang.
Sehen wir uns zunächst die Lehre von K. Marx an. Er hat
ausdrücklich betont, was immer wieder in seiner Bedeutung übersehen
 worden ist, daß wohl das variable Kapital dem konstanten
1) Kapital, Bd. 1, Volksausg., 1914, S. 381.
%) Sternberg, Reservearmee, S. 346.
3) Sternberg, Reservearmee, S. 353.
        <pb n="429" />
        422 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
Kapital gegenüber relativ zurückgeht, daß also — wie Marx es
ausdrückt — die organische Zusammensetzung des Kapitals eine
höhere wird, er hat aber nicht davon gesprochen, daß der variable
Teil absolut abnimmt. Er hat einmal gesagt: „Übrigens sei bemerkt,
um Mißverständnissen vorzubeugen, wenn der Fortschritt der Akkumulation
 die relative Größe des variablen Kapitalteiles mindert,
schließt er damit die Steigerung ihrer absoluten Größe keineswegs
aus“!). Oder an anderer Stelle: „Mit dem Wachstum des Gesamtkapitals
 wächst zwar auch sein variabler Bestandteil, oder die ihm
einverleibte Arbeitskraft, aber in beständig abnehmender Proportion.“
Wenn sich auch bei Marx manche Darlegungen finden, die vielleicht
 auf eine andere Auffassung hindeuten, so ist es doch wesentlich,
 wie die dargelegten Stellen und manche anderen zeigen, daß
er an der Auffassung der möglichen absoluten Zunahme des variablen
Kapitalteils trotz einer Veränderung in der organischen Zusammensetzung
 des Kapitals festgehalten hat?). G. Lesser hat also mit
Recht als die Meinung von K. Marx hingestellt: „Mit der fortschreitenden
 Entwicklung des kapitalistischen Produktionsprozesses
wächst der gesellschaftliche Bestand an variablem Kapital (während
das konstante Kapital, also auch das Gesamtkapital, in stärkerer
Progression wächst“ ®),
Wenn man aber von dieser Voraussetzung einer absoluten Zunahme
 des variablen Kapitals ausgeht, dann ist nicht einzusehen,
warum seine relative Abnahme, auf die es ja für den hier wesentlichen
 Zusammenhang der Lage auf dem Arbeitsmarkt gar nicht
ankommt, unter allen Umständen zur dauernden Freisetzung von
Arbeitern, also zu einer industriellen Reservearmee, führen muß.
Zunächst ist einmal mit der Möglichkeit zu rechnen, daß die
absolute Zunahme des variablen Kapitals trotz seiner relativen Abnahme
 dem  Gesamtkapital gegenüber sich mindestens in dem
gleichen Ausmaße wie das Volkswachstum, vielleicht sogar in noch
stärkerem Umfang als dieses, vollzieht. Grundsätzlich ist mit einer
derartigen Möglichkeit durchaus zu rechnen. Mit einer industriellen
 Reservearmee, also einer wachsenden Arbeitslosigkeit
 im Sinne von Marx, könnte man nur dann rechnen, wenn die
absolute Zunahme des variablen Kapitals hinter dem Volkswachstum,
bzw. der Zunahme der Arbeiterbevölkerung, zurückbliebe. Es ist

1) Kapital, 1, S. 561.
®) Kapital, Bd. 3, 1894, S. 203.
3) „Die Freisetzung des Arbeiters durch d. Maschine‘, 1929, S. 27. — Vgl. dazu
auch K. Heimburger, Die Theorie v. d. industriellen Reservearmee, 1928, S. 48.
        <pb n="430" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 423
unbestritten, daß von dem Umfang und dem Wachstum des variablen
Kapitals die Beschäftigungsmöglichkeit für die Arbeiter abhängt.
Wo diese aber in einem Umfang zugenommen hat, wie es in den
letzten Jahrzehnten der Fall war und wo sich auch gleichzeitig, wie
in den europäischen Industriestaaten, die Lage auf dem Arbeitsmarkt
günstiger gestaltet hat, da muß also das variable Kapital stärker als
die Volkszahl zugenommen haben. Mit der Gefahr einer industriellen
Reservearmee im Sinne von Marx als Folge technischer Fortschritte
wird man also nur dann rechnen können, wenn das Wachstum des
variablen Kapitals hinter dem der Bevölkerung zurückbleibt. Daß
wir aber dann, wenn aus solch inneren zwangsläufigen Gründen die
Arbeitsgelegenheit in einem Lande abnimmt, von einer Übervölkerung
sprechen müssen, bedarf keiner besonderen Begründung. Wenn es
in dem Zeitalter der Weltwirtschaft gelingt, dem Volkszuwachs in
dem Maße, wie er in das arbeitsfähige Alter hineinwächst, genügende
und genügend entlohnte Arbeitsgelegenheit zu beschaffen, da kann
es kein Zuviel an Menschen geben. Erweiterung und Sicherung
des Nahrungsspielraumes auf der heutigen Stufe der Wirtschaft ist
also gleichbedeutend mit der Beschaffung und Sicherung genügender
und genügend entlohnter Arbeitsgelegenheit. Welche Faktoren nach
dieser Richtung hin einen ungünstigen Einfluß ausüben können, ist
bereits oben dargelegt worden.
Es erhebt sich jetzt also die Frage, wie der Fortschritt in der
Technik, vor allem die Ersetzung der Hand- durch Maschinenarbeit,
auf den Umfang des variablen Kapitals und damit auf die Arbeitsgelegenheit
 in einem Lande wirkt. Der technische Fortschritt setzt
unstreitig zunächst Arbeiter frei, die Maschine wird als Arbeitsmittel
sofort zum Konkurrenten des Arbeiters, um mit Marx zu reden.
Der springende Punkt ist nur der, ob es sich bei dieser Freisetzung
des Arbeiters um eine vorübergehende oder unter Umständen auch
um eine dauernde Erscheinung handelt, ob die Kompensationstheorie
also nur unter bestimmten historischen Bedingungen Geltung
hat oder ob es gewissermaßen zwangsläufige Kräfte sind, die
eine Kompensation, d. h. eine Wiedereinstellung der freigesetzten
Arbeiter, immer wieder durchzusetzen vermögen. .
Unter den Vertretern der älteren Nationalökonomie war die
Ansicht über diesen Zusammenhang nicht gleichartig. Schon im
18. Jahrhundert, dem Zeitalter, in dem die Bedeutung des Volkswachstums
 besonders hoch eingeschätzt wurde, hat man mitunter
auf gewisse Gefahren hingewiesen, die aus der Einführung von
Maschinen für die Arbeitsgelegenheit in einem Lande entstehen
        <pb n="431" />
        424 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

könnten. Schon Montesquieu hatte gemeint: „Jene Maschinen,
welche die Vereinfachung der Arbeit des Menschen zum Zwecke
haben, sind nicht immer ersprießlich. Ist eine Arbeit um mäßigen
Preis zu haben, der sowohl dem Käufer, wie dem Arbeiter ansteht,
so wären die Maschinen, welche die Anfertigung derselben vereinfachen,
 mithin die Zahl der Arbeiter verminderten, verderblich“ !).
Demgegenüber hatte schon ein ungenannter Schriftsteller im Jahre
1793, einer Zeit, in der über diese Frage ein lebhafter Meinungsstreit
bestand, wohl zugegeben, daß die Einführung der Maschine allerdings
zunächst Arbeiter brotlos mache, er war aber doch der Meinung, daß
dadurch die Waren billiger würden und daß die Maschinen „anstatt
einer verdrängten Menschenhand tausend andere beschäftigten“ %).
Ricardo vertrat zunächst die Ansicht, daß die Einführung von
Maschinen für die Arbeiter vorteilhaft sei, hat aber dann in der
dritten Auflage seiner „Grundsätze“ sich zu der entgegenstehenden
Meinung bekannt. Er betonte hier, daß mit der Einführung von
Maschinen wohl das stehende Kapital zunehme, daß sich aber das
umlaufende Kapital vermindere und daß damit die Quelle schwächer
fließe, aus der allein Löhne gezahlt würden, also Arbeitsgelegenheit entstehen
 könnte. Auf dieser Anschauung hat dann später‘K. Marx
mit seiner Lehre von dem Mengenverhältnis von variablem und konstantem
 Kapital weiter gebaut. Eine ganz besonders düstere Auffassung
 von dem Einfluß der Maschine auf die Lage des Arbeiters
und dem Beschäftigungsgrad in einem Lande hat namentlich Sismondi
 vertreten. In seinen neuen „Grundsätzen der politischen
Ökonomie ‚hat er in einem besonderen Kapitel‘ von der Bevölkerung,
die durch die Erfindung von Maschinen überflüssig wird“, diese Zusammenhänge
 unter dem Gesichtspunkt des Bevölkerungsproblems
betrachtet. „Alle englischen Arbeiter“ so meinte er, „würden auf
das Pflaster geworfen werden, wenn die Fabrikanten an ihrer Stelle
mit 5°% Ersparnis Dampfmaschinen verwenden könnten.“ Unter
den Nationalökonomen dieses Zeitalters haben dann in England in
erster Linie McCulloch und Senior, in Frankreich J. B. Say in
Form der bereits erwähnten Kompensationstheorie eine durchaus
optimistische Auffassung vertreten, während J. St. Mill, mit dem so
recht eigentlich die klassische Nationalökonomie abschließt, der aber
auch mit vielen seiner Anschauungen bereits einer neuen Zeit an-‘)

 Geist d. Gesetze, 23. Buch, 15. Kap., Übers. v. A. Ellisson, 1843.
*) Magazin f, Literatur u. Kunst, Wien 1773, zit. nach Eschenhagen, a. a. O.
— Für die ältere Zeit vgl. K. Ergang, Untersuchungen z. Maschinenproblem i. d,
Volkswirtschaft, 1911.
        <pb n="432" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 425
gehört, keine ganz einheitliche Auffassung dieser Frage gegenüber
hatte, aber doch im großen und ganzen mehr der optimistischen
Seite zuneigte. Das letztere ist vor allem deshalb der Fall, weil
Mill der Meinung ist, daß man kein Beispiel einer bedeutenden Zunahme
des stehenden Kapitals zu einer Zeit und an einem Orte finden
könne, wo umlaufendes Kapital nicht gleichsam in schneller Zunahme
begriffen war. „Vermutlich“, so meint er, „gibt es kein Land,
dessen stehendes Kapital anders zunimmt, als in richtigem Verhältnis
 zur Zunahme des umlaufenden Kapitals“). In Deutschland
hat vornehmlich H. v. Mangoldt diese Kompensationstheorie vertreten
 2.

Von zwei Seiten aus kann man an das strittige Problem herangehen:
 einmal von derjenigen der Nachfrage auf dem Warenmarkt,
 dann von der Seite des Kapitals aus, durch dessen Höhe und
Zusammensetzung die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt bedingt ist.
Daß dann beides eng miteinander zusammenhängt, werden wir noch
sehen.

Geht man von den Wandlungen aus, die sich bei fortschreitender
Technik auf dem Gütermarkt vollziehen, so muß man zunächst die
Tatsache in Rechnung setzen, daß der Unternehmer, der z. B. Handarbeit
 durch Maschinenarbeit, also in seinem Betriebe variables durch
konstantes Kapital ersetzt, das aus keinem anderen Grunde tun wird,
als aus dem, auf diese Weise billiger produzieren zu können. Man
darf auch wohl voraussetzen, daß im allgemeinen auf solchen Wegen
dieses Ziel erreicht wird. Wo dies geschieht, da werden zunächst
Arbeiter freigesetzt; ein solcher Fortschritt vollzieht sich immer nur
unter schweren sozialen Reibungen, aber eine derartige Herabsetzung
der Kosten hat die Tendenz, die Nachfrage auf dem Gütermarkt
zu steigern und damit die Kaufkraft in dem Lande zu vermehren,
ganz gleichviel, ob nun bei gleichbleibenden Preisen Unternehmergewinn
 oder Löhne steigen oder ob die Preise eine entsprechende
Herabsetzung erfahren. Diese Tatsache wird als zweifelsfrei hingestellt
 werden können. Gegenüber diesem Zusammenhang hat
nun Sternberg eingewandt: „Es wird einfach unterstellt, daß bei
einer Verbilligung der Waren die Kauftkraft der Arbeiterschaft —
um den Terminus „Bevölkerung“ zu vermeiden — wächst. Ein
Beweis dafür wird nicht erbracht, kann nicht erbracht werden. Man
nimmt den Lohn des Arbeiters in Geld zwar nicht als konstant an,

N Grundsätze d. politischen Ökonomie, ı. Bd,, Kap. &amp;amp; - Übers, v. Soetbeer.
2) Volkswirtschaftslehre, 1868, 8. Kap.
        <pb n="433" />
        426 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
aber man hält es für selbstverständlich, daß, wenn die Waren billiger
werden, er bei geringerem Geldlohn immer mehr Waren kaufen
kann, und dann ergeben sich die Konsequenzen, die die Kompensationstheorie
 braucht“ !).
Dieses Argument gegen die Kompensationstheorie trifft nicht
den Kern der Sache. Es mag sozialpolitisch eine sehr große Bedeutung
 haben, ob die nach Fortschritten in der Technik einsetzende
Vermehrung der Kaufkraft dem Unternehmer, allen Schichten der
Bevölkerung oder nur den Arbeitern zugute kommt, unter den hier
wesentlichen wirtschaftlichen Gesichtspunkten des Einflusses auf den
Arbeitsmarkt ist das jedoch gleichgültig. Ob die vermehrte Kaufkraft
 den Arbeitern zufießt und sich in Form von höheren Löhnen
auswirkt, ist — wie Sternberg übersehen hat — ein reines Verteilungsproblem,
 während es sich in dem vorliegenden Zusammenhang
 bei dem Einfluß fortschreitender Technik auf den Arbeitsmarkt
um ein Produktionsproblem handelt. Für diesen Zusammenhang
kommt es lediglich darauf an, ob die freigesetzten Arbeiter über
kurz oder lang erneut Beschäftigung finden können. Wo neue Kaufkraft
 entsteht, ganz gleichviel, wem sie zunächst zufließt, da tritt
eine Vermehrung der Nachfrage nach Gütern und demgemäß eine
Zunahme der Produktion ein, die zu einer Wiedereinstellung der
zunächst freigesetzten Arbeiter führen wird. Ob sich dabei für die
Arbeiter auch höhere Löhne oder eine bessere Lebenshaltung ergeben,
 mag unter sozialen und kulturellen Gesichtspunkten ungemein
wichtig sein, gehört jedoch nicht in diesen Zusammenhang. Das
Wesentliche ist, daß solche Verbesserungen in der Technik eine Vermehrung
 der in der Wirtschaft eines Landes vorhandenen Produktivkräfte
 und des der Gesellschaft zur Verfügung stehenden Gesamteinkommens
 bedeuten. Das führt zunächst zu einer Freisetzung von
Arbeit, weil dann mit weniger Aufwendung an Arbeitskraft die
gleiche Produktionsleistung wie zuvor erzielt werden kann; da aber
die auf diese Weise bewirkte Herabsetzung der Kosten auch Kaufkraft
 freisetzt, so wird sich eine Vermehrung der Produktion vollziehen,
 die imstande ist, den freigesetzten Arbeitern wieder Arbeitsgelegenheit
 zu beschaffen. Dabei sei von der selbstverständlichen
Tatsache abgesehen, daß zur Beschaffung der Maschinen selbst auch
wieder Arbeitskräfte aufgewendet werden müssen.
Wenn hier davon die Rede war, daß solche Fortschritte in der
Produktion eine Vermehrung der Kaufkraft in einem Lande be-1)

 Reservearmee, a. a. O., S. 347.
        <pb n="434" />
        427
deuten, so ist damit natürlich nicht gesagt, daß diese Kaufkraft
sich restlos dem Markte der Genußgüter zuwenden muß. Sie kann
sich auch dem Markte der Güter höherer Ordnung zuwenden, d. h.
Teile dieser verfügbaren Kaufkraft können erspart und zur Kapitalbildung
 verwendet werden. Es ist dann freilich möglich, daß die
Nachfrage nach Arbeit zwar in ihrer Gesamtmenge keine Minderung
erfährt, jedoch in ihrer Richtung eine Veränderung erleidet und
daß deshalb die Lage auf dem Arbeitsmarkt für längere Zeit ungünstig
 ist. Demgegenüber bedarf es aber auch keiner besonderen
Begründung, daß neues Kapital in allen Schichten der Bevölkerung
leichter gebildet werden kann, wenn durch Fortschritte in der
Produktion Kaufkraft freigesetzt wird. In diesem Sinne befördern
solche Fortschritte die Kapitalneubildung und tragen damit dazu
bei, die zunächst freigesetzten Arbeiter wieder in wirtschaftliche
Tätigkeit einzubeziehen, wenn das auch — wie eben betont —
nicht reibungslos vor sich zu gehen braucht. Die so ersparten Einkommensteile
 werden auch keineswegs restlos in konstantes Kapital
umgewandelt; sie können auch zur Vermehrung des variablen
Kapitals dienen und es ist kein Zweifel, daß das auch stets in
hohem Maße der Fall ist. Man braucht nur darauf hinzuweisen, in
welchem Umfang Kreditbanken und Sparkassen aus ihren Einlagen
und Depositen Betriebskredite gewähren. Durch die Steigerung
der Produktivität wird also ein größerer Teil des Einkommens zur
Kapitalbildung verfügbar, selbst wenn gleichzeitig im Durchschnitt
die Lebenshaltung steigt: Die Schaffung der Maschinerie und die
Befriedigung der num entstehenden zusätzlichen Kaufkraft ist auch
gar nicht möglich, wenn nicht auch ein Teil der neuen Kapitalbildung
 dem variablen Kapital zugute kommt, also steigende Nachfrage
 nach Arbeitskräften in sich schließt. Dabei ist gar kein
Grund vorhanden zu der Annahme, das im Laufe einer derartigen
Entwicklung die Zunahme des variablen Kapitals hinter dem Volkswachstum
 zurückbleiben muß. Trotzdem kann die organische Zusammensetzung
 des Kapitals eine höhere werden, was aber dann
für den vorliegenden Zusammenhang ohne Bedeutung ist.
Es liegt also kein Grund vor anzunehmen, daß bei technischen
Fortschritten, die zu einer relativen Vermehrung des konstanten
Kapitals führen, das variable Kapital in seinem Wachstum hinter
der Zunahme der Volkszahl zurückbleiben muß. Das hatte K.Marx
auch keineswegs behauptet, wenngleich er und seine Nachfolger
aus dieser Möglichkeit nicht die entsprechenden Schlüsse gezogen
haben. Das war wohl auch der Weg, auf dem es in der

3. Kap. Der Nahrungsspielraum
        <pb n="435" />
        4 28 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Vergangenheit immer wieder gelang, die freigesetzten Arbeiter
wieder in die Wirtschaft hineinzubringen. Die Erklärung der Neomarxisten,
 als ob dies nur durch Extensivierung der kapitalistischen
Produktionsweise, also durch die Warenausfuhr nach akapitalistischen
Gebieten möglich gewesen sei, trifft für jene ältere Zeit bestimmt nicht
zu. Denn wenn das der Fall gewesen wäre, so müßte sich das schon
damals in einer entsprechenden Zunahme der Warenausfuhr gezeigt
haben. Man kann jedoch feststellen, daß damals die Warenausfuhr
hinter dem Volkswachstum zurückgeblieben ist. Betrachtet man
die Warenausfuhr in Großbritannien und in Deutschland in der
Periode von 1871/95, so sieht man, daß bei steigender Volkszahl
die Ausfuhr so gut wie nicht zugenommen hat. Das starke Wachstum
 der Ausfuhr datiert in diesen Ländern erst von der zweiten
Hälfte der neunziger Jahre ab.

In den
Perioden

1871—75
1876—80
1881—85
1886—90
1891—095

Großbritannien u. Irland
Die Ausfuhr ! Die mittlere
in Mill. Mk. |Volkszahli. 1000

Deutsches Reich

Die Ausfuhr U. Die mittlere
in Mill. Mk. |Volkszahli. 1000

7502
6501
7442
7523 |
7245

32 168
33 947 2828
35 450 3173
36 881 3251 ;
38 490 23242

44 129
456 016
48 168
50 960

In dieser Periode handelte es sich um eine Zeit, die man fast
als eine solche wirtschaftlicher Stagnation in Europa bezeichnen kann,
was auch in Form einer starken Auswanderung aus den betrachteten
 Staaten zum Ausdruck kam. Aber trotzdem hat in dieser
Zeit auch die Volkszahl beträchtlich zugenommen. Es war aber
auch eine Periode großen, wenn auch im Vergleich zu den folgenden
 Jahren ruhigen technischen Fortschritts. Stieg doch im Deutschen
 Reiche von den Jahren 1875/95 die Zahl der in den Gewerben
 verwendeten Pferdestärken von 1,055 auf 2,939 Millionen
und die Zahl der feststehenden Dampfmaschinen in der Periode von
1870/95 von 29895 auf 60488. Man sieht, daß der technische
Fortschritt und die Zunahme des konstanten Kapitals in dieser
Zeit nicht unerheblich gewesen sind. Man wird aber für diese
Periode zur Erklärung dafür, daß die durch den technischen Fort-Schritt
 freigesetzte Arbeitskraft wieder beschäftigt werden konnte,
nicht seine Zuflucht dazu nehmen dürfen, daß hier eine Besitznahme
 akapitalistischer Räume in großem Ausmaße stattgefunden
hätte. In dieser Zeit hat jedenfalls der Fortschritt in der Produktion
        <pb n="436" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 429
selbst die Voraussetzungen der Kapitalbildung erzeugt, die erforderlich
 waren, um die zunächst freigesetzten Arbeiter wieder zu beschäftigen.

J. St. Mill hatte bereits darauf hingewiesen, daß Verbesserungen
 in der Technik, vor allem die Einführung von Maschinen,
für die Arbeiterschaft als Ganze nur dann nachteilig seien, wenn
sie plötzlich stattfänden, „weil in einem solchen Falle notwendig
viel stehendes Kapital von den schon als umlaufendes Kapital angewendeten
 Fonds herbeigeschafft werden müßte“. Solche Verbesserungen
 würden jedoch immer nur allmählich eingeführt, „und
selten oder nie durch Entziehung des umlaufenden Kapitals aus
wirklicher Produktion bewerkstelligt, sondern durch Verwendung der
jährlichen Zunahme““*), Mill hat deshalb auch gemeint, daß es
vermutlich kein Land gäbe, dessen stehendes Kapital anders zunähme,
 als in richtigem Verhältnis zur Zunahme des umlaufenden
Kapitals 3).
Die neueste, vornehmlich auch sozialistische Literatur über diese
Frage steht hauptsächlich unter dem Einfluß der großen Arbeitsjosigkeit
 nach dem Kriege, die sich. in erster Linie in
Deutschland und Großbritannien gezeigt hat. Um diese Erscheinung
zu verstehen, muß man vor allen Dingen darauf hinweisen, daß hier
und ganz besonders in Deutschland, verschiedene Faktoren in sehr
kurzer Zeit zusammenkamen, die ungünstig auf den Arbeitsmarkt
einwirken mußten. Hierher gehört einmal die gewaltige technische
Umgestaltung im Produktionsprozeß, die sogenannte Rationalisierung,
die entgegen den eben dargestellten Äußerungen von Mill nicht
langsam und nach und nach vonstatten ging, wie das in früheren
Zeiten der Fall war, sondern die auf einen relativ kurzen Zeitraum
zusammengedrängt war. Es kam weiter hinzu, daß durch die Infiation
 der Wirtschaft ein großer Teil ihres Betriebskapitals verloren
ging. Weiter kam hinzu, wovon bereits die Rede war, daß durch
die Wirkungen des Weltkrieges sich die Industrialisierung überseeischer
 Gebiete sehr schnell, viel schneller als es sonst der Fall
gewesen wäre, vollzogen hat. Hinzu kam weiter, vor allem in
Deutschland, die ganz erhebliche Zunahme der Erwerbstätigen, die
in erster Linie mit der Verminderung des Heeres, der Zuwanderung

n “
. ) Grundsätze, 5 a. O., S. 103. — Vgl. dazu auch die besonnenen Ausführungen
bei Cassel, Theoretische Sozialökonomie, 4. Aufl., 1927, S. 309 ff. ©
2?) Zwischen dieser Scheidung in stehendes u. umlaufendes Kapital u. derjenigen
von Marx in konstantes u, variables ist ein Unterschied, der jedoch für d, vorlie nd
Frage keine Rolle spielt. a
        <pb n="437" />
        430 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

aus den verloren gegangenen Reichsteilen und ferner damit zusammenhing,
 daß durch die soziale Umschichtung nach dem Kriege
Personenkreise zu einer Erwerbstätigkeit gezwungen wurden, die
eine solche bisher noch nicht oder nicht mehr ausgeübt hatten ?).
Wie sich die Lage weiterhin auf dem Arbeitsmarkt dieser
Länder gestalten wird, steht dahin. Jedenfalls darf man nicht, wie
es vielfach geschieht, wegen. dieser ungünstigen Lage auf dem
Arbeitsmarkt ohne weiteres von einer Übervölkerung sprechen, oder
darin im Anschluß an die Lehren der Neomarxisten die Zeichen
des Zusammenbruchs der kapitalistischen Produktionsweise erblicken
wollen. Hierbei handelt es sich, um mit Zwiedineck-Südenhorst
 zu reden, um eine strukturelle Arbeitslosigkeit, darum, daß
in den Grundlagen von Wirtschaft und Bevölkerung sich Änderungen
vollzogen haben, aus denen diese Folgen auf dem Arbeitsmarkt zu
erklären sind. Man kann heute natürlich nicht sagen, welche Zeit
erforderlich ist, um hier wieder den notwendigen Gleichgewichtszustand
 herzustellen. Aber nichts wäre falscher als die Behauptung,
daß man es hier mit einer Dauererscheinung, einer chronischen
Arbeitskrise, zu tun habe ?).
Vestigia terrent. Malthus hat den Fehler begangen, aus einer
historisch bedingten Situation heraus ein allgemeines, ein für allemal
gültiges Bevölkerungsgesetz ableiten zu wollen. Männer wie Carey
und Bastiat sind in den entgegengesetzten Fehler verfallen. Als
dann in den ersten Jahren nach der Gründerkrise in Deutschland
eine schwere wirtschaftliche Stagnation mit großer Auswanderung
herrschte, hat G. Rümelin von einer typischen Übervölkerung gesprochen
 und gemeint — eine Tatsache, die für damals durchaus
zutraf, wie sie auch für die Gegenwart Geltung hat —: „Wenn
aber alle Erwerbsarten zumal an einem Übermaß von Konkurrenz
leiden und jeder Verdienst erschwert ist, wie anders soll dies zu
erklären sein, als aus einer Übervölkerung“ ®)?: Im Zusammenhang
damit hat er von der Notwendigkeit gesprochen, einem zu starken
Volkswachstum entgegenzutreten. Oppenheimer hat mit Recht
dazu bemerkt, daß Rümelin genau den gleichen Fehler begangen
habe, wie Malthus. „Er sieht eine Übervölkerung in dem Sinne,
daß nicht genügend Unterhaltsmittel, resp. nicht genügend Arbeitsgelegenheit
 vorhanden ist und erklärt die Übervölkerung ausschließlich

‘) Zwiedineck-Südenhorst, Beiträge, a. a. O.
?) Vgl. dazu C. A. V. Stuart, Die heutige Arbeitslosigkeit im Lichte d. Weltwirtschaftslage,
 1922. — R. Friedländer, Chronische Arbeiterkrise, 1922.
3) Zur Übervölkerungsfrage, a. a. O., S. £00.
        <pb n="438" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum

431

aus der gewaltigen Volksvermehrung, während er dies gerade zu
beweisen hat. Die Folge davon ist denn auch eine Enttäuschung,
wie sie wohl kaum jemals einen hervorragenden gelehrten Staatsmann
 schmerzlicher getroffen hat“!). Kurz darauf kam der große
wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands, der bei einem bis dahin
nicht gekannten Volkswachstum sogar noch die Zuwanderung fremder
Arbeitskräfte nötig gemacht hat. Wir müssen uns also hüten, aus
solchen historisch bedingten Erscheinungen zwangsläufige und
dauernde Zusammenhänge abzulesen; insbesondere müssen wir uns
davor hüten, aus der neueren Entwicklung der Arbeitslosigkeit den
Schluß ableiten zu wollen, daß damit die Lehre von K. Marx von
der Freisetzung der Arbeiter durch die Maschine und von der industriellen
 Reservearmee als zu Recht erwiesen sei, nachdem Jahrzehnte
 hindurch die Entwicklung genau den entgegengesetzten Weg
gegangen war.
Damit kommen wir wieder auf den Ausgangspunkt dieser
ganzen Betrachtung, auf die Frage der Freisetzung der Arbeiter
durch die Maschine und die Kompensationstheorie zurück. Daß
eine Kompensation eintreten kann, haben wir gesehen, das wird
auch von keiner Seite bestritten. Wir haben uns nun der Frage
zuzuwenden, wovon es abhängt, daß eine Kompensation eintritt und
ob eine solche auch immer und unter welchen Voraussetzungen
eintreten muß. Sie kann nur eintreten — darin hat K. Marx
durchaus Recht und G. Lesser hat es neuerdings zutreffend hervorgehoben
 — wenn die Vermehrung des Gesamtkapitals durch die
Steigerung der Produktivität einen entsprechenden Zuwachs erfährt,
ohne daß der variable Teil desselben hinter der Zahl der Arbeiter
und ihrer Zunahme zurückbleibt. Es ist die Frage, wie sie G. Lesser
gestellt hat: „Liegt eine wirtschaftliche Notwendigkeit vor, nach der
jede Produktionssteigerung eine Produktionsausdehnung in dem Maße
auslöst, daß die kapitalistische Gesellschaft die gesamte ersparte
Arbeit wieder in ihren Dienst stellt“? G. Lesser hat in ihrem
erwähnten Buche darauf hingewiesen, daß sich diese Kompensation
durch dynamische Kapitalschöpfung, also auf dem Wege des Kredits
in dem Sinne von Hahn und Schumpeter vollziehen kann.
Diese Möglichkeit ist durchaus zuzugeben. Es handelt sich aber
doch auch um die Frage, wie sie von K. Marx gestellt worden
war, ob nicht denn auch aus der Produktion die entsprechende

