Evangelium aus das Individualethos gegenüber dem Klassenethos fordert und darauf hinweist, daß die Ethik Freiheit verlangt. Es ist kein Zufall, daß wir in unserem Gedankengang auf die Berufsethik stoßen; denn sie hängt stark mit der Frage des Ssittlichen Gedankens in der Wirtschaft zu- sammen. Wer eine Ethik des Berufs ablehnt, wie z. B. Tarnow, der entseelt die Arbeit und macht ein Erfüllen des göttlichen Willens in der Pflichterfüllung und die Be- jahung sittlicher Gedanken durch ‚die Einzelpersönlichkeit unmöglich, , In Wirklichkeit ist es aber doch so, daß von jedem einzelnen bei jeder, Betätigung im Wirtschaiftsleben eine sittliche und religiöse Entscheidung verlangt wird nach bestem Wissen und Gewissen, „Der Beru{i ist der Punkt, in dem sich das religiöse und sitt- liche Verhalten des Menschen Schneiden.“ (Schweitzer.) Jede ethische Forderung lautet: Du sollst! Schon diese Form der Wendung an die Einzelpersönlichkeit verlangt freie eigene Gewissensentscheidung. Fine Ab- wälzung dieser Entscheidung an eine Organisationsiorm bedeutet eine Abschwächung und Erweichung des christ- lichen Ethos. Gerade vom evangelischen Standpunkt aus ist ein solches Paktieren nicht tragbar; denn die evange- lische Ethik kennt keine Stufen oder Gradunterschiede wichtiger und weniger wichtiger Forderungen, weil immer die letzte persönliche Gesinnung entscheidend ist. Der sittliche Gedanke wirkt sich am reinsten in der Einzelpersönlichkeit aus. Eine noch so ideale Wirtschafts- und Gesellschaftsform kann dem einzelnen diese Entscheidung nicht abnehmen. Wünsch (Ev, Wirtschaftsethik S. 454) spricht von einer religiös-ethischen Verklärung des Bewußtseins der Unab- hängigkeit von staatlicher Bevormundung und der Verant- wortung allein vor Gott, „Man kann nicht leugnen. daß in diesem wirtschaftlichen Freiheitsdrang ein Stück echten Protestantenstolzes zum Ausdruck kommen kann.“ Ich glaube, daß es tiefer gesehen sich weniger um Stolz, als um letzte Gewissensnot handelt. Es würde zu weit führen, auf die grundlegenden Ar- beiten von Troeltsch über die Soziallehren der christ- lichen Kirchen, die Bedeutung der kalvinischen Berufsethik für die Entstehung und Entwicklung des modernen Kapli- talismus und auf den Unterschied zur lutherischen Berufs- ethik näher einzugehen. Für unsere Frage genügt die Fest- stellung, daß’ die Freiheit des sittlichen Gedankens eine echt evangelische Forderung ist, Die Botschaft der Weltkonferenz für praktisches Christentum (Stockholm 1925) erklärt: „Wir kämpfen für eine freie und vollkommene Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit.“ Und an einer anderen Stelle heißt es: z0