der Klassenfront, in Tuchfühlung und auf gleicher Höhe mit seinen Klassengenossen vollzieht. Die Presse, die Schule, die Gewerkschaft, die Partei, der Sport, der Gesang, die Kunst, sie alle werden in den Dienst dieser Art ethischen Kollektivismus gestellt, ja sogar die Religion darf als kollek- tivistisches Propagandamittel nicht fehlen. Die Persönlich- keit Christi wird plötzlich zum ersten Sozialisten‘ gestem- pelt und seine Liebeslehre ist mit einemmal nichts anderes mehr als der Sittenkodex, den Marx aufgestellt hat mit seiner Forderung nach dem Zusammenschluß der Proleta- rier aller Länder .und nach.der Beseitigung aller Klassen ınd Staaten. Aber, wenn man auch den Versuch machen wollte, den politischen Kollektivismus in Wirtschaftsdemo- xratie und sozialistischer Gesellschaft zu verwirklichen, so würde doch der Appell ausschließlich an den Ssitt- lichen Kollektivismus nicht ausreichen, die notwendige Ge- iolgschaft für den sozialistischen Gedanken zusammenzu- dringen und zusammenzuhalten. Die Entfaltung eines reinen, ethischen Solidarismus ist immer ein Höhepunkt für das Gemeinwesen, in dessen Dienst er entbrennt, und ein Höhepunkt für das Individuum, das in einem solchen Augenblick bereit ist, eigene Lebensrechte zu opfern, um dem Gemeinwesen, sei es Staat, Klasse oder Familie, zu helfen. Aber für die sechs Werktage der normalen Woche sind derartige Er- hebungen nicht ausreichend. Nicht immer kann und will der Einzelne hinter dem Gemeinwesen zurücktreten, nicht immer kann und will er „opfern‘“. Die Prosa des täglichen Lebens verlangt ein do-ut-des-Verhältnis zwischen beiden, und so will der Finzelne auch Dienste und Vorteile für seine Hingabe an das Ganze haben. Und so liegt selbstverständ- lich auch dem Sozialismus einstarkerindividualis- mus seiner Anhänger zu Grunde, die die menschlich natür- liche und verständliche Hoffnung haben, durch ihn etwas zu erreichen. Nur läßt der Sozialismus diesen seiner Theorie unwillkommenen Gast verschämt durch den „Eingang für Lieferanten‘ ins Haus. Aber ist erst einmal die sozialistische Gesellschaft verwirklicht, dann soll es keine Sorge und Notlage geben, denen ein einzelner Mensch ausgesetzt ist, für die der Sozialismus nicht Abhilfe und Befreiung hätte. Die Gefängnisse sollen nicht mehr nötig sein, die Krankenhäuser so gut wie leerstehen, die Schulen werden ohne Zucht und die Betriebe ohne disziplinare Ord- nung auskommen, denn aus der Verwirklichung der sozia- listischen Gesellschaft soll eine Springflut an gutem Willen and gegenseitiger Harmonie entstehen, weil jeder zu dem Seinen kommt, weil Alle für Einen und Finer für Alle ein- stehen. „Der Sozialismus ist die Freiheit!“ So treten also auch in der Propaganda des politischen Solidarismus der ethische Solidarismus und Individualismus in der untrennbaren Verbundenheit auf, die sich aus ihrer beiderseitigen Abgängigkeit im Seelenleben jedes gesunden Menschen ergibt.