1) Das Bevölkerungsgesetz, a. a. O., S. 79.
2) Lesser, 2. A 0,, S. 68.
        <pb n="439" />
        432 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Kapitalbildung sich ergeben muß oder umgekehrt, welche zwangsläufigen,
 in der Wirtschaft vorhandenen Zusammenhänge dahin
wirksam sind, daß nicht bei einer Steigerung der Produktivität der
variable Kapitalteil hinter der Zahl der sich anbietenden Arbeitskräfte
 zurückbleibt. Denn auf diese prinzipielle Frage kommt es
an, nicht auf den statistischen Beweis, den Marx für die Richtigkeit
seiner Auffassung zu führen versuchte und der, wie Muhs gezeigt
hat, einer ernsthaften Kritik nicht standhalten kann 7).
Es ist schon mehrfach betont worden, daß die Kapitalbildung
in einem Lande mit dem Wachstum der Bevölkerung mindestens
Schritt halten muß, wenn der Zuwachs an Menschen im eigenen
Lande Unterhalt und Fortkommen finden soll. Bei dieser Frage
handelt es sich um einen Zusammenhang, der für jede Wirtschaftsordnung
 gilt und nicht im Sinne von Marx eine besondere Eigentümlichkeit
 der heutigen Wirtschaftsordnung ist. Bei dem hier vorliegenden
 Problem, ob der technische Fortschritt dahin führt, daß
das variable Kapital hinter dem Volkswachstum zurückbleibt, soll
es sich jedoch um eine besondere Eigentümlichkeit der kapitalistischen
Wirtschaftsordnung, um das ihr eigentümliche Bevölkerungsgesetz
nach der Lehre von K. Marx handeln. Schon Muhs hat mit Recht
darauf hingewiesen, daß Marx sowohl bei seiner statistischen Beweisführung
 als auch bei seinen Deduktionen zu individualwirtschaftlich
vorgegangen sei, daß wohl im einzelnen Produktionsprozeß mit dem
Fortschritt der Maschinerie die gleiche Menge an Produktionsmitteln
und Rohstoffen mit einem geringeren Quantum an Arbeit bewältigt
werden, daß man aber diese Tatsache nicht auf die ganze Volkswirtschaft
 generalisieren könne, weil eben aus dem Fortschritt der
Maschinerie und nicht nur aus ihrer Herstellung neue Möglichkeiten
für die Verwendung von Arbeitskraft geschaffen werden ?). Es ist
ein ganz besonders wichtiger Punkt, ob über diese zusätzliche Nachfrage
 hinaus, die durch die Erzeugung der Maschinen entsteht, also
durch die dadurch bewirkte Produktivitätssteigerung, eine weitere
Kompensation entsteht, welche die Wiedereinsetzung der zunächst
freigesetzten Arbeiter bewirkt. Eine Steigerung der Produktivität
vergrößert das Volkseinkommen und enthält damit unstreitig die
Möglichkeit einer reicheren Kapitalbildung. Man kann noch heute
die Sätze unterschreiben. die ]. St. Mill über diese technischen

') K. Muhs, Anti-Marx, Bd. 1, 1927, S. 466. — Vgl. dazu auch F. Oppenheimer,
 Das Grundgesetz d. Marxschen Gesellschaftslehre, 1903.
?) Muhs, a. a. O,, S. 474. — Ferner dazu H. Mannstädt, Die kapitalistische
Anwendung d. Maschinerie, 190€.
        <pb n="440" />
        3. Kap. Der Nahrungsspielraum 433
Verbesserungen ausgesprochen hat: „Sie verbessern“, meint er, „das
Einkommen des Kapitals und der Vorteil hiervon muß notwendig
entweder dem Kapitalisten als größerer Gewinn oder dem Konsumenten
 in verminderten Preisen zufallen, wodurch er in beiden
Fällen einen vergrößerten Fonds schafft, aus dem Ansammlung
stattinden kann, während zugleich vergrößerter Gewinn einen vermehrten
 Trieb zur Ansammlung mit sich bringt“. Es ist bereits
oben hervorgehoben worden, daß gar kein Grund zur Annahme
besteht, daß diese Bildung neuen Kapitals nicht auch dem variablen
Bestandteil desselben im Verhältnis zum Volkswachstum und damit
dem Arbeitsmarkt zugute kommt. Auf diese und auf keine andere
Weise können wir uns allein die Kompensation in der Vergangenheit
erklären. Diese Möglichkeit steht auch nicht im Widerspruch zu
dem, was Marx über die Entwicklung des variablen Kapitals gesagt
hat; denn er hat nicht von einer absoluten, sondern nur von einer
relativen Abnahme gesprochen.
Nun besteht sicherlich kein Zweifel darüber, daß die extensive
Ausdehnung des Kapitalismus, die wirtschaftliche Inbesitznahme noch
akapitalistischer Gebiete an der günstigen Gestaltung der europäischen
Arbeitsmärkte in den letzten Dezennien vor dem Weltkriege einen
beträchtlichen Anteil hatte. Aber in dieser Zeit ist auch mehr als
eine einfache Kompensation erfolgt. In dieser Zeit ist vielmehr in
den in Frage kommenden europäischen Staaten die allgemeine
Lebenshaltung und diejenige der Arbeiter nicht unerheblich gestiegen.
 Man mag ruhig zugeben, daß diese Steigerung nicht
möglich gewesen wäre, ohne die Erfolge dieses „wirtschaftlichen
Imperialismus“. Darin läge dann doch vielleicht eine positive
Funktion des Kapitalismus, auch vom Standpunkt der Arbeiterschaft
 aus. Im folgenden wird davon noch eingehender zu
sprechen sein.
Es ergibt sich jedenfalls, daß in den letzten Jahrzehnten vor
dem Weltkriege sogar eine Überkompensation zugunsten der Arbeiterschaft
 eingetreten ist und daß daran diese Expansion des Kapitals
stark beteiligt war. Ob ohne eine Expansion eine Überkompensation
möglich gewesen wäre, vermag Niemand zu sagen; daß aber auch
ohne die Expansion mindestens eine einfache Kompensation stattgefunden
 haben würde, dafür sprechen die oben gegebenen Überlegungen
 und dafür spricht die geschichtliche Erfahrung. Als
Wirkung der kapitalistischen Produktionsweise kann man also nicht
von der Notwendigkeit einer dauernden industriellen Reservearmee
 reden. Man kann also auch nicht in diesem Sinne von einem
Diehl-Mombert, Grundrisse. Bd. 15. 28
        <pb n="441" />
        Zweiter systematisch-theoretischer Teil

434
dieser Produktionsweise eigentümlichen Populationsgesetz sprechen,
wie Marx gemeint hat. Wandlungen in der Wirtschaft, die deren
Produktivität und damit den Konsumtionsfonds vergrößern, können
auf die Dauer nur dann zu Übervölkerungserscheinungen führen,
wenn die Produktionssteigerung hinter dem Volkswachstum zurückbleibt.
 Ein Zurückbleiben des Nahrungsspielraumes hinter dem
Volkswachstum kann aber in jeder Wirtschaftsordnung stattfinden
und ist keineswegs eine Eigentümlichkeit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung.

Nur unter einer Voraussetzung kann bei fortschreitender Technik
die Kompensation in Frage gestellt werden, ein Zusammenhang,
auf den auch G. Lesser hingewiesen hat!), wenn nämlich der
wirtschaftliche Vorrat an Bodenleistungen knapper zu werden beginnt.
 Dann kann es nämlich sein, daß die Produktivitätssteigerung
als Folge besserer Technik dafür herhalten muß, dem Boden den
gleichen Ertrag abzugewinnen wie früher und daß dieser Erfolg
nicht einmal voll erzielt werden kann, so daß dann damit der Reallohn
 der Arbeiter bedroht ist. Denn ob der Reallohn sinkt, wenn
alle Arbeiter beschäftigt werden oder ob er sich gleichbleibt, ein
Teil der Arbeiter aber dauernd beschäftigungslos wird, macht unter
dem Gesichtspunkt der Übervölkerung keinen Unterschied. Soweit
aber das Gesagte zutrifft, ist dann die Übervölkerung keine Folge
fortschreitender Technik, sondern einer Knappheit der Bodenerträge ;
sie gehört also damit durchaus in den Kreis der Gedankengänge
von Malthus. „Hätte dieser Bodenreichtum fremder Weltteile der
europäischen Konsumtion nicht zur Verfügung gestanden, hätte mit
anderen Worten Europa mit seiner schnell wachsenden Bevölkerung
sich mit seinem eigenen Boden begnügen müssen, dann müßte der
Anteil der Bodenbenutzung im Produktionsresultat beträchtlich gestiegen
 sein und die Verwendung von immer größeren Arbeitsmengen
 auf das gegebene Bodenareal würde mit einer relativen
Herabdrückung des Produktionsresultates der Landwirtschaft verbunden
 gewesen sein, wobei eine Verschlechterung der Lebenshaltung
der Arbeiter nicht hätte verhindert werden können. Die von der
klassischen Nationalökonomie so stark hervorgehobene Abhängigkeit
des Arbeitslohnes vom Verhältnis zwischen Bevölkerung und Bodenfläche
 behält also immer ihre grundlegende Bedeutung für jede
Tauschwirtschaft, wenn auch die tatsächlichen Äußerungen dieser
Abhängigkeit in unserer Zeit der Eröffnung neuer Weltteile zufolge

3a. a. O., S. 114.
        <pb n="442" />
        4: Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. 435
sich anders gestaltet haben, als die klassischen Schriftsteller es als
wahrscheinlich erachten konnten“?). Man wird in einem solchen
Falle sogar sagen dürfen, daß. ohne derartige Fortschritte der Technik
die Übervölkerung noch krassere Formen hätte annehmen müssen.
Von diesen Möglichkeiten war aber schon oben die Rede, daß die
Gefahren für den Nahrungsspielraum der europäischen Industriestaaten
 in der Verknappung der Nahrungs- und Rohstoffvorräte auf
dem eigenen Boden und dem der überseeischen Gebiete liegen,

Viertes Kapitel

Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang
mit der gesellschaftlichen Entwicklung.
(. Allgemeine Beziehungen. — Die geschichtliche Erfahrung
 zeigt, daß zwischen den Wandlungen von Volkszahl und
Nahrungsspielraum und dem Gang der gesellschaftlichen Entwicklung
sehr enge Wechselwirkungen vorhanden sind. Im Vorangegangenen
ist immer wieder auf diese Zusammenhänge hingewiesen worden.
Auf der einen Seite übt das Volkswachstum, vor allen Dingen dann,
wenn die Volkszahl gegen den Nahrungsspielraum andrängt, einen
tiefgehenden Einfluß auf das Zusammenleben der Menschen und auf
die ganze gesellschaftliche Ordnung aus. Auf der anderen Seite
kann die Art dieser letzteren ‘von großem Einfluß auf das Volkswachstum
 und die Entwicklung des Nahrungsspielraums sein. In
dem Folgenden sollen diese Zusammenhänge noch einmal zusammengefaßt
 werden. Es ist dabei nicht die Absicht dieser Darlegungen,
den Gegenstand selbst zu erschöpfen, sondern mehr allgemein an
einer Reihe von Beispielen auf diese engen und wichtigen Zusammenhänge
 hinzuweisen.
Die Tatsache des einsamen Lebens, die ihn von anderen
Menschen fernhält, steigert den Individualismus des Menschen, wie
wir es z. B. bei den Beduinen ?) wahrnehmen können, während dort,
wie z. B. in China, wo eine ungeheure Menschenzahl und eine große
Volksdichte ein weit engeres Zusammenleben der Menschen notwendig
 macht, das soziale Verhalten dadurch stark beeinflußt wird.
„Der Einzelne kann sich nie von der Rücksicht auf die Gemeinschaft
freimachen“?). Wenn die Menschen auf einem bestimmten Gebiet

1) Cassel, Theoretische Sozialökonomie, 1. Aufl., 1918, S. 205,
2) Schmidt u. Koppers, a. a. O,, S. 214.
HF. E. A. Krause, Kulturform u. Staatsgedanke in Ostasien u. in Europa,
Hist. Zeitschr., Bd. 131, S. 203.

&amp;lt;
        <pb n="443" />
        436 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

an Zahl zunehmen, entstehen neue und größere gesellschaftliche
Einheiten, aus der Horde der Stamm und aus den Stämmen alsdann
größere staatliche Gebilde. „Eine dünne Bevölkerung, die einen
weiten Boden, wenn auch in bestimmten Grenzen, nötig hat, erzeugt
den Nomadenstaat, der wegen des Schutzes des weiten Raumes
immer eine militärische Organisation und Spitze haben wird. Bindet
sich die Gesellschaft durch den Ackerbau fester an den Boden, so
erteilt sie dem Staat Merkmale, die von der Zuteilung des Bodens
an die Familie abhängen“ }).
Je mehr die Volkszahl bei gegebener Bodenfläche zunimmt,
um so mehr Bedeutung muß unter bestimmten Voraussetzungen der
Ackerbau gewinnen und damit beginnen die Anfänge des Sondereigentums
 an Grund und Boden. Wenn so der Boden langsam
an Wert gewinnt und dieser Wert steigt, wenn der Boden also
knapper wird, dann beginnen sich weitere Veränderungen gesellschaftlicher
 Natur zu zeigen. Seeck hat darauf hingewiesen, daß
das starke Anwachsen der Bevölkerung die Germanen dazu gezwungen
 hat, jene wüsten Landstriche, die z. T. in ungeheurer Ausdehnung
 das Gebiet jeder Völkerschaft umgeben hatten, allmählich
zu besiedeln, so daß auf diese Weise die Stämme einander näher
rückten und damit im Laufe der Zeit friedlichere Zustände eintraten.
„Handel und Verkehr traten an die Stelle der immer wiederholten
Kriegszüge und Räubereien“?), Umgekehrt war aber dann immer
wieder, wie wir an zahlreichen Beispielen bis zur Gegenwart wahrnehmen
 können, das Volkswachstum eine wichtige Ursache von
Kriegen und kriegerischen Zusammenstößen. So ist jedenfalls durch
das Volkswachstum das gegenseitige Verhältnis der Menschen und
Völker immer wieder auf das tiefste beeinflußt worden. ,
Aber nicht nur das Volkswachstum mußte starke gesellschaftliche
 Wandlungen ausüben, auch dort vielmehr, wo sich eine Volksabnahme,
 wo sich den Gaben des Bodens gegenüber Zustände der
Untervölkerung zeigten, begegnen wir Folgen, durch welche die
gesellschaftliche Organisation und die Art des Zusammenlebens der
Menschen ‘stark beeinflußt worden ist. Als Beispiel dafür sei nur
die oben bereits erwähnte Schaffung von Kolonen und die Einführung
der Schollenpflicht am Ausgang der römischen Geschichte erinnert,
als die Bevölkerung auf dem Lande in Italien so zurückging, daß es
an Arbeitskräften zur Bebauung des Bodens mangelte.

') Ratzel, Anthropogeographie, a, a. O., S. 60,
3 Seeck, Geschichte, Bd. ı, 1897, S. 221/22.
        <pb n="444" />
        4. Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. 437

Auch in der späteren deutschen Geschichte sind diese Zusammenhänge
 zwischen Volkswachstum und gesellschaftlicher Entwicklung
deutlich wahrzunehmen, Zusammenhänge, die freilich an dieser Stelle
wieder nur mit knappen Worten berührt werden können. Es ist bereits
oben darauf hingewiesen worden, daß im deutschen Mittelalter der
durch das Volkswachstum nötig gewordene Ausbau des Landes und
die wachsende Intensität der Landeskultur immer wieder „gegen
Verfassung und Ausdehnung der alten Wirtschaftsverbände andrängten“
 !). Das zeigte sich vornehmlich gegenüber dem noch vorhandenen
 Gemeindeeigentum an Grund und Boden. Für die entsprechenden
 Verhältnisse in der Schweiz hat Miaskowski gesagt:
„Solange die Landbevölkerung der Schweiz nicht zahlreich war
und sich nur langsam vermehrte und ‚solange noch im Verhältnis
zu Acker und Wiese ausreichende Wald- und Weidestrecken vorhanden
 waren, lag kein Bedürfnis nach einer rechtlichen Fixierung
derjenigen Personen vor, welchen allein die Berechtigung, die Allmende
zu benutzen, zustand“ ?). In den Gemeinden, in denen dann in der
folgenden Zeit die Volkszahl stark zunahm, ist diesem Volkswachtum
vielfach die Allmende zum Opfer gefallen. Man hat auch schon mit
Recht gesagt, das Volkswachstum sei der Tod der Allmende.,
Wie dann aber auch umgekehrt die gesellschaftliche Ordnung
immer wieder einen tiefgehenden Einfluß auf den Nahrungsspielraum
und damit auf das Volkswachstum eines Landes ausgeübt und hierdurch
 auch unter Umständen Übervölkerungserscheinungen hervorgerufen
 hat, läßt sich durch mannigfache Beispiele belegen. Hier
sei zunächst nur ganz allgemein auf die Bedeutung der Grundhbesitzverteilung
 für die Größe der Bevölkerungskapazität eines
Landes verwiesen. „Latifundia perdidere Italiam“ hat Plinius gesagt
 und für Spanien zu Beginn der Neuzeit hat Leonhard gezeigt,
daß in gewissen Teilen dieses Landes die Latifundienbildung die
Ausweitung des Nahrungspielraumes behindert und damit zur Untervölkerung
 und Entvölkerung vieler Landesteile beigetragen hat %
Leonhard zitiert einen zeitgenössischen Bericht, in dem es hieß:
„Zehn Stunden ritt ich bloß durch die Staaten des Herzogs von
Medina-Sidonia, sie bestanden aber auf meinem Wege in nichts als
in Feldern und Triften. Da war nirgends eine Spur zu finden, die
eine Wohnung des gemeinsten Insassen angekündigt hätte, nirgends
ein Obst- oder Küchengarten, nirgends ein Graben, nirgends ein

Y Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben, Bd. ı, S. 271ff.
2) Miaskowski, Die schweizer. Allmend, 1879, S. 86.
3) R. Leonhard, Agrarpolitik u, Agrarreform in Spanien, 1909,
        <pb n="445" />
        438 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
Ziegelstein. Der große Eigentümer schien hier gleich dem Löwen
in den Wäldern zu herrschen, der mit seinem Gebrülle alles, was
sich ihm nähern könnte, hinwegscheucht. Jener wie dieser herrscht
über Einöden“ 1).
Der Einfluß der Agrarverfassung und Agrarverhältnisse in Irland
auf die Entvölkerung dieses Landes ist zu bekannt, als daß es nötig
wäre, an dieser Stelle noch genauer darauf einzugehen. Die Bevölkerung
 Irlands betrug in den Jahren

1841 8,197 Mill. 1881
1851 6,574 » 1891
1861 5,799 » 1901
18» 1 5412 I91I

5,175 MilL
4.795 =»
4457 »
4,390

Das Gleiche gilt von der französischen Agrarverfassung vor der
großen Revolution; die damaligen Agrarverhältnisse Frankreichs bewirkten
 es, daß von dem Lande, das in den Händen von Adel und
Geistlichkeit war, ein sehr großer Teil unbebaut blieb und dadurch
ein Wachstum der ländlichen Bevölkerung über ein gewisses Maß
hinaus kaum möglich machten. Für die neuere Zeit hat für Rußland
Masslow auf ähnliche Zusammenhänge hingewiesen. Gerade vom
Standpunkt dieser russischen Agrarzustände aus konnte er sagen,
daß man die Begriffe „Bodenmangel“ und „Übervölkerung“ in einem
besonderen Sinne verstehen müsse, nicht in dem einer absoluten
Übervölkerung, sondern in dem einer relativen „hervorgerufen durch
irgendwelche ungünstigen sozialen Bedingungen“ 2. Schon oben ist
in anderem Zusammenhang von dem Einfluß der Grundbesitzverteilung
 auf die ländlichen Erträge und damit auf die Größe des
innenbedingten Teils des Nahrungsspielraums die Rede gewesen.
Wenn so die Agrarverfassung und Grundbesitzverteilung einen
bestimmten Einfluß auf die Lebensmöglichkeiten in einem Lande
und damit auf dessen Volkswachstum ausüben kann, so ist auch
der umgekehrte Zusammenhang vorhanden. Denn Agrarverfassung
und Grundbesitzverteilung sind in hohem Maße auch von der Bevölkerungsdichte
 abhängig. Als um die Mitte des 14. Jahrhunderts
England von der schweren Pest heimgesucht wurde und die Volkszahl
 als Folge dieser Epidemie gewaltig abnahm, da war die Wirkung
ein großer Mangel an Arbeitskraft und ein Steigen der Löhne, So
daß sich die Grundbesitzer gezwungen sahen, ihre Güter anders zu

a. a. O., S. 177/78:
?) Masslow, Die Apgprarfrage, a. a. O., S. 19.
        <pb n="446" />
        4. Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. 439

bewirtschaften wie vorher und von der Selbstbewirtschaftung zu einer
Art von Pachtsystem überzugehen *).
Dieser Zusammenhang zwischen Nahrungsspielraum, Volkszahl
und sozialer Ordnung gilt jedoch keineswegs allein von der agraren
Verfassung. Schon Schüz hat gesagt: „Das Maß der unter einem
Volk vorhandenen Existenzmittel aber bestimmt die Größe der Bevölkerung
 nicht allein; sondern diese Größe hängt wesentlich auch
von der Verteilung des Vermögens und Einkommens ab“*); am
stärksten hat ja wohl Sismondi diesen Zusammenhang betont,
Freilich können hierbei — um nur wenige Möglichkeiten herauszugreifen
 — verschiedene Tendenzen einander gegenübertreten. Man
hat schon darauf hingewiesen, daß eine durch Lohnsteigerungen
herbeigeführte stärkere Gleichmäßigkeit der Einkommensverteilung
dahin führen könne, daß größere Teile des Volkseinkommens verbraucht
 werden, also geringere Teile desselben als es sonst der Fall
wäre, zur Kapitalneubildung übrig bleiben, und daß damit ein ungünstiger
 Einfluß auf die Größe des Nahrungsspielraumes und zwar
sowohl auf den außen- wie auf den innenbedingten Teil desselben
ausgeübt werden könne. Demgegenüber steht aber dann als entgegengesetzt
 wirksame Kraft die bekannte Tatsache, daß Lohnsteigerungen
 den wirtschaftlichen und technischen Fortschritt befördern
 und damit die wirtschaftlichen Leistungen eines Landes auf
eine höhere Stufe heben können. Schon Dühring hat darauf hingewiesen
 ®), daß die Wandlungen in der Stellung des Arbeiters einen
wesentlichen Einfluß auf die Bevölkerungskapazität eines
Landes ausüben. Ein solcher Unterschied sei schon in dem Gegensatz
 von Sklaverei und entlohnter Arbeit vorhanden. „Hierdurch
werden die Lebensbedingungen der untersten Schicht sozial erweitert
und diese gesellschaftliche Verfassungsänderung steigert in dem
Maße, als sie sich vollzieht, den Bevölkerungsspielraum.“ Auch Lohnsteigerungen
 können seiner Meinung nach die gleiche Wirkung haben,
da sie den Schwerpunkt der Industrie immer mehr in den eigenen
Markt verlegen, der durch die breitesten Schichten des Volkes gebildet
 wird. Es ist hier nicht der Ort, näher auf diese Zusammenhänge
 einzugehen; es kam mir vielmehr nur darauf an, mit wenigen
Worten auf diese Beziehungen zwischen Volkszahl, Nahrungsspielraum
und gesellschaftlicher Ordnung hinzuweisen. Was hier darüber gesagt
 wurde, könnte noch durch mancherlei andere Hinweise ergänzt

ol] Ochenowski, England, a. a. O., S. 14.
2) Grundsätze, a. a. O., S. 266.
3) Cursus, a. a. O., S. 116,
        <pb n="447" />
        440 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

werden. Besonders wichtige Zusammenhänge, die in dieser Hinsicht
bestehen, werden in den folgenden Abschnitten noch besonders besprochen
 werden.
Von großer Bedeutung für diesen allgemeinen Zusammenhang
zwischen Bevölkerung und Gesellschaft ist die eingangs des Buches
bereits angeschnittene Frage, inwieweit überhaupt dem Volkswachstum
eine vorwärtstreibende und die gesellschaftliche Ordnung umgestaltende
 Kraft zukommt. Wir haben in den vorangegangenen
Abschnitten gesehen, daß dies jedenfalls in großem Umfang der Fall
ist; freilich nur dann, wenn bestimmte, in der Natur des Landes,
aber auch in den Anlagen seiner Bewohner vorhandene Fähigkeiten
bestehen. Nur da, wo die Gelegenheit dazu vorhanden ist, kann
sich dieser Trieb auch in die Tat umsetzen und wirksam werden.
Wenn dies der Fall ist, dann ist das Volkswachstum ein Faktor, der
mit ungestümer Kraft alte wirtschaftliche und gesellschaftliche Formen
und Bande sprengt und neue Gestaltungen an Stelle der alten setzt.
Hier handelt es sich keineswegs um einfache Kausalzusammenhänge,
sondern wiederum um Wechselwirkungen, da es auch wieder die
eben genannten Voraussetzungen in der Natur des Landes und den
Anlagen seiner Bewohner sind, die erst ein erhebliches Volkswachstum
 ermöglichen.
Das sind Fragen, die heute von besonderer Bedeutung sind,
da manche Anzeichen dafür sprechen, daß wir in wichtigen Kulturstaaten
 in eine Periode langsameren Volkswachstums, vielleicht
 in eine Periode einer Stagnation der Volkszahl hineinkommen.
Schon Comte hat darauf hingewiesen, daß ein starkes Volkswachstum
 schon deshalb ganz allgemein von fortschrittsförderndem Einfluß
 sei, weil es den Umlauf der menschlichen Generationen beschleunige
 *). In diesem Zusammenhang wies Comte auch auf
die Tatsache hin, daß eine bestimmte Volkszahl überhaupt erst die
Voraussetzung einer Teilung der Arbeit sei, ebenso darauf, daß
eine solche Verdichtung den Einzelnen antreibe, „immer neue Anstrengungen
 zu wagen, um sich durch raffinierte Mittel eine
Existenz zu sichern‘; und daß die ganze Gesellschaft genötigt wird,
„mit einer hartnäckigeren und einheitlicheren Energie zu reagieren,
um gegen die mächtige Entfaltung der Sonderbestrebungen genügend
 anzukämpfen“. Dabei handelt es sich keineswegs immer
um die absolute Erhöhung der Zahl der Individuen, darum, daß
dann die Wohnweise dichter wird, daß große Bevölkerungszentren

') Soziologie, Ausg. Waentig, 1907, Bd. ı, 6. Kap.
        <pb n="448" />
        4. Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. A441

entstehen, „wo in der Tat die Hauptfortschritte der Menschheit beständig
 ihre erste Ausbildung erfahren müssen“. Diese zunnehmende
Verdichtung der Menschheit ist aber für Comte auch noch weiterhin
 eine Ursache für die allgemeine Beschleunigung der sozialen
Bewegung, „wegen der förmlichen Umwälzung, die so der entscheidende
 Antagonismus zwischen dem Erhaltungstriebe und dem
Erneuerungstrieb erfahren muß, wobei dieser letztere dann offenbar
einen bedeutenden Zuwachs an Energie erlangen muß“. Wir wissen
auch, daß gerade aus dem Gegensatz dieser Triebe als Folge des
Volkswachstums zahlreiche Schattenseiten unserer neueren kulturellen
und gesellschaftlichen Entwicklung zu erklären sind.
Allein schon die Bildung der Städte, wie überhaupt der Zug
vom Land nach der Stadt, hängt auf das engste mit dem Volkswachstum
 zusammen und welch starke gesellschaftliche Wandlungen
 dann damit verbunden sind, also unmittelbar durch das
Volkswachstum erzeugt werden, das hat K. Marx mit besonderem
Nachdruck hervorgehoben. „Die Grundlage aller entwickelten und
durch Warenaustausch vermittelten Teilung der Arbeit“, so sagt
er, „ist die Scheidung von Stadt und Land. Man kann sagen, daß
die ganze ökonomische Geschichte der Gesellschaft sich in der Bewegung
 dieses Gegensatzes resumiere“*), An anderer Stelle hat er
über diesen Zusammenhang gesagt: „In dem Maße, in dem sich bloß
dies Verhältnis der Stadt zum Land modifiziert, modifiziert sich die
ganze Gesellschaft. Um nur diese eine Seite der Arbeitsteilung
ins Auge zu fassen, so ergibt sie uns hier die antiken Republiken,
dort den christlichen Feudalismus, hier das alte England mit seinen
Landbaronen, dort das moderne England mit seinen Baumwollbaronen“.
 „Es bedurfte in Deutschland“, so fährt er fort, „ganzer
dreier Jahrhunderte, um die erste bedeutende Arbeitsteilung herzustellen,
 nämlich die Trennung von Stadt und Land“ 2).
Freilich gibt es daneben auch zahlreiche andere Zusammenhänge,
 die ursächlich mit dem Umfang und der Art des Volkswachstums
 zusammenhängen und die tief in das gesellschaftliche
Gefüge hineingreifen. Es sei nur auf die Probleme verwiesen, die
man zusammenfassend als qualitative Bevölkerungsfrage
bezeichnen kann, die es in erster Linie mit der Beschaffenheit
der Menschen zu tun hat. Für den an dieser Stelle maßgebenden
 Zusammenhang handelt es sich dabei um den HEin-5

