oder dienen nur zu leeren Versprechungen der Parteien, während etwas Ernstliches zu ihrer Verwirklichung in dem beständigen Schwanken des‘ von den Eingebungen der Masse bestimmten Willens gar nicht geschehen, ja nicht einmal versucht werden kann. Goethe sagt in den Maximen und Reflexionen: „Der Despotismus fördert die Autokratie eines jeden, indem er von oben bis unten die Verantwortlichkeit dem Individuum zumutet und so den höchsten. Grad von Tätig- keit hervorbringt.“ Diese Entfesselung der Selbsttätigkeit aller einzelnen ist ohne Zweifel ein hervorragender Zug im Bilde jeder autokratischen Staatsform; die Verhältnisse in manchem heutigen Staate können das bestätigen, Dagegen hemmt die Demokratie solche Selbsttätigkeit, indem sie den einzelnen mit einem Netz von Ueberwachun- gen gefangen hält, sodaß jeder frische Entschluß alsbald die blasse Farbe aller möglichen Bedenklichkeiten an- nimmt und niemand so recht mehr eine Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen wagt. Dieser Zug im Bilde der Auto- kratie und Demokratie ist um so .bemerkenswerter, als er der üblichen Auffassung und dem, was gewöhnlich mehr oder weniger feierlich als das Wesen dieser Staatsformen verkündigt wird, geradezu entgegengesetzt ist. Wir können noch ein anderes Wort Goethes in diesem Zusammenhang heranziehen: „Eigentümlichkeit ruft Figentümlichkeit hervor“, Nun, niemand wird billig leugnen können, daß die Demokratie der Eigen- tümlichkeit ungemein feind ist, da sie alles auf die gleiche Linie eines mittleren, nur möglichst wenig eigentümlichen Durchschnitts bringen möchte. Wirkliche Selbsttätigkeit geht aber immer nur aus Eigentümlichkeit hervor, während der Durchschnitt immer nach dem Durchschnitt schielen und es niemals zu einem großen, durchgreifenden Wort oder Werk bringen wird. Solches Mißtrauen gegen Selbsttätigkeit und Eigen- tümlichkeit muß zu einem Nachlassen auf der ganzen Linie führen. Es ist das, wenn man so will, die Tragik der Demo- kratie; denn sie wollte ja gerade eine Entfesselung aller Kräfte bringen, schlummernde aufwecken, gefesselte be- freien. In Wahrheit tritt aber das Gegenteil ein, und die Demokratie wird aus ihrem inneren Wesen heraus dazu gebracht, jede wirklich entschiedene Tätigkeit zu dämpfen und alle vordringende Tatkraft zu ersticken. Diese Wirkungen der Demokratie werden sich auf den verschiedenen Gebieten in verschiedenem Grade und ins- besondere in verschiedenem Zeitmaße geltend machen. Im Staate zweifellos langsamer als in der Wirtschaft. Denn die Einrichtungen des Staates wandeln sich, selbst in Revo- Iutionen, nur verhältnismäßig langsam. Vieles wird aus den früheren Zuständen in die neuen übernommen, und die neue Außenseite, die sich der Staat gegeben hat, wirkt nur langsam umgestaltend auch auf die tiefer liegenden Einrichtungen und Zustände ein. Manche können sich noch 47