Sozialismus und Demokratie, Von Dr. Paul Osthold, Düsseldorf. Hinter der Forderung nach der Wirtschafts- demokratie stehen verschiedene Arbeitergruppen und politische Parteien. Auch in der Reichsverfassung ist sie bekanntlich „verankert“. Den wichtigsten unter‘ den Befürwortern der Wirtschaftsdemokratie stellt aber die Sozialdemokratische Partei mit dem ihir eng verbundenen Fünfmillionenlager der ‚ireien Gewerkschaften dar. Sie zusammen bilden den rechten Flügel des marxistischen Sozialismus. Auf dem lin- ken stehen bekanntlich die Kommunisten, die aber jede Ge- meinschaft mit dem Programm der Wirtschaftsdemokratie ablehnen, es als ein Paktieren mit der Bourgeoisie verfemen und daher in diesem Zusammenhang nicht in Betracht kom- men. Andere sozialistische Gruppen von politisc her Bedeutung gibt es in Deutschland nicht; wir sprechen daher in den folgenden Zeilen von der Sozialdemokratie und den freien Gewerkschaften als von dem Sozialismus schlechthin. Die Wirtschaftsdemokratie bedeutet die: Ueber- tragung des demokratischen Gedankens aus dem politischen Leben auf das wirtschaftliche. Soweit das bewußt und in programmatischer Klarheit ge- schieht, ist dieser Vorgang ganz jungen Datums: Wie ist nun die Entwicklung in der Theorie und Politik des So- zialismus gewesen, bis es bei ihm zur Aufnahme der For- derung nach der Wirtschaftsdemokratie gekommen ist? Die erste Voraussetzung für die Aufstellung des wirt- schaftsdemokratischen Programms von seiten des Sozia- lismus war die Klärung seines Verhältnisses zum Staate. Denn der Sozialismus konnte einen zu- nächst so rein staatspolitischen Gedanken wie den demo- kratischen nicht aufnehmen und seinem Endziel, die Wirt- schaft zussrobern, dienstbar machen, bevor er sich nicht klar darüber war, wie er sich zum Staate als der höchsten politischen Körperschaft eines Volkes stellen sollte, Die endgültige Entscheidung hierüber ist, was immer wieder vergessen wird, erst im Jahre 1914 mit Kriegsaus- bruch gefallen, als die politische Notlage unseres Volkes die Sozialdemokratie zwang, aus ihrer reinen und radikalen Oppositionsstellung gegen den deutschen Reichsstaat heraus- zutreten, und sich in die Front seiner Verteidiger einzu- gliedern. Dieser Vorgang ist damals mit Recht als von außerordentlichem historischen Gewicht empfunden worden, denn er stellte in der Tat einen vollkommenen Wechsel in der Haltung des Sozialismus, nicht nur zu dem deutschen Reichsstaate von 1914, sondern zum Staatsgedan ken schlechthin dar. Die Sozialdemokratie war 1914 durch das Görlitzer Parteiprogramm und durch ihre wirtschaftswissen- schaftliche Tradition noch 49