 Kapital, a. 8. O., Bd. ı, S. 317.
2) Elend d. Philosophie, 2. Aufl., 1892, S. 111£.
        <pb n="449" />
        442 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

fluß des Volkswachstums auf die Beschaffenheit der Bevölkerung.
Hierher gehören vor allen Dingen Erwägungen, wie die, ob nicht
durch den Geburtenrückgang ein Aussterben der hochwertigen Teile
der Bevölkerung und eine besonders starke Zunahme der minderwertigeren
 Teile derselben stattfindet und ob nicht überhaupt eine
Abnahme des Volkswachstums oder gar eine Stagnation der Volkszahl
 zu einer Verminderung der Lebensauslese führen könne. Auch
die Frage, ob und in welchem Umfang ein Andrängen der Volkszahl
 gegen den Nahrungsspielraum zu einer Verschärfung des
Kampfes ums Dasein führt und welche Folgen sich daraus in gesellschaftlicher
 Hinsicht ergeben, ist von großer Bedeutung. Der
ganze Gegensatz von Kultur und Wirtschaft, den Simmel einmal
in den Satz gekleidet hat, daß „die Mittel des Lebens seine Ziele
überwuchern und damit so und so viele bloße Mittel in die psychologische
 Würde von Endzwecken aufrücken“, hängt ebenfalls unstreitig
 mit dem starken Volkswachstum der letzten Menschenalter
zusammen, das immer größere Ansprüche an die Wirtschaft
stellte. Allerdings sind das Probleme, auf die an dieser Stelle nur
hingewiesen werden kann, ohne daß es tunlich wäre, sie hier eingehender
 zu behandeln ?).
Jedenfalls zeigen schon diese kurzen Andeutungen, wie tief
die gesamten Zusammenhänge von Volkswachstum und Nahrungsspielraum
 in das Gebiet von Kultur und Gesellschaft hinübergreifen.
Sombart hat deshalb in gewissem Sinne recht, wenn er von einer
soziologischen Theorie der Bevölkerung in dem Sinne sprechen will,
daß sie alle Seiten der Frage behandeln müsse, „Sie muß alle
Seiten des Bevölkerungsproblems . .. in Betracht ziehen, muß alle
Umstände berücksichtigen, die auf die Gestaltung der Bevölkerung
Einfluß ausüben können, muß alle Wirkungen verfolgen, die von
dieser ausgehen können“?). Sombart weist dabei auf drei Ursachenreihen
 hin, auf eine biologisch-technologische, eine psychologische
 und eine soziologische. „Es ist nun die Aufgabe jeder
guten Bevölkerungslehre, diese drei Ursachenreihen und innerhalb
jeder einzelnen die verschiedenen Ursachenkomplexe zwar in ihrer
gegenseitigen Bedingtheit und somit Abhängigkeit voneinander,
aber doch — das ist der Springpunkt — in ihrer Eigengesetzlichkeit
zu erfassen.“ In diesen Worten ist ein sehr reichhaltiges Programm
enthalten, zu dessen Durchführung im Vorangegangenen bereits

') Etwas eingehender darüber Mombert, Bevölkerungslehre, a. a, O., 5. 116.
?) Hochkapitalismus, ı. Bd., S. 316. — Siehe auch F. H. Giddings, The
principles of sociology, London 1024, S. v0.
        <pb n="450" />
        4. Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. 443

manches gesagt worden ist, ein Programm, das aber heute mangels
entsprechender Vorarbeiten noch nicht in befriedigender Weise ausgefüllt
 werden kann. Nur zwei besonders wichtige Probleme sollen
im folgenden eine gesonderte und eingehendere Behandlung finden.
2. Der Nahrungsspielraum im sozialen Sinne. — Wir
haben im Vorangegangenen immer wieder gesehen, welch enger
Zusammenhang zwischen Volkswachstum und Nahrungsspielraum
besteht. Auf der einen Seite bildet in aller Geschichte die Zunahme
 der Bevölkerung die stärkste Triebfeder zur Erweiterung des
Nahrungsspielraumes und umgekehrt war dann immer wieder dessen
Ausweitung die Voraussetzung eines weiteren Volkswachstums. Es
handelt sich also dabei um die allerengsten Wechselwirkungen.
In diesem Sinne ist bisher der Nahrungsspielraum immer als eine
festbestimmte, objektive Größe aufgefaßt worden. Es handelt
sich dabei um die Gütermenge, über welche die Bevölkerung eines
wirtschaftlichen Gebietes ohne Beeinträchtigung ihrer Vermögenslage
 frei verfügen kann, also um eine Größe, die im wentlichen
mit dem Volkseinkommen zusammenfällt *).
Änderungen in den Größenverhältnissen von Volkszahl und
Nahrungsspielraum zeigen sich dann in den Wandlungen der durchschnittlichen
 Lebenshaltung. Je nachdem die erstere in stärkerem
oder schwächerem Maße zunimmt als es bei dem Nahrungsspielraum
der Fall ist, wird die Lebenshaltung steigen können oder sinken
müssen. Dabei waren die Zusammenhänge in der Vergangenheit
immer so — das hat vor allem Malthus mit besonderer Schärfe
hervorgehoben und das zeigt auch die Bevölkerungsentwicklung in
früheren Zeiten — daß das Wachstum der Volkszahl in entscheidender
 Weise von der Größe und Entwicklung des Nahrungsspieltaumes
 beeinflußt worden ist, sowohl im Sinne der repressiven, wie
der präventiven Hemmnisse im Sinne von Malthus.
Diesem Einfluß des Nahrungsspielraumes auf das Volkswachstum
widerspricht es keineswegs, daß das Volkswachstum selbst in aller
Geschichte mit der stärkste Faktor war, der an der Ausweitung des
Nahrungsspielraumes mitgeholfen hat.
Mit der Gegenüberstellung von Volkszahl und Nahrungsspielraum
 in dem bisherigen. Sinne ist das Problem jedoch nur z. T.
umrissen. Aus den Größenverhältnissen beider ergibt sich für ein
Volk eine bestimmte durchschnittliche Lebenshaltung, die im Laufe
der Geschichte erheblichen Wandlungen unterworfen war und, in

1 Winkler, Art. „Volkseinkommen“, Handwörterb. d. Sfaatswissensch.
        <pb n="451" />
        444 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

der langen Linie gesehen, immer nach oben ging. Man muß also
in diesem Zusammenhang auch diese Wandlungen in der
Lebenshaltung berücksichtigen und kann dabei einem physiologischen
 Existenzminimum ein solches in kulturellem oder sozialem
Sinne gegenüberstellen. Schon Ricardo hat im Zusammenhang
mit seiner Lohntheorie nicht von dem physiologischen, sondern
von einem gewohnheitsmäßigen Existenzminimum gesprochen und
gemeint, daß einem englischen Arbeiter sein Lohn „unter dem
natürlichen Satze und für den Unterhalt einer Familie zu kärglich
vorkomme, wenn er damit keine andere Nahrung als Kartoffeln
kaufen und in keiner besseren Wohnung, als in einer Lehmhütte
 leben könnte“. „Manche Annehmlichkeiten“, so fährt er
fort, „die man heutzutage in einer englischen Arbeiterhütte genießt,
 hätte man in früheren Zeiten unserer Geschichte für Luxus
gehalten.“
Bei allen Kulturvölkern steht die durchschnittliche Lebenshaltung
wesentlich über dem physischen Existenzminimum und sie hat die
Tendenz, immer weiter darüber hinauszusteigen. Diese einfache
Tatsache zeigt, daß auch der Höhe der Lebenshaltung eines Volkes
für das Bevölkerungsproblem eine ganz erhebliche Bedeutung zukommen
 muß. Wo die Lebenshaltung eines. Volkes über diesem
physiologischen Existenzminimum steht, dort kann durch ein Zurückgehen
 der Lebenshaltung Platz für mehr Menschen geschaffen werden,
und dies um so mehr, je höher die Lebenshaltung sich über diesem
Existenzminimum befindet. Der Höhe und den Wandlungen in der
Lebenshaltung kommt demnach für das Verhältnis von Volkszahl
und Nahrungsspielraum eine beträchtliche Bedeutung zu. Man kann,
um diesen Zusammenhang ganz einfach und schematisch darzustellen,
den gesamten Nahrungsspielraum eines Landes als identisch mit
dessen Konsumtionsfonds oder Volkseinkommen betrachten. Sind
V die Volkszahl und L die Lebenshaltung und N der Nahrungsspielraum,
 so kommt man zu der einfachen Gleichung V.L = N.
Geht N zurück, so muß, wenn V sich gleichbleibt, L sinken; geht
L entsprechend zurück, so kann, wenn damit die Lebenshaltung
nicht unter das physiologische Existenzminimum sinkt, noch die
gleiche Volkszahl im Lande leben. Bleibt sich jedoch N gleich, so
kann V steigen, wenn L sinkt und wenn N zunimmt, so kann entweder
 V oder L eine Zunahme erfahren. Das ist nur die Konsequenz
der oben betonten Tatsache, daß wir in einer rückläufigen Lebenshaltung
 das wichtigste Symptom einer Übervölkerung zu erblicken
haben. Dabei sei davon abgesehen, daß eine Steigerung der Volks-
        <pb n="452" />
        4. Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. 445

zahl selbst, ebenso wie vielleicht eine Steigerung der Lebenshaltung,
Kräfte in sich bergen, um den Nahrungsspielraum zu erweitern.
Nun handelt es sich aber bei der Frage der Lebenshaltung,
auch wenn sie dauernden Änderungen unterworfen ist, keineswegs
nur um eine objektive Größe, keineswegs allein darum, daß die
Lebenshaltung nur in ihrem tatsächlichen Wandel neben der vorhandenen
 Volkszahl dem in einem Lande vorhandenen Nahrungsspielraum
 gegenübertritt. Wir können das Moment der Lebenshaltung
 nicht loslösen von dem Wollen und Streben des
Menschen, eine bestimmte und bessere Lebenshaltung zu erreichen:
 heute viel weniger als in älterer Zeit.
Früher war es — wie vor allem Sombart dargelegt hat —
der Gedanke der „Nahrung“, der in allen Schichten der Bevölkerung
beherrschend war. Bauer und Handwerker, die im Mittelalter den
weitaus größten Teil der ganzen Bevölkerung ausmachten, haben
hauptsächlich mit ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit nichts anderes als
ihre „Nahrung“ in der herkömmlichen Weise gesucht. „Es sind
einfache Durchschnittsmenschen mit starkem Triebleben, stark entwickelten
 Gefühls- und Gemütseigenschaften und ebenso gering entfalteten
 intellektuellen Kräften. Unvollkommenheiten im Denken,
mangelnde geistige Energie, mangelnde geistige Disziplin, begegnen
uns bei den Menschen jener Zeit nicht nur auf dem Lande, sondern
auch in den Städten, die lange Jahrhunderte hindurch noch große,
organisch gewachsene Dörfer sind.“ Dazu gesellt sich die Macht
der Gewohnheit, „die den Menschen immer lieber das tun läßt, was
er schon getan hat und was er infolgedessen kann“, die ihn also in
den Bahnen festzuhalten strebt, die er bereits eingeschlagen hat.
Diesen ganzen Formen des Lebens entspricht auch „die feste Gliederung
 der Menschen in bestimmte. Berufe und Stände, die alle als
gleichwertig in ihren gemeinsamen Beziehungen auf das Ganze angesehen
 werden und die dem einzelnen die festen Formen darbieten,
innerhalb deren er sein individuelles Dasein zur Vollkommenheit
entfalten kann. Ihm entsprechen die Leitideen, unter denen das
Wirtschaftsleben steht, das Prinzip der Bedarfsdeckung und des
Traditionalismus, die beide Prinzipien der Beharrung sind. Der
Grundzug des vorkapitalistischen Daseins ist der der sicheren Ruhe,
wie es allem organischen Leben eigentümlich ist“ V.
Mit dem Vordringen der kapitalistischen Produktions- und Denkweise
 sind diese Gedanken für das Leben der Menschen an Bety

 Sombart, Der moderne Kapitalismus, Bd. 1, 5, 34 ff.
        <pb n="453" />
        146 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

deutung und Wirksamkeit immer mehr zurückgetreten. Es waren
anfangs nur wenige Kreise der Bevölkerung, in denen mit dem
Beginn der Neuzeit dieser Gedanke von „Herkommen“ und „Nahrung“
zu verblassen anfıng. Noch bis tief hinein in unsere Tage hat dieser
Gedanke den wirtschaftlichen Denkinhalt auch weiter Kreise der
städtischen Bevölkerung, vor allem beim gewerblichen Mittelstand
und innerhalb der Arbeiterschaft ausgemacht. Es ist erst eine Erscheinung
 der letzten Jahrzehnte, daß auch diese Kreise aus ihrem
alten Denken aufgerüttelt worden sind. Die Gegensätze zwischen
Reich und Arm kamen zur stärkeren Entfaltung, das Auf und Ab
auf der sozialen Stufenleiter wurde nach dem Fortfall der alten
ständischen Bindungen und mit der zunehmenden Bedeutung von
Vermögen und Einkommen für die soziale Stellung eine immer
häufigere Erscheinung und diese ganzen Wandlungen haben einen tiefgehenden
 Einfluß auf das Denken und Wollen der Menschen ausgeübt.
Diese nehmen nun die vorhandene Lebenshaltung und soziale
Stellung nicht mehr als etwas Gegebenes und Gleichbleibendes hin; sie
beginnen sich vielmehr beiden kritisch gegenüber zu stellen, Lebenshaltung
 und Lebensweise mögen sich objektiv durchaus gleichbleiben
und trotzdem können sie im Denken und Streben der Menschen
immer weniger zureichend erscheinen. Schon V. Modeste‘) hat
um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hervorgehoben, daß bei der
Armut alle substantiellen Elemente in der Abnahme begriffen seien,
nur eines sei stärker geworden, „le contre-coup dans l’homme
interieur“, das Elendsbewußtsein der Menschen, der Glaube des
Menschen an sein eigenes Elend?). Michels zitiert folgende
Äußerung von Rodbertus an v. Kirchmann aus dem Jahre
1850: „Armut ist ein gesellschaftlicher, d. h. relativer Begriff. Nun
behaupte ich, daß der berechtigten Bedürfnisse der arbeitenden
Klassen bedeutend mehrere geworden und daß es unrichtig sein
würde, heute, wo sie diese höhere Stellung eingenommen haben,
selbst bei gleichgebliebenem Lohne nicht von einer Verschlimmerung
ihrer materiellen Lage zu sprechen“ 3).
Den gleichen Gedanken hat Lassalle in seinem offenen Antwortschreiben
 an das Central-Comite ausgeführt: „Jede menschliche
Befriedigung hängt ja immer nur ab von dem Verhältnis der Be-1)

 Du pauperisme en France, Paris 1858, cit. nach R. Michels, Die Verelendungstheorie,
 1928, S. 130.
?) Vgl. dazu R. Michels, Psychologie d. antikapitalistischen Massenbewegungen,
Grundriß d. Sozialökonomik, 9. Abt., 10926.
8) Zur Beleuchtung d. sozialen Frage, 2. Aufl., 18:0, ı. Teil, S. 50.
        <pb n="454" />
        4. Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. 447

friedigungsmittel zu den in einer Zeit bereits gewohnheitsmäßig
erforderlichen Lebensbedürfnissen . . . Ein gesteigertes Minimum
der untersten Lebensbedürfnisse gibt auch Leiden und Entbehrungen,
welche frühere Zeiten nicht kannten ... Alles menschliche Leiden
und Entbehren hängt also nur von dem Verhältnis der Befriedigungsmittel
 zu den in derselben Zeit bereits vorhandenen Bedürfnissen
und Lebensgewohnheiten ab. Alles menschliche Leiden und Entbehren
 und alle menschlichen Befriedigungen, also jede menschliche
 Lage, bemißt sich somit nur durch den Vergleich mit
der Lage, in welcher sich andere Menschen derselben Zeit in
Bezug auf die gewohnheitsmäßigen Lebensbedürfnisse derselben
befinden“). Kautsky hat einmal das physische Elend von
dem sozialen Elend unterschieden und gemeint: „Das Elend im
ersteren Sinne wird an den physiologischen Bedürfnissen des
Menschen gemessen, die allerdings nicht überall und zu allen Zeiten
dieselben sind, aber bei weitem nicht so große Unterschiede aufweisen,
 wie die sozialen Bedürfnisse, deren Nichtbefriedigung soziales
Elend erzeugt“ ?)., Auf dieser Grundlage einer Zunahme des sozialen
Elends, gemessen an den sozialen Bedürfnissen, hat Kautsky
gegenüber Bernstein damals die Marx’sche Verelendungstheorie
zu retten versucht.
Wenn in einer solchen Weise Erscheinungen, wie Armut, Not,
Unzufriedenheit und Lebenshaltung, im Laufe der Zeit einen stärkeren
subjektiven und sozialen Inhalt erhalten haben, wenn dafür immer
weniger rein objektive Tatsachen maßgebend sind, so muß auch
das gleiche für das Wesen und die Größe des Nahrungsspielraumes
gelten. Auch er unterliegt in seiner Größe der Beurteilung der
Menschen und damit subjektiven Maßstäben, die sich selbst
wandeln. Wenn bei gleichbleibender Volkszahl vielleicht allenthalben
die Ansprüche an das Leben höher werden, so muß damit — auch
wenn der Nahrungsspielraum in seiner objektiven Größe keine Veränderung
 erfährt — dessen Größe im Denken und Fühlen der
Menschen kleiner und unzureichender erscheinen als zuvor. Geht
man von dieser Tatsache aus, so kann man einen Nahrungsspielraum
im objektiven und einen solchen im subjektiven Sinne unterscheiden.
Man kann für den letzteren auch die Ausdrücke kultureller
oder sozialer Nahrungsspielraum gebrauchen,
Unter Nahrungsspielraum im objektiven Sinne wird also einfach
das Verhältnis der vorhandenen Unterhaltsmittel zu dem physiologisch
75) Reden w Schriften, Ausg. Bernstein, 1893, Bd. 2, S. 426/27.
2) K. Bernstein u, das sozialdemokratische Programm, 1897, S. 118,
        <pb n="455" />
        448 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

notwendigen Bedarf der Menschen verstanden, unter Nahrungsspielraum
 im sozialen Sinne das Verhältnis der vorhandenen
Unterhaltsmittel zu dem Bedarf der Menschen auf Grund der vorhandenen,
 jedoch Wandlungen unterworfenen Lebenshaltung. Dieses
soziale Moment erfährt jedoch noch eine wesentliche Steigerung
 nach der subjektiven Seite dadurch, daß es sich dabei nicht
allein um eine bereits vorhandene, über dem physiologisch Notwendigen
 stehende Lebenshaltung handelt, sondern daß dabei auch
die latenten Bedürfnisse und Lebensansprüche der Menschen
noch eine große Rolle spielen. Darüber, daß bei steigender Lebenshaltung
 und einem bestimmten Nahrungsspielraum in einem Lande
nur eine geringere Volkszahl Unterhalt finden kann, als bei einer einfacheren
 Lebenshaltung, brauchen weiter keine Worte verloren zu
werden. Aber für die Größe des Nahrungsspielraumes und ihre
Beurteilung kommt nicht nur das Streben und Wollen der Menschen
in Frage, das sich bereits zu einer bestimmten Lebenshaltung verdichtet
 hat, sondern auch dasjenige, das auf eine noch weitere
Steigerung der Lebenshaltung hinzielt. Heute stehen sich Volkszahl
und Nahrungsspielraum nicht mehr als zwei objektive Größen gegenüber
 wie in früheren Zeiten, sondern das Wollen und Streben der
Menschen verleiht dem Zusammenhang beider einen anderen Charakter.
Wo nämlich dieses Streben nach besserer Lebenshaltung und besserer
Lebensstellung immer weitere Kreise der Bevölkerung ergreift, bei den
gegebenen Verhältnissen sich jedoch nicht durchführen läßt, da wird
vom Standpunkt dieser Wünsche und Zielsetzungen aus der Nahrungsspielraum
 als zu gering erscheinen. Unter diesem Gesichtspunkt
kann man von einem Nahrungsspielraum im subjektiven Sinne
sprechen. Der Nahrungsspielraum im objektiven Sinne kann also
als Ganzes mit dem Volkswachstum auf Grund einer bestimmten
Lebenshaltung durchaus Schritt gehalten haben; man kann aber
dann doch von einem Zurückbleiben des Nahrungsspielraums im
subjektiven Sinne hinter dem Volkswachstum dann sprechen, wenn
die weiteren Wünsche nach einer besseren Lebensweise dabei keine
Erfüllung finden konnten und wenn dann — was das Wesentliche
hierbei ist — die Bevölkerung in ihrem Tun und Handeln in einer
ganz bestimmten Weise darauf reagiert.
Kine solche Reaktion kann in verschiedener Weise eintreten;
sie zeigt sich jedoch in der jüngsten Zeit namentlich in der Form,
daß man bestrebt ist, die Kinderzahl nicht zu groß werden zu lassen.
Mögen auch zahlreiche andere objektive Momente, wie wir gesehen
haben, den Geburtenrückgang mit beeinflußt haben, so spielt
        <pb n="456" />
        4. Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. A440

dabei doch unstreitig das Streben nach einer besseren Lebenshaltung,
das Streben nach sozialem Aufstieg und größerer sozialer Geltung,
für sich selbst oder für die Kinder, eine wesentliche und wohl die
entscheidende Rolle. Ganz gleichviel, wie wir diese Tatsache von
verschiedenen Gesichtspunkten aus beurteilen, ob günstig oder ungünstig,
 sie ist jedenfalls vorhanden und muß bei Betrachtung dieser
Zusammenhänge mit in Rechnung gezogen werden. Um welche
Motive und Triebkräfte es sich dabei im einzelnen handelt, ist oben
bei der Betrachtung des Geburtenrückganges bereits dargelegt worden.
Im Anschluß an einen Ausdruck A. Dumonts*) hat Oldenberg
dieses Streben als „sozialen Anerkennungs- und Rivalitätstrieb“ bezeichnet
 und dazu weiter ausgeführt: „Wie das Öl im Lampendocht
zur Flamme hinaufklettert, so strebt das animal sociale, seine soziale
Position zu behaupten oder zu verbessern. Dieser gesellige Trieb
hat das gesellige Dasein nicht nur zur Voraussetzung, sondern wird
auch durch dieses massenpsychologisch verallgemeinert; die Atmosphäre
 füllt sich mit sozialem Kapillaritätsstreben und zwar ist dieses
Streben nicht ein Motiv unter vielen, sondern es gibt geradezu dem
Lebensideale der Menschen sein Gepräge, es schlägt die stärksten
anderen Motive“ ?).
Es sind hierbei Faktoren wirksam, die auf das allerengste mit
unserer neueren gesellschaftlichen Entwicklung in Beziehung stehen.
Die Menschen von heute sind in dieser Hinsicht ganz andere als
früher. Die Wertschätzung rein äußerer Momente, die Betonung der
äußeren Stellung und Geltung und das Streben danach, wenn es
auch in ihrer äußerlichsten Form geschieht, haben stark an Wirksamkeit
 zugenommen. In diesem Sinne sind eben ganz neue und
verschiedenartige Bedürfnisse des Menschen entstanden. Mit den
folgenden Worten hat Brentano den Zusammenhang dieser Entwicklung
 mit dem Streben nach der Kleinhaltung der Familie ausgedrückt:
 „Mit zunehmendem Wohlstand und zunehmender Kultur
wächst die Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse der Menschen, mit dem
Auftreten anderer Bedürfnisse macht sich auch hinsichtlich der Kindererzeugung
 das Gossen’sche Gesetz geltend, wonach der nach der
größten Summe des Wohlgefühls strebende Mensch mit der Befriedigung
 eines Bedürfnisses da abbricht, wo ein Fortfahren in seiner
Befriedigung ihm einen geringeren Genuß bereiten würde als die
Befriedigung eines anderen Bedürfnisses. auf das er sonst verzichten

1 A. Dumont, Depopulation et civilisation, Paris, 1890, S. 106.
2) Oldenberg, Über d. Rückgang, a. a. O., S. 428.
Diehli.Mombert, Grundrisse, Bd, 15,

+7
        <pb n="457" />
        450 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

müßte. Der Mensch bricht mit der Kindererzeugung da ab, wo die
Mehrung der Kinderzahl ihm eine geringere Befriedigung verschafft
als andere Genüsse des Lebens, die ihm sonst unzugänglich würden“ !).
In diesen Bestrebungen müssen wir den von dem Individuum
ausgehenden Versuch erblicken, den für sich und die Seinen zur
Verfügung stehenden individuellen Nahrungsspielraum zu verbessern,
Der Umfang an Wünschen und Bedürfnissen, der in einem Volke
vorhanden ist, bestimmt die Meinung, die hier über die vorhandene
Lebenshaltung und damit über den vorhandenen objektiven Nahrungsspielraum
 herrscht. Wenn er, wie es in neuerer Zeit der Fall ist,
an diesen Bedürfnissen und Zielen gemessen zu klein erscheint, So
sucht man durch Kleinhaltung der Kinderzahl den Nahrungsspielraum
zu vergrößern. Damit entwickelt sich aber ein Faktor von großer
Bedeutung für die vorliegenden Zusammenhänge von Bevölkerung
 und Wirtschaft, die ich an anderer Stelle mit den folgenden
Worten ausgedrückt habe: „In älteren Zeiten trat die Verengerung
des Nahrungsspielraumes in der Weise in die Erscheinung, daß sie
objektiv als eine Verschlechterung der Lebensbedingungen wirken
und demgemäß einen Druck auf die Lebenshaltung ausüben mußte.
Heute empfindet es der Kulturmensch bereits als eine solche Verengerung,
 wenn es ihm, aus dem Streben heraus, seine Lage zu
verbessern, nicht gelingt, dieses durchzusetzen. Subjektive Momente
sind es also, das Maß der Lebensansprüche und des sozialen Ehrgeizes,
 die in hohem Maße heute dafür bestimmend sind, ob und
in welchem Maße ein bestimmter Nahrungsspielraum noch als zureichend
 oder unzureichend empfunden wird. Nicht die objektive
Größe desselben, sondern das subjektive Empfinden und Urteil der
Menschen darüber, bestimmt heute dann, wie sie auf jenen in ihrem
Wollen und Streben reagieren. Nicht nur also durch technisch-wirtschaftliche
 Fortschritte allein suchen die Kulturvölker heute ihren
Nahrungsspielraum zu vergrößern, sondern ebenso durch eine bewußte
 quantitativ höchst bedeutsame Beeinflussung der Volksvermehrung“
 ?).
Dietzel meinte einmal: „Wenn die Zeit kommt, da die
Nahrungsquellen schwächer zu fließen beginnen, so wird auch die
Bevölkerungsflut schwächer fließen, wird die Zahl der Münder nur
noch in solchem Maße sich mehren, daß eine Minderung der Mundrationen
 nicht zu erfolgen braucht“ ®. Die neuere Entwicklung zeigt,

