Vermassung führen. In beiden Fällen fiele' das Indi- viduum sowohl für sich als auch für das Ganze aus. So sind sich Individualismus und Kollektivismus als sittliche Orinzipien wohl entgegengerichtet, gleichzeitig bedingen und begrenzen sie sich jedoch auch wieder gegenseitig, SO daß der zwischen Ihnen bestehende Gegensatz nicht absolut, sondern nur ‚elativ, nicht kontradiktorisch, sondern konträr ist. Die Lebensführung des normalen Menschen ist aine Resultierende aus beiden. Sozialismus und Wirtschaftsdemokra- “ie sind in erster Linie Forderungen des politischen Kollektivismus. im Endziel soll der Unternehmer als Kapital- besitzer durch den Staat, als Kapitalver- wender durch den Beamten ersetzt werden, Dieses Ziel ist mit dem Augenblick klar geworden, als die Sozialdemokratie in Deutschland Hand an den Staat legen ınd ihn ihren Absichten dienstbar machen konnte. In der Frühzeit des Marxismus, ja noch bis zum Kriege, heißt es immer ganz unbestimmt, die Gesellschaft ‚solle Ordnung und Leitung der gemeinsamen Produktion über- nehmen. Klare Vorstellungen darüber, wer und was denn nun die Gesellschaft sei, bestanden nicht. Hier hat schon der Krieg revolutionierend gewirkt, insofern, als er im sozia- listischen Lager zu einer großen Selbstbesinnung über den Staat führte. Die deutsche Tragödie des Kriegsverlustes und der staatlichen Umwälzung wird vom Sozialismus als Morgenstunde eines neuen weltgeschichtlichen Tages auf- zefaßt und dargestellt. „Zu neuen Ufern lockt ein junger Tag!“ jubelte einst Haenisch. Noch Severing betonte auf dem Magdeburger Parteitag der Sozialdemo- kratie, daß das deutsche Proletariat nicht zu den Geschla- genen des Weltkrieges gehöre, weil es durch ihn Republik und Demokratie errungen habe. Welchen“ Einfluß hat nun diese Errungenschaft auf die Haltung des deutschen Sozialismus, als den Hauptträger des politischen Kollektivismus, ausgeübt? Wenn wir von dem Kommunismus in diesem Zusammenhange absehen, jamn ist der Sozialismus in Deutschland nicht nur-regie- rungsfähig geworden, sondern durch die Macht seiner großen Massenorganisationen in Partei und Gewerk- schaft ein gewichtiger Faktor unseres heutigen Staates und ein zum Teil geschriebener und zum Teil ungeschrie- bener Bestandteil der Weimarer. Verfassung. In demselben Maße ist ihm Verantwortung zugewachsen. Und seine Propaganda, die früher auf eine Welt hinweisen konnte, über ‚deren Mängel der Sozialismus seine Hände in völlig mbeteiligter Unschuld waschen konnte, schlägt notwendiger- weise gegenüber den von eigener Verantwortung. mit- getragenen Verhältnissen aus der revolutionären in die reformistische Tonart um. 70