So tritt uns hier deutlich jene geistige Haltung entgegen, welche den Sozialismus in der ganzen Nachkriegszeit bis zum heutigen Tage beherrscht. „Der Staat soll!“ Am 9. November 1918 begann denn für den Sozialismus der ersehnte neue Abschnitt in der deutschen Geschichte, der es ihm ‚ermöglichte, nicht nur vom Staate zu fordern, sondern auch mit. Hilfe der Staatsgewalt diese Forderungen lurchzusetzen. ; Der Sozialismus verzichtete damals darauf, die so lange Zeit in Aussicht genommene Diktatur des Prole- tariates durchzuführen und die Verwirklichung seines Programms mit Gewalt zu vollziehen. Naphtali urteilt über einen derartigen Versuch wie folgt: „Jetzt braucht man nicht ernsthaft darüber zu diskutieren, daß dies nur sine Utopie und keine Lösung ‘des Problems ist, daß jeder Versuch, eine solche Lösung durch- zusetzen, eine furchtbare Vernichtung der Produktivkräfte und in letzter Linie einen sicheren Verlust für die Arbeiterschaft bedeuten würde.“ Man begnügte sich daher unter dem Druck der Verhältnisse, in der Weimarer Ver- fassung die neuen grundsätzlichen Forderungen des Sozialismus in verschiedenen Artikeln verankern zu lassen und im übrigen mit der Einführung der radikalen De- mokratie die staatsrechtliche, Grundlage zu schaffen, auf der das Majoritätsprinzip methodisch und unter den agitatorisch günstigsten Voraussetzungen in den Dienst der sozialistischen Bestrebungen gestellt werden konnte. Aber das war nur der erste Schritt. In dem Buche Naphtalis heißt es: „Mit. der politischen Demokratie, die die formale Vollberechtigung für das Prole- tariat brachte, mußte auch die Grundeinstellung zu den Problemen des proletarischen Freiheitskampfes eine wesent- lich andere werden... ... Es ist möglich geworden, die kapitalistische Despotie einzuschränken und ein gewisses Maß der Freiheit auch in den wirtschaftlichen Be- ziehungen durchzusetzen. Es muß also so viel wie möglich schon jetzt geändert und durch- zesetzt werden.“ Der demokratische Gedanke der politischen Gleichberechtigung der Staats- bürger wird somit erweitert zu dem Sozialistischen Ge- danken der sozialen Gleichberechtigung der „Wirtschaftsbürger‘“. Hatte daher der Durch- bruch des demokratischen Prinzips im politischen Leben dem Sozialismus alle wesentlichen staatlichen Positionen zeöffnet, um sich diese dienstbar zu machen, so soll nun- mehr“ die Wirtschaftsdemokratie dem Sozialismus alle wesentlichen Positionen innerhalb des Wirtschaits- organismus erschließen, ım sich diese ebenfalls dienstbar zu machen. . Daher ist auch das ganze Programm der Wirtschaftsdemokratie zwei Hauptgesichtspunkten unterzuordnen, näm- lich der Ausdehnung der öffentlichen Gewalt 592