3) Brentano, Bevölkerungslehre, a. a. O., S. 297.
? Mombert, Bevölkerungslehre, a. a. O., S. 108,
3 Weltwirtschaft, a. a. O., S. 115.
        <pb n="458" />
        4. Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. 451

daß die Bevölkerung auch schon in der Zeit schwächer zu fließen
beginnen kann, in der die Nahrungsquellen noch nicht knapper geworden
 sind, Eine solche Entwicklung kann unter Umständen
dahin führen, daß das Volkswachstum eines Landes hinter der Ausweitung
 des Nahrungsspielraumes zurückbleibt und daß dann die
Lebens- und Unterhaltsmöglichkeiten für den einzelnen eine Bessetung
 erfahren. Das kann vielleicht so sein, das muß aber nicht so
sein. Wir haben oben gesehen, daß auch das Volkswachstum ein
wirtschaftsfördernder Faktor allerersten Ranges sein kann und daß
immerhin mit der Möglichkeit zu rechnen ist, daß ein Rückgang
des Volkswachstums und erst recht eine Stagnation oder Abnahme
der Volkszahl ungünstig auf den technischen und wirtschaftlichen
Fortschritt einwirkt. Man kann vielleicht auch mit der Möglichkeit
rechnen, daß hierin unter gewissen Umständen sogar ein Rückschritt
stattfindet.
Freilich stehen derartige ungünstige Einwirkungen keineswegs
fest. Bei der Hervorhebung des Einflusses des Volkswachstums auf
den wirtschaftlichen und technischen Fortschritt darf man nämlich
nicht immer an die entsprechenden Zusammenhänge in älteren
Zeiten denken. Denn in der Gegenwart vollziehen sich doch diese
Fortschritte in einer ganz anderen Weise, fast möchte man sagen,
auf einer ganz anderen Ebene, als in früheren Zeiten: nämlich in
viel mehr überlegter und bewußter Weise. Schon allein die Konkurrenz
 und die Abhängigkeit vom Markte, Erscheinungen, die in
älteren Zeiten gar nicht oder nur in weit eingeschränkterer Weise
wirksam waren, sind, ganz unabhängig von dem Wachstum der
Bevölkerung, heute die mächtigen Hebel jeden Fortschritts. Er ist
heute international; neue Erfindungen, wirtschaftliche Verbesserungen,
werden heute mit großer Beschleunigung von dem einen Land auf
das andere übertragen und da, wo einem Lande zur Durchführung
solcher Verbesserungen das genügende eigene Kapital fehlt, da
strömt Kapital aus anderen Ländern herbei, um die Lücke auszufüllen.
 Man mag den Erfindungsgeist und die geschäftliche Energie
der Amerikaner noch so hoch einschätzen, sie hätten wirtschaftlich
die Stufe, auf der sie sich heute befinden, sie hätten das heutige
Niveau ihrer Lebenshaltung niemals so schnell erreichen können,
wenn ihnen nicht das für die Entwicklung und den Ausbau ihres
Landes zur Verfügung gestanden hätte, an dem zuvor viele Generationen
 von Europäern gearbeitet hatten. In den Vereinigten
Staaten hat sich auch unzweifelhaft der gewaltige wirtschaftliche und
technische Fortschritt vollzogen, ohne daß eine steigende Volkszahl
&amp;gt;a%
        <pb n="459" />
        452 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

als drängender Faktor mitgewirkt hätte. Mit dem Gesagten hängt
es dann auch zusammen, wenn sich hier der Nahrungsspielraum so
viel schneller vergrößert hat als die Volkszahl.
Mit dieser Tatsache, daß heute ganz allgemein der wirtschaftliche
 und technische Fortschritt, also die mögliche Ausweitung des
Nahrungsspielraumes, nicht mehr in dem gleichen engen Zusammenhang
 mit dem Volkswachstum steht als in älteren Zeiten, müssen
wir also auch für die Zukunft rechnen. Deshalb mag es auch sein,
das war auch der Ausgangspunkt dieser Betrachtungen, daß ein
geringeres Volkswachstum oder gar eine Stagnation der Bevölkerung,
keineswegs unter allen Umständen ein Hemmnis für Fortschritte in
technischer und wirtschaftlicher Hinsicht zu sein brauchen. Es mag
auch sein — das sind Zusammenhänge, die sich heute noch kaum
übersehen lassen — daß bei einem geringeren Volkswachstum die
Kapitalbildung relativ stärker ist und schon deshalb ein fruchtbarer
Einfluß auf den Fortgang der Wirtschaft ausgeübt werden kann.
Je weniger aber mit einer. derartigen Gefahr zu rechnen ist, eine
um so größere Bedeutung für die Zusammenhänge von Wirtschaft
und Bevölkerung muß dann die Tatsache gewinnen, daß heute
bereits das Volkswachstum in so starkem Maße willensfähig beeinflußt
 wird, ohne daß eine Verengerung des Nahrungsspielraums im
objektiven Sinne stattgefunden hätte. In dieser Entwicklung liegen
Tendenzen, die das Anwachsen der Volkszahl hinter der Ausweitung
des Nahrungsspielraumes zurückhalten. Das ist eine Entwicklung,
die Malthus nicht gekannt hat und nicht kennen konnte. Allerdings
 hat man nach ihm schon häufig diese Zusammenhänge hervorgehoben;
 es sei nur auf die zahlreichen Schriften aus dem Kreise
der Neo-Malthusianer verwiesen. Es besteht auch kein Zweifel
darüber, daß die neuere Entwicklung der Bevölkerung in den Kulturstaaten
 sich durchaus im Sinne dieser Richtung vollzieht.
Hier handelt es sich um den Gegensatz zwischen einer natura-Jistischen
 und voluntaristischen Bevölkerungslehre, wie
es F. Fetter!) ausgedrückt hat, um den gleichen Gegensatz, den
schon Sismondi gegenüber Malthus in die Worte kleidete, daß
man bei der menschlichen Fortpflanzung nicht die Fähigkeit mit dem
Willen verwechseln dürfe. Jedenfalls haben wir es bei dieser neuesten
Gestaltung des Volkswachstums in den Kulturstaaten mit besonderen
Wirkungen von Faktoren zu tun, die auf das engste mit dem Gang unserer
kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung zusammenhängen.

1) Fetter, Versuch einer Bevölkerungslehre, 1894.
        <pb n="460" />
        4. Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. 453
Mit einer solchen Entwicklung kann auch das Wesen der
Übervölkerung einen anderen Charakter annehmen. Darauf hat
Krafft schon vor Jahren hingewiesen, als er den Begriff eines
sozialen Bedarfsspielraumes und einer sozialen Bevölkerung prägte
und unter der letzteren eine Vielheit von Menschen verstand, „die
unter dem Gesichtspunkt gemeinsamer Zielversorgung, das ist eines
planmäßig geregelten Handelns, als Einheit erscheinen“*!), Dementsprechend
 versteht er dann unter Über- und Untervölkerung:
„Eine Vielheit von Menschen, die für die Möglichkeit der Verwirklichung
 ihrer jeweiligen gesellschaftlichen, sie einenden Zielsetzungen
an Zahl zu groß bzw. zu klein ist“. Damit wird die gesellschaftliche
 Seite der Volksvermehrung, wie überhaupt des ganzen Bevölkerungsproblems,
 besonders stark hervorgehoben. Freilich handelt
es sich dabei keineswegs allein um ein gesellschaftliches Problem,
wie vor allem die Sozialisten annehmen. Dem steht die Abhängigkeit
 des Nahrungsspielraumes von der Natur und vom Boden gegenüber,
 deren Erträge keineswegs allein von gesellschaftlichen Faktoren
bestimmt werden. Jedenfalls darf man aber auch nicht diese gesellschaftliche
 Seite in ihrer Bedeutung für den Gang und die Stärke
des Volkswachstums unterschätzen. Dieses Wachstum ist auch kein
rein biologischer Vorgang, sondern gerade in neuerer Zeit besonders
stark von gesellschaftlichen Faktoren beeinflußt, die vielleicht in dem
dargelegten Sinne weiter so zunehmen, daß damit auch das Bevölkerungsproblem
 als solches einen ganz anderen Charakter annimmt
als in älteren Zeiten.
3. Nahrungsspielraum und Wirtschaftssystem. —
Die in dem vergangenen Abschnitt besprochenen Ausführungen
haben bereits in mancher Hinsicht auf die Zusammenhänge zwischen
Nahrungsspielraum und Wirtschaftssystem hingewiesen. Ging doch
die oben besprochene sozialistische Auffassung davon aus, daß aus
dem Wesen der bestehenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung
heraus sich im Laufe der Zeit unweigerlich bestimmte Gefahren für
den Nahrungsspielraum eines Landes in den europäischen Industriestaaten
 ergeben müssen. Im folgenden sollen diese Zusammenhänge
zwischen Nahrungsspielraum und Wirtschaftssystem unter etwas
anderen, mehr allgemeinen Gesichtspunkten betrachtet werden.
Die älteren Sozialisten — auch heute gibt es noch manchen
Vertreter dieser Anschauung — waren der Meinung, daß der Nahrungsspielraum
 der Erde unbegrenzt erweiterungsfähig sei und daß es

En ya

1) Bevölkerungsproblem, 1917, S. 84,
        <pb n="461" />
        454 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

nur von der Art der gesellschaftlichen Ordnung abhinge, um diese
Möglichkeiten zugunsten der Menschheit vollkommen und restlos
ausnutzen zu können. Die älteren Sozialisten waren in dieser Hinsicht
 getreue Schüler jener optimistischen Richtung des ökonomischen
 Individualismus, den wir oben kennen gelernt haben.
Friedrich Engels hat gesagt: „Die der Menschheit zu Gebote
stehende Produktionskraft ist unermeßlich. Die Ertragsfähigkeit des
Bodens ist durch die Anwendung von Kapital, Arbeit und Wissenschaft
 ins Unendliche zu steigern.“ „Diese unermeßliche Produktionsfähigkeit,
 mit Bewußtsein und im Interesse aller gehandhabt, würde
die der Menschheit zufallende Arbeit bald auf ein Minimum vertingern;
 der Konkurrenz überlassen, tut sie dasselbe, aber innerhalb
des Gegensatzes“ 1).
Den gleichen Optimismus finden wir bei Bebel, der gemeint
hat, „daß die Ausnutzung der vorhandenen Nahrungsquellen durch
die Anwendung von Wissenschaft und Arbeit, gar keine Grenzen
erkennen läßt und jeder Tag uns neue Entdeckungen und Erfindungen
 bringt, welche die Quellen der Nahrungsgewinnung vermehren.“
 Ob diese gewaltigen Möglichkeiten auch richtig ausgenützt
werden können, hängt von nichts anderem ab, als von der gesellschaftlichen
 Ordnung. „Überall“, so sagt er an der genannten Stelle,
„sind es die sozialen Einrichtungen — der bestehende Erzeugungsund
 Verteilungsmodus der Produkte — die Mangel und Elend erzeugen
 und nicht die Zahl der Menschen“?). Oppenheimer hat
sogar die Behauptung aufgestellt, daß solange die absolute technische
 Grenze der Produktivität noch nicht erreicht sei, nach Fortfall
 des Lohnsystems der Wohlstand der Menschen, das heißt, ihre
Versorgung mit Genußgütern bis zu einem Grade gesteigert werden
könne, „der für unsere Begriffe übermenschlich ist. Die Möglichkeit
jedem Mitglied der Gesellschaft ein durchschnittliches Einkommen
zu gewähren, wie es heute der Millionär hat, ist durchaus gegeben“ ®).
Wir haben auch bereits an anderen Stellen gesehen, wie vielfach
man die Größe des Nahrungsspielraumes als von der Art der gesellschaftlichen
 Ordnung abhängig erklärte und die soziale Not als
alleinige Folge der vorhandenen Wirtschaftsordnung ansah. In dieser
Hinsicht ist kein grundsätzlicher Unterschied zwischen Marx auf der

1) F. Engels, Umrisse, a. a. O., S. 452.
2) Die Frau, a. a. O., S. 453.
3) Die soziale Frage u. d. Sozialismus, 1012, S. 182/83.
        <pb n="462" />
        4: Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. 455
einen und Bodenreformern, wie H. George und Oppenheimer
auf der anderen Seite vorhanden ?).
Es erhebt sich damit die Frage nach dem Einfluß der gesellschaftlichen
 Ordnung auf die Größe des Nahrungsspielraums. Diejenigen
 unter den Sozialisten und Sozialreformern, die in dem eben
dargelegten Sinne eine besonders günstige Wirkung von einer
Änderung der jetzigen gesellschaftlichen Ordnung erwarten, gehen
dabei in erster Linie auch von der „Anarchie“ der jetzigen Wirtschaftsordnung
 aus und befürworten an ihrer Stelle eine Ordnung, die
im Gegensatz zu der jetzigen vielleicht am besten mit den Schlagworten
 Bedarfsdeckungs- oder Planwirtschaft gekennzeichnet ist.
Es ist nun unbestreitbar, daß ein sehr enger Zusammenhang
zwischen der gesellschaftlichen Ordnung in einem Lande und der
Größe des Nahrungsspielraums in demselben besteht. Darauf ist im
Vorangegangenen immer wieder hingewiesen worden. An dieser
Stelle handelt es sich in erster Linie um den Gegensatz einer kapitalistischen
 oder, besser gesagt, individualistischen, d. h. vom Erwerbsgedanken
 ausgehenden Wirtschaftsordnung und einer solchen auf
sozialistischer Grundlage, deren Wesen in der Bedarfsdeckung als
Ausgangspunkt alles Wirtschaftens und einer zentralen Leitung der
Produktion besteht. Stellt man die Gegensätze So einander gegenüber,
 so muß man zunächst hervorheben, daß gerade unter dem
Gesichtspunkt der Größe des Nahrungsspielraumes unsere vom Erwerbsgedanken
 ausgehende individualistische Wirtschaftsordnung unstreitig
 ihre großen positiven Leistungen aufzuweisen hat. Das wird
auch von jenen anerkannt, die gerade von gesellschaftlichen oder
ethischen Gesichtspunkten aus dieser Wirtschaftsordnung sehr kritisch
gegenüberstehen.
Pieper hat die Frage aufgeworfen*), ob jene Vorherrschaft
entfesselter Zweckhaftigkeit über den Lebenssinn des Wirtschaftslebens,
 in der er ein wesentliches Merkmal der vorhandenen Wirtschaftsordnung
 sieht, gebrochen werden kann, ohne daß die wirt:
schaftlichen Fortschritte des kapitalistischen Wirtschaftssystems verloren
 gehen. „Die gewaltig gesteigerte Volkszahl“, so meint er,
„können wir keineswegs anders ernähren. Die vofkapitalistische
Produktionsweise, die eine wissenschaftlich begründete rationale Wirtschaft
 nicht kannte, vermochte nur eine weitaus geringere Bevölkerung
auf dem gleichen Boden zu ernähren.“ Mit diesen Darlegungen ist
2) Siehe dazu auch Th. Hertzka, Freiland, 10. Aufl., 1806 u, K. Ballod, Deı
Zukunftsstaat, 2. Aufl., 1919,
a\ Kapitalismus u. Sozialismus als seelisches Problem, 1924, S. 31/32.
        <pb n="463" />
        456 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

ein besonders wichtiges Kriterium in dem Meinungsstreit über die
Bedeutung verschiedener gesellschaftlicher Ordnungen hervorgehoben.
Salz, der sich besonders eingehend mit diesen Fragen beschäftigt
hat, betont deshalb auch mit Recht, „jedes Postultat zur Abänderung
der gegenwärtigen kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung
 im Sinne einer höheren idealen Gerechtigkeit, ob kommunistisch,
 sozialistisch, feudalistisch, berufsständisch usw., jedes radikale
soziale Reformprogramm wird, wenn es ernst genommen werden
will, die Vorfrage beantworten müssen, wie es dieses ganz konkrete
Problem: steigende Bevölkerungsmassen unter ungünstigen natürlichen
 Lebensbedingungen zu resorbieren, lösen will. Das ist die
erste Frage, die man zu stellen befugt ist und mit deren Beantwortung
sich jeder Reformvorschlag auszuweisen hat“ !).
Auch von ausgesprochenen Gegnern der herrschenden Wirtschaftsordnung
 wird diese ihre positive Leistung anerkannt. Einer
der Hauptführer des englischen Gildensozialismus, der bekanntlich
einen stark romantischen Einschlag hat, A. Penty, hat von der
Wirkung solcher gildensozialistischen Reformen gesagt: „Aus diesem
Grunde ist die Auswanderung im großen Maßstabe ein notwendiger
Bestandteil jedes Planes für den Neuaufbau der Gesellschaft; ohne
solche bleibt für den Überschuß an Bevölkerung nur die Wahl
zwischen Verhungern und halbem Verhungern bei Erwerbslosenunterstützung“
 ?), Ein anderer, angesehener englischer Gelehrter, der
auf sozialistischem Boden steht, B. Russel, hat als Voraussetzung
zur Durchführung seiner Ideale die Möglichkeit bezeichnet, „eine
solche Vermehrung der Bevölkerung zu vermeiden, die Schwierigkeiten
 in der Belieferung mit Nahrungsmitteln verursachen würde,
Der Sozialismus, insbesondere der internationale Sozialismus, ist als
ein stabiles System nur dann möglich, wenn die Bevölkerung sich
annähernd gleich bleibt. Einem langsamen Wachstum kann man mit
der Vervollkommnung der landwirtschaftlichen Methoden begegnen,
aber ein schnelles Wachstum muß zum Schluß die ganze Bevölkerung
zur Armut führen und würde so gut wie sicher zur Ursache von
Kriegen werden“ 3).
Man wird nicht bestreiten können, daß in der Vergangenheit
bis heute die positive Leistung der herrschenden Wirtschaftsordnung
darin bestanden hat. den Nahrungsspielraum in einem Umfang aus-1)

 Der Sinn d. kapitalistischen Wirtschaftsordnung, Arch. f. Sozialwissensch..
Bd. 52, S. 578/79.
% Penty, Auf d, Wege zu einer christlichen Soziologie, 1924, S. 207.
%) Die Kultur d. Industrialismus, Deutsch 10928, S. 224.
        <pb n="464" />
        4. Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. 457
zuweiten, daß heute in den Kulturstaaten der Welt mehr als doppelt
so viele Menschen leben und wesentlich besser leben als vor rund
hundert Jahren. Das Wachstum der Volkszahl war immer eines
der stärksten Kräfte, die in der Geschichte alle sozialen Bande und
Ordnungen gesprengt haben und diesem Wachstum sind auch jene
alten Ordnungen des Mittelalters, jene Bedarfsdeckungswirtschaft,
zum Opfer gefallen, die heute den Sozialreformern der verschiedensten
Richtungen als Ideal vorschweben. Th. Mayer hat z. B. auf die
ganz geringe Volkszunahme im 13. und 14. Jahrhundert hingewiesen
und dazu gemeint, es sei klar, daß unter solchen Umständen die
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse leicht gleichmäßig
bleiben konnten und auch geblieben sind ?).
Zwischen den Wandlungen in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
 Ordnung und dem Wachstum der Bevölkerung besteht
freilich kein einfacher mechanischer Kausalzusammenhang. Es handelt
sich vielmehr auch hier um enge Wechselbeziehungen, indem ja
auch das Wachstum der Volkszahl einen Einfluß auf das Denken
und Handeln der Menschen ausübt. So hat Sombart darauf hingewiesen,
 daß eine rasche Bevölkerungszunahme eine Stärkung des
Unternehmungsgeistes bedeute, da „sie die Nötigung zum Erwerb
größer macht und dadurch die wirtschaftliche Spannkraft stählt“ ?).
Auch die mit dem Volkswachstum eng zusammenhängenden Wanderungen
 haben zur Stärkung und Ausbreitung des kapitalistischen
Geistes beigetragen. Daß dann umgekehrt diese Entwicklung von
Unternehmertum und kapitalistischer Gesinnung einen umwälzenden
Einfluß auf die Gestaltung der Wirtschaft ausgeübt und damit
mächtig zur Ausweitung des Nahrungsspielraumes beigetragen haben,
bedarf keiner besonderen Beweisführung, Trotz aller sozialen Schattenseiten,
 die in der Vergangenheit damit verbunden waren und heute
noch unstreitig damit verbunden sind, muß man also diese besondere
Leistung des herrschenden Wirtschaftssystems mit allem Nachdruck
hervorheben. Das wird auch vielfach von den Gegnern dieser
Wirtschaftsordnung anerkannt. Wenn man aber auch das Volkswachstum
 als wichtige treibende Kraft für die Umgestaltung der
Wirtschaft anerkennt, so waren daneben doch wieder auf der anderen
Seite bestimmte gesellschaftliche Erfordernisse nötig, um diese neue
Organisation der Wirtschaft zur Entfaltung und Wirksamkeit gelangen
zu lassen. ;

1) Deutsche Wirtschaftsgeschichte d,. Mittelalters, 1928, S. 106.
2) Der Bourgeois, 1913, S. 2391/92 U. 420.
        <pb n="465" />
        45

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Dietzel hat darauf hingewiesen, welch große Rolle für die
Entfaltung dieser Wirtschaftsordnung die ganzen Errungenschaften
der liberalen Ära gespielt haben und daß dadurch erst mittelbar
das starke Volkswachstum möglich geworden ist. „Ohne die Freiheit
betreffs Betriebsumfang und Betriebsform, Freizügigkeit und Freihandel,
 Vertragsfreiheit und ohne die Entfesselung der Produktivkräfte,
 welche das Konkurrenzprinzip auswirkte, wäre die Menschenflut
nicht gekommen“ ?). Dietzel hat auch in dem gleichen Zusammenhang
 gesagt, daß für die seit Anfang des 19. Jahrhunderts so stark
einsetzende Kapitalakkumulation, die eine wesentliche Voraussetzung
steigenden Nahrungsspielraumes ist, die neue soziale Ordnung die
Voraussetzung gebildet habe.
Wenn auch über die historische Seite dieses Zusammenhanges,
über die Tatsache der großen Bedeutung des herrschenden Wirtschaftssystems
 für die bisherige Entwicklung und Ausgestaltung des
Nahrungsspielraumes keine ernsthaften Meinungsverschiedenheiten aufkommen
 können, so hat man doch demgegenüber schon den Versuch
 gemacht, die Geltung dieses Zusammenhangs für die weitere
Entwicklung in Abrede zu stellen. Hierbei handelt es sich um ein
ganz anderes Problem. So ist Pieper in dem genannten. Buche
der Meinung, daß wir uns auch ohne den heutigen Erwerbsgeist
den ökonomischen Rationalismus in der Produktion erhalten können
und Jostock hat gemeint, es sei ein großer Fehlschluß anzunehmen,
daß die rationalistische arbeitsteilige Industriewirtschaft, weil sie kapitalistisch
 entstanden sei, auch nur kapitalistisch fortgeführt werden
könne 2).
Wir kommen damit zu der für diesen Zusammenhang entscheidenden
 Frage nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit eines gemeinwirtschaftlichen
 oder sozialistischen Wirtschaftssystems, bei dem
der Erwerbsgedanke als leitende Kraft der Produktion ausgeschaltet
ist. Es kommt nicht darauf an, auf alle die verschiedenen Abarten,
die dabei denkbar sind, einzugehen; denn dem vorliegenden Problem
gegenüber kann nur eine Wirtschaft in Frage kommen, die so eingerichtet
 ist, daß das Wirtschaftsleben in irgendeiner Weise von
einer zentralen Stelle aus organisiert und verwaltet wird; dabei wird
es das Ziel sein, die technischen und. wirtschaftlichen Errungenschaften
 der kapitalistischen Wirtschaftsordnung beizubehalten und
sie noch systematisch und nach einem ganz bestimmten Plane aus-1)

 Technischer Fortschritt u, Freiheit d. Wirtschaft, 1922, 5. 45-2)
 Der Ausgang d. Kapitalismus, 1928, S. 238.
        <pb n="466" />
        4: Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. 459

zubauen und zu verbessern. Der Staat hat dabei eine bestimmte
ökonomische und soziale Technik zu entwickeln, um die Leistungsfähigkeit
 der Wirtschaft zu steigern.
Es ist natürlich in diesem Zusammenhang von Bevölkerung und
Wirtschaft nicht der Ort, die Frage nach der verschieden großen
wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit dieser beiden Arten der wirtschaftlichen
 und gesellschaftlichen Ordnung in allen seinen Einzelheiten
zu erörtern. Nur das Problem mußte in aller Schärfe gestellt werden
und es ist nur mit wenigen Bemerkungen möglich, diesen Zusammenhang
 zu behandeln.
Dabei handelt es sich keineswegs allein um die schon häufig
aufgeworfene Frage, daß in einem auf sozialistischer Grundlage
ruhenden Wirtschaftssystem Arbeitsleistung und Produktionserträge
zurückgehen würden, weil hier das Eigeninteresse an der Größe der
Leistung und am Arbeitserfolg zu sehr zurückträte. Ob das egoistische
 Denken des einzelnen dann durch eine neue Gemeinschaftsgesinnung,
 durch den Gedanken der Solidarität abgelöst werden
kann, wie viele meinen, sei dahingestellt. Die Erfahrungen, die
bisher in dieser Hinsicht in Rußland gemacht wurden, scheinen nicht
dafür zu sprechen. Aber abgesehen davon handelt es sich auch
darum, ob man die Frage bejahen kann, wie sie einmal von Oppenheimer
 gestellt worden ist: „Kann man eine Gesellschaft auf solche
Grundlagen stellen, daß jeder einzelne durch sein Eigeninteresse überall
zu einer Handlungsweise getrieben wird, die mit dem Gesellschaftsinteresse
 solidarisch ist?“ *).
Nur wenn man diese Frage Oppenheimers bejaht oder an
die Möglichkeit einer Sozialisierung der Gesinnung der Menschen,
einer solch geistigen Umstellung nicht nur aus persönlicher Überzeugung,
 heraus glaubt, sondern wenn man sie auch als unbedingt
sicher erwarten kann, dann wird eine derartige Umgestaltung der
gesellschaftlichen Ordnung in ihren wirtschaftlichen Ergebnissen
vielleicht unbedenklich sein. Rodbertus, der mit aller Schärfe
die Grundlagen der individualistischen, auf den Erwerbstrieb gegründeten
 Gesellschaft bekämpft hat, meinte doch schließlich, ein
besseres und gerechteres soziales System lasse sich wohl erst nach
etwa 500 Jahren durchführen. Denn es sei zweifelhaft, meinte er,
„ob die sittliche Kraft des Volkes schon groß genug wäre, um aus
freiem Willen auf dem Wege der nationalen Arbeit, das ist des
nationalen Fortschrittes, zu beharren, ohne daß wie heute der Zwang

6.
7
6
5.
1,
d.
B
ie,
olog:
i
zZ
So:
d.
m
te
5
Sy
1
        <pb n="467" />
        460

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

des Grund- und Kapitaleigentums es daran festhält und selbst mit
der Geißel der Not darauf vorwärts treibt.“

Nicht weniger Beachtung verdienen jedoch auch die rein wirtschaftlichen
 Bedenken. Wohl ist es sicher zutreffend, daß eine
planwirtschaftlich aufgebaute Güterproduktion, wie sie den Sozialisten
 vorschwebt, die Tendenz hat, im Vergleich zu den gegenwärtigen
 Verhältnissen die Gütererzeugung zu steigern und vielleicht
 auch billiger zu gestalten. Schon allein die Tatsache einer
größeren Planmäßigkeit in Produktion und Handel, auch einer
stärkeren Betriebskonzentration, kann Wirkungen nach dieser
Richtung hin ausüben. Denn so hoch man auch die Leistungsfähigkeit
 der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung und die Bedeutung
der Konkurrenz dafür einschätzen kann, so ist doch kein Zweifel,
daß in der Gegenwart sehr viel wirtschaftlicher Leerlauf stattfindet.
Hier sind unstreitig Tendenzen vorhanden, um die Rationalisierung
der Wirtschaft noch weit vollkommener durchzuführen als es heute
bereits der Fall ist *).
Freilich stehen dann diesen günstig wirkenden Tendenzen
schwere Aufgaben auf der anderen Seite gegenüber, von denen
man nicht sagen kann, ob sie in einer sozialisierten Wirtschaft überhaupt
 befriedigend und erfolgreich gelöst werden können und ob
nicht daraus Schwierigkeiten entstehen können, die imstande sind,
jene eben dargelegten günstigen Kräfte in ihr Gegenteil zu verkehren.
 Es handelt sich hier um das neuerdings so viel erörterte
Problem der Wirtschaftsrechnung in einer sozialistischen Gesellschaft.
Für die Frage, um die es sich dabei handelt, kann man mit
Cassel davon ausgehen, daß das Prinzip der Knappheit für eine
sozialistische Wirtschaftsordnung genau die gleiche Bedeutung hat
wie für die gegenwärtige, „nur, daß es in der einheitlich und
rationell geleiteten sozialistischen Wirtschaftsordnung eigentlich sehr
viel vollkommener eingehalten werden müßte, als dies in der bestehenden
 Wirtschaftsordnung möglich ist“?). Auch die supplementären
 Prinzipien der Preisbildung haben für eine solche Wirtschaftsordnung
 die gleiche Bedeutung wie für die gegenwärtige. Die
jetzige Ordnung kennt einen Markt und Marktpreise und die Verhältnisse,
 die sich hier auf dem Markte gestalten, sind regulierend
für die Produktion und die Güterverteilung. Dieses regulierende

1) The waste of capitalism. Report of the comittee of inquiry into production
„ London o. J., 1926.
?) Theoretische Sozialökonomie, 1918, S. 109.
        <pb n="468" />
        4. Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. A6I

Prinzip fehlt in einer sozialistischen Wirtschaftsordnung, trotzdem
auch in ihr die Produktion unweigerlich das Ergebnis der drei
Faktoren: Boden, Arbeit und Kapital, sein wird. Zunächt kann
die Leitung einer derartigen Gemeinwirtschaft gar nicht wissen, —
worauf neuerdings vor allem Halm hingewiesen hat‘) — was von
den Preisen der fertigen Güter auf Zins, Arbeitslohn und Unternehmergewinn
 entfällt; das ist um so weniger möglich, wenn dabei,
wie es der Sozialismus tut, von der Arbeitskostentheorie ausgegangen
wird. Brutzkus hat auf Grund der Erfahrungen, die man in den
letzten Jahren in Rußland gemacht hat, auf das gleiche hingewiesen
und. dargelegt ?), daß seiner Meinung nach der sozialistische Staat
selbst mit dem ganzen Rüstzeug der wissenschaftlichen Theorie und
eines „statistischen Riesenapparates nicht imstande Sei, den Bedarf
seiner Bürger zu ermessen, nicht imstande sei, ihn abzuwägen und
daher auch nicht in der Lage sei, der Produktion die erforderlichen
Direktiven zu geben“.
Man sieht jedenfalls, daß den oben dargelegten Vorzügen
einer vom Bedarfsprinzip ausgehenden, zentralistisch geleiteten Gemeinwirtschaft
 auch schwere Nachteile gegenüberstehen, die wohl
imstande sein können, jene Vorzüge mehr als auszugleichen. Die
Verhältnisse liegen keineswegs so, wie manche Idealisten annehmen,
daß man den Charakter der heutigen Wirtschaft als Verkehrs- und
Marktwirtschaft beseitigen, den Erwerbsgedanken als treibende
Kraft ausschalten und doch die ökonomisch rationalen Errungenschaften
 der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung mit dem gleichen
Erfolg beibehalten kann. Bei der Kritik der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung
 hat man von jeher immer wieder auf ihre sozialen
und unstreitig vorhandenen Schattenseiten verwiesen. Man hat es
aber von diesen Seiten auch immer wieder versäumt, jenen gesellschaftlichen
 Mängeln die positiven wirtschaftlichen Leistungen der
vorhandenen Wirtschaftsordnung gegenüberzustellen. Bei all diesen
Gedankengängen von Sozialisten und Sozialreformern hat man es
mit gesellschaftlichen, aber nicht mit ökonomischen Systemen zu
tun. Man wird gern zugeben, daß für die Größe des Sozialprodukts
auch die gesellschaftliche Ordnung eine wesentliche Rolle spielen
kann. Aber so liegen die Dinge doch nicht, daß Wandlungen in
der vorhandenen Ordnung unbedingt einen günstigen Einfluß auf das
Sozialprodukt und damit auf den Nahrungsspielraum ausüben werden;
vielmehr spricht sehr vieles dafür, daß das Gegenteil der Fall sein kann.
VL
1) Die Konkurrenz, 1929.
2) Die Lehren des Marxismus im Lichte d. russischen Revolution, 1928.
        <pb n="469" />
        4152

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Salz hat darauf hingewiesen *), daß die industrielle Revolution,
durch welche die neue Wirtschaftsordnung entstanden ist, aus Raumnot
 und Menschenfülle entsprungen sei und unter dem Zeichen der
Kargheit und nicht des Überflusses gestanden habe. Wir können
auch in der ganzen Geschichte beobachten, daß in dem Widerstreit
und in dem Kampfe wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Kräfte
die ersten dann und dort an Erfolg zunehmen, wenn bei einem
starken Volkswachstum und bei der Kargheit der Natur die Lebensverhältnisse
 schwieriger zu werden beginnen. Damit hängt auch
die so oft erörterte Tatsache zusammen, daß in den letzten Menschenaltern
 die Bedeutung des wirtschaftlichen gegenüber anderen
wichtigeren Kategorien des Lebens so sehr an Bedeutung zugenommen
 hat.

Deshalb steht es auch durchaus im Einklang mit den Beziehungen
 zwischen Volkszahl und Wirtschaft, wenn jene, die eine
solche Änderung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung
 befürworten, vielfach erst dann die Möglichkeit dazu gekommen
sehen, wenn das Volkswachstum ein langsameres Tempo eingeschlagen
 hat. Auf diesen Zusammenhang hat schon im Jahre
1913 Sombart hingewiesen ?), als er die Faktoren besprach, die
dem weiteren Wachstum des kapitalistischen Geistes entgegenwirken
 können. Nichts anderes besagt es, wenn er neuerdings
dargelegt hat, daß diese sog. nachkapitalistischen Systeme „nur
dort, aber auch dort zuverlässig möglich sind, wo erstens der Bedarf
 stabilisiert, zweitens eine gewisse Stabilität der Technik eingetreten
 ist, wo Absatz und Konsum in festen Geleisen fahren“ ®).
Die gleiche Meinung hat Liefmann vertreten, wenn er unter diejenigen
 Faktoren, die geeignet seien, das rationale Prinzip abzuschwächen,
 das Aufhören technischer Fortschritte und das Aufhören
 der Bevölkerungsvermehrung rechnet*). „Durch Beides
würde“, so meint er, „die Wirtschaft viel von ihrer heutigen zentralen
 Bedeutung im Leben verlieren und dann würden die Aussichten
 für eine Öffentliche Verwaltungswirtschaft, die einzige, die
wir uns neben der heutigen individuellen Wirtschaft vorstellen
können, günstiger sein als heute“.

!) Der Sinn, a. a. O., S. 593. -— Siehe auch Rathenau, Ges. Werke, 1918,
Bd. ı, S. 36 ff,
?) Der Bourgeois, S. 463/64.
?) Wandlungen, a, a. O., S. 254.
*) Liefmann, Die Zukunftsaussichten des modernen Kapitalismus, Zeitschr f.
Betriebslehre, 1928.
        <pb n="470" />
        4. Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. 463

Kommt es in den europäischen Kulturstaaten — wofür ja vieles
zu sprechen scheint — zu einer beträchtlichen Verlangsamung
des Volkswachstums, vielleicht sogar zu einer Stagnation oder zu
einem Rückgang der Volkszahl, dann entfallen damit wichtige Voraussetzungen,
 aus denen wir die neuere wirtschaftliche Entwicklung
zu erklären und die gegenwärtige Wirtschaftsordnung zu rechtfertigen
haben. Eine der allerstärksten Kräfte, die seit Beginn der Neuzeit
umwälzend und vorwärtstreibend auf den Gang und die Organisation
der europäischen Wirtschaft eingewirkt haben, wird damit in Fortfall
 kommen und dann können vielleicht auch Änderungen der
gesellschaftlichen Ordnung wirtschaftlich erträglich werden. Es ist
vielleicht auch einmal mit der Möglichkeit zu rechnen, daß dann jener
oben dargelegte Austausch zwischen Boden und Arbeit im internationalen
 Handel für die Lebensmöglichkeiten der europäischen
Bevölkerung an Bedeutung verliert, daß damit dann jene oben beschriebenen
 Gefahren, die für die europäischen Industriestaaten damit
verbunden sind, geringer werden und daß dann auch der scharfe
Stachel der internationalen Konkurrenz für unser Leben an Bedeutung
 abnimmt. Dann kann vielleicht das eintreffen, was Sombart
in den schon einmal zitierten Worten über die Wandlungen im
Kapitalismus gemeint hat: „Es wird eine Rückbildung der europäischen
 Länder in den Strukturverhältnissen ihrer Volkswirtschaft
stattfinden, die das Verhältnis der landwirtschaftlich und nichtlandwirtschaftlichen
 Bevölkernng zum Ziele hat, wie es etwa in Deutschland
 1882 bestand: 40%, landwirtschaftliche Bevölkerung. Die weltwirtschaftlichen
 Beziehungen zwischen den Völkern werden dadurch
noch weiter einschrumpfen“ *).
Wenn das Volkswachstum relativ zurückgeht, dann werden wir
nicht mehr die gleichen Ansprüche an die Leistungsfähigkeit der
Wirtschaft und die wirtschaftliche Tatkraft des einzelnen stellen
müssen, wie in der Zeit des starken Volkswachstums, wie es die
letzten Menschenalter erlebt haben. Es mag sein, daß dann wenigstens
von diesem Standpunkt aus eine gesellschaftliche Ordnung unbedenklich
 erscheint, bei der das Schwergewicht mehr auf der kulturellen
als auf der rein ökonomischen Seite liegt.

1) a. a. OO, S. 247.
        <pb n="471" />
        4“
4

Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Fünftes Kapitel

Die Maximalbevölkerung der Erde.
Wir haben oben gesehen, daß die Gefahren für die heutigen
Industriestaaten, d. h. im wesentlichen für Europa, in erster Linie
aus der Verknappung der Vorräte an Nahrungs- und Rohstoffen in
den bisherigen Lieferungsländern ihren Ausgang nehmen können.
Der Gang ist, wie die geschichtliche Erfahrung zeigt, der, daß einzelne
Länder als Folge zunehmender Volkszahl immer mehr den Charakter
als Nahrungs- und Rohstofflieferanten verlieren und daß dann andere,
neuerschlossene Gebiete an ihre Stelle treten. Diese Entwicklung
hat Deutschland in dem letzten Jahrhundert durchgemacht und die
gleiche Entwicklung wird sich in den nächsten Jahrzehnten in den
Vereinigten Staaten anbahnen, wenn hier die Bevölkerung — was
aber keineswegs feststeht — in dem bisherigen Ausmaß zunehmen wird.
Mit fortschreitender Volkszahl beginnen die Völker überall den
innenbedingten Teil des Nahrungsspielraumes ihrer Wohngebiete auszufüllen
 und die hier vorhandenen Naturgaben selbst unmittelbar
auszunutzen. Andere bis dahin unerschlossene und ungenutzte Gebiete
 treten dann an ihre Stelle. Solange solche Gebiete noch vorhanden
 sind, die für die Ernährung der Menschen nutzbar gemacht
werden können, tritt dadurch, wie die Erfahrung zeigt, nur eine Verschiebung
 in den Herkunftsgebieten von Roh- und Nahrungsstoffen
ein, ohne daß damit ungünstige Einwirkungen auf den Nahrungsspielraum
 für die Industriestaaten sich ergeben müssen. Nur wenn
die Möglichkeit zur Gewinnung solch neuer Versorgungsgebiete fehlt,
dann werden für diese Länder die oben dargelegten Schwierigkeiten
in der Ausweitung des außenbedingten Teiles des Nahrungsspielraumes
 auftreten,
Während man, wie wir oben sahen, bei dem Problem der
Übervölkerung an die ganze Erde oder auch an die Verhältnisse
eines einzelnen Landes denken kann, kommt man auf diese Weise
zu einer gewissen Synthese dieser beiden zunächst ganz verschiedenartigen
 Ausgangspunkte. Solange es nämlich auf der Erde Gebiete
gibt, die entweder besiedelungsfähig oder imstande sind, im Austausch
 gegen Fertigwaren Roh- und Nahrungsstoffe an Länder zu
liefern, die daran Mangel haben, wird man wenigstens grundsätzlich
 sagen dürfen, daß auch bei diesen Ländern der Nahrungsspielraum
 als Ganzes gesehen, selbst bei weiterer Volkszunahme noch
erweiterungsfähig ist. So mündet unter diesem Gesichtspunkt das
        <pb n="472" />
        465
quantitative Bevölkerungsproblem auch für einzelne, für sich selbständige
 Länder, wenn man von politischen Störungen absieht, in
die neuerdings vielfach eröterte Frage nach der Maximalbevölkerung
 der Erde aus.
Als erster hat wohl E. G. Ravenstein‘) im Jahre 1890 eine
Schätzung der Maximalbevölkerung der Erde versucht. Nach ihm
hat dann v. Fircks?) eine neue Berechnung vorgenommen und
eine Reihe von Jahren später hat, von anderen Methoden ausgehend,
Ballod®) sich die gleiche Aufgabe gestellt. Den Genannten sind
neuerdings drei weitere, z, T. sehr gründliche, deutsche Untersuchungen
gefolgt: von H. Losch*), von A. Penck®) und von A. Fischer®).
Die Ergebnisse der verschiedenen Berechnungen, auf deren methodische
 Einzelheiten an dieser Stelle natürlich nicht eingegangen
werden soll, sind im folgenden zusammengestellt. Es wird eine
Maximalbevölkerung der Erde in Millionen für möglich gehalten von

5. Kap. Die Maximalbevölkerung der Erde

Ravenstein
Fircks
Ballod
Losch
Penck
Fischer

5994
7800
5600
7000
7689
6200

Die Ergebnisse liegen also zwischen etwa 6—8 Milliarden
Menschen. An sich kann derartigen Berechnungen zunächst nur ein
ziemlich geringer Wert zukommen, so dankenswert sie auch als
Anhaltspunkte für die in Zukunft mögliche Entwicklung sein mögen.
Losch hat mit Recht bemerkt, „wieviel von der festen Erdoberfläche
heute anbaufähig ist, weiß kein Mensch; man weiß nicht einmal
zuverlässig, wieviel davon tatsächlich angebaut ist“. Auch die Ansichten
 über die Bevölkerungskapazität einzelner Gebiete können sehr
weit auseinander gehen ”). Man wird jedoch trotz dieser Bedenken

1) Ravenstein, Land of the globe still available for European Settlement
Proceedings of the Royal Geogr. Society, Bd. ı2, 1891.
2) Fircks, Bevölkerungslehre, 1898, S. 295 ff.
3 Ballod, Wieviel Menschen kann die Erde ernähren? Schmollers Jahrb.,
Jahrg. 36, 1912.
%) Die Grenzen d. Erdbevölkerung, Württemb, Jahrb,, a. a. O,, 1021/22.
5) Das Hauptproblem d. physischen Anthropogeographie, Sitz.-Ber, d. preuß. Ak.
d. Wissensch., Phil. hist. Klasse, 1924.
8) Zur Frage d. Tragfähigkeit, a. a. O. — East, a. a. O., rechnet mit einer
Maximalbevölkerung der Erde von 5200 Millionen.
7) Vgl. die Bedenken, die Skalweit (Die europäische Einwanderung nach Südamerika,
 1928, S. ı2) gegen die Annahme von Penck geäußert hat.
Diehl-Mombert, Grundrisse, Bd. 15.

20
        <pb n="473" />
        466 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Ballod darin Recht geben dürfen, daß dieser Art von Konjekturalstatistik
 schon deshalb ein beträchtlicher Wert zuzubilligen ist, weil
uns solche Berechnungen doch vor einem übertriebenen Optimismus
in bezug auf die Ausdehnungsfähigkeit der wirtschaftlichen Kultur
bewahren werden. Denn — wie oben bereits dargelegt wurde —
begegnen wir einem übertriebenen Optimismus heute in weiten
Kreisen. Hat doch Aereboe z. B. neuerdings gemeint: „Das Ernährungsproblem
 der Völker und der Menschheit ist also für absehbare
 Zeit überhaupt kein Problem des Bodenmangels, steigender
Schwierigkeiten und steigender Kosten des Pflanzenbaues infolge der
Wirkungen des Bodengesetzes“ !). Bei diesem letzteren, dessen Wirksamkeit
 er nicht in Abrede stellt, soll es sich nach seiner Meinung
jedoch nur um ein betriebswirtschaftliches Problem, was natürlich
eine starke Verkennung der Zusammenhänge ist, handeln. Aereboe
meint, diese Dinge lägen volkswirtschaftlich ganz andersartig. „Da
gibt es ein unendliches Neuland im engeren und weiteren Sinn des
Wortes. Seine Urbarmachung ist eine reine Frage der Kapitalbildung
zur Aufbringung der Urbarmachungskosten und eine Frage des
Bedarfs, der sich in den Preisen der Erzeugnisse und Erzeugungsmittel
 äußert.“ Ohne hier auf die Verwechslung von Technik und
Wirtschaft, wie sie sich in diesen Worten darstellt, oder darauf einzugehen,
 daß die Beschaffung des erforderlichen Kapitals ein besonders
schwieriges Problem für sich ist und daß der Umfang der Kapitalbildung
 in hohem Maße auch von den Kosten der Urbarmachung
und Produktion abhängt, seien diese Worte Aereboes nur angeführt,
 um die Nützlichkeit solcher Berechnungen, wie wir sie eben
kennen gelernt haben, darzutun. Demgegenüber hat Sering mit
Recht gemeint: „Der Getreidebau wird sich nach dem Urteil aller
Sachkenner über das heutige Produktionsgebiet hinaus nur mit Hilfe
künstlicher Bewässerung d. h. bei höheren Preisen ausdehnen lassen“ ?).
Solche Berechnungen haben also, auch wenn sie einen noch so
approximativen Charakter tragen, demnach ihre Bedeutung. Dabei
ist natürlich stets zu berücksichtigen, daß diese Berechnungen nur
auf Grund der heutigen Verhältnisse, also auf Grund der heutigen
Produktions- und Verkehrstechnik, vorgenommen werden können.
Es kann sich heute niemand davon ein Bild machen, welch umwälzende
 Fortschritte sich nicht vielleicht in dieser Hinsicht in den
nächsten Jahrzehnten vollziehen können. Schon A. Fischer hat

!) Das Ernährungsproblem der Völker u. d. Produktionssteigerung d. Landwirtschaft,
 Weltwirtschaftl. Archiv, Bd. 21, S. 174.
% Sering, Internationale Preisbewegung, a. a. O., S. 86,
        <pb n="474" />
        5, Kap. Die'Maximalbevölkerung der Erde 467

in seiner genannten Untersuchung darauf hingewiesen, daß die Ergebnisse
 der Ballodschen Berechnungen nach den glänzend
gelungenen Meliorationsexperimenten von Los Angeles und Mendoza,
die sogar klimatische Veränderungen im Gefolge hatten, korrekturbedürftig
 seien. Aereboe meinte sogar, es sei gar nicht die
Bodenfrage, die in erster Linie den Nahrungsspielraum der Menschen
bestimmte, sondern die Bodenausnutzungsmittel und die Kenntnisse
der Menschen *).
Wir finden auch in diesem Zusammenhang immer wieder betont,
 daß die Hauptunbekannte für die zukünftige Entwicklung des
Nahrungsspielraumes auf der Erde der Umfang sei, in dem das Meer
als Nahrungsquelle ausgenutzt werden könne. So meinte Losch,
daß es sich darum handle, „den sehr erheblichen Anteil festzustellen,
welchen nicht nur etwa der feste Landboden, sondern auch der
fAüssige Meeresboden zu der Ernährung der Menschheit tatsächlich
schon beisteuert, bzw. beisteuern kann. Dieser flüssige Boden ist,
wie bekannt, doppelt so groß als der Landboden und die Summe
von Lebewesen, welche die Wassermasse der Meere enthält, ist überhaupt
 noch nicht erforscht“. Hier liegen natürlich Möglichkeiten
vor, von denen wir uns heute kein genaueres Bild. machen können.
Nimmt man jedoch einmal die auf diese Weise errechnete
Maximalbevölkerung der Erde bei dem heutigen Stande der Produktions-
 und Verkehrstechnik als zutreffend an, so erhebt sich die
Frage, in welcher Zeit etwa diese Höchstzahl erreicht werden kann.
A. Fischer ging dabei von der Bevölkerungsvermehrung auf der
Erde im Verlaufe des 19. Jahrhunderts aus und kam zu dem Ergebnis
 — das natürlich auch nur approximativen Wert beanspruchen
kann — daß sich die Erdbevölkerung von 1800—1900 von 775 auf
1564 und von da ab bis zur Mitte des Jahres 1925 auf 1862 Millionen
Köpfe vermehrt habe. Auch für diesen Zusammenhang gilt das
ben Dargelegte, daß es hierbei nur auf das absolute, nicht auf das
"elative Wachstum der Bevölkerung ankommt und daß das Erstere
progressiv vor sich gehen muß, wenn das Letztere sich gleichbleibt.
Fischer kam zu dem Ergebnis, daß in dem betrachteten Zeitraum
das Volkswachstum der Erde in progressiver Weise erfolgt ist. Für
die letzten Vorkriegsjahre hat er das jährliche Wachstum der Erdbevölkerung
 mit 9 pro mille berechnet. Man kann sich daraus schon
»in ungefähres Bild von den Tendenzen des Volkswachstums auf der
Erde machen, wenn man annimmt, was allerdings keineswegs fest.

1) Das Ernährungsproblem, a. a. O., S. 166 ff.
        <pb n="475" />
        4168 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

steht und sogar mit sehr guten Gründen bezweifelt werden muß,
daß diese Zuwachsrate anhalten wird. Nach den Angaben von
Bortkiewicz!) würde sich bei einer solchen Zuwachsrate die Bevölkerung
 der Erde alle 77 Jahre verdoppeln. Geht man von einer
Zahl der Menschen von 1862 Millionen im Jahre 1925 aus, so würde
diese Zahl betragen in den Jahren

2002
2079
2156
2233
2310

3724 Millionen
7 448 »
14 896 »
29 792
59 594

Ein australischer Statistiker ist zu dem Ergebnis gekommen,
daß bei der Zuwachsrate der Erdbevölkerung in der neueren Zeit
die Volkszahl der Erde nach 100 Jahren 5,38, nach 200 Jahren
17,04, nach 300 Jahren 57,93 und nach 400 Jahren 170,71 Milliarden
betragen würde ”).
Solche Berechnungen haben natürlich keine andere Bedeutung,
als zu zeigen, daß es unstreitig eine Maximalbevölkerung der Erde
gibt und daß sie bei der Wachstumsrate der letzten Dezennien in
absehbarer Zeit erreicht werden kann. Freilich bleiben hier immer
noch als die große Unbekannte die noch möglichen und sicher
kommenden Fortschritte der Produktions- und Verkehrstechnik. Mag
man sie aber für die Zukunft noch so hoch einschätzen, so wird
man sich aus den oben dargelegten Gründen der ökonomischen
Grenzen solcher Fortschritte auch bewußt bleiben müssen. Auf die
5konomischen Wirkungen einer solchen Entwicklung, die den
Nahrungsspielraum vorübergehend oder dauernd hinter dem Volkswachstum
 zurückbleiben ließe, kommt es in allererster Linie an.
Eine derartige Entwicklung würde letzten Endes nichts anderes
bedeuten, als daß der Ertrag an Aufwendungen für Kapital und
Arbeit relativ abnähme, daß also — gleiche Aufwendungen vorausgesetzt
 — die Lebenshaltung einen Rückgang erfahren müsse. Wenn
wir schon in den letzten Jahrzehnten die Beobachtung machen
konnten, daß die Menschen bei steigendem Nahrungsspielraum im
objektiven Sinne auf eine Kleinhaltung der Familie bedacht waren,
um zu günstigeren Lebensverhältnissen zu gelangen, so würden bei
der geistigen und psychologischen Einstellung, mit der man dann
rechnen muß, solche Tendenzen zu einer Verlangsamung des Volkswachstums
 mit um so stärkerer Kraft einsetzen. wenn einmal in der

') Bevölkerungswesen, a, a. O., S. 8/9.
2) Czuber, Mathematische Bevölkerungslehre, a. a. O., S. 353-
        <pb n="476" />
        5. Kap. Die Maximalbevölkerung der Erde 469

Zukunft wirklich die Ausweitungsmöglichkeit des Nahrungsspielraumes
 hinter dem Volkswachstum zurückzubleiben drohte. Jede
Entwicklung dieser Art würde mit einer Steigerung der Preise und
einer Minderung des Realeinkommens beginnen, ganz gleichviel, ob
wir dabei von einem einzelnen Land oder von der ganzen bewohnbaren
 Erde ausgehen. Wir müssen bei einem solchen Problem
stets im Auge haben, daß jede relative Verengerung des Nahrungsspielraumes
 dem Volkswachstum gegenüber, ökonomisch gesehen,
damit beginnen würde, daß die Menschen Versorgungsgebiete und
Versorgungsmöglichkeiten bei der Erzeugung und Herbeischaffung
von Nahrungs- und Rohstoffen in Angriff nehmen müssen, die zu
einer Teuerung der Lebenshaltung führen werden. Schon lange,
zhe, rein technisch gesehen, der Nahrungsspielraum der Erde erschöpft
 und an seinen. äußersten Grenzen angelangt ist — wenn wir
uns dies überhaupt vorzustellen vermögen — werden also Kräfte
am Werke sein, die Lebenshaltung immer schwieriger und ungünstiger
zu gestalten, Kräfte, die dann zweifellos so stark sein werden, daß
sie durch eine Beeinflussung des menschlichen Willens einem weiteren
Volkswachstum Einhalt tun, wenn es überhaupt in der Zukunft
so fortschreitet, daß die Menschen einmal mit solch ungünstigen
Möglichkeiten zn rechnen haben.
        <pb n="477" />
        Dritter Teil.

Ergebnisse.

Jede zusammenfassende Betrachtung der Beziehungen von Wirtschaft
 und Bevölkerung knüpft immer noch am zweckmäßigsten an
die Lehre von Robert Malthus an. Dieser hat nämlich nach
wichtigen Seiten hin eine so scharfe Formulierung der hier in
Frage kommenden Zusammenhänge versucht, daß die Stellungnahme
 zu seiner Lehre die Gesichtspunkte besonders klar und eindeutig
 hervortreten läßt, auf die es bei diesem Problem in erster
Linie ankommt.
Was hier zunächst ganz allgemein hervorzuheben ist, betrifft
die Tatsache, daß Malthus sein Bevölkerungsgesetz als ein für
allemal gültig mit naturgesetzlichem Charakter aufgestellt hat. Der
Kern seiner Lehre bestand bekanntlich darin, daß die Bevölkerung
die Tendenz habe, schneller zu wachsen als die Subsistenzmittel,
daß sie dabei immer gegen den vorhandenen Nahrungsspielraum
anpresse und bei dem Streben, darüber hinauszuwachsen, immer
wieder durch die repressiven Hemmnisse auf das Niveau des Nahtungsspielraumes
 zurückgeworfen werde. Jedenfalls hat nach ihm
die Bevölkerung die Tendenz, den vorhandenen Nahrungsspielraum
auszufüllen. Wenn auch diese Vermehrungstendenz für Malthus
einen naturgesetzlichen Charakter trug, so hat er doch demgegenüber
 bei der Erörterung der Hemmnisse, die sich der Volksvermehrung
 entgegenstellen und bei den Wandlungen in der Größe
des Nahrungsspielraumes stark die gesellschaftliche und historische
Seite dieser Erscheinungen betont. Es finden sich also bei seinem
Bevölkerungsgesetz naturalistische und gesellschaftlich - historische
Elemente miteinander verknüpft. Man muß jedoch im ganzen sagen,
daß die ersteren Faktoren bei ihm das Übergewicht haben und daß
seine Bevölkerungslehre als ganze doch einen überwiegend natura-'istischen
 Einschlag hat.
        <pb n="478" />
        Ergebnisse

471

Dieser Tatsache gegenüber muß man grundsätzlich der Kritik
beistimmen, die namentlich Marx geübt hat, als er gegenüber
Malthus hervorhob, daß jedes Bevölkerungsgesetz nur eine historische
 Gültigkeit haben könne. Weniger schwer wiegen die
Einwände, die von List und Dühring ausgingen, da ihre Auffassung
von der verschiedenen Bevölkerungskapazität der einzelnen Produktionsstufen
 Malthus durchaus bekannt war, wenn er auch nicht
die scharfen Folgerungen daraus zog, wie dies die Genannten getan
haben. Vor allem hat Malthus in unzureichender Weise die stark
wirtschaftsfördernde Tendenz der Volksvermehrung selbst berücksichtigt.
 Diesen Zusammenhang hat er jedenfalls in seiner Bedeutung
unterschätzt.
Betrachtet man demgegenüber die tatsächliche Entwicklung,
 so hat Malthus sicherlich darin Unrecht, daß er meinte,
ain jedes. Mehr an Nahrungsmitteln setze sich sogleich in einen Zuwachs
 an Menschen um und jede Verbesserung in der materiellen
Lage der Menschen habe eine Verdrängung der repressiven durch
die präventiven Hemmnisse zur Voraussetzung *). Sowohl ältere
Zeiten, wie besonders auch die Entwicklung im 19. Jahrhundert,
zeigen, daß der Nahrungsspielraum auch für längere Zeiträume mehr
zunehmen kann, als es der Volksvermehrung entspricht, ohne daß
dabei bei der letzteren präventive Hemmnisse eine Rolle gespielt
haben. Der Satz, daß die Volkszahl immer dahin drängt, den vorhandenen
 Nahrungsspielraum durch ihr Wachstum auszufüllen, läßt
sich angesichts der Tatsachen nicht aufrecht erhalten. Daß wir
diese Ansicht von Malthus vor allem aus den besonderen Verhältnissen
 seiner Zeit heraus zu verstehen haben, ist oben dargelegt
worden. Dieser Satz und diese Auffassung von Malthus haben
also nur’ historische Geltung und für die Vergangenheit im allgemeinen
 nur für jene Zeiten, in denen die Ausweitung des Nahrungsspielraumes
 recht geringe Fortschritte gemacht hat. So sind
von Malthus historische Erscheinungen zu sehr verallgemeinert
worden.
Das gleiche gilt jedoch auch für die entgegengesetzte Auffassung.
 Die geschichtliche Erfahrung zeigt, daß die Entwicklung
und Ausweitung des Nahrungsspielraumes, d. h. die Produktivität
der menschlichen Arbeit, aus den verschiedensten Gründen großen
Schwankungen unterworfen war. Es gab Zeiten, in denen diese

1) Diese beiden Momente werden von Bortkiewicz mit Recht als wesentliche
Bestandteile der Malthus’schen Lehre hervorgehoben (Bevölkerungstheorie, a. a. O.,
3. 24 u. 38).
        <pb n="479" />
        2

Dritter Teil

Ausweitung große Fortschritte machte und es gab Zeiten, in denen
diese Fortschritte sehr gering waren, oder zu stagnieren schienen.
Auch in Zukunft werden wir immer mit solchen Schwankungen zu
rechnen haben. Das 19. Jahrhundert hat uns, namentlich in seiner
zweiten Hälfte gezeigt, daß es wirtschaftliche und technische Voraussetzungen
 geben kann, unter denen jeder Volkszuwachs eine
relativ stärkere Steigerung der Produktionsleistungen bewirkt, so daß
damit der Nahrungsspielraum schneller zunimmt, als die Volkszahl.
Das zeigt sich vornehmlich in neu und dünn besiedelten Ländern,
das kann aber auch — wie die Erfahrung zeigt — immer wieder
in mehr oder weniger voll besetzten Gebieten eintreten. Dies war
vor allem dann der Fall, und wird dann in Zukunft immer wieder
der Fall sein, wenn es durch besondere Fortschritte in Technik und
Wirtschaft gelingt, die Produktivität der menschlichen Arbeit in
erheblichem Maße zu steigern. In diesem Zusammenhang dürfen
wir jedoch keinen Augenblick vergessen, daß die Produktivität der
menschlichen Arbeit an bestimmte Naturbedingungen geknüpft ist
und daß, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, das Wesen des
technischen und wirtschaftlichen Fortschrittes darin liegt, die Gaben
der Natur in wirtschaftlich immer vollkommenerer Weise auszunutzen,
Perioden, in denen in dieser Weise die Ergiebigkeit der menschlichen
 Arbeit stärker zunimmt als die Volkszahl, sind ebenso sehr
historisch bedingte Erscheinungen, wie die Perioden, in
denen das Umgekehrte stattfindet, oder wo der Nahrungsspielraum
nur in so geringem Maße ausgeweitet werden kann, daß tatsächlich
die wachsende Volkszahl gegen ihn andrängt und ihn auszufüllen
bestrebt ist. Weder aus der einen noch aus der anderen Art, in
der sich das Größenverhältnis zwischen Volkswachstum und Entwicklung
 des Nahrungsspielraumes gestalten kann, darf man dauernde
Gesetzmäßigkeiten ableiten, wie es auf der einen Seite Malthus,
dann aber auf der anderen Seite auch seine optimistischen
Gegner getan haben. Das Größenverhältnis zwischen
Volkszahl und Nahrungsspielraum ist keine ewige
Kategorie, sondern ist von bestimmten historisch
wandelbaren Voraussetzungen abhängig.
Aus diesen Erwägungen heraus kann man nur von einem
historischen Bevölkerungsgesetz sprechen, wenn man überhaupt für
Solche Zusammenhänge, die in sich so wenig bestimmt sind, den
Ausdruck „Gesetz“ gebrauchen will.
Daß auf diese Wandlungen in den Größenverhältnissen von
Volkszahl und Nahrungsspielraum auch gesellschaftliche Faktoren
        <pb n="480" />
        Ergebnisse

473

von wesentlichem Einfluß sein können, haben wir an zahlreichen
Fällen gesehen. Es liegt jedoch kein Grund vor, im Sinne von
K. Marx von einem der kapitalistischen Produktionsweise eigentümlichen
 Bevölkerungsgesetz zu sprechen. Jedenfalls nicht in dem
Sinne, daß „eine Übervölkerung von Arbeitern ein notwendiges
Produkt der Akkumulation oder der Entwicklung des Reichtums auf
kapitalistischer Grundlage ist“. Mit mehr Recht wird man sagen
können, daß die kapitalistische Produktionsweise mit Hilfe der starken
Triebkräfte, die sie durch die Kapitalakkumulation und durch die
Entfaltung bis dahin nicht gekannter Wirtschaftsenergien in den
Dienst des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts stellen
konnte, das Volkswachstum und die Besserung der Lebenshaltung
der Arbeiter erst in dem Maße ermöglicht hat, in dem es die letzten
Menschenalter erlebt haben. In diesem Sinne wird man, wenn man
so will, von einem der kapitalistischen Produktionsweise eigentümlichen
 Bevölkerungsgesetz sprechen können, ein Bevölkerungsgesetz,
dessen Wesen dann darin liegt, daß hierdurch die Voraussetzungen
geschaffen worden sind, den Nahrungsspielraum so viel stärker auszuweiten,
 als es dem Wachstum der Bevölkerung in dieser Zeit
entsprach. Daß es sich dabei auch um die ‚engsten Wechselwirkungen
 gehandelt hat, ist bereits dargelegt worden, Wenn auch
von der gesellschaftlichen Seite her starke Einwirkungen, sowohl auf
die Entwicklung des Nahrungsspielraumes als auch auf die Stärke
des Volkswachstums ausgehen können, so handelt es sich doch bei
den Zusammenhängen zwischen Bevölkerung und Wirtschaft letzten
Endes um ein ökonomisches, nicht um ein gesellschaftliches Problem.
Die Hemmnisse, welche die Natur, vor allem in dem Gesetz
vom sinkenden Bodenertrag — aber auch ganz allgemein bei der
Ausnutzung ihrer Gaben — der Arbeit des Menschen entgegenstellen,
 sind ganz unabhängig von jeder, gleichviel wie gearteten
gesellschaftlichen Ordnung. Das Problem besteht nur darin, ob die
oder jene gesellschaftliche Verfassung der Wirtschaft die Voraussetzungen
 und Kräfte erfolgreicher entwickeln kann, um diese Widerstände
 der Natur immer wieder zurückzudrängen. In dieser Tatsache,
 daß der Mensch für seinen Unterhalt auf die Gaben der
Natur angewiesen ist, daß alle Produktion letzten Endes nichts
anderes ist, als ein Kampf mit der Natur, um ihr mehr abzunehmen
als sie freiwillig an Gaben bietet, liegt das Wesen der Produktion
selbst begündet, die ja auch zunächst nur einen rein technischen
Vorgang darstellt. In dieser Tatsache liegt der durchaus berechtigte
aaturalistische Kern des Bevölkerungsproblems; nur daß es
        <pb n="481" />
        474

Dritter Teil

eben dann immer wieder gesellschaftliche Kräfte sind, die imstande
sind, die Wirksamkeit dieser naturalistischen Faktoren zurückzudrängen.
 So hat das Bevölkerungsproblem zwei Seiten: eine naturalistische
 und eine gesellschaftliche. Die Prognose für die weitere
Entwicklung hängt, vom Standpunkt der Wirtschaft aus gesehen,
davon ab, welche Kräfte in Zukunft die stärkeren sein werden.
Es ist eben ausdrücklich ausgesprochen worden: vom Standpunkt
 der Wirtschaft aus. Denn wir dürfen bei diesen Fragen auch
die Änderungen nicht vergessen, die sich im Volkswachstum selbst
vollziehen. Hier können wir ja in allerneuester Zeit die stärksten
Wandlungen beobachten, mit denen Malthus weder gerechnet hat,
noch rechnen konnte. Denn soweit Malthus an eine Einschränkung
der Volksvermehrung dachte, hatte er nur die Enthaltung von der
Ehe, bzw. ihre Eingehung in einem späteren Alter, keineswegs eine
künstliche Verminderung der Geburten und bewußte Kleinhaltung der
Familie vor Augen. Die letzteren Mittel verwarf er durchaus. „In
der Tat“, so sagte er einmal, „werde ich stets alle künstlichen Mittel,
die Bevölkerung zu hemmen, verwerfen, sowohl wegen ihrer Unsittlichkeit,
 als auch wegen ihrer Tendenz, dem Fleiß den notwendigen
Sporn zu entziehen. Wenn jedes Ehepaar die Zahl seiner Kinder
nach Wunsch beschränken könnte, so wäre sicherlich zu befürchten,
daß die Indolenz des Menschengeschlechts sehr stark zunehmen und
weder die Bevölkerung einzelner Länder, noch die der ganzen Erde,
jemals ihren natürlichen und richtigen Umfang erreichen würde.
Allein die Einschränkungen, die ich empfohlen habe, sind ganz
anderer Art“).
Demgegenüber zeigt nun freilich die neueste Entwicklung der
Bevölkerung eine grundlegende Wandlung. Der Rückgang der
Fruchtbarkeit im letzten Menschenalter und ihr besonders starker
Absturz in den letzten Jahren stellen einen Faktor dar, der von
großer Bedeutung für die weitere Gestaltung der Zusammenhänge
7on Bevölkerung und Wirtschaft sein kann.
In manchen ihrer Vertreter hatten auch schon ältere Schriftsteller
 mit einem solchen Rückgang der Geburten gerechnet, z. T.
schon als Ergebnis des menschlichen Willens, z. T. als Folge eines
Rückgangs der Fortpflanzungsfähigkeit. Wo das erstere der Fall
war, hatte man in einem Rückgang der Fruchtbarkeit die Folge
einer objektiven Verengerung des Nahrungsspielraumes, also
eine Reaktion der Menschen auf eine Verschlechterung der Lebens-!)

 Naeh d. Übers, von Stöpel, S. 816.
        <pb n="482" />
        Ergebnisse

475

verhältnisse erblickt — präventive Hemmnisse — wenn auch in
anderem Sinne als in dem von Malthus angenommenen. Einen
kommenden Rückgang der Fortpflanzungsfähigkeit und damit
 ein Aufhören des Volkswachstums als Ergebnis der immer
stärkeren Anstrengungen der Menschen, der Natur mehr Nahrungsmittel
 abzunehmen, hatte Spencer prophezeiht, eine Entwicklung,
die zu einem Gleichgewicht zwischen Naturgaben und Volkszahl,
also zu einem durchaus harmonischen Zustand hinüberführen müsse.
Es würde sich also hier um einen rein biologischen Anpassungsprozeß
 handeln.
Es besteht wohl kein Zweifel darüber, daß die beiden eben dargelegten
 Voraussagen wenigstens innerhalb gewisser‘ Grenzen eingetroffen
 sind. Der Rückgang der ehelichen Fruchtbarkeit hängt
sicherlich auch z. T. mit einer Erschwerung der Lebensverhältnisse
und mit einem gewissen Rückgang in der Fortpflanzungsfähigkeit
zusammen. Aber mit beiden Erscheinungen doch nur z. T.
und jedenfalls nur zum geringeren Teil. Die Entwicklung in den
Kulturstaaten ist dahin gegangen, die rein biologischen Triebkräfte
bei der Vermehrung der Menschen immer mehr durch solche gesellschaftlicher
 Natur zu ersetzen und damit im Gegensatz zu älteren
Zeiten den Vermehrungsprozeß der Bevölkerung immer stärker von
den Wandlungen in der Größe des Nahrungsspielraumes loszulösen.
Dabei ist es an dieser Stelle gleichgültig, wie diese neuesten Wandlungen
 von den verschiedensten Gesichtspunkten aus zu beurteilen
sind; in diesem Zusammenhang kommt es nur auf die Tatsachen
an. Wenn auch an dem Geburtenrückgang, wie wir gesehen haben,
die Gestaltung des Nahrungsspielraumes mitbeteiligt ist, so spielt
sie doch keineswegs die entscheidende Rolle dabei. Der Wille des
Menschen in den Kulturstaaten geht dahin, durch Kleinhaltung der
Familie und damit durch eine Verlangsamung des Volkswachstums
den Teil des Nahrungsspielraumes zu vergrößern, der auf den einzelnen
 entfällt.
Im Grundgedanken widerspricht diese Entwicklung keineswegs
 der Auffassung von Malthus. Denn auch Malthus war
der Auffassung, daß die Lebenshaltung der Arbeiter sich bessern
könne, wenn die präventiven Hemmnisse an Bedeutung zunähmen *).
Auch heute handelt es sich bei dem Rückgang der Fruchtbarkeit
um präventive Maßnahmen, wenn auch um solche, die ausdrücklich
von Malthus verworfen wurden.

1) Ebenda, S. 503 u. 598/99.
        <pb n="483" />
        „IC

Dritter Teil

Diese Maßnahmen zur Einschränkung des Volkswachstums
werden heute von vielen zum System erhoben. So hat neuerdings
ein amerikanischer Gelehrter ausgeführt: „Eine vernunftgemäße Geburtenkontrolle
 ist ein ebenso fundamentales Bedürfnis der Nation,
wie die Erhaltung der Hilfsquellen, gerechte Gesetze und gesunde
soziale Sitten. Sie ist sogar mehr; sie ist der Eckstein, der die
anderen zusammenhalten muß . .. Es ist keine Lösung der Schwierigkeit,
 wenn man sich bemüht, die Nahrungsmenge zu heben und daneben
 die Individuen, die die Erde ernähren soll, vermehrt. Das
Gefäß ist wohl elastisch, aber es ist doch ein geschlossenes Gefäß.
Eine gesteigerte Leistungsfähigkeit und kluge Erhaltung der Quellen
sind nur dann ein Mittel zur Hervorbringung größerer Glückseligkeit’
wenn die Volkszahl konstant bleibt“ ).
Das Ziel dieser Bestrebungen geht dahin, daß die Zunahme der
Volkszahl hinter der Ausweitung des Nahrungsspielraumes zurückbleibt,
 daß also die Einschränkung des Volkswachstums vor sich
geht, ohne daß dabei eine objektive Knappheit der Unterhaltsmittel
als Ursache in Frage kommt. Wir haben gesehen, daß einer der
entscheidenden Faktoren bei dem neuzeitlichen Geburtenrückgang
das Streben nach einem besseren „sozialen“ Nahrungsöpielraum
 ist, weil man den vorhandenen als zu gering empfindet. Daß
eine Verlangsamung des Volkswachstums oder gar eine Stagnation
desselben, die auf solche Weise vor sich geht, die Wirkung haben
kann, daß das Volkswachstum hinter dem Wachstum des Nahrungsspielraumes
 zurückbleibt, kann in der Tendenz keinem Zweifel unterliegen.
 Soweit dies dann der Fall ist, ist dadurch bei den Zusammenhängen
 zwischen Wirtschaft und Bevölkerung der ursprünglich ganz
überwiegend naturalistische Charakter zurückgedrängt worden und
hat in entscheidendem Maße gesellschaftlichen Faktoren Platz gemacht.
 Damit wäre dann die Formulierung des Bevölkerungsgesetzes,
 wie es von Malthus aufgestellt wurde, endgültig erledigt.
Sein Grundgedanke war ja immer der, daß die Menschen bestrebt
sind, den vorhandenen Nahrungsspielraum auszufüllen.
Damit wäre auch das Bevölkerungsproblem in dem Sinne eines
„prophetischen“ Malthusianismus, der für die Zukunft mit der Gefahr
 einer Übervölkerung rechnet, aus der Welt geschafft. Denn
von einer derartigen Gefahr könnte man nicht mehr sprechen,
wenn das Wachstum der Bevölkerung dauernd hinter dem des
Nahrungsspielraumes zurückbleiben würde. Daß dabei die Verhält-‘)

 East, a. a. O., 5. 206 u. 355.
        <pb n="484" />
        Ergebnisse

477

nisse verschieden liegen, je nachdem man an diese Frage vom
Standpunkt eines einzelnen Landes oder von dem der gesamten
Erdbevölkerung herantritt, bedarf nach dem oben darüber Gesagten
keiner besonderen Hervorhebung.
Freilich sind mit dem bis jetzt darüber Gesagten die dann
möglichen Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Bevölkerung
noch keineswegs erschöpft. War doch die Voraussetzung der bisherigen
 Darlegungen immer die, daß bei einer Fortdauer der Geburtenregelung
 und bei langsam wachsender oder stagnierender
Volkszahl der Nahrungsspielraum rascher wächst als die Volkszahl
und weiter an Umfang zunimmt. Das kann so sein, muß aber
nicht so sein. Wenn man hierbei ganz von außenpolitischen Erwägungen
 absieht, die hierbei für jeden einzelnen Staat stets eine
wesentliche Rolle spielen können und wenn man nur die rein wirtschaftlichen
 Zusammenhänge betont, so muß man sich der Tatsache
 erinnern, daß in aller Geschichte das Volkswachstum wohl
die stärkste Triebkraft allen wirtschaftlichen und technischen Fortschrittes
 war. Wir müssen durchaus die Möglichkeit ins Auge
fassen, daß in den Kulturstaaten einmal ein Rückgang der Volkszahl
 stattfinden kann. Schon Bortkiewicz hat vor Jahren darauf
hingewiesen, „daß das neomalthusianische Mittel gegen Übervölkerung
 zu einer Überspannung führen kann, wodurch die entgegengesetzte
 Gefahr der Untervölkerung heraufbeschworen würde“ 9),
Meine „Studien zur Bevölkerungsbewegung in Deutschland“ habe
ich im Jahre 1907 mit dem Satze geschlossen: „Vielleicht wird man
in nicht allzu ferner Zeit den Kernpunkt der Bevölkerungsfrage
auch in anderen Ländern als in Frankreich weniger in einer zu
starken, als in einer zu schwachen Bevölkerungszunahme zu erblicken
haben“. Mit einer solchen Entwicklung könnten jedoch lähmende
Einwirkungen auf die Arbeitsenergie und den Fortschrittswillen der
Menschen selbst entstehen — Wandlungen, von denen, trotz der oben
gemachten Einschränkungen, Größe und Entwicklung des Nahzungsspielraumes
 nicht unbeeinflußt bleiben könnten, Auf solche
Gefahren hat Malthus in seinen eben zitierten Worten bereits
hingewiesen. Es ist demnach keineswegs So feststehend, daß die
Wünsche derer, die heute in einer weitgehenden Geburtenbeschränkung
 das Allheilmittel erblicken, so restlos in Erfüllung gehen
müssen, wie sie glauben. ;
Es frägt sich überhaupt, worin das IdealderEntwicklung,

1) Bevölkerungstheorie, a. a. O., S. 4 Anm 9.
        <pb n="485" />
        478

Dritter Teil

natürlich nur unter dem Gesichtspunkt der Zusammenhänge von
Bevölkerung und Wirtschaft betrachtet, liegt; namentlich dann, wenn
man, wie es die Anhänger der Geburtenregelung tun, eine möglichste
 Steigerung der Lebenshaltung erstrebt. Unter diesem Gesichtspunkt
 kann das Ideal weder darin liegen, daß die Volkszahl
dauernd gegen den Nahrungsspielraum andrängt, noch darin, daß
sie hinter dessen Wachstum zurückbleibt. Das Ideal kann vielmehr
aur in dem liegen, was wir oben als Optimum der Bevölkerung
 kennen gelernt haben: in einer Entwicklung von Bevölkerung
und Wirtschaft, bei der die Volkszahl genügend groß ist, alle Gaben
der Natur so vollkommen auszunutzen, daß damit der Ertrag der
Arbeit und somit auch die Lebenshaltung ihren unter den gegebenen
 wirtschaftlichen Voraussetzungen höchsten Stand erreichen.
Es kann durchaus der Fall eintreten, daß bei stagnierender oder
abnehmender Volkszahl — das gilt in gleicher Weise für ein
einzelnes Land wie für die ganze Erde — dieses Optimum der
Bevölkerung nicht erreicht werden kann, ja, daß sogar bei abnehmender
 Volkszahl unter Umständen ein Volk hinter diesen
optimalen Zustand, wenn er vielleicht einmal annähernd erreicht
war, wieder zurückgeworfen wird.
        <pb n="486" />
        Namenverzeichnis.

Aereboe, F. 380, 466—467,
Alison, A. 208, 224.
Ammann, H, 262,
Aristoteles 35—37, 133.
Arldt, Th. 30.
Arnold, C. Fr. 05, 143.
Arnold, W. 111.
Au, J. 41.
Aufmwasser 113.
Augustus. Kaiser 44, 45.

Baade, F. 397, 407; 419-——
420,
3allod, K. 2909, 455, 465—
467.
3Zanholzer, G. 143.
3aroka, E. 381,
Bastiat, F. 2009, 211—212,
430.
3Zaur, F. 177.
gebel, A. 230, 454:
Beccaria 147-Becher,
 J. J. 137—138.
Becker, C. H. 52.
Beer, M. 15.
Beheim-Schwarzbach 64, 05,
100.
Behre, O. 86, 80, 94, 96:
101, 119, 148.
3eloch, J. 28, 30—34, 37,
39, 41, 55 72-3elow,
 G. v. 13, 17, 72, 74,
75, 78, 86.
Berger, E. 343.
Berger, L. 187.
Berger, R. 116, 121, 130,
Bergius 140.

Bernhard, H. 248, 260.
Bernheim, E. 134.
Bernouilli 286—288.
Bernstein, E. 228, 447-Berta,
 L. 325.
Beyhoff, F. 86.
Bezold, F. v. 78.
Bickes 183.
Biedermann, K. 104, 106.
3isle, M. 82, 106.
Bitzer, F. 180.
Black, H. 160, 355.
Blum, H. 22.
Bodenstein, B. 255.
Bodinus 137.
Böhm-Bawerk, E. v. 400,
Böhmert, W. 314.
Bonar, .J. 159, 162.
Boose, B. 262.
Bortkiewicz, L. v. 36, 256,
266, 275—276, 288—2809-323,
 468, 471, 477.
Botero 146,
3othe, F. 115, 122, 126,
3ouche-Leclerqg 44.
Bowley, A. L. 290—201.
Braun, K. 180—181.
Brentano, L. 162, 275, 331
376, 449—450.
Breysig, K. 109.
Brinkmann, C. 412.
Brinkmann, Th. 346—347.
Brodnitz, G. 67.
Brown, J. 329.
Brownlee, J. 118,
Brubpacher, F. 325.
Brückner, E. 105.

Brun, W. v. 26.
Brunner, H. 57.
Brutzkus, B. 461.
Bucharin, N. 413, 415.
Bücher, K. 74, 111, 113,
118, 366.
Budge, 5. 162, 232, 256, 264.
3ülau, F. 245.
Bungers, H. 74, 113, 119.
Buomberger, F. 111. 116,
119.
Burckhardt, A, 123, 126.
Burgdörfer, F. 310—320,
322—323, 333, 339.
Burkhardt, F. 302, 305,
Busch, A. 321.
Busolti, G. 28, 24, 25, 20.

Cabet 223.
Campanella 135.
Cantillon 149.
Carey 15, 189, 209—211,
218, 231—232, 238, 246,
275, 379, 430.
Caro, G. 54.
Carr-Saunders 23,
Carver, Th. M. 362,
Cassel ” G. 12, 343—92344;
354; 400, 429, 435, 460.
Cavaignac, E. 28,
Caziot 248.
Child, J. 146.
Ciccotti, E. 32.
Clark, J. B. 362.
Comte, A. 440—441
Condorcet 159, 196.
Donrad, 1. 41, 220,
        <pb n="487" />
        480

Namenverzeichnis

Conring 137, 245.
Coste, A. 7.
Crede 325.
Creighton 67.
Cronbach, E. 177.
Cunningham, W. 69, 73.
Cunow, H. 17, 24, 26, 31,
Curschmann, F,. 60, 61, 66.
Cyprianus 132.
Czuber, E. 276, 468.

327, 387, 392, 395; 398
402, 497.
Everett, A. H. 208.
Eylmann, E. 20.
Faas, F, 193.
Fahlbeck, P. 14, 27, 123,
331.
Fastlinger, M. 57.
Fehlinger, H. 22,
Ferdy,. H. 324.
Ferrero, G. 44.
Fetter, F. 452,
Filangieri 148.
Fircks, v. 172, 465.
Fischer, A, 374, 465—467.
Flamm, H. 72.
Flatow, A. 162,
Fleischmann, S. 179—18o,
187.
"linzer, M. 121.
Földes, B. 172.
Fourier 223.
Franciscus Patricius 133.
Frank, S. 135—136.
Franklin 148, 162.
Frei, R. 096.
Freudenberg, K. 323.
Friedländer, L. 43.
Friedländer, R. 430.
Friedrich, E. 17.
Friedrich d. Große 94, 95,
148.

Daenell, E. 390.
Dahn, F. 51, 52.
Daszynska, S. 114, 117, 120,
127, 129.
David, E. 235.
Degenfeld-Schonburg, F. v.
262.
Delbrück, H. 28, 52.
Dettow, A. 95.
Diehl, K. 362—363, 370.
Dietzel, H. 15, 160, 162,
232, 367, 408—409, 450,
458.
Dittmann, O0. 92, 105.
Dopsch, A. 53, 58, 61, 105
Doren, A. 73, 74, 124.
Doria, P. M. 147.
Doubleday, "Th. 236.
Dühring, E. 15, 215, 217—
220, 229, 273, 439, 471.
Dumont, A. 449.
Durand, E. M. 2333.

Gablentz, v. d. 367.
East, E. M. 289, 396, 476. Galiani 151.
Eberlin v. Günzburg 135. Gasquet, F. A. 67.
Ehrenberg, R. 78, 80. Geissler, A. 302, 306.
Einhorn, K. 152. Genovesi 137, 141, 147, 244:
Elsas, M. 265. George, H. 230—231, 455.
Elster, A. 296. Gerland, E. 22.
Elster, K. 44, 95, 142, 146, Gerstner, J. 245.
207, 223, Giddings, F. H. 442.
Engel, E. 295. Girsberger, H. 154—155.
Engels F, 224, 454. Gley, W. 72.
Eschenhagen, H. 140, 424. Godwin, W. 158—159, 168,
Esslen, J. 355. 206,
Escherich 183. Goeser, K. 175,
Eulenburg, F. 73, 74, 113, ! Goltz, v. d. G. 2380.

Goltz, v. d. Th. 98.
Gonnard, R. 36, 146, 207
Gossen, H. H. 449.
Gothein, E. 72, 86, 90.
Gottl-Ottlilienfeld, Fr, v. 371.
Gottstein, A. 129.
Grahame, J. 207.
Graunt, J. 75-Gray,
 G. 207. ;
Greving, J. 113.
Griffith, G. T. 162.
Grosse, E. 17.
Grotjahn, A. 323, 330—331,
334:
Grund, A. 384.
Guiraud, P. 32.
Gürtler, A. 97.
Gutmann, F. 58.

Häberle, D. 100.
Hahn, A. 431.
Hainisch, M. 379.
Hale, M, 146.
Halm, G. 461.
Hamburger, C. 325, 339.
Hamilton, A. 210.
Hanauer, A. 103.
Hanauer, W. 122,
Hansen, J. K. 28.
Hanstein, J. 209.
Häpke, R. 71, 76, 79, 110.
Harms, B. 267.
Harmsen, H. 247, 329, 333.
Hartmann, L. v. 152.
Hartmann, M. L, 24, 45, 47,
51, 53; 70.
Hartung, J. 82.
Hartwig, J. 115.
Hasbach, W. 147, 153, 156.
Hasebroek, J. 30, 388, 3090,
410.
Haustein, H. 321.
Haustein, P. 81.
Hecker, J. F. 67.
Heidemann, H. 111.
Heimburger, K. 422.
Helbock, A. 111.
Held, A. 211,
Hellmann, S. 63.
        <pb n="488" />
        Namenverzeichnis

Hermberg, P. 121.
Hertzberg, E. F. v. 139.
Hertizka, Th. 455.
Hess, L. v. 142.
Hesse, H. 94.
Hildebrand, G. 378.
Hildebrand, R. 27.
Hinze, K. 143-Hirsch,
 M. 321.
Hirschfeld, G. v. 183.
Hoeniger, R. 67.
Hoffmann, J. G. 109—110,
199, 285—286,
Hoffmann, K. 391.
Höllein, E. 325, 327.
Hörnigk, K. 140,
Horn, J. E. 301, 304.
Hülse, J. A. 183,
Äume, D. 28, 206,

Kjellen, R. 248—249, 408,
411, 416.
Kinkel, J. 37.
Kisskalt, R. 128, 130.
Kius, O. 86, 88.
Klaiber, L. 70.
Kleinschrod, C. Th. 171.
Kmiotek, B. 58.
Knabenhans, A. 10, 20.
Knapp, G. F. 121, 127.
Knibbs, G. H. 276—277.
Knicke, A. 74.
Knies, K. 134-Koch,
 J. v. 23.
Koch-Grünberg, Th. 21.
Köhler, C. F. 95.
Köhler, W. 163.
Kohn, B. 24.
Koppers, W. 13, 17, 19, 20
Korherr, R. 322.
Kosegarten, W. 176.
Kostaneki, A. 161.
Kötzschke, R. 51, 56, 57
62, 64, 66, 71, 72.
Kowalewsky 13, 67.
Krafft, L. 453.
Krause, F, E. A, 435.
Kretschmar, ]. 58.
Krollmann, C. 69.
Krünitz 151—152.
Kuczynski, R. 322, 334:
Kulischer, J. 69, 71, 80, 125.
Külz 23.
Kuske 106, 107.
Kuzuya 298.

Jacobi, L. 102.
larrold, T. 236—237.
Fastrow, J. 110, 119.
Tevons, W. St. 3, 102, 364
-365.
Ihering, R. v. 29, 30.
Inama-Sternegg 57, 86, 87
110,
folles, 0. 135—136.
Jordanes 52.
Jostock, P. 233, 458.
[smer, O. 86.
[sokrates 33, 34, 39.
fusti 28, 1237, 129, 1417.

Lammert, G. 87.
Lamprecht, Karl 54, 58, 60,
63—65, 73, 81, 113, 437.
Lange, F. A. 213, 234—235.
Lappe, J. 84.
Lassalle, F, 229, 446.
447- Layer-Hohenheim 378.
Keller, F. 233. Lechner, K. 67, 68.
Keller, K. 265, Leesen, H. v. 212.
Kemmerich, M. 124—126,. Lehmann, M. 99.
Kempf, F. 117, 120, 129. Leib, J. G. 139.
Keussler, F. v. 27. Leibbrandt, G. 177.
Keyser, E. 73. | Lenin, N. 413.
Diehl-Mombert, Grundrisse. Ba. 18.

Kahle, M. 339.
Kahrstedt, U. 28, 44.
Kaiser-Delisle, B, 133, 147.
Kaphan, F. 86, 88—90.
Kapp, F. 100.
Kaser, K. So, 86.
Kautsky, K. 228—230, 268,

18.

Leonhard 437.
Lesser, G. 422, 431, 434.
Lethmathe, F. 111.
Levasseur, E. 53, 103, 118.
Lewinson, L. 223.
Lezis, W, 227, 259.
Liebig, J. v. 41.
Liefmann, R. 462.
Lindheim, A. v. 124.
Liporski, J. 185.
List, F. 175—176, 215—217,
220, 342, 471.
Loria, A. 7.
Losch, H. 183, 465.
Lourie, B. 212.
Ludwig, Th. 99, 102.
Lurje, M. 28.
Luxemburg, R. 413—415.

Macchiavelli 134.
Maesser, W. 86.
Mahling, M. 379.
Malthus, R. 68, 146—147,
159—169, 173, 178, 180
—181, 184, 189—1900,
196 -—197, 200—228, 231,
234—236, 256, 264, 269,
271, 297—208, 337, 359,
375, 382, 388, 430, 434;
443; 452, 471—472, 475
—477
Mangoldt, H. v. 425.
Mannstädt, H. 432.
Marburg, J. 181.
Marlo 234, i
Marshall, A. 357.
Marz, K. 170, 224—228,
254, 400, 414—415, 420
—424, 427, 429, 431—
433, 441, 447, 454; 473.
Masslow, P. 236, 242, 438.
Maurizio, A. 60.
Mayer, Th. 69, 90, 103, 457.
Mayet, P. 334.
Mayr, G. 171, 178, 305.
Mc Culloch 424.
Meerwarth, R. 354.
Mehring, F. 228.
Mehring, G. 109.
21
        <pb n="489" />
        482

Meinecke, F. 135.
Meitzen, A. 50.
Mercier de la Riviere 151.
Merg, M. 149.
Meseritz, L. F. v. 173, 175.
Meyer, Ed, 28, 31, 32, 42.
Meyer, O. 82.
Meyer, P. 70, 71.
Miaskowski, A. v. 437,
Michels, R. 248, 412, 446.
Mill, J. St. 286, 359—361,
424—425, 429, 432.
Mirabeau 100, 149—150.
Modeste, V. 446.
Mehl, R. v. 176, 200, 207.
Mombert, P. 8, 76, 117,
150, 171, 177, 179, 184,
192, 195, 211, 223, 279,
286, 201, 310—311, 316,
318, 332, 334—335, 345
—346, 363—364, 374;
376, 385, 394, 398, 411
—412, 442, 450.
Mommsen, Th. 43.
Mönckmeier, W. 179, 342.
Montesquieu 28, 137, 424:
Morelly 155.
Moser, L. 183, 271.
Möser, J. 153,
Moszkowski, M. 17, 27.
Muckle, F. 235.
Muggenthaler, H. 58.
Mühl, M. 37,
Mühlenfels, A. v. 403.
Mührer, R. 379.
Muhs, K. 432.
Müller, A. 233.
Müller, R. A, 52.
Müller-Lyer 7. 24,

Narain, B. 62, 192, 300.
Naude 70, 92, 93, 97, 98.
Nebelung, H. 163, 165,
Nebenius, F. 175,
Neisser, H. 269, 362,
Neumann, Fr. J. 174, 183.
Niceforo 206,
Nitti, Fr. S. 7.
Noak, F. 72.

Namenverzeichnis

Norden, E. 50,
Nossig 237.

Ichenowski, W. v. 68, 439.
Ogilvie, W. 157.
Ildenberg, K. 376, 394, 449.
Incken, A. 149, 150.
Dppenheimer, F. 162, 170,
196—197, 204, 226, 231
—232, 256, 275, 358—
360, 371, 380, 414, 430,
432, 454—455, 459-Irtes,
 G. 147—148, 160.
Dstwald, W, 369—370,
th, F. 323, 339.
At, CC 111.
Dito, E. 74.
Itto, W. 41, 46.
Owen, R. 223.

Paley, W. 161—162.
&amp;gt;aon, M. 248.
Darvus 62.
Passarge, S. 20, 21, 23.
?aulus Diaconus 52.
Zeiper, O. 22, 23.
Denck, A. 14, 465.
Zenty, A. 233, 456.
Desch, H. 233.
Zieper, A, 455, 458.
Pfeiffer, J. F. v. 107.
Philippi, J. A. 144,
?hilippovich, E. v. 188, 367.
Pirenne, H. 72,
Platon, 35, 36, 410.
Platter, J. 121.
Platzer, H. 100,
Olinius 48, 437.
Plutarch 33, 35.
Yohle, L. 15, 377—378, 394:
Döhlmann, R. 33, 35, 42,
43, 85.
?olybius 39,
Porter 235—236.
Pribram, K. 101.
Prince-Smith 236.
Prinzing, F, 124—126, 298,
305-—306,
Prokop so.

Purvus, G. 208.
Püschel, A, 74.
Puvilland, A. 147.

Qualid, W. 249.
Quesnay, F. 149, 154.
Juetelet, A. 272.

Raleigh, W. 146.
Rappard, W. E. 241—242.
Rathenau, W. 462.
Ratherius v. Verona 133.
Rathgen, K. 187.
Ratzel, F, 5, 11, 18, 21, 49,
436.
Rau, K. H. 173.
Rauchberg, H. 97.
Raumer, F, v. 13.
Ravenstein, 465,
Regling, K. 48,
Reichensperger, P. 177.
Reichwein, A. 245, 398.
Reinhardt, ]. J. 152.
Reisner, W. 110.
Renard-Dulac 154,
Reynaud, P. 147.
Ricardo, D. 188, 199, 205,
222, 236, 277, 4241) 444-Riezler,
 S. 51, 90, 142.
Rivers, W. H. R. 22.
Rodbertus 227, 446, 459.
Rogers, Th. 68, 156.
Rogowski, E. 265.
Roller, K. ırı, 113, 115,
117, 120, 129.
Roscher, W. 7, 105, 139,
172, 200, 214, 259.
Rosenstock, E. 233.
Rosenthal, M. 334.
Ross, C. A. 329.
Rössig, C. G. 151—152.
Rost, H. 120,
Rudhardt, J. 174.
Rudolph, Th. 64.
Rümelin, E. 122.
Rümelin, G. 3, 8, 164, 201
—202, 265—266, 271,
275, 286, 375—376, 388,
4230,
        <pb n="490" />
        Russell, B, 457.
Rutgers, ]. 324.

Sadler, M. Th. 208, 236.
Salin, E. 35.
Salvioli, J. 43.
Salz, A. 411, 456.
Sander, P. 111.
Sartorius vv. Waltershausen
174, 193-Sax,
 E. 188.
Say, J. B. 173, 212, 424.
Schäffle, A. 200—9201, 234.
Schallmayer, W. 14, 208,
331.
Schanz, G. 95.
Schätzel, W. 329.
Schian, U. 207, 237.
Schlettwein 150.
Schloßmann, A. 130, 305
Schlözer, A. L. 108, 153,
Schlüter, O. 84.
Schmelzle, H. 152.
Schmidt, F. 177.
Schmidt, L. 49, 50, 52.
Schmidt, M. 23, 25.
Schmidt, W. 13, 17.
Schmoller, G. 14, 52, 72,
82, 95—97, 105, 110,
LI2—113, 203—204, 260
—261, 366—367.
Schnyder W. 85, 111, 129,
131—132.
Schöne, L. 118,
Schönfeldt, G. 106,
Schrohe, H. 92.
Schu&amp;amp;, C. 74.
Schüller, R. 361.
Schulte, A, 123.
Schulte im Hofe 341.
Sehultze, J. 86,
Schulze, E. O. 64, 133.
Schumpeter, J. 14, 362, 431.
Schurtz, H. 13, 19.
Schüz, C. W. Ch. 177, 180,
216, 439.
Schwannecke 86—88,
Secretan, H. F. 7, 44.

Namenverzeichnis

Seeck, O. 40, 42, 45—47;
132, 436.
Seiffert 296.
Senior, N. W. 163, 167, 209,
424.
Sering, M. 397, 466.
Serra 160.
Seutemann, K. 163.
Siemens, H. W, 331.
Sigwart, G. 41.
Silbergleit, H. 314.
Simmel, G. 442.
Sismondi 15, 221—223, 234,
240, 390, 424, 439, 453-Skalweit,
 A. 465.
Smith, A. 205, 211, 228,
419.
Soetbeer, H. 227.
Sombart, W. 14, 72, 73, 77
78, 81, 98, 102—103, 106,
177, 188—189, 254, 327;
367, 3609—370, 384, 390,
396, 407, 414, 442, 444:
457, 462—463.
Sommer, L. 140, 145.
S5ommerlad, Th. 105, 132—
133.
Sonnenfels 144—146, 403.
Spence, Th. 157.
Spencer, H. 3, 4, 236—238,
320, 475-Stadelmann,
 R. 97,
Stangeland, Ch. 147.
Steffen, G. 67, 104, 156, 171.
Stein, L. 180,
Stein, P. E. 257.
Stein, Freiherr vom 99.
Stelzig, F. A. 183,
Sternberg, F. 413—415, 417
421, 425—426,
Steuart 148, 160.
Sticker, G. 91.
Stieda, W. 81.
Stille, G. 324.
Stolzmann, R. 263-—264.
Sirabo 49, 146.
Strakosch-Graßmann 72, 87
88, 109, 111.
Strieder, J. 78.

183

Struensee 142.
Stuart, C. A. V. 430.
Stucken, A, 362.
Sundbärg, G. 127, 186, 274,
281.
Sundwall, J. 35.
Süßmilch, J. P. 68, 96, 1109,
1231,

Tacitus 51, 53.
Taussig, F. W. 362.
Tellkampf, A. 183.
Tenney, A. A. 223.
Tertullian 132,
Thiele, 0, 150.
Thil du 173, 176.
Thomas v. Aquin 133.
Thompson, W. 223—224
Thornton, W. Th. 213.
Thünen, J. H. v. 112.
Tönnies, F, 317, 323.
Towsend, J. 161—162,
Trieb, C. O. 173.
Troeltsch, W. 103, 105—106,
121.
Tugan -Baranowski 184—
185.
Turgot 160.

Ucke, A. 174.
Unshelm, E. 223, 220,

Vacher, L. 127.
Vanni, J. 7.
Varga, E. 418.
Veiter, A. 111.
Vierkandt, A. 13.
Virchow, R. 178,
Vöchting, F. 257.
Vogelstein, Th., 362—363,
266,

Wagenbach, }. 231.
Wagner, A. 7, 8, 203, 205,
260, 265, 325—326, 344;
367, 376, 378, 383, 394
Wallace, R. 137, 148, 157
—1588,
        <pb n="491" />
        484.
Wappäus 182, 301, 304—
305.
Warmund, G. 90.
Wattel, P. R. 300.
Weber, A. 330.
Weber, M. 15, 42.
Weddigen, W. 360, 364, 368.
Weiss, B. 182.
Weiss, F. X. 356.
Wernicke, J. 118, 120, 128.
Wersebe, A. v. 64.
Westenrieder 152,
Westergaard, HI. 125, 129.
Weyland, J. 208,
Wicksell, K. 241.

Namenverzeichnis

Wiebe, G. 82.
Wiedenfeld, K. 367—3268.
Wiedfeld, O. 106.
Wilamowitz-Möllendorf 31
35-Wilbrandt,
 R. 235.
Wilcken, U. 38—40.
Wild, K. 143-Windelband,
 W. 100, 143.
Winkelmann, O. 82.
Winkler, W. 264, 443.
Winter, F, R. 58.
Wirth, M. 213.
Wittich, M. 64.
Witzel, E. 73.

Wolf, J. 23, 332, 366.
Wolff, Chr. 139—141.
Wolff, H. 142.
Wolters, F. 101,
Wright, H. 157, 343, 371.
Wundt, W. 19.
Würzburger, E. 305.
Wyler, J. 100, 257, 344»
| 374

Zacharias, O. 324,
Zeiler, A. 334.
Zimmermann, A. 102.
Zwiedineck-Südenhorst 267,
430.
        <pb n="492" />
        Sachverzeichnis.

Absterbeordnung 288,
Ackerbau 25, 26, 139.
Agrarkrisis 81, 174.
Agrarpolitik 378—379,
Agrar- und Industriestaat
202, 396, 408.
Agrarverfassung 51, 64, 68,
LOL, 153—155, 438.
Akkumulation, kapitalistische
 225, 413—414, 458,
473-Allmende
 437.
Allowance-System 157.
Alter, produktives 295, 299,
341—342.
Altersaufbau 113—114, 285,
287—290, 294, 299—313,
322—323, 341—343-Anarchismus
 158,
Aneignungswirtschaft 17.
Anthropogeographie 5, 11.
Arbeit 161, 214, 222, 368.
Arbeitermangel 47, 254—
255, 263, 328.
Arbeitsgelegenheit 107, 145,
153, 156, 189, 193, 270,
343; 381, 403—404; 423,
430:
Arbeitshaus 184.
Arbeitskraft 137, 141, 143.
213, 244—248, 250—
251, 254 -—256, 262—263,
277, 297 — 298, 328,
342-—343, 347—348, 351,
389, 426, 432.
Arbeitslohn s. Lohn,
Arbeitslosigkeit 178, 185,
195, 226, 257, 270, 344,
407, 420, 422, 428, 430.

Arbeitslust 143—144, 245-Arbeitsmarkt
 67, 242, 253,
270, 297, 343, 386, 404,
422, 427, 430, 433:
Arbeitsteilung 8, 13, 207,
371, 441.
Arbeitsteilung, internationale
375, 393, 396.
Arme, Armut 82, 99, 106—
107, 132—133, 161, 166,
171, 177, 198, 446—447.
Armengesetzgebung 161—
162, 166—167, 184, 108.
Armensteuer 156— 157, 171.
Assoziationskraft 210—211.
Aufwuchsziffern 303.
Ausfuhr 31, 193-—104, 404.
Ausfuhrzölle 3909.
Auslese, natürliche 297-—298.
Auslese d. Begabten 330—
331, 442.
Aus- u. Einfuhr, Zusammensetzung
 403—405.
\uswanderung 33, 38, 69,
81, 93, 100, 175—176,
[178—179, 186, 190,
192-—193, 217, 232, 258,
260, 280, 282, 2341;
343-—344, 388, 428, 456.
Auswanderung, staatlich
unterstützte 180, 185.
Auswanderungsverbote 100.
Autarkie, wirtschaftliche 133,
374, 406, 408.

Balfour-Bericht 417, 410.
Bauernstand, attischer 32.
Bayern 142, 152, 180, 305...

3edarfsdeckungswirischaft
455: 457-Begriffsbildung
 269.
Beguinenanstalten 115.
Beifang 57.
Belastungskoefficient 299,
341.
Berufsberatung 263.
Berufsgliederung 190,
Berufsüberfüllung 226. 262.
264.
Berufswechsel 262.
Beschäftigungsbilanz 145,
402.
Besitzverteilung, ländl. ss.
auchGrundbesitzverteilung
32,377; 378—380, 387—
388,
Bestandserhaltungsziffer 323.
Besteuerung 334, 385.
Bettler 73, 106, 132, 142—
143, 171, 178—179.
Bevölkerung, Wesen 1.
—, offene u. geschlossene
374-—,
 produktive 374, 226.
—, soziale 453.
—, stationäre 288,
— und Wirtschaft, s. Wirtschaft
 u. Bevölkerung,
Beyvölkerungsabnahme 28,
137, 250—251.
Bevölkerungskapazität 134,
141, I50, 152, 217-—219.
255, 439:
Bevölkerungslehre ı, 4—6,
9, 442.
Bevölkerungsoptimum 240 fl,
2357, 363, 478.
        <pb n="493" />
        486

Sachverzeichnis

Bevölkerungspolitik 3, 9, 20, Effizienz d. Arbeit 348.
44, 93, 142, 144, 247, Eheerschwerungen142—143.
333—335, 378, 385, 389, 180—181, 234.
409- Eheschließungen 117, 131,
Bevölkerungsproblem, quali- 157, 183, 192, 301, 311—
tatives 4, 30, 330—331,! 313, 317, 336.
441— 442, Ehen, kinderlose 119.
—, quantitatives 8, 10, 135, Zigentum s. auch Sonder-215,
 233, 259—260, 276, eigentum 161, 166, 214—
307» 349, 354; 453: 215.
a aan 2471 Einfuhr 32, 392.
Bevölkerungsspielraum 344: Fine gungen 155, 157158.
N Einkommen s. auch Volks-Bevölkerungsstatistik
 2—5 einkommen 222, 439.
105 Einwanderung 73, 75, 94
Bevölkerungsvermehrung Ss. 132, 142, 210, 246, 251,
Volkswachstum. 328—320.
Bevölkerung u. Gesellschaft _,
s. Gesellschaft u, Bevölke- Binwanderungsgesetzgebung
260, 282, 328, 343.
rung. . Se
Bevölkerung u, Wirtschaft s. Einwanderungspolitik 96.
Wirtschaft u. Bevölkerung. Elternschaftsversicherung
Bifangsrecht 57. 335-Bodenerschöpfung
 41, 46, England 31, 32, 67, 69, 103:
220. 138, 141, 146, 154—156.
Bodenkapazität 232. 161—162, 171, 174, 181,
Bodengesetz, s. Gesetz v, 184—185, 390, 428—429.
abnehmendenBodenertrag. 438-Bodenmangel
 349—351. Entvölkerung 45, 53, 87,
Bodenproduktivität 357. 101, 140, 244, 247—248,
Bodenreform 85, 230—231 437.
455- Zpidemien, s. auch Seuchen
Bodenzersplitterung s. Besitz: 60, 182—183, 192.
verteilung u. Erbteilung. Erbanlagen 331.
Brautkassen 180. Erbteilung 65, 75, 81, 99:
Buschleute 20. 132, 176.
ar Erstheiraten 124.
Sölbal 125: 230 232 Ertragsgesetz, einheitliches
Darwinsche Lehre 297. 362 ff,
Dawes-Gutachten 403. Ertragsgesetze, wirtschaft:
Degeneration 38, liche 226, 355 ff.
Deismus 145, 209—210, Erwerbsgeist 458, 461.
Dichte, s. Volksdichte und Erwerbsziffer 297.
Verdichtung. Erziehungsschuld 295.
Disproportionalität 362— Eskimos 13.
363. Existenzminimum 258, 264,
Doomsday Book 55. 269, 444-Dreifelderwirtschaft
 59. Extensivierung d. Landwirt-Dynamik
 215, 360, 264. schaft 262.

Familien, kinderreiche 325.
Familienstand d. Heiratenden
 318.
Familienstatistik 320.
Feld-, Graswirtschaft, rohe
53; 59°
Finanzkapitalismus 415—
416.
Fortpflanzungsfähigkeit 236
—237; 320—321, 339, 474
—475-Fortpflanzungswillen
 224,
330.
Fortschritt 211—212, 214.
236, 261, 277, 441, 451-Frachtkosten
 s. auch Verkehrswesen
 112, 187—
189.
Frankfurt a. M. 115, 126,
131.
Frankreich 101, 103, 138,
149, 1509, 154—155, 172,
247-—251, 253, 308, 328,
333, 355, 391, 412, 416,
438.
Frauen- u. Kinderarbeit 105,
156, 170.
Frauenfrage 115,
Frauenüberschuß 115.
Freisetzung v. Arbeitern 420 ff.
Freizügigkeit 180—181.
Fruchtbarkeit, s. auch Geburtenhäufigkeit
 118ff,,
208—210, 307 ff, 475.
Fruchtbarkeit, uneheliche
317.
Fruchtbarkeitsziffer 308 ff.
Frühkapitalismus v0, 82.

Gebärstreik 324.
Geburtenhäufigkeit, s. auch
Fruchtbarkeit 88, 118ff.,
191, 307 ff.
Geburtenprämien 333.
Geburtenregelung 333, 476
—478.
Geburtenrückgang 168, 184,
190, 236, 247, 304, 306.
207 ff., 376, 448.
        <pb n="494" />
        Geburtenrückgang, Bekämpfung
 333—336.
Zeburtenüberschuß 128, 131,
190 — 191, 254-—255,
278—283, 289, 337—338,
341—344-Geldwirtschaft
 32, 61, 68.
Gemeinbesitz 155, 162.
Gemeineigentum 157—158.
Gemeinwirtschaft 461.
Geographie 11.
Geschichtsauffassung 134.
Geschlechtskrankheiten 321.
Geschlechtsverteilung 114—
115.
Geschlechtsliebe 163.
Gesellschaft 9, 18, 158, 168.
— u. Bevölkerung 6, 43;
55, 101, 105—106, 166,
168, 220, 268, 435 ff., 475
—476.
esellschaftsreformer 157—
158, 206, 221f.., 454:
Gesellschaftsordnung, 8. auch
Wirtschaftssystem 155;
168, 205, 211, 230, 244,
440.
Gesellschaftswissenschaft 8.
Gesetz d. Bodenkapazität
359:
— dd. demographischen
Gleichgewichts 249.
-— d. Massenproduktion
366.
— d. Proportionalität 362—
363.
v. abnehmenden Bodenertrag
 160, 189, 208,
219—222, 227, 229—
232, 235, 241, 252, 286,
355, 376, 382, 385, 396,
398, 473-v.
 abnehmenden Gedurtenertrag
 339.
— d. Kapitalentwertungswiderstandes
 366.
— d. Minimums 346.
— d. steigenden Ertrags
264—2265, 367—368, 370.

Sachverzeichnis

Getreidehandel 154, 174,
187.
Getreidemagazin 92.
Getreidepreise s. Preise,
Getreidezölle 381—383.
Gewerkvereine 170,
Sildensozialismus 233, 456.
Gläubigerstaat 392.
leichgewicht d. Produk.
tionsfaktoren 347 —350.
374: 388—380, 394.
— zwischen Bevölkerung
und Wirtschaft 105, 238,
250, 257, 344, 388, 419.
Gleichheit 230.
Gracchen 43.
Großbetrieb 367.
Großstädte 112, 318, 321,
325.
Grundbesitzverteilung. s.auch
Besitzverteilung 437-—438.
Großgrundeigentum 231,
Grundherrschaft 58, 59, 65,
69, 75-Grundrente
 8, 199, 211.
Grundsteuer 380,
Güterverteilung 165, 206.
Güterzerstückelung, s. auch
Erbteilung 100, 175—176,

Handelsbilanz 145, 392.
Yandelspolitik i. Altertum
389—390.
Handelssystem 215.
Hansa 70.
Harmonie, prästabilierte 206
— 207, 209—210, 212,238,
Hausindustrie 31, 103, 156.
Heiraten, s. Eheschließungen.
Heiratsalter 117—118, 311
—313, 317—319, 321.
330, 336.
Hemmnisse, präventive 165,
169, 212, 443, 471, 475-—.,
 repressive 68, 178, 187,
192, 196, 213, 264, 269,
297, 299, 388, 443, 471.
Höchstlöhne 67, 68.
Holland 62, 65, 76, 138—1309.

18%

Holzkohle 102—103,
Holzvorräte 102.
Horde 19, 436.
Hungersnot 43, 60—62,
65—66, 68, 79, 93—94;
104, 125, 132, 134, 154)
179, 185, 192.
Hygiene 124.

Jäger, niedere 17, 18, 24.
Japan 411—412, 415.
‚mperialismus 48, 410 ff.
Indianer 21.
Indien 62, 269, 300, 398.
Individualismus 435, 454.
Industrialisierung 395, 429.
Industriestaat 32, 250—251,
254, 343; 376—377, 390,
398—399, 402, 406, 416,
418, 420, 464.
Intensivierung im Landbau
378, 380.
[rland 438.
Islam 52.
Italien 146, 249, 251, 412.
Junggesellen 44.

Kampf ums Dasein 237, 412.
Kapital, konstantes u, variables
 255, 400, 420—421,
425, 427) 432—433-Kapitalbildung
 79, 190, 213,
216, 253; 335—336, 342,
348 — 349, 351 -— 355,
385, 399—402, 420, 427,
432, 452, 466.
Zapitalexport 79, 8o, 83,
253, 348, 392, 414.
Kapitalismus, s. auch Wirtschaftsordnung,
 kap. 70,
102, 255, 327; 354, 415,
433-Kapitalmangel
 90,
Kapitalschöpfung 431.
Kapitalverluste 89.
Kartoffel 178.
Kaufkraft 426—427.
Kindesliebe, verfeinerte 331
Kipper- u. Wipperzeit 90.
        <pb n="495" />
        488

Kinder, uneheliche 181.
Kinderlosigkeit i. Altertum
39.
Kindersterblichkeit, s. auch
Säuglingssterblichkeit 121,
I29—131 ‚340.
Kinderzahlen 119—120.
Kirchenbücher 111, 118, 125
Kirchenväter 132—133.
Klassen, arbeitende 169.
Klassenbildung 330.
Kleinhaltung d. Familie
168, 330—331, 449, 475
Kleruchien 33, 42.
Klimaschwankungen 105,
Klöster. 57, 133.
Knappheit, Prinzip der 12,
460.
Kohlenvorräte 101.
Kolonen 438.
Kolonisation 42, 66, 134,
220, 388.
——, griechische 30, 32, 35,39,
—, innere 57, 58, 94, 180.
336, 380.
— d, Ostens 63—66, 73, 75.
Kompensationstheorie 420—
421, 424-—426, 431,
433—434:
Konfession u. Fruchtbarkeit
310—311.
Konjunktur 5, 261, 267, 404.
Konkurrenz 458, 463.
Kontinentalsperfe 171, 174
Kooperation 358—359,
Kreditverhältnisse 89.
Kreuzzüge 66,
Krieg, dreißigjähriger 78,
83, 86—91, 136, 143,
247, 250.
Kriege, napoleonische 172—
173, 187, 195, 257.
Kultur 13, 250, 220, 442.

Landesausbau 56, 59, 62, 65
Landeskultur 58, 97.
Landflucht 45, 81.
Landnahme 56.
Landnot d. Germanen 51.

Sachverzeichnis

Landwirtschaft, rationelle
97; 98.
Latifundienbesitz 379, 437.
Lebensansprüche 448, 450.
Lebensdauer 117, 125, 295.
Lebenserwartung 202—-293.
296.
"‚ebenshaltung 243, 250,
258, 264, 266—267, 328,
330, 357: 374) 433—434)
443—448, 450, 468—469.
Lebenskosten 189,
Lebensspielraum 345.
Lex Julia et Poppia Poppaea
44
Liberalismus 205—206, 225.
Lohn, s. auch Reallohn 103,
105, 157, 167, 169—170,
185, 197—1098, 252, 365,
438—439-Lohnausgleichskassen
 333.
Lohndruck 105.
Lohngesetz, ehernes 228,
Lübeck 125.
Magazinpolitik 93.
Malthusianismus, prophe:
tischer 162, 199, 203—
204, 215, 476.
Manchestertum 211, 213, 238
Männerüberschuß 115.
Markgenossenschaft 57, 75.
Markt, innerer 145, 251—
252, 270, 382, 385—387.
Maschine, Moaschinenarbeit
156, 223, 225, 246, 250.
252, 328, 348, 420-—421.
423—426, 431—432.
Maximalbevölkerung d. Erde
259, 396, 465 ff.
Menschenmangel im Altertum
 39, 53-Merkantilismus
 136, 146.
149, I51, 161, 245.
Mißernten 60, 62, 66, 092.
99, 105, 172, 178.
Mongolen 21.
Monopol 157, 231, 398—
2300, 402.

Münzschriften d. Albertiner
und Ernestiner 136.
Münzverschlechterungen 46.
Müßiggang 143.

Nahrung, Idee der 143,
445—446.
Nahrungsspielraum 8, 12, 15,
17, 18, 22, 25, 38, 40—42,
45—48, 52, 55: 58—61,
65—68, 71, 75 777 79
82—85, 91, 94, 97) 99—
103, 107, 140, 143, 1541
162—165, 185, 187, 190,
192, 194—-105, 199, 202,
211, 240, 242, 254,
257—261, 265, 268, 275,
283, 330, 336, 344ff.,
439; 451—452, 455 fe,
496, 477-—,
 außenbedingter Teil 374,
380 ff.
— i. engeren u. weiteren
Sinne 374—375-—,
 innenbedingter Teil
373ff., 400, 408.
— im’ objekt. u. subjekt.
Sinn 447—448, 450, 474-—
 in sozialem Sinne 443,
476.
—, Sicherheit 375 -— 377,
383. .
Vahrungsstand 141, (81.
Vahrungssuche, individuelle
17.
Nation I.
Natur, Naturfaktor 213—215,
219-220, 224, 472—473.
Naturgesetz 164—165, 196,
200, 262, 356, 360, 470.
Naturalwirtschaft 48,
Naturzwang 16.
Neomalthusianismus 168,
324, 452.
Neomarxismus 226, 413,
416—417, 421,
Nervensystem 210, 237.
Niederlande 390,
Nomaden 19, 50, 436.
        <pb n="496" />
        Skonomie d. Volkswachstums
 336.
Dptimist. Lehren 205, 207
—208, 217, 224, 226, 454,
466.
Optimum d, Bevölk. s. Bevölkerungsoptimum.

— d. Geburten 339-—340.
— d. Produktions-Elemente
346—349-Organisation
 d. Wirtschaft
244.

Pachtsystem 439.
Passivhandel 90,
Pessimismus 169, 196 ff.
Pest 39, 67, 68, 73, 74, 91,
92, 134-Physiokratie
 149—154,
Planwirtschaft 455, 460.
Politik, äußere 410—411.
Populationistik 05, 100,
136, 144—145-Populationsgesetz
 225.
Preise 46, 62, 82, 92-—094;,
103—104.
Preisrevolution 82.
Preisrückgang 105.
Preissteigerung 71, 83, 104,
(36, 156, 169, 171, 178,
372, 396, 398, 402, 408.
Preisunterschiede 188—189,
Preußen 119, 143, 172, 174-Produktionsfaktoren
 345—
346.
Produktionsmittel 345—9346,
348.
Produktionsumwege 400.
Produktivität 16, 144, 199,
235, 241, 268, 296, 427;
431—432, 434: 471—472-Produktivkräfte
 215—218,
246, 458.
Progression, geometrische u.
arithmetische 164, 213,
217, 225, 271—272.
Iroletariat 43, 82, 99, 154—
156, 176, 225.
Proportionalität d. Produktionsfaktoren
 2345 ff., 263.

Sachverzeichnis

Zassetüchtigkeit 298.
Rationalisierung d. Wirtschaft
 386,
Rationalismus 316, 458.
Raubwirtschaft 17.
Zeallohn s. auch Lohn 82—
83, 103, 105, 366, 409,
434
Zecht auf Existenz 161.
Rechtsordnung 205.
Reformationszeitalter 135.
Reislauf, Reisläufer 100, 131.
Reproduktionsintensität 312.
Reproduktionskraft 210.
Reservearmee, industrielle
225, 227, 414 — 415
420—423, 431, 433
Rodungen 57, 59, 63— 65.
Rohstoffversorgung 385, 389,
401, 406.
Romantik 153, 206, 232.
Außland 62, 415—416, 438;
460.

Sammelwirtschaft 17, 24.
Säuglingssterblichkeit 287,
201—2092, 204, 297—2098,
301—306, 339.
ichlesien 97, 98.
Schweden 127—3091.
3chweiz 100, 123, 248, 436.
Seßhaftigkeit 24, 25.
Seuchen s. auch Epidemien
62, 94, 125, 130.
Sexualmoral 332.
Siedlung 336, 380.
Sklavenarbeit 39, 40, 47.
3öldner 100.
Sondereigentum ss. auch
Eigentum 26, 27, 51, 52,
57) 228, 436.
Sonnenenergie 369—370.
Sozialbiologie 14.
Sozialreformer ss. Gesellschaftsreformer.

Sozialismus 158, 221 ff, 238
328, 455—456, 459, 461.
—, liberaler 231.
—. naturrechtlicher 155,

13
9

Spanien 437.
Sparta 37—39.
Spartätigkeit 315.
Stadtbevölkerung u. Fruchtbarkeit
 311, 314, 3109—
320.
Städtebildung 69, 441.
Stadtstaaten, antike 380—
390.
;tagnation der Bevölkerung
322, 326, 440, 442, 452,
463.
Standardsterbeziffer 300.
Steinkohle 103.
Sterbekoeffizient 126, 2092.
Sterbetafel 292—%293, 296.
Sterbeziffer, ideelle 288.
Sterblichkeit 60, 75, 96, 115,
117, 122, 124ff., 184, 187,
191—10902, 242, 258, 283 ff,
337, 340.
Sterblichkeit, Grenzen 286—
287.
— und Getreidepreise 182,
Steuerdruck 154.
Steuererleichterungen 333.
Stillstand des Volkswachstums
 248.
Strukturwandlungen 41, 48,
83, 173, 267.
Studenten 107.
Stufen, primitive 16ff., 22
—25.
Zubsistenzmittel s. Unterhaltsmittel.

Substitutionsprinzip 348.
Surplusbevölkerung 415,421.

Taufregister 88.
Fechnik 105, 218, 346, 367
—372, 384, 400, 420,
423, 426, 428, 429, 462.
— u. Wirtschaft 340, 466.
Tendenz 162—164, 196—
197, 364—365.
T’erritorialstaaten 91.
"euerung 43, 71, 130, 134;
172, 1741 178—179, 187,
420.
        <pb n="497" />
        490
Teuerungspolitik 71, 93, 94.
Tod, schwarzer 67, 68, 89,
247-Tragfähigkeit
 des Lebensraumes
 374.
Transportkosten s. Frachtkosten.


Überfremdung 248—249.
Überfüllung d. gelehrten Berufe
 262—263,
Übervölkerung 13, 42-—44;
52, 65, 81, 92, 99, 100,
106, 132—134, 139, 143,
147, 151, 164, 176—177,
181, 192, 200—204, 209,
224, 226, 229—230, 240
—243, 251, 256 ff. 324;
343; 353, 434—435, 453;
464.
—, absolute 260—264, 438.
—, partielle 262—263.
—, relative 226, 260, 264,
438.
—, temporäre 43, 62, 70,
93, 101, 103, 261, 264.
Übervölkerungssymptome
131, 154, 151, 176, 264 ff.,
416, 422, 430, 444.
Umschulung 262,
Unsittlichkeit 168.
Unterhaltsmittel 163, 169,
213, 216, 221—222.
Unterhaltsmöglichkeit 143.
Unternehmungsgeist 457.
Untervölkerung 240—241,
243ff., 268, 328, 347
420-— 227.

Vaganten s. Bettler,
Verdichtung d. Bevölkerung
s. auch Volksdichte 195,
211. 218, 232.
Verdoppelungsperiode 72,
164, 200, 272, 275—277.
Vereinigte Staaten v. Amerika
 100, 209—210, 280
—282, 328—3209, 2342,

Sachverzeichnis

348, 362, 396—398, 412,
451, 464.
Verelendungstheorie 447.
Verkehrswesen 61, 102—
103, 112, 146, 185, 187
192, 259, 355, 379.
Verlagssystem 81, 105—106.
Verteilungslehre Ricardos
199.
Viehseuchen 99.
Volk 1.
Völkerwanderung 54, 56.
Tolksdichte s. auch Verdichtung
 8, 14, 24, 26,
28, 20, 33, 52, 54—56,
71, 89, 96, 141, 194, 211
—212, 218, 243, 249, 261,
275, 35% 371, 441.
Volkseinkommen 1409, 265
—266, 335—336, 386,
399, 432, 439; 443.
Volkswachstum 12—15, 25,
27, 32, 33, 36, 54, 56,
58, 59, 66, 72, 96, 99;
108, 131, 144, 149, 153,
158, 162, 167, 184, 186,
190—1I91, 212, 218, 270,
271ff, 341, 371, 400, 402.
436, 458, 469.
—, sparsamer u, verschwenderischer
 Typ 339.
—, Beschränkung 101, 235
—, Verlangsamung 289, 201.
Volkswohlstand 147.
VYolkszählungen 91, 109—
110, 143.

Wachstum d. Bevölkerung
s. Volkswachstum.
Wachstumsrate s. Zuwachs.
rate.
Waldsiedelleihe 57.
Wanderarbeiter 254.
Wanderbewegung 20, 74, 85,
341, 372.
Wanderungen, germanische
29, 49—52.
Wandergewinn, -verlust 100,
193, 280—281.

Wandertrieb im MA. 73.
Wasserkräfte 369. .
Welthandel 193, 251, 350,
388, 391.
Weltkrieg 173, 194-—195,
257, 278—279, 333, 394,
406, 411, 428.
Weltmarkt s. Welthandel u.
Weltwirtschaft.
Weltwirtschaft 249-—250,
259, 260, 270, 392-—393,
400, 408, 422.
Wiederheiraten 123.
Wirtschaft u. Bevölkerung
59, 60, 70, 76, 79, 9%,
133, 140, 144, 149, 152,
158, 215, 225, 238. 243;
296, 326, 452.
Wirtschaftsgesetz 360, .
Wirtschaftskrisen 3, 171, 184
—185, 190, 192, 201.
Wirtschaftsordnung, kapitalistische
 225—226, 229.
413, 420, 432, 455 ff., 473.
Wirtschaftsspielraum 345,
Wirtschaftsstufen 134, 214.
217.
Wirtschaftssystem s. auch
Gesellschaftsordnung 219,
268, 453 ff.
Wohlstandstheorie 315.
Wohlstand u. Fruchtbarkeit
311, 314—315.
Wohnungsnot 317, 325.
Württemberg 105, 132.
Wüstungen 84.

Zahlungsbilanz 47, 48-Zisterzienserklöster
 58.
Zivilisation 209, 216, 230,
237.
Zünfte 80.
Zürich 85, 114, 117, 127,
129, 131.
Zuwachsrate 273—275, 278
—279, 281.
Zuwanderung vom Lande 75-Zweit-
 u. Drittheiraten 123.
Zwergwirtschaften 32, 381.
        <pb n="498" />
        Verlag von Gustav Fischer in Jena

Grundrisse
zum Studium der Nationalökonomie

Herausgegeben von

Prof. Dr. K. Diehl und Prof. Dr. P. Mombert
Freiburg i. Br. Gießen

Die Sammlung wird folgende „Grundrisse“ enthalten:

1, Bd. Einführung in das national#nık. nische Studium. Yon Prof. Dr.
K. Diehl, Freiburg i. Br.
2. Bd. Geschichte der Nationalökonomie. Von Prof. Dr. P. Mombert, Gießen.
IX, 557 S. gr. 8° 1927 Rmk 22,—, geb. 24.—
8./4. Bd. Theoretische Nationalökonomie. Von Prof, Dr. O0. v. Zwiedineck-Südenhorst,
 München.
5./6. BA. Lehre vom Geld. Von Prof. Dr. S. Budge, Frankfurt a. M.
7. Bd. Bank- und Börsenwesen. Von Prof. Dr. W. Prion, Berlin.
8./9. Bd. Wirtschaftsgeschichte, Von Prof. Dr. Th. Mayer, Prag.
10. Bd. Agrarpolitik. Von Dr. Hermann v. Schullern-Schrattenhofen,
0. 6. Prof. a. d. Universität Innsbruck. IX. 488 S, gr. 8° 1924
Rmk 12.—, geb. 14.—
11. Bd. Gewerbepolitik. I. Teil: Der moderne Industrialismus. Von Prof. Dr.
H. v. Beckerath, Bonn. II, Teil: Hausindustrie und Handwerk. Von
Prof. Dr. K. Rößle, Bonn.
12. Bd. Handelspolitik. Von Prof. Dr. Heinrich Sieveking, Hamburg.
13. Bd. Sozialpolitik, Von Prof. Dr. G. Briefs, Berlin.
14. Bd. Verkehrspolitik. Von Prof. Dr. 0. Engländer, Prag.
15. Bd. Bevölkerungslehre. Von Prof. Dr. P. Mombert, Gießen.
16. Bd. Finanzwissenschaft. Von Prof. Dr. Fr. Terhalle, Hamburg.
17. Bd. Privatwirtschaftslehre. Von Prof, Dr. E. Walb, Köln.
18. Bd. Technik und Wirtschaft. Von Prof. Dr. Ing. Dr. W. 6. Waffenschmidt,
 Heidelberg, Mit 16 Abbild. im Text. XVI, 814 8. gr. 8°
1929 Rmk 12.—, geb. 14.—
19. Bd. Armenwesen. Von Prof. Dr. Chr. J. Klumker, Frankfurt a, M.
20. Bd. Theoretische Statistik. Von Prof. Dr. H. Wolff, Halle a. S, Mit 7 graph.
Darstellungen im Text. XXIV, 453 S. gr. 8° 1926 Rmk 16.—, geb. 18.—
21. Bd. Wirtschaftsstatistik, Von Prof. Dr. H. Wolff, Halle a. S. Mit 5 Abbild.
Im Text. XXVI, 698 8. gr. 8° 1927 Rmk 25.—, geb. 27.—
        <pb n="499" />
        Verlag von Gustav Fischer in Jena

Eine Abhandlung über das Bevölkerungsgesetz, oder: Eine Untersuchung
seiner Bedeutung für die menschliche Wohlfahrt in Vergangenheit und Zukunft,
nebst seiner Prüfung unserer Aussichten auf eine künftige Beseitigung oder
Linderung der Uebel, die es verursacht. Von Thomas Robert Malthus. Aus
dem engl. Original und zwar nach der Ausgabe letzter Hand (6. Aufl. 1826) ins
Deutsche übertragen von Valentine Dorn und eingeleitet von Prof. Dr.
Heinr. Waentig, Halle a. S. Zwei Bände, zweite Aufl. („Sammlung sozialwissenschaftl.
 Meister.“ Hrsg. von H. Waentig. Bd. 6 und 7.) XIV, 485 u.
VI, 470 S. kl. 8° 1925 Rmk 12.—, geb. 15,.—
Jeder, der sich von der grundsätzlichen Einstellung des wirtschaftlichen Liberalismus
zu den Problemen der modernen Sozialpolitik Rechenschaft geben will, wird in erster
Linie von Malthus auszugehen haben. Er war es, der zuerst auf Grund eines reichen
Materials die Bewegung der Bevölkerung eingehend untersucht und die an dieselbe sich
anknüpfenden bedeutsamen Fragen scharf durchdacht und genau formuliert hat, so daß
er allzeit als der eigentliche Schöpfer einer Theorie der Bevölkerung bezeichnet werden muß.
Man findet bei Malthus, d: &amp;gt; Sozialpolitiker der großen britischen Schule, das theoretische
 Grundproblem aller Sozi. ‚ , das Problem der Beziehungen zwischen Natur
und Gesellschaft bereits aufgerolı roßartige Folgerichtigkeit, mit der eine bestimmte
 wissenschaftliche Konzeptic |‘ 35»: Inde gedacht, die unerschrockene Kühnheit,
mit der sie auch bis in ihre letzten prakıxom' Konsequenzen verfolgt wird, sind schlechterdings
 mustergültig, und sie müssen auch u..jenigen bestricken, der die Haltbarkeit seines
Ausgangspunktes verneint. Wie weit auch die moderne Soziologie als theoretische Grund-Jage
 aller wissenschaftlichen Sozialpolitik über ihn hinausgelangt sein mag, so kann doch
auch heute noch kein ernst zu nehmender Sozialpolitiker an Malthus vorbei. Schon daraus
erhellt die Größe jenes eigenartigen Denkers.

Das Bevölkerungsgesetz des Th. R. Malthus und der neueren Nationalökonomie.
 Darstellung und Kritik. Von Dr. Franz Oppenheimer. VII,
168 8. or. 8° 1901 Rmk 3.—

Versuch einer Bevölkerungsiehre, ausgehend von einer Kritik des
Malthusschen Bevölkerungsprinzips. Von Dr. Frank Fetter. („Sammlg.
nationalök, u. stat. Abhandlungen.“ Hrsg. von Joh. Conrad, Halle a. 5.
Ba. VIL 4) VII. 97 8. or. 8° 1894 Rınk 2.40

Das Bevölkerungsproblem in Deutschland. Von Henriette Fürth, Frankfort
 a. M. VI 109 8. gr. 8° 1925 Rmk 4.—
Inhalt: Ziel und Methode. / Die Bevölkerungszahlen seit 1871 und die Ueberseeauswauderung.
 / Die Bevölkerungsvorgänge in Deutschland seit 1841. / Geburtlichkeit
und Altersaufbau, / Sterblichkeit, Geburtenfrage und Geburtenüberschuß. / Säuglingssterblichkeit
 der Ehelichen und Unehelichen, / Die Sterblichkeit der Uebereinjährigen. /
Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten im Lichte der Bevölkerungspolitik, / Die sozialen,
wirtschaftlichen Komponenten der Bevölkerungsvorgänge. / Quantität oder Qualität der
Volksvermehrung und Mutterschutz, / Kindernot und Bevölkerungspolitik. / Wirtschaftspolitische
 Erwägungen zur Bevölkerungsfrage. / Die Sozialpolitik und das Bevölkerungsproblem.
 / Die Lebenshaltungskosten. / Wohnfrage und Bevölkerungsproblem, / Sozialpolitische
 Folgerungen und Forderungen, / Die Arbeitszeit im Lichte der Revölkerungsund
 Wirtschaftspolitik. / Ausblick.

Die Familie in ihrer Bedeutung für das Volksleben. Von Richard Ehrenberg,
 Rostock. (Abdruck aus „Archiv f. exakte Wirtschaftsforschung.“ Bd. VIII, 1.)
48 8. or. 8° 1916 Rmk 1.—
        <pb n="500" />
        triebssysteme. 2. Förderung der agrarischen Betriebe, Allgemeines, a} Förderung der
zechnischen Ausbildung des Landwirtes. b) Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschäften.
c) Landwirtschaftliche Versicherung, d) Beeinflussung des agrarischen Betriebes durch
Gesetzgebung und Verwaltung, 3. Landwirtschaftliche Industrien. 4. Landwirtschaftliche
Interessenvertretung. 5. Handel und Preisbildung. a) Handel mit Agrarprodukten und
Boden. b) Fragen der Preisbildung. c) Schutzzölle. — IV. Buch. Agrarstatistik
im Dienste der Agrarpolitik. Statistische Daten über Probleme des agrarischen
Betriebes. — Anhang: Grundbesitz von Ausländern. — Namen- und Sachverzeichnis.

Ba. 18: Technik und Wirtschaft. Von Dr. Ing. Dr. W. 6. Waffenschmidt.
ao, Prof. der Volkswirtschaftslehre an der Universität Heidelberg. Mit 16 Abbildungen
 im Text. XVI, 8314 S, gr. 8° 1929 Rmk 12.—, geb, 14.—
Inhalt: Einleitung, — I, Geschichte der Technik, a) Geschichtliche Ueberschau.
 b) Sinndeutung der geschichtlichen Entwicklung: 1, Urzeit. Primilives
 wirtschaftliches Denken, 2. Geschichtliche Veberlieferung (Griechen und Römer:
Mittelalter; Buchdruck ; Pulver; Renaissance; Leonardo da Vinci; 16. u. 17. Jahrhundert).
3. Technik der Neuzeit (Entwicklung, der Wirtschaft als Basis, Textilindustrie, Spinnen,
Weberei, Kohle, Dampfmaschine, Verkehrswesen, Eisenbahn, Eisengewinnung, Metallbearbeitung,
 Elektrizität), — IL Wissenschaftliche Grundiegung der Technik. 1. Allgemeines
wissenschaftliches Denken, 2. Mechanik. 3. nie, — IM. Die Begriffe Technik und
Wirtschaft. — IV. Gesamtvernünftiger Aufbau Technik, Nächste und letzte Ziele;
Rationalisierung. a) Der Entwurf: Entwurfsmethode; Gestaltungsprinzipien; Schema
der Prinzipien nach Gottl; konstruktive Prinzipien; Wettbewerb der Prinzipien; quantitative
Lösung ım System von Funktionen; Energiewirtschaft als Spiel der Systeme und Prinzipien
(Wasserkratt, Dampfkraft, Elektrizität, Gas, Oel). b) Betriebstechnik: der Arbeiter
‚Rationalisierung der Arbeitsmittel, Werkzeug, Maschine); Betriebsorganisation; Unfallverhütung.
 — V. Fortschritt der Technik. ı. Die Idee des technischen Fortschritts
2. Stufenfolge des Fortschritts. 3. Maß des Fortschritts. 4. Form des Fortschritts.
5. Ungleichheit des Fortschritts, — VI. Logische Einordnung der Technik und der Wirtschaft,
Die Kenntnis der wichtigsten technischen Zusammenhänge gehört nicht mehr alleın
zur Wirtschaftswissenschaft, sondern zu den Grundlagen unserer ganzen Bildung. Dem
Wirtschaftler ist Kenntnis der Technik ebenso unerläßlich wie dem Techniker
Kenntnis der Wirtschaft,
In diesem Grundriß versucht nun der Verfasser, das lebenswesentliche Wissen
des technischen Gebietes zu vermitteln, um Neigung für Technik in den Kreisen der
Geistes- oder Kulturwissenschaftler zu wecken, Für den Privotwirtschaftler wie für den
Volkswirt ist es wichtig, den sachlichen Bestand der technischen Erzeugung zu übersehen.
Wichtiger aber noch ist es für den Mann der Wirtschaft, die Eigenart des technischen
Denkens zu kennen; ihn muß weniger der sachliche als der geistige Aufbau des Nachbargebietes
 interessieren, nicht was die Technik alles tut, sondern warum und wie sie es
tut. Bei dieser materiellen und so gerne „materialistisch“ genannten Technik handelt
es sich also doch um Probleme, die in den innersten Kern menschlichen Denkens und
Sinnens hineinführen.
Die Methode des Verfassers ist kurz gesagt folgende: in knappster Form wird der
Wesensunterschied von Technik und Wirtschaft formuliert; vor jeder weiteren begrifflichen
Erörterung wendet er sich der Geschichte der Technik zu, um Entwicklungsmäßiges zu
erschauen und die Erscheinungen deuten zu lernen. Wir finden die Naturwissenschaft
als geistigen Kern des neuzeitlichen technischen Wirkens und überblicken die von ihr
dargebotenen Gaben, um bald zu erkennen, daß dieser Strom des nach den Ursachen
gerichteten Handelns durchdrungen ist von einem zweiten Strom zielbewußten Handelns.

(Fortsetzung siehe 4. Umschlargseite:
        <pb n="501" />
        von der Wirtschaft. Nachdem dann die knappen begrifflichen Erörterungen der Einleitung
ergänzt sind, wird das Wesen des Entwurfs dargestellt und besonders an Beispielen erläulert,
wie die Technik vom wirtschaftlichen Denken durchsetzt ist. Dann wird geschildert, wie
die Ausführung des Entworfenen gestaltet wird, die Befriebsorganisation, kurz das was
man unter dem Schlagwort „„Rationalisierung‘‘ im engeren Sinn versteht. Nachdem so
das technisch-wirtschaftliche System gewissermaßen im Augenblick oder im Ruhezustand
dargestellt ist, wird die Bewegung untersucht, verdeutlicht am Patentwesen und am Inhalt
und Maß des Fortschritts, Zum Schluß wird in einer Skizze gezeigt, wie man versuchen
kann, Technik und Wirtschaft in die Gesamtordnung menschlichen Denkens einzugliedern.,

Ba. 20: Theoretische Statistik. Von Prof. Dr. H. Wolff, Halle a. 8. Mit
7 graphischen Darstellungen im Text, XXIV. 453 S. gr. 8° 1926
‘Rımk 16.—, geb. 18.—
Inhalt: ı. Einleitung. 2. Der Gegenstand der Statistik; a) der Gegenstand
selbst; b) das Erfassen des Gegenstandes; c) das Erkennen des Gegenstandes, 3. Die
Definition der Statistik. 4. Abgrenzung der Statistik von anderen Wissenschaften. 5. Die
Methodenlehre der Statistik: a) die politische Arithmetik; b) die statistische Methode;
c) die pseudostatistischen Methoden. 6. Die statistische Darstellung: a) Allgemeines;
b) die textliche Darstellung; c) die zahlenmäßige Darstellung; d) die statistischen
Reihen; e) die statistischen Mittelwerte; f) die graphische Darstellung. — Schluß. —
Personenregister. Sachregister.

Ba. 21: Wirtschafts-Statistik. Von Prof. Dr. H. Wolff, Halle a.S. Mit 5 Abbildungen
 im Text, XXVI, 698 S. gr. 8° 1927 Rmk 25.—, geb. 27.—
Inhalt: ı, Einleitung. 2. Bedarfsstatistik. 3. Berufsstatistik, 4. Betriebsstatistik ;
a) landwirtschaftliche Betriebsstatistik; b) gewerbliche Betriebsstatistik; c) Handelsoüetriebsstatistık;
 d) Verkehrsbetriebsstatistik. 5. Die Statistik der Unternehmungsformen.
5.- Produktionsstatistik: a) landwirtschaftliche Produktionsstatistik; b) gewerbliche
Produktionsstatistik. 7. Absatzstatistik: a) Außenhandelsstatistik; b) Preisstatistik.
3. Verkehrsstatistik: a) Geldverkehrsstatistik; b}) Verkehrszäblungen; c) die übrige
Verkehrsstatistik. 9. Konjunkturstatistik, 10. Einkommensstatistik, 11. Verbrauchsstatistik.
 1ı2. Finanzstatistik, 12. Verwaltungsstatistik. 14. Schluß,

Die übrigen Bände der Sammlung werden enthalten:

1.. Bd, Einführung in das nationalökonomische Studium. Von Prof. Dr.
° K. Diehl, Freiburg i. Br.
3./4. Bd. Theoretische Nationalökonomie, Von Prof. Dr. 0, v. Zwiedineck-Südenhorst,
 München.
5./6. Bd. Lehre vom Geld, Von Prof, Dr. S. Budge, Frankfurt a. M.
7. Bd. Bank- und Börsenwesen, Von Prof, Dr. W. Prion, Berlin.
8./9. Ba. Wirtschaftsgeschichte. Von Prof. Dr. Th. Mayer, Prag.
11. Bd. Gewerbepolitik. Teil I: Der moderne Industrialismus. Teil II: Hausindustrie
und Handwerk. Von Prof. Dr. H. v. Beckerath, Bonn u. Prof. Dr.
K. Rößle, Bonn.
12. Bd. Handelspolitik, Von Prof. Dr. Heinr. Sieveking, Hamburg.
13. Bd. Sozialpolitik., Von Prof, Dr. G. Briefs, Berlin. “=14.
 Bd. Verkehrspolitik. Von Prof. Dr. 0. Engländer, Prag.
16. Bd. Finanzwissenschaft, Von Prof. Dr, Fr. Terhalle, Hamburg.
17. Bd. Privatwirtschaftslehre. Von Prof. Dr. E. Walb, Köln.
19. Bd. Armenwesen, Von Prof. Dr. Chr. J. Klumker, Frankfurt a. M.
        <pb n="502" />
        „8
as 30
re
5
w
is
is
133
#
Dt

N

L
&amp;amp;r

Le
N

S

m

©
(Te)

©
LS

Oo
Nö

2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 327
iberaus wichtige Voraussetzung aller Gütererzeugung ist.. Schon
vor Jahren hat F. Eulenburg darüber gesagt: „Erst durch die
‚ußerordentlich starke Volksvermehrung, die dauernd auf den
Nahrungsspielraum drückte, waren wir imstande, die ganze moderne
adustrielle Entwicklung durchzusetzen, die eine so große Vermehrung
les Gesamtreichtums, eine so kolossale Vermehrung der Kulturgüter
 herbeigeführt hat. Die Volksvermehrung ist so wenig schuld
an sozialen Mißverhältnissen gewesen, daß erst durch diese Volksvermehrung
 unsere ganze wirtschaftliche Kultur möglich wurde-Unser
 nun einmal auf äußere Kulturgüter aufgebautes Leben ist nur
nNöglich geworden durch die starke Bevölkerungszunahme, durch
den kolossalen Geburtenüberschuß, den wir erlebt haben. Nur weil
Menschenmaterial vorhanden war, haben wir das alles schaffen können.
Die dichte Bevölkerung war überhaupt die Bedingung unserer
ganzen modernen Kultur“!). Sombart hat gezeigt, wie die Entfaltung
 des modernen Kapitalismus, der doch die Vorbedingung
unserer ganzen industriellen Entwicklung war, auf das engste davon
abhing, daß ihm die nötigen Arbeitskräfte zur Verfügung standen ?).
Man mag über den Kapitalismus und seine sozialen Schattenseiten
 denken, wie man will, es ist unbestreitbar, daß wir es dieser
Entwicklung zu verdanken haben, wenn in den Kulturstaaten Europas
heute etwa doppelt so viele Menschen ungefähr doppelt so gut
leben als dies vor 100 Jahren der Fall war. So liegen doch die
Dinge nicht, wie Höllein meint, daß die Anhänger eines starken
Volkswachstums „eine ständige große Reservearmee von Hand- und
Kopfarbeitern zur Aufrechterhaltung ihrer auf Ausbeutung und Unterdrückung
 gerichteten Klassendiktatur über das Millionenheer der
Werktätigen“ brauchen und daß den Anhängern eines starken Volkswachstums
 keine andere Idee vorschwebe, als nur die eine, große
Massen zur Ausbeutung zur Verfügung zu haben ®. Später wird noch
zinmal auf diesen Zusammenhang zurückzukommen sein.
Wenn man aber den positiven Einfluß steigender Volkszahl auf
den Gang der Wirtschaft und damit auch auf die Steigerung der
durchschnittlichen Lebenshaltung und wirtschaftlichen Kultur unter
Jestimmten Voraussetzungen anerkennt, dann muß man sich auch
umgekehrt die Frage vorlegen, wie denn eine Stagnation oder gar

&amp;gt;
wa

Oö
A

s 3 F. Eulenburg, Der Geburtenrückgang, Z. f. Sexualwissensch., Bd. ı, 1914,
„10,
®) Das Wirtschaftsleben, a. a, O., Kap. 19/25.
Ya, a. 0.5.8.

;

5
0

;-3


2

"CC

Fol

"3
        <pb n="503" />
        <pb n="504" />
        <pb n="505" />
        <pb n="506" />
        <pb n="507